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5. Menschenrechte für Kinder in:

Roland Mierzwa

Befreiungstheologie für Kinder, page 77 - 84

Solidarisch auf der Suche nach einem guten Leben

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4405-6, ISBN online: 978-3-8288-7403-9, https://doi.org/10.5771/9783828874039-77

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Menschenrechte für Kinder20 Im Jahr 1989 wurde von den Führenden beschlossen, Kinderrechte zu formulieren. Es wurde erkannt, dass auch Kinder Menschenrechte haben. Die Kinderrechtskonvention basiert auf vier Prinzipien: – Nicht-Diskriminierung – Kindeswohl – Recht auf Leben, Überleben und Entwicklung – Achtung der Meinung der Kinder Nachfolgend prägnant formuliert die Kinderrechte auf der Grundlage der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Art. 1 Menschenrechte: Jeder Mensch, so verschieden und unterschiedlich er auch sei, hat von Geburt an die gleiche Würde und die gleichen Rechte. Art. 2 Diskriminierungsverbot: Man darf nicht diskriminiert werden wegen Rasse, Hautfarbe oder ethnischer Herkunft; aufgrund des Geschlechts; wegen Sprache oder der nationalen Herkunft; wegen der Religion; wegen der politischen oder sonstigen Anschauung; wegen der sozialen Herkunft oder des Vermögens; wegen einer Behinderung; wegen der Geburt oder des sonstigen Status des Kindes, seiner Eltern oder seines Vormundes und es darf auch nicht zur „Sippenhaft“ kommen. Art. 3 Grundlegende Rechte: Jedes Kind hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit. 5. 20 Folgende Quellen wurden für diesen Abschnitt konsultiert – alle abgerufen am 31.08.2019: https://kinderrechtskonvention.info; http://www.unis.unvienna.org/p df/2011/factsheets/human_rights_children_de.pdf; http://politikundunterricht.de/ 2_05/baustein_a.pdf; https://www.menschrechte.jugendnetz.de/menschenrechte/k inderrechte; https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/wp-content/uploads/2018/1 2/Mit-Kinderrechten-Demokratie-lernen.pdf; Frank Surall, 2009. 77 Art. 4 Verbot der Sklaverei: Niemand darf aus einem Kind oder Jugendlichen einen Sklaven machen. Ebenso darf kein Kind oder Jugendlicher jemand anderes versklaven. Art. 5 Verbot der Folter: Niemand darf ein Kind oder einen Jugendlichen foltern oder auf andere grausame Weise bestrafen oder behandeln. Aber auch jene dürfen nicht foltern oder misshandeln. Art. 6 Anerkennung als Rechtsperson: Jedes Kind und jeder Jugendliche sind als Rechtspersonen zu respektieren. Sie dürfen nicht als Sache behandelt werden. Art. 7 Gleichbehandlung: Das Gesetz ist für alle gleich und soll für alle gleich angewandt werden. Alle haben Anspruch auf den gleichen Schutz gegen Diskriminierung. Art. 8 Rechtsschutz: Bei Verletzung von Grundrechten haben Kinder und Jugendliche das Recht, vor Gericht zu gehen und dort ihr Recht einzufordern. Art. 9 Schutz vor willkürlicher Verhaftung oder Ausweisung: Niemand darf ein Kind oder einen Jugendlichen ohne Grund in ein Gefängnis stecken und dort festhalten. Auch darf niemand jene ohne Grund aus dem jeweiligen Lad ausweisen. Art. 10 Anspruch auf unabhängiges Gerichtsverfahren: Wenn es für ein Kind bzw. für einen Jugendlichen zu einer Gerichtsverhandlung kommt, muss diese gerecht verlaufen. Es ist auf die Unabhängigkeit und die Unparteilichkeit der Richter zu achten. Auch dürfen nicht die Richter von anderen Personen beeinflusst werden. Art. 11 Unschuldsvermutung; kein rückwirkendes Strafgesetz: Man gilt solange als unschuldig, bis die Schuld bewiesen ist. Jedes Kind und jeder Jugendliche hat das Recht, sich gegen jede Anklage in einer öffentlichen und fairen Gerichtsverhandlung zu verteidigen. Die Kinder und Jugendlichen dürfen nicht für etwas bestraft werden, was erst nachher mit einem neuen Gesetz verboten wurde. Art. 12 