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6. Die Auflösung der Nationalen Volksarmee in:

Peter Heinze

Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten, page 267 - 296

Ein Journalist erlebte die Armee der Einheit

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4410-0, ISBN online: 978-3-8288-7411-4, https://doi.org/10.5771/9783828874114-267

Tectum, Baden-Baden
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267 6. Die Auflösung der Nationalen Volksarmee Bundesminister im Honecker-Führungsbunker Vergangenheit und Gegenwart prallten im November 1990 im brandenburgischen Prenden wie kaum an einem anderen ostdeutschen Ort aufeinander, als Bundesverteidigungsminister Gerhard Stoltenberg den Führungsbunker des Nationalen Verteidigungsrates der DDR inspizierte. Die unterirdische Anlage rund 50 Kilometer nördlich von Berlin war schlechthin der geheime Zufluchtsort von Honecker & Co. Der Bunker wurde speziell für den Kriegs- , Krisen- und Katastrophenfall gebaut. Bei einem Volksaufstand – erinnert sei an den 17. Juni 1953 – hätte das Bauwerk der Führungsspitze des Arbeiter-und-Bauern- Staates ebenso als Versteck gedient. Die Räume, gut 20 Meter unter der Erde, waren 1983 fertiggestellt worden. Gemeinsam mit Generalen und Offizieren der Bundeswehr machte sich der CDU-Politiker mit dem bisher von der Öffentlichkeit abgeschirmten Militärobjekt näher vertraut. In einer Journalistengruppe war ich dabei. Mit vier weiteren Einrichtungen dieser Art im damaligen Kreis Bernau, ursprünglich dem Ministerium für Staatssicherheit unterstellt, kam es nach der Stasi-Auflösung 1990 in die Rechtsträgerschaft des Verteidigungsministeriums. Nach der Wiedervereinigung übernahm das Bundesverteidigungsministerium das Ungetüm „nur durch einen Zufall“, versicherte der Minister. „So etwas kennen wir im Westen nicht!“ Ebenso andere Liegenschaften dieser Art. Zum unliebsamen Erbe zählten auch die Bunker in den vormaligen 14 Bezirksstädten. Für alle Beteiligten glich der Rundgang dem Besuch eines Gruselkabinetts. Nach einem rund 200 Meter langen unterirdischen Gang, der von einem Stabsgebäude aus zu erreichen war, und durch eine schwere Stahltür konnte man den 65 mal 40 Meter großen Betonklotz betreten. Drei Etagen mit insgesamt 170 Arbeits- und Wohnräumen hingen an dicken Seilen und wurden von schweren Federn abgestützt. Die SED-Funktionäre hätten so jede Erschütterung ohne ernsthafte Folgen überstanden. Laut Berechnungen der Konstrukteure wäre selbst ein Kernwaffenschlag in 400 Meter Nähe im Inneren des Bunkers kaum zu spüren gewesen, berichtete ein Ex-NVA-Offizier. Um den atomaren Explosionsdruck zu widerstehen, seien die Außenwände durch eine besondere Konstruktion von Beton und Stahl gehärtet worden. So stabil war alles. Man sah es auch. Wie in einem U-Boot sorgten enge Korridore, einfache Arbeitsräume und hohe Schlafsäle der Besatzung mit je 15 dreistöckigen Betten für bescheidene Lebensbedingun- 268 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten gen. Eine Energiezentrale, das Wasserwerk und eine Klimaanlage sollten die Handlungsfähigkeit der Führung im Untergrund sichern. Der Kommentar eines Bundeswehroffiziers: „Wir wussten zwar von der Anlage. Ihre Perfektion kannten wir aber nicht.“ Der Raum des Staatsratsvorsitzenden, der den Bunker nur einmal kurz nach der Einweihung besucht hat, bot Kontakte zu fünf Arbeitsgruppen. In diesen Gremien sollten Militärs, Wirtschaftsexperten und Medienleute aus dem SED-Zentralkomitee die aktuelle militärische Lage analysieren. Auf dem Fernseh-Bildschirm konnte Honecker neben den beiden DDR-Programmen aus Berlin-Adlershof auch die ARD, das ZDF und den NDR empfangen. So wollte er sich jederzeit ein Bild über die Lage „auf der anderen Seite“ der Front machen. Der Beratungsraum nebenan bot den 17 Mitgliedern des Verteidigungsrates, alles hohe Partei- und Staatsfunktionäre, Platz an einem langen Tisch. Terminals waren mit dem Rechnersystem des Verteidigungsministeriums verbunden. Dessen Führung verfügte für den Kriegsfall im brandenburgischen Harnekop über einen eigenen Bunker. Ein Lagezentrum mit aktuellen Karten sollte die Entscheidungsfindung Honeckers erleichtern. Von hier aus wäre der Truppeneinsatz von Volksarmee, Staatssicherheit, Grenztruppen, Polizei und Betriebskampfgruppen bis hin zur Zivilverteidigung an der Seite der Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte koordiniert und befehligt worden, erläuterte man uns. Der „Oberkommandierende“, Honecker, sollte zudem in einer Marschalluniform aus der Bunkertiefe heraus zur Bevölkerung zwischen Ostsee und Erzgebirge sprechen können. Der Bunker im Urstromtal hätte seinen Insassen etwa 40 Tage lang ausreichend Luft, Wasser und Essen geboten. Mit Hilfe der Besatzung von etwa 350 Bediensteten sollten die Funktionäre auch ohne Kontakt zur Außenwelt nicht auf ihre Bequemlichkeiten verzichten: Wie in der Politbüro-Waldsiedlung Wandlitz waren dafür hochwertige Getränke und Speisen aus dem Westen vorgesehen und nicht etwa Thüringer Wurst oder Radeberger Pils. Zwei Wachbataillone des Mielke-Ministeriums, das nach sowjetischem Vorbild diesen Bunker als Kernstück eines von der Regierungsebene über die DDR-Bezirke bis zu den Kreisen reichendes Schutzsystem betrieb, sorgten für Geheimhaltung und Bewachung. Das betraf ebenso den Anlaufpunkt, den Ausweichgefechtsstand und die geschützten Sendestellen rund um diese Anlage. An alles war gedacht. Alle Vierteljahre fand eine Übung statt, bei der Honecker und die anderen SED-Politbüro-Mitglieder gedoubelt wurden. Das „Projekt 5000“ mit der Hauptführungsstelle und vier weiteren Bunkeranlagen in dieser Gegend hat der DDR-Bevölkerung weit über eine Milliarde Ost-Mark gekostet. Die Personal- und Wartungskosten für den Gesamtkomplex unweit der Waldsiedlung Wandlitz bei Bernau betrugen jährlich rund 12 Millionen Mark. Etwa 30 DDR-Kombinate waren im Prendener Forst am Bau der meterdicken Betonwände mit einer stabilen Außen- Stahlblechverkleidung, die das Eindringen von Grund- und Schichtenwasser völlig ausschließt, sowie an der damals hochmodernen technischen Ausstattung beteiligt. 269 6. Die Auflösung der Nationalen Volksarmee Dieser Bunker stellte eine der wenigen echten „Festungen“ im ansonsten wohl auch aus ökonomischen Gründen recht schwach pioniertechnisch befestigten Verteidigungssystem der DDR dar. Dieses Missverhältnis von kaum vorhandenen Verteidigungsanlagen in der DDR, dafür aber ausgeprägten Angriffsplanungen für die eigenen Truppen, fiel den Experten der Bundeswehr schon sehr bald auf. Bekanntlich mussten die NVA-Soldaten angesichts der offensiven sowjetischen Militärdoktrin meist mit hoher Gefechtsbereitschaft den schnellen Durchbruch vorbereiteter „gegnerischer“ Stellungen üben – mehr Angriff als Verteidigung. Erst ab 1987 wandelte sich die NVA-Angriffsfähigkeit zugunsten der Verteidigungsfähigkeit, weil das die Teilnehmerstaaten des Warschauer Vertrages in Berlin beschlossen hatten. Nach der Besichtigung der unterirdischen Kommandozentrale aus DDR-Zeiten erklärte der Bundesverteidigungsminister: „Wir haben für diese zentrale Einrichtung keine Verwendung.“ Verständlich, denn Monster dieser Art waren nach der deutschen Wiedervereinigung sowie der Annäherung zwischen Ost und West in Europa nicht mehr zeitgemäß. Weil die Bundesregierung generell auf solche Reliquien des SED-Regimes verzichtet hat, wurde dieser Bunker, erst 1988 fertig gestellt, im April 1993 dicht gemacht. Zuvor entsorgte man die Elektronik der Überdruckanlage und die Dispatcheranlage als Sondermüll. Die Notstromaggregate wurden ausgebaut und verkauft. Kommunen erhielten das Mobiliar. Honeckers Wechselwäsche und Mielkes Hauspantoffel, die uns hier angesichts des Ernstes dieser Situation im Bunker nach ständigem Kopfschütteln oder Staunen über den Einfallsreichtum der Bunkerkonstrukteure auch mal tief unter der Erde zum Lachen brachten, bekam das Deutsche Rote Kreuz als Spende. Um der 480-Seelen-Gemeinde Prenden Wallfahrten zum einstigen Superbunker der DDR zu ersparen, wurden die Ein- und Ausgänge der Anlage laut Wehrverwaltung „fachgerecht verschlossen“. Auch für die Geheimausgänge, Notausstiege, Montageöffnungen und Lüftungsschächte nutzte die beauftragte Firma den Beton 25. Das Material in hoher Güte- und Festigkeitsklasse sollte diesem Erbstück aus der gestürzten SED-Diktatur den ewigen Frieden bringen. Eigentümer wurde das Land Berlin. Danach ließen sich hier immer wieder „Bunkerspechte“ heimlich nieder und suchten in der Anlage nach bisher unbekannten Schätzen. Im Jahr 2008 bot der Verein Berliner Bunkernetzwerk sogar Führungen durch das inzwischen von den Einflüssen der Natur gezeichnete Labyrinth an. Da hatten es Fachleute aus den USA unmittelbar nach der Wiedervereinigung leichter: Sie konnten noch wie wir Journalisten den völlig intakten Eingangsbereich benutzen, um dann in der einst modernsten Bunkeranlage des Warschauer Pakts alles Wissenswerte für ihre Zwecke zu dokumentieren. Dieser Transfer von Know-how muss sich durchaus gelohnt haben. Denn inzwischen steht der verschlossene und auch unsichtbare Bunker als Technisches Denkmal unter Schutz. Das internationale Interesse erinnerte mich an das Ende des Zweiten Weltkrieges, als nur wenige Kilometer von meiner Heimatstadt Arnstadt entfernt den amerikanischen Truppen im April 1945 beim Vormarsch in Thüringen im Jonastal auf dem riesigen Übungs- 270 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten platz Ohrdruf der Wehrmacht eine geheime hochmoderne Fernmelde-Führungsanlage der Reichspost in die Hände fiel. Außerdem ein noch unvollendetes Bunkersystem mit unzähligen Stollen. Vor Kriegsende sollte hier von KZ-Häftlingen aus Buchenwald ein Führerhauptquartier errichtet werden. Davon ist noch heute mancher Historiker, aber auch die Bevölkerung dieser Gegend überzeugt. Eine Tafel am Denkmal im Jonastal hält heute die Erinnerungen an die Häftlinge und ihr Leid wach. Als Kleinkind hatte ich damals vor dem Haus meiner Oma Luise Auf der Setze in Arnstadt oft Lastkraftwagen – wie ich heute weiß – der SS mit Personen auf den mit Brettern versperrten Ladeflächen gesehen. Ein friedliches Ende fand auch der geheime bundesdeutsche Regierungsbunker Ahrweiler in der Eifel mit seinem 17 Kilometer langen Stollenlabyrinth. Er war 1966 während der Nato-Stabsübung FALLEX 66 erstmalig im Rahmen der umstrittenen Notstandgesetze mit einem virtuellen Krieg und nuklearem Szenario gegen die Warschauer Vertragsstaaten auf seine Tauglichkeit erprobt worden. Die letzte Schlacht im „Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes im Kriegs- und Krisenfall“, wo alle zwei Jahre die Nato-Übungsserien FALLEX, WINTEX und CIMEX durchgespielt wurden, fand hier allerdings in einer internationalen Entspannungsperiode Anfang 1989 als „3. Weltkrieg“ statt. Die gesamte Nato bereitet sich auf den „Kriegszustand“ vor, wurde der Öffentlichkeit mitgeteilt. Laut Akten aus den Beständen der DDR-Spionage nahmen 2 610 Zivilisten und Militärs am „Verfahren Weltkrieg“ teil. Parole: „Die Bundesrepublik Deutschland ist im Kriegszustand“. Im Zuge des „komprimierten Kriegsgeschehens“ lief WINTEX 89 mit Höchstgeschwindigkeit auf den atomaren Höhepunkt zu, heißt es in einer Veröffentlichung der Dokumentationsstätte Regierungsbunker, die Jahr für Jahr etwa 75 000 Besucher aus aller Welt zur Bunkeranlage und über ihre Rolle im Kalten Krieg informiert. Dem Ersteinsatz von Atomwaffen, der den Vorstoß des Warschauer Paktes in Richtung Atlantik stoppen sollte, wollte die Nato einen nuklearen Zweitschlag folgen lassen. Es wurden Ziele definiert, die auch auf dem Gebiet der DDR lagen. Gegen Dresden und weitere ostdeutsche Großstädte waren schon bei der Übung WINTEX/FALLEX 86 Ziele von der Nato avisiert worden, worauf Bundeskanzler Helmut Kohl dem CDU-Abgeordneten Willy Wimmer als „Verteidigungsminister Üb“ vor Ort den sofortigen Rückzug der Vertreter der Bundesregierung angewiesen hat. „Die Nato hätte sich in dieser Phase des Kalten Krieges mit einem geübten atomaren Zweitschlag ein Rieseneigentor geschossen.