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9 Intelligence Analysis – Geheimdienste, Intentionenanalyse und Strategie in:

Maximilian Terhalle

Strategie als Beruf, page 159 - 180

Überlegungen zu Strategie, Weltordnung und Strategic Studies

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4409-4, ISBN online: 978-3-8288-7409-1, https://doi.org/10.5771/9783828874091-159

Tectum, Baden-Baden
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159 9 Intelligence Analysis – Geheimdienste, Intentionenanalyse und Strategie Rodric Braithwaite, ehemals britischer Berufsdiplomat und Vorsitzender des „Joint Intelligence Committee“, hat kürzlich seine Praxiserfahrungen analytisch aufgearbeitet und dabei, vielleicht unbeabsichtigt, einige Schwierigkeiten der Intentionenproblematik aus Sicht der Intelligence Studies angerissen: „Some in the intelligence world make a distinction between ‘secrets’, factual information which your opponent wishes to hide from you; and ‘mysteries’, his emotions and worries, the mood of his people, and the likely political and economic developments in his country, all of which affect the way he manages his political, economic, and military situation and the way intends to deal with you. Somewhere between secrets and mysteries come ‘plans’. Governments and generals draw up elaborate plans for future action. A competent intelligence agency can sometimes get hold of the relevant documents. But as … the German strategist Helmuth von Moltke pointed out, plans do not always survive contact with reality. They maybe unrealistic, they may not work, or the planner may change his mind. – So you may have your opponent’s plans, but misjudge his intentions. It is good to get hold of your opponent’s plans. But that still does not mean that you will be able to predict what he does“ (2017: 214–15). Ausgehend von diesem hilfreichen Anstoß untersucht das vorliegende Kapitel konzeptionelle und theoretische Grundprobleme geheimdienstlicher Arbeitstechniken, wie sie von den Intelligence Studies genutzt werden. Es stellt dafür Bezüge zu den Erkenntnissen der Intentionenforschung in den Strategic Studies her. 1. Strukturelle Anarchie und strategische Unsicherheit Um den internationalen Rahmen geheimdienstlicher Arbeit systematisch greifen zu können, ist es zentral, seine theoretischen Strukturmerkmale zu kennen. Das Theorem Anarchie befasst sich in diesem Zusammenhang mit der grundsätzlichen Frage, warum – anders als beim innerstaatlichen Gewaltmonopol – die Bändigung von Machtstreben international nicht verlässlich gelingen kann. Unter anderem dann nicht, wenn die bestehende, materielle Machtbalance, die normative Grundstruktur und die operativen Grundgrundprinzipien von internationalen Ordnungen von innen und außen infrage gestellt werden (Terhalle 2015; Clark 2005; Gilpin 1981). Die sich daraus ableitende Unsicherheit über die Zukunftsstrategien gegnerischer Akteure stellt Intentionen in den Mittelpunkt von Analysen internationaler Politik. Diese Unsicherheit zeigt sich an der immanenten Schwierigkeit, zwischen offensiven und defensiven Intentionen unterscheiden zu können. Zu antizipieren, wie sich Gegner positionieren, ohne dabei wissen zu können, wie diese auf eigene Bewegungen reagieren, sich selbst aber genau darauf in einem dynamischen Umfeld vorzubereiten, beschreibt die Notwendigkeit, die Zukunft verstehen zu wollen, aber nur teilweise zu können. (Booth/Wheeler 2018, Kap. 9; Porter 2016, 239–60; Yarhi-Milo 2014, 14–43). 160 Maximilian Terhalle 2. Rational Choice Theory und Intentionen Die inhärent widersprüchliche Komplexität internationaler Politik setzt der menschlichen Analysefähigkeit gegnerischer Intentionen kognitive Grenzen. Ontologisch von den Naturwissenschaften inspiriert haben Teile der Sozialwissenschaften deshalb (seit der Aufklärung) ein ihrer Ansicht nach auf den Kern reduziertes Modell menschlicher Rationalität (homo oeconomicus) verfeinert, dessen Kernaussagen hier vorgestellt werden. Die Analyse beginnt zunächst dort, wo das Fach in der neuesten Zeit seinen Impetus bekam. Und damit in Amerika nach dem Zweiten Weltkrieg und bei dem, was sich damals als Rational Choice Theory zu etablieren begann (Amadae 2003). Der wesentlich durch Amerika im Westen herbeigeführte Sieg im Weltkrieg ist dabei ein enorm wichtiger Kontext für das Aufkommen der Rational Choice Schule. Der Sieg konnte aus amerikanischer Lesart nur als weitere Bestätigung seines politischen, wirtschaftlichen und auch technologischen ‚exceptionalism‘ gelten, weshalb es nahelag, durch die neue Theorie individualistische Annahmen zu reflektieren, die sich bestens mit Ideen von freien Märkten und Demokratie verbinden ließen. Und die sich damit gegen kommunistische Ideen vom Klassenkampf wendeten. Zugleich wurde so impliziert, dass liberaler Individualismus rational war und kollektivistisches Denken irrational (Kydd 2010). Die erste Grundannahme der Theorie war, dass Individuen sich so entscheiden, dass ihre jeweiligen Interessen, gemessen als wirtschaftliche Zuwächse oder Gewinn an politischer Macht, maximimiert werden. Sind also individuelle Präferenzen geklärt, tritt man in einen Wettbewerb zur Vermehrung dieser Interessen ein. Der entscheidende nächste Schritt besteht dann darin, den Punkt zu erkennen, 161 Intelligence Analysis an dem ein Equilibrium aller individuellen Interessenmaximierungversuche erreicht werden kann, das sog. Nash equilibrium. Entscheidend ist dies, weil es zur theoretischen Annahme führt, dass es von diesem Punkt an keinen Grund mehr zur Abweichung im Verhalten gibt. Das wäre irrational, denn Interessenmaximierung ist bereits erreicht. Kenneth Arrow und sein Student Anthony Dauns machten diesen Punkt