Content

11 Das Ende der europäischen Ära Merkels in:

Maximilian Terhalle

Strategie als Beruf, page 187 - 190

Überlegungen zu Strategie, Weltordnung und Strategic Studies

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4409-4, ISBN online: 978-3-8288-7409-1, https://doi.org/10.5771/9783828874091-187

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
187 11 Das Ende der europäischen Ära Merkels Macrons Versöhnung mit Putin verbündet ihn mit Trump. Deutschland hat die verschlagene Robustheit hinter Putins revisionistischem Widerstandswillen unterschätzt und wird heute von strategischtektonischen Dynamiken geradezu überrollt. Einen Tag nach dem jüngsten G–7-Gipfel in Biarritz hielt der französische Präsident eine bemerkenswerte Rede. Ihr Kern war der klare Wille Macrons, die Annäherung an Russland zu suchen und Putin zukünftig als strategischen Partner zu betrachten. Die letzten Jahre seien in dieser Hinsicht ein „großer Fehler“ gewesen. Dass der amerikanische Präsident diese Rede kennt, ist nicht verbürgt; ob Macrons sicherheitspolitische Kehrtwende mit dem Weißen Haus koordiniert war, ungewiss. Aber das Resultat ist eindeutig: Strategisch bedeutet das intendierte französische Rapprochement mit Moskau, dass Trump und Macron sich einig sind. Einig darin, dass Putin der schwächere der beiden großen autoritären Rivalen im Kampf um die Weltordnung ist. Deshalb soll er umworben werden, um China, die eigentliche strategische Gefahr, zu schwächen. Dazu gehört auch, Peking von Verbündeten zu isolieren. Das deutsche Kanzleramt, so darf man das Stillschweigen gegenüber Macrons Pariser Rede wohl deuten, muss davon gewusst haben. Darin liegt aber auch das Eingeständnis, dass der deutsche Ansatz von 2014 gescheitert ist. Quer durch Europa (und in Amerika) ist die Kritik an der deutschen Entscheidung, Nord Stream 2 durch Gazprom weiterbauen zu lassen, nie abgeklungen. Unweigerlich musste dies die psychologische Wirkung der Sanktionen schwächen. Und nicht zuletzt hat die überhastete Energiewende unter Aufgabe der Nuklearenergie (und folglich mit der notwendigen Nutzung von russischem Gas) dazu beigetragen, dass gerade nicht geschehen ist, was nach der Krim-Invasion eigentlich das Ziel war: das Kalkül der Intentionen Putins zu ändern. Die Bundesregierung hat damit die verschlagene Robustheit hinter Putins revisionistischem Widerstandswillen unterschätzt, sie hat unklug Trump innenpolitisch als Gegner benutzt, ihn aber nicht realpolitisch als stärksten Verbündeten betrachtet; sie hat sich bis heute China nicht als strategischen Akteur bewusst gemacht – und damit die Dynamik zwischen diesen Mächten und deren Effekt auf Berlin nicht operationalisiert. Eine Unzahl gut gemeinter Reden aus Berlin zur bedrohten liberalen Weltordnung spiegelt diese Fehleinschätzungen wider. Deshalb wird Deutschland heute von strategisch-tektonischen Dynamiken geradezu überrollt. Das antagonistische und realpolitische Mit- und Gegeneinander der „großen Mächte“ (Macron) beim Ringen um die Weltordnung – es läuft vor den Augen Berlins ab. Ob seine Konturen an der Spree tatsächlich erkannt werden – die Zweifel daran wachsen. Zukünftige Entscheidungsträger wie Annegret Kramp-Karrenbauer und Friedrich Merz werden deshalb mit Fragen von strategischer Reichweite konfrontiert. Fragen einer Qualität, die Deutschland noch nie aktiv adressieren musste. Im Kern geht es um die Neubestimmung der vitalen Sicherheitsgarantie durch die NATO, die die Deutschen, militärisch geschützt und psychologisch versichert, ihr Leben so frei hat führen lassen, wie sie es wollten. Ob das „Enteisen“ Russlands von China nun überhaupt gelingt, ist ungewiss. Putin ist viel asiatischer, als viele westliche Russlandromantiker glauben. Auch wird Peking das Seine tun, um das französische Rapprochement zu unterlaufen. Obsiegt westliche Finesse je- 188 Maximilian Terhalle doch, wird Russland einen hohen Preis dafür verlangen. Denn seine Ambitionen sind ungemindert. Dies umso mehr, als Putin zu gut versteht, dass Amerika ihn gerade jetzt strategisch braucht, da es in der schwelenden Auseinandersetzung mit China den Rücken frei haben will. Aber welches Europa will Putin, welche Abmachungen wird es geben, und wie verlässlich werden diese sein? Mindestens will er die Ukraine, die Moldau, Belarus und den direkten Zugang zur Enklave Königsberg. Zwingend heißt dies, dass militärische Rückversicherungen für Europa etabliert werden müssen, auch solche nuklearer Art. Natürlich werden Polen und Balten Widerstand gegen die Realpolitik der Großmächte leisten. Dass sie das Bündnis Macron – Trump effektiv beeinflussen können, ist jedoch nicht wahrscheinlich. Chinas wirtschaftlicher, technologischer und militärischer Expansionsdrang nach Europa hat längst eine solche Wucht bekommen, dass seine strategische Schwächung und die damit verbundene Aufforderung, sich in die westliche Ordnung einzufügen, im deutschen Interesse sind. Xi Jinping mag noch kein Wilhelm II. sein, aber ein Bismarck, der den Versuchungen von Macht und Prestige widersteht, ist er sicher nicht. Dass dies Russlands Rolle in Europa neuen Spielraum gibt, ist die Kehrseite. Deshalb müssen Putin, angetrieben von Berlin, nukleare Rückversicherung und Überlegenheit in künstlicher Intelligenz und Cyberspace entgegengesetzt werden. Das strategische Urteilsvermögen der Kanzlerin ist lange die Richtschnur deutschen Handelns gewesen. Der französische Präsident hat mit seinem strategischen Angebot an Russland, das ihn – realpolitisch brillant kalkuliert – mit Trump verbündet, die europapolitische Ära der Kanzlerin beendet. Auf die jetzt anbrechende Zeit, in der Chinas überbordende Macht begrenzt werden soll, ist die deutsche Bevölkerung in keiner Weise vorbereitet worden. Deutschland muss endlich den strategischen Charakter der Weltpolitik verinnerlichen. 189 Das Ende der europäischen Ära Merkels

