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7. Alte und neue Traditionen in:

Peter Heinze

Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten, page 297 - 326

Ein Journalist erlebte die Armee der Einheit

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4410-0, ISBN online: 978-3-8288-7411-4, https://doi.org/10.5771/9783828874114-297

Tectum, Baden-Baden
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297 7. Alte und neue Traditionen Als Zeitzeuge seit der Gründung der gesamtdeutschen Streitkräfte mit dem feierlichen Akt in Strausberg habe ich in der Bundeswehr viele Beispiele der militärischen Traditionspflege nach der deutschen Einheit erlebt. Sie schlagen heute wichtige Brücken zwischen der Vergangenheit und der Zukunft. Im Prozess der Auseinandersetzung mit der älteren (vor 1945 und dereinst) und der jüngeren (nach 1945) Geschichte wurden also Zeugnisse, Haltungen und Erfahrungen bewahrt, „die als ethische und rechtsstaatliche, freiheitliche und demokratische Traditionen auch für unsere Zeit beispielhaft und erinnerungswürdig sind“. So kennzeichnete bislang der „Traditionserlass“ der Bundeswehr dieses historische Anliegen. Als Maßstab beim Verständnis für die Bewahrung und Weitergabe galten deshalb die freiheitliche demokratische Grundordnung und die daraus abgeleiteten Aufgaben und Pflichten. Aus meiner Sicht – die Faustregel. Nach den bisherigen Richtlinien aus dem Jahr 1982 wird nun seit 2018 die zentrale Stellung der eigenen Geschichte für die Bundeswehr betont. Ich finde das gut, weil so auch das überaus wichtige Kapitel „Deutsche Militärgeschichte seit der Wiedervereinigung“ mehr Aufmerksamkeit erhält. Das umfasst – in aller Kürze – sowohl den gesamten „Komplex“ um die Armee der Einheit, weil jetzt Armee aller Deutschen, als auch den gewachsenen Beitrag der Bundeswehr an der Seite der Nato-Verbündeten und im UNO-Auftrag zur Erhaltung des Friedens in der Welt. Das begann mit der materiell-technischen Hilfe für die Verbündeten Truppen in den Irak-Kriegen, führte über die Sanitätsdienst-Unterstützung in Kambodscha bis zu den Einsätzen unter Kriegsbedingungen in Afghanistan und der Westsahara. Derzeit sind etwa 3 500 Angehörige der Bundeswehr im Auslandseinsatz. Seit 1992 kamen dabei 108 Soldatinnen und Soldaten ums Leben. Aus all diesen Gründen spielt das Thema „Tradition in den Streitkräften“ eine große Rolle – natürlich „streitkräfteintern“, wie Militärs zu sagen pflegen, ebenso in der Öffentlichkeit. Vor allem aber wegen der Tatsache, dass nun Deutschland weit über 70 Jahre keinen Krieg mit seinen bitterbösen Kämpfen und Folgen erleben musste. Die einst westdeutsche und heute gesamtdeutsche Parlaments- und Verteidigungsarmee steht seit ihrer Gründung 1955 dafür ein, dass diese Geschichte bisher friedlich verlief und sich Vergangenes nicht wiederholt. Und daraus gingen bedeutsame Traditionen hervor. So bei der zivil-militärischen Zusammenarbeit. Unvergessen sind dabei die Einsätze zehntausender Bundeswehr-Soldaten 1962 bei der Sturmflut über Hamburg, bei denen auch durch den beherzten Einsatz von Hel- 298 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten mut Schmidt das Leben vieler Bürger gerettet wurde, oder dem Jahrhundert-Hochwasser 1997 an der Oder, als die Bundeswehr unter Brigadegeneral Hans Peter von Kirchbach das Land erfolgreich gegen die Fluten verteidigte und Milliarden-Schäden verhindert wurden. Viele Soldaten riskierten bei der Deichsicherung ihr Leben. In diese Traditionspflege wurden auch solche Geschehnisse integriert, wo Soldaten über ihre militärischen Pflichten hinaus am politisch Neuen teilgenommen haben. Auch wenn ich hier nicht auf Traditionen in der NVA eingehe, die ja mit der Deutschen Einheit zur Auflösung übernommen wurde, so würde ich doch über den BundeswehrVerband mit seinen vielen Mitgliedern aus den ehemaligen DDR-Streitkräften prüfen lassen, ob sich nicht doch manche ideologiefreie Geschichte aus dem Militärwesen Ost für den Rückblick eignet. Auch ohne „Parteiauftrag“ haben Soldaten unter Einsatz ihres Lebens, so im Ka ta strophen-Winter 1978/79, wie ich auf Rügen und andernorts erlebt habe, angesichts der Eisfront bei Minus 20 Grad Celsius Einwohnern geholfen und manches Leben gerettet. Henning-von-Tresckow-Kaserne erinnert an Patrioten Im Sinne dieser Traditionspflege in der Bundeswehr erhielt die Kaserne des Stabes Korps und Territorialkommando Ost (KTK Ost) am Wildpark bei Potsdam den Namen Henning-von-Tresckow-Kaserne. Mit dieser Namensgebung am 15. Juli 1992, der ersten einer Bundeswehr-Einrichtung in den neuen Ländern, werden die Besucher und Angehörigen des Stabes an den „Aufstand des Gewissens“ des militärischen Widerstandes gegen das Unrechtsregime des Dritten Reiches erinnert. Der Name und die – unter anderem auch mit der Garnison Potsdam verbundenen – Lebensgeschichte des Patrioten verdeutlicht beispielhaft, dass der sowohl vom Soldaten geforderte Gehorsam als auch der Befehl an Recht und Gewissen gebunden sind. „Sein Zeugnis tödlichen Ungehorsams aus Ge wissens treue gilt es zu bewahren“, hieß es hier aus diesem Anlass. 299 7. Alte und neue Traditionen Die heutige Henning-von-Tresckow-Kaserne hat eine wechselvolle Geschichte erlebt. Zunächst war sie Quartier für die Teilnehmer der Olympischen Spiele 1936 und dann Stab der Luftkriegführung, in der Schlussphase des Zweiten Weltkrieges auch Zufluchtsort für die Särge Friedrich des Großen und seines Vaters, Friedrich Wilhelm I. Nach 1945 diente die Einrichtung als Schule der sowjetischen Besatzungstruppen, dann wurde sie als Schule der Luftverteidigung und später als Kommando der Landstreitkräfte genutzt. Mit der Einheit Deutschlands wurde in der Kaserne der Stab des Heereskommandos Ost aufgestellt. Aus ihm ging das Korps und Territorialkommando Ost hervor. Nach Umstrukturierung hat das IV. Korps seinen Sitz in der Henning-von-Tresckow-Kaserne. Seither dienen in der Kaserne Soldaten aus den östlichen und westlichen Bundesländern. Gemeinsam haben sie eine Integrations- und Aufbauleistung vollbracht, der höchste Anerkennung zuteil geworden ist. „Sie dürfen sich deshalb auch als Stifter neuer Traditionen in der Bundeswehr fühlen, und zwar in dem Maße, wie ihr positives Wirken zu Beginn des Aufbaus der Bundeswehr in den neuen Ländern in die Zukunft fortwirkt.“ Das erklärte Generalleutnant Werner von Scheven im September 1994 zur Kommandoübergabe des Korps und Territorialkommandos Ost/IV. Korps an Generalmajor Joachim Spiering. 300 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Im Jahr 2001 zog das Einsatzführungskommando der Bundeswehr in die Henning-von- Tresckow-Kaserne in Geltow bei Potsdam ein. Alle Einsätze der Bundeswehr – ob im nationalen oder multinationalen Rahmen – werden grundsätzlich hier geplant und von hier geführt. Dieser Erneuerungsprozess ermöglicht den Streitkräften die schnelle Anpassung an sich verändernde sicherheits- und militärpolitische Erfordernisse. Der „Henning-von-Tresckow-Gedenktag“ ist fester Bestandteil der Erinnerungskultur des 2001 aufgestellten Einsatzführungskommandos der Bundeswehr. „Jährlich etwa am Todestag des Widerstandskämpfers, der am 21. Juli 1944 in den Freitod gegangen ist, gedenken wir seiner. Das gemeinsame Gedenken, zusammen mit der Familie von Tresckow, Familien des Widerstands, Vertretern des öffentlichen Lebens und Freunden aus dem regionalen Umfeld, wurde inzwischen längst zur bewährten Tradition.“ Für die Wahrung der Würde des Menschen und die Wiederherstellung der Herrschaft des Rechts war Henning von Tresckow bereit zu kämpfen und mit dem höchsten Preis, den ein Mensch aufbringen kann, für seine Überzeugung einzustehen: seinem Leben! Diese Werte, für die Henning von Tresckow damals eingestanden und gestorben ist und für die 301 7. Alte und neue Traditionen er sein Gewissen über Loyalität und Gehorsam gestellt hat, sind heute wesentlicher Teil der Verfassung. Sie spiegeln sich nicht zuletzt im Eid der Soldaten wider, das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen. Die Namensgebung der Kaserne ist also mehr als Teil der Erinnerungskultur, sie ist Tradition und Verpflichtung für das Kommando. Scharnhorsts Vision wurde Realität Unter den militärischen Vorbildern in der Bundeswehr nimmt der preußische General Gerhard von Scharnhorst (1755–1813) einen hervorragenden Platz ein. Nicht nur sein Können als Artillerist und Chef des Generalstabes bei Blücher in den Befreiungskriegen gegen napoleonische Fremdherrschaft sind heute noch in Erinnerung. Als wissenschaftlicher Denker war er stets an der Praxis orientiert. Auch sein Wirken für eine Armee als lebendiger Teil des Staates sowie den soldatischen Dienst als Ehrendienst gelten in der Bundeswehr als tief verwurzelt. Immerhin ist sie die erste Wehrpflichtarmee in einer Demokratie in Deutschland, zugleich die älteste deutsche Armee dieses Jahrhunderts. Diese Verbundenheit zu den Ideen der preußischen Reformer von 1806 – Bürger und Staat, Freiheit und Mitverantwortung, Wehrpflicht und Landesverteidigung zu verknüpfen – prägte von Anfang das Leitbild in den westdeutschen Streitkräften. So besaß die Vereidigung der ersten Soldaten am 12. November 1955, dem 200. Geburtstag des Generals und Gründungstag der Bundeswehr, historische und programmatische Symbolkraft: Aus den Händen des ersten Bundesministers der Verteidigung, Theodor Blank, erhielten an diesem Tag in der Bonner Ermekeil-Kaserne die ersten 101 Freiwilligen ihre Ernennungsurkunde. 