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Roland Mierzwa

Befreiungstheologie für Kinder, page I - X

Solidarisch auf der Suche nach einem guten Leben

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4405-6, ISBN online: 978-3-8288-7403-9, https://doi.org/10.5771/9783828874039-I

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Roland Mierzwa Befreiungstheologie für Kinder Roland Mierzwa Befreiungstheologie für Kinder Solidarisch auf der Suche nach einem guten Leben Tectum Verlag Roland Mierzwa Befreiungstheologie für Kinder. Solidarisch auf der Suche nach einem guten Leben © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2019 E-Book: 978-3-8288-7403-9 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4405-6 im Tectum Verlag erschienen.) Umschlaggestaltung: Tectum Verlag, unter Verwendung des Bildes # 1155932206 von Prostock-studio | shutterstock.com Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Einleitung Versucht man sich einen Überblick in der evangelischen Sozialethik zu der Frage „Gibt es eine Befreiungstheologie für Kinder“ zu verschaffen, dann ist hier eine übergroße „Leerstelle“ auszumachen. In evangelischen ethischen Überlegungen wird kaum aus dem befreiungstheologischen Denken rezipiert (vgl. z.B. Bedford-Strohm, 1993 und Plonz, 1995)1 und dass evangelische Theologen*innen befreiungstheologisch denken, ist auch in nur geringem Umfang auszumachen – vergleiche die Hinweise auf Julio de Santa Ana (vgl. Schilling, 2016, 214–227), Dorothee Sölle und Ulrich Duchrow. Betrachtet man schließlich die Befreiungstheologie selbst, dann sind Kinder häufig allenfalls implizit mitgemeint2. Nahezu gar nicht wird die Realität von Kindern sozial- 1 Heinrich Bedford-Strohm: Vorrang für die Armen. Auf dem Weg zu einer theologischen Theorie der Gerechtigkeit, Gütersloh 1993; Sabine Plonz: Die herrenlosen Gewalten. Eine Relektüre Karl Barths in befreiungstheologischer Perspektive (Dissertation Universität Heidelberg: Theologie im veränderten Kontext), Mainz 1995 (Kommentar: Bei dieser Untersuchung stellt sich die Frage, ob die Autorin, indem sie sich auf Karl Barth bezog, sich aus dem Apriori der Dogmatik für die Ethik befreien konnte. Es ist ja ein Grundkonflikt bei der Theologie der Befreiung, ob man die Dogmatik als die „Obertheologie“, als T1, bezeichnen darf und die Ethik, nur als „nachrangige“ Theologie zur Dogmatik, als T2, bezeichnen darf. Für die Theologie der Befreiung entscheiden sich hingegen die „dogmatischen“ Fragen in und mit den „ethischen“ Herausforderungen aus der „vorrangigen Option für die Armen“. Der Gottesglauben ist zum Beispiel daher nicht zuerst eine dogmatisch zu klärende Frage, sondern wird schon vorentschieden aus dem Blick auf die Opfer und der Erkenntnis, dass diese das Ergebnis eines Götzendienstes und daraus resultierender struktureller Sünde/struktureller Gewalt sind. Ich glaube, dass es, wenn man die evangelische Theologie mit der [lateinamerikanischen] Befreiungstheologie ins Gespräch bringen will, fruchtbringender ist, einen (nachträglichen) Dialog mit der Reich Gottes-Theologie von Paul Tillich ins Auge zu fassen [vgl. Publik-Forum 10/2019, 30f.] ). 2 Der Blick auf zwei Kongresse, in den Jahren 2012 und 2015, zeigt, die Theologie der Befreiung ist zu einer bunten und breit aufgestellten Bewegung geworden. Mittlerweile treiben auch Menschen wissenschaftlich Befreiungstheologie, „die als Kinder V ethisch bedacht3. Was über die Realität von Kindern zu erfahren ist, ist zuweilen sehr quälend und bedeutet eine große Herausforderung an theologische Denkkategorien – manche theologische Begriffe wie etwa „Verantwortung“, „Sünde“ oder „Versöhnung“ kommen mit Blick auf die Realität der Kinder, so wie sie bisher inhaltlich gefüllt sind, sehr stark an ihre Grenzen. Andere Begriffe, wie etwa „strukturelle Gewalt/ strukturelle Sünde“, können hingegen eine ganz neue Bedeutung erhalten. Mit dieser Publikation soll diese Lücke geschlossen werden. Weil in ethischen Büchern wenig zu finden ist, wird in übergroßem Umfang auf Material/auf Dokumente zurückgegriffen, die über das Internet verfügbar sind. Mit diesem Buch erfolgte eine Grundlagenarbeit für die Arbeit in kirchlichen Kindertagesstätten, in der kirchlichen Kinder- und Juund Jugendliche selbst in Armut und Unterdrückung aufgewachsen sind, die zu indigenen Kulturen oder ethnischen Minderheiten gehören, die als Mädchen oder Frauen sexuelle Gewalt oder Diskriminierung erleben mussten“ (Silber, 2016, 3). Dadurch wird es möglich, dass der oft früher als „Leerformel“ wahrgenommene Begriff der „Armen“ sich mit konkreten Kindern und mit konkreten Gewaltopfern füllt. „Inzwischen ist gut durchdiskutiert, dass sich unter diesem abstrakten Überbegriff ganz konkrete Menschen mit ihren Einzelschicksalen und konkreten Hoffnungen und Leiden tummeln“ (ders., 2016, 4). Die gegenwärtige Befreiungstheologie fragt nun ganz konkret nach den konkreten Lebensbedingungen (vielleicht von Kindern), nach den Einzelfällen (bei den Kindern), nach den Organisationsmöglichkeiten und den Kompetenzen (der Kinder), „die unter Bedingungen der Armut, Ausgrenzung und Unterdrückung leben“ (ders., 2016, 4). Es kommen so Themen wie Menschenhandel, die Gewaltvielfalt oder auch die Ökologie in den Blick (vgl. ders., 2016, 3). Insofern die Theologie der Befreiung differenzierter, kreativer, ökumenischer, laikaler und säkularer wird, öffnet sie sich für die Präsenz auf den Weltsozialforen und weil die Theologen*innen der Befreiung in den Reichtümern der Menschen und Kulturen den schöpferischen und befreienden Geist Gottes als gegenwärtig betrachten, können sie auch mit kirchenfernen und sogar kirchenfeindlichen Bewegungen kooperieren. Sie lässt sich auf „kleine, prekäre, vorübergehende Schritte der Befreiung“ (ders., 2016, 5) ein, wenn dabei etwas möglich ist. Aber die „neuen Gestalten der Theologie der Befreiung werden oft übersehen“, wenn in der europäischen Theologie über die Theologie der Befreiung gesprochen wird (vgl. ders., 2016, 6) und damit gerät auch der Blick zu den Kindern aus dem unmittelbaren Wahrnehmungsfeld. 