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2. Befreiungstheologie in:

Roland Mierzwa

Befreiungstheologie für Kinder, page 35 - 50

Solidarisch auf der Suche nach einem guten Leben

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4405-6, ISBN online: 978-3-8288-7403-9, https://doi.org/10.5771/9783828874039-35

Tectum, Baden-Baden
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Befreiungstheologie Ein Sammelband (vgl. Geitzhaus/Lis/Ramminger, 2017), der Texte mit befreiungstheologischen Perspektiven versammelt und wo die Autoren und Autorinnen sich fragen, wie Befreiungstheologie heute sinnvoll fortgeschrieben werden kann, hat hinsichtlich des Aspektes Kinder und Jugendliche fast einen Totalausfall (vgl. Geitzhaus/Lis/Ramminger, 2017b, 8; Suárez, 2017, 184). Es wird, wenn das Leben der Armen in den Blick genommen wird, dominant nur auf Männer und Frauen geschaut (vgl. Pereira, 2017, 156) – von schwachen Kindern keine Rede, mit ihrem zuweilen sinnlosen und absurden Leben. Aber mit Blick auf die bürgerlichen Kinder des „Nordens“ problematisiert Hellgermann das neoliberale Projekt „neue“ Kinder für das neoliberale System zu schaffen – in der Vorschulerziehung, aber auch in der Schule; sie sollen lernen sich dem Nutzenkalkül zu unterwerfen (vgl. ders., 2017, 74f.). Basisgemeinden, das kann man implizit aus den Ausführungen in dem Sammelband mitlesen, könnten eine besondere Sensibilität für Kinder und Jugendliche haben. Es wird die Chance vertan, diese sozialen Bewegungen zu würdigen, die im Interesse von Kindern und Jugendlichen aktiv sind und wo Kinder und Jugendliche selbst Subjekte/Teil der Zivilgesellschaft sind (vgl. Geitzhaus, 2017, 135ff.). In einem zweiten Sammelband (vgl. Gmainer-Pranzl/Lassak/ Weiler, 2017), der sich darum bemüht, die Befreiungstheologie zu aktualisieren, kommen Kinder und Jugendliche eher in den Blick (vgl. Faye, 2017, 181 und 182). Das „etwas anders glauben“ in Afrika, hat einige Akzente, die durch Kinder und Jugendliche inspiriert zu sein scheinen (vgl. dies., 189) – erwähnt wird der Menschenhandel infolge von Migrationsbewegungen, wo dann Mädchen an Arbeitsplätzen wie Sklavinnen ausgebeutet werden, insbesondere in der Sexindustrie (vgl. dies., 193). Allerdings hier nur von Mitleid, wie Jesus, ergriffen zu sein (vgl. dies., 193), greift befreiungstheologisch zu kurz – vergleiche hier zum Prinzip der Barmherzigkeit bei Jon Sobrino (Büchel, 2017). Das Angebot der Theologie der Hoffnung (vgl. Faye, 2017, 194) scheint nur 2. 35 Erwachsenensache zu sein. Wenn die Familie, der Familismus kritisch diskutiert werden, dann unter Rücksicht auf Kinder (vgl. Cardoso, 2017, 246). Die Beziehung Erwachsener/Kind ist lebensnotwendig für die Theologie des Hauses (vgl. dies., 2017, 244). Die Reproduktionsarbeit-Realität hat stärker bei der theologisch befreienden Reflexion Berücksichtigung zu finden. Bedauerlicherweise eine kleine Leerstelle: Wenn die absurden Zahlen häuslicher Gewalt an Frauen thematisiert werden (vgl. dies., 245), dann ohne einen Seitenblick darauf, wie stark dadurch Kinder betroffen sind. Aber es wird bemerkt – „Wir leben mit Schemen von Sextourismus und Kinder-Jugend-Prostitution, die perverse Schemen sexuellen Missbrauchs und von Gewalt fortsetzen“ (dies., 245) – ohne jedoch darauf zu verweisen, was das seelisch und psychisch mit den Kindern und Jugendlichen macht. Nancy Cardoso stellt schließlich kritisch fest, dass Kinder in der Theologie nicht vorkommen, nicht einmal in der Befreiungstheologie. „Die verarmten Kinder tauchen als Thema auf, als Beispiel einer Situation von Unterdrückung und Opfer, aber sie werden nicht betrachtet als aktive soziale und kirchliche Akteure. Sie verdienen die befreienden Aktionen der Erwachsenen, aber sie werden nicht als aktiver Teil und prophetische Präsenz inmitten der Glaubensgemeinschaft verstanden“ (2017, 246). Gustavo Gutiérrez Die Befreiungstheologie von Gustavo Gutiérrez stellt sich, wenn sie sich an die Seite der Ausgeschlossenen, Marginalisierten, Armen und Unterdrückten begibt, auch an die Seite der Kinder. Er problematisiert in seiner Befreiungstheologie den frühen und ungerechten Tod von Kindern (vgl. Roberto, 2016, 34). Kinder zählen für ihn auch zu den Armen, die deswegen arm sind, weil Ausbeutung und Ausgrenzung stattfindet, weil sie Opfer eines ungerechten wirtschaftlichen Systems werden. Aber man darf, wenn man die Ausführungen von G. Gutiérrez zu den Armen weiterdenkt, die (armen) Kinder nicht zum Idol werden lassen; es gibt gute Kinder und solche, die gewalttätig sind und Zwietracht säen. Manche sind mitfühlend und solidarisch mit anderen Kindern, andere gleichgültig (vgl. ders., 159f.). 