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11. Verringerung von Streitkräften und Rüstung in:

Peter Heinze

Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten, page 373 - 392

Ein Journalist erlebte die Armee der Einheit

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4410-0, ISBN online: 978-3-8288-7411-4, https://doi.org/10.5771/9783828874114-373

Tectum, Baden-Baden
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373 11. Verringerung von Streitkräften und Rüstung Abrüstung vom Atlantik bis zum Ural Der Vertrag über konventionelle Streitkräfte in Europa, mit der Reduzierung von fast 50 000 schweren Waffensystemen zwischen Atlantik und Ural die größte Abrüstungsvereinbarung der Geschichte, hat im März 1996 eine weitere „Hürde“ genommen. Zu diesem Zeitpunkt endete die dritte Phase seiner Verifikation. Ein schwieriges Unterfangen, da die einst verhandelten Waffen nach Stationierungsort, Anzahl und Typ gemeldet worden waren. Der KSE-Vertrag, am 19. November 1990 vereinbart und seit dem 17. Juni 1992 angewendet, trat am 9. November 1992 in Kraft. Ursprünglich waren die Vereinbarungen auf die Parität zwischen Nato und Warschauer Vertrag ausgerichtet. Der Vertragsraum reichte vom Atlantik bis zum Ural. Die dritte Phase beinhaltete nach 120-tägiger Evaluierung für Ausgangsdaten und dreijähriger Reduzierung, die für die 30 beteiligten Staaten am 17. November 1995 zu Ende ging, eine weitere 120 Tage währende Evaluierungsmöglichkeit für Reststärken. In dieser Zeit betrug die zulässige Höchstzahl der Inspektionen 20 Prozent der Verifikationsobjekte. Nun hat die vierte und letzte Verifikationsphase mit unbegrenzter Dauer begonnen. Nur noch 15 Prozent der gemeldeten militärischen Objekte dürfen in Augenschein genommen werden. Wie aus dem Zentrum für Verifikationsaufgaben der Bundeswehr in Geilenkirchen zu erfahren war, hat der KSE-Vertrag seine Stabilitätsziele erreicht. All das trotz noch bestehender Implementierungsmängel, wenn man beispielsweise an die Stationierung schwerer Waffensysteme in russischen Flankenregionen denkt. Dennoch: Um die Fähigkeit zu Überraschungsangriffen und breit angelegten Offensivhandlungen in Europa zu beseitigen, wurden 47 611 schwere Waffensysteme zerstört – im Westen 15 136, im Osten 32 475. Russland hatte daran mit 11 000 Waffensystemen den größten Anteil. Darunter Kampfpanzer, gepanzerte Kampffahrzeuge, Artilleriegeschütze, Kampfflugzeuge und Kampfhubschrauber. Unter der Devise „Vertrauen gegen Vertrauen“ fanden auf dem Kontinent im KSE-Rahmen insgesamt 2 788 Inspektionen statt. Hierbei entstand eine neuartige militärische Informations- und Verifikationskultur. „Frühere Gefährdungen der europäischen Stabilität und Sicherheit durch die Fähigkeit, Überraschungsangriffe zu führen und breit angelegte Offensiven zu starten, sind gebannt“, schätzte Gebhardt Weiss, Sonderbotschafter für die Verhandlungen zum KSE-Vertrag, ein. Bei allen Militärs der Vertragsstaaten war der Wert 374 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten der Informationen und Inspektionen gleichermaßen hoch. Das Informations- und Verifikationsregime mit einem hohen Maß an Transparenz, Vertrauen und Berechenbarkeit hatte sich bewährt. Dabei gab es vier Arten: Die Routineinspektion an den gemeldeten Orten mit limitierten Waffensystemen, die Verdachtsinspektion in einem beliebig auswählbaren Gebiet, die Reduzierungsinspektion zur Zerstörungsüberwachung und die Zertifikationsinspektion. Mit ihr wurden die Re-Kategorisierung von Mehrzweck-Angriffshubschraubern und die Re- Klassifizierung kampffähiger Schulflugzeuge überwacht. Solche Kontrollen hatten Anmeldefristen zwischen 36 und 96 Stunden. Was nach dem Ende der Ost-West-Konfrontation als Zeitalter „kooperativer Verifikation“ in den internationalen Beziehungen begann, machte Deutschland seit der Deutschen Einheit zum „Eckstein einer europäischen Friedensordnung“ (Bundeskanzler Kohl). Noch im Herbst 1990 existierte zwischen Lübeck (West) und Plauen (Ost), in Blöcke eingegliedert, ein „Heerlager“ mit eigenen und ausländischen Soldaten sowie jederzeit einsatzbereiten Kampfverbänden. Seither wurden allein von der Bundesrepublik 8 586 Waffensysteme vernichtet, die meisten aus der NVA-Hinterlassenschaft. Für die Abrüstung gab die Bundesrepublik jährlich rund 500  Millionen Mark aus. Das waren große Summen für die Verschrottung von 10 000 Panzern und Schützenpanzern. Die Bundesrepublik hatte 470 Verifikationsobjekte gemeldet. Für die auf deutschem Boden stationierten Streitkräfte, darunter die russische Westgruppe, waren 450 militärische „Punkte“ festgeschrieben worden. In dieser Mission wurden Angehörige der Bundeswehr 290 Mal aktiv. Dem Charakter des KSE-Vertrages entsprachen ebenso Überprüfungsbesuche und Manöverbeobachtungen sowie der Informationsaustausch über Organisationsstrukturen, Personalstärken, Hauptwaffensysteme, Dislozierung, Großgeräte und Militärhaushalte laut Wiener Dokumenten zur Vertrauens- und Sicherheitsbildung von 1990, 1992 und 1994. Zur Durchführung dieser Verifikationsaufgaben, für die man international auch Fotosatelliten und elektronische Funkaufklärung nutzte, wurde das Geilenkirchner Zentrum am 1. April 1991 in Dienst gestellt. Gewissermaßen in einer Hand lag hier die Überwachung vertraglich festgelegter Rüstungs- , Abrüstungs- und vertrauensbildender Maßnahmen mit den Ländern des ehemaligen Warschauer Pakts. Dazu zählten neben der KSE-Vereinbarung auch der Vertrag über die Reduzierung der landgestützten amerikanischen und sowje ti schen Mittelstreckenraketen (INF-Vertrag) von 1987, die Wiener Dokumente für hohe gegenseitige Sicherheit und der Vertrag „Open Skies“ von 1992 für ungehinderte Beobachtungsflüge. „Ob bei Überprüfungen in der Russischen Föderation und in Ungarn, bei Manöverbeobachtungen in Norwegen und Dänemark, bei Flugplatzbesuchen in Spanien und Österreich oder in Begleitung ausländischer Inspektoren in Deutschland – stets wurde von den Soldaten der Bundeswehr ein hohes Maß an politischer und militärischer Verantwortung gefordert.“ Das erklärte mir Pressesprecher Oberstleutnant Hartmut Hager. „Was einst noch 375 11. Verringerung von Streitkräften und Rüstung als juristischer ‚Kleinkram‘ am Verhandlungstisch hart umstritten war, nämlich eine Vor- Ort-Überprüfung durch Ausländer, ist schon allgemeine Völkerrechtspraxis. Allen Staaten in Europa kommt der sicherheitspolitische Zugewinn aus dem KSE-Vertrag zugute.“ Mit der Unterzeichnung des Pariser Vertrages wurde ein historischer Wandel auf dem Kontinent festgeschrieben. 22 Regierungen – dann waren es 29 – vereinbarten die Begrenzung der Hauptwaffensysteme von Nato und vom damaligen Warschauer Pakt mit Panzern, Schützenpanzern, Artillerie, Angriffshubschraubern und Kampfflugzeugen. Gemeinsam wurden auch deren Reduzierung sowie eine gegenseitige periodische Information über Waffenbestände und Militärstrukturen geregelt. Der damaligen Einigung über die gegenseitige Kontrolle der Armeen unterlag auch die Überprüfung der Personalstärken. Das Einmalige dieses Projekts: Innerhalb von 40 Monaten sollten über 30 000 schwere Waffensysteme unter KSE-Aufsicht vernichtet werden. Die ungewöhnliche Dimension der Abrüstung ließ dann auch nicht lange auf Streitigkeiten bei der Auslegung auf sich warten: Moskaus Diplomaten und Militärs hatten zwar über Heer und Luftwaffe verhandelt, die Waffen der damaligen sowjetischen Küstenschutzdivisionen und Marineinfanterie glatt „vergessen“. Das nächste Problem: Die Differenzen über das Erbe der Sowjetarmee unter den GUS-Staaten. Dennoch bezeichnete im Juli 1992 das KSZE-Gipfeltreffen in Helsinki den KSE-Vertrag als „vorläufig anwendbar“. Inzwischen hatte das „Zeitalter der kooperativen Verifikation“ begonnen. Das erläuterte mir in Geilenkirchen Oberst i.G. Heinz Kluss, Leiter der Inspektionsgruppe 1 im Zentrum für Verifikationsaufgaben der Bundeswehr. Die bisherige Bilanz konnte sich sehen lassen: In den vergangenen zehn Monaten fanden 560 Vor-Ort-Inspektionen statt. Davon 330 in Osteuropa und 230 im Westen. Deutsche KSE-Kontrolleure waren indes 60 mal auf Reisen. Wie andere Inspektoren stellten sie Vertragsverletzungen „nirgendwo fest“, meinte Kluss. „Es herrschte Offenheit und Großzügigkeit. Und wenn es doch einmal zu Unstimmigkeiten kam, wurden diese an Ort und Stelle geklärt.