Content

15 Was Merkel in Syrien übersehen hat in:

Maximilian Terhalle

Strategie als Beruf, page 209 - 212

Überlegungen zu Strategie, Weltordnung und Strategic Studies

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4409-4, ISBN online: 978-3-8288-7409-1, https://doi.org/10.5771/9783828874091-209

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
209 15 Was Merkel in Syrien übersehen hat Ob es vitale deutsche Interessen in Syrien gibt? Die Kanzlerin hat die Frage klar mit Nein beantwortet. Nach sieben Jahren Bürgerkrieg sieht sie die Schlacht als entschieden an. Putin hat seinen geostrategischen Zugang zum Mittelmeer nach Obamas folgenschwerem Rückzug im August 2013 ausgebaut und gleichzeitig westlichen Ansätzen des Regimewandels ein anderes Verständnis von Souveränität erfolgreich entgegengesetzt. Dass Berlins moralisches Eintreten für internationale Menschenrechte seitdem von Putin und Assad höhnisch missachtet wurde, hat sie, aus ihrer Sicht, realpolitisch akzeptiert. Sie hat damit vielleicht nicht ganz unrecht. Ob die Libyen-Entscheidung in ihr nachwirkt und ob sie daraus eine Arbeitsteilung mit Frankreich abgeleitet hat, wonach Berlin für die wirtschaftlichen Sanktionen verantwortlich bleibt und Paris eigenverantwortlich militärische Aktionen unternimmt, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Macron hatte mitunter mit seiner Sorbonne-Rede anderes im Sinn. Oder vielleicht leitet sie die Annahme, dass sie nur durch eine Nichtbeteiligung ihren besonderen Gesprächskanal zu Putin aufrechterhalten kann. Aber Merkels ungewöhnlich schnell getroffene Entscheidung (der Apparat war noch in der Orientierungsphase) verkennt womöglich einige strategische Dimensionen des Konflikts, die zu einem anderen Urteil führen können. Vitale Interessen Deutschlands sind in erster Linie nicht die soeben abermals verabschiedeten 14 Auslandseinsätze der Bundeswehr. Viel wichtiger sind die Eindämmung und Abschreckung Russlands (und Schwächung Chinas) sowie die seit Trump wacklig gewordene Sicherung der Beistandsgarantie durch die Vereinigten Staaten. Deutschlands eigene Kraft reicht dazu nicht vollständig. Diese existentielle Schwäche ist mit Blick auf Moskaus aggressives Verhalten in Osteuropa strategisch höchst bedenklich. Und genau an dieser Stelle ist der Regierung die Einschätzung zu Syrien wahrscheinlich misslungen. Seit Trump ist die strategische Lebensgarantie durch Amerika in Frage gestellt. Syrien stellt jetzt eine günstige Gelegenheit dar, um Trump durch die Erfahrung des konkreten Konflikts wieder so tief in die Reihen der Gegner Putins einzufügen, dass Trumps Glaube, mit Putin einen Weg zu finden, gleichsam unmöglich gemacht wird. Durch Syrien könnte somit der innere Zusammenhalt der NATO gegen Russland gestärkt werden. Dabei ist die Befürchtung übertrieben, dass der Konflikt zu einer direkten Auseinandersetzung zwischen Russland und Amerika führt. Putin weiß, dass der Westen ohne Bodentruppen nichts am Sieg Assads ändern wird. Es ging hier um moralische Symbolpolitik, mit der ausgewählte Ziele getroffen werden sollten. Aber diese Symbolpolitik könnte zur bitter nötigen inneren Geschlossenheit der NATO beitragen. Das haben Großbritannien und Frankreich früh erkannt. Erstaunlich ist aber noch etwas anderes an der Einschätzung der Bundesregierung. Sie hat nämlich übersehen, dass Putin sich nach Skripal nun auch in Syrien verkalkuliert hat. Dadurch ist er in die Defensive geraten. Putin dachte, Syrien sei gleichsam in trockenen Tuchern. Trumps erratische Entscheidung, wegen des wiederholten Giftgaseinsatzes doch in Syrien einzugreifen, erwischte Putin auf dem falschen Fuß. Nun muss der Kremlherrscher den teuren Auslandseinsatz bei einer nur milde wachsenden (und staatlich finanzierten) Wirtschaft weiter alleine schultern, während Amerika, Frankreich und Großbritannien, aller Voraussicht nach mit Hilfe Saudi-Arabiens, die Kosten teilen können. China wird gewiss im UN-Sicherheitsrat die Hand wieder zugunsten Moskaus heben. Materiell aber wird es Russlands Kampf nicht unterstützen. Moskau steht allein da. Nicht 210 Maximilian Terhalle zuletzt muss Putin jetzt seinen einzigen starken Zweckverbündeten, Iran, unterstützen. Putin bringt sich damit in die ungünstige Lage, von Teheran militärische Kampfkraft am Boden zu fordern, ihm aber gleichzeitig angesichts John Boltons absehbarer Attacke auf das Nuklearabkommen Rückhalt für seine Nuklearwaffenpläne zu versagen. Aus alldem wird deutlich, dass Syrien, so tragisch das Geschehen am Boden sein mag, wichtigen, ja vitalen, politischen Spielraum für den Westen eröffnet, der erkannt und politisch genutzt werden muss. Denn obwohl bisher unbeteiligt, profitiert Deutschland schon insofern von der richtigen Einschätzung seiner Partner, als die neuen Ereignisse in Syrien Russlands Aufmerksamkeit zwangsläufig von der Ostflanke der NATO ablenken. Zu viel steht für Putin in Syrien auf dem Spiel: sein Prestige innerhalb russischer Machtstrukturen und vor allem gegenüber China und Iran, aber auch gegenüber kleineren Vasallen in Asien. Syrien wird unter russisch-syrischer Fuchtel bleiben, da hat die Kanzlerin recht. Aber das Ausnutzen dieses Moments der Fehlkalkulation und Schwäche Putins, darum geht es im Kern heute in Syrien, zur inneren Stärkung des durch Trump geschwächten Westens, verlangt deutsche Unterstützung, um Moskau (und China) die geschlossene Ernsthaftigkeit westlicher Eindämmung und Abschreckung eindringlich zu verdeutlichen. Hat Berlin dazu strategisch den Mut? Den muss es haben. Es geht um seine vitalen Interessen. 211 Was Merkel in Syrien übersehen hat

