Christoph Brüssel, Volker Kronenberg, Lenno Götze

Digitale Zukunft und neue Kultur

Wirkung auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4402-5, ISBN online: 978-3-8288-7397-1, https://doi.org/10.5771/9783828873971

Tectum, Baden-Baden
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Christoph Brüssel Volker Kronenberg Lenno Götze Digitale Zukunft und neue Kultur Christoph Brüssel Volker Kronenberg Lenno Götze Digitale Zukunft und neue Kultur Wirkung auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Tectum Verlag Christoph Brüssel · Volker Kronenberg · Lenno Götze Digitale Zukunft und neue Kultur. Wirkung auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2019 E-Book: 978-3-8288-7397-1 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4402-5 im Tectum Verlag erschienen.) Umschlagabbildung: © Senat der Wirtschaft Redaktion Senat der Wirtschaft: Martina Gschell, Leiterin Akademie Senat der Wirtschaft Alle Rechte vorbehalten Informationen zum Verlagsprogramm finden Sie unter www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Bibliographic information published by the Deutsche Nationalbibliothek The Deutsche Nationalbibliothek lists this publication in the Deutsche Nationalbibliografie; detailed bibliographic data are available online at http://dnb.ddb.de. 5 Inhaltsverzeichnis Vorwort der Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 Geleitwort – Bundesbeauftragter für den Datenschutz und die Informationsfreiheit . . . . . . . 9 Geleitwort – Vorstandsvorsitzender Senat der Wirtschaft Deutschland. . . . . . . . . . . . . . . . . . .12 Verantwortung und Ethik gewinnen an Bedeutung – Conclusio der Autoren. . . . . . . . . . . . . 14 Kapitel I . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .21 Digitale Technologie wandeln allein reicht nicht – 4.0 braucht eine neue Kultur in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .21 Ein Blick auf die technischen Entwicklungshorizonte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .31 Aspekte aus der Perspektive der Wirtschaft – der ökologisch-sozial motivierten Marktwirtschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74 Kapitel II . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95 Digitalisierung in Politik und Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95 Ethik und Moral – die Digitalisierung aus moralphilosophischer Sicht. . . . . . . . . . . . . 120 Potenziale nutzen und Risiken bedenken – der Mensch als zentraler Akteur der Digitalisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .137 Kapitel III . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143 Das ewige Leben auf Erden – digitale Dimension der humanen Evolution . . . . . . . . . .143 Gastbeitrag: Die medizinischen Aspekte der digitalen Dimension . . . . . . . . . . . . . . . . .153 Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159 7 Vorwort der Autoren Vorwort der Autoren Dr. Christoph Brüssel, Vorstand Senat der Wirtschaft Prof. Dr. Volker Kronenberg, Dekan der Philosophischen Fakultät, Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn Lenno Götze M. A., Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn Kaum ein zweites Thema dominiert derzeit die Agenden in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft wie jenes der Digitalisierung. Als technischer beziehungsweise technologischer Prozess keineswegs neu, bieten doch die Entwicklungsschritte der jüngeren Vergangenheit neue Potenziale wie Herausforderungen, die ein Nachdenken über Digitalisierung in den verschiedensten Bereichen des öffentlichen wie privaten Lebens sinnvoll, gar notwendig machen. Die Entstehung einer neuen, nicht nur politischen, sondern ebenso wirtschaftlichen wie gesellschaftlichen Kultur und Verantwortung gilt es dabei in den Fokus zu nehmen sowie die Fragen nach dem Umgang mit den mannigfachen Entwicklungsherausforderungen zu adressieren. Welche sozialen, welche ethischen Fragen – sei es beispielsweise im Hinblick auf selbstfahrende Autos, das Sozialsystem oder die generelle Gesetzgebung – werden durch digitale Impulse aufgeworfen? Welche 8 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft Konsequenzen für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bringen diese – auch im Hinblick auf finanzielle Herausforderungen – mit sich? Wo liegen grundsätzlich die Chancen, wo liegen die Risiken von Digitalisierung, abstrakter gefragt – was überhaupt meint heute „Digitalisierung“? Handelt es sich schlicht um Prozesse einer technischen Arbeitserleichterung? Prozesse im Sinne einer technischen Arbeitserleichterung? Oder handelt es sich bei der Digitalisierung – ins Extrem gewendet – um die Infragestellung der „conditio humana“, in dem Sinne, dass künstliche Intelligenz menschliche Intelligenz transzendiert, der Mensch der Maschine bald oder gar jetzt schon unterlegen ist? Verselbstständigen sich Maschinen, Roboter, Computer, die sich immer wieder neu selbst programmieren und von Menschen gar nicht mehr verstanden werden können? Werden klassische Dystopien Realität? Oder – wieder anders gewendet – birgt Digitalisierung jenes Entwicklungspotenzial, das selbst kühne Utopisten einstmals nicht zu skizzieren hofften? So oder so, oder im Sinne eines goldenen Mittelwegs: Digitalisierung fordert eine Ortsbestimmung der Gegenwart in Wirtschaft, in Politik (national wie international) und Gesellschaft, nicht zuletzt auch im Bereich der Medizin. Der vorliegende Band, bewusst multiperspektivisch auf die verschiedenen Handlungsfelder gerichtet, versucht einen Beitrag zu dieser aktuellen Debatte zu leisten – dies keineswegs mit eindeutigen Antworten, eher mit Fragen, Befunden und notwendigen Reflexionen. Es geht bei Digitalisierung um Chancen wie um Risiken, um Potenziale und Gefahren – so oder so, um Facetten eines Gegenstandsbereichs, der Handeln und Entscheidungen notwendig macht. Für Unternehmen, für politische Verantwortungsträger, für gesellschaftliche Akteure, seien sie kollektiv, seien sie familial, seien sie individuell. Die Entstehung von diesem Band in vorliegender Form ist auf der vertrauensvollen und langjährigen Kooperation zwischen dem Senat der Wirtschaft und der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, namentlich in Person von Dr. Christoph Brüssel und Prof. Dr. Volker Kronenberg, begründet. Professor Kronenberg dankt an dieser Stelle besonders seinen Mitarbeitern und Hilfskräften – Mateus Beckert, Christian Botz, Hendrik Erz, Marco Jelic, Christopher Prinz, Oliver Rau und Anna Zell – für ihren Einsatz bei der Recherche sowie ihre Unterstützung des Projekts. 9 Geleitwort – Bundesbeauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit Geleitwort – Bundesbeauftragter für den Datenschutz und die Informationsfreiheit Ulrich Kelber, Bundesbeauftragter für den Datenschutz und die Informationsfreiheit Die Digitalisierung verändert die Welt und prägt alle gesellschaftlichen Bereiche. Daher muss die Gesellschaft schnellstmöglich Antworten darauf finden, was die Digitalisierung mit ihr macht, wie und wo sie forciert werden sollte, wo und wie negative Auswirkungen vermieden werden können. Im Internet, bei den Suchmaschinen und den sozialen Netzwerken sind die negativen Folgen bisher am augenfälligsten: Hate Speech, Fake News, Filterblasen, Radikalisierung, Enthemmung, Werbeprofile, die auch von Dunkelmännern genutzt werden etc. umschreiben die Probleme, die jeder von uns kennt. Wir merken, dass wir in dieser „neuen Welt“ auch neue Regeln und Gesetze brauchen, weil die bestehenden oft nicht ausreichen, allein schon weil hohe Geschwindigkeit, niedrige Grenzkosten und Allverfügbarkeit neue Herausforderungen geschaffen haben. Gerade der Bereich der Profilbildung muss dringend stärker reguliert werden, weil die herangezogenen personenbezogenen Ausgangsdaten und die daraus gebildeten Ableitungen und Einschätzungen tief in die Privatsphäre der Nutzerinnen und Nutzer eingreifen. Kreditwürdigkeit, Risikobereitschaft, Vertrauenswürdigkeit, Gesundheitszustand oder sexuelle Orientierung werden anhand von Profildaten „errechnet“ und weitergegeben, ohne dass eine Einwilligung erfolgt oder eine andere gesetzliche Grundlage dafür vorliegt. In der Datenethikkommission waren wir uns einig, dass Profildaten einem höheren Datenschutzniveau unterliegen müssen als bisher. Auch weil die Profilbildung nicht nur Rechte der jeweils einzelnen Person beeinträchtigen kann, sondern – wie z. B. bei politischer Einflussnahme – auch die freie, demokratische und plurale Gesellschaft in ihrer Gesamtheit gefährdet. 10 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft Auch in der Industrie 4.0 kommen völlig neue Herausforderungen auf uns zu. Die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine, die Steuerung über digitale Cockpits und Sprachdialogsysteme oder mithilfe von Gestiken, der Einsatz von sensorischer Berufsbekleidung, Dual-Reality- Systemen oder gar Gehirn-Computer-Schnittstellen (BCI) werden ganz neue Rahmenbedingungen setzen. Besonders wichtig ist eine schnellstmögliche Umsetzung eines ordentlichen Beschäftigtendatenschutzes angesichts der möglichen umfangreichen Erfassung von Bewegungs- und Leistungsdaten der Arbeitnehmer oder die unter Umständen notwendige Erfassung biometrischer Daten. Hier müssen Speicherfristen, Kontroll rech te und das Recht auf Korrektur genauso geregelt sein wie der Ausschluss von Human-Resources-Algorithmen bei Einstellungsgesprächen. Ein weites Feld ist die Nutzung von Gesundheitsdaten in der Medizin und der Forschung. Natürlich können die vielen Daten, die mittlerweile in Arztpraxen, Krankenhäusern und der medizinischen Forschung anfallen, große Fortschritte in der Früherkennung, der Prävention und bei den Heilbehandlungen bringen. Es wäre geradezu unethisch, diese Daten dafür nicht zu nutzen. Aber Daten lassen sich eben auch selbst nach einer vermeintlichen Anonymisierung relativ leicht repersonalisieren. Im extrem sensiblen Gesundheitsbereich bleibt die ausdrückliche, freiwillige und informierte Einwilligung der Betroffenen deshalb das Maß aller Dinge. Sicherlich lassen sich dabei im Bereich der Forschung innovative Einwilligungsverfahren finden, die die Forschung weiter erleichtern und die Rechte der Betroffenen dennoch erhält. Ein wichtiges, weil stark auch von ethischen Fragen geprägtes Thema ist die Algorithmenkontrolle. Algorithmen sollen anhand der eingegebenen Daten ein definiertes Problem lösen. Dies kann aber auch zu „falschen“, alles andere als objektiven und fairen Ergebnissen führen, wie die berühmte Geschichte der automatisierten Bewerberauswahl bei Amazon gezeigt hat. Der Algorithmus sollte dort die geeigneten Bewerbungen herausfiltern, ohne z. B. etwas über das Geschlecht der Personen, die sich beworben haben, zu wissen. Weil die Belegschaft zum größten Teil aus Männern bestand und der Algorithmus in den sonstigen Daten der Bewerbungen Muster fand, die auf Männer häufiger zutreffen, suchte das System bevorzugt männliche Bewerber aus. Fachliche Qualifikation o. Ä. spielte in den Ergebnissen wohl eine untergeordnete Rolle. Es war das Gegenteil von dem, was die Entwickler gewollt hatten, falsche Trai- 11 Geleitwort – Bundesbeauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit ningsdaten und falsche Methodik hatten zu einem diskriminierenden Ergebnis geführt. Es bedarf daher dringend einer gesellschaftlichen Debatte darüber, wann, wie und wo solche Algorithmen eingesetzt werden können und wann nicht. Es muss Vorgaben für die Qualität bei der Entwicklung, dem Training und der Zulassung von Algorithmen geben. Es muss – neben einem weiten Feld des unregulierten Einsatzes – durchaus auch Bereiche geben, in denen automatische Entscheidungssysteme verboten sind, von Algorithmen bestimmte Technik eine Zulassung benötigt oder die Software-Entwicklung einem zertifizierten Verfahren folgen muss. Im vorliegenden Buch werden u. a. die von mir skizzierten Fragen und Probleme aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Wichtig finde ich dabei gerade den Blick auf die ethischen und moralischen Aspekte der Digitalisierung. Ich wünsche dem Buch und seinen Autoren viele interessierte und diskussionsfreudige Leserinnen und Leser. 12 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft Geleitwort – Vorstandsvorsitzender Senat der Wirtschaft Deutschland Dieter Härthe, Vorstandsvorsitzender Senat der Wirtschaft Fortschritt und Veränderungen sind dem normalen Lauf des Lebens zugehörig. Gesellschaften entwickeln sich, Politik reagiert und Märkte passen sich an. Jede Epoche hat ihren Lauf. In der Geschichte hat es immer wieder bemerkenswerte Veränderungssprünge gegeben, die dann meist als revolutionäre Schritte bezeichnet werden. Ohne Zweifel ist in der digitalen Transformation eine solche revolutionäre Veränderung für die globale Gesellschaft zu erkennen. Nahezu alle Prozesse unterliegen dieser Entwicklung. Möglichkeiten, die kaum erfassbar sind. Chancen wie Risiken, die ein neues Denken erfordern. Dass sich für die Menschen vieles verändert hat und noch viel mehr Neues kommen wird, ist längst keine Neuigkeit mehr. Folgen werden strukturelle Veränderungen gesellschaftlicher Konventionen und auch des gesellschaftlichen Alltagslebens. Politische Instanzen haben darauf zu reagieren, vieles zu steuern, zu regeln und zu lösen. Alle Bereiche der Wirtschaft haben auf die digitalen Veränderungen zu antworten. Das ist eine Selbstverständlichkeit, schließlich sind wirtschaftliche Prozesse davon stark betroffen und werden auch einen hohen Nutzen in der digitalen Perspektive finden. Für den Senat der Wirtschaft ist es eine gemeinwohlrelevante Aufgabenstellung, die digitalen Perspektiven in den Fokus zu nehmen. Als Wertegemeinschaft, die keine Einzelinteressen vertritt, sondern für das Gemeinwohl Verantwortung übernimmt, ist die Fragestellung aus der Blickrichtung einer Ökologisch-sozialen Marktwirtschaft zu beantworten. Prof. Volker Kronenberg mit Lenno Götze und Dr. Christoph Brüssel, als Hauptautoren und Herausgeber, sind in unterschiedlichen Funktionen fest mit dem Senat der Wirtschaft verbunden. Karl Heinz Land, 13 Geleitwort – Vorstandsvorsitzender Senat der Wirtschaft Deutschland als weiterer Autor, engagiert sich seit Jahren im Senat und Prof. Axel Ekkernkamp, als Gastautor in diesem Werk, ist Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung Senat der Wirtschaft. Sie alle stellen angesichts der digitalen Transformation zurecht die Frage nach einer neuen Kultur. Diese Fragestellung kann im Sinne des Vaters der Sozialen Marktwirtschaft, Alfred Müller-Armack, unserem Gesellschaftssystem zuträglich sein. In seiner letzten Publikation 1978 wies er noch einmal darauf hin, dass sich die Soziale Marktwirtschaft den jeweils aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen anpassen können wird. Die Überlegung zu einer neuen Kultur für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, als lösungsorientierte Antwort auf die digitalen Veränderungen, ist lohnenswert. Auch aus der Wirtschaft heraus, in der Verantwortung für die Gesellschaft, können Lösungsansätze entwickelt werden, da gerade in diesem Kontext sehr viel über die Zukunft der Arbeitswelt diskutiert wird. Im Sinne des Leitsatzes „Wirtschaft für Menschen“ wird es eine besondere Wertanerkennung erfordern, dort wo Menschen Dienstleistungen für Menschen erbringen. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sollen in Einklang auf die Veränderungen reagieren. Das bedeutet letztlich die Schaffung einer neuen Kultur. 