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4. Kinder als Botschafter des Glaubens in:

Roland Mierzwa

Befreiungstheologie für Kinder, page 73 - 76

Solidarisch auf der Suche nach einem guten Leben

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4405-6, ISBN online: 978-3-8288-7403-9, https://doi.org/10.5771/9783828874039-73

Tectum, Baden-Baden
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Kinder als Botschafter des Glaubens Jesus sagte, lasst die Kinder zu mir kommen (vgl. Mk 10,13–16). Ich möchte mit diesem Abschnitt über Jesus hinausgehen und sagen: Lasst uns zu den Kindern gehen, denn Kinder haben einen „theologischen Status“. Sie sind nicht als „andere“ im Vergleich zu uns Erwachsenen zu behandeln. Kinder sind kein „Grenzfall“ des „theologischen Status“ (vgl. hier Sedmak, 2019, 164–177). Kinder sind bei „theologischen“ Grundkategorien explizit zu erwähnen und mitzudenken. Kinder können etwa Originäres zu theologischen Grundaussagen beitragen (vgl. Zimmermann, 2006 und 2010). Teilen Die Parabel „Das Brot vom Glück“ von Aurelia Spendel zeigt auf, dass Kinder noch eine Gabe besitzen, die Erwachsene verlernt und vergessen haben – nämlich zu teilen. Und sie zeigt auch auf, dass Erwachsenen wieder der Wert des Teilens bewusst werden kann, wenn diese sich auf die Begegnung mit Kindern einlassen können. Macht man dies, dann findet man wieder zum Glück im Leben (vgl. Ronecker/ Brinkel, 2010, 49f.). In der Verlängerung von D. Sölle’s Verständnis vom Gebrauch der Bibel als ein Paradigma von der Befreiungstheologie entdeckt Ofelia Ortega Suárez, dass das Wunder von Fisch und Brot (Mk 8,1–10) lebendig in der Ubuntu-Praxis in Afrika ist (vgl. 2013, 36). David Fermer (vgl. 2013, 39) berichtet von einem Experiment eines Anthropologen mit Kindern aus Afrika, die mit der Ubuntu-Haltung das Ziel des Experimentes, das auf Konkurrenz zielt, unterlaufen und die Belohnung, die für den Sieg beim Wettstreit ausgelobt wurde, gerecht untereinander teilen, weil sie nicht wollen, dass ein anderes Kind unglücklich ist. 4. 4.1. 73 Bezeugen In der Sternsingeraktion 2018 gegen Kinderarbeit bezeugen Kinder und Jugendliche ihren Glauben. Auch evangelische Kinder und Jugendliche machen bei der Aktion mit. Sie fahren nicht Ski, testen nicht das neue Computerspiel oder schauen sich im warmen Wohnzimmer einen Film an, sondern machen sich in den kalten Januartagen auf den Weg durch die Straßen. Mit den Spenden, die durch die Sternsinger gesammelt werden, werden Kinder unterstützt, die besonders benachteiligt sind. Ihnen soll eine würdevolle Zukunft eröffnet werden. Die Projekte sind so konzipiert, damit die Eigenverantwortung vor Ort gestärkt wird. Und die Hilfen sind ganzheitliche Hilfen: „So umfasst zum Beispiel ein Schulprojekt oft auch ein Ernährungsprogramm oder ein Kindergarten unterhält eine Gesundheitsstation“ (Werkheft „Gemeinsam gegen Kinderarbeit in Indien und weltweit“, 2018, 57). Bekennen Wenn von Kinderparlamenten (in Indien) berichtet wird, worüber die Kinder ihren Widerstand gegen Kinderarbeit formieren, dann wird das „spirituell“ dem Anliegen der lateinamerikanischen Befreiungstheologie mit der Praxis in den Basisgemeinden eher gerecht, weil damit effektiver auf das Erleiden von Ausbeutung, Unterdrückung und Diskriminierung reagiert wird. Kinder sind damit spirituell näher an dem Ursprungsimpuls der lateinamerikanischen Befreiungstheologie dran, als D. Sölle, wenn diese befreiungstheologisches Handeln darin sieht, dass Menschen versuchen sollten, die religiöse Sinnkrise mit einer neuen Mystik zu bewältigen (vgl. die hierzu anregenden Gedanken von Jarosch, 2013). Auch Kinderparlamente in Deutschland, wenn sie die Kinderarmut umfassend problematisieren, sind befreiungstheologisch authentischer, als eine Vorgehensweise, diesen Kindern „nur“ neue Sinnperspektiven für ihr Leben anzubieten. Aber es ist durchaus mit D. Sölle bei Teilen von Kindern und Jugendlichen der Mittelschicht „eine Art spirituelle Magersucht“ zu konstatieren, wo eine Befreiung zu einem „Weniger“ (vgl. Duchrow) – als Ausstieg aus dem Konsumhunger – wesentlich über eine neue Spiritualität geleistet wer- 4.2. 