sehr deutlich. William Riker, ein weiterer Verfechter der Rational Choice Theory in den 1960er Jahren, ging nochmal einen Schritt zurück (1963). Gerade weil er sich gegen den Determinimus in der marxistischen Geschichtstheorie wandte, betonte er die Notwendigkeit der freien Wahl bei der Entscheidungsfindung. Als Annahme ließ sich damit natürlich trefflich theoretisch arbeiten, und vor allem mathematisch- methodisch, denn der rationale Wille des Individuums war ja festgesetzt. Das Problem war die praktische Empirie. Hier sollte sich immer wieder herausstellen, dass Individuen häufig vom Nash equilibrium abwichen, also die Interessenmaximierungsannahme in mannigfaltiger Form unterlaufen wurde. Und hier gelangt man zur Ontologie, also der Wissenschaft von dem, wie das Sein beschaffen ist. Gerade weil sich die positivistische Rational Choice hier an die traditionelle Physik anlehnte und damit Partikel ontologisch mit Individuen gleichsetzte, konnten Individuen im Nash-equilibrium keinen freien Willen mehr haben, denn der war durch die Maximiierungsthese gesetzt. Aber während in der Physik dadurch cause und effect vorhersehbar waren, da Partikel nur auf externe Stimuli und Grenzen reagieren, musste die Übertragung auf Individuen mit freiem Willen unmöglich sein. William Riker hat die Problematik in Ansätzen gesehen, so muss man fairerweise sagen. Doch der sich schnell verbreitenden, von der Ford-Stiftung massiv geförderten Wissenschaftsrichtung, gelang unbenommen davon zunächst eine Ausbreitung, die sich auf die Etablierung mathematisch rigoroser Methoden konzentrieren konnte. 162 Maximilian Terhalle Damit lässt sich die zentrale Grundannahme der Rational Choice Theorie etwas plastisch so fassen: Individuen sind rational, wenn sie so handeln, dass sie ihre Ziele, gleich welcher Natur, sehr wahrscheinlich erreichen. Die Kritik lautete, dass Menschen schlicht nicht so rational waren, wie es die Theorie annahm. Die Theoretiker antworteten dann zumeist, der Punkt sei nicht, die Rationalität jedes Individuums abzubilden. Es genüge bereits, wenn man annähme, Menschen wären grundsätzlich vernünftig, aufmerksam gegenüber neuer Information, aufgeschlossen und machten sich Gedanken über Konsequenzen ihres Handelns. Ob eine solche ‚common sense‘-Annahme zu sehr vereinfachte oder bereits ausreichend war, wurde nicht weiter diskutiert. Das Schwergewicht in der tatsächlichen Anwendung der formalen Theorie war vielmehr ein Verständnis von Rationalität, wie es John Elster (1986) gesagt hat, das im Kern fest definierte Interessen, klare Präferenzen bei der Verfolgung der Interessen und ein deutlich fortgeschrittenes Mass an Wissen über statistische Wahrscheinlichkeitsrechnung voraussetzte, wenn es darum ging, Handlungen, verstanden als Gründe, mit Ergebnissen, verstanden als Effekte, in Verbindung zu setzen. – Rationalität in dieser Form war und ist damit keine Annahme mehr sondern ein methodologisches Axiom. Die Rolle von Zeitdruck im operativen Alltag war dabei überdies analytisch noch gar nicht eingeschlossen. Die von Rational Choice angewendete, von der Physik abgeleitete Methodik war überdies deduktiv, nicht induktiv. Sie interessiert sich (auch) deshalb nicht für Verhalten, das über längere Zeit in einem politisch-historischen Kontext beobachtet wird, um daraus theoretische Schlussfolgerungen zu ziehen. Vielmehr zielt sie auf deduktiv aufgeworfene Hypothesen, die dann empirischen Tests unterworfen werden können. Die zentrale Frage nach dem jeweiligen Kontext bei der Einordnung einer Handlung oder eines Ereignisses konnte somit methodisch ausgeklammert werden. 163 Intelligence Analysis 3. Neurowissenschaftliche und kognitionspsychologische Kritik am Rationalitätsbegriff der Rational Choice Theory Dem gegenüber steht ein Denkansatz, der zwei Dinge nachweisen konnte: Emotionen sind Kernbestandteil von Intentionen und Intentionen operieren im menschlichen Unterbewusstsein durch ein zweigliedriges System. In den Mittelpunkt rückt daher die (Fehl-)Perzeption von Intentionen angesichts internationaler Komplexität. Die Phänomene Zufall und nicht-beabsichtigte Konsequenzen, die die Antizipation von Intentionen erschweren, sowie nicht-lineares Denken spielen hier die wesentlichen Rollen (Freedman 2013, Kap. 7, 36; Gelernter 2016, Kap. 1, 3, 4; Hollis 1997, Kap.2; Jervis 2017, lxix–lxxxviii). Da die o. g. Beobachtungen der Rational Choice Theorie nicht ausreichend sind, gilt es, anderswo Rat für das Thema Rationalität zu suchen. Es geht deshalb noch einmal nach Amerika und zu RAND. Denn dort wuchs, parallel zum dominanten Aufstieg von Rational Choice, in den 1960er Jahren mit Herbert Simon ein kritisches Denken empor, das hier einschlägig ist. Simon unterzog das abstrakte Rationalitätsmodell von Rational Choice systematisch der empirischen Realität und präsentierte die neue Idee der ‚bounded rationality‘ (1957). Zum ersten Mal psychologische Erkenntnisse und solche der Computer-Wissenschaft einbeziehend, wollte er wissen, wie Menschen zu Entscheidungen kommen, zum Beispiel bei der Früherkennung, angesichts immer unvollständiger Information und geistiger Verarbeitungskapazitäten, die Computern unähnlich waren. Simon sah in seinen Experimenten, wie sehr sich Menschen u. a. durch ihren sozialen Kontext definierten und neue Lebenseindrücke und -umstände zumeist durch bereits gemachte Erfahrungen einzuordnen versuchten. Er konnte weiterhin zeigen, dass Menschen häufig Ergebnisse akzeptierten, die weniger als optimal wa- 164 Maximilian Terhalle ren, weil der Umfang der Aktivitäten, die ggf. zu optimalen Ergebnissen führten, weder dem Aufwand nach, noch hinsichtlich der zur Verfügung stehenden Zeit praktisch möglich war. Simon fand überdies