14 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft Verantwortung und Ethik gewinnen an Bedeutung – Conclusio der Autoren Wirtschaft und Technologie So sehr technologische Entwicklung auch die Fantasie und das erstaunte Interesse wecken, die Dimension der digitalen Transformation ist aus der Perspektive gesellschaftlicher Entwicklungen, politischer Erfordernisse und Konsequenzen in der Wirtschaft eher in Blickrichtung der Anwendungskonsequenzen zu beobachten. Technische Facetten sind als bekannt vorausgesetzt, um die Folgen der Anwendung solcher technologischer Optionen mit den Gegebenheiten zu spiegeln. Die tatsächlichen Herausforderungen ergeben sich nicht aus dem Umbau zu einer digitalen Technik, die wirklichen Herausforderungen sind in der daraus resultierenden Automatisierung und Dematerialisierung weiter Teile aller Prozesse und Anwendungen zu erkennen. Aus dieser Veränderung ergibt sich die Notwendigkeit, nahezu alle Bereiche des gesellschaftlichen und politischen Lebens, aber bestimmt auch alle wirtschaftlich relevanten Sektoren zu beleuchten. Die als disruptiv erkannten Optionen erfordern ein wachsames Betrachten bestehender Regeln und die Analyse der Konsequenzen, um gegebenenfalls erweiterte, veränderte oder vollständig neue Regelwerke zu definieren. So ist es zwingend, dass Klarheit über die Anwendungskonsequenzen der Technologie geschaffen wird. Nicht die Technologie allein benötigt treffsichere Regularien, die Anwendungskonsequenzen und deren Folgen erfordern einen Konsens über notwendige Konventionen im Umgang und als Antwort auf die Herausforderungen. Eingedenk der exponentiellen Entwicklungsgeschwindigkeit digitaler Fortschritte sind Einzelfalldefinitionen allein nicht tauglich. Auch utopische, mindestens visionäre Annahmen potenzieller Entwicklungen müssen bei der Definition aller Anwendungskonsequenzen mitgedacht werden. Deshalb ist hier auch der Ruf nach einer neuen Kultur für Gesellschaft, Politik und Wirtschaft geboten. Eine solche unterscheidet sich eben im Grunde von Einzelfallbetrachtungen und schafft einen konsensualen Gesamtrahmen, der nicht auf Individualkonventionen angewiesen ist, sondern als richtungsweisend und damit auch Sicherheit gebende Linie durchdacht werden kann. 15 Verantwortung und Ethik gewinnen an Bedeutung – Conclusio der Autoren Gerade die neue Entwicklungsdimension im digitalen Bereich gebietet in der Wirtschaft eine Anpassung der tradierten Denk- und Forschungsideen. Über Visionen nachzudenken, ist bei dieser Geschwindigkeit der Veränderung beinahe zu langsam. Die Utopie, alle möglichen und vielleicht zum Zeitpunkt der Betrachtung sogar unmöglichen Entwicklungsträume rücken in die Position notwendiger Betrachtungsetappen. Bei der Konzeption von Regeln einer Kultur des Zusammenwirkens auf allen Ebenen sollte jedwede Utopie als potenzielle Möglichkeit der Zukunft eingebracht werden. Anderenfalls könnte die Regelungsidee von der Realität bereits überholt werden, bevor die Regeln überhaupt zur Anwendung kommen. Bloßes Reagieren auf erkennbare Gegebenheiten ist längst nicht mehr zeitgemäß. Vorausschauen bedeutet, zulässigerweise über die Realität der Gegenwart weit hinauszugehen. Das erfordert die Ausdehnung der Toleranz zu Gunsten derjenigen, die über Regelungsbedarf nachdenken. Utopische Überlegungen bei der Regelfindung müssen auch zulässig werden. In allen Bereichen, besonders aber in der Wirtschaft, ergibt sich erkennbar die Notwendigkeit, Verantwortungsdenken erweitert oder sogar neu zu definieren. Disruption einerseits und potenziell kaum zu erkennende Beeinflussungsmöglichkeiten durch die Anwendung von digitalen Optionen und die dadurch entstehenden Risiken gegenüber Dritten andrerseits führen zu einer verstärkt prospektiven und auch proaktiven Verantwortungspflicht wirtschaftlich handelnder Menschen. Alleine die Kenntnis über die disruptiven Funktionen erfordert bereits den aktiven verantwortungsvollen Umgang mit diesen Möglichkeiten. Sie stellt stärker als bisher die Verantwortung für die Folgen der Anwendung in den Herrschaftsbereich der Produzenten und Distributoren, da nicht sicher ist, ob die Anwender in der Lage sind zu erkennen, wie die Anwendungsmöglichkeiten zustande kommen. Dass Auftraggeber auch bislang immer davon ausgehen mussten, dass die beauftragten Dienstleistungen auch nach Recht und Gesetz erfolgen, wird vorausgeschickt. Durch die digitalen Möglichkeiten bleibt allerdings ein Großteil des Weges zum Erfolg der Dienstleistung im Verborgenen, da die digitalen Komponenten nicht von außen zu beleuchten sind. Sie müssen auch nicht dem Kern nach gegen Recht und Gesetz verstoßen, könnten allerdings auf verdeckte Art und Weise Erfolge erzielen, die nicht mit den ethischen Grundsätzen vereinbar sind. Hier ist 16 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft eine neue Qualität der Verantwortung für die Auftraggeber von Dienstleistungen gefordert. Jenseits der erkennbaren Gesetzeskonformität stellt die Offenlegung der Mechanismen, die zum Erfolg der Dienstleistung führen, eine neue zu fordernde Verantwortungsqualität dar. Teil einer neuen Kultur für die Wirtschaft muss sein, nicht nur Erfolge zu betrachten, sondern immer auch die Folgen der Anwendung und auch die Konsequenzen des Weges hin zum Erfolg zu bedenken. Wird also eine Grenzenlosigkeit der Möglichkeiten und die disruptive Weise der Zielerreichung als gegeben angenommen, dann liegt es im Bereich der Verantwortung, für die Grenzen der Anwendung und die Grenzen der Nutzung grenzenloser Möglichkeiten, im Sinne einer guten Kultur, proaktiv und ehrlich zu entscheiden. Die Berufung auf die Einhaltung formal bestehender Regeln allein reicht nicht aus, der Blick ins Verborgene und auf die eigene Verantwortung, die Grenzen im Sinne einer solchen Kultur zu respektieren, ist erforderlich. Das erscheint als eine Weiterentwicklung der bisherigen Verantwortungsdefinition. In der gleichen Logik ist auch die ethische Betrachtung zu verankern. Sowohl bei der politischen Komponente als auch im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Betrachtungswinkel sind die erkennbaren Veränderungen der Medizin und Gentechnologie einzusetzen. Unter dem Begriff Transhumanismus wird die Schaffung von lebensfähigen Organen oder medizinischen Komponenten durch digitale Möglichkeiten gesehen. Aus dem 3-D-Drucker entstehen Organe, die einerseits Leben erhalten können, andererseits in sich wiederum zu einer Neubewertung ethischer Komponenten führen müssen. Gegebenenfalls ist hier auch eine neue Dimension kultureller Überlegungen erforderlich. Bei der ethischen Betrachtung der Anwendung künstlich geschaffener lebensfähiger Organe könnte eine neue wichtige Aufgabe auf die Kirchen der Welt zu kommen. Wie in vielen Epochen, bei deren Veränderungszweifeln die Kirchen moralische Vorgaben zu geben in der Lage waren, könnte auch bei dieser Kernfrage menschlichen Lebens eine helfende Weisung dieser moralischen Instanzen wirksam werden. „Du sollst nicht töten“ ist eine einfache Formel, „Du sollst Leben nicht unendlich verlängern“ ist eine offene Frage. Allerdings stellen sich ethische Fragen in diesem Kontext bereits schon niederschwelliger. Beginnend mit der Entscheidungsstruktur, wer denn Zugang zu den 3-D-Organen bekommen kann. Ist es eine Finanzfrage? Ist es eine regionale Frage? Oder muss die Menschheit der Ge- 17 Verantwortung und Ethik gewinnen an Bedeutung – Conclusio der Autoren samtheit diese Möglichkeiten zwingend öffnen. Wer kommt dann für die Kosten auf? Die Solidargemeinschaft? Ist der Eingriff in die Schöpfungsgeschichte auch zulässig, wenn nicht elementar nur Leben gerettet wird, sondern sozusagen die Menschen zu Ersatzteillagern werden, damit sie deutlich älter, vielleicht 150 Jahre oder mehr werden? Kann ein solcher Eingriff in die Schöpfungsgeschichte nur auf technischen Entscheidungen basieren? Diese Fragen sind offen zu stellen, auch eingedenk der Konsequenzen aus der jeweiligen Entscheidung. Generationsfragen verschieben sich elementar, die Weltbevölkerung, die ohnehin noch deutlich ansteigen wird, würde neu zu berechnen sein. Die Frage der Ernährung, die Frage der Belastung unserer Umwelt und nicht zuletzt auch soziale Balancefragen sind in diesem Kontext zwingend zu durchdenken. Da die individuellen Entscheidungen additiv wirken und so das Gesamtgefüge in seiner Veränderung Steuerungsmechanismen unterliegt, ist es berechtigt, nicht über die einzelnen Fragen jeweils nachzudenken, sondern eine gesamtkulturelle Betrachtung in einen Diskurs einzubringen. So ist die Frage nach einer anderen oder neuen Kultur im Kontext digitaler Veränderungen eine sich unweigerlich aufdrängende Frage. Das wiederum bedeutet nicht, von der Regelung einzelner Herausforderungselemente Abstand zu nehmen, sondern den Gesamtblick zu eröffnen, für alle Bereiche zu thematisieren und damit als Aufgabenstellung alle Regelungserfordernisse zu definieren. Politik und Gesellschaft Ja, Digitalisierung stellt für Politik und Gesellschaft eine riesige Herausforderung dar. Nein, sie ist keineswegs unser Schicksal. Vielmehr steht die Politik in der Verantwortung, die Digitalisierung aktiv zu gestalten, statt sie von Wirtschaft und „Digital bzw. Technology Evangelists“ forcieren oder gar oktroyieren zu lassen. Die Digitalisierung birgt enormes Potenzial zur Bewältigung von vielen, sehr unterschiedlich gelagerten politischen Herausforderungen – einige dieser Möglichkeiten werden genutzt, andere werden von politischen Parteien nur unzureichend diskutiert. Das Thema Digitalisierung wird zudem politisch aktuell von den Parteien zumeist in einem primär instrumentellen Zusammenhang diskutiert. Zu wenig werden die Konsequenzen für die menschliche Auto- 18 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft nomie und Verantwortung debattiert, die sich aus den neuen Möglichkeiten ergeben – nicht jeder technologische Fortschritt erweist sich der „res publica“, dem Gemeinwohl, als dienlich. Deshalb gilt es in Zeiten allgemeiner „Technophorie“ ein relativierendes und politisches Korrektiv zu etablieren, das legislative Grundlagen schafft, Weitsichtigkeit beweist und dem technologischen Fortschritt zugeneigt ist und dennoch kritisch begleitet. Trotz der auffällig häufigen Nennung von Digitalisierung im Koalitionsvertrag und in den Parteiprogrammen fehlt es an einer klaren Strategie der Politik. Beispielhaft ist der Breitbandausbau zu nennen, der bereits vor vier und acht Jahren im Koalitionsvertrag verankert wurde und noch nicht finalisiert ist. Chancen bieten sich ganz konkret auch in Bezug auf die Veränderung der Arbeitswelt (beispielsweise die Flexibilisierung durch Home- Office-Tage), die Lösung der Verkehrsproblematik, die Optimierung der Diagnosefähigkeiten von Ärzten und die Entschärfung der angespannten Lage auf den Wohnungs- und Immobilienmärkten. Zudem werden Kompetenzen und Kenntnisse in nahezu allen Bereichen spezifischer, die Bedeutsamkeit von lebenslangem Lernen nimmt zu und wird Bestandteil beruflicher Qualifikation. Dennoch ist die Digitalisierung der Arbeitswelt auch mit Unsicherheiten verbunden, da ein Wandel der Organisationsstruktur auch Auswirkungen auf die persönliche Berufssituation haben kann und arbeitstechnische Verlustängste, gerade durch die genannten Spezifizierungen, in großen Teilen der Bevölkerung akut sind. Auch die Möglichkeiten des E-Governments und E-Votings, politisch wie gesellschaftlich, zählen gleichzeitig zu den großen Chancen wie Herausforderungen der Digitalisierung. Einerseits kann durch die Vereinfachung von politischen Prozessen und der Möglichkeit, jederzeit von überall zu wählen, eine Renaissance der Wahlbeteiligung – eine neue Kultur – entstehen, andererseits kommt die Frage auf, welche negativen Folgen entstehen: Wie wird der digitale Wahlvorgang kontrolliert, welche Sicherheitsmechanismen greifen? Grundsätzlicher noch: Mit der Digitalisierung geht ein gesellschaftlicher, nicht nur kommunikativer Strukturwandel einher, dessen vielfältigen dynamischen, teils aber auch undurchsichtigen Entwicklungen erst am Anfang stehen. Dabei liegt in der öffentlichen Debatte, zumal in der politischen, der Schwerpunkt häufig eindimensional auf den ökonomischen und technologischen Aspekten. Es geht aber, neben den genannten technologischen und wirtschaftlichen Perspektiven, ganz besonders 19 Verantwortung und Ethik gewinnen an Bedeutung – Conclusio der Autoren um den Einfluss auf gesellschaftliche Strukturen – fundamental auch um Aspekte von Ethik und Moral. Digitalisierung und künstliche Intelligenz (KI) besitzen allenfalls „funktionelle Autonomie“, genauer gesagt: Die Digitalisierung bestimmt nicht das Schicksal der Menschen, des Primats der Politik, sondern sie ist selbst Teil des Politischen. Sie unterliegt menschlichem Einfluss und der Entscheidungskompetenz der Menschen, sie muss organisiert, sie muss begrenzt, sie muss gestaltet werden; denn trotz aller Entwicklungen gibt es nach wie vor viele Bereiche, in denen die analoge, konkret menschliche Spontanität, Initiativität und Kreativität nicht zu ersetzen sind. Mithin gibt es im Hinblick auf die Gestaltung von Digitalisierung Herausforderungen und Chancen für Politik und Gesellschaft. So sollte die Durchsetzung und Erweiterung von „analogem“ Recht – vor allem von Rechtssicherheit – im digitalen Raum ein politisches Ziel darstellen. Dies auch und grundsätzlicher noch im Hinblick auf ethische und moralische Normen im Lichte eines sich verändernden Sozialverhaltens in der Gesellschaft – hervorgerufen beispielsweise durch die Anonymität in der digitalen Sphäre. Dabei ist jedoch klar, dass KI nicht die Wertentscheidungen des Menschen ersetzen darf. Wie gestern so auch heute und morgen gilt, wie es schon in der Entwicklung der Menschheitsgeschichte war: Fortschritt an sich ist weder per se positiv noch negativ, bringt häufig Verbesserungen und Erleichterungen, aber nicht selten auch Risiken und Gefahren. Auf Digitalisierung bezogen sind es, ganz konkret, beispielsweise Fragen des Datenschutzes, die die Gesellschaft national wie transnational beschäftigen – die Chimäre des gläsernen Bürgers, von „Big Brother“ kontrolliert, gar manipuliert. Im Fortschritt ist es, wie Sascha Lobo klug konstatiert, immer nur ein kleiner Schritt vom großen Versprechen zur großen Kränkung – zur „Digitalen Kränkung des Menschen“1. 1 Ausgehend von Sigmund Freuds Konzept der drei Kränkungen der Menschheit. Vgl. Lobo, Sascha (2014): Die digitale Kränkung des Menschen, online unter: www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/abschied-von-der-utopie-die-digitalekraenkung-des-menschen-12747258.html (5.9.2019). 21 Kapitel I Christoph Brüssel und Karl-Heinz Land Digitale Technologie wandeln allein reicht nicht – 4.0 braucht eine neue Kultur in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik Die digitale Entwicklung wird meist als die große Herausforderung der Zukunft bezeichnet. Dabei ist die Zukunft schon heute. Die digitale Transformation ist Gegenwart. Viele Bereiche des Alltags sind längst in digitaler Hand. Transformationen von Dienstleistungen und auch Konsumgütern wurden, scheinbar unmerklich, zu Mehrheitsanwendungen. Nennenswerte Teile der industriellen Produktions- oder Logistikbereiche der Wirtschaft und Konsumwirtschaft sind bereits transformiert. Der alltägliche Gebrauch und die zahlreichen Erleichterungen in weiten Teilen des Lebens, im Arbeits- und Konsumbereich werden begleitet von der revolutionären Veränderung der Kommunikationsmittel, -wege und -methoden. Die technischen Möglichkeiten sind überwiegend bekannt. Der Erfolgsweg digitaler Anwendungsmöglichkeiten wie des Internet, Smartphones, der E-Mail und vieler anderer Systeme und Devices macht schon lange an kaum einer Barriere des Alters oder der Bildungsgrade halt. Einfach, schnell, bezahlbar und grenzenlos erscheinen die Möglichkeiten. Die digitale Realität hat die Welt verändert. Die Arbeitswelt, die Erlebniswelt, die Lebenswelt. Global sind Gesellschaften in sozialen Alltagsstrukturen bereits anders geworden: Gewohnheiten haben sich ver- ändert und werden wohl auch nicht den Weg zurück suchen. Das betrifft die Kommunikation untereinander, die sozialen Gruppen der Freizeit wie Vereinsleben oder auch Zusammenkünfte, es betrifft aber vor allem Dienstleistungen und Kaufverhalten. Natürlich haben sich zahlreiche 22 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft Geschäfts- und Arbeitsprozesse unumkehrbar gewandelt.2 Selbstverständlich ist auch der überwiegenden Bevölkerung bewusst, dass solche Veränderungen bereits gegenwärtig sind. Allerdings sind die tatsächlichen Auswirkungen nicht hinreichend transparent und damit auch nicht jenseits einer qualifizierten Elite wissender Experten durchgängig erkannt. Das gilt für die Qualität der bereits realen Auswirkungen auf den Alltag und die persönlichen Umfelder und Handlungen, es gilt auch in Bezug auf die Gegenwärtigkeit der Folgen digitaler Veränderungsprozesse. Wer kauft noch Schallplatten oder CDs im Geschäft? Wer kauft überhaupt noch Musik? Der digitale Weg und die digitale Nutzung haben erfolgreich den Markt übernommen. Wer geht noch in ein Reisebüro, um Flüge zu buchen? Wie oft wird noch die eigene Hausbank aufgesucht? Oder warum wurde der ehrwürdige Brockhaus eingestellt, der viele Generationen in den heimischen Bücherregalen der bildungsbürgerlichen Familien als Zierde galt? Sind es oberflächliche Beobachtungen oder Indizien einer bereits tief in unser aller Leben eingedrungenen Transformation? Wenn von den zukünftigen Herausforderungen gesprochen wird, sollte die heute bereits vollzogene Realität nicht unbeachtet bleiben, damit erkennbar wird, wie unmittelbar die Veränderungen auf uns alle zukommen. Damit verdeutlicht sich die Notwendigkeit unmittelbarer Reaktionen und produktiver Aktionen. Die Musikindustrie beispielsweise hat die Folgen schon lange real zu bewältigen. Seit Jahren sind dort Arbeitsplätze angegriffen, die Unternehmensstrategien komplett andere Marktwelten und einige Unternehmen Vergangenheit.3 Es zeigen sich nominell mehr Beschäftigte in dieser Unterhaltungsindustrie, die Aufgaben sind aber deutlich verschoben. Große Konzerne mussten stark abbauen, Jobs in anderen Bereichen oder in anderen Organisationseinheiten sind dagegen neu entstanden. 2 Vgl. Initiative D21 e.V./TNS Infratest (Hrsg.) (2015): D21-Digital-Index 2015. Die Gesellschaft in der digitalen Transformation. Eine Studie der Initiative D21, durchgeführt von TNS Infratest, online unter: www.bertelsmann-stiftung.de/ de/publikationen/publikation/did/d21-digital-index-2015/ (5.9.2019). Vgl. Patrick Stähler (2002): Geschäftsmodelle in der digitalen Ökonomie. Merkmale, Strategien und Auswirkungen, 2. Aufl., Köln. 3 Vgl. Deutsches Musikinformationszentrum (2012): Beschäftigte in der Tonträgerbranche. Tonträger und digitale Musikprodukte, online unter: www.miz.org/ intern/uploads/statistik50.pdf (5.9.2019). 23 Eine neue Kultur in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik Andere Modelle und neue Unternehmen bestimmen real den Markt. Die „Plattenfirma“ oder der „Plattenvertrag“ sind für Künstler nicht mehr das erstrebenswerte Ziel. Gerade die bekannten Musiker können die Produktionen und Veröffentlichungen dank digitaler Welt bereits in Eigenregie stemmen. Über die sozialen Netzwerke ergeben sich wirkungsvolle Vertriebskanäle. Losgelöst von den Handelsstrukturen der traditionellen Märkte und ohne erforderliche Handelsspannen. Mehr noch, es werden neue Megastars gekürt, jenseits der traditionellen Medienmächte. Jeder einzelne hat die Möglichkeit, sein Werk zu veröffentlichen. Kein Programmdirektor oder Verleger muss überzeugt werden, kein Vertriebschef ist zu fragen. Das lässt den Nutzen der tradierten Musikfirmen massiv geringer werden. Gleichzeitig hat diese technologische Möglichkeit, bei allen Chancen für Künstler und unabhängige Produzenten, ultimative Folgen für Beschäftigte und Unternehmen im Handel und in der gesamten Entertainment-Industrie. Nur ein Branchenbeispiel, vergleichbare Entwicklungen zeigen auch andere Bereiche der Märkte.4 Neue Phänomene der Reiseindustrie sind für uns eigentlich längst normal geworden: Die Buchung über Reiseportale, die Auswahl der verschiedensten Preise eines angebotenen Hotels oder der Preischeck bei Flügen. Alles natürlich aus dem eigenen Wohnzimmer oder vom Schreibtisch im Büro. Für viele längst selbstverständlich geworden, der Einkauf aus dem eigenen Wohnzimmer heraus. Die großen Schritte kommen erst noch durch künstliche Intelligenz Dennoch werden die wirklich großen Herausforderungen für Wirtschaft und Politik, damit auch von gesellschaftlichen Dispositionen, erst mit den weiteren Schritten der Entwicklung von Technik und Anwendung, also der Akzeptanz durch Nutzer kommen. Gemeint ist die weiter fortschreitende Entwicklung der künstlichen Intelligenz und vor allem die 4 Vgl. Bundesverband Musikindustrie e.V. (Hrsg.) (2017): Musikindustrie in Zahlen 2016, S. 6, online unter: www.musikindustrie.de/fileadmin/bvmi/upload/02_ Markt-Bestseller/MiZ-Grafiken/2016/bvmi-2016-musikindustrie-in-zahlenjahrbuch-ePaper_final.pdf (5.9.2019). Vgl. Bundesverband Musikindustrie e.V. (Hrsg.) (2018): Musikindustrie in Zahlen 2017, online unter: www.musikindustrie.de/fileadmin/bvmi/upload/02_ Markt-Bestseller/MiZ-Grafiken/2017/BVMI_ePaper_2017.pdf (5.9.2019). 