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9. Würdiger Beitrag zum Einheitsprozess in:

Peter Heinze

Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten, page 333 - 356

Ein Journalist erlebte die Armee der Einheit

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4410-0, ISBN online: 978-3-8288-7411-4, https://doi.org/10.5771/9783828874114-333

Tectum, Baden-Baden
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333 9. Würdiger Beitrag zum Einheitsprozess Die Bundeswehr ist heute von der Ostsee bis zum Elbsandsteingebirge mit 45 000 Soldatinnen und Soldaten sowie 17 000 zivilen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern präsent. Bisher haben weit mehr als 600 000 junge Männer und Frauen aus den neuen Ländern ihren Dienst in den Streitkräften geleistet. Ob an der Marineschule in Parow oder der Offiziersschule des Heeres in Dresden – auch Führernachwuchs aus ganz Deutschland wird in den neuen Bundesländern ausgebildet. Zudem wurden hier durch die gesamtdeutschen Streitkräfte Tausende von Arbeits- und Ausbildungsplätzen geschaffen. Und viele Soldaten aus den westlichen Bundesländern siedelten gemeinsam mit ihren Familien in die neuen Länder um. Das galt ebenso in die andere Richtung. Jedenfalls sind Soldaten mit ihren Familien fest „verankert“ in ostdeutschen Städten und Gemeinden. Zu Recht haben sie sich in all den Jahren als wichtigen Teil des gemeinsamen Aufbauwerks gesehen. Fest steht: Die Bundeswehr hat zu dieser Zeit den größten Wandel ihrer Geschichte erfahren. Sie musste um fast die Hälfte reduziert werden, baute im Osten neue Truppenteile auf. Zudem übernahmen deutsche Streitkräfte im Auftrag der Vereinten Nationen weitere internationale Aufgaben. Kurzum – nicht nur zu Hause, auch in anderen Regionen sicherten sie den Frieden. Aus der Armee der Einheit, die der Armee der Demokratie gefolgt war, wurde die Armee im Einsatz. Das begann mit dem UNO-Einsatz in Kambodscha oder mit der logistischen Unterstützung im Irak-Krieg 1991 mit Bundeswehr-Einheiten im Mittelmeer. Dabei leisteten die Streitkräfte wie keine andere Institution in Deutschland einen so erfolgreichen Beitrag zur Integration zwischen Ost und West. „Die Bundeswehr trägt keine Verantwortung für die Verbrechen der Vergangenheit und sie hat vor allem mit Säbelrasselei nichts zu tun“, sagte Bundespräsident Roman Herzog. „Unsere Bundeswehr steht dafür, dass sich die schlimmen Kapitel unserer Geschichte nie wiederholen. Sie steht für ein demokratisches und weltoffenes Deutschland, für die Achtung und Verteidigung der Menschenrechte und für den Wunsch nach Frieden in Europa und in der Welt.“ Wie das so in der Truppe im Osten „langgeht“, schilderte der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium, Bernd Wilz, auf einer Veranstaltung in Berlin-Lichtenberg. Von diesem Zusammenwachsen zeuge auch die Übernahme der Soldaten der Nationalen Volksarmee. Deshalb werde von den Verbündeten oft gefragt, „wie habt 334 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten ihr es denn eigentlich gemacht, die ehemals gegnerische Armee nahezu geräuschlos in euch aufzunehmen. Wenn alle Bereiche so kreativ und mit so viel Idealismus gearbeitet hätten, dann wären wir auf manchen Gebieten schon weiter, als das heute der Fall ist.“ Fakt sei gewesen: „Es gab keine erkennbaren Widerstände unter den neuen Soldaten.“ Auf den Umfang der Bundeswehr in den neuen Ländern angesprochen, meinte Wilz, dass man die Verpflichtung – Verbände und Einrichtungen mit etwa 60 000 Soldaten – halten wolle. Allerdings mussten „manche Dinge auf der Zeitachse verschoben werden“. Für die künftige Heeresoffiziersschule sei es „ein großes Opfer“, wenn dazu Lehrgruppen in Hannover und München geschlossen werden müssen. „Aber dies ist ein wichtiges Signal in die neuen Länder, wenn diese Einrichtung nach Dresden verlegt wird.“ Der langjährige Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP), ein gebürtiger Hallenser, der sich zu Zeiten des Kalten Krieges große Verdienste um die Wiedervereinigung und die internationale Abrüstung erworben hat, würdigte vor Soldaten der Panzergrenadierbrigade 41 in Eggesin den Weg zur Armee der Einheit als ein ganz ungewöhnliches Kapitel in der deutschen Geschichte. „Nichts verbindet so sehr, wie das intensive Zusammenleben und Zusammenarbeiten junger Menschen. Dabei bringen die jungen Soldaten aus den neuen Bundesländern wie aus den alten die Erfahrungen ganz unterschiedlicher Entwicklungen in den Dienst ein.“ Das war schon ein großes Lob von einem Nicht-Militär. Eine überaus erfolgreiche Bilanz nach 20 Jahren der Armee der Einheit zogen ehemalige Politiker und Militärs im September 2010 auf der 51. Internationalen Tagung Militärgeschichte „Auf dem Weg zur Wiedervereinigung: Die beiden deutschen Staaten in ihren Bündnissen 1970–1990“ des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes in Potsdam. Die Konferenz ging der Frage nach, wie es – entgegen allen Erwartungen – zur Wiedervereinigung Deutschlands kommen konnte. Zum Aufzeigen neuer Perspektiven für die Forschungsdebatte trug auch die rege Beteiligung der eingeladenen Zeitzeugen bei – so der letzte Ministerpräsident der DDR, Lothar de Maizière, der letzte Minister für Nationale Verteidigung der DDR, Theodor Hoffmann, der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr und frühere Vorsitzende des Nato-Militärausschusses, General a.D. Klaus Naumann, der frühere Vize-Kanzeramtschef Prof. Dr. h.c. Horst Teltschik sowie Staatssekretär a.D. Werner E. Ablaß. Ebenso international renommierte Wissenschaftler von der Pariser Sorbonne, der Harvard University, von der tschechischen und der polnischen Akademie der Wissenschaften. 335 9. Würdiger Beitrag zum Einheitsprozess Schönbohm: Jetzt zeitgemäße Menschenführung Mit dem Aufbau der Bundeswehr in den neuen Ländern leisten die Streitkräfte und ihre Angehörigen einen wichtigen Beitrag zur Vollendung der inneren Einheit Deutschlands. Das stellte der Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium Jörg Schönbohm zum Tag der Deutschen Einheit fest. Am 3. Oktober 1990 hatte er in Strausberg nach dem Ende der NVA als Befehlshaber das Bundeswehrkommando Ost übernommen. „Wenn heute etwa 50 000 Soldaten der Bundeswehr in den neuen Ländern dienen, so erfahren, lernen und praktizieren sie die Führungsgrundsätze und den Umgang miteinander in einer Armee der Einheit, die auch eine Armee der Demokratie ist“, sagte er mir. „Besonders die Allgemeine Wehrpflicht und die Konzeption der Inneren Führung bringen junge Menschen in den deutschen Streitkräften zusammen, lassen sie zeitgemäße Menschenführung erleben.“ Dabei würden in ganz beträchtlichem Maße Wissen und Bewusstsein über Werte und Institutionen des Rechtsstaates vermittelt. Auch die neuen Mitbürger im Beitrittsgebiet lernten mit der Bundeswehr andere Streitkräfte als die Nationale Volksarmee, „eine Armee sozialistischen Typs und ein Instrument des kommunistischen Staates“, kennen, berichtete der Generalleutnant a.D. „Die Zusammenarbeit mit Kommunen und Ländern, Bildungseinrichtungen und Bürgern wurde überall zur Selbstverständlichkeit oder sie ist auf dem Wege dorthin. Die Bundeswehr leistet eine unkonventionelle, schnelle und wirksame Hilfe beim Aufbau der Garnisonen. Das Vertrauen in sie als Armee eines demokratischen Staates wächst.“ Doch nicht nur für das Zusammenwachsen im eigenen Land hatten die neuen gesamtdeutschen Streitkräfte große Bedeutung, „sondern auch für das gegenseitige Verständnis mit unseren Nachbarn“. So kamen schon sehr bald in grenznahen Garnisonen deutsche Soldaten mit polnischen und tschechischen Kameraden zusammen. Heute treffen sie sich im Rahmen von Austauschprogrammen und des Nato-Programms „Partnerschaft für den Frieden“. „Auch hier entsteht gegenseitiges Verständnis, das für unsere künftigen Kooperationsbeziehungen mit den Streitkräften eine wesentliche Grundlage ist.“ „Pionierarbeit“ sei von der Bundeswehr in all den Jahren auch bei der Unterstützung des Abzugs der russischen Truppen aus Deutschland geleistet worden. Die russischen Soldaten haben Deutschland aufrecht und in Würde verlassen können. Die Verabschiedung der Westgruppe am 31. August in Berlin, „der wir nicht mit Wehmut nachblicken“, markiere „einen neuen Anfang und nicht das Ende deutsch-russischer Beziehungen“. Denn in Europa gebe es keine Sicherheit und Stabilität gegen oder ohne Russland. Mit dem Beitritt Russlands zur „Partnerschaft für den Frieden“ sei ein erster Schritt zum Aufbau partnerschaftlicher Beziehungen getan worden. Auf persönliche Erlebnisse in der Ex-DDR angesprochen, erinnerte Schönbohm an seinen ersten Appell im ehemaligen Ministerium für Abrüstung und Verteidigung und Sitz des Bundeswehrkommandos Ost. „Wir kommen nicht als Sieger zu Besiegten, sondern als 336 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Deutsche zu Deutschen. Wir wollen gemeinsam die Zukunft gestalten in Kenntnis der Vergangenheit“, habe er damals erklärt. „Und das ist heute noch genauso aktuell.