heraus, dass Menschen zumeist nicht mit einem allumfassenden Suchfokus nach Antworten forschten, sondern wesentlich häufiger solange suchten, bis sie eine im jeweiligen Kontext befriedigende Antwort gefunden hatten. Er nannte dies ‚satisficing‘ (1947), ein der Intelligence Analysis gut vertrauter Begriff. Herbert Simon hatte damit eine Stoßrichtung vorgegeben, die sich nicht nur als authentisch sondern auch als produktiv erweisen sollte. Amos Tversky und Daniel Kahneman erkannten sehr schnell die großen Forschungslücken, die der Mainstream der Rational Choice ignoriert hatte. Sie machten sich deshalb an Simons Arbeiten und verfeinerten diese erheblich. Eines ihrer Hauptinteressen lag darin, wie genau Menschen zu Simon’s Idee und Praxis des ‚satisficing‘ durchdrangen. Was sie erkannten, ist sehr aufschlussreich für unser Thema Rationalität und ist heute als ‚dual process model of reasoning‘ bekannt oder als menschliches Denken in den Systemen 1 und 2 (Kahne man 2011, 19–88). Das Fach Politische Psychologie hat das Modell von der kognitiven Psychologie adoptiert, ebenso die Strategic Studies (Freedman 2013, Kap. 37). Die offensichtliche Nähe der Systeme 1 und 2 zum Thema Rationalität bietet der Intelligence Analysis ein gutes theoretisches Fundament für die Früherkennung. System 1 arbeitet durch das Unterbewusstsein. Etwas, was Rational Choice konsequent ausschließt. Intuitiv seziert das Unterbewusstsein mit sehr hoher neuronaler Geschwindigkeit, zumeist automatisch, neue kognitive Herausforderungen und hat Situationen schon beurteilt und hält Handlungsoptionen bereit, noch bevor, und dies ist ganz wichtig, diese Rationalitätsprozesse ins menschliche Bewusstsein, verkörpert von System 2, eintreten. Die Hilfsinstrumente oder heuristischen short-cuts, die allesamt in die Intuitionskraft von System 1 eingebaut sind, gleichsam die kognitive DNA des jeweiligen 165 Intelligence Analysis Individuums reflektieren und die Hochgeschwindigkeit des Unterbewusstseins ermöglichen, sind folgende: die erlebte Vergangheit und die daraus abgeleiteten – wie sie die Strategic Studies nennen – komprimierten ‚mental maps‘ und Weltsichten bezüglich anderer Länder, Kulturen und individueller Personen/politischer Entscheidungsträger; daran angelehnt, Sensoren dafür, wie Anzeichen für vermeintlich ähnliche Situationen, inklusive Extremsituationen, rezipiert werden. System 1 kanalisiert dabei seine Reaktionen auf neue komplexe Situationen durch die Emotionen menschlicher Intuition, also durch Gefühle wie Furcht und Angst genauso wie Empathie, Zuneigung und Sympathie. Die Entscheidung des jeweiligen Individuums ist jetzt im Unterbewusstsein schon gefallen; anders ist die Komplexität internationalen Geschehens angesichts begrenzter kognitiver Fähigkeiten und immer unvollständiger Information nicht zu greifen. Dass der „Komplexitätsbrecher“ System 1 vielleicht wichtige und zufällige Aspekte übersieht, muss nicht sein, kann aber passieren. Darin liegt seine Schwäche. Erst nun kommt System 2 ins Spiel. Das Bewusstsein ist langsamer, dafür aber analytisch, abwägend und intellektuell – mithin das, was man landläufig aber nicht akkurat als Rationalität bezeichnet. System 2 bietet somit Raum für kritische Reflektion und damit grundsätzlich die Möglichkeit des Nachdenkens über widersprechende Handlungsoptionen und des Überdenkens einer bereits bevorzugten Option. Aber, im Vergleich zu System 1, ist dieses System in seiner kognitiven Kapazität begrenzt. Die Meinungen gehen nur etwas auseinander, aber mehr als sieben unterschiedliche Informationsstränge kann es kaum verarbeiten (Freedman 2013, 601). Die jüngere Neurowissenschaft hat die Erkenntnisse von Tversky und Kahneman anhand der genauen Abbildung neuronaler Aktivitäten von und zwischen Gehirnstamm (System 1) und präfrontalem Kortex (System 2) deutlich unterstrichen (Müller-Jung 2019). 166 Maximilian Terhalle So ergibt sich nun durch Tversky und Kahneman ein Bild von Rationalität, das dem von Rational Choice stark widerspricht, weil sich die letztere nur auf einen Teilbereich menschlicher Rationalität eingelassen hat und selbst diesen nur dann richtig fasst, wenn Präferenzen und Interessen individuell dauerhaft gleichbleibend sind und überdies mit anderen positiv abgestimmt sind. Und, vielleicht ein Zusatz: Richards Heuer und Randolph Pherson machen genau diesen Fehler. Obwohl sie methodisch keine mathematischen Modelle nutzen, folgen sie der Rational Choice und raten, dass der Analyst seine Arbeit ausschließlich beruhend auf System 2 vornehmen solle, da sie System 1 nur als Quelle kognitiver Bias wahrnehmen. Damit missverstehen sie die intuitive, auf nicht-beobachtbare Intentionen ausgerichtete Analysefunktion von System 1, die dem Analysten wie dem jeweiligen Aufklärungssubjekt eigen sind und überfordern gleichzeitig System 2, ohne seinen zentralen Wert als Reflektionsmotor angemessen zu gewichten. 4. Zur Rationalität des Intelligence Cycle – drei Grundprobleme der Intelligence Analysis Vor dem Hintergrund der Unterscheidung System 1–2 lässt sich nun genauer erkennen, wie ein Forscher an den Intelligence Cycle (IC) herantritt. Dort angekommen, untersucht er kritisch die klassische Komposition des IC bestehend aus: Planning, Collection, Processing, Analysis, Dissemination (Johnson 2010, 12; Hulnick 2014). Welche Implikationen dabei die Nicht-Unterscheidung in operative, taktische und strategische Analyseobjekte hat und welche unterschiedliche Bedeutung die Nicht-Unterscheidung in Friedens- oder zu Konflikt-/Kriegszeiten bei der Wahrscheinlichkeit von Fehlerquellen (Bias) für die Analyse hat, ist hier vor dem Hintergrund allgemeiner Stärken und Schwächen des IC von besonderem Interesse. 