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1. Einleitung in:

Alina Christin Meiwes

Die Tiermalerin Rosa Bonheur, page 1 - 6

Künstlerische Strategien und kunsthistorische Einordnung im Kontext der Vermittlung

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4408-7, ISBN online: 978-3-8288-7408-4, https://doi.org/10.5771/9783828874084-1

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 26

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
1 1. Einleitung This lady gains power every year, but there is one stern fact concerning art which she will do well to consider, if she means her power to reach full development. No painter of animals ever yet was entirely great who shrank from painting the human face; and Mdlle. Bonheur clearly does shrink from it. Of course, a ploughman ploughing westward at evening slouches his hat and stoops his head; but the back of him, in this action, with a foreshortened yoke of oxen, and three of the awkwardest haystacks in France, do not altogether constitute a subject for a picture. In the Horse-Fair the human faces were nearly all dexterously, but disagreeably, hidden, and the one chiefly shown had not the slightest character. Mdlle. Bonheur may rely upon this, that if she cannot paint a man’s face, she can neither paint a horse’s, a dog’s, nor a bull’s. There is in every animal’s eye a dim image and gleam of humanity, a flash of strange light through which their life looks out and up to our great mystery of command over them, and claims the fellowship of the creature, if not of the soul. I assure Mdlle. Bonheur, strange as the words may sound to her, after what she has been told by huntsmen and racers, she has never painted a horse yet. She has only painted trotting bodies of horses. Ruskin, 32 f. Dieses 160 Jahre alte Zitat gibt, in voller Länge, die Kritik des Engländers John Ruskin an den zwei erfolgreichsten Werken der französischen Künstlerin Rosa Bonheur wieder. Ruskin war Kunsthistoriker, Künstler, Schriftsteller und ein viel beachteter Denker des 19. Jahrhunderts. Kurz übersetzt schreibt er hier, dass „Fräulein“ Bonheur besser Folgendes bedenken sollte: Sie sei als Tiermalerin nicht wirklich groß, wenn sie keine menschlichen Gesichter malen könne, und davor schrecke sie offensichtlich zurück. Ihre Motivwahl sei unzureichend, ihre 2 Einleitung Gesichter hätten keinen Charakter und sie habe nie wirklich ein Pferd gemalt, sondern nur leere, trottende Körper, denn sie könne nicht die Spur des Menschlichen im Licht der Tieraugen darstellen. Wie die vorliegende Forschung zeigt, spricht Ruskin Bonheur hier ab, das zu beherrschen, was TiermalerInnen im 19. Jahrhundert können mussten, um Anerkennung zu erlangen: Die Seele der Tiere malerisch sichtbar werden lassen. Ruskins vernichtende Kritik – anscheinend durch eine epochentypische Furcht vor der Emanzipation der Frau motiviert – konnte den internationalen Erfolg Bonheurs jedoch nicht aufhalten. Bonheur war zu ihren Lebzeiten die bekannteste französische Künstlerin. Sie wurde von Königin Eugénie mit dem Ritter-Orden der Ehrenlegion ausgezeichnet und ihr weltberühmtes Gemälde Le Marché aux Chevaux (Abb. 3) – im Englischen The Horse Fair – war das erste Bild einer noch lebenden Künstlerin oder eines Künstlers, das in der National Gallery in London ausgestellt wurde (vgl. Ashton, 193 f.). An der Qualität ihrer Malerei hatte Ruskins gesellschaftliches Umfeld offenbar keinen Zweifel. Für das Genre der Tiermalerei mit seinen besonderen Ausprägungen und das 19. Jahrhundert im Allgemeinen ist Bonheur eine der wichtigsten Vertreterinnen der Kunst. Nach den Angaben ihrer ersten Biografin zählt Bonheurs Werk 1728 Arbeiten, darunter zahlreiche Ölgemälde, Aquarelle, Pastellzeichnungen und einige Skulpturen (vgl. Tufts, 53). Das Allgemeine Künstlerlexikon geht von bis zu 6000 Arbeiten aus (vgl. Bonheur, AKL, Bd. 12, 538). Es ist keine neue Erkenntnis, dass Künstlerinnen – im Zuge der Etablierung von Wissenschaft und Fachdisziplinen im 19. und 20. Jahrhundert – lange Zeit wenig rezipiert oder ganz in der Geschichtsrekonstruktion ausgelassen wurden. Die im 20. Jahrhundert entstandene, institutionalisierte Kunstgeschichte führte zwar zur Bildung eines offiziellen Kanons der Disziplin und sicherte ihre Etablierung. Die Auswahl des Kanons entsprach zu dieser Zeit aber den patriarchalischen Machtverhältnissen und schloss Künstlerinnen aus. Derzeit beabsichtigt die feministische Kunstgeschichte, dieses Kanonproblem und seine Mechanismen zu überwinden oder wenigstens zu minimieren (vgl. Paul, 302).1 Mit Blick auf das umfassende Werk und die internationale Bekanntheit 1 Paul merkt zudem an, dass seit der Frauenbewegung der siebziger