2.1. 2. Befreiungstheologie 36 Was macht es aus eine Arme oder ein Armer zu sein? Was kann man hier in Bezug auf Kinder festhalten? – Es kommt zur Verletzung der Menschenwürde. – Es herrscht Bildungsmangel. – Es besteht ein Unwissen darüber, sie ahnen noch nicht einmal, dass sie Menschen sind (vgl. ders., 34). Theologisch gesprochen mit G. Gutiérrez bedeutet die Armut der Kinder ein Bruch mit Gott, ein in den Gegensatz-Stellen zu dem Willen Gottes (vgl. ders., 35). Hingegen bedeutet es, an Gott zu glauben, für die Rechte der armen Kinder zu kämpfen und um Gerechtigkeit für die Kinder zu ringen. G. Gutiérrez meint, wir sollten uns bemühen wie Jesus Christus in die leidenden Kinder hineinzuversetzen und mit ihnen zu leiden (vgl. ders., 35). Wir sollten eine tatkräftige Liebe und Solidarität mit den Ausgegrenzten und Wehrlosesten, womit Kinder mitgemeint sein könnten, an den Tag legen (vgl. ders., 37). Wie das aussehen kann, dafür ist für G. Gutiérrez Jesus Christus das beste Vorbild (ders.). Es sollte so geschehen, dass sich im persönlichen Lebensstil das Vorbild Christi widerspiegelt. Das wird radikal existenziell Realität werden können, wenn man seiner Selbstgefälligkeit und seinem Egoismus entsagt. Wird hier etwas von dem sichtbar, dann bewahrheitet sich darin der Glaube an Gott (vgl. ders., 38). Die Reich Gottes Verkündigung von Jesus Christus besagt, dass Gott das Elend der Menschen nicht erträgt, stattdessen ein Leben in Fülle verspricht und sich wünscht, dass die ganze Menschheit in Würde leben soll. Im Reich Gottes walten Recht und Gerechtigkeit, gibt es keine Ausbeutung und ist die Befreiung von der Sklaverei vollzogen. Indem G. Gutiérrez auch von den Kindern im Zusammenhang der „Vorrangigen Option für die Armen“ spricht, also von Menschen, die häufig als „Nicht-Personen“ (43) angesehen werden, verdeutlicht er, dass ihnen nicht die Fülle der Rechte als Mensch zuerkannt wird. Man kann unter den „Geringsten“ (Mt 25,40) (44) auch Kinder mitdenken. Ihnen gilt daher auch die umfassende Forderung des Evangeliums zur Nächstenliebe. Allerdings ist bei G. Gutiérrez nicht so deutlich geworden, inwiefern Kinder Subjekte ihrer Befreiung werden können und wie es ausse- 2.1. Gustavo Gutiérrez 37 hen kann Kinder in „ihren“ Befreiungskämpfen oder Befreiungsversuchen zu unterstützen (vgl. ders., 44). Was ist der besondere Handlungsspielraum der (armen) Kinder bei dem Anspruch der Befreiungstheologie, dass die Armen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen sollen und sich als Subjekte ihrer eigen Geschichte wahrnehmen lernen (vgl. ders., 45)? Stolpert die Befreiungstheologie von G. Gutiérrez über ihren eigenen Anspruch? Stellt sich vielleicht doch zu sehr die Welt der Kinder als „die Welt des Anderen“ innerhalb der Befreiungstheologie dar? Sind die Kinder zu einem gewissen Grade in der lateinamerikanischen Befreiungstheologie zu lange abwesend gewesen, hatten geringe oder keine Bedeutung und wurde ihr Leiden, ihre Probleme und ihre Hoffnung zu wenig versprachlicht und advokatorisch bekundet (vgl. ders., 45)? Mit dem kulturellen Faktor wird der Blick auf Mentalitäten, Sitten, Besonderheiten, Grundhaltungen sowie konkrete Werte gelenkt (vgl. ders., 49, 52 und 160). Das kann für den Befreiungsprozess der Kinder fruchtbar gemacht werden. Der kulturelle Aspekt wird notwendiges Element von einem integralen Befreiungsprozess sein müssen (vgl. ders, 53), der drei Dimensionen hat: – Lösen aus den Situationen der Ungerechtigkeit, Ausbeutung und Ausgrenzung (53) (siehe Kinderarbeit R.M.); – Befreiung aus jeder Art von Knechtschaft (54) (siehe Menschenhandel R.M.); – Befreiung von der Sünde, verstanden als Entfremdung von anderen und sich (54) (siehe Kindersoldaten R.M). Ob man zum Befreiungsgeschehen mit G. Gutiérrez den Verweis auf die Bedeutung von Jesus Christus so mitgehen muss, dass man in ihm allein die „Vollmanifestation des Vaters, der Liebe ist“ (58) sieht, ist schwierig. Auch zu sagen, das „nur“ in Jesus Christus „der Befreiungsprozess mit allen seinen Aspekten