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3. Resilienz – Rettung – Solidarität – Heilung – Armutsbekämpfung – Praxis der Gewaltlosigkeit in:

Roland Mierzwa

Befreiungstheologie für Kinder, page 51 - 72

Solidarisch auf der Suche nach einem guten Leben

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4405-6, ISBN online: 978-3-8288-7403-9, https://doi.org/10.5771/9783828874039-51

Tectum, Baden-Baden
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Resilienz – Rettung – Solidarität – Heilung – Armutsbekämpfung – Praxis der Gewaltlosigkeit Resilienz „Das Konzept der Resilienz geht von der Grundannahme aus, dass Personen über Schutzfaktoren verfügen, die sie in jeweils unterschiedlichem Ausmaß vor den negativen Auswirkungen gesundheitsschädlicher Einflüsse bewahren. Resilienz bedeutet dabei a) den ‚Erhalt der Funktionsfähigkeit trotz vorliegender beeinträchtigender Umstände` und b) die `Wiederherstellung normaler Funktionsfähigkeit nach erlittenem Trauma‘ (…)“ (Kormann, 2013). Resilienz ist als relationale Resilienz, d.h. als Person-Umwelt-Konstellation zu konzipieren. „Die Schutzfaktoren stellen im Rahmen dieses Konzeptes keine festen, vornehmlich innerpsychischen Eigenschaften dar, die eine Person gegen mögliche Risiken schützen. Es spielen hier neben Personmerkmalen besonders Umweltfaktoren wie Bezugspersonen, soziale Netzwerke, Erziehungsstile und schulische Förderung die zentrale Rolle (…). Es sind demnach sowohl Person als auch Umwelt an der Entwicklung resilienten Verhaltens beteiligt“ (ders.). Resilienz ist als temporäre Eigenschaft anzusehen, die sich im Lebenslauf verändern kann. Mit dem Resilienzaspekt kommt es zu einem Perspektivenwechsel weg von einem Defizitmodell hin zu einem Ressourcen- bzw. Kompetenzmodell. „Von den Stärken und den Widerstandskräften der Kinder auszugehen, heißt dabei nicht, die individuellen Risikolagen kindlicher Entwicklung, die spürbare Zunahme materieller und sozialer Gefährdung und die gesellschaftliche Bedeutung dieser Problemlagen zu verharm- 3. 3.1. 51 losen“ (ders.). Darauf wird noch einmal bei der Abschlussreflektion eingegangen. Emmy Werner und ihre Kauai-Studie zeigt: „Die Kraft der bedingungslosen Akzeptenz und Annahme eines jeden Kindes, besonders aber eines Kindes in physischer und psychischer Not durch wenigstens eine liebende Person trägt entschieden dazu bei, das Leben dieses Kindes lebenswerter zu gestalten. Sie hat das universelle Grundbedürfnis nach einer liebenden Person auf eine Weise belegt, die nicht widerlegt werden kann“ (ders.). Von A. Antonovsky wäre noch das „Kohärenzgefühl“14 zu erwähnen, das die Menschen dazu befähigt, „die Situation aus der äußeren und inneren Umwelt als strukturiert, vorhersehbar und erklärbar zu sehen“ (ders.). Mit dem Kohärenzgefühl wird die Widerstandskraft des Menschen erhöht, traumatische Erlebnisse besser zu bewältigen. 14 „Das SOC (Kohärenzgefühl) ist eine globale Orientierung, die ausdrückt in welchem Maße man ein durchdringendes, andauerndes und dennoch dynamisches Gefühl des Vertrauens hat, dass 1. die Stimuli, die sich im Verlauf des Lebens aus der inneren und äußeren Umgebung ergeben, strukturiert, vorhersehbar und erklärbar sind; 2. einem die Ressourcen zur Verfügung stehen, um den Anforderungen, die diese Stimuli stellen, zu begegnen; 3. diese Anforderungen Herausforderungen sind, die Anstrengung und Engagement lohnen“ (Antonovsky, 1997, 36 in: Zander, 2016). Mit dieser Definition kann man näher hin erläutern, dass sich das Kohärenzgefühl aus Verstehbarkeit (Comprehensibility), Handhabbarkeit (Managebility) und Bedeutsamkeit (Meaningfulness) zusammensetzt. Verstehbarkeit: Gemeint ist damit eine fundamentale Fähigkeit, um die Realität zu beurteilen. Auch ist damit die Fähigkeit verbunden, anscheinend chaotische und unzusammenhängende Informationen in einen Zusammenhang zu bringen. Überraschend auftretende Reize und Inputs können kognitiv verarbeitet, eingeordnet und erklärt werden. Handhabbarkeit: „Unter Handhabbarkeit versteht Antonovsky das Ausmaß der eigenen Wahrnehmung darüber, inwieweit eine Person über geeignete Ressourcen verfügt, um Anforderungen zu bewältigen. Hierbei besteht die Fähigkeit darin, Ressourcen unter Belastung aktivieren zu können. (…) Personen mit einem hohen Maß an Handhabbarkeit fühlen sich nach Antonovsky nicht in eine Opferrolle gedrängt oder vom Leben ungerecht behandelt. Deswegen können sie unerwartete und schmerzliche Lebenssituationen bewältigen“ (Zander, 2016, 16). Bedeutsamkeit: Hier geht es darum, wie sinnvoll Personen ihr Leben empfinden. Es geht darum, wie lohnenswert es Menschen erachten, in bestimmte Aufgaben Energie zu investieren und wie erstrebenswert es für sie ist, sich den Anforderungen des Lebens zu stellen und diesen gerecht zu werden. „Sieht eine Person verschiedene Bereiche ihres Lebens als wenig sinnvoll an, so wird diese wenig bemüht sein, Dinge verstehen zu wollen und nach Ressourcen zu suchen“ (Zander, 2016, 17). 3. Resilienz – Rettung – Solidarität – Heilung – Armutsbekämpfung – Praxis der Gewaltlosigkeit 52 Die Resilienzforschung (vgl. Meier-Gräwe, 2006) macht deutlich, dass auch in Armutsfamilien das Potential besteht die prekäre Lebenslage zu verlassen – z.B. durch die Erhöhung von Haushalts- bzw. Alltagsführungskompetenzen, durch das Ausschöpfen der dem Haushalt rechtmäßig zustehenden Transferleistungen, durch mehr Eigenleistung sowie durch die Mobilisierung sozialer Netzwerke. Von fürsorglichen Personen außerhalb der Familien geht gar nicht so selten eine entscheidende Kompensationsfunktion hinsichtlich Unterstützungsleistungen oder positivem Modellverhalten aus. Dies ist bei den „verwalteten Armen“ von besonderer Bedeutung. Den „erschöpften Einzelkämpfer/-innen“ würde das bedingungslose Grundeinkommen gut tun. Dieser letzte Hinweis macht deutlich, dass die Resilienzförderung nicht gesellschaftspolitische Maßnahmen aus den Augen verlieren darf und eine Resilienzförderung, wenn man sie im engeren Sinne als pädagogische und sozialpädagogische Herausforderung begreift, flankiert sein müsste durch eine hochaktive Zivilgesellschaft, die den Kindern die Hand reicht und sie ermuntert ihre inneren Stärken und ihr Selbstvertrauen nicht zu verlieren und aufzugeben. Eine Zivilgesellschaft, die Lebensmut vermittelt, ist im Interesse von Resilienz immens wichtig. Aber natürlich haben auch Schule, Kirche und