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2. Zwei Armeen vor der Deutschen Einheit in:

Peter Heinze

Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten, page 27 - 84

Ein Journalist erlebte die Armee der Einheit

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4410-0, ISBN online: 978-3-8288-7411-4, https://doi.org/10.5771/9783828874114-27

Tectum, Baden-Baden
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27 2. Zwei Armeen vor der Deutschen Einheit 2.1. Bundeswehr Die friedliche DDR-Revolution 1989/90 in Richtung Freiheit und Menschenrechte mit einem völlig unerwarteten Ausbruch und ohne das Handeln „großer Männer“ wie sonst in der Geschichte hatte auch die Bonner Regierung überrascht. Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) erklärte im Februar 1990 in Camp David gegenüber US-Präsident George W. Bush, dass sich dort „die Entwicklung zur deutschen Einheit“ mit einer Dramatik vollzieht, „die er selbst sich nicht hätte vorstellen können“. Die Bundeswehr war auf die Selbstauflösung der DDR und ihrer Nationalen Volksarmee ebenfalls nicht vorbereitet. Könnte auch hei- ßen: Für einen solchen oder ähnlichen Fall lagen keine Papiere in den Panzerschränken auf der Hardthöhe. Der frühe Vereinigungstermin laut Volkskammer-Beschluss mit der Aufnahme der DDR am 3. Oktober 1990 in die Bundesrepublik Deutschland löste deshalb auf der Bonner Hardthö he „hektische Aktivitäten“ aus. Im Gegensatz zu anderen Bundesministerien mit DDR- Kontakten wie im Post- und Fernmeldewesen oder mit Wirtschaftsbeziehungen hatte das Bundesverteidigungsministerium seit der Stockholmer Konferenz über vertrauens- und sicherheitsbildende Maßnahmen und Abrüstung in Europa 1986 bis dato wohl wegen der „Berührungsängste“ keinerlei direkten Beziehungen zum anderen Deutschland und seiner Armee. Daher auch viel „Nichtwissen“ und „Vorurteile gegenüber dem Osten“, wie das ein Kenner der Szene einschätzte. Auch vom „Wildwuchs der Spekulationen“ war die Rede. Und diesem „einzigartigen Prozess“ vermochte die Informationsarbeit des Bonner Wehrressorts „kaum zu folgen“. So erlebte ein Insider die Situation im Bundesverteidigungsministerium im Sommer 1990 und erste „vage Vorstellungen von einer gesamtdeutschen Streitmacht“. Eigentlich sei eine solche „Ungewissheit und Unklarheit“ über die künftig nicht mehr existierende NVA keinesfalls verwunderlich, erinnerte er sich. Denn in der Geschichte hätte es einen ähnlichen „Vorgang mit militärischer Gewaltlosigkeit“ noch nie gegeben. Und damit auch nirgendwo „Leitlinien für solche Rechtsfälle“. Immer deutlicher wurde dann die historische Chance einer deutschen Wiedervereinigung. Im Bundesministerium der Verteidigung fanden nun erste Diskussionen über eine Annäherung zur NVA statt. Solche Kontakte waren bis zu diesem Zeitpunkt für alle hohen Dienstgrade verboten. Selbst Reisen durch und über die DDR nach West-Berlin. Es be- 28 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten standen „unterschiedliche Auffassungen darüber, wie man mit den Menschen in der NVA umgehen sollte“. So erinnerte sich Oberst a.D. Bernhard Gertz, langjähriger Vorsitzender des Deutschen BundeswehrVerbandes (DBwV), auf einem Zeitzeugenforum in Berlin zum 60. Jubiläum der Streitkräfte. Als Verbands-Justitiar sah er seine Aufgabe darin, „sich auch diejenigen Personen nicht als Verlierer der Einheit fühlen zu lassen, die nicht in die Bundeswehr übernommen wurden“. Wie gesagt: Aufgrund der Bündnisverpflichtungen beider deutscher Armeen bestanden zunächst nur begrenzt Kontakte. Die beiden Verteidigungsminister, Gerhard Stoltenberg (CDU) und Rainer Eppelmann (DA), trafen sich am 27. April 1990 in einem Hotel am Flughafen Köln-Wahn. Dabei auch erstmalig NVA-Generale in Uniform auf westdeutschem Boden. Die Minister vereinbarten, dass ein vereintes Deutschland Mitglied der Nato sein sollte. Eppelmann äußerte noch am 2. August die Absicht, die NVA von ursprünglich 170 000 auf 98 000 Mann zu reduzieren. Dann „empfahl“ er, mit der Vereinigung beider deutscher Staaten die NVA und die Bundeswehr „zusammenwachsen“ zu lassen. In Gedanken schwebte ihm wohl eine „Verschmelzung beider Armeen“ vor. Am 1. Juli 1990 begannen mit Befehlen auf beiden Seiten offizielle Kontakte zwischen den Militärs. Eine Verbindungsgruppe der Bundeswehr nahm am 20. Juli 1990 ihre Arbeit im Ministerium für Abrüstung und Verteidigung in Strausberg auf. Und schon im Spätsommer zeichnete sich ab: Es gibt keine zwei Armeen im wiedervereinten Deutschland! Der Zwei-plus-Vier-Vertrag der Siegermächte des Zweiten Weltkrieges und der beiden deutschen Staaten vom 12. September 1990 in Moskau besiegelte dann die Souveränität des vereinten Deutschlands. Es verpflichtete sich darin, eingedenk der jüngsten historischen Veränderungen in Europa, die Streitkräfte auf 370 000 Mann zu reduzieren. Deutschland blieb zudem Mitglied der Nato. Am 3. Oktober 1990 erfolgte mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland auch die vorläufige Übernahme der Soldaten sowie der gesamten Bewaffnung und Ausrüstung der NVA in die Befehlsgewalt der Bundeswehr. Poker in Bonn um NVA-Zukunft Nach Eintritt der DDR in die Währungs- , Wirtschafts- und Sozialunion mit der Bundesrepublik im Sommer 1990 mehrten sich im Westen auch die Nachrichten zum Thema „NVA ja oder NVA nein“. Vor allem in Bonn wurde um die Zukunft der ostdeutschen Armee und ihrer Soldaten gepokert. Dazu gab es recht unterschiedliche Positionen – Widerstände, Bedenken und Ängstlichkeiten. Nachdem am 1. Juli aus der „Welt am Sonntag“ zu erfahren war, dass „laut Planungen der Hardthöhe“ zum Jahresende keine eigenständigen DDR-Streitkräfte mehr existieren werden, meldete eine Agentur unter Berufung auf eine „zuverlässige Quelle“: „In Bonn gibt es starke Tendenzen, die Nationale Volksarmee nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten völlig aufzulösen.“ 29 2. Zwei Armeen vor der Deutschen Einheit Diesen Informationen über eine baldige und vollständige Auflösung der DDR-Armee entgegneten NVA-Kreise und darüber hinaus mit Widerspruch. Abrüstungs- und Verteidigungsminister Rainer Eppelmann erklärte, dass keine Delegation seines Ministeriums oder des Landes berechtigt gewesen sei, Verhandlungen mit dem Bundesministerium der Verteidigung „über Obergrenzen oder zukünftige Strukturen zu führen“. Das war zugleich seine Antwort auf die Pressemeldung, von den derzeit 100 000 NVA-Uniformträgern stünden 30 000 zur Entlassung an. 20 000 sollen die Uniform ausziehen und in der DDR eine zivile Wehrverwaltung bilden. Dann verlautete aus dem DDR-Ministerium, zwischen den Verteidigungsministern der DDR und der BRD gebe es Übereinstimmung im Grundsatz: „Ein Volk, eine Regierung, ein Parlament und eine Armee“. Offen sei aber, und darüber sollte noch beraten werden, in welchen Zeiträumen sich die Vereinigung der beiden Armeen vollziehen könnte. Jedoch dürfe die personelle Verringerung beider Armeen nicht ausschließlich zu Lasten der ostdeutschen Streitkräfte gehen. Es gelte ebenfalls, die sicherheitspolitischen Interessen vor allem der Sowjetunion zu berücksichtigen. Diese Auffassung brachte auch der Vorsitzende des Volkskammerausschusses für Abrüstung und Verteidigung, Karl-August Kamilli, gegenüber Nato-Parlamentariern zum Ausdruck. Sie weilten zu Gesprächen und Truppenbesuchen in Ostdeutschland. Der SPD-Politiker wandte sich gegen eine einseitige Reduzierung „auf Kosten der NVA mit sozialen Auswirkungen“. Andere Experten wie Karsten D. Voigt, auch von der Sozialdemokratie, plädierten ebenfalls für ein gleichberechtigtes Zusammenwachsen von NVA und Bundeswehr zu einer „gesamtdeutschen Armee“. Seiner Meinung nach sollte der zweite Staatsvertrag konkrete Übergangsregelungen festlegen. So zur Wehrverfassung, Wehrbereichsorganisation, Verteidigungsstruktur und zum Verhältnis der Sollstärken beider Streitkräfte nach der deutschen Einheit. Und für den Parlamentarischen Staatssekretär auf der Bonner Hardthöhe, Willy Wimmer (CDU), war die Zukunft der NVA „die der Streitkräfte in einem gemeinsamen Deutschland. Das ist auch die Zukunft der Bundeswehr.“ Er hatte sich in diesen Wochen wiederholt in der DDR zu Gesprächen, auch mit NVA-Offizieren, aufgehalten. „Bleibendes Verdienst“ von Bundesverteidigungsminister Gerhard Stoltenberg war es, „dass er von Anfang an dafür eingetreten ist, dass aus zwei Armeen, der Bundeswehr und der NVA, die sich über Jahrzehnte in feindlichen Bündnissen gegenüberstanden, eine Armee wurde“ (Rühe 1992). Faire Chancen für ostdeutsche Offiziere Je näher die Wiedervereinigung rückte und damit die Absicht, keine zwei Armeen in Deutschland zu etablieren, umso mehr Kopfzerbrechen mussten sich die Verantwortlichen in Bonn machen. Schließlich sollte niemand aus der angestrebten Einheit des Vaterlandes 30 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten ausgegrenzt werden. Es dürfe auch keine Soldaten erster und zweiter Klasse geben. Das würde in den Streitkräften des vereinten Deutschlands zu Spaltung und Misstrauen führen, hieß es jetzt auf der Hardthöhe. Hier war man sich sehr wohl der Schwierigkeiten dieses Prozesses in menschlicher wie in organisatorischer Hinsicht bewusst: Geordnetes Auflösen der NVA als Institution und Schaffung gesamtdeutscher Streitkräfte. Dazu Minister Stoltenberg: „Einheit setzt Versöhnung voraus.“ Außerdem bedeutete für jeden Teilbereich der Bundeswehr die international vereinbarte Truppenreduzierung, dass ein jeder neue Dienstposten im Osten, den ein Soldat von der ehemaligen NVA besetzt hat, nicht mehr in der alten Bundeswehr verplant werden konnte. Und umgekehrt durfte jede Stelle für einen aus dem Westen in den Osten kommandierten Soldaten nun nicht mehr von einem ehemaligen DDR-Bürger besetzt werden. Mit sozialen Entscheidungen wurden schon hier die Weichen für das Zusammenwachsen in den gesamtdeutschen Streitkräften gestellt. In großen westdeutschen Zeitungen hieß es noch im Juli 1990: „Volksarmee abschaffen“. Der bekannte Militärjournalist Rüdiger Moniac, den ich später ebenso wie Karl Feldmeyer von der F.A.Z. als Fachkollegen kennen und schätzen gelernt habe, kündigte im September in der Reservisten-Zeitschrift Loyal an, dass zum Tag der Deutschen Einheit mit der NVA „eine Armee verschwindet“. Kurzum, es wurde in vielen Artikeln in der alten Bundesrepublik nahezu ausnahmslos vor der „ostdeutschen Parteiarmee“ und dem „Drill der Ost-Offiziere“ in der Bundeswehr gewarnt. In einer Publikation aus der Truppe bewertete der Autor die personelle Integration von Ost-Soldaten mit einem Blick zurück etwas ironisch als „Hochzeit mit dem Feind“, wobei er dann aber das Zusammenwachsen im gemeinsamen Handeln ausführlich würdigte. Andere Experten plädierten sogar in der Öffentlichkeit dafür, angesichts der DDR- Vergangenheit dieses Gebiet im Osten „vorübergehend zu entmilitarisieren“. Sollte wohl heißen: Russische Truppen ja, ostdeutsche Truppen nein. Das ging gar nicht, schon wegen der vielen Waffen und Munition dort in den Arsenalen. Dennoch fand ich manche Einschätzung westdeutscher Journalistenkollegen im Prinzip berechtigt. Weil das aber alles Pauschalurteile waren, noch dazu aus der Ferne, ohne je mit einem Ost-Offizier über sein Denken und Handeln im realen Sozialismus sowie die umfassende Militarisierung seines Landes gesprochen zu haben, sah ich darin schon damals eine völlig überzogene Reaktion. Wir in der DDR galten doch laut SED-Propaganda als die „wahren Sieger der Geschichte“. Das hörte man von Kindesbeinen an so oft wie das Amen in der Kirche. Das wäre auch nicht im Sinne eines Rechtsstaates gewesen, wo eben – im Gegensatz zur Praxis unter sozialistischen Bedingungen – im Zweifelsfall im Sinne des Angeklagten entschieden wird. Ob es sich hier um „Angeklagte“ handelte, nur weil sie im anderen Teil Deutschlands aufgewachsen und dort in die Armee eintreten sind, stand auf einem ganz anderen Blatt. Es gab also viele Vorurteile, die berechtigt oder unberechtigt waren. Solche 31 2. Zwei Armeen vor der Deutschen Einheit abzubauen, stellte ich mir auch zur Aufgabe meiner journalistischen Arbeit nach der Einheit. Wenn es wirklich für NVA-Offiziere „Privilegien“ gegeben hätte, wie von einzelnen Wissenschaftlern, Militärs und Politikern aus dem Westen und noch dazu aus der Ferne heute kühn behauptet, wären meines Erachtens die jungen Leute im Arbeiter-und-Bauern- Staat sicher in Scharen dorthin gegangen. Dem war aber nie so! Ich habe keinen aktiven Offizier getroffen, der zuvor – wie in der Bundeswehr fast jeder zweite junge Leutnant – als Rekrut gedient hatte. Viele Bereiche in Industrie, Landwirtschaft und Wissenschaft boten in der DDR nachweislich bessere Entwicklungschancen, auch gute Gehälter sowie Wohnungen nach entsprechender Wartezeit. Und man war dort – jedenfalls nach einem geregelten Feierabend, den es für NVA-Truppenoffiziere nach meinen Erinnerungen nie gab – irgendwie anders als in der Armee ein „freier Mensch“. Zumindest ein Zivilist und in den eigenen vier Wänden außerhalb staatlicher Aufsicht und Kontrolle, durch wen auch immer. Im Einigungsvertrag vom 31. August 1990 wurde bereits die Übernahme von Berufs- und Zeitsoldaten der Volksarmee in die Bundeswehr geregelt. Dann setzte im September Bundesverteidigungsminister Stoltenberg ein Zeichen: „Zugleich bejahen wir unsere Verantwortung für die Menschen, die mit dem Beitritt der heutigen DDR in den Geschäftsbereich des Bundesministers der Verteidigung übergehen. Wir möchten möglichst vielen von ihnen eine faire Chance geben, ihre Eignung für den Beruf des Soldaten in der Demokratie oder für eine Tätigkeit als ziviler Mitarbeiter der Bundeswehr unter Beweis zu stellen. Den anderen, die ausscheiden, möchten wir Möglichkeiten eröffnen, sich zu qualifizieren, soweit sie dafür die Voraussetzungen erbringen.“ Für die Weiterverwendung ehemaliger NVA-Soldaten in der Bundeswehr – „allerdings nach einer sorgfältigen Auswahl“ – plädierte eine Mehrheit (88 Prozent) der Bundeswehrsoldaten. Das zeigte eine Umfrage des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr im September 1990. Befragt wurden 2 800 Soldaten aller Dienstgrade aus Heer, Luftwaffe und Marine. „Als entscheidende Selektionskriterien wurden von ihnen vor allem ‚persönliche, charakterliche Eignung‘ und das Fehlen ‚nachweislicher Rechtsverstöße‘ genannt“, schreiben Georg-Maria Mayer und Sabine Collmer in ihrem Buch „Kolonialisierung oder Integration? – Bundeswehr und Deutsche Einheit. Eine Bestandsaufnahme“ (1993, Westdeutscher Verlag, Opladen, S. 10). Als wesentliche Vorteile einer Übernahme von ehemaligen NVA-Angehörigen in eine gesamtdeutsche Bundeswehr galt den Befragten in erster Linie „die Verstärkung der deutschen Zusammengehörigkeitsgefühle“ sowie das „Verhindern des Aufkommens von Minderwertigkeitsgefühlen“ auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, heißt es weiter. „Als negative Folgen einer Übernahme von NVA-Soldaten wurden vor allem mögliche Veränderungen im inneren Gefüge der Bundeswehr betrachtet. So äußerten nahezu alle Befragten Bedenken, ob nicht auf diese Weise vielleicht undemokratisches Gedankengut in die Bundeswehr hineingetragen würde.“ 32 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Überhaupt sei der Übernahme von Soldaten der NVA „überwiegend mit Zurückhaltung und vorsichtiger Skepsis begegnet worden, allerdings durchaus mit der Bereitschaft verbunden, dem Gegner von einst auf der Basis der Einzelfallprüfung eine faire Chance in den gesamtdeutschen Streitkräften einzuräumen“. Einen Rückfall in alte Denkmuster findet hier der ostdeutsche Leser, der zwischen 1956 und 1990 zu den 2,5 Millionen Armeeangehörigen gezählt hat: „So habe es zum Beispiel unterschiedliches Essen für die verschiedenen Dienstgradgruppen gegeben. Offiziere hätten unter drei verschiedenen Gerichten wählen können, während Mannschaftsdienstgrade ein, noch dazu minderwertiges Einheitsessen zugestanden hätte.“ „Einheitsessen“ stimmt überhaupt nicht. Es gab in den Kasernen immer Regionales und im Gelände Essen aus der „Gulaschkanone“, keine „Tütensuppen“. Und „Minderwertiges“ hätte auch bei der Fahne nicht der alten Bauernregel entsprochen: „Wie die Verpflegung, so die Bewegung!“ Zudem fanden seit den 1970er Jahren alljährlich NVA-Leistungsvergleiche ab Kompanie aufwärts um „Bester Koch“ oder „Bester Smutje“ statt. Hierbei ging es nicht um schnelles Kaffeekochen, aber um Armee-Klassiker wie „Erbsensuppe mit Bockwurst“! Was aus der weitsichtigen Entscheidung der Bundesregierung wurde, ist bekannt: Die gesamtdeutschen Streitkräfte entwickelten sich zu einem Pionier der inneren deutschen Einheit. Daher das Interesse im ganzen Land an diesem Prozess. Das Ausland blickte mit Argusaugen auf das Ende einer hochgerüsteten Armee mitten in Europa sowie den Aufbau der neuen Verbände und Einheiten der Bundeswehr im Beitrittsgebiet. Vor Kommandeuren des Heeres sprach am 29. April 1991, ein halbes Jahr nach der Wiedervereinigung, Bundespräsident Richard von Weizsäcker im Stab des Korps und Territorialkommandos Ost in Potsdam. Er sagte: „Die Entwicklung der Idee vom Staatsbürger in Uniform gehört zu den wichtigsten Leistungen der deutschen Militärgeschichte. Sie geht zurück auf die preußischen Militärreformer, deren Leitlinie vor allem Scharnhorsts bekannte These kennzeichnet: Alle Bewohner des Staates sind geborene Verteidiger desselben.“ DDR-Journalisten auf der Hardthöhe Eine weitere Begegnung mit Bundeswehr-Soldaten hatte für mich schon ein anderes Vorzeichen als 1987 bei der Manöverbeobachtung. Sie fand 1990 in Koblenz und Bonn kurz vor der Wiedervereinigung statt. Mit einer Gruppe ostdeutscher Journalisten folgte der ADN-Redakteur einer Einladung des Bonner Verteidigungsministeriums. Äußerst interessant waren für mich zu Beginn der Reise die Ausführungen am Koblenzer Zentrum Innere Führung. Über den „Staatsbürger in Uniform“, den wir so leider nicht in der DDR erlebt hatten, sollte ich künftig noch mehr erfahren. Die Idee, Befehl und Gehorsam mit den Grundrechten eines jeden Staatsbürgers in Einklang zu bringen, war von den 33 2. Zwei Armeen vor der Deutschen Einheit Gründern der Bundeswehr 1955 als eine wichtige Lehre aus nationalsozialistischer Vergangenheit gezogen worden. Und zugleich eine Zäsur in der bisherigen deutschen Militärgeschichte mit Rückblick auf die preußischen Reformen von 1806 und die Namen Karl Freiherr von Stein und Gerhard von Scharnhorst. Ich schrieb noch vor Ort einen Bericht über die Arbeit an dieser Bildungsstätte, den ich telefonisch über das Bonner ADN-Büro an unsere Berliner Zentrale übermittelte. Nach dem Rücklauf auf dem Agenturticker hat der uns begleitende Pressesprecher der Hardthöhe den, wie er sagte, „sachlich fundierten Text“ zur Kenntnis genommen. Ich freute mich natürlich über das Lob vor der versammelten Journalisten-Mannschaft. Auch sehr beeindruckt hat mich der Besuch einer Kaserne des III. Korps am späten Nachmittag: Nach Dienstschluss haben wohl alle Soldaten und Offiziere diese Einrichtung verlassen – zu Fuß, mit dem Fahrrad, mit dem Auto. Eine funktionstüchtige Kaserne in der Bundesrepublik ohne Soldaten? Das war für den Gast aus der DDR unvorstellbar! Ich hätte jede Wette verloren, dass es so etwas gibt. Einzelne zivile Wachkräfte, mit Pistolen bewaffnet, aber „ganz Profi“, so die Gastgeber gegenüber uns Presseleuten aus dem Osten, kontrollierten das Geschehen am Schlagbaum und rund um die Kaserne. Gehörte nicht stundenlanger Wachdienst zum Alltag eines Soldaten oder Unteroffiziers in jeder Armee? Im Westen offenbar nicht. Hier durften außer Dienst und außerhalb der Kaserne auch Jeans und andere Zivilkleidung getragen werden. Es gab sogar für das Militär eine Fünf-Tage-Woche mit geregeltem Feierabend. Auch für mich bis dahin unvorstellbar! Ehrlich, ich habe nur gestaunt. In der Arbeiter-und-Bauern-Armee war das, ohne Übertreibung, ein Traum. In vielen Offiziersfamilien mussten Frau und Kinder den Abend und das Wochenende allein verbringen. Die Väter waren „auf Friedenswacht“, wie das hieß, obwohl der angebliche Feind gar nicht im Dienst war. Aber das bedeutete wohl mehr ein Unterordnen unter die sowjetische Militärdoktrin, sodass auch die DDR-Truppen Tag und Nacht „Gewehr bei Fuß“ stehen mussten. Es gab sogar Zeiten, da sprachen NVA-Offiziere hinter vorgehaltener Hand vom „Vorkriegszustand“ und wünschten sich gegenseitig „ein atomwaffenfreies Wochenende“. Und nun die eigentliche Überraschung für den Besucher aus dem Machtbereich des Warschauer Pakts: Auch am Wochenende, wurde berichtet, verlassen eigentlich alle, die hier sonst Dienst tun, die Kaserne. Also nicht nur in Koblenz. An allen Standorten der Bundeswehr gab es bei einer in der Tat stark eingeschränkten Kasernierungspflicht einen richtigen Feierabend für das militärische Personal. Ich war nun wirklich in einer anderen Welt angekommen. Ganz zu schweigen von der Praxis der Inneren Führung, über die unsere Gesprächspartner stolz berichteten. Das konnte der gediente NVA-Reservist zuerst gar nicht begreifen. Er hatte doch in seiner Dienstzeit wie andere NVA-Soldaten gelernt, die Bundeswehr könnte mit ihren Nato-Verbündeten jederzeit eine Aggression gegen die DDR beginnen. Sie würde dann womöglich mit Klingendem Spiel durch das Brandenburger Tor in Berlin marschieren, hieß es noch 34 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten bis 1961. Für die DDR-Führung war das angeblich der Anlass, am 13. August den sogenannten antifaschistischen Schutzwall zu errichten. Gemeint war die 160 Kilometer lange Mauer zwischen Ost- und West-Berlin. Deshalb mussten immer 85 Prozent des Personalbestandes der NVA in den Kasernen anwesend sein. „Natürlich war dieser Zustand auf Dauer belastend. Man wähnte sich permanent in einem Vorkriegszustand. Nur 15 Prozent der Truppe konnten Urlaub machen oder in Ausgang gehen. Es zehrte an den Nerven und provozierte die Frage: Ist das wirklich nötig?