Chapter Preview

References

Abstract

Thinking and making strategy serve states’ vital interests. Innately bound up with power, strategy devises a future that reflects vital interests, using its willpower to protect them. Unprecedented, “Strategy as Vocation” introduces Strategic Studies while also offering Germany practical strategies.

The book contains articles in German and in English.

Zusammenfassung

Strategisches Denken und Handeln dient vitalen Interessen. Es verlangt den Blick auf die Macht – und in eine Zukunft, die diese vitalen Interessen entsprechend widerspiegeln soll. Dies gilt immer, besonders aber, wenn Weltordnungen im Umbruch sind. Strategie als Beruf widmet sich den zentralen Konzeptionen der hierzulande vernachlässigten, wiewohl von Deutschen mitgeprägten Strategic Studies und bietet strategischem Denken und Handeln damit erstmalig Grundlagen auf dem Stand der internationalen Forschung an. Konkrete Strategievorschläge sind integraler Bestandteil des Buches.

Das Buch enthält deutsche und englische Beiträge.

Prof. Maximilian Terhalle (@M_Terhalle) lehrt Strategic Studies an der Universität Winchester, ist mit dem King’s College London affiliiert und berät das britische Verteidigungsministerium. Zuvor hat er einige Jahre an den Universitäten Columbia, Yale, Oxford und Renmin (Peking) geforscht und gelehrt.

Terhalle's insightful, balanced, and perceptive essays bring the tools of strategic studies to bear on a range of current international issues. Theoretically sophisticated and empirically grounded, the analysis will be of great value to both the scholarly and policy communities.”

Prof. Robert Jervis, Columbia University, New York

Maximilian Terhalle gehört zu den frühen Streitern für eine strategische Ausrichtung unseres internationalen Ordnungsdenkens und der deutschen Außenpolitik. Sein scharfsinniges Buch bietet eine klare Analyse der instabil gewordenen Welt. Und zieht daraus konkrete Folgerungen für die Verantwortung Deutschlands und seiner Partner für westliche Werte und Interessen.“

Prof. Matthias Herdegen, Universität Bonn

Maximilian Terhalle is a refreshing independent voice on European and German security policy. There is a pressing need for systematic, clear-eyed, and realistic thinking about Germany’s role in a rapidly changing world, and this wide-ranging collection of essays is an important contribution to a much-needed set of debates.”

Prof. Stephen Walt, Harvard University, Kennedy School of Government

The Germans have, for very understandable historical reasons, long been reluctant to engage in the kind of strategic thinking that comes naturally to the Anglo-Saxon world. Maximilian Terhalle, who is one of the Federal Republic’s most innovative experts in the field, is rightly dissatisfied with this opting out of the real world. His new book is a must-read for anyone who wants to understand modern German strategy, or rather the lack of it, and the need for a National Security Council in the FRG.”