Schutz der Privatsphäre: Niemand darf gegen den Willen des Kindes/des Jugendlichen in dessen Privatleben, in dessen Familie und in dessen Zuhause einmischen. Niemand darf die Briefe von Kindern und Jugendlichen öffnen. Niemand darf diese beleidigen und Unwahrheiten über diese verbreiten, die jenen schaden 5. Menschenrechte für Kinder 78 könnten. Falls das doch geschehen ist, dann steht jenen der Weg zum Gericht frei. Art. 13 Freizügigkeit: Die Kinder und Jugendlichen sollen sich in ihrem Land frei bewegen können. Sie haben das Recht, jedes Land, auch das eigene, zu verlassen und auch wieder in dieses zurückkehren zu dürfen. Art. 14 Asylrecht: Wenn ein Kind/ein Jugendlicher verfolgt wird, dann besteht das Recht, in ein anderes Land zu gehen und dort um Schutz zu bitten. Dieses Recht besteht nicht mehr, wenn das Kind/der Jugendliche ein Verbrechen begangen haben oder die Menschenrechte verletzten. Art. 15 Staatsangehörigkeit: Es gilt das Recht auf eine Staatsangehörigkeit. Niemand darf Kindern und Jugendlichen diese nehmen oder jene davon abzuhalten, eine andere anzunehmen. Art. 16 Recht auf Ehe und Familie: Wenn die Kinder erwachsen sind, haben sie das Recht, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Niemand darf sie daran hindern, eine Person anderer Abstammung, eines anderen Landes oder einer anderen Religion zu heiraten. Männer und Frauen haben in der Ehe – und bei einer möglichen Scheidung – die gleichen Rechte. Es darf kein Zwang zur Heirat bestehen. Der Familie ist durch das jeweilige Land Schutz zu gewähren. Art. 17 Recht auf Eigentum: Man darf etwas alleine oder mit anderen gemeinsam besitzen. Niemand darf es grundlos den Kindern und Jugendlichen wegnehmen. Art. 18 Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit: Es besteht die Freiheit zu glauben und zu denken, was man will sowie aufgrund des Gewissens Entscheidungen zu fällen. Es besteht auch die Freiheit religiöse und andere Überzeugungen zu ändern, wenn man das möchte. Man darf die eigenen Überzeugungen und religiösen Meinungen lehren und anderen nahe bringen und sie alleine oder mit anderen gemeinsam ausüben. Art. 19 Meinungs- und Informationsfreiheit: Es besteht das Recht auf eine eigene Meinung. Und man darf diese auch äußern. Niemand darf Kinder und Jugendliche daran hindern, Informationen 5. Menschenrechte für Kinder 79 von anderen zu bekommen oder an andere weiterzugeben, selbst über Landesgrenzen hinweg. Art. 20 Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit: Kinder und Jugendliche haben das volle Recht sich mit anderen friedlich zu versammeln, zum Beispiel in Kinderparlamenten oder zu einer Vereinigung zusammenzuschließen, zum Beispiel in Kindergewerkschaften. Niemand darf jene aber dazu zwingen. Art. 21 Recht auf Mitwirkung; Wahlrecht: Kinder/Jugendliche haben das Recht, ab einer gewissen Altersgrenze öffentliche Ämter anzutreten, in diese gewählt und benannt zu werden. Sie können selbst oder durch frei gewählte Vertreter die Angelegenheiten des eigenen Landes mitgestalten. Art. 22 Recht auf soziale Sicherheit: Falls Kinder und Jugendlich krank oder pflegebedürftig werden haben sie das Recht auf soziale Sicherheit. Der Staat muss dafür sorgen, dass ein Minimum an Versorgung stattfindet. Art. 23 Recht auf Arbeit: Es besteht, wenn ein entsprechendes Alter erreicht wurde, ein Recht auf je spezifische Formen der Arbeit, wenn diese nicht ausbeuterisch sind. Aber es besteht kein Recht auf einen bestimmten Arbeitsplatz, aber ein Recht auf freie Berufsund Arbeitsplatzwahl, auf angemessene Arbeitsbedingungen sowie auf den Schutz vor und bei Arbeitslosigkeit. Gerechte Löhne gilt es sicherzustellen. Man darf Gewerkschaften bilden und diesen beitreten. Man darf am Arbeitsplatz nicht aufgrund des Geschlechtes diskriminiert werden21. Art. 24 Recht auf