167 Intelligence Analysis Konventionell gelten die Untersuchungen von Heuer und Heuer/ Pherson als Meilensteine bei der Ausarbeitung von Structured Analytic Techniques (SATs). Heuers achtgliedrige Analysis of Competing Hypotheses firmiert dabei häufig als allgemeingültiges Prüfschema von und für Information (1999, 96–110). Beide werden bis heute bei DIA, NSA und ODNI gelehrt. Während eine Vielzahl gängiger Kritikpunkte (deduktiv-positivistisch, ‚defensive mindset‘, ‚fully debiased analyst‘, System 1/Unterbewusstsein als alleinige Fehlerquelle) nach 9/11 und dem Irak-Krieg zur Initiierung einer systematischen Problematisierung theoretischer Grundlagen von Intelligence Analysis geführt hat, ist der reflektierte Niederschlag in der einschlägigen Forschung noch nicht deutlich zu erkennen.1 Weder britische und amerikanische Master-Kurse (u. a. bei King’s College London, Buckingham University, George Mason University) noch zentrale Handbüchern und Journalartikel der Intelligence Studies weisen die vertiefte Beschäftigung mit zugrunde liegenden Annahmen des IC aus (Johnson 2008; Dover et al. 2015; Johnson/ Wirtz 2014; Omand 2015; Hulnick 2014; Vandepeer 2018; Heuer 1999, Kap. 4, 7, 8; Heuer/Pherson 2015, Kap. 1; Bar-J. 2010). Der Aufsatz greift dieses Desiderat auf und setzt sich im Folgenden mit drei wesentlichen theoretischen Grundproblemen der Intelligence Analysis auseinander. Unvollständigkeit der Information Das erste Grundproblem betrifft den Komplex Unvollständigkeit der Information. Was heißt unvollständig, was vollständig – und welcher Maßstab wird hier angelegt? Kann es einen solchen überhaupt geben? Erkenntnisleitend ist hier vielmehr eine andere Frage: Wie per- 1 Die Hochschule des Bundes, die dem deutschen Auslandgeheimdienst (BND) nahesteht, hat im Zuge des Irak-Krieges und der Rede des ehemaligen Bundespräsidenten Gauck im Jahr 2014 circa 20 Professuren erhalten. Eine davon beschäftigt sich seit 2019 explizit mit dem Thema Intelligence Analysis. 168 Maximilian Terhalle zipieren Analysten neue Information? Mit diesem Ansatz lassen sich die theoretischen Annahmen begreifen, welche der Richtung der Suche nach und der Begegnung mit neuer Information zugrundeliegen. Erst dann lassen sich Fragen danach beantworten, wie der Umgang mit widersprüchlicher Information gestaltet wird und ob mehr Information immer besser ist. Wie funktioniert Perzeption? Ausgangspunkt ist die Unterscheidung von Kahneman und Tversky, wonach Perzeption durch zwei kognitive Systeme stattfindet. Wie angedeutet sind sie dem Menschen eigen, um seine begrenzte Kognitionsfähigkeit angesichts internationaler Komplexität aufzufangen. Das erste operiert im Unterbewusstsein. Neue Information wird hier intuitiv gegen die eigene Weltsicht (Emotionen/Sozialisation/analytische Erfahrung) gespiegelt und eingeordnet. Dies geschieht mit so hoher neuronaler Geschwindigkeit, dass das Bild der neuen Information, das sich daraus ergibt, weitestgehend verfestigt ist, noch bevor das langsamere, zweite System analytisch nachbessern (oder dies bestätigen) kann. Die beiden Systeme voneinander zu trennen und exklusiv auf System 2 zu rekurrieren, wie es (Politik-)Wissenschaftler und Heuer/Pherson zuweilen versuchen, verzerrt aber nachhaltig den Blick auf Perzeption. Mit Blick auf den Faktor ‚neue‘ Information ergeben sich hieraus vier wichtige theoretische Spannungsverhältnisse: 1) Suche (und finde) ich nur Informationen, die meinem bereits vorhandenen Bild des Problems entsprechen (confirmation bias; Linda-Problem) und bin ich dadurch zu wenig sensibel für abweichende aber das Thema betreffende Informationen? Oder überreagiere ich gleichsam und inkorporiere eine Information in mein Bild, die im Zusammenhang der Suche auftrat, aber keinen Bezug erkennen lässt (hyper open-mindedness). Es kann auch sein, dass das intuitiv erstellte und verfestigte Meinungsbild, das angesichts momentanen Scheiterns (eines politischen Ansatzes) kritisiert wird, jedoch gerade durch das Insistieren auf seiner Richtigkeit den langfristigen Erfolg (eines politischen An- 169 Intelligence Analysis satzes) gewährleistet. 2) Bei der Einordnung neuer Information kann mich der Verlass auf meine bereits längst bestehende Weltsicht, ggf. bestärkt durch ‚hindsight bias‘, dazu führen, Analogien zu viel analytisches Gewicht zu geben, während ein Unterschätzen der Ähnlichkeiten von Situationen dazu führt, die neue Information als wesenshaft neu zu betrachten. Beide Male wird der Kern des Problems, der Kontext, kognitiv beeinflusst. 3) Bayesianismus, der sich als optimaler Weg versteht, neue Information und bestehende Weltsicht zu vereinbaren, versucht die o. g. Spannungsverhältnisse aufzulösen. Diese Schule nimmt an, dass Richtung und Umfang der Änderung(en) meiner Sichtweise davon abhängen, wie sicher ich mir der Gültigkeit meiner ursprünglichen Ansichten bin angesichts der Frage, wie weit sich die neue Information von diesen unterscheidet. Ein wesentliches Problem hierbei ist allerdings, dass der Bayesianismus gerade nicht weiß, wie sicher wir uns unserer Weltsicht sein sollten oder wie sehr uns die neue Information beeinflussen sollte, um die Vereinbarkeit der beiden zu ermöglichen. 