24 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft daraus folgende Automatisierung auch anspruchsvoller Bereiche der Arbeitswelt. Richtig spannend sind die intelligenten Computermodelle. Solche, die selbst lernen können, selbst lernen müssen. Diese von Menschen konstruierten und programmierten Werkzeuge sind so aufgestellt, dass sie immer schneller mehr wissen, Anwendungen selbst aufbauen und sich selbst weiter programmieren, also schlauer werden. So können diese Maschinen also viele der Arbeiten übernehmen, die eigentlich nur gut ausgebildete Menschen leisten könnten, hochqualifiziert ausgebildete Menschen. Damit ist nicht nur der industrielle Produktionsbereich abzudecken, dort wo Roboter oder Produktionsstraßen die technische Werkarbeit leisten; es werden zunehmend auch Dienstleistungen in Bürosektoren abgelöst. Die Schreibkraft ist bei vielen ja schon heute in der Hosentasche: Das Schreibprogramm vieler Smartphones setzt die Diktate der Nutzer zunehmend fehlerfrei direkt in Schrift um. Von dort per E-Mail zum Empfänger oder auf den eigenen Computer ins Büro, als Brief ausgedruckt, fertig ist das Schriftstück. Das genaue Buchhaltungsprogramm ist heute keine Hexerei mehr. Bald wird die Steuererklärung für den Mittelstand, inklusive der korrekten Buchhaltung und Kontieren, eine intelligente Computerleistung sein. Auch heute noch von Akademikern allein zu leistende Aufgaben werden dann per Knopfdruck fertiggestellt werden können. So zum Beispiel der anwaltliche Schriftsatz, ob Klageschrift oder Verteidigungsstrategie, eine Vielzahl der anwaltlichen Arbeiten soll bald schon automatisiert sein. Hat man das Bild des feurigen Plädoyers vor großer Gerichtskammer mit heldenhaft kämpfenden Advokaten im Kopf, so ist diese Szene mit einem Computer vor dem Richter kaum vorstellbar. Die Tagesrealität der vielen tausend Juristen jedoch ist eine andere: Der Alltag ist faktenbezogen, gesetzesgeleitet und nüchtern sachlich. Damit wird es erklärlich, dass der Großteil der verfahrensnotwendigen Schriftsätze wie Anträge, Erwiderungen, Einordnungen in aktuelle Rechtsprechung oder Kommentierungen möglicherweise sogar besser, umfassender, in jedem Fall schneller von intelligenten Automaten erstellt werden, als es die vielen fleißigen Juristen in Kanzleien und Amtsstuben leisten können. Der große Abschluss mit feurigem Auftritt mag dann dem Staranwalt vorbehalten sein. Ebenso ein besonders heikler Fall, die individuelle Strategieberatung, der juristische Beistand gro- ßer Sachen. Die Hintergrundarbeit, die heute für abertausende junge 25 Eine neue Kultur in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik Rechtsanwälte und Richter der Einstieg und Beginn der erhofften Karriere ist, werden wohl überflüssig werden. Wir sprechen vom autonomen Fahren bei Pkws und Lastwagen. Konsequenz ist klar die unbemannte Transportleistung von Personen und Gütern. Dann werden die heutigen Fingerübungen des Carsharing erst zur wirklichen Blüte kommen. Zu denken ist in diesem Zusammenhang auch an die Zukunft der Millionen Fahrer von Taxen oder Lkws. Zu beachten sind die vielen, die hinter diesen Dienstleistungen zuarbeiten, Disponenten, Manager, Reparaturwerkstätten – um nur ganz oberflächlich die Folgewirkungen anzureißen. Nicht alleine an die Technik denken Bei allen Überlegungen zu Konsequenzen und Handlungsoptionen in Wirtschaft und Politik mit Blickrichtung auf die digitale Transformation wird meist auf technische Entwicklungsmöglichkeiten geschaut. Welche Automatisierung wird mutmaßlich erforderlich, wie müssen Produktionsabläufe einer digitalen Zukunft gerecht werden? Der Blick ins Silicon Valley verheißt überwiegend die erhoffte „Blaupause“ zur Erstellung der eigenen Lösungsansätze. Die Frage muss zu stellen sein, ob der Wettlauf um die digitale Technik oder intelligente Software der alleinige Ansatz auf dem Lösungsweg sein sollte. Sind die Perspektiven dann hinreichend, wenn der Blick ausschließlich in Richtung des „digitalen Mekka“ der Bay Area Kaliforniens ausgerichtet ist? Oft vergessen, aber doch wirklich viel wichtiger ist die Fragestellung: Was macht diese neue Wirklichkeit mit uns? Was kommt mit der technischen Veränderung, welche Konsequenzen hat diese für alle? Das gilt für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft gleichermaßen. Die Konzentration auf Lösungsansätze der Anwendung, Lösung der Konsequenzen wird ohne Zweifel eine erfolgversprechende Zukunftsplanung sein. Für Unternehmen und für politische Instanzen soll der Aspekt durchdacht werden, nicht der technischen Entwicklung hinterherzulaufen, besser wirklich neue und zielführende Lösungswege zu suchen, die eine neue Kultur in der neuen Zeit einer digitalen Transformation zu schaffen in der Lage sind. Fragen der gesellschaftlichen und sozialen Folgen, also Fragen eines Miteinanders von digital und Mensch werden bei der Suche nach tragfähigen Lösungen der Zukunft wichtiger sein, als ausschließlich der Technik zu folgen. 26 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft Es ist derzeit zu beobachten, dass überwiegend in eine Richtung gedacht und geschaut wird; dem Trend folgend, eben Blickpunkt Silicon Valley. Vorbilder zu beachten ist ohne Abstriche empfehlenswert, jedoch den immer gleichen Trends hilfesuchend zu folgen und Gelungenes als Lösung übernehmen zu wollen, kann nicht ausreichend sein, wenn in der Wirtschaft oder im gesellschaftlichen Miteinander Spitzenpositionen als Ziel gelten. Zur Spitze gehört immer ein unikaler Moment, Besonderheiten, die unter anderen herausragen. Durch stetige Nachahmung der Trends ist die Spitze schwerlich zu erreichen. Zudem muss kritisch bemerkt werden, dass nicht jeder Trend – das gilt sicher für die digitale Welt – auch den richtigen Weg einer verantwortungsvollen und den Errungenschaften der ökologisch und sozial ausgewogenen Marktwirtschaft einschlagen können wird. Aus dieser Überlegung und vielen weiteren Gründen folgt, weiter zu denken als nur über die digital verfügbaren Instrumente. Hier hat bereits vor Jahren der kluge und von vielen Regierungen als Berater gefragte US-Ökonom und Visionär Jeremy Rifkin einen bemerkenswerten Anstoß formuliert.5 Er rät der europäischen Politik, an die erfolgreichen Tugenden der Geschichte zu erinnern und solche Strategien zu begründen. Rifkin meint, von Europa seien seit Jahrhunderten die intellektuellen und kulturellen Revolutionen ausgegangen. Die gesellschaftlichen Grundregeln entstanden aus diesem kulturellen Kontext. Ein Appell, der in die Richtung der Fragen, nicht allein von Regeln eines gesellschaftlichen Miteinanders zielt. Gleichermaßen wird auch die Anwendung der technischen Möglichkeiten dieser digitalen Transformation angesprochen. Rifkin beschreibt die zu erwartenden Konsequenzen einer totalen Automatisierung durch das Internet der Dinge.6 Die wirtschaftlichen Anwendungsfolgen werden angesprochen, mehr als die Technik; darüber hinaus immer wieder die Aufforderung zur Regelung der gesellschaftlichen Konditionen. Mit besonderer Aufmerksamkeit werden gerade die Teilnehmer des Wirtschaftsmarktes, die nicht durch ihre Größe und Finanzmittel begünstigt eigene Forschungen betreiben können, über Kultur und Anwendungsideen nachdenken müssen; im Fokus hier besonders der Mittel- 5 Jeremy Rifkin (2014): Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft, Frankfurt am Main. 6 Jeremy Rifkin (2015): Europa muss die Marktwirtschaft neu denken, in: Magazin SENATE II 2015, S. 28–36. 27 Eine neue Kultur in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik stand. Nur mit Automatisierungstechnologie können Mittelstandsunternehmen den Wandel nicht erfolgreich durchlaufen. Unterscheidung zwischen Digitalisierung und Automatisierung erforderlich Es sollte zwischen Digitalisierung und Automatisierung einerseits und zwischen digitaler Technik und Anwendung andererseits – auch in der Analyse oder Zukunftsplanung – unterschieden werden. Das ist in der öffentlichen Darstellung zu wenig der Fall. Nutzt ein Unternehmen die neueste Technik, entwickelt aber keine mindestens ebenso neue Anwendungsidee, dann könnte es zur leichten Beute des Wettbewerbs werden, da die Technik von beliebig vielen weiteren Unternehmen auch eingesetzt werden kann. In der klugen Anwendung allerdings wird die erfolgreiche Businessidee gefunden werden. Das wohl plausibelste Beispiel diesbezüglich ist das iPhone. Unzweifelhaft ein gigantisches Erfolgsmodell, ein bahnbrechendes Produkt, das so vieles und so viele verändert hat; längst von zahlreichen anderen Produkten begleitet. Jedenfalls ist das Smartphone zum Mittelpunkt weltweiter Konsumentenalltagsgeschehen geworden. Eigentlich jedoch war nicht die Technik der Schlüssel zum Erfolg: Das „iPhone-Phänomen“ ist nicht auf der besonders hochwertigen Technik begründet, sondern auf der genialen Anwenderorientierung. Die Entwicklung vom iPod, über Video-iPod zum revolutionären Schritt eines Webzugangs mit Telefon und Spielemaschine in der Hosentasche war die wirkliche Revolution. Heute längst nicht mehr nur Erreichbarkeit oder Unterhaltungstool, das Smartphone ist weltweit für Hunderte Millionen Menschen Bankschalter, Schreibkraft, Reisebüro oder Freundeskreisverwalter und mehr. Nicht die technische Faszination des iPhone-Vaters Steve Jobs hat den Durchbruch bestimmt, vielmehr war es die klare Erkenntnis, was Anwender wollen, was sie brauchen. Jobs selber soll technisch nicht hinreichend genial gewesen sein, er hatte die genialen Visionen der „Usability“. So geht ein deutlicher Appell an die Wirtschaft, an Unternehmen und Entscheidungsträger, mehr über Anwendung und deren Konsequenzen nachzudenken als einer Technikentwicklung hinterherzulaufen. Das sollte besonders für den Mittelstand gelten. Dort wo teure Forschung in lange Entwicklung und Tests unmöglich sind, kann die konzentrierte Suche nach der neuen Idee der Anwendung eine sinnvollere Lösung sein. 28 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft Und ebenso gilt der Umkehrschluss: Die neueste Technik ist wenig effektiv oder effizient, wenn die richtige Idee zur individuell erforderlichen Anwendung fehlt. Routinemäßige Anwendung sollte ausschließlich die Basis sein, Standard, selbstverständliche Voraussetzung. Dieser Gedanke ist auch auf politische Instanzen zu übertragen. Die aktuelle Diskussion beinhaltet viele technische Komponenten der digitalen Transformation. Im Mittelpunkt steht die Infrastruktur, oft die dortigen Defizite; weiter die zu erwartenden technischen Entwicklungen, deren Möglichkeiten, deren Risiken. Richtig und wichtig sind gleichermaßen Überlegungen zu Datenschutzherausforderungen und Datensicherheitserfordernissen. Zentrale Bedeutung hat im politischen Diskurs die Frage, ob Industrie und Mittelstand bei der anhaltend rasanten Weiterentwicklung mithalten können. Wie kann Politik diesen Wettlauf flankieren und möglichst beschleunigen helfen? Keine Denkmäler – neue Denkprozesse bitte Solche Denkprozesse, Diskurse und Forschungen sind erforderlich. Politische Instanzen haben all das zu begleiten. Dabei handelt es sich jedoch um die selbstverständlichen Grundmaßnahmen. Die Frage ist aufzuwerfen, ob denn nicht auch in der gesellschaftlichen und politischen Betrachtung die Anwenderfolge wesentliche Aspekte sind, die weit über die technische Relevanz hinausgehen werden. Was alles wird oder kann die Digitalisierung und die Automatisierung mit Individuen, Gesellschaft, ja auch mit den institutionellen Akteuren der Politik verändern? Was können die erforderlichen Reaktionen sein? Oder besser, welche Chancen und Möglichkeiten in der Gemeinschaft tun sich auf? Neue Perspektiven im Miteinander, mit belastenden, gefährdenden, aber eventuell auch mit positiven, herausragenden Konsequenzen für Staat und Gesellschaft. So könnte es erfolgreicher sein, über neue Kulturen in einer neuen Zeit nachzudenken, als technische Anpassung zu suchen. Bemerkenswert zum Beispiel ist, dass der Eindruck vorherrscht, in der Politik sei der Wandel noch nicht verstanden und es würde auch nichts unternommen. Dabei sind die Aktivitäten rege. Auf Bundesebene haben mindestens fünf Ministerien, spätestens seit 2013, intensive Be- 29 Eine neue Kultur in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik mühungen und strategische Programme.7 Die Bundesregierung hat, ebenfalls spätestens seit 2013, offizielle Regierungsprogramme, die vieles bewegen sollen und die Forschung und Wirtschaft unterstützen. Parallel laufen Bemühungen, die Gesetzgebung durchgehend mit der zu erwartenden digitalen Welt kompatibel zu gestalten. Auch die meisten Landesregierungen haben die Digitalisierung als Teile wichtiger Ministerien, meist Wirtschaft, implementiert. Mehr als vier Milliarden Euro stellt der Bund bereit, um kraftvoll an Fortschritt und Infrastruktur mitzuwirken. Warum also glaubt Volkes Stimme und viele Medienbeobachter, ebenso wie Vertreter der digitalen Zunft, dass Politik wenig unternehmen würde? An der Kommunikation sollte es nicht liegen: Einige Ministerien haben schon mehrere Weiß- oder Grünbücher publiziert. Mittelgroße Anzeigen und Onlinekampagnen sind geschaltet worden.8 Der Politik stehen konventionell definierte Instrumente zur Umsetzung der politischen Vorhaben zur Verfügung, die möglicherweise bei der digitalen Herausforderung nur teilweise ausreichend sein könnten. Die der Politik zur Verfügung stehenden Instrumente sind Regulierung, Strafrecht und Steuern. Bei der digitalen Welt sprechen wir von einer disruptiven Wirkung: Also auch ohne konventionelle Mittel oder Wege können Ziele erreicht werden. Die digitale Welt bringt längst neue, andere Bedingungen mit sich; neue Wege und neues Denken sind ständig angesagt. Auch die potenziellen Akteure oder Protagonisten sind überraschend und nicht vorhersehbar. Unternehmen, die aus der Studentenbude zum Weltkonzern werden, und Medienstars, die ohne TV- Sender oder Plattenfirma alleine zum Hit werden. Grenzkostenfreie Produktionsmöglichkeiten, grenzenlose Chancen. Deshalb ist die Frage zu erörtern, ob die der Politik zur Verfügung stehenden Instrumente angesichts dieser Herausforderung noch ausrei- 7 Siehe dazu Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2017): Weißbuch Arbeiten 4.0, Berlin, online unter: www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/ PDF-Publikationen/a883-weissbuch.pdf?__blob=publicationFile&v=9 (5.9.2019). Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (2017): Weißbuch Digitale Plattformen. Digitale Ordnungspolitik für Wachstum, Innovation, Wettbewerb und Teilhabe, Berlin, online unter: www.bmwi.de/Redaktion/DE/Publikationen/ Digitale-Welt/weissbuch-digitale-plattformen.pdf?__blob=publicationFile&v=24 (5.9.2019). 8 Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2017). 30 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft chend sind. Eine solche Überlegung kann ohne Vorwürfe und Angriffe gegenüber der Politik angesetzt werden, sodass ein offener Diskurs unter Beteiligung aller relevanten Gruppen aus Gesellschaft, Wirtschaft und Politik ermöglicht wird. Es ist auch zu überlegen, wie politischen Instanzen und Akteuren überhaupt neues Denken und neue Instrumente gestattet werden können. Oft verhindert die schnelle Kritik die überzogene Erwartungshaltung und ebenso der Mediendruck die Freiheit, neue Wege ausprobieren zu können. Hier ist anzusetzen, denn die disruptive Realität der digitalen Transformation verlangt eben nach Offenheit und Andersartigkeit, auch in der politischen Mechanik. Dann sollte dazu auch die Möglichkeit gegeben werden – jenseits der drohenden Abwahl wegen mutiger Lösungsversuche. Ja, die digitale Transformation braucht wirklich eine neue Kultur, Industrie 4.0 allein reicht nicht. Diese neue Kultur wird neben vielen Facetten auch eine neue Lösungskultur brauchen – in Wirtschaft, Gesellschaft und vor allem auch in der Politik. 