“ So Helge Hansen, Kommandierender General des III. Korps in Koblenz bei WINTEX 89. „Die Geschwindigkeit politischer Veränderungen im Ostblock war dank Gorbatschows Perestroika-Politik hoch. Ein Angriff des Warschauer Paktes, wie bei WINTEX angenommen, hatte keinen Bezug mehr zur realen Welt.“ Hansen, der sich nach 38 Dienstjahren und davon nahezu zehn Jahre in integrierten Verwendungen 1995 in einem Interview mit mir ein „Kind der transatlantischen Allianz“ nannte, bereitete später als Nato-Verantwortlicher für Planung und Operationen die (dann abgesagte) Übung WINTEX 91 vor und wertete dafür auch die Abläufe der Übung 1989 aus. 271 6. Die Auflösung der Nationalen Volksarmee „Es war ein Anachronismus, mitten in einer Entspannungsphase zwischen den Weltmächten massive Atomwaffeneinsätze durchzuspielen.“ Die DDR-Spionage fand laut Dokumentationsstätte „75 solcher Nuklearwaffenschläge auf Ostblockstaaten in den Nato-Unterlagen, davon neun auf ostdeutsches Gebiet“. Und 25 Nuklearschläge meldete das Hamburger Nachrichtenmagazin „DER SPIEGEL“. Am 9. März 1989 – eine Woche vor den ersten freien Volkskammerwahlen in der DDR – verließen nach 13 Tagen die letzten 978 Übungsteilnehmer den Regierungsbunker. Niemand war sich zu dieser Zeit bewusst, dass es sein letzter WINTEX-Einsatz gewesen ist. Der Bunker hatte ausgedient. Acht Jahre später wurde er aufgelöst, 1998 geschlossen und danach entkernt. Doch während WINTEX-Informationen seit Jahren öffentlich sind, Generale und andere Kenner der Materie heute über Übungsinhalte sprechen und unterschiedliche Sichtweisen vertreten, prüfen Bundesarchiv und Bundesverteidigungsministerium die Freigabe der mit höchsten Nato-Geheimstempeln versehenen Schreckenspläne und Drehbücher mit den geplanten atomaren Schlägen auf ostdeutsche Städte wie Berlin und Dresden, vertagen die historische Aufarbeitung des atomaren Kriegsspiels in einer Zeit der Abrüstung und internationalen Entspannung. DDR-Luftwaffe am „Geburtsort“ abgewickelt Das über 800-jährige Cottbus in der Lausitz galt zu DDR-Zeiten nicht nur als ein Zen trum von Kohle und Energie sowie der Textilindustrie. Hier war auch der „Geburtsort“ der NVA- Luftwaffe. Sie nahm 1952 mit der 1. Fliegerdivision den Dienst auf und begann mit dem militärischen Flugbetrieb. Das fand vier Jahre vor der Gründung der Volksarmee statt. Zum Ende der DDR existierten dann 34 Großverbände und Verbände mit einer Vielzahl von Stäben, Einheiten, Teileinheiten, Depots, Werkstätten und Versorgungseinrichtungen. Sie waren an rund 130 Standorten disloziert und nutzten mehr als 300 Liegenschaften. Zur Täuschung der Öffentlichkeit wurde der Verband mit Regimentern in Brandenburg, Kamenz und Bautzen damals als Aeroklub bezeichnet. Die Maschinen trugen einen roten Stern als Hoheitszeichen. Nachdem auch in Cottbus am Vorabend des Tages der Deutschen Einheit 1990 die NVA-Truppenfahne eingerollt worden war, endete in der Spreestadt das allerletzte Kapitel der anderen deutschen Luftwaffe. Danach begann der Abwicklungsstab Süd mit der Auflösung von 117 Verbänden, Einheiten und Dienststellen, die nicht in die Bundeswehr übernommen werden sollten. Gut drei Jahre später hieß es: Auftrag erfüllt. In 218 Liegenschaften hatte man alles personell und materiell abgewickelt. Die Objekte wurden „besenrein“ an die zuständigen Stellen oder Nachnutzer übergeben. Bei diesen Hinterlassenschaften ging es um zehn Geschwader, je drei Fla-Raketenbrigaden und Regimenter, acht Radarführungsabteilungen, zwei Offiziershochschulen, eine Unteroffizierseinrichtung. Für all das gab es in der neuen Luftwaffendivision der Bundeswehr Ost keine Verwendung. Die meisten der 600 Kampf- und Transportflugzeuge (MiG-15, -17, -19, -21, -23, L-29, -39, AN-2, -14, IL-14, -18) sowie Hubschrauber (Mi-2, -4, -8, -24) wurden 272 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten im Rahmen des KSE-Vertrages verschrottet. Einen Teil – so die in jener Zeit moderne SU- 22 (FITTER), von der die DDR 54 Maschinen besaß – erhielten Museen in aller Welt. Das bedeutete, auch international, eine spektakuläre Abrüstungsmaßnahme der Bundesrepublik. Parallel zur Herstellung der Unbedenklichkeit an den Luftfahrzeugen wurden die einzelnen Schritte hin und wieder in Wort und Bild dokumentiert. Beispiel MiG-23: Einweisung des Personals, Öffnen aller Luken, Ablassen aller Betriebsstoffe, Ziehen des Sitzes, Ausbau der Bordkanone, Entfernen des Bremsschirmes, Abbau der Außenlastträger … Die DDR-Streitkräfte verfügten über 50 Fla-Raketen-Komplexe mit insgesamt 3 500 Lenkflugkörpern. Darunter befanden sich Typen wie „Dwina“ (GUIDELINE), „Newa“ (GOA) und „Wega“ (GAMMON). Ihre Vernichtungszonen lagen zwischen fünf und 240 Kilometern. Die Flugkörper wurden zerlegt. Anzündladungen, Gefechtsteile und Starttriebwerke kamen zu Verwertungsfirmen. In Pinnow erfolgte die Entsorgung der Lenkflugkörper, einschließlich der Pulverstangen der 1. Stufe und des Raketentreibstoffes. Das waren etwa 2 200 Tonnen. Die munitionstechnische Entsorgung erfolgte fast ausschließlich in Betrieben der neuen Bundesländer. Vernichtet wurden bis 1994 auch 110 000 Tonnen Munition, das war gut ein Drittel des Gesamtbestandes der NVA. Allein das kostete 420 Millionen DM, sicherte aber 1 200 Arbeitsplätze. Von den einst fast 20 000 Kraftfahrzeugen der NVA-Luftwaffe erhielten Kommunen und gemeinnützige Vereine etwa 8 000 Stück unentgeltlich. Weitere 2 500 fahrbereite Kfz wurden via Überseehafen Rostock für die GUS-Hilfe an die Ukraine, nach Kasachstan, Russland, Estland und Lettland verschickt. Verschenkt hat man Ausrüstungsgegenstände und Bekleidung. Schulen in Cottbus und Umgebung bekamen brauchbares Mobiliar, Ausbildungs- und weitere Hilfsmittel. Dem Deutschen Roten Kreuz wurde Sanitätsmaterial, den Städtischen Vermessungsämtern Theodoliten übergeben. Die Universität Frankfurt/Oder konnte 80 000 Fachbücher aus den Offiziershochschulen Kamenz und Bautzen kostenlos übernehmen. Bei der Übernahme der Liegenschaften registrierte man Schadstoffe unterschiedlichster Art. Sie wurden klassifiziert und konzentriert. Eine Anmeldung zur Entsorgung fand oft nur auf der Basis von geschätzten Mengen statt. Der Zustand der Behälter ließ zum Teil keine Umlagerung zu. Ein weiteres Problem: Auf den ehemaligen Flugplätzen waren noch Betankungsanlagen vorhanden. Die Außerbetriebnahme und Entsorgung konnten mit eigenen Kräften und Mitteln nicht durchgeführt werden. Da halfen die Pipelinepioniere des Heeres. Sie entleerten die Tanklager und das Pipelinenetz auf den Flugplätzen Drewitz, Holzdorf und Bautzen. Es wurden insgesamt zirka elf Kilometer Rohrleitungen abgebaut. 273 6. Die Auflösung der Nationalen Volksarmee Zur Verwertung des Materials der DDR-Luftstreitkräfte gelangten weitere „Artikel“ in den Wirtschaftskreislauf: 470 t Melange, 80 t Tanktechnik, 24 Flugplatzbetankungsanlagen, 400 000 Rollreifenfässer mit verschiedenen Inhalten, 8 Millionen Liter Flugturbinenkraftstoff, 2 Millionen Liter Vergaserkraftstoff/Diesel, 600 t Altöle, Fette und Schmierstoffe, 3 000 t Schadstoffe wie Methanol, 3 000 t Farben und Verdünnung. Allein im Verwahrlager Cottbus befanden sich 500 t Bekleidung und Ausrüstung, 600 t Kfz-Ersatzteile, 700 t Fernmelde-Ersatzteile, 300 t Pioniermaterial und 100 t Sanitätsmaterial. Man konnte wirklich sagen: Das Militär der DDR hatte auch in dieser Teilstreitkraft für den „Fall der Fälle“ vorgesorgt. „Im Gegensatz zur Umstrukturierung oder Auflösung von Verbänden in den alten Bundesländern gab es hier erhebliche Probleme“, berichtete mir Major Walter Weinert, Leiter des Abwicklungsstabes. „So fehlten Verfahrensweisen, Entsorgungskonzepte und Verwertungsverträge. Zudem war die Vorschriftenlage West nur bedingt auf die besonderen Aufgaben der Abwicklung anzuwenden.“ Darüber hinaus habe es Schwierigkeiten bei der Entsorgung von Gefahr- und Schadstoffen, beim Betriebs- und Umweltschutz sowie bei sonstigen Altlasten gegeben. Beim sozialverträglichen Abbau von Personal – „eines der größten Probleme“ – habe man Hervorragendes geleistet. Für viele Soldaten sei die Übernahme in das Dienstverhältnis eines Berufs- oder Zeitsoldaten erreicht worden. Standortverwaltungen oder Firmen übernahmen zahlreiche zivile Mitarbeiter. „All diese Arbeiten wurden erfolgreich abgeschlossen und waren nur zu bewerkstelligen, weil Soldaten und zivile Mitarbeiter aus alten und neuen Bundesländern von Anfang an eng und vertrauensvoll zusammengearbeitet haben.“ Es sei auch „ganz deutlich festzustellen, dass diese Leistungen zu einem wesentlichen Teil von Grundwehrdienstleistenden erbracht wurden. Die jungen Kameraden haben einen sehr untypischen Wehrdienst abgeleistet und die notwendigen Aufräumarbeiten vorbehaltlos und zuverlässig verrichtet.“ Er hoffe, dass sie ein wenig stolz darauf sind, „dabei gewesen zu sein“, bilanzierte Weinert. Für die hierher abkommandierten Unteroffiziere aus dem Westen war der Auslöser, in der ehemaligen DDR Dienst zu tun, „eine Mischung aus Neugierde, Pioniergeist und Abenteuerlust“. So beschrieben die Unteroffiziere mit und ohne Portepee zum Schluss ihre Eindrücke über den „wilden Osten“. Per Fernschreiben waren in den Westverbänden Unteroffiziere gesucht worden, „die durch ihr Auftreten und Engagement helfen sollten, die desolaten Zustände in den Ostverbänden, die besonders bei der Führung der Wehrpflichtigen vorlagen, zu beheben“. „Das Bild, das sich uns bot, war ohne Übertreibung als Katastrophe zu bezeichnen. Aus militärischer Sicht waren die anderen Vorgesetzten sehr froh, endlich kompetente Unterstützung zu erhalten. Es war notwendig, durch korrektes und bestimmtes Auftreten zu führen und dennoch stets ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen für die jeweilige Situation aufzubringen.“ 274 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Abschließend könne man sagen, „dass beide Armeen in einer für alle Bereiche mustergültigen Manier innerhalb kürzester Zeit verschmolzen sind. Es entstand eine Kameradschaft zwischen Ost und West, die durch Vertrauen und gegenseitigen Respekt geprägt ist.