“ Um Misstrauen gar nicht erst entstehen zu lassen, habe man bei „sensitiven Punkten“ mindestens einem Mitglied der Inspektionsgruppe Einblick gestattet. „Und das lag außerhalb des Vertrages.“ Alles in allem habe das „Bestreben dominiert, gemeinsame Lösungen des Vertrages zu erreichen“, betonte der Oberst, der im Ausschuss der Nordatlantischen Versammlung im Berliner Reichstag über vielfältige KSE-Erfahrungen der Gastgeber berichtet hatte. In Russland hätten Kommandeure der überprüften Truppen den Besuch von westlichen Inspektoren genutzt, erinnerte sich Kluss, „die Besucher mit eigenen Problemen vertraut zu machen und sie als Gäste aufzunehmen. Das Bedürfnis, ins Gespräch zu kommen, war ungeheuer. Zwei Welten begegneten sich. Und wenn man sich vor Augen hält, dass vor nicht allzu langer Zeit die Militärblöcke sich in waffenstarrender Feindschaft gegenüberstanden, so wird jetzt bei den Begegnungen der grundlegende Wandel von Konfrontation zu Kooperation besonders augenfällig.“ 376 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Was Begegnungen mit heimkehrenden Offizieren der WGT-Truppen betrifft, so könne er einschätzen, dass die 8,35 Milliarden DM vom deutschen Steuerzahler für den Bau von Wohnungen in deren Heimat „keineswegs in ein Fass ohne Boden fallen. Vor allem aber verbreiten diese Häuser in ganz Europa die weithin sichtbare Botschaft, dass sich die Zusammenarbeit mit dem Westen lohnt.“ Es werde nicht nur Menschen aus schlimmer Not geholfen, sondern auch sozialer Sprengstoff entschärft. Deutschlands Hilfe beim Wohnungsbau sollte durch ein ähnliches Programm, von den USA und westeuropäischen Staaten finanziert, ergänzt werden. Bei der Zerstörung der Waffensysteme gehörte Deutschland zu den ersten Ländern, die damit unmittelbar nach der Herstellung der technischen Voraussetzungen begannen. Am 3. August 1992 wurden in Rockensußra (Thüringen) vor den Augen von Bundesverteidigungsminister Volker Rühe und Bundesaußenminister Klaus Kinkel (FDP) ein Schützenpanzer und eine Panzerkanone zerstört. Weitgehend waren das Gefechtsfahrzeuge aus NVA-Beständen. Mit Kosten von insgesamt 190 Millionen Mark verschrottete die Bundeswehr 11 000 Waffensysteme. Das ist der größte Anteil in Europa. Kurzum: Als Erster und das Meiste! Für die Bundeswehr galten folgende Höchststärken – vor und nach dem KSE-Vertrag: vor KSE nach KSE reduziert um: Panzer 7 133 Stück 4 166 Stück 2 967 (42 Prozent) Schützenpanzer 9 598 3 446 6 152 (64 Prozent) Kanonen 4 644 2 705 1 939 (42 Prozent) Kampfflugzeuge 1 064 900 164 (16 Prozent) Hubschrauber 357 306 51 (14 Prozent) Die Vor-Ort-Inspektionen wurden durch Luftkontrolle und Satellitenbeobachtung vervollständigt. Die ersten Fotosatelliten kamen 1962 zum Einsatz. Die USA schickten dann jährlich etwa 20, die Sowjetunion rund 80 mit militärischer Aufgabenstellung in die Umlaufbahnen. Heute kann jeder Punkt der Erde täglich mehrmals beobachtet werden. Somit sind lokale, regionale und globale Beobachtungen möglich, um Stützpunkte, Waffen und Vorgänge dauerhaft zu verifizieren. Oft ist die Nahtstelle zwischen Rüstungskontrolle und Nachrichtendienst fließend. So war es den Amerikanern seit Jahren möglich, mit Aufklärungssatelliten auch unter die Erde zu „sehen“ oder problemlos das Nummernschild eines Autos zu erkennen. Die Fotosatelliten konnten wie Raumteleskope jede Veränderung an der Raketentechnik in freier Natur bis zu zehn Zentimeter feststellen. Bis zu einer bestimmten Tiefe erkundeten Radar- Satelliten Bunker und Lager. Mit Infrarotaufnahmen wurde sofort sichtbar, wenn ein Fahrzeug unter Bäumen versteckt war. Wie Fachleute weiter berichteten, hatte das amerikanische Militär nach der sowjetischen Okkupation in Afghanistan per Satellit an den Gesichtern erkannt, ob es sich hier um einen Besatzer oder einen Einheimischen handelt. 377 11. Verringerung von Streitkräften und Rüstung Eine zuverlässige Verifizierung von Personalstärken oder gar Erkennung heimlicher Produktionsprozesse war damit nicht möglich. Deshalb die Inspektionen. Sie bildeten, und das war ja eine Absicht der „Charta von Paris“, Vertrauen und Sicherheit. Schon allein die Tatsache, dass über 200 Kontrollen im Osten und im Westen multinationale Teams durchgeführt haben, verlieh dem Prozess der Entspannung trotz gegenwärtiger nationaler und ethnischer Konflikte weitere Impulse. Dennoch wurde der Kalte Krieg nach Einschätzung von Fachleuten damit noch nicht zu den Akten gelegt. „Obwohl seit dem Verfall der Sowjetunion mehr als zwei Jahrzehnte vergangen sind, ist es immer noch nicht gelungen, den damals gehegten Traum einer umfassenden euro-atlantischen Sicherheitsgemeinschaft zu realisieren“, schrieb der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, unter dem Titel „Lasst uns endlich den Kalten Krieg beenden!“ in der F.A.Z. (5.4.2013). „Dies ist – man kann es nicht anders bezeichnen – ein politisches Versagen, an dem West und Ost gleichermaßen mitschuldig sind.“ Nach wie vor würden „Atomwaffen in dauernder Alarmbereitschaft stehen“. Und seit dem Ende des Kalten Krieges sei „bis heute kein vollständiges Ende seiner Militärdoktrinen gefolgt“. Letzte SA-6-Rakete in Pinnow zerlegt Der kleine Ort Pinnow im Norden Brandenburgs zwischen Angermünde und Schwedt, einst eine führende Rüstungsschmiede der DDR und des Warschauer Vertrages, erlebte einen historischen Tag: Wo im Arbeiter-und-Bauern-Staat hinter Meter hohen Zäunen des militärischen Sperrgebiets zehntausende Panzerabwehrlenkraketen für den Einsatz gegen die Bundeswehr und andere Nato-Streitkräfte produziert worden waren, konnte die Öffentlichkeit Augenzeuge der Entsorgung der letzten von 6 418 Großraketen aus Beständen der Luftabwehr und der Truppenluftabwehr der NVA werden. Im Mittelpunkt des Interesses stand die „Schrottstraße“ der BUCK IMPAR GmbH, die hier seit Herbst 1991 Abrüstung und Konversion betreibt. Man begann damals mit der Entsorgung von 4,5 Millionen Handleuchtzeichen (Signalmittel). Dann wurden weit über 250 000 Stück ungelenkte Luft-Boden-Raketen S-5 entsorgt, die aus Behältern mit je 16 beziehungsweise 32 Stück von Flugzeugen und Hubschraubern verschossen werden sollten. Die Besucher heute – Wirtschafts- und Abrüstungsexperten, Umweltschützer und Journalisten – erlebten aus unmittelbarer Nähe, wie eine sechs Meter lange russische KUB-Rakete (Nato: SA-6, GAINFUL) ohne Sprengkopf und Treibstoff fachgerecht zerlegt wurde. Einst auf mobiler Drillingsstartrampe in Stellung und Radar geführt, gehörte sie zu älteren Fla-Raketensystemen der NVA-Truppenluftabwehr. Diese Waffe sollte nach dem 40. DDR-Jahrestag durch das BUK-System (SA-11, GADFLY) ersetzt werden. Spezialisten „zerstückelten“ mit Plasma-Schweißgeräten und Trennschleifern den „Stolz“ der DDR-Armee. Elektronikschrott und Metalle, separat gelagert, gelangten wie die Holzkästen und das Papier wieder in den Wirtschaftskreislauf. 