in seinem vollen Sinne“ (50) gelingt, ist ebenso schwierig, weil dadurch das befreiungstheologische Denken nicht richtig dialogfähig mit anderen Religionen bleibt. Es ist zu „exklusiv“ christologisch befreiungstheologisch gesprochen, wenn behauptet werde „es gibt keine menschliche Tat, die nicht letztlich vom Heilswerk Christi ihre innere Bestimmung bezöge“ (59). „Nur“ wenn 2. Befreiungstheologie 38 man in den Fußstapfen Jesus Christi läuft, dann wird man dem Ursprungsimpuls zur „Vorrangigen Option für die Armen“ gerecht, so Gutiérrez (vgl., ders., 178). Ich denke es gibt noch andere außergewöhnliche Fußstapfen, den man folgen kann, wenn man befreiungstheologisch den Kindern zur Seite stehen will. Jon Sobrino Während G. Gutiérrez die Armen nicht so extrem wie Jon Sobrino als Opfer herausstreicht, so macht doch M. Leidinger in ihrer Rezeption von J. Sobrino deutlich, dass jener in alle Fallen der Opfer-Rede tappe. Er teilt zu sehr die Welt in Opfer und Täter. Es entsteht der Eindruck, dass alle Menschen in Lateinamerika unter derselben Armut litten und dasselbe gesellschaftliche Schicksal teilten. Er schreibt der Mehrheit der Opfer nur eine passive Rolle zu. Dann scheinen die Opfer „für immer“ das Schicksal des Opferstatus zu behalten. Und er sieht bei den Opfern keine Chance zur Verantwortungsübernahme. Und sein Sprechen von den Opfern trägt zu einer „Euphemisierung“ des Opfer-Status bei. So wie J. Sobrino für M. Leidinger von Opfern spricht trägt er dazu bei, die Viktimisierung der Opfer dauerhaft festzuschreiben. Dieses starke Herausstreichen des Opfer-Status durch J. Sobrino soll zur Solidarisierung mit jenen beitragen (vgl. Leidinger, 2018, 158f.). Mit dieser Kritik von M. Leidinger an der Opfer-Rede von J. Sobrino schießt M. Leidinger in meinen Augen etwas über das Ziel heraus. Denn man kann durchaus sehen, dass seine Opfer-Rede für die (armen) Kinder in weitaus stärkeren Umfang gelten kann. Auch wenn es gilt das je einzelne Kind und seine Situation mit Blick auf den Opfer- Status zu betrachten und bei den Kindern nicht „an sich“ von Opfern zu reden, so haben doch diese einen weitaus geringeren Handlungsspielraum für die Verantwortungsübernahme oder geraten infolge einer tiefen Traumatisierung in einen „dauerhaften“ Opferzustand. Und das starke Herausstreichen des Opferstatus der Armen hat bei Sobrino auch eine theologische Dimension und ist nicht nur von „nur“ ethischer Bedeutung. Mit Sobrino kann man sagen, dass das Vorhandensein von Kindern als (dauerhaften) Opfern sich zeigt, dass es in der Welt keinen Glauben an Gott bzw. keine (theologische) Anerkennung 2.2. 2.2. Jon Sobrino 39 von Gott gibt, sondern Götzendienst und Sünde (vgl. hier auch die Ausführungen bei Weckel, 2011b, 17ff.). Jon Sobrino entwirft das „Prinzip Barmherzigkeit“ für eine „Theologie von, für und mit den Opfern“ (Zitat in: Büchel, 2017, 518). Damit regt er eine Revision der theologischen Vernunft an – dies in Richtung eines „intellectus amoris“ bzw. eine Theologie der Praxis der Solidarität (vgl. Büchel, 2017, 513). Hier müssen zum Mitgefühl Taten dazukommen, die Nothilfe darf nicht in der Nothilfe stecken bleiben, sondern ist um eine radikale Ursachenanalyse zu ergänzen und wenn Leid gelindert wird ist das um strukturelle Eingriffe zu ergänzen (vgl. ders., 508f.). Dietrich Bonhoeffer Befreiungstheologen wie Luiz Carlos Susin machen deutlich, dass es das Wesen Gottes ist, nicht narzisstisch zu sein. Gott ist das genaue Gegenteil von narzisstisch. Er ist nicht daran interessiert, das Zentrum, der Erste zu ein (vgl. Susin, 2011, 115 unter: Susin/Hammes, 2011). Und so ist Glauben an Gott sich von jedem Narzissmus zu befreien. Das Paradox Gottes ist es, sich voll und ganz für die Armen zu interessieren und zu wollen, dass diese leben können. Mit dem „Dasein-für- Andere“ als Grundprinzip des Religionslosen Christentums, entspricht Bonhoeffer dieser Grundaussage der Befreiungstheologie (vgl. DBW 8, 558; vgl. auch die Ausführungen zur „Option für den Anderen“ im Rahmen der „Vorrangigen Option für den Armen“ in: Mierzwa, 2016a, 116–119). Und wie die Befreiungstheologen sagen, wenn wir beginnen den Armen zu begegnen, beginnen wir neu über Gott nachzudenken, so sagt Dietrich Bonhoeffer, wenn wir für Andere da sind beginnen wir neu das christlich-Sein zu verhandeln (vgl. Mierzwa [2018b, 131– 138] zu Bonhoeffer). Bei Bonhoeffer wie Susin geht es nicht um eine Konstruktion einer Priorität – Andere/Arme oder Gott – sondern um das „und“. Der Andere/der Arme soll nicht Gott ersetzen, aber auch Gott darf an die Stelle des Anderen/Armen gesetzt werden. Der Andere/der Arme und Gott haben denselben „theologischen Ort“ (vgl. Susin, 116 unter: Susin/Hammes, 2011). Mit Susin kann man auch Bonhoeffer`s Konzept des Religionslosen Christentums interpretieren, 2.3. 