Jahre bereits ein Wissenszuwachs bezüglich der feministischen Kunstgeschichte stattgefunden hat, aber sich aktuell neue anti-feministische Tendenzen im Umgang mit Kunst zeigen. So erhalten Gruppenaus- 3 Einleitung Bonheurs im 19. Jahrhundert, ist es dennoch besonders erstaunlich, dass ihr Name dem Publikum heute – selbst in künstlerischen Kreisen und Ausbildungsstätten – häufig unbekannt ist. Die vorliegende Arbeit leistet so einen Beitrag zur feministischen Kunstgeschichte, die neben weiteren Aufgaben „Werk, Lebens- und Schaffensbedingungen von künstlerisch tätigen Frauen recherchiert und analysiert“ (Spickernagel a, 264). Bonheur arbeitete an künstlerischen Schnittstellen, die bislang wenig thematisiert wurden, auch da das Genre der Tiermalerei eher als ein Randthema in der kunstgeschichtlichen Forschung erscheint. Zentrales Anliegen des Vorhabens ist die fundierte Analyse verschiedener Ölgemälde Bonheurs sowie deren Kontextualisierung anhand historischer Quellen, im geschichtlichen Zusammenhang und im Bezug zum Gesamtwerk. Dazu werden besonders Bonheurs bildnerische Wirklichkeitskonstruktion, ihre Arbeitsweise und ihre künstlerischen Strategien untersucht. Es wird aufgezeigt, dass die Werke bedeutende Dokumente der gesellschaftlichen und kunsthistorischen Zusammenhänge des 19. Jahrhunderts sind, und dass sie eine neue Sicht auf das Spannungsfeld zwischen Naturalismus, Realismus, Romantik und Idealismus eröffnen. Die Werkanalyse wird demnach von folgenden Fragen geleitet: In welchen künstlerischen und gesellschaftlichen Kontexten lässt sich das Werk Bonheurs verorten? Welche Position nimmt Bonheur in der Geschichte der Tiermalerei ein? Welche (malerischen) Techniken nutzt die Künstlerin? Wie verändert sich das Werk? Welche Werte und Prinzipien prägen das künstlerische Schaffen? Wie kann das Verhältnis des Werkes zu Politik und Wirtschaft beschrieben werden? Welchen Einfluss hat Bonheurs Geschlechterrolle auf ihr Leben und ihre Arbeiten? Im Ganzen wird auch die Rezeption Bonheurs kritisch reflektiert. Die kunsthistorische und kulturwissenschaftliche Analyse ausgewählter Malereien Bonheurs bilden folglich den Schwerpunkt der Forschung. Die Arbeit ist jedoch interdisziplinär angelegt und enthält, über die kunstgeschichtliche stellungen über Künstlerinnen häufig das Etikett der ‚Frauenkunst‘ und werden trivialisiert. Bekannte Künstlerinnen wie Käthe Kollwitz werden überbetont mit vermeintlich weiblichen Attributen verknüpft – bei Kollwitz zum Beispiel ihre Fürsorglichkeit (vgl. Paul, 303). 4 Einleitung Betrachtung hinaus, auch einen kunstpädagogischen Anteil. So wird in einem weiteren Schritt in Kapitel sieben eine didaktische Perspektive auf das Werk der Künstlerin eingenommen, die Ansatzpunkte für die Vermittlung aufzeigt. Die didaktische Strukturanalyse und Themenbestimmung beziehen sich dabei auf die Ergebnisse der fachwissenschaftlichen Werkanalyse. Es werden verschiedene Bausteine für die schulische, museale oder anderweitige Vermittlung von Bonheurs Kunst in einem Themenmodell erfasst, das zur Kombination unterschiedlicher Bereiche, zu fächerverbindendem Lernen sowie zur vertieften Auseinandersetzung mit einzelnen Aspekten anregt. Der kunstdidaktische Teil der Arbeit wird von der Frage geleitet, welche künstlerischen Mittel, historischen Kontexte und lebensweltlichen Bezüge mit Bonheurs Werk verbunden sind und somit Zugänge für dessen Vermittlung bilden. In Kapitel sieben wird das kunstdidaktische Forschungsinteresse einleitend näher beschrieben. Im Folgenden werden zum besseren Verständnis die Inhalte und der Aufbau der Arbeit skizziert und begründet. Zu Beginn wird zunächst ein Überblick über den Forschungsstand zur Künstlerin und ihres Werkes gegeben, da gerade im biografischen Bereich schon wichtige Erkenntnisse vorliegen, die zwar kein Schwerpunkt der Arbeit sind, aber als Voraussetzung dienen sollen. Anschlie- ßend wird in Kapitel drei die Biografie und künstlerische Ausbildung Bonheurs zusammenfassend dargestellt, um im Verlauf der Werkanalyse darauf verweisen zu können. Nach den biografischen Hintergründen werden in Kapitel vier und fünf breitere künstlerische Kontexte erschlossen, die für eine Untersuchung des Werkes und der malerischen Tradition von Bedeutung sind. In enger Verbindung mit Bonheurs Tiermalerei steht der Begriff des Naturalismus, des Realismus, des Romantischen und des Idealismus. Mit diesen Konstrukten wird in der kunstgeschichtlichen Forschung versucht, Malweisen, Weltansichten, künstlerische Bewegungen oder bestimmte Wahrnehmungstendenzen mit einem Wort zu benennen. Voraussetzung für die Werkanalyse ist die Klärung der begrifflichen Grundlage in Kapitel vier, die mit Blick auf verschiedene Standpunkte der Fachwissenschaft erfolgt. Davon ausgehend können die Konstrukte schließlich in Bezug auf das Werk der Künstlerin untersucht und hinterfragt werden. Es wird angenommen, dass die Betrachtung der Werke Bonheurs zur De- und Rekonstruktion bestimmter Vorstellungen beiträgt und neue Verstehensweisen generiert. 