“ So der ehemalige NVA-Divisionskommandeur Generalmajor a.D. Hans-Georg Löffler in seinen Erinnerungen (Soldat der NVA von Anfang bis Ende, edition ost, Berlin, 2006, S. 120). Man habe „wenig bis nichts von der tatsächlichen Einsatzbereitschaft der Nato- Streitkräfte“ gewusst. Also Wochenende für Wochenende im „Objekt“ (so hieß die Kasernenanlage im ostdeutschen Jargon) verbracht. Ich weiß noch sehr genau, wie öde mancher sonnige Tag trotz Tischtennis- oder Skat-Turnier drinnen verlief. Auch Vorgesetzte waren wegen der angeblich ständigen „Aggressionsgefahr“ durch die Bundeswehr und ihre Verbündeten zugegen. Sie mussten mit ihrer persönlichen Anwesenheit für die vom Verteidigungsministerium geforderte hohe Einsatzbereitschaft sorgen – obwohl sie doch gleich neben der Kaserne wohnten. Der in Zeiten des Kalten Krieges in der NVA befohlene Verzicht auf Freundin oder Familie hatte wohl doch ein anderes Motiv. Leider konnte man das vor der Wiedervereinigung bis zu den Reformen in diesem Zusammenhang so nicht erkennen. Ich hatte zwar manchmal eine West-Zeitung in der Hand, aber das wusste ich wirklich nicht. Woher auch? Mancher ehemalige NVA-General, der die andere militärische Seite aus dem Effeff kannte und aus dem Schlaf heraus Bewaffnung, Ausrüstung und Stärke seines angeblichen Gegners aufsagen konnte, tut in seinen Memoiren dieses „Einbunkern“ des eigenen Personals heute als Fehler ab. Eine späte Einsicht, finde ich. Zur selben Zeit waren die für die Abwehr eines „feindlichen“ Militärschlages hauptsächlich zuständigen sowjetischen Truppen in der DDR immer in den Kasernen präsent. In X plus 45 Minuten wäre dort (ähnlich auch in der NVA) auf Befehl jede Einheit, komplett bewaffnet und ausgerüstet, aus der Kaserne in den geplanten Sammelraum ausgerückt. Laut Vorschrift mussten diese Truppen mindestens ein Drittel der bebunkerten Munition mit sich führen. Sie waren also immer kampfbereit, die Waffenbrüder von nebenan. Auch wenn die ostdeutsche Bevölkerung keinesfalls merken sollte, ob es sich beim Ausrücken der Truppen aus der russischen Garnison um das „Training einzelner militärischer Elemente“ oder um einen echten Alarm mit anschließendem „Herstellen der Gefechtsbereitschaft“ handelte. Wie ich hier weiter erfuhr, hatte die Bundeswehr 1989 bei der Erstaufnahme und der Unterbringung der fast 350 000 Übersiedler aus der DDR – zuvor waren es jährlich etwa 40 000 – den überforderten Gemeinden der Bundesrepublik tatkräftig Hilfe geleistet. Um diesen Zustrom an Bürgern „von drüben“ integrieren zu können, wurden die westdeut- 35 2. Zwei Armeen vor der Deutschen Einheit schen Aufnahmeeinrichtungen sowohl räumlich als auch personell kurzfristig erheblich ausgebaut. Die drei Teilstreitkräfte stellten insgesamt 30 000 Unterkunftsplätze zur Verfügung. Im Heer, in der Luftwaffe und bei der Marine wurden dafür ganze Blöcke geräumt, um so auch eine Trennung zwischen militärischen und zivilen Teilen innerhalb der Kasernen sowie die Einsatzbereitschaft der Truppen zu sichern. Für mich ein bedeutender Beitrag der Bundeswehr und ihrer Soldaten in die Verbundenheit mit den „Brüdern und Schwestern aus dem Osten“, die es zu dieser Zeit auf militärischem Gebiet nicht gab. Ab dem 3. Oktober 1990 aber in der gesamtdeutschen Bundeswehr, der späteren Armee der Einheit. Jahre später erinnerte sich der dafür zuständige Staatssekretär Dr. Karl-Heinz Carl, ein gebürtiger Erfurter, von der Bonner Hardthöhe: „Nun zeigte die Bundeswehr, was sie konnte. Ohne dass ich eingreifen brauchte, wurden die 30 000 Unterkunftsplätze zur Verfügung gestellt. Ich war beeindruckt von dem Einsatzwillen und der Hilfsbereitschaft der Offiziere und Mannschaften sowie der Bundeswehrverwaltung.“ (Vom Kalten Krieg zur Deutschen Einheit – Analysen und Zeitzeugenberichte zur deutschen Militärgeschichte 1945 bis 1995, R. Oldenbourg Verlag, München 1995, S. 455) Übrigens war Carl ab 1995 als Staatssekretär im sächsischen Finanzministerium einer der beiden Vorsitzenden der Baukommission für die neue Offiziersschule des Heeres in Dresden. Seine Erinnerung: „Unser Projekt ist ein großer Erfolg, die nutzenden Offiziersschüler und ihre Ausbilder sind begeistert; auch die Dresdner haben die OSH akzeptiert.“ Auf der Bonner Hardthöhe lernten wir den künftigen Befehlshaber der Bundeswehr Ost, Generalleutnant Jörg Schönbohm, kennen. Er stammte aus Brandenburg und freute sich schon auf die Rückkehr in seine alte Heimat. In einem Pressegespräch deutete der „gelernte Artillerist“ an, was nach der Wiedervereinigung sein Ziel sein werde: Dass hier die jungen Wehrpflichtigen „Dienst machen in einer Armee der Demokratie, wo ihnen die staatsbürgerlichen Rechte erhalten bleiben“. Künftig soll man nicht mehr fragen: „Bist Du vom Osten oder vom Westen? Dann gibt es nur eine Bundeswehr.“ Schönbohm: „Ich weiß, dass wir genügend Schwierigkeiten haben werden. Aber als Soldat sage ich immer: Wäre es einfacher, könnte es auch ein anderer machen.“ Noch eine dritte Begegnung mit der Bundeswehr, ich war da schon Bürger der Bundesrepublik, bleibt mir unvergessen. Eine Einladung führte mich zum Flottenkommando im schleswig-holsteinischen Glücksburg. Mit 15 westdeutschen Journalistenkollegen konnte ich mich zum ersten Mal mit den aktuellen Gegebenheiten der Bundesmarine, speziell mit der operativen und administrativen Führung der Flotte, vertraut machen. Mit ihren Schiffen, Booten und Flugzeugen galt die kleinste Teilstreitkraft schon damals als recht schlagkräftig. Ihr Gegenstück im Osten nannte sich Volksmarine. Nun zählten erstmals zwei Ostdeutsche zum Presseaufgebot, ein Berliner und ein Rostocker. In dieser Runde durften ausnahmslos alle Teilnehmer das Geschehen in der Führungszentrale, dem Herzstück der deutschen Marine, miterleben. Ob nun die Übersicht oder die Details – noch nie hatte ich solch eine präzise Erläuterung des Auftrages von See- 36 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten streitkräften erlebt. Alles war real, nichts gestellt. Und auf jede Journalistenfrage gab es eine konkrete Antwort. Pressesprecher Fregattenkapitän Erich Dams nahm die neuen Bundesbürger mit offenen Armen auf. Er versorgte uns mit allen Informationen, die auch die Journalisten aus den alten Bundesländern erhielten. So viel Offenheit beim Militär vor Ort kannte ich bislang nicht. Das war wie Tag und Nacht zur damaligen Praxis in den DDR-Streitkräften, wo Geheimhaltung nach russischem Vorbild bei Journalisten, ob gedient oder nicht, gnadenlos praktiziert wurde. Flottillenadmiral: Keine Soldaten zweiter Klasse Im Kaiserreich von 1871 bis 1918 gab es ein Königlich-Sächsisches Kriegsministerium. Im Heer des deutschen Reiches existierte ein sächsisches Kontingent, das aus dem XII. und dem XIV. Armeekorps bestand. Allerdings erhielten die Offiziere dieses Kontingents, die sich für die Ausbildung zum Generalstabsoffizier qualifiziert hatten, ihre Ausbildung nicht in Dresden, sondern an der preußischen Kriegsakademie. Bedingt durch die deutsche Teilung, war die Elbe-Stadt erst in den letzten Jahrzehnten Standort einer zentralen, bedeutungsvollen militärischen Ausbildungseinrichtung geworden. Mit diesem historischen Diskurs begann Flottillenadmiral Ulrich A. Hundt am 21. September 1990 – wenige Tage vor der Wiedervereinigung Deutschlands und dem Ende der DDR und ihrer Nationalen Volksarmee – seinen Vortrag an der Militärakademie mit dem Namen des marxistischen Militärtheoretikers Friedrich Engels. Er sei dieser Einladung „besonders gern gefolgt. Sowohl als Kommandeur des Zentrums Innere Führung der Bundeswehr als auch ganz persönlich. Und ich bin befangen in der Unsicherheit, ob wir uns denn begrüßen oder voneinander verabschieden.“ Die gerade epochalen Umwälzungen im vergangenen Jahr in Ostdeutschland können persönliche Härten mit sich bringen. „Ich denke, dass es keiner von uns so halten sollte, wie der letzte sächsische König, der nach der Überlieferung nach dem Untergang der Monarchie mit der Bemerkung ins Exil gefahren sein soll: ‚Macht Euern Dreck alleene!‘ Wir alle sind in wenigen Tagen gemeinsam Staatsbürger eines demokratisch verfassten Gemeinwesens.“ Daher sei er dankbar für die Gelegenheit, hier „einige grundsätzliche und aktuelle Gedanken zur Inneren Führung vorzutragen“. Diese habe „immer Hochkonjunktur, wenn Streitkräftestrukturen sich ändern, wenn das politische Umfeld sich verändert, wenn beispielsweise von Reduzierung und Beschränkung gesprochen wird“. Das Bild von der anderen deutschen Armee, die sich „uns gegenüber immer sehr abgeschlossen“ zeigte, „konnten wir bisher nur aus den Artikeln der NVA-Militärpublizistik machen. Wir waren fest davon überzeugt, dass NVA-Offiziere ohne Skrupel in einem Angriffskrieg des Warschauer Paktes gegen die Nato ihren Soldaten den Einsatzbefehl geben 37 2. Zwei Armeen vor der Deutschen Einheit würden. Dennoch baute sich bei uns kein Feindbild auf, denn die Soldaten der Bundeswehr erhielten keine Erziehung zum Hass auf die Armeen des Warschauer Paktes und ihre Soldaten. Aber es bedurfte schon einiger inneren Überwindung, mit dem früheren ‚potentiellen Gegner‘ ins Gespräch zu kommen. Letztlich siegte die Neugier.“ Bei den seit Jahresbeginn geführten Dialogen und dem Schriftwechsel habe man das emotionale Bedürfnis vieler NVA-Soldaten zu Gesprächen mit Menschen gespürt, „die den gleichen Beruf gewählt haben und dieselbe Sprache sprechen. Wir waren über die Offenheit und Ehrlichkeit erstaunt“, betonte Hundt. „Und wir meinen, etwas sensibler geworden zu sein für die Situation, in der Sie, meine Herren, sich im SED-Staat befunden haben. Wir wollen die unterschiedliche Geschichte beider deutschen Staaten nicht verdrängen, wir wollen kein Unrecht vertuschen. Wir werden uns vor allem hüten, ein pauschales Urteil zu fällen.“ Und so werde die Integration von NVA-Soldaten in die Bundeswehr „in unserer Truppe und in der politisch interessierten Öffentlichkeit heiß diskutiert“. Der rasche Vollzug der Deutschen Einheit verlange in allen Bereichen nach schnellen Lösungen. „Die Streitkräfte dürften dabei keine Sonderstellung einnehmen, sondern müssten sich als ihren Beitrag zur Versöhnung genauso wie andere Bereiche zusammenschlie- ßen.“ Auch hofften Befürworter der Integration, dass deutsche Soldaten in Ost und West eine Brückenfunktion auf dem Weg zu einer gemeinsamen Friedensordnung wahrnehmen können. Für ihn persönlich sei zudem das Argument überzeugender, „NVA-Vorgesetzte würden in den Territorialstreitkräften Ost deshalb benötigt, weil sie die Denkmuster und Empfindungen der ostdeutschen Wehrpflichtigen und Bevölkerung besser verstehen können und mit ihren Kenntnissen und Erfahrungen die Umstrukturierung der Militärorganisation unterstützen sollen. Will man diesen Teil Deutschlands nicht entmilitarisieren, benötigt man weiterhin militärische Kräfte.“ Die Soldaten der Bundeswehr seien dazu vom Umfang her nicht in der Lage. Schließlich müsse der Rückzug der sowjetischen Truppen aus der heutigen DDR mit Sachverstand unterstützt werden. Den Integrations-Argumenten stünden aber „kritische Aussagen“ im Westen gegenüber. Diese Meinungen seien stärker politisch-moralisch, gesellschaftspolitisch und psychologisch geprägt: Die Beteiligung der NVA beim Mauerbau 1961, beim Einmarsch von Warschauer Pakttruppen in die CSSR 1968, die Wehrerziehung in DDR-Schulen, Erziehung zu Hass auf den Klassenfeind, Todesbefehle und Schüsse an der innerdeutschen Grenze und in Berlin, direkte und indirekte Verantwortung von persönlichem Leid in vielen deutschen Familien, Ausnutzung von „Privilegien“ über Jahrzehnte. „Der Mangel an demokratischer Legitimität würde groß bleiben.“ Hundt: „Unsere psychologischen Experten fragen nach: Können Offiziere der NVA, die ihre Weltanschauung (neuer Eid, Kokarde, Fahne) verloren haben, sich in kurzer Zeit eine neue Identität aufbauen, d.h. sich aus eigener Kraft verändern und qualifizieren. Es stünde doch zu befürchten, dass sich ehemals überzeugte SED-Soldaten aus Gründen der Exis- 38 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten tenzsicherung geistig vergewaltigen lassen, zumindest mit erheblichen und nicht absehbaren Identitätsproblemen sowie Gewissens- und Loyalitätskonflikten belastet werden.“ Und welche Einwände hat die Truppe? „Es gibt nach unseren Erfahrungen eine noch nicht quantifizierbare, aber spürbare emotionale Aversion von Bundeswehr-Soldaten aller Dienstgrade, den Befehlen eines NVA-Vorgesetzten folgen zu müssen. Sie befürchten auch nicht gerechtfertigte persönliche Nachteile aufgrund der neuen NVA-Konkurrenz, denn die Werdegänge der Berufsoffiziere und -unteroffiziere in der Bundeswehr und der NVA sind in keiner Weise vergleichbar.“ Man nehme die geäußerten Bedenken sehr ernst, sei aber „über die Toleranz und Bereitschaft zur Zusammenarbeit unserer Soldaten sehr erfreut“. Mit Blick auf die Geschichte der Bundeswehr verwies der Flottillenadmiral auf die Konzeption der Inneren Führung, mit der das Werte- und Normensystem des Grundgesetzes mit Führung, Erziehung und Ausbildung verbunden werden sollte. Sie sei aus der historischen Perspektive herangewachsen und inzwischen zum Markenzeichen geworden. „Der Soldat der Bundeswehr sollte nicht nur Recht und Freiheit des deutschen Volkes verteidigen, sondern er sollte dieses Recht und seine Freiheit auch im täglichen Dienst erleben. Unter dem Leitbild vom ‚Staatsbürger in Uniform‘ wird die rechtliche Stellung des Soldaten im demokratischen Staat verdeutlicht. In ihm verbinden sich freie Persönlichkeit, verantwortungsbewusster Staatsbürger und einsatzbereiter Soldat.“ Von überragender Bedeutung sei die Menschenführung als Mittelpunkt aller Führungspraxis und entscheidende Grundlage für die Auftragserfüllung. Nach seinem Verständnis müsse der ehemalige Soldat der NVA umfassend mit dem Selbstverständnis von Streitkräften in einer pluralistischen demokratischen Gesellschaft in Berührung kommen. Führung nach Bundeswehrgrundsätzen setzte beim Schlüsselpersonal – Kommandeure, Kompaniechefs und Feldwebel – ausreichende Rechtskenntnisse und ein Minimum an Erfahrungen aus der Praxis Innere Führung voraus. So können die einschlägigen Gesetze, Vorschriften und Weisungen im Dienstbetrieb angewendet und Rechtssicherheit garantiert werden. Hundt abschließend: „Die Zusammenführung beider Armeen muss für die NVA-Soldaten menschlich sauber, sozial verträglich und psychologisch klug gemacht werden. Eine deutsche Armee mit Soldaten erster und zweiter Klasse darf es für die Zukunft nicht geben. Die Werteordnung des Grundgesetzes muss von allen Soldaten des vereinten Deutschlands erlebt werden. Die Aufnahme von früheren Soldaten der NVA in die Bundeswehr wird von uns als stimulierende Herausforderung, nicht als drückende Belastung empfunden.“ Für den Flottillenadmiral handelt es sich derzeit um „die anspruchsvollste Operation, die ich in meinen 33 Dienstjahren je zu bewältigen hatte“. Sie bestehe darin, nachzuholen, „was unsere beiden Streitkräfte seit ihrer Existenz nicht haben machen können: miteinander zu reden. Das ist unser Hauptslogan im Zentrum Innere Führung.“ 39 2. Zwei Armeen vor der Deutschen Einheit Stoltenberg: Trennendes im Denken beseitigen Nach Überwindung der Teilung Deutschlands müsse jetzt auch „das Trennende im Denken und Empfinden“ beseitigt werden, forderte Bundesverteidigungsminister Gerhard Stoltenberg in einem historischen Tagesbefehl zum 3. Oktober 1990. „Die Soldaten stehen dabei vor einer besonderen Herausforderung, weil sie vom Gegeneinander zum Miteinander finden müssen“, erklärte der Minister, der an diesem Tag die Befehls- und Kommandogewalt über die Streitkräfte des vereinigten Deutschlands übernahm. Den Bundeswehr- Soldaten gab er den Auftrag, „die neuen Soldaten unvoreingenommen aufzunehmen, ihnen kameradschaftliche Hilfestellung zu geben und die schnelle Integration zu fördern“. Wichtige Voraussetzungen und Rahmenbedingungen für die Übernahme von Soldaten und zivilen Mitarbeitern der bisherigen NVA in die Bundeswehr seien im Einigungsvertrag vorgegeben. „Viele werden diese Chance erhalten und nutzen. Andere müssen in den kommenden Monaten nach den im Staatsvertrag festgelegten Regelungen entlassen werden. Ich hoffe, dass sie nicht resignieren, sondern einen neuen Anfang machen, um am Aufbau der Wirtschaft in den neuen Bundesländern aktiv mitzuwirken.“ Ihnen sicherte er zu, die „tiefgreifende Umstellung durch Qualifizierung“ zu unterstützen. Von den NVA-Soldaten, die in die gesamtdeutschen Streitkräfte übernommen würden, erwarte er „Lernbereitschaft, bereitwillige Übernahme von Verantwortung und das offene Herangehen an neue Aufgabenstellungen“. Das vereinte Deutschland sei „fest in die westliche Wertegemeinschaft integriert“, stellte der Minister fest. Daraus ergäben sich Orientierung und Verpflichtungen auch für die Streitkräfte. Für Deutschland einzutreten heiße heute, für Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und die Zusammenarbeit mit den Verbündeten einzutreten. Das bedeute auch, „auf der Grundlage der jetzt beschlossenen Verträge die Zusammenarbeit mit der Sowjetunion wie den jungen Demokratien in Mittel- und Osteuropa zu vertiefen“. Der Abbau von Spannungen erlaube es, Abrüstungsvereinbarungen abzuschließen und den Umfang der Bundeswehr zu verringern. Stoltenberg: „Wir werden in wenigen Jahren 370 000 Soldaten im vereinten Deutschland haben. Dies führt zu einer Reduzierung im Westen wie im Osten Deutschlands.“ Entspannung beendete „psychologischen Kampf“ Hier noch eine Erinnerung an den Kalten Krieg zwischen beiden Weltsystemen und ihren Streitkräften, der mit der Einheit Deutschlands sein Ende fand. Auch die Bundeswehr war daran mit Flugschriften und weiteren Druckerzeugnissen beteiligt. Infolge der Entspannung mit dem Grundlagenvertrag 1972 gab es zwischen den deutschen Staaten ein ungewöhnliches Übereinkommen: Die DDR beendete den Kalten Krieg mit ihrem Soldatensender 904 „aus Berlin-W“ (Ost-Berlin, Postamt Französische Straße) für die Bundeswehr im Äther. Und die Bundesrepublik verzichtete von nun an auf die regelmäßigen Ballonak- 40 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten tionen mit Flugblättern in Richtung Osten. Ein Kenner dieser Materie berichtete danach von „Flugblattschlachten an der Zonengrenze“. Die Vernunft hatte sich also durchgesetzt. Zur Vorgeschichte: Schon im Nachkriegs-Deutschland tobte ein „Broschürenkrieg“ zwischen Bonn und Ost-Berlin. Da wurden von Parteien oder Organisationen – im Westen vor allem vom SPD-Ostbüro, im Osten vom Nationalrat der Nationalen Front – jeweils Schriften in den anderen Teil Deutschlands per Post geschickt oder in Interzonenzügen ausgelegt. Dieser propagandistische Schlagabtausch fand nach dem Mauerbau 1961 mit Flugblattaktionen in Wetterballons in einer ganz anderen Dimension seine Fortsetzung. Hier kam der Bundeswehr unter dem Stichwort „Psychologische Kampfführung“ eine wichtige Aufgabe zu. Ab 1959 betrieben reguläre Einheiten, die dem I. bis III. Heereskorps unterstellt waren, mit Gas gefüllten Ballons Propaganda gegen die DDR. Allein 1963 mit rund 20 000 solcher Flugkörper. Bei günstigem Wind von West nach Ost konnte an manchen Tagen einer der Ballonzüge der Bundeswehr „eine Tonne Papier in ein vorgegebenes Zielgebiet verbringen“. Das waren etwa eine Million Flugblätter. So Oberstleutnant Dirk Drews vom Zentrum Operative Information in seiner Dissertation 2006 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Diese Arbeit enthält interessante Zahlen und Fakten. Die Ballons hätten „zielgenau“ Druckerzeugnisse über eine Entfernung von 30 Kilometer in einer Ausdehnung von 100 Quadrat ki lo meter befördert, heißt es darin. Es seien auch Weitflüge in die bis zu 200 Kilometer entfernten „Zielgebiete“ möglich gewesen, um – nach westdeutscher Sicht – uninformierte und zivile Bürger der DDR zu erreichen. Im Durchschnitt habe man wöchentlich zwei Balloneinsätze durchgeführt. Allein zwischen Januar und Juni 1972 wurden Ballons mit mehr als 15 000 Kilogramm Flugblättern, meist im Format A5, von Bad Harzburg, Coburg, Kronach und anderen Orten abgeschickt. Und die „Zielräume“ im Osten waren beispielsweise Wismar, Wittenberge, Stendal, Genthin, Magdeburg, Weimar und Ilmenau. Nun wissen deren Bürger endlich, was für eine weite Reise diese Zettelchen hinter sich hatten, die man gelegentlich in freier Natur fand. Die höchste Auflage eines Kleinstflugblattes aus dem Jahr 1963 lag bei 32 Millionen Stück. Abgedruckt waren darauf eine Ulbricht-Karikatur sowie ein Slogan gegen die ostdeutsche Planwirtschaft und für die westdeutsche Marktwirtschaft. Jedermann kann sich denken, dass solche Sticheleien am sozialistischen System in den vorgesehenen „Niederschlagsgebieten“ den wachsamen Behörden ein großes Ärgernis waren. Sie brachten immer zusätzliche Arbeit beim meist kollektiven Aufsammeln. Jede der drei Kompanien der Truppe der Psychologischen Kampfführung der Bundeswehr verfügte über einen Lautsprecherzug, einen Flugblatt-Raketenzug und einen Ballonzug. Neben Broschüren und Flugblättern schickten diese Einheiten auch Flugzeitungen in das andere Deutschland. Insgesamt waren das allein 1970 Druckerzeugnisse auf rund 20 Tonnen Papier, darunter die Erfurter Rede Willy Brandts auf Flugblättern. 