Chapter Preview

References

Abstract

Thinking and making strategy serve states’ vital interests. Innately bound up with power, strategy devises a future that reflects vital interests, using its willpower to protect them. Unprecedented, “Strategy as Vocation” introduces Strategic Studies while also offering Germany practical strategies.

The book contains articles in German and in English.

Zusammenfassung

Strategisches Denken und Handeln dient vitalen Interessen. Es verlangt den Blick auf die Macht – und in eine Zukunft, die diese vitalen Interessen entsprechend widerspiegeln soll. Dies gilt immer, besonders aber, wenn Weltordnungen im Umbruch sind. Strategie als Beruf widmet sich den zentralen Konzeptionen der hierzulande vernachlässigten, wiewohl von Deutschen mitgeprägten Strategic Studies und bietet strategischem Denken und Handeln damit erstmalig Grundlagen auf dem Stand der internationalen Forschung an. Konkrete Strategievorschläge sind integraler Bestandteil des Buches.

Das Buch enthält deutsche und englische Beiträge.

Prof. Maximilian Terhalle (@M_Terhalle) lehrt Strategic Studies an der Universität Winchester, ist mit dem King’s College London affiliiert und berät das britische Verteidigungsministerium. Zuvor hat er einige Jahre an den Universitäten Columbia, Yale, Oxford und Renmin (Peking) geforscht und gelehrt.

Terhalle's insightful, balanced, and perceptive essays bring the tools of strategic studies to bear on a range of current international issues. Theoretically sophisticated and empirically grounded, the analysis will be of great value to both the scholarly and policy communities.”

Prof. Robert Jervis, Columbia University, New York

Maximilian Terhalle gehört zu den frühen Streitern für eine strategische Ausrichtung unseres internationalen Ordnungsdenkens und der deutschen Außenpolitik. Sein scharfsinniges Buch bietet eine klare Analyse der instabil gewordenen Welt. Und zieht daraus konkrete Folgerungen für die Verantwortung Deutschlands und seiner Partner für westliche Werte und Interessen.“

Prof. Matthias Herdegen, Universität Bonn

Maximilian Terhalle is a refreshing independent voice on European and German security policy. There is a pressing need for systematic, clear-eyed, and realistic thinking about Germany’s role in a rapidly changing world, and this wide-ranging collection of essays is an important contribution to a much-needed set of debates.”

Prof. Stephen Walt, Harvard University, Kennedy School of Government

The Germans have, for very understandable historical reasons, long been reluctant to engage in the kind of strategic thinking that comes naturally to the Anglo-Saxon world. Maximilian Terhalle, who is one of the Federal Republic’s most innovative experts in the field, is rightly dissatisfied with this opting out of the real world. His new book is a must-read for anyone who wants to understand modern German strategy, or rather the lack of it, and the need for a National Security Council in the FRG.”

Prof. Brendan Simms, Cambridge University

Drawing on wide reading and with a nod to Max Weber, this thoughtful collection of essays by Maximilian Terhalle demonstrates the importance of strategic thinking and how it can be applied to the big issues of war and peace in the modern world.”

Prof. Lawrence Freedman, King’s College London

Die NATO ist strategisch nicht hirntot. Vielleicht aber bald eines seiner Mitglieder. Wer auch immer Deutschland führen wird, täte gut daran, sich den von Terhalle vorgelegten strategischen Kompass sehr genau anzusehen. Die eventuelle Wiederwahl Trumps und der unwahrscheinliche Machtverzicht Putins und Xis bedürfen nicht nur einer erkennbar europäischen Hand im Kanzleramt, sondern auch eines völlig neuen, eben strategischen Mindsets. Terhalles Konzepte für Entscheider sowie seine konkreten Ideen für die Zukunft westlicher Sicherheitspolitik bieten genau das.“

Karl-Theodor zu Guttenberg, Bundesminister a.D., New York/München

Strategisches Denken fehlt im Land des Carl von Clausewitz in allen Bereichen. In der Politik, der Wirtschaft und der Entwicklung von Leitlinien, wie Europa in einer Welt im Umbruch gestaltet werden sollte. Prof. Terhalles Buch zeigt Grundlagen auf und gibt Anregungen in wesentlichen Feldern der Politik. Es sollte von Entscheidern gelesen und genutzt werden.“

General a.D. Klaus Naumann, ehem. Vorsitzender des NATO-Militärausschusses und Generalinspekteur, München

Can Germany think strategically?’ Indeed, and more broadly, can the European Union become a strategic actor? These questions lie at the heart of Maximilian Terhalle’s no-holds-barred assessment of Europe’s options as the continent faces mounting challenges from both partners and adversaries East, South and West.”

François Heisbourg, Special Advisor, Fondation pour la Recherche Stratégique, Paris

Terhalle has produced a rich and wide-ranging series of essays on some of the enduring and more recent dilemmas of international security. These subtle but piercing reflections are in the best tradition of strategic studies, from Clausewitz to Freedman.”

Prof. John Bew, War Studies Department, King’s College London

A thought-provoking and illuminating series of essays that grapple with some of the toughest and most important questions facing contemporary Germany, Europe, and the United States, written by one of Germany's most forward-looking strategists.”

Elbridge Colby, Principal, The Marathon Initiative, former US Ass’t Deputy Secretary of Defence, Washington D.C.

Das neue Buch von Maximilian Terhalle, Strategie als Beruf, ist ein wichtiger Baustein bei der Grundsteinlegung für die hierzulande vernachlässigten ‘Strategic Studies’. Der Autor bürstet kräftig gegen den Strich und stellt liebgewordene Denkmuster in Frage. Man muss Terhalle keineswegs in jeder Hinsicht zustimmen. Aber wenn Deutschland und Europa tatsächlich die ‘Sprache der Macht’ erlernen wollen, wie vom EU-Außenbeauftragten Anfang 2020 gefordert, wird man nicht umhinkommen, sich mit seinen Thesen auseinanderzusetzen.“

Boris Ruge, Berlin

For too long, Germany’s deafening silence on strategic matters has struck international academic and policy observers alike. This is about to change. Maximilian Terhalle’s realpolitik-based as well as erudite deliberations on the art of strategy, closing with novel practical ideas for Europe’s future strategic security, betray exactly that.”

Prof. Christopher Coker, London School of Economics/LSE IDEAS

In Strategie als Beruf schreibt Maximilian Terhalle mit außerordentlich klarem Blick über Fragen sicherheitspolitischer Strategie und füllt damit ein Vakuum in Deutschland. Seine Ergebnisse sind unbequem für die von der Friedensforschung dominierten Debatten. Jeder, dem die Strategiefähigkeit des Landes und Europas wichtig ist, sollte seine Ideen kennen.“

Dr. Bastian Giegerich, International Institute for Strategic Studies, London

“For over a decade, Western scholars of strategy have almost exclusively focused on the likeliness of the Thucydides trap to emerge between the US and China. Remarkably, while Prof. Terhalle acknowledges their global strategic importance, he spells out what the potential trajectory of their relationship implies for NATO’s European members vis-à-vis Russia. – Realpolitik reigns.”

Prof. Wu Zhengyu, Renmin University, Peking