Kindergarten hier ihren wichtigen Platz. Soziale Bildungspolitik, die eine „wirkliche“ Lehrmittelfreiheit garantiert, ist ein wichtiger Baustein im Horizont des Resilienzaspektes. Die Diskussion zur Resilienz „armer“ Kinder ist mit einem großen Ausrufezeichen da zu führen, wo sie ablenkt hinsichtlich der „toxischen“ Gesellschaft zu intervenieren. Die belastenden gesellschaftlichen Situationen gilt es zu überwinden und abzuschaffen und nicht stattdessen immer wieder auf die Lösungsstrategien und Ressourcen der „armen“ Kinder zu schauen, wodurch es ihnen gelingt zu „überleben“ und mit „heiler Haut davonzukommen“. Gelingt es (besonders vielen) „armen“ Kindern immer wieder erfolgreich, die Krisensituation zu bewältigen, wird eine grundlegende Intervention zur Überwindung/Beseitigung der Armut in den Hintergrund gerückt. Erfreut man sich an resilienten „armen“ Kindern, so kann dies zur Aufrechterhaltung des Status quo und somit zur Veränderungsresistenz führen (vgl. für die letzten Ausführungen bei: Henninger, 2016, 163f.). 3.1. Resilienz 53 Rettung Der Rettungsaspekt, der Aspekt der rettenden Liebe geht auf den Impuls von J.H. Wichern zurück (vgl. Mierzwa, 2018b,156–157). Heute sind die Facetten rettender Liebe angesichts der zuvor vorgestellten Herausforderungen vielschichtiger. Die rettende Liebe zeigt sich nun – in Maßnahmen zur Befreiung aus Kinderarbeit (vgl. Benjamin Pütter), was sehr gewissenhaft und taktisch klug angelegte Aktionen sein müssen; – in Maßnahmen von Bildungsangeboten für Straßenkinder (vgl. Karoline Mayer), die mit viel Wertschätzung und Empathie ausgestaltet sein müssen; – in guten sozialpädagogischen und psychologischen Rahmenbedingungen bei den Frauenhäusern, aber auch in mutigen Mitarbeiterinnen in den Frauenhäusern; – in der Organisation von sicheren und verlässlichen Fluchtwegen für Waisen und unbegleitete Kinder und Jugendliche, damit sie nicht in die Hände von Menschenhändlern fallen; – im Nachgehen und Suchen von Kindern und Jugendlichen in den Slums (vgl. Karoline Mayer), wenn zu befürchten ist, dass diese verloren gehen; – in „modernen“ und „therapeutisch zukunftsweisenden“ „Rettungshäusern“ (vgl. www.die-fleckenbühler.de [Hessen] oder haus-stjosef.de[Schleswig-Holstein]); – in SOS-Kinderdörfern, wie in Indien oder Bolivien, wo sich um Waisen und verlassene Kinder gekümmert wird. Rund 10 SOS-Kinderdörfer gibt es in Bolivien und mehr als 40 in Indien. In den den SOS-Dörfern angeschlossenen Einrichtungen wird eine Schul- und Berufsbildung ermöglicht; – in der „Tafelbewegung“ in Deutschland, die auf die Ernährungsarmut von Kindern und Jugendlichen reagiert und damit auch etwas gegen Bildungsarmut unternimmt; – in der juristischen Aufarbeitung (Rechtssprechung) des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche (vgl. Finger/Völlinger, 2018). 3.2. 3. Resilienz – Rettung – Solidarität – Heilung – Armutsbekämpfung – Praxis der Gewaltlosigkeit 54 Im liebevollen Blick auf den von Scham bedrängten Menschen liegt die Chance der Heilung über den damit ermöglichten Weg zur Selbst- Akzeptanz. Mit der Liebe wird die Vorstellung aufgeweicht, grundlegend falsch und wertlos zu sein. Es gibt viele psychologisch interessante Interventionen, um Scham „abzuarbeiten“. Aber die entscheidenden Impulse für eine Schambewältigung gehen von einer Haltung der Liebe gegenüber dem beschämten Menschen aus, denn die Liebe entkrampft ein beschämtes Leben von den Momenten der Verzweiflung, die sich hier finden lassen. Beziehungen mit Liebe lösen den Teufelskreis von Einsamkeit, Scham, Angst usw., weil heilsame Erfahrungen mit einer Sprache der Liebe und der Wertschätzung gemacht werden. Die Liebe würdigt die Scham als ein wertvolles Gefühl zur Wiedererlangung der Würde (siehe Marks [2016], Hilgers [2013] und Baer/ Frick-Baer [2018]). Auch trägt ein liebevoller und feinfühliger Umgang mit Kindern (in) unter Armut dazu bei, dass diese vor den negativen Auswirkungen der Armut bewahrt werden. Dieser schützende Umgang mit Kindern unter Armut führt dazu, dass das Stresssystem sich nicht an ein Leben unter Stress anpasst und die Kinder trotz aller Widrigkeiten der Armut eine hohe emotionale und kognitive Kompetenz entwickeln (vgl. Strüber, 2019, 204f.). Solidarität15 Tiefe Solidarität doktert nicht an den Symptomen von Gewalt gegen- über Kindern herum auch nicht an den Symptomen der Armut von Kindern herum, sondern setzt tiefer bei den Ursachen an. Die tiefe Solidarität setzt an den Bedingungen des Elends von Kindern an, spricht diese an und versucht diese zu überwinden. Eine Perspektive hierfür kann der Entwurf einer „solidarischen Lebensweise“ vom I.L.A. Kollektiv (2019) sein. Die „solidarische Lebensweise“ schreitet mit der Frage voran „Was wird wirklich ge- 3.3. 15 Anregungen für die Ausführungen kommen von den Überlegungen von Rieger/ Henkel-Rieger (2019) zur „tiefen Solidarität“. In Rieger (2015) wird auch deutlich, dass die „tiefe Solidarität“ auch die Kinder im Blick hat (vgl. S. 52 und 54). 3.3. Solidarität 55 braucht?“ (23) Und sie findet die Antwort darauf vor allem in kulturellen und sozialen Innovationen. Da wäre zunächst einmal der Hinweis, dass eine stärkere Demokratisierung eingeleitet werden müsste, als Strategie der Ermächtigung (auch der Kinder R.M.). Hier können alle Menschen, die von einer Entscheidung betroffen sind, mitentscheiden. So wird es infolgedessen auch dazu kommen, dass vor Ort geklärt werden kann, was dort entschieden werden könnte (19). Dann wird die Bedeutung des Commoning betont. Durch Commoning wird ein Weniger an Gebrauchsgütern ermöglicht. Durch Commoning wird Verantwortung für den Umgang mit Ressourcen, Gütern und Dienstleistungen übernommen; es wird geteilt und Teilhabe ermöglicht. Und Commoning fördert das Bewusstsein, dass man mit anderen Menschen und der Mitwelt verwoben ist (20). Mit dem Prinzip ReProduktion wird die Logik der Sorge aufgewertet. Dadurch erfahren Tätigkeiten Anerkennung, die sich auf das Wesentliche beziehen, „nämlich die Erhaltung und Entfaltung menschlichen Lebens sowie die ökologische Unversehrtheit“ (21). Die Natur wird stärker als Mitwelt betrachtet, statt nur als ausbeutbare Ressource und Müllhalde. „Wir betrachten die Natur damit nicht länger als verwertbar und beliebig manipulierbar, sondern sprechen ihr Eigenwert und Eigenständigkeit bei gleichzeitiger Verflechtung mit dem Menschen zu“ (22). Mit dem Prinzip