378 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten An diesem Tag konnte das Unternehmen eine stolze Zwischenbilanz präsentieren: Insgesamt wurden 416 418 Raketen sowie 42 100 Tonnen Munition und Flüssigkeitstreibstoff für Raketen der NVA entsorgt. Darunter waren 350 000 meist ungelenkte Raketen bis zu 1,5 Meter Länge. Es fielen dabei 18 000 Tonnen Metall-Schrott und 1 700 Tonnen Kunststoffe an. Um eine weitere Nutzung dieser Systeme oder einzelner Komponenten als Kriegswaffen zu verhindern, mussten mehr als 1,5 Millionen Bauteile demilitarisiert werden. Sie wurden durch Bohrungen und Schnitte zerstört, gemäß internationalen Vereinbarungen dokumentiert. Nach den Worten von Geschäftsführer Hartmut Krone behandelte man „alle Waffensysteme, auch Übungsgeräte, wie ‚scharfe Waffen‘. Dies war notwendig, da entgegen der Praxis der Bundeswehr in der NVA häufig an NVA-Einsatzsystemen Lehr- und Übungsmodelle – zum Teil noch mit pyrotechnischen Baugruppen – abgeleitet wurden.“ Seine Mitarbeiter hätten dabei „ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein, Gewissenhaftigkeit und Qualitätsarbeit“ demonstriert. Trotz aller Umsicht sei es beim Ausbau eines Raketenmotors 1993 zu einem Unfall mit Todesfolge und schweren Verletzungen gekommen. Im Vordergrund der BUCK-Entsorgungsverfahren stand die Umweltverträglichkeit. Die Emissionswerte der Recycling-Anlage 418 – mit vier runden Großfiltern weithin sichtbar – lagen laut TÜV Berlin-Brandenburg von Anfang an deutlich unter den Bestimmungen der 17. Bundesemissionsschutzordnung. Hier wurden die bei der Munitionsentsorgung anfallenden Rohstoffe nicht offen verbrannt. Reaktor, Hochtemperaturverbrennung und Gasreiniger hinterlassen keinerlei Sondermüll, erläuterte ein Mitarbeiter. In die Munitionsentsorgung in Pinnow waren bis zu 400 Beschäftigte einbezogen. Der Umsatz entwickelte sich von 25 Millionen DM 1991 bis zu 70 Millionen DM in den Jahren 1992 und 1993. Unternehmenskonzept der BUCK Werke GmbH & Co. aus Westdeutschland war von Anfang an, das dabei erwirtschaftete Kapital in den Aufbau zukunftsorientierter, intelligenter und langfristiger Arbeitsplätze einzusetzen. Neben der Entsorgung entstanden die Bereiche Boden- und Wassersanierung, Medizintechnik mit speziellen Einrichtungen für die Alten- und Heimpflege sowie Systembau. Hierbei handelte es sich um Häuserbau mit Verbundschalungssystem und die Herstellung von Großraummodulen, die bei Moskau und St. Petersburg russischen Militärs nach ihrem Abzug aus Deutschland zur Verfügung standen. Mit der letzten NVA-Großrakete wurde hier ein weiteres Stück militärischer Hochrüstung der DDR bewältigt, die über rund 300 000 Tonnen Munition verfügte. Auch die ab 1986 in Pinnow gefertigten neuen Panzerabwehrlenkraketen KONKURS (Nato: AT-5, SPANDREL), bei der elektronische Lenkkorrekturen während des Fluges möglich waren, zählten zum damaligen riesigen ostdeutschen Waffenarsenal. In der PUCK INPAR GmbH, dem Internationalen Bund für Sozialarbeit/Jugendsozialwerk e.V. und weiteren ansässigen Firmen waren hier mehr Menschen in Arbeit, Umschulung oder Ausbildung als zu Hoch-Zeiten sozialistischer Rüstungsproduktion. (1994) 379 11. Verringerung von Streitkräften und Rüstung Spandauer Horchfunker überwachten Abrüstung Wo sich in aller Welt militärische Einheiten bewegen, sind sie zur Verständigung auf Funk angewiesen. Das ist bei der Ausbildung ebenso üblich wie im Einsatz in Krisengebieten. Vielfach nutzt man den Kurzwellenbereich (HF) im militärischen Funkverkehr. Der ist auch beim Flugfunk grenzüberschreitend und über große Entfernungen zu empfangen. So kann die Bundeswehr mit Fernmelde- und elektronischen Mitteln im Rahmen internationaler Rüstungskontrolle für Luftstreitkräfte wirkungsvoll zur zuverlässigen Verifikation beitragen. In diesem Aufklärungs-Auftrag ist der Fernmeldesektor D der Luftwaffe in Berlin voll eingebunden. Die Soldaten nehmen elektromagnetische Wellen mit Frequenzen zwischen 0 und 30 Megahertz auf, die sich – von den Führungs- und Waffensystemen fremder Streitkräfte ausgehend – über nationale Grenzen hinweg ausbreiten. Zum Empfang verfügen die Bundeswehr-Horchfunker über modernste Technik: Von Antennen und Empfängern über Peilgeräte bis zu Anlagen für die Analyse und Datenverarbeitung. Bedeutsam sind die Erkenntnisse für die politische und militärische Führung. Die 230 Soldaten und 20 zivilen Mitarbeiter der Einheit bezogen ab 1993 in der Gatower General-Steinhoff-Kaserne Quartier. Hier war nach Ende des Zweiten Weltkrieges 40 Jahre lang die Berliner Air Base der Britischen Luftwaffe. Trotz mehrerer Luftwaffen-Dienststellen in direkter Nachbarschaft besitzt der Fernmeldesektor volle Eigenständigkeit. Er untersteht dem Fernmeldebereich 72 in Feuchtwangen (Bayern). „Das überwiegend aus Niedersachsen nach Berlin versetzte Kernpersonal von 60 Soldaten fühlt sich mit den Familien hier wohl“, urteilt der 37-jährige Sektorchef Major Udo Manz. Der größte Teil seiner Truppe sind Grundwehrdienstleistende und junge Zeitsoldaten vor allem aus Spandau und dem Großraum Berlin. Ihnen eröffnete sich hier „ein neuer und zukunftssicherer Arbeitsplatz“, meinte einer dieser jungen Männer. Er hatte sich wie andere auf den jährlich etwa 20 Informationsveranstaltungen des Fernmeldesektors über diesen Beruf kundig gemacht. Neben der technischen Ausbildung reizten ihn die Fremdsprachen. Über die neuen Mitbürger freut man sich auch im Spandauer Rathaus. Bürgermeister Konrad Birkholz (CDU) wertete bei einem „Truppenbesuch“ die bisherige Zusammenarbeit mit der Bundeswehr als „äußerst positiv. Für uns Spandauer ist der Anblick von Uniformen nichts Ungewöhnliches, denn die Hauptstreitkräfte der britischen Schutzmacht in Berlin waren hier.“ Besonders stolz sei man, als einziger Berliner Bezirk neben Heer – hier ist mit dem Jägerbataillon 581 der Kampftruppenverband der Hauptstadt in Kladow stationiert – und Luftwaffe auch schon Boote der Bundesmarine „beheimatet“ zu haben. Einen neuen „Brückenkopf “ sieht der Feldwebel d.R. Lothar Albrecht, Berliner Elektromaschinenbaumeister und Mitglied des Traditionsverbandes Fernmelderegiment 71, in dem Fernmeldesektor. Unmittelbar vor dem Jahrestreffen im niedersächsischen Osnabrück, einst Standort der heutigen Berliner Einheit, sicherte er der jetzigen „Telegrafentruppe“ die 380 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Unterstützung seiner Innung bei der beruflichen Weiterbildung länger dienender Soldaten auf dem Gebiet der Elektrotechnik zu. „Da Führungskräfte in angespannter Arbeitsmarktsituation schwer zu finden sind, versprechen wir uns davon, diese Zeitsoldaten später einmal wieder für die Wirtschaft zurück zu gewinnen.“ Ein Jubiläum steht der Fernmeldeaufklärung bevor: 1956 waren in Uetersen (Schleswig- Holstein) die ersten Freiwilligen der „Waffengattung“ beim Luftwaffen-Einführungslehrgang zusammengefasst worden. „Nach und nach bilden sich Spezialzüge im Nachrichtenwesen heraus, darunter auch ein Zug der Horchfunker und Auswerter“, heißt es in der Chronik des Fernmelderegiments 71. Wenn demnächst der in Bayern stationierte Fernmeldebereich 72 aufgelöst wird und Soldaten von dort nach Berlin kommen, gibt es nur noch hier die Horchfunk-Truppe. Sie hat sich laut Chronik in all den Jahren der Ost-West- Konfrontation „bei Schichtdienst und Standortnachteilen durch Pflichtbewusstsein, Einsatzwillen, Kameradschaft und Loyalität ausgezeichnet“. (1995) Von der Kürassier-Kaserne zur Fachhochschule Die Konversion macht im Osten Deutschlands das möglich, was noch vor wenigen Jahren im Arbeiter-und-Bauern-Staat für Illusion gehalten wurde: Wo russische und NVA-Soldaten für ihren Einsatz am „Tag X“ übten, militärische Operationspläne entwickelt und schweres Gerät auf den Krieg vorbereitet wurden, „rüsten“ sich heute junge Menschen in Lehre und Forschung. Ein Beispiel für diese Liegenschaftskonversion: das Land Brandenburg. Insgesamt war hier zu DDR-Zeiten für Kasernen, Truppenübungsplätze, Schießbahnen und andere militärische Zwecke eine Fläche von 230 000 Hektar von der russischen Westgruppe und der NVA genutzt worden. Auf einigen dieser ehemaligen Militärflächen entstanden die Fachhochschulen Lausitz, Potsdam und Brandenburg sowie die