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10. Mit der Bundeswehr kam ein anderer Geist in:

Peter Heinze

Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten, page 357 - 372

Ein Journalist erlebte die Armee der Einheit

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4410-0, ISBN online: 978-3-8288-7411-4, https://doi.org/10.5771/9783828874114-357

Tectum, Baden-Baden
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357 10. Mit der Bundeswehr kam ein anderer Geist Militärseelsorge in neuer Situation Bekanntlich gilt die Militärseelsorge als die älteste Gruppenseelsorge der Kirche. Sie war nach den Worten von Generaldekan Johannes Ottemeyer „mitverantwortlich für die Grundfragen soldatischer Existenz in einer gewandelten Zeit“. Diese Auffassung vertrat der Leiter des Evangelischen Kirchenamtes für die Bundeswehr 1993 in einem Vortrag in Berlin. Zu den Zuhörern in einem ehemaligen Klubhaus der DDR-Grenztruppen gehörten Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche, Mitglieder des Abgeordnetenhauses, Bezirksbürgermeister, Wirtschaftsexperten, Bundeswehrangehörige sowie Diplomaten. Diese Mitverantwortung sei gerade angesichts der veränderten Aufgaben der deutschen Streitkräfte, neben der Landesverteidigung auch in einem europäischen und darüber hinaus in einem Weltsicherheitssystem integriert zu sein, von besonderer Bedeutung. Das gehe über „bloße Individualfürsorge“ hinaus. „Denn da, wo ein Soldat sich in besonderer, vielleicht lebensgefährlicher Weise zu bewähren hat, da wird ein Pastor bei ihm sein.“ Dabei sei es egal, ob es sich um einhundert oder zweitausend Bundeswehrangehörige handelt. Er wünsche sich, dass dies „auch von der Gesamtkirche mitgetragen wird“. Ottemeyer, der seit 1960 in der Militärseelsorge wirkte und die 140 Sanitätssoldaten beim weltweit ersten Bundeswehreinsatz ab 1992 in Kambodscha besucht hat, bekräftigte in diesem Zusammenhang seinen Standpunkt, dass Krieg nicht sein dürfe. Nachdem sich das „Modell der Abschreckung“ bewährt und „unserem Land die Freiheit erhalten hat“, sei Deutschland nicht mehr von Feinden, sondern von Freunden umgeben. Humanitäre, Krieg verhindernde und Frieden schaffende Aktivitäten großer internationaler Institutionen wie UNO und WEU machten nun auch die Integration der Bundesrepublik erforderlich. Deutschland müsse in dieser Beziehung „verlässlicher Partner“ und „offen sein für Freunde, die wir draußen haben“. „Zur Verweigerung kann ich nicht aufrufen“, meinte der Generaldekan zu möglichen Auslandseinsätzen der Bundeswehr. Die Militärseelsorge habe seines Erachtens nur dann eine Zukunft, wenn sie im Zentrum der reformatorischen Botschaft bleibe. „Wir werden uns in der neuen Situation der Bundeswehr zu bewähren haben.“ Der Militärgeneraldekan, der auf Einladung des Berliner Standortkommandanten, Brigadegeneral Hasso Freiherr von Uslar-Gleichen, vor der Bundeswehr Ost sprach, nahm auch 358 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten zu Diskussionen um den Militärseelsorge-Vertrag vom 22. Februar 1957 Stellung. Dieser werde vom Staat „bis auf Punkt und Komma“ eingehalten. Damals wie heute würde aber in der Öffentlichkeit über die gleichen Fragen, so über den Status des Militärgeistlichen als Bundesbeamter auf Zeit, gestritten. Ebenso darüber, ob der Militärgeistliche nicht etwa „der Willkür seiner Kirche ausgeliefert“ sei. Viel wichtiger müsse jedoch die Frage sein, wie der Christ zum staatlichen Gewaltmonopol steht, welches im Auftrag der Bürger verwaltet wird. Auch gehe es um die Politikfähigkeit der Evangelischen Kirche in Deutschland und die Verlässlichkeit der Einhaltung von Verträgen. Ottemeyer beklagte, dass in den vergangenen Jahren die Soldaten der Bundeswehr „weitgehend zu Objekten kirchlicher Anklage“ geworden seien. Das habe nicht nur diese, sondern auch Politiker „tief verbittert“. Die Militärseelsorge müsse nach seiner Meinung so in die Gesamtkirche integriert werden wie die Armee in die Gesellschaft. „Allgemeinbegriffe wie Staat, Kirche, Krieg, Frieden, Soldat, Waffe suggerieren zeitlose Wirklichkeiten, wo tatsächlich sehr komplexe Differenzierungen notwendig sind.“ Denn ein Soldat in einer demokratisch verfassten Gesellschaftsordnung unter der allgemeinen Wehrpflicht als Staatsbürger in Uniform sei „etwas völlig anderes als ein Soldat in einem absolutistischen Staat unter einer möglicherweise strengen diktatorischen Regierung“. So stelle sich das Problem der Militärseelsorge als „eine Aufgabe der Kirche in einem komplizierten gesellschaftspolitischen Umfeld“ dar. Was die Kirche in der ehemaligen DDR anbelangt, so habe er „großes Verständnis“ für deren Bemühungen aufgebracht, „sich in einer atheistischen Umwelt zurechtzufinden und ihre Botschaft dennoch zu erhalten“. Das sei nicht leicht gewesen. Denn hier hätten sich Staat und Kirche im Gegensatz befunden. Obwohl er laut Militärseelsorgevertrag „nicht für diesen Teil Deutschlands“ zuständig sei, da diesem noch die Zustimmung der ostdeutschen Landessynoden fehle, finde er, „was Pfarrer hier tun, in hohem Maße bewundernswert“. Unter vielen Soldatenpfarrern könne er „zwischen Ost und West identische Motivationen“ feststellen. In der anschließenden Diskussion schilderten Pfarrer, Bundeswehrangehörige, darunter der Kommandeur des Korps- und Territorialkommandos Ost, Generalleutnant Werner von Scheven, und andere Teilnehmer aktuelle Probleme ihres gemeinsamen Wirkens. Dabei erinnerten sie an die Opposition der Kirche zum SED-Staat und ihre bedeutende Rolle während der Wende. Theologen hatten in der DDR meist auch den Wehrdienst verweigert. Standortpfarrer Christoph Tiedeke aus Storkow berichtete