“ Soweit die schriftlichen Erinnerungen einer Unteroffiziers-Kameradschaft mit Herkunft West. Mit der Arbeit des Abwicklungsstabes im Haus gegenüber der Heeresfliegerkaserne am Flugplatz Cottbus leistete die Bundesrepublik einen wichtigen Beitrag zur Abrüstung und Entspannung in Europa. Denn die NVA-Luftstreitkräfte/Luftverteidigung waren bei einer Personalstärke von 34 600 Mann, darunter 858 Flugzeugführer, und Waffen aller Art hochgerüstet. Davon zeugten nicht nur 2 200 Tonnen Abwurf- und Bordwaffenmunition, 28 Tonnen Einmann-Fla-Raketen, 240 Radargeräte und 67 000 Maschinenpistolen. Auch die 27 eigenen Flugplätze sowie mehrere Autobahnabschnitte für militärische Starts und Landungen dienten der umfassenden Vorbereitungen der DDR-Führung auf einen möglichen militärischen Konflikt mit dem Westen. Jähn-Büste und Sojus-Landekapsel geerbt Mit Sigmund Jähn, dem ersten Deutschen im All, haben mich angenehme Begegnungen und herzliche Gespräche verbunden. Vor allem denke ich an ein ausführliches ADN-Interview und einen anschließend ebenso freimütigen Gedankenaustausch zurück. Das war ein Jahr nach seinem spektakulären Raumflug 1978, als er in acht Tagen 125 Mal die Erde umrundet hatte. Ich habe damals Oberst Jähn, der zum 30. Jahrestag der NVA am 1. März 1986 Generalmajor wurde, in seinem Büro im Kommando dieser Teilstreitkraft in Eggersdorf getroffen. Es war das übliche Dienstzimmer eines Militärs. Aber irgendwie spürte ich hier eine andere Atmosphäre. Beeindruckt hat mich an diesem außergewöhnlichen Menschen (Jahrgang 1937) sein Wissen über diese Materie. Musste er schon als Jagdflieger und dann als Geschwaderkommandeur beste Kenntnisse in der „Fliegekunst“ nachweisen, für die ab 1891 Altmeister Otto Lilienthal mit Gleitflügen bis zu 25 Metern erste Grundlagen geschaffen hatte, so kamen mit der Raumfahrt ganz andere naturwissenschaftliche Anforderungen auf ihn zu. Zwei Jahre dauerte damals die Vorbereitungszeit im sowjetischen Sternenstädtchen. Dann im Spätsommer 1978 gemeinsam mit Waleri Bykowski der Flug mit dem Raumschiff Sojus-29 zur sowjetischen Orbitalstation Salut 6. Hier fanden viele wissenschaftliche Experimente statt. Eine seiner ersten Erkenntnisse lautete: „Im Weltraum ist die Zeit sehr teuer.“ Weniger erfolgreich war die Rückkehr zur Erde. Als sich bei der Landung am 3. September 1978 die Sojus-Kapsel mehrfach überschlug, zog sich Jähn eine Rückenverletzung zu. Darüber verlor er nie ein Wort. 275 6. Die Auflösung der Nationalen Volksarmee Auch das spätere Promotionsthema des Pioniers der deutschen Luft- und Raumfahrt am Potsdamer Institut für Physik der Erde – es ging um Fernerkundung – blieb geheim. Dennoch hat die DDR-Führung diesen Sympathieträger nicht nur als Botschafter technischen Fortschritts in der Öffentlichkeit darstellen lassen. Man vereinnahmte das Arbeiterkind aus dem Vogtland, das beruflich über die NVA-Offiziersschule und eine sowjetische Militärakademie im wahrsten Sinne „aufstieg“, um auch mit seiner hohen persönlichen Leistung die Vorzüge des Sozialismus zu demonstrieren. Mit nahezu militärischer Stabskultur wurde das Projekt „Raumflug UdSSR/DDR“ in der Agitationsabteilung des SED-Zentralkomitees vorbereitet und realisiert. Beim Rundfunk und Fernsehen der DDR, im ADN und „Neuen Deutschland“ bildete man Sonderredaktionen. An der Spitze eines Teams in unserem Haus stand der 1. Stellvertreter des Generaldirektors. Abgeschirmt von anderen Kollegen, begann in einem Hinterzimmer die Vorproduktion aller Nachrichtentexte – vom Start in Baikonur bis zur Landung in der Steppe von Ka sachstan und dann die Jubel-Woche in der DDR. Als die Stunden der Wahrheit kamen, musste diese Schnelligkeit in der ADN-Berichterstattung Nachrichtenprofis und nicht eingeweihten Lesern wie Hexerei vorgekommen sein. Mehrere Orden „Banner der Arbeit“ von ganz oben für alle Beteiligten waren der Lohn für diese Propagandaschlacht mit einem unsichtbaren Gegner. Der kontaktfreudige und aufgeschlossene Offizier der Volksarmee wurde von den führenden Propagandisten der SED wie eine Figur auf dem Schachbrett bewegt. Er hatte an der Seite dieser sozialistischen Propagandakompanien nie eine Chance, vielleicht zu sagen: „Ich freue mich über diese Leistung, bin auch mächtig stolz darauf. Aber Leute, das Drumherum bitte ein paar Nummern kleiner.“ Das stand in keinem Regiebuch. Und von diesem Papier gab es viele, viele Blätter mit Anweisungen, wenn man doch einmal einem eingeweihten Kollegen neugierig über die Schultern schaute. Wie oft las ich da: „Hochrufe auf die Partei- und Staatsführung“ und „Stürmischer Applaus“. Jähn blieb wirklich nichts anderes übrig, als allen zu danken, zu danken, zu danken. Als wir ein Jahr später darauf zu sprechen kamen, holte er tief Luft und lächelte. Man sah ihm an, dass er sich bei diesem Thema unwohl fühlte. Klar war, sein Forschergeist, sein persönlicher Mut sollte alle im Staat der Arbeiter und Bauern anspornen, auch zu Pionierleistungen. Daher kämpften viele Kollektive in der DDR um den ehrenvollen Namen des Kosmonauten. Er war in jeder Weise ein Vorbild und ist auch heute noch. Tja, dann kam die politische Wende. Und mit dem Ende der DDR und ihrer NVA war für diese auch international geschätzte Persönlichkeit erst einmal eine Ära vorbei. Er verlor nach eigenen Worten seine „Existenzgrundlage“. Jähn musste wie alle anderen Generale und Admirale seine Uniform ausziehen. Viele politisch Andersdenkende im inzwischen wiedervereinigten Deutschland wollten ihn nun zu gerne für seine Staatsnähe als „Held“ und „hoher Offizier“ in Haftung nehmen. 276 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Da wurde meines Erachtens viel Falsches gesagt und geschrieben. Und wie ich ihn als einen ehrlichen, aufrechten Menschen – ein Vorbild von Bescheidenheit – kennen gelernt hatte, inzwischen auch viele Westdeutsche, machte er sich selbst die größten Vorwürfe, so von seiner Partei und deren führenden Genossen für Propagandazwecke im großen Stil vereinnahmt worden zu sein. Dazu sagte er später: „Mir war der Rummel eher peinlich. Aber ich habe das als eine Art Dank betrachtet.“ In seinem „zweiten Leben“ setzte Jähn sein Wirken für die Raumfahrt fort. Nun stand nicht mehr er im Mittelpunkt, es ging um andere Raumfahrer. Als Freier Berater bereitete er im Auftrag der Europäischen Raumfahrtagentur (ESA) und des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) europäische und deutsche Raumfahrer auf ihre Missionen mit russischen Raumschiffen zu den MIR- und ISS-Stationen vor. Ein weiterer gebürtiger Vogtländer aus Greiz, „Republik-Flüchtling“ und ESA-Astronaut Ulf Merbold, der als zweiter Deutscher 1983 an Bord des Spaceshuttles „Columbia“ ins Weltall flog, machte ihn mit dem gesamtdeutschen Markt dieser Branche vertraut. Später stand Jähn den ersten ESA- Astronauten als Dolmetscher und Ausbilder zur Seite. Er wurde „zum zentralen Vermittler zwischen russischen und deutschen Raumfahrtprogrammen“, schrieb die F.A.Z über dieses „Idol für viele Raumfahrer“. In all diesen Jahren, so meine Erinnerung, sprach man voller Hochachtung vom „Nestor der deutschen bemannten Raumfahrt“. DLR-Sprecher Andreas Schütz sah in Jähn eine „Schlüsselfigur“ für die Zusammenarbeit mit Moskau: „Die Russen brachten ihm eine unglaubliche Hochachtung entgegen – als Astronaut und als Mensch. Ohne Jähn wäre alles um ein Vielfaches schwerer gewesen.“ Ab 1992 bildete Sigmund Jähn deutsche und europäische Astronauten im Schulungszentrum „Sternenstädtchen“ bei Moskau aus, darunter den Deutschen Thomas Reiter, der als Astronaut ins Weltall flog. Das erfuhren die Fernseh-Zuschauer aus der Sendung „BR-Wissen“. Mit dem Namen des Kosmonauten gab es für die Bundeswehr im Osten Deutschlands keine persönlichen, wohl aber indirekte Berührungen. So übernahm das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden die Sojus-Landekapsel, die zuvor viele Jahre im Armeemuseum der DDR zu sehen war. Von dort kam sie als Leihgabe in die Luft- und Raumfahrthalle des Deutschen Museums in München und konnte hier neben dem Raumlabor Spacelab von einem Millionen-Publikum bestaunt werden. Und noch ein weiteres Erinnerungsstück an den bodenständigen Himmelsstürmer kam nach der Wiedervereinigung in die Obhut der gesamtdeutschen Streitkräfte: An der ehemaligen Offiziershochschule der Luftstreitkräfte in Kamenz, wo seine Ausbildung 1955 – ein Jahr vor NVA-Gründung – begann, wurde damals seine Büste abmontiert und im Luftwaffenmuseum Berlin-Gatow eingelagert. Seit 2008 steht sie wieder in der bisherigen Garnisonsstadt Kamenz. Das ehemalige NVA-Gebäude war in der Zwischenzeit zu einem modernen Behördenzentrum umgebaut worden. Im Foyer des Statistischen Landesamtes trifft man nun „Sig“. Ich finde das toll! Dank eines Leihvertrages mit der Bundeswehr und der Initiative der Kamenzer Bundeswehrkameradschaft blickt „Jähn“ nun von einem neuen Sockel, den die Künstlerin Anne 277 6. Die Auflösung der Nationalen Volksarmee Hasselbach gestaltet hat, auf seine Mitmenschen – wohl wissend, dass nun Ost und West nicht mehr im Wettstreit der Systeme konkurrieren, sondern in gemeinsamen Projekten eng zusammenarbeiten. Und in das Goldene Buch der Stadt trug er sich auf wiederholtes Bitten von Bürgermeister Roland Danz ein zweites Mal ein. „Die Stadt ist schöner geworden“, schrieb der hoch geschätzte Kosmonaut. „Unter uns sind Gäste, ehemalige Generäle der Bundeswehr als Freunde. Ich bin bewegt über die freundschaftliche Atmosphäre …“ In einer Fernsehsendung von Phoenix fasste er sein bisheriges Lebenswerk, bescheiden wie immer, so zusammen: „Ich habe keine Geschichte gemacht. Ich war nur eine Figur in der Geschichte.“ Da sich noch viele Menschen in Deutschland an diesen mutigen Weltraumflieger aus den August-Tagen 1978 und seine Umrundungen der Erde erinnerten, landeten fast täglich Briefe mit Autogrammwünschen oder anderen Bitten in Strausberg auf seinem Schreibtisch. Und er beantwortete sie alle! Ebenso die Post mit Geburtstags-Glückwünschen von einem ehemaligen ADN-Redakteur. Nach seinem Tod am 21. September 2019 sagte DLR-Vorstandsvorsitzender Professor Pascale Ehrenfreund: „Mit Sigmund Jähn verliert die deutsche Raumfahrt einen weltweit anerkannten Kosmonauten, Wissenschaftler und Ingenieur. Der erste Deutsche im All hat sich auch immer als Brückenbauer zwischen Ost und West im Sinne der friedlichen Nutzung des Weltraums verstanden. Seine Botschaft, für die Erde ins All, werden wir im ehrenden Gedenken bewahren und fortführen.“ Hunderte NVA-Schützenpanzer im Heer In der modernen Wehrtechnik hat es das noch nicht gegeben: Ein russisches Kampffahrzeug aus der NVA, das während des Kalten Krieges in seiner Waffenkategorie für westdeutsche Sachverständige „die Messlatte der Bedrohung“ bildete, „diente“ nach der Wiedervereinigung auf der gegnerischen Seite – in diesem Fall in der Bundeswehr. Jedenfalls so lange, bis in Deutschland die Entwicklung des Marders 2 als Nachfolger des Rad-Schützenpanzerwagens 70 abgeschlossen war. Diese Entscheidung traf im Juli 1991 das Bundesverteidigungsministerium. Noch einige Monate zuvor war das für Politiker und Militärs in Ost- und Westdeutschland unvorstellbar. Auch in der jüngeren Militärgeschichte fand wohl keine friedliche Übernahme des Kriegsgerätes vom Gegner mit Besatzungen und Munition in solch einer Größenordnung statt. Die Panzergrenadierbataillone in den neuen Ländern erhielten also aus den Beständen der ehemaligen NVA-Landstreitkräfte 764 Schützenpanzer des Typs BMP 1 Al. Insgesamt verfügte die DDR für ihre zwei Armeekorps mit sechs Divisionen über rund 1 100 solcher Kampfmaschinen – die russische Abkürzung für „Bojewaja Maschina Pechoty“. In den Motorisierten Schützenregimentern (MSR) waren sie Standard. Die Sowjetarmee hatte diesen Typ 1967 beim Manöver „Dnepr“ erstmals erprobt und die Weiterentwicklung BMP 2 in großem Stil später in Afghanistan eingesetzt. 