2. Befreiungstheologie 40 wenn Susin sagt (S. 117): „Ein theozentrischer Glaube, der den theologischen Ort des Fleisches und der Knochen der Armen geringschätzt oder an die ‚zweite Stelle‘ setzt, läuft ernsthaft Gefahr, einen Götzen zu verehren, eine Omnipotenzphantasie des eigenen Narzissmus, der auf Gott projiziert wird. Der Arme ist ein Ort harter Realität, der dem Glauben keine Illusion lässt“. Das hätte auch Bonhoeffer vom Anderen gesagt haben können, für den es gilt da-zu-sein. Dorothee Sölle Ihr eigentliches Zuhause fand D. Sölle nicht so sehr in der politischen Theologie, sondern vielmehr in der Befreiungstheologie, wie sie in ihrer Autobiografie „Gegenwind“ bemerkt (vgl. Raffai, 2017, 3). Die Befreiungstheologie ist für sie nach der reformatorischen Wende die entscheidende Neujustierung des christlichen Glaubens. Sie zählt zu den wichtigsten Befreiungstheologen der ersten Welt: Wichtige Begriffe bzw. Begriffszusammenhänge sind daher für sie Frieden und Gerechtigkeit sowie Reich Gottes und Gerechtigkeit (vgl. Tremel, 2004, 69–121). Aber ihre Befreiungstheologie darf nicht abgetrennt von ihrer Frömmigkeit und Spiritualität entfaltet werden. Hier lernte sie von den Kindern (vgl. das Gedicht von D. Sölle bei: Raffai, 2017, 5). Fromm zu werden und zu sein, d.h. dass das Leben an Radikalität zunehmen sollte und der tatsächliche Kampf um den Nächsten zur Realität des christlichen Lebens werden sollte (vgl. Sölle bei: Raffai, 2017, 13). „Radikal heisst (…) konkret: nicht die Augen zumachen, nicht den Mund zumachen/nicht schweigen, wenn die Unstimmigkeit zwischen dem evangelischen Kriterium und dem sogenannten Normalen wahrgenommen wird“ (Raffai, 2017, 14). Vielleicht hatte sie ein Gespür für diese Radikalität von ihren eigenen Kindern erhalten – das ist mein Gedanke zur Widmung, die sie für das Buch „Phantasie und Gehorsam“ gab (vgl. bei: Sölle de Hilari, 2013, 11). Wenn sie Frieden und Gerechtigkeit zusammendenkt, dann nimmt sie das Wort/den Begriff „Schalom“ in den Mund. Im Zuge von Schalom sucht sie nach Fürsprechern für Waise (als Rechtlosen) (vgl. Sölle bei: Raffai, 2017, 6). Wenn sie „Eirene“ in den Mund nimmt, dann mit der Absicht, auf die problematische Verkoppelung von Frie- 2.4. 2.4. Dorothee Sölle 41 de und militärischer Sicherheit hinzuweisen und damit einhergehend darauf einzugehen, dass Aufrüstung auch ohne Krieg tötet, indem etwa wegen fehlender Ressourcen infolge der Aufrüstung Kinder verhungern. Der Mensch Jesus von Nazareth und seine Botschaft ist das Zentrum der Theologie von D. Sölle, behauptet Ursula Baltz Otto (vgl. Raffai, 2017,8). Von Christus hängt für sie Entscheidendes ab, wie sie Theologie betreibt und als Christ lebt. Jesus ist parteiisch für die Armen. Der Befreiungswillen Gottes für alle Menschen entscheidet sich daran, wie dieser Wille an den Armen Wirklichkeit wird. Jesus ging da vorbildhaft voran – indem er den Armen eine unendliche Liebe entgegenbrachte; – indem er dem Leiden nicht auswich; – indem er ohne Schutz lebte; – indem er Gewaltverzicht übte; – indem er den Teufelskreis von Gewalt und Angst auflöste (vgl. Raffai, 2017, 9f.). In ihrem befreiungstheologischen Ansatz sind die ersten Personen der Theologie die Opfer der strukturellen Gewalt. Als Opfer der strukturellen Gewalt betrachtet D. Sölle jede „Nichtperson, der das Menschsein verweigert wird, vielleicht weil sie arm, Frau oder nicht weiß ist“ (Sölle in: Raffai, 2017, 8). Hier hätte D. Sölle ausdrücklich Kinder erwähnen können. Die Armen sind das Maß, an dem der Gehorsam zum Evangelium zu messen ist. Die „präferenzielle Option für die Armen“ bedeutet, dass wenn allen Menschen die frohe Botschaft gilt, dass die Armen dabei nicht übersehen werden dürfen. D. Sölle betrachtet es als Problem der strukturellen Gewalt, dass man dadurch unsensibel für die konkrete Gewalt wird, dass man sich an Gewalt gewöhnt und dass man blind Gewaltmechanismen