eindrucksvoll über seine geistliche Tätigkeit in der dortigen Bundeswehr-Pionierbrigade 80. Sie war im April 1991 – daran kann ich mich noch gut erinnern – auf einer Liegenschaft der ehemaligen Nationalen Volksarmee aufgestellt worden. Sollten „meine Pioniere“ in Frieden schaffender Mission auf Reisen gehen, was ständig zu erwarten sei, möchte er die Soldaten begleiten. „Und nur 359 10. Mit der Bundeswehr kam ein anderer Geist dann bin ich glaubwürdig“, versicherte der Pfarrer unter dem Beifall der Anwesenden. Zum Hintergrund dieser Debatte: Die Übernahme des Militärseelsorgevertrages war 1991 bei der kirchlichen Wiedervereinigung – auch vor dem Hintergrund protestierender Pazifisten, die angesichts von Militärseelsorge in den neuen Bundesländern „die Militärseelsorge West einer Revision unterziehen und sie aushebeln wollten“ (Generaldekan Reinhard Gramm, Leiter des Evangelischen Kirchenamtes für die Bundeswehr) – von den ostdeutschen Landeskirchen abgelehnt worden. Es gab mit den Erinnerungen und Erfahrungen aus DDR-Zeiten ethische Vorbehalte zum Soldatendienst sowie Kirchenkritik gegenüber dem rechtlichen Rahmen. So konnten die von den Landeskirchen beauftragten evangelischen Pfarrer auch innerhalb der Kasernen, wo sie sich als Besucher aufhielten, zwar seelsorgerlich wirken, aber keinen Lebenskundlichen Unterricht erteilen. Und überhaupt waren sie eng an die Ortsgemeinden gebunden. Denn in der Regel fand die seelsorgerische Betreuung der Soldaten nur durch die Ortspfarrer statt. Es sollte aber auch nicht vergessen werden, dass zu dieser Zeit nur etwa jeder zehnte Soldat aus einem östlichen Wohnort getauft war. Außerdem gab es in der DDR keine Christen in Uniform, die gern Soldat waren. Erst 1996 hat man mit der Bundesregierung eine Rahmenvereinbarung abgeschlossen, nach der die Soldatenseelsorger in den neuen Bundesländern Kirchenbedienstete wurden. Ab 1. Januar 2004 trat diese Rahmenvereinbarung außer Kraft. Der Militärseelsorgevertrag war nun im Bereich der Evangelischen Kirche in Deutschland für alle Landeskirchen als Grundlage der Evangelischen Seelsorge in der Bundeswehr gültig. „Gerade im Einsatz tragen die Militärseelsorger erheblich dazu bei, gemeinsam mit den Soldaten besondere persönliche Probleme und Grenzerfahrungen des menschlichen Lebens aufzuarbeiten und seelische Belastungen zu mindern.“ Das erklärte Verteidigungsminister Jung 2007 zur Eröffnung des Hauses des Evangelischen Militärbischofs in Berlin. „Die Seelsorger geben Orientierung und betreuen die Soldaten, ihre Partner und Familien im Heimatland, wenn es Bedarf gibt.“ Auch wenn der Anteil nicht konfessionell gebundener Soldaten immer größer wird. Er lag damals bei mehr als 40 Prozent. Der Evangelische Militärbischof Dr. Sigurd Rink nahm 2019 als erster hauptamtlicher Militärbischof die kirchliche Leitung der Militärseelsorge wahr. Er feiert Gottesdienste mit Soldatinnen und Soldaten, vertritt die Militärseelsorge nach außen, verantwortet das Schrifttum der Militärseelsorge, führt die Geistlichen in ihre Aufgaben ein und ist ihr Seelsorger. Militärgeneraldekan Matthias Heimer leitet das Evangelische Kirchenamt für die Bundeswehr (EKA) in Berlin. Er ist Dienstvorgesetzter der mehr als 100 evangelischen Militär- 360 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten geistlichen und der rund 150 nicht ordinierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Evangelischen Militärseelsorge. Katholischer Militärbischof lobt Zusammenwachsen „Für uns ist die Militärseelsorge auf den bisherigen Grundlagen überhaupt kein Problem.“ So lautete die Meinung von Erzbischof Johannes Dyba (1929–2000). Als Katholischer Militärbischof für die Bundeswehr besuchte er 1993 Soldaten in Berlin, Neubrandenburg und Eggesin. Dies treffe „auch hier“ zu, obwohl es in den neuen Bundesländern „einen ausgesprochen niedrigen Prozentsatz an Katholiken gibt. Wir machen in jedem Fall so weiter wie bisher. Wir haben mit dem Militärseelsorgevertrag gute Erfahrungen gemacht und meinen, man braucht daran nichts zu ändern.“ Die Hälfte der Evangelischen Landeskirchen und die evangelischen Militärseelsorger seien auch dafür, „dass es so bleibt“, ebenso „ganz überwiegend die evangelischen Zeitsoldaten“. „Wir sind natürlich unglücklich darüber, dass sich die Evangelischen Landeskirchen nicht einig sind“, meinte der Bischof unter Hinweis auf deren Debatten über die Kooperation Kirche – Bundeswehr. Damit werde auch in „Stück ökumenischer Gemeinsamkeit“ in Frage gestellt. „Das Ökumenische läuft natürlich am besten, wenn alle gleiche Rechte, gleiche Pflichten und gleiche Grundlagen haben.“ In der aktuellen Diskussion um die Militärseelsorge gehe es auch um den öffentlich-rechtlichen Beamtenstatus für die Militärpfarrer. „Wenn wir jetzt mit anderen Nationen gemeinsam Auslandseinsätze haben, dann müssen natürlich die begleitenden Militärseelsorger über denselben Status verfügen, wie alle Soldaten und Offiziere.“ Dies „allein schon wegen der völkerrechtlichen Situation, damit die Haager Landkriegsordnung auch für sie gilt und sie nicht als Zivilisten und Freischärler behandelt werden können“. Es sei für ihn „unvorstellbar, dass unsere Militärpfarrer diesen Status haben und die evangelischen Brüder als Wanderprediger mitziehen“. Er selbst sei in Kambodscha gewesen und habe damals „hoch motivierte Bundeswehrsoldaten erlebt“. Gerade bei den Auslandseinsätzen seien die Militärseelsorger „noch viel gefragter als hier zu Hause. Wir gehen mit, wo die Soldaten hingeschickt werden.