“ Dieser „tragfähige Weg für eine gemeinsame Perspektive“ sei von vielen Berufs- und Zeitsoldaten der DDR-Armee „mit Achtung und Respekt mit beschritten worden“. Das habe sich bei der Auflösung der NVA und beim Aufbau der neuen Streitkräfte zwischen Ostsee und Erzgebirge „sehr positiv auf die Gesamtentwicklung ausgewirkt“, da so jederzeit die Führungs- und Funktionsfähigkeit der Truppenteile trotz starker Abgänge Tausender Armeeangehöriger gewährleistet war. „Aber auch der damalige Einsatz von Offizieren und Unteroffizieren aus dem Westen, ihr kameradschaftliches Verhalten und ‚Fingerspitzengefühl‘ gerade in schwierigen Situationen trugen zur Stabilisierung der verbliebenen Einheiten bei. Sie brachten einen neuen Führungsstil von der ‚alten‘ Bundeswehr mit, der keinen Unterschied zwischen ‚Soldat Ost‘ und ‚Soldat West‘ machte. Im Gegenteil. Das wird damals wie heute in der Truppe voll akzeptiert und hat viele Menschen einander nähergebracht.“ Die „Armee der Einheit“ gehöre, so Schönbohm, mit zu den erfolgreichsten Leistungen im Einigungsprozess. (1994) Erste ostdeutsche Generale Die Übernahme in die Bundeswehr zum 3. Oktober 1990 bedeutete für fast alle Offiziere aus der ehemaligen DDR zunächst eine Degradierung. Mindestens ging es um einen, manchmal auch um zwei Dienstgrade abwärts. So wurden aus NVA-Stabsoffizieren wie Oberstleutnant oder Major wieder Hauptleute, die nun kein Regiment, sondern ein Bataillon oder eine Kompanie zu führen hatten. Wer sich also mit dieser Berufserfahrung beim Bund als Soldat auf Zeit für die nächsten zwei Jahre beworben hatte, musste das so hinnehmen, wie es war. Denn in der Volksarmee gab es im Verhältnis zur Truppe zu viele Offiziere. Und die Bundeswehr musste, auch personell, abrüsten. Vor diesem Hintergrund diskutierten damals ost- und westdeutsche Journalisten, ob denn überhaupt „einer von hier“ künftig bei der Bundeswehr General werden könnte. Und wann? Wetten wurden keine abgeschlossen. Aber einem jungen Offizier mit NVA-Dienstzeiten traute man das frühestens in 15 bis 20 Jahren zu. Etwas später hätte sich dann eine solche Chance den jungen Männern aus dem Osten geboten, die sich seinerzeit beim Bund an einer Offiziersschule bewarben. Bei all den Überlegungen war aber immer nur von außerordentlich einsatzbereiten und hoch qualifizierten Männern die Rede. Auch mit viel Stehvermögen, was den Zeitraum ihrer Karriereplanung im „zweiten Leben“ nach dem Ende der NVA anbetraf. Angesichts der großen personellen Konkurrenz in den nun gesamtdeutschen Streitkräften mit anfangs etwa 600 000 Soldaten sahen die Chancen für solch eine hohe Dienststellung mit goldenen Schulterstücken für einen Bundesbürger aus der ehemaligen DDR eigentlich gar nicht so rosig aus. Zu frisch waren noch die Debatten im Gedächtnis vieler Westdeutschen, ob man denn überhaupt Vorgesetzten „aus dem SED-Regime“ die demokratisch 337 9. Würdiger Beitrag zum Einheitsprozess erzogenen Rekruten aus den alten Bundesländern „zumuten“ könne. Aber auch der Tenor: „Probieren wir es mit denen, die sich ernsthaft um einen Neuanfang bemühen!“ machte die Runde. Und das war richtig so, wie das Zusammenwachsen von Soldatengenerationen aus Ost und West seit dem „Gründungstag“ der gesamtdeutschen Streitkräfte gezeigt hat. Mit dieser Entscheidung im Bundesministerium der Verteidigung gab es 2014 in der Bundeswehr zwei ostdeutsche Generale: Eine Frau Doktor aus Berlin. Korrekt handelte es sich um Frau Generalarzt Dr. Erika Franke. Und um Brigadegeneral Gert Gawellek, in Plauen (Vogtland) geboren. Ihm hat die Bundesministerin der Verteidigung, Ursula von der Leyen (CDU), die Ernennungsurkunde überreicht. Gewissermaßen den Gleichberechtigungs-Spuren weniger anderer Frauen in der Bundeswehr folgte damals Dr. Franke. Gerade angesichts der großen personellen Konkurrenz ab 1990 in den Streitkräften sahen für einen „Bundesbürger mit DDR-Vergangenheit“ die Chancen für einen solch spektakulären Dienstposten gar nicht so rosig aus. Denn wie in der deutschen Medizin im Allgemeinen – so die Drehbücher mancher Fernsehserien – war auch beim Sanitätsdienst der Bundeswehr der Weg für die Fachärztin für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie in eine verantwortungsvolle Position gar nicht so einfach. Die Mutter von zwei Kindern, die liebend gern Chirurgin geworden wäre, wurde 1990 als Oberfeldarzt in die Bundeswehr übernommen: Zuerst als Leiterin der Laborabteilung I – Medizin und stellvertretende Institutsleiterin am Zentralen Institut des Sanitätsdienstes der Bundeswehr in Berlin. Es folgten Auslandseinsätze auf dem Balkan: Zuerst in Bosnien-Herzegowina, dann im Kosovo, wo sie „viel menschliches Leid erleben musste“. Ihre weiteren Stationen waren mit Führungsaufgaben im Sanitätsamt Bonn und München, beim Einsatzführungskommando in Potsdam sowie am neu geschaffenen Institut für den Medizinischen Arbeits- und Umweltschutz der Bundeswehr in der Hauptstadt verbunden. Laut Amtschef des Sanitätsamtes der Bundeswehr habe hier Frau Dr. Franke als Leiterin „praktisch von Null“ an die materiellen und infrastrukturellen Grundlagen des Instituts aufgebaut. Es sei ihr „hervorragend gelungen, ein erfolgreiches Team zur zielgerichteten Auftragserfüllung zu bilden“. 338 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Immerhin handelte es sich hier um das Kompetenzzentrum des Sanitätsdienstes der Bundeswehr für die wissenschaftliche Bearbeitung wehrmedizinischer Fragestellungen aus Arbeitsmedizin, Umweltmedizin und Umwelthygiene. Vor allem ging es um militärspezifische Methoden und Verfahren zur Prophylaxe, Diagnostik und Therapie, auch um die Begutachtung und Verifikation arbeits- und umweltbedingter Gesundheitsstörungen bei Bundeswehrsoldaten im In- und Ausland. Da bekanntlich Soldaten unter besonderen Bedingungen rund um die Uhr und sieben Tage in der Woche im Dienst sind, verlangt die Bewertung dieser gesundheitlichen Belastungen ein anderes Herangehen als in der Wirtschaft. Doch Dr. Franke, die später noch den Abschluss als Gesundheitsökonom erwarb, verdankte diesem Aufstieg beim Bund in einer ausgesprochenen Männerdomäne nicht nur ihrem fachlichen Können und ihrer persönlichen Ausstrahlung. „Man braucht manchmal ein dickes Fell und darf nicht aufstecken.“ Sie war eben auch 1990 als Chefärztin des Instituts für Mikrobiologie am damaligen Polizei-Krankenhaus „am richtigen Ort“. Denn per 30. September ging das Gebäude in der Berliner Scharnhorststraße samt Personal vom damaligen DDR-Innenministerium in die Liegenschaften und Verantwortung der NVA über. Ihr oberster Dienstherr war zumindest bis zum 2. Oktober, 24 Uhr, der Minister für Abrüstung und Verteidigung, Rainer Eppelmann. Schon nach dem Studium an der Humboldt-Universität musste Erika Franke als Assistenz- , Fach- , Ober- und Chefärztin am Ost-Berliner Polizeikrankenhaus von Mal zu Mal dazulernen. Der Mauerfall habe hier „allen Beschäftigten Monate der Ungewissheit und Unsicherheit“ gebracht, erinnerte sie sich. „Doch nicht nur die Verantwortung für kranke Menschen, sondern auch die fachlichen Fähigkeiten waren dann bei der Bundeswehr gefragt.“ Zur engen Zusammenarbeit „mit den neuen Kameraden aus dem Westen“ kam so mancher freundschaftliche Kontakt, der auch heute noch besteht. Wenn ich also an die einstigen Debatten über die Ost-West-Thematik in der Bundeswehr zurückdenke, dann hätte ich 2006 noch nicht mit einer „Frau Doktor“ im Generalsrang gerechnet. Sie ist damit zugleich in der deutschen Militärgeschichte nach Dr. Verena von Weymarn – einst in der Luftwaffe der Bundeswehr eine sehr geschätzte Ärztin und Soldatin, inzwischen pensioniert – die zweite Frau General. Das hätte sich die Abiturientin der Oberschule Oranienburg bei Berlin 1972 nie träumen lassen. Ihre Zeit als Chefärztin vom Ulmer Bundeswehrkrankenhaus hat sie als ihre „spannendste Phase“ in Erinnerung. „Da sein, wo Wertschöpfung passiert. Mit vielen hervorragenden Klinikern.“ Im April 2016 ging sie als erste Frau der Bundeswehr mit dem Dienstgrad eines Zwei-Sterne-Generals in den Ruhestand. Das andere Beispiel: Seit der Wiedervereinigung mussten tatsächlich 24 Jahre vergehen, bis es ein ostdeutscher Truppenkommandeur in der Bundeswehr zum General brachte. Es war der Kommandeur der Oldenburgischen Luftlandebriga- 339 9. Würdiger Beitrag zum Einheitsprozess de 31, Gert Gawellek, ein weiterer der mehr als 3 000 von der Bundeswehr aus der NVA- „Hinterlassenschaft“ übernommenen Offiziere. Angesicht seiner hervorragenden Leistungen im demokratischen Umfeld der gesamtdeutschen Streitkräfte hatte ich eine solche Ernennung eher erwartet. Das hätte der Bundeswehr im Beitrittsgebiet schon damals Steigerungspunkte in der Beliebtheitsskala beim Zusammenwachsen Deutschlands eingebracht. Das war im Bundesverteidigungsministerium mit dem Dank für seine militärischen Leistungen im In- und Ausland sowie mit der Hoffnung auf weitere treue Dienste für das Vaterland verbunden. Die Freude über diesen Höhepunkt in seiner fast schon spektakulären Karriere im Westen, auch an der Seite von Nato-Partnern, sah man dem gebürtigen Sachsen dann auf allen Fotos in den Zeitungen an. Die NVA-Uniform trug Gawellek ab 1978 als Offiziersschüler der Landstreitkräfte in Löbau, nicht weit von seiner Heimatstadt. Als sportlicher Typ hatte er sich nicht für eine Laufbahn bei der Luftwaffe oder Raketentruppen oder Volksmarine entschieden, was allgemein unter jungen Berufssoldaten sehr beliebt war. (Meist wegen der modernen Militärtechnik.) Er zog die Ausbildung in der Sektion 02 für die künftigen Kommandeure unter den Motorisierten Schützen, damals auch mit besonders viel körperlicher Bewegung im Gelände, vor. Er blieb dann auch bei seinem Ausbildungsziel mit dem Einsatz in Einheiten der Aufklärung und der Fallschirmjäger, da er es in dieser Truppe als Vorgesetzter oft mit „harten Jungs“ zu tun hatte. Er beendete 1982 das Studium als Hochschulingenieurökonom und diente in mehreren Führungsfunktionen in Mot. Schützenregimentern. In seiner letzten Verwendung vor der Einheit musste er wieder die „Schulbank“ drücken – beim Studium an der Frunse-Militärakademie in Moskau. Hier stand die Taktik im Vaterländischen Krieg im Mittelpunkt. Als er zurückkehrte und den Umbruchprozess in der DDR miterlebte, sagte er: „Man sitzt quasi vor den Trümmern seines Lebens.