folgt (vgl. Raffai, 2017, 11 und 15). Man kann mit Sölle’s Ausführungen zur strukturellen Gewalt ergänzen, dass man einhergehend mit der strukturellen Gewalt blind, unsensibel, abgestumpft gegenüber den Gewalterfahrungen von Kindern wird. In ihrer Theologie der Befreiung sind die Kinder Subjekt der Befreiungstheologie – sie schreibt: 2. Befreiungstheologie 42 „hier wohnen die sanften kinder der erde die das vergewaltigen nicht gelernt haben und das plündern verlernten hier wohnen kleine menschen die die türme nicht in den himmel bauen und die tiere nicht zu tode testen“ (Sölle zitiert bei: Moll, 2013, 62). Kinder sind die Antwort auf das „TINAsyndrom“ – das Denken in Schablonen des Satzes „There is no alternative“. Ulrich Duchrow Ulrich Duchrow problematisiert in seinen befreiungstheologischen Überlegungen ein Eigentümerbelieben, das zu Ungerechtigkeit oder zur Sklaverei führt (vgl. ders., 2010, 3f.). Dies ist bedeutsam in Hinblick auf die Ausführungen zur Kinderarbeit. Die Privateigentums-Ideologie und die damit verknüpfte Vertrags- Ideologie sind verantwortlich für die „Kontrolle(!)“, die die Wirtschaftsmacht USA über Lateinamerika hat (vgl. ders., 7). Damit entstanden wesentlich die Verhältnisse in Lateinamerika, die zum Entstehen der lateinamerikanischen Befreiungstheologie führten. Aus der Philosophie, wo Freiheit als Freiheit der Eigentümer buchstabiert wird, kommt es in Lateinamerika durch „imperialistische“ Unternehmen mit den indigenen Völkern zu einem Kampf um Kultur und Werte. Menschenrechte werden unterschiedlich ausgelegt, was zu Konflikten führt. Ulrich Duchrow findet in seiner biblischen Spurensuche für eine europäische Befreiungstheologie (vgl. ders., 2010, 11–16) nicht die Spur zu den Kindern in Armut. Er zitiert zwar Luther, der sagte, dass die Kirche erst dann wahrhaftig Kirche ist, wenn die Menschen sich so verwandelt haben, dass sie mit einem jeden Gemeinschaft haben (vgl. ders., 2010, 18). Aber dass dazu auch gehören müsste, Gemeinschaft mit Kindern und Jugendlichen zu haben, das entfaltet er nicht. U. Durchrow entfaltet nicht, dass es befreiungstheologisch wichtig ist „in gerechten Beziehungen“ zu Kindern und Jugendlichen zu leben. Befreiungstheologie im Norden, das bedeutet es muss eine Befreiung zum „Weniger“ geben (vgl. ders., 2010, 22). Wir müssen in eine 2.5. 2.5. Ulrich Duchrow 43 Zivilisation der Armut gehen. Das ist auch im Horizont der ökologischen Zerstörung bedeutsam (vgl. ders., 22). Diesen Aspekt wendet er nicht auf Kinder und Jugendliche an, die Markenklamotten kaufen, Smartphones besitzen wollen und eine konsumintensive Freizeitkultur pflegen. Die Sucht „Gewinnen-zu-müssen“ gilt es zu überwinden. Das ist ein therapeutisches befreiungstheologisches Projekt für die besondere psycho-soziale Situation der Mittelklasse im Norden (vgl. ders., 2010, 23). Ganz entgegen von K. Marx Verachtung gegenüber dem „Lumpenproletariat“ wird eine Befreiungsbewegung in Europa mit jenem solidarisch zu sein lernen müssen (vgl. ders., 2010, 23). Butterwegge (2012) zeigte auf, dass hinsichtlich von armen Kindern, wenngleich auch nicht sprachlich so extrem wie bei K. Marx, sich in Deutschland ein Denken und Sprechen in den Begriffen und Kategorien des „Lumpenproletariats“ findet. Dieses gilt es hinsichtlich von Kindern aus Armutsmilieus zu überwinden und man sollte beginnen in eine Solidarität mit diesen hineinzufinden. Insgesamt ist aber bei U. Duchrow an keiner Stelle in seinem befreiungstheologischen Nachdenken eine Vertiefung auf Kinder und Jugendliche hin zu finden. Ergebnissichtung: Befreiungstheologie im Horizont von Kindern und Jugendlichen Kinder nicht mehr als „Unbedeutende“ betrachten, sondern radikal als Arme im Sinne der „Vorrangigen Option für die Armen“ – zum Beispiel bezogen auf Kolumbien: „Kinder und Jugendliche, die Mangel an Bildung und Ausbildung haben oder aufgrund von Hunger, Vernachlässigung, Gewalt und Missbrauch von zu Hause weggelaufen sind und auf der Straße landen (Straßenkinder)“ (Roberto, 2016, 149; s.a. 196). Viele Kinder sterben einen verfrühten und ungerechten Tod infolge von verdursten und verhungern (vgl., ders., 150). Die Entscheidung für die Solidarität mit den Kindern muss ins Mark des christlichen Lebens treffen. In der Entscheidung für die Kinder aus der Liebe heraus entscheidet sich der Glauben (vgl. hier Susin/ 2.6. 