“ Er wisse sehr wohl, dass die nunmehr „Verunsicherten in den neuen Bundesländern“ zu DDR-Zeiten „die Armee als feindliches Gegenüber kennen gelernt haben“. In Verbindung mit dem „stark links orientierten Pazifismus im Westen“ sei dies „eine eigenartige Allianz“. „Distanz zum Staat – das hätte ich gern gesehen in der ehemaligen DDR. Jetzt, wo das gar nicht mehr nötig ist, wo man freundlich zusammenarbeiten könnte, da wollen sie auf einmal Distanz. Das ist doch irgendwie Anachronismus.“ 361 10. Mit der Bundeswehr kam ein anderer Geist Erzbischof Dyba hatte sich über die Lage der Truppen und deren Lebensbedingungen in Ostdeutschland informiert. Er berichtete von einer hohen Beteiligung der Soldaten am Lebenskundlichen Unterricht. Darunter Katholiken, Protestanten und viele „Ungetaufte“. Diese stünden meist zum allerersten Mal im Leben einem Pfarrer gegenüber. Ihre Fragen seien oft „sehr elementar“, besonders, was die Anliegen junger Wehrpflichtiger nach ihrer Trennung von den Familien betrifft. „Die Soldaten können mit uns immer offen sprechen und sind sicher, dass das keinerlei Folgen hat.“ „Die Wiedervereinigung in der Bundeswehr ist viel besser gelungen als in anderen Gesellschaftsbereichen, darunter im kirchlichen Bereich. Da können sich viele eine Scheibe abschneiden“, schätzte der Militärbischof nach seiner 3-Tage-Reise ein. Für ihn sei die Bundeswehr „vorbildlich“ und darin „auch ein Modell, mit welcher Selbstverständlichkeit bei ihr im Westen wie im Osten viele Nachteile in Kauf genommen wurden“. Im Bundeswehrkrankenhaus Berlin, im Wehrbereichskommando VIII Neubrandenburg sowie in der Heimatschutzbrigade 41 und im Artillerieregiment 14 in Eggesin hatte Dyba Gespräche geführt. In der Neubrandenburger Pfarrkirche St. Josef/St. Lukas feierte er einen Gottesdienst mit Soldaten. Zum Abschluss stellte er sich in Berlin den Fragen von Journalisten. Auch dieses Treffen an einem Runden Tisch mit dem in der alten Bundesrepublik sehr bekannten, aber auch in manchen Positionen umstrittenen Kirchenmann aus Fulda war für mich eine Bereicherung meiner Kenntnisse über die katholische Militärseelsorge. Leider erfuhr ich erst im Nachhinein, dass Dyba als ein „waschechter Berliner Junge“ aus dem Wedding stammte. In der Pfarrkirche St. Georg in Pankow war er getauft worden und in Tegel hatte er die Volksschule besucht. Dyba hatte im November 1990 sein Amt als Katholischer Militärbischof angetreten. Wie er ein Jahr später auf der Gesamtseelsorgekonferenz in Bad Honnef berichtete, hätte nach den Umbrüchen in Deutschland und in der Welt die katholische Militärseelsorge in den fünf neuen Bundesländern Flagge gezeigt. Es gehe für das katholische Militärbischofsamt darum, schnell Pfarrer in den Dienst an den neuen Garnisonen zu berufen. Als Erster im Osten nahm Militärdekan Heinrich Hecker von Brandenburgs Landeshauptstadt Potsdam seine Arbeit für die Militärseelsorge Ost auf. Ihm zur Seite standen drei hauptamtliche Pfarrer, alle stammen aus den neuen Bundesländern. Außerdem wirken zwischen Rostock und Bad Salzungen 17 Gemeindepfarrer als Standortpfarrer im Nebenamt. Wie Hecker bemerkte, sei es nicht einfach gewesen, Pfarrer mit einer positiven Haltung zu den Streitkräften zu gewinnen. Zumal es in der ehemaligen DDR ein Nicht-Verhältnis zur Nationalen Volksarmee gegeben habe. Er stimmte die seelsorgerische Betreuung der Truppe im Osten Deutschlands zwischen Bundeswehr, den sechs Diözesen in den neuen Bundesländern und dem Katholischen Militärbischofsamt ab. Ihn ergänzte der Standortpfarrer von Dresden, Werner Seibt: „Nicht nur wir Seelsorger, auch die Bürger selbst erkennen zurzeit, dass die Bundeswehr eine ganz andere Armee ist. Sie ist nicht die Armee einer Klasse, sie ist eine Armee, die auf dem Boden des Grundge- 362 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten setzes steht.“ Und deshalb sei es ganz entscheidend, wie sich die Bundeswehr im Osten selbst darstelle. Wie die Gemeinschaft Katholischer Soldaten (GKS) wenige Tage nach der Wiedervereinigung erklärte, hätten in den neuen Bundesländern auch die Soldaten „Anspruch auf Seelsorge“. Die Kirche müsse dieses Angebot den Soldaten an ihrem Arbeitsplatz, also in den Kasernen und auf Übungsplätzen machen. Der Katholische Militärbischof für die Deutsche Bundeswehr, Dr. Franz-Josef Overbeck, hat seit 2011 die verantwortliche kirchliche Leitung der katholischen Militärseelsorge. Er ist in keinem Dienstverhältnis zum Staat, sondern wird von der Kirche im Einvernehmen mit dem Staat ernannt. Der Militärbischof steht dem Jurisdiktionsbereich des Katholischen Militärbischofs für die Deutsche Bundeswehr (Militärordinariat) vor. Seine Kurie befindet sich am Sitz der Bundesregierung. Er ist bestellt, um die Seelsorge unter den zur Bundeswehr gehörenden katholischen Soldaten und Soldatinnen, Zivilisten und katholischen Familienmitgliedern zu ordnen, zu leiten und wirksam zu gestalten. Zu den Aufgaben des Militärbischofs gehört die Beratung in allen Fragen der Militärseelsorge von grundsätzlicher Bedeutung, der Erlass kirchlicher Vorschriften und Richtlinien, die Einführung der Militärgeistlichen in ihr kirchliches Amt einschließlich ihrer Weiterbildung und die Förderung der seelsorgerischen Zusammenarbeit mit kirchlichen Stellen des zivilen Bereiches sowie mit der Militärseelsorge anderer Stellen. „Im soldatischen Alltag geht es deshalb immer darum, für die Sicherheit und den Frieden der Völker zu wirken. Nationale, europäische und weltweite Kooperation auf vielfältigen Ebenen ist angesagt. Sicherheit und Frieden bedürfen solcher Solidaritäten“, betonte Overbeck im „Wort des Bischofs“ vom 1. September 2018. Merkel würdigt „ethischen Rang der Bundeswehr“ Die Bundeswehr hat einen eigenständigen ethischen Rang als Instrument eines freiheitlich demokratischen