der Suffizienz wird die Forderung verbunden, dass diejenigen, die einen zu großen ökologischen Fußabdruck haben, diesen drastisch verkleinern. „Menschen mit zu viel Macht und Eigentum müssen einen entsprechenden Teil ihrer Ansprüche abtreten“ (22). Und die Nachfrage nach ressourcenintensiven Gütern und Dienstleistungen wird stark sinken müssen oder wächst zumindest langfristig nicht (vgl. 22). Der Maßstab verschiebt sich: „Die Frage ist nicht mehr, was ist schneller, besser, weiter, sondern was ist genug“ (22). Tiefe Solidarität weiß darum, dass man in einer tiefen Verbindung mit dem Elend der Kinder steht. Man fühlt sich in der tiefen Solidarität nicht privilegiert gegenüber den Kindern und Jugendlichen. Man weiß: Die Kinder und Jugendlichen als die unmittelbar Betroffenen verstehen etwas davon, um was es bei gerechten und mitfühlenden Lösungen geht. Deswegen wird Kindern und Jugendlichen nicht die Kinderarbeit, wie in Bolivien, ausgeredet, wenn diese für das Überleben wichtig ist, sondern die Selbstorganisation der Kinder und Jugendli- 3. Resilienz – Rettung – Solidarität – Heilung – Armutsbekämpfung – Praxis der Gewaltlosigkeit 56 chen in der Kindergewerkschaft solidarisch begleitet, damit Ausbeutung und schädliche Arbeit bekämpft werden kann (vgl. terre des hommes, 2018, 6). Und bei der tiefen Solidarität gerät man nicht in die Versuchung sich zu jedem Zeitpunkt aus der Verantwortung zurückziehen zu wollen. Erwachsene mit einer tiefen Solidarität zu den Kindern und Jugendlichen wissen darum, dass sie auch einmal verletzliche Kinder und Jugendliche waren. Erwachsene, die das Bewusstsein um ihr Kindsein nicht verloren haben, wissen was es bedeutet Ohnmachtserfahrungen gemacht zu haben und wie schrecklich Angst-Erlebnisse und Gewalt-Erfahrungen sein können. Sie verstehen noch, was sie mit den heute (armen) Kindern gemeinsam haben. Sie wollen daher mit den Kindern zusammenarbeiten und nicht nur Fürsorge betreiben. Weil sie die Schmerzen der Kinder und Jugendlichen (auch) kennen, wissen sie, dass ein Auszug aus den schmerzhaften Bedingungen notwendig sein kann. Tiefe Solidarität, das kann bedeuten Milieus und Netzwerke, einen Lebensstil und kulturelle Gewohnheiten zurückzulassen, die auf der Ausbeutung von Kindern beruhen. Man kann dabei in eine Randposition in der Gesellschaft geraten und Verachtung erfahren. Und man kann die Macht des Geldes einbüßen. Tiefe Solidarität beschränkt nicht die Handlungsfähigkeit der Kinder. Und aus einer tiefen Solidarität heraus überschätzt man nicht seine eigene Macht. Deswegen werden Bündnisse mit der Zivilgesellschaft, mit Basisgemeinschaften und Teilen der Kirche eingegangen. Tiefe Solidarität, das bedeutet Teil der Zivilgesellschaft und von sozialen Bewegungen zu werden, um Kinder aus ihrer Not herauszureißen und ihnen eine gute Lebensperspektive zu verschaffen16. 16 Hier sei z.B. auf ein Projekt der Kindernothilfe für 445 Devadasi-Mädchen und – Frauen in zehn Dörfern im südindischen Bundesstaat Karnataka verwiesen, wo auch deren Kinder einbezogen werden. Es wird Schulbildung betrieben, damit diese Mädchen aus dem Teufelskreis Armut und Chancenlosigkeit ausbrechen und eine bessere Zukunft sich aufbauen können. Dann wird in die Ausbildung investiert, damit sie ihren Lebensunterhalt bestreiten können – durch ein kleines Geschäft, durch Rinderzucht oder Schneidern. Durch neue Einkommensquellen wie das Weben indischer Saris oder die Tierzucht wird der Ausstieg aus der Tempelprostitution eingeleitet. Es werden Selbsthilfegruppen organisiert, wo sie Geld sparen für gemeinsame Geschäftsideen. Darüber hinaus werden die Tempelprostitu- 3.3. Solidarität 57 Tiefe Solidarität respektiert die Unterschiede bei den Kindern und Jugendlichen, lässt sich darauf ein mit diesen wertvolle Erfahrungen zu machen, sieht die für das Sozialkapital einer Gesellschaft produktiven Seiten unterschiedlicher kultureller Gewohnheiten der Kinder und Jugendlichen und versucht zu verhindern, dass Kinder lernen mit Privilegien zu leben. Heilung Zum Konzept der postraumatischen Belastungsstörung (PTSD) vergleiche Bayer (2009, 41–44). Es gibt Hinweise (vgl. ders., 46), dass PTSD als Folge von vorausgegangenen Kriegstraumata sprachliche und kulturelle Barrieren überwindet (in Bezug auf Kindersoldaten vgl. ders., 53f. und 127; s. 102 zum Ausmaß der PTSD- und Depressionssymptomatik und das Fazit auf S. 111 und die Diskussion auf S. 116). Es darf „nicht von einem simplen ‚Eins-zu-Eins‘-Zusammenhang zwischen traumatisierendem Erlebnis während des Krieges und der Entwicklung von PTSD-Symptomen ausgegangen werden“ (vgl. ders., 55f.) – siehe auch Ergebnisse der Studie von Bayer zum Beispiel auf den Seiten 101, 103 und 122. Es fällt auf, dass Mädchen mehr PTSD- Symptome aufwiesen als Jungen – dies gesagt vor allem mit Blick auf die Häufigkeit Opfer von sexuellen Übergriffen gewesen zu sein (vgl. ders., 58). Aus dem Traumadiskurs, überwiegend bezogen auf Erwachsene, erschließt sich ein ganz spezifischer Zusammenhang zwischen Gewalt und Leiden. Dem Trauma vorangegangen sind das Erleben, Beobachten oder das tatsächliche Berührt-Sein mit irgendwelchen katastrophischen Ereignissen (kurzfristig überraschend oder auch langsam sich aufbauend), unter und mit denen eine ernsthafte existenzielle Gefahr drohte oder tatsächlich eintraf bzw. die körperliche, psychische und/ oder personale Unversehrtheit rsp. Integrität gefährdet wurde. Ent- 3.4. ierten und ihre Kinder mit Medikamenten versorgt und ärztlich untersucht. „Kinder mit Mangelerscheinungen erhalten Nahrungsergänzungsmittel“ (Kindernothilfe, 2019 – kindernothilfe.de/Informieren/Projekte+und+Länder/Asien+und+Osteuropa/Indien/Tempelprostitution_+schmutziges+Geschäft+mit+Kindernp-5690.html abgerufen am 23.08.2019). 