41 2. Zwei Armeen vor der Deutschen Einheit Zu diesen Informationen aus dem Westen gehörte eine Imitation der Wochenzeitung „Volksarmee“. Davon ließ die Bundeswehr in all den Jahren insgesamt 37 Ausgaben mit je 500 000 Exemplaren drucken, recherchierte Drews. Auf diese Weise sollten Grenzern und Volksarmisten hinsichtlich des demokratischen Charakters der Bundesrepublik und der Bundeswehr immer wieder die Augen geöffnet werden. Damit die Empfänger dieser Zeitung nicht gleich die „westdeutsche Ausgabe“ als solche erkannten, hat man teilweise sogar auf DDR-Papier gedruckt. Eine Kriegslist in Friedenszeiten! Von jedem Einsatz der Transport-Ballons mit einem Durchmesser von rund zwei Metern, die meiner Meinung nach immer Gefahren für den Luftraum und die Bevölkerung in Ostdeutschland darstellten, wurde ein Protokoll angefertigt. Es erhielt auf der Bonner Hardthöhe der zuständige Referatsleiter des Bundesverteidigungsministeriums. Der Leiter der Einheit meldete darin „Menge und Titel der verteilten Drucksachen“, „vermutlich erreichte Zielräume“ und „eventuell beobachtete Wirkungen“. Das konnten Leuchtsignale während des Niedergangs der Flugblätter im ostdeutschen Grenzgebiet sein. In einem Fall bei Eisenach hat der Einsatzführer den Zollgrenzkommissar in Obersuhl umgehend informiert. Denn durch „ungünstige Witterungen“ (Dauerregen) wurde der Balloneinsatz abgebrochen und sollte „in einigen Tagen“ fortgesetzt werden, schrieb der Kompaniechef am 16. Mai 1963. Den Grenzsoldaten in der DDR brachten solche Flugblattaktionen der Bundeswehr immer eine unbeliebte Freizeitbeschäftigung. Alles, was Beine hatte, musste dann gewöhnlich diese Drucksachen aus dem Westen in freier Natur aufsammeln und abgeben. Lesen sollten die Uniformträger die Flugblätter natürlich nicht. Sie stammten doch vom Klassenfeind. Aber wenigstens gezählt werden mussten sie schon. Mit Fundort, Tag, Uhrzeit und Menge brachte meist der Hauptfeldwebel der Grenzkompanie die Bündel zum Grenzregiment. Dann kamen sie in die jeweilige Grenzbrigade nach Rudolstadt, Meiningen oder Magdeburg und von dort zum DDR-Grenzkommando in Pätz bei Königs Wusterhausen. Hier musste der Chef Spionageabwehr unter „Besondere Vorkommnisse an der Staatsgrenze“ seinem Vorgesetzten im Verteidigungsministerium melden, was die Bundeswehr wieder über die Staatsgrenze geschickt hat. In der 10. Verwaltung (Konterpropaganda) des DDR-Ministeriums in Strausberg analysierten inzwischen Offiziere mit hohen Dienstgraden einzelne aufgefundene Traktate. Von hier aus gab man dann dem verschleierten Soldatensender in Burg bei Magdeburg, dessen Redaktion in Berlin-Grünau ihren Sitz hatte, wieder neue Weisungen, alle bekannt gewordenen Ungereimtheiten beim Bund „noch aggressiver zu entlarven“. So etwa musste man sich an diesem Beispiel den ständigen Schlagabtausch in der Propaganda zwischen West und Ost im Kalten Krieg vorstellen. Die Devise: Wie Du mir, so ich Dir! Und so ging dieses Wechselspiel mit psychologischen Waffen vor einem hochpolitischen Hintergrund und den hochgerüsteten Bündnisarmeen vor sich – über viele Jahre. Dass ausgerechnet die einstige „Psycho-Akademie“ der Bundeswehr nach Strausberg in die ehemalige „NVA-Hauptstadt“ verlegt wurde, zeigt doch auch: Beim Aufbau gesamtdeutscher 42 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Streitkräfte nach der Wiedervereinigung musste mancher tiefe Graben zugeschüttet werden. Aber bei der Propaganda im Kalten Krieg wurden auch keine Raketen (mit Flugblättern) auf die andere Seite geschossen, sondern „nur“ riesige Ballons mit Millionen Flugblättern nach drüben, in die DDR, befördert. Diese Aktionen der Bundeswehr hatten wohl „defensiven Charakter“, könnte man meinen. Dazu der Publizist Dirk Schindelbeck: „Faktisch waren die PSK-Kompanien damit die einzigen Truppenteile, die im Frieden dasselbe taten wie im Ernstfall auch: Informationen, die Soldaten wie Zivilisten der anderen Seite beeinflussen sollten, gezielt auf Feindgebiet zu verbringen.“ 2.2. Nationale Volksarmee Die Krise in der DDR 1989/90 mit den innenpolitischen Spannungen erfasste auch die Nationale Volksarmee. So überraschend war das nicht. Zuerst führten Freiheits-Transparente bei der Rosa-Luxemburg-Demonstration im Januar 1988 zum Nachdenken unter den Offizieren in der Truppe. Dann der Wahlbetrug vom Mai 1989, die Massenfluchten in westdeutsche Vertretungen ab Juli, die Großdemonstrationen für Reformen und demokratische Erneuerung in Leipzig und anderen Städten im Oktober. Ganz besonders aber die erzwungene, historische Öffnung der Berliner Mauer vom 9. November 1989. All das wurde, woran ich mich gut erinnern kann, in NVA-Kasernen lebhaft diskutiert. Ebenso die „Klassensolidarität“ der SED-Führung mit China nach der brutalen Niederschlagung von Studenten-Protesten im Juni in Peking durch das Militär. Was schon überall im Land sicht- und spürbar war, vor allem die breite Kritik an der Sozial- und Wirtschaftspolitik der SED, aber auch die Gefahr eines nuklearen Weltkrieges, hatte Auswirkungen auf die Wehrmotivation unter den Wehrpflichtigen. Ebenso sahen sich viele Berufssoldaten beim Vertrauensverlust in die eigene Führung in ihrer persönlichen Meinung bestätigt: Nach all den Jahren der Stagnation in der DDR muss sich endlich etwas im Dienst und in der Öffentlichkeit ändern, war zu hören. Die Befehlstaktik in der NVA nach sowjetischem Vorbild bedeutete einen strengen militärischen Dienst, teilweise Drill der Rekruten, was hier „sozialistische Menschenführung“ hieß und keine war. Daher das „Befehl ist Befehl!“ Und wie in Kaiser-Zeiten galt auch in dieser Armee: „Ein Soldat ist immer im Dienst!“ Das sei angeblich sein „persönlicher Beitrag zur Friedensbewahrung“. Wie erst nach der Wende zu erfahren war, musste sich jeder Wehrpflichtige während seines 18 Monate dauernden Dienstes zur Ausbildung und Gewährleistung der Gefechtsbereitschaft, Hauptinhalt vom Soldatenalltag in der NVA, von den 540 Tagen mindestens 450 Tage in der Kaserne aufhalten. Mir ging das auch so. Neben der Gefechtsausbildung stand Wachdienst regelmäßig auf dem Dienstplan in allen drei Teilstreitkräften. In der dienstfreien Zeit wurden Sport, Kino und Fernsehen angeboten. Beim Rundfunkempfang war selbst der Soldatensender 904 aus Ost-Berlin unter der Regie der Politischen NVA-Hauptverwaltung mit flotter Musik und Informationen für die Bundeswehr – wie eigentlich al- 43 2. Zwei Armeen vor der Deutschen Einheit les aus dem Westen – in der DDR-Armee verboten. Zum sogenannten Pflicht-Fernsehen mussten Soldaten montags in den Klubraum einrücken, um sich die Hass-Tiraden vom „Schwarzen Kanal“ anzuhören. Ein „Ventil“ für die wachsende Unzufriedenheit in den ostdeutschen Streitkräften wegen Anspruch und Diskrepanzen des Systems sahen die Modrow-Regierung und NVA-Chef Theodor Hoffmann in ihrem „Demokratisierungsprozess“ mit Militärreformen. Analog der Debatten am Zentralen Runden Tisch ab Dezember in Pankow mit Bürgerrechtlern aus vielen Schichten der Bevölkerung, zu dieser Zeit für den Staat und seine Sicherheitsorgane nur „Randgruppen“, befassten sich nun militärische Kollektivvertreter in offenen Sitzungen mit aktuellen Problemen. Das geschah sowohl im Verteidigungsministerium als auch in den Kompanien. Denn Aggressivität und Zorn hatten sich überall in den Kasernen angestaut. Kritische Fragen von Wehrpflichtigen waren bei Offizieren unerwünscht, die in dieser hektischen Zeit auch eine gewisse Rat- und Hilflosigkeit wie die Armeeführung offenbarten. Vor allem unter dem Eindruck der nach wie vor gefährlichen Situation an der Trennlinie beider Weltsysteme in Mitteleuropa und auf deutschem Boden führten im März 1989 hohe Offiziere der NVA und der Bundeswehr in Hamburg erste Gespräche. Für den Direktor des westdeutschen Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik, Egon Bahr (SPD), „ein Stück praktischer Vertrauensbildung“. Es ging auch um ein System europäischer Sicherheit, die strukturelle Nichtangriffsfähigkeit beider Seiten und Probleme der Militärdoktrinen. Mit dem Leiter der Bundeswehr-Delegation, Brigadegeneral Dr. Hermann Hagena, waren sich die NVA-Vertreter unter Generalmajor Prof. Dr. Rolf Lehmann von der Dresdner Militärakademie einig, „dass in der gegenwärtigen Zeit Kriege in Europa nicht mehr führbar und nicht mehr gewinnbar sind“. Ziel beider Seiten sei die Kriegsverhinderung, meldete abschließend ADN. Auch für mich in der Berliner ADN-Redaktion hatte dieses Treffen einen hohen symbolischen Wert, weil hier noch im Kalten Krieg ein Tabu gebrochen wurde. Dieses Miteinander von Offizieren beider deutscher Staaten im Sinne gemeinsamer Sicherheit fand auch im NVA-Offizierskorps Beachtung. Das spürte ich in den Gesprächen mit Presseoffizieren des Verteidigungsministeriums. Nach den Manöver-Beobachtern von 1987 waren das wieder direkte Kontakte zur Bundeswehr, die mit ihren Nato-Partnern im Politunterricht getreu dem üblichen Feindbild als „möglicher Aggressor“ galt. Immer klarer wurde auch unter DDR-Militärs: „Es gibt nicht mehr Sicherheit gegen den möglichen Feind, sondern es gibt Sicherheit nur noch mit ihm gemeinsam.“ So Egon Bahr in seinem Buch „Was wird aus den Deutschen? Fragen und Antworten“ (Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 1982, S. 26). Modrows Regierungserklärung vom November 1989 berührte auch die Außen- und Sicherheitspolitik: Weitere Reduzierung und entsprechende Veränderung der Streitkräfte- Strukturen – bis 1987 mit offensiver Ausrichtung und Kriegsmentalität – entsprechend den 44 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Ergebnissen der Wiener Abrüstungsverhandlungen und damit eine Neudefinition der Militärdoktrin, Ankündigung eines Zivildienstgesetzes und der Neufassung des Wehrdienstgesetzes. Deshalb die Reform des Militärwesens, auch zur Unterstützung des Wandels in der DDR. Daraus wurden aber dann – zum Beispiel mit der Erlaubnis für das West-Fernsehen in den Kompanieklubs – nur „Reförmchen“. Auch sollten die Streitkräfte und ihre Bewaffnung nicht zu einem Sicherheitsrisiko werden. Wie ich zahlreichen Zuschriften von Soldatenräten und aus anderen Mitteilungen von Truppenteilen an die ADN-Zentrale entnehmen konnte, gehörte der Meinungsaustausch von Soldaten mit Vertretern des Neuen Forum, der SDP/SPD-Ortsorganisationen und anderen basisdemokratischen Vereinigungen, politischen Gruppierungen, Oppositionsbündnissen und Bürgerbewegungen zu den historischen Wendeereignissen in der DDR. All das war dann immer vom gemeinsamen Willen geprägt, Blutvergießen wie in Rumänien und militärische Gewaltanwendung wie in China zu vermeiden. Erfolge waren das Aufweichen des Feindbildes, die Auflösung der Politischen Hauptverwaltung, die Trennung von der Staatspartei SED mit dem Ende ihrer politischen Vorherrschaft. Die Übernahme der Inneren Führung und die Einführung eines Zivildienstes in diesem Transformationsprozess kamen nicht mehr zur Wirkung. Der innere „Verfall“ der Armee, wo immer ein harscher Ton geherrscht hat, war schon sehr weit vorangeschritten. Mein Eindruck: Gegen eine Wiedervereinigung gab es in den Truppen keine sichtbaren Reaktionen. Der Gedanke „Ein Staat – zwei Armeen“ fand im Offizierskorps Zustimmung. Aber bekanntlich hörte auch am 2. Oktober 1990 die NVA auf, zu bestehen. Ihre Truppen mit zehntausenden Wehrpflichtigen standen nach meinen Erinnerungen nicht bereit, die friedliche Revolution in der DDR niederzuschlagen. Die NVA wirkte maßgeblich daran mit, dass in der DDR – wie von vielen Menschen befürchtet – keine chinesischen und rumänischen Verhältnisse aufkamen. Diese militärischen Hexenjagden auf friedliche Bürger, so mit Panzern wie neben dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens, waren ja täglich im West-Fernsehen zu erleben. Selbst die Hundertschaften aus Teilen der NVA und der Grenztruppen, mit Schlagstöcken im Herbst 1989 zur Unterstützung der Ordnungskräfte gebildet, traten nur in Dresden in Aktion. Oft habe ich 1990 von Bürgern und Soldaten gehört, dass die Wiedervereinigung „lieber heute als morgen“ kommen sollte. Wie namhafte DDR-Militärwissenschaftler nach der Wende berichteten, habe ganz wesentlich die „Sinnkrise des Soldatseins im Nuklearzeitalter“ zur Umbruchsituation in der NVA beigetragen. Nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl 1986 wurde nun eine im Warschauer Pakt bis dato für möglich und gewinnbar gehaltene atomare Kriegführung der Sowjetarmee auch unter NVA-Generalen angezweifelt. „In Moskau und selbstverständlich auch in Ost-Berlin, so Honecker, wisse man nun definitiv, dass nach einem atomaren Schlagabtausch die Welt nicht mehr bewohnbar sein würde.“ So gab der bayerische Ministerpräsident und frühere Bundesverteidigungsminister, Franz Josef Strauß (CSU), in seinem Buch „Die Erinnerungen“ (Siedler, Berlin 1989, S. 494) die Worte des SED-Chefs Erich Ho- 45 2. Zwei Armeen vor der Deutschen Einheit necker, Vorsitzender des Staatsrates und des Nationalen Verteidigungsrates der DDR, von seinem Besuch 1987 in München wieder. SED-Propaganda mit „Feindbild West“ Für einen Ostdeutschen verkörpert heute die Bundeswehr eigentlich zwei Seiten einer Medaille: Seit der Wiedervereinigung 1990 erlebt er die „Armee der Einheit“. Am Anfang dienten 90 000 Männer und Frauen aus den neuen Bundesländern in der Bundeswehr und mehr als 20 000 arbeiteten in der Wehrverwaltung. Neu war für die Soldaten und Beschäftigten von hier die Rechtsstaatlichkeit am Arbeitsplatz. Außerdem die Offenheit in Städten und Gemeinden. Die gewählten Bürgermeister brauchten eben nicht mehr wie bisher – das habe ich in Strausberg und anderswo oft erlebt – bei der Armee „anzutanzen“, wenn es um die Klärung von örtlichen Problemen ging. Das Mitwirken am Gemeinwesen brachte den neuen Staatsbürgern in Uniform, besonders im Prozess der inneren Vereinigung, hohes Ansehen. Kein Wunder, wenn heute in Eggesin oder Potsdam, Frankenberg oder Erfurt ganz selbstverständlich von „unseren Soldaten“ gesprochen wird. Die Ost-West-Durchmischung tat ein Übriges für den guten Ruf der neuen Truppen. All die Jahre zuvor – die andere Seite der Medaille – waren die DDR-Bürger in Sachen Bundeswehr der Propaganda der SED ausgesetzt. Diese nutzte jede Gelegenheit, so bei der Aufrüstung im Heer oder beim Absturz eines Jagdflugzeuges, um die Streitkräfte im anderen Teil Deutschlands zu verunglimpfen. Getreu der marxistisch-leninistischer Weltanschauung wurde die „Armee gegen den Krieg“ – so ein westdeutscher Buchtitel mit Beiträgen von Konrad Adenauer, Helmut Schmidt und Franz Josef Strauß – 1968 zu einer „Armee für den Krieg“ für die Öffentlichkeit umfunktioniert. In der Veröffentlichung aus dem Militärverlag über die Bundeswehr hieß es: „Im teuflischen Zusammenspiel von Politik und Aufrüstung, das für die Entwicklungsgeschichte in Westdeutschland kennzeichnend ist, liegt für die Völker Europas abermals eine tödliche Gefahr.“ Deshalb galt in der DDR, besonders für die NVA, aber auch in den Medien, bei der Militarisierung des Denkens die Sprachregelung von der „westdeutschen Aggressions- und Revanchearmee“. Diese sei „Teil imperialistischer Kriegskoalition“ und „atomare Einsatzarmee“. Immer wieder „warnte“ man vor den „Aggressionsplänen westdeutscher Militaristen“. NVA-Autoren schrieben über den Klassenfeind: Mit der These über eine „Armee der Demokratie und Verteidigungsarmee“ soll „der wahre Charakter Bonner Militärpolitik, der Kriegsdoktrin und der Streitkräfte vertuscht werden“. Vielmehr sei es „seit eh und je“ Bonner Taktik, ihre „Aggressionsvorbereitung mit raffinierter Verteidigungsphraseologie zu begründen“. Erst in einem 1989 von DDR-Militärhistorikern herausgegebenen Buch über die „Militärgeschichte der BRD“ wurde die Bundeswehr von den Autoren „differenzierter“ betrachtet. Dennoch fehlte auch im Zeitalter der überall spürbaren Ost-West-Annäherung nicht der 46 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Hinweis auf die „reaktionärsten Kräfte“ an Rhein und Ruhr. Diese würden die Bundesrepublik „in einen Staat des Militarismus, zu einer europäischen Aufmarschbasis und Speerspitze des Nordatlantikblocks gegen den Weltsozialismus“ verwandeln. Demgegenüber sei „die DDR ein Hort des Friedens“. Ihn gelte es, „militärisch zuverlässig zu schützen“. Schon im Jahr 1950 gab es unter dem Kommando der damaligen Hauptverwaltung Ausbildung beim DDR-Innenministerium 48 921 Polizeikräfte in 24 Bereitschaften mit sowjetischer Regimentsstruktur. 1952 dienten in der nachfolgenden Kasernierten Volkspolizei bereits 90 250 Mann zum Teil an schweren Waffen. Zum Zeitpunkt der NVA-Gründung 1956, in ostdeutschen Geschichts- und Schulbüchern als „Forderung großer Teile der Bevölkerung“ und „Reaktion auf die Militarisierung Westdeutschlands“ deklariert, tauchten plötzlich einsatzbereite Truppen mit Panzern, Flugzeugen und Schiffen auf. Der langjährige Redakteur der Technik-Seite in der NVA-Wochenzeitung „Volksarmee“, Oberstleutnant Wilfried Kopenhagen, ein guter Bekannter, belegt 1992 im Buch „Die andere deutsche Luftwaffe“ aus der tanspress Verlagsgesellschaft den frühzeitigen Aufbau der DDR-Armee. FDJ-Mitbegründer Heinz Keßler – seine militärische Laufbahn begann der spätere Verteidigungsminister als Generalinspekteur der Volkspolizei – tüftelte schon Ende Oktober 1949 mit sowjetischen Generalen an den künftigen DDR-Fliegereinheiten. Danach wurden 1952 unter strenger Geheimhaltung auf dem Sonnenstein im sächsischen Pirna Fachlehrer für die fliegertechnische Ausbildung und in Pinnow bei Schwedt an der Oder angehende Flugschüler auf ihre Reise zur Ausbildung in der Sowjetunion vorbereitet. Die Teilnehmer fanden sich nach der Rückkehr aus der UdSSR in der Fliegertechnischen Schule in Kamenz beziehungsweise in der 1. Fliegerdivision Cottbus (zur Täuschung der Öffentlichkeit schlicht als Aeroklub bezeichnet) wieder. Am 1. Oktober 1952 begann in der DDR der militärische Flugdienst. Die ersten Flüge mit einer MiG-15 (Nato-Bezeichnung FAGOT) fanden 1953 statt. Die Ausbildung an Transportflugzeugen und Hubschraubern ab März 1957 war ein weiterer Schritt zum Ausbau der NVA-Fliegerkräfte. Wie zu Land und auf Wasser wurde auch für die DDR-Luftwaffe gerüstet und gerüstet. Von der MiG-17 (FRESCO) über die MiG-19 (FARMER), MIG-21 (FISHBED) und MiG- 23 (FLOGGER) bis hin zur MiG-29 (FULCRUM) und SU-22 (FITTER) kaufte die DDR- Führung teuerstes Kriegsgerät vor allem in der Sowjetunion. Gegen Luftziele sollten auch Raketen wie „Dwina“ (GUIDELINE), „Newa“ (GOA) und „Wega“ (GAMMON) mit „Vernichtungszonen“ zwischen fünf und 240 Kilometer eingesetzt werden. Um mögliche Angriffsoperationen der Landstreitkräfte durch Jagdbomber und Kampfhubschrauber unterstützen zu können, hatte man im NVA-Luftwaffenkommando Strausberg ein Führungsorgan der Front- und Armeefliegerkräfte gebildet. Dieser Stab einer dritten NVA-Fliegerdivision wurde nach außen hin verschleiert, sollte doch bei späteren Abrüstungsverhandlungen die Stärke dieses Verbandes nicht mitgezählt werden. Weniger „schlagkräftig“, aber auch geheim war die AN-2 (COLT)-Einheit des Stasi-Ministeriums. Diese Absetzmaschinen dienten zudem Dynamo- und anderen Fall- 47 2. Zwei Armeen vor der Deutschen Einheit schirmspringern auf dem Flugplatz der Gesellschaft für Sport und Technik in Eilenburg bei Leipzig zur Erhaltung ihrer Einsatzbereitschaft. Nach 40 Jahren DDR war das Erbe ihrer Luftstreitkräfte und Luftverteidigung keine Überraschung mehr: 132 Liegenschaften, 21 Flugplätze (für den Ernstfall waren auch Autobahnabschnitte für Starts und Landungen vorbereitet), 444 Kampfflugzeuge, 93 Transportluftfahrzeuge, 3 000 Flugabwehrraketen, 240 Radargeräte und 17 085 Kraftfahrzeuge, einschließlich Anhänger. Allein bei der kleinen Einmann-Flugabwehrrakete Strela 2 gab es einen Vorrat von 28 Tonnen, bei der Abwurfmunition 1 459 Tonnen. Die NVA hatte etwa 500 Kampfflieger, 400 Hubschrauberführer und 500 Transportflieger. Mit der Wiedervereinigung erfuhren die Ostdeutschen in vollem Umfang, dass die SED- Führung mit solchen Parolen von den eigenen Kriegsvorbereitungen abgelenkt hat. Sie ließ nach dem Mauerbau 1961 über 1,3 Millionen Minen an der innerdeutschen Grenze verlegen. Etwa 2 280 Militärliegenschaften mit Kasernen, Truppenunterkünften, Depots und Übungsplätzen wurden auf den „Ernstfall“ vorbereitet. Fast 2 300 Kampfpanzer, 7 900 gepanzerte Kampf- und Spezialfahrzeuge, über 5 000 Artillerie- , Raketen- und Flugabwehrsysteme, 700 Kampf- und Transportflugzeuge sowie Hubschrauber standen für den Einsatz in der Ersten Staffel der Streitkräfte des Warschauer Vertrages bereit. Natürlich unter sowjetischer Führung. 192 ostdeutsche Kriegsschiffe und sonstige Marinefahrzeuge sollten Vorstöße in die Kieler Bucht und die Eingänge der Meerengen vornehmen. Hinzu kamen zur Bewaffnung in der DDR über 1,2 Millionen Handfeuerwaffen und rund 300 000 Tonnen Munition. Für Einsätze im Inneren der DDR wurde das Ministerium für Staatssicherheit unter Armeegeneral Erich Mielke zu einer Bürgerkriegsarmee aufgerüstet. Das berichtete der Berliner Journalist Karl-Heinz Arnold, der vom November 1989 bis zum März 1990 als persönlicher Mitarbeiter von Ministerpräsident Hans Modrow (PDS) an Interna über die Stasi-Einheiten gelangt war. „Die Bewaffnung des MfS reicht aus, um eine Million potentieller Gegner in Schach zu halten. Die Zahl der Mitarbeiter sowie ihrer Waffen machen das MfS objektiv zur Bürgerkriegsarmee. Dem Anspruch, alles zu wissen, ist offenbar die Aufgabe hinzugefügt worden, alles niederhalten zu können.