Staates. Daher bewältige sie die neuen Aufgaben wie die Einheit Deutschlands oder internationale humanitäre Anforderungen äußerst gelassen. Das betonte die Bundesministerin für Frauen und Jugend, Angela Merkel, bei einem ökumenischen Pfingstgottesdienst 1993 auf der Bonner Hardthöhe. Gerade im alltäglichen Miteinander zwischen Ost- und Westdeutschland zeigten die Soldaten viel Toleranz und Rücksichtnahme. Durch Dialog und Fürsorge hätten sie gegen- über den ehemaligen NVA-Angehörigen in vielfältiger Weise beispielhafte Kameradschaft bewiesen. Die Bundesministerin begrüßte, dass erstmals in der Geschichte der Menschheit kriegerisches Potenzial abgerüstet und zerstört werde. Krisen und Konflikte gehörten aber immer noch nicht der Vergangenheit an. Auch in Zukunft werde es Frieden und Sicherheit nicht zum Nulltarif geben. Der Wehrdienst bleibe daher „Friedensdienst für unsere freiheitliche 363 10. Mit der Bundeswehr kam ein anderer Geist Grundordnung. Dafür danke ich Ihnen im Namen aller Bürger unseres Landes und als Mitglied der Bundesregierung.“ Weltweit erwarte man von der Bundesrepublik heute mehr internationale Verantwortung. In diesem Zusammenhang erinnerte Angela Merkel an die vielen Hilfseinsätze der Bundeswehr vom Minenräumen im Persischen Golf und der Kurdenhilfe bis hin zu aktuellen Einsätzen in Kambodscha, Bosnien und Somalia. Zu Beginn ihrer Rede hatte sie erklärt: In seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen müsse der Soldat seinem Gewissen folgen. Verpflichtung staatlicher Gewalt und Auftrag christlicher Friedensbotschaft sei es auch, die Unantastbarkeit der Würde des Menschen zu schützen. Ehrung für deutsche Soldaten jüdischen Glaubens Dieser Journalisten-Termin war für mich eine Premiere: Ich hatte zwar schon als Volontär den Jüdischen Friedhof in Leipzig besucht und darüber berichtet. Aber den bedeutenden Jüdischen Friedhof im Berliner Bezirk Weißensee – größte jüdische Grabstätte Europas – kannte ich bislang noch nicht aus eigener Anschauung. Diese Gelegenheit bot sich im Oktober 1993 mit Volker Rühe, der als erster Verteidigungsminister Deutschlands in Berlin gefallene deutsche Soldaten jüdischen Glaubens ehrte. Am Ehrenmal für die dort bestatteten 395 deutschen Juden, die im Ersten Weltkrieg an der Front ums Leben gekommen waren, legte er einen Kranz nieder. Sie gehörten zu den 12 000 Berliner Juden, die damals nicht aus dem Krieg zurückgekehrt waren. In Anwesenheit des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Jerzy Kanal, verharrte der Bundesminister in schweigendem Gedenken. Zugegen waren auch der Ge ne ral inspek teur der Bundeswehr, General Klaus Naumann, sowie weitere Mitglieder der Jüdischen Gemeinde. Der Besuch war für den Hardthöhe-Chef sechs Wochen nach Eröffnung seines Berliner Amtssitzes eine Ehrenpflicht, zumal in den 75 Jahren nach Ende des Ersten Weltkrieges kein Politiker oder Militär in dieser Funktion den Weg hierher gefunden hatte. Ein Bundeswehrmusiker intonierte das Trompetensolo „Ich hatte einen Kameraden“, das in den deutschen Streitkräften zum militärischen Trauerzeremoniell gehört. Es wurden der Kranz des Bundesministers der Verteidigung und ein Kranz der Präsidentin des Abgeordnetenhauses von Berlin an der Gedenkstätte niedergelegt. Diese war in der jetzigen Form 1923 eingeweiht worden. Anschließend informierte sich der Minister beim Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin über die Geschichte des Friedhofs, der seit 1880 besteht. Kanal berichtete, dass das Friedhofsgelände während des Dritten Reiches und zu DDR-Zeiten wiederholt Plünderungen ausgesetzt war. Der Friedhof mit seinen mehr als 115 000 Grabstätten verfügt im 364 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Gelände hunderte Kilometer Reihen- und Querwege. Die hier Bestatteten genießen ewiges Ruherecht. Dabei schildert Jerzy Kanal, dass der Friedhof ein bedeutendes Denkmal jüdischer Kultur- und Geistesgeschichte ist. Hier ruhen der Schriftsteller Kurt Tucholsky, die Verleger Samuel Fischer und Rudolf Mosse, der Journalist Theodor Wolff, der Maler Lesser Ury, der Philosoph Hermann Cohen und der Physiker Eugen Goldstein, ebenso bekannte In dustri elle und Warenhausbegründer. Ein Mahnmal am Eingangsrondell und ein Urnenfeld für viele Juden, die in Lagern ermordet wurden, erinnern an das Schicksal in der Nazi-Zeit. Zu den wenigen übrig gebliebenen persönlichen Gegenständen der deutschen Soldaten jüdischen Glaubens zählen zwei Feldgebetbücher. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zeigte sie dem Bundesminister. Rühe und General Naumann sahen sich diese antiquarischen Stücke aus dem Jahr 1915 aufmerksam an, ließen sich einzelne Texte erläutern. Sie hatten sicher den Kameraden in den schweren Stunden Mut gegeben. Mit dem Abstand eines Dreivierteljahrhunderts konnte man nur noch ahnen, was solche Worte im Krieg bedeuten. Nach der Ehrung und einem kurzen Rundgang durch die Friedhofsanlagen sagte mir Rühe: „Es ist sehr bewegend zu sehen, welche Vaterlandsliebe die Soldaten hatten, die für Deutschland im Ersten Weltkrieg gestorben sind. Und welches Schicksal dann die Juden genommen haben. Wenn man das sieht, ist einem doppelt klar, wie unfassbar die spätere Entwicklung für die jüdische Gemeinde war, auch angesichts der Bereitschaft, für Deutschland zu sterben.“ Seit 1995 arbeiten Soldaten aus den Streitkräften und Reservisten ehrenamtlich an diesen historischen Grabstätten. Sie säuberten überwucherte Gräberfelder deutscher Soldaten jüdischen Glaubens, setzten Grabstätten instand und beseitigten Unkraut. So pflegten im August 1995 35 Soldaten eine Woche lang die Gräber. Sie begradigten mit neuen Platten die alte Friedhofsmauer, beseitigen noch andere Spuren von Verwitterung. Dazu Stabsfeldwebel Joachim Zimmerlinghaus, der diesen Einsatz leitete: „Die Idee entstand, als der Verteidigungsminister vor zwei Jahren hier einen Kranz niederlegte. Er war entsetzt vom maroden Zustand der Anlagen.