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6. Das christliche Gottesbild – ein Trugschluss und Hindernis für die Solidarität mit den Kindern? in:

Roland Mierzwa

Befreiungstheologie für Kinder, page 85 - 86

Solidarisch auf der Suche nach einem guten Leben

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4405-6, ISBN online: 978-3-8288-7403-9, https://doi.org/10.5771/9783828874039-85

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Das christliche Gottesbild – ein Trugschluss und Hindernis für die Solidarität mit den Kindern? Befreiungstheologen wie Luiz Carlos Susin (2011) machen deutlich, darauf wurde vorne hingewiesen, dass es das Wesen Gottes ist, nicht narzisstisch zu sein. Gott ist das genaue Gegenteil von narzisstisch. Er ist nicht daran interessiert, das Zentrum, der Erste zu sein. Er braucht nicht unseren Beifall (vgl. Susin/Hammes, 2011b, 133). Deswegen wird dieser nicht-narzisstische Gott es sich auch nicht gefallen lassen, wenn man ihn mit HERR!HERR!HERR! anruft. Darauf werden wir wohl stoßen, wenn wir eingehender Mt 25,40 meditieren, wo geschrieben steht: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“. Wenn nun aber im Dekalog gesagt wird, dass Gott will, dass keine Götter neben ihm sein sollen (2 Mose 20,3), kann das vielleicht auf einen narzisstischen Einschlag in der Gottesstruktur schließen lassen. Und es ist ja zuweilen auch so, dass das Alte Testament auch von einem immensen Einfallsreichtum berichtet, den Gott an den Tag legt, wenn es darum geht, Feedback und soziale Informationen so zu steuern, dass er in seiner „Grandiosität“ gestärkt daraus hervorgehen kann: Persönliche Eigenschaften und Leistungen werden als überlegen angesehen, über (gesteuerte) Selbstaufwertung (vgl. gar manchen Psalm) versucht er Lob und Zustimmung zu provozieren. Sündenfälle infolge von Aggressionsdurchbrüchen, wie die Sintfluterzählung, werden kunstvoll so ausgeleuchtet, dass die Kritik daran entwertet wird. Diese narzisstische Struktur des christlichen Gottes färbt ab auf partiell narzisstische christliche Organisationen, dies daran deutlich werdend, wenn stark in Imagepflege und Eigenwerbung investiert wird und wenn gar manche christliche Gemeinden, Kirchen und Vereinigungen sich nicht umfassend so richtig für die Solidaritätsarbeit mit den armen Kindern (Mädchen und Jungen) mitreißen und hineinverwickeln lassen wollen. Wenn von der alleinseligmachenden Kirche ge- 6. 85 sprochen wird (vgl. Mierzwa/Wolfert, 1993), dann kann man auch sagen, dass hier gewissermaßen ein narzisstisch getöntes Selbstverständnis vorliegt. Und auch die Art und Weise wie christliche Organisationen, Kirchen, Institutionen – zum Beispiel gar manche evangelikale Einrichtung (vgl. Wilhelm, 2019) – Parolen von der „Unbesiegbarkeit“ im Mund führen, hat einen „narzisstisch“ gefärbten Ton. Ein Mangel an Empathie in der theologischen-ethischen Reflexion, das macht eine schon abgeschlossene und der Veröffentlichung harrende eigene Untersuchung deutlich, weist auf eine narzisstische Struktur des Christentums hin. Eine Theologie, als l’art pour l’art, die das quälende Leid von Kindern in ihren eigenen (theologischen) Strukturen nicht richtig umfassend zulässt, und so Theologen*innen kultiviert, die nicht dort bei den Kindern sind, wo es stinkt, blutet, wabert, schreit und jammert, hingegen darauf hinarbeitet, dass sich auf einen Handlungsraum innerhalb des heilen innerkirchlichen Lebens eingelassen wird, zeugt von einem „theologischen Narzissmus“. Und man muss auch bedenken, dass die Kirchen eine Kompensation des Mangels (bei der narzisstischen Störung) mit der Macht des Amtes anbieten. Ist vielleicht teilweise unser Gottesbild eine Projektion unserer narzisstischen Struktur, eine Omnipotenzphantasie des eigenen Narzissmus? Ist unser „christlicher Wettbewerb“ mit anderen Religionen, wo wir eine Strategie der „christlichen“ Gewinnmaximierung bei dem eigenen „Selbstbestätigungsringen“ verfolgen vielleicht unterfüttert mit einem narzisstischen Triebpotential?23 Denn eigentlich fürchtet der nicht-narzisstische Gott nicht „sich mit den Vielen zu vermischen und zu identifizieren“ (vgl. Susin/Hammes, 2011b, 134) und in Schwäche zu sein (vgl. dies., 134). Halten wir also inne und besinnen wir uns auf unser Gottesbild und dann auf uns und fragen uns: Wer ist Gott wirklich? Vielleicht ein verwundbares Mädchen aus Afrika oder Asien? Und was steht wirklich an, wenn wir uns christlich verhalten wollen? 23 Vgl. meine Studien zu Narzissmus in Mierzwa, 2017, 56–59; s.a. Hans-Joachim Maaz im Gespräch mit Anja Reich und Katharina Sperber in der Frankfurter Rundschau unter: https://www.fr.de/panorama/lieber-gluecklich-sein-11381772 .html; s.a. https://verdenken.wordpress.com/tag/weiblicher-narzissmus/. 6. Das christliche Gottesbild – ein Trugschluss und Hindernis für die Solidarität mit den Kindern? 86

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Zusammenfassung

In diesem Buch kommt die gesamte Bandbreite der Armut – hier in Bezug auf Kinder und Jugendliche – zur Sprache. Straßenkinder, Kinderarbeiter, Kinder und Armut, Kinder und häusliche Gewalt, Kindersoldaten, sexueller Missbrauch, missbräuchliche Religion und Menschenhandel. Darauf aufbauend wird eine Befreiungstheologie für Kinder formuliert, die unter anderem die Opfersituation bei Kindern und Jugendlichen theologisch ernst nimmt, dann aber auch die Facetten der rettenden Liebe und der ganz spezifischen Solidarität einblendet. Kinder werden als Botschafter des Glaubens betrachtet, was überraschen könnte. Aber es wird auch gefragt, ob unser Gottesbild und eine partiell narzisstische Verfasstheit des Christentums eine Hürde für eine radikale Solidarität mit den armen Kindern und Jugendlichen sein könnten.