“ Das berichtet der Autor in seinem Buch „Schild und Schwert – Das Ende von Stasi und Nasi“ (edition ost, Berlin, 1995, S. 164). Der gesamte Waffenbestand der Stasi Ende 1989 umfasste in der Berliner Zentrale, den 15 Bezirksverwaltungen und den über 200 Kreisdienststellen rund 100 000 Pistolen, 55 000 MPi, mehr als 10 Millionen Schuss Munition sowie große Mengen Spreng- und Kampfstoffe. Hinzu kam die Kampftechnik des Berliner MfS-Wachregiments mit 10 211 Angehörigen in 19 Bataillonen: Pistolen, MPi und Sturmgewehre, Schützenpanzerwagen, schwere Panzerabwehrwaffen, Geschosswerfer und schwere Maschinengewehre. 48 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Verschwiegen wurden der DDR-Öffentlichkeit ebenso die etwa 170 000 Mann Friedens- und 500 000 Mann Kriegsstärke der NVA. Kein Wort über militärische Mobilmachung für den „Tag X“, den man im Operationszentrum des DDR-Verteidigungsministeriums in Strausberg mit „Märschen“ via Nordseeküste, Ruhrgebiet und Bayern übte. Aus internen Handbüchern, so in den 17 Auflagen „Militärisches Grundwissen“ mit Vorwort vom NVA-Hauptin spek teur, konnte man Näheres über das „Prinzip der Kriegsbezogenheit der Ausbildung“ als umfassende Vorbereitung „der Soldaten und Einheiten auf den bewaffneten Kampf “ erfahren. Über die Scheinheiligkeit, mit der die DDR-Spitze unter Ulbricht und Honecker von der eigenen „Armee für Frieden und Sozialismus“ gesprochen und das „Feindbild West“ fixiert hatte, sind noch heute viele Ostdeutsche empört. Zum Militär-Arsenal der DDR gehörte weiterhin das „Freiwilligen-Heer“ der Kampfgruppen der Arbeiterklasse mit etwa 200 000 Mann sowie umfassender Bewaffnung von der MPi bis zum Schützenpanzerwagen für Kampf- und Sicherungsaufgaben. Als ehemalige Helfer für den Luftschutz wurden etwa 500 000 ehrenamtlich tätige Männer und Frauen in der Zivilverteidigung der DDR in das landesweite System der Überführung der gesamten Volkswirtschaft vom Frieden in den Verteidigungszustand integriert. Als die Bundeswehr Ost aufgestellt wurde, die auf jede Geheimniskrämerei verzichtete und Offenheit praktizierte, war man hier vom Geist der neuen Truppe angetan. Jetzt sind wir sogar Abrüstungs-„Weltmeister“. Denn Deutschland hatte am 23. Mai 1995 – also rund ein halbes Jahr vor dem vertraglich vereinbarten Termin – als erster KSE-Staat seine Verpflichtungen zur Vernichtung von rund 10 000 konventionellen Waffen, überwiegend aus NVA- Beständen, erfüllt. „Parteiarmee“ ohne Partei In der Nationalen Volksarmee werden künftig die Verantwortung und die Kompetenzen der SED-Parteiorganisationen und der staatlichen Führungsorgane klar voneinander getrennt. Das meldete ADN am 19. November 1989. Diese Feststellung traf das Sekretariat der Politischen Hauptverwaltung der NVA. Die Entscheidung beruhte auf dem Aktionsprogramm der SED und der Regierungserklärung. Dem Politapparat gehörten in der Schlussphase der NVA etwa 6 000 Offiziere – einschließlich in Lehre, Forschung, Redaktionen, kulturellen Einrichtungen – an. Im Unterschied zu den eingesetzten Politoffizieren wurden die Leitungen der SED-Parteiorganisationen gewählt. Es gab etwa 3 000 solcher Organisationen in Einheiten und Stäben. Fast jeder Offizier, jeder dritte Unteroffizier und jeder zehnte Soldat war Mitglied beziehungsweise Kandidat der SED. Im Mittelpunkt der Beratungen im Verteidigungsministerium standen Fragen der Erneuerung der politischen Arbeit in den Streitkräften. Wie Wolfgang Herger, Mitglied des Politbüros und Sekretär des Zentralkomitees der SED, unterstrich, gebiete der Prozess der Reformen in den Streitkräften die Erneuerung der SED und die Formierung staatlicher Organe zur staatspolitischen Erziehung und Bildung. 49 2. Zwei Armeen vor der Deutschen Einheit In einem Beschluss des Sekretariats der Politischen Hauptverwaltung wird dem Politbüro des ZK der SED vorgeschlagen, die Parteiinstruktion, die die Aufgaben der leitenden Parteiorgane (Politorgane) und -organisationen festlegt, sofort außer Kraft zu setzen und die Sekretariate der Politorgane aufzulösen. Zur Vorbereitung der SED-Parteiwahlen in der NVA wird ein zentrales Initiativkomitee der SED gebildet. Dazu der Chefredakteur der NVA-Zeitschrift „Militärwesen“, Oberst Dr. Wolfgang Wünsche: „Es kam im Dezember 1989 zur Auflösung des Nationalen Verteidigungsrates (dem ausschließlich Mitglieder des SED-Politbüros angehörten), der Parteiorganisationen der SED in den Führungsorganen, Truppen, Offiziersschulen u. a. Dienststellen (in der ersten Januarhälfte 1990 abgeschlossen) und der Politorgane (am 15. Februar 1990 abgeschlossen). Das ehemals straff organisierte System der politischen Arbeit, der Propaganda, der Kontrol le der dienstlichen Angelegenheiten, das de facto (nicht de jure) vorhandene Entscheidungsrecht der Politorgane in Kaderfragen (Personalpolitik) wurden abgeschafft. Hinzu kommt, dass nicht wenige Armeeangehörige aus der ehemaligen SED bzw. späteren PDS ausgetreten sind (exakte Zahlen liegen allerdings nicht vor).“ („Militärreform in der DDR – Die Nationale Volksarmee im gesellschaftlichen Umbruch“ in TRUPPENPRAXIS 3/1990) Zur NVA-Reform berichtete Brigadegeneral Hermann Hagena, ehemaliger stellvertretender Kommandeur der Führungsakademie, unter dem Titel: „Vom Parteisoldaten zum Staatsbürger in Uniform“ über die Arbeit von Wissenschaftlern an der Dresdner Militärakademie „Friedrich Engels“: „Da man dieser so aufwendig ausgebildeten akademischen Elite den Zugang zur ausländischen Fachliteratur nicht versagen konnte und zudem die akademische Lehre bei aller ‚sozialistischen Parteilichkeit‘ geradezu zwangsläufig kritisches und unabhängiges Denken forderte und förderte, bildete sich an den Akademien und Hochschulen der Streitkräfte ein Kern hoch qualifizierter, selbstbewusster Offiziere heraus, die sich nicht mehr einfach als Transmissionsriemen des parteistaatlichen Agit-Prop-Apparates verstanden, sondern die Entwicklungen im Westen ebenso sorgfältig verfolgten, wie sie die eigenen Verhältnisse einer vorurteilslosen Analyse unterzogen.“ (Europäische Wehrkunde/WWR 3/90) DDR-Militärverlag: Kein Feind, kein Gegner Der Militärverlag der DDR mit mehreren hundert Mitarbeitern, zivil und uniformiert, unterstand unmittelbar der Politischen Hauptverwaltung der NVA in Strausberg. Vor allem oblag ihm, die politische Arbeit innerhalb der NVA und der Grenztruppen der DDR zu unterstützen. Das geschah mit Fachbüchern, Dienstvorschriften und anderen militärischen Publikationen. Verlagsdirektor war ein Oberst der NVA. Hier erschien die Wochenzeitung „Volksarmee“ mit einer Auflage von etwa 180 000 Exemplaren. Eigentlich sollte jeder Armeeangehörige und Grenzsoldat ein Exemplar kaufen und lesen. Der Inhalt der Zeitung: Von politischen Bekenntnissen in langen Artikeln und Reden über Reportagen aus der Truppe bis zum Sport auf der letzten Seite. Da erfuhr man nicht nur, wer zurzeit „Stärkster Soldat“ ist, der alljährlich in einem Massenwettbewerb 50 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten von der Kompanie bis zur Division ermittelt wurde. Auch viel Persönliches über Olympiasieger und Weltmeister, die in den Armeesportklubs als Hauptleute oder Majore ihrem geliebten Sport nachgingen, war zu lesen. Eine ganze Seite wurde ebenfalls der Militärtechnik gewidmet. Hier musste der zuständige Redakteur meist seine perfekten Russisch-Kenntnisse nutzen, um aus einschlägigen sow je ti schen und anderen Zeitungen des Ost-Blocks „Neuigkeiten“ in der Bewaffnung und Ausrüstung zu übernehmen. Die Sowjetarmee übergab nie solche Informationen. Andererseits standen der Zeitung „Volksarmee“ die auf diesem Gebiet führenden Militärzeitschriften aus dem Westen und dort publizierte Bücher wegen fehlender Devisen nicht zur Verfügung. Wie er mir einmal erläuterte, hat er noch mit dem Rechenschieber so manche Umlaufbahn von kosmischen Fluggeräten berechnet. Der Oberstleutnant schilderte mir auch an einem Beispiel, welche Kleingeister sein Tun beaufsichtigten: Der Chef der Luftstreitkräfte/Luftverteidigung, ein Generaloberst, verbot ihm, in der Zeitung einen der acht sowjetischen Jagdbomber Suchoi-22 (Nato-Code: FITTER), die 1984 in der NVA eingeführt worden waren, auf einer Start- und Landebahn als Foto zu zeigen. Und das, obwohl diese Maschine, Erstflug 1966, zur selben Zeit schon im Zentralen Luftwaffenmuseum Monino bei Moskau gemeinsam mit anderen Flugzeug- Veteranen zu sehen und zu fotografieren war. „Diese Geheimniskrämerei auf nahezu allen Gebieten in den obersten Etagen unserer Armee – das war unser Schicksal“, sagte er mir. Die eigentliche Attraktion für den kasernierten Leser war immer auf der vorletzten Seite dieser Zeitung zu finden – meist eine nackte Schönheit aus dem Erich-Weinert-En sem ble der NVA an der Ostsee-Küste neben Meldungen und Berichten aus der Kultur. Nicht vergessen werden sollte, dass die Zeitung „Volksarmee“ mit Kommentaren und anderen Veröffentlichungen die Bundeswehr eigentlich in jeder Ausgabe als eine Aggressionsarmee bezeichnet hat. Während sonst die Polit-Oberen in Strausberg in ihrem Blatt peinlichst auf jedes Wort über die NVA achteten, durfte hier der Schreiberling seinen Hirngespinsten freien Lauf lassen. Dieser ständige Autor, ein Oberstleutnant, der zuvor beim DDR-Soldatensender für die Bundeswehr mit angeblichen Informationen vom Bund sein Brot verdient hatte, fühlte sich doch nicht ganz wohl in seiner Haut. Denn er schrieb meist unter einem Pseudonym. Wie andere Redakteure aus dem Militärverlag während der politischen Wende berichteten, sollten auf Weisung aus Strausberg ab Januar 1989 die Begriffe „Feind“ und „Gegner“ vermieden und wenig über Angriffsmittel in der NVA berichtet werden. Weitere Armee-Publikation waren das Soldatenmagazin „Armee-Rundschau“ und die Zeitschrift „Militärwesen“. Das theoretische Organ für Berufssoldaten gab es als offene Publikation am Kiosk (wohl mehr für Reservisten) und als VVS-Ausgabe, also als Vertrauliche Verschlusssache, in der Truppe. Während das „Militärwesen“ (A) vor allem den Politoffizieren für ihre „Der-Sozialismus-siegt!“-Beiträge vorbehalten war, kamen in der anderen Ausgabe meist Militärfachleute zu Wort. Sie berichteten beispielsweise über Neuerungen 51 2. Zwei Armeen vor der Deutschen Einheit und Patente, die von ihnen zur Erhöhung der Kampfkraft eines Einsatzgerätes gemacht wurden oder bei Militärfahrzeugen zur Einsparung von Treibstoff führten. Der Militärverlag hatte noch eine zweite Aufgabe: Er sollte die interessierte Öffentlichkeit, vor allem die Jugend, in der DDR für alles, was mit Militaria und Wehrsport zu tun hatte, begeistern. Dazu erschienen die „Flieger-Revue“, der „Funkamateur“, „Modellbau heute“, die „GST-Zeitung“ und weitere Monatsschriften mit viel Farbe und Fotos. Großes Interesse – auch im Ausland – fanden ebenso die Zeitschrift „Militärtechnik“ und die Militärtechnischen Hefte zu nahezu allen Waffengattungen der NVA sowie die alljährlichen Motor- , Flieger- und Marinekalender. Hier konnte sich auch so mancher Freund von Militaria über Angaben in Wort und Bild zu Neuigkeiten in den „Bruderarmeen“ erfreuen. Seine Arbeit hatte das Haus in der Storkower Straße am 25. Mai 1956, nur wenige Wochen nach NVA-Gründung, als Verlag des Ministeriums für Nationale Verteidigung aufgenommen. Der erste hier verlegte Titel: „Vom Kriege“. Dazu die Vorbemerkung: „Das Werk ‚Vom Kriege‘ umfasst die ersten drei Bände der ‚Hinterlassenen Werke des Generals Carl von Clausewitz über Krieg und Kriegführung‘, erster bis zehnter Band, bei Ferdinand Dümmler, Berlin 1832–1834“. Und weiter: „Unser Verlag hat sich zur Herausgabe des Buches: Carl von Clausewitz ‚Vom Kriege‘ entschlossen, weil es ein bedeutendes Werk der politischen und militärischen Weltliteratur ist …“ Seither war die Entwicklung des Fachverlags eng mit dem Aufbau der DDR-Streitkräfte, so eine Verlagsveröffentlichung, zur „modernen sozialistischen Koalitionsarmee“ verbunden. Von Anfang an erschienen ausgewählte Schriften des Militärtheoretikers Michail V. Frunse, die Reihe „Gewehre in Arbeiterhand“ und die „Rote Reihe“ mit Schriften der Klassiker des Marxismus-Leninismus. Zum 30-jährigen Bestehen 1986 wurde bilanziert: Mehr als 3 300 Bücher und Broschüren mit über 4 500 Ausgaben und insgesamt etwa 148 Millionen Exemplaren. Jährlich kamen dann etwa 175 Erst- und Nachauflagen hinzu. „Von Anbeginn war die Arbeit des Kollektivs des Militärverlags vom Anspruch geprägt, wirksam die marxistisch-leninistische Militärpolitik der SED zu propagieren, die sozialistische Landesverteidigung zu stärken und mit den Publikationen des Verlags zu Sicherung des Friedens beizutragen“, hieß es in einer Veröffentlichung aus diesem Anlass im Leipziger „Börsenblatt“ (1986, S. 412). „Stärker noch als vor 30 Jahren sollen unsere Bücher Waffen im ideologischen Kampf sein“, kündigte darin der Verlagsdirektor zur Freude seiner vorgesetzten Generale an. In den letzten Jahren war das Verlags-Programm thematisch und qualitativ mit wissenschaftlichen, populärwissenschaftlichen und künstlerischen Genres erweitert worden, darunter zur Lehre vom Krieg und von den Streitkräften, zur Militärwissenschaft, -geschichte und -pädagogik bis hin zu Handbüchern für die Truppenführung. Als „bedeutsame und Profil bestimmende Editionen“ waren vom Verlag die DDR-Ausgabe der zwölfbändigen sowjetischen „Geschichte des Zweiten Weltkrieges“ und „Armee für Frieden und Sozialismus. Geschichte der Nationalen Volksarmee“ bezeichnet worden. He- 52 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten rausgegeben wurden zahlreiche repräsentative militär- und kulturhistorische Bildbände wie „Soldaten des Volkes“, „Gemeinsam auf der Erde und im All“ oder „Volksmarine auf Wacht“. Aus dem Militärverlag der DDR ging das Brandenburgische Verlagshaus hervor. Letzte NVA-Parade mit „Gorbi“-Rufen Um der eigenen Bevölkerung und der Weltöffentlichkeit die „militärische Stärke“ der DDR zu zeigen, fanden in Berlin spektakuläre NVA-Ehrenparaden statt. Daran beteiligten sich traditionell mehr als zehn Marschblöcke der Fußtruppen mit je 144 Mann aller Teilstreitkräfte und die Marschblöcke der motorisierten Truppen. 1984 – zum 35. Jahrestag der ostdeutschen Republik – marschierten 21 Blöcke. Insgesamt fanden zwischen dem 1. Mai 1956 unmittelbar nach Gründung der Nationalen Volksarmee bis zum 7. Oktober 1989, dem 40. Jahrestag der DDR, auf dem Marx-Engels-Platz (heute Schlossplatz) und der Karl-Marx- Allee 38 Paraden statt. 1979 und 1984 waren daran Hubschraubertruppenteile beteiligt. Allen voran marschierten 1989 wieder die Offiziershörer der Dresdner Militärakademie „Friedrich Engels“. An deren Spitze paradierte der Kommandeur der akademischen Bildungsstätte, ein Professor, der hier als Generalleutnant den Säbel präsentierte. Bei den Offizieren vom Hauptmann bis zum Oberst in diesem Block beeindruckte nicht nur die perfekte Marschordnung. Ins Auge fiel auch die Ordenspracht auf den Paradeuniformen: Vaterländischer Verdienstorden, Scharnhorstorden, Verdienstmedaillen, Medaillen für Treue Dienste und der Waffenbrüderschaft. Ältere Zuschauer erinnerten sich beim Anblick dieses Stechschritts vor der Ehrentribüne mit der Partei- und Staatsführung der DDR gewiss an die „alte preußische Schule“ anderer deutscher Armeen. Diese pflegten in Berlin, besonders die Wehrmacht, ebenfalls gro- ße Aufmärsche. Und fast so hoch wie damals flogen hier die Beine der Teilnehmer in den Ausgangsuniformen mit den blank geputzten Stiefeln, wenn es an der Ehrentribüne vorbeiging. Das Schritttempo lag etwa bei 114 Schritten pro Minute mit den Fußspitzen nach unten und nicht, wie in der Sowjetarmee üblich, bei 120 Schritten in dieser Zeit mit den Fußspitzen nach oben. Welche Fußhaltung im 18. Jahrhundert beim Exerzierschritt in Berlin mit dem Tempo 72 pro Minute üblich war, ist nicht überliefert. Besonders die Marschblöcke der motorisierten Einheiten zogen dann die Blicke vor Ort und an den Fernsehbildschirmen bei dieser Originalübertragung auf sich: Zuerst die Landstreitkräfte mit Panzern, Schützenpanzerwagen, Artillerie und Truppenluftabwehr. Danach folgten die mobilen Raketentransporter der Luftstreitkräfte/Luftverteidigung. All dieses Kriegsgerät sollte die „Hohe Kampfkraft und Gefechtsbereitschaft zum Schutz der sozialistischen Errungenschaften“ demonstrieren. So stand es jedenfalls auf riesigen Plakaten und Transparenten beiderseits der Paradestrecke im Herzen Berlins. Vom Verteidigungsministerium in Strausberg als eine „eindrucksvolle Leistungsschau der Verteidiger von Sozialismus und Frieden“ konzipiert, hieß es in den Pressemappen, diente dieses Spectaculum den führenden Militärs in den feldgrauen Uniformen als Huldigung 53 2. Zwei Armeen vor der Deutschen Einheit gegenüber den Partei- und Staatsführern. Dieses Zeremoniell konnte man ursprünglich zweimal im Jahr erleben: Am 1. Mai und am 7. Oktober. Aus finanziellen Gründen (zwischen fünf und zehn Millionen Mark) und wegen der Schäden auf den Berliner Straßen fand es später nur noch zum Auftakt für die alljährlichen Feierlichkeiten zum DDR-Geburtstag statt. Hier verfolgten die Repräsentanten auf der Ehrentribüne den knapp einstündigen Vorbeimarsch. Zu Beginn meldete der Chef der Landstreitkräfte, ein Generaloberst, dem Verteidigungsminister die angetretenen Truppen. Nach dessen Abnahme der Ehrenparade in einer offenen „Horch“-Limousine aus Zwickau (Nachkriegsmodell: 6 Zylinder, 2,4 Liter Hubraum, 80 PS) schritt dann der Vier-Sterne-General zur Ehrentribüne. Der Armeegeneral meldete sodann dem Generalsekretär des ZK der SED, Vorsitzenden des Staatsrates und des Nationalen Verteidigungsrates die angetretenen Truppen „zur Durchführung der Ehrenparade anlässlich des Jahrestages der Deutschen Demokratischen Republik“. Per Lautsprecher wurden diese Worte auch den tausenden Zuschauern entlang der Paradestrecke in der Karl-Marx-Allee zu Gehör gebracht. Honecker, der in den Kriegsplanungen der DDR als uniformierter Oberkommandierender – das wäre die vierte Funktion des Möchtegern-Marschalls gewesen – in Erscheinung treten sollte, erwies dem Minister hier als Zivilist die militärische Grußerweisung und dankte für die Meldung. Da im Osten nur mit Kopfbedeckung militärisch gegrüßt wurde, trug der oberste Chef bei solchen und ähnlichen Gelegenheiten immer einen Hut. Alles begann Punkt 10 Uhr. Die Glockenschläge vom Roten Rathaus hallten ebenfalls aus den Lautsprechern in die abgesperrte Allee. Der allererste Aufmarsch dieser Art hatte am 1. Mai 1956 noch auf dem Marx-Engels-Platz mit Einheiten der neu geschaffenen Nationalen Volksarmee stattgefunden. Diese firmierte nur wenige Wochen zuvor noch unter dem Namen „Kasernierte Volkspolizei“. Sie war mit ihren Kommandeuren schon landesweit wie eine Armee mit zahlreichen sowjetischen Beratern ab Divisionsebene disloziert und stellte sich nun mit dem damals üblichen Kriegsgerät wie Panzer T-34 oder Vierlings-Flak auf Rädern faktisch als eine einsatzbereite Streitmacht dar. Das fand gut ein Jahrzehnt nach dem bitteren Ende der Weltkriegs-Schlacht in und um Berlin statt. 