31 Ein Blick auf die technischen Entwicklungshorizonte Ein Blick auf die technischen Entwicklungshorizonte • Was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert. • Was vernetzt werden kann, wird vernetzt. • Was automatisiert werden kann, wird automatisiert. Trotz dieses unwiderstehlichen Dreiklangs ist die Digitalisierung heute allenfalls beim Amuse-Gueule, dem Gruß aus Küche, angekommen, wie es ein Amazon-Manager treffend formulierte: Die Vorspeisen, Hauptgänge und die süßen Überraschungen kommen erst noch. Anders gesagt: Die Digitalisierung läuft sich erst jetzt langsam warm. Sie setzt demnächst zu Leistungssprüngen an, die zu kühnsten Erwartungen und gro- ßen Ideen einladen. Nichts bleibt, wie es war Der Intel-Begründer Gordon Earle Moore formulierte eine Gesetzmä- ßigkeit, die seither als das „Moore’sche Gesetz“ bekannt ist: Es besagt, dass sich alle ein bis zwei Jahre auf einem Computerchip doppelt so viele Transistoren unterbringen lassen wie zuvor.9 Vereinfacht gesagt: Die Rechenleistung der Computer verdoppelt sich im Zwei-Jahres-Rhythmus. Das Ergebnis ist spektakulär. Was Gordon Moore damals beschrieben hat, ist nichts anderes als eine exponentielle Funktion. Wenn man sie sich grafisch vorstellt, dann zeigt die Leistungskurve über viele Jahrzehnte nur eine sanfte Steigung. In einer solchen Betrachtung liegen ein Commodore C64 aus den 1980er Jahren und ein moderner Computer mit Intel-i7-Prozessor leistungsmä- ßig gar nicht so weit auseinander, obwohl sie aus Sicht eines Anwenders Welten trennen. Bei jeder exponentiellen Funktion wird irgendwann der Punkt erreicht, an dem der Graph steil nach oben steigt – bei der laufenden Verdopplung nach Moores Gesetz fast senkrecht und ins Unendliche. Dieser Zeitpunkt ist jetzt erreicht. Langsames Wachstum schlägt in eine Leistungsexplosion um. 9 Vgl. Jürgen Berke et al. (2017): Amazon: Im Hauptquartier des Shoppings, in: Wirtschaftswoche 29, 14.7.2017, S. 18 f. 32 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft So erklärt sich, dass seit 2010 eine Vielzahl digitaler Technologien plötzlich und fast gleichzeitig marktreif geworden sind. Die Exponentialität greift und treibt die Digitalisierung voran. Um die Kraft und die Geschwindigkeiten dieser neuen Zeitrechnung zu verstehen, müssen die Menschen ihren Hang zum linearen Denken überwinden. Es hilft nicht mehr, die Vergangenheit in die Zukunft fortzuschreiben, wie es Politiker, Unternehmer und Entscheidungsträger in der Gesellschaft gewohnt sind. Exponentiell zu denken heißt, das scheinbar Unmögliche in die Betrachtung einzubeziehen, Unberechenbarkeit als Prinzip zu akzeptieren und es immer für möglich zu halten, dass Innovationen von heute auf morgen alles verändern können. Könnte ein Besucher aus der Vergangenheit nachvollziehen, was es bedeutet, Zugriff auf das Wissen der Welt zu haben, jederzeit und überall? Dass wir mit einem kubischen Etwas sprechen, das uns die Welt erklärt oder Musik vorspielt? Würde ein Universalgenie wie Leonardo da Vinci (1452–1519), der als größter Erfinder der Renaissance auch Skizzen für Fluggeräte aufs Papier brachte, glauben, dass ein Airbus A380 mit einem Startgewicht von bis zu 590 Tonnen fliegen kann? Wahrscheinlich würden unsere modernen Technologien die Grenzen seiner Vorstellungskraft sprengen. Wir aber müssen jetzt die Phantasie, den Mut und die Kreativität aufbringen, um uns eine Zukunft vorzustellen, die schon in wenigen Jahrzehnten Realität wird, aber technologisch der Gegenwart (gefühlt) mehrere hundert Jahre voraus sein wird. Nicht nur, weil die Computer immer schneller werden, sondern weil jede neue Idee, jede neue Technologie, jede neue Erfindung die nächste Innovation beschleunigt. So werden die Fortschritte immer größer und folgen in immer kürzeren Zeitabständen aufeinander. Rund 800 Entscheidungsträger und Fachleute nahmen 2015 an einer Studie des World Economic Forums (WEF) teil. Sie sollten prognostizieren, welche Technologien sich aufgrund der Fortschritte in der IT bis 2025 durchsetzen werden. Die Auswertung, was in nunmehr sieben Jahren Stand der Dinge sein soll, zeugt von großem Optimismus.10 10 Vgl. Heike Buchter/Burkhard Straßmann (2013): Die Unsterblichen. Eine Begegnung mit dem Technikvisionär Ray Kurzweil und den Jüngern der „Singularity“- Bewegung, online unter: www.zeit.de/2013/14/utopien-ray-kurzweil-singulari ty-bewegung (5.9.2019). 33 Ein Blick auf die technischen Entwicklungshorizonte - 91,2 Prozent der Befragten glauben, dass bereits 10 Prozent der Menschen Kleidungsstücke tragen, die mit dem Internet verbunden sind. - 91 Prozent sind sich sicher, dass 90 Prozent der Menschen über unbegrenzten Speicherplatz verfügen. - 89,2 Prozent rechnen mit einer Billion Sensoren, die mit dem Internet verbunden sind. - 86,5 Prozent tippen auf den ersten Roboter als Apotheker. - 85,5 Prozent erwarten, dass 10 Prozent aller Lesebrillen mit dem Internet verbunden sind. Auch auf den hinteren Plätzen des Rankings entdeckt man spektakuläre Innovationen: - 76,4 Prozent der Befragten können sich vorstellen, dass die erste Leber aus einem 3-D-Drucker transplantiert wird. - 73 Prozent halten es für möglich, dass erstmals ein Land Steuern auf die Blockchain erheben wird. - 67,2 Prozent prognostizieren, dass bereits mehr Fahrten und Reisen mittels Carsharing vorgenommen werden als mit dem eigenen Auto. - 63,7 Prozent haben die erste Stadt (über 50 000 Einwohnern) ohne Ampeln vor Augen.11 Elon Musk, der Erfinder des Bezahlsystems Paypal, des Transportsystems Hyperloop und Chef von Tesla, erkennt die Potenziale der Exponentialität und hat spektakuläre Tipping Points vor Augen. Gleichwohl schätzt er die Folgen der Digitalisierung auch kritisch ein. So gehört er zum Kreis der Silicon-Valley-Manager, die in KI eine ernstzunehmende Gefahr für den Menschen sehen.12 Deshalb gründete er auch das Unternehmen OpenAI, ein Unternehmen, das an KI-Lösungen forscht, sie 11 Siehe zu den Zahlen: Klaus Schwab (2016): Die vierte industrielle Revolution, München, S. 171 ff. 12 Vgl. Alex Heath (2017): Elon Musk ist seinem Traum von einer Superwaffe gegen künstliche Intelligenz ein Stück näher gekommen, online unter: www.busi nessinsider.de/elon-musks-neuralink-sammelt-investitionen-in-hoehe-von- 27-millionen-2017-8 (5.9.2019). 34 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft aber über Open Source der Allgemeinheit zur Verfügung stellen will. Zudem hat Musk das Start-up Neuralink ins Leben gerufen, welches auf einen weiteren Tipping Point hinarbeitet: Neuralink will das menschliche Gehirn direkt mit Computern verbinden, indem winzige Geräte implantiert werden. Diese „neuronale Schnur“ soll gegen Hirnerkrankungen helfen, aber das menschliche Gehirn auch so „aufladen“ können, dass es der künstlichen Intelligenz etwas entgegenzusetzen hat. Neuralink soll auch „einvernehmliche Telepathie“ zwischen zwei Menschen möglich machen. Es wäre der ultimative Tipping Point erreicht, wenn es gelänge, das menschliche Gehirn mit dem Computer zu verbinden, Uploads des eigenen Wissens oder sogar Bewusstseins in einen Rechner vorzunehmen und vice versa Wissen und Kompetenzen in den eigenen Kopf downzuloaden. „Transhumanismus“ heißt diese interdisziplinäre Forschungsrichtung, die darauf abzielt, den Menschen „upzudaten“ oder „upzugraden“ – durch smarte Prothesen, die die Körperfunktionen verbessern, durch leistungsfähigere und länger lebensfähige Organe sowie durch neuronale Verbindungen zwischen Mensch und Maschine. Die exponentielle Energie der Digitalisierung führt eben nicht nur dazu, dass IT-Lösungen immer schneller und leistungsfähiger werden. Sie erfasst auch andere Technologien und Wissenschaften. Die Kraft wird wie mit einem immer schneller laufenden Transformationsriemen auf andere Disziplinen übertragen. Wenn die Digitalisierung eine Branche küsst, erstreckt sich die Exponentialität schlagartig auf sie. Grenzen des Aufstiegs der Digitalisierung oder neue Potenziale Nun gibt es Kritiker, die die Erwartungen an die Exponentialität der IT für überzogen halten. Ihr Hauptargument ist, dass das Moore’sche Gesetz in wenigen Jahren enden wird. Irgendwann seien die Schaltkreise nicht weiter zu verkleinern und die entstehende Wärme nicht zu managen, so ihr Urteil. Sie irren, denn die Exponentialität ist nicht nur durch die Computertechnologie entstanden, sondern längst auf sie zurückgesprungen. Die Exponentialität hält in der Computerindustrie Innovationen bereit, die die Spielregeln verändern: Quantencomputer werden den nächsten Leistungsschub bringen. „Traditionelle“ Computer arbeiten binär, also mit Bits, die entweder den Zustand 0 oder 1 darstellen können. Quantencomputer funktionie- 35 Ein Blick auf die technischen Entwicklungshorizonte ren anders. Ihre Qubits (Quantenbits) können beide Zustände gleichzeitig annehmen. Diese Fähigkeit führt beispielsweise zu völlig neuen Prognosemöglichkeiten in systemischen Zusammenhängen wie dem Verkehr. Herkömmliche Computersysteme können, wenn sie schnell sind, in Echtzeit berechnen, wo mit erhöhtem Verkehrsaufkommen und Staus zu rechnen ist. Mit diesen Daten lassen sich Verkehrsprognosen abgeben. Die Autofahrer könnten dann aufgefordert werden, einen bestimmten Bereich zu meiden oder zu umfahren. Mithilfe von Quantencomputern und Machine Learning ließe sich für jedes einzelne Auto genau festlegen, wann es rechts oder links abbiegen und welche Route es nehmen sollte, um den Stau zu vermeiden. Quantencomputer versprechen für Anwendungsfälle deutliche Verbesserungen, zum Beispiel in der Verschlüsselung von Daten, bei der Simulation von Vorgängen auf molekularer oder atomarer Ebene oder bei Wetterprognosen. Alle großen IT- Konzerne arbeiten an diesen neuen Rechnern, die jeden heute eingesetzten Supercomputer um Längen schlagen werden. Google und die USamerikanische Weltraumfahrtbehörde NASA präsentierten bereits 2015 einen Quantencomputer, der bestimmte Aufgaben 100 Millionen Mal schneller als herkömmliche Rechner lösen kann.13 In den nächsten drei bis sieben Jahren wird es bei den Quantencomputern in großen Schritten vorangehen. Die Quantencomputer werden in der Lage sein, die Myriaden von Daten so zu interpretieren, dass die ökologischen und sozialen Systeme der Welt laufend optimiert werden können. Quantencomputer sind zwar die beste, aber längst nicht die einzige Wette auf Computersysteme in völlig neuen Leistungsdimensionen. Das Start-up Lightmatter will etwaige physikalische Begrenzungen der Elektronik auf vollkommen andere Art und Weise überwinden: Statt mit elektrischen Signalen sollen die Rechner der Zukunft schneller und effizienter mit Lichtimpulsen arbeiten.14 13 Vgl. o. A. (2016): Googles Quantencomputer kommt wahrscheinlich schon 2017, online unter: www.wired.de/collection/science/googles-quantencomputerkommt-vermutlich-schon-2017 (5.9.2019). 14 Vgl. Rob Matheson(2017): MIT $100K Winner’s optical chips perform AI computations at light speed, online unter: http://news.mit.edu/2017/mit-100k-opti cal-chips-ai-computations-light-speed-0518 (5.9.2019). 36 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft Der Menschheit eröffnen sich Möglichkeiten, von denen sie heute kaum zu träumen wagt. Der Effekt ist bereits spürbar. Getrieben von der Exponentialität entsteht derzeit eine komplett neue Infrastruktur, ein Netz, über das bereits jetzt Milliarden Geräte miteinander kommunizieren, Informationen und Daten austauschen und das in Zukunft die verschiedenen digitalen Technologien integriert: das Internet der Dinge. Es bildet die neue Infrastruktur des Wohlstands. Klar ist deshalb auch: Die Digitalisierung wird weiter beschleunigt. Nie wieder wird der Wandel so „langsam“ sein wie heute. Digitalisierung verändert unsere Infrastruktur – ein neues Leben Die meisten Gesellschaften, die in Wohlstand und Frieden leben, haben das System einer Sozialen Marktwirtschaft. Zur modernen Denkrichtung, die vernünftigerweise die Herausforderungen der Zeit ohne Konflikte und übermäßige Regularien gestalten will, zählt die Neugestaltung einer Ökologisch-sozialen Marktwirtschaft. Dabei stehen Gedanken der Nachhaltigkeit gleichrangig neben den ökonomischen Gesetzmäßigkeiten und Zielsetzungen. In diesem Kontext werden viele Aspekte einer nachhaltigen und damit verantwortungsvollen Anwendung der digitalen Optionen zu denken sein, die auch später in diesem Buch erörtert werden. Ebenso jedoch werden auch enorme Potenziale zur Vermeidung umweltbelastender Emissionen erkennbar. Dabei bleibt das Ziel, den erreichten Wohlstand und die Wachstumspotenziale nicht zu mindern. Das erfolgreiche pa ralle le System einer Ökologisch-sozialen Marktwirtschaft und eines konsum be tonten Lebensstils sind als gesellschaftlicher Mehrheitswille etabliert und wohl nicht in Zweifel zu stellen. Ein System also, in dem Informationen fließen, Güter transportiert werden können und das Transaktionen ermöglicht. Im Mittelalter waren es die Orte an den Kreuzungen wichtiger Handelswege und Flüsse sowie die großen Hafenstädte, die besonders prosperierten. Zum Beispiel in der Blütezeit der Hanse, jenes Kaufmannverbundes, der Seewege und Handelsrouten auf dem Festland systematisch und ertragreich ausbaute. Die Erschließung Nordamerikas erhielt durch die großen Eisenbahnlinien nach Westen erst ihre Dynamik. Im Zuge der Industrialisierung im 19. und frühen 20. Jahrhundert bildeten sich die industriellen Zentren heraus. Heute entwickeln sich Cluster für be- 37 Ein Blick auf die technischen Entwicklungshorizonte stimmte Wirtschaftszweige. Beispielsweise das östliche Ruhrgebiet – des Wohlstands durch Stahl und Kohle beraubt – etabliert sich als Cluster für Logistik. Das heißt, Werte wurden und werden an Orten geschaffen, die für eine bestimmte Form des Wirtschaftens besonders geeignet sind. Solche Orte lösen sich in der Infrastruktur des Wohlstands auf. Das Internet kennt keinen Raum, keinen Platz und keine Masse. „Zero Gravity Thinking“ nennen sie das im Silicon Valley: Denken ohne Schwerkraft. Die neue Infrastruktur des Wohlstands besteht deshalb nicht aus Fabriken und Verkehrswegen, sondern aus Sensoren, Breitband- und Mobilfunknetzen. Sie lassen Abermilliarden Geräte miteinander kommunizieren, ob sie nun in New York City stehen, in einer Wohnung im Bergischen Land oder im entlegensten Winkel eines Entwicklungslandes. Verbunden sind sie alle im Internet of Things. Internet of Things – Das Internet der Dinge Das Internet der Dinge (engl. Internet of Things – IoT) steht für die aktuell laufende Weiterentwicklungsphase des Internets.15 Es geht nun darum, Maschinen und Geräte aus Fabriken, Wohnungen, Autos, Krankenhäusern oder Geschäften in diese Informationsinfrastruktur einzubinden und zu vernetzen. Dabei spielen verschiedene Technologien eine Rolle. Sensoren, die den Zustand, die Bewegung oder den Standort eines Gegenstands oder einer Handlung (wie eine Dienstleistung) – „things“, frei aus dem Amerikanischen also „Ding“ – feststellen. Die Funktechnik dient als weiterer wichtiger Bestandteil, um die Daten zwischen den Dingen auszutauschen. Oft erfolgt diese Kommunikation nicht direkt zwischen den Geräten, sondern über eine Cloud, in der massenhaft Daten gespeichert, analysiert und wiederum in Anweisungen übersetzt werden. Dabei werden fortgeschrittene Methoden der Datenanalyse und künstliche Intelligenz eingesetzt. Für das vielfach diskutierte autonome Fahren werden all diese Technologien benötigt, damit Kommunikation in Echtzeit erfolgt: Reaktionsgeschwindigkeiten von null sind für die Sicherheit von autonomen Verkehrslösungen unabdingbar. Die Bezeichnung „Internet der Dinge“ hat sich mittlerweile durchgesetzt, aber sie ist irreführend. In Wahrheit sind die Dinge, die Geräte, 15 Vgl. Vertical Media GmbH (2018): Internet of Things, online unter: www.gruen derszene.de/lexikon/begriffe/internet-of-things (6.9.2019). 38 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft gar nicht entscheidend. Ob es sich nun um Anlagen und Maschinen der Industrie handelt, um intelligente Körpergewichtswaagen, um Steuerungen für Heizungen, Leuchten, Jalousien, mitdenkende Küchengeräte im Smart Home, um winzige medizinische Roboter in unserem Körper oder um unsere Smart Watch: Sie alle mögen das Leben vereinfachen und verbessern, sind aber letztlich nur Mittel zum Zweck. Entscheidend sind in diesem System die Daten, die in einer unvorstellbaren Menge produziert werden und wie auf einem Möbiusband durch das System laufen. Sie initi ie ren innovative Dienstleistungen, neue Geschäftsmodelle und Produkte. Sie erst hauchen der technischen Infrastruktur Leben ein und lassen das „Internet der Services“ entstehen. Dies wäre der korrekte und zielführende Begriff. Um aber Missverständnisse zu vermeiden, wird im Weiteren nicht vom „Internet der Services“, sondern weiterhin vom Internet der Dinge die Rede sein. Das Marktforschungsinstitut Gartner prognostizierte Anfang 2017 für das laufende Jahr 8,4 Milliarden vernetzte Geräte im IoT und für das Jahr 2020 bereits 20 bis 30 Milliarden – gesteuert durch Billionen Sensoren.16 In naher Zukunft werden die Menschen Speicher, Sensoren und Chips sogar in sich tragen. Dadurch werden die Daten für jede Person so verdichtet und aufgewertet, dass zum Beispiel eine medizinische Behandlung von morgen nicht mehr mit der von heute zu vergleichen ist. Diagnosecomputer werden Krankheiten frühzeitig und mit größerer Sicherheit erkennen als Ärzte heute, Therapien können rasch und vorbeugend geplant werden. Die Medizin wird schnell über einen Datenschatz verfügen, der mithilfe künstlicher Intelligenz noch unerforschte Zusammenhänge zwischen Krankheitsbildern aufzeigen, ein tieferes Wissen über Krankheitsverläufe vermitteln und Therapievorschläge auf Knopfdruck bereitstellen wird. Alles, was vernetzt werden kann, wird vernetzt. Das folgende Beispiel zum autonomen Reisen illustriert, wie KI funktionieren wird. Angenommen, in naher Zukunft wird in China ein Produkt gefertigt, dass seinen Weg zu einer Familie in Hamburg-Fuhlsbüttel finden muss. Produkt und Verpackungen werden nun nicht nur per Funk und 16 Vgl. Gartner (2017): Gartner Says 8.4 Billion Connected „Things“ Will Be in Use in 2017, Up 31 Percent From 2016, online unter: www.gartner.com/en/news room/press-releases/2017-02-07-gartner-says-8-billion-connected-things-willbe-in-use-in-2017-up-31-percent-from-2016 (6.9.2019). 