Content

16 Für eine europäische Atommacht in:

Maximilian Terhalle

Strategie als Beruf, page 213 - 216

Überlegungen zu Strategie, Weltordnung und Strategic Studies

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4409-4, ISBN online: 978-3-8288-7409-1, https://doi.org/10.5771/9783828874091-213

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
213 16 Für eine europäische Atommacht Strategen haben das Ziel, den dauerhaften Fortbestand unserer freiheitlichen Ordnung zu gewährleisten, damit nicht „andere, mit anderen Werten, Hand an unsere Lebenswelt, an unsere Freiheit legen“ (Gauck). Dafür ist auch antizipierende Planung notwendig. Die Kernfrage, die auch in den Berliner Koalitionssondierungen beantworten müßte, lautet deshalb: Wie kann der Schutz unserer existentiellen Interessen unverbrüchlich sichergestellt werden, wenn sich die Fundamente des traditionellen Status quo drastisch verändern? Für Deutschlands Beurteilung der internationalen Lage ist dabei entscheidend, welche Haltung die USA gegenüber Ordnungsfragen internationaler Sicherheit einnimmt. Drei zentrale Entwicklungen drängen diese Frage auf. Trumps strategischer Rückzugswille erodiert die Glaubwürdigkeit amerikanischer Sicherheitsgarantien weltweit. Russland hat seine ‚strategische Tiefe‘ 1991 verloren. Präsident Putin hat mehrfach explizit gesagt, daß er diesen Status quo nicht akzeptiert. Er will diesen revidieren und schließt die bereits angedrohte Nutzung taktischer Nuklearwaffen ein. Die Eroberung der Krim war deshalb nicht sein letzter Akt in dieser Hinsicht. Das wiedererstarkende China sieht sich in der selbstverständlichen Rolle des regionalen Machthabers in Ostasien. Die Unvereinbarkeit seines Ausschließlichkeitsanspruchs mit dem unzweideutigen Beharren der USA auf seiner Rolle als ostasiatische Vormacht deutet auf einen klassischen Machtkampf in naher Zukunft hin. Kurz: Der Status quo, der über Jahrzehnte durch die USA markiert wurde und unsere Sicherheit garantierte, ist fundamental im Umbruch begriffen. Von innen und außen. Berlin sollte deshalb jetzt selbstbewusst die Initiative ergreifen, um Deutschlands Sicherheit und ‚Lebenswelt‘ und damit die internationale Ordnung zu bewahren. Die NATO ist der geeignete Rahmen hierfür. Ihr Rational war seit jeher „keep(ing) the Russians out, the Americans in, and the Germans down.“ Weil Amerika die Führungsmacht des Bündnisses ist, muß jede deutsche Initiative zuerst eine genaue Beurteilung amerikanischer Intentionen vornehmen. Welche Konsequenzen sich hieraus für Deutschlands Strategiebildung ableiten, ist dann die wohl schwierigste sicherheitspolitische Aufgabe des Kabinetts Merkel IV. Noch hoffen hierzulande viele Beobachter, Generäle wie Mattis, McMaster und Kelly werden Präsident Trump auf transatlantische Linie bringen. Das ist bisher in Ansätzen gelungen; auch der Senat hat die Rußlandpolitik Trumps präzedenzlos eingegrenzt. Gleichzeitig aber besitzt der Glaube, daß U. S.-Strategie ohne den Präsidenten bürokratisch gemacht werden könnte, äußerst wacklige Fundamente. Er hebt Trumps tief verwurzelte Ressentiments gegen die NATO nicht auf; auch läßt sich sein Temperament nicht konstitutionell verändern, zumal nicht angesichts innenpolitischer Schwäche. Trump wird gegebenenfalls wissen, daß die USA Europa brauchen, um strategisch uneingeschränkt zwischen den Kontinenten wirken zu können und nicht zuletzt 500 Milliarden US-Dollar an Investitionen zu sichern. Aber, daß er daraus die sicherheitswahrende Kontinuität amerikanischer Anstrengungen in Europa ableitet, ist ungewiss. Nicht zuletzt gibt es wenig Zweifel daran, daß Amerika bereits seit Obama die Zukunft seines Handels und wachsender Märkte in Asien sieht – und deshalb bis 2020 circa 60 Prozent seiner Militärkraft dorthin verlagert. Eine vielfach angenommene, zukünftige militärische Auseinandersetzung mit China verstärkt diese strategische Verlagerungstendenz noch. Man muss sich nur vor Augen führen, welche extreme Ablen- 214 Maximilian Terhalle kungskraft von anderen strategischen Fragen 9/11 für die USA hatte, um zu verstehen, was ein Konflikt mit China und/oder Nordkorea für unsere Sicherheit bedeuten würde. Angesichts der Aussage von Mattis, daß Amerika gegenwärtig nicht zwei Kriege parallel führen könne und eines kürzlich veröffentlichten NATO-Geheimpapiers, wonach das Bündnis nicht verteidigungsfähig sei, bleibt die Beantwortung der Frage, welche europäischen (Einfalls-)Möglichkeiten sich Rußland in einem ostasiatischen Kriegsfalle böten, für Deutschland höchst delikat, ja existentiell. Schließlich: Die USA sind ‚dem Westen‘ zweimal zur Hilfe gekommen, 1917 und 1941, jeweils nach drei und zwei Jahren Krieg auf in Europa. Dieses Muster ist nicht unveränderlich, aber Trumps Isolationismus mag – auch im Konfliktfall – einen größeren Teil der hispanisch werdenden amerikanischen Bevölkerung ansprechen, als europäische Transatlantiker vielleicht vermuten. Kurz: US-Intentionen werden im Ernstfall – potentiell gefährlich verzögert – proeuropäisch ausgerichtet sein. ‚Keeping the Americans in‘ dürfte zwar nicht grundsätzlich bezweifelt werden. Aber: Der Ermessensspielraum, den Artikel 5 besonders US-Präsidenten gibt, ist ungut größer geworden. Dieser Zustand unterläuft die Wirkung präventiver Abschreckung gegenüber Russland und damit unseren Schutz sowie die Position des Westens in der Welt. Deutschland muß die Gestaltung dieses Ermessensspielraums jetzt als fundamentale strategische Priorität betrachten. Denn: ‚Keeping the Germans down‘ ist heute kein Ziel mehr der Binnendynamik der NATO. Im Gegenteil: Deutschland, als dem wirtschaftlich stärksten Land, wird in Europa umfassend politisches Vertrauen entgegengebracht. Angesichts tektonischer Veränderungen des strategischen Status quo, von innen und außen, verlangt dieses hart erarbeitete politische Kapital nun nach deutscher Verantwortung und überzeugter Initiative. Denn, weil Europa die Bedrohungsperzeption vis-a-vis Rußland teilt, wollen die Balten deutsche Panzer und können sich die Polen (sic!) deutsch-europäische Nuklearwaffen vorstellen. Die 215 Für eine europäische Atommacht deutsche nukleare Teilhabe in der NATO bildet dabei den Rahmen, der jetzt jedoch substantiell erweitert werden muss, da er langfristig nicht genügt. Zur glaubwürdigen Stärkung der NATO und zur eigenen strategischen Sicherheit muss Berlin deshalb jetzt Verantwortung zeigen, indem es die Aufstellung einer europäischen Atommacht zu seiner Priorität macht. Gestellt von Frankreich und Großbritannien muss Deutschland hierin mit Nachdruck Mit-Entscheidungsrechte für sich verhandeln. Damit würde Berlin den strategischen Unwägbarkeiten Trumpschen Isolationismus’ und des unabwendbaren US-Fokus auf Asien aber auch der Gefahr seiner eigenen Verwundbarkeit (im Falle einer amerikanischen Auseinandersetzung in Asien) bündnispolitisch kraftvoll begegnen. Gleichzeitig würde Amerika signalisiert, daß Deutschland nicht die EU militärisch umfunktionieren, sondern mit Washington und in der NATO das Bündnis des Westens willensstark an die Gegenwart der Zukunft anpassen will. Russland und China stünden einem von Deutschland massiv gestärkten Westen gegenüber. 216 Maximilian Terhalle

Chapter Preview

References

Abstract

Thinking and making strategy serve states’ vital interests. Innately bound up with power, strategy devises a future that reflects vital interests, using its willpower to protect them. Unprecedented, “Strategy as Vocation” introduces Strategic Studies while also offering Germany practical strategies.

The book contains articles in German and in English.

Zusammenfassung

Strategisches Denken und Handeln dient vitalen Interessen. Es verlangt den Blick auf die Macht – und in eine Zukunft, die diese vitalen Interessen entsprechend widerspiegeln soll. Dies gilt immer, besonders aber, wenn Weltordnungen im Umbruch sind. Strategie als Beruf widmet sich den zentralen Konzeptionen der hierzulande vernachlässigten, wiewohl von Deutschen mitgeprägten Strategic Studies und bietet strategischem Denken und Handeln damit erstmalig Grundlagen auf dem Stand der internationalen Forschung an. Konkrete Strategievorschläge sind integraler Bestandteil des Buches.

Das Buch enthält deutsche und englische Beiträge.

Prof. Maximilian Terhalle (@M_Terhalle) lehrt Strategic Studies an der Universität Winchester, ist mit dem King’s College London affiliiert und berät das britische Verteidigungsministerium. Zuvor hat er einige Jahre an den Universitäten Columbia, Yale, Oxford und Renmin (Peking) geforscht und gelehrt.

Terhalle's insightful, balanced, and perceptive essays bring the tools of strategic studies to bear on a range of current international issues. Theoretically sophisticated and empirically grounded, the analysis will be of great value to both the scholarly and policy communities.”

Prof. Robert Jervis, Columbia University, New York

Maximilian Terhalle gehört zu den frühen Streitern für eine strategische Ausrichtung unseres internationalen Ordnungsdenkens und der deutschen Außenpolitik. Sein scharfsinniges Buch bietet eine klare Analyse der instabil gewordenen Welt. Und zieht daraus konkrete Folgerungen für die Verantwortung Deutschlands und seiner Partner für westliche Werte und Interessen.“

Prof. Matthias Herdegen, Universität Bonn

Maximilian Terhalle is a refreshing independent voice on European and German security policy. There is a pressing need for systematic, clear-eyed, and realistic thinking about Germany’s role in a rapidly changing world, and this wide-ranging collection of essays is an important contribution to a much-needed set of debates.”

Prof. Stephen Walt, Harvard University, Kennedy School of Government

The Germans have, for very understandable historical reasons, long been reluctant to engage in the kind of strategic thinking that comes naturally to the Anglo-Saxon world. Maximilian Terhalle, who is one of the Federal Republic’s most innovative experts in the field, is rightly dissatisfied with this opting out of the real world. His new book is a must-read for anyone who wants to understand modern German strategy, or rather the lack of it, and the need for a National Security Council in the FRG.”

Prof. Brendan Simms, Cambridge University

Drawing on wide reading and with a nod to Max Weber, this thoughtful collection of essays by Maximilian Terhalle demonstrates the importance of strategic thinking and how it can be applied to the big issues of war and peace in the modern world.”

Prof. Lawrence Freedman, King’s College London

Die NATO ist strategisch nicht hirntot. Vielleicht aber bald eines seiner Mitglieder. Wer auch immer Deutschland führen wird, täte gut daran, sich den von Terhalle vorgelegten strategischen Kompass sehr genau anzusehen. Die eventuelle Wiederwahl Trumps und der unwahrscheinliche Machtverzicht Putins und Xis bedürfen nicht nur einer erkennbar europäischen Hand im Kanzleramt, sondern auch eines völlig neuen, eben strategischen Mindsets. Terhalles Konzepte für Entscheider sowie seine konkreten Ideen für die Zukunft westlicher Sicherheitspolitik bieten genau das.“

Karl-Theodor zu Guttenberg, Bundesminister a.D., New York/München

Strategisches Denken fehlt im Land des Carl von Clausewitz in allen Bereichen. In der Politik, der Wirtschaft und der Entwicklung von Leitlinien, wie Europa in einer Welt im Umbruch gestaltet werden sollte. Prof. Terhalles Buch zeigt Grundlagen auf und gibt Anregungen in wesentlichen Feldern der Politik. Es sollte von Entscheidern gelesen und genutzt werden.“

General a.D. Klaus Naumann, ehem. Vorsitzender des NATO-Militärausschusses und Generalinspekteur, München

Can Germany think strategically?’ Indeed, and more broadly, can the European Union become a strategic actor? These questions lie at the heart of Maximilian Terhalle’s no-holds-barred assessment of Europe’s options as the continent faces mounting challenges from both partners and adversaries East, South and West.”

François Heisbourg, Special Advisor, Fondation pour la Recherche Stratégique, Paris

Terhalle has produced a rich and wide-ranging series of essays on some of the enduring and more recent dilemmas of international security. These subtle but piercing reflections are in the best tradition of strategic studies, from Clausewitz to Freedman.”

Prof. John Bew, War Studies Department, King’s College London

A thought-provoking and illuminating series of essays that grapple with some of the toughest and most important questions facing contemporary Germany, Europe, and the United States, written by one of Germany's most forward-looking strategists.”

Elbridge Colby, Principal, The Marathon Initiative, former US Ass’t Deputy Secretary of Defence, Washington D.C.

Das neue Buch von Maximilian Terhalle, Strategie als Beruf, ist ein wichtiger Baustein bei der Grundsteinlegung für die hierzulande vernachlässigten ‘Strategic Studies’. Der Autor bürstet kräftig gegen den Strich und stellt liebgewordene Denkmuster in Frage. Man muss Terhalle keineswegs in jeder Hinsicht zustimmen. Aber wenn Deutschland und Europa tatsächlich die ‘Sprache der Macht’ erlernen wollen, wie vom EU-Außenbeauftragten Anfang 2020 gefordert, wird man nicht umhinkommen, sich mit seinen Thesen auseinanderzusetzen.“

Boris Ruge, Berlin

For too long, Germany’s deafening silence on strategic matters has struck international academic and policy observers alike. This is about to change. Maximilian Terhalle’s realpolitik-based as well as erudite deliberations on the art of strategy, closing with novel practical ideas for Europe’s future strategic security, betray exactly that.”

Prof. Christopher Coker, London School of Economics/LSE IDEAS

In Strategie als Beruf schreibt Maximilian Terhalle mit außerordentlich klarem Blick über Fragen sicherheitspolitischer Strategie und füllt damit ein Vakuum in Deutschland. Seine Ergebnisse sind unbequem für die von der Friedensforschung dominierten Debatten. Jeder, dem die Strategiefähigkeit des Landes und Europas wichtig ist, sollte seine Ideen kennen.“

Dr. Bastian Giegerich, International Institute for Strategic Studies, London

“For over a decade, Western scholars of strategy have almost exclusively focused on the likeliness of the Thucydides trap to emerge between the US and China. Remarkably, while Prof. Terhalle acknowledges their global strategic importance, he spells out what the potential trajectory of their relationship implies for NATO’s European members vis-à-vis Russia. – Realpolitik reigns.”

Prof. Wu Zhengyu, Renmin University, Peking