3. Resilienz – Rettung – Solidarität – Heilung – Armutsbekämpfung – Praxis der Gewaltlosigkeit 58 scheidend ist, dass die betroffene Person durch einen gewalttätigen Vorgang in den üblichen Bewältigungsstrategien überfordert war, nahezu keine Handlungsperspektiven bestanden sowie extrem wehrlos/ schutzlos war. Mit Blick auf die Intensität des Leidens ist der Hinweis wichtig, „dass durch Menschen vermitteltes Trauma besonders schädigend wirkt", dass der Aspekt der Intentionalität zu beachten ist (ist von einem absichtlich zugefügten Trauma zu sprechen) und war eine „vertraute" Person tätig (vgl. Butollo/Hagl/Krüsmann, 1999/2003, 115). Infolge dieser Erfahrungen bildete sich ein Leiden bei traumatisierten Menschen aus, das vor allem durch die folgenden drei „Merkmale" charakterisiert werden kann: Eine fundamentale Verunsicherung bis hin zu einem generalisierten Vertrauensverlust; ein sehr deutliches Vermeidungsverhalten (gedanklich und in Handlungen); ganz typisch für traumatisierte Menschen sind Gefühle der Verletzbarkeit, der Trauer, aber auch ein „übersensibilisiertes Alarmsystem" (z.B. Irritierbar- und Schreckhaftigkeit) (vgl. Butollo/Hagl/Krüsmann, 1999/2003 zur Posttraumatischen Belastungsstörung S. 26–34). Traumatisierte Menschen leiden schließlich darunter, dass sie z.B. infolge der im frontalen Kortex „heiß" gespeicherten „Traumafragmente" (also komplexen Stressreizen mit der dazugehörigen affektiven Stimmung) in alltäglichen Situationen, indem sie durch neu ankommende Reize sowie Stressoren „angetriggert" werden (d.h. extrem ängstigenden Sinneseindrücken aufgrund spezifischer Konstellationen gegenüber stehen), erneut Gefühlen plötzlicher Hilflosigkeit, einem Ausgeliefertsein ausgesetzt sein können; es kann geschehen, dass sehr unerwartet u.a. Schmerzempfindungen auftauchen, ja es können dadurch sogar Suizidimpulse kontextentkleidet und unerwartet auftreten (vgl. Besser, 2001,12)17. Traumatisierte leiden auch unter den sehr lange andauernden Nachwirkungen der Traumatisierung (z.T. bleibt „die Belastung 17 Es wird auch darauf hingewiesen, dass es unter der Traumatisierung im Organismus zu einer „Umprogrammierung“ des Stoffwechsels kommt, der sich auch in der Konsistenz des Blutbildes niederschlägt. Eventuell spielt hierbei eine Rolle, inwieweit das der „entsetzlich schrecklichen“ Situation ausgesetzte Subjekt sich alleingelassen, ausgeliefert oder von anderen nicht getragen oder geliebt sich fühlte. Eventuell gibt es nach der potentiell traumatisierenden Situation einen „Stoffwechsel der Hoffnungslosigkeit“ bzw. einen „Stoffwechsel der Hoffnung und des Vertrauens“, wobei nicht klar ist, wie das materialiter sich ausdrückt (siehe J.Herman, 2006). 3.4. Heilung 59 auch noch nach Jahrzehnten bestehen" [Butollo, 1997, 27]) bzw. einer zum Teil sehr langsamen Symptomremission („die Remission ist bei Vergewaltigung am langsamsten" [Butollo, 1997, S. 26])18. Da das zuvor Gesagte überwiegend bezogen auf Erwachsene formuliert wurde, möchte ich nun ausführlicher aus einer Quelle zitieren, wo die Symptome für eine posttraumatische Belastungsstörung (typische Krankheitszeichen) in Bezug auf Kinder und Jugendliche erwähnt werden (zitiert nach: Feuervogel/Krüger, 2012/2014, 7): Übererregung/Hypervigilanz/Hyperarousal – Das Kind hat das Gefühl ständig in Gefahr zu sein. Es ist ständig auf der Hut. – Es empfindet eine permanente Nervosität und motorische Unruhe. – Es kann anderen Menschen nicht oder nur schwer vertrauen. – Diese ständige Verteidigungshaltung kann sich auch im Tragen von Waffen äußern. – Bereits kleine Geräusche und Bewegungen lösen Schreckreaktionen aus. – Es besteht eine erhöhte Reizbarkeit und Emotionalität. 18 Nicht nur in Bezug auf Vergewaltigung, sondern auch in Bezug auf andere Gewaltakte kann man feststellen: „Allerdings wird durch die Nähe zum selbst (…) das Ausmaß und der Generalisierungsgrad der Traumatisierung wesentlich bestimmt: Je größer die Nähe des Aggressors zum eigenen Selbst, desto größer der destruktive Effekt und desto schwerer die Wiederherstellung der posttraumatischen Abgrenzung“ (Butollo, 1997, 29). J. Hermann macht deutlich, dass nach einer Traumatisierung die Neumodulation der geistig-neuronalen Struktur sehr lange andauern kann (vgl. dies., 2006, 57) und erst auf lange Sicht wird es dem/der Betroffenen möglich, ein neues „geistiges Muster“ von Lebenspraxis rsp. Lebensweise zu entwickeln. Über die Langfristigkeit gibt die Autorin folgende Hinweise: Intrusive Ängste bei Vergewaltigungsopfern – ca. 2–3 Jahre (dies., 2006, 73); nach einer Geiselnahme: Konstruktive Symptome – ca. 6–9 Jahre (S. 73); intrusive Symptome – ca. 6–9 Jahre (S. 73), psychosomatische Beschwerden – ca. 6–9 Jahre (S. 73) nach einem Flugzeugabsturz intrusive Symptome – ca. 8 Jahre (vgl., dies., 2006, 74); Kriegsveteran mit Alpträumen und intrusiven Symptomen – ca. 30 Jahre (vgl. dies.). 3. Resilienz – Rettung – Solidarität – Heilung – Armutsbekämpfung – Praxis der Gewaltlosigkeit 60 Wiedererleben/Intrusionen – Ungewollt kehren belastende Erinnerungen und Erinnerungsbruchstücke wieder. – Diese Erinnerungen können in Teilen, aber auch komplexen Sequenzen (überflutend) erinnert werden. – Das Kind hat den Eindruck, als ob das Trauma im „Hier und Jetzt“ wieder geschieht. Bilder, Geräusche, lebhafte Eindrücke, auch Gerüche können als Auslöser (Trigger) wirken. – Im Wachzustand als auch im Schlaf ist dies möglich: Wiederkehrende Träume, die Teilaspekte des Traumas beinhalten. – Gemeinsam mit diesen Flashbacks treten häufig Körperreaktionen auf wie Herzrasen, Schwitzen, Atembeschwerden, Zittern, Übelkeit, Magen-Darm-Beschwerden. Vermeidungsverhalten und veränderte Bewusstseinszustände (Dissoziative Zustände) – Es kann sein, dass das Kind ein Vermeidungsverhalten entwickelt, um sich von dauernden Flashbacks zu erholen. – Es kann aber auch sein, das Kind ist wie abwesend und schaut starr mit leerem Blick in die Gegend. – Gefühle, Erinnerungen oder das Schmerzempfinden sind wie ausgeschaltet. – Im Gesicht und Körperhaltung zeigen sich kaum irgendwelche Gefühle. – Entfremdungsgefühl: Gefühl von Loslösung und Fremdheit gegenüber anderen Menschen. Sekundäre Traumasymptome (zitiert nach: Feuervogel/Belluc, 2014, 8): – Neu aufgetretene spezifische Ängste, die auch die Trennung von vertrauten Personen erschweren. – Soziale Ängste: Kinder fürchten sich vor Situationen, in denen sie mit Menschen außerhalb der Familie zu tun haben, von denen sie beurteilt werden könnten (beispielsweise Sprechen im Unterricht, Essen vor anderen Kindern) und können sich auf fast alle Situationen ausweiten, in denen Kontakt mit anderen Menschen nötig ist. 3.4. Heilung 61 – Wenn Kinder solchen Situationen ausgesetzt sind reagieren sie mit Erröten, Händezittern, Übelkeit, Schweißausbruch, Angst zu erbrechen. Möglicherweise wird das Kind zum Außenseiter, geht nicht mehr gerne zur Schule und erhält schlechtere Noten. – Körperlichen Symptome: dies kann eine erhöhte Infektanfälligkeit oder der Verlust einer bereits erworbenen