4) Die in den drei vorgenannten Punkten angerissenen Probleme deuten implizit auf das Thema debiasing hin, das Methoden wie devil’s advocate praktisch aufgreift. Unbenommen davon bleibt aber im Hinblick auf Perzeption wichtig, dass familäre, historische, kulturelle und organisationsinhärente Sozialisationsmechanismen nie vollständig aufgelöst werden können. Damit bestätigt sich das o. g. System 1 als ein wesentliches Hilfsmittel für Individuen, um komplexe Realitäten kognitiv, nicht intellektuell, zu erfassen. ‚Debiasing‘ ist damit durch die Natur von Bias selbst begrenzt. Perzeption widmet sich in nicht minder wichtiger Form der Frage, wie das teilweise oder vollständige Fehlen oder Ausbleiben neuer Information gefasst werden kann. Wieder sind die o. g. Kognitionssysteme und Spannungsverhältnisse aktiv und können zu kognitiven Einordnungen führen, die die Unvollständigkeit als Verheimlichungstaktik des Gegners und/oder als Täuschungsversuch kalibrieren (counterintelligence). Das Phänomen des Doppelagenten verschärft mitunter 170 Maximilian Terhalle perzeptionsbedingte Schwierigkeiten wesentlich und sollte entsprechend gesondert betrachtet werden. Zuletzt einige Fragen zu Problemen des Faktors Zeit: Gibt es im weiteren Verlauf des Prozesses mehr Zeit für Aufklärung? Oder soll die Unvollständigkeit von Information durch Zeitdruck als unabweislich gelten („besser jetzt präventiv als später agieren“) und ist damit politisch gewollt, da sie spezifischen Zielvorstellungen dient („politicization of intelligence“)? Oder ist die Unvollständigkeit politisch gewollt, da kognitive Blockaden („prior disbeliefs“/„black elephant“) der Aufklärungsrichtung der Information entgegenstehen (Kahneman 2011, 19–88; Jervis 2017, xiii–xc; Johnston 2005, 97–106; Mearsheimer 2013, Kap. 1–5). Solche Tendenzen werden durch den allgegenwärtigen Zeitdruck in politischen Hauptstädten verschärft. Misstrauen seitens der Regierungsspitze kann dazu darüber hinaus beitragen. Unsicherheit der Information Das zweite Grundproblem der Intelligence Analysis betrifft den Komplex Unsicherheit der Information. Wann ist eine HUMINT Information sicher und wie sicher muss sie sein, um als sicher gelten zu können? Ursprung und Verlässlichkeit können technisch und mit Hilfe historischer Methodik geprüft werden; ob die Information sachlich falsch ist, kann mittels bestehender Expertise untersucht werden. Schwieriger ist aber die Frage, inwieweit das konkrete und historische Vertrauensverhältnis zum Ursprung(sland) die Bestimmung des Sicherheitsgrads der Information beeinflusst. Hier spielen die o. g. Perzeptionsprobleme erneut eine wesentliche Rolle. Angesichts unvollständiger Information stellt sich mithin die Frage, welche Rolle eine unsichere Information spielen darf oder soll. Vermehrt sie den Eindruck, dass sie in einer unklaren Situation eine (Nicht-)Handlungsoption verstärken soll, kann sie Teil eines gegnerischen Täuschungsmanövers sein (counter-intelligence). Gefahr geht in diesem Fall von einer ‚confirmation bias‘ aus, die, gerade weil sie eine wichtige Lücke 171 Intelligence Analysis in antizipierenden Überlegungen schließen will, das findet, was sie sucht. Dass eine Information als unsicher betrachtet wird, obwohl sicher und in einem spezifischen Zusammenhang wertvoll, kann daran liegen, dass die Perzeption des Informationshintergrunds starr ist („belief systems not adjusted“). Eine politische Entscheidung, unsichere zu sicherer Information zu machen, entspringt entweder der o. g. Politisierungsgefahr geheimdienstlicher Erkenntnisgewinnung, einem realpolitisch bedingten, temporären Perzeptionswandel oder einem umfassenden Perzeptionswandel, der sich aus der Neuausrichtung eines internationalen Systems ergibt (Jervis 2017, xiii–xc). Zukunftssicht Das dritte Grundproblem der Intelligence Analysis bezieht sich auf den Komplex Zukunftssicht.2 Gibt es den unter Zeitdruck zu wählenden richtigen Zeitpunkt, nicht länger nach neuer Information zu suchen? Die Anhänger des maximation-Ansatzes schlagen vor, alle vorstellbaren Optionen als Alternativen über die Zukunftsentwicklung zu durchdenken. Die Anhänger des satisficing-Ansatzes hingegen argumentieren, die letztlich nicht begrenzbare mögliche Vielfalt an Zukunftsalternativen sollte dazu führen, dass eine Auswahl der Alternativen, sofern als ‚ausreichend gut‘ beurteilt, vorgenommen wird. Die Kritik an der zweiten Schule geht dahin, dass sie trotz Informationslücken und erwartbaren Zufällen/Überraschungen, kontextualisierend und kombinierend antizipieren will, ohne Wahrscheinlichkeiten fest bestimmen zu können. 2 Cyber hat der Intelligence Analysis längst eine neue Zurechnungsproblematik bereitet. Die Verschleierung der Zurechnung politischer und militärischer Handlungen im Cyberraum legt eine signifikante technologische Schwierigkeit mit Implikationen für geheimdienstliche Tätigkeit offen – und damit von Intentionen. Dass dies die Problematik unvollständiger Information erschwert, ist richtig; dass sie obsolet gemacht wird, sollte nicht angenommen werden (Freedman 2017, Kap. 21; Nye 2016–7, 44–71). Die Problematik militärischer Eskalation aufgrund fehlerhafter Zurechnung von Cyber-Attacken wird von den Strategic Studies adressiert. 172 Maximilian Terhalle Die Kritik, zumal unter Zeitdruck, an der ersten Schule, lässt sich an der Technik Szenario-Analyse verdeutlichen. Diese Technik will beschreiben, wie sich komplexe Situationen der internationalen Politik entwickeln könnten. Indem vielfachen, mindestens teilweise sich widersprechenden Zukunftsalternativen gleichermaßen viel Glaubwürdigkeit hinsichtlich ihrer tatsächlichen Zukunftswerdung geschenkt wird, werden Wahrscheinlichkeiten, nicht zuletzt aufgrund inhärenter Zufallsanfälligkeiten, soweit inflationiert, dass eine sinnvolle Auswahl kognitiv extrem schwierig wird. – Der Hinweis auf Zufälle, Überraschungen, unbeabsichtigte Konsequenzen und Friktionen, die einen antizipierten Verlauf der Dinge u. U. wesentlich infrage stellen können, bleibt überdies eine Variable (seit Clausewitz), die ein Mindestmaß an analytischer Demut bedingt. Ein zweites Problem der Zukunftssicht besteht darin, dass sie übermäßig durch Erfahrungen aus der Vergangenheit vorbestimmt sein kann. Eine frühere