“ Lobende Worte für diese Arbeit fanden an diesem Tag Vertreter des Senats, des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge und der Jüdischen Gemeinde bei ihrem Besuch in Weißensee. Den Arbeitseinsatz hatten der Bundesverteidigungsminister und der Generalinspekteur mit der Jüdischen Gemeinde Berlins vereinbart. Die überlebenden jüdische Frontsoldaten waren nach 1933 ebenso wie Millionen anderer jüdischer Bürger unbarmherzigen Verfolgungen durch die Nazis ausgesetzt. Doch auch in der Politischen Bildung, beispielsweise im Jägerbataillon in Berlin-Gatow, ging es um erlebte und erlittene Geschichte. Der jüdische Zeitzeuge des Nazi-Terrors Isaak Behar, ein gebürtiger Berliner, der in seiner Heimatstadt als „Botschafter der Versöhnung“ geehrt worden war, berichtete im Oktober 1994 über seine Verfolgung sowie die Deporta- 365 10. Mit der Bundeswehr kam ein anderer Geist tion und Ermordung seiner Familie im KZ Auschwitz. Es war auch für mich eine sehr beeindruckende Gesprächsrunde, über die ich lange nachdenken musste. Eindrucksvolle Sonderschau „Schwarzburger Militär“ Im Landesmuseum Heidecksburg, einem beeindruckenden barocken Baudenkmal im mitteldeutschen Raum, hat die Sonderausstellung „Das Schwarzburger Militär 1700 bis 1914“ weit über 90 000 Besucher aus dem In- und Ausland in ihren Bann gezogen. Anhand vieler Sachzeugen (Uniformen, Waffen, Orden) konnten sie hier die Militärgeschichte der beiden Kleinstaaten Schwarzburg-Rudolstadt und Schwarzburg-Sondershausen nacherleben. Deren Truppen – so im 7. Thüringischen Infanterie-Regiment Nr. 96 – waren im 18. Jahrhundert an vielen deutschen und europäischen Kriegen beteiligt. Die Exposition als Teil eines langfristigen Forschungsprojekts zur Landesgeschichte, so Museumsleiter Horst Fleischer, „soll der Wiederherstellung der thüringischen Identität dienen, die zu DDR-Zeiten künstlich unterdrückt wurde“. Die Schau zeigt interessante Stücke aus dem Zeughaus der Schwarzburger. Deren Grafen hatten im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation Kriegsdienst getreu mittelalterlicher „Heerschildordnung“ geleistet. Da bestätigt eine Urkunde von 1453 die erste Existenz einer „Harnaschkammer“. Zudem fällt ein Kompaniewimpel vom 18. Jahrhundert ebenso wie eine historisch wertvolle Regimentsfahne auf. 1702 wurde hier der erste stehende und reguläre Truppenteil formiert, der nicht nur für die Dauer eines Feldzuges bestand. Aus der Zeit der Fürstentümer im Deutschen Bund stammten Uniformen aus grünem Rock und Filztschako sowie graue und weiße Hosen. Später trug man preußischem Schnitt: Pickelhaube und Gürtelrüstung mit einem Doppeladler auf dem Koppelschloss. Sie waren äu- ßere Zeichen des eigenen Füsilierbataillons, das von einem Offizier aus Berlin ausgebildet wurde. Mit preußischen Truppen nahmen die Schwarzburger an der Besetzung von Wiesbaden und der Beobachtung der Festung Mainz teil, ist hier weiter zu erfahren. Sie verrichteten aber auch Festungsdienst in Ko blenz. Es gibt noch anderes zu besichtigen – von den hiesigen Mannschaftsausrüstungen bis zu Prunkwaffen aus fürstlichem Besitz. Farbenprächtige Orden und Ehrenzeichen erweisen sich ebenfalls als Besuchermagnet. Ferner das Aquarell „Ritterturnier auf der Heidecksburg“, die Radierung „Der Rudolstädter Landsturm“ und das Ölgemälde eines der Schwarzburg-Fürsten in Uniform. Auch Fotos, so der Schnappschuss von der Verabschiedung eines Bataillons im August 1914 in den Ersten Weltkrieg, erinnern an ein Kapitel deutscher Militärgeschichte. Die Traditionen des Schwarz- 366 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten burger Militärs wurden von einem Regiment der Reichswehr in Eisenach und vom Rudolstädter Kavallerie-Schützen-Regiment der Wehrmacht weitergeführt. Wie Kustos Jens Henkel berichtete, ereilte diese wertvolle Sammlung nach Kriegsende glücklicherweise nicht das Schicksal anderer deutscher Kunstschätze. Aus Thüringen wurde die Rüstkammer der Wartburg 1946 mit 850 wertvollen Kunstwerken von der Sowjetarmee konfisziert und in die Sowjetunion verbracht. Dazu gehörten Waffen aus dem 12. bis 19. Jahrhundert wie Spieße, Sturmkolben, Armbrüste, Gewehre und Kanonen. Sie sind bis heute verschollen. „Bis auf wenige Verluste, so Uniformen von Mitgliedern des Fürstenhauses mit Orden und Ehrenzeichen, konnte unser Bestand geschlossen erhalten werden“, erläuterte er. Vier Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg war auf Weisung des russischen Stadtkommandanten der Abtransport der Sammlung verfügt worden. Obwohl die Landesregierung entschieden hatte, diese auf der Heidecksburg zu erhalten. Doch die Kisten mit den Waffen blieben aus ungeklärten Umständen auf dem Rudolstädter Güterbahnhof „liegen“. Sie gelangten erst 1957 wieder auf die Burg. Ab 1962 waren die inzwischen konservierten und res tau rier ten Waffen sowie andere militärhistorische Sachzeugen erneut der Öffentlichkeit zugängig. Hier handelt es sich um die einzig noch erhaltene fürstliche Zeughaussammlung in Ostdeutschland. Den Anstoß zu dieser Sonderschau gab die Deutsche Gesellschaft für Heereskunde. Hier befassen sich seit 1898 Historiker, Sammler und andere Mitglieder aus aller Welt – etwa 600 Personen – sowie Universitäten, Museen und Bibliotheken mit dieser Materie. Sie haben seit der Wiedervereinigung wiederholt in Rudolstadt getagt und wollen die Waffensammlung „Schwarzburger Zeughaus“ nach Jahrzehnten der Abschirmung weiter erforschen. Dabei knüpften die Teilnehmer an die Tradition des „Vereins für historische Waffenkunde“ an, der hier schon 1908 beraten hatte. Unterstützung, auch mit wertvollen Exponaten, kam von der Wehrtechnischen Studiensammlung des Bundesamtes für Wehrtechnik und Beschaffung in Koblenz und vom Bayerischen Armeemuseum Ingolstadt. (1994) „PotsTausend“ ohne Preußengloria Brandenburgs Metropole Potsdam, deren 1000-jährige Geschichte ganz besonders vom Militär geprägt wurde, beging das Jubiläum ohne jegliches Tschingderassabum. Wo einst Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. seine „Langen Kerls“ drillen ließ und auch später Truppenparaden und Heerschauen zum Bild der Garnisonsstadt gehörten, verzichtete die seit der Einheit Deutschlands hier ansässige Bundeswehr Ost auf militärische Demonstrationen. Stattdessen präsentierten sich die Staatsbürger in Uniform bei „PotsTausend“ mit Vorträgen und Podiumsdiskussionen zu ihrem Verteidigungsauftrag nach dem Wegfall der Ost- West-Konfrontation. Auch musikalische Auftritte wie beim Internationalen Militärmusik- 367 10. Mit der Bundeswehr kam ein anderer Geist festival im Stadion Luftschiffhafen zählten dazu. Das Militärgeschichtliche Forschungsamt der Bundeswehr präsentierte als Neuerscheinung das Buch „Potsdam – Staat, Armee, Residenz“. Die neuen Streitkräfte sahen im Verzicht auf Preußengloria und Kommisserinnerungen einen würdigen Beitrag zu den Feierlichkeiten, die täglich viele Tausende Touristen und Besucher in die Havelstadt zogen. Insgesamt wurden im Jubiläumsjahr etwa vier Millionen Gäste erwartet. Große Aufmerksamkeit kam dabei auch den wehr- und sicherheitspolitischen Veranstaltungen zu. Beispielsweise mit Hardthöhe-Staatssekretär Jörg Schönbohm – einst verantwortlich für die Auflösung der DDR-Armee und die Neuformierung gesamtdeutscher Streitkräfte im Beitrittsgebiet – zu „Perspektiven europäischer Sicherheitspolitik“ und mit Ex-Verteidigungsminister Rupert Scholz „Zur Verantwortung Deutschlands in der internationalen Friedenssicherung“. Aber auch die Podiumsdiskussion „Sicherheit nach Maß – Bundeswehr nach Augenmaß“ mit dem SPD-Politiker Egon Bahr sowie Bundestags- und Landtagsabgeordneten vertieften hier die aktuellen Debatten über die neuen Anforderungen an die deutschen Streitkräfte. Mehr noch: Gerade angesichts der Tatsache, dass noch vor wenigen Jahren in Potsdams Umgebung hochmobile Verbände des Warschauer Pakts Überraschungsschläge gegen die Bundesrepublik probten, brachten die offenen Diskussionen zu brisanten militärischen Dingen vielen Bürgern weitere Kenntnisse über die Landesverteidigung in der Demokratie. Während eines feierlichen Appells – und das war die einzige militärische Veranstaltung bei der 1000-Jahr-Feier – ehrte die Bundeswehr mit ihrem Korps und Territorialkommando Ost die Hitlergegner vom 20. Juli 1944. In der Henning-von-Tresckow-Kaserne wurde besonders der Gruppe von Offizieren aus dem damaligen Potsdamer Infanterie-Regiment 9 der Wehrmacht gedacht. Sie wirkten an der Vorbereitung des Umsturzes mit und verloren nach dessen Scheitern durch eigene oder Henkershand ihr Leben. Gerade die Kriegserlebnisse hatten Offiziere dieses Regiments, das wegen der hohen Anzahl adliger Männer in seinen Reihen seinerzeit auch „Graf 9“ genannt wurde, zu dieser Haltung geführt. Ihr Truppenteil paradierte am 21. März 1933 vor Hindenburg und Hitler, als beim Tag von Potsdam die Konservativen das Bündnis mit den braunen Machthabern besiegelten. Dem militärischen Widerstand gegen das NS-Regime wurde zudem eine Ausstellung zum Thema „Aufstand des Gewissens“ gewidmet. Das Verteidigungsbezirkskommando 84 und das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden waren die Veranstalter. In der alten preußischen Residenz, wo einst jeder dritte Einwohner Soldat war, gab es natürlich auch Stimmen, die sich „etwas mehr Militärpräsenz“ und „Vorführungen von Leopard-2-Panzern“ gerade zum Jahrtausend-Ereignis gewünscht hätten. Sie mussten sich nun, wie auch die Touristen, mit den spektakulären Exerzierübungen der „Legion der Langen Kerls“ begnügen. Das sind 45 Männer aus Potsdam und Berlin. Unter ihnen ist nur ein echter Soldat. Und wie zu Zeiten des 1740 verstorbenen Soldatenkönigs misst keiner dieser Männer weniger als sechs Fuß, also 190 Zentimeter. 368 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Vordermann in der Traditionsgarde ist ein 2,07 Meter großer Bankangestellter. In originalgetreuen Uniformen erinnern die Riesengrenadiere an Wachparaden aus vergangener Zeit. Nach eigener Auffassung verstehen sie sich nicht als Ewiggestrige oder karnevalistische Vereinigung, sondern als „Kinder des Barock“. Die „richtigen Truppen“, nämlich aus der Bundeswehr, waren laut Kommandeur Oberst Eckard Jantzen vom Verteidigungsbezirkskommando 84 trotz militärischer Zurückhaltung beim Stadt-Jubiläum mit ihrer ständigen Präsentation in Potsdam sehr zufrieden. „Die Zusammenarbeit zwischen Bundeswehr und Rathaus kann nicht besser klappen“, meinte er. Einen „Korb“ müsste man allerdings den Stadtvätern und Organisatoren von „Pots- Tausend“ geben: Zu gern hätten sie – sicher aus finanziellen Gründen – Bundeswehr-Technik für die organisatorische Absicherung der Feierlichkeiten genutzt. Dennoch halfen die Soldaten. Mit einem „Geschenk der Einheiten des Standortes an ihre Stadt“, so Jantzen, hat man bei einer Saubermann-Aktion wie schon im Vorjahr tatkräftig angepackt, damit Potsdam mit seinen vielen Sehenswürdigkeiten tausendjähriger Geschichte „noch etwas ansehnlicher wurde“. (1993) Kriegsdienstverweigerung weitestgehend unbekannt Schon