302 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Als damalige Neuschöpfung ist sie „anders als die aus den Kontingentsheeren des kaiserlichen Deutschlands hervorgegangene Reichswehr und die aus der Reichswehr hervorgegangene Wehrmacht“, erklärte das Bundesverteidigungsministerium 1985 zur 30-jährigen Bundeswehr-Geschichte. Im Sinne dieser geistigen und moralischen Grundlagen der preußischen Reformen galt der Aufbau der Bundeswehr als ein grundlegender Neuanfang, nachdem zehn Jahre zuvor mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges die Wehrmacht untergegangen war. Im demokratischen Staat umfassend verankert und in der Nordatlantischen Allianz integriert, bekannten sich die Staatsbürger in Uniform immer wieder zu Scharnhorst – rechtlich, institutionell und vor allem geistig-moralisch. So wurden Kasernen in Hannover-Bothfeld, Lingen und Bremen nach ihm benannt. Von 1959 bis 1972 gab es ein gleichnamiges Begleitschiff der Marine. Noch heute orientiert sich die Offiziersausbildung bei Heer, Marine und Luftwaffe an der Kombination militärischer Ausbildung und Allgemeinbildung. Die Vorstellungen Scharnhorsts von der allgemeinen Wehrpflicht waren für die Bundeswehr ein Wegbereiter der Inneren Führung. In all den Jahren seit ihrer Gründung haben acht Millionen Männer und Frauen in den Streitkräften gedient. Darunter waren in der Armee der Einheit bis 1995 etwa 200 000 Rekruten aus den neuen Bundesländern. Für den Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium Bernd Wilz „haben die Soldaten der Bundeswehr – zusammen mit ihren verbündeten Kameraden – der Bundesrepublik Deutschland Frieden und Freiheit gesichert. Sie trugen zur Überwindung der Teilung unseres Vaterlandes und zum Durchbruch der Freiheit in ganz Europa bei.“ Die künftigen Aufgaben erforderten ein ausgeprägtes Bewusstsein für die politische Di- 303 7. Alte und neue Traditionen mension militärischen Handelns. „Mehr denn je braucht die Bundeswehr heute Offiziere, die – ganz im Sinne Scharnhorsts – ihre Aufgaben professionell beherrschen und sie zugleich in den politischen Zusammenhang einordnen, die Menschen für unterschiedliche Aufträge ausbilden und überzeugend führen können.“ Anlass für diese Würdigung war am 28. Juni 1995 eine Kranzniederlegung des Bundesministeriums zum Todestag des Gerhard von Scharnhorst am restaurierten Grabmal auf dem Berliner Invalidenfriedhof, der die Geschichte Berlins und Deutschlands mit all ihren Höhen und Tiefen widerspiegelt. Hier hat ihm 1824 Baumeister Karl Friedrich Schinkel ein großartiges Denkmal gesetzt. Obenauf ein Bronzelöwe, der 1833 nach einem Entwurf von Christian Daniel Rauch in der Königlichen Eisengießerei gegossen worden war. Der Friedhof mit diesem freistehenden Hochsarkophag – ein Hauptwerk klassizistischer Grabmalkunst im 19. Jahrhundert – litt besonders unter der Teilung der deutschen Hauptstadt, als er zwischen Scharnhorststraße und Spandauer Schifffahrtskanal an der Sektorengrenze über viele Jahre im Schatten der Berliner Mauer lag. Nun ist er wieder mit seinen Gräbern ein Ort der Besinnung und des Nachdenkens über das Auf und Ab der deutschen Geschichte seit 250 Jahren. Hier ruhen nicht nur hochrangige Soldaten wie Boyen, Moltke, Bülow und Richthofen, sondern auch viele andere bedeutende Persönlichkeiten wie Staatsbeamte und Theologen, Gelehrte, Unternehmer und Künstler aus allen Epochen. Auch mit Blick auf die Rolle der Streitkräfte zu internationaler Krisenbewältigung wurde bei diesem beeindruckenden Zeremoniell, das mit einem Trompetensolo endete, an die Richtung weisenden Worte Scharnhorsts erinnert: „Tradition in der Armee hat es zu sein, an der Spitze des Fortschritts zu marschieren.“ (1995) Erste gesamtdeutsche Clausewitz-Ehrung in Burg Nur wenige Wochen nach der Wiedervereinigung ehrten am 16. November 1990 Mitglieder der Clausewitz-Gesellschaft e.V. ihren Namenpatron an seinem Todestag in Burg. An dieser feierlichen Zeremonie vor der Grabstätte auf dem Ost-Friedhof der bekannten Garnisonsstadt nahmen erstmals Vertreter aus Ost und West teil – aus der „alten“ Bundeswehr und des Bundeswehrkommandos Ost sowie der Innenminister von Sachsen-Anhalt, Wolfgang Braun (CDU). Die Beisetzung der sterblichen Überreste des großen Militärphiloso- 304 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten phen Carl von Clausewitz und seiner Frau Marie hatte nach der Überführung aus Breslau hierher am 16. November 1971, seinem 140. Todestag, stattgefunden. „Jeder war angerührt, weil doch dieser Besuch für viele überhaupt erst möglich geworden durch die Einigung unseres Vaterlandes“, erinnerte der Präsident der Clausewitz-Gesellschaft, Generalleutnant a.D. Lothar Domröse, an seine Gedanken am Grab. „Angerührt aber auch, weil durch den Leiter der Friedhofsverwaltung, der Exhumierung, Überführung und Neubestattung vorgenommen hatte, als Zeitzeuge die Umstände dieser wohl letzten Reise des Generals von Clausewitz aus dem nun zu Polen gehörenden Breslau in die DDR in das Bewusstsein eines jeden trat. Und jedem wurde deutlich, wie Grenzen bis zum 9. November 1989 hermetisch einen Teil in der Mitte Europas von dem anderen verschlossen hatten, so dass selbst die Grabstätte des Mannes abgeschlossen war, der wie kaum ein anderer über das Wesen des Kriegs nachgedacht hatte, der zudem Deutscher war, den die damals in Polen Regierenden besser in seinem Geburtsort sehen wollten, denn in Breslau. Und angerührt, weil Clausewitz nun nicht mehr den Deutschen ‚drüben‘ allein gehört; sein Werk hätte eine solche Eingrenzung nie erlaubt.“ Domröse: „Wer wird an solcher Stätte und in einem solchen Augenblick nicht an den letzten Krieg mit seinen Folgen erinnert, an die zwei Deutschland, an die zwei deutschen Armeen, an die Zugehörigkeit der einen zur Nato und der anderen zum Warschauer Pakt? Ohne jeden Zweifel geht es in einem solchen Augenblick – nur ein Jahr nach der ‚Deutschen Revolution‘ vom 9. November 1989 – der Blick in die Zukunft mit der Frage: Was ist die Aufgabe des Soldaten, des deutschen Soldaten im vereinigten Vaterland?“ Seine Aufgabe, sein Auftrag werde sich mit Sicherheit nicht erschöpfen im Erarbeiten neuer, militärischer Konzeptionen, neuer Strukturen und Bewaffnungen. Nein, über die Rolle der Streitkräfte bei der Gestaltung der Friedensordnung in Europa gilt es nachzudenken. Clausewitz’ Werk kann dabei helfen.“ Wie der Präsident der Clausewitz-Gesellschaft e.V. weiter berichtete, werde Geschichte „in einem solchen Augenblick besonders spürbar. Am 14. Oktober 1806 hatte Carl von Clausewitz einen der bittersten Tage der preußischen Geschichte erlebt: In der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt war das preußische Heer den Truppen Napoleons erlegen. Zu den 18 000 Soldaten, die in Gefangenschaft geraten waren, hatten auch Prinz August von Preu- ßen und sein Adjutant Carl von Clausewitz gehört. Beide waren in Frankreich interniert worden. Die Pässe für die Heimkehr hatten die Internierten erst am 7. Oktober 1807 erhalten. Nach der Rückkehr unterstützte Carl von Clausewitz dann Gerhard von Scharnhorst bei der preußischen Heeresreform. Seine Betrachtungen ‚Vom Kriege‘ waren erst 1932 erschienen, ein Jahr nach seinem Tod.“ Anliegen der preußischen Reformer, so Domröse, „war die Reform der Inneren Ordnung der Armee als Teil der Erneuerung von Staat und Gesellschaft. In der Zielsetzung der militärischen Reformen waren sie dem Primat der Politik gefolgt.“ 305 7. Alte und neue Traditionen Wie ich mich erinnern kann, hatte die NVA über alle Jahre Carl von Clausewitz in seinem Geburtsort und an der letzten Ruhestätte auf vielfältige Weise geehrt. So trug das NVA-Ausbildungszentrum seinen Namen. Auch die Grabstätte wurde seither in ihre Obhut genommen. Im Rahmen der Ehrungen am 1. Juni 1980 enthüllte man eine Gedenktafel. Sie trägt die Worte des Generals und Kriegsphilosophen: „Die Zeit ist Euer, was sie sein wird, wird sie durch Euch sein.“ Ich war zugegen, als an seinem 200. Geburtstag 1980 in Burg in einer würdevollen Gedenkveranstaltung der große militärische Denker geehrt wurde, dessen Hauptverdienst es ist, den politischen Charakter des Krieges und den Ausdruck des politischen Willens als das grundlegende Charakteristikum des Krieges analysiert zu haben. Nachdem er sich mit unglaublicher Energie einen reichen militärischen Erfahrungsschatz und eine breite geistig-philosophische Wissensbasis erarbeitet hatte, entstand sein großes Werk „Vom Kriege“. Es war auch im November 1957 der erste Titel aus dem Verlag des Ministeriums für Nationale Verteidigung, dem späteren Militärverlag der DDR, in Ost-Berlin. „Unser Verlag hat sich zur Herausgabe des Buches Carl von Clausewitz ‚Vom Kriege‘ entschlossen, weil es ein bedeutendes Werk der politischen und militärischen Weltliteratur ist, dem die Klassiker des wissenschaftlichen Sozialismus hohe Bedeutung beigemessen haben“, heißt es in der Vorbemerkung. „Noch heute bildet es eine wichtige Grundlage für die militärtheoretische Forschung.“ Dem vorliegenden Text des Werkes liege die erste Ausgabe von 1832 unter Berücksichtigung der bisherigen Forschungsergebnisse zugrunde. Seit der deutschen Einheit 1990 fand die Clausewitz-Gesellschaft e.V. auch in den neuen Bundesländern unter Wissenschaftlern und Militärs sowie in Freundeskreisen eine breite Unterstützung. Sie hat sich seit ihrer Gründung im Jahr 1961 als unabhängige Vereinigung die Aufgabe gestellt, aus der Begegnung mit den Gedanken des militärischen Denkers und großen Philosophen Nutzen für die Gegenwart zu ziehen. 