278 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Diesem Entschluss der Hardthöhe – Experten im Koblenzer Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung sprachen zuvor von einem „außergewöhnlichen Vorhaben“ – ging ein zwar kurzer, aber umfassender Vergleich mit dem Schützenpanzerwagen 70 voraus. Dabei standen technische, taktische und logistische Anforderungen im Mittelpunkt. Außerdem erfolgte eine Erprobung auf „Herz und Nieren“ sowie ein Truppenversuch. Und so stellte sich das neue Bundeswehrfahrzeug dar: Mit einer Höhe bis zum Wannenrand von 1,47 Meter und bis zum Turmrand von 1,98 Meter war der schwimmfähige Schützenpanzer ein überaus flaches und wendiges kleines Gefechtsfahrzeug, was sein Aufspüren und Bekämpfen erschwerte. Mit Kampfbeladung betrug sein Gewicht 12,5 Tonnen. Die Hauptwaffe – eine 73-Millimeter-Kanone. Weitere Waffen: Ein 7,62-Millimeter-Maschinengewehr und eine Abschussrampe für Panzerabwehrraketen. Ein wassergekühlter Dieselmotor von 280 PS sorgte für Höchstgeschwindigkeiten von 55 Kilometer pro Stunde auf dem Land und acht Stundenkilometer im Wasser. Während zu NVA-Zeiten acht Mot.-Schützen zur Besatzung gehörten, waren in der neuen Version nur sechs Soldaten vorgesehen. Ostdeutsche Militärtechnik-Fans sprachen damals aufgrund seiner Geschwindigkeit und Silhouette von einem „Jaguar unter den Schützenpanzern“. Bei der Überprüfung des BMP wurden vor allem Auflagen an den Sicherheitsstandard erteilt. Denn bei seiner bisherigen Auslegung als Gefechtsfahrzeug dominierten nicht die Faktoren der Ergonomie, der Funktions- und Betriebssicherheit. Das hat sich geändert. Mit verbesserter Kupplung (ohne ruckfreies Anfahren) und Bremsanlage, einer modifizierten Vorwärmanlage und ohne Automatik-Lader mit Verletzungsgefahr wurde das Kettenfahrzeug für das Gelände zugelassen. Es durfte aber keine öffentlichen Straßen benutzen. Die ersten drei umgerüsteten BMP 1 Al wurden im Mai 1991 bei der Firma System-Instandsetzungs- und Verwertungsgesellschaft in Neubrandenburg übergeben. Auch mit dem Umbau weiterer ehemaliger NVA-Gefechtsfahrzeuge dieses Typs in dem Betrieb unterstützte die Bundeswehr die Entwicklung im Land Mecklenburg-Vorpommern, wo sie als größter Arbeitgeber auch einen beachtlichen Wirtschaftsfaktor bildete. (1992) Einst Polithochschule, heute Nachwuchs-Zentrum Ihr Name war nicht werbeträchtig, dafür aber treffend: Freiwilligenannahmestelle Ost der Bundeswehr in Berlin. Sie wurde zur Symbolik deutscher Vergangenheitsbewältigung, als diese Stätte der Wehrdienstberatung und Eignungsüberprüfung – heute Zentrum für Nachwuchsgewinnung – für die neuen Streitkräfte im Beitrittsgebiet ausgerechnet in der ehemaligen NVA-Polithochschule in Grünau ihr Domizil fand. Diese trug einst den Namen des ersten Präsidenten der DDR, Wilhelm Pieck, in dessen Amtszeit Ostdeutschland schon vor der offiziellen Gründung der Volksarmee 1956 umfassend aufgerüstet wurde. In den 279 6. Die Auflösung der Nationalen Volksarmee älteren Gebäuden der Einrichtung im wasserreichen Südosten Berlins befand sich 1936 das Ruderlager der Olympischen Spiele. Wer also von den jungen Männern oder Frauen aus ostdeutschen Regionen die Absicht hatte, sich für eine längere Zeit beim Heer oder bei der Luftwaffe zu bewerben, der musste nun nicht mehr zum „Vorstellungsgespräch“ in ein altes Bundesland fahren. 1993 waren das 6 700 Personen, von denen 3 100 als tauglich und geeignet eingestellt wurden. Anders war das bei den angehenden Matrosen und Maaten der Bundesmarine. Sie hatten nach wie vor an „tieferen Gewässern“ als an der Spree ihre Tauglichkeit für den Flottendienst nachzuweisen. In Berlin fanden zudem der theoretische und praktische Check der „Funktionsfähigkeit des Bewerbers oder der Bewerberin“, so die amtliche Bezeichnung, statt. Das geschah auch hier nach einer einheitlichen Liste getreu dem Motto: Gleiche Bedingungen für alle. Also der Prüfung der Bewerber – auf charakterliche, geistige und körperliche Eignung, für bestimmte Laufbahnen und Spezialverwendungen, auf Eignung für bestimmte Berufe oder für die Einstellung mit einem höheren Dienstgrad. Auch bei der Auswahl des neuen Chefs dieser zentralen militärischen Dienststelle hatten die Verantwortlichen eine glückliche Hand: Oberst Siegfried Stief, ein gebürtiger Berliner. Das war sicher nicht das entscheidende Kriterium seiner Qualifikation für dieses Amt. Aber – sein Leben war eben nach eigenen Worten „ein kleines Stück mit der ereignisreichen Geschichte der deutschen Hauptstadt und ihrer Teilung verbunden“, die er in Westdeutschland erlebte. Und so versicherte er beim feierlichen Akt der Amtsübernahme, dass sein vorrangiges Anliegen „eine umfassende Information über Auftrag, Struktur und Inhalt der Bundeswehr in gemeinsamer Arbeit von West und Ost“ sei, worüber wir uns später sehr oft unterhalten haben. Darin bestärkte ihn der Chef des Personalstammamtes der Bundeswehr, Brigadegeneral Hans Joachim Müller. Die „enge Verbundenheit der deutschen Streitkräfte zu den Bürgern“ bilde eine „wichtige Grundlage der Arbeit dieser Dienststelle“, sagt er. Die Bundeswehr, seit ihrer Gründung ein „wirkungsvolles Instrument erfolgreicher Politik“, diene vor allem dem Frieden. Trotz aller noch bedrückenden Umstände sei die deutsche Einheit heute schon „ein Glücksfall der Geschichte“. Gemeinsam mit Mitarbeiten in 26 Dienstorten im Osten Deutschlands wurden die angehenden Bundeswehrangehörigen, wie bei einem ersten Rundgang durch die vielfältigen Räume und Einrichtungen zu erfahren war, besonders in Berufsschulen und Arbeitsämtern über die Ausbildungs- und Dienstmöglichkeiten beraten. Danach kamen die Bewerber für die verschiedenen Laufbahnen hierher zur gesundheitlichen, charakterlichen und spezifischen Eignungsüberprüfung. Zum Abschluss fand ein Gespräch mit Offizieren statt, wo dann auch über den weiteren Werdegang beim Bund entschieden wurde. Nach Auflösung der Polithochschule und der Einrichtung der Bundeswehr-Dienststelle wurde die Regattastraße 12 – heute Dahme-Spree-Kaserne – im Südosten der Stadt zu ei- 280 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten ner ersten Adresse für junge Leute im Beitrittsgebiet. Von 1991 bis 1995 hatten immerhin etwa 30 000 „Ungediente“ ihre Bewerbungen hierher geschickt. Davon wurden 12 281 Personen als Soldat auf Zeit bei Heer und Luftwaffe eingestellt, darunter Frauen für den Sanitäts- oder Musikerdienst. Später kamen beim weiblichen Geschlecht auch Bewerbungen für militärische Bereiche hinzu. Weitere 12 000 junge Leute aus Ostdeutschland wandten sich in dieser Zeit nach der Vermittlung von hier an die Prüfzentrale für Offiziersbewerber in Köln oder meisterten die Eignungshürden der Marine in Wilhelmshaven. „Ein Erfolg, auf den wir sehr stolz sind.“ So Dienststellenleiter Oberst Stief. „Das spricht für die Wertschätzung, die die Bundeswehr seit der Wiedervereinigung dank ihrer Offenheit und demokratischen Züge unter der Bevölkerung gefunden hat. Andererseits wollen viele junge Leute die von den Streitkräften gebotene Ausbildung mit zivilen Abschlüssen und die Möglichkeiten des Berufsförderungsdienstes nach Ende der Verpflichtungszeit nutzen.“ Sicher seien für die angehenden jungen Unteroffiziere auch die Verdienstmöglichkeiten bei ihrem Dienst nach Wahl in Ost oder West sowie die Chance, eine Verantwortung für Menschen und Güter zu tragen, wichtige Motivationen. „Aber nicht wenige Bewerber sagten uns in den Einstellungsgesprächen, dass sie gern ihren persönlichen Beitrag zum militärischen Schutz der Bundesrepublik innerhalb unseres Bündnisses oder gar in einer internationalen Friedensmission leisten wollen“, berichtete er mir weiter aus seiner Erfahrung an der Spitze dieser Einrichtung von Anfang an. Seine Mitarbeiter – nicht wenige von ihnen waren einst NVA-Personal – seien auch deshalb stolz auf ihre Tätigkeit, da sie immer wieder Anerkennung aus der Truppe als „Echo“ für die richtige Auswahl der zahlreichen Bewerber fanden. „Sie dienten oder dienen in nahezu allen Bundeswehr-Standorten und leisten auf ihre Weise einen ganz persönlichen Beitrag zur deutschen Einheit.“ Hohen Anteil an der Außenwerbung – ob in Schulen, bei Messen oder Großveranstaltungen – hätten die Wehrdienstberater des Zentrums für Nachwuchsgewinnung Ost, die überwiegend in den Kreiswehrersatzämtern ihren Dienst leisten. „Sie sind anerkannte sachkundige Gesprächspartner.“ Damit bei der Nachwuchsgewinnung „der richtige Mann an den richtigen Platz kommt“, erwartete die Antragsteller ein zweitägiges Eignungsverfahren. Zum Abschluss erhielt der geeignete Bewerber schwarz auf weiß Einstellungstermin, Grundausbildungseinheit, Stammeinheit, Verwendungsplanung und Ausbildungsperspektiven bis hin zum vorgesetzten Feldwebel. „All das bot trotz sinkender Jahrgangsstärken und der ‚Konkurrenz‘ aus der Wirtschaft vielen jungen Menschen eine sichere Perspektive bei der Bundeswehr“, so Stief. Andere Zahlen über die Bundeswehr im Osten haben mich damals ebenso beeindruckt. So wurden seit der Einheit Deutschlands 1990 bis 1993 etwa 70 000 Wehrpflichtige von hier einberufen. Nahezu jeder vierte von ihnen leistete im Rahmen der Allgemeinen Wehrpflicht seinen Grundwehrdienst in einem Standort im Westen. 281 6. Die Auflösung der Nationalen Volksarmee Nach einem ungewöhnlichen „Hoch“ bei der Gewinnung von Freiwilligen für die Bundeswehr in den neuen Ländern unmittelbar nach der Wiedervereinigung fiel das Bewerber- „Barometer“ in Berlin-Grünau auf „normal“. Für den Fachmann in Sachen „Nachwuchsaufkommen“ war klar, dass mit der Verringerung der Streitkräfte und ihren neuen internationalen Aufgaben sicher so mancher Interessent noch kritischer als bisher über den militärischen Lebensabschnitt nachgedacht hat. Und ob man derzeit unter den Bedingungen der Abrüstung und Entspannung einem jungen Mann noch raten könne, sich für den Beruf des Soldaten zu entscheiden, sei gar nicht so einfach, sagte mir ein Offizier dieser Zentrale. Denn jahrelang war offiziell erklärt worden, die Bundeswehr hätte ihre Legitimation aus der Bedrohung durch die Truppen des Warschauer Vertrages. Auftragstaktik statt „Befehl ist Befehl“ Jeder Außenstehende denkt: Armee ist gleich Armee. Doch da gab es schon gravierende Unterschiede zwischen Volksarmee und Bundeswehr. Allein die Umgangsformen, auch unter Offizieren, unterschieden sich total. Der Hauptmann der NVA betrat als Kompaniechef das Dienstzimmer seines Bataillonskommandeurs mit den Worten: „Genosse Major, gestatten Sie, dass ich eintrete?“ Nach dem Gespräch: „Genosse Major, gestatten Sie, dass ich wegtrete?“ Das Militärritual enthielt keine Spur von zivilisierten Gepflogenheiten. Selbst im Speisesaal, richtiger gesagt, in den unterschiedlichen Speisesälen (mit Tischdecken und Blumen im Fenster oder ohne diese Dekoration) achtete man streng darauf, dass in der Militärhierarchie immer genügend persönlicher Abstand zwischen den Dienstgraden eingehalten wurde – und wenn es die Alu-Essbestecks für Mannschaften und „richtige“ Messer und Gabeln für Berufssoldaten waren. Das hat sich mit der Bundeswehr geändert. In den ostdeutschen Truppenteilen der Bundeswehr oder auch im Westen habe ich das wohlwollend registriert. Doch der wesentliche Unterschied beschränkte sich nicht auf solche Äußerlichkeiten. Die NVA war seit ihrer Gründung, getreu dem Vorbild Sowjetarmee, eine Befehlsarmee. Auf der einen Seite wollte sie zwar eine deutsche Armee sein und würdigte in diesem Sinne auch Persönlichkeiten aus der Geschichte. Dazu zählten der Bauernführer Thomas Müntzer, die Reformer aus den Befreiungskriegen Scharnhorst, Gneisenau und Clausewitz oder der Militärtheoretiker Friedrich Engels. Als es aber um etwas Grundsätzliches im Armeeleben ging, nämlich um „Befehl“ oder „Auftrag“ für die Unterstellten, da haben die NVA-Gründungsväter aus Moskau und Ost- Berlin auf manche gute Erfahrung aus der deutschen Militärgeschichte verzichtet. Das hing wohl vordergründig mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Niederlage der Wehrmacht zusammen. Man übernahm die Befehlstaktik der Sowjetarmee. Alles andere war systemwidrig und passte nicht in die politische Landschaft. 