2. Befreiungstheologie 44 Hammes, 2011, 111). Von daher kann Befreiungshandeln bedeuten, den bisher eingeschlagenen Weg (des Egoismus/der mangelnden Solidarität) zu verlassen und den „Primat des Anderen“ für den neuen anderen Weg zu entdecken, wozu gehört aus den kleinsten Spuren der Verachtung gegenüber Kindern herauszufinden. Mit der „Befreiungstheologie für Kinder“ dezentriert sich die Theologie konsequent. Die Welt der Kinder wird von theologaler Bedeutung. Die Wahrheit der Realität wird radikaler. Indem Kinder zur Mitte einer Option für das Leben werden, werden entscheidende Voraussetzungen für das Grundverständnis solidarischen Zusammenlebens geschaffen. Solidarität wird daran zu messen sein, wie weit die Zugehörigkeit der Kinder zur Gesellschaft dabei wieder hergestellt wird. Ohne Solidarität mit den armen Kindern kein Heil. Herz und Seele jeder wahrhaft menschlichen Befreiung ist die radikale Liebe, die von vielen Menschen ausgehen kann. Deswegen gilt es radikal zu lieben, nicht nur in Treue zu Jesus Christus, sondern auch in Treue zu Sr. Karoline Mayer, Sr. Heidelore Müller usw. Mit der Reich Gottes Verkündigung Ernst machen bedeutet sich von jedem Narzissmus zu befreien, um sich voll für die gequälten Kinder interessieren zu können, um dann eine wirkliche neue Form von Gesellschaft zu wollen, die größer ist als Gott selbst (vgl. Susin/ Hammes, 2011, 114) – z.B. nicht von Konfliktrohstoffen profitieren, die durch Kinderarbeit geschürft wurden; Waffenexporte verhindern, die im Interesse eines Kampfes von Kindersoldaten sind usw. Damit Gewaltlosigkeit gegenüber Kindern praktiziert werden kann, muss die „Gewalt in der (katholischen R.M.) Kirche“ (vgl. dazu Maccise, 2017, 272–282) zurückgelassen werden. (Ps 72, 2.12–14) Entsprechend dieser Bibelstelle handeln lernen: Die gebeugten Kinder retten; ihren stummen Schrei wahrnehmen; den Kindern, die keinen Helfer haben, zu Seite stehen; das Leben retten; Kinder von Unterdrückung und Gewalttat befreien; das Blut der Kinder in den eigen Augen kostbar werden lassen. Hier ist auch auf sexuellen Missbrauch und von Vergewaltigungen von Mädchen in Kolumbien durch Rebellen-Gruppen, Paramilitärs, Soldaten und Polizei hinzuweisen. Eine besondere Facette in diesem Zusammenhang ist in Kolumbien der Männlichkeitswahn („Machismo“), wo viele Männer meinen, im Recht zu sein, wenn sie sich dominant gegenüber Frauen ver- 2.6. Ergebnissichtung: Befreiungstheologie im Horizont von Kindern und Jugendlichen 45 halten (vgl. Robert, 2016, 196). Deswegen ist in Verlängerung dieser Bibelstelle ein spezifischer psychischer und seelischer Beistand den Mädchen zu leisten und vielleicht auch den Mädchen beizustehen, wenn sie diese Vorfälle zur Anzeige bringen (vgl. ders., 196f.). Befreiungstheologisches Handeln an Kindern müsste auch eine Arbeit an deren psychischen Gesundheit (zum Stichwort vgl. ders., 161) umfassen (vgl. ders., 194f.). Hier sind traumatische Erfahrungen, psychische Belastungen wie posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS), Depression, Substanzmissbrauch, Somatisierung durch Funktionsbeeinträchtigung zu erwähnen. Vermutlich trägt die „unglückliche“ gesundheitliche Verfassung von z.B. „befreiten“ Straßenkindern dazu bei, dass diese die anderen Bedingungen eines etablierten Lebens oft nicht bewältigen können (vgl. Gerstenberger, 2008, 10). Im erweiterten Sinne hilft man den armen Kindern in Kolumbien, wenn gegen Korruption vorgegangen, die organisierte Kriminalität bekämpft, der Handlungsspielraum der Drogenmafia beschnitten, viel in Bildung investiert und die Rechtsstaatlichkeit gefestigt wird (vgl., Robert, 2016, 153 und 170ff.). Eine Spiritualität der Befreiung gehört ebenso dazu. Die Spiritualität darf nicht außerhalb der Wirklichkeit stehen und muss das unmittelbare Beziehungsgeschehen und das unmittelbare Beziehungserfahren überführen in eine Sensibilität für die göttliche Grammatik der Liebe darin und den Tastsinn für die göttliche Grammatik der Liebe im unmittelbaren Beziehungsgeschehen. Die Spiritualität der Befreiung handelt nicht von merkwürdigen parapsychologischen Momenten, aber vom Empfinden und Spüren und Hören der Matrix der Gerechtigkeit und der Solidarität in allen Interdependenzen und in aller Erfahrung von Angewiesenheit. Die Spiritualität der Befreiung hat hierbei mit „schmerzlichen“ Erfahrungen zu