306 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten „Dabei geht es nicht um eine historische Rückschau auf Clausewitz und seine Zeit oder gar um die detaillierte Exegese seines Werkes, sondern vielmehr um den Versuch, die gegenwärtigen Aufgaben der Politik und der Strategie im Spiegel der Einsichten des Carl von Clausewitz zu sehen und dabei zu prüfen, welche der von Clausewitz formulierten Grundsätze und Einsichten heute noch von Bedeutung sind und damit überzeitliche Geltung besitzen.“ So General a.D. Dr. Klaus Reinhard, Präsident der Gesellschaft, 2005 auf der Festveranstaltung zum 225. Geburtstag von Carl von Clausewitz in Burg. „Stand im Mittelpunkt der Überlegungen der Clausewitz-Gesellschaft zunächst das Bestreben, das geistige Erbe des deutschen Generalstabes zu bewahren und die Clausewitz-Forschung zu unterstützen, so ist zwischenzeitlich vor allem die kritische und intensive Auseinandersetzung mit den strategischen und sicherheitspolitischen Fragen unserer Zeit in den Vordergrund getreten.“ Der Clausewitz-Gesellschaft gehören etwa 1 000 Mitglieder an, dabei ehemalige und aktive Generale und Admirale sowie Generalstabs- und Admiralstabsoffiziere der Bundeswehr, aber auch zahlreiche Truppenoffiziere sowie Vertreter des öffentlichen Lebens, der Publizistik, der Wissenschaft und der Wirtschaft. Die Mitglieder kommen aus der ganzen Welt – von der Schweiz über Österreich, den USA bis hin nach Japan. Zu den ranghöchsten aktiven Mitgliedern der Clausewitz-Gesellschaft zählten und zählen ehemalige Ge ne ral in spekteu re der Bundeswehr wie General Ulrich de Maizière oder General Wolfgang Schneiderhan. Speidel: Hohe Akzeptanz der Bundeswehr im Osten Der Name Speidel hat in der Bundeswehr und den verbündeten Streitkräften einen guten Ruf. Dafür sorgten in mehr als vier Jahrzehnten zwei Generale: Hans und Hans Helmut. Vor allem der Vater machte sich um die Geschichte der Streitkräfte der Bundesrepublik verdient. Er referierte 1948 als unumstrittener Militärexperte mit seinem profilierten Wissen über „Wiedervereinigung und westdeutsche Sicherheitspolitik“, stand nach 1949 Bundeskanzler Konrad Adenauer als militärischer Berater zur Verfügung, war dann führend an den Verhandlungen um die Europäische Verteidigungsgemeinschaft und Deutschlands Beitritt zum Nordatlantik-Pakt beteiligt. Später avancierte der Generalleutnant zum Oberbefehlshaber der Nato-Landstreitkräfte in Mitteleuropa. Sein Dienstsitz lag in Fontainebleau bei Paris. Doch man sollte auch erwähnen, dass Hans Speidel als erster Deutscher nach dem Zweiten Weltkrieg mit einer solch wichtigen internationalen Dienststellung betraut wurde. Ein General, der in der Wehrmacht als Stabschef vom „Wüstenfuchs“ Generalfeldmarschall Erwin Rommel in Frankreich gedient hatte, später als Vertrauter des Generaloberst Ludwig Beck nach dem Attentatsversuch vom 20. Juli 1944 auf Hitler mit anderen Gegnern des Regimes verhaftet worden war. Nur das tatkräftige Zupacken eines Paters und die Flucht retteten sein Leben. Davor war er 1933 bis 1935 Gehilfe des Militärattachés in Frankreich. 307 7. Alte und neue Traditionen Im Geiste dieses aufrechten Mannes wuchs der Sohn, 1938 in Mannheim geboren, heran. 1957 meldete er sich nach dem Abitur zum Bund, wurde zum Offizier ausgebildet und erwarb Truppenpraxis in der 10. Panzerdivision, im Panzergrenadierbataillon 292 und in der Panzerbrigade 29. Später war er Kommandeur des Jägerbataillons 112 Regen, im III. Korps Koblenz Stabsabteilungsleiter, Gruppenleiter im Heeresamt Köln und Bereichsleiter im Bonner Planungsstab des Bundesverteidigungsministers. Auslandserfahrung konnte der Brigadegeneral im Attachédienst in Washington, London und Paris sammeln. Mit der deutschen Wiedervereinigung kam Hans Helmut Speidel ins brandenburgische Strausberg. Als Leiter von Personal und Innere Führung im Bundeswehrkommando Ost trug er mit anderen Soldaten aus der westlichen Bundeswehr in den neuen Ländern wesentlich zur Auflösung der Nationalen Volksarmee und zur Integration von einstigen NVA- Angehörigen bei. „Eine ganz wichtige Zeit meines Lebens“, schätzte er später ein. „Wir waren ja nicht als Sieger gekommen, sondern wollten vor Ort mit der deutschen Einheit auch eine einheitliche Bundeswehr in Ost und West erreichen. Das war in der Tat nicht immer leicht, sondern mit vielen menschlichen Schicksalen verbunden.“ Sein Leitmotiv: „Die neuen Soldaten unvoreingenommen aufnehmen, ihnen kameradschaftliche Hilfestellung geben und die schnelle Integration fördern“ war für ihn ebenso in der neuen Arbeit wichtig: Ab September 1995 leitete er für drei Jahre das Verteidigungsbezirkskommando 100 Berlin, wirkte vor Ort für die „innere Einheit“. Auf der Bonner Hardthöhe galt Speidel als eine in Hauptstädten erfahrene und international geprägte Persönlichkeit. Nun musste der oberste militärische Repräsentant in Berlin in der wichtigen Phase des Umzugs der Bundesministerien aus Bonn hierher die Belange der Bundeswehr umsichtig und wirkungsvoll vertreten. Dabei hieß für den General die „Marschrichtungszahl“: Nach fünf Jahren der Armee der Einheit in Berlin an die bereits hohe Akzeptanz der Bundeswehr anknüpfen, die gute Zusammenarbeit mit Senat und Bevölkerung vertiefen, das Zusammenwachsen beider Teile der Stadt fördern. In der Julius-Leber-Kaserne, wo die Standortkommandantur eine ähnliche Struktur wie in München oder Hamburg einnahm, trug er die territoriale militärische Verantwortung. Die Bundeswehr verfügte inzwischen in der Hauptstadt über unterschiedliche Truppenteile und Einrichtungen, wurde zum drittgrößten Standort. Hinzu kamen beim Standortkommandanten logistische und Protokollaufgaben. Zudem klopften immer öfter ehemalige Alliierte an die Tür, ersuchten um eine neue Gelegenheit der Begegnung. Speidel: „Was wir unterstützten, damit dieser Teil unserer Geschichte gut in Erinnerung bleibt und weitergetragen wird.“ Gerade die Familientradition enger Bande zu Frankreich machte ihn zum Experten, was Gegenwart und Zukunft militärischer Zusammenarbeit beider Staaten betraf. Es ging nicht „um irgendwelche Sonderbeziehungen. Vielmehr müssen wir auf nahezu allen militärischen Gebieten enger zusammenarbeiten. Warum sollten beispielsweise Wehrpflichtige nicht im Partnerland ihren Dienst leisten?“ Auch die gemeinsame Rüstungszusammenarbeit und 308 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Logistik sei ein Beitrag zu Europa, erläuterte er mir in einem fast zweistündigen Gespräch, auch mit vielen persönlichen Erinnerungen. Speidel: „Die deutsch-französische Zusammenarbeit hat sich auf den verschiedensten Gebieten als Motor für das Voranschreiten auf dem Weg nach Europa erwiesen. Heute arbeiten deutsche und französische Austauschoffiziere in Operationsabteilungen und Führungszentralen in Paris und Bonn – deutlicher Beweis für vertrauensvolle Zusammenarbeit und Basis weiteren Fortschreitens dieser Entwicklung.“ Als der General nach 41 Dienstjahren im September 1998 in den Ruhestand ging, spielte das Musikkorps nur Titel, die er selbst ausgesucht hatte. Darunter war der Robert-Bruce- Marsch, den auch die französischen Streitkräfte bei solchen Gelegenheiten intonieren. Den Soldaten gab er mit auf dem Weg, Deutschlands Interessen auch im Ausland würdig zu vertreten. Der Name Speidel hat nun auch in Berlin einen guten Ruf. (1995) Breites Interesse für „Aufstand des Gewissens“ Die Bundeswehr hat einen überaus würdigen Beitrag zum 50. Jahrestag des Attentats und Umsturzversuches vom 20. Juli 1944 geleistet. Dies war die einhellige Meinung der ersten Gäste der neu gestalteten Wanderausstellung „Aufstand des Gewissens. Militärischer Widerstand gegen Hitler und das NS-Regime 1933–1945“, die Bundesverteidigungsminister Volker Rühe in seinem Berliner Dienstsitz im Bendlerblock eröffnet hat. Zu den vielen Persönlichkeiten, die der bedeutenden politischen Präsentation der deutschen Streitkräfte im wiedervereinigten Berlin Respekt und Anerkennung zollten, gehörten der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, und Berlins Parlamentspräsidentin Hanna-Renate Laurien. Die vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt Potsdam auf 91 Schautafeln vorgelegte wissenschaftliche Dokumentation zeigte in einer Überarbeitung der Ursprungsfassung von 1984 das breite Spektrum verschiedenartiger Widerstandshandlungen von Soldaten der Wehrmacht ohne Ausgrenzungen. Sie gibt „damit die Möglichkeit zu vergleichender Betrachtung und abgewogener Bewertung“, betonte der Minister, für den der 20. Juli „wesentlicher Bestandteil der Tradition der deutschen Streitkräfte“ ist. „Den Einsatz für Frieden, Freiheit und Humanität sind wir auch den Frauen und Männern des Deutschen Widerstandes schuldig, die für diese Werte ihr Leben gaben.