Fähigkeit sein (z.B. Verlust im Bereich der Sprache oder der Blasenkontrolle). Diese Symptome erwecken zwar den Anschein einer körperlichen Erkrankung, lassen sich jedoch nicht durch medizinische Ursachen begründen. Man spricht dann von sogenannten „somatoformen Beschwerden“. Diese können vielgestaltig sein, wie z.B. Kopf- und Bauchschmerzen, Erbrechen, Blässe, Energieverlust, Muskelprobleme. – Neu aufgetretene aggressive Verhaltensweisen: Grund dafür kann sein, dass das Kind nervös ist und überall nach Gefahren und Bedrohungen Ausschau hält, da es Gefahren auch in harmlosen Situationen vermutet. – Depressionen können nach traumatischen Erlebnissen auftreten. Diese können stark von Kind zu Kind variieren. Sie können sich in gedrückter, trauriger Stimmungslage oder dem Verlust von Interesse und Freude äußern. Das Kind ist vielleicht stiller als sonst und zieht sich mehr zurück. Kinder können unkonzentriert sein, die Schulleistungen fallen ab, sie können schlecht schlafen, haben vermehrten oder keinen Appetit mehr. Auch ängstliches oder gereiztes Verhalten kann im Rahmen einer Depression bei Kindern und Jugendlichen auftreten. – Alkohol oder Drogenkonsum in Folge des Wiedererlebens des Traumas und der erhöhten Anspannung. – Selbstverletzendes Verhalten, um sich kurzfristig Erleichterung zu verschaffen oder um sich selbst zu bestrafen bei selbst erlebter Schuld. – Jugendliche können sich z.B. in gefährlichen Situationen schlechter schützen und geraten weiter in potentiell traumatische Situationen. – Auch Essstörungen und Dissoziationen können in Folge eines Traumas auftreten. – Hinweise auf ein traumatisches Erlebnis durch sexuelle Gewalt können auch eine zwanghafte sowie aggressive sexuelle Verhaltensweise oder eine übermäßige Beschäftigung mit Sexualität oder die Sexualisierung von Beziehungen sein. 3. Resilienz – Rettung – Solidarität – Heilung – Armutsbekämpfung – Praxis der Gewaltlosigkeit 62 Heilsam für traumatisierte Kindersoldaten unter den Flüchtlingen wäre es, wenn diese stabilisierende Freundeskreise aufsuchen könnten und dabei nicht durch die „Residenzpflicht“ beschnitten werden würden (vergl. Zito, 2009). Bayer (2009) weist darauf hin, dass zur Bewältigung eines psychischen Traumas „eine interpersonelle und soziokulturelle Versöhnung (…) eine große Bedeutung“ hat (65). Deswegen scheint es bedeutsam den Betroffenen eine therapeutische Hilfe zu geben, damit diese nicht mehr hassen und eine Bereitschaft zur Versöhnung entwickeln (vgl. 126). Mit dem Versöhnungsprozess kommt es zu einer prozesshaften Wende „zu einer beiderseitigen oder allseitigen, dauerhaften Grundhaltung des gegenseitigen Vertrauens“ (Adam et al. [2004] auf Seite 65). Damit verändern sich zum Beispiel Rachewünsche und Hassgefühle auf Respekt und Empathie hin (s.a. ders., 68f. bezogen auf Kinder). Und dadurch entstehen positive Potentiale für Friedens- und Gerechtigkeitsanstrengungen zum Aufbau der Gesellschaft (vgl. ders., 69 und 126). Bei der Behandlung von traumatisierten Kindersoldaten ist es notwendig, „dass die Behandler im Umgang mit Interkulturalität, Trauma und Täterschaft sensibilisiert und qualifiziert sind“ (Zito, 2009, 68). „Ehemalige Kindersoldaten müssen an Orten untergebracht werden, wo der Zugang zu Beratung, therapeutischen Angeboten und medizinischer Versorgung von Anfang an sichergestellt ist“ (dies.). Für traumatisierte Kinder aus häuslicher Gewalt ist es wichtig, eine sichere Basis und einen sicheren Hafen zu schaffen. Wenn immer möglich, sind die Bedürfnisse des Kindes zu erfüllen (vgl. Fegert, 2015). Für traumatisierte Kinder aus häuslicher bzw. sexueller Gewalt ist es heilsam, wenn stabile sichere Vertrauensbeziehungen geschaffen werden können, in denen sie eine Beziehung zu ihrem inneren Gefühlsleben wieder aufbauen können (vgl. Feuervogel, 2014). Therapeutische Gemeinschaften mit ihrer vertrauenserweckenden Atmosphäre können ein Ort sein, damit Menschen, die die Erfahrung des sexuellen Missbrauchs machten, in kleinen Schritten lernen, sich selbst zu finden (vgl. Röhr, 2017, 96–100). Für die Aufarbeitung von Traumatisierungen ist es für die Opfer wichtig auch zukunftsweisende Antworten auf folgende Fragen zu finden: Wie verhält sich die Allgemeinheit zum individuellen Elend? 3.4. Heilung 63 Werden die Ursachen der Vergangenheit, wodurch es zu dem Elend der Kinder und Jugendlichen kam, beseitigt? Wie weit ist das traumatisierende Milieu zu einem Wandel bereit, wodurch die Traumatisierung in Zukunft verhindert wird? Erst wenn sich hier etwas entscheidend bewegt, dann kann eine produktive Verarbeitung der potentiell traumatisierenden Erfahrungen einsetzen (vgl. Gebrande, 2019, 29–34). Armutsbekämpfung Deutschland Wenn ich hier das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) ins Spiel bringe, dann in zwei Richtungen. Das BGE könnte Freiräume und Zeitwohlstand den Eltern armer Haushalte für eine Care-Kultur geben (vgl. Korn, 2019, 110–112). Es ist als feministisches bzw. postpatriarchales BGE zu denken. Dadurch wären die Eltern unter Armut zum Beispiel weniger „erschöpfte“ Eltern und weniger gegenüber den Kindern feindselige Eltern und es würde dadurch häuslicher Gewalt vorgebeugt werden. Auch könnte ein BGE ein Beitrag dazu leisten, dass prinzipiell für arme Haushalte der Spielraum bestehen würde zum Beispiel Trainings für gewaltfreie Kommunikation nachzufragen. Auf der Suche nach Lösungen zur Bekämpfung der Kinderarmut (vgl. Butterwegge, 2019, 9) will Butterwegge ein BGE nicht ins Auge fassen, weil dadurch alle Minderjährigen über einen Kamm geschoren werden. Ich denke hingegen vor dem Hintergrund meiner Überlegungen zu einem BGE (vgl. Mierzwa, 2018a, 57ff.), dass ein BGE für Kinder und Jugendliche ergänzt um individuell unterschiedliche Förderangebote sinnvoll ist, um Verwirklichungschancen und Teilhabe zu ermöglichen (vgl. hier Meireis, 2015, 317). Das BGE für Kinder und Jugendliche könnte einen Sockel von Verwirklichungschancen in den Bereichen Wohnen (kindergerechte Wohnungen), Ernährung (z.B. Kochkurse), Bildung (z.B. Auslandsaufenthalte), Kultur (z.B. Konzertund Kinobesuch) und Freizeit (z.B. Fahrkarten zu Ausflugszielen au- ßerhalb der Stadt/des Kreises) ermöglichen. Es wird weit über den Hartz-IV-Leistungen liegen müssen, weil in Bezug auf diese Aspekte hier dadurch eine Unterversorgung von Kindern und Jugendlichen be- 3.5. 