bald nach der Wiedervereinigung kamen die deutschen Behörden zu einer wichtigen Erkenntnis: Kriegsdienstverweigerung und die entsprechenden Verfahren sind in den neuen Bundesländern so gut wie unbekannt. Anders in der alten Bundesrepublik: Hier machte 1990 etwa jeder zehnte Wehrpflichtige davon Gebrauch. Die Alternative – Zivildienst. Diese Kategorie junger Wehrpflichtiger hatte es in der DDR besonders schwer, den Dienst an der Waffe zu verweigern. Meist lagen religiöse Gründe vor. Ansonsten musste man schon, wie kriegserfahrene Väter ihrem Nachwuchs mit Erinnerungen an die eigene Einberufung zur Wehrmacht sagten, „den Kopf unter dem Arm tragen“, um sich dem Wehrdienst in der Nationalen Volksarmee zu verweigern. Wer dennoch nicht pünktlich zur Einberufung beim Wehrkreiskommando oder in der Kaserne erschien, wurde von der Volkspolizei abgeholt. Auch Gefängnisstrafen drohten laut DDR-Gesetz. West-Berliner und Bundesbürger kannten sich mit dieser Thematik bestens aus. Das erfuhr ich im Januar 1990 auf einer Pressekonferenz mit Totalverweigerern des Wehrdienstes aus Ost- und Westdeutschland in der Umwelt-Bibliothek der Ost-Berliner Zionsgemeinde, wohin sich auch ein bekannter Totalverweigerer der Bundesrepublik geflüchtet 369 10. Mit der Bundeswehr kam ein anderer Geist hatte. Da noch die DDR mit ihren Grenzen existierte und die West-Berliner Justiz hier nicht aktiv werden konnte, habe er sich „gut verkleidet“, um in den Osten zu kommen. Zu den Teilnehmern der Pressekonferenz gehörte Renate Künast von der Alternativen Liste. Und so war das, worüber das Bundesamt für Zivildienst nach der Wiedervereinigung in Berlin informierte, für viele junge Männer eine echte Alternative zum Militärdienst. 1991 stellte sich dieses Bundesamt mit Sitz in Köln und einer Leitungsgruppe in der Hauptstadt hier erstmals der Öffentlichkeit vor. Dazu noch einige Informationen aus diesem Pressegespräch. So hatten vom Januar bis April 1991 im gesamten Bundesgebiet über 80 000 Wehrpflichtige einen Antrag auf Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer (KDV) gestellt. Davon stammten etwa 7 000 von Wehrpflichtigen aus den neuen Bundesländern. Der Anteil der Ungedienten lag hier bei zirka 54 Prozent (3 783 Personen). Zur Erinnerung: Die bisher höchste Antragszahl (77 432) war in der alten Bundesrepublik im Jahr 1989 registriert worden. Bei Gesprächen mit Wehrpflichtigen und interessierten Bürgern im Osten sei festzustellen, dass das seit dem 3. Oktober 1990 auch hier geltende KDV-Recht und die Praxis des Anerkennungsverfahrens ziemlich unbekannt sind beziehungsweise falsche Informationen vorliegen. So der Sprecher des Bundesamtes. „Darüber hinaus werden Wehrpflichtige nicht selten von sogenannten Fachleuten falsch informiert und beraten.“ Jedenfalls bemühe sich seine Behörde im Rahmen der Möglichkeiten, „dieses Informationsdefizit durch entsprechende Sachinformationen abzubauen“. Dies geschehe beispielsweise mit der Teilnahme an Informationsveranstaltungen an Schulen und anderen Gesprächskreisen von Jugendorganisationen, Kirchen, Parteien und Behörden. Seine Bitte: Wehrpflichtige aus dem Osten mit Fragen zu diesem Thema und Veranstalter von Informationsgesprächen zur Kriegsdienstverweigerung/Zivildienst sollten sich künftig an die in Berlin ansässige Leitungsgruppe wenden. Und überhaupt: Ein Antrag auf Anerkennung als KDV könne zu jeder Zeit gestellt werden – also vor der Einberufung als Soldat und auch als Reservist. Dieses Schreiben sei an das für den Wohnsitz des Wehrpflichtigen zuständige Kreiswehrersatzamt – von Aschersleben bis Zwickau gab es 26 solcher Ämter – zu richten. Sicher machte davon so mancher junge Mann zwischen Ostsee und Erzgebirge Gebrauch. Dennoch meldeten sich zwischen 1991 und 1996 etwa 30 000 ungediente Ostdeutsche im Zentrum für Nachwuchsgewinnung in Berlin-Grünau für eine längere Dienstzeit in der Bundeswehr. Mehr als 12 200 Bewerber, darunter auch Frauen für den Sanitäts- oder Musikerdienst, wurden davon eingestellt. Als Bewerber für den Offiziersberuf schickten weitere 12 000 junge Leute ihre Unterlagen zur Offiziersbewerberzentrale nach Köln oder für die Marine nach Wilhelmshaven. Wie man nicht nur an diesen Zahlen ablesen konnte, zählten jetzt die gesamtdeutschen Streitkräfte sowohl zu den größten als auch zu den attraktivsten Arbeitgebern Deutschlands. 370 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten „Kalinka“ und „Hava Nagila“ im neuen Liederbuch In der gesamtdeutschen Bundeswehr durfte wie einst in der Nationalen Volksarmee mit „Kalinka“ eines der bekanntesten russischen Volkslieder gesungen werden. Text und Noten fanden die Soldaten seit 1991 im neuen Liederbuch der Streitkräfte. Es wurde unter dem Titel „Kameraden singt!“ in 150 000 Exemplaren über den „Vorschriften-Verteiler“ in die Truppe ausgeliefert. Zuvor gab es ab 1963 das Liederbuch „Hell klingen unsre Lieder“. Zur neuen Musik für den Gesang im Dienst und in der Freizeit der deutschen Streitkräfte zählte weiterhin der israelische Song „Hava Nagila“. Auch „We shall overcome“ der amerikanischen Folk-Bewegung wurde zum Singen bei Märschen oder am Kompanieabend angeregt. Unter den 120 Titeln des neuen Liederbuches fanden die Angehörigen von Heer, Luftwaffe und Marine nicht nur Neues, sondern auch „Bewährtes“ und „Bekanntes“ aus alten Zeiten. Neben der Nationalhymne gehörten Lieder wie „Schwarzbraun ist die Haselnuss“, „Siebzehn Mann auf des toten Mannes Kiste“ für die Matrosen und das „Panzerlied“ dazu. Grafische Hilfen in dem 192-Seiten-Bändchen sollten den Gitarristen und Keyboardspielern das „Mitklampfen“ erleichterten. Laut Bundesministerium wurde das Liederbuch vom