“ Wie in der deutschen Hauptstadt erwartete Rühe vor allem in den neuen Bundesländern ein „breites Interesse“ unter den Soldaten und der Bevölkerung an dieser Darstellung des militärischen Widerstands, die demnächst in Leipzig und Erfurt zu sehen ist. Diese Auffassung teilte auch der Kommandierende General des Korps und Territorialkommandos Ost in Potsdam, Generalleutnant Werner von Scheven. „Ich habe mich in der Bundeswehr jahrzehntelang mit politischer, aber auch mit historischer Bildung beschäftigt und bin heute beeindruckt, denn die Ausstellung ist stark erweitert und dem neuen Forschungsstand angepasst worden. Das gefällt mir gut. Ich hoffe, dass sie viele Interessenten findet, weil ja 309 7. Alte und neue Traditionen das Wissen über diese Dinge in der DDR sehr einseitig vermittelt wurde. Für uns in der Bundeswehr ist sie ein wichtiger Traditionsbestand, denn die Gewissensfreiheit ist ein Grundrecht, das wir mitverteidigen.“ Dazu der Amtschef des Forschungsamtes, Brigadegeneral Dr. Günter Roth: „In einem ‚Aufstand des Gewissens‘ haben sich während der NS-Herrschaft deutsche Soldaten aller Dienstgrad aus ihren unterschiedlichen Positionen heraus und mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln in vielfältiger Weise gegen das Unrecht des Nationalsozialismus zur Wehr gesetzt. Sie haben zwischen militärischer Pflicht gegenüber dem Vaterland und dem Missbrauch durch ein verbrecherisches Regime zu unterscheiden gewusst. Diese Männer setzt Deutschland nicht mit Nationalsozialismus gleich, wenngleich sie die von der NS-Propaganda betriebene Verquickung von Vaterland und Nationalsozialismus als tragischen Konflikt empfanden, aus dem sie keinen Ausweg sahen. Mit ihrem Handeln und dem Einsatz ihres Lebens haben sie der Welt gezeigt, dass es auch das ‚andere Deutschland‘ gab.“ Von der Bundeswehr-Ausstellung zum 20. Juli – 1994 in Bremen und Kaiserslautern zu sehen – zeigten sich Teilnehmer des militärischen Widerstands und deren Familienangehörige ebenso tief beeindruckt. Unter ihnen der Befehlshaber im Wehrbereich V in Stuttgart, Generalmajor Berthold Graf von Stauffenberg, einer der Söhne des 1944 von den Nazis ermordeten Hitlerattentäters. „Es kommen schon Erinnerungen, denn wir haben einiges durchgemacht. Wir sind unendlich dankbar, dass wir fast alle – leider aber nicht alle – diese Zeit überlebt haben. Und das war durchaus nicht vorauszusehen“, sagte er. Der Projektoffizier der Ausstellung, Fregattenkapitän Dr. Heinrich Walle, sagte: „Das Wissen über den Widerstand gegen Hitler und das NS-Regime ist vielfach nur auf die Verschwörung und das Attentat vom 20. Juli 1944 begrenzt. Dies ist wegen der starken Symbolkraft des Ereignisses zwar durchaus verständlich. Es lässt jedoch vergessen, dass seit der ‚Machtergreifung‘ Hitlers legale Opposition nicht mehr möglich war, dass es bis zum Ende der nationalsozialistischen Diktatur Widerstand gegeben hat. Dieser entsprechend den Rahmenbedingungen des Systems mehr oder weniger organisierte Widerstand vollzog sich in verschiedenen Formen und Phasen. Sie reichten von Schritten spontaner Verweigerung, vor allem schon in den frühen Jahren 1933/34, bis hin zu den Staatsstreich- und Attentatsplänen, die seit 1938 nimmer stärker Gestalt annahmen.“ (1994) „Bereits ein Verweigern oder Abseitsstehen wurde von den braunen Machthabern als aktive Gegnerschaft angesehen und verfolgt. Eine Mitwisserschaft von möglichen Aktionen gegen das System oder auch nur von kritischen Äußerungen anderer konnte, wenn sie nicht sofort ‚angezeigt‘ wurde, tödlich sein. Viele der in den Prozessen nach dem Staatsstreichversuch vom 20. Juli 1944 zum Tode Verurteilten büßten so allein ihre Mitwisserschaft oder ein nicht sofort entschiedenes Eintreten für den NS-Staat mit dem Tode.“ (1994) 310 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Schmidt: Dieser Staat wird Euch nicht missbrauchen Für den militärischen Widerstand gegen das NS-Regime als wichtige Traditionslinie hatte sich das Bundesministerium der Verteidigung entschieden, als es mit dem Regierungsumzug in die deutsche Hauptstadt den Bendlerblock zum zweiten Dienstsitz einrichtete. Damit rückte auch die historische Bedeutung dieses Gebäudekomplexes für Berlin und Deutschlands Geschichte ins Blickfeld der Öffentlichkeit – national und international. So stand 1996 das ehrenvolle Gedenken an den militärischen Widerstand gegen Hitler im Mittelpunkt der Überlegungen, in Berlin jeweils am 20. Juli ein öffentliches Gelöbnis abzuhalten. Denn gerade hier sollte den Rekruten, allen Soldaten und Bürgern die Pflicht eines jeden Soldaten zu verantwortungsvollem Handeln verdeutlicht werden. Um der Männer und Frauen im Widerstand gegen das NS-Regime würdig zu gedenken, nahm man das Gelöbnis zum Anlass für eine neue Tradition mit einer Reihe von Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft für dieses Ereignis. Als erster sprach 1996 Bundespräsident Roman Herzog in diesem Rahmen zu den jungen Bürgern in Uniform. Die Rede hielt 1998 der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen. Seit 1999 findet das Gelöbnis am 20. Juli alljährlich im Bendlerblock statt. „Denn hier ist die räumliche und emotionale Nähe zu den Ereignissen des 20. Juli 1944 in besonderer Weise gegeben“, verlautete aus dem Bundesministerium. 311 7. Alte und neue Traditionen Etwa 400 Rekrutinnen und Rekruten legten am 20. Juli 2019, dem 75. Jahrestag des Attentats, während eines beeindruckenden Appells auf dem Paradeplatz des Ministeriums im Bendlerblock im Beisein von Bundeskanzlerin Angela Merkel ihr Feierliches Gelöbnis ab. Die Soldatinnen und Soldaten kamen aus dem Berliner Wachbataillon, dem Logistikbataillon 117 Burg, dem Sanitätsregiment 1 Weißenfels, der Marineunteroffiziersschule Plön, dem Luftwaffenausbildungsbataillon Roth, dem Panzergrenadierbataillon 212 Augustdorf und dem Informationstechnikbataillon 281 Gerolstein. Sie gelobten vor ihren Familien, Freunden und Angehörigen der damaligen Widerstandskämpfer, „der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen“. In ihrer ersten öffentlichen Rede als Bundesverteidigungsministerin versicherte Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) den Angehörigen der Bundeswehr ihre enge Verbundenheit: „Ich weiß: Deutschland kann sich auf Sie verlassen. Und ich sage Ihnen: Sie können sich auf mich verlassen.“ Die Offiziere um Graf Stauffenberg seien Vorbilder. „Sie begehrten auf gegen Unrecht, Diktatur, Barbarei und Menschenverachtung. Sie sahen ihre soldatische Pflicht darin, das Recht über den unrechtmäßigen Befehl zu stellen.“ Der Einsatz „mit den Verbündeten und Partnern für den Frieden in Europa und in der Welt, für Recht und Freiheit, für die Achtung und den Schutz der Menschenwürde in unseren Missionen – das ist das Vermächtnis des deutschen Widerstands, das über unseren nationalen Rahmen hinausreicht“. Nach dem Feierlichen Gelöbnis erinnerte die Bundesregierung mit einer Feierstunde im Ehrenhof des Bendlerblocks an den Widerstand gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft. Die Bundeskanzlerin legte, begleitet vom Generalinspekteur der Bundeswehr, General Eberhard Zorn, an jenem Ort einen Kranz nieder, an dem 1944 von Stauffenberg und andere Verschwörer erschossen worden waren. Gedenkreden hielten ab 1999 Kanzler Gerhard Schröder, Bundesminister Rudolf Scharping und der Präsident des Zentralrates der Juden, Paul Spiegel. Neben deutschen Politi- 312 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten kern beteiligten sich auch vorragende Repräsentanten der Franzosen, der Engländer und der Amerikaner, der Norweger und der Holländer als Redner an dieser Tradition. Vor dem historischen Hintergrund des deutschen Überfalls auf Polen 1939 war es besonders erfreulich, dass Bundesminister Peter Struck für das Gelöbnis am 20. Juli 2002 mit dem polnischen Staatspräsidenten Aleksander Kwasniewski einen Ehrengast begrüßen durfte, der das zwischen den Nato-Partnern Polen und Deutschland inzwischen erwachsene beispielhaft gute Verhältnis personifizierte. „Ich bin davon überzeugt, dass der heutige Tag nicht nur in die Chroniken der deutsch-polnischen Beziehungen, sondern auch in die des gesamten Kontinents eingehen wird“, erklärte Staatspräsident Kwasniewski zu Beginn vor den angetretenen Rekruten aus Deutschland und Polen. Beide Länder hätten gezeigt, dass der berühmte Spruch: „Historia magistra vita est“ mehr bedeuten kann als nur einen Aphorismus. „Mit dem Angriff auf Polen am 1. September 1939 begann die in ein Werkzeug des totalitären Hitler-Regimes umgewandelte deutsche Armee den schrecklichsten Krieg in der Geschichte der Menschheit. Heute nach 63 Jahren steht nun der polnische Staatspräsident vor Soldaten der Bundeswehr – einer freundschaftlichen und friedensstiftenden Armee Deutschlands, einem Verbündeten und zugleich auch einem Freund Polens. Dies ist der beste Beweis dafür, dass beide Völker dazu in der Lage waren, die richtigen Schlüsse aus der tragischen Vergangenheit zu ziehen.“ An die Rekruten, Soldatinnen und Soldaten beider Armeen gewandt, betonte der polnische Staatspräsident: „Die Geschichte hat bereits mehrmals gezeigt, dass Soldaten Brand, Angst und Tod verbreiten können. Die Geschichte hat aber auch gezeigt, dass es möglich sein kann, eine Armee zu gründen, die dem Menschen Frieden, Sicherheit und Freiheit bringt. Eine solche Armee bildet gerade die Bundeswehr. Sie hat es durch ihren Einsatz in den Friedensoperationen in Bosnien, Kosovo und Afghanistan bewiesen. Ihr selber und Eure Eltern können stolz darauf sein, Soldaten gerade dieser Armee zu werden. Als Oberbefehlshaber der polnischen Streitkräfte kann ich Euch versichern, dass Ihr bei dem gro- ßen Akt der Übernahme der Verantwortung für den Schutz der Grundrechte, der Menschenrechte, des Friedens und der Freiheit immer mit der Unterstützung und der Zusammenarbeit mit Polen rechnen könnt.