tun, denn diese werden gemacht, wenn man bezüglich Gerechtigkeit und Solidarität auf Mangel und Leerstellen stößt. Befreiungstheologie im Sinne der Kinder, d.h. auch zu einer prophetischen Sprache im Sinne der Kinder zu finden, um deren Erfahrungen von Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit offenzulegen und zu benennen. Prophetische Anklage nach Sobrino meint die „realste Realität“, die Welt der Armen und Opfer, ans Licht zu bringen (vgl. Bü- 2. Befreiungstheologie 46 chel, 2017, 515) und damit die Opfer der „Nicht-Existenz“ zu entrei- ßen. Jedes (arme) Kind kann ein privilegierter „theologischer Ort“ sein das Einbrechen Gottes und des Hl. Geistes in die Welt zu erfahren und zu begreifen. Befreiungstheologie mit Kindern, das heißt diese auch als Träger der Evangelisierung zu erkennen. Sie können helfen, die Botschaft des Evangeliums in einem neuen Licht zu sehen, Menschenwürde und Mitgefühl mit einer anderen Atmosphäre verknüpft zu betrachten, neue Chancen und Möglichkeiten des Brücken-Schlagens und der Beziehungshaftigkeit zu begreifen. In ihnen leben Schätze und Möglichkeiten des Glaubens, die den Erwachsenen nicht bekannt sind. In jedem armen Kind kann die Botschaft des Christischen aufscheinen. Mit jedem armen Kind kann eine Allgegenwart des „kosmischen Christus“ möglich sein. Befreiungstheologie, das bedeutet Hoffnung zu vermitteln, indem man die Gleichgültigkeit in der Welt zu überwinden versucht, radikal für die Kinder Partei ergreift, Seelenmord aufdeckt, den Verstummten ein Sprachrohr ist. Theologie der Befreiung, das bedeutet in Anschluss an Dorothee Sölle (bzw. den Jesuit Christian Herwatz) das Leben der Kinder so zu teilen, so verletzlich zu sein (also auf „Privilegien“ eines Erwachsenen zu verzichten), dass man sich in dieselbe „Unfallgefahr“ wie die Kinder und Jugendlichen begibt (vgl. Moll, 2013, 67). Ivone Gebara (2017) ist sich nicht so sicher, ob die eigentlichen „befreiungstheologischen“ Impulse noch von dort ausgehen, wo man unter dem Vorzeichen „Religion“ aktiv ist. Sie beobachtet, dass es ein Sprechen über das Gute und die Gerechtigkeit jenseits der Religionen gibt, woran auch Jugendliche beteiligt sind (vgl. dies., 2017, 231). Es gibt einen Kampf zur Bekämpfung von Kinderarbeit bzw. von Frauenund Kinderhandel von Gruppen, die in der Art und Weise, wie sie sich hier einbringen weit darüber hinausgehen „was man eine institutionell religiöse Initiative nennen würde“ (dies., 2017, 232). Sie können dabei eventuell „mit einer kirchlichen Gruppe kooperieren“ (dies.). Hier wäre die „befreiungstheologische“ Skepsis der Vergangenheit fehl am Platz, wo gefragt wurde, ob dadurch die Strukturen verändert werden könnten (vgl. dies.). Es ist doch entscheidend, dass kleine Alternativen für das Leben geschaffen werden. 2.6. Ergebnissichtung: Befreiungstheologie im Horizont von Kindern und Jugendlichen 47 Befreiungstheologisch mit-leiden, vom Leid sprechen und von Gott sprechen13 Zunächst einmal beschönigt oder verklärt die befreiungstheologische Perspektive nicht die Welt der Menschen im Leid. Er lässt hierbei nichts aus und nimmt leidsensibel das ganze Panorama menschlichen Leides in den Blick (vgl. Mierzwa, 2011). Jon Sobrino tritt für eine Redlichkeit gegenüber der Realität einer Welt des Leidens ein (vgl. Büchel, 2017, 511). Konkrete Leiderfahrungen in konkreten Konflikten werden aufgezeigt. Christlich ist es, nicht wegzuschauen angesichts von Leid und sich „gefährlich“ zu erinnern (vgl. J.B. Metz). Jon Sobrino steht für ein narratives Erfassen des Leidens, um es ganz zu erfassen und so den Menschen zu würdigen. Aber wie ist dann die Stellungnahme aus einem befreiungstheologischen Standpunkt heraus zum Leiden? Es wird zunächst einmal gesagt, dass das menschliche Leben unauflöslich mit Leiden verbunden ist. Am Leiden kann kein Mensch vorbeikommen. Man muss lernen sich dazu zu verhalten. Aber wie? Dazu ganz sparsam fünf Antworten: – Man darf nicht alles Leiden innerhalb einer Wirklichkeit-im-Ganzen als sinnvoll einordnen. – Man darf verzweifelt sein angesichts von Leid, ohne dass dadurch notwendigerweise der Gottesglauben gefährdet wird. – Man darf gegenüber Gott Verfluchungen von Feinden/Tätern aussprechen (vgl. Ps 10,15), die einem unermessliches Leid zufügten, wenn dieses in einem therapeutisch-seelsorglichen Kontext dazu beiträgt, damit keine falschen Schuldgefühle und kein falsches Bewusstsein von Mittäter*innenschaft aufkommen. 