54 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Alle NVA-Waffen stammten zu diesem Zeitpunkt noch aus Beständen der GSSD. Diese hatte man dort durch neue aus der Sowjetunion ersetzt. Beim Militär eine übliche Rotation – neu gegen alt. Was hier nach „brüderlicher Hilfe“ aussah und als solche propagandistisch unters Volk gebracht wurde, stellte eigentlich einen Kuhhandel dar: Die Russen modernisierten in Ostdeutschland ständig ihre Stationierungskräfte. Und der Gastgeber musste dann das ausgediente Kriegsgerät wie Panzer, Düsenjäger oder Kampfschiffe älteren Typs abkaufen. Alles wurde von der DDR teuer bezahlt. Auch hochwertige Industrieanlagen und Konsumgüter, in diesen Fällen waren das keine Reparationskosten wie in all den Jahren zuvor, lieferte man dafür in das weite Land. 55 2. Zwei Armeen vor der Deutschen Einheit So sollten die Zuschauer sehen, dass es schon in kurzer Zeit nach der offiziellen NVA-Gründung (1. März 1956) gelungen war, in Dresden, Erfurt, Halle, Schwerin, Potsdam und Eggesin sowie vielen anderen Orten eine kampfbereite Armee mit insgesamt sechs Divisionen (zwei Panzer- und vier Mot. Schützenverbände) auf die Beine zu stellen. Später wurden die Militärbezirke Neubrandenburg im Norden und Leipzig für den Süden als eigenständige Armeebereiche geführt. Für den Mobilmachungsfall oder den Verteidigungszustand plante man fünf weitere Reservedivisionen ein. Deren komplette Einsatztechnik mit Munition wurde an den Unteroffiziersschulen eingelagert und gewartet. Regelmäßig mussten die Reservisten für deren Bedienung bei Mob-Übungen diese Orte aufsuchen. Noch vor NVA-Gründung delegierten die KVP-Generale, darunter der spätere Verteidigungsminister Heinz Hoffmann, ab 1954 heimlich einzelne deutsche Offiziere zum militärischen Akademiestudium in die Sowjetunion. Hier wurden sie auf ihre Führungsfunktionen vorbereitet. Wie bei einem Bekannten von mir spielte dann sein ehemaliger Dienst in der Wehrmacht keine Rolle mehr. Als dieser zu Studienbeginn in Leningrad dem Kommandeur, einem kriegserfahrenen russischen General, melden musste, dass er als Luftwaffen-Unteroffizier etwa zehn feindliche Flugzeuge abgeschossen hatte und nach eigenem Absturz mehrere Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft im Steinkohlen-Bergbau verbüßen musste, hat man ihm vergeben. Schließlich war ja aus dem einstigen Gegner in der Luft ein geläuterter Kampfgefährte in den Reihen eines künftigen Verbündeten geworden. Als deutscher Kursant trug er die russische Uniform, allerdings ohne Schulterstücke. Der Akademie-Absolvent, inzwischen mit einer hübschen Russin verheiratet, brachte es später bis zum Oberstleutnant. Im Verteidigungsfall oder beim Angriff auf den potentiellen Feind im Westen sollte die NVA entsprechend der sowjetischen Militärdoktrin mit den in der DDR stationierten GSSD-Truppen handeln. Von solchen Kriegsplanungen verlautete an diesem feierlichen Tag mit der Parade natürlich nichts in der Öffentlichkeit. Aber gut 50 km weiter östlich in Strausberg, im Operativen Ausbildungszentrum des Verteidigungsministeriums, war dieses Thema schon Alltag: Die Hundertschaften aus den Land- , Luft- und Seestreitkräften waren zuvor bis zu drei Wochen auf einem abgelegenen Teil des Flughafens Berlin-Schönefeld für diesen Auftritt vorbereitet worden. Publikum wurde hier nicht gedul- 56 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten det. Für die meisten Beteiligten galt deshalb der Vorbeimarsch bei flotter Militärmusik als Höhepunkt in ihrer Dienstzeit. Danach freuten sich die Teilnehmer der Fußtruppen darauf, auf dem festlich geschmückten Alexanderplatz von Familienangehörigen, die aus allen Bezirken angereist waren, in die Arme genommen zu werden. Ein kleiner Umtrunk und ein zweites Frühstück an den Verkaufsbuden beschlossen für die Uniformträger den ereignisreichen Tag in Ost-Berlin. Untergebracht waren die mehreren Tausend Paradeteilnehmer und Sicherungskräfte in dieser Zeit in den riesigen Hallen des ehemaligen Magerviehhofs in Friedrichsfelde-Ost. Dieses Areal diente im alten Berlin dem Viehhandel. Militärisch haben es einst die Wehrmacht, nach dem Zweiten Weltkrieg die Sowjetarmee und ab 1956 die NVA genutzt. Nun fungierte es als ein riesiges Feldlager – mit kollektivem Waschen, Essen, Schlafen und Dienst. Auf diesem großen Gelände, eingezäunt und gut bewacht, wurde zu solchen Anlässen auch die Technik der NVA untergestellt: Panzer, Schützenpanzerwagen, selbstfahrende Haubitzen, Raketenwerfer sowie die mobile Truppenluftabwehr und Fahrzeuge mit operativ-taktischen und taktischen Raketen. Für ostdeutsche Verhältnisse galt alles, was zur Parade gezeigt wurde, als „modern“ und „schlagkräftig“. Was man nicht sah: Seit 1981 wurden aus allen Waffen von der Maschinenpistole bis zur Kanone vor der Parade die Schlagbolzen entfernt, aus Sicherheitsgründen. Denn das Attentat während einer Parade in Kairo auf 57 2. Zwei Armeen vor der Deutschen Einheit den ägyptischen Präsidenten Anwar el Sadat am 6. Oktober 1981 war sofort in der NVA ausgewertet worden. Allerdings blieb die Präsentation neuester Waffen und Geräte aus sozialistischer Produktion nur der Sowjetarmee bei ihren Paraden auf dem Moskauer Roten Platz und bei internationalen Flugschauen oder Flottenparaden vorbehalten. Mit solchen Großgeräten für den Krieg konnten die Ostdeutschen nicht dienen. Obwohl doch mehr als 40 000 Beschäftigte in fast 80 Betrieben der Speziellen Produktion, wie man sie hierzulande verschleiernd nannte, allein 1988 Rüstungsgüter im Wertumfang von 4,49 Milliarden Mark produzierten: 1 200 Nutzkraftfahrzeuge, 630 000 Handgranaten, 31 Millionen Patronen sowie Sturmgewehre, Zielsuchköpfe für Raketen, Panzerabwehrlenkraketen, Panzerfäuste, Laserentfernungsmesser und Kampfschiffe. Jedoch keine Waffensysteme. (Uwe Markus: Waffenschmiede DDR, Berlin, 2010, S. 15) Gemessen an der Bewaffnung und Ausrüstung der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland galt die NVA-Kampftechnik als veraltet. Dennoch machten ostdeutsche Ingenieure wie beim mittleren Kampfpanzer T-74 mit einem neuen Entfernungsmesser aus Jena in Thüringen noch so manche Schwachstelle gegenüber der Technik beim großen Waffenbruder wett. Dieser verfügte damals in den Garnisonen Nohra bei Weimar, Grimma, Plauen, Eberswalde und Schwerin über den Panzer T-80 mit Gasturbine statt Dieselmotor. Seine Geschwindigkeit: 70 km/h auf der Straße und mehr als 40 km/h im Gelände. Auf Feuerkraft, Panzerung und Geschwindigkeit legten die sowjetischen Konstrukteure mit ihren Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg, für sie der Vaterländische Krieg, besonderen Wert. Für die anwesenden Militärattachés aus den mehr als hundert diplomatischen Vertretungen in Ost-Berlin bot sich an einem solchen Tag die seltene Gelegenheit, von der Tribüne aus die aktuelle Bewaffnung des Gastgeberlandes eingehend in Augenschein zu nehmen. Es wurde viel fotografiert und gefilmt, vor allem von den amerikanischen, britischen und französischen Offizieren und Unteroffizieren aus West-Berlin. Besonders neugierig waren die Experten in Uniform natürlich jedes Mal, zu erfahren, über welche Raketen unterschiedlicher Reichweite die NVA verfügte. Über aufschlussreiche Details der Waffen erhielten die anwesenden Attachés keine besonderen Handreichungen. Obwohl ihnen doch Stabsoffiziere aus der Verwaltung Internationale Verbindungen der NVA zur Seite standen. Auch die Presse wurde, wie immer, kurzgehalten: An diesem Tag praktizierten die zuständigen Presseoffiziere aus dem Verteidigungsministerium, ebenfalls festlich gekleidet, ihre Wachsamkeit und Zurückhaltung bei konkreten Angaben über all das, was hier zu sehen war. Auf keinen Fall sollten irgendwelche „Geheimnisse“ aus der Bewaffnung und Ausrüstung der NVA an die Öffentlichkeit gelangen. Dafür hatte schon im Vorfeld der Militärzensor beim Hauptstab der NVA vor der Herausgabe des Pressematerials gesorgt. Nur Eingeweihte wussten, dass irgendwelche NVA-Neuanschaffungen in den meisten Fällen schon in einer westlichen Fachzeitschrift wie Jane’s Defence Weekly, oft noch mit Foto, publiziert worden waren. Aber die zuständigen NVA-Offiziere störte das nicht. Für sie galt wohl der Befehl, auch hier immer wachsam zu sein. 58 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Die Vertreter der westlichen Militärmissionen waren bei solchen Großereignissen in Ost- Berlin besonders aktiv. Da die üblichen drei Hauptproben für die Ehrenparade vor Ort nur in den späten Abendstunden stattfanden, hielten sich die Männer in den auffallend bunten Uniformen rechtzeitig in den Zufahrtsstraßen vom Strausberger Platz auf. Hier konnten sie bei den auf ihren Einsatz zum Probedefilee wartenden Soldaten in aller Ruhe Detail für Detail von deren Kampftechnik ablichten. Wie nicht nur jeder Fotoamateur aus dem Osten sofort erkannte, nutzten diese Herren für ihre Aufklärungsmission immer die modernste Technik. Für meine Begriffe gingen sie auch recht robust zu Werke. Volkspolizisten und NVA-„Feldjäger“ durften sie – Alliierte aus West-Berlin – nicht aufhalten oder behindern. Man konnte den Eindruck bekommen, dass für sie scheinbar alles interessant war. Und Wochen später veröffentlichten dann weitere westliche Zeitungen solche Einzelheiten aus dem NVA-Bestand. Dabei wurde eine Zusatzpanzerung am Turm des Panzers T-55A ausführlich in Wort und Bild dokumentiert. Dieses Kettenfahrzeug hielt zu jener Zeit die westliche Fachwelt schon für ein Auslaufmodell. Es stand aber immer noch massenweise einsatzbereit in den Hallen der Regimenter und Bataillone. Hier wurde im Winter nicht mit Heizenergie gespart, um jederzeit die schweren Dieselmotoren in Gang setzen und mit der aufmunitionierten Kampftechnik in die befohlenen Sammelräume ausrücken zu können. Heute weiß man: Das war ein großer Teil der mehr als 2 000 NVA-Kampfpanzer. Was man übrigens im Westen von dieser Technik gehalten hat, schilderte Ost-Experte Gunter Holzweißig in seinem Buch „Militärwesen in der DDR“: „In einem Konfliktfall wäre die NVA nur an der Seite der Roten Armee kampffähig, denn Waffen, Ersatzteile und Munition erhält die NVA ganz überwiegend von der Sowjetunion. Einsatzfähig ist die NVA vor allem bei Operationen, bei denen die Anwendung konventioneller Waffen überwiegt. Für einen Bombenkrieg, für groß angelegte Luftlandeoperationen, für Gefechte auf hoher See oder gar für einen nuklearen Krieg ist die NVA nicht gerüstet. Sie könnte in solchen Fällen vor allem zur Sicherung des Hinterlandes eingesetzt werden. Für die Niederschlagung innerer Unruhen wäre die Nationale Volksarmee jedoch bestens gerüstet.“ (Berlin 1985, S. 64) Nicht ganz so interessant wie die in der Karl-Marx-Allee von der NVA vorgeführte Technik war meist das offizielle diplomatische Protokoll. Es handelte sich um die Personen, die mit Erich Honecker, der „seine“ Soldaten immer wieder militärisch korrekt grüßte, auf den Ehrentribünen standen oder, wie viele Parteiveteranen, in seiner Nähe Platz nehmen durften. Zum 40. Jahrestag des Arbeiter-und-Bauern-Staates am 7. Oktober 1989 hatten sich zudem zahlreiche internationale Partei- und Staatsführer eingefunden. Der SED- und Staatschef, der sich sonst selbst zum Hauptdarsteller der Ehrenparade inszenierte und gewöhnlich mit organisiertem Beifall bedacht wurde, fuhr diesmal viel zeitiger als sonst hinter der Haupttribüne vor. Umgeben von mehreren Personenschützern der Stasi, entstieg er dem gepanzerten silberfarbenen Citroen und gesellte sich zu den vollständig versammelten Mitgliedern und Kandidaten des SED-Politbüros. Wie es sich für 59 2. Zwei Armeen vor der Deutschen Einheit einen Mann von Welt, der er sein wollte, gehörte, zog er beim Eintreffen in dieser Runde den Hut. Dann kamen die hohen ausländischen Ehrengäste vorgefahren. Einer der ersten war Nicolae Ceaușescu aus Rumänien. Wegen der extremen Sicherheitsvorkehrungen durften sich diesmal in dieser Sperrzone keine FDJ-Mitglieder aufhalten. Sonst machten die „Blauhemden“ als Claqueure mit Hoch-Rufen auf die DDR und die SED auf sich aufmerksam. Daher war es schon beim Eintreffen Honeckers trotz des runden DDR-Jubiläums, aber angesichts der angespannten innenpolitischen Lage im Land, ruhig wie auf einem Friedhof. Diesen Eindruck konnte man als akkreditierter ostdeutscher Journalist am Rande des Geschehens gewinnen. Plötzlich fuhr eine riesige schwarze Limousine vor. Mit Michail Gorbatschow entstieg seine Ehefrau Raissa dem Fahrzeug. Und wie die beiden russischen Gäste, Seite an Seite, die etwa 50 Meter auf die schon versammelten Staatsmänner zugingen, riefen von einem seitlichen Balkon des angrenzenden Wohnblocks in der Karl-Marx-Allee plötzlich drei Bewohner: „Gorbi! Gorbi! Gorbi!“. Es klang, so mein Gefühl in diesem Moment, wie ein Hilferuf. Sicher war der Präsident in seinen Gedanken schon bei den wartenden Gesprächspartnern aus den damaligen „Bruderländern“. Jedenfalls überhörte der Mann im dunklen Mantel und mit Hut diese Rufe. Seine Frau jedoch nicht. Sie machte nun Michail Gorbatschow auf seine Fans im sechsten oder siebten Stock des Wohnblocks aufmerksam, die wohl trotz Verbot durch die Staatssicherheit ihren Balkon genutzt und herunter gewunken hatten. Der in der DDR sehr beliebte Politiker winkte ihnen nun herzlich zurück und lief dann weiter, direkt zum SED-Generalsekretär. In dieser nur wenige Sekunden dauernden symbolischen Beifallsbekundung für den Obersten Befehlshaber aller Streitkräfte des Warschauer Pakts zeigte sich die Verbundenheit vieler Menschen in der DDR mit dem Vordenker von Glasnost und Perestroika. Auch für mich war die symbolträchtige Episode mehr als nur Randgeschehen von der letzten DDR- Ehrenparade. Honecker, dem an diesem Tag, genau 40 Jahre nach Gründung der DDR mit sowjetischer Hilfe und unter dem Schutz sowjetischer Militärs, keine so freundliche Geste von seinen Untertanen zuteil worden war, verfolgte wie die anderen Mitglieder des SED-Politbüros diese Episode mit bitterer Miene. Diese Momente waren ein Affront gegen ihn persönlich. Denn niemand brachte hier einen Hochruf auf die DDR, die SED und ihren Generalsekretär aus. Irgendwie waren die NVA-Ehrenparade und die am selben Tag an anderer Stelle folgende Kritik Gorbatschows an Honeckers starrer Haltung („Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“) der Tiefpunkt in der Karriere des SED-Führers. Knapp zwei Wochen später wurde der 77-Jährige im Politbüro der Staatspartei von seiner Funktion als Generalsekretär 60 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten entbunden. Doch der Absturz, den auch das Säbelrasseln vor dem eigenen Volk nicht aufhalten konnte, hatte schon lange begonnen. Auch für die Nationale Volksarmee ging an diesem Tag eine Ära zu Ende: War am 1. Mai 1956 das Aufklärungsbataillon aus der 1. Motorisierten Schützendivision mit Standort Potsdam noch mit Motorrädern oder Schwimmwagen über den Marx-Engels-Platz gerollt, so beeindruckten 33 Jahre später viel mehr die Schützenpanzer und Schützenpanzerwagen neben Geschosswerfern und taktischen (System Luna/FROG oder Totschka/SS-21/SCRAB) und operativ-taktischen (SS-1C/SCUD-B) Raketen. Einen besonderen Höhepunkt bildete laut Zeitzeugen jedoch die 1984er Parade. Sie war „nach der Zahl der Teilnehmer und Technik die größte. Diese Demonstration militärischer Macht stand ohne Zweifel im Zusammenhang mit der Stationierung der Mittelstreckenraketen Pershing II und der Marschflugkörper in der BRD“, schreibt Günter Heinemann in „NVA – Die roten Preußen?“ (Aachen, 2010, S. 54) „Die Behauptung, dass Erich Honecker ein Liebhaber solcher Machtdemonstrationen im Ostteil Berlins (Hauptstadt der DDR) gewesen sei, mag seine Berechtigung haben. Wesentlich für die Entscheidung Honeckers, Vorschläge zur Reduzierung ihrer Häufigkeit (alle 5 Jahre) und ihres Umfangs (die Teilnehmerzahl erreichte einschließlich Sicherstellungskräften Divisionsstärke) abzulehnen, dürfte das Bestreben gewesen sein, die Souveränität der DDR aller Welt vor Augen zu führen.“ (S. 52) Diesen „Souveränitätsgedanken“ hatte wohl auch der Berliner SED-Chef Konrad Naumann im Hinterkopf, als er zu ostdeutschen Journalisten am Rande des Geschehens sagte: „Wir machen noch solange Paraden, bis die Alliierten im Westen nicht mehr protestieren.“ Generalmajor a.D. Hans-Georg Löffler, neunmaliger Teilnehmer, zuletzt als Kommandeur der 1. Mot. Schützendivision, hat noch folgende Erinnerung: „Nach dem Abschluss der Paraden haben wir, im kleinen Kreis, oftmals darüber diskutiert, wie sich die Zuschauer auf der Haupttribüne gegenüber den Paradetruppen verhielten. Selten registrierten wir eine freundliche Geste von den ‚Oberen‘ und ihren Gästen, alles wirkte sehr ernst, verkrampft, versteinert. Fotos von damals zeigen das sehr deutlich. Also wenig motivierend.“ Ehrung zum 20. Juli und neuer Eid Am 20. Juli 1990 fand im Strausberger Ministerium für Abrüstung und Verteidigung der erstmals demokratisch gewählten DDR-Regierung ein bis dahin einmaliges Ereignis statt: Zu Ehren der militärischen Opposition gegen Hitler erhielt der Hauptsitz des Ministeriums den Namen „Stauffenberg-Haus“. Eine weitere Einrichtung wurde nach Henning von Tresckow, ebenfalls ein führender Mann des Widerstandes, benannt. Außerdem leisteten am Gedenktag für die Verschwörer von 1944 NVA-Soldaten einen neuen Fahneneid. Getreu der von der Volkskammer beschlossenen Eidesformel bekundeten sie, für Recht, Freiheit und Menschenwürde einzutreten, als mündige Staatsbürger in Uniform die de- 61 2. Zwei Armeen vor der Deutschen Einheit mokratische und soziale Rechtsordnung zu schützen. Mit dieser Ehrung und dem neuen NVA-Schwur wurde „im eigenen Land und vor aller Welt auch der DDR-Wandel im militärischen Apparat sichtbar“. Das meinte der Staatssekretär im Abrüstungs- und Verteidigungsministerium, Werner E. Ablass. „Damit wurde Abschied vom undemokratischen Führungsanspruch der SED und der davon geprägten Eidesformel genommen, wonach man auf die ‚Arbeiter-und-Bauern-Regierung‘ und die Verteidigung des Sozialismus ‚gegen alle Feinde‘ eingeschworen war. Neu war das Versprechen gegenüber dem Vaterland und die Bereitschaft, die persönlichen Interessen stets hinter die des Volkes zu stellen.“ All dies habe auch der „Entscheidung unserer Menschen für Einheit, Freiheit und Demokratie entsprochen“. Wie er weiter erklärte, sei der Soldat bewusst und aus persönlicher Überzeugung die Verpflichtung eingegangen, „Befehl und Gehorsam in Übereinstimmung mit Recht und Gewissen zu bringen“. Damit hätten sich NVA-Angehörige erstmalig in dieser Form in die Tradition der Männer des militärischen Widerstands gegen nationalsozialistische Diktatur gestellt. Die Patrioten um Oberst von Stauffenberg seien beispielgebend für jeden Soldaten eines demokratischen Staates, mit dem Leben für den hohen Rang des Gewissens eingetreten. Da in der DDR geschichtliche Bewertungen meist mit den Begriffen „progressiv“ oder „reaktionär“ vorgenommen wurde, habe sich auch der deutsche antifaschistische Widerstand auf den kommunistischen reduziert. Deshalb hatten die Beteiligten und Opfer des 20. Juli „zuvor in der DDR keine besondere Würdigung erfahren, und schon gar nicht in der NVA“. Die Einladungen an die Nachkommen dieser Patrioten seien „überwiegend auf positives Echo“ gestoßen. Es habe auch „eine Reihe von Antwortbriefen gegeben mit Skepsis, ob denn ein militärisches Zeremoniell im noch geteilten Deutschland der richtige Rahmen für eine solche Ehrung“ sei. Angezweifelt wurde die Legitimation der NVA, „dieser Männer zu gedenken“. Doch schon allein die Möglichkeit, sich im Vorfeld der Veranstaltungen objektiv und nahezu vollständig mit der Bewegung des 20. Juli vertraut zu machen, „hat die Richtigkeit unserer Entscheidung bestätigt“. Die Verpflichtung jenes Tages, nicht blinden Gehorsam zu wollen, sondern den verantwortlichen, mitdenkenden, Demokratie und Menschenrechten verpflichteten Bürger in Uniform, sei damals wie heute aktuell. Totale Stasi-Überwachung der NVA Zu den Wesensmerkmalen der SED-Diktatur in der DDR gehörte das umfassende und engmaschige Netz der Überwachung durch das Ministerium für Staatssicherheit. Besonders aufmerksam „kümmerten“ sich tausende hauptamtliche und Inoffizielle Mitarbeiter (IM) der Verwaltung 2000, wie sich die Stasi in der Truppe nannte, um das tägliche Leben in und außerhalb der Nationalen Volksarmee. 62 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Es ging dabei nicht nur – wie bei anderen Diensten in aller Welt – um die Spionageabwehr. Beispielsweise in den Führungsorganen, Verbänden, Ausbildungszentren, Truppenteilen, Einheiten, Lagern und Einrichtungen. Vor allem Offiziere in hohen Führungsverwendungen der NVA unterlagen einem intensiven Kontrollsystem. Wobei auch hier zwischen Recht, Gesetz und Geheimdienstaktionen die Grenzen fließend waren, wie man heute weiß. Den Befehl hierzu hatte MfS-Minister Armeegeneral Erich Mielke mit seinen Worten „Wir müssen alles wissen!“ gegeben. Einen Einblick in diese militärischen „Aktivitäten“ des DDR-Geheimdienstes, der 1948 nach sowjetischem Vorbild des berüchtigten Unterdrückungsorgans KGB gegründet worden war, gibt der ehemalige NVA-Oberst Siegfried Lautsch. In seiner einstigen Dienstzeit war er als Leiter der Operativen Abteilung im Kommando des Militärbezirks V (Neubrandenburg) mit den streng geheimen Einsatzplanungen der 5. Armee an der Seite russischer Truppen für den Ernstfall – den Marsch in Richtung Westen – betraut. Über Erfahrungen und Erkenntnisse berichtet der Diplom-Militärwissenschaftler und Absolvent der Moskauer Militärakademie „Michail V. Frunse“ in seinem Buch „Kriegsschauplatz Deutschland“ (Herausgegeben vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Potsdam 2013). „Das System ging dermaßen über das normale Maß hinaus, sodass kaum ein Vorgesetzter ab der Ebene Truppenteil von einer Ausspähung verschont blieb“, schreibt der Autor. „Das MfS war dadurch über den Werdegang der NVA-Offiziere, ihr Umfeld, ihre Kompetenz, aber auch über ihre Inkompetenz unterrichtet.“ Sein Verhältnis gegenüber der Stasi sei zwiespältig gewesen. „Einerseits akzeptierte ich die Aufgabe des militärischen Geheimdienstes, die NVA vor Sabotage, Spionage, Diebstahl von Waffen, Munition und geheimen Dokumenten zu schützen sowie Sicherungsmaßnahmen zum Schutz von Anlagen und Objekten zu gewährleisten … Später bekam ich die perfiden Machenschaften des MfS sehr deutlich in meiner Arbeit zu spüren.“ Wie Lautsch schreibt, verfügte die Stasi in der NVA unter einem Generalleutnant als Leiter über 2 319 Mitarbeiter. Allein im Militärbezirk Neubrandenburg gab es 173 MfS-Planstellen sowie 105 Planstellen für IM-führende Mitarbeiter. „Von entscheidender Bedeutung für den Aufbau und den Unterhalt eines engmaschigen Netzes in den Streitkräften war es für das MfS, junge entwicklungsfähige Offizierskader zu gewinnen. Die Anwerbung begann deshalb in der NVA verhältnismäßig früh.“ Für engagierte und aufstrebende junge Offiziere sei es nicht einfach gewesen, „sich den Fängen der Staatssicherheit zu entziehen. So suggerierte man den ‚Kandidaten‘ das Gefühl eines besonderen Vertrauensvorschusses dieser ‚mächtigen Institution‘, deren Unterstützung schon von Berufs wegen unerlässlich sei. Manche ‚Kandidaten‘ erklärten daraufhin zunächst ihre Bereitschaft zu einer geheimen Zusammenarbeit, nicht wissend, dass sie in den Fängen des MfS zur konspirativen Mitarbeit bis hin zum Rechtsbruch verpflichtet werden würden. Oft ging es den Angeworbenen nicht um persönliche Vorteile.“ 63 2. Zwei Armeen vor der Deutschen Einheit Die meisten NVA-Offiziere hatten fraglos Verständnis für die Aufgabenerfüllung des MfS „im Interesse des Schutzes der ‚militärischen Ordnung‘ gegenüber vermeintlichen und wirklichen Agenten, ‚Abweichlern‘, Überläufern und Straftätern in der Armee. Letztlich konnte man als Vorgesetzter ab einer bestimmten Kommandohöhe einer dienstlichen Zusammenarbeit mit dem MfS kaum aus dem Wege gehen.“ Da seine Tätigkeit als Leiter der Abteilung Operativ im Stab des Kommandos des Militärbezirks V, auch wegen der Planungen des Einsatzes der Waffengattungen und Dienste der NVA-Landstreitkräfte im Krieg, „einer sehr hohen Geheimhaltung“ unterlag, sei er wiederholt „den Machenschaften der Staatssicherheit“ ausgesetzt gewesen. So wurde die Verletzung eines Dienstsiegels bei Planungsdokumenten zum Anlass genommen, ihn „als ‚Einzelperson‘ für den Verrat von Staatsgeheimnissen der DDR und der Verbündeten Streitkräfte des Warschauer Vertrages“ verantwortlich zu machen. Was aber nicht stimmte. Vielmehr habe ein MfS-Oberstleutnant in seiner Abwesenheit „das Siegel absichtlich manipuliert“, um dann ein Mittel in der Hand zu haben, ihn „aus diesem Dienstbereich zu entfernen“. Eine der Schlussfolgerungen von Lautsch: „Es war zwar beunruhigend, so überwacht und eingeengt zu werden, doch aufgrund der mit dem Aufgabengebiet zwangsweise notwendigen strengen Geheimhaltung nahm man die Überwachung hin. Es war notwendig zu lernen, so meine damalige Überzeugung, einfach mit den ‚Sonderrechten des MfS‘ umzugehen, sonst hätte ich meinen Dienstposten nicht wahrnehmen können.“ Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde Lautsch Offizier in den gesamtdeutschen Streitkräften. Er war im Militärgeschichten Forschungsamt in Potsdam bis 2007 als Oberstleutnant der Bundeswehr tätig. Zu seinen weiteren Veröffentlichungen gehört das Buch „Grundzüge des operativen Denkens in der Nato: Ein zeitgeschichtlicher Rückblick auf die 1980er Jahre“. Generale im Volvo, Kommandeure im „Trabi“ Ein Dauerbrenner in der NVA war die rigorose Abgrenzung zu allen Dingen aus dem Westen. Das fing beim Radiohören an, da auf der Soldatenstube alle Geräte eine Markierung für die Ostsender (Radio DDR, Deutschlandsender) auf der Senderskala haben mussten, und hörte bei den Kontakten zu „Westpersonen“ auf. Selbst das „Guten Tag!“ auf einem Rastplatz der Autobahn – Transitstrecken zwischen Ost und West – konnte von Stasi-Mitarbeitern in getarnten Beobachtungsstellen schon als Kontaktaufnahme gedeutet werden. Und so hat der Armeeangehörige, mit und ohne Uniform, solche Freundlichkeiten besser unterlassen. Der „Genosse Holzauge“ vom Stasi-Ministerium wachte wohl immer und überall darüber, dass die NVA-Dienstvorschrift „10/Wachsamkeit“ eingehalten wurde. Wenn nicht, gab es Strafen. Bei Offizieren reichten die bis zu Degradierungen. Ich kannte den Fall, da wurde der Presseoffizier der Kamenzer Offiziershochschule der Luftstreitkräfte/Luftverteidigung, 64 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten ein Oberstleutnant, mit dem ich oft zu tun hatte, wegen so einer Sache (angeblicher Kontakt mit einem Westdeutschen) wieder zum Major zurückgestuft. Was auch eine finanzielle Einbuße für ihn bedeutete. Seine Antwort auf meine Frage: „Warum plötzlich nur noch einen Stern auf dem Geflochtenen?“: „Kein Kommentar!“ Den wahren Grund habe ich dann von einem anderen Pressesprecher erfahren. Selbst ein gebrauchtes West-Auto, das irgendwo auf dem Land ein junger Truppenoffizier durch glückliche, später für ihn unglückliche Umstände plötzlich sein eigen nennen durfte, war der Armeeführung in Strausberg ein Dorn im Auge. Sie nutzte diesen Anlass, um sein militärisches Dienstverhältnis sofort zu beenden – mit dem Rausschmiss. Dieses „besondere Vorkommnis“ machte, wie mir oft erzählt wurde, wohl in allen militärischen Verbänden der Landstreitkräfte die Runde. Es sollte sicher auch im NVA-Offizierskorps der Abschreckung vor West-Kontakten dienen. Auf einen Neuwagen hat auch ein NVA-Offizier wie jeder andere DDR-Bürger nach der Anmeldung beim IFA-Vertrieb mindestens zwölf Jahre gewartet. Und bei der Auslieferung dieses Fahrzeugs musste dann der Käufer für einen „Trabi“ rund 9 000 Mark und für einen „Wartburg“ etwa 17 000 Mark, für den späteren Viertakter aus Eisenach sogar 30 000 Mark, bar auf den Tisch legen. Für jeden Normalverdiener im Staat der Arbeiter und Bauern ein Vermögen. Das trugen dann meist Mann und Frau einer Familie gemeinsam in einer Handtasche vom Berliner S-Bahnhof Oberschöneweide zur Auto-Auslieferung in der Rummelsburger Landstraße. An den strahlenden Gesichtern sah man schon von weitem, wohin der Weg führt. Wenn aber der Verteidigungsminister oder einer seiner sieben Stellvertreter in einem grünen Volvo-Personenkraftwagen aus Schweden als Dienstfahrzeug durch die Gegend brauste, besaß noch lange kein anderer Berufsoffizier in der DDR das Recht, sich ähnlich demonstrativ mit einem West-Auto der Öffentlichkeit zu zeigen. Dieses Privileg stand viele Jahre unter den Staatsdienern und anderen hohen Funktionären im ostdeutschen Staat nur noch den Mitgliedern und Kandidaten des SED-Politbüros zu. Deren Volvo-Flotte war staatstragend dunkelblau und angesichts der katastrophalen Straßenverhältnisse in der DDR, auch auf den fast 2 000 Kilometern Autobahn, meist aus dem Vorkriegsdeutschland, bestens gefedert. Für diese Kategorie und noch ein paar andere „wichtige Personen“ aus der Führung des sozialistischen Staates galt auch keine Geschwindigkeitsbegrenzung. Als einmal ein mir gut bekannter Bildreporter mit seinem Dienst-Wartburg auf der Autobahn nach Magdeburg zufällig im „Windschatten“ des Chefs des NVA-Hauptstabes etwa 150 km/h fuhr, obwohl generell nur 100 km/h auf diesen Verkehrsverbindungen in der DDR gestattet waren, hatte er Riesenglück: Der Pkw vor ihm mit einem Feldwebel am Lenkrad wurde gestoppt. Der Generaloberst, auch Sekretär des Nationalen Verteidigungsrates, durfte nach dem Vorzeigen eines Sonderausweises ebenso schnell weiterfahren, um das Zeremoniell für eine öffentliche Ehrung des Heeresreformer Carl von Clausewitz nicht zu verpassen. 65 2. Zwei Armeen vor der Deutschen Einheit Das war zum 200. Geburtstag des preußischen Generals am 1. Juli 1980 in Burg, seiner Geburtsstadt. Meinem Journalistenkollegen blieb dank der langsamen Messtechnik der Volkspolizei das Herauswinken mit der berühmten Kelle erspart. Auch er kam pünktlich zu diesem Pressetermin. Hatte „großes Schwein“, sagte er mir dort. Kein „Hingucker“, aber ein Lacher war es jedes Mal, wenn ein Regimentskommandeur im „Trabi“ in einem Truppenteil oder einer Einheit vorfuhr. Am Lenkrad: der Genosse Militärkraftfahrer, ein Soldat oder Gefreiter. Und wenn dann noch der Stabschef oder der Polit-Stellvertreter im kleinsten Pkw der DDR saßen, der mit 26 PS den Antrieb eines heutigen sehr kleinen Motorrads hatte, war das Auto völlig überladen. Aber es fuhr flott und geräuschvoll durchs Gelände. Obwohl die Genossen Oberste oder Oberstleutnante in dieser Dienststellung oft keine Leichtgewichte waren. Das sah man schon von weitem beim mühevollen Ein- und Aussteigen dieser Offiziere aus dem Zweitürer. Als Grund für den „Trabi“-Einsatz als Kommandeurfahrzeug wurden Sparsamkeitsgründe beim Treibstoffverbrauch in der Armee genannt. Ein Jeep mit Allradantrieb schluckte auch auf der Landstraße -zig Liter Diesel je hundert Fahrkilometer, bald soviel wie ein Schützenpanzerwagen im Gelände. Der Zwickauer „Plastekoffer“ als Zweitakter aber nur einen Bruchteil dieser Menge mit einem Benzin-Öl-Gemisch. Das war doch einleuchtend. Nachdem die etwa zehn NVA-Buslinien eingestellt wurden, die Berliner uniformierte und zivile Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums täglich zu ihrer Arbeitsstätte nach Strausberg brachten, bildeten sich sofort Pkw-Fahrgemeinschaften. Sie verbrauchten nun ein Vielfaches an Treibstoff gegenüber der kollektiven Beförderung. Diese war finanziell für ihre Nutzer – Offiziere, Unteroffiziere und Zivilbeschäftigte – auch nicht umsonst. Die Verwaltung Militärökonomie des Ministeriums konnte sich aber in diesem Fall mit Zahlen der Einsparung gegenüber der Partei- und Staatsführung brüsten: Auch in den Streitkräften wird ökonomisch gedacht! Und jeder Betroffene wusste: Kostete es, was es wolle! (1984) Nukleares „Teufelszeug“ auch in der DDR Für die DDR-Führung galten die Atomwaffen im Westen ab 1983 als „Teufelszeug“. Diesen Begriff verwendete Partei- und Staatschef Erich Honecker, wenn er die Friedenspolitik seines Staates mit Blick auf das Ausland und die internationalen Abrüstungsbemühungen hervorhob. Nie machten der Verteidigungsminister in Strausberg oder andere Generale davon Gebrauch. Daher sorgte diese doppelte Moral – im Osten „Friedens-Raketen“ und im Westen „Kriegs- Raketen“ – immer wieder für ernsthafte Diskussionen, auch in der NVA. Wie auf sowjetischen Militärakademien gelernt, waren diese ostdeutschen Offiziere viele Jahre von einer „nuklearen Kriegsführungsfähigkeit“ des großen Waffenbruders „ohne Weltuntergang“ überzeugt. Im Westen kalkulierte man für den Fall eines Kriegsausbruchs mit „begrenzter Atomkriegsführung“, Minimalabschreckung durch Kernwaffen genannt, sogar als „Vorteil“ gegenüber der gültigen Nato-Nuklearstrategie. 66 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Natürlich musste man auch die russischen Waffen dieser Gattung in die unheimliche „Teufelszeug“-Logik und den drohenden „nuklearen Abgrund“ im Angesicht eines Atomkrieges einbeziehen. Ob Militär oder Gegner der Atomwaffen, die es in Ostdeutschland ebenso gab: Jeder wusste um die nukleare Gefahr dieser Bewaffnung für die eigene Bevölkerung. Es zeichnete sich ein tiefgreifender Prozess des Umdenkens ab, auch mit fatalen Folgen für die Wehrmotivation der Soldaten. Wie Militärhistoriker in Ost und West nach der Einheit einschätzten, geriet in der NVA die Legitimation des Feindbildes somit „ins Wanken“. Ich war dabei, als bei Waren an der Müritz (Mecklenburg-Vorpommern) der Abzug solcher Raketen der GSSD aus verborgenen Stellungen begann. Vor uns zehn Journalisten hatte noch kein ostdeutscher Bürger diese zweifach bewachte Örtlichkeit betreten. Obwohl die nuklearen Gefechtsköpfe von 500 Kilotonnen TNT schon in die Sowjetunion transportiert worden waren, bekam man beim Anblick der riesigen, zwölf Meter langen Raketen vom Typ SS-12 (SCALEBOARD) mit dem Startgewicht von 9,3 Tonnen nebst Start- und Transportfahrzeugen doch noch Angst. Ihre Reichweite betrug 900 Kilometer, die Zielabweichung lag von punktgenau bis zu zwei Kilometer. Eine Starkstromanlage (inzwischen abgeschaltet) und Stacheldraht sicherten die Operationsbasis am Rand einer scheinbar harmlosen Kasernenanlage. Ein Erlebnis, wie im Kino bei Betrachten eines Kriegsfilms aus diesen Tagen! Dann der „Höhepunkt“ des Besuchs von uns Journalisten bei dieser geheimnisvollen Waffengattung der GSSD auf ostdeutschem Boden: Die „Raketschiki“ demonstrierten ihr militärisches Können. Da konnte selbst der Laie erahnen, welche Gefahren im Herzen Europas über viele Jahre von den sowjetischen Mittelstreckenraketen ausgegangen waren. Der Westen und insbesondere die Bundesregierung machten immer wieder darauf aufmerksam. 67 2. Zwei Armeen vor der Deutschen Einheit Nach dem Kommando „Zum Gefecht!“ stellte die neunköpfige Bedienung in sehr kurzer Zeit – etwa fünf Minuten – die Startbereitschaft der wuchtigen Boden-Boden-Rakete auf dem vierachsigen Startfahrzeug her, millimetergenau justiert. Dieses Zusammenspiel von Soldaten aus mehreren Republiken der UdSSR war wohl schon hunderte Male trainiert worden. Auf den Befehl „Feuer!“ verzichtete heute der Kommandeur in unserer Anwesenheit. Wie wir später erfuhren, galten diese „Riesen“ im sowjetischen Nuklearwaffen-Arsenal als die ersten taktischen ballistischen Raketen mit Feststoffantrieb. Im Jahr 1984 waren zwei sowjetische Raketenbrigaden an die Doppelstandorte Königsbrück und Bischofswerda in Sachsen sowie Warenshof und Wokuhl in Mecklenburg verlegt worden, um von hier die nach dem Nato-Doppelbeschluss von 1979 in der Bundesrepublik stationierten US-amerikanischen Pershing II und bodengestützten Marschflugkörper ausschalten zu können. Und mit dem Übergewicht an konventionellen Streitkräften in Europa die europäischen Nato-Mitgliedsländer militärisch und politisch unter Druck zu setzen. Tatsache war, und darüber fiel hier kein einziges Wort: Die Russen hatten über viele Jahre in einer der schönsten Landschaften der DDR, wo sich im Sommer zehntausende Urlauber und Erholungssuchende mit Kind und Kegel aufhielten, Sprengköpfe für Kernwaffen gelagert. Jederzeit einsatzbereit, in Wäldern vor der westlichen Aufklärung versteckt. Wohl auch ein militärisches Meisterstück! Und diese wurden nicht, wie ich noch vor meiner Reise hierher mit der Pressegruppe ganz naiv dachte, aus Sicherheitsgründen weit unter der Erdoberfläche aufbewahrt. Vielleicht nach dem Motto: „Sicher ist sicher!“ Nein, die nuklearen Gefechtsköpfe lagerten ebenerdig in abgedeckten Hangars. Zur Erinnerung: Die über Hiroshima gezündete Atombombe „Little Boy“ hatte 15 Kilotonnen. Diese Gefechtsköpfe konnten, so berichtete man uns, an der Rampe davor direkt auf die riesigen Raketen aufgesetzt werden. Dann wurden die Tod und Verderben bringenden Un- 68 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten geheuer von schweren Spezialfahrzeugen MAZ-543, die einen recht mobilen Eindruck machten, fortbewegt. Die Abdeckung der Lagerstätten für die Gefechtsköpfe mit Betonplatten und Erde als Schutz hatte nur eine Stärke von gut einem Meter. Mehr nicht! Die Raketen im Freien besaßen dagegen weniger Schutz. Eigentlich nur vor der Luftaufklärung oder wurden von den Transportern ständig durch ein großes, abgesperrtes Waldstück gefahren. Weil das Waffenarsenal durchaus strategische Bedeutung besaß, unterstand es direkt dem Verteidigungsministerium der UdSSR. Darauf verwies ein Warnschild in Russisch. Deutsche Besucher hatte es vor uns, wie man schon bei der Begrüßung andeutete, bis zum Zeitpunkt der Abrüstung an diesem Ort oder an den SS-12-Lagerstätten Königsbrück, Bischofswerda und Wokuhl noch nicht gegeben. In Moskau wurde also entschieden, welche Person die Sperrzone der Raketenbrigade bei Waren betreten durfte und welche nicht. Unsere kleine Gruppe bestand aus Journalisten, Bildreportern und Kameraleuten von den DDR-Medien. Die Namen mussten langfristig vorher von den Redaktionen an die Militärführung der GSSD in Wünsdorf gemeldet werden. Trotzdem: Als wir am Eingang der Anlage begrüßt wurden, filmte man uns heimlich aus der vierten Etage des Stabsgebäudes. Da ich zufällig auch noch zwei Truppenfahnen im Kommandeurzimmer hinter einer Vitrine entdeckte – ein Zeichen dafür, dass hier zwei und nicht nur ein Truppenteil (das behaupteten jedenfalls die Gastgeber) stationiert waren - , wurde mir klar: Bei diesem Truppenabzug, der nicht nur in der DDR, sondern auch international aufmerksam beachtet wurde, haben die Gastgeber irgendwie „getürkt“. Wie man später dem Washingtoner Abkommen über die Vernichtung von insgesamt 2 611 sowjetischen und amerikanischen Raketen entnehmen konnte, handelte es sich hier nur um einen von mehreren Standorten mit Nuklearwaffen im Osten Deutschlands. Alles war zu dieser Zeit ein Staatsgeheimnis. Kein Bürgermeister, kein SED-Kreissekretär und kein Dorfpolizist in der DDR hatten je eine Ahnung davon, auf was für gewaltigen Pulverfässern wir Ostdeutschen eigentlich saßen. Und daneben existierten ja noch in der DDR die nuklearen Gefechtsfeldwaffen und Waffen im Kurzstreckenbereich, die nicht in die Abrüstung einbezogen worden waren. Sie alle bedeuteten eine große Gefahr für die Sicherheit der Bewohner nicht nur dieser Regionen, auch international. Selbst die DDR-Spitzendiplomaten bei den Abrüstungsverhandlungen brachten „manchen Kontrollvorschlägen des Westens insgeheim einige Sympathie entgegen, weil wir damit manches über die Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte (GSSD) erfahren hatten, was auch für uns top secret war“. So Delegationsleiter Klaus-Dieter Ernst in „DDR-Außenpolitik im Rückspiegel“, Berlin 2006, S. 204, mit dem wir vom ADN in Berlin regelmäßig telefonischen Kontakt hatten. Stattdessen konnten die Ostdeutschen in der Zeitung lesen, welche 69 2. Zwei Armeen vor der Deutschen Einheit Gefahren von den Atomwaffen in der Bundesrepublik in Europa ausgehen würden. Eine der DDR-Losungen hieß: „Frieden schaffen gegen Nato-Waffen“. Dabei war doch die Nationale Volksarmee seit Anfang der 1960er Jahre mit den Planungen der Moskauer Militärs für den westlichen Kriegsschauplatz vertraut und in den möglichen Einsatz von Nuklearwaffen eingebunden. Der DDR-Armee standen aber nur ausreichend Trägersysteme für mögliche Kampfhandlungen zur Verfügung. Und nur ganz wenige Offiziere wussten, wo im Ernstfall die „Übergabe“ der nuklearen Gefechtsköpfe von der GSSD an die NVA erfolgen sollte. Noch nicht einmal an der Militärakademie „Friedrich Engels“ in Dresden erfuhren die Stabsoffiziere bei den Planspielen mit einer Armee oder Division im Einsatz auf dem möglichen Kriegsschauplatz, welche nuklearen „Kapazitäten“ die sowjetischen Oberkommandierenden ihren ostdeutschen Waffenbrüdern zur Verfügung stellen würden. Wie während der Wende-Zeiten 1989/90 in der DDR bekannt wurde, verfügte die NVA von 1985 bis 1990 auch über taktische ballistische Boden-Boden-Raketen vom Typ SS-23 (SPIDER) mit hoher Treffergenauigkeit. Diese Startrampen hatte die Sowjetunion bei den Vereinbarungen 1987 für den INF-Vertrag über die Vernichtung von Mittelstreckensystemen mittlerer und kürzerer Reichweite verschwiegen. Erst die DDR-Regierung unter Ministerpräsident Hans Modrow und dem Minister für Nationale Verteidigung, Admiral Theodor Hoffmann, machte die Waffen aus der 5. Raketenbrigade öffentlich. Und so fand am 15. März 1990, drei Tage vor den ersten freien Wahlen in der DDR, bei Demmen (Mecklenburg-Vorpommern) in Anwesenheit der Presse auf einem bisher streng bewachten Areal die Zerstörung der SS-23 statt. Auch der Nato-Aufklärung war die Existenz dieser nukle a ren Trägermittel auf DDR-Territorium nicht bekannt. Insgesamt besaßen die NVA-Landstreitkräfte 1990 über 68 Raketensysteme sowjetischer Bauart als nukleare Trägermittel für den taktischen und operativ-taktischen Einsatz: 4 Startrampen SS-23 (SPIDER), 20 Startrampen OTR (SCUD A), 8 Startrampen TOTSCHKA (SS-21, SCARAB), 36 Startrampen LUNA M (FROG-7). So wären für die 3. und 5. Raketenbrigade in den Militärbezirken Leipzig und Neubrandenburg Kernwaffenschläge über eine Entfernung von 120 bis 300 Kilometer und mehr möglich gewesen. Wie sich NVA-Oberstleutnant a.D. Martin Krause, damals Leiter der Arbeitsgruppe Raketenausbildung eines Militärbezirks, weiter erinnerte, erfolgte 1962 auf Beschluss des Nationalen Verteidigungsrates die erste „Zuführung“ des Raketensystems SCUD A. Zuvor waren 75 Offiziere und 44 Unteroffiziere als Spezialisten in der UdSSR für die Standorte Stallberg und Spechtberg ausgebildet worden. „Strengste Geheimhaltung blieb auch in späteren Jahren oberstes Gebot.“ (Walter Jablonsky/Wolfgang Wünsche (Hrsg.) Im Gleichschritt? Zur Geschichte der NVA, Das Neue Berlin, Berlin 2001, S. 203) Der „Friedensstaat“ DDR war jedenfalls ein riesiges Kernwaffenlager. Vielleicht auch wider Willen, spätestens nach der Tschernobyl-Katastrophe. Ende der 1950er Jahre stand der ostdeutsche Staat mit hunderten Zielen von Atombomben im Visier von US-Militärs. Detaillierte Ziellisten für Nuklearwaffen wurden in einer 800-seitigen Air Force Studie – ge- 70 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten plant als „umfassender Vernichtungsschlag gegen die Sowjets“ – vom Nationalen Sicherheitsarchiv der USA 2015 freigegeben. Darunter befanden sich 1 200 Städte des Ostblocks wie Moskau und Leningrad. „Exakt 91 Ziele hatte das Militär vorgegeben, die auf Ost-Berliner Gebiet systematisch zerstört werden sollten: Kraftwerke, Bahnhöfe, Treibstofflager, Industrieanlagen sowie die Radio- und Fernsehsender. Und es gab noch ein Angriffsziel: ‚Bevölkerung‘“, berichtete „Der Tagesspiegel“ am 23. Dezember 2015 über „Geheimpläne der USA: Nuklearangriff auf Ost- Berlin“. „Auch vom Westteil der Stadt wäre nicht viel übriggeblieben.