“ Er sei überzeugt, dass heute etwas besonders Wichtiges für die deutsch-polnische Versöhnung geschehen ist. „Wir gedachten heute hervorragender Persönlichkeiten der Vergangenheit und bewiesen zugleich, dass wir in der Lage sind, Gegenwart und Zukunft eines vereinten Europas aufzubauen, eines Europas, das wir mit Stolz unseren Nachkommen anvertrauen können. Eines sicheren, mächtigen und würdigen Europas, das stark ist durch die deutsch-polnische Nachbarschaft, Partnerschaft, Zusammenarbeit und Freundschaft.“ Eine so ranghohe Beteiligung von Politikern und Bundestagsabgeordneten wie 2008 mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier hatte es beim Gelöbnis vor dem Berliner Reichstagsgebäude am Jahrestag des gescheiterten Attentats auf Hitler noch nicht gegeben. Mit „innerer Bewegung“ sprach zu ihnen Altkanzler Helmut Schmidt (SPD), der vor 70 Jahren selbst Rekrut und später Wehrmachtsoffizier 313 7. Alte und neue Traditionen war. „Liebe junge Soldaten! Ihr habt das große Glück – ganz anders als ich als Rekrut des Jahres 1937 - , Ihr habt das Glück, einer heute friedfertigen Nation und ihrem heute rechtlich geordneten Staat zu dienen. Ihr müsst wissen: Euer Dienst kann auch Risiken und Gefahren umfassen. Aber ihr könnt Euch darauf verlassen: Dieser Staat wird Euch nicht missbrauchen. Die Würde und das einzelne Recht des Menschen sind das oberste Gebot – nicht nur für die Regierenden, sondern für uns alle.“ Das Vertrauen, das unsere Nachbarn und das die einstmaligen Sieger „heute in uns setzen“, lege uns eine schwere Bürde auf. „Denn wir allesamt sind belastet mit der Verantwortung dafür, dass sich die Schrecken der deutschen Vergangenheit nicht wiederholen dürfen. Das ist eine sehr schwere Verantwortung.“ Deshalb sei es notwendig, sowohl moralisch als auch politisch „aus unserer Geschichte zu lernen“. Im Jahr darauf bezeichnete Bundeskanzlerin Merkel bei einem Gelöbnis des Wachbataillons – erneut vor dem Reichstagsgebäude – das Grauen des Nationalsozialismus als eine Verpflichtung Deutschlands für eine Politik der Menschenwürde. „Es waren leider nicht viele, die Männer und Frauen des deutschen Widerstands, die sich gegen den Nationalsozialismus aufgelehnt haben, aber diese wenigen haben unserem Land Würde und Ehre bewahrt.“ Sie seien „Vorbild, Leitbild und Verpflichtung“. Merkel weiter: „Der Respekt vor der Würde des Menschen überall auf der Welt bleibt für mich Kern unserer Politik.“ Bei ihren weltweiten Einsätzen leisteten die deutschen Soldaten ihren Dienst „vorbildlich und auf tapfere Weise“. Wissenschaftliche Beiträge zum Zweiten Weltkrieg Das Militärgeschichtliche Forschungsamt in Potsdam hatte sich zum 50. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkrieges mit bedeutenden wissenschaftlichen Beiträgen zu Wort gemeldet. So fand auf Initiative der Bundeswehr-Einrichtung an Stätten der Kämpfe von 1945 an der Oder, auf den Seelower Höhen und in Berlin ein internationaler Kongress statt. An der mehrtägigen Beratung Anfang Februar 1995 unter dem Thema „Das Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa“ nahmen mehr als 200 Historiker, Militärs und andere Persönlichkeiten teil. Am Abschlusstag sprach der bekannte US-Weltkriegsforscher Professor Dr. Gerhard L. Weinberg von der Universität Chapel Hill (North Carolina) in der deutschen Hauptstadt über den „historischen Ort des Zweiten Weltkrieges“. Als Auftakt für diese Jubiläums-Aktivitäten präsentierte das Forschungsamt in der Berliner Humboldt-Universität das Buch „Ende des Dritten Reiches – Ende des Zweiten Weltkrieges. Eine perspektivische Rückschau“ aus dem Piper Verlag. Etwa 30 Autoren aus fünf Nationen beschrieben darin die letzten Monate der Kampfhandlungen und analysierten die politische Bedeutung des 8. Mai 1945. Dieses „unverzichtbare Grundlagenbuch“, so Amtschef Brigadegeneral Dr. Günter Roth, „macht die Forschungsergebnisse der letzten Jahre einem breiten Publikum zugängig“. 314 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Hierin werde „sowohl Bilanz der deutschen und generell internationalen Entwicklung am Ende des Zweiten Weltkrieges gezogen als auch die sich ergebenden Perspektiven der unmittelbaren Nachkriegszeit bis zum staatlich-gesellschaftlichen Neubeginn im zerstörten und besiegten Deutschland markiert“. Historiker, Politologen, Theologen, Literatur- und Kulturwissenschaftler böten „Problemaufrisse in ihrer interdisziplinären Vielfalt“, betonte er. Kapitänleutnant Herbert Kraus, Hörsaalleiter an der Marineschule Mürwik, Flensburg, befasste sich mit dem Oberbefehlshaber der Kriegsmarine und späteren Hitler-Nachfolger Karl Dönitz. Mit dem schnellen Abschluss der Gesamtkapitulation der deutschen Wehrmacht habe dieser, „wiewohl er durch die militärische Lage zu diesem Schritt genötigt war, positiven Anteil an der Beendigung des Zweiten Weltkrieges“. Gleiches könne man von ihm, was das Ende des Dritten Reiches anbelangt, „nicht behaupten“. Bis zu seiner Verhaftung am 23. Mai 1945 habe er bei den westlichen Alliierten versucht, „wesentliche Bestandteile des nationalsozialistischen Deutschlands für die Zukunft zu bewahren“. Weitere Kapitel waren „Die Wehrmacht: Vom Realitätsverlust zum Selbstbetrug“, „Der deutsche Widerstand gegen den Nationalsozialismus“, „Kriegszerstörungen und Reparationslasten“ sowie „Entnazifizierung. Politische Säuberung unter alliierter Herrschaft“. Auch ging es um „Deutsche Europa-Konzeptionen vom Dritten Reich bis zur Bundesrepublik“, „Die sowjetische Deutschlandplanung zwischen Parteiräson, Staatsinteresse und taktischem Kalkül“ und „Die Strafverfolgung nationalsozialistischer Verbrechen und deren politische und moralische Folgen für die beiden Deutschland“. Wie Brigadegeneral Roth erklärte, habe das Militärgeschichtliche Forschungsamt vor langer Zeit schon – damals noch am Standort Freiburg – ein zehnbändiges Reihenwerk „Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg“ konzipiert. Davon konnten bisher sechs Bände vorgelegt werden. Der Abschluss sei im Jahr 2000 zu erwarten. Diese Grundlagenforschung werde begleitet von wissenschaftlichen Tagungen, Monographien sowie Aufsatzbänden des Amtes zu spezifischen Fragestellungen und Ergebnissen. „Wir forschen frei, aber kritisch.“ Und dazu gebe es im traditionsreichen Standort Berlin/ Potsdam „nahezu ideale Bedingungen“. Was die Ereignisse vor 50 Jahren anbelangt, die er selbst als Zehnjähriger in Berlin und der Niederlausitz erlebt habe, so müsse er aus heutiger Sicht sagen: „Sich damit beschäftigen und dann ein eigenes Urteil bilden. Denn wir müssen den Tatsachen ins Auge blicken.“ General Steinhoff – Soldat mit Zivilcourage Für die Bundeswehr war der Einzug der Luftwaffe in Berlin ein würdiger Anlass, die Kaserne in Gatow nach dem ehemaligen Inspekteur General Johannes Steinhoff (1913–1994) zu benennen. „Wir ehren damit einen Offizier und eine herausragende Persönlichkeit, dessen Name und Wirken untrennbar mit der Luftwaffe, der Bundeswehr und der Nordatlantischen Allianz verbunden sind.“ Das erklärte Bundesverteidigungsminister Volker Rühe 315 7. Alte und neue Traditionen am 6. Oktober 1994 zur Aufstellung der 3. Luftwaffendivision und der Namensgebung. „Und wir setzen ein bewusstes Zeichen für die Traditionspflege der Bundeswehr: Die Armee in der Demokratie stützt sich mehr und mehr auch auf Vorbilder aus ihrer eigenen Geschichte.“ In der Luftwaffe ist Johannes Steinhoff ein großes Vorbild. Er war ein Truppenführer mit Charisma, ein hoch dekorierter Soldat, der Fairness und Ritterlichkeit lebte, erinnern sich viele seiner ehemaligen Kameraden in der Bundeswehr. Er hat die bewegtesten Kapitel der deutschen Militärgeschichte in diesem Jahrhundert erlebt und selbst erlitten. Dennoch fand er als Soldat in zwei deutschen Armeen Kraft und Mut, die Brüche in der Geschichte gestaltend überwinden zu helfen. So auch das Kriegserlebnis, das ihn in vielfacher Weise geprägt hat. Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges flog er den ersten Düsenjäger der Welt, die ME 262 von Messerschmitt, und stürzte ab. Auch diese bitteren Erfahrungen brachte er in sein Lebenswerk für die westdeutschen Streitkräfte und für das Bündnis ein. Steinhoff galt als ein Soldat mit Zivilcourage und Souveränität, der sich der politischen Konsequenzen seines militärischen Handelns bewusst war. Mit dieser Kraft strebte er ungewöhnliche und schwere Herausforderungen energisch an und meisterte diese. Es ging ihm immer um die Menschen, für die er Verantwortung trug. Weitblickend und entschlossen beschritt er neue Wege, überwand bürokratische Hemmnisse und führte modernes Management in die Streitkräfte ein. Unter seinem Kommando wurde die deutsche Luftwaffe eine der Besten der Nato. Rühe: „Krieg zu verhindern und den Frieden zu sichern, war oberste Maxime seines Denkens und Handelns. Sein Wirken trug wesentlich dazu bei, dass die Verbündeten wieder Vertrauen zum demokratischen Deutschland und seinen Streitkräften fassten.“ So habe er sich auch als ranghöchster Soldat im Atlantischen Bündnis bleibende Verdienste erworben. Schon 1974 sagte er: „Gelingt es, eine europäische Identität zu finden und diese in eine wirkliche atlantische Partnerschaft einzubringen, dann brauchen wir um das Überleben unserer freiheitlichen Lebensform nicht besorgt zu sein.