2.7. 13 Kress, 1999; Link-Wieczorek, 2004; Jörns, 2013; Sölle, 1973/2018; erweiterter Text von Mierzwa, 2019, 61–63. 2. Befreiungstheologie 48 – Man darf seufzen, weinen, zittern, schreien angesichts von Leid, um seiner Erschütterung Ausdruck zu verleihen und die Mit-Menschen zu Solidarität, Mitgefühl und Mit-Leid zu ermutigen. – Man kann versuchen die Haltung des Sterblich-Handelns einzunehmen. Und wie ist Gott/die göttliche Macht zu glauben angesichts von Leid? Gott ist im Erbarmen, wo sich den Leidenden hin- und zugewendet wird, an ihnen sich eine rettende Nähe und Macht erweist (siehe Exodus-Erfahrungen), auch indem sich den Leidenden solidarische Mit-Menschen zuwenden. Die göttliche Macht zeigt sich den Leidenden auch darin, dass sich rettende Wege aufzeigen, die manchmal paradox erscheinen (vergl. die Seligpreisungen Jesu und seine Empfehlungen der Gewaltlosigkeit). Mit Gott wird auf eine mehrdimensionale Wirklichkeit verwiesen und verdeutlicht, dass es Alternativen und neue Wege aus dem Leiden heraus aus einer neuschöpferischen Kraft heraus gibt, auch wenn diese zunächst ihren Anfang in der Rebellion nehmen kann. Gott ist der ansprechbare Gott in der Klage, die auch von einem Vertrauen auf Gottes Gegenwart zeugt. Man darf angesichts von Leid klagen (vgl. Ps 13,1 und Hiob) – das ist eine sinnvolle Weise zu glauben (vgl. Gutiérrez, 1988). Gott ist aber auch im Mitleiden, im Mitsterben am Kreuz, sodass der/die Leidende nicht alles allein auszuhalten hat (vgl. D. Sölle, 1973/2018, 169 und 171). Und der leidende Mensch, der sich ganz Gott anvertraut, ist der passiv? „Widerstand und Ergebung“ ist ein Buch von Dietrich Bonhoeffer überschrieben. So wir wohl das Leben mit dem Leid und das Heraustasten aus den das Leid verursachenden Umständen in einem Schwingen zwischen „Widerstand“ und „Ergebung“ gelingen. Wenn der leidende Mensch der Versuchung eines Suizids nicht nachgibt, dann zeugt er von einer Hoffnung, dass Beziehung weiterhin gelebt werden kann, dass zu lieben sinnvoll möglich ist, dass der Seelenmord nicht gelingen konnte, weil er/sie an Gott glaubte. Das Sich-Aufbäumen im Verfluchen kann Ausdruck einer Widerstandskraft sein, die ein eigener kooperativer Beitrag des/der Leiden- 2.7. Befreiungstheologisch mit-leiden, vom Leid sprechen und von Gott sprechen 49 den ist, wenn im Sinne von Empowerment auf ihn/sie zugegangen wird. Die Klage ist Praxis, eine Praxis, die vor der Apathie im Leiden bewahrt. Mit der Klage bewahrt sich der/die Leidende die Chance in das Handeln zu finden, den ersten Schritt zum Ausweg aus dem Leiden zu gehen. Man kann auch die Ursachen des Leidens benennen und verurteilen. Man kann die Täter identifizieren und Wirkungszusammenhänge aufdecken. Man kann offenlegen, was tatsächlich der Geschehenszusammenhang war. Dadurch wird der gefährliche Hang in der Gesellschaft zur Gleichgültigkeit ausmanövriert. Ein letzter Aspekt, damit die Leidenden als Leidende nicht allein bleiben: Mit Dorothee Sölle (sprich Simonow) müssen wir in die Empathie zu den Leidenden finden um sagen zu können: „Es gibt kein Leid, das fremdes Leid ist“ (D. Sölle, 1973/2018, 196). Wo die Menschen empathisch sind kommen sie dazu, festzustellen, dass es kein fremdes, kein fernes, kein uns nichts angehendes Leid gibt. Mit Empathie kommt es nicht dazu, dass wir uns von „anderen“ Leidenden abnabeln. 2. Befreiungstheologie 50

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References

Zusammenfassung

In diesem Buch kommt die gesamte Bandbreite der Armut – hier in Bezug auf Kinder und Jugendliche – zur Sprache. Straßenkinder, Kinderarbeiter, Kinder und Armut, Kinder und häusliche Gewalt, Kindersoldaten, sexueller Missbrauch, missbräuchliche Religion und Menschenhandel. Darauf aufbauend wird eine Befreiungstheologie für Kinder formuliert, die unter anderem die Opfersituation bei Kindern und Jugendlichen theologisch ernst nimmt, dann aber auch die Facetten der rettenden Liebe und der ganz spezifischen Solidarität einblendet. Kinder werden als Botschafter des Glaubens betrachtet, was überraschen könnte. Aber es wird auch gefragt, ob unser Gottesbild und eine partiell narzisstische Verfasstheit des Christentums eine Hürde für eine radikale Solidarität mit den armen Kindern und Jugendlichen sein könnten.