“ Könnte auch heißen: Die West-Berliner, die noch 1948/49 die US Air Force als Dank für ihre Rosinen-Bomber während der Berlin-Blockade gefeiert haben, wären dann bei atomaren Angriffen auf Oranienburg und Hennigsdorf vor den Toren der Stadt unter „friendly fire“ mit Kollateralschäden geraten. Manöverbeobachter bei der NVA Ein außergewöhnliches Ereignis erlebte ich im März 1987. Der Kalte Krieg ließ zwar die Menschen nicht mehr frösteln, stellte aber noch immer für Ost und West eine Gefahr dar. In dieser Zeit besuchten Offiziere der Bundeswehr zum ersten Mal die DDR. Vorher durften hohe westdeutsche Offiziere wegen der Bonner Sicherheitsbestimmungen noch nicht einmal mit einer Linienmaschine via West-Berlin die DDR überfliegen. Für mich die erste Begegnung mit Soldaten von der anderen Feldpostnummer. Diesen Begriff kannte ich von Philatelisten und aus den Erinnerungen von Kriegsteilnehmern, die damit die andere Seite meinten. Nach Lesart der Parteipropaganda in der DDR zählte die Bundeswehr trotz Tauwetters in den internationalen Beziehungen und der Abrüstungsbemühungen in Wien noch immer zu den äußeren Feinden des Sozialismus. Sie galt, so ein Buchtitel vom Ostberliner Militärverlag, als eine „Armee für den Krieg“. Das westdeutsche Heer wurde darin zur „Hauptstoßkraft der Nato in Europa“ erklärt. Und vor dieser Armee müsse man sich umfassend schützen, hieß es in den Verlautbarungen der DDR-Militärs. Im Ernstfall sollte dieser Gegner von der NVA an der Seite der WGT auf seinem „eigenen Territorium besiegt“ werden. Nicht erst seit heute weiß ich, dass dies ein Irrwitz war. 71 2. Zwei Armeen vor der Deutschen Einheit Die damals keineswegs alltägliche, sondern eher spektakuläre offizielle Mission besaß historischen Charakter. Unternommen wurde sie von den beiden Oberstleutnanten Hans- Henning Kahmann und Joachim Hornig. Sie sorgten gut dreißig Jahre nach Aufstellung der Streitkräfte in West- (1955) und Ostdeutschland (1956) mit ihrem dienstlichen Aufenthalt in Uniform hinter dem Eisernen Vorhang für etwas Neues, trugen zur weiteren Normalität in den Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten bei. Deren Streitkräfte standen sich zu jener Zeit mit ebenfalls hochgerüsteten Truppen der Nato und des Warschauer Pakts für ein damals durchaus noch mögliches Kriegsszenario entlang der innerdeutschen Grenze gegenüber. Wenn man dann die etwa 540 000 Sowjet- (später russischen) Soldaten hinzurechnet, die in der DDR die Hauptstoßkraft der 1. Staffel für einen Angriff auf Westeuropa bildeten, wird einem heute noch die Gefahr bewusst, die aus dieser riesigen Truppenkonzentration hervorging. Flugzeuge und Raketen der Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte wie auch der US-Streitkräfte in der Bundesrepublik konnten in nur wenigen Minuten jedes Ziel im anderen Teil Deutschlands erreichen und sofort ein nukleares Inferno entfachen. Das war bekannt, vielen Menschen beiderseits der Grenze bewusst. Aus all diesen Gründen permanenter Kriegsgefahr wuchs auf beiden Seiten das Interesse an mehr Stabilität auf dem Kontinent. Es kam mit der Schlussakte der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) 1975 in Helsinki zu ersten vertrauensbil- 72 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten denden Maßnahmen. Schon ab 1973 fanden vorbereitende Konsultationen in Wien über eine gegenseitige Verminderung von Streitkräften und Rüstungen in Mitteleuropa statt. Später durften Beobachter zu großen Manövern eingeladen werden, was aber keine Pflicht war. Danach wurde vor allem 1986 in Stockholm – besonders für Militärs aus den Warschauer Vertragsstaaten zu jener Zeit noch immer ungewöhnlich – recht offen über die Reduzierung von Bewaffnung und Ausrüstung verhandelt. Auf den Tisch kamen aktuelle Zahlen und Fakten. Und in diese aufgeschlossene Atmosphäre fügte sich die Arbeit von Manöver- Beobachtern der jeweils anderen militärischen Seite sowie aus neutralen Staaten wie Österreich und der Schweiz als ein weiterer Beitrag zur internationalen Entspannung ein. Ab 1. Januar 1987 galt das Schlussdokument der Stockholmer Konferenz über vertrauens- und sicherheitsbildende Maßnahmen und Abrüstung in Europa. 35 Teilnehmerstaaten verpflichteten sich darin, Militärbeobachter bei Übungen mit mehr als 17 000 Teilnehmern einzuladen. Allein für das laufende Jahr mussten die DDR-Behörden vier Übungen, auch mit Beteiligung der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (Vorgänger der WGT-Truppen), ankündigen. So stellte sich die militärische Ausgangslage vor dem Aufenthalt der beiden Westdeutschen bei den Soldaten im Osten dar. In ihrer Uniform passierten sie am 25. März in einem blauen Mercedes die innerdeutsche Grenze. Sie trugen den „kleinen Dienstanzug“ mit hellgrauer Jacke, schwarzer Hose, rotem Barett. Die Route führte über die Autobahn nach Potsdam. Sicher hatten die ostdeutschen Verantwortlichen mit den sowjetischen Partnern die altehrwürdige Garnisonsstadt und einstige Residenzstadt Großer Kurfürsten nicht zufällig als Treffpunkt aller Manöverbeobachter auserwählt: Hier war am 2. August 1945 nach Ende des Zweiten Weltkrieges das Potsdamer Abkommen unterzeichnet worden. Darin schrieben die Siegermächte die politische und geografische Neuordnung Deutschlands, seine Entmilitarisierung, die zu entrichtenden Reparationen und den Umgang mit deutschen Kriegsverbrechern fest. Ursprünglich wollte die DDR-Armeeführung ganz geschickt aus den Manöverbeobachtern außenpolitisches Kapital schlagen. Sie lud die Militärs zur offiziellen Begrüßung in das Gästehaus ihrer Verwaltung Internationale Verbindungen nach Berlin-Grünau ein. Das lag direkt an der olympischen Regatta-Strecke von 1936. Die Nato erkannte den Trick, die Beobachter entgegen dem entmilitarisierten Status von Berlin als Gäste in diesem entlegenen Zipfel Ostberlins zu empfangen. Sie lehnte diese Einladung zur Begrüßung ab. Bei ihrer Ankunft am Interhotel Potsdam inmitten der Stadt wurden die beiden westdeutschen Oberstleutnante wie schon zuvor die anderen Beobachter militärisch korrekt von NVA-Oberst Peter Herrich und weiteren Offizieren der Volksarmee mit Handschlag und einem freundlichen „Herzlich willkommen“ begrüßt. Die Fernsehteams und Bildreporter machten daraus „das“ Ereignis. Es bestimmte noch am selben Tag und tags darauf den Auf- 73 2. Zwei Armeen vor der Deutschen Einheit macher von Nachrichtensendungen beziehungsweise Zeitungen in aller Welt. Mit den beiden Westdeutschen kamen noch weitere 38 Manöverbeobachter aus 20 Ländern, darunter Offiziere aus Österreich und der Schweiz, in die damalige Bezirksstadt an der Havel. Der Verantwortliche in der Uniform der anderen deutschen Armee, der ein Jahr später zum Generalmajor ernannt wurde, trug bei der Übergabe der rosafarbenen Beobachterausweise im Foyer des Hotels keine Kopfbedeckung, die ankommenden Gäste wohl. Auf den Ausweisen standen Vor- und Zuname des Teilnehmers sowie das Herkunftsland. Es folgte eine erste kurze Einweisung. Zahlreiche Journalisten, auch ich, hörten aufmerksam zu. Man wollte kein Wort verpassen. Die Vereinbarung von Stockholm galt mit Blick auf die bislang vor allem im Osten übliche militärische Geheimhaltung allgemein als großer Fortschritt. Im Westen hatte sich diese Praxis mit Ost-Beobachtern – bisher noch ohne Vertreter der NVA, die ja sonst auch die Gegenseite hätte einladen müssen – durchaus bewährt. Nun durfte zum ersten Mal ein kleiner Teil des für die Öffentlichkeit sowie für Alliierte gesperrten Übungsbereichs der Warschauer Militärkoalition inspiziert werden. Das war noch ein Jahr zuvor völlig undenkbar. Selbst auf die sonst bei den Russen üblichen Wodka-Gelage für Gäste ähnlicher militärischer Veranstaltungen wurde im Sinne einer konzentrierten Manöverbeobachtung verzichtet. Auf großen Karten erhielten alle Teilnehmer genaue Kenntnisse über den Verlauf der geplanten militärischen Handlungen im Raum Gardelegen, Magdeburg, Wittenberg, Lübben und Brandenburg. Im Mittelpunkt stand zeitgemäß nicht der Angriff, sondern die Verteidigung von Stellungen. Es wurden auch keine politischen Reden gehalten. Aber die Versammelten aus Ost und West spürten: Gorbatschows Glasnost und Perestroika lassen grüßen! Auch für mich als ADN-Berichterstatter über diese Militärübung mit 23 500 Sowjetsoldaten und 1 500 NVA-Angehörigen auf DDR-Territorium war das ein großes Erlebnis. Mitten in einem Pulk von Journalisten, Bildreportern und Fernsehteams (vor allem aus dem Westen) wurde ich Zeuge, wie sich zum ersten Mal auf deutschem Boden Offiziere der Bundeswehr und der NVA und in den Folgetagen immer wieder mal die Hand reichten. Bei den Wiener Abrüstungsgesprächen gehörten Begegnungen zwischen deutschen Militärexperten zu jener Zeit schon zum Alltag. Gemäß dem Abschlussdokument der Stockholmer Konferenz war diese Übung allen Signatarstaaten der Schlussakte von Helsinki angekündigt worden. 74 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Ich vergesse nicht, wie respektvoll der zuständige Generalleutnant Gerhard Kunze und die anwesenden hohen Offiziere der NVA mit den beiden Oberstleutnanten der Bundeswehr damals als erste Manöverbeobachter im Raum Potsdam umgegangen sind. Eine westdeutsche Boulevardzeitung meldete auf der Titelseite: „Lachen in Potsdam“ und schrieb „Foto des Jahres“ zu einem Bild, „das noch vor kurzem undenkbar schien“. Ein anderer Pressevertreter spürte in den Lobby-Gesprächen der drei Dutzend Uniformträger „die gepflegte Atmosphäre eines internationalen Offizierskasinos“. Das waren schon 1987 Anzeichen für die Normalisierung der Beziehungen auch auf dieser Ebene. In Potsdam klappte in jenen Tagen die Verständigung zwischen den „feindlichen Brüdern“ recht gut. So der Tenor in vielen westdeutschen Zeitungen. In der DDR gab es den politischen Begriff „Brüder und Schwestern“ überhaupt nicht in der Presse. Die Gastgeber hatten vom Verteidigungsministerium in Strausberg und vom Außenministerium in Ostberlin die nötigen Vollmachten, um mit den westdeutschen und anderen Militärkollegen zwanglos über alles Dienstliche zu sprechen. Mehr aber auch nicht. War sonst jeglicher „Westkontakt“ für einen NVA-Berufssoldaten streng verboten, zu dieser Zeit auch noch Westfernsehen und Westrundfunk in der Dienststelle oder zu Hause, so galten während der Übung ganz andere Regeln: Die NVA-Vertreter präsentierten sich allen Gästen auf Augenhöhe. Aber warum durften Volksarmisten nicht immer so selbstbewusst auftreten, dachte ich damals. Jede Frage wurde von ihnen korrekt beantwortet. Und die Gäste hatten vor und nach der Manöverbeobachtung, wie ich sah, sehr viele Fragen. Diese Offenheit hinterließ natürlich bei den Übungsteilnehmern ihre Spuren. Man stand nun zum ersten Mal Angehörigen jener Bundeswehr und anderer Nato-Armeen von Angesicht zu Angesicht gegenüber, von denen im wöchentlichen Politunterricht und im DDR- Fernsehen sonst nur Schlechtes erzählt wurde – imperialistisch, aggressiv, kriegsbereit. Doch gefährlich sahen die freundlichen Herren in ihren schmucken Uniformen gar nicht aus. Im Gegenteil! Da die hier beteiligten deutschen Offiziere mit Generalstabsausbildung auch für höhere Verwendungen vorbereitet waren, mussten sie sich nicht in Russisch oder Englisch, den Kommandosprachen ihrer jeweiligen Bündnisse, unterhalten. Die beiden Gäste in ihrer hellen Uniformjacke – gut sichtbar der Bundesadler auf dem schwarz-rot-goldenen Emblem am linken oberen Ärmel – stammten ja nicht aus irgendeinem fernen Land, wie das die SED-Führung zu gern gesehen hätte. Immerhin sorgte die Mission von Kahmann und Hornig hier vor Ort schon vor dem Eintreffen für viel Aufsehen. Volkspolizisten und Militärstreifen wachten darüber, dass nur angemeldete Personen den abgesperrten Bereich um das Interhotel herum betreten durften. Das war sicher auch in anderen Ländern bei solchen Anlässen üblich. Kaum verließen die beiden Bundeswehroffiziere ihr Fahrzeug, mussten sie viele Fragen der Journalisten beantworten. Sehr sachlich und ruhig kamen die Antworten. Der große Kahmann als „Truppführer“ machte schon in den ersten Stunden eine beeindruckend gute Fi- 75 2. Zwei Armeen vor der Deutschen Einheit gur. Auch mit den Worten: „Ich bin kein Aufklärer!“ stellte er sogleich unmissverständlich klar, mit welchem Auftrag er und sein Kamerad hierher gekommen waren: Im Sinne der militärischen Vertrauensbildung. Einen Tag später sagte er mir: „Die Arbeitsbedingungen sind so, dass ich in dieser Zeit an einem sehr guten Beobachtungspunkt meinen Aufträgen nachgehen konnte.“ Die Sachlichkeit dominierte. Das war dann bei allen folgenden Gesprächen zu beobachten. Und erst recht in einem weiteren improvisierten Frage-Antwort-Spiel mit den zahlreichen aus Berlin angereisten westdeutschen Korrespondenten. Hier kam auch Hornig mehr zu Wort. Alles drehte sich um die Erwartungen der Bundeswehr-Vertreter. Obwohl die Satellitenaufklärung schon lange von beiden Militärblöcken genutzt wurde, die auf den Zentimeter genau Natürliches und Echtes von Attrappen oder Scheinwaffen unterscheiden konnte und so das Militärarsenal der jeweils anderen Seite bestens bekannt war, durften hier weder Fotoapparat noch Diktiergerät verwendet werden. Nur das eigene Fernglas, der Notizblock und ein Zollstock waren als Hilfsmittel zur Manöverbeobachtung zugelassen. Und tatsächlich sah ich dann in den nächsten Tagen, wie einige Militärbeobachter – nicht die beiden westdeutschen – mit ihrem Zollstock die Breite und Tiefe von Schützengräben sowie anderen Verteidigungsanlagen vermessen haben. Selbst die Stärke von Holzpflöcken in diesen Stellungen war für einige Militärs interessant. Alles wurde von diesen Herren penibel notiert. Im Getümmel der Beobachter schaute man sich sogar gegenseitig auf den Notizblock, um Zahlen zu vergleichen. War dieses Interesse echt oder nur zur Schau gestellt? Allein die Tatsache, dass sich hier Fremde aufhalten durften, war schon ein ungewöhnliches Ereignis – national und international. Bisher galt das für NVA und GSSD als Spionage. Hier noch eine Episode, die trotz der Entspannungstendenzen die übliche Geheimniskrämerei des Ostens zeigte: Zum Auftakt der ersten Übung mit Beobachtern demonstrierten die russischen Truppen, wie sie sich im Ernstfall bei einem „Angriff “ verteidigen würden. Ein WGT-Oberst sagte dazu vor ostdeutschen und russischen Journalisten: „Die westlichen Beobachter sollen ruhig sehen, was passiert, wenn es zum Krieg kommt. Dann wird die ganze Welt rot sein.“ Er meinte wohl „sozialistisch“ oder „kommunistisch“. So eine fatale Überheblichkeit, so leichtfertig mit Kriegshandlungen zu jonglieren – ich konnte es nicht fassen. Diese Siegermentalität der damaligen Großmacht Sowjetunion kannte ich ja schon von den riesigen Agitationstafeln mit Motiven aus dem Zweiten Weltkrieg in einigen GSSD-Kasernen. Sicher, es war für die anwesenden Experten beeindruckend, was da so alles an Waffen aufgeboten und vorgeführt wurde. Nur die hochmoderne Truppenluftabwehr mit ihren Fla- Raketen aus Containern auf schwimmfähigen Gefechtsfahrzeugen, ob nun die Strela 1 (Nato:SA-9 GASKIN) oder das System OSA AK (Nato: SA-8 GECKO), die bei jeder Militärparade in Moskau als eine eigene Waffengattung auch für westliche Experten eine At- 76 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten traktion darstellte und besonders genau in Augenschein genommen wurde, fehlte im waffenstarrenden Ensemble der Manöverhandlungen. Brigadier Josef Klamminger, in Ost-Berlin akkreditierter österreichischer Militärattaché, bemerkte das natürlich, wie er mir anschließend lächelnd unter vier Augen in einem Jeep mit russischem Fahrer anvertraute. Die Russen blufften also weiter. Man wollte eben nicht zeigen, über welchen Stand der Technik (Radar und Flugkörper) die GSSD bei einer möglichen Bekämpfung westlicher Flugziele verfügte. Der NVA-General, der tags darauf andernorts das Kommando über die ostdeutschen Truppen bei dieser Übung innehatte, machte in einer kleinen Gesprächsrunde schon hier darauf aufmerksam, dass bei ihm „nicht gemauschelt“ werde. Mit gefiel diese Formulierung, deshalb habe ich sie mir auch über all die Jahre gemerkt. Und so war es dann auch: Mit hoher Kampfkraft und Gefechtsbereitschaft wollte man den vielen Gästen und erst recht den Partnern vom sowjetischen „Regiment nebenan“ zeigen, dass die Deutschen in der NVA-Uniform ihr Waffenhandwerk durchaus gut verstehen. Das hat schon Eindruck gemacht! Dass dies im militärischen Ernstfall an der Seite der Sowjetarmee auch zur Invasion gegen den Westen genutzt worden wäre, war hier kein Thema. Aber nach der Wiedervereinigung kamen die entsprechenden Dokumente der DDR-Landesverteidigung ans Tageslicht. Ein überdimensionales Relief der alten Bundesrepublik diente in Strausberg hohen ostdeutschen Militärs zu Übungs- beziehungsweise vor führenden Politikern zu Demonstrationszwecken. Im Operativen Ausbildungszentrum wurde bei mancher Übung der Marsch gen Westen geprobt. Die Angriffspfeile konnte man selbst nach der Wende noch sehen. Alle wichtigen Straßen der DDR und der Bundesrepublik, auch Flugplätze und Kernkraftwerke, hatte man auf einer Reliefkarte – etwa 20 mal 15 Meter groß – im Maßstab 1:50 000 nachgebildet. So konnten in Friedenszeiten immer wieder die für den Ernstfall vorgesehenen Fahrtrouten, beispielsweise durch das Ruhrgebiet oder nach Bayern, einstudiert werden. Zudem standen den NVA-Kommandeuren zur Lagebeurteilung ungewöhnlich präzise Informationen über die Bundeswehr zur Verfügung. Mittels modernster Informationstechnik konnten sie blitzschnell abberufen werden. Unvollständig dagegen – kaum zu glauben, aber wahr – die militärischen Angaben über die sowjetischen Waffenbrüder. Sie hatten stets ihre eigentliche Schlagkraft – genauer: die Raketen, welcher Art und Größe auch immer – vor NVA-Offizieren verheimlicht. All das erfuhr ich nicht von der NVA. Deren Kommandeure wussten das ja nicht. Nach der Wiedervereinigung berichtete mir das ein Verantwortlicher der Bundeswehr, der mit dem Abzug der WGT zu tun hatte. Dennoch war nach all den vorangegangenen militärischen Inspektionen – ob in Frankreich oder in der Ukraine und nun unweit der innerdeutschen Grenze – diese Art der Begegnung im Machtbereich der DDR-Führung schon eine neue Qualität vertrauensbilden- 77 2. Zwei Armeen vor der Deutschen Einheit der Maßnahmen. Nach ihren ständigen Friedensbeteuerungen mussten Honecker & Co. nun endlich Taten folgen lassen, gerade was die militärische Offenheit und Abrüstung betraf. Zum Schluss der mehrtägigen Übung stellten sich die Manöverbeobachter in den Räumen des Potsdamer Filmmuseums noch einmal der Presse. Sie lobten nahezu einhellig die Gastgeber. Kahmann, der im Führungsstab der Bundeswehr für Rüstungskontrolle tätig war, bilanzierte: „Wir konnten uns davon überzeugen, dass von dem, was wir bisher gesehen haben, keine Gefahr für die Bundesrepublik Deutschland ausgeht.“ Auch das hörten die Gastgeber gern. Hier weitere Stimmen von Teilnehmern aus Gesprächen mit mir: Oberstleutnant Gerard Ligerot (Frankreich): „Die gesamte Atmosphäre während unserer Arbeit möchte ich als sehr gut bezeichnen. Es gab auch Gelegenheiten, wie im Stockholmer Dokument festgelegt, mit Armeeangehörigen zu sprechen.“ Fregattenkapitän Jussi Lätheinen (Finnland): „Wir sind sehr zufrieden mit den Arbeitsbedingungen. Die uns übergebenen Unterlagen ermöglichten es, uns gut zu informieren.“ Oberst Roy Giles (Großbritannien): „Ich kann sagen, dass die Atmosphäre ausgezeichnet ist. Die Betreuung unserer sehr gemischten Gruppe ist vorzüglich. Wir kommen ganz gut miteinander aus.“ Oberst Leif Fransson (Schweden): „Jeder Schritt in Richtung Verständigung ist ein Fortschritt. Die Organisation finde ich vorzüglich. Beobachtungsmöglichkeiten sind auch sehr gut. Wir Schweden, das möchte ich auch sagen, denken in diesem Zusammenhang besonders an die Friedensarbeit von Olof Palme.“ Die USA-Nachrichtenagentur AP schrieb: „Die DDR zeigt sich in ihrer Informationspolitik sehr offen. Westliche Journalisten erhielten ein Namensverzeichnis aller Beobachter des Manövers. Und die Berichterstatter konnten in aller Ruhe Fragen an die Offiziere stellen.“ Eine ähnliche Übung wiederholte sich kurz darauf in Cottbus. Dort beobachteten zwei andere Bundeswehr-Offiziere mit weiteren Militärs aus Europa die rein nationalen Handlungen der NVA. Wie sehr man vor Ort noch immer Angst vor deutsch-deutschen Kontakten hatte, bekam ein Oberstleutnant der NVA eines Abends, also nach Dienstschluss, zu spüren. Er war Regisseur vom Armeefilmstudio aus Berlin-Biesdorf, das hier fleißig gedreht hatte. Darunter ein ausführliches Gespräch mit einem der beiden Bundeswehr-Vertreter. Der NVA-Offizier plauderte zu mitternächtlicher Stunde an der Hotelbar weiter mit dem westdeutschen Gast über dieses und jenes Thema. Heute sagt man: Über Gott und die Welt. Vielleicht hatte er die vorherige Dienstanweisung „Flagge zeigen, aber keine persönlichen Kontakte“ des Sprechers des Verteidigungsministeriums missverstanden. Jedenfalls nahm ihn der NVA-Oberst (ganz sicher auf Weisung der verdeckt arbeitenden Staatssicherheitsleute, die ihn im Hotelzimmer telefonisch über dieses innerdeutsche Tete-à-tete informiert hatten) erstmal zur Seite, um ihn dann noch in der Nacht nach Hause zu schicken. 78 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Einige Jahre nach der Wiedervereinigung traf ich den ehemaligen NVA-Offizier und Regisseur zufällig nach einem Konzert im Berliner Schauspielhaus wieder. Er hatte sich, wie er mir sagte, damals nur „von Mensch zu Mensch“ mit dem anderen deutschen Offizier unterhalten wollen. Das war eben für die in Cottbus anwesenden Aufpasser von der unsichtbaren Stasi-Front zu viel des Guten. Er wurde damals nicht bestraft, auch nicht degradiert, wie das sonst bei ähnlichen West-Kontakten üblich war. Der Filmemacher musste eben nur auf die nicht alltäglichen Vorzüge eines Interhotels verzichten. Auch diese Nicht-Bestrafung, so komisch das heute klingt, bedeutete schon einen kleinen Fortschritt in den sonst starren Blickwinkeln der Politchefs der NVA – vor allem, wenn es um die Bundeswehr ging. Der Pressesprecher des Verteidigungsministeriums war übrigens dienstlich direkt dem Chef der Politischen Hauptverwaltung der NVA unterstellt. Und bei Geschehnissen dieser Art hat er sich dort ganz gewiss telefonisch abgesichert, auch nachts. Wer hätte in jenen Tagen 1987 auch nur zu träumen gewagt, dass schon wenige Jahre später die grauen NVA-Uniformen aus der Öffentlichkeit Ostdeutschlands für immer verschwunden sein sollten und dafür von den eigenen Soldaten die Uniform des damaligen „Gegners“ getragen wird? Wohl niemand, angesichts der hochgerüsteten DDR und auch nach Meinung der Manöverbeobachter gut ausgebildeten NVA. (1987) Aufregende Monate mit Soldaten-Revolte Aufregende Monate, vielleicht sogar eine Erschütterung der inneren Struktur, kennzeichneten in den Jahren 1989 und 1990 den Alltag in der Nationalen Volksarmee. Wie in der Bevölkerung, war hier besonders unter den Wehrpflichtigen die Stimmung gereizt. Und, so habe ich vielerorts erlebt, begann unter den Berufssoldaten – Offiziere, Fähnriche und Unteroffiziere – mit Blick auf die Partei- und Staatsführung mit Zweifeln an deren Politik und Wirtschaft ein Umdenken. 