Technische Universität Cottbus und die Europa-Universität in Frankfurt an der Oder. Zu den Nutznießern dieses Wandels zählt die Fachhochschule Brandenburg. Hier haben Militärs über Jahrhunderte das Straßenbild geprägt. Vor allem das Kürassierregiment Nr. 6, dessen Chef 1817 der Großfürst Nikolaus von Russland geworden war, bestimmte hier das militärische Leben und bezog 1881 eine neu gebaute Kaserne an der heutigen Magdeburger Straße. Artillerie und Infanterie waren ebenfalls im 13 570 Quadratmeter großen Areal untergebracht. In den 1930er Jahren dienten hier die „Brandenburger“ einer Spezialeinheit der Wehrmacht. Nach 1945 nutzte die Sowjetarmee die Anlagen für eine Versorgungseinheit und als Unterkunft. Ab 1957 standen sie der Offiziersschule der NVA-Luftstreitkräfte für die Ausbildung von Hubschrauberführern zur Verfügung. Nach umfassender Renovierung mit Gesamtkosten von 120 Millionen Mark erstrahlen einzelne Gebäude der Kasernenanlage mit leuchtend roten Ziegeln in alter Schönheit. Viele Brandenburger sprechen von einem „Schmuckstück“, da die ungepflegten Einrichtungen in den vergangenen Jahrzehnten kaum eines Blickes wert waren. Inzwischen begann mit Lehre, Studium, Forschung und Verwaltung der Hochschulbetrieb. Dieser vereint etwa 381 11. Verringerung von Streitkräften und Rüstung 2 050 Studierende und 220 Beschäftigte. Brandenburg, einst Zentrum ostdeutscher Stahlproduktion und des Strafvollzugs, wurde nun zu einer Hochschulstadt. Gründungsdirektor Professor Dr. Helmut Schmidt: „Die Fachhochschule wird sich in vielen Dingen von ihren Vornutzern unterscheiden. Der wichtigste Unterschied ist jedoch ihre Offenheit gegenüber den Partnern in der Region.“ Eine Ausstellung über die Geschichte der Kasernenanlagen und ihre künftigen Einrichtungen samt Campus vermittelte der Öffentlichkeit ständig die Fortschritte beim Aufbau der Einrichtung – nach den Wünschen der Stadtväter ein wichtiges Bindeglied zwischen Wirtschaft und Wissenschaft. Auch andernorts zahlt sich im neuen Bundesland die Umwandlung von Kasernenanlagen in Lehreinrichtungen aus. So wurde das ehemalige Cottbuser „Haus der Armee“ zu einem Funktionsgebäude der Brandenburger Technischen Universität umgestaltet. Vom ehemaligen Kasernen-Komplex in Sachsendorf (Lausitz), wo russische Truppen untergebracht waren, erhielt das Studentenwerk vier Gebäude als Wohnheim für die dortige Fachhochschule. Was in Frankfurt/Oder einst als Casernement und später als Heeresverpflegungsamt der Wehrmacht genutzt wurde, hat die Internationale Universität übernommen. In der Landeshauptstadt Potsdam entstand auf einem riesigen Gelände, das seit dem 17. Jahrhundert als Exerzierplatz diente und Anfang des 20. Jahrhunderts eine Kasernenanlage erhielt, ein völlig neuer Stadtteil – das Bornstedter Feld. Zwei Jahrhunderte lang konnte sich Potsdam nicht nach Norden ausdehnen, weil hier das Preußische Militär stand und übte. Nach 1933 hat hier die Wehrmacht Soldaten gedrillt. Es entstanden auch neue Kasernen. Nach dem Krieg hatten sich sowjetische Besatzer einquartiert. So war die militärische Nutzung stets eine unüberwindliche städtebauliche Barriere am nördlichen Stadtrand. „Es ist unser Anliegen, bei der Entwicklung dieses Stadtteils von Anbeginn an die Verwirklichung der hohen Ansprüche des ökologischen Bauens durchzusetzen“, erklärte Oberbürgermeister Dr. Horst Gramlich. (SPD). „Der Umgang mit Wasser, Boden und Luft soll in dieser neuen Stadt vorbildlich sein.“ An dieses Gebiet grenzt die Pappelallee, in welche die bereits existierende Fachhochschule Potsdam verlegt wurde. Die Kaserne Pappelallee hieß im Volksmund „Graf Neun“. Wo einst Fähnriche antraten, wird jetzt Architektur und Design gelehrt. Das Motto: Studieren statt exerzieren! Mit dem Ausbau der Hochschule leistete das Land einen Beitrag zur Entwicklung des Potsdamer Nordraumes. Rund um die Fachhochschule wurden 1 700 Wohnungen gebaut. (1995) „Schwerter zu Pflugscharen“ Das Bibel-Zitat „Schwerter zu Pflugscharen“ bildete in der DDR während der militärischen Hochrüstung das bekannteste Symbol der kirchlichen Friedensarbeit. Erstmals verwendet wurde 1980 das Wort des Propheten Micha zur Friedensdekade, 1983 stellte beim evange- 382 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten lischen Kirchentag in Wittenberg im Lutherhof ein Schmied aus einem Schwert eine Pflugschar her. „Wir wussten, dass unsere Friedensarbeit Symbole braucht“, erinnerte sich der damalige Landesjugendpfarrer in der Evangelisch-Lutherischen Kirche Sachsens, Harald Bretschneider. Es wurde gedruckt, als Lesezeichen in der DDR verteilt und angenommen. Wie Friedrich Schorlemmer, damals am Predigerseminar in der Lutherstadt, ergänzte, habe das Zeichen viele Menschen ermutigt, dann angesichts der Aufrüstung und Militarisierung ihre Stimme zu erheben und ihre Absage an Geist, Logik und Praxis der Abschreckung zu formulieren. Trotz vielfältiger Benachteiligung hätten Jugendliche den Aufnäher getragen und damit dem christlichen Wort „Hände und Füße gegeben“. Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts, verbunden mit der Chance zu ernsthafter Abrüstung und kooperativer Sicherheit in Europa, hat es keineswegs seine ursprüngliche Bedeutung verloren. Es könnte sogar das Zeichen für militärische Konversion sein: Die Umwandlung militärisch gebundener Kräfte, Ressourcen und Strukturen für zivile Zwecke ist, wenn man so will, eine „Schwester“ der Abrüstung. Dabei werden die Aktivitäten abgebaut, mit denen man bisher militärische Produkte entwickelt und hergestellt hat. Diese Kapazitäten dienen nun der Herstellung anderer, ziviler Produkte. Ein solcher Strukturwandel hat sich nach der Wiedervereinigung in ganz Deutschland vollzogen. Das sichtbare Zeichen: Die Mittel für militärische Beschaffungen des Bundesverteidigungsministeriums wurden von rund 12 Milliarden DM (1990) auf etwa 5,9 Milliarden DM (1994) reduziert. Innerhalb von fünf Jahren musste die wehrtechnische Industrie allein im Bereich der Fertigung einen Auftragsrückgang von etwa 50 Prozent hinnehmen. Gesamtwirtschaftlich war das in der Bundesrepublik von weitaus geringerer Bedeutung als in den osteuropäischen Ländern, denn der Anteil der deutschen Wehrtechnik am Bruttosozialprodukt betrug nur etwa ein Prozent. Dazu kam, dass der Anpassungsprozess der wehrtechnischen Industrie an die neuen Bedingungen grundsätzlich dadurch erleichtert wurde, weil die westdeutschen Unternehmen neben ihren militärischen Kapazitäten über ziviles Knowhow verfügten. In den meisten Industriezweigen hatte die wehrtechnische Produktion keinen größeren Anteil an der Gesamtproduktion. Als Ausnahmen galt insbesondere die Waffen- und Munitionsindustrie. Das hieß, die Bundeswehr hat abgebaut und die Mittel für Ausrüstungszwecke deutlich verringert. Angesichts der Haushaltslage nach der Wiedervereinigung wurden jedoch keine „Ersatzaufträge“ zur Verfügung gestellt. Bis 1991 haben wehrtechnische Aufträge in der Bundesrepublik zwischen 250 000 und 280 000 meist hochwertige Arbeitsplätze gesichert. Sie waren gleichermaßen in der Industrie und im Mittelstand angesiedelt. Und bis 1994 wurde in der wehrtechnischen In dus trie ein Personalabbau von etwa 140 000 Beschäftigten vollzogen. Vom Verlust von weiteren 30 000 bis 40 000 solcher Stellen konnte man laut Bundesverband der Industrie (BDI) zu dieser Zeit absehen. Zumal diese Unternehmen, voll in das marktwirtschaftliche System 383 11. Verringerung von Streitkräften und Rüstung eingebunden, für die Auslastung der Kapazitäten und die Anpassung an den Bedarf allein verantwortlich waren. Im Osten Deutschlands hatte man die etwa 80 betroffenen großen Volkseigenen Betriebe der speziellen Produktion, also der Rüstung, aus Sicherheitsgründen wie in der Sowjetunion üblich und von ihr für die DDR-Betriebe gefordert, meist