“ Seine Vision wurde Realität – in Europa, in Deutschland, in der Bundeswehr. Sie brachte ihm Bewunderung und Respekt ein. Heeres-Offiziersschule wieder in Dresden Dresden, die bekannteste Kunst- und Kulturmetropole im Osten Deutschlands, kann noch in diesem Jahrhundert an ihre Tradition als geistvolle Garnisonsstadt anknüpfen. Nachdem das Militärhistorische Museum der Bundeswehr seit der Wiedervereinigung im ehemaligen Arsenal der Königlich-Sächsischen Armee präsent ist und die Bundeswehr-Zentralbibliothek von Düsseldorf hierher verlegt wurde, hofft die Stadt mit dem Umzug der Offiziersschule des Heeres aus Hannover an den alten Standort auf eine weitere Bereicherung ihres geistig-kulturellen Lebens. 316 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Nach lebhaften Finanzdiskussionen im Verteidigungsausschuss des Bundestages und kurzzeitiger Verschiebung des Baubeginns steht nun fest: Am größten Bauvorhaben der Bundeswehr und ihrer bedeutenden Investition wird festgehalten. Minister Rühe: „Es bleibt dabei und wird auch mit Volldampf vorangetrieben. Ich hoffe, wir können im Frühjahr oder Frühsommer dann auch den Grundstein legen. Wir wollen 1997/98 fertig werden, geben Hannover dann völlig auf.“ Trotz Bonner Sparpläne, so Rühe, werde an den Investitionen Ost „nichts gestrichen, aber gestreckt“. Sieben Projekte der Bundeswehr in den neuen Ländern seien „Kernvorhaben“ und würden vor Einsparungen geschützt. Dazu die BILD-Zeitung im Mai 1994 mit der Schlagzeile: „Machtwort von Minister Rühe“. Das bedeutet: Wer in Zukunft Heeresoffizier wird, verbringt ein halbes Jahr in Dresden. Für Rühe eine „ganz konkrete Methode, dass nicht nur die Bundeswehr zusammenwächst, sondern auch Deutschland. Andere sollten sich daran ein Beispiel nehmen.“ Solche Worte habe ich von ihm in dieser Zeit des Aufbaus und Umbruchs im Osten oft gehört. Zu Beginn der Arbeiten in der Dresdner Albertstadt auf dem 40 Hektar großen Gelände der Offiziersschule müssen die 1946 bis 1988 errichteten Kasernenanlagen weichen. In ihnen waren die Sowjetarmee mit einem Divisionsstab und einem Mot. Schützenregiment sowie die NVA mit ihrer 7. Panzerdivision stationiert. Alle denkmalgeschützten Gebäude im Stile des Spätklassizismus und der Neo-Renaissance sollen erhalten bleiben und zur städtebaulichen Aufwertung Dresdens beitragen. Der Bau kostet insgesamt 275 Millionen DM. Davon entfallen 5,1 Millionen Mark auf den Abriss und die den Bau vorbereitenden Arbeiten. In der Albertstadt – vom gleichnamigen Sachsenkönig erbaut und dann größte Garnisonsstadt Europas – hat die Offiziersausbildung eine lange Tradition. Nach 1873 erwarben hier Königlich-Sächsische Kadetten ihr militärisches Rüstzeug. Zwischen 1926 und 1928 nutzte die Infanterieschule Dresden diese Einrichtungen. Noch vor der offiziellen NVA-Gründung 1956 bildete die DDR hier unter Geheimhaltung Artillerie-Offiziere der KVP aus. Nach der Wiedervereinigung zog die gesamtdeutsche Bundeswehr mit dem Stab der bisherigen Heimatschutz- und neuen Panzerbrigade 37 „Freistaat Sachsen“ ein. Dieses Führungsorgan verlegte später nach Frankenberg. 317 7. Alte und neue Traditionen In den einst 19 Kasernen für mehr als 10 000 Soldaten wurden im Laufe der Zeit zahlreiche bekannte deutsche Militärs ausgebildet. Zu diesen Offizieren zählten Erwin Rommel, Erwin von Witzleben, Hans Oster, Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Friedrich Olbricht und Albrecht Mertz von Quirnheim. Stolz sind die Dresdner, dass zu ihnen führende Köpfe des späteren militärischen Widerstands gegen Hitler und das NS-Regime gehörten. Da sich die Bundeswehr „in der Tradition der Männer des 20. Juli 1944 sieht“, so Oberstleutnant Jochen Kindermann vom Verteidigungsbezirkskommando 76, bedeute der Umzug der Offiziersschule aus Niedersachsen hierher „ein Bekenntnis zu diesen Vorbildern“. Auch die Generale der Bundeswehr Adolf Heusinger, Johann Adolf Graf von Kielmannsegg, Wolf Graf von Baudissin, Ulrich de Maizière und Günter Kießling absolvierten hier ihre Offiziersausbildung. Doch bevor erste Anwärter zum Eröffnungsappell vor der Albertkaserne antreten, gibt es noch viel zu tun. Bedrückend die Bilder in diesen Tagen vom Abriss und Umbau: Besonders die benachbarten leerstehenden Gebäude der ehemaligen russischen Westgruppe mit Sanatorium und Verwaltungsgebäude an der Marienallee sind ohne Fensterscheiben im verwahrlosten Zustand. Museumsreif ist ein Kesselhaus mit Originaltechnik aus dem Jahr 1902, das vor gar nicht langer Zeit noch in Betrieb war. Überlebt hat auch ein Denkmal von 1893 für den Mitbegründer der modernen Militärhygiene und Generalarzt des Königlich-Sächsischen Militair-Sanitäts-Dienstes Professor Dr. Wilhelm August Roth (1833–1892). Mit dessen Ideen waren in Albertstadt die modernsten Kasernenanlagen Europas erbaut worden. Sie boten den Soldaten erstmalig Badeanstalten und andere hygienische Einrichtungen. Er bemühte sich ebenso um eine effektive Unterrichtung und Qualifizierung der Sanitätsoffiziere und führte militärmedizinische Fortbildungslehrgänge in Sachsen ein. Auch der Ausbildung ausländischer Militärärzte widmete Roth große Aufmerksamkeit. Je Jahrgang werden dann etwa 1 200 Offiziersanwärter ausgebildet. Ihnen stehen mehr als 100 Hochschullehrer und 180 weitere zivile Mitarbeiter zur Seite. 70 Hörsäle und Seminarräume werden eingerichtet. Eine denkmalgerechte Sanierung erhalten das alte Kasernengebäude, das Offizierskasino, die Königlich-Sächsische Kadettenanstalt und das ehemalige Lazarett. Hier werden Anwärter in Einzelzimmern untergebracht. Sportanlagen und Grünflächen bieten vielfältige Erholungsmöglichkeiten. Das Verteidigungsbezirkskommando, das Taktikzentrum sowie ein Sanitätszentrum, Kleiderkammer und Verwaltung des Standortes ziehen mit in die Albertkaserne ein. Im Vordergrund der Ausbildung stehen die Anforderungen des Deutschen Heeres an ihre künftigen Vorgesetzten. Nach Königlich-Sächsischer Armee, Reichswehr, Wehrmacht, Kasernierter Volkspolizei und Nationaler Volksarmee, die in Dresden die Militärakademie „Friedrich Engels“ betrieben hat, sowie der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland ist nun mit der Bundeswehr eine Parlamentsarmee in der traditionsreichen Elbestadt vertreten. (1996) 318 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Die neue Offiziersschule wurde 1998 nach nur dreijähriger Bauzeit vom Bundesminister während eines militärischen Appells ihrer Bestimmung übergeben. Seither finden Laufbahn- , Verwendungs- und Fortbildungslehrgänge statt. In den Fächern Taktik, Politische Bildung, Wehrrecht, Sport, Logistik und Militärgeschichte bereiten sich die Teilnehmer auf die Offiziersprüfung vor. Als „Hauptfach“ könnte man in den im ursprünglichen Baustil restaurierten Gebäuden das „Erlernen des Mitdenkens“ bezeichnen. Aber auch das „Ertragen von Härten und Entbehrungen über das allgemein übliche Maß hinaus“. Bei Reserve-Offiziersanwärtern steht die Menschenführung im Einsatz im Mittelpunkt. Ein Thema, das einst im sozialistischen Soldatenalltag nicht besonders bedacht wurde. Der Ehrenhain der Graf-Stauffenberg-Kaserne erinnert an den militärischen Widerstand. „Ziel ist es, die Lehrgangsteilnehmer möglichst realitätsnah und handlungssicher auszubilden, um sie auf ihre Aufgaben in den Streitkräften vorzubereiten“, so 2018 der Kommandeur der Offizierschule, Brigadegeneral Martin Hein. Sie erwartet am historischen Lernort der Graf-Stauffenberg-Kaserne eine einzigartige Atmosphäre: Stauffenbergs Handeln und seine Werte geben dem Führungskräftenachwuchs Orientierungshilfen, um ein zeitgemäßes berufliches Selbstverständnis zu entwickeln. Mit meiner Kenntnis der Albertstadt aus DDR-Zeiten beeindrucken mich heute innen die Funktionalität und Ästhetik, außen die Symbiose vom denkmalgeschützten Altbauensemble und Neubaubereich in diesem weitläufigen Gelände am Rande der Dresdner Heide. Und mit ihrer modernen Technik sowie dem Bezug zur Tradition und Historie wurde in Sachsen die Offiziersschule zu einem Aushängeschild der Bundeswehr. Militärhistorisches Museum mit neuem Gesicht Das Militärhistorische Museum Dresden der Bundeswehr hat ein neues Gesicht: Wo zu DDR-Zeiten russische Raketen, Schützenpanzer und anderes militärisches Großgerät mit NVA-Symbolen vor dem Haus weithin sichtbar von der „Stärke des Sozialismus“ künden sollten, ist nach der Wiedervereinigung wieder das Antlitz des sächsischen Arsenalhauptgebäudes zurückgekehrt. Jetzt – 1994 – steht der Soldat als Teil der Gesellschaft im Mittelpunkt. Der riesige Gebäudekomplex war aus französischen Reparationsleistungen nach dem Deutsch-Französischen Krieg (1870–1871) als „Zeughaus der sächsischen Armee“ erbaut worden. Die „DDR-Festungswaffen“, nur noch Zeugen der Geschichte, mussten ins Freigelände weichen. 