79 2. Zwei Armeen vor der Deutschen Einheit Höhepunkt dieser allgemeinen Unzufriedenheit mit den Zuständen im Land und in den Kasernen war zum Jahreswechsel eine Revolte in Beelitz. Den Forderungen des Soldatenrates aus den eigenen Reihen nach besseren Dienst- und Lebensbedingungen in der Ausbildungsbasis 4 schlossen sich hunderte Wehrpflichtige an. Sie zogen in ihrer Winterdienst- Uniform ohne Waffen in der Silvesternacht mit brennenden Kerzen vor das Kasernentor, machten dort an den ersten beiden Januar-Tagen 1990 an dieser wichtigen Zufahrtsstraße zur Autobahn auf ihren Ärger aufmerksam. Unweit von hier – auf dem Gelände von Deutschlands einstiger Vorzeigeklinik Beelitz – befand sich seit Kriegsende das größte Militärhospital der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland. Dicht umlagerten die Soldaten vor dem NVA-Kasernengelände ein Denkmal mit einem T-34 auf dem Sockel, das auch an das zuvor auf diesem Areal aufgelöste Panzerregiment 1 mit 94 Gefechtsfahrzeugen der Potsdamer Motorisierten Schützendivision erinnern sollte. Ein Transparent trug die Aufschrift: „Wir sind auch Menschen“. Zur Erwärmung brannte ein Lagerfeuer. Ob die überregionale, sicher auch internationale Auswirkung eines solchen Soldaten-Protestes in diesen Stunden allen Teilnehmern bewusst war, glaube ich nicht. Einen solchen Aufruhr – noch dazu in einer deutschen Armee – hatte es bis zu diesem Zeitpunkt und in diesem Umfang noch nie gegeben. Aus heutiger Sicht genau neun Monate vor dem Ende der DDR und ihrer Streitkräfte, was damals aber noch nicht abzusehen war. Aber ein jeder der hier am 1. November einberufenen Soldaten wusste: Auf Meuterei stehen laut Militärstrafgesetzbuch bis zu zehn Jahre Haft im berüchtigten Militärgefängnis Schwedt. Die mutigen jungen Armeeangehörigen hatten zuvor unter dem Eindruck der vom Ministerrat am 21. Dezember eingesetzten Regierungskommission „Militärreform der DDR“ einen 22 Punkte umfassenden Forderungskatalog ausgearbeitet, der später erweitert wurde. Darin verlangte der Beelitzer Soldatenrat die künftige Einberufung in wohnortnahe Bereiche, die Verkürzung des Wehrdienstes von 18 auf 12 Monate, den öffentlichen Zugang zu allen Militärobjekten sowie bessere Dienstbedingungen, ebenfalls für Unteroffiziere. Für mich schon damals besonders interessant: Diese Resolution mit 378 Unterschriften, von Unteroffizieren und von Offizieren geduldet, wurde am Neujahrstag gegen 13 Uhr einem Redakteur der ADN-Bezirksredaktion Potsdam zur Veröffentlichung übergeben. Und von dort unter der Überschrift des Forderungskatalogs „An alle Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere! Schließt Euch an!“ an die Inlandsredaktion der Agenturzentrale nach Berlin gesandt. Eine ausführliche Nachricht über den „Soldaten-Streik in Beelitz“ erhielten dann alle Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen der DDR. So meine Erinnerung an diese, zum damaligen Zeitpunkt noch völlig ungewöhnliche Information aus der staatlichen Nachrichtenagentur. Wie man heute einer Dokumentation der Stadtverwaltung über die „Beelitzer Wendejahre 1989/90“ entnehmen kann, gab es unter den Einwohnern „eine beeindruckende Solidarität mit den Soldaten“. Diese unterhielten hier schon seit Dezember gute Kontakte zum 80 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Neuen Forum und Sprecher Thomas Wardin, dem späteren Bürgermeister, sowie zum Pfarrer Wolfgang Stamnitz. „Auch bei den Beelitzern hatte sich herumgesprochen, dass sich die Soldaten im Ausstand befinden. Es kamen viele, um den Soldaten Mut zu machen. Die Bäcker versorgten sie mit frischen Brötchen, die Fleischer brachten Wurst. Gastwirte sorgten für Getränke und warmes Essen“, liest man in diesen Erinnerungen. Nachdem hier NVA-Generale und Oberste aus den vorgesetzten Dienststellen keine verbindlichen Zusagen machen konnten, kam am 2. Januar 1990 Verteidigungsminister Admiral Theodor Hoffmann aus Strausberg zu den revoltierenden Soldaten. Nach ein paar Verhandlungsstunden verkündete er unter Beifall die Ergebnisse. So durften schon bald die Armeeangehörigen in ihren Heimatbetrieben arbeiten. Die Standortbereiche für den Ausgang wurden abgeschafft, der Personalausweis musste nicht mehr abgegeben werden, sodass man nun nach dem Mauerfall vom 9. November West-Berlin besuchen konnte. Sogar gemeinsames Essen war nun keine Dienstpflicht mehr. Verschärft hatte sich der Ärger, weil die Wehrpflichtigen in Beelitz nach ihrer militärischen Grundausbildung direkt an Brennpunkte der DDR-Volkswirtschaft abkommandiert wurden. Statt Hilfsarbeiten in der Lausitzer Braunkohle und an anderen Schwerpunkten, verlangten die einberufenen Facharbeiter und Ingenieure, vorwiegend aus dem Bezirk Magdeburg, den Einsatz in Heimatnähe und in ihren Berufen. Zur Unzufriedenheit hatte auch der Befehl zur erhöhten Gefechtsbereitschaft nach der Grenzöffnung beigetragen. Neben den anhaltenden Debatten um die Sinnhaftigkeit des Wehrdienstes angesichts des Produktionseinsatzes in der Wirtschaft, fand auch die Präsenz des Neuen Forum in Beelitz ein Echo in diesem Truppenteil. Im eigenen Casino tagte auf Einladung der Soldaten der Beelitzer Runde Tisch über die nächste Zukunft und die Umgestaltung des Landes mit friedlichen Mitteln. Bereits Ende Dezember 1989 hatte ein Soldat den Forderungskatalog des Soldatenrates an das Neue Forum überbracht. In meinen Augen ist auch bei all den Protesten in der DDR die Verantwortung von NVA- Berufssoldaten für ein friedliches Ende der DDR bisher noch nicht genügend von der Öffentlichkeit gewürdigt worden. Ich meine damit besonders die erfolgreichen Bemühungen der Offiziere, dass in jener Zeit nicht eine Maschinenpistole und nicht eine Rakete in falsche Hände gelangt ist. Und Gelegenheiten dazu gab es viele. Schließlich war Westgeld zu dieser Zeit eine sehr begehrte Währung in der DDR. Da ich in Pankow direkt an der Autobahn gewohnt habe und nach den ersten freien Wahlen regelmäßig in der neuen Volkskammer als ADN-Berichterstatter saß, beschäftigte mich oft ein Szenario, das glücklicherweise nie eintrat: Was wäre geschehen, wenn ein Kommandeur aus Oranienburg die 50 Kilometer bis zum Berliner Palast der Republik, wo das Parlament tagte, mit ein paar Panzern in gut einer Stunde zurückgelegt und hier irgendwelchen Forderungen Nachdruck verliehen hätte? Solche „Auftritte“ von enttäuschten DDR- Bürgern gab es hier fast jeden Tag. 81 2. Zwei Armeen vor der Deutschen Einheit Militärische Angriffe auf das erste frei gewählte DDR-Parlament und seine Regierung fanden nicht statt. Aber viele Bombendrohungen, von wem auch immer, unterbrachen oft das Geschehen in der Volkskammer. Die allermeisten NVA-Offiziere – Wehrpflichtige und Unteroffiziere erst recht – hatten, das war an anderen NVA-Standorten auch zu erleben, nicht nur vom Soldatenalltag, sondern vom realen Sozialismus in der DDR die Nase voll. Nicht wenige Soldaten der NVA, die nach der Grenzöffnung mit ihren Familien in die Bundesrepublik geflohen waren, meldeten sich – wie an der Infanterieschule in Hammelburg – in den für die große Fluchtbewegung aus dem Osten zur Verfügung gestellten Unterkunftsbereichen von Bundeswehr-Kasernen. Da die DDR-Armee noch existierte, galten sie als „Deserteure“. Noch vor wenigen Wochen wären sie in Abwesenheit für ihre Fahnenflucht von DDR-Militärgerichten zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt worden. Auch Bilder mit den meist jungen ostdeutschen Flüchtlingsfamilien gingen um die ganze Welt. Die militärische Zurückhaltung der NVA und die breite Bereitschaft ihrer Soldaten, sich dem Neuen im Land mit den notwendigen Reformprozessen zur Verfügung zu stellen, damit es hier endlich auf allen Gebieten besser wird, auch ohne Personenkult um Erich Honecker fast schon wie zu Ulbricht-Zeiten, schreckte die Einheiten der Staatssicherheit mit ihren 142 Schützenpanzerwagen davor ab, das Rad der Geschichte mit Gewalt rückwärts zu drehen. Zumal auch die Truppen der WGT unter dem Kommando von Präsident Michail Gorbatschow jedes Blutvergießen vermeiden wollten. Das waren wohl doch die Erfahrungen vom 17. Juni 1953 bei den Arbeiterunruhen in der DDR, von der Niederschlagung der Aufstände 1956 in Ungarn und 1968 in der CSSR, vom Mauer-Bau 1961 in Berlin oder von der militärischen Bedrohung Polens 1981. Ein Einsatzbefehl für die sowjetischen Truppen, wieder mit Panzern jede Demonstration in der DDR niederzuwalzen, was hier in breiten Kreisen der Bevölkerung immer wieder befürchtet wurde, hätte zweifellos für sehr lange Zeit auch international zu einer Verschärfung des Kalten Krieges geführt. Allerdings habe ich auch nach den letzten Volkskammerwahlen eine Veranstaltung im Gro- ßen Hörsaal der ehemaligen SED-Parteihochschule in Berlin erlebt, als sich hohe Dienstgrade der NVA gegenüber Minister Eppelmann lautstark mokierten. Das war wohl die Antwort auf sein Versprechen, dass es im vereinten Deutschland zwei Armeen geben würde und wesentlich mehr Leute aus der NVA eine Weiterbeschäftigung finden. Ich staunte nur, auf welch disziplinlose Art so mancher Oberst aus den NVA-Führungsriegen hier seinen Protest kundtat. Noch ein Jahr zuvor hätten wohl diese Herren die ihnen unterstellten Personen für ein solches unmilitärisches Verhalten gemaßregelt. Volksarmee auch „Arbeitsreserve“ Zur Rolle der Nationalen Volksarmee gehörte ihr ständiger Einsatz als „Arbeitsreserve“ und „Devisenbringer“ in der DDR-Volkswirtschaft. Auch diese Aufgabe prägte eine sozialistische Armee. Hieß es doch schon in den 1950er Jahren bei der Kollektivierung der 82 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Landwirtschaft voller Ironie: „Wir gründen eine LPG, die Arbeit macht die Volksarmee“. Eine Devise etwa so wie „Stadt und Land, Hand in Hand“ aus dieser Zeit. Auch spätere Einsätze bei der Ernte und in der Braunkohle, im Verkehrswesen oder bei Versorgungsengpässen zählten über all die Jahre zum „Soldatenalltag“. Spitzenwerte erreichte die Abkommandierung regulärer Truppen ohne Bewaffnung in die Produktion vor der Wende: Im Juli 1989 hielten sich 12 819 Armeeangehörige nicht in den Kasernen auf. Auf Weisung der DDR-Führung mussten sie „vor Ort“ als Billiglöhner die klamme Staatskasse auffüllen. Diese damals geheimen Zahlen gehen aus einer Studie des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes Potsdam hervor. Die Autoren sehen darin einen Zusammenhang zur Tatsache, dass bei anonymen Befragungen von DDR-Soldaten zur These „Der Sozialismus muss verteidigt werden“ die Befürwortung „ab Mitte der 80er Jahre rapide zurückging“. Kein Wunder, denn die uniformierten Arbeitstruppen waren in Bereichen von zehn Fachministerien mit rund 80 Kombinaten und Betrieben im Einsatz. 30 Prozent in Normalschicht, 60 Prozent im Mehrschichtsystem, 10 Prozent im durchgängigen Schichtsystem. Für die Leistungen der Soldaten mussten die Betriebe nach einem Stundenverrechnungssatz von 15 Mark je Einsatzstunde an den Staat zahlen. Ferner Entgelte für Transportleistungen und Übernachtungen in militärischen Objekten, falls die Betriebe keine Unterkünfte stellen konnten. So waren 1989 bis Ende Juni Einnahmen von 110,4 Millionen Mark erzielt worden, geht aus DDR-Papieren hervor. Der volkswirtschaftliche Nutzen betrug 380,9 Millionen Mark. Die Zielstellung der Staatlichen Plankommission sah 1989 hierdurch vor: Zuwachs an industrieller Warenproduktion von einer Milliarde Mark, wodurch zusätzliche Exporte von 120 Millionen Valuta-Mark in das sozialistische und von 64 Millionen in das nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet sowie die Ablösung von West-Importen von 185 Millionen Valuta-Mark ermöglicht werden sollten. Da die DDR-Schuldenlast zwischen 1970 und 1988 von 2 auf 49 Milliarden Valuta-Mark angewachsen war, handelte es sich beim ganzjährigen NVA-Arbeitseinsatz nur noch um einen Verzweiflungsakt. Für viele Soldaten dennoch die Gelegenheit, den primitiven Bedingungen und oft sinnlosen Beschäftigungen in den Kasernen zu entkommen. Sie arbeiteten meist fleißig, obwohl nicht immer unter günstigen Bedingungen. So waren mehr als 1 000 Soldaten der Landstreitkräfte in gesundheitsgefährdeten Bereichen tätig und erhielten bis Mitte 1989 überwiegend nicht die dort den Beschäftigten gewährten Zuschläge. In einer Dienstbesprechung beim Chef der NVA-Landstreitkräfte war am 24. Juli 1989 protokolliert worden: „Nicht zu übersehen sind jedoch solche Meinungen wie: Warum zieht Ihr uns in die Armee ein, wenn wir dann doch Aufgaben in der Volkswirtschaft zu lösen haben?“ Auch nachdem „spezielle Arbeitseinheiten“ für Soldaten geschaffen wurden, kamen bei langfristigen Arbeitseinsätzen immer mehr Zweifel an den Verteidigungsanstrengungen im Warschauer Pakt. „Der Unmut über diese Art von Verwendung wuchs“, heißt es in der Potsdamer Bundeswehr-Studie. Kritische Stimmen und Haltungen sollten laut 83 2. Zwei Armeen vor der Deutschen Einheit ostdeutschem Verteidigungsministerium vom 8. September 1989 „durch Erziehungsarbeit“ abgebaut werden. Für ein solches „Blabla“ waren dann die Polit-Offiziere zuständig. Zu dieser Zeit sahen, wie schon erwähnt, nicht wenige Armeeangehörige – auch Grenzsoldaten – in der Fahnenflucht den einzigen Ausweg aus ständiger Bevormundung und Diskriminierung. Deren Zahl erhöhte sich zwischen Juni 1988 und Mai 1989 gegenüber dem vorangegangenen Vergleichszeitraum von 46 auf 55, nachdem sich schon seit 1980 hunderte DDR-Soldaten in den Westen absetzen wollten und viele dabei verhaftet wurden. Von Juni bis September mussten 39 weitere solcher „Fälle“ registriert werden, fast jeder zweite mit einem Berufssoldaten. Die Auswanderungswelle und Fahnenfluchten nahmen nach dem 40. DDR-Jahrestag am 7. Oktober 1989 noch zu – allein vom Dezember 1989 bis Mai 1990 kehrten 1 507 ehemalige NVA-Angehörige ihrem Staat den Rücken. (1995) Eppelmann: NVA diente dem Frieden Auch das bleibt in Erinnerung: Die Angehörigen der NVA haben seit dem Herbst 1989 dazu beigetragen, dass der Umgestaltungsprozess in der DDR friedlich verlief und sich Freiheit und Demokratie auch in diesem Teil Deutschlands den Weg bahnen konnten. Daran erinnerte Abrüstungs- und Verteidigungsminister Rainer Eppelmann (Demokratischer Aufbruch) in einem Tagesbefehl am 2. Oktober 1990 zur Eingliederung der NVA in die Bundeswehr anlässlich des DDR-Beitritts zur Bundesrepublik Deutschland. Und das, obwohl die NVA unter der Vormundschaft einer Partei gestanden habe, die sich als unfähig erwies, den Interessen der DDR-Bürger gerecht zu werden. „Es bleibt jedoch das Verdienst der Angehörigen der Nationalen Volksarmee, ihre von der Verfassung gegebene Aufgabe, die äußere Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger zu gewährleisten und der Bewahrung des Friedens zu dienen, nach bestem Können und mit hoher Professionalität erfüllt zu haben.“ Dafür sprach ihnen der Minister seinen Dank aus. Eppelmann forderte die bleibenden und die in den nächsten Jahren ausscheidenden Angehörigen auf, solange sie dienen, die ihnen übertragenen Pflichten in Ehre und Würde zu erfüllen und mit all ihren Kräften zum Schutz von Freiheit und Demokratie in einem geeinten Deutschland und zur Aufrechterhaltung des Friedens in Europa beizutragen. Er entließ die Angehörigen und Zivilbeschäftigten aus ihren Verpflichtungen gegenüber der DDR und teilte mit, dass sie ab 3. Oktober 1990, 00:00 Uhr, Soldaten beziehungsweise Zivilangestellte der Bundeswehr sind und dem Zuständigkeitsbereich des Bundesverteidigungsministers der BRD unterstehen. (1990) In einem Grußwort zur Sonderausstellung „Die deutschen Luftstreitkräfte in der Wiedervereinigung“ auf dem Flugplatz Berlin-Gatow schrieb Eppelmann viele Jahre später: „Die NVA pflegte bis in das Jahr 1990 hinein noch die preußischen ‚Militärtugenden‘ wie Drill, Gehorsam, Unterwerfung und Demütigung, um die Unterordnung des Einzelnen zu erreichen. Das Bild vom ‚Staatsbürger in Uniform‘, das damals in der Bundesrepublik bereits zum Leitbild des demokratischen Selbstverständnisses der Streitkräfte gehörte, war der 84 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten NVA fremd. Umso mehr ist zu würdigen, dass binnen weniger Jahre aus den Angehörigen zweier sich feindselig in gegensätzlichen Militärblöcken gegenüber stehenden Armeen die ‚Armee der Einheit‘ mit einer gemeinsam getragenen und erfüllten Verantwortung werden konnte. Die Integration der ehemaligen NVA-Angehörigen hat gezeigt, wie das Zusammengehen von Ost und West möglich ist … In diesem Sinne ist die Bundeswehr ein Abbild deutscher Einheit im Kleinen.“ Diese Sonderausstellung zeigte dem aufmerksamen Besucher auch eine ganze Reihe von Stasi-Dokumenten über Interna aus der NVA der letzten Jahre. So meldete die Verwaltung 2000, das für die Armee zuständige Überwachungsorgan, direkt an das Ministerium für Staatssicherheit, dass vom 1. Januar bis zum 10. Dezember 1989 512 NVA-Angehörige „fahnenflüchtig geworden sind“. Darunter befanden sich 24 Offiziere. In einem Stasi-Situationsbericht aus der IL-62-Staffel im Transportfliegergeschwader 44 in Marxwalde wurden folgende Fragen der Armeeangehörigen aufgelistet: „Mit welchem Recht und auf welcher Grundlage erhalten bestimmte Generale Devisen und machen Urlaub im nichtsozialistischen Ausland?“, „Wird das vom Staat bezahlt oder vom Hauptpassagier?“, „Wird das Mitnehmen der Verwandten bei der Abteilung Finanzen bezahlt oder ist das auch umsonst?“, „Warum können die höchsten Geheimnisträger so unbehelligt in das nichtsozialistische Ausland reisen? Ist das sicherheitspolitisch vertretbar?“, „Sind alle anderen, die weniger wissen, so vertrauensunwürdig?“, „Wer kontrolliert und wer entscheidet oder verantwortet diese ökonomischen Ausgaben, die nichts mit Sparmaßnahmen zu tun haben?“ Diese Zusammenfassung „stellt eine Aufarbeitung der letzten sechs Monate aus dem Berichtsaufkommen der IM (geheime Inoffizielle Mitarbeiter – d.A.) dar“, meldet der Leiter der Abteilung, ein Oberst, an die vorgesetzte MfS-Diensteinheit. Und bei Flügen von hohen NVA-Generalen, die namentlich genannt wurden, „wird immer wieder deutlich, dass hier andere Produkte eingesetzt werden, als das mit normaler DDR-Verpflegung möglich ist. Dies führt hier ebenfalls zu dieser ‚Privilegierungsstimmung‘“, heißt es weiter. Aus diesem Grund seien „zukünftig alle Originalberichte der IM“ mit solchen kritischen Fragen aus dem Geschwader dem Leiter der Stasi-Abteilung vorzulegen“. (2011)

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References

Abstract

With the end of the GDR and Germany's unification three decades ago the National People's Army also stopped being a force. A part of their soldiers now served under the banner of their former opponent. On the "Retreat" from the Cold War between East and West mastered the Bundeswehr this human and military mission: the army of unity became

to the army of all Germans. Never before has the military peacefully achieved so much!

The accession area became a pilot for the new army structure. A smaller air force secured the airspace. For the German Seenation went the course change towards "unlimited horizon". In the Bundeswehr were Scharnhorst visions, whose tomb on the Invalidenfriedhof in Berlin again shines in the old glory, reality – army as alive part of a state, soldier service an honor service. The new armed forces took Europe's commitment to peace and democracy, too international

responsibility for peacekeeping operations. and conflict resolution.

Zusammenfassung

Mit dem Ende der DDR und Deutschlands Wiedervereinigung vor drei Jahrzehnten hörte auch die Nationale Volksarmee auf, eine Streitmacht zu sein. Ein Teil ihrer Soldaten diente nun unter der Fahne des einstigen Gegners. Auf dem „Rückzug“ vom Kalten Krieg zwischen Ost und West meisterte die Bundeswehr diese menschliche und militärische Mission mit Bravour: Die Armee der Einheit wurde zur Armee aller Deutschen. Nie zuvor hat Militär friedlich so viel erreicht. Das Beitrittsgebiet bekam Pilotcharakter für die neue Heeresstruktur. Eine kleinere Luftwaffe sicherte den Luftraum mit Air Policing und Flugabwehr. Trotz Schlankheitskur ging der Kurswechsel für die deutsche Seenation mit dem Welthandel in Richtung „unbegrenzter Horizont“. In der Bundeswehr wurden Scharnhorst-Visionen, dessen Grabmal auf dem Berliner Invalidenfriedhof wieder in altem Glanz erstrahlt, Realität: Armee als lebendiger Teil eines Staates, Soldatendienst ein Ehrendienst. Peter Heinze widmete sich seit dem Tag der Deutschen Einheit besonders der Bundeswehr im Beitrittsgebiet. Mit dem Ende des Kalten Krieges verfolgte der ostdeutsche Journalist den Abzug russischer Truppen als größte Militärbewegung im Nachkriegseuropa und die internationale Abrüstung unter der Devise „Vertrauen gegen Vertrauen“. Der vorliegende Band versammelt seine Erfahrungen und Erkenntnisse der letzten 30 Jahre und bietet so einen ebenso fundierten wie persönlichen Überblick über die Wiedervereinigung in der nun gesamtdeutschen Armee.