39 Ein Blick auf die technischen Entwicklungshorizonte RFID-Chip mit der Umwelt und mit der Cloud verbunden sein, sondern auch eine Form der Intelligenz beinhalten. Deshalb wird die Warensendung ihre Route selbstständig planen, sich zum Beispiel im Überseehafen von Tianjin in einen Container und auf ein Schiff einbuchen, das es zum günstigsten Preis-Leistungsverhältnis nach Hamburg befördert. Sollte es sich um kritische Ware handeln, etwa Lebensmittel, Chemikalien oder Medikamente, wird das Produkt diese Parameter in seine Entscheidung einfließen lassen. Natürlich wählt es sich dann nur Transportmittel aus, die seinen Ansprüchen an konstanter Temperatur oder Luftfeuchtigkeit entsprechen. Es wird ständig Daten über seinen Zustand in die Cloud senden. Sollte die Kühlkette unterbrochen werden, erfahren es der Produzent und der Abnehmer sofort. Das Schiff wird seinen Weg über die Meere künftig ebenfalls autonom finden. Das ist keine gespenstische Vorstellung, sondern eine rational begründbare: Die größte Fehlerquelle in der Seefahrt ist der Mensch. Und: Nichts ist im Schiffsbau so teuer, wie die Aufbauten, in denen die Seeleute logieren und arbeiten. In Hamburg angekommen, findet das Produkt seinen Weg durch den – heute schon – vollautomatisierten Containerterminal. Er ist ohnehin nach dem Prinzip der chaotischen Lagerhaltung organisiert: Nur noch die Maschinen wissen, wo sich welcher Container befindet. Die Sendung aus Fernost checkt sich automatisch beim Zoll ein, wird von Robotern überprüft und dann von einem automatisierten Lieferdienst übergeben, der sie an der Haustür des Empfängers abgibt. Vielleicht muss dieses Produkt aber in Hamburg erst noch auf die individuellen Wünsche des Bestellers angepasst werden. In diesem Fall navigiert sich die Sendung mit autonomen Fahrzeugen in eine Fabrik, setzt dort automatisch die Maschinen in Gang, vielleicht einen 3-D-Drucker, und begibt sich in überarbeiteter Version weiter auf den Weg zu ihrem Empfänger. Bei diesem Beispiel handelt es sich noch um Fiktion, aber keinesfalls um Science-Fiction. Die Technologien für solche Prozesse sind bereits alle vorhanden. Es geht in den kommenden Jahren und Jahrzenten darum, ihre Leistungsfähigkeit weiter zu steigern, ihr Zusammenspiel zu koordinieren und den Sicherheitsgrad der Anwendungen zu erhöhen. Dem Menschen wird in diesem weltumspannenden Prozess kaum noch eine Rolle bleiben. Die vielen Mitarbeiter der verschiedenen Wertschöpfungspartner, etwa die Disponenten von Reedereien oder Speditionen, die bisher solche Lieferwege managten, werden nicht mehr benötigt. Sie würden den vollautomatisierten Prozess mit ihrer Langsamkeit und Un- 40 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft sicherheit lediglich stören. Die Lieferung kommt autark schneller und günstiger ans Ziel. Das System aus Sensoren, Funk, Cloudspeicher und intelligenten Geräten macht es möglich. Die Wirtschaft rechnet mit immensen Gewinnen aus dem „Internet der Dinge“. Die Unternehmensberatung McKinsey hat in einer Studie vorgerechnet, dass mit dem IoT bereits im Jahr 2025 ein wirtschaftlicher Mehrwert in Höhe von elf Billionen Dollar zu erwirtschaften sein wird, was in etwa 11 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung entspräche.17 Wichtiger als diese Zahl ist es jedoch, wie dieser Mehrwert entsteht und wem er zugutekommt. McKinsey zählt Fabriken (bis zu 3,7 Billionen Dollar wirtschaftlicher Mehrwert), Städte (1,7 Billionen Dollar) und das Gesundheitswesen (1,6 Billionen Dollar) zu den größten Profiteuren des IoT. 90 Prozent des gesamten Mehrwerts, schlussfolgern die Unternehmensberater, werden den Anwendern in Form von Zeitersparnis und niedrigeren Preisen zufließen.18 Der Mensch ist nicht nur Nutznießer, sondern integraler Bestandteil des IoT. Er befindet sich bereits in der Matrix. Ein entscheidendes „Ding“ tragen fast alle Menschen mit sich: das Smartphone. Es sammelt die Gesundheitsdaten des Fitness-Trackers und der Body-Mass-Index- Waage und sendet sie an die Krankenversicherung, die dann einen individuell angepassten Tarif berechnet. Wir steuern unser Smart Home über Apps. Es verbindet die Fahrer mit den „connected cars“ der Zukunft, sorgt dafür, dass individuelle Einstellungen wie Lichtstimmung, Sitz- und Lenkradpositionen, Playlists für Musik und Routen automatisch übernommen werden. Wenn Konsumenten einen individuellen Wunsch haben, können sie per Handy einen kompletten Produktionsprozess in Gang setzen, der nur auf dieses eine, ihrer Individualität entsprechende Stück ausgerichtet ist – beispielsweise einen Sneaker, dessen Muster sie eigenhändig entworfen haben. Last but not least ist das Smartphone ein Instrument der Demokratisierung. Längst ist es das wichtigste Gerät, um niederschwellig und vergleichsweise kostengünstig in die digitale Welt einzutreten. Es eröffnet 17 Vgl. McKinsey & Company (2015): Internet der Dinge kann 2025 weltweit bis zu 11 Billionen Dollar Mehrwert schaffen, online unter: www.ots.at/presseaus sendung/OTS_20150625_OTS0058/internet-der-dinge-kann-2025-weltweitbis-zu-11-billionen-dollar-mehrwert-schaffen (6.9.2019). 18 Vgl. ebd. 41 Ein Blick auf die technischen Entwicklungshorizonte vielen Menschen den Zugang zu Information, Bildung, Kommunikation und sogar zu künstlicher Intelligenz. Jederzeit und von jedem Ort der Welt, an dem Netzempfang besteht. „Hey Siri, Okay Google, Alexa!?“ – diese Ansprachen für die KI-Systeme von Apple, Google und Amazon sind vielen Verbraucher bereits geläufig. Im nächsten Schritt wird diese Beziehung noch enger werden. Man mag ja die ersten Wearables, zum Beispiel die Datenbrille Google Glass oder Apples erste Versuche mit der Smart Watch, durchaus belächeln, aber die Verbindung zwischen Mensch und digitaler Sphäre wird immer dichter. Das bedeutet in diesem Zusammenhang auch, dass demnächst zunehmend intelligente Kleidungsstücke auf den Markt kommen werden. Und in einem finalen Schritt werden die Menschen durch Hardware-Implantate zu Cyborgs. In nicht allzu ferner Zukunft werden Ärzten und Schwestern die medizinischen Daten ihrer Patienten auf einer Datenbrille angezeigt, sobald sie das Krankenzimmer betreten, danach werden die Informationen über Kontaktlinsen und schließlich über einen implantierten Chip übermittelt. Auf dem Weg zum Cyborg – die direkte Verbindung Mensch und Maschine Bereits heute haben sich einige Menschen einen Chip implantieren lassen, der wesentliche persönliche Daten enthält und potenziell in der Lage ist, die Person rechtssicher zu identifizieren. Zukünftig wird so die Tür des eigenen Autos zu öffnen sein, die persönliche Konfiguration für Sitz, Lenkrad, Playlists, Navigation, Licht- und Soundstimmung sich automatisch einstellen und auf einen Sprachbefehl oder eine Geste hin den Motor starten. Im Notfall ist ein Arzt sofort über den Gesundheitszustand, Medikamente, Allergien und die Anamnese informiert; der Chip überträgt alle Daten umgehend auf sein Tablet. Vielleicht werden viele in einigen Jahren die Haustür über einen Fingerabdrucksensor, wie ihn heute schon Laptops und Smartphones nutzen, öffnen. Oder: Die Wohnung identifiziert die Bewohner bereits per Gesichtserkennung. Einige dieser Applikationen sind bereits im Einsatz. Schon längst gebräuchlich ist die Datenspeicherung auf Kfz-Schlüsseln, die individuelle Einstellungen des Fahrzeugs ermöglichen. Nur die Implantation in einen Körper ist neu. 42 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft Mehr als 3,5 Milliarden Smartphones, so eine Berechnung für Dezember 2017, sind im Gebrauch.19 Sie sorgen nicht nur in der entwickelten Welt für einen demokratisierten Zugang zu Services, zu Information und Bildung, sondern auch in den Entwicklungsländern. Die gleichen Technologien dienen in beiden Sphären zur Lösung unterschiedlicher Probleme: So mag ein Smartphone die Menschen in Konsumgesellschaften mit Chatbots verbinden, um Serviceanfragen an einen Einzelhändler oder Dienstleister abzuwickeln. In Entwicklungsländern hingegen können die Bots als Instrukteure für Landwirte, für Dorfvorsteher oder Lehrer in abgelegenen Gegenden zum Einsatz kommen. Wie bedeutsam das Smartphone auch für arme Menschen geworden ist, zeigt das Beispiel der Flüchtlinge. Ohne Smartphones kämen viele Menschen in Afrika nicht auf die Idee, sich auf den lebensgefährlichen Weg nach Europa zu machen. Sie sind die Verbindung nach Hause, bieten die Möglichkeit, sich untereinander zu koordinieren und die Reise zu organisieren. In Europa soll ihnen dabei in Zukunft die Plattform Masdar helfen, die über Smartphones zugänglich ist und die Flüchtlinge in den verschiedenen Phasen ihres Weges begleitet – von einer möglichst sicheren Flucht über Unterkünfte bis hin zur ökonomischen, sozialen und kulturellen Integration. Das Projekt der Dutch Coalition of Humanitarian Innovation und TTC Mobile basiert auf Daten, die durch die Crowd, eine Gruppe von hilfsbereiten Menschen und Nichtregierungsorganisationen (NGOs), bereitgestellt werden.20 Zahlungssystem M-Pesa – es muss nicht immer Hightech sein Die Bedeutung von Smartphones für die Kommunikationsnetze im Trikont, wie die Dritte Welt von Experten der Entwicklungsarbeit genannt wird, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Technologische Infrastrukturen mit Breitbandnetzen und WLAN lassen sich in den ländlichen Gebieten der Entwicklungsländer nicht aufbauen. Mobile Netze 19 Vgl. statista (2019): Anzahl der in Gebrauch befindlichen Smartphones weltweit nach Betriebssystem im Dezember 2017 (in Millionen), online unter: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/246004/umfrage/weltweiterbestand-an-smartphones-nach-betriebssystem/ (7.9.2019). 20 Siehe dazu Signpost (o. J.): What’s unique about Signpost?, online unter: www. signpost.ngo/ (7.9.2019). 43 Ein Blick auf die technischen Entwicklungshorizonte und Smartphones schließen diese Lücke. In Afrika boomt beispielsweise das Mobile Payment mit dem System M-Pesa. Das liegt daran, dass die Internet- und Wireless-Infrastruktur sowie die Bankfilialen und Geldautomaten, wie sie in entwickelten Staaten vorhanden sind, nicht flächendeckend zur Verfügung stehen. M-Pesa zeigt, wie auch ohne diese Investitionen gute und bequeme Finanzdienstleistungen möglich sind. Nutzer von M-Pesa benötigen kein Bankkonto, keine Geld- oder Kreditkarten: Die Afrikaner überspringen dieses Stadium des bargeldlosen Bezahlens einfach. M-Pesa wickelt Geldgeschäfte von Smartphone zu Smartphone ab. Mittlerweile wird das System, hinter dem der Mobilfunkbetreiber Vodafone steht, zudem in asiatischen Staaten wie Indien und Afghanistan als auch in Rumänien und Albanien eingesetzt.21 Festzuhalten bleibt: Das Internet der Dinge sorgt für einen Effizienzschub in der Wirtschaft, lässt neuartige, datenbasierte Services und Geschäftsmodelle zu, öffnet und demokratisiert den Zugang zu Information und Kommunikation auch in wenig entwickelten Regionen. Die Spanne technologischer Potenziale reicht von hochentwickelten Systemen bis zu einfachen, fast improvisierten Lösungen. Die neue Infrastruktur kennt viele Facetten und Ausprägungen. Und sie verfügt mittlerweile über ein „Betriebssystem“, das Unternehmen, Menschen und Organisationen vor Betrug, Datenmissbrauch und Identitätsklau bewahrt: die Blockchain. Blockchain – das Internet erfindet sich neu Außerhalb der Expertensphäre vermag kaum jemand zu sagen, was es mit der Blockchain-Technologie auf sich hat. Nur 11 Prozent der deutschen Bevölkerung wissen „in etwa“, was der Begriff bedeutet. 22 Prozent haben, so eine Studie des Marktforschungsinstituts YouGov im September 2017, das Wort immerhin schon einmal gehört.22 Entwickelt wurde das Konzept, um die virtuelle Währung Bitcoin verwalten und handeln zu können. Das Faszinierende ist: Die Blockchain 21 Vgl. Miriam Wohlfahrt (2017): Afrika zeigt der Welt, wie mobiles Bezahlen geht, online unter: www.welt.de/wirtschaft/bilanz/article162694583/Afrika-zeigt-der- Welt-wie-mobiles-Bezahlen-geht.html (7.9.2019). 22 Nikolas Buckstegen (2017): Blockchain – Revolution: Nur wenige Deutsche kennen den Begriff, online unter: https://yougov.de/news/2017/08/31/blockchainrevolution-nur-wenige-deutsche-kennen-d/ (7.9.2019). 44 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft vereinfacht Geschäfte und Transaktionen über das Internet enorm. Bislang sind sogar einfache Bankgeschäfte eine komplizierte Angelegenheit: Benötigt werden ein Vertrag und mindestens zwei Konten, eines für den Sender und eines für den Empfänger des Geldes. Damit sind in der Regel zwei Banken im Spiel. Überweisungen müssen veranlasst und autorisiert werden – zum Beispiel mit einer TAN. Und so weiter. Die Blockchain regelt solche Transaktionen viel effizienter – und vor allem sicherer. Im Grunde ist sie eine Transaktionsdatenbank, ein digitales Kontobuch, das auf viele Rechner verteilt wird. Wenn Person A an Person B fünf Euro überweisen will, schreibt die Blockchain für jeden Schritt der Transaktion einen neuen Datensatz (Block) und reiht diese Abschnitte zu einer Kette (Chain) auf, von der initialen Überweisung bis zur Rückmeldung: „Geld ist angekommen.“ All diese Informationen werden mit einem Zeitstempel zeitgleich und dezentral auf 1000 – die Zahl ist fiktiv, erklärt aber das Prinzip – verschiedenen Rechnern gesichert. Wenn sich ein Krimineller vornimmt, diese Transaktion zu hacken und die Übertragung an einem Knotenpunkt im Internet zu verfälschen, dann läuft seine Attacke ins Leere. Er kann noch so oft behaupten, die fünf Euro müssten bei ihm landen. Immer wird die Blockchain melden: „Diese Transaktion ist nicht autorisiert, 999 andere Datensätze mit gleichem Zeitstempel nennen Person B als Empfänger.“ Da es absolute Sicherheit im Netz nicht gibt, ist es natürlich denkbar, dass selbst Blockchain-Transaktionen mit tausenden Datensätzen und tausenden identischen Zeitstempeln manipuliert werden können. Aber das Risiko erscheint gegen- über Hacker-Angriffen auf Bank- und Kreditkartenkonten doch eher gering. Die Blockchain ist sozusagen das Betriebssystem der vernetzten Welt, des Internets der Dinge, wie Windows das Betriebssystem für den PC ist. Die Blockchain organisiert Geschäfte direkt zwischen A und B, „Peerto-Peer“, Ende zu Ende, wie es in der Fachsprache heißt. Diese Qualität treibt vielen Bankmanagern die Sorgenfalten auf die Stirn. Der Grund: Mit der Blockchain stellt sich die Frage, wozu Kreditinstitute als Mittler und Verwalter des Geldes überhaupt noch benötigt werden. Absender und Adressat einer Überweisung kommen prima ohne Banken aus. Ein weiterer, entschiedener Vorteil der Blockchain ist, dass Transaktionen wie Geldüberweisungen mit Verträgen und Bedingungen verknüpft werden können. Solche „Smart Contracts“ eröffnen eine Palette neuer Gestaltungsoptionen, die Geldgeber in eine gute Position bringen: 45 Ein Blick auf die technischen Entwicklungshorizonte So muss ein Leasingnehmer im Zweifel damit rechnen, dass sich sein geleastes Auto nicht mehr starten lässt, wenn er die Raten nicht regelmä- ßig überweist. Menschen, die aus der Sozialkasse unterstützt werden, können vielleicht einen Teil ihres Geldes nur zweckgebunden ausgeben. Eltern können sicherstellen, dass ihre studierenden Kinder ihre monatliche Zahlung wirklich für Miete oder Bücher ausgeben. Wenn der Nachwuchs das Geld dann doch lieber für einen Abend im Club oder für einen Kurzurlaub investieren will, streikt das System: Zahlung verweigert. Darüber hinaus kann man diese smarten Verträge in der Blockchain automatisieren. Auf Schritt A folgt automatisch B. Und Schritt C vielleicht nur, wenn eine weitere Bedingung erfüllt ist. Mit der Blockchain-Technologie lassen sich zudem Smart Contracts so gestalten, dass sie für viele Mitglieder eines Netzwerks gelten. Dies geschieht über zwei Tools: „Decentralized Application“ (DApps): Hierbei handelt es sich – vereinfacht gesagt – um Websiten, die die User über Smart Contracts direkt mit einer Blockchain verbinden. Smart Contracts und DApps sind eine Stärke der Ethereum-Blockchain.23 „Decentralized Autonomous Organization“ (DAO): Auf Basis von smarten Verträgen in der Blockchain lassen sich autonome Organisationen aufbauen, die quasi nur in der Blockchain existieren und über Kryptowährungen Geschäfte abwickeln. Um ein Beispiel zu nennen: Ein autonom fahrendes Taxi könnte sich über eine DAO selbst verwalten: Fahrten annehmen, virtuelles Geld kassieren, Werkstätten mit Reparaturen oder Softwareupdates beauftragen.24 Das heißt: Mithilfe der Blockchain können Menschen und Organisationen direkte Verträge abschließen – ohne „Mittelsmänner“, wie es beispielsweise Geldinstitute sind. Gleichzeitig können Anbieter von Dienstleistungen und Produkten direkt mit vielen Menschen oder Organisati- 23 Siehe dazu: Kai Schiller (2018): Was ist eine DApp (dezentralisierte App)?, online unter: https://blockchainwelt.de/dapp-dezentralisierte-app-dapps/ (7.9.2019). 24 Siehe dazu: Kai Schiller (2018): Was ist eine DAO (Dezentrale Autonome Organisation)?, online unter: https://blockchainwelt.de/dao-dezentrale-autonomeorganisation-was-ist-das/ (7.9.2019). 46 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft onen Geschäfte machen. Und es können sich Organisationen bilden, die autonom funktionieren. Viele Unternehmen arbeiten bereits intensiv daran, ihre Geschäfte mit der Blockchain neu zu organisieren. Ein anschauliches Beispiel ist Fritz Joussen, Vorstandsvorsitzender des Touristikkonzerns TUI, der Hotelbetten in den Feriengebieten jetzt über die Blockchain verwalten will.25 Sein Problem ist die mangelnde Transparenz unter den Ländergesellschaften. Sollte etwa das Kontingent der deutschen Vertriebsgesellschaft für ein Reisegebiet erschöpft sein, sehen die Verkäufer derzeit nicht, ob womöglich die britische Vertriebsgesellschaft über freie Betten in der Region verfügt. Die Blockchain soll das ändern. Sie erlaubt allen Beteiligten den Blick auf dieselbe reale Gegebenheit. Unterdessen haben namhafte Unternehmen, darunter Cisco und die Bosch-Gruppe, die „Trusted IoT Alliance“26 ins Leben gerufen, um mittels der Blockchain Sicherheit, Transparenz und Vertrauen ins Internet der Dinge zu schaffen. Für den Erfolg des IoT ist dies der entscheidende Faktor, denn die Gefahr von Hackerangriffen und Datendiebstahl stellt derzeit noch eine Herausforderung dar. Die Blockchain gewährleistet im IoT, dass die Urheber von Transaktionen sichtbar, ihre verschiedenen Stufen transparent und auch weitgehend sicher bleiben. Die Mitglieder des Konsortiums arbeiten bereits an verschiedenen Projekten – von Kilometerzählern, die nicht manipuliert werden können, über eine verlässliche Identitätsprüfung für Luxusgüter bis hin zur smarten Finanzierung von Handelsgeschäften. Das IT-Unternehmen IBM hingegen arbeitet mit Unternehmen wie Nestlé, Unilever und Walmart daran, die Blockchain für die Lebensmittelindustrie zu nutzen.27 Mithilfe der Blockchain werden Herkunft und 25 Eva Müller (2017): „Blockchain ist die Zukunft – da muss die ganze deutsche Industrie hin“, online unter: www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/ blockchain-monopole-wie-booking-oder-airbnb-brechen-a-1140811.html (7.9.2019). 26 Vgl. o. A. (2017): Bündnis zur Nutzung von Blockchain: Trusted IoT Alliance, online unter: www.scope-online.de/news/buendnis-zur-nutzung-von-block chain.htm (7.9.2019). 27 Vgl. IBM (2017): Blockchain-Kooperation für höhere Lebensmittelsicherheit: IBM kündigt Zusammenarbeit mit Nestlé, Unilever, Walmart und sieben weiteren Unternehmen an, online unter: www-03.ibm.com/press/de/de/press release/53029.wss (7.9.2019). 