319 7. Alte und neue Traditionen Schon heute reiht sich der traditionsträchtige Bau, 1873 bis 1876 im Zentrum der Dresdner Albertstadt errichtet, wieder in die Sehenswürdigkeiten der Stadt ein. Auch wenn es später als Königlich-Sächsisches Armeemuseum (1914), Sächsisches Armeemuseum (ab 1918) und Heeresmuseum Dresden (1938/39) genutzt wurde, galt das Gebäude in einer der größten „Militärstädte“ Europas als ein Stück des weltbekannten kulturellen Zentrums an der Elbe. Nach dem Zweiten Weltkrieg lagerte hier die Rote Armee kulturelles Beutegut. Dann nutzte man die Räumlichkeiten bis in die 1960er Jahre als Stadthalle für Ausstellungen und Kulturveranstaltungen. Ab 1972 hieß die Einrichtung „Armeemuseum der DDR“, dessen Vorläufer das 1961 in Potsdam eröffnete Deutsche Armeemuseum war. In all den Jahren vor der Wende, dann in Militärhistorisches Museum Dresden umbenannt, galt die Verherrlichung der NVA bei gleichzeitiger Verdammung des deutschen Militarismus als Hauptzweck. Vor allem sollte es zur „sozialistischen Wehrerziehung“, besonders der Jugend, beitragen. Dazu wurden auf zwei Drittel der Ausstellungsfläche deutsche Militärgeschichte von 1900 bis 1945 und auf einem Drittel Nachkriegsgeschichte präsentiert. Die ständige Ausstellung mit Fahrzeugen, Waffen und Uniformen der NVA und ihrer Verbündeten im Warschauer Pakt illustrierte die eigene „Überlegenheit“ über das westliche Bündnis. Diesem Anliegen dienten auch die Exponate zum „Weltraumflug DDR/UdSSR“. 320 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Zu den wertvollsten Zeugnissen deutscher Militärgeschichte zählt hier das mittelalterliche Stabringgeschütz „Faule Magd“ (um 1430), das sich bis Anfang der 80er Jahre auf der Festung Königstein befand. Der Name erklärt sich aus der geringen militärischen Effektivität des Geschützes. Es gehört zu den wenigen noch existierenden Zeugen aus der Frühgeschichte der Artillerie, als die Kanonenrohre geschmiedet wurden und deren Wert etwa dem von 400 Kühen entsprach. Damals hieß es: „eyn rohr aus eisern stangen“. Nach aufwendiger Restaurierung wurde es an alter Stelle im Arsenalhauptgebäude aufgestellt. Eine weitere Attraktion: Ein 2-Mann-Kleinst-U-Boot vom Typ „Hecht“ aus dem Zweiten Weltkrieg. Das Militärhistorische Museum Dresden zeigte damals zwei ständige Ausstellungen in seiner Außenstelle auf der Festung Königstein: „Das Geschützwesen im Kurfürstentum Sachsen“ im Alten Zeughaus und „Festungsbau und Militärgeschichte 1806–1945“ im Neuen Zeughaus. Mit der Übernahme des NVA-Museums durch die Bundeswehr 1990 verschwanden zuerst die Paradewaffen der DDR-Armee vor dem Eingang. Diese können mit der Bewaffnung und Ausrüstung der Bundeswehr in der Freigelände-Ausstellung „Militärtechnik der Nachkriegszeit aus Ost und West“ besichtigt werden. Ob NVA-Flakpanzer vom Typ „Schilka“, Tatra-Schwerlasttransporter mit Tieflader und Schützenpanzer BMP oder Panzer „Leopard“, Schützenpanzer HS-30 und 155-mm-Nato-Haubitze – was sich einst feindlich in Deutschland gegenüberstand, steht nun friedlich nebeneinander. Für Besucher aus den neuen Ländern Gelegenheit, militärische Großgeräte aus Westdeutschland im Original zu sehen. Und dies wird von Jung und Alt rege genutzt. 321 7. Alte und neue Traditionen Die Schau im Leitmuseum der Bundeswehr, nach Aussagen ihrer Gestalter „auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse“ aus den mehr als eine Million Exponaten zusammengestellt, ist jedoch nur ein Vorgriff auf die Gesamtausstellung zur deutschen Nachkriegsgeschichte ab 1945. Auf etwa 2 500 Quadratmeter Ausstellungsfläche sollen dann „nicht nur waffentechnische Entwicklungen aus den beiden ehemaligen Teilen Deutschlands gezeigt werden, sondern auch militärhistorisch relevante Aspekte und Zusammenhänge“. So der Museumsleiter, Fregattenkapitän Hans-Jürgen Heibei. Zur Konzeption sagte er mir: „Eine kritische Auseinandersetzung mit Traditionen, Berufsbild, Selbstverständnis der Soldaten.“ Und überhaupt sei das Museumswesen ein wichtiger Teil der Aus- und Fortbildung, fördere die Traditionspflege und diene der Öffentlichkeit zur Information über den Problemkreis „Militär, Staat, Gesellschaft im Wandel der Zeit“. Besonderes Gewicht werde in der Gesamtschau mit Sachzeugen auf die Geschichte der Bundeswehr und der Nationalen Volksarmee in Einbindung in die jeweiligen Bündnissysteme sowie auf den Weg von der Konfrontation zur Herstellung der Deutschen Einheit gelegt. Mit dieser Auswahl von den insgesamt 300 000 Sachzeugen im Museum wolle man aber keinesfalls „Waffenkult betreiben. Denn wir verstehen uns weder als Abrüstungs- noch als Aufrüstungsmuseum, sondern als eine Einrichtung, die militärgeschichtliche Entwicklungen und Zusammenhänge in der ganzen Themenbreite darstellt. Auch wir sind aufgefordert, die jüngste Geschichte mit musealen Mitteln darzustellen und so den Kampf gegen das Vergessen und die Legendenbildung aufzunehmen.“ Bei der musealen Darstellung der Gegenwart findet der Besucher eine Wand der Kasernenbaracken von Andernach, vor denen Bundeskanzler Konrad Adenauer am 20. Januar 1956 den ersten Freiwilligen gegenüber stand. Hier hört man auch seine Worte an die neuen Uniformträger: „Soldaten, Sie stehen vor einer Aufgabe, die durch manche Schatten der Vergangenheit und Probleme der Gegenwart besonders schwierig ist. Das deutsche Volk erwartet von Ihnen, dass Sie in treuer Pflichterfüllung Ihre ganze Kraft einsetzen für das über allem stehende Ziel – in Gemeinschaft mit unseren Verbündeten den Frieden zu sichern.“ Andernach wurde in jenen Tagen Symbol für die Anfänge westdeutscher Sicherheitspolitik und die Eingliederung der Bundesrepublik Deutschland in den Nordatlantikpakt (Nato). Mit dem neuen „Gesicht“ – wie ich es 1994 außen wie innen erlebt habe – hat sich die Attraktivität dieser einmaligen Stätte der Bildung und Information der Bundeswehr weiter erhöht. Jährlich kommen schon etwa 50 000 Besucher hierher. Nur wenige Jahre später setzte die architektonische Neugestaltung des Dresdner Hauses nach dem Entwurf des amerikanischen Star-Architekten Daniel Libeskind ebenso wie die inhaltliche Neukonzeption des Museums nach internationalen Standards neue Maßstäbe in der Darstellung der deutschen Militärgeschichte. Im ersten Jahr nach dem siebenjährigen Umbau kamen schon eine halbe Millionen Besucher hierher. Und so gehört das Militärhistorische Museum der Bundeswehr zu den bedeutendsten Geschichtsmuseen Euro- 322 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten pas. Im Mittelpunkt der Ausstellung mit mehr als 10 500 Exponaten auf 13 000 Quadratmeter Fläche – der Mensch und die Ursachen und Folgen von Krieg und Gewalt. Licht- und Schattenstrukturen verweisen auf die wechselvolle deutsche Militärgeschichte. Auf jeden Fall ist heute der keilförmige Neubau, der die Fassade wie ein Eisbrecher zwischen beiden Flügeln des ursprünglichen Arsenalgebäudes aus dem 19. Jahrhundert durchbricht, ein weiterer Blickfang in Dresden, das nach der Deutschen Einheit besonders mit dem Zwinger und der barocken Frauenkirche in der rekonstruierten Altstadt wieder in alter Schönheit erstrahlt. Und so wurde mit diesem Neu- und Umbau schon das Haus „zum ersten Exponat“, stellt wohl jeder Besucher fest. Er betritt nun kein technikhistorisches, sondern ein beeindruckendes kulturhistorisches Museum – einen Lern- und Ge dächt nisort moderner Art. Von der „Hohen Düne“ bis zur Leuschner-Kaserne Fünf Jahre nach der Wiedervereinigung hat die Bundeswehr zwischen Ostsee und Erzgebirge nicht nur eine neue Führungsorganisation mit einheitlichen Streitkräften erfolgreich aufgebaut. Heer, Luftwaffe und Marine als Teile der Armee der Einheit sorgten hier auch mit ihren Kasernen-Namen für einen neuen Geist. Denn im Gegensatz zur Praxis in der DDR-Armee, Traditionssymbole vom „marxistisch-leninistischen Klassenstandpunkt“ aus festzulegen, kam es bei der Auswahl zu einer Namensvielfalt. Dabei konnte sich die Bundeswehr – ehedem im Osten ebenfalls nicht Usus – auf eine enge Zusammenarbeit mit Kommunen, Bildungseinrichtungen und Bürgern stützen. Da wurden, auch zum Stolz der Bewohner, bei der Namensgebung regionale Landschaftsbezeichnungen berücksichtigt. So gibt es die Kaserne am Rennsteig in Oberhof (Thüringen), die Erzgebirgs-Kaserne in Marienberg (Sachsen), die Havelland-Kaserne in Potsdam- Eiche (Brandenburg) und die Kaserne „Hohe Düne“ in Warnemünde (Mecklenburg-Vorpommern). Ebenso die Sachsen-Anhalt-Kaserne in Weißenfels, deren Truppenteile mit standortnahen Gemeinden durch Patenschaften verbunden sind. Zu NVA-Zeiten war diese Einrichtung dem Bauernführer Thomas Müntzer gewidmet. Der Name diente nicht nur der „klassenmäßigen Erziehung“ der Mot. Schützen. Er sollte außerdem, wie in der DDR generell üblich, aus „Geheimhaltungsgründen“ eine genaue Ortsangabe verschleiern. Die Heeresunteroffiziersschule IV in Delitzsch erhielt ein eigenes Verbandsabzeichen, das neben dem Eisernen Kreuz und den gekreuzten Säbeln des Heeres auch Elemente enthält, die die enge Verbindung der Schule zur Stadt und zum Freistaat Sachsen zum Ausdruck bringen. Im oberen linken Teil finden sich die „Landsberger Pfähle“ des Delitzscher Stadtwappens. Und schließlich ist das Abzeichen in den sächsischen Landesfarben grün/weiß gehalten. Bei den Anträgen auf Neu- oder Umbenennungen wurden von der Bundeswehr sowohl in den neuen Ländern als auch in Berlin besonders die Namen von Angehörigen des Deutschen Widerstands berücksichtigt. Neben der General-Olbricht-Kaserne in Leipzig, der 323 7. Alte und neue Traditionen Henning-von-Tresckow-Kaserne im Potsdamer Stab des IV. Korps und der Berliner Julius-Leber-Kaserne trägt jetzt die Kasernenanlage für zwei Instandsetzungsausbildungskompanien im brandenburgischen Hennickendorf den Namen Wilhelm Leuschners. Damit würdigte der Bundesverteidigungsminister Persönlichkeit und Lebenswerk des sozialdemokratischen