Analyse (oder mehr als eine) zu einem Komplex, der dem gegenwärtigen sehr ähnlich sein mag, mitunter denselben Akteur betrifft, und die sich in der Vergangenheit als richtig bestätigt hat, kann zu der naheliegenden (aber in neuem Kontext mglw. falschen) Schlussfolgerung führen, dass der Akteur wieder so gehandelt hat wie zuvor. Image-Theoretiker haben dies früh beschrieben. Just weil die Sicht des Akteurs prädeterminiert ist, läuft er unbewusst überdies Gefahr, einen anderen, wesentlichen Faktor ausgeblendet zu haben, der ihn später überraschen wird. Wie entscheidet nun ein Vorgesetzter, der Empfehlungen für die Politik formulieren muss, welche Zukunftssicht er adoptiert? Da Zukunftsszenarien zumeist von Gruppen von Analysten (mit IT-Unterstützung) erstellt werden, steht der jeweilige Vorgesetzte bei seiner Entscheidungsfindung vor einem Dilemma: zwischen der Zustimmung zum über längere Zeit erarbeiteten Gruppenkonsens einerseits und der Möglichkeit des Vernachlässigens der Expertise der Gruppe andererseits. Option eins mag einer gruppendynamischen ‚confirmation 173 Intelligence Analysis bias‘ folgen, Option zwei kann einer reflexhaften Skeptik entspringen, die u. U. durch den o. g. Verlass auf widersprüchliche Wahrscheinlichkeiten implizit genährt wird. Er kann sich aber auch per System 1 intuitiv positioniert haben. So könnte er u. U. das, was als Technik des worst case-Szenario genutzt wird, als kognitiven short-cut verinnerlicht haben. Unbewusst wird dadurch aus einer Technik eine eindimensionale Zukunftssicht, die im Kern durch eine self-fulfilling prophecy angetrieben wird (Chang/Tetlock 2016, 903–20; Taleb 2008, 38–84).3 5. KI und Intelligence Analysis – Kennt der Gegner seine eigenen Intentionen? KI ist auf dem Feld ‚lernfähige Maschinen‘ von besonderer Bedeutung für Intelligence Analysis. Lernend wachsende Maschinen/Algorithmen können zunehmend die eigenständige Verarbeitung exponentiell wachsender Aufkommen von SIGINT/ELINT ermöglichen. Damit könnte sich die o. g. Schwierigkeit bei der Frage ‚Zukunftssicht‘ verschärfen, weil die Szenarienanalyse mit noch größeren (und widersprüchlicheren) Wahrscheinlichkeitsvarianten konfrontiert wäre, wodurch deren abwägende Bemessung strategischer Intentionen erschwert würde. Dies zumal, da Teile der maschinengenerierten Informationsflut auch counter-intelligence des Gegners sein kann. Mithin besteht die Möglichkeit, dass Gegner in einer Konfliktsituation 3 Die Erörterung dieser Grundproblematiken anhand der gewonnenen Erkenntnisse soll hier nur angedeutet werden. Man kann dies tun, indem man fragt, wie überzeugend die 12 Structured Analytic Techniques (SATs) des offiziellen Tradecraft Primer (USA 2009) die zwei zentralen Forderungen des britischen Butler-Reports von 2004 zumindest reflektiert hat? Gäbe es in Deutschland das Äquivalent des (offiziellen britischen) Head of Intelligence Analysis (seit Butler), wie würden die Antworten und Schlussfolgerungen aussehen? Umgekehrt liesse sich fragen, wie treffend ist die Kritik an der Praxis dieser SATs (Butler- Report 2014, 158–61; US Government Tradecraft Primer 2009, 5–39; Coulthart 2015, 170–90)? 174 Maximilian Terhalle die ‚lernende Maschine‘ Entscheidungen treffen lassen (und dabei ggf. die Kontrolle über sie verlieren). Oder gibt es die Möglichkeit, den Algorithmus der gegnerischen Maschine zu erlernen, ihn in den strategischen Zielen des Gegners zu kontextualisieren und damit die Spannungen der o. g. Grundprobleme in Takt zu lassen? Damit könnte Intentionenzurechnung möglich werden. Provokation, Drohung, begrenzte Gewaltanwendung und tatsächlicher Kriegswille wären unterscheidbar (Allen/Chan 2017, 12–41). Ausblick Zentrale Aufgabe der neuen Subdisziplin Intelligence Analysis sollte es sein, seine konzeptionellen und theoretischen Grundlagen ontologisch und epistemologisch systematisch zu erfassen und daraus eine Taxonomie verschiedener Modelle von Intelligence Analysis zu generieren. Bisher ist dies in den Foren der Disziplin nicht explizit geschehen. Die Genese der Subdisziplin Foreign Policy Analysis könnte dabei als Anschauungsmodell behilflich sein (Smith et al. 2016). Ist dies geschehen, könnte sich die Intelligence Analysis, inspiriert von Strategic Studies und Political Psychology, der von Yarhi-Milo aufgeworfenen, bei Braithwaite implizierten Frage widmen, warum politische Entscheider und Geheimdienste unterschiedliche Paramenter betrachten und nutzen, wenn sie Zukunftsentscheidungen treffen. Es ist dabei wichtig, sich daran zu erinnern, dass strategische Entscheidungen in eine konflikthafte Zukunft hinein getroffen werden müssen, ohne dass gegnerische Schritte und Zufälle exakt antizipiert werden können. Anders als Heuer (1999) legt die Literatur nahe, dass Spitzenpolitik und Geheimdienste zuweilen abweichende Parameter beim Blick auf Krisen und Konflikte anlegen, “prior disbeliefs“ eine zentrale Rolle spielen und “debiasing“ Grenzen hat. Hier müsste die Grundlagenforschung ansetzen. 175 Intelligence Analysis Last but not least, Intelligence Analysis sollte umsichtig den versprochenen Nutzen der Anwendung probabilistischer Methodiken abwägen, die durch die von KI verarbeiteten, vielfachen Datenvolumina einen wesentlichen, innerwissenschaftlichen Anerkennungsschub erhalten haben (Dear 2019).4 Bei der Betrachtung qualitativer und quantitativer Methoden könnte eine Präferenz für qualitative Methoden sprechen, da quantitative ontologisch nicht-beobachtbare Intentionen vernachlässigen müssen. Das iterativ suchende, zunehmende Sich-Verdichtenlassen von Annahmen durch qualitative HUMINT- Quellensuche eröffnet den notwendigen methodischen Raum, um Evidenz für den Untersuchungsgegenstand kumulativ zu sammeln. Dies schließt Vergleiche mit existierenden quantitiven Databänken zu früheren ähnlichen Phänomenen nicht aus. Mixed-methods können mithin ein gangbarer und fruchtbarer Weg sein.5 Die Wahl der Methodik sollte letztlich vom Komplexitäts-, nicht Kompliziertheitsgrad der Aufgabe abhängen. Intentionen werden auch in Zukunft nicht exakt messbar sein, ihre Erkennung und Bewertung bedürfen des (stets fehleranfälligen) Urteilsvermögen des Betrachters und Entscheiders. Der Faktor Zeitdruck auf der höchsten Entscheidungsebene sollte dabei von Wissenschaftlern in einer operativ ausgerichteten Subdisziplin wie Intelligence Studies nicht unterschätzt werden (Daten/Zukunft; Research Design/Zeitmangel; data coding als Achillesferse). 4 Siehe dazu das Kapitel zu “Cyberpower, AI and Strategy-making”. 5 U. a. Walsh 2017, 548–62; George/Bennett 2005, Kap. 8, 10; Smith 2008, 266–80; Chang/Tetlock 2016, 903–20. 176 Maximilian Terhalle Literatur Allen, G und T Chan (2017). Artificial Intelligence and National Security. Harvard University, Belfer Center. Amadae, S (2003). Rationalising Capitalist Democarcy: the Cold War Origins of Rational Choice Liberalism. Chicago. Bar-Joseph, U (2010). “The Intelligence Analysis Crisis.” In L Johnson, Oxford Handbook of National Security Intelligence. Oxford. Betts, R (2007). Enemies of Intelligence. Knowledge and Power in American National Security. New York. __ (1978). “Analysis, War, and Decision: Why Intelligence Failures Are Inevitable.” World Politics 31:1. Booth, K und N Wheeler (2018). “Uncertainty.” In Williams, P (Hg), Security Studies. Abingdon. Braithwaite, R (2017). “Know Your Enemy.” In ders, The Nuclear Confrontation. Oxford. Butler Report (2014). http://news.bbc.co.uk/nol/shared/bsp/hi/pdfs/14_07_04_ butler.pdf. Chang, W und P Tetlock (2016). “Rethinking the Training of Intelligence Analysts.” Intelligence and National Security 31:6. Clark I (2005). Legitimacy in International Society. Oxford. Coulthart, S (2015). Evaluating Structured Analytical Techniques. PhD Thesis, University of Pittsburgh (Manuskript). Dahl, E (2013). Intelligence and Surprise Attack: Failure and Success from Pearl Harbor to 9/11 and Beyond. Washington. Dear, Keith (2019). “Artificial Intelligence and Decision-making.” RUSI Journal 164:5. Elster, J (1986). Rational Choice. New York. Freedman, L (2017). “Cyberwars,” in ders., The Future of War. A History. London. 177 Intelligence Analysis __ (2013). Strategy. A History. Oxford. Gelernter, D (2016). The Tides of Mind. Uncovering the Spectrum of Consciousness. New York. George, A und A Bennett (2005). Case Studies and Theory Development in the Social Sciences. Cambridge 2005. Gilpin, R (1981). War and Change in World Politics. Princeton. Heuer, R und R Pherson (2015). Structured Analytical Techniques for Intelligence Analysis. Washington, D. C. Heuer, R (1999/1979). The Psychology of Intelligence Analysis. Center for the Study of Intelligence. Hollis, M (1997). “Reasoning.” In ders., Invitation to Philosophy. Oxford. Hulnick, A (2014).“The Intelligence Cycle.” In Johnson/Wirtz (Hgg), Intelligence. The Secret World of Spies. Oxford. Jervis, R (2017). Perception and Misperception in International Politics. Princeton. __ (2011). Why Intelligence Fails. Lessons from the Iranian Revolution and the Iraq War. Ithaca. Johnston, R (2005). Analytic Culture in the US Intelligence Community. An Ethnographic Study. CIA. Kahneman, D (2011). Thinking, Fast and Slow. New York. Klüfers, P, Masala, C, Tepel, T & Tsetsos, K (2017). „Strategic foresight – Die Zukunft antizipieren.“ SIRIUS 1:1, 53–67. Kydd, Andrew (2010) Methodological Individualism and Rational Choice. In Reus-Smit, C and Snidal, D, eds. Oxford Handbook of International Relations. Oxford. Mearsheimer, J (2013). Why Leaders Lie. The Truth about Lying in International Politics. Oxford. Nye, J (2016–7). “Deterrence and Dissuasion in Cyberspace.” International Security 41:3. Omand, D (2015). “The Cycle of Intelligence,” in Dover, R/Goodman, M/Hillebrand, C (Hgg), Routledge Companion to Intelligence Studies. Abingdon. 178 Maximilian Terhalle Phytian, M (2017). “Intelligence Analysis and Social Science Methods: Exploring the Potential for and Possible Limits of Mutual Learning”. Intelligence and National Security 32:5. Porter, P (2016). “Taking Uncertainty Seriously-Classical Realism and National Security.” European Journal of International Security 1:1. Riker, W (1963). The Theory of Political Coalitions. New Haven. Simon, H (1957). Models of Man. New York. __ (1947). Administrative Behavior: a Study of Decision-Making Processes in Administrative Organization. New York. Smith, S et al. (2016). Foreign Policy: Theories, Actors, Cases. Oxford. Smith, T (2008). “Predictive Warning Team, Networks and Scientific Method.” In George, R and J Bruce (Hgg), Analyzing Intelligence. Origins, Obstacles and Innovations. Washington, D.C. Taleb, N (2008). The Black Swan: The Impact of the Highly Improbable. New York. Terhalle, M (2016). “IB-Professionalität als Praxisferne? Ein Plädoyer für Wandel.“ Z für Aussen- und Sicherheitspolitik 9:1. __ (2015). The Transition of Global Power. Legitimacy and Contestation. New York. US Government (2009). A Tradecraft Primer: Structured Analytic Techniques for Improving Intelligence Analysis. CIA. Vandepeer, C (2018). “What are the Questions Intelligence Analysts Ask?” Intelligence and National Security, 33:2. Walsh, P (2017). “Improving Strategic Intelligence Analytical Practice through Qualitative Social Research.” Intelligence and National Security 32:5. Yarhi-Milo, K (2014). Knowing the Adversary. Intelligence, and Assessment of Intentions in International Relations. Princeton. 179 Intelligence Analysis

Chapter Preview

References
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Yarhi-Milo, K (2014). Knowing the Adversary. Intelligence, and Assessment of Intentions in International Relations. Princeton.

Abstract

Thinking and making strategy serve states’ vital interests. Innately bound up with power, strategy devises a future that reflects vital interests, using its willpower to protect them. Unprecedented, “Strategy as Vocation” introduces Strategic Studies while also offering Germany practical strategies.

The book contains articles in German and in English.

Zusammenfassung

Strategisches Denken und Handeln dient vitalen Interessen. Es verlangt den Blick auf die Macht – und in eine Zukunft, die diese vitalen Interessen entsprechend widerspiegeln soll. Dies gilt immer, besonders aber, wenn Weltordnungen im Umbruch sind. Strategie als Beruf widmet sich den zentralen Konzeptionen der hierzulande vernachlässigten, wiewohl von Deutschen mitgeprägten Strategic Studies und bietet strategischem Denken und Handeln damit erstmalig Grundlagen auf dem Stand der internationalen Forschung an. Konkrete Strategievorschläge sind integraler Bestandteil des Buches.

Das Buch enthält deutsche und englische Beiträge.

Prof. Maximilian Terhalle (@M_Terhalle) lehrt Strategic Studies an der Universität Winchester, ist mit dem King’s College London affiliiert und berät das britische Verteidigungsministerium. Zuvor hat er einige Jahre an den Universitäten Columbia, Yale, Oxford und Renmin (Peking) geforscht und gelehrt.

Terhalle's insightful, balanced, and perceptive essays bring the tools of strategic studies to bear on a range of current international issues. Theoretically sophisticated and empirically grounded, the analysis will be of great value to both the scholarly and policy communities.”

Prof. Robert Jervis, Columbia University, New York

Maximilian Terhalle gehört zu den frühen Streitern für eine strategische Ausrichtung unseres internationalen Ordnungsdenkens und der deutschen Außenpolitik. Sein scharfsinniges Buch bietet eine klare Analyse der instabil gewordenen Welt. Und zieht daraus konkrete Folgerungen für die Verantwortung Deutschlands und seiner Partner für westliche Werte und Interessen.“

Prof. Matthias Herdegen, Universität Bonn

Maximilian Terhalle is a refreshing independent voice on European and German security policy. There is a pressing need for systematic, clear-eyed, and realistic thinking about Germany’s role in a rapidly changing world, and this wide-ranging collection of essays is an important contribution to a much-needed set of debates.”

Prof. Stephen Walt, Harvard University, Kennedy School of Government

The Germans have, for very understandable historical reasons, long been reluctant to engage in the kind of strategic thinking that comes naturally to the Anglo-Saxon world. Maximilian Terhalle, who is one of the Federal Republic’s most innovative experts in the field, is rightly dissatisfied with this opting out of the real world. His new book is a must-read for anyone who wants to understand modern German strategy, or rather the lack of it, and the need for a National Security Council in the FRG.”

Prof. Brendan Simms, Cambridge University

Drawing on wide reading and with a nod to Max Weber, this thoughtful collection of essays by Maximilian Terhalle demonstrates the importance of strategic thinking and how it can be applied to the big issues of war and peace in the modern world.”

Prof. Lawrence Freedman, King’s College London

Die NATO ist strategisch nicht hirntot. Vielleicht aber bald eines seiner Mitglieder. Wer auch immer Deutschland führen wird, täte gut daran, sich den von Terhalle vorgelegten strategischen Kompass sehr genau anzusehen. Die eventuelle Wiederwahl Trumps und der unwahrscheinliche Machtverzicht Putins und Xis bedürfen nicht nur einer erkennbar europäischen Hand im Kanzleramt, sondern auch eines völlig neuen, eben strategischen Mindsets. Terhalles Konzepte für Entscheider sowie seine konkreten Ideen für die Zukunft westlicher Sicherheitspolitik bieten genau das.“

Karl-Theodor zu Guttenberg, Bundesminister a.D., New York/München

Strategisches Denken fehlt im Land des Carl von Clausewitz in allen Bereichen. In der Politik, der Wirtschaft und der Entwicklung von Leitlinien, wie Europa in einer Welt im Umbruch gestaltet werden sollte. Prof. Terhalles Buch zeigt Grundlagen auf und gibt Anregungen in wesentlichen Feldern der Politik. Es sollte von Entscheidern gelesen und genutzt werden.“

General a.D. Klaus Naumann, ehem. Vorsitzender des NATO-Militärausschusses und Generalinspekteur, München

Can Germany think strategically?’ Indeed, and more broadly, can the European Union become a strategic actor? These questions lie at the heart of Maximilian Terhalle’s no-holds-barred assessment of Europe’s options as the continent faces mounting challenges from both partners and adversaries East, South and West.”

François Heisbourg, Special Advisor, Fondation pour la Recherche Stratégique, Paris

Terhalle has produced a rich and wide-ranging series of essays on some of the enduring and more recent dilemmas of international security. These subtle but piercing reflections are in the best tradition of strategic studies, from Clausewitz to Freedman.”

Prof. John Bew, War Studies Department, King’s College London

A thought-provoking and illuminating series of essays that grapple with some of the toughest and most important questions facing contemporary Germany, Europe, and the United States, written by one of Germany's most forward-looking strategists.”

Elbridge Colby, Principal, The Marathon Initiative, former US Ass’t Deputy Secretary of Defence, Washington D.C.

Das neue Buch von Maximilian Terhalle, Strategie als Beruf, ist ein wichtiger Baustein bei der Grundsteinlegung für die hierzulande vernachlässigten ‘Strategic Studies’. Der Autor bürstet kräftig gegen den Strich und stellt liebgewordene Denkmuster in Frage. Man muss Terhalle keineswegs in jeder Hinsicht zustimmen. Aber wenn Deutschland und Europa tatsächlich die ‘Sprache der Macht’ erlernen wollen, wie vom EU-Außenbeauftragten Anfang 2020 gefordert, wird man nicht umhinkommen, sich mit seinen Thesen auseinanderzusetzen.“

Boris Ruge, Berlin

For too long, Germany’s deafening silence on strategic matters has struck international academic and policy observers alike. This is about to change. Maximilian Terhalle’s realpolitik-based as well as erudite deliberations on the art of strategy, closing with novel practical ideas for Europe’s future strategic security, betray exactly that.”

Prof. Christopher Coker, London School of Economics/LSE IDEAS

In Strategie als Beruf schreibt Maximilian Terhalle mit außerordentlich klarem Blick über Fragen sicherheitspolitischer Strategie und füllt damit ein Vakuum in Deutschland. Seine Ergebnisse sind unbequem für die von der Friedensforschung dominierten Debatten. Jeder, dem die Strategiefähigkeit des Landes und Europas wichtig ist, sollte seine Ideen kennen.“

Dr. Bastian Giegerich, International Institute for Strategic Studies, London

“For over a decade, Western scholars of strategy have almost exclusively focused on the likeliness of the Thucydides trap to emerge between the US and China. Remarkably, while Prof. Terhalle acknowledges their global strategic importance, he spells out what the potential trajectory of their relationship implies for NATO’s European members vis-à-vis Russia. – Realpolitik reigns.”

Prof. Wu Zhengyu, Renmin University, Peking