Verteidigungsausschuss des Bundestages „inhaltlich“ abgesegnet. Die Abgeordneten fügten den Vorschlägen der Bundeswehr einen weiteren, aus ihrer Sicht „truppentauglichen Titel“ hinzu: „So ein Tag – so wunderschön wie heute“. Anderthalb Jahrzehnte später hat das Verteidigungsministerium die Ausgabe dieses Liederbuches gestoppt. Besonders in der Kritik standen Stücke wie „Schwarzbraun ist die Haselnuss“, das „Panzerlied“ oder „Das Westerwaldlied“, meldete Der Spiegel am 12. Mai 2017. Sie seien dem Ministerium zufolge in der NS-Zeit und während des Zweiten Weltkriegs als Ausdruck „nationalsozialistischer Überhöhung“ missbraucht worden. Zudem finden sich in dem Liederbuch Kompositionen und Texte von NS-Ideologen. Das Liederbuch der Bundeswehr ist nicht mehr zeitgemäß. Das meint auch Dr. Dr. Michael Fischer, Direktor des Zentrums für Populäre Kultur und Musik, gegenüber dem Online- Magazin der Universität Freiburg. Im Rahmen des kritischen und sensiblen Umgangs mit den Inhalten sei erkannt worden, dass einige Textpassagen nicht mehr dem aktuellen Wertverständnis entsprechen. „Das ist eine gewaltige Untertreibung. 90 Prozent der Textpassagen in diesem Buch sind unpassend und peinlich.“ Es gebe einen nicht leicht aufzulösenden Spagat: „Das Liederbuch ist eine Veröffentlichung der Bundeswehr, herausgegeben vom Bundesverteidigungsministerium. Deshalb muss es hohen normativen Ansprüchen genügen. Der Verwendungszweck ist aber, dass Soldaten zusammensitzen, Geselligkeit pflegen, sich unterhalten.“ Also wolle man ihnen Lieder anbieten, die ihre Lebenswelt – neutral formuliert: das Soldatische – widerspiegeln. „Das sind widerstreitende Interessen, und diese Schwierigkeit muss man bei aller berechtigten Kritik sehen.“ Damit stelle sich die Frage, ob ein solches Liederbuch überhaupt sinnvoll sei. 371 10. Mit der Bundeswehr kam ein anderer Geist Denn schon den Ansatz, das Singen militärisch anzuordnen, hält der Literaturwissenschaftler für fragwürdig: „Musische Betätigung sollte immer spontan und freiwillig sein.“ Entzündet hat sich die Debatte an Liedern, die im nationalsozialistischen Kontext entstanden oder rezipiert worden sind. Es sei aber nicht damit getan, einzelne Lieder aus dem Buch zu entfernen, sagt Fischer. „Anklänge an den Nationalsozialismus oder an die Wehrmacht finden sich auch in anderen Liedern.“ Eine Strophe beginnt mit der Wendung: ‚Die Reihen fest geschlossen‘ – die auch im so genannten Horst-Wessel-Lied vorkommt. „Ebenso fehl am Platz sind kolonialistische Inhalte: ‚Wie oft sind wir geschritten auf schmalem Negerpfad‘ mit dem Refrain ‚Heia, Safari‘. Diese Art von Humor sollte eigentlich vorbei sein.“ Darüber hinaus vermittle das Buch an vielen Stellen überholte Vorstellungen von Heimat, Geschlecht, Mann- und Wehrhaftigkeit, ergänzt um Fastnachts- und  Stimmungsschlager wie „Es gibt kein Bier auf Hawaii“ sowie Volkslieder. „In ‚Hoch auf dem gelben Wagen‘ lautet eine Strophe: ‚Postillion in der Schenke füttert die Rosse im Flug, schäumendes Gerstengetränke reicht uns der Wirt den Krug‘. Ich weiß nicht, was 20-jährige Menschen heutzutage mit solchen Texten anfangen sollen.“ (2017)

Chapter Preview

References

Abstract

With the end of the GDR and Germany's unification three decades ago the National People's Army also stopped being a force. A part of their soldiers now served under the banner of their former opponent. On the "Retreat" from the Cold War between East and West mastered the Bundeswehr this human and military mission: the army of unity became

to the army of all Germans. Never before has the military peacefully achieved so much!

The accession area became a pilot for the new army structure. A smaller air force secured the airspace. For the German Seenation went the course change towards "unlimited horizon". In the Bundeswehr were Scharnhorst visions, whose tomb on the Invalidenfriedhof in Berlin again shines in the old glory, reality – army as alive part of a state, soldier service an honor service. The new armed forces took Europe's commitment to peace and democracy, too international

responsibility for peacekeeping operations. and conflict resolution.

Zusammenfassung

Mit dem Ende der DDR und Deutschlands Wiedervereinigung vor drei Jahrzehnten hörte auch die Nationale Volksarmee auf, eine Streitmacht zu sein. Ein Teil ihrer Soldaten diente nun unter der Fahne des einstigen Gegners. Auf dem „Rückzug“ vom Kalten Krieg zwischen Ost und West meisterte die Bundeswehr diese menschliche und militärische Mission mit Bravour: Die Armee der Einheit wurde zur Armee aller Deutschen. Nie zuvor hat Militär friedlich so viel erreicht. Das Beitrittsgebiet bekam Pilotcharakter für die neue Heeresstruktur. Eine kleinere Luftwaffe sicherte den Luftraum mit Air Policing und Flugabwehr. Trotz Schlankheitskur ging der Kurswechsel für die deutsche Seenation mit dem Welthandel in Richtung „unbegrenzter Horizont“. In der Bundeswehr wurden Scharnhorst-Visionen, dessen Grabmal auf dem Berliner Invalidenfriedhof wieder in altem Glanz erstrahlt, Realität: Armee als lebendiger Teil eines Staates, Soldatendienst ein Ehrendienst. Peter Heinze widmete sich seit dem Tag der Deutschen Einheit besonders der Bundeswehr im Beitrittsgebiet. Mit dem Ende des Kalten Krieges verfolgte der ostdeutsche Journalist den Abzug russischer Truppen als größte Militärbewegung im Nachkriegseuropa und die internationale Abrüstung unter der Devise „Vertrauen gegen Vertrauen“. Der vorliegende Band versammelt seine Erfahrungen und Erkenntnisse der letzten 30 Jahre und bietet so einen ebenso fundierten wie persönlichen Überblick über die Wiedervereinigung in der nun gesamtdeutschen Armee.