3. Resilienz – Rettung – Solidarität – Heilung – Armutsbekämpfung – Praxis der Gewaltlosigkeit 64 steht. Würden z.B. kostenlose KiTa-Angebote oder kostenlose Essensangebote bestehen, dann würde das BGE geringer ausfallen. International Abhijit V. Banerjee und Esther Duflo (2015) spürten den Möglichkeiten neuer Formen der Armutsbekämpfung bei so Themen wie Bildung, Gesundheit, Hunger, Mikrokrediten, Dezentralisierung und Demokratie nach. So weisen sie darauf hin, dass Anstrengungen in Richtung einer funktionierenden Sozialpolitik viel dazu beitragen können, viele desillusionierte arme Menschen davon abzuhalten, alles hinzuwerfen. Was u.a. gegen Armut helfen kann ist die Informiertheit der Armen über einen nachhaltigen Anbau von Lebensmitteln zu verbessern, sie für Impfungen zu sensibilisieren oder sie gegen Korruption zu immunisieren. Dabei muss die Information einfach formuliert und interessant verpackt sein und aus einer vertrauenswürdigen Quelle kommen. Das Leben der Armen ist anstrengend und aufwendig. Eine Erleichterung der Lebensführung auf vielerlei Gebieten ist anzustreben, damit kleine Anstöße für den Weg aus der Armut angenommen werden können. Hier sind Standardlösungen ins Auge zu fassen: „Dort, wo Trinkwasser aus Rohrleitungen zu teuer sind, könnten neben jeder Wasserstelle Chlorspender aufgestellt werden“ (348). Die Ökonomie müsste armenfreundlicher werden: „Sparkonten, auf die man Geld leicht einzahlen , aber nur gegen eine kleine Gebühr abheben kann, ließen sich problemlos für jedermann anbieten, wenn nötig, indem der Staat die Kosten für die Bank subventioniert“ (348). Die kostenlose Abgabe von Gütern und Dienstleistungen gilt es ins Auge zu fassen („zum Beispiel Moskitonetze oder kostenlose Besuche im Gesundheitszentrum“) (349). Aber auch Belohnungssysteme gilt es zu entwickeln, wenn arme Menschen etwas tun, das gut ist, um aus der Armut herauszukommen. Aber dies ist sorgfältig zu regulieren. Lehrer müssen zu einem „Berufsethos“ hingeführt werden, damit sie nicht dann und wann oder überhaupt nicht unterrichten. Solide Straßen und Brücken gilt es zu bauen. „Es kann schon eine kleine Revolution bedeuten, dafür zu sorgen, dass alle zur Dorfversammlung eingeladen werden, oder Regierungsbediensteten auf die Finger zu schauen und sie für 3.5. Armutsbekämpfung 65 Pflichtverletzungen zur Rechenschaft zu ziehen oder Politiker auf allen Ebenen zu kontrollieren (…)“ (350). Und es wird viel gegen die Armut unternommen, wenn Kindern Mut zum Lernen geschenkt wird, eine Dorfvorsteherin produktiv und engagiert erlebt wird oder der Obstverkäufer sich die Mühe macht, die Schulden zurückzuzahlen. „Sobald sich eine Situation verbessert, wirkt sich die Verbesserung auf Überzeugungen und Verhalten aus“ (351). Die Menschen bekommen Mut, Zuversicht und Hoffnung in neue Schritte, für neue Impulse, für Veränderungen in ihrem Leben. Die Spirale von Verzweiflung und Fatalismus, der mit Armut häufig verbunden ist, wird durchbrochen. Aber man muss mit Kathrin Hartmann bei der Armutsbekämpfung auch für eine ökologische und soziale Gerechtigkeit eintreten, die sich distanziert von der von Firmen, wie z.B. Unilever, propagierten „Nachhaltigkeits-Ökonomie“ (vgl. dies., 2015, 130ff.). Danach ist ökologisch und sozial gerecht „eine selbstbestimmte kleinbäuerliche Landwirtschaft, regional, ökologisch, ohne Monokulturen, gigantische Aquakulturen, Plantagen für Futterpflanzen und ‚nachwachsende Rohstoffe‘ für den Export (…)“ (in einem Interview auf den Nach- DenkSeiten vom 29. Okt. 2015; s.a. dies., 2015, 270). Deswegen ist in ihren Augen ein Bestandteil der ökologischen und sozialen Gerechtigkeit die Ernährungssouveränität, die beinhaltet „das Recht der Völker auf gesunde und kulturell angepasste Nahrung, die nachhaltig und unter Achtung der Umwelt hergestellt ist“. Der Mensch wird hier ins Zentrum des Erzeugens, Verteilens und Konsumierens von Lebensmitteln gestellt (vgl. dies., 2015, 192f.). Aber wenn man die Gerechtigkeitsfrage vertieft zu Ende denkt vor dem Hintergrund der Probleme, die mit den Palmölplantagen und Aquakulturen bestehen, dann bilden Klimagerechtigkeit, soziale Gerechtigkeit und Geschlechtergerechtigkeit ein miteinander zusammenhängendes Dreieck (siehe dies., 2015, 207). In einer ökologisch und sozial gerechten Ökonomie braucht es keiner ökologischen Siegel, die ökologisch und sozial verheerend hergestellte Waren „grün waschen“ (vergl. dies., 2015, 142–146; s.a. 227–239). So weist sie darauf hin, dass bei vermeintlich nachhaltigen Palmöl-Plantagen nur Monokulturen zu finden sind und die Menschen waren entweder Vertriebene, Enteignete, Gewaltopfer oder Sklaven auf den Plantagen mit dem Nachhaltigkeitssiegel. Sie waren völlig verarmt und 3. Resilienz – Rettung – Solidarität – Heilung – Armutsbekämpfung – Praxis der Gewaltlosigkeit 66 arbeiteten unter lebensgefährlichen Bedingungen. Und es gibt Kinderarbeit (in dem Interview auf den NachDenkSeiten vom 29. Okt. 2015; s.a. dies., 2015, 40–48, 83, 98, 106f.). „Der Apfel vom Hofladen kommt auch ohne Ökoplakette aus“ (Hartmann im Spiegel 38/2015, 70). Die Politik und die Unternehmen, so Kathrin Hartmann, gehen z.B. bei Textilien ökologisch und sozial vertretbar hergestellten Produkten aus dem Weg. Ökologische und soziale Gerechtigkeit zusammen zu denken, das bedeutet für sie nicht gerade einmal so viel Umweltschutz zu betreiben, dass die Expansion von Plantagen und der Nachschub von Rohstoffen gesichert ist (vgl. dies., 2015, 174–192). Und es ist zu wenig soziale Gerechtigkeit, wenn die Menschen gerade einmal soweit aus der Armut und dem Hunger befreit werden, damit sie sich für den westlichen Wohlstand abrackern können. Es ist ein Problem, wenn noch so viel Armut toleriert wird, damit die Menschen erpressbar sind für Hungerlöhne in den Monokulturen (vergl. dies., 2015, 107f.) und Aquakulturen zu arbeiten (siehe zur Argumentationslinie auch dies., 2015, 305). Bei dem in der „Green Economy“ propagierten Nachhaltigkeits-Diskurs steht das Wort Nachhaltigkeit für Systemerhalt und es geht keineswegs um ökologische und soziale Gerechtigkeit. Natur und Klima werden nur so weit geschützt, „wie es nötig ist, um das Wirtschaftssystem, das auf Ausbeutung von Mensch und Natur gründet, so lange wie möglich zu erhalten“ (dies., 2015, 141). In dem Konzept von Kathrin Hartmann besteht keine Technikeuphorie, wo mittels technischer Innovationen eine nachhaltigere Zivilisation errichtet werden soll. Sie sieht vielmehr das Problem, dass diese Technikeuphorie die ökologische von der sozialen Frage trennt, obwohl beide untrennbar zusammenhängen (vgl. das Interview auf den NachDenkSeiten vom 29. Okt. 2015; s.a. das Interview in der Süddeutschen Zeitung vom 13.4.2018). Praxis der Gewaltlosigkeit Befreiungstheologie konnte kollidieren mit der Gewaltlosigkeit der Friedensbewegung, wenn z.B. für Waffen für El Salvador gesammelt wurde (vgl. Hellgermann, 2017, 65. 