282 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Unzählige Male habe ich als Wehrpflichtiger gehört: „Befehl ist Befehl“. Und darüber wurde überhaupt nicht diskutiert. Der Zugführer, der Gruppenführer und erst recht der Soldat bekam bis in alle Einzelheiten „verklickert“, was nun als nächstes zu tun sei. Dann wurde der Befehl ausgeführt. Und dem Vorgesetzten musste Vollzug gemeldet werden. Der Spielraum für den Befehlsempfänger war gleich Null. Das alles hatte etwas mit Gehorsam zu tun. Nicht unbedingt mit Kadavergehorsam oder blindem Gehorsam. Den habe ich in der NVA nicht erlebt. Aber mit strenger Einhaltung des Befohlenen. Auch aus diesem Grund hatten die sozialistischen Armeen viele Offiziere in ihren Reihen. Sie mussten oft das erledigen, wozu einstmals das Korps der Unteroffiziere zuständig war. Der Begriff „Unteroffizier als Rückgrat der Armee“ stammte aus dieser Zeit. Hier merkte man schon, wie bedeutsam Bildung, Ausbildung und Erziehung für einen militärischen Führer sind. Von ihm wird eben nicht nur fachliche Kompetenz und Professionalität im Umgang mit dem soldatischen Handwerkszeug erwartet. Beides hatte im Osten einen hohen Stellenwert. Diesen Eindruck fanden die neuen Vorgesetzten aus dem Westen sofort bestätigt. Regelrecht unterentwickelt war die Menschenführung. Hinzu kam noch in der NVA bei Befehlen die oft überbetonte Dienstgrad-Autorität des Vorgesetzten. Auch das war sozialistischer Soldatenalltag. Das bedeutete schließlich nicht nur nach Zahlen einen gravierenden Unterschied zu den Strukturen der Streitkräfte, die in Ostdeutschland nach dem Ende der DDR folgten. Hauptsächlich hatte das etwas mit der damals noch westdeutschen, heute gesamtdeutschen Führungsphilosophie zu tun, bei der der „Staatsbürger in Uniform“ und das „Führen mit Auftrag“ zu den Grundprinzipien gehören. Daher war die Bundeswehr von Anfang an eine Auftragsarmee. Hierbei wird dem Untergebenen ein Auftrag mit einem großen Ermessensspielraum erteilt, wie ich inzwischen gelernt habe. All das ohne starre Einzelheiten, dafür aber mit der Aufforderung zur Selbständigkeit bei der Durchführung. Gerade bei einer „wechselnden Lage“ vor Ort ist die delegierte Verantwortung von Vorteil. Das entlastet „oben“ die Vorgesetzten und verlangt „unten“ mehr Eigenständigkeit. So wird beim Erreichen von Zielen das Mitdenken des oder der Beteiligten gefördert. Gefragt ist demnach bei dieser Führungskultur der denkende, oder besser gesagt, der aktiv mitdenkende Soldat und nicht einer, der passiv auf die nächste Weisung beziehungsweise auf den nächsten Befehl wartet. Kurzum: Mitwirkung und Mitverantwortung. Auch das hatte ich einst anders erlebt. Und bei ihren Einsätzen erleben nun die Bundeswehrsoldaten sehr direkt das Spannungsfeld zwischen soldatischen Prinzipien wie Befehl und Gehorsam einerseits sowie persönlichen und demokratischen Freiheitsrechten andererseits. Diese Führungskultur-Thematik war für mich, der aktiv gedient und oft über militärische Dinge geschrieben hat, „Neuland“. Erstmalig hörte ich etwas darüber von Generalleutnant Werner von Scheven, der vorher auch Kommandeur der Führungsakademie in Hamburg war. In diesem Sinne mussten die ehemaligen NVA-Offiziere, die von der Bundeswehr 283 6. Die Auflösung der Nationalen Volksarmee übernommen wurden, sich diese Prinzipien zu Eigen machen, sowohl theoretisch als auch in der Praxis. Und wie sie später erfuhren, gilt die Auftragstaktik, die bis ins Preußische Heer zurück reicht und zweifellos eine gute preußische Tradition ist, heute als ein Aushängeschild der deutschen Streitkräfte. Das wurde sogar zum Markenzeichen der Bundeswehr. Das Wort „Auftragstaktik“ hat man so ins Englische übernommen, ohne Übersetzung. Dennoch halten es mehrere westliche Armeen weiterhin mit der Befehlstaktik. Andere Fachbegriffe als in der NVA galten nun auch bei der Bedienung der Schützenpanzer oder Haubitzen. Gerade für die Sicherheit der einzelnen Soldaten und im Umweltschutz bestand großer Nachholbedarf bei den Neuen aus dem Osten. Diese Hinweise wurden gern zur Kenntnis genommen. Jeder Betroffene verstand sofort: Das war die Verantwortung des Vorgesetzten für seinen Unterstellten, die Achtung vor einem Staatsbürger, der die gleiche Uniform trägt, ob als Rekrut oder Unteroffizier. Da dieses Mannschaftspersonal noch NVA-Befehle erhalten hatte, sorgte die neue Befehlsgabe und vor allem der Ton, der auch beim Militär die Musik macht, für einen weiteren guten Eindruck von den neuen Streitkräften. Die Bundeswehr war sehr erfolgreich, wenn sie unter den Rekruten für einen längeren Dienst und sogar für den Offiziersberuf geworben hat. Das erhält die Bundeswehr jung, sagten mir Offiziere. So stammte etwa jeder zweite Offizier oder Zeitsoldat aus den Reihen der Wehrpflichtigen. Man wusste also aus Erfahrung, wo einem Rekruten „der Schuh drückt“. Das war für mich ein Novum. Auch das gab mir zu denken. Leider wurde zum 1. Juli 2011 die Allgemeine Wehrpflicht in Deutschland ausgesetzt. Seitdem ist die Bundeswehr eine Freiwilligenarmee und wirbt verstärkt an den Schulen um Nachwuchs. Angesichts weniger freiwilliger Rekruten denken nun Verteidigungspolitiker über eine Rückkehr zur Wehrpflicht oder eine Allgemeine Dienstpflicht, auch im sozialen Bereich und für Frauen, nach. Hochspannungsanlagen außer Betrieb Die DDR schützte sich mit einem ausgeklügelten System von Mauern, Stacheldraht und Selbstschussanlagen gegen alles „Feindliche“ von außen. Im Inneren kamen weitere Todesgefahren hinzu: Vor allem gingen sie von den Hochspannungssicherungsanlagen aus. Besonders die Nationale Volksarmee hatte viele davon in Gebrauch. Sie waren um 286 militärische Einrichtungen installiert. Beim Waffenbruder WGT verhinderten solche Starkstromanlagen, wie ich bei Waren an der Müritz (Mecklenburg-Vorpommern) beim Abzug von Raketen des Typs SS-12 gesehen habe, das „unbefugte Eindringen“ in die Operationsbasis mit ihren nuklearen Sprengköpfen. Insgesamt waren allein in der NVA gefährliche Elektrozäune mit einer Länge von 490 Kilometern vorhanden. Dies entsprach etwa der Strecke von Erfurt nach Rostock. Bei einer Stromstärke zwischen 6 000 bis 18 000 Volt bestand ständig bei jeder Berührung unmittelbare Lebensgefahr. Daher wurde diese Gefahrenquelle beidseitig durch Drahtzäune gesichert. 284 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Diese Lebensgefahr gab es ab 2. Oktober 1990 nicht mehr. Auf Empfehlung des Bundesministeriums der Verteidigung wurden die Anlagen zum Ende der NVA mit Befehl 48/90 vom Minister für Abrüstung und Verteidigung abgeschaltet. Wie das Bundeswehrkommando Ost später mitteilte, hätten sie „gegen Gesetze verstoßen, die nach dem Vollzug der Einheit Deutschlands im beigetretenen Teil gelten“. Die Hochspannungssicherungsanlagen waren hauptsächlich bei Munitions- und Waffendepots, Gefechtsständen, Raketenstellungen und funktechnischen Lagern der ostdeutschen Streitkräfte installiert worden. Damit hatte die NVA sowohl Wachpersonal eingespart als auch die Zahl der Geheimnisträger unter den NVA-Soldaten so gering wie möglich gehalten. Nun wurde „die Sicherung solcher Objekte auf Niederspannungsanlagen umgestellt“, hieß es in einer Pressemitteilung aus Strausberg. Das bedeutete, „beim Berühren der Anlage entsteht eine sogenannte Schreckspannung. Diese löst in der Wachzentrale Signale aus und ist ungefährlich.“ Allerdings ging mit der Umstellung „ein beträchtlicher zusätzlicher Bedarf an Wachpersonal“ einher. Dazu wurden Mannschaften der ehemaligen Grenztruppen der DDR herangezogen. „An den Einsatz von zivilen Wachunternehmen ist derzeit nicht gedacht.“ Das Bundesministerium bildete für solche Angelegenheiten Beratungskommissionen, die alle Wachverantwortlichen unterstützen sollten. NVA-Waffen – Schrott oder Exportschlager? Viele Milliarden Mark und hochwertige Konsumgüter ließ sich die ostdeutsche Führung die Bewaffnung und Ausrüstung der NVA vor allem durch die Sowjetunion kosten. Bei Ehrenparaden und Manövern sollten sowohl die eigene Bevölkerung als auch der „Klassenfeind“ sehen, dass man zum Schutz des Sozialismus über moderne Waffen und anderes Kriegsgerät verfügt. Dem war tatsächlich so. Und so fiel dem Bund nach der Deutschen Einheit das stählerne und explosive Erbe der NVA schwer auf die Füße. Beim Tarnen und Täuschen – hier ein Schützenpanzerwagen echt, als Hartschale und als Gummiattrappe – wurde auch manches von der NVA übernommen und weiterentwickelt Schon die ersten Bestandsaufnahmen zur Erbmasse lösten im Bundeswehrkommando Ost und dann auf der Bonner Hardthöhe regelrecht einen Schock aus, hörte ich von Insidern. Solche NVA-Bestände hatten die westdeutschen Militärs niemals in dieser Größenordnung erwartet. Allein mit rund 300 000 Tonnen Munition war die NVA als Koalitionsarmee für den geplanten Westlichen Kriegsschauplatz ausreichend auf längere Kampfhandlungen vorbereitet. Die DDR-Streitkräfte verfügten über mehr Feuerkraft als die Bundeswehr! Ob- 285 6. Die Auflösung der Nationalen Volksarmee wohl doch die westdeutschen Streitkräfte viermal mehr Soldaten hatten, bemerkte ein Militärhistoriker. Zudem hätte die DDR im Kriegsfall als „Durchgangsland“ den nachfolgenden Warschauer-Pakt-Armeen einen Vorrat an Treibstoff, Munition und Ersatzteilen für einen längeren Zeitraum zur Verfügung stellen müssen. Dafür existierten spezielle Lager an „strategischen Autobahnen“. Das war nur eine der vielen langfristig geplanten Vorgaben des Moskauer Oberkommandos für den ostdeutschen Verbündeten, der Jahr für Jahr mit riesigen Investitionen solchen Forderungen nachkommen musste. Nach russischem Vorbild galt dem Material auch ein höherer Stellenwert als dem Personal. Davon zeugten überall die sauberen Wartungshallen mit der einsatzbereiten Kampftechnik. Von Woche zu Woche gab es hier neue Überraschungen. Denn neben den bekannten Standorten der ehemaligen DDR-Streitkräfte kam die Existenz weiterer Liegenschaften ans Tageslicht. In Burg (Sachsen-Anhalt) schilderten Ex-NVA-Leute, dass die Landstreitkräfte nicht, wie im Westen allgemein bekannt, nur über sechs, sondern elf motorisierte Divisionen verfügten. Auch die anderen Ausbildungszentren Karpin, Weißwasser, Schneeberg und Delitzsch bildeten je einen gekaderten Groß-Verband nach Warschauer Vertragsstruktur. Mit dem eigenen Personal als Stamm und den vorgesehenen Reservisten sowie der notwendigen Bewaffnung und Ausrüstung besaßen sie den vollen „Vorrat“ für einen Krieg unter allen Bedingungen. Allein die kleinste Teilstreitkraft, die Volksmarine an der Ostsee-Küste, hatte Uniformen für 200 000 Matrosen und Soldaten eingelagert. Zu ihren Beständen gehörten seltsamerweise auch Panzer. Sie stammten ursprünglich aus dem Rostocker Mot. Schützenregiment, das noch vor den internationalen Abrüstungsvereinbarungen in ein Küstenverteidigungsregiment umbenannt worden war. Sollte heißen: Aus den offensiven Seeanlandungstruppen der DDR, bei denen in der Ausbildung auch die erfolgreiche Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 in der Normandie als Vorbild diente, wurden nun motorisierte Truppen zur Verteidigung der Küste. Ihre Landungsschiffe aus der Peene-Werft konnten nach wie vor jeweils acht Panzer oder zehn Schützenpanzer samt Personal aufnehmen. Mit Schnellfeuergeschützen und Geschosswerfern ausgerüstet, galten sie nun als Mehrzwecktransporter der Volksmarine. Nach ersten Besichtigungen in der Eggesiner Panzerdivision, danach Heimatschutzbrigade Vorpommern, fiel bei Bundeswehroffizieren oft die Bemerkung: „Schrott“. Das hat mich schon sehr verwundert. Mit Blick auf die in Wien vereinbarte massenhafte Reduzierung konventioneller Waffen war das sicher zutreffend. Selbst der im Ostblock als hochmodern gehandelte Panzer T-72 erhielt nun aus westdeutscher Sicht keine gute Kritik. Der Grund: Die Sorge um den Menschen und die Umweltstandards seien schon bei der Konstruktion viel zu kurz gekommen, hieß es. Vorhanden waren am 3. Oktober 1990 etwa 550 Exem plare dieses vorwiegend für den offensiven Einsatz konstruierten Gefechtsfahrzeuges. Trotzdem wollten zu dieser Zeit viele Länder, darunter Polen und Ungarn, einen Teil preisgünstig übernehmen. 286 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Im brandenburgischen Preschen wurde der allseits umworbene Allwetterjäger MiG-29 zuerst mit größter Zurückhaltung beurteilt. Nach Manövrierleistungen und Parametern handelte es sich tatsächlich um ein Flugzeug der Superlative. Schließlich blieben von den 24 Exemplaren 19 im Bestand der deutschen Luftwaffe. Übernommen hatte sie 20 Einsitzer und vier Zweisitzer als Trainer. Eine Maschine erhielten die US Air Force für Testzwecke. Doch die NVA-Bestände mit letztlich 750 000 „Artikeln“ in oft hundert- oder tausendfacher Ausfertigung waren anscheinend so schlecht nicht, als dass sie kein erneutes militärisches Interesse finden sollten. Ihr Ausverkauf begann noch zu DDR-Zeiten. Und nach den Worten eines Bundeswehr-Sprechers wahrscheinlich „in alle Windrichtungen“. Insgesamt 70 Länder hatten offiziell – so der SPD-Wehrexperte Manfred Opel – nach NVA- Material angefragt. Ganz offiziell schenkte die Bundesregierung den USA für ihre Golf- Streitkräfte Ausrüstungen der NVA im Wert von 740 Millionen DM. Darunter Pioniergeräte wie Bagger und Bulldozer, Wassertankwagen und ABC-Abwehrmaterialien. Ebenfalls kostenlos bekam Nato-Partner Türkei ostdeutsche Panzer, Geschütze, Flugzeuge und anderes militärisches Gerät. Aus dem schwimmenden NVA-Nachlass in Peenemünde kaufte Uruguay fünf Minensuch- und Räumschiffe sowie zwei Schlepper. Ein Volksmarine-Raketenschiff, dessen Flügelraketen mit einem Flüssigkeitstriebwerk und der Feuerleitanlage PLANK-SHAVE ausgerüstet waren, ging auf Große Fahrt in die USA. Auch Tunesien erhielt Schiffe. Obwohl die Bundeswehr im Zuge der Ratifizierung des KSE-Vertrages nur ganz wenige Waffen aus NVA-Beständen für eine Übergangszeit behalten wollte, blieben immer noch riesige Mengen zur kostspieligen Konversion und Entsorgung übrig. Darunter das Schreddern von rund 600 000 MPi Kalaschnikow. Sie wurden in der DDR in Lizenz des sowjetischen Sturmgewehres AK-47 – laut Experten heute mit 70 Millionen Exemplaren eine in aller Welt gefragte Handfeuerwaffe – produziert. Diese Entsorgung kostete dem Steuerzahler viel Geld. Und so hat man aus mancher schwergewichtigen Hinterlassenschaft der ostdeutschen Armee noch einen „Exportschlager“ gemacht. Interessenten gab es genug. Schieden sich schon vor der Übernahme von ehemaligen NVA-Offizieren die Geister bei den Verantwortlichen auf der Bonner Hardthöhe, wobei es vorwiegend um politische und ideologische Gründe ging, so traf das etwas abgewandelt auf das meiste NVA-Wehrmaterial auch zu. Eine erste gesamtdeutsche Beratung über diese Abrüstung fand schon im August 1990 in Strausberg statt. Daran nahmen auch Vertreter der Industrie teil. Mit der weiteren Nutzung von NVA-Waffen in den neuen Truppenteilen der Bundeswehr Ost revidierte so mancher Militär aus dem Westen seine Meinung. Einig war man sich aber nach wie vor bei den generell höheren Betriebskosten für die vorgefundenen Geräte gegenüber der eigenen Ausrüstung sowie eine mögliche Abhängigkeit des Nato-Mitglieds Bundesrepublik von der damaligen Sowjetunion beziehungsweise dem späteren Russland bei Ersatzteilen. Zudem entsprachen Waffen und Geräte in dieser Form keinesfalls den hohen Sicherheitsanforderungen und den Umweltbestimmungen in der Bundeswehr. 287 6. Die Auflösung der Nationalen Volksarmee Im Heer fanden der Ketten-Schützenpanzer BMP-1 und der Rad-Schützenpanzer BTR-70 besondere Aufmerksamkeit. Dieser war in der NVA als SPW-70 (insgesamt 1 266 Stück) mit Seitenluken und Reifendruckregelanlage bekannt. Auf Herz und Nieren geprüft wurde ebenso der Rad-Aufklärungspanzer BRDM-2 (SPW-40P2), von dem nun die Bundeswehr über 1 579 Stück besaß. Hier handelte es sich um ein sieben Tonnen leichtes Spähfahrzeug zur Aufklärung und Erkundung. Verlockend schienen ebenso die gezogene 122-mm-Haubitze D-30 (395 Stück) und die Selbstfahrlafette 122 mm (374 Stück) für Ausbildung und Übungen in den Rohrartillerie-Bataillonen, zumal annähernd eine halbe Million Schuss Munition allein in diesem Kaliber vorhanden war. Doch nicht genug damit. Unter den Artilleriesystemen verfügte jetzt die Bundeswehr aus dem einst gegnerischen Lager auch über einen 122-mm-Raketenwerfer (RM-70) auf dem 8-Rad-Tatra 813. Davon existierten 265 Exemplare. Der Nachfolger der berüchtigten „Stalinorgel“ aus dem Zweiten Weltkrieg konnte innerhalb einer Minute 40 Raketen, immerhin 2,87 m lang und 66 kg schwer, mit einer Reichweite von 20 km abfeuern und einen zweiten Raketensatz in kürzester Zeit automatisch nachladen. Als dann noch weit über eine Million Sturmgewehre und Maschinengewehre ausgezählt worden waren, auch die Hinterlassenschaften der Luftstreitkräfte/Luftverteidigung und der Volksmarine, registrierten so manche westdeutsche Wehrexperten tatsächlich mit Erstaunen: Die „kleine DDR“ war ihrer Meinung nach allein nach diesen beeindruckenden Zahlen stärker bewaffnet als die „große Bundesrepublik“. Wer hätte das gedacht! Eine weitere Form der Entsorgung von NVA-Hinterlassenschaften sah die Hardthöhe in den Lieferungen ins Ausland. So wurde im Oktober 1991 in Hamburg ein geheimer Waffenschmuggel des Bundesnachrichtendienstes nach Israel vereitelt. Bisher soll wohl Praxis gewesen sein, Waffensysteme zur Untersuchung und Erprobung an dieses Land zu verschicken. Bei den beschlagnahmten Waffensystemen unter versiegelten Planen – als landwirtschaftliche Geräte deklariert – handelte es sich, wie zunächst angenommen, nach einer Liste vom Bundesverteidigungsministerium nicht um Kampfpanzer, wohl aber um teilweise Panzerfahrzeuge für Flugabwehrsysteme. Hinzu kämen Transporter für Pionierbrücken und Radarsysteme. Es ging „eindeutig um Abwehr- und Unterstützungssysteme“, zitierte die Agentur AP einen Sprecher des Ministeriums. Die Hamburger Staatsanwaltschaft sah in den Lieferungen Verstöße gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz. Gefragt waren in jener Zeit wirtschaftliche Entsorgungsverfahren. Jeder Wehrexperte weiß, dass die Lagerung von Munition und vor allem ihre Entsorgung die Umwelt beeinträchtigt und viel Energie benötigt. Die Metallgewinnung beim Recycling sei eigentlich recht unwirtschaftlich, hieß es im Diskussionsbeitrag eines Vertreters der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik (DWT) in einem gesamtdeutschen Seminar in Strausberg. Daher die Anregung, man möge doch auch das Einbetonieren von Munition – natürlich ohne Zünder – in die Überlegungen der Arbeiten beim Abrüsten einbeziehen. Verschalt in riesigen Betonklötzen, sei das Wehrmaterial im Sinne internationaler Abrüstungsvereinbarungen nie wieder verwendbar. Die technologische Begründung war einleuchtend. 288 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Dennoch habe ich später nie wieder etwas von einer solchen Möglichkeit bei der Abrüstung in Ostdeutschland gehört. Die riesigen Betonteile sollten beispielsweise beim Küstenschutz Verwendung finden. Ein anderer Vorschlag zielte damals darauf ab, die Unmengen Munition nun in großem Stil, wie es damals hieß, „einfach zu verballern oder zu sprengen“. Neben den bekannten Rüstungsproduzenten, die mit der Delaborierung dieser Hinterlassenschaft mit dreistelligen Millionen-Summen beauftragt worden waren, wollten nun auch andere Unternehmen etwas vom gesamtdeutschen „Abrüstungskuchen“ abhaben. Was im ersten Moment als einleuchtend erschien, weil einfach und billig, nahm aber bei der Realisierung keine Rücksicht auf Natur und Umwelt. Das war einfach nicht mehr zeitgemäß, hätte von den damaligen deutschen Umweltministern Klaus Töpfer (1987–1994) und Angela Merkel (1994– 1998) nie den offiziellen Segen gefunden. Touristenreisen im rollenden NVA-Gefechtsstand Wie ich schon erwähnt habe, verzichtete die Bundeswehr auf alle Reliquien aus DDR-Zeiten. Auch auf den „Sonderzug aus Strausberg“, den die ehemalige Armeeführung genutzt hat. Denn zum umfassenden ostdeutschen Militärpotential gehörte ein auf den Schienen der Deutschen Reichsbahn rollender NVA-Befehlsstand. Das war keine DDR-Erfindung. So etwas hat es in der Militärgeschichte schon oft gegeben. Hier konnte im Ernstfall der Verteidigungsminister mit Hilfe der Reichsbahn an neue Stellungen „abtauchen“. Waren die damalige Kreisstadt Strausberg und ein Bunker in Harnekop gewöhnlich die im Verteidigungsfall vorgesehenen Führungspunkte für den Armeegeneral, so hätte er in dieser besonderen militärischen Situation – die Nutzung des dritten geplanten Befehlsstandes – nun den Heimatbahnhof mit „unbekanntem Ziel“ verlassen. Getestet wurde der Zug immer wieder bei Besuchen von Verteidigungsministern aus dem Warschauer Bündnis, auch als ein rollendes Hotel. Im Gegensatz zu den damals üblichen Waggons bei der Bahn im Osten, die wie die meisten öffentlichen Einrichtungen in einem ungepflegten Zustand waren, ging es in den 24 Waggons außerordentlich gediegen zu. Sie wurden über das ganze Jahr von einem zuverlässigen Team mit Berufssoldaten gewartet. Bei der Ausstattung hatte man nicht gespart: Die Salonwagen waren mit edlen Furnierhölzern ausgelegt. Eine Videoanlage und der Zugfunk sollten den hochrangigen Verteidigern des Sozialismus den Ernst der Lage vergessen machen. Ein Küchenleiter konnte auf dem Sechs-Platten-Elektroherd und an anderen modernen Einrichtungen dem Minister und seinem Gefolge nahezu jeden Speisenwunsch erfüllen. Für die militärischen Aufgaben der Führungscrew vom Büroleiter über den Adjutanten des Ministers bis zu den vielen anderen Spezialisten waren die Wagen untereinander telefonisch verbunden. Der kommandierende ostdeutsche Vier-Sterne-Generale konnte von überall dem Oberkommandierenden des Warschauer Bündnisses problemlos seine Ent- 289 6. Die Auflösung der Nationalen Volksarmee schlüsse vortragen, indem er von hier mit ihm über das verschlüsselte Armeenetz WTsch telefoniert hätte. Nach der Wiedervereinigung und dem Verzicht der Bundeswehr auf diesen Sonderzug verlor dieser seine geheimnisvolle Mission. Er wurde zur Touristenattraktion. Und die Nachfrage für Familienfeiern und kleine Betriebsausflüge in dieser exklusiven Umgebung war enorm: Ab 1990 kamen der gesamte Zug oder einer seiner Waggons etwa 300 Mal zum Einsatz. Der Slogan für die Werbung lautete: „Reisen wie die Roten Preußen“. Allein der Gesellschaftswagen war über Wochen ausgebucht. Je nach Entfernung konnte man sich hier für einen Preis zwischen 600 und 1 000 DM häuslich niederlassen – etwa so wie einst „Gott in Frankreich“. Vielleicht nicht ganz so bequem und umsorgt, wie das einst führende DDR-Militärs im rollenden NVA-Befehlsstand auch bei Manövern und anderen Übungen erlebten. Dafür hatten aber die Beteiligten nun die Gewissheit, sich ohne Kontrollen und Befehle in schönen Landschaften ihrer Heimat aufhalten zu können, egal ob in Mecklenburg oder Bayern. Die Fahrtroute war nun nicht mehr geheim. Und an den Übergangsstellen der ehemals innerdeutschen Grenze gab es keine unfreundlichen Stasi-Leute in der Uniform des DDR-Zolls mit den Worten: „Ihre Ausweispapiere zur Kontrolle!