3 Vgl. Christoph Morgenthaler/Christoph Müller: Familie: Ort der Liebe – Hort der Gewalt, S. 224–239 in: Walter Dietrich/Wolfgang Lienemann (Hg.): Gewalt wahrnehmen – von Gewalt heilen. Theologische und religionswissenschaftliche Perspektiven, Stuttgart 2004; Frank Surall: Ethik des Kindes. Kinderrechte und ihre theologisch-ethische Rezeption, Stuttgart 2009. Einleitung VI gendarbeit, speziell der Konfirmandenarbeit, für den christlichen Religionsunterricht an den Schulen, aber auch für die diakonische Sozialarbeit sowie für Kinder- und Jugendpsychiatrien in christlicher Trägerschaft. Es kann nun die Gelegenheit bestehen, theologisch fundiert, über die Nöte von Kindern und Jugendlichen mit diesen ins Gespräch kommen. Und es werden gangbare Auswege aufgezeigt sowie beeindruckende Zeugnisse des Bekennens von Kindern und Jugendlichen. Die Überlegungen erfolgen auf Augenhöhe mit den Kindern und Jugendlichen, mit viel Wertschätzung und Anerkennung von deren Potentialen. Mit der umfassenden Dokumentation von stabilem empirischem Material über schwierige Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen weltweit erhalten Kinder und Jugendliche „festes“ Material, um widerständig gegen fake-news aus dem Internet und den sozialen Medien sein zu können. Flensburg, September 2019 Einleitung VII Inhaltsverzeichnis Die leidenden Kinder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1. 1 Kinderarbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1.1. 2 Kinder und Armut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1.2. 7 Kinder und häusliche Gewalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1.3. 12 Kindersoldaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1.4. 15 Sexueller Missbrauch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1.5. 17 „Schwarze“ Religion. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1.6. 21 Menschenhandel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1.7. 23 Ergebnissichtung: Facetten und Faktoren der Gewalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1.8. 27 Befreiungstheologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2. 35 Gustavo Gutiérrez . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.1. 36 Jon Sobrino . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.2. 39 Dietrich Bonhoeffer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.3. 40 Dorothee Sölle. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.4. 41 Ulrich Duchrow . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.5. 43 Ergebnissichtung: Befreiungstheologie im Horizont von Kindern und Jugendlichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.6. 44 Befreiungstheologisch mit-leiden, vom Leid sprechen und von Gott sprechen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.7. 48 IX Resilienz – Rettung – Solidarität – Heilung – Armutsbekämpfung – Praxis der Gewaltlosigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3. 51 Resilienz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.1. 51 Rettung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.2. 54 Solidarität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.3. 55 Heilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.4. 58 Armutsbekämpfung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.5. 64 Praxis der Gewaltlosigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.6. 67 Kinder als Botschafter des Glaubens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4. 73 Teilen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4.1. 73 Bezeugen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4.2. 74 Bekennen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4.3. 74 Hoffen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4.4. 75 Kinder auf das Christische hin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4.5. 76 Menschenrechte für Kinder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5. 77 Das christliche Gottesbild – ein Trugschluss und Hindernis für die Solidarität mit den Kindern? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6. 85 Literaturliste . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .7. 87 Danksagung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8. 97 Inhaltsverzeichnis X

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Zusammenfassung

In diesem Buch kommt die gesamte Bandbreite der Armut – hier in Bezug auf Kinder und Jugendliche – zur Sprache. Straßenkinder, Kinderarbeiter, Kinder und Armut, Kinder und häusliche Gewalt, Kindersoldaten, sexueller Missbrauch, missbräuchliche Religion und Menschenhandel. Darauf aufbauend wird eine Befreiungstheologie für Kinder formuliert, die unter anderem die Opfersituation bei Kindern und Jugendlichen theologisch ernst nimmt, dann aber auch die Facetten der rettenden Liebe und der ganz spezifischen Solidarität einblendet. Kinder werden als Botschafter des Glaubens betrachtet, was überraschen könnte. Aber es wird auch gefragt, ob unser Gottesbild und eine partiell narzisstische Verfasstheit des Christentums eine Hürde für eine radikale Solidarität mit den armen Kindern und Jugendlichen sein könnten.