einseitig nur auf Wehr- und Militärtechnik ausgerichtet. Da ohne ziviles Standbein, standen sie 1990 nach dem Zusammenbruch der DDR und dem Ende der NVA praktisch vor dem Nichts. Jeder Planproduzent hatte es zudem besonders schwer, nun auf dem freien, zivilen Markt Fuß zu fassen. Insgesamt produzierte man noch 1989 in diesem Bereich wehrtechnische Güter und verzeichnete Dienstleistungen im Wert von fast vier Milliarden Ost-Mark. Die insgesamt etwa 100 000 Beschäftigten – auch aus Zulieferbetrieben – waren ebenfalls hoch qualifiziert, aber nur in den Rüstungsgütern: Von der Produktion von Schützenwaffen und Munition über Panzerabwehrlenkraketen bis zu Tarnmitteln sowie der Instandsetzung von Panzern, Flugzeugen, Marinetechnik und Waffenleiteinrichtungen. Auch bei Mikroelektronik, Lasertechnik und Infrarottechnik sorgte das wissenschaftlich-technische Personal für hochwertige Wehrprodukte. Diese sollten zum Teil als Exportgüter in sozialistische Länder und die Dritte Welt die Außenhandelsbilanz der DDR aufbessern. Am 1. August 1990 mussten diese Betriebe auf Weisung der Regierung ihre militärische Produktion einstellen. Wie die DDR mit ihren Waffen für den Krieg am Golf verdiente, zeigten die Lieferungen der sozialistischen Rüstungsindustrie in den achtziger Jahren an Iran und den Irak. Zu beiden Seiten unterhielt Ostdeutschland ausgezeichnete Beziehungen. Als Grundlage für die verfeindeten Staaten galt die langjährige militärische Zusammenarbeit. So lieferte die DDR zwischen 1980 und 1989 Waffen im Wert von 500 Millionen Dollar an Iran. „Aus Unterlagen des damaligen Staatssekretärs Alexander Schalk (heute Schalk-Golodkowski) geht hervor, dass die DDR im Gegenzug Erdöl im Wert von 959,3 Millionen Dollar erhielt“, berichtete die F.A.Z. am 2. August 2000. „Das von Schalk geleitete DDR-Außenhandelskonglomerat Kommerzielle Koordinierung (KoKo) hat zwischen 1980 und 1989 an das iranische Ministerium für Islamische Revolutionäre Garden Corps (MIRGC) und an das Ministerium für Verteidigung 260 000 Sturmgewehre, 300 Millionen Schuss Munition, 11 000 Panzerbüchsen, 800 000 Handgranaten und 11 048 IFA-Nutzkraftwagen geliefert. Noch bis ins Frühjahr 1989 wurden Piloten und Bodenpersonal der iranischen Luftwaffe in der DDR ausgebildet.“ Als ein reines Rüstungsunternehmen galt das Kombinat Spezialtechnik Dresden. Zu diesem VEB – nach der Wende eine GmbH – gehörten einst zwölf Tochterunternehmen. Darunter ein Konstruktionsbüro in Berlin, das Spreewerk Lübben, das Lehrgeräte- und Reparaturwerk Mittenwalde, die Mechanischen Werkstätten Königswartha und Radebeul, die Flugzeugwerft Dresden, das Zentrum für Forschung und Entwicklung und das Feuerlöschgerätewerk Apolda. Insgesamt hatte das Dresdner Unternehmen 11 000 Beschäftigte 384 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten bei einer jährlichen industriellen Warenproduktion von immerhin 1,2 Milliarden DDR- Mark, berichtete Prokurist Thomas Krüger auf einer Konversionstagung 1993 in Potsdam. Hergestellt wurden Schützenwaffen wie Sturmgewehre und Munition. „Wir haben Europas modernste Munitionsfabrik in Lübben in Betrieb genommen“, sagte er. „Dort ist Munition im Kaliber 7,62 beziehungsweise Nato-Kaliber 5,56 produziert worden.“ Außerdem gehörten Panzerabwehrraketen und Seegeschoßwerfer zum Produktionsprofil. Nach 1991 begann die Produktion von Kompaktbaggern auf der Grundlage der Lizenz einer bundesdeutschen Firma, später folgten weitere Baumaschinen. Neben der Delaborierung von Munition zählte Umwelt-Engineering ebenfalls zum Geschäftsfeld. Dabei wurde auch das Umweltmessnetz für Sachsen erstellt. „Wir haben ungefähr 2 000 bis 3 000 Ideen geprüft, und davon sind fünf bis acht realisiert worden.“ Ziel waren immer wieder Marktlücken und Absatzmärkte. 1992 wurde das Werk an das US-amerikanische Hochtechnologie-Unternehmen General Atomics (GA) verkauft. Der Mittenwalder Gerätebau zählte auch zu den ehemaligen Rüstungsbetrieben. Er hatte wie die 14 anderen Betriebe dieser Art im Land Brandenburg große regionale Bedeutung. Nach russischen Technologien wurden hier Funk- und Radarstationen modernisiert, die meisten noch mit Röhren und nur wenige mit dem Transistor. Man war von Spitzentechnologien weit entfernt. Das betraf ebenso die Ausbildungsgeräte für die Volkspolizei. Für die Belegschaft waren Privatisierung und Umstellung des Militärprofils eine doppelte Rüstungskonversion. Da halfen auch die Referenzen von 1980 bei den Olympischen Sommerspielen in Moskau nicht weiter, wo der Betrieb als Zulieferer von neuen technischen Entwicklungen für die Schiesssportdisziplinen ins internationale Rampenlicht getreten war. Man begann jetzt mit der Instandsetzung von Straßenbahnen für Halle (Saale) und Frankfurt an der Oder. Zudem wurden Industrieausrüstungen als Zulieferung für Ziegeleien und Vorrichtungen für die Autoindustrie gebaut. Der weltweit mit 80 bis 100 Millionen Exemplaren meistproduzierte Waffentyp Schnellfeuergewehr Kalaschnikow wurde auch im sächsischen VEB Geräte- und Werkzeugbau Wiesa mit jährlich 100 000 Stück unter der Bezeichnung MPi-K hergestellt. Einzelteile wie Lauf, Gaskolben, Mündungsbremse und Bajonett stammten aus dem Suhler VEB Ernst- Thälmann-Werk. Der Thüringer Waffenbauer Hugo Schmeisser, der in den Jahren des Zweiten Weltkrieges mit dem Sturmgewehr 44 als erster Konstrukteur der Welt eine funktionstüchtige automatische Feuerwaffe entwickelt hatte, war nach Kriegsende von den russischen Besatzern bis 1952 in die Waffenschmiede Ischewsk zwangsverpflichtet worden. Hier hat Konstrukteur Michail Kalaschnikow bei seiner AK 47 wohl auch dessen Ideen genutzt. Unter dem Namen „Wieger“ (Wiesa/Germany) wurde in Wiesa zu DDR-Zeiten ein spezieller Kalaschnikow-Typ entwickelt. Davon produzierte man hier 10 000 Stück. Diese Waffe, vorwiegend für den Export ins nichtsozialistische Ausland gegen Devisen gedacht, konnte Patronen mit dem Nato-Kaliber 5,56 x 45 mm verschießen. 385 11. Verringerung von Streitkräften und Rüstung Der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages teilte nach einer Antwort des Bundesministeriums der Verteidigung vom 5. Oktober 2016 zur Anfrage „Sturmgewehr 940 Wieger“ mit, dass die Fertigungsunterlagen zu diesem Sturmgewehr, die sich seit 1993 in den Händen von Bundesbehörden befunden haben, 2003 tatsächlich vernichtet worden sein dürften. Vorausgegangen waren Vermutungen über das ominöse Verschwinden der Konstruktionsunterlagen nach der Wiedervereinigung. Als ehemaliger Produzent von Handfeuerwaffen wandelte sich das Unternehmen in der Rüstungskonversion zur Spezialwerkzeuge und Hydraulik GmbH. Nun stieg man hier auf die Produktion von Hydraulikerzeugnissen sowie Zulieferungen für Waschautomaten um. Das war auch mit der Umschulung von Arbeitnehmern verbunden. Insgesamt wurde nach dem Wegbrechen des Marktes ein großer Teil der DDR-Rüstungsbetriebe von westdeutschen Rüstungsfirmen aufgekauft. Fazit: Die Möglichkeit neuer militärischer Sicherheitsstrukturen auf einem niedrigeren Rüstungsniveau als in der Vergangenheit war mit dem Ende des Ost-West-Konflikts, den Veränderungen in Osteuropa und der Vollendung der deutschen Einheit in greifbare Nähe gerückt. Das erkannten auch die Staats- und Regierungschefs anderer Nato-Länder. In der Erklärung von Rom über Frieden und Zusammenarbeit (November 1991) bezeichneten sie die Umstellung der Verteidigungsproduktion auf zivile Zwecke als ein Gebiet für Konsultationen und Zusammenarbeit. „Seit wir uns von der unsäglichen Konfrontation in Europa verabschiedet haben, ist die Konversion für alle Staaten zu einem Problem geworden“, bemerkte Gebhardt von Moltke. Der Beigeordnete Nato-Generalsekretär äußerte sich auf einer Arbeitstagung des Nato-Kooperationsrates zu praktischen Fragen der Verteidigungskonversion. Sie fand im Oktober 1994 im Land