“ Todesstreifen verlor seinen Schrecken Fünf Jahre nach der Wiedervereinigung verlor der ehemalige Todesstreifen an der innerdeutschen Trennlinie endgültig seinen Schrecken. Ende 1995 wurde die Nachsuche nach DDR-Minen beendet. Sie waren auf 660 der einst 1 480 Kilometer langen deutsch-deutschen Grenze verlegt worden. Seit 1992 hatten die Beteiligten von der zuständigen Rekultivierungs-Gesellschaft, die im Auftrag des Bundesverteidigungsministeriums tätig war, noch 1 010 solcher Sprengkörper aufgespürt und beseitigt. Danach waren die letzten Gefahrenherde „nach menschlichem Ermessen minenfrei“. So hieß es offiziell. Zwischen Ostseeküste im Norden und Vogtland im Süden beseitigte das Unternehmen weitere sogenannte Sicherungsanlagen. Dazu zählten die Sperrzäune aus Streckmetall und Stacheldraht auf etwa 820 Kilometer Länge, 100 Beobachtungstürme aus Stahlbeton, rund 200 Kilometer Sperrgraben für Kraftfahrzeuge aus Betonteilen, 32 Brücken für militärische Zwecke und 85 Wassersperren. Was für Riesenmengen an Baumaterial, das dann in der DDR-Wirtschaft gefehlt hat. Der generelle Auftrag lautete: Mit der deutschen Einheit sollten alle DDR-Grenzabschnitte so schnell wie möglich begehbar gemacht werden. Und das ohne jede Gefahr für Leib und Leben der Menschen in Ost und West. Dazu waren aber umfangreiche Untersuchungen zu Beginn notwendig. Sie wurden im Wesentlichen von der Bundeswehr vorgenommen. 290 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Zur Erinnerung: Die zuständigen DDR-Organe – Volksarmee, Grenztruppen, Staatssicherheit – hatten auf Weisung des Nationalen Verteidigungsrates unter Ulbricht und Honecker zwischen 1961 und 1984 etwa 1,3 Millionen Minen verlegt. Das geschah entlang der Grenze zwischen DDR und Bundesrepublik nach einem geheimen System. Um bei den Bemühungen um Milliarden-Kredite ihr internationales Ansehen aufzupolieren, ließ 1985 die Ostberliner Führung in einer Nacht- und Nebelaktion am Todesstreifen die Minenfelder räumen. Diese Minen-Typen waren von der DDR an der innerdeutschen Grenze verlegt worden: Insgesamt hatten die Pioniertruppen der DDR den Nachweis von 33 863 der heimtückischen Waffen unterschlagen. Diese waren meist durch Witterungseinfluss „abgedriftet“ und befanden sich nicht mehr an den ursprünglichen und in Geheimplänen fixierten „Verlegestellen“. Als Gründe wurden offiziell „Selbstsprengung“ – oft von Tieren ausgelöst – oder „Verwitterung“ in den Meldungen an die Führungsorgane angeführt. Dass hier weiterhin eine große Gefahr lauerte, war den Verantwortlichen schon zur Wiedervereinigung klar. Zufallsfunde zwangen zur „Nachlese“. Zuerst auf einem Abschnitt von 157 Kilometer Entfernung, ab 1994 auf weiteren 150 Kilometer Grenzstreifen. Die Suche erfolgte neben der Sondierung mit Detektoren nach Verfahren, die der Bund vorgegeben hatte. So wurde bei flachem und festem Gelände im Normalfall der Boden 30 Zentimeter tief umgepflügt und geeggt. Das fand vier Mal statt. Experten prüften ständig die Erdoberfläche. Wurde eine Mine gefunden, begannen die vier Durchgänge von vorn. Erst dann galt das Gelände als „minenfrei“. Sprengtrupps der Bundeswehr beseitigten die Minen. „Bei der Nachsuche haben sich die Erfahrungen der Minensucher als besonders wertvoll erwiesen.“ Das erläuterte mir Gruppenleiter Oberstleutnant Klaus Wilke. Er hatte sein Büro im ehemaligen Kommando der DDR-Grenztruppen in Pätz bei Königs Wusterhausen (Land Brandenburg) eingerichtet. „Einen von Minen bedingten Unfall hat es nicht gegeben, da bei allen Arbeiten ein Höchstmaß an Sicherheit gewährleistet wurde. Dennoch 291 6. Die Auflösung der Nationalen Volksarmee befanden sich stets ein Krankenwagen und ein Sanitätshelfer vor Ort.“ Das Ergebnis der Minensuche sei für jedes Gebiet „in Karten eingetragen und von der Bundeswehr als Auftraggeber und Kontrollorgan abgezeichnet worden“. Dank großer Aufmerksamkeit aller Beteiligten, auch durch Warnschilder, kam bei Anwohnern und Spaziergängern niemand zu Schaden. Er berichtete weiter, dass zu DDR-Zeiten insgesamt sechs Generationen Infanterieminen mit einem Durchmesser zwischen sechs und 20 Zentimeter verlegt worden waren. Damit sollten Fluchten in die Bundesrepublik nicht nur mit den Maschinenpistolen der Grenzsoldaten verhindert werden. Die ersten Minen stammten aus sowjetischer Produktion. Es waren Typen mit 75 Gramm Sprengladung. Wie unzählige Vorkommnisse an der Grenze zeigten, reichten selbst solche „Winzlinge“ in den Minenfeldern aus, um bei den Opfern Beine, Arme oder den ganzen Körper zu verletzen. Anfangs waren die Sprengkörper noch aus Metall. Ganz findige „Grenzverletzter“ umgingen diese Gefahren mit selbst gefertigten Suchgeräten. Weil sich das immer mehr herumsprach, wollte die DDR-Führung solche Fluchten in den Westen mit den nächsten Minengenerationen aus Holz- oder Plastikhüllen verhindern. Deshalb wurden in sehr großer Stückzahl ab 1971 Sprengköper „Made in GDR“ verlegt: Extrem flach, mit mehr als 100 g Sprengladung wirkungsvoller und schon bei der geringsten Berührung eine tödliche Gefahr. Im „Militärischen Sperrgebiet“ zwischen Possek bei Plauen und dem mecklenburgischen Pötenitz mit der Gesamtfläche vom Großherzogtum Luxemburg hatten auch die wehrpflichtigen Grenzsoldaten keine Kenntnis über das Minensystem. Nicht alles, was später von Grenztruppen-Pionieren nicht gefunden wurde, war wirklich verwittert. Gewässer, Sümpfe, Baumbewuchs hatten die Lage der kleinen Sprengkörper in all den Jahren verändert. So spürte man bei Heiligenstadt in Thüringen ein komplettes Minenfeld mit 31 Sprengkörpern auf. Ein Arbeitnehmer von den insgesamt 485 Beschäftigten der Gesellschaft entdeckte eine solche Gefahr, als es zufällig an einem Feldrand im Detektor „piepte“. Daher wurde in letzter Zeit zusätzlich eine Fräse eingesetzt. 292 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Wer die mühselige und gefährliche Arbeit der Beteiligten aus nächster Nähe erlebte, hatte zutiefst Respekt vor diesen Männern. Sie waren nach eigenen Worten „sehr motiviert“. Alle stammten aus dem Osten, hatten als Berufssoldaten meist an der Grenze gedient. Hier setzten sie sich „wachen Auges“ dafür ein, dass dieses bittere Minen-Erbe ein für alle Mal Geschichte sein möge. Und dann sagte mir noch ein Beteiligter: „Auch uns schlotterten manchmal beim Piepsen des Detektors die Hosen.“ Er kannte ja die Sprengkraft dieser Minen. Und so war zum Beispiel der Brocken, dessen Grenzanlagen mit ihren tödlichen Waffen über Jahrzehnte die DDR-Bürger von den Ausblicken in 1 100 Meter Gipfelhöhe abhielten, seither wieder ohne Gefahr begehbar. Insgesamt kosteten Abbau der Grenzbefestigungsanlagen und Minenräumung mit Geräten und Verfahren nach vorgegebenem Standard mehr als 250 Millionen Mark. Fast 15 Jahre nach dem Mauerfall präsentierte sich der ehemalige Todesstreifen als längster Biotop Deutschlands – auch einzigartig in Mitteleuropa. Wo ein waffenstarrendes Ungetüm die Flucht von Ostdeutschen in den Westen verhindern sollte, auch mit Lichttrassen, Hunde-Laufanlagen und Signaldrähten, erinnerte meist nur noch die Natur an den ehemaligen Grenzstreifen im geteilten Deutschland. Informationstafeln in Ost und West weisen nun auf solche Orte des Gedenkens an Leid und Trennung hin. Die Hansestadt Lübeck stellte an der heutigen Grenze zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig- Holstein mit dem Projekt „Grenzenlos von Lübeck nach Boltenhagen“ mehrere Informationstafeln auf. Heute kaum nachzuvollziehen, dass das ständig von etwa 30 000 Soldaten bewachte Niemandsland zur Heimstatt hunderter seltener Tier- und Pflanzenarten werden konnte. Viele stehen auf der Roten Liste. Aus der intensiv genutzten Agrarsteppe ringsherum flüchteten 130 Vogelarten hierher, wo ihnen die Natur eine mehr als 30-jähringe Atempause gab. 293 6. Die Auflösung der Nationalen Volksarmee So den bedrohten Vögeln wie Birkhuhn, Raubwürger, Braunkehlchen und Schwarzstorch. Denn außer den Grenzsoldaten durfte keine Menschenseele den vorderen Grenzabschnitt im insgesamt fünf Kilometer breiten „Sperrgebiet“ an der DDR-Staatsgrenze betreten. In den abgeschiedenen Lebensräumen entwickelten sich Altgras- und Hochstaudenflure, Feuchtwiesen, Sümpfe, Moore, Heiden, Busch- und Waldparadiese. Die Breite der nach der Wende von militärischen Altlasten entsorgten Sperrlinie schwankte zwischen 50 und 200 Meter. Wegen ihres überragenden ökologischen Wertes setzten sich von Anfang an Naturschützer für den Erhalt dieser Flora und Fauna ein, unterstützt von Biologen und interessierten Bürgern. Da so mancher Bewohner gern diese Spuren der Teilung beseitigt und das Land wieder bäuerlich genutzt hätte, was vielerorts geschah und von Naturschützern als „Tod im Maisfeld“ gebrandmarkt wurde, stellte Sachsen 1996 diesen Streifen unter Naturschutz. Seither wurden zwischen Jungmoränen in Mecklenburg- Vorpommern und den Mittelgebirgen Bayerns, Thüringens und Sachsens über 200 Naturschutzgebiete ausgewiesen. Auch für Thüringen ist seit 1992 der ehemalige 763 Kilometer lange Grenzstreifen mehr als nur Lebensraum für Hase und Rebhuhn, Wind- und Erosionsschutz oder Oase des Na turer le bens. Für den Freistaat bleibt das Grüne Band als Mahnmal erhalten. Davon künden zahlreiche Stätten wie Denkmale, Informationszentren oder Grenzwanderwege. Die Erfurter Landesregierung sieht den Schlüssel zum Erfolg bei der Harmonisierung ökologischer und agrarstruktureller Belange „in erster Linie in den Köpfen der Menschen“. Der Grenzstreifen als großes Naturschutzgebiet – diese Idee entstand 1989. In den Tagen der Wende schufen engagierte Bürger, Politiker, Fachbehörden und Naturschutzverbände das erste gesamtdeutsche Naturschutzprojekt. Sie kartierten Tiere und Pflanzen des „Grünen Bandes“, informierten die Öffentlichkeit und legten für neue Schutzgebiete die Grundlagen. Seit 1990 fand es breite Unterstützung auch bei allen führenden deutschen Umweltpolitikern. Im Europäischen Naturschutzjahr 1995 zeichnete Bundespräsident Roman Herzog das Projekt aus. Laut deutscher Umweltministerkonferenz ist es „ökologisch bedeutsam“. Höchstpreise für DDR-Orden Eine wahre Hochkonjunktur erlebte in Ostdeutschland unmittelbar nach der Wiedervereinigung der Handel mit Orden und Ehrenzeichen der DDR. Beim Straßenhändler vor dem Brandenburger Tor in Berlin waren es meist noch solche Auszeichnungen, die – wie der Volksmund zu sagen pflegte – in Betrieben und Kasernen „aus dem Kochgeschirr“ unters Volk gebracht wurden. Das fand vor jedem Staats- und Armeejubiläum statt. Die Fachgeschäfte nicht nur in der Hauptstadt boten dagegen schon bald erste Qualität: Karl-Marx- Orden, Orden „Held der DDR“, Vaterländischer Verdienstorden, Scharnhorst-Orden, Kampf or den für Volk und Vaterland, Nationalpreise. 