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1. Europa im Gleichgewicht militärischer Kräfte in:

Peter Heinze

Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten, page 21 - 26

Ein Journalist erlebte die Armee der Einheit

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4410-0, ISBN online: 978-3-8288-7411-4, https://doi.org/10.5771/9783828874114-21

Tectum, Baden-Baden
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21 1. Europa im Gleichgewicht militärischer Kräfte Unmittelbar vor der Einheit bildete Deutschland im Herbst 1990 ein riesiges Heerlager im Herzen Europas. Es umfasste etwa 1,44 Millionen deutsche und ausländische Soldaten aus acht Nationen. Eingegliedert in Blöcke, ausgerüstet und bewaffnet mit modernstem Kriegsgerät, standen sich an der innerdeutschen Grenze zwischen Lübeck (West) und Plauen (Ost) im System der Vorneverteidigung handlungsbereite, etwa gleichstarke Kampfverbände gegenüber – dabei die Nationale Volksarmee mit sechs, die Bundeswehr mit zwölf Divisionen. Bei der Mobilmachung war für beide Armeen eine sogenannte Aufwuchsfähigkeit auf das Dreifache vorgesehen. Zur Unterstützung einer möglichen militärischen Auseinandersetzung hielten die im geteilten Deutschland stationierten Luftwaffen insgesamt fast 2 500 Kampfflugzeuge einsatzbereit. Auch das bedeutete bis zur Überwindung des Ost-West- Dauerkonflikts die größte Militärkonzentration, die es je in Mitteleuropa gegeben hat. Mit anderen Worten: Ganz Deutschland war ein strategisch wichtiger Schauplatz im Kalten Krieg, der zwischen Nato und Warschauer Vertrag bis 1990 andauerte und dessen Ende buchstäblich über Nacht kam. Ost- und Westdeutschland bildeten in ihren Bündnissen jeweils die Frontstaaten. Wäre ein globaler Krieg, der Dritte Weltkrieg, entstanden, hätte man das geteilte Deutschland zweifellos an der Verteidigungsfront der Allianz von Norwegen bis zur Türkei zum Hauptschlachtfeld gemacht. Auslöser konnten die Berlin-Krise 1948/49 oder der Mauerbau in Berlin 1961 sein. Dann wäre ein Szenario Realität geworden, was auch immer von der ostdeutschen Bevölkerung befürchtet wurde – Deutsche sollten gegen Deutsche kämpfen. Nicht auszudenken! Deren Verbände waren fest eingebettet in die Strukturen der Nato und des Warschauer Pakts. Hier galten die insgesamt 660 000 Soldaten der Bundeswehr und der NVA jeweils als die „deutsche Komponente“. Sie bestand aus zwei völlig unterschiedlichen Militärkulturen. Die Oberhoheit oblag schon im Frieden den USA beziehungsweise der Sowjetunion. Generale beider Groß- und Siegermächte nahmen die entscheidenden Kommandostellen ein, hatten letztlich das Sagen. Bei ihren Stabsübungen, so von der Nato noch 1989, wurde auch der Einsatz von Kernwaffenschlägen auf des Gegners Seite geprobt. Es galt die Devise: Die Nato sollte darauf vorbereitet sein, den zu erwartenden machtvollen konventionellen Angriff des Warschauer Pakts mit Panzern, Schützenpanzern und Artillerie durch den massiven Einsatz taktischer 22 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten und strategischer nuklearer Waffen abzuwehren. Das hieß bei den Militärs: „Massive Vergeltung“. In der NVA-Hierarchie überwachten sowjetische Generale und Oberste bis 1990 alle Führungseinrichtungen. Auch mit ihrer Teilnahme an den Kollegiumssitzungen des Verteidigungsministeriums, immer an ihrer Seite ein Dolmetscher. Der musste zudem die Beschlüsse und alle wichtigen Dokumente für die militärische Führung in Moskau übersetzen. Diese Kontrolle galt auch in allen drei Teilstreitkräften bis in die Kommandos der Divisionen und Flottillen. Dabei standen die etwa 90 sowjetischen „Berater“ auf den Gehaltslisten der DDR-Armee. Ihre besondere Aufmerksamkeit galt der ostdeutschen Republik als Teil des Warschauer Vertrages. Und „nebenbei“ schauten die sowjetischen Militärs ihren einstigen Schützlingen auch politisch auf die Finger, damit diese unter keinen Umständen irgendwelche Kontakte zu den Deutschen auf der anderen Seite aufnahmen. Doch nicht nur beide Großmächte bestimmten, wie bekannt, im Kriegsfall über den Einsatz von Nuklearwaffen auf dem geplanten Kampfgebiet zwischen Rhein und Oder. Über die unter größter Geheimhaltung seit den 1960er Jahren in der Bundesrepublik gelagerten 700 Atombomben sollten ursprünglich westdeutsche Militärs mitentscheiden. Zu dieser Zeit verfügte die Bundeswehr über eine Vielzahl nuklearer Einsatzmittel. So atomare Landminen, Atomgranaten, atomare Raketenträger. Ein Befürworter der gerade erst gegründeten Bundeswehr mit atomaren Trägersystemen war Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU). „Selbstverständlich können wir nicht darauf verzichten, dass unsere Truppen auch in der normalen Bewaffnung die neueste Entwicklung mitmachen.“ Und er bezeichnete 1957 die taktischen Waffen „als eine Weiterentwicklung der Artillerie“. So bemühte sich der Führungsstab des Heeres um die Nuklearisierung der Heeresverbände. „Atomare Gefechtsfeldwaffen waren selbst für die Brigaden vorgesehen. Damit sollte die Brigade zum selbständig kämpfenden Großverband aufgewertet, die Kampfkraft deutlich erhöht und die Lücke in der abgestuften Abschreckung geschlossen werden“, berichtete der Militärhistoriker Oberstleutnant Dr. Helmut R. Hammerich in „Das Heer 1950– 1970, Konzeption, Organisation und Aufstellung“, Oldenbourg Verlag München, 2006, S. 197. „Die gewünschte Doppelrolle des Heeres, sowohl für den konventionellen als auch für den atomaren Krieg gerüstet zu sein, war Mitte der 1960er Jahre bereits erreicht.“ In dieser Zeit bedeuteten die jeweiligen Bündnisverflechtungen der Bundesrepublik und der DDR einen zusätzlichen ausländischen Schutz vor der anderen militärischen Seite, auch eine Lehre und Schlussfolgerung aus dem Zweiten Weltkrieg: Von Deutschland sollte nie wieder eine Gefahr für andere Völker Europas ausgehen, hieß es damals. Doch gerade die atomare Aufrüstung in der Bundesrepublik sorgte in jenen Jahren nicht nur unter Anhängern der Friedensbewegung für großes Unbehagen und führte zu eindrucksvollen Protesten. In der DDR blieben die 25 Lagerstätten nuklearer Waffen der Sowjetarmee dagegen stets geheim. Sonst hätten diese Gefahrenquellen – oft nahe von Wohn- und Erholungsgebieten – für schlaflose Nächte bei der Bevölkerung und unter den Urlaubern gesorgt. 23 1. Europa im Gleichgewicht militärischer Kräfte Unter diesen politischen und militärischen Spannungen wuchs in der DDR die Angst vor einem nuklearen Krieg auf dem eigenen Territorium. Das insbesondere seit der Katastrophe 1986 im Atomkraftwerk von Tschernobyl. Ferner geriet Mitte der siebziger Jahre in Mitteleuropa das militärische Gleichgewicht in Gefahr, als die Sowjetunion ihre auf Westeuropa gerichteten atomaren Mittelstreckenraketen durch die SS-20 (Nato: SABER) ersetzte. Die 16,5 Meter langen Raketen mit einem Startgewicht von 37 Tonnen auf mobilen Abschussrampen und einer Reichweite von 5 400 Kilometer, für den Einsatz gegen Kommandozentralen sowie andere interkontinentale und kontinentale Ziele konstruiert, hatte die 80-fache Sprengkraft einer Hiroshima-Bombe. Und davon gab es im Ostblock, so auch in der DDR, wie ein KGB-Chefanalytiker später bestätigte, insgesamt 654 Exemplare. Als Reaktion auf diese direkte Bedrohung setzte 1979 Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) den Nato-Doppelbeschluss durch. Es ging einerseits um bilaterale Verhandlungen der Supermächte. Andererseits wurden 1983 in diese Lücke der atomaren Abschreckung in Westeuropa und der Bundesrepublik 572 mit nuklearen Sprengköpfen bestückte bodengestützte Marschflugkörper vom Typ Tomahawk sowie Pershing-II-Raketen als Ausgleich stationiert. Die großen Proteste der westdeutschen Friedensbewegung gegen die geplante atomare Nachrüstung mit all ihren Gefahren erreichten nicht nur über das West-Fernsehen den anderen Teil Deutschlands. So wurden die Nato-Nuklearraketen von der Partei- und Staatsführung der DDR als „Teufelszeug“ gebrandmarkt. Die folgenden Debatten im ganzen Land über die „Raketen für den Krieg“ im Westen und die „Raketen für den Frieden“ im Osten führten bei Offizieren der NVA-Raketentruppen zu prinzipiellen internen Diskussionen, wie ich hörte. Einzelheiten über einen möglichen Verzicht auf eigene Waffen wie Panzer und Artillerie bei den Wiener Abrüstungsgesprächen wurden von der DDR-Militärführung als „Schwächung des Sozialismus“ interpretiert. Abrüstungsexperten vom eigenen Außenministerium, die bei diesen Verhandlungen in Wien nach späteren Aussagen mit ihrem Auftreten dort „Kopf und Kragen“ riskierten, waren deshalb bei Gesprächsrunden auf hoher Ebene im Strausberger Verteidigungsministerium unerwünscht. Das sogar „von allerhöchster Stelle“, sagte man mir. Erst der Vertrag über die Vernichtung der Kurz- und Mittelstreckenraketen zwischen den USA und der UdSSR, 1987 von Ronald Reagan und Michail Gorbatschow unterzeichnet, „beruhigte“ in gewisser Weise die SED-Führung und die Militärs in der DDR. Zumal sich hier getreu dem Motto „Schwerter zu Pflugscharen“ unter dem Schutz der Kirchen eine kleine Friedensbewegung mit Kontakten zum Westen gebildet hatte. Deren öffentlichkeitswirksamen Aktionen zur Erhaltung und Sicherung des Friedens wurden von den Bürgerbewegungen unterstützt. Ebenfalls durch viele ostdeutsche Anhänger von Glasnost und Perestroika mit und ohne SED-Parteiabzeichen. So lautete auf beiden Seiten unter Fachleuten stillschweigend die militärische Option, die so an keiner Führungs- oder Militärakademie den künftigen „Generalstäblern“ gelehrt wur- 24 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten de: „Wer zuerst schießt, stirbt als zweiter.“ Das wusste jeder Hörer dieser Lehranstalten in Hamburg und Dresden. Und: „Je kürzer die Reichweiten der Waffen, umso deutscher die Toten.“ Das vor allem beim Einsatz nuklearer Gefechtsfeldwaffen auf deutschem Boden. Aus all den Gründen permanenter Kriegsgefahr wuchs auf beiden Seiten das Interesse an mehr Stabilität auf dem Kontinent. Es kam schon 1975 mit der Schlussakte der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) in Helsinki zu vertrauensbildenden Maßnahmen, nicht nur auf militärischem Gebiet. Auch mit Blick auf mehr Menschenrechte und Freiheit hinter dem Eisernen Vorhang. Dann begannen in Wien Konsultationen über eine gegenseitige Verminderung von Streitkräften und Rüstungen in Mitteleuropa. Später durften Beobachter von der anderen Seite zu großen Manövern eingeladen werden, was aber keine Pflicht war. In der Praxis zeigte sich die Nato weitaus gastfreundlicher als der Warschauer Pakt. Auch die Bundeswehr ging hier, im Gegensatz zur NVA, mit gutem Beispiel voran. Sie hatte damals schon mehr als zehn Jahre lang Manöverbeobachtungen praktiziert, auch wiederholt Einladungen an die ostdeutschen Militärs verschickt. Das Oberkommando der Warschauer Vertragstruppen in Moskau gab aber der NVA-Führung für Beobachter auf den mit der hochgerüsteten Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) genutzten riesigen Übungsgebieten kein grünes Licht. Danach wurde vor allem 1986 in Stockholm – besonders für Militärs aus den Warschauer Vertragsstaaten zu jener Zeit noch immer ungewöhnlich – recht offen über die Reduzierung von Bewaffnung und Ausrüstung verhandelt. Auf den Tisch kamen aktuelle Zahlen und Fakten, die zuvor im Osten immer geheim waren. Und in diese aufgeschlossene Atmosphäre fügte sich die Arbeit von Manöver-Beobachtern der jeweils anderen militärischen Seite sowie aus neutralen Staaten wie Österreich und der Schweiz als weiterer Beitrag zur internationalen Entspannung ein. Ab 1. Januar 1987 galt das Schlussdokument der Stockholmer Konferenz über vertrauens- und sicherheitsbildende Maßnahmen und Abrüstung in Europa. 35 Teilnehmerstaaten verpflichteten sich darin, Militärbeobachter bei Übungen mit mehr als 17 000 Teilnehmern einzuladen. Allein für das laufende Jahr mussten deshalb die DDR-Behörden vier Übungen, auch mit Beteiligung der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland, Vorgänger der WGT-Truppen, ankündigen. An zwei dieser Übungen zwischen Potsdam und Magdeburg sowie bei Cottbus mit westlichen Beobachtern, darunter Oberstleutnanten der Bundeswehr, nahm ich als ADN-Berichterstatter teil. Viele ostdeutsche Wehrpflichtige und Offiziere erlebten nun – wie hier oft zu sehen war – in den Gesprächen die Vertreter von anderen Feldpostnummern als „ganz vernünftige Menschen“. Helsinki und Stockholm ließen also vertrauensvoll grüßen! Nach 1990 hat sich die politische Landkarte in Europa radikal verändert. Beendet ist der Jahrzehnte lange Ost-West-Konflikt. Anstelle der gegenseitigen Hochrüstung und Konfrontation sind Abrüstung, Rüstungskontrolle und Kooperation getreten. Und ganz wich- 25 1. Europa im Gleichgewicht militärischer Kräfte tig: Die konventionellen Streitkräfte in Europa wurden um 40 Prozent vermindert. So sollen Überraschungsangriffe und große Offensivhandlungen ausgeschaltet werden.

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Abstract

With the end of the GDR and Germany's unification three decades ago the National People's Army also stopped being a force. A part of their soldiers now served under the banner of their former opponent. On the "Retreat" from the Cold War between East and West mastered the Bundeswehr this human and military mission: the army of unity became

to the army of all Germans. Never before has the military peacefully achieved so much!

The accession area became a pilot for the new army structure. A smaller air force secured the airspace. For the German Seenation went the course change towards "unlimited horizon". In the Bundeswehr were Scharnhorst visions, whose tomb on the Invalidenfriedhof in Berlin again shines in the old glory, reality – army as alive part of a state, soldier service an honor service. The new armed forces took Europe's commitment to peace and democracy, too international

responsibility for peacekeeping operations. and conflict resolution.

Zusammenfassung

Mit dem Ende der DDR und Deutschlands Wiedervereinigung vor drei Jahrzehnten hörte auch die Nationale Volksarmee auf, eine Streitmacht zu sein. Ein Teil ihrer Soldaten diente nun unter der Fahne des einstigen Gegners. Auf dem „Rückzug“ vom Kalten Krieg zwischen Ost und West meisterte die Bundeswehr diese menschliche und militärische Mission mit Bravour: Die Armee der Einheit wurde zur Armee aller Deutschen. Nie zuvor hat Militär friedlich so viel erreicht. Das Beitrittsgebiet bekam Pilotcharakter für die neue Heeresstruktur. Eine kleinere Luftwaffe sicherte den Luftraum mit Air Policing und Flugabwehr. Trotz Schlankheitskur ging der Kurswechsel für die deutsche Seenation mit dem Welthandel in Richtung „unbegrenzter Horizont“. In der Bundeswehr wurden Scharnhorst-Visionen, dessen Grabmal auf dem Berliner Invalidenfriedhof wieder in altem Glanz erstrahlt, Realität: Armee als lebendiger Teil eines Staates, Soldatendienst ein Ehrendienst. Peter Heinze widmete sich seit dem Tag der Deutschen Einheit besonders der Bundeswehr im Beitrittsgebiet. Mit dem Ende des Kalten Krieges verfolgte der ostdeutsche Journalist den Abzug russischer Truppen als größte Militärbewegung im Nachkriegseuropa und die internationale Abrüstung unter der Devise „Vertrauen gegen Vertrauen“. Der vorliegende Band versammelt seine Erfahrungen und Erkenntnisse der letzten 30 Jahre und bietet so einen ebenso fundierten wie persönlichen Überblick über die Wiedervereinigung in der nun gesamtdeutschen Armee.