Erholung, Freizeit, Spiel und Urlaub: Es müssen genug Platz, Raum, Möglichkeiten und sonstige Voraussetzun- 21 Vgl. hier den Beitrag in den Lateinamerika Nachrichten (Nr. 526/April 2018) „Kinderrechte ohne Kinder“ (https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/kinderrechteohne-kinder/). Hier wird deutlich, dass bei Kinderrechten noch viel über die Kinder statt mit den Kindern gesprochen wird. Die Kinder machen selbst deutlich, dass genau zu unterscheiden sei „zwischen Ausbeutung und Arbeit als einer Tätigkeit, die Güter und Dienstleistungen produziert, die für uns, unsere Familien und die Gesellschaft lebenswichtig sind“. Mit ihren Organisationen kämpfen die Kinder gegen jede Form von Ausbeutung, Gewalt und Missbrauch. Sie glauben, dass allgemeine Verbote nicht dazu dienen, sie vor all diesen Übeln zu schützen. 5. Menschenrechte für Kinder 80 gen geschaffen werden, damit dies in gutem Maße und Umfang kindgerecht möglich ist. Art. 25 Recht auf angemessenen Lebensstandard und soziale Fürsorge: Jedes Kind und jeder Jugendliche hat das Recht auf einen angemessenen Lebensstandard für sich und seine Familie. Dies umfasst u.a. angemessene Ernährung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Versorgung sowie Unterstützung, wenn man behindert ist. Mütter und Kinder genießen einen besonderen Schutz. Alle Kinder genießen den gleichen Schutz, egal, ob ihre Eltern verheiratet sind oder nicht. Art. 26 Recht auf Bildung: Kinder haben ein Recht auf Bildung. Der Grundschulunterricht und eine grundlegende Bildung haben verpflichtend und kostenlos zu sein. Weiterführende Schulen und Hochschulen sollen prinzipiell allen, entsprechend ihren Fähigkeiten, offen stehen. Die Bildung soll dafür sorgen, dass sich Kinder und Jugendliche entsprechend ihrer Fähigkeiten und Begabungen entwickeln können. Sie soll auf die Achtung der Menschenrechte sowie auf Verständigung, Toleranz und Freundschaft zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Abstammung oder Religion ausgerichtet sein. Art. 27 Recht auf Mitwirkung am kulturellen Leben und am wissenschaftlichen Fortschritt: Für alle Kinder und Jugendlichen muss die Möglichkeit bestehen, am kulturellen Leben (wie Theater, Kino, Museum usw.) teilzunehmen und an den Errungenschaften des wissenschaftlichen Fortschritts teilzuhaben. Auch Kinder können schon „geistiges Eigentum“ produzieren, das schützenswert ist. Art. 28 Gerechte internationale Ordnung: Kinder und Jugendliche haben einen Anspruch darauf, dass die Welt mit ihren Staaten, internationalen Organisationen usw. so geordnet wird, damit sie in Frieden und Gerechtigkeit leben können und die Menschenrechte eingehalten werden. Art. 29 Gemeinschaftspflichten: Bei der Ausübung ihrer Rechte sind die Kinder und Jugendlichen nur dann eingeschränkt, wenn der Schutz der Rechte und Freiheiten anderer Menschen betroffen ist und wenn es um den Schutz der Moral, der öffentlichen Ord- 5. Menschenrechte für Kinder 81 nung und des Allgemeinwohls geht, die in einer demokratischen Gesellschaft geschützt werden müssen. Ergänzend ist auf der Basis der Kinderrechtskonvention noch zu den Kinderrechten besonders zu erwähnen: – Kinderarbeit ist zu verbieten22. – Mit dem 2. Fakultativprotokoll zur Kinderrechtskonvention wird die Rekrutierung Minderjähriger geächtet. – Mit dem Fakultativprotokoll vom 25. Mai 2000 sind Kinder vor sexueller Ausbeutung und Kinderhandel zu schützen. – Kinder haben das Recht ihre Eltern zu kennen und von ihnen betreut zu werden. – Gegen das Verschwindenlassen von Personen wird das Recht auf Auskünfte über den Verbleib von Familienangehörigen als Bestandteil der Kinderrechte angesehen. – Zu den Kinderrechten gehört auch die unerlaubte Verbringung von Kindern ins Ausland zu bekämpfen (siehe Kinderhandel). – Ergänzung zu Bildung: Kinder sind auch