5 Einleitung In Kapitel fünf wird anschließend die Geschichte der Tiermalerei thematisiert. Bonheur in diesen spezifischen Kontext einzuordnen, ist ein komplexes Vorhaben, denn die Tiermalerei stellt ein großes Feld dar. Die vorliegende Dissertation behandelt ausgewählte Teile der Tiermalereigeschichte, die für eine Betrachtung Bonheurs relevant erscheinen. Ihre Biografie gibt ausschlaggebende Hinweise darauf, welche Bereiche hier von Interesse sind. Neben den Holländern des 17. Jahrhunderts, ist ein Blick auf die Tiermalerei im 18. Jahrhundert sowie auf einige Zeitgenossen Bonheurs sinnvoll, um ein Verständnis für ihre Bildkonstruktion zu entwickeln. Ebenso werden die latenten Zusammenhänge mit der Tiermalereigeschichte, die der Künstlerin vermutlich nicht bewusst waren, in diesem Kapitel näher beschrieben. Der Hauptteil der kunsthistorischen Untersuchung ist die Werkanalyse in Kapitel sechs. Eine – auch nur annähernd – vollständige Betrachtung der zahlreichen Werke Bonheurs würde den Rahmen der Forschung weit übersteigen. Der Fokus liegt auf der qualitativen Untersuchung von drei ausgewählten Bildbeispielen: Martin – A Terrier (Abb. 9), Un Vieux Monarque (Abb. 24) und Mounted Indians Carrying Spears (Abb. 29). Diese Malereien wurden zum einen ausgewählt, da sie sich thematisch und zeitlich innerhalb des Werkes voneinander abgrenzen. Sie verweisen auf unterschiedliche Lebensphasen und Entstehungskontexte, weshalb ihr Vergleich auch begründete Rückschlüsse auf werkübergreifende Zusammenhänge ermöglicht, die sich nicht nur auf einen Schaffenszeitpunkt stützen. Zum anderen sind es Malereien, die noch in keiner Weise eine Rezeption in der kunstgeschichtlichen Forschung erfahren haben. Einige bekannte Gemälde Bonheurs, besonders die in großen Museen, sind bereits in einzelnen Aufsätzen thematisiert worden, stellen aber nur einen Bruchteil ihres Gesamtwerkes dar. Das einfühlsame Tierporträt erscheint in ihrem Werk etwa deutlich häufiger als das viel rezipierte Motiv des Pferdemarktes. Über die drei genannten Gemälde hinaus werden aspektbezogen weitere Ölbilder und Studienblätter betrachtet, um die Werke im Zusammenhang einer eventuell bestehenden Serie von Arbeiten zu verorten sowie die künstlerische Arbeitsweise aufzuzeigen. Genauer untersucht werden im Kontext der drei ausgewählten Werke in Kapitel 6.1.3 ebenso zwei Porträts, welche die Künstlerin selbst mit Tieren zeigen, und das Gemälde Changement 6 Einleitung de Pâturages (Abb. 33) in Kapitel 6.4. Es ist das letzte Kapitel der Werkanalyse und ergründet abschließend das Verhältnis des Realismusbegriffs zu Bonheurs Bildern. Insgesamt ist für die Werkanalyse auch die Frage nach der Methode von großer Bedeutung. Entgegen einem eindimensionalen Ansatz wird die einzelne Malerei aus verschiedenen Perspektiven betrachtet, die über werkimmanente Aspekte hinausgehen. So werden kunstsoziologische, ikonologische, kulturanthropologische, semiotische und stilgeschichtliche Überlegungen bei der kunstwissenschaftlichen Analyse angeführt. Auch vor dem Hintergrund des viel diskutierten Wandels von der Kunstwissenschaft zur Bildwissenschaft sowie der Aufgabe festgelegter Interpretationsansätze in der Moderne und Postmoderne, soll ein integrativer Ansatz verschiedener Analysemethoden eine fundierte und zeitgemäße Forschung sicherstellen. Gesondert von der Schlussbetrachtung des kunstdidaktischen Teils der Arbeit, werden die Ergebnisse der kunstgeschichtlichen Analyse in Kapitel 6.5 zusammengeführt, bewertet und reflektiert. In Kapitel sieben wird schließlich das Vermittlungskonzept zum Werk Bonheurs erarbeitet. Dazu dienen bereits bestehende Modelle der Kunstdidaktik, besonders die Ästhetische Forschung nach Helga Kämpf-Jansen, als Ausgangspunkt für konkrete thematische Überlegungen. So werden nach einer grundlegenden kunstdidaktischen Verortung (Kapitel 7.2) verschiedene Bausteine zur Themenwerkstatt Rosa Bonheur vorgestellt (Kapitel 7.3). Im Überblick können die herausgestellten Vermittlungszugänge und ihre Verbindungsmöglichkeiten in einer Grafik nachvollzogen werden (Kapitel 7.4.1). Die kunstdidaktische Themenbestimmung erfolgt mit dem Gedanken, die Attraktivität des erforschten Themas für zeitgemäßes Lernen und Lehren hervorzuheben. Ebenso hat sie Modellcharakter, da die allgemeine Struktur auf die Vermittlung anderer historischer Werke übertragen werden kann.