Brandenburg statt. Daher seien „Dialog und Informationsaustausch zwischen den Verbündeten und ihren Partnern“ besonders wichtig, sagte er. Ironie des Schicksals: Die UdSSR hatte 1959 der UNO eine Bronzeskulptur zum Geschenk gemacht, die vor ihrem Gebäude in New York aufgestellt wurde. Der Titel: „Wir schmieden Schwerter zu Pflugscharen“. Ein solches Symbol – ein Mann, der über seinem Kopf ein Gewehr zerbricht – diente in der DDR dem Protest gegen die Militärpolitik. Meist christliche junge Leute zeigten es auf ihrer Bekleidung, aber auch in Schulen, Universitäten und Betrieben war es zu sehen. Viele Bürger mussten für diese Oppositionshaltung oft Anfeindungen auf offener Straße von FDJ-Mitgliedern und manchmal sogar ernste Konsequenzen der Staatsgewalt hinnehmen. Was damals nur wenige DDR-Bürger wussten: Das Symbol stammte vom Gebrauchsgrafiker Gerhard Voigt aus dem eigenen Land. Der ostdeutsche Künstler nannte es: „Unser Vorschlag gilt: Wir sind dialogbereit für Frieden und Abrüstung“. Er hatte mit Zustimmung des Außenministeriums an einem internationalen Wettbewerb für die 2. UNO-Sondertagung für Abrüstung im Mai 1982 teilgenommen. Mit diesem beeindruckenden Motiv wurde ihm in New York der 1. Preis verliehen. Kirchenkreise in der DDR mit Kontakten zur Friedensbewegung sorgten dafür, dass man das erfolgreiche Plakat auch hierzulande ge- 386 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten zeigt hat. Voigt unterrichtete später als Professor an der Kunst- und Designhochschule Burg Giebichenstein bei Halle/Saale. „Superpanzer“ T-72 hat ausgedient Inmitten einer Zeit militärischer Hochrüstung war 1977 der russische Kampfpanzer T-72 beim Besuch des französischen Verteidigungsministers in der Nähe von Moskau erstmalig der Öffentlichkeit präsentiert worden. Beeindruckt hat den Gast nicht nur die dreiköpfige Besatzung, wobei der übliche vierte Mann eines Panzers, der Ladeschütze, durch eine Automatik ersetzt worden war. Auch die damals ungewöhnlich starke Panzerung kam zu den Besonderheiten sowie eine voll stabilisierte Kanone und die hohe Geschwindigkeit (45 km/h im Gelände, bis zu 70 km/h auf der Straße) bei 43 Tonnen Gewicht des Fahrzeuges. All das war international spitze. Schon ein Jahr später veranlasste der DDR-Verteidigungsrat wohl auf Weisung aus Moskau den Kauf der ersten „Superpanzer“ für die NVA. Sie wurden in der Eggesiner Panzerdivision gegen veraltete T-55 (36 Tonnen schwer, 27 km/h im Gelände, 50 km/h auf der Straße bei vier Mann Besatzung, aber mit mangelhafter Panzerung) ausgetauscht. So wollte man in den Landstreitkräften die Kampfkraft und Gefechtsbereitschaft der Armee erhöhen. Insgesamt kaufte die DDR 550 solche Panzer. Aufgrund ihrer flachen Konstruktion und hohen Beweglichkeit waren sie mehr für den Angriff als für die Verteidigung geeignet. Ein später installierter Entfernungsmesser auf Laser-Basis, der bei Carl Zeiss in Jena entwickelt und produziert wurde sowie die vom Hersteller angebrachte optische Messung ablöste, sicherte in den Übungen eine hohe Trefferquote. Gut anderthalb Jahrzehnte später sorgte der von Experten noch immer als kampfstark eingestufte Panzer mit 125-mm-Glattrohrkanone und 12,7-mm-Kuppel-MG in Deutschland wieder für Aufsehen. Nicht auf einem Übungsplatz der Bundeswehr Ost, diesmal in einer Sammelstelle der Schrott- und Metallaufbereitung. Im sächsischen Gröditz begann Mitte Oktober 1993 für 40 T-72 aus ehemaligen NVA-Beständen die Verschrottung. Da es sich bei jedem dieser Panzer um eine „harte Nuss“ handelte, dauerte die ganze Zerstörungsaktion pro Stück etwa einen Monat. Beim T-55 schaffte man in dieser Zeit doppelt so viel, obwohl dieser vorher im Rahmen eines Modernisierungsprogramms der NVA mit einer Zusatzpanzerung an Turm und Wanne versehen worden war. Kein Wunder, aber mit Schrottschere und Schneidbrenner war manchem Teil des T-72 nicht beizukommen. 387 11. Verringerung von Streitkräften und Rüstung Spätestens hier lüftete dieser Typ mit der fast unscheinbaren Silhouette, von dem Ungarn und andere ehemalige Ostblockstaaten einige Exemplare in Deutschland kauften, sein eigentliches „Geheimnis“: Der Turm bestand aus 42-Zentimeter-Gußstahl. Und die Frontpanzerung hatte Stahlplatten mit Keramikfüllung. Dieses Material und seine ungewöhnliche Schutzstärke an der Turmfront beeindruckten schon manchen westdeutschen Wehrexperten. Auf dem riesigen Schrottplatz landeten alle Materialien gut sortiert jeweils in großen Abfallcontainern. Als ich mich nach „Blei“ umsah, was ja die Panzerleute bei einem Kernwaffenschlag hätte schützen müssen, staunte ich nicht schlecht: Fast nichts war davon vorhanden. Wie bekannt, werden von diesem Metall Röntgenstrahlen und radioaktive Strahlung absorbiert. Entsorgt wurde das Kriegsgerät nach dem Kreislaufwirtschaftsgesetz, wo es am Ende keine unverwertbaren Produktionsabfälle mehr gibt. Was hier geschah, ging auch in den anderen neun Reduzierungsstätten Deutschlands Monat für Monat über die Bühne. In Charlottenhof bei Görlitz standen T-55-Panzer und in den Dresdner Elbe- Flugzeugwerken MiG-21-Abfangjäger (MONGOL), die vernichtet wurden, in Bremen und Mainz Bundeswehr-Panzer vom Typ M48 zur Verschrottung bereit. Das entsprach dem Willen der KSE-Unterzeichnerstaaten. Deutschland leistete mit den erwähnten rund 11 000 Waffensystemen nach den ehemaligen GUS-Staaten den zweitgrößten Beitrag. Die Verschrottungskosten waren gewaltig. An den Auftakt am 3. August 1992 in Rockensußra erinnerte in der Außenstelle Strausberg das Verifikationszentrum der Bundeswehr mit einem Denkmal unbrauchbar gemachter Teile eines NVA-Schützenpanzers. In der Einrichtung liefen alle Fäden für die international kontrollierte Abrüstung im Beitrittsgebiet zusammen. Hier konnten jederzeit Offiziere und Unteroffiziere über den Vollzug des KSE-Vertrages Auskunft geben. „Alles plangemäß“, schätzte der Leiter, Oberst Klaus Meletzki, ein. Für ihn war Abrüstung, wie er mir sagte, „eine Planung rückwärts“. Die Zerstörung der vereinbarten konventionellen Waffensysteme, meist mit dem Schweißbrenner, nahmen Spezialfirmen vor. Von ihnen wurden auch Raketenwerfer und Hubschrauber dauerhaft funktionsuntüchtig gemacht. Die Kosten der Vernichtung lagen bei 5 000 Mark je Schützenpanzer und bei 12 000 Mark je Panzer, beim T-72 etwas höher. Die Demilitarisierung nach Rüstungskontrollvertrag und Kriegswaffenkontrollgesetz wurde strikt eingehalten, die Entsorgung erfolgte nach Umweltrichtlinien. Pro Panzer wurden 388 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten etwa 40 Tonnen Stahl gewonnen. Da die schweren Kettenfahrzeuge vor der Vernichtung wie beim Appell aneinandergereiht standen, konnten Amerikaner und Russen über ihre Aufklärungssatelliten jederzeit die genaue Zahl der Abrüstungspanzer ermitteln und deren Vernichtung täglich verfolgen. All das wurde, wie in Wien ausgehandelt, auch von Inspektionsgruppen überwacht. Per Fax oder Fernschreiben meldeten sich die KSE-Kontrolleure kurzfristig an, wonach dann beispielsweise im Osten Deutschlands die Strausberger Verifikations-Außenstelle die Begleitung der ausländischen Militärs und Diplomaten übernahm. Von den insgesamt 910 Verifikationsobjekten der Nato auf dem Boden der alten Bundesrepublik hatte die Bundeswehr 470 gemeldet. Sie wurden über 60 Mal überprüft. Deutsche KSE-Kontrolleure waren fast 70 Mal auf Reisen. Bemerkenswert, so Meletzki, „es gab von keiner Seite sogenannte Verdachtsinspektionen“. Nach der deutschen Einheit entsprach auch das Operative Ausbildungszentrum der NVA im ehemaligen DDR-Verteidigungsministerium nicht mehr dem Geist der Zeit. Nun bot die einst geheime Stätte den Mitarbeitern der Außenstelle des Zentrums für Verifikationsaufgaben gute Arbeitsbedingungen. Sie war jederzeit den Partnern für Rüstungskontrolle, Abrüstung und vertrauensbildende