Gewerkschafters. Sein Eintreten sei „auch für die Soldaten der Bundeswehr ein Vorbild“. Herausragende Politiker der Bundesrepublik und verdienstvolle Soldaten der Bundeswehr fanden in den neuen Einrichtungen und Verbänden im Osten Deutschlands gleichfalls ihre Ehrung. In Berlin-Gatow, bis 1994 Alliierten-Flugplatz der Royal Air Force, wurde die Kaserne der 3. Luftwaffendivision nach General Johannes Steinhoff benannt. Dem Vermächtnis von Feldwebel Uwe Boldt fühlt man sich an gleichnamiger Heeresunteroffiziersschule in Delitzsch bei Leipzig verpflichtet. (1995) Erlebnisreicher „Schüler-Tag“ bei der Bundeswehr Das hatte Basepohl, einst NVA-Garnison mit Raketen und Hubschraubern im mecklenburgischen Kreis Malchin, noch nicht erlebt: Fast eintausend Schüler und Schülerinnen waren mit ihren Lehrern ohne Weisung „von oben“ in den Ort gekommen, um den Alltag in der Bundeswehr kennen zu lernen. Es gab auch keine Blumen und Gedichte wie einst, sondern sehr aufmerksame Jungen und Mädchen, die sich im Rahmen der Arbeitslehre und des Fachs Politische Bildung über die neuen Streitkräfte im Osten Deutschlands informieren wollten. Wegen der großen Nachfrage nach Truppenbesuchen hatte sich das Wehrbereichskommando VIII mit Sitz in Neubrandenburg zu dieser Aktion entschlossen. Damit für die 38 Schulklassen ein Maximum an Informationen über die Bundeswehr „rüberkommen“ sollte, so einer der Organisatoren, war alles auf die vorher geäußerten Wünsche der jugendlichen Besucher abgestimmt: Von der „Einweisung“ in den Soldatenalltag über die Besichtigung der Unterkünfte bis zum Rundflug mit einem Hubschrauber Mi-8. Alles in allem elf Stationen, darunter „Mittagessen bei Soldaten“. Obwohl vom Auftrag der Bundeswehr, auch größter Arbeitgeber dieses nördlichen Bundeslandes, hier allgemein noch relativ wenig bekannt ist, konnte doch so mancher Offizier, Unteroffizier oder Soldat über die Sachkenntnis und das Interesse der jungen Leute nur staunen. So erging es Unteroffizier Matthias Bremer im Lehrsaal, als er einer neunten Klasse aus Wittstock Rede und Antwort stehen musste. Das waren nur einige der Fragen: Wie wird ausgebildet? Können auch Mädchen eine Uniform tragen? Welche Studienmöglichkeiten gibt es? Was kann man beim Bund alles werden? Als ein Fräulein wissen wollte, was denn nach dem Tagesdienst so alles gemacht wird, schmunzelten auch die Klassenkameraden ob dieser Neugierde. Was die militärische Präsentation betraf, so boten das Flugabwehrregiment 80, das Instandsetzungsbataillon 802 und die Heeresfliegerstaffel 80 keine Waffenschau. Neben Bekleidung und Ausrüstung konnte man sich auch mit Handwaffen und dem Flak-Panzer Ge- 324 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten pard vertraut machen. Der 27-jährige Feldwebel Bernd Nehring aus Niedersachsen, der hier eine Flak-Panzer-Gruppe befehligt, sprach zu künftigen Wehrpflichtigen auch über Soldatenkameradschaft. Nach seinen Worten macht es „Spaß in der Truppe. Ost-West- Probleme, von Kleinigkeiten des täglichen Lebens abgesehen, gibt es keine.“ Wer jedoch noch mehr wissen wollte über die „jugendliche Großorganisation“ Bundeswehr mit einem Durchschnittsalter von 23 Jahren, erfuhr dies bei den Wehrdienstberatern. Deren Problem war es an diesem Tag, immer wieder aufzurechnen, warum denn die deutschen Streitkräfte trotz ihrer Verringerung um 40 Prozent auf 370 000 Mann alljährlich 20 000 Zeit- und Berufssoldaten brauchen. Die Worte „Die Wehrpflichtigen sind jung, also müssen auch die Vorgesetzten jung sein“ waren überzeugend. Zur selben Zeit fanden im Offiziersheim Gespräche mit Lehrern statt. Auch hier waren Jugendoffiziere gefragte Gesprächspartner. Der freimütige Gedankenaustausch über Landesverteidigung und internationale Bundeswehreinsätze vermittelte so manches „Rüstzeug“ für das Fach Politische Bildung. „Wir haben uns sehr angeregt unterhalten und gegenseitig Wissen vermittelt“, sagte Kommandeur Oberstleutnant Manfred Dormeier. „Am Beispiel unseres Flugabwehrregiments mit 550 Soldaten haben wir auch veranschaulicht, wie die Bundeswehr nach Auflösung der NVA im Osten Deutschlands aufgebaut wurde.“ Dieser Mittwoch in der Kaserne „Mecklenburgische Schweiz“ stand unter dem Motto „Tag der Schüler“. Ein Ereignis, das in dieser Form – mit Klassen aus Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg sogar Länder übergreifend – zum ersten Mal im Osten stattfand. Und sicher wird ein solcher Tag auch andernorts wiederholt werden müssen, da unter der Jugend des Beitrittsgebiets großes Interesse an der Bundeswehr als Streitkraft in der Demokratie und ihrem Verteidigungsauftrag besteht. Das Ereignis galt hier wie im Westen als eine außerunterrichtliche Veranstaltung mit der Verantwortung bei den Lehrkräften und war für Mädchen und Jungen freiwillig. Als berufsorientierte Bildung hatte man das Ziel, die Schulabgänger auf mögliche Arbeitgeber aufmerksam zu machen. Generell sollte ein solcher Aufenthalt bei der Bundeswehr in teres sier ten Schülern und Lehrern einen Einblick in den Soldatenalltag geben. Die mehr als 100 hauptamtlichen Jugendoffiziere der Bundeswehr sehen in solchen Veranstaltungen einen wichtigen verteidigungspolitischen Auftrag. In den Schulen aller Bundesländer sorgen sie mit Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Truppenbesuchen für dieses Anliegen. Wer mit jungen Leuten über all das sprechen will, darf eigentlich kein „Opa“ sein. So erläuterte mir das Oberstleutnant Karl Schlich. Er weiß das aus langjähriger Erfahrung. Schließlich war er für alle Jugendoffiziere in den Streitkräften verantwortlich. „Wichtig ist die persönliche Kommunikation, damit sich Schüler und Soldaten gut unterhalten können. Denn es gibt zurzeit an den Schulen einen sehr großen Bedarf an Informationswünschen, besonders in den neuen Bundesländern. Hier geht es um Fragen von Frieden und Sicherheit im Sinne der staatsbürgerlichen Bildung. Und gerade unsere Jugend- 325 7. Alte und neue Traditionen offiziere sind vorrangig qualifiziert, dies im Rahmen der parlamentarischen Demokratie und des Rechtsstaates zu erläutern.“ In Parteien, Jugendverbänden, Gewerkschaften, Kirchen und Wirtschaftsorganisationen stellen sich die Leutnante, Oberleutnante und Hauptleute, die mit der Erläuterung der Sicherheitspolitik im Sinne des Grundgesetzes beauftragt sind, ebenfalls regelmäßig als Gesprächspartner zu Anliegen der deutschen Streitkräfte zur Verfügung. Zur Seite stehen den „Hauptamtlichen“ ab Verband aufwärts insgesamt 700 nebenamtliche Jugendoffiziere. Sie alle betreiben keine Werbung für den Nachwuchs, nehmen aber zur Bundeswehr, ihrer Struktur, Ausrüstung und Ausbildung Stellung. Dabei werden Themen wie Sicherheits- und Verteidigungspolitik Deutschlands, Nato und andere Bündnisse, Legitimation der Streitkräfte und Auftrag der Bundeswehr erörtert.

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References

Abstract

With the end of the GDR and Germany's unification three decades ago the National People's Army also stopped being a force. A part of their soldiers now served under the banner of their former opponent. On the "Retreat" from the Cold War between East and West mastered the Bundeswehr this human and military mission: the army of unity became

to the army of all Germans. Never before has the military peacefully achieved so much!

The accession area became a pilot for the new army structure. A smaller air force secured the airspace. For the German Seenation went the course change towards "unlimited horizon". In the Bundeswehr were Scharnhorst visions, whose tomb on the Invalidenfriedhof in Berlin again shines in the old glory, reality – army as alive part of a state, soldier service an honor service. The new armed forces took Europe's commitment to peace and democracy, too international

responsibility for peacekeeping operations. and conflict resolution.

Zusammenfassung

Mit dem Ende der DDR und Deutschlands Wiedervereinigung vor drei Jahrzehnten hörte auch die Nationale Volksarmee auf, eine Streitmacht zu sein. Ein Teil ihrer Soldaten diente nun unter der Fahne des einstigen Gegners. Auf dem „Rückzug“ vom Kalten Krieg zwischen Ost und West meisterte die Bundeswehr diese menschliche und militärische Mission mit Bravour: Die Armee der Einheit wurde zur Armee aller Deutschen. Nie zuvor hat Militär friedlich so viel erreicht. Das Beitrittsgebiet bekam Pilotcharakter für die neue Heeresstruktur. Eine kleinere Luftwaffe sicherte den Luftraum mit Air Policing und Flugabwehr. Trotz Schlankheitskur ging der Kurswechsel für die deutsche Seenation mit dem Welthandel in Richtung „unbegrenzter Horizont“. In der Bundeswehr wurden Scharnhorst-Visionen, dessen Grabmal auf dem Berliner Invalidenfriedhof wieder in altem Glanz erstrahlt, Realität: Armee als lebendiger Teil eines Staates, Soldatendienst ein Ehrendienst. Peter Heinze widmete sich seit dem Tag der Deutschen Einheit besonders der Bundeswehr im Beitrittsgebiet. Mit dem Ende des Kalten Krieges verfolgte der ostdeutsche Journalist den Abzug russischer Truppen als größte Militärbewegung im Nachkriegseuropa und die internationale Abrüstung unter der Devise „Vertrauen gegen Vertrauen“. Der vorliegende Band versammelt seine Erfahrungen und Erkenntnisse der letzten 30 Jahre und bietet so einen ebenso fundierten wie persönlichen Überblick über die Wiedervereinigung in der nun gesamtdeutschen Armee.