4.3. 4. Kinder als Botschafter des Glaubens 74 den könnte. Aber es gibt auch die Kinder und Jugendlichen, die aus einer neuen Spiritualität heraus zu der von U. Durchrow angeregten Befreiung zum „Weniger“ gefunden haben und sich in der Erd-Charta- Bewegung engagieren. Hoffen Es besteht Hoffnung in dem Leben von Kindern und Jugendlichen, weil sie sich an heilsame Momente erinnern können, wo sie wieder aufgerichtet wurden. Es besteht Hoffnung in ihrem Leben, weil sie von Geschichten von Menschen erfuhren, wo diese ihren Zweifel überwanden. Es besteht Hoffnung in dem Leben von Kindern und Jugendlichen, weil sie von Menschen erfuhren, die durch ein Leben der Gewaltfreiheit Ängste abbauen und Vertrauen stiften. Es besteht Hoffnung im Leben von Kindern und Jugendlichen, weil sie erlebten, dass durch ein solidarisches Engagement uferloser Schmerz überwunden wurde. Es besteht Hoffnung in ihrem Leben, weil Beziehungen zu Menschen und landschaftlichen Räumen zur Heimat werden konnten. Es besteht Hoffnung in ihrem Leben, weil eine einfühlsame Verbundenheit mit ihnen diesen ihre Mutlosigkeit nahm. Es besteht Hoffnung im Leben von Kindern und Jugendlichen, weil der Hl. Geist diese innerlich und äußerlich beweglich machte. Die Kinder und Jugendlichen werden zur Hoffnung bewegt, weil diese sich einander das Rückgrat stärken. Die Kinder und Jugendlichen werden zur Hoffnung bewegt in ganz leisen Aufständen gegen das Gewöhnliche. Sie werden zur Hoffnung bewegt, weil sie Hoffnungserfahrungen pflegen und feiern. Als hoffende Menschen sind sie nicht gefangen in Sachzwängen und einem Leistungsdruck. Und als hoffende Menschen sind sie auch nicht gefangen in sie versklavenden Ängsten. Als hoffende Menschen setzen sich Jugendliche unermüdlich für Frieden und Gerechtigkeit ein (vgl. www.aktion-rote-hand.de). 4.4. 4.4. Hoffen 75 Kinder auf das Christische hin19 Greta Thunberg schöpft bisher nicht genutzte Möglichkeiten aus, die im ‚Christischen‘ enthalten sind. Sie ist im Kampf für Klimagerechtigkeit in einem spezifischen Sinne – über Jesus hinausgehend – transparent auf Gott. Mit ihr lebt ein Mensch, wo die Möglichkeit zum ganzen Christus besteht. Sie gibt neue, kreative und schöpferische Impulse, um das Politikversagen bei der Klimafrage deutlicher zu bekommen und steht mit ihrem „Streik“-Impuls gewissermaßen in der Tradition M. Gandhis. Sie geht in ihrem „Schöpfungsglauben“ mit anderen Maßstäben an die Realität heran, dies auf so ungeheuerlich mutige und kreative Weise, dass dabei nicht nur Verborgenes in Bezug auf die Umweltfrage und das Politikversagen sichtbar wird, sondern auch Mut zum Veränderungswillen in der Gesellschaft entsteht. Sie entdeckt Möglichkeiten jenseits von Erstarrtem (vgl. Wikipedia-Eintrag „Greta Thunberg“ vom 14.8.2019). 4.5. 19 Vgl. dazu die grundsätzlichen Überlegungen im Rahmen der Ausführungen zum „Religionslosen Christentum“ in Mierzwa (2019, 13–14). 4. Kinder als Botschafter des Glaubens 76

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Zusammenfassung

In diesem Buch kommt die gesamte Bandbreite der Armut – hier in Bezug auf Kinder und Jugendliche – zur Sprache. Straßenkinder, Kinderarbeiter, Kinder und Armut, Kinder und häusliche Gewalt, Kindersoldaten, sexueller Missbrauch, missbräuchliche Religion und Menschenhandel. Darauf aufbauend wird eine Befreiungstheologie für Kinder formuliert, die unter anderem die Opfersituation bei Kindern und Jugendlichen theologisch ernst nimmt, dann aber auch die Facetten der rettenden Liebe und der ganz spezifischen Solidarität einblendet. Kinder werden als Botschafter des Glaubens betrachtet, was überraschen könnte. Aber es wird auch gefragt, ob unser Gottesbild und eine partiell narzisstische Verfasstheit des Christentums eine Hürde für eine radikale Solidarität mit den armen Kindern und Jugendlichen sein könnten.