294 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Die militärischen Utensilien des Möchtegern-Marschalls Erich Honecker wurden aber noch nicht feilgeboten. Als Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates sah sich der SED-Generalsekretär im Range eines Obersten Befehlshabers aller Waffenträger im Arbeiter-und-Bauern-Staat. Daher pflegte er immer bei Treffen mit seinen Generalen und Offizieren oder den Befehlshabern der WGT den militärischen Gruß. Zur Verabschiedung nach Truppenbesuchen brachte dann der Verteidigungsminister mit geballter Faust stets ein „Dreifaches militärisches Hurra auf unseren Oberkommandierenden!“ aus, dem diese Ehrerbietung von seinen Untergebenen sehr wohl gefiel. Auch vom Träger der größten aller DDR-Ordensspangen, Stasi-Chef Erich Mielke, kamen vorerst keine Auszeichnungen auf den Markt. Wie damals jeder DDR-Fernsehzuschauer nicht nur bei seiner letzten peinlichen Rede vor der Volkskammer sehen konnte, legte der MfS-Minister stets allergrößten Wert darauf, bei seinen uniformierten Auftritten als Armeegeneral einer heimtückischen Streitmacht im Untergrund immer mehr Orden auf der linken Brustseite zur Schau zu stellen als der jeweilige Verteidigungsminister. (Hier begann eigentlich schon die Konkurrenz zwischen Armee und Staatssicherheit und nicht erst beim Fußball zwischen dem Armeeklub ASK Vorwärts und der Stasi-Truppe vom BFC Dynamo.) Das waren mit Hoffmann und Kessler ebenfalls Armeegenerale, allerdings einer nach DDR-Struktur richtigen Armee. Mielkes Orden haben wohl auch 1984 den Generalstabschef der Libyschen Arabischen Streitkräfte, Brigadegeneral Mustafa al-Kharroubi, bei seinen Geheim-Verhandlungen in Berlin-Pankow so beeindruckt, dass man danach in dem arabischen Land eine regelrechte Reisediplomatie von Sicherheitsexperten aus der DDR registrierten konnte. Zu den höchsten und damit sehr begehrten Orden gehörte der „Held der DDR“. Dieser wurde insgesamt 17 Mal verliehen. Honecker und Mielke müssen wohl bei der Verleihung im Staatsratsgebäude am Marx-Engels-Platz in Ost-Berlin mit viel Pomp zweimal „Hier!“ gerufen haben. Denn nur sie brachten es in 40 Jahren DDR zum Doppelpack. Die Tatsache, dass einigen von diesen DDR-Spitzenleuten Anfang 1990 unter der ersten frei gewählten Regierung alle staatlichen Auszeichnungen aberkannt wurden, dürfte der Sammlerleidenschaft spezieller Käufer erst recht Auftrieb gegeben haben. Allein der Scharnhorst-Orden als höchste militärische Auszeichnung auf den ostdeutschen Generalsuniformen kostete nach der Wiedervereinigung schon ein paar hundert Deutsche Mark. Mit dem Euro-Zeitalter stiegen auch hier die Preise, wie jeder Interessierte im Internet sehen konnte. Was zu DDR-Zeiten gar nicht so bekannt war, sagte mir der Chef eines angesehenen Münzladens in der Frankfurter Allee der Hauptstadt ganz offen: „Damals war es per Gesetz verboten, staatliche Auszeichnungen zu sammeln oder gar zu handeln.“ Daher nun die unverminderte Nachfrage von Experten, auch von Laien. 295 6. Die Auflösung der Nationalen Volksarmee Man sammelte eben nicht nur Münzen und Briefmarken mit Bildnissen von NVA-Soldaten, darunter den inzwischen wertvollen „Pappchinesen“. Anders verhielt sich das mit den Plaketten aus Blech und Plaste oder mit Büchern aus dem Militärverlag. Diese Massenware gab es nach der politischen Wende recht preiswert. Besonders gefragt waren aber Auszeichnungen des ostdeutschen Staates, die einst in geringer Stückzahl „verteilt“ wurden. So die Medaillen aus Zeiten der Kasernierten Volkspolizei bis 1956. Wie sehr die Mächtigen um politische Korrektheit im Umgang mit ihren Untertanen besorgt waren, zeigte sich 1959 bei einer großen „Rückführaktion“ für Auszeichnungen: Die Träger des NVA-Leistungsabzeichens mussten ihr Erinnerungsstück wieder an die jeweilige Einheit zurückschicken, weil die Prägung zu „Missverständnissen führen konnte“. Der Anlass: In geringer Stückzahl geprägt und mit Nummern versehen, hatte diese Plakette zwar das deutsche Fahnensymbol. Jedoch fehlten Hammer, Zirkel und Ährenkranz, wie inzwischen auf DDR- Fahnen als sichtbarer Unterschied zur westdeutschen Flagge verankert. Auf jedem dieser Leistungsabzeichen wurde dann das sogenannte Spaltersymbol nachgeprägt. Weniger Wert besaßen dagegen die unzähligen „Medaillen für treue Dienste“. Sie brachten ihren Besitzern auf dem freien Markt fünf bis zu 20 DM, heute sind es nur ein paar Euro. Was die Anerkennung der Tapferkeit ihrer Kämpfer betraf, so hatten die Kriegsplaner aus dem Nationalen Verteidigungsrat schon 1968 zwar kein „Ritterkreuz“ als Orden vorgesehen, wohl aber eigens für den Ernstfall einen Blücher- Orden gestiftet. Natürlich mit DDR-Emblem auf der Rückseite, in Gold, Silber und Bronze. Dieser „Blücher-Orden für Tapferkeit“ und die „Blücher-Medaille für Tapferkeit“ wurden 1985 bestätigt. „Der Beschluss wird aber erst mit der Verkündung des Verteidigungszustandes veröffentlicht“, heißt es im Protokoll der 69. NVR-Sitzung vom 25. Januar 1985. Als Namensgeber diente für diese hohe Auszeichnung, die glücklicherweise nie vergeben wurde, der preußische Generalfeldmarschall Gebhard Leberecht von Blücher. „General Vorwärts“ hatte in der Neujahrsnacht 1814 im Krieg gegen Napoleon Bonaparte die Rheingrenze überschritten. In großer Stückzahl wurde der Orden im VEB PRÄWEMA in Markneukirchen unter Geheimhaltung geprägt, wo auch Prototypen unter Verschluss lagen. Und was für eine Überraschung für das Bundeswehrkommando Ost, als im Keller des ehemaligen DDR-Verteidigungsministeriums einige Kartons mit dem Orden entdeckt wurden. Auch wenn alle drei Kategorien weder massenhaft noch einzeln verliehen wurden – mancher Sammler hat sie dennoch erworben und ist recht stolz darauf. Allerdings: Der eine besitzt die Echten, der andere die „Blüten“. Denn das war das Kuriose beim florierenden Militaria-Handel: Obwohl noch Tonnen von DDR-Orden und -Medaillen auf Halde lagen, 296 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten machten schon ausländische Fälscher aus diesem Kapitel ostdeutscher Vergangenheit bares Geld. Vielleicht inspirierte sie dazu auch die ungewöhnliche Publizität des „Stolpe-Ordens“. Das war die DDR-Verdienstmedaille. 1978 hatte sie der Konsistorialpräsident der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg von den DDR-Behörden erhalten. Wie mir ein anderer Berliner Fachhändler sagte, kam diese Prägung nach 1990 „kistenweise“ auf den Markt und fand reißenden Absatz. Immerhin kostete anfangs ein echtes Stück schon 25 DM. Doch nicht nur die DDR-Orden, auch Uniformen avancierten zu begehrten Verkaufsobjekten. Eintausend DM für die Rote-Biesen-Kleidung eines ehemaligen Generals der NVA- Landstreitkräfte verlangte ein Händler in Berlin Unter den Linden direkt vor dem Brandenburger Tor, nicht weit von der einstigen Trennlinie zwischen Ost und West. Er war ganz sicher, dass ihm „zwar kein ostdeutscher Kunde, wohl aber ein Sammler aus Westdeutschland oder gar ein Tourist aus den USA den Tausender hinblättern wird“. „Alles echt“, meinte er. Selbst die „Affenschaukel“, jenes auffällige, geflochtene Seil zwischen Schulterstücken und Knopfleiste, war „Made in GDR“. Wer jedoch einen „Oberleutnant“ oder gar „Major“ mit nach Hause nehmen wollte, brauchte für deren Einheitsbekleidung nur 100 DM auf den Tisch zu legen. Die Schirmmütze eines Offiziers – ob im Mot.-Schützen-Grau oder im Blau der Volksmarine – kostete 25 DM. Fast gratis und nur für ein paar Silbermünzen erhielt man das NVA-Bestenabzeichen von Soldaten und Unteroffizieren. Etwas teurer waren da die einschlägigen Wettbewerbswimpel aus den „Kampfzeiten“ der Panzereinheiten, Flugzeug- oder Schiffsbesatzungen vor den SED-Parteitagen, die alle vier Jahre stattfanden. Der Militaria-Handel mit den Hinterlassenschaften der einstigen DDR florierte überall, besonders in und um Berlin. Kein Flohmarkt, auf dem man nicht solche Bekleidungs- und Ausrüstungsgegenstände, darunter Stahlhelme, Koppel und Stiefel oder Kampfanzüge, günstig kaufen konnte. Für eine Schutzmaske gegen den Atomschlag wurden knapp 30 DM verlangt, für ein schwergewichtiges russisches Funkgerät kurzer Reichweite gar drei- oder viermal soviel. Bei Militaria-Fans und Souvenirjägern saß das Geld dafür recht locker. Und für ehemalige NVA-Soldaten war dieser Rummel um die Symbole von einst, wie ich oft hörte, „einfach peinlich“ und „geschmacklos“. Das sei „keine Verarbeitung von Geschichte“.

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References

Abstract

With the end of the GDR and Germany's unification three decades ago the National People's Army also stopped being a force. A part of their soldiers now served under the banner of their former opponent. On the "Retreat" from the Cold War between East and West mastered the Bundeswehr this human and military mission: the army of unity became

to the army of all Germans. Never before has the military peacefully achieved so much!

The accession area became a pilot for the new army structure. A smaller air force secured the airspace. For the German Seenation went the course change towards "unlimited horizon". In the Bundeswehr were Scharnhorst visions, whose tomb on the Invalidenfriedhof in Berlin again shines in the old glory, reality – army as alive part of a state, soldier service an honor service. The new armed forces took Europe's commitment to peace and democracy, too international

responsibility for peacekeeping operations. and conflict resolution.

Zusammenfassung

Mit dem Ende der DDR und Deutschlands Wiedervereinigung vor drei Jahrzehnten hörte auch die Nationale Volksarmee auf, eine Streitmacht zu sein. Ein Teil ihrer Soldaten diente nun unter der Fahne des einstigen Gegners. Auf dem „Rückzug“ vom Kalten Krieg zwischen Ost und West meisterte die Bundeswehr diese menschliche und militärische Mission mit Bravour: Die Armee der Einheit wurde zur Armee aller Deutschen. Nie zuvor hat Militär friedlich so viel erreicht. Das Beitrittsgebiet bekam Pilotcharakter für die neue Heeresstruktur. Eine kleinere Luftwaffe sicherte den Luftraum mit Air Policing und Flugabwehr. Trotz Schlankheitskur ging der Kurswechsel für die deutsche Seenation mit dem Welthandel in Richtung „unbegrenzter Horizont“. In der Bundeswehr wurden Scharnhorst-Visionen, dessen Grabmal auf dem Berliner Invalidenfriedhof wieder in altem Glanz erstrahlt, Realität: Armee als lebendiger Teil eines Staates, Soldatendienst ein Ehrendienst. Peter Heinze widmete sich seit dem Tag der Deutschen Einheit besonders der Bundeswehr im Beitrittsgebiet. Mit dem Ende des Kalten Krieges verfolgte der ostdeutsche Journalist den Abzug russischer Truppen als größte Militärbewegung im Nachkriegseuropa und die internationale Abrüstung unter der Devise „Vertrauen gegen Vertrauen“. Der vorliegende Band versammelt seine Erfahrungen und Erkenntnisse der letzten 30 Jahre und bietet so einen ebenso fundierten wie persönlichen Überblick über die Wiedervereinigung in der nun gesamtdeutschen Armee.