67. 71). Hier soll es nun darum ge- 3.6. 3.6. Praxis der Gewaltlosigkeit 67 hen Befreiungstheologie um den Aspekt der Gewaltlosigkeit zu erweitern. Unter Rückgriff auf das Zeugnis von Jesus, aber auch inspiriert von Beispielen der Gewaltfreiheit bei Gandhi, gibt es ein christliches Verständnis der Gewaltfreiheit. Gewaltlosigkeit bedeutet angesichts von machtstarken Herrschaftsverhältnissen einen dritten Weg zu suchen, „einen Weg, der weder Unterwerfung noch Angriff, weder Kampf noch Flucht“ (Wink, 1999/2014, 98) ist. „Haltet die andere Wange hin und zeigt dadurch dem, der euch mit dem Handrücken schlägt, dass er euch nicht länger beschämen und euch Unterwürfigkeit aufzwingen kann. Marschiert splitternackt aus dem Gerichtssaal und kehrt dadurch die Kraft des Gesetzes und der ganzen Verschuldungswirtschaft wie durch einen geschickten Judoangriff in einer Parodie der Legalität um“ (ders., 99; s.a. 106 mit dem Beispiel eines Jungen, der auch diesen dritten Weg fand). Gewaltlosigkeit, das bedeutet weder Zwang oder andere gewaltsame Mittel zur Durchsetzung „höherer Ziele“ zu benutzen. Ist man zum Opfer in einem Kampf um eine „bessere Sache“ geworden, dann soll man, wenn sich die Dinge gewendet haben, frei von Bitterkeit und Rachsucht handeln (vgl. ders., 101f.). Gewaltfrei Handelnde respektieren die Rechtsstaatlichkeit. Die Achtung vor dem Gesetz hat einen hohen Stellenwert, so dass man in dem gewaltlosen Kampf auch eine Verurteilung in Kauf nimmt. „In der Nachfolge Jesu sollten auch wir uns stetig weigern, ungerechten Gesetzen Folge zu leisten. Indem wir aber die Strafe des Rechtssystems auf uns nehmen, bestätigen wir unsere Bereitschaft, für das höhere Gesetz zu leiden, das nach unserem Entschluss das herrschende Gesetz transformieren soll“ (ders., 103). Gewaltfrei zu handeln, das bedeutet auch darauf zu verzichten, „Böses mit Bösem zu vergelten, das Übel einfach widerzuspiegeln, es mit gleicher Münze heimzuzahlen“ (ders., 109). Dadurch wird verhindert, dass wir uns in dasjenige verwandeln, „dem wir entgegentreten“. Gewalt führt in eine Abwärtsspirale und erzeugt genau das, was sie zerstören will. Gewaltlosigkeit, d.h. auch sich aktiv der gesellschaftlichen Gewalt zu widersetzen resp. gegen Gewaltverhältnisse ein Widerstandszeugnis abzulegen: Bei Kindern keinen Missbrauch und keine Schläge; bei Frauen keine Vergewaltigung, keine körperliche Gewalt, keine Misshandlung; bei Männern keine männliche Dominanz und kein weiterer Krieg (vgl. ders., 125). Gewaltlosigkeit, 3. Resilienz – Rettung – Solidarität – Heilung – Armutsbekämpfung – Praxis der Gewaltlosigkeit 68 d.h. den Anderen, zumal wenn er gewalttätig ist, als Mensch behandeln (vgl. ders., 128f.). Das gilt auch für den Feind, der nicht zum Ausgestoßenen gemacht werden darf (vgl. ders., 138f.). Gewaltlosigkeit, d.h. wir sind gegenüber Feinden zu einer nicht diskriminierenden, vergebenden und verständnisvollen Haltung aufgerufen (vgl. ders., 141). Wir müssen dem Feind die Gelegenheit geben, die eigene Menschlichkeit wiederzuerlangen (vgl. ders., 145). Die Gewaltfreie Kommunikation (GFK) ist eine spirituelle Praxis. Ihr Zweck ist es, „mit Freude zum eigenen Wohlergehen und zum Wohlergehen anderer beizutragen“ (Rosenberg, 2006, 17). Die GFK will Raum für das Geben schaffen – einfühlsames Geben. Das macht man aus Freude, ganz und gar freiwillig, nicht aus einer Verpflichtung oder der Hoffnung auf eine Belohnung heraus. Die GFK will den Menschen darin unterstützen, das Leben für einen anderen Menschen schöner zu machen. Die GFK ist „eine Integration von Gedanken, Sprache und Kommunikation“, die dadurch hilft, „uns mit anderen zu verbinden, sodass wir zu dem zurückkehren, was wirklich Freude im Leben macht, nämlich zum Wohle anderer beizutragen“ (ders., 19). Die GFK „zeigt uns, wie wir in Verbindung kommen mit dem, was in anderen Menschen lebendig ist, selbst wenn ihnen die Worte dafür fehlen“ (ders., 23). GFK ist eine Prozesssprache im Gegensatz zu einer statischen Sprache, die mit den Worten richtig, falsch, gut, schlecht, normal, unnormal, kompetent, inkompetent operiert. Bei der Prozesssprache machen wir uns bewusst, „dass wir uns in einem ständigen Veränderungsprozess befinden, und deshalb macht es eigentlich viel mehr Sinn, davon zu sprechen, was im Moment lebendig ist oder zu einem bestimmten Zeitpunkt lebendig war“ (Rosenberg, 2004/2009, 21). So wird nicht gefragt: Bist du ein wütender Mensch? Vielmehr wird gesagt: In dem Augenblick oder bei der Situation wurde ich wütend. Die drei Säulen der GFK sind einfühlsames Zuhören, Selbstempathie sowie ein achtsamer und ehrlicher Selbstausdruck. 1) Einfühlsames Zuhören, d.h. „einen Moment ganz bei unserem Gegenüber zu sein, bei den Gefühlen des anderen mitzuschwingen und dessen Aussagen logisch einordnen zu können“ (Weckert, 2014, 33). 2) Selbstempathie, d.h. die tieferen Bedürfnisse gegenüber den eigenen Gefühlen erkennen zu lernen. Es geht um das Gespür für die eigenen Sehnsüchte (vergl. ders., 3.6. Praxis der Gewaltlosigkeit 69 185). Mit Selbstempathie ist das Auftreten freier, stimmiger und überzeugender. 