Maßnahmen offen. Was aus den entmilitarisierten Panzern aus Ost und West noch so alles werden konnte, zeigte später ein „Deutschlandtreffen der Feuerwehren“ auf dem Bundeswehr-Truppen- übungsplatz Lehnin bei Potsdam. Hier bildet gewöhnlich das Heer aus. Nun erlebte ich Vorführungen ganz anderer Art: Auf einem riesigen Ausbildungsplatz zwischen den reichen Kiefernbeständen rückten Feuerwehrleute und Brandbekämpfungsexperten der Industrie gemeinsam an. Mit modernster Technik gingen sie gegen einen „Waldbrand“ vor. Das Land Brandenburg hatte man dafür nicht zufällig ausgewählt, werden doch die eine Million Hektar Wald zwischen Havelland und Lausitz von etwa 40 Prozent aller Waldbrände in Deutschland jährlich heimgesucht. Auch wenn an dem nasskalten Tag keine Waldbrandstufe erlassen worden war – vereinbarungsgemäß brannten die zur Demonstration vorbereiteten Stellen. Auch andernorts ging es hier „heiß“ zu. Nirgendwo hätte man besser als hier auf dem Militärgelände zeigen können, wie man im Zeitalter der Entspannung und Abrüstung ehemalige Kampfpanzer für Großbrände im Wald wirksam einsetzt. Da preschte nach Anforderung ein demilitarisierter Leopard vom Typ A4 mit rund 60 Kilometer je Stunde heran, meisterte tiefe Bodenwellen und andere Hindernisse und bekämpfte mit verstellbarem Sprühstrahl den Brand. Die Wurfweite mit einer bis zu 70 Meter weiten Entfernung und der 20 000-Liter-Löschwassertank brachten nicht nur Laien zum Staunen. Neben dem Fahrgestell des Hochleistungslöschfahrzeuges 389 11. Verringerung von Streitkräften und Rüstung mit ungewöhnlicher Manövrierfähigkeit erinnerten Räumschild, Klimaanlage sowie Kommunikations- und Führungssystem an seine militärische Mission in der Bundeswehr. Zur mobilen Brandbekämpfung und Gefahrenabwehr war auch ein T-55-Panzer der Nationalen Volksarmee für ein Aerosol-Abgas-Löschverfahren umgebaut worden. Um möglichst eine große Oberfläche des Wassers zu erzeugen, wurde dieses über einen Ge lenklösch arm dem Abgasstrahl aus dem Triebwerk eines MiG-21-Jagdflugzeuges (FISHBED) beigemischt. Der so erzeugte feine Wassernebel von etwa 150 Meter Länge und 30 Meter Breite eignete sich gut gegen Waldbrände, zumal der zur Einsatzeinheit gehörende Transporter „Wasserbüffel“ 15 000 Liter nahezu an jede Einsatzstelle befördern konnte. Das Basispatent stammte vom Institut der Feuerwehr bei Magdeburg. Auch so konnte man ehemaliges Kriegsgerät für friedliche Zwecke umwidmen. Auch Militärs sehen sich zweimal im Leben Wer kennt nicht die alte Weisheit: „Man sieht sich immer zweimal im Leben!“. Einem Oberst i.G. der Nationalen Volksarmee, der in den 1980er Jahren als Militärattaché der DDR in Brüssel tätig war, ging das auch so. 1990 war er nach einem Lehrgang für Abrüstungskontrollpersonal im NVA-Verifikationszentrum in Strausberg tätig. Hier lernte der Offizier die ersten „Vorboten“ der Bundeswehr kennen, die dann am 3. Oktober 1990 diese Einrichtung übernahmen. Leiter wurde Oberst i.G. Klaus Meletzki. An diese Zeit erinnert Bernd Biedermann in seinem Buch „Offizier, Diplomat und Aufklärer der NVA – Streiflichter aus dem Kalten Krieg“ (Verlag Dr. Köster Berlin). Darüber habe ich nach der Buchpräsentation in Wünsdorf (Landkreis Teltow-Fläming) berichtet. „Im vertraulichen Gespräch tauschen wir unsere Auffassungen aus. Oberst Meletzki macht keinen Hehl daraus, dass er vom Stand der Einsatzbereitschaft des Verifikationszentrums, von der hohen Qualität des Personals und von der ungebrochenen Disziplin sehr beeindruckt ist. Er wünscht sich, dass wenigstens ein Teil von uns im aktiven Dienst bleibt. Am 3.10.1990 wird das Verifikationszentrum der NVA mit nahezu seinem vollständigen Personalbestand in die Bundeswehr übernommen. Ich bin einer der wenigen Obristen, denen die Bundeswehr ihren Dienstgrad belässt. Eine Herabsetzung hätte ich ohnehin nicht hingenommen.“ Nur wenige Tage danach wird Biedermann zum Brigadegeneral Hermann Adam im Stab der Bundeswehr Ost, auch auf dem Gelände des ehemaligen DDR-Verteidigungsministeriums, bestellt. „Das kann nur Hermann Adam sein, den ich aus Brüssel kenne, denke ich, und sehe der Begegnung mit größtem Interesse entgegen. Die Offiziere meiner Abteilung tragen nun alle die Uniform der Bundeswehr, wenn auch nur den Felddienstanzug. Es ist schon ein merkwürdiges Gefühl, als ich dann vor dem Mann stehe, der mich noch vor fünf Jahren als Repräsentant der DDR und ihrer Armee kennen gelernt hat. Keiner von uns beiden hätte sich wohl damals vorstellen können, dass wir uns unter diesen Umständen wieder sehen werden. Aber Adam ist immer noch der gleiche freundliche und beherrschte Soldat, wie ich ihn in Erinnerung habe. Seine Beförderung zum General und die neue Si- 390 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten tuation, in der wir uns befinden, hat daran nichts geändert. Ich habe nicht den Eindruck, dass er sich als Sieger fühlt und mich als Besiegten ansieht.“ Am Beispiel seiner Abteilung im Strausberger Verifikationszentrum der Bundeswehr erläuterte ihm Oberst Biedermann, wie wichtig es wäre, dieses qualifizierte Personal, das nicht nur die russische Sprache beherrscht, sondern auch die Mentalität der ehemaligen Waffenbrüder sehr gut kennt, nicht zu entlassen. „Adam stimmt mir uneingeschränkt zu, ist sich aber nicht sicher, ob das überhaupt möglich sein wird. Um Genaueres zu erfahren, will er bei seinem nächsten Aufenthalt auf der Hardthöhe entsprechende Recherchen anstellen.“ Eine Woche später „fällt ihm offensichtlich nicht leicht, mir die ungeschminkte Wahrheit zu sagen“: Auf keinen Fall werden Politoffiziere und alle, die bei der Militäraufklärung und den Grenztruppen waren, übernommen. „Alle Versuche Adams, für meine Abteilung eine Ausnahme zu erwirken, wurden abgewiesen.“ Es sei eine politische Entscheidung von oberster Stelle … „Aber als lang gediente Soldaten wissen wir um die Endgültigkeit und Verbindlichkeit politischer Entscheidungen, wenn sie die Armee betreffen.“ Brigadegeneral Adam empfiehlt ihm deshalb, schon Ende des Jahres aus dem aktiven Dienst auszuscheiden. „Er will mir noch eine persönliche Referenz schreiben, die mir bei der Suche nach einer neuen Tätigkeit hilfreich sein kann. Mehr kann er nicht für mich tun. Die nächsten Wochen bestätigen, wie richtig die Empfehlung von Brigadegeneral Adam war.“ (2008) Flächenkonversion mit Milliarden Kosten Die internationale Abrüstung und Entspannung forderte die Bundesregierung auch zu ungewöhnlichen Aktivitäten bei der Flächenkonversion heraus: Die Umwandlung von Truppenübungsplätzen, Kasernengelände, Soldatenwohnungen, Flugplätzen und anderen militärischen Liegenschaften in ihren zivilen „Urzustand“. In ganz Deutschland waren noch 1990 etwa zehntausend Quadratkilometer Landesfläche von Militärs belegt und genutzt worden. So von der Bundeswehr, der NVA, den Alliierten und den WGT-Truppen. Es gab rund 2 000 Standortgemeinden. Deshalb galt auch hier die Konversion als ein Element der unumkehrbaren Abrüstung und der wechselseitigen Vertrauensbildung. Dann hat die Bundeswehr 70 Prozent der NVA-Liegenschaften an Länder und Gemeinden übertragen. Von 62 Truppenübungsplätzen wurden nur neun – vor allem großflächige Manövergebiete – mit insgesamt etwa 100 000 Hektar weiter genutzt. Zum Vergleich: Im Westen waren es weniger als 80 000 Hektar für diese Zwecke. In den neuen Bundesländern stand man in dieser Hinsicht vor einer „Jahrhundertaufgabe“ mit Milliarden DM Kosten. Bei dieser Herausforderung wurden einst von Nationaler Volksarmee und Grenztruppen sowie von sowjetischen/russischen Truppen genutzte Flächen wieder „einer zivilen Nutzung zugeführt“. So hieß das offiziell. Heute unvorstellbar: Bis zur Wiedervereinigung 1990 nutzte man in der DDR weit über 500 000 Hektar nur für militärische Zwecke. Anteilig an den Landesflächen waren