vor schädlichen Einflüssen in den Medien zu schützen. Aber hingegen: Die Herstellung und Verbreitung von Kinderbüchern ist zu fördern. – Es sollen Gesetzgebungs-, Verwaltungs-, Sozial- und Bildungsmaßnahmen getroffen werden, um die Kinder vor jeder Form körperlicher oder geistiger Gewaltanwendung, Schadenszufügung oder Mißhandlung, vor Verwahrlosung oder Vernachlässigung, vor schlechter Behandlung und Ausbeutung zu schützen. Seit 2000 ist körperliche Züchtigung in der Erziehung in Deutschland verboten. – Flüchtlingskinder werden als besonders schutzbedürftig betrachtet. 22 Vgl. die Diskussion verschiedener Aspekte des Verbotes von Kinderarbeit bei Dreier-Horning (2019, 299f.), wo z.B. darauf hingewiesen, dass es sehr wahrscheinlich möglich ist, dass in einigen Gebieten der Welt durch ein Verbot der Kinderarbeit Familien noch mehr in die Armut abrutschen. Wo kein intakter Sozialstaat da ist, bedeutet ein Verbot der Kinderarbeit ein Problem für die Familien. Auf Seite 301 wird darauf hingewiesen, dass es ein Mindeststandard für das Verbot der Kinderarbeit sein müsste, dass diese Kinderarbeit zu verbieten sei, wo Kinder gesundheitliche und seelische Schäden erleiden und ihre Entwicklungsmöglichkeiten beeinträchtigt werden. 5. Menschenrechte für Kinder 82 – Behinderten Kindern ist es zu ermöglichen ein erfülltes und menschenwürdiges Leben zu führen, ihre Selbstständigkeit zu fördern und ihre aktive Teilnahme am öffentlichen Leben zu erleichtern. – Kinder haben das Recht, vor dem Gebrauch von Sucht- und Rauschmitteln sowie vor einer Beteiligung an der Herstellung oder dem Handel von Drogen geschützt zu werden. – Kinder von Minderheiten und Ureinwohnern haben ein Recht darauf, ihre eigene Kultur zu pflegen und die eigene Religion und Sprache auszuüben. – Es sollen physische, psychische und psychosoziale Schädigungen von Kindern abgewehrt werden, die durch die ökologische Krise bedingt sind. – Wenn Kinder Opfer von Gewalt und Vernachlässigung und Ausbeutung wurden, dann sind die Staaten aufgefordert angemessene Maßnahmen zur Rehabilitation und Therapie anzubieten. Thomas Fornet-Ponse setzt den Begriff der Befreiung in Beziehung zu dem Begriff der Menschenrechte (2017, 111–126). Aus seinen Ausführungen interpretierend ist befreiungstheologisch zu fragen, ob kulturelle, gesellschaftliche und ökonomische Entwicklungen in den Ländern weltweit bei den Kindern und Jugendlichen einen würdevollen Umgang mit jenen wahren. Und Befreiungskämpfe der Kinder im Horizont der Menschen- und Kinderrechte müssen immer kontextuell erstritten werden, denn die Unrechtserfahrungen der Kinder sind „nicht allgemein“. Schließlich: Der Befreiungskampf für Kinder muss sehr stark die Befriedigung von Grundbedürfnissen ins Auge fassen, damit diese überhaupt erst (andere) Menschen- und Kinderrechte wahrnehmen können (vgl. zu Ellacuría bei: Fornet-Ponse, 2017, 123). 5. Menschenrechte für Kinder 83

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References

Zusammenfassung

In diesem Buch kommt die gesamte Bandbreite der Armut – hier in Bezug auf Kinder und Jugendliche – zur Sprache. Straßenkinder, Kinderarbeiter, Kinder und Armut, Kinder und häusliche Gewalt, Kindersoldaten, sexueller Missbrauch, missbräuchliche Religion und Menschenhandel. Darauf aufbauend wird eine Befreiungstheologie für Kinder formuliert, die unter anderem die Opfersituation bei Kindern und Jugendlichen theologisch ernst nimmt, dann aber auch die Facetten der rettenden Liebe und der ganz spezifischen Solidarität einblendet. Kinder werden als Botschafter des Glaubens betrachtet, was überraschen könnte. Aber es wird auch gefragt, ob unser Gottesbild und eine partiell narzisstische Verfasstheit des Christentums eine Hürde für eine radikale Solidarität mit den armen Kindern und Jugendlichen sein könnten.