3) Achtsamer und ehrlicher Selbstausdruck: Dazu gehört eine dem Reife- und Bildungsgrad des Gegenübers angemessene Wortwahl. Dazu gehört authentisches Auftreten. Die GFK gelingt nur, wenn man nicht nur ein Bewusstsein für die geistige Dimension der inneren Abläufe hat, sondern auch psychosomatisch mitdenken und beobachten kann. Wie man sich im jeweiligen Augenblick auch körperlich anfühlt, dafür gilt es einen Sensus auszubilden. Die GFK beginnt mit zwei Fragen: Was ist in uns lebendig? Was können wir tun, um das Leben schöner zu machen? Darauf ist die Kommunikation, die Aufmerksamkeit, das Bewusstsein zu richten. In der GFK ist man ehrlich, „aber ohne dabei Worte zu benutzen, die Unrecht, Kritik, Kränkungen, Urteile oder psychologische Diagnosen enthalten“ (Rosenberg, 2006, 24). Es wird nicht geurteilt, sondern eine Beobachtung ausgedrückt, was andere Menschen tun, was wir mögen oder nicht mögen. Es dürfen keine Urteile mit der Aussage vermischt werden. In der Beobachtung beziehen wir uns auf ein Verhalten, ohne es mit Urteilen zu durchsetzen. Auch eine Diagnose darf hierbei nicht versucht werden (vergl. ders., 26). Zur GFK gehören auch Gefühlskenntnisse und Bedürfniskenntnisse. Im Verlauf der GFK „müssen wir uns im Klaren darüber sein, was wir fühlen und was wir brauchen“ (ders., 28). Bei den Gefühlen wendet man sich seinem Herz zu. „Ich fühle mich missverstanden“, „ich fühle mich manipuliert“, „ich fühle mich kritisiert“ werden in der GFK nicht als Gefühle bezeichnet. „Du verletzt mich“ zu sagen, würde dazu führen, jemanden dazu zu bringen, sich schuldig zu fühlen. Das wäre ein Machtmissbrauch (vergl. Rosenberg, 2004/2009, 13). „Es beunruhigt mich“, „es beglückt mich“, „ich freue mich“ oder „ich werde aggressiv“ sind hingegen Gefühle, die in der GFK formuliert werden können. Wenn jemand „Schmerzen hat“, dann sind Bedürfnisse nicht erfüllt. Und wenn hinter das Gefühl Wut geschaut wird und man das Gefühl Wut tiefer durchschaut hat, dann kann man auf Gefühle wie Traurigkeit, Verzweiflung, Hilflosigkeit, Verletzung und Angst stoßen. Das sind schmerzhafte Gefühle, aber nicht so zerstörerisch, wie wenn man sich der Wut hingibt. „Einige Menschen haben diese Gefühle (…) als einen nährenden Schmerz beschrieben, der sich im Herzen lebendig fühlen lässt“ (ders., 25). Die Bedürfniszuwendung ist in einer Gesellschaft, die durch Herrschaftsstrukturen gekennzeichnet ist, unge- 3. Resilienz – Rettung – Solidarität – Heilung – Armutsbekämpfung – Praxis der Gewaltlosigkeit 70 wöhnlich. Menschen, die sich ihrer Bedürfnisse nicht klar sein dürfen und nicht in Kontakt zu ihren Bedürfnisse stehen dürfen, geben gute Sklaven ab. Mit den eigenen Bedürfnissen in Beziehung zu sein, macht die Menschen lebendiger und führt die Menschen dazu, mehr in Berührung mit sich selber zu sein. Bedürfnisse sind für Rosenberg Offenbarungen des Lebens. Es gibt das Bedürfnis nach Sicherheit und Verständnis, das Bedürfnis nach Intimität, aber auch das Bedürfnis nach Spiritualität und nach dem Sinn des Lebens. Bei dem Bedürfnis nach Respekt geht es sehr häufig um das Bedürfnis nach Empathie (vergl. ders., 28). Nun zu der zweiten Frage: Wie können wir das Leben schöner machen? Dazu regt die GFK an eine spezifische, eindeutige Bitte zu äußern. Diese Bitte sollte in positiver Handlungssprache formuliert werden. Also es darf nicht gesagt werden, was jemand „nicht tun“ soll bzw. womit jemand „aufhören soll“. In der Bitte muss der andere sehen können, wie das Leben schöner ist, wenn er tut, worum er gebeten wird (vergl. Rosenberg, 2006, 34). Und die Bitte darf nicht als versteckte Forderung formuliert werden. Es darf keine Angst aufkommen, dass was passiert, wenn man es nicht tut. Die GFK redet den Menschen nicht ein, dass sie böse, schuldig, Versager oder Außenseiter sind. Sie will vielmehr dazu beitragen, dass die Menschen zu ihren echten Bedürfnissen vordringen und Handlungsalternativen zur Erfüllung der Bedürfnisse ohne Gewalt, ohne Alkoholismus etc. finden. Die GFK will einen Weg aufzeigen, wie für das Leben Alternativen zu beständigen Täter-Opfer-Eskalationen gangbar sind. Und die GFK will, dass Empathie geübt wird und Empathie erfahren wird (vergl. Rosenberg, 2004/2009, 76ff.). Bei der GFK ist auch Platz für Dankbarkeit – es gibt Kraft und Hoffnung, weil dadurch auch Warmherzigkeit spürbar ist. Mit der Dankbarkeit kann man die Momente der inneren Bereicherung, die wertvollen Momente der Verbundenheit feiern (vergl. ders., 147–158). Was kann man als Fazit aus den Überlegungen zur Gewaltfreiheit/ Gewaltlosigkeit ziehen? Eine gewaltfreie Person „entmenschlicht“ niemals eine andere Person. „Dies gilt selbst für den Fall, dass sie selbst unter Einsatz ihres Lebens gegen diese Person Widerstand leistet“ (Nagler, 2008, 15). Gewaltfreie Menschen setzen sich dabei aktiv für das Wohlergehen ihrer Gegner ein. Damit das gelingt, achten sie auf die Bedürfnisse des Anderen und ringen darum, negative Gefühle zu 3.6. Praxis der Gewaltlosigkeit 71 überwinden. Sie sind in der beständigen Suche nach einer wirkungsvollen Veränderung der Situation, damit erst gar nicht Gewalt generiert wird. Auch suchen sie beständig nach einer gemeinsamen Ebene mit dem potentiellen Gegner, um das Problem gemeinsam zu bewältigen. In ihrer Überzeugungsarbeit sind gewaltfreie Menschen leidensfähig, um das Herz anzusprechen. Gewaltfreie Menschen haben ebenfalls die Bereitschaft, den letzten Preis zu zahlen, um eine Situation zu retten. „Gewaltfreie Aktivisten opfern nie Grundsätze, sind aber immer bereit, Taktiken zu ändern“ (ders., 26), etwas abweichend zu Gandhi. Daraus resultiert eine „unnachgiebige Ausdauer“. In den Mitteln entscheidet sich für den gewaltfrei Handelnden das Ziel; deswegen dürfen die Mittel z.B. niemanden, auch im übertragenen Sinne, verletzen. Gewaltfreie Menschen greifen nach dialogisch angelegten Aktionen, sie suchen den Dialog, bauen Brücken. Gewaltfreie Menschen bieten konstruktive Lösungen resp. Programme an. Es sind zu Vergebung und Versöhnung fähige Menschen. Gewaltfreie Menschen zeichnen sich durch eine besondere Standfestigkeit und Unbeirrbarkeit aus. Aber auch Mut prägt ihr Verhalten. Gewaltfreie Menschen suchen die Co-Evolution auf eine liebevolle Gemeinschaft hin. 3. Resilienz – Rettung – Solidarität – Heilung – Armutsbekämpfung – Praxis der Gewaltlosigkeit 72

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

In diesem Buch kommt die gesamte Bandbreite der Armut – hier in Bezug auf Kinder und Jugendliche – zur Sprache. Straßenkinder, Kinderarbeiter, Kinder und Armut, Kinder und häusliche Gewalt, Kindersoldaten, sexueller Missbrauch, missbräuchliche Religion und Menschenhandel. Darauf aufbauend wird eine Befreiungstheologie für Kinder formuliert, die unter anderem die Opfersituation bei Kindern und Jugendlichen theologisch ernst nimmt, dann aber auch die Facetten der rettenden Liebe und der ganz spezifischen Solidarität einblendet. Kinder werden als Botschafter des Glaubens betrachtet, was überraschen könnte. Aber es wird auch gefragt, ob unser Gottesbild und eine partiell narzisstische Verfasstheit des Christentums eine Hürde für eine radikale Solidarität mit den armen Kindern und Jugendlichen sein könnten.