das in 391 11. Verringerung von Streitkräften und Rüstung Brandenburg 5 Prozent, Sachsen-Anhalt 4,6 Prozent, Sachsen 3,5 Prozent, Mecklenburg- Vorpommern 2,6 Prozent und Thüringen 2,5 Prozent. Auf solchen Konversionsflächen entstanden inzwischen viele Wohnungen. Auch Industrie und Gewerbe wurden angesiedelt oder modernisierte Kasernengebäude an Lehreinrichtungen übergeben. Mit insgesamt 230 000 Hektar militärischer Liegenschaften, von denen die Bundeswehr nur einen geringen Teil übernahm, hatte Brandenburg den größten „Brocken“ zu bewältigen. Diese Landesfläche war auch dem Wirtschaftskreislauf entzogen worden. Laut Berechnungen im Auftrag der Landesregierung waren für diese Konversion etwa 19 000 Arbeitskräfte und 30 Milliarden Mark notwendig. Ganz abgesehen von den Kosten für die Beseitigung von Altlasten. Als „Hauptproblemstandorte“ der Westgruppe in Brandenburg galten Jüterbog, Fürstenberg und Wünsdorf mit dem WGT-Hauptquartier. In der Regel handelte es sich um ehemalige Kasernen und Bunker der Wehrmacht. Seit Kriegsende waren an diesen Gebäuden und militärischen Einrichtungen keine größeren Reparaturen vorgenommen worden. Dächer, Fassaden und Räumlichkeiten sahen 1991 etwa so aus wie 1945. Intensive Nutzung und Witterung hatten ihre Spuren hinterlassen. In Potsdam wurde aus der vom russischen Geheimdienst besetzten „verbotenen Stadt“ wieder das Villenviertel „Am Neuen Garten“. Ziel der Stadtverwaltung war es, das historisch wertvolle Gebiet als städtebauliches Ensemble zu erhalten – mit alten Bäumen, Alleen und Gartenanlagen. Ein Jahr nach dem vollständigen Abzug der Russen aus Deutschland gab es hier und da schon Neues auf diesem alten Gelände zu vermelden. In der Neuruppiner Panzerkaserne zum Beispiel wurden ein Technologie-Zentrum und eine Schule eingerichtet. Als erster großer ostdeutscher Truppenübungsplatz verwandelte sich die „Döberitzer Heide“ westlich von Berlin in Sielmanns Naturlandschaft. Auf etwa 3 600 Hektar leben heute rund 90 Wisente, 24 Przewalski-Pferde, 90 Rothirsche sowie über 5 000 weitere Tierarten frei in der Natur. Fernab von Besiedlung und Verkehr finden hier Naturfreunde auf ausgedehnten Wanderwegen Wildnis und natürliche Vielfalt. In Dessau-Kochstedt (Sachsen-Anhalt) endete die Geschichte einer Militärliegenschaft, die 1936 mit dem Kasernenbau für Flak-Regimenter und eine Luftsanitätsstaffel begonnen hatte. Nachdem hier zu Kriegsende kurz amerikanische Streitkräfte weilten, zogen Sowjettruppen, anschließend die Kasernierte Volkspolizei und dann wiederum WGT-Truppenteile mit Mot. Schützen- , Artillerie- und Panzereinheiten ein. Um den Wohnungsengpass in der Stadt zu lösen, wurden hier im Grünen nach der Entmilitarisierung 940 Wohneinheiten geschaffen – 610 im Geschoßwohnungsbau und etwa 330 Ein-/Zweifamilienhäuser. „Die architektonische Qualität und die allgemein gute Bausubstanz der Dessauer Kaserne machten eine Umnutzung nach heutigen Erkenntnissen wirtschaftlich.“ So Oberbürgermeister Hans Georg Otto vor Experten. Sie hatten über ihre Erfahrungen zur städtebaulichen Umnutzung von Kasernenanlagen am Stadtrand von Hamburg, in Esslingen und anderen Orten der alten Bundesländer berichtet. „Das ist in der Stadt des Bauhauses eine He- 392 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten rausforderung von ungewöhnlichem Ausmaß. Wir wollen alles daransetzen, dass Dessau Modellstadt für den Umgang mit militärischen Liegenschaften in Sachsen-Anhalt wird.“ Im einstigen Ost-Berliner Standort Biesdorf-Süd der NVA lag für das 10,2 Hektar große Gebiet ein Strukturkonzept mit Städtebau, Grün- und Freiflächen vor. Wo das Erich-Weinert-Ensemble und das Filmstudio der DDR-Armee kaserniert untergebracht waren, stand schon bald der hier dringend erforderliche Neubau einer Gesamtschule. Später kamen zwischen Schlosspark und Landschaftspark Biesdorf weitere neue Gebäude hinzu. Lediglich das Theater am Park – damals Spiel- und Übungsstätte des Armee-Ensembles – blieb wie nach der Wende ein kulturelles Zentrum der Bevölkerung. Hier konnte man sich beim Entwicklungsträger und beim Stadtplanungsamt Marzahn über die Vorhaben an der Paradiessiedlung informieren. Doch so manche Militärhinterlassenschaft entpuppte sich zwischen Kap Arkona und Fichtelberg als „Goldgrube mit Kuckuckseiern“. Allein in Mecklenburg-Vorpommern konnten wegen der Altlasten in den ersten Jahren über 350 solcher Liegenschaften nicht umgenutzt werden. Eine der bekanntesten war an der Ostseeküste der „Koloss von Prora“. In diesem 4,5 Kilometer langen Gebäudekomplex, nach dem Willen der Nationalsozialisten für „Kraft-durch- Freude“-Massenurlauber direkt am Strand errichtet, dienten bei der NVA bis zu 8 000 Soldaten – Mot. Schützen, Fallschirmjäger, Pioniere sowie Unteroffiziersschüler. Auch eine Offiziersschule für ausländische Militärkader, vor allem aus Entwicklungsländern, existierte hier. Einer privaten Nutzung hatte der Kreistag von Rügen ursprünglich entgegengesetzt, dass man den endlosen Betonklotz künftig als „Denkmal für zwei gescheiterte Systeme“ der Nachwelt erhalten möge. Seit 2011 bietet hier die größte Jugendherberge Mecklenburg- Vorpommerns ihren Gästen in mehr als 100 Zimmern etwa 400 Betten. Außerdem entstanden in den Blöcken zahlreiche Luxuswohnungen.

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References

Abstract

With the end of the GDR and Germany's unification three decades ago the National People's Army also stopped being a force. A part of their soldiers now served under the banner of their former opponent. On the "Retreat" from the Cold War between East and West mastered the Bundeswehr this human and military mission: the army of unity became

to the army of all Germans. Never before has the military peacefully achieved so much!

The accession area became a pilot for the new army structure. A smaller air force secured the airspace. For the German Seenation went the course change towards "unlimited horizon". In the Bundeswehr were Scharnhorst visions, whose tomb on the Invalidenfriedhof in Berlin again shines in the old glory, reality – army as alive part of a state, soldier service an honor service. The new armed forces took Europe's commitment to peace and democracy, too international

responsibility for peacekeeping operations. and conflict resolution.

Zusammenfassung

Mit dem Ende der DDR und Deutschlands Wiedervereinigung vor drei Jahrzehnten hörte auch die Nationale Volksarmee auf, eine Streitmacht zu sein. Ein Teil ihrer Soldaten diente nun unter der Fahne des einstigen Gegners. Auf dem „Rückzug“ vom Kalten Krieg zwischen Ost und West meisterte die Bundeswehr diese menschliche und militärische Mission mit Bravour: Die Armee der Einheit wurde zur Armee aller Deutschen. Nie zuvor hat Militär friedlich so viel erreicht. Das Beitrittsgebiet bekam Pilotcharakter für die neue Heeresstruktur. Eine kleinere Luftwaffe sicherte den Luftraum mit Air Policing und Flugabwehr. Trotz Schlankheitskur ging der Kurswechsel für die deutsche Seenation mit dem Welthandel in Richtung „unbegrenzter Horizont“. In der Bundeswehr wurden Scharnhorst-Visionen, dessen Grabmal auf dem Berliner Invalidenfriedhof wieder in altem Glanz erstrahlt, Realität: Armee als lebendiger Teil eines Staates, Soldatendienst ein Ehrendienst. Peter Heinze widmete sich seit dem Tag der Deutschen Einheit besonders der Bundeswehr im Beitrittsgebiet. Mit dem Ende des Kalten Krieges verfolgte der ostdeutsche Journalist den Abzug russischer Truppen als größte Militärbewegung im Nachkriegseuropa und die internationale Abrüstung unter der Devise „Vertrauen gegen Vertrauen“. Der vorliegende Band versammelt seine Erfahrungen und Erkenntnisse der letzten 30 Jahre und bietet so einen ebenso fundierten wie persönlichen Überblick über die Wiedervereinigung in der nun gesamtdeutschen Armee.