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References

Abstract

The paper focuses on selected animal paintings of French artist Rosa Bonheur (1822–1899). She was the most famous female painter in 19th-century France, creating a huge amount of art works that reflect specific cultural beliefs and values of her time. Bonheur’s pictoral construction of reality shows that her paintings are located at the interface between different artistic strategies. A deep understanding of Bonheur’s work is presented here by drawing connections between animal painting history, social sciences, gender studies and art-historical concepts. In addition, the topic's educational value is explained and connected to contemporary teaching methods.

Zusammenfassung

Für das 19. Jahrhundert und das Genre der Tiermalerei mit seinen besonderen Ausprägungen ist die Französin Rosa Bonheur (1822–1899) eine der wichtigsten Vertreterinnen der Kunst. Sie hinterließ ein umfangreiches Werk, darunter zahlreiche Ölgemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Skulpturen. Trotz Bonheurs internationaler Bekanntheit zu ihren Lebzeiten haben ihre Arbeiten in der kunstgeschichtlichen Rezeption bislang wenig Aufmerksamkeit erlangt. Erstmals wird hier ein systematischer Einblick in die Malerei, die bildnerische Wirklichkeitskonstruktion und die künstlerischen Strategien Bonheurs gegeben. In einem weiteren Schritt werden zudem Ansatzpunkte für die Vermittlung des Werkes in Form eines didaktischen Themenmodells beschrieben.