“ Nach der Wiedervereinigung war er als Bundeswehr-Offizier in Weißenfels in der Heimatschutzbrigade 38 eingesetzt und als Kompaniechef im Panzeraufklärungsbataillon 3 in Lüneburg. An der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg belegte er von 1996 bis 1998 den Generalstabslehrgang. Danach wurde er Stabsoffizier bei der Luftlandebrigade 31 in Oldenburg. Mit Soldaten dieser Brigade leistete er ab 1998 seinen Dienst im Rahmen der SFOR-Mission in Bosnien-Herzogowina. Weitere Einsatz-Stationen waren von 2000 bis 2002 als Kommandeur der Einsatzkräfte im Kommando Spezialkräfte und als solcher maßgeblich am Kampfeinsatz des KSK im Rahmen der Combined Joint Special Operations Task Force gegen die Taliban in Afghanistan beteiligt. Diese Einheit wurde 2004 von US-Präsident George W. Bush mit der Presiden- 340 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten tial Unit Citation für „außerordentlichen Mut, Einfallsreichtum und aggressiven Kampfgeist im Gefecht gegen einen heimtückischen terroristischen Feind“ ausgezeichnet. Danach arbeitete Gawellek als Referent im Bundesverteidigungsministerium und leitete die Gruppe Grundlagen der Division Spezielle Operationen in Regensburg. Ab 2007 diente er wieder im Kommando Spezialkräfte als dessen stellvertretender Kommandeur. Nach weiteren Tätigkeiten wurde er 2013 Kommandeur der Luftlandebrigade 31 in Oldenburg. Auch aufgrund seiner ausgezeichneten Kenntnisse über das russische Militär und deren Sprache sollte der Brigadegeneral ab 2015 den Posten als Militärattaché in der Deutschen Botschaft in Moskau antreten. Ohne Angabe von Gründen verweigerten die dortigen Behörden sein beantragtes Visum. Außenpolitiker sahen daran eine Vergeltungsmaßnahme, nachdem die Bundesrepublik die Einreise eines russischen Generals abgelehnt hatte. Nach meiner Ansicht waren die Militärs in Moskau nicht daran interessiert, einen ehemaligen NVA-Kursanten, nun auf der „anderen Seite“ und verbündet mit der Nato, in dieser Position unter seinen ehemaligen Waffenbrüdern und Studienkollegen zu erleben. Ab 2016 nimmt Gawellek mit seinen Erfahrungen bei der Führung von multinationalen Truppenkörpern den Dienstposten als General Flugbetrieb Heer bei der Division Schnelle Kräfte ein. Sein vorgesetzter Kommandeur, Generalmajor Andreas Marlow, freute sich auf die „waschechte Fallschirmjägerkompetenz“. Und so ganz nebenbei ist Gawellek heute Standortältester im hessischen Stadtallendorf, unweit von Marburg. Dass aus dem Osten Deutschlands auch so mancher bewährte „Herr General“ der alten Bundeswehr (Helge Hansen aus Dresden, Jörg Schönbohm aus Neu-Golm oder Jürgen Höche aus Berlin) stammt, sollte hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt werden. Das aber kann keinesfalls die Verdienste von Dr. Erika Franke und Gert Gawellek beeinträchtigen. Sie haben in ihren Laufbahnen im vereinten Deutschland mit Kompetenz und Leistung überzeugt. „Gottverfluchtes Drecknest“ wurde Garnison Keine Stadt in Deutschland hat wohl eine so wechselvolle Militärgeschichte in ihrer Chronik zu verzeichnen wie das 1247 erstmals erwähnte „Struceberch“ – Strausberg. Am Tor zur Märkischen Schweiz und rund 40 Kilometer vom Zentrum Berlins entfernt, spielte der Ort seither „teils eine rühmliche, teils eine unrühmliche Rolle“. Auf diesen Nenner brachte es Bürgermeister Jürgen Schmitz. Er sprach noch Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung über diese Seite der örtlichen Historie. Die schwersten Rückschläge erlebte der Ort im Dreißigjährigen Krieg. Damals nahmen kaiserliche, schwedische und brandenburgische Heerscharen hier Quartier. Auch Wallenstein kam zweimal in die Stadt. Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. verlegte im Jahr 1714 einige Kompanien des Infanterieregiments 23 hierher. Seit dieser Zeit ist die Stadt am Straussee eine Garnison. Die alte Stadt hatte Friedrich der Große als „gottverfluchtes Dreck- 341 9. Würdiger Beitrag zum Einheitsprozess nest“ beschimpft, weil sein Quartier 1765 nicht seinen Vorstellungen entsprach. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es hier Kasernenanlagen, einen Militärflugplatz und eine Munitionsfabrik. Nur wenige Jahre nach Kriegsende richtete in Strausberg die Kasernierte Volkspolizei unter Aufsicht sowjetischer Generale ihren Hauptstab ein. Aus ihm ging 1956 – zeitgleich mit der Gründung der Volksarmee – das Ministerium für Nationale Verteidigung hervor. Als dann 1959 mit dem Sitz der NVA-Luftstreitkräfte ein weiteres Führungskommando hierher zog und der Nationale Verteidigungsrat der DDR unter Ulbricht und dann unter Honecker regelmäßig hinter NVA-Mauern im Ort tagte (von außen war die Dienstflagge des Staatsratsvorsitzenden zu sehen), musste die Stadt bis zum Ende der ostdeutschen Republik mit dem zweifelhaften Ruf der „NVA-Hauptstadt“ leben. Nicht alle Bewohner waren stolz darauf. Schon der Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 brachte den damals 28 500 Einwohnern, von denen 11 000 in der NVA dienten und arbeiteten, die Begegnung mit völlig anderen Streitkräften: Kein Tschingderassabum auf den Straßen, wie vorher oft zu staatlichen Feiertagen üblich. Alles war ruhig. Heute leben etwa 26 000 Bürger in der Stadt. Es begann eine neue Zeit: Der Bürgermeister hatte nun nicht mehr an der Seite des SED- Kreissekretärs bei den Militärs im Ministerium „anzutanzen“, um mit kommunalen Anliegen wie Wohnungsbau um gut Wetter zu bitten. Für eine asphaltierte Umgehungsstra- ße um das Zentrum der Stadt mit holprigen Straßen hatte schon der Verteidigungsminister gesorgt. Nun wurde der gewählte Amtsträger zu einer geachteten Persönlichkeit für Bürger in Zivil und mit Uniform. Nach Auflösung des Bundeswehrkommandos Ost 1991 entstand im Ort ein neues, geistiges Zentrum der Bundeswehr – mit der Akademie für Information und Kommunikation (AIK), einem Fachbereich für Innere Führung, deren Hauptsitz in Koblenz blieb, und dem Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr (SOWI). In jener Zeit hat sich in den neuen Bundesländern wohl kein anderes Dienstgebäude mit DDR-Vergangenheit in seinen Mauern so grundlegend verändert wie hier das ehemalige Tagungszentrum des Verteidigungsministeriums. Wo seit 1985 immer wieder geheime Beratungen militärischer Führungsorgane des Warschauer Vertrages abseits der neugierigen Blicke westlicher Diplomaten und in Ost-Berlin akkreditierter Korrespondenten stattfanden, richtete der Nato-Bündnispartner Bundeswehr eine offene Stätte der Kommunikation und des Dialogs ein. Das Bundesverteidigungsministerium sah darin „einen Meilenstein für die Entwicklung der Bundeswehr“. Denn in Strausberg trafen sich nun Soldaten, Wissenschaftler und Bürger aller Berufsgruppen beim Dialog. Theo- 342 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten rie und Praxis rückten näher zusammen, Streitkräfte und Bevölkerung wurden stärker verbunden. All das sollte die allgemeine Akzeptanz der Bundeswehr in der Gesellschaft fördern. Auch für die Partnerschaft mit den Nachbarn – inzwischen Verbündete – wurden hier neue Zeichen gesetzt. Ein „Tag der offenen Tür“ bot damals allen interessierten Strausbergern und Gästen der Stadt Gelegenheit, den Gebäudekomplex endlich einmal von innen zu sehen. Nach einem Rundgang durch wesentliche Teile des Hauses konnten sich die Besucher aktiv an Gesprächskreisen und Workshops beteiligen. Sie machten sich auch mit der Arbeit der etwa 100 hauptamtlichen Jugendoffiziere vertraut, die eine wichtige Brückenfunktion zwischen Bundeswehr und Gesellschaft ausüben. Die ersten Gäste waren wie ich besonders von der Bibliothek angetan. Sie verfügte damals über 17 000 Bände. Darunter befanden sich Churchills Memoiren, Kissingers „Gleichgewicht der Großmächte“ und eine 19-bändige russischsprachige „Bolschaja Enziklopedia“ (Große Enzyklopädie) von 1901 bis 1903. Auch „Die Bundeswehr – eine Gesamtdarstellung“ und „Grundzüge der deutschen Militärgeschichte“ fanden solches Interesse wie die Titel „Dialog als kommunikative Strategie“ und „Umgang mit der öffentlichen Meinung“. Später kamen die Bestände der Zentralbibliothek der Bundeswehr aus Düsseldorf und der DDR-Militärbibliothek Dresden hinzu. In einem Neubau stehen heute mehr als 700 000 Bücher und tausende Zeitschriften zum Lesen oder zur Ausleihe bereit. Auch ehemalige Berufssoldaten von der „Vorgängerarmee“, wie manchmal von ihnen zu hören ist, machen davon Gebrauch. Eine Fundgrube, in jeder Beziehung. AIK-Gründungskommandeur wurde Oberst Horst Prayon. Er hatte sein Medien-Handwerk nicht erst als ehemaliger Pressesprecher auf der Hardthöhe erlernt. Ich habe mit ihm ausführlich über den Informationsbedarf im Osten nach der Wiedervereinigung gesprochen. Seine Devise, die auch heute noch volle Gültigkeit besitzt: „Offenheit erzieht uns selbst; sie gewährleistet, dass bei uns nichts geschieht, was das Licht der Öffentlichkeit scheuen müsste. So bleiben wir bürgernah und in unserer Arbeit stets vorzeigbar. Die Bevölkerung soll sehen, dass wir wirklich ein offenes Haus sind.“ Das „Ungewöhnliche“ an dieser neuen militärischen Top-Einrichtung in der alten Garnisonsstadt war der Verzicht auf Wachposten am Eingang. Gerade das unterschied hier die beiden Armeen auf deutschem Boden: Die Nationale Volksarmee mochte keinen Blick der Bevölkerung auf das, was sich hinter Kasernenmauern abspielte oder in ihren Einrichtungen vor sich ging. Von wegen „gläserne Kasernen“! Die Bundeswehr ist da wesentlich offener. Sie lädt, wie in Einrichtungen dieser Art, regelmäßig zur Begegnung und zum freimütigen Meinungsaustausch ein. Das regte in der Stadt unter den ehemaligen Offizieren aus der damaligen NVA-Führung schon mal zum Nachdenken an. Andere zivile Einwohner sehen das noch positiver. Schließlich war alles hinter dem weitläufigen Gebäudekomplex, den der bekannte DDR-Architekt Ehrhardt Gißke entworfen hat, für sie bisher absolut tabu. 343 9. Würdiger Beitrag zum Einheitsprozess Aus dem „TAZ“ wurde mit der Wiedervereinigung und den gesamtdeutschen Streitkräften als neue Hausherren zuerst ein „BEZ“. Dahinter verbarg sich ein Betreuungszentrum mit ausreichenden Übernachtungsmöglichkeiten. Genutzt haben es vor allem Angehörige der Bundeswehr aus allen Teilen Deutschlands, auch von der Wehrbereichsverwaltung. Hauptsächlich wurden die Teilnehmer von Seminaren und Kursen dazu befähigt, die deutsche Sicherheitspolitik „in der Öffentlichkeit verständlich darzustellen und zu erläutern. Fachliches Wissen und Können wird hier um kommunikative Kompetenz ergänzt.“ So lautete der schon 1994 erteilte Auftrag des Bundesverteidigungsministers an die AIK. Auch die Akademie selbst vollzog einen Wandel: Sie war einst in Euskirchen als Bundeswehrschule für Psychologische Verteidigung, zuvor Psychologische Kampfführung, gegründet worden. 1990 erhielt sie in Waldbröl vom Bundesverteidigungsminister Gerhard Stoltenberg eine neue Aufgabenstellung mit dem Hinweis auf die gewachsene Bedeutung der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit in der neuen nationalen und internationalen Situation. Zu den Organisationen des Referats Psychologischen Kampfführung, die verdeckt von der Hardthöhe und anderen staatlichen Stellen wie BND und Verfassungsschutz finanziert wurden, gehörte ab Ende 1962 die Deutsche Gesellschaft für Sozialbeziehungen (DGfSB) e.V. Ihre Hauptaufgabe bestand in der Betreuung von DDR-Flüchtlingen aus der NVA, den Grenztruppen und anderen bewaffneten Organen sowie deren Integration in das westdeutsche Zivilleben. Auch Auskünfte der Soldaten und Polizisten über ihre bisherigen Dienststellen in der DDR waren für die Organisation interessant. Bis 1991 wurden 2 197 Flüchtlinge betreut, davon 71 Prozent Mannschaften, 26 Prozent Unteroffiziere und drei Prozent Offiziere. Damit sollte bei diesen fahnenflüchtigen Personen – Kameraden von „drüben“ – die Rückwandererquote gering gehalten werden. Oft wurden militärische Flüchtlinge von Geheimdiensten der Nato-Staaten mit Geldbeträgen angeworben, um in die DDR zurückzukehren und nachrichtendienstliche Aufträge zu erfüllen. Bei Enttarnung durch die Stasi drohten den Rückkehrern, die meist in Uniform und bewaffnet in den Westen geflohen waren, hohe Zuchthausstrafen. Doch zuerst hatten hier die Handwerker viel zu tun. Aus dem Tagungssaal, wo bis zu den ersten freien Wahlen in der DDR im Frühjahr 1990 Erich Honecker sowie andere Partei- und Staatsführer des Warschauer Pakts von übergroßen Porträts auf die versammelten Militärs herabblickten, verschwanden auch die fest montierten Tische und Sessel. „Diese Starre war für die neuen Aufgaben ungeeignet“, erläuterte mir Prayon. Im Lehrbetrieb konnten die Teilnehmer neue Lehrsäle, modernste Technik für Information und Kommunikation sowie eine umfassende Dokumentation nutzen. Neben der Wissensvermittlung ging es darum, öffentliche Meinungen zu analysieren, Konfliktursachen und Möglichkeiten ihrer Bewältigung zu untersuchen sowie zeitgemäße Information und Kommunikation zu entwickeln. Davon sollten vor allem Kommandeure, Jugend- und Presseoffiziere der Bundeswehr profitieren. Auch ich war hier Gesprächspart- 344 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten ner über die Geschichte nationaler und internationaler Nachrichtenagenturen wie ADN und dpa. Andere Aspekte der Sicherheitspolitik kamen ebenfalls zur Sprache. Das erste internationale Symposium in diesem Haus – daran kann ich mich noch gut erinnern – befasste sich 1994 mit der Proliferation von Nuklearwaffen und ihrer Trägermittel als neue Herausforderung. Dieses Ziel konnte von keinem Land und keiner bestehenden sicherheitspolitischen Institution allein bewältigt werden, waren sich die Teilnehmer einig. Beispiel Südafrika: Die „positiven Signale“ der letzten weißen südafrikanischen Regierung mit dem Beitritt zum Atomwaffensperrvertrag am 8. Juli 1991 und der Erklärung vom 24. März 1993 prägten die zuvor so eisige Atmosphäre in der Diskussion um die Proliferation von A-Waffen mit neuer Hoffnung. Mit der Unterwerfung Südafrikas, einziges afrikanisches Land mit Kernwaffen und notwendigen Trägersystemen aus eigener Produktion, unter die IAEA-Kontrollen „wurde die südafrikanische Außenpolitik zugleich richtungweisend für die Nichtverbreitungspolitik auf dem gesamten Kontinent“. Zudem geht es im AIK um Auslandseinsätze im Rahmen der UNO. So weilte der bekannte Journalist und Analytiker außen- und sicherheitspolitischer Sachverhalte von nahezu allen Krisengebieten der Welt Peter Scholl-Latour zu einem Gespräch über Kommunikation und Information im Wandel der Zeit in diesen Räumen. Letztlich soll an der AIK das Vertrauen in die eigenen Streitkräfte gestärkt werden. Zudem sieht man ein wichtiges Anliegen darin, Teilnehmer von Kursen und Besucher mit neuen Erkenntnissen auf diesem Gebiet vertraut zu machen. Dabei betätigen sich Presseleute, Jugendoffiziere und Wehrdienstberater ebenso wie Kommandeure und Führungskräfte vor allem vor Auslandseinsätzen hier in hochwertigen Rundfunk- und Fernsehstudios. Auf dem Programm stehen weiterhin internationale Symposien und Tagungen. In den Anfangsjahren befassten sie sich unter anderem mit den Entwicklungen in Osteuropa. Erörtert wurde mit den Gästen die gemeinsame Verantwortung für internationale Sicherheit. Solche Kontakte knüpfte die AIK besonders zu Partnern aus Polen, Tschechien, der Slowakei und Ungarn – heute alles Nato-Staaten. Für Strausbergs Bürgermeister waren die Angebote der neuen Bundeswehreinrichtung „ein gutes Zeichen“. Deren Öffnung für die Bürger werde das Leben in der Stadt „bereichern“, kündigte er an und sollte Recht behalten. Nach all den Jahren militärischer Konzentration im Ort gebe es mit der Bundeswehr „ein Militär, das sogar kommunaldienlich denkt“. Und es bestätigt sich auch eine Erkenntnis, die die Menschen in den neuen Bundesländern so nicht kannten: Die staatlichen Einrichtungen sind für die Bürger da. Ihr Tun wird für diese einsehbar. Seit dem 3. Oktober 1990 macht in den neuen Bundesländern das Wort vom „Geist von Strausberg“ die Runde, womit Transparenz statt Bürokratie gemeint ist, 345 9. Würdiger Beitrag zum Einheitsprozess wie sie Truppen und die Wehrbereichsverwaltung beim Jahrhunderthochwasser an der Oder 1997 eindrucksvoll demonstriert haben. Alles in allem sorgt die Präsenz der neuen Streitkräfte und der Wehrverwaltung auch für einen beachtlichen wirtschaftlichen Faktor in Strausberg und Umgebung. Die Bundeswehr ist mit der Stadt seit 2001 durch einen Patenschaftsvertrag verbunden, der nach der bisherigen erfolgreichen Zusammenarbeit weitere Gemeinsamkeiten in Aussicht stellt. Für Bürgermeister Schmitz handelt es sich aber diesmal um „ruhiges Militär“. Es stelle sich den Bürgern „erträglich dar“ und sei „gerade in der ganz schwierigen Zeit 1990/91“ vorteilhaft für die Stadt gewesen. Die Tatsache, dass sogar ein General zu ihm ins Rathaus kam, war „ein neuer Umstand“. Logistik-Brigadechef Oberst Bernd Vohland, dessen Truppenteile, Depots und Lager in allen neuen Bundesländern anzutreffen sind, sieht die weitere Zusammenarbeit zwischen Bundeswehr und Kommune ebenso optimistisch wie der Bürgermeister. Man sei „ein gutes Stück vorangekommen“ und wolle „gemeinsam auf dem Erreichten weiter aufbauen“. Dieses verantwortungsvolle Herangehen hilft den Strausbergern beim weiteren Aufbau ihrer schönen Stadt, deren wald- und seenreiche Umgebung seit je zu den bevorzugten Ausflugszielen der Berliner gehört. Fast zehn Jahre nach der deutschen Vereinigung ist die Bundeswehr hier im Ort etwas ganz Normales. Dies ist auch ein Ergebnis der Arbeit des Deutschen BundeswehrVerbandes (DBwV). Die 650 Mitglieder der örtlichen Gruppe zählen zu den besonders Aktiven unter den fast 30 Vereinen Strausbergs. „Die meisten ehemaligen NVA-Angehörigen hatten von Anfang an ein vernünftiges Verhältnis zur Bundeswehr“, sagte mir der Vorsitzende, Ex-Oberstleutnant Klaus Eckert. „Nachdem sich das Neue mit den hier ungewohnten Uniformen etwas in den Hintergrund verschoben hatte, fanden wir in kurzer Zeit eine gemeinsame sprachliche Linie, auch wenn manchmal die Termini in ihrer Begriffsbestimmung ein bisschen anders waren“, berichtet er. Schon bei der Übergabe der militärischen Einrichtungen und der Waffen habe es zwischen den ehemaligen Soldaten der NVA und von der Bundeswehr ein „verantwortungsvolles Miteinander“ gegeben. „Das vielfältige und umfangreiche Material ist ordnungsgemäß übergeben worden. Keine Patrone ging verloren. Darauf sind wir heute noch stolz“, erzählte Eckert. Aus dem damaligen Verband der Berufssoldaten (Anfang 1990 im Zuge der Wende im Osten gegründet und in Strausberg mit einer großen Sektion vertreten) wurden in vielen Gesprächen mit dem DBwV – vor allem über soziale Angelegenheiten – die Grundlagen für die gemeinsame Arbeit gelegt. Aus seiner Sicht habe sich die „Verständigung auf eine gemeinsame deutsche Soldatenorganisation in jeder Weise bewährt“. Heute gehören ungefähr 10 000 ehemalige Angehörige der NVA (vom Gefreiten bis zum Generaloberst) dem DBwV-Landesverband Ost an. „Es war stets ein Geben und Nehmen.“ Besonders wertvoll waren die Kontakte zu Offizie- 346 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten ren der Bundeswehr (über den DBwV), „die uns in das neue Fluidum der Gesellschaft eingeführt haben“. Noch heute trifft man sich mit den „Aktivisten der ersten Stunde“ (Eckert), auch wenn diese schon längst wieder im Westen wohnen. Jedes Jahr macht sich die Strausberger Kameradschaft bei einem Truppenbesuch mit den Bedingungen in der Bundeswehr vertraut, zum Beispiel an der Infanterieschule in Hammelburg oder in Kiel bei der Marine. Von den Bündnisverpflichtungen erfuhren die Ex- Soldaten aus erster Hand beim Besuch im Nato-Hauptquartier. „Wir sind immer mit einem großen Bus unterwegs, stellen uns vor, schauen uns alles sehr interessiert an. Obwohl wir den militärischen Gegner ziemlich genau kannten, erleben wir nun diese Menschen – trotz anfänglicher Vorbehalte – doch anders“, erklärt der Ex-Offizier. „Bei den erstmaligen Begegnungen lief zunächst meist alles steif ab, aber nach unseren Fragen entwickeln sich angeregte Diskussionen, oft bis in die Nacht“, sagte er. All das habe dazu beigetragen, dass die „alten Kameraden“ aus der NVA heute viele Aktivitäten entfalten können. Inzwischen kommen immer mehr Soldaten der Bundeswehr hinzu. Es bilden sich neue Gesprächsrunden. Wenn demnächst der DBwV-Verein eine Bilanz seines 10-jährigen Wirkens zieht, sind noch immer wesentliche Fragen wie Renten und Status der ehemaligen Soldaten der DDR-Armee zu klären. (2000) Vermessungsunterstützung mit Millionen-Nutzen Die Bundeswehr leistete mit ihrer „Vermessungsunterstützung Ost“ wiederholt einen wirksamen Beitrag zum Wiederaufbau und zur Verbesserung der Infrastruktur des Beitrittsgebietes. Denn erst nach einer Vermessung waren hier rechtskräftige Eintragungen in die Grundbücher möglich und somit die Eigentümer festlegbar. Deshalb wirkte diese Hilfe „wie ein Anschub für Investitionen in Grund und Boden“. Das erklärte mir der Leiter des Amtes für militärisches Geowesen, Brigadegeneral Karl-Heinz Bleiel, als Zuständiger für diese Aufgabe. Trotz eines Sparpakets in Milliardenhöhe für 1994 hatte der Bundesverteidigungsminister nach der erfolgreichen Unterstützungsaktion im Vorjahr erneut „grünes Licht“ dazu gegeben. Diese Hilfe brachte Landesvermessungsämtern im Osten Einsparungen der Kosten in Höhe von rund einer Million DM. In den verschiedenen Vermessungsbereichen, so bei der Grundlagenvermessung und Verdichtung des Festpunktfeldes, waren 186 Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere eingesetzt. Es ging um die Neubestimmung, Ergänzung oder Wiederaufnahme alter Punkte, „weil ja in all den Jahren die Nutzung über die eigentlichen Grenzen der Grundstücke oft hinweggegangen ist“, erläuterte der General. Damit trugen die Vermessungsfachkräfte der Bundeswehr ganz wesentlich zur Wiederherstellung des Katasterwesens der Behörden bei. Mit diesen Arbeiten schaffte man Dokumentationen für die Grundstücksbildung durch Ka taster ämter und öffentlich bestellte Vermessungsingenieure. 347 9. Würdiger Beitrag zum Einheitsprozess Beim Besuch seiner Trupps in Berlin, die im Rahmen der Amtshilfe in den östlichen Stadtbezirken und in Weststaaken die Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen unterstützten, informierte er sich vor Ort über deren Wirken. Auf der Prenzlauer Promenade in Pankow schilderte ihm Truppführer Feldwebel Frank Meier aus Xanten (Nordrhein- Westfalen), dass die Strecken- und Winkelmessungen „zügig vorangehen“. Dabei könne er sich auf erfahrene Berufsvermessungstechniker wie den Gefreiten Bodo Sauerland aus Wesel stützen. Die Zusammenarbeit mit dem zuständigen Pankower Amt sei gut. Jedoch glaubte gerade hier in dieser Gegend mancher Gartenfreund, nach diesen Messungen sei für sein Pachtgrundstück „nichts Gutes“ zu erwarten. Was aber in keinem Zusammenhang mit dieser Arbeit stand. Beim aktuellen Einsatz, meinte Bleiel, seien Erfahrungen vom Vorjahr berücksichtigt worden, „um die Trupps fachlich noch besser einsetzen zu können“. Man könne aber bei der bis Oktober dauernden Aktion schon jetzt einschätzen, „dass die Soldaten mit Herz und Verstand bei der Sache sind und ihren Auftrag gut erfüllen“. Besonders bewährt hätten sich wieder die zentimetergenauen Messungen im Global-Position-System (GPS), damals schon in zivilen Bereichen üblich, über Satelliten. Ausgangspunkt dieser Aktion unter dem Logo „Wir unterstützen die Zivilvermessung“ war 1992 eine Anfrage der Landesregierungen in der Bund-Länder-Kommission auf Staatskanzleiebene, wo die Bitte um eine solche Hilfe mit Fachpersonal vorgetragen wurde. 235 Angehörige der Streitkräfte, hauptsächlich aus den alten Bundesländern, legten dann 1993 zwischen Elbe und Oder als Grundlage für Grundstücksvermessungen die Aufnahmenetze an. Außerdem wurden tausende Festpunkte vermessen, die besondere Bedeutung für Industriebauten haben. All diese Arbeiten im Osten Deutschlands waren nach der Wiedervereinigung notwendig geworden, da nach Kriegsende die damalige Sowjetische Militäradministration in ihrer Besatzungszone die „Vergesellschaftung von Grund und Boden“ eingeleitet hatte. Auch zu DDR-Zeiten wurden die Katasterarbeiten vernachlässigt. Als sich die ersten Trupps im Frühjahr an die Arbeit machten, gab es anfangs in Städten und Gemeinden gemischte Reaktionen: In den Ämtern herrschte eitel Freude über die fachkundige und fleißige Unterstützung durch die Geodäten. Auf Straßen, Plätzen und im Gelände wurde dagegen das Tun der Uniformierten aufmerksam, oft sogar kritisch beobachtet. Wusste doch nicht jeder Bürger vom „zivilen Anliegen“ der Vermessungsarbeiten der Soldaten. Mancher Bewohner eines entlegenen Dorfes glaubte tatsächlich, dass es sich hierbei um die „Vorboten“ künftiger Raketenstellungen oder anderer „geheimer“ Bundeswehreinheiten handelt. In diesen Fällen hatten selbst die bunten Aufkleber „Wir unterstützen die Zivilbevölkerung – Partner Bundeswehr“ keine Wirkung erzielt. Die Geheimniskrämerei um alles Militärische aus DDR-Zeiten war noch tief verwurzelt. 348 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Irgendwie verständlich, denn zu dieser Zeit war es in den neuen Bundesländern noch keinesfalls alltäglich, wenn sich Messtrupps der Bundeswehr in Position stellten. Das traditionelle Winkel- und Streckenmessen hatte man ja meist schon irgendwo im Fernsehen miterlebt. Als die Trupps bei Messungen mit ihrem schwarzen Kasten den Himmel anpeilten, war die Verwunderung recht groß. Otto Normalverbraucher konnte sich im Osten Deutschlands bis dato kaum vorstellen, dass man auf diese Weise sogar zentimetergenau den Boden vermessen kann. Hier war für viele Bürger nicht nur diese wundersame Technik mit einer für Laien unvorstellbaren Präzision neu. Auch die Offenheit, mit der die Uniformierten über ihr Tun sprachen, hinterließ – wie ich mehrere Male erlebt habe – einen tiefen Eindruck. Denn wer hier zu DDR- Zeiten bei solchen nicht alltäglichen Dingen vor seiner Haustür nun unbedingt wissen wollte, was da so alles gemacht wird, galt schon als besonders neugierig und – wenn Uniformen im Spiel waren – in gewisser Weise als „verdächtig“. So war eben das ungeschriebene Reglement in einer überaus wachsamen sozialistischen Gesellschaft mit ihrer Geheimniskrämerei an allen Ecken. Die gute und nützliche Arbeit der Bundeswehrangehörigen sprach sich schnell herum. Nicht selten kamen Bürgermeister in Nachbarorte und wollten von den Trupps wissen: „Wann kommt Ihr zu uns?“ Keine Frage, die Landvermessung bekam zwischen Elbe und Oder, Ostsee und Thüringen wieder einen hohen Stellenwert. Sie hatte nun das Niveau, wie das in den alten Bundesländern von Anfang an üblich war. Es gab es für die Beteiligten viel Lob. Im Korps und Territorialkommando Ost in Potsdam liefen für diesen Einsatz die Fäden zusammen. Oberstleutnant Peter Cothmann, einer der Verantwortlichen, wertete die Aktion als einen „guten Beitrag zur Einheit“ und sprach von „Solidarität durch Teilen“. Denn ihre eigentliche Arbeit in den alten Bundesländern mussten in dieser Zeit andere Kameraden mit übernehmen. „Es hat uns hier viel Spaß gemacht“, schätzte der Offizier ein. Er wurde nach zweijähriger erfolgreicher Tätigkeit in der Bundeswehr Ost in das Amt für militärisches Geowesen versetzt. (1994) NVA-Schriftsteller differenziert beurteilen Im Jahr 2011 starb der Potsdamer Autor Walter Flegel. Als Jahrgang 1934 und Oberstleutnant der Nationalen Volksarmee hatte er sich mit seinem Roman „Der Regimentskommandeur“ bei vielen ostdeutschen Lesern einen Namen gemacht – so oder so. Er beschrieb in seinem 1971 im Militärverlag der DDR erschienenen Buch, wie ein Absolvent der Militärakademie nach seinem Studium in der Truppe „mit seinen unnachgiebigen Forderungen Unteroffiziere, Offiziere und nicht zuletzt viele Frauen der Siedlung gegen sich“ aufgebracht hat. Daher empfahl der Autor: „Truppenführung ist Menschenführung“. Wie es um die zahllosen Mängel dieser Art in der ostdeutschen Armee bestellt war, haben zu DDR- Zeiten mehr als drei Millionen Uniformträger am eigenen Leib zu spüren bekommen. Ich auch! 349 9. Würdiger Beitrag zum Einheitsprozess Nach diesem Buch schrieb Flegel weitere Romane. Zudem wurde auch ein Erzählband verfilmt. Für seine „künstlerische Gestaltung der sozialistischen Landesverteidigung“ erhielt er 1981 den Nationalpreis der DDR. In all diesen Jahren bin ich ihm als ADN-Reporter auf Lesungen und anderen Veranstaltungen oft begegnet. Mein Eindruck: Er selbst war von seinem Innersten her und bei seinem Auftreten vor Lesern nie ein „Feldspaten“ oder Raubein aus den Landstreitkräften. Trotzdem sonnten sich die Generale in der Politischen Hauptverwaltung der NVA in Flegels literarischem Schaffen. Nach zahllosen Konflikten mit dieser Behörde im Verteidigungsministerium zog der Offizier seine Konsequenzen und die NVA-Uniform schon lange vor der Wende aus. Soweit mein Nachruf! In der Märkischen Allgemeinen Zeitung für die Region Potsdam betrachtete man seine DDR-Vergangenheit und sein Wirken unter der Überschrift: „Tauschte Uniform gegen Pullover“. Er habe 1990 nicht nur „mit anderen Ex-SED-Genossen das Literatur-Kollegium Brandenburg“ gegründet, schrieb der Leiter vom Kultur-Ressort, sondern auch mit „Meine Reise an die Mosel“ in einem Kleinverlag in Bad Kreuznach verblüfft. „Mit demselben Pathos, mit dem er eben noch die Tüchtigkeit von NVA-Soldaten schilderte, würdigte er nun einen westdeutschen Weinbauer im ehemaligen ‚Operationsgebiet’“, hieß es weiter in der MAZ. Unerwähnt blieben Flegels „Unter der Schlinge“, „Malvenweg“ und „Ansichten von Rügen“ (Gedichte 1987). Dieser Nachruf mit weiteren kritischen Anmerkungen zu seiner Vergangenheit löste bei zahlreichen Zeitungslesern heftige Empörung aus. Aus der Vielzahl von Leserzuschriften unter dem Tenor der Potsdamer Schriftstellerin Christa Kozik „Bitte mehr Toleranz“ musste die MAZ noch zwei weitere Leserbriefe abdrucken, um Flegels Schaffen doch noch irgendwie gerecht zu werden. Der bekannte Potsdamer DEFA-Regisseur Claus Dobberke, dessen NVA-kritischer Film „Katzensprung“ 1977 von mehr als einer Million Menschen gesehen und eine Welle von Diskussionen ausgelöst hatte, schrieb: „Man muss Flegels Stil und seine Gedichte nicht mögen. Und man muss auch seine Weltanschauung nicht teilen; das berechtigt aber nach meinem Humanismusverständnis nicht zu dem infamen und hasserfüllten Versuch, einen Menschen und sein Lebenswerk journalistisch zu vernichten. Walter Flegel war ein unversöhnlicher Menschenfreund, und angesichts der überfüllten Trauerhalle am 30. Juni erübrigt sich jeder weitere Kommentar.“ Für eine „differenzierte Beurteilung“ des Schriftstellers sprach sich der Leiter des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden, Oberst Dr. Matthias Rogg, aus. Er schrieb: „Walter Flegel ist bis heute der einzige ehemalige Protagonist des SED-Regimes, zu dem ich eine Freundschaft aufbauen konnte. Obwohl wir, vor allem in historischen und politischen Beurteilungen, oft nicht einer Meinung waren, hat mich doch sein humanistisches Menschenbild, seine Nachdenklichkeit, sein ständiges Streben, den Dingen auf den Grund zu gehen, und nicht zuletzt seine Begabung als Autor beeindruckt.“ Rogg: „Nach der Wiedervereinigung hat sich Walter Flegel neue Genres erschlossen, seine Jugendbücher wurden mehrfach preisgekrönt. Meine Töchter haben die Geschichten 350 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten von Jule mit Begeisterung gelesen. Flegels gebrochene Biografie steht für viele Ostdeutsche, sie sollte nicht nur kritisch, sondern immer auch differenziert und mit der gebotenen Empathie beurteilt werden. Unsere Familie trauert um einen Freund.“ Unter Hinweis auf die Werke vieler prominenter DDR-Künstler, wie den Maler Bernhard Heisig, merkte der Historiker an, atmeten auch Flegels von „der NVA geförderten Romane, Drehbücher und seine Lyrik aus der Zeit der DDR den Geist der Überlegenheit des Staatssozialismus – aber sie hatten auch künstlerische Qualität“. Rogg arbeitet seit 2013 als Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Hamburger Universität der Bundeswehr und ist der erste Bundeswehrsoldat, der außerhalb des Sanitätsdienstes eine Professur erhielt. Ich möchte hier noch hinzufügen, dass Bekannte von mir bei ihren alljährlichen Ostsee- Aufenthalten in Altkamp auf der Insel Rügen oft mit Walter Flegel zusammengetroffen sind. Dort eben ganz privat und ohne Protokoll. Aus einer Zufallsbegegnung wurde eine Freundschaft zwischen zwei Familien – aus Thüringen und Brandenburg. Von ihnen erfuhr ich, dass der „Herr Schriftsteller“, auch wenn er sich nicht vor Leserschaft präsentierte, ein „ganz normaler, wunderbarer Mensch“ war. Sein Tod war ihnen sehr nahe gegangen. (2011) Stadtführungen für neue Kameraden Viele Koblenzer meinen, ihre schöne Rhein-Mosel-Stadt sei nicht nur eine Reise, sondern auch eine Dienstzeit wert. Das können sicher die meisten der etwa 12 000 hier stationierten Soldaten einer der größten Garnisonen Europas bestätigen. Und sie denken dabei nicht nur an den bronzenen Koblenzer „Schängel“, ein Symbol rheinischer Fröhlichkeit, der am Rathaus alle zwei Minuten einen Wasserstrahl auf seine Bewunderer speit, oder an „Dä Reche Hennrich“, einen vorwitzigen und frechen Zeitgenossen der Stadtromantik, der in den idyllischen Winkeln und Gassen der Altstadt wie andere unsterbliche Originale zu finden ist. Damit auch möglichst vielen jungen Männern die fast 2000-jährige Tradition von Stadt und Garnison so recht bewusst wird – und hier war nach Meinung der Stadtväter durch viele Jahrhunderte die Garnison immer wichtiger als Handel und Wandel, als die Ansiedlung von Industrie – gibt es in der Panzerjägerkompanie 340 des III. Korps ein attraktives Angebot für die neu einberufenen Wehrpflichtigen, auch für die neuen Kameraden aus den ostdeutschen Bundesländern: Nach den Stunden oft harten Dienstes mit dem Jagdpanzer JAGUAR 1 die „gezielte“ Stadtführung durch eigene Kameraden. Dazu haben interessierte Panzerjäger eine zweite „Grundausbildung“ absolviert, um als militärische Stadtführer Stätten der Freizeit und historische Sehenswürdigkeiten zur Freude der „Neuen“ erläutern zu können. Da wird beispielsweise eine Führung in Uniform während der Dienstzeit, mit dem Bus und zu Fuß, meist aber kombiniert angeboten. Was die Zeit und Gruppenstärken betrifft, 351 9. Würdiger Beitrag zum Einheitsprozess so sind die „Teileinheitsführer“ und ihre Stellvertreter ganz beweglich. Ihr Repertoire umfasst die Themen Weiterbildung, Bibliotheken, Museen, Theater, Sport und Unterhaltung. Meist beginnt der Trip an der Rhein-Mosel-Halle, dann folgt ein Rundgang durch die Zentralbibliothek im Dreikönigenhaus, verbunden mit einer Dia-Ton-Schau, und durch das Mittelrhein-Museum. Auch lernen die jungen Wehrpflichtigen Diskos, Kneipen und Bistros kennen, wo man preiswert essen kann, ebenso Kinos, eine Tanzschule sowie das aktuelle Angebot der Volkshochschule. Zum Abschluss kehrt man gemeinsam im Soldatenfreizeitheim „Hochheimer Höhe“ ein, das sich als Haus der Begegnung „mit günstigen Preisen für die W-12er“ – das spezielle Angebot mit dem Blick auf die zwölf Monate dienenden Wehrpflichtigen – weit über die Garnisonsstadt hinaus einen Namen gemacht hat. Die historische Führung durch Koblenz stellt natürlich an die Stadtführer aus der Panzerjägerkompanie weit höhere Anforderungen, auch wenn die beteiligten neuen Kameraden nicht immer darauf scharf sind, mit Daten und Fakten überhäuft zu werden. Dennoch verlangt die Entwicklung vom Kastell, im Jahre 9 vor der Zeitrechnung am Rhein-Mosel-Eck von römischen Legionären angelegt, über die einstige Hauptstadt der Rheinprovinz ab 1832 bis zur modernen Großstadt nach 1962 ein solides Wissen um die „Neuheimat“. Und so gilt es, auf der Festung Ehrenbreitstein eines der über Jahrhunderte hinweg stärksten Bollwerke Europas zu erläutern, dessen Geschichte mit klassizistischer Architektur und soliden Befestigungsbauten über Jahrhunderte eng mit den Höhen und Tiefen in der Koblenzer Garnison verbunden ist. Am Deutschen Eck, beim Zusammenfluss von Rhein und Mosel, besichtigen sie das Mahnmal der Deutschen Einheit, wo in der Nacht zum 3. Oktober die Fahnen der fünf neuen Bundesländer gehisst wurden. Auch Kirchen, Schlösser und Denkmale werden bei den historischen Stadtbesichtigungen bewundert. Diese Exkursionen und viele weitere Aktivitäten der Panzersoldaten sowie anderer hier stationierter Gruppen tragen dazu bei, „dass sich die Soldaten als unsere Bürger fühlen, gern in unserer Stadt sind“, meint Oberbürgermeister Willi Hörter (CDU). Verstärkte Ost-Integration gefordert Für eine verstärkte Integration ehemaliger NVA-Soldaten und ihrer Familienangehörigen in Staat und Gesellschaft des wiedervereinigten Deutschlands haben sich in Berlin auf einer Großveranstaltung des Deutschen BundeswehrVerbandes, Landesverband Ost, am 14. Oktober 1993 namhafte Politiker, ehemalige Bürgerrechtler und weitere Persönlichkeiten ausgesprochen. Der Landesverband Ost wurde am 5. April 1991 mit 6 500 Mitgliedern in Magdeburg gegründet. Er umfasst die Bundesländer Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt. 352 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Zu den Teilnehmern gehörten die Mitglieder des Bundestages Rainer Eppelmann (CDU), letzter Verteidigungsminister der DDR, Gregor Gysi, Vorsitzender der PDS, Dieter Heistermann (SPD), Stellvertretender Sprecher vom Verteidigungsausschuss im Bundestag, und Wolfgang Ullmann (Bündnis 90/Die Grünen), Minister in der letzten DDR-Regierung. Herzlich begrüßt von den etwa 900 Teilnehmern aus Berliner und Brandenburger Kameradschaften wurden weiterhin in „Haus am Köllnischen Park“ Peter-Michael Diestel, letzter DDR-Innenminister, Professor Bernhard Gonnermann, Steffen Reiche, Vorsitzender der SPD Brandenburg, und Lothar de Maizière, letzter DDR-Ministerpräsident. Verlesen wurden vom Landesverbands-Vorsitzenden Stabsfeldwebel Karl-Heinrich Stein Grußbotschaften vom Berliner Regierenden Bürgermeister, Eberhard Diepgen, und des Brandenburger Ministerpräsidenten, Manfred Stolpe. Beide bekundeten ihre „Solidarität mit den neuen Bundeswehr-Soldaten“ sowie „ihren Anspruch auf eine faire Chance“. Zum Auftakt dieser Veranstaltung unter dem Motto „Auf dem Weg zur inneren Einheit. Wo stehen wir heute?“ würdigte DBwV-Bundesvorsitzender Oberst Rolf Wenzel die vielfältigen Bemühungen der Bundeswehr für die Kameraden aus dem Osten, um so „die Zukunft zu gestalten. Alles andere führt zu nichts.“ Er unterbreitete mehrere Forderungen zur Verbesserung der sozialen Lage der als Berufs- und Zeitsoldaten übernommenen Angehörigen der ehemaligen NVA. So die gerechte Handhabung deren Rentenrechte. Auch die derzeitige Regelung für die Führung der Dienstgrade ehemaliger NVA-Soldaten mit dem Zusatz a.D. sei unbefriedigend. „Der Deutsche BundeswehrVerband fordert, dass die diskriminierende Bezeichnung ‚Gedient in fremden Streitkräften‘ unterbleibt und die Betroffenen ihren früheren Dienstgrad weiterführen dürfen“, erklärte Wenzel. „Dabei soll es nicht um eine Aufwertung der NVA gehen. Es geht um die Menschen, die dieser Armee gedient haben und für die es nur der Zufall der Geburt war, dass sie auf der anderen Seite Soldaten geworden sind. Die innere Einheit kann nicht zustande gebracht werden, wenn weiterhin auch äußerliche Ausgrenzungen dieser Art stattfinden.“ Viel Applaus bekam auch Wolfgang Ullmann, der sich den Anwesenden „als ungedienter Mensch, als Nichtmilitär und Pazifist“ vorstellte. „Es ist uns allen eine große Freude, dass keine Gewalt die künstliche Trennung in Deutschland beendet hat und der Eiserne Vorhang beseitigt wurde.“ Seit 1956 ist der Deutsche BundeswehrVerband erstmals in der deutschen Militärgeschichte eine demokratische Interessenorganisation aller Soldaten. Er bildet damit zugleich den organisatorischen Unterbau für ihre gleichberechtigte, aktive Beteiligung am politischen Leben als mündige Staatsbürger in Uniform. 1992 zählte der Verband mehr als eine Viertelmillion Mitglieder. Laut Satzung werden „die allgemeinen, ideellen, sozialen und beruflichen Interessen seiner Mitglieder sowie ihrer Familienangehörigen und Hinterbliebenen“ vertreten. (1993) Momentan sind etwa 28 000 Mitglieder im Landesverband Ost organisiert. Hierzu gehören auch viele ehemalige Soldaten der Nationalen Volksarmee. (2019) 353 9. Würdiger Beitrag zum Einheitsprozess BundeswehrVerband hilft ostdeutschen Soldaten Über den Verlauf der „militärischen Vereinigung 1989/90“ ist viel gesprochen und geschrieben worden. Dabei wird immer wieder betont, wie gut die enorme logistische, organisatorische und personelle Herausforderung gemeistert wurde. Schließlich entstanden ohne größere Zwischenfälle einheitliche gesamtdeutsche Streitkräfte, in der inzwischen Ost- und Westdeutsche gleichermaßen Dienst leisten. Das sagte Oberst Bernhard Gertz, Bundesvorsitzender des DBwV, auf einem wissenschaftlichen Kolloquium der Theodor-Molinari- Stiftung, Bildungswerk des Deutschen BundeswehrVerbandes, im Februar 2006 in Dahlewitz (Land Brandenburg). Das Thema: „Zwei deutsche Armeen im Kalten Krieg – 15 Jahre Ringen um die Armee der Einheit“. Gertz: „Diese Leistung verdanken wir nicht zuletzt den Angehörigen der NVA, die mitverantwortlich dafür waren, dass der Herbst 1989 so friedlich abgelaufen ist. Dafür verdienen alle Beteiligte größte Anerkennung. Und auch die ‚militärische Vereinigung‘ ist nur dank dieses Engagements so reibungslos verlaufen. Nach der Öffnung der Mauer wurde trotz der Unsicherheit über die nähere Zukunft der Dienstbetrieb aufrechterhalten, Waffen, Munition und Anlagen weiterhin gesichert. Nur so war es möglich, eine geordnete Übergabe des Materials und der Liegenschaften an die Bundeswehr sicherzustellen. Aber auch der BundeswehrVerband kann in aller Bescheidenheit von sich sagen, dass er dazu beigetragen hat, den Weg zur Armee der Einheit zu ebnen.“ Der Deutsche BundeswehrVerband nahm bereits 1989 den ersten Kontakt zur Nationalen Volksarmee auf. Im Zuge der Demokratisierung der DDR begannen auch Überlegungen in der NVA zur Gründung eines Berufsverbandes für Soldaten. Deshalb reiste im Dezember 1989 der damalige Vorsitzende des DBwV, Rolf Wenzel, zusammen mit dem Schatzmeister in das DDR-Verteidigungsministerium, um über das Koalitionsrecht der Bundeswehrsoldaten und die praktische Arbeit des DBwV zu informieren. Am 20. Januar 1990 war es dann soweit: 520 bevollmächtigte NVA-Vertreter von 1 025 soldatischen Basisgruppen aus den drei Teilstreitkräften der NVA trafen sich in Leipzig zur Gründung ihres Berufsverbandes, dem Verband der Berufssoldaten der DDR, kurz VBS. Vorsitzender wurde Oberstleutnant Dr. Eckhard Nickel. Was bis zu diesem Zeitpunkt undenkbar schien, war Realität geworden: Die Soldaten der NVA kämpften um ihre Rechte! Von Anfang an war der Deutsche BundeswehrVerband daran interessiert, sich aktiv in den Reformprozess der DDR-Streitkräfte einzubringen. Die erste Spitzenbegegnung fand am 22. und 23. Februar 1990 im Verteidigungsministerium in Strausberg statt. Als nächstes lud Rolf Wenzel eine Delegation des VBS zu einer Vorstandssitzung nach Bonn ein. Zu diesem Zeitpunkt hatte der VBS bereits 37 000 Mitglieder. Es kamen vier Mitglieder des Hauptvorstandes des VBS hierher, darunter der Vorsitzende. 354 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Ziel war es zum einen, sich eingehend über die Arbeit des Deutschen BundeswehrVerbandes zu informieren, und zum anderen, die Arbeit des VBS vorzustellen. VBS und DBwV vereinbarten während des Treffens eine enge Zusammenarbeit der beiden Berufsverbände. Dabei wurden konkrete Projekte organisiert. Damals ging man noch davon aus, dass die beiden Verbände trotz vertiefter Zusammenarbeit ihre volle Souveränität behalten sollten. Der DBwV hatte erkannt, dass die rasante Entwicklung in der DDR und in Osteuropa sowie die in greifbare Nähe gerückte Wiedervereinigung unmittelbare Auswirkungen auf die Verbandspolitik haben müsse. Dabei galt es, folgende Fragestellungen zu beleuchten: — Wie würde sich die künftige Funktion von Nato und Warschauer Pakt gestalten? — Wie würden Bündnissysteme von einer europäischen Verteidigungskomponente abgelöst? — Wie würde es um die zukünftige Struktur von Bundeswehr und NVA bestellt sein? In diesem Zusammenhang führte die Karl-Theodor-Molinari-Stiftung im März 1990 das erste deutsch-deutsche Seminar zum Thema „Soldatsein in Deutschland“ durch. Am letzten Veranstaltungstag stand fest, dass das Gebot der Stunde nur lauten konnte; „Soldatsein in Deutschland heißt jetzt: Miteinander sprechen, um Vertrauen zu bilden.“ Seminarleiter Jürgen Meinberg fasste die Stimmung folgendermaßen zusammen: „Die Tatsache, dass erstmals Soldaten beider deutscher Armeen am Runden Tisch in kameradschaftlicher Offenheit diskutiert und über eine gemeinsame Zukunft nachgedacht haben, ist der eigentliche Gewinn dieser Veranstaltung.“ In den folgenden Monaten intensivierten sich Kontakte und Zusammenarbeit zwischen beiden Verbänden. Regelmäßige Treffen wurden zum intensiven Meinungsaustausch genutzt. Dann überschlugen sich die Ereignisse. Bereits im September 1990 stand fest: Vom Tag der Vereinigung der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik an würden in der dann zu formierenden neuen Bundeswehr sowohl Angehörige der „alten“ Bundeswehr als auch der bisherigen NVA gemeinsam Dienst tun. Diese Entscheidung war auf beiden Seiten umstritten, brachte eine erhebliche innere Belastung der Streitkräfte mit sich. Als damaliger DBwV-Justitiar habe er mit einem „Zwischenruf “ im Verbandsmagazin eine hitzige Debatte zur Frage der zukünftigen Zusammenarbeit ehemaliger NVA-Angehöriger mit Bundeswehrangehörigen ausgelöst. Für ihn stand schon damals fest: Alle aus der NVA kommenden Soldaten haben die Unterstützung und Solidarität ihrer westlichen Kameraden verdient, um sich so schadlos wie möglich in die neu formierte Gesellschaft einzuleben. Allerdings habe er auch darauf hingewiesen, dass NVA und Bundeswehr zwei diametral entgegengesetzte militärische Organisationsformen seien, die nicht so ohne weiteres miteinander verglichen werden können. Der Rest ist Geschichte: Die NVA wurde aufgelöst und in die Bundeswehr überführt. Er müsse an dieser Stelle nicht wiederholen, welche Folgen dieser Prozess hatte. Für den Deut- 355 9. Würdiger Beitrag zum Einheitsprozess schen BundeswehrVerband stand schon früh fest, dass „wir auch Soldaten der NVA unter unsere Fittiche nehmen wollten. Und zwar nicht nur die in die Bundeswehr übernommenen, sondern ohne Ausnahme jeden.“ Der VBS löste sich am 31. Oktober 1990 auf und empfahl seinen Mitgliedern den individuellen Beitritt zum DBwV. Dementsprechend wurden die rund 40 000 Mitglieder nicht en bloc übernommen, sondern die Personen, die an einer Mitgliedschaft auf der Grundlage des DBwV-Grundsatzprogramms interessiert waren. Der DBwV baute keine zusätzlichen Schranken auf, sondern öffnete sich den neuen Mitgliedern ohne Vorbehalte. Mit dem Tag der deutschen Vereinigung dehnte der Deutsche BundeswehrVerband sein Organisationsgebiet auf das Beitrittsgebiet aus. In den Dienststellen, Einheiten und Verbänden des Bundeswehrkommandos Ost wurden Verbindungsleute mit dem Auftrag tätig, im Rahmen von Informationsveranstaltungen auf Standortebene Mitglieder zu werben und mit der Gründung von Standort- und Truppenkameradschaften den Aufbau der Verbandsorganisation zu beginnen. Die erste Truppenkameradschaft des Landesverbandes Ost wurde im Oktober 1990 in Mühlhausen/Thüringen gegründet. Die Kameradschaft Ehemalige Soldaten, Reservisten und Hinterbliebene im Kreis Strausberg wurde am 12. November 1990 gegründet. Parallel dazu legte der Bundesvorstand Bezirke fest, in denen satzungsmäßige Wahlen durchgeführt wurden. Am Ende der Entwicklung stand die erste Landesversammlung Ost im April 1991 in Magdeburg, auf der mehr als 200 Delegierte ihren Landesvorstand wählten. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Landesverband bereits 12 000 Mitglieder. Er habe damals die Ansicht vertreten und vertrete sie auch heute noch, dass niemand so anmaßend sein kann, sich selbst davon freisprechen zu wollen, dass er – wäre er DDR-Bürger gewesen – nicht auch um der Karriere, der Familie, des lieben Friedens willen im SED- System mitgeschwommen wäre – bis hin zu Mitwirkungshandlungen gegenüber Organen der Staatssicherheit. „Wer in die Konfliktsituationen nicht geraten ist, dem steht es nicht zu, pauschale negative Urteile zu fällen. Deshalb waren wir gut beraten, den Soldaten der NVA ohne Vorurteile den Weg in die pluralistische Gesellschaft, auf einen Arbeitsplatz in der sozialen Marktwirtschaft zu ebnen. Aus diesem Grund hat sich der BundeswehrVerband von Anfang an aktiv für die Menschen aus der ehemaligen NVA stark gemacht.“ Gertz: „Der Deutsche BundeswehrVerband wirbt um das Verständnis für die Menschen, die mit einem Schlag um ihre Biographie betrogen worden sind. Von heute auf morgen haben die Angehörigen der NVA ihren Beruf verloren, ihren Dienstgrad und damit ihre berufliche Identität aufgeben müssen. Uns war von Anfang an klar, dass wir diesen Menschen helfen mussten. Wir haben zu keiner Zeit Unterschiede gemacht zwischen den Weiterverwendern, den übernommenen Berufs- und Zeitsoldaten, den Wehrpflichtigen, der Gruppe, die nicht in die Bundeswehr übernommen wurde oder übernommen werden sollte, und den Ehemaligen der NVA. Wir wollten keinen der Betroffenen mit seinen Sorgen allein lassen!“ 356 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten „Dabei hatten wir natürlich auch das Ziel, die innere Einheit zu fördern. Und dieses Ziel war nicht durch Ausgrenzung, sondern nur durch Herausfinden der Gemeinsamkeiten zu erreichen. Dabei waren wir in der Pflicht, auf die Menschen zuzugehen, damit die Bundeswehr in den östlichen Bundesländern von Anfang an akzeptiert wurde.“ Seitdem sei gemeinsam ein weiter Weg zurückgelegt worden. Die Themen der ehemaligen Angehörigen der NVA hatten immer einen wichtigen Platz in den Hauptversammlungen. Zu den verbandspolitischen Schwerpunkten gehörten dabei: — Anhebung der Ostbesoldung auf Westniveau. — Schließung der Versorgungslücke der zu Berufssoldaten übernommenen NVA- Soldaten. — Soziale Absicherung der Soldaten auf Zeit (Ost). — Nachbesserung beim Gesetz zur Überführung der Ansprüche und Anwartschaften aus Zusatz- und Sonderversorgungssystemen des Beitrittsgebiets. — Durchsetzung der Ansprüche auf Dienstbeschädigungsteilrente. — Beseitigung der Diskriminierung „Gediente in fremden Streitkräften“ und Fortführung des NVA-Dienstgrades. Viele dieser Forderungen sind in Laufe der Jahre erfüllt worden. Oberst Gertz abschließend: „Unsere Politik des Aufeinanderzugehens, der Absage an pauschale Ausgrenzungen hat sich im Nachhinein als richtig erwiesen. Größere Probleme sind hieraus nicht erwachsen. Dass es gelungen ist, die Menschen aus Ost und West zu einer einheitlichen Bundeswehr zu integrieren, in der sich niemand mehr dafür interessiert, ob man aus Ost oder West kommt, ist allseits als wesentlicher Beitrag für das Zusammenwachsen des geeinten Deutschlands anerkannt und gewürdigt worden. Der Deutsche BundeswehrVerband nimmt für sich in Anspruch, an dieser Entwicklung wesentlichen Anteil gehabt zu haben.“

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References

Abstract

With the end of the GDR and Germany's unification three decades ago the National People's Army also stopped being a force. A part of their soldiers now served under the banner of their former opponent. On the "Retreat" from the Cold War between East and West mastered the Bundeswehr this human and military mission: the army of unity became

to the army of all Germans. Never before has the military peacefully achieved so much!

The accession area became a pilot for the new army structure. A smaller air force secured the airspace. For the German Seenation went the course change towards "unlimited horizon". In the Bundeswehr were Scharnhorst visions, whose tomb on the Invalidenfriedhof in Berlin again shines in the old glory, reality – army as alive part of a state, soldier service an honor service. The new armed forces took Europe's commitment to peace and democracy, too international

responsibility for peacekeeping operations. and conflict resolution.

Zusammenfassung

Mit dem Ende der DDR und Deutschlands Wiedervereinigung vor drei Jahrzehnten hörte auch die Nationale Volksarmee auf, eine Streitmacht zu sein. Ein Teil ihrer Soldaten diente nun unter der Fahne des einstigen Gegners. Auf dem „Rückzug“ vom Kalten Krieg zwischen Ost und West meisterte die Bundeswehr diese menschliche und militärische Mission mit Bravour: Die Armee der Einheit wurde zur Armee aller Deutschen. Nie zuvor hat Militär friedlich so viel erreicht. Das Beitrittsgebiet bekam Pilotcharakter für die neue Heeresstruktur. Eine kleinere Luftwaffe sicherte den Luftraum mit Air Policing und Flugabwehr. Trotz Schlankheitskur ging der Kurswechsel für die deutsche Seenation mit dem Welthandel in Richtung „unbegrenzter Horizont“. In der Bundeswehr wurden Scharnhorst-Visionen, dessen Grabmal auf dem Berliner Invalidenfriedhof wieder in altem Glanz erstrahlt, Realität: Armee als lebendiger Teil eines Staates, Soldatendienst ein Ehrendienst. Peter Heinze widmete sich seit dem Tag der Deutschen Einheit besonders der Bundeswehr im Beitrittsgebiet. Mit dem Ende des Kalten Krieges verfolgte der ostdeutsche Journalist den Abzug russischer Truppen als größte Militärbewegung im Nachkriegseuropa und die internationale Abrüstung unter der Devise „Vertrauen gegen Vertrauen“. Der vorliegende Band versammelt seine Erfahrungen und Erkenntnisse der letzten 30 Jahre und bietet so einen ebenso fundierten wie persönlichen Überblick über die Wiedervereinigung in der nun gesamtdeutschen Armee.