Prof. Brendan Simms, Cambridge University

Drawing on wide reading and with a nod to Max Weber, this thoughtful collection of essays by Maximilian Terhalle demonstrates the importance of strategic thinking and how it can be applied to the big issues of war and peace in the modern world.”

Prof. Lawrence Freedman, King’s College London

Die NATO ist strategisch nicht hirntot. Vielleicht aber bald eines seiner Mitglieder. Wer auch immer Deutschland führen wird, täte gut daran, sich den von Terhalle vorgelegten strategischen Kompass sehr genau anzusehen. Die eventuelle Wiederwahl Trumps und der unwahrscheinliche Machtverzicht Putins und Xis bedürfen nicht nur einer erkennbar europäischen Hand im Kanzleramt, sondern auch eines völlig neuen, eben strategischen Mindsets. Terhalles Konzepte für Entscheider sowie seine konkreten Ideen für die Zukunft westlicher Sicherheitspolitik bieten genau das.“

Karl-Theodor zu Guttenberg, Bundesminister a.D., New York/München

Strategisches Denken fehlt im Land des Carl von Clausewitz in allen Bereichen. In der Politik, der Wirtschaft und der Entwicklung von Leitlinien, wie Europa in einer Welt im Umbruch gestaltet werden sollte. Prof. Terhalles Buch zeigt Grundlagen auf und gibt Anregungen in wesentlichen Feldern der Politik. Es sollte von Entscheidern gelesen und genutzt werden.“

General a.D. Klaus Naumann, ehem. Vorsitzender des NATO-Militärausschusses und Generalinspekteur, München

Can Germany think strategically?’ Indeed, and more broadly, can the European Union become a strategic actor? These questions lie at the heart of Maximilian Terhalle’s no-holds-barred assessment of Europe’s options as the continent faces mounting challenges from both partners and adversaries East, South and West.”

François Heisbourg, Special Advisor, Fondation pour la Recherche Stratégique, Paris

Terhalle has produced a rich and wide-ranging series of essays on some of the enduring and more recent dilemmas of international security. These subtle but piercing reflections are in the best tradition of strategic studies, from Clausewitz to Freedman.”

Prof. John Bew, War Studies Department, King’s College London

A thought-provoking and illuminating series of essays that grapple with some of the toughest and most important questions facing contemporary Germany, Europe, and the United States, written by one of Germany's most forward-looking strategists.”

Elbridge Colby, Principal, The Marathon Initiative, former US Ass’t Deputy Secretary of Defence, Washington D.C.

Das neue Buch von Maximilian Terhalle, Strategie als Beruf, ist ein wichtiger Baustein bei der Grundsteinlegung für die hierzulande vernachlässigten ‘Strategic Studies’. Der Autor bürstet kräftig gegen den Strich und stellt liebgewordene Denkmuster in Frage. Man muss Terhalle keineswegs in jeder Hinsicht zustimmen. Aber wenn Deutschland und Europa tatsächlich die ‘Sprache der Macht’ erlernen wollen, wie vom EU-Außenbeauftragten Anfang 2020 gefordert, wird man nicht umhinkommen, sich mit seinen Thesen auseinanderzusetzen.“

Boris Ruge, Berlin

For too long, Germany’s deafening silence on strategic matters has struck international academic and policy observers alike. This is about to change. Maximilian Terhalle’s realpolitik-based as well as erudite deliberations on the art of strategy, closing with novel practical ideas for Europe’s future strategic security, betray exactly that.”

Prof. Christopher Coker, London School of Economics/LSE IDEAS

In Strategie als Beruf schreibt Maximilian Terhalle mit außerordentlich klarem Blick über Fragen sicherheitspolitischer Strategie und füllt damit ein Vakuum in Deutschland. Seine Ergebnisse sind unbequem für die von der Friedensforschung dominierten Debatten. Jeder, dem die Strategiefähigkeit des Landes und Europas wichtig ist, sollte seine Ideen kennen.“

Dr. Bastian Giegerich, International Institute for Strategic Studies, London

“For over a decade, Western scholars of strategy have almost exclusively focused on the likeliness of the Thucydides trap to emerge between the US and China. Remarkably, while Prof. Terhalle acknowledges their global strategic importance, he spells out what the potential trajectory of their relationship implies for NATO’s European members vis-à-vis Russia. – Realpolitik reigns.”

Prof. Wu Zhengyu, Renmin University, Peking