47 Ein Blick auf die technischen Entwicklungshorizonte Weg der Lebensmittel zum Verbraucher lückenlos und transparent dokumentiert. Damit, so hoffen die beteiligten Unternehmen, werden auch die gesundheitlichen Folgen aufgrund des Konsums verunreinigter Lebensmittel gemildert, da sich durch die Blockchain einerseits die Ursachen dafür schneller ausfindig machen lassen; andererseits lassen sich alle Beteiligten in der Versorgungskette schneller informieren, um gegebenenfalls Produktrückrufe zu organisieren. Solche Initiativen können Leben retten: Pro Jahr erkrankt jeder zehnte Mensch an verunreinigten Lebensmitteln, 400 000 sterben an Lebensmittelvergiftungen. Wie TUI, IBM und seine Partner oder die Mitglieder der Trusted IoT Alliance klopfen jetzt viele Unternehmen und Organisationen die Blockchain auf ihren Nutzen ab. Egal ob es darum geht, Leasingverträge zu automatisieren, Bildungskarrieren zu dokumentieren oder Wahlen in Staaten mit labiler politischer Lage fälschungssicher zu organisieren – die Blockchain verspricht die Lösung. Sie ist der Missing Link zwischen dem Leistungsversprechen der Digitalisierung und dem wahren Gewinn für Unternehmen und Menschen. Sie wurde entwickelt, um die virtuelle Währung Bitcoin und ihre Nachfolger IOTA und Ethereum erzeugen und handeln zu können: Egal ob Millionenbeträge überwiesen, Mikrokredite zugeteilt oder das Recht auf 100 Gramm Reis übertragen werden sollen. Ein noch zu lösendes Problem der Blockchain ist der Faktor Zeit: Sie läuft bisher nicht im Echtzeitmodus. Die Blockchain gibt eine Transaktion erst frei, wenn all die identischen Datenbanken sicher erreicht wurden und ihr Okay zurückmelden. Die daraus resultierende Latenzzeit des Blockchain-Netzes kann bei Transaktionen, die nicht zeitkritisch sind, vernachlässigt werden. Sie stört aber nach wie vor einfachste Alltagsgeschäfte: Kein Tankwart lässt seinen Kunden weiterfahren, solange die Blockchain nicht Vollzug gemeldet hat, denn in dieser Zwischenzeit ist die Transaktion gegebenenfalls stornierbar. Wartezeiten sind die Folge, und die sind weder für den Tankwart noch für den Kunden akzeptabel. Von Echtzeittransaktionen, die ja ein Wesensmerkmal der digitalen Transformation sind, kann also weiterhin keine Rede sein. Aber letztlich ist es eben eine Frage der Zeit, bis auch dieses Problem überwunden sein wird. Zu Recht betonen der Pionier Don Tapscott und sein Sohn Alex, Gründer des Blockchain Research Institutes (BRI) in Toronto, das disruptive Potenzial dieser Technologie. In ihrem Buch „Die Blockchain 48 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft Revolution“28 kennzeichnen sie die Blockchain als „Protokoll des Vertrauens“. Es ist genau diese Qualität, die digitale Geschäftsmodelle und Transaktionen jedweder Art auf das nächste Level hebt und für alle Nutzer eine neue Phase des Internets einläutet. Sie wird Transaktionen schneller, einfacher und sicherer machen, Vertrauen als entscheidenden Erfolgsfaktor digitaler Geschäfte stiften sowie den Zugang zu und Nutzen von digitalen Lösungen weiter demokratisieren. Die „Weltmaschine“, die durch das IoT entsteht, hat mit der Blockchain ihren sicheren Betriebsmodus gefunden. Das Internet erfindet sich durch die Blockchain neu. „Statt eine Blockchain-Zukunft zu prognostizieren, setzen wir uns […] lieber für sie ein. Wir behaupten, dass sie Erfolg haben sollte, weil sie dazu beitragen kann, eine neue Ära des Wohlstands einzuläuten“ 29, proklamieren Don und Alex Tapscott. Und sie haben recht: Die Blockchain birgt die große Chance, eine gerechtere Neuverteilung der Welt zu organisieren und die „Blockcracy“ entstehen zu lassen. Die Unternehmensberatung Deloitte hat in dem Kontext vier Szenarien entwickelt und bezeichnet ihr optimistischstes Szenario so treffend „Blockcracy“ – eine wunderbare Wortschöpfung aus Blockchain und „Democracy“: „Blockchain – ein Geschenk für die Welt! Die Erfindung der Elektrizität – sehr praktisch. Verbrennungsmotor? Hat uns einander nähergebracht. Das Internet? Der Beginn der Informationsgesellschaft. Blockchain? Der Beginn einer ganz neuen Ära. Und wir hatten fast schon die Hoffnung auf eine gerechtere Welt aufgegeben.“30 Es gibt bereits ermutigende Beispiele und Initiativen, um die „Blockcracy“ Wahrheit werden zu lassen. Das Non-Profit-Unternehmen Bitgive aus den USA setzt die Blockchain ein, um sowohl die Spenden seinen Entwicklungsprojekten in Blitzgeschwindigkeit zuzuleiten als auch seinen Spendern volle Transparenz über den Status ihrer Geldgaben zuzusichern – vom Eingang der Spende über den Einsatz der Mittel bis zum 28 Siehe dazu: Don Tapscott/lex Tapscott (2016): Die Blockchain Revolution. Wie die Technologie hinter Bitcoin nicht nur das Finanzsystem, sondern die ganze Welt verändert, Kulmbach. 29 Ebd. S. 48. 30 Deloitte. (o. J.): Was sind die Chancen und Risiken der Blockchain? Deloitte erklärt, was hinter der Blockchain Technologie steckt, online unter: www2.deloit te.com/de/de/pages/strategy/articles/future-of-blockchain.html (7.9.2019). 49 Ein Blick auf die technischen Entwicklungshorizonte Ende des Projekts. Ein vielversprechender Anfang, denn die Blockchain kann allen Entwicklungshelfern, von den UN-Organisationen über staatliche Entwicklungshilfe bis hin zu den NGOs, wertvolle Dienste leisten. Sie stiftet Transparenz und Vertrauen und minimiert somit das Risiko, dass Geld durch Missmanagement oder bei korrupten Regierungen und Verwaltungen verschwindet – und das passiert laut UN-Angaben jedes Jahr mit 30 Prozent der Hilfsgelder.31 Mehrere UN-Organisationen befassen sich aktuell mit dem Einsatz der Blockchain:32 • Das World Food Programme testet in Jordanien die Auszahlung von Hilfsleistungen an syrische Flüchtlinge über elektronische Gutscheine, die über die Ethereum-Blockchain abgewickelt werden. • Im Mai 2017 wurde auf dem UN-Klimagipfel in Bonn darüber diskutiert, ob die Blockchain den Handel mit CO2-Zertifikaten, die jedes Unternehmen, das die gefährlichen Klimagase ausstößt, erwerben muss, effizienter und transparenter macht. Darüber hinaus lassen sich mithilfe der Blockchain Peer-to-Peer-Plattformen betreiben, auf denen Produzenten von alternativ erzeugter Energie diese direkt an Abnehmer verkaufen können. • Die ID 2020 Alliance, an der sich UN-Organisationen, Unternehmen, Regierungen und Non-Profit-Unternehmen beteiligten, hofft darauf, mittels Blockchain alle Menschen mit einer gesicherten Identität auszustatten. Im Moment sind weltweit eine Milliarde Menschen nicht offiziell registriert – und haben deshalb keinen Zugang zu Bildung, Gesundheitsschutz und anderen staatlichen Leistungen. • Ein weiteres Thema: Laut UN gibt es weltweit 200 Millionen Migranten, die im Jahr Geld in Höhe von insgesamt 400 Milliarden Dollar in ihre Heimatländer überweisen, um ihre Angehörigen 31 Vgl. United Nations (2012): Secretary-General’s closing remarks at High-Level Panel on Accountability, Transparency and Sustainable Development, online unter: www.un.org/sg/en/content/sg/statement/2012-07-09/secretary-generals-clo sing-remarks-high-level-panel-accountability (7.9.2019). 32 Vgl. im Folgenden: Scott Simson (2017): 5 Reasons the UN Is Jumping on the Blockchain Bandwagon, online unter: https://singularityhub.com/2017/09/03/ the-united-nations-and-the-ethereum-blockchain/ (7.9.2019). 50 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft zu unterstützen. Sie zahlen dafür insgesamt rund 30 Milliarden Dollar an Gebühren – mit der zynischen Facette, dass Überweisungen in besonders abgelegene und arme Gegenden auch besonders teuer sind. Mithilfe der Blockchain ließe sich diese Milliarden-Dollar-Last gegen null reduzieren. Die Potenziale der Blockchain hat auch das Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit erkannt und die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) im August 2017 mit einem Forschungsprojekt zur Blockchain beauftragt. Um die Verwendung öffentlicher Mittel transparent und nachvollziehbar zu gestalten, hat die KfW-Entwicklungsbank zusammen mit dem KfW Digital Office eine Software mit dem bezeichnenden Namen „Tru- Budget“ (Trusted Budget Expenditure Regime) entwickelt.33 Alle beteiligten Parteien können nun auf dieser Plattform zusammenarbeiten und verfolgen, wer welche Änderungen vornimmt. Dank der Blockchain sind die Vorgänge nicht nur transparent und nachvollziehbar, sondern können auch nicht manipuliert werden. Durch die Blockchain entsteht ein Netz aus Zeugen. Damit wird das Risiko, dass in Entwicklungsländern Mittel fehlgeleitet werden, minimiert. Die KfW spricht bereits mit mehreren afrikanischen Ländern über eine gemeinsame Pilotphase. Künstliche Intelligenz – der große Problemlöser Die künstliche Intelligenz beschäftigt Wissenschaftler schon seit den 1950er Jahren. Eine Konferenz im britischen Dartmouth gilt als Startschuss dieser Entwicklung. Von Beginn an erwarteten die Protagonisten Großes von KI. „In einer Generation werden alle Probleme, Künstliche Intelligenz zu schaffen, substanziell gelöst sein“ 34, meinte bereits 1967 der berühmte KI-Forscher Marvin Minsky. Er und einige seiner Zeitgenossen haben sich geirrt. Aber nur auf der Zeitschiene. Statt in wenigen Jahr- 33 Vgl. KfW Entwicklungsbank (2017): KfW entwickelt Software mit Blockchain- Technologie, online unter: www.kfw-entwicklungsbank.de/Internationale- Finanzierung/KfW-Entwicklungsbank/News/News-Details_431872.html (7.9.2019). 34 Colm Gorey (2016): 5 Predictions from Marvin Minsky as “father of AI” dies aged 88, online unter: www.siliconrepublic.com/machines/marvin-minsky-aipredictions (7.9.2019). 51 Ein Blick auf die technischen Entwicklungshorizonte zehnten das Leben umzukrempeln, verfiel die KI zwar nicht in eine Starre, aber doch in eine lange, bis in die 1990er Jahre andauernde Phase des „Winterschlafs“. Noch 1996, als der IBM-Computer Deep Blue den amtierenden Schachweltmeister Garri Kasparow besiegte, konnte von KI überhaupt keine Rede sein. Der Rechner hatte lediglich eine für die damalige Zeit immense Kapazität, dass er einfach weiter und tiefer rechnen konnte als der Russe. „Brute Force“ nennt sich dieses mittlerweile völlig überholte Verfahren. Seitdem hat sich – der Exponentialität sei Dank – viel getan. Als wiederum ein IBM-System, die künstliche Intelligenz „Watson“, im Jahre 2011 die kognitiv anspruchsvolle Spielshow Jeopardy gewann,35 horchte die Öffentlichkeit erstmals auf. Der Grund: Die Teilnehmer müssen nicht die Antwort auf eine Frage geben, wie bei anderen Quizsendungen üblich, sondern umgekehrt zu vorgegebenen Antworten die passende Frage erraten. Spätestens Anfang 2016, als „Alphago“, eine KI des Google-Tochterunternehmens Deepmind, den damals weltbesten Go-Spieler spektakulär schlug, ist die künstliche Intelligenz aus ihrem „Winterschlaf “ erwacht: Go, deutlich komplexer als Schach, galt bis dahin als eine unbezwingbare Bastion des menschlichen Geistes. Ein Jahr später gewann Alphago gegen einen weiteren Go-Meister, den jungen Chinesen Ke Jie, der nach dem Match erklärte, die Software spiele mittlerweile wie ein „Go- Gott“. Deepmind wendet sich nun ernsteren Aufgaben zu: Mithilfe von KI will die Google-Tochter innovative Arzneien entwickeln, den Energieverbrauch senken und neue Materialien erfinden. Am Beispiel des Go-Spiels hat Deepmind demonstriert, wie leistungsfähig KI mittlerweile geworden ist: Sie kann reale Probleme lösen und dringt in Sphären kognitiven Verständnisses vor, die bislang den Menschen vorbehalten waren. Längst bedient sich die Wirtschaft der KI: So lassen Versicherungen Schadensfälle und Vertragsangelegenheiten von KI abwickeln. Der Fachbegriff dafür heißt „Robotic Process Automation“. Sie wird auch von Buchhaltern und Wirtschaftsprüfern genutzt. Einzelhändler verbessern den Kunden- und Beratungsservice, weil sie mithilfe von KI plötzlich die unstrukturierten Daten des Social Web in ihre Analysen integrieren können. Das hat große Vorteile: Ein Kunde möchte Wanderschuhe für 35 Vgl. Zeit Online (2011): „Watson“ weiß die Antwort“, online unter: www.zeit.de/ digital/internet/supercomputer-watson-jeopardy (7.9.2019). 52 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft eine Trekkingtour in einer bestimmten Region zu einer bestimmten Zeit kaufen. Der Händler gleicht im Beratungsgespräch ab, was er über verschiedene Schuhe weiß und wie er das Vorhaben des Kunden einschätzt. Eine KI – in diesem Fall ist es IBMs Watson für die Outdoormarke The North Face36 – analysiert darüber hinaus, was Menschen, die den Trip schon absolviert haben, dazu posten, wie sie ihn kommentieren und wie die Wetterlage sein dürfte. Diese Informationen erlauben dem Händler, den Kunden deutlich präziser zu beraten und passgenaue Produkte zu empfehlen. Auch mit Kunden- und Serviceanfragen können Unternehmen mittels KI nun besser umgehen. Sich durch zeitraubende Sprachsysteme zu hangeln („Wenn Sie mit dem Service verbunden werden möchten, drücken Sie bitte die Taste neun) oder komplizierte Masken im Internet auszufüllen – das gehört bald der Vergangenheit an. KI kann beliebige Eingaben, sowohl schriftlich als auch mündlich – selbst im Dialekt gesprochen –, interpretieren und in einen Prozess überführen. Das funktioniert mit den ersten Social Bots zwar noch nicht perfekt, aber immer besser. Zudem werden Sprachassistenten wie Siri oder Alexa jetzt in Windeseile leistungsfähiger. KI sorgt für Komfort- und Servicegewinne. Auch die Medizin hofft auf große Fortschritte. KI wertet rasend schnell eine Vielzahl von medizinischen Studien aus und erkennt Muster in Daten und Bildern. Derzeit läuft eine Diskussion darüber, in welchen Fällen die Maschine dem Menschen überlegen oder unterlegen ist. Wann arbeiten Augen und Gehirn doch besser als Bilderkennungsverfahren? Dieser Wettbewerb ist wichtig, um die Schwächen der KI in solch existenziell wichtigen Feldern auszugleichen – aber letztlich hat der Mensch keine Chance. Das exponentielle Wachstum und die Verfeinerung der KI werden die Maschine aus diesem Rennen als Sieger hervorgehen lassen. Man darf neue Technologien wie die KI nie danach beurteilen, was sie jetzt leisten, sondern muss immer die Exponentialität in Betracht ziehen. Es besteht kein Zweifel: Die KI erobert immer neue Bereiche des Lebens, erzeugt dabei Fortschritt und Mehrwert, und tritt damit in direkte Konkurrenz zum Menschen. 36 Vgl.: Luis Sanz (o. J.): The North Face & Watson: Bringing the in-store experience online, online unter: www.olapic.com/resources/the_north_face_ibm_ artificial_intelligence/ (7.9.2019). 53 Ein Blick auf die technischen Entwicklungshorizonte Genau genommen ist KI nichts anderes als eine Softwaregattung, die mit neuronalen Netzwerken und selbstlernenden Algorithmen arbeitet. Sie ist jeweils in Spezialgebieten gut und damit dem Menschen durchaus überlegen. Das gilt jedoch noch nicht für übergreifende Aufgabenbereiche, denn ein Mensch kann gleichzeitig ein bemerkenswerter Arzt und ein begnadeter Go-Spieler sein – und vielleicht zockt er seine Kinder zusätzlich noch beim gemeinsamen Videospiel ab. Eine KI kann das nicht. Sie ist vielleicht darauf programmiert, sich selbst in Go zu trainieren und wird darin absolute Weltklasse. Jedoch bleiben derselben KI etwa Fotos von menschlichem Gewebe, auf denen sie Tumore identifizieren soll, ein Buch mit sieben Siegeln. Anders formuliert: Von einer „generellen“ künstlichen Intelligenz kann noch lange keine Rede sein. IBMs kognitives System Watson, das bereits von hunderten Unternehmen weltweit eingesetzt wird, ist auch kein Superhirn, sondern besteht aus einer Vielzahl verschiedener hochspezialisierter, extrem leistungsfähiger Programme. Das ist der Status quo, und er ist bemerkenswert gut. Spezialisten sind Generalisten gegenüber immer dann überlegen, wenn es darum geht, eng umrissene, konkrete Aufgaben zu lösen. In Zukunft werden immer mehr Services und Leistungen der digitalen Sphäre auf künstlicher Intelligenz basieren. Wir sind auf dem Weg zu einer „AI of everything“, einer KI für alles in der digitalen Matrix, zugänglich und demokratisiert über das Internet der Dinge und die Cloud. Welche Hoffnungen und Gefahren die deutsche Bevölkerung mit KI verbindet, offenbart eine aktuelle Umfrage von PricewaterhouseCoopers (PwC): Die Mehrheit der Deutschen verspricht sich von KI vor allem Hilfe (77 Prozent) und Zeitersparnis (72 Prozent) im Alltag. 70 Prozent hoffen, dass sie sich im Job auf sinnvolle Tätigkeiten konzentrieren können, also durch KI-Assistenten entlastet werden. Gleichzeitig trauen die Menschen der KI eine hohe Kompetenz zu – etwa in den Bereichen Cybersicherheit (49 Prozent), saubere Energie und Klimawandel (45 Prozent) oder beim Schutz vor Krankheiten (43 Prozent). 58 Prozent stimmen der Aussagen zu, KI werde die Folgen des demografischen Wandels abfedern und die Pflege verbessern. Immerhin 51 Prozent glauben, dass KI dazu beitragen wird, komplexe gesellschaftliche Probleme zu lösen. Aber die Menschen nehmen ebenfalls wahr, dass KI Arbeitsplätze bedroht: 65 Prozent der mehr als 1000 von PwC befragten Bürgern erwarten, dass KI mehr Jobs vernichten als schaffen wird. Eine realistische An- 54 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft nahme. Der Arbeitsplatzsaldo der Digitalisierung wird deutlich negativ sein. KI wird alle Hoffnungen auf neue Massenjobs, etwa Programmierer oder Data Scientists, zunichtemachen und die Menschen in diesen Disziplinen bald überflügeln. KI schreibt künftig die besseren Programme und ist bei der Auswertung von Daten sowieso nicht zu schlagen.37 Dass der Einzug der KI in Berufswelt und Alltag durchaus ambivalent bewertet werden kann, zeigen die leidenschaftlichen Debatten darü ber. Elon Musk, der Gründer und Vordenker von Tesla und nicht gerade als Technikpessimist bekannt, hat die KI als größte existenzielle Bedrohung der Zivilisation bezeichnet.38 Facebook-Boss Mark Zuckerberg konterte: „Wer gegen künstliche Intelligenz argumentiert, argumentiert gegen sicherere Autos und gegen bessere Diagnosen für Kranke. Ich sehe einfach nicht, wie jemand guten Gewissens das tun kann.“39 Pikanterweise entschloss sich Facebook etwa zeitgleich ein Experiment zur KI abzubrechen: Zwei künstliche Intelligenzen begannen, in einer eigenen Sprache miteinander zu kommunizieren, der die Forscher nicht mehr folgen konnten. Wie sich herausstellte, hatten die KIs durch kryptische Abkürzungen begonnen, die englische Sprache effizienter zu gestalten.40 Ähnliches war Google im Jahr 2016 widerfahren – zwei KIs sicherten ihre Kommunikation kryptografisch ab. Die Google-Forscher standen vor einem Rätsel. Es ist diese berechtigte Angst, dass sich die KI verselbstständigen könnte, die der Debatte innewohnt. Künstliche Intelligenz ist die eine Technologie in der Geschichte der Menschheit, die sich irgendwann ih- 37 Vgl. PwC Deutschland (2017): Umfrage: Deutsche halten künstliche Intelligenz für nützlich, sehen aber auch Risiken, online unter: https://www.pwc.de/de/ managementberatung/pwc-umfrage-deutsche-halten-kuenstliche-intelligenzfuer-nuetzlich-sehen-aber-auch-risiken.html (19.9.2019). 38 Vgl. Samuel Gibbs (2014): Elon Musk: artifical intelligence is our biggest existential threat. The AI investor says that humanity risks “ummoning a demon” and calls for more regulatory oversight, online unter: www.theguardian.com/ technology/2014/oct/27/elon-musk-artificial-intelligence-ai-biggest-existen tial-threat (19.9.2019). 39 Alexander Armbruster (2017): Mark Zuckerberg schimpft mit Elon Musk, online unter: www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/kuenstliche-intelligenzmark-zuckerberg-schimpft-mit-elon-musk-15121291.html (19.9.2019). 40 Vgl. Philipp Nagels (2017): Facebook muss AI abschalten die „Geheimsprache“ entwickelt hat, online unter: www.welt.de/kmpkt/article167102506/Facebookmusste-AI-abschalten-die-Geheimsprache-entwickelt-hat.html (19.9.2019). 55 Ein Blick auf die technischen Entwicklungshorizonte rer Kontrolle entziehen könnte. Zudem kann KI in Händen verblendeter Terroristen oder größenwahnsinniger Militärs immensen Schaden anrichten. Eine grundsätzliche Diskussion über Ethik und Moral automatisierter Systeme ist deshalb dringend geboten. Die Menschheit muss Entscheidungen treffen: Nach welchen Kriterien entscheiden künstliche Intelligenzen zum Vorteil oder Nachteil von Menschen, im Zweifel über Leben und Tod? Wo verläuft die rote Linie, die bei der Weiterentwicklung der KI nicht überschritten werden darf? Wir müssen die Technologie beherrschen, nicht sie uns. Nur wenn die Menschen ihre Gestaltungshoheit wahren, können sie das Potenzial der KI wirklich nutzen und das Leben auf diesem Planeten verbessern. Erst künstliche Intelligenz löst das Versprechen von Big Data ein Microsoft zum Beispiel sorgt sich um die Biodiversität des Planeten und denkt deshalb über Monitoringsysteme nach – mit Mess- und Beobachtungsinstrumenten sowohl auf dem Boden, an Pflanzen und Tieren als auch im Weltraum.41 Damit sollen Daten darüber gesammelt werden, welche Spezies überhaupt auf dem Planeten leben (Forscher gehen davon aus, dass erst jede siebte Spezies entdeckt ist), wie sie sich entwickeln, welche verschwinden oder bedroht sind. KI-Algorithmen können diese Daten rasend schnell analysieren. Das Unternehmen arbeitet darüber hinaus an hochauflösenden Karten, die auf Satellitenfotos basieren und transparent machen, wie die Flächen auf der Erde verteilt sind und wozu sie genutzt werden. Hilfsorganisationen und Regierungen können diese Informationen mithilfe von KI für effiziente Entscheidungen nutzen. Lucas Joppa, Chief Environmental Officer bei Microsoft, hält sogar ein „digitales Dashboard“ für denkbar, mit dem Ökosysteme überwacht, modelliert und gemanagt werden können. Der größte Gewinn der künstlichen Intelligenz wird darin liegen, dass Daten schneller analysiert und bessere Vorhersagen getroffen werden können. In der Wirtschaft häufen Unternehmen unvorstellbare Mengen von Daten über das Verhalten von Kunden an, können sie aber nach wie vor nicht so zielgerichtet auswerten, wie sie es sich wünschen. Erst 41 Vgl. Paul Allen (2018): How Artificial Intelligence Could Save the Planet, online unter: www.paulallen.com/how-artificial-intelligence-could-save-the-planet/ (19.9.2019). 56 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft KI wird das große Versprechen von Big Data einlösen und die verborgenen Zusammenhänge, Trends und Entwicklungen für die Zukunft entdecken. Erst KI wird das sogenannte „Data Mining“ wirklich produktiv machen. Mittels KI Ausfälle von Maschinen vorherzusagen, ist für die Wirtschaft ein echter Wettbewerbsvorteil. Dazu analysiert die KI die Daten, die eine Maschine sendet, und lernt, Muster darin zu erkennen, die einen Fehler in der Maschine anzeigen. So werden Unternehmen in die Lage versetzt, Anlagen und Maschinen so frühzeitig zu warten, dass ein überraschender Ausfall vermieden werden kann. „Predictive Maintenance“ nennen die Experten diesen Service. Künstliche Intelligenz kann helfen, dieses vorausschauende Prinzip auf die Krisenthemen der Erde zu übertragen, denn wenn beispielsweise die Weltgesundheitsorganisation oder eine NGO heute vor einer Hungerkatastrophe warnt, dann ist diese Krise meistens schon da. Während Menschen bereits sterben, werden Spendengeldaktionen aufgesetzt, Geberkonferenzen abgehalten und Hilfsprogramme ad hoc in die Wege geleitet. KI wird helfen, solche Miseren frühzeitiger vorauszusagen. Der „Point of Action“, ab dem staatliche und private Hilfsorganisationen eingreifen können, wird deutlich nach vorne verlegt. Dabei hilft die Fähigkeit von KI, unscharfe und unstrukturierte Daten analysieren zu können, immens. Social-Media-Posts zu aufziehenden Krisensituationen werden in dem Fall vielleicht wichtiger als harte, statistische Daten – die zudem in vielen Gebieten überhaupt nicht verfügbar sind. Mithilfe von KI können Informationen über die Entwicklung von Armut und Hunger gesammelt und analysiert werden. KI macht Zusammenhänge in einer nie dagewesenen Klarheit sichtbar. Es gibt vielversprechende Projekte dazu, aber die Wahrheit ist natürlich, dass das Gros der Anstrengungen der Industrienationen auf purem Eigeninteresse beruht. Die Wirtschaft investiert stark in KI, die das Leben derer verbessert, denen es ohnehin schon gut geht. „Es gibt Hunderte nützliche Anwendungen für KI, die die Menschen aber nicht einmal versuchen, bereitzustellen“, klagt Elisabeth Mason, Gründungsdirektorin des Stanford Poverty and Technology Lab. „Es steht außer Frage, dass die Mehrheit unserer Investitionen nicht an die Armen gehen, sondern stattdessen in der ganzen Welt den Lebensstandard der oberen Mittelschicht verbes- 57 Ein Blick auf die technischen Entwicklungshorizonte sern. Das wirkliche Problem ist, dass wir nicht in die Dinge investieren, die wir sollten, wenn wir die Armut wirklich bekämpfen wollen.“42 Die neue Wertschöpfung Digitalisierung ist wie ein Dominospiel: Ein Stein stößt den nächsten an. Sobald ein Unternehmen automatisiert, will es auch nur noch mit automatisierten Systemen zusammenarbeiten. Die Aktienbörsen zeigen beispielhaft, wohin die Reise geht: Die Broker, die früher das Parkett, den Handelssaal füllten, gibt es schon lange nicht mehr. Eine Aktie wird heutzutage von Computern tausendmal pro Sekunde gehandelt: Bei diesem Tempo kann niemand mithalten, der Mensch stört in solchen vollautomatisierten Prozessen nur. In Zukunft werden die meisten Preise für Dienstleistungen wie der Kurs einer Aktie ausgehandelt, denn die Formel der digitalen Transformation lautet: Digitalisierung erzwingt Digitalisierung. Eine der ersten Branchen, die vollautomatisiert wird, ist die Logistik. Autonom fahrende Lkws werden schon bald auf den Straßen sein und diese Entwicklung anstoßen. In der Folge werden Frachtraten in Millisekunden zwischen zwei selbstfahrenden Lkws oder auf speziellen Plattformen so austariert, dass für die jeweiligen Partner ein optimaler und akzeptabler Preis erreicht wird. Wer in diesen automatisierten Wertschöpfungsnetzen nicht mitspielen kann, bekommt zuerst nur noch zweit- und drittklassige Aufträge, muss Dumpingpreise einräumen und fällt nach kurzer Zeit aus dem Markt. Digitalisierung erzwingt Digitalisierung. Alle Prozesse werden durchoptimiert und automatisiert, Endto-End, vom Anbieter bis zum Endverbraucher. Der Autokauf der Zukunft Schon heute kann sich ein Kunde über Online-Konfiguratoren sein Auto im Internet zusammenstellen. Mit dieser Wunschvorstellung geht er zum 42 Joseph Bennington-Castro (2017): AI Is a Game-Changer in the Fight Against Hunger and Poverty. Here’s why. Scientists around the world are harnessing AI’s data-mining ability in the fight against poverty, online unter: www.nbcnews.com/ mach/tech/ai-game-changer-fight-against-hunger-poverty-here-s-whyncna774696 (19.9.2019). 58 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft Händler, bucht vielleicht noch Sonderausstattungen dazu und klärt die Finanzierung. Solche Kaufprozesse laufen schon bald ganz anders: Wenn ein Interessent den Konfigurator startet, wird dieser bereits mit den Wünschen und Vorlieben des Kunden vertraut sein, denn er hat die Posts und Kommentare des Betreffenden im Social Web analysiert. Farben? Polster? Features? Das Fahrzeug ist bereits weitgehend auf die Kundenwünsche zugeschnitten. Der Käufer verhandelt mit dem System Rabatte, Extras und einen akzeptablen Gesamtpreis und löst per Knopfdruck den Produktions- und Lieferprozess aus. Das System bucht im Gegenzug eine Anzahlung von 20 Prozent ab. Wie heutzutage beim Tracking von Paketen üblich, bekommt der Kunde Informationen darüber, wie weit die Produktion seines Wagens gediehen ist, bis zu dem Zeitpunkt, an dem das Fahrzeug ausgeliefert wird und autonom vor seine Haustür fährt. Mit dem Kauf wird der Kunde auch festlegen, für welche Transport- und Logistikservices sein Wagen zur Verfügung stehen wird. In den Verkehrssystemen der Zukunft werden die Besitzer ihre Wagen kostenpflichtig verleihen, wenn sie sie nicht benötigen – als autonomes Taxi, als Shuttle bei Events oder um die Einkäufe der Nachbarn bei einem Supermarkt abholen zu lassen. Ein Service nach dem anderen erreicht die kritische Masse, in der diese durchgängig digitalisierte Wertschöpfung funktioniert. Als die Verbreitung des Smartphones die 50-Prozent-Marke überschritten hatte, rechneten sich plötzlich alle möglichen Angebote: Banking, Bezahlvorgänge, Flugtickets, Bahntickets und so weiter. Alles passiert in Echtzeit. Es wird kein Papier benötigt, kein Drucker mit seinen Maschinen, kein Wartungstechniker, keine Logistik. Agilität, Flexibilität und Geschwindigkeit erzeugen eine Servicequalität, die die Verbraucher in Zukunft nicht mehr missen wollen. Wenn das Auto selbst fährt, dann braucht man keinen Taxifahrer mehr. Wenn ein Lkw autonom fahren, dann braucht es auch keinen Lkw-Fahrer mehr – und dann stört jeder Systembruch: Der Lieferschein stört, der Disponent stört, Anrufe stören, Abstimmungsprozesse stören. Deshalb werden Logistikdienstleister bald schon sagen: „Unser Unternehmen möchte nur noch mit Partnern arbeiten, die Input und Output in digitaler Güte liefern.“ 59 Ein Blick auf die technischen Entwicklungshorizonte Ohne Systembrüche Digitalisierung erzwingt Digitalisierung: Viele Führungskräfte verstehen diesen Sog nicht. Unternehmen, Organisationen und Verwaltungen versuchen, die Effizienzvorteile der Digitalisierung zu realisieren, jedoch ohne ihre Organisation und ihre Prozesse radikal umzustellen. Entweder etablieren sie eine digitale neben einer analogen Struktur oder sie digitalisieren ihre analogen Prozesse nur teilweise. Immer wieder gibt es einen Bruch, immer wieder ein Stück analoges Arbeiten, immer wieder ist der Mensch involviert, immer wieder kreuzt ein Stück Papier einen Prozess. Papier ist immer ein Warnsignal, ein sicheres Indiz für ein Silo, die größte Ineffizienz, die sich Unternehmen, Organisationen und Behörden heute noch leisten. Als Silos gelten Abteilungen und Einheiten, die nicht nahtlos in den Unternehmensprozess eingebunden sind. Sie verhindern die Automatisierung der gesamten Wertschöpfungskette und verursachen Systembrüche. In den meisten Unternehmen optimiert die Digitalisierung analoges Geschäft. Solch halbherzige Digitalisierung führt dazu, dass Leistungen, die digital erbracht werden, nicht auf das richtige Konto gebucht werden. „Zu umsatzstarken digitalen Services ist in den Geschäftsberichten der TOP-500-Unternehmen kaum etwas zu finden“43, urteilt die Unternehmensberatung Accenture in der Analyse „Digitale Geschäftsmodelle – Modelle ohne Geschäft?“44 Durchdigitalisierte Wertschöpfungsnetze Aber das Internet der Dinge verändert jetzt alles. Komplette Prozesse, ob in der Geschäftswelt, im Privatleben oder in der Verbindung beider Welten, laufen digital und automatisiert und erzeugen eine neue Wertschöpfung. Eine Gesundheitsapp auf dem Smartphone sagt: „Ich helfe dir abzunehmen und gesünder zu leben.“ Und das tut sie wirklich. Sie sorgt dafür, dass Menschen früher aufstehen, sich mehr bewegen und besser 43 Accenture (2017): Deutschlands Top 500. Digitale Geschäftsmodelle ohne Geschäft?, S. 6, online unter: www.accenture.com/t00010101t000000z__w__/dede/_acnmedia/accenture/de-de/transcripts/pdf/accenture-welt-top500-studie- 2018-digitale-geschaefts-modelle.pdf#view=50 (19.9.2019). 44 Ebd. 60 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft ernähren. Demnächst bestellt eine App geeignetes Essen nach einem individuellen Ernährungsplan. So reduziert sie die Kalorienzufuhr und sorgt für eine ausgewogene Ernährung. Darin liegt ein echter Mehrwert. Technologie verhilft dem Menschen zu einem gesünderen Leben – und er ist bereit, für diesen Service zu bezahlen. Zumal eine Krankenversicherung wahrscheinlich einen großzügigen Rabatt gewährt, wenn ein Mitglied messbar gesünder lebt. Alle profitieren: Der Mensch fördert seine Gesundheit und spart Beiträge, die Krankenkasse muss weniger Arztleistungen und Krankenhauskosten begleichen, die Sozialkassen des Staates werden entlastet. Neben der Logistik und dem Gesundheitswesen wird die Medien- und Verlagsbranche der nächste Geschäftszweig sein, der sich radikal wandeln wird. Informationen sammeln, recherchieren, schreiben, eine Zeitung gestalten und in den Druck geben oder online veröffentlichen – das sind die traditionellen Aufgaben der Journalisten. In Zukunft werden sie sich auf die Recherche konzentrieren. Künstliche Intelligenzen werden darüber entscheiden, wie ihre Inhalte aufbereitet und distribuiert werden. Ein und dieselbe Information wird für tausende, für Millionen Menschen in einem individualisierten Kontext und in einem bevorzugten Stil dargeboten. Nach dem Motto: Meine Interessen, meine Information, mein Vorteil. Wie entsteht also digitale Produktivität? Durch datenbasierte Geschäftsmodelle mit individuellem Nutzen, durch KI-optimiertes Management von Aufträgen, Preisen und Erträgen, durch vollautomatisierte Wertschöpfungsnetze, in denen der Mensch – man muss es so deutlich sagen – so gut wie keine Rolle mehr spielt. Dematerialisierung – der übersehene Megatrend Zwischen 5,5 und 6 Milliarden Menschen nutzen heute ein Smartphone. Das ist eine Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht und gerade einmal ein Jahrzehnt lang währt. Mit dem iPhone präsentierte Apple-Gründer Steve Jobs 2007 der damals verblüfften Öffentlichkeit das erste echte Smartphone – nach Blackberry und Co ein einziges Gerät, das damals drei Geräte in einem umfasste: iPod, Mobiltelefon und mobiles Kommunikationsgerät, ohne Tastatur, sondern mit einem berührungsempfindlichen Bildschirm. Man kann sich die Szene heute noch auf YouTube anschauen und spürt seinen Stolz und die Begeisterung des Publikums. 61 Ein Blick auf die technischen Entwicklungshorizonte „Immer mal wieder kommt ein revolutionäres Produkt daher, das alles verändert“, erkläre Jobs.45 Und er sollte recht behalten. Der Launch des iPhones markierte zwar nicht den Start, aber doch den wichtigsten Kristallisationspunkt eines Megatrends, der die Welt grundlegend veränderte: die Dematerialisierung. Sie steht im Wesentlichen für zwei Effekte: Sie verbessert die Ökobilanz des Planeten und sie nimmt den Menschen ihre Arbeit weg. Was bedeutet Dematerialisierung? Die Definition im Lexikon der Nachhaltigkeit spiegelt die Herkunft des Begriffs aus der Umweltbewegung: „Dematerialisierung bedeutet, die durch menschliches Handeln verursachten Stoffströme drastisch zu reduzieren. Für die Umweltpolitik ist der Fokus auf die Input-Seite der Volkswirtschaft ein neuer Ansatz, da bislang der Schwerpunkt auf die Outputseite, also Abfälle und Emissionen und deren Wirkungen auf die Umwelt gelegt wurde.“46 Als Konzept wurde die Dematerialisierung in den 1990er Jahren durch den Ökopionier Friedrich Schmidt-Bleek populär. Er und seine Mitstreiter lenkten damals das Augenmerk auf den Ressourceneinsatz der Wirtschaft. Um die ökonomische und ökologische Entwicklung auf unserem Planeten in eine erträgliche Balance zu versetzen, müsste der Ressourceneinsatz um 50 Prozent reduziert werden, forderte Schmidt-Bleek in seinem „Faktor-10-Manifest“ aus dem Jahr 2000.47 In Schmidt-Bleeks umweltpolitischem Ansatz fungiert die Dematerialisierung als pure Strategie, durch geringeren Ressourceneinsatz die Umwelt zu entlasten. Global gesehen spricht heute nichts dafür, dass Dematerialisierung diesen Sinn und Zweck erfüllt. Das ist auch kein Wunder: Auch wenn die Unternehmen in den Industrieländern umweltbewusster agieren und Nachhaltigkeit in ihren Geschäftsberichten belegen, tun sie längst noch nicht genug dafür. Umweltbewusstsein spielt zudem 45 Steve Jobs (2007): First iPhone Announcement on the Macworld conference, Minute 0:15–0:25, online unter: www.youtube.com/watch?v=wGoM_wVrwng (19.9.2019). 46 Lexikon der Nachhaltigkeit (2015): Dematerialisierung, online unter: www.nach haltigkeit.info/artikel/dematerialisierung_1121.htm (19.9.2019). 47 Vgl. Friedrich Schmidt-Bleek (2000): Faktor 10 Manifesto, online unter: www.factor10-institute.org/files/F10_Manifesto_d.pdf (19.9.2019). 62 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft in den Entwicklungs- und Schwellenländern eine nachgeordnete Rolle. Ihre Bevölkerung wächst – speziell in Afrika, Indien, Pakistan und Bangla desch. Sie streben nach den Waren und Attributen der Wohlstandsgesellschaft, nach Prestige – und wer wollte es ihnen verdenken? Deswegen wird die Produktion von Gütern global erst einmal weiter steigen. Man muss sich einfach einmal vor Augen führen, dass ein Haushalt in Europa vor 100 Jahren 100 bis 300 Dinge besaß, heute sind es vermutlich eher 10 000. Dieser Vergleich illustriert, was der Welt bevorsteht: Der Nachholbedarf der Entwicklungsländer in Bezug auf den Konsum bei gleichzeitigem Bevölkerungswachstum würde zu einer enormen zusätzlichen Belastung der natürlichen Ressourcen und des Klimas führen. Der Konjunktiv ist bewusst gesetzt, denn so wird es nicht kommen. Was der Mensch eigenständig nicht schafft, nämlich den Verbrauch nachhaltig zu senken, bewirkt die Dematerialisierung zwangsläufig – nicht als geplante umwelt- oder wirtschaftspolitische Maßnahme, sondern als unvermeidbare, zwingende, sozusagen selbsttätige Folge der Digitalisierung. Das Verschwinden der Dinge Ihren folgenschwersten Ausdruck findet die Dematerialisierung darin, dass sich immer mehr physische Produkte in Software verwandeln, etwa in Apps, wie sie für Smartphones und Tablets in großer Vielfalt verfügbar sind. Marc Andreessen, Internetpionier und Investor, brachte die Auswirkungen der Dematerialisierung 2011 in einem Essay für das „Wall Street Journal“ auf den Punkt: „Why Software Is Eating The World“ – „Warum Software die Welt verspeist“. 48 Die Betonung liegt auf „Welt“, denn es wird ja nicht nur ein Produkt, das bislang aus natürlichen oder künstlich erzeugten Stoffen besteht, in Bits und Bytes verwandelt. Die Dematerialisierung geht viel weiter. Wenn Autos künftig mit einer App statt mit einem Schlüssel geöffnet werden, wird all das auf Nimmerwiedersehen verschwinden, was zu seiner Produktion notwendig war: die Fabriken, die Maschinen und Anlagen sowie letztlich auch die Arbeitsplätze in Entwicklung und Produktion, im Marketing und Vertrieb sowie im allgemeinen Management. Diese Ver- 48 Marc Andreessen (2011): Why Software is Eating the World, online unter: www. wsj.com/articles/SB10001424053111903480904576512250915629460 (19.9.2019). 63 Ein Blick auf die technischen Entwicklungshorizonte puffung wiederholt sich in immer mehr Branchen. Viele Menschen haben Apps auf ihrem Smartphone, die als physische Geräte eine Kofferraumladung füllen könnten. Das Handy ist Fotoapparat, Musicplayer, Scanner, Videokamera, Diktiergerät, Kalender, Bildtelefon, Kleinbild-TV, Kompass, Buch, Zeitung, Navigationsgerät, Reiseticket, Eintrittskarte und vieles mehr.49 Längst ist die Dematerialisierung allgegenwärtig. Die Finanzbranche ist ein gutes Beispiel für diese grundlegende Transformation. Landauf, landab schließen Banken ihre Filialen. Viele erfolgreiche Geldhäuser wie die ING-DiBa sind seit jeher reine Onlinebanken. Neue Wettbewerber wie PayPal sind in den Markt eingetreten. Innovative Start-ups, sogenannte „Fintechs“, mischen die Finanzbranche munter auf. Ihre einzigen Assets: Software und Services. Die Filiale eines Geldinstituts wandert mit Smartphone oder Tablet mit – vorausgesetzt, ein Netz ist vorhanden. Laut KfW Research ist seit dem Jahr 2000 jede vierte Bankfiliale geschlossen worden. Das heißt: Deutschlandweit sind bereits 10 200 Standorte verschwunden. Bei gleichbleibendem Tempo wird sich das Filialnetz bis zum Jahr 2035 halbiert haben. Die Strategieberatung Oliver Wyman prophezeit im „Bankenreport Deutschland 2030“ eine weitere Regression: Die Zahl der Banken in Deutschland sinkt innerhalb der nächsten 10 bis 15 Jahre von etwa 1 600 auf 150 bis 300.50 Der stationäre Einzelhandel stirbt: Im Zeitalter von E-Commerce und Omnichannel können viele alteingesessenen Betriebe nicht mehr mithalten, verödete Vor- und Innenstädte sind die Folge. Ein weiteres Beispiel ist die Medienindustrie: Musik wird als rein digitales Projekt zunehmend gestreamt. Filme ebenso. Zeitungen und Zeitschriften? Der Trend geht eindeutig zum Digitalen und Mobilen. Ein entscheidender Effekt darf hierbei nicht unterschätzt werden: Wenn eine Industriebranche nach der anderen von der Dematerialisierung erfasst wird, streben die Grenzkosten gegen null. Es kostet (fast) nichts mehr, einem Kunden ein weiteres digitales Produkt anzubieten. 49 Siehe dazu: Ralf T. Kreutzer/Karl-Heinz Land (2015): Dematerialisierung – die Neuverteilung der Welt in Zeiten des Digitalen Darwinismus, Köln. 50 Vgl. Matthias Drost (2018): 150 statt 1900 – Studie sagt Bankensterben voraus, online unter: www.handelsblatt.com/finanzen/banken-versicherungen/progno se-von-oliver-wyman-150-statt-1900-studie-sagt-bankensterben-voraus/ 20915232.html (19.9.2019). 64 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft Es wird keine Fabrik gebraucht, keine Maschine, keine aufwendige Vertriebsstruktur, die einzupreisen wären. Das ist die Kehrseite der neuen – von Software, Services und Daten getriebenen – digitalen Welt: Sie sind gleichzeitig die Abrissbirne für ganze Wirtschaftszweige und tradierte Wertschöpfungsketten. Die Medien berichten fast täglich über Insolvenz und Konkurs von Unternehmen. Sie fallen aus dem Markt, reißen Mitarbeiter mit, weil ihre Geschäftsführer nicht verstanden haben, welche Transformation die Wirtschaft gerade durchläuft. Noch mögen diese gravierenden Folgen der Dematerialisierung durch die rund laufende Konjunktur überdeckt, aber in Kürze wird das volle Ausmaß der Veränderung für jeden erkennbar sein. In den nächsten Jahren dematerialisieren immer mehr Produktklassen und Branchen: Die Telekommunikationskonzerne wird es als eine der ersten erwischen. Das digitale Kommunikationsnetz läuft autonom und vollautomatisiert. Zigtausende Nachrichten- und Fernmeldetechniker, die bisher noch in Diensten der Deutschen Telekom, von Vodafone oder Telefonica stehen, werden nicht mehr gebraucht. Auch die Tage des Bargeldes sind so gut wie gezählt. Bald werden keine Druckereien für die Banknoten benötigt, keine Prägeanstalten für Münzen, keine Geldboten und keine Kassen. Bargeldmanagement und -logistik werden überflüssig. Der Bequemlichkeitsfaktor und die Geschwindigkeit werden dem Mobile Payment letztlich zum Durchbruch verhelfen, und zwar ohne Kartenlesegerät, sondern nur mit einem Pad, auf dem ein Kunde sein Handy legt. Nahbereichsfunk (NFC) sorgt dafür, dass die Transaktionen ausgeführt werden. In Schweden stirbt das Bargeld bereits einen schnellen Tod: Flächendeckend wird es abgeschafft, sogar der Klingelbeutel des Doms in Uppsala wurde auf einen „Kollektomaten“51 für Kreditkartenzahlungen umgestellt. Sharing Economy – Teilen ist das neue Haben Digitale Technologien bilden die neue Infrastruktur des Wohlstands und führen zur Dematerialisierung physischer Produkte. Gleichzeitig fördern 51 Sebastian Balzter (2016): Schweden. Land ohne Bargeld, online unter: www.faz. net/aktuell/finanzen/digital-bezahlen/schweden-setzt-immer-mehr-auf-bargeld loses-zahlen-14068659.html (19.9.2019). 65 Ein Blick auf die technischen Entwicklungshorizonte das Internet der Dinge, datenbasierte Geschäftsmodelle, künstliche Intelligenz und die Blockchain den Trend, Besitz nicht mehr als wesentlich zu betrachten. Der Wohlstandsbegriff verändert sich: Teilen ist das neue Haben, die Sharing Economy avanciert zur vorherrschenden Form des Konsums. Dieser Paradigmenwechsel ist in der Wirtschaft bereits spürbar: Mit einer Bewertung von 68 Milliarden Euro gilt das Sharing-Unternehmen Uber als vielversprechendstes Start-up der Welt und sein Geschäftsmodell exemplarisch für Erfolg.52 Ein anderer der weltweit größten Carsharing-Anbieter ist das chinesische Start-up Didi Chuxing (DiDi), das Kunden in 400 chinesischen Städten bedient. Über Partnerunternehmen ist DiDi bisher auch in anderen Märkten aktiv, zum Beispiel in Paris.53 Weltweit protestieren Taxifahrer vehement gegen Carsharing-Dienste. Auf ihren Druck hin erlassen Kommunen Verordnungen, die private Sharing-Angebote untersagen. Auch auf dem Wohnungsmarkt bekommt die Sharing Economy kräftigen Gegenwind: Metropolen, in denen Mietwohnungen knapp und teuer geworden sind, dämmen regulatorisch den Siegeszug von Airbnb ein, denn die Idee, ungenutzten Wohnraum vorübergehend an Reisende zu vermieten, ist längst zu einem Geschäftsmodell mutiert. Viele Immobilienbesitzer vermarkten ihre Wohnungen nur noch über Airbnb und entziehen sie dem Angebot für potenzielle Langzeitmieter. Es sind Wettstreite um die Märkte von morgen, die rund um die Sharing Economy ausgetragen werden: Tradition versus Zukunft, analog versus digital, Konsum versus Teilen, Sicherheit versus Agilität – nicht nur im Job, auch im Privaten. Die Frage ist, ob sich Widerstand lohnt. Bereits 46 Prozent der Deutschen nutzen Angebote der Sharing Economy, 35 Prozent zählen zu den Anbietern von Sharing-Produkten. Die „Teiler“ sind vor allem davon überzeugt, dass die Gesellschaft profitiert (76 Prozent) und das Leben erschwinglicher wird (71 Prozent), wenn Güter und Services geteilt statt immer wieder neu gekauft werden. Ihr In- 52 Vgl. Alexander Mittermeier (o. J.): Uber-Aktie kommt an die Börse: Das sollten Anleger beachten, online unter: www.gevestor.de/details/uber-aktie-kommt-andie-boerse-das-sollten-anleger-beachten-812972.html (19.9.2019). 53 Vgl. Lea Deuber (2016): Tim Cook auf Rettungsmission in China, online unter: www.wiwo.de/unternehmen/it/apple-tim-cook-auf-rettungsmission-in-china/ 13601904-all.html (19.9.2019). 66 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft teresse konzentriert sich auf Medien- und Unterhaltungsangebote (33 Prozent), auf Konsumgüter wie Kleider oder Spielzeug (31 Prozent) und auf den Markt für Automobile und Transport (28 Prozent).54 Besonders populär, das zeigen Untersuchungen des Marktforschungsinstituts TNS Infratest, ist das Teilen bei den unter 40-Jährigen: „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“ – dieser einst von den Sparkassen in einem Werbeslogan komprimierte Besitzerstolz – kommt bei jungen Leuten nicht mehr gut an. Viele Millennials, also die zwischen 1980 und Mitte der 1990er Jahre geborenen Menschen, pfeifen auf Eigentum. Der Zukunftsdenker Jeremy Rifkin propagiert die Sharing Economy wie kein Zweiter und hat schon 2000 in seinem Buch „Access – Das Verschwinden des Eigentums“ formuliert: „Im kommenden Zeitalter treten Netzwerke an die Stelle der Märkte, und aus dem Streben nach Eigentum wird Streben nach Zugang, nach Zugriff auf das, was diese Netzwerke zu bieten haben.“55 Ohne das Internet und die Digitalisierung wäre dieser Bewusstseinswandel nicht denkbar. Erst die Plattformökonomie ermöglicht es, in gro- ßem Stil Angebot und Nachfrage zusammenzubringen. Viele erfolgreiche Modelle der Sharing Economy basieren auf Plattformen, die nur die zentralen Vermittlungsdienste zur Verfügung stellen und einen rechtlichen Rahmen für Transaktionen schaffen. Sie besitzen kein einziges Gut und leben von Provisionen aus den vermittelten Abschlüssen. Airbnb hat kein einziges Hotelbett, Uber hat kein einziges Auto. Und doch besitzen diese Start-ups die Energie, Branchen vollends durcheinanderzuwirbeln. Sie ziehen neue Wettbewerber, häufig Privatpersonen, in einen Markt, der bislang professionellen Anbietern vorbehalten war. Ihr Geschäftsmodell ist hochskalierbar und lässt sich mühelos globalisieren. Sie organisieren den Kundenkontakt, die sogenannte Customer Journey, in den Märkten neu. 54 Vgl. PwC Deutschland (2015): Share Economy. Repräsentative Bevölkerungsbefragung 2015, online unter: www.pwc.de/de/digitale-transformation/assets/ pwc-bevoelkerungsbefragung-share-economy.pdf (19.9.2019). 55 Jeremy Rifkin (2000): Access. Das Verschwinden des Eigentums, 3. Aufl., New York/Frankfurt am Main, S. 10. 67 Ein Blick auf die technischen Entwicklungshorizonte Überfluss verteilen: die Plattformökonomie Die Innovation von Ebay bestand nicht darin, dass jeder mit wenig Aufwand alle möglichen Dinge und Klamotten meistbietend versteigern konnte, sondern darin, dass sich das Unternehmen aus allen Geschäften weitgehend heraushält. Ebay ist der Prototyp einer Plattform, auf der Angebot und Nachfrage zusammengeführt werden. Der Verkäufer handelt immer geradewegs mit dem Käufer. Der Plattformbetreiber stellt lediglich sicher, dass bei der Transaktion alles mit rechten Dingen zugeht, gewährleistet die Funktionsfähigkeit der Plattform und kassiert für seinen Service eine Gebühr oder eine Umsatzbeteiligung. Die Experten sprechen hier von einem Peer-to-Peer-System. Beide Handelspartner wickeln ihre Geschäfte direkt und auf Augenhöhe ab. Ob Booking.com oder das deutsche HRS, ob Airbnb oder Uber: Die Plattformökonomie ist ein faszinierendes Phänomen der Digitalisierung und macht Karriere. Plattformen verbinden in einem bisher nicht bekannten Ausmaß einzelne Markteilnehmer in globalem Maßstab. Für traditionsreiche Unternehmen sind sie ein durchaus zweischneidiges Schwert. Plattformökonomie zieht nicht nur Verbraucher in Scharen an, sie sorgt darüber hinaus für die Transparenz, jeden Preis und jedes Angebot vergleichen zu können. Die deutsche Wirtschaft hat diesen Trend verschlafen. Anders gesagt: Die US-Amerikaner haben den Kampf um das Consumer Internet einstweilen gewonnen. Sie haben verstanden, dass mit Plattformstrategien ein Phänomen der Industrienationen kapitalisiert werden kann: Überfluss. Ebay ist ursprünglich als Versteigerungsplattform für den Krempel vom Dachboden entstanden. Uber macht ungenutzte Fahrzeugkapazitäten produktiv und Airbnb – im Prinzip – nicht benötigten Wohnraum. Dass mittlerweile Innenstädte ihre liebe Mühe mit Airbnb haben, weil zu viel Raum dem Wohnungsmarkt entzogen wird, steht auf einem anderen Blatt. Gelegenheit macht eben auch Gier. Aber wenn Plattformen immer effizienter Überfluss verteilen und verwalten können, dann sind sie folglich ein patentes Mittel, um wesentliche Verteilungsprobleme auf diesem Planeten zu lösen. Plattformen sorgen in der Infrastruktur des Wohlstands für den notwendigen Ausgleich zwischen „zu viel“ und „zu wenig“. Sie sind ein effizientes Mittel der Distribution globaler Ressourcen. Es ist an der Zeit, dass sich Unternehmen, staatliche Entwicklungsorganisationen oder NGOs an das Thema herantrauen. 68 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft Man würde der Sharing Economy aber nicht gerecht, wenn man sie auf den Peer-to-Peer-Gedanken und die populären Plattformen reduzieren würde. Streaming-Dienste beispielsweise funktionieren nicht nach diesem Prinzip. Wer über Apples iTunes oder Spotify Musik streamt oder über Netflix Filme und Serien schaut, geht keinen Deal mit Urhebern und Produzenten ein. Gleiches gilt beim Download von E-Büchern bei Amazon oder anderswo. Geschäftspartner ist dann eine E-Commerce- Plattform, die ihrerseits die Inhalte lizensiert hat. Sie stehen heute schon für ein Phänomen der Sharing Economy, das in Zukunft stark an Bedeutung gewinnen wird: die Grenzkosten tendieren gegen null. Sharing Economy im 5.0-Modus Grenzkosten bezeichnen den Aufwand, den ein Unternehmen für ein weiteres Angebot an einen Kunden aufwenden muss. Jedes weitere Auto beispielsweise, das produziert wird, muss der Hersteller mit tausenden Euro vorfinanzieren und darüber hinaus in Vermarktung und Vertrieb investieren. In einer Welt der Daten und digitalen Güter schmelzen diese Kosten jedoch in sich zusammen. Eine Software, einen Song, einen Film oder einen Text einem weiteren Kunden zur Verfügung zu stellen, kostet so gut wie nichts. Deshalb skalieren Sharing-Modelle, so sie denn den Nerv der Kundschaft treffen, mit hohem Tempo und werden zu einem globalen Phänomen. Im nächsten Entwicklungsschritt springt das Null-Grenzkosten-Prinzip auf die Produktion, den Kernbereich der Industrie über. Die Sharing Economy von morgen vermarktet Überkapazitäten an Produktionsmitteln, insbesondere ungenutzte Maschinenzeiten. Möglich wird dies durch das Internet der Dinge, mit dem Milliarden Menschen über ihre Smartphones bereist verbunden sind. Sie klinken sich in den Datenstrom ein, der unablässig durch dieses System aus Billionen Sensoren und zig Milliarden Geräten läuft. Die Blockchain ist ein sicheres, transparentes und schnelles Betriebssystem, ein Protokoll des Vertrauens, das Peer-to-Peer-Transaktionen weiter vereinfachen wird. IoT und Blockchain bilden die Basis der neuen Sharing Economy. Letztlich werden aus Konsumenten „Prosumenten“ – Produzent und Konsument in einem. Vor allem ist das Potenzial der Sharing Economy, über das Netz ihre Überkapazitäten in der Produktion zu teilen, äußerst attraktiv fürs pro- 69 Ein Blick auf die technischen Entwicklungshorizonte duzierende Gewerbe, denn nicht jedes Unternehmen fährt Rund-umdie-Uhr-Schichten. In vielen Fabriken gibt es immer wieder Zeiten des teuren Stillstands. Firmen, die nur eine Schicht von acht Stunden fahren, lassen ihre Maschinen an 67 Prozent des Tages nutzlos stehen. Diese „Ruhezeiten“ würden sich gewinnbringend teilen lassen. Es wird Plattformen geben, auf denen diese Kapazitäten angeboten und nachgefragt werden. Skeptiker bezweifeln diese Entwicklung. Sie wenden ein, dass Maschinen mit einigem Aufwand für jeden neuen Auftrag umgerüstet und vorbereitet werden müssen. Mit dem 3-D-Druck verändern sich jedoch diese Parameter – sie sind deutlich flexibler und läuten eine neue Ära der Produktion ein. Sharing beflügelt den 3-D-Druck Der Gesamtmarkt für 3-D-Druck wird je nach Studie und Betrachtungsweise jährlich zwischen 15 und 30 Prozent wachsen. Optimistische Studien gehen von einem Marktvolumen von über 400 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025 aus.56 Kaum verwunderlich, denn schließlich löst der 3-D-Druck einige Probleme: Losgröße 1, das vollpersonalisierte Produkt, ist keine wirkliche Herausforderung mehr. Ersatzteile können bei Bedarf und vor Ort produziert werden. Der Transport über lange Distanzen entfällt, Verkehrswege und Umwelt werden entlastet. Sharing Economy und 3-D- Druck erweisen sich als „Dreamteam“: Schon bald werden dezentrale 3-D-Druck-Hubs eingerichtet, sowohl für Endverbraucher wie für Unternehmen. Sie müssen also nicht in eigene 3-D-Druck-Kapazitäten investieren, sondern teilen sich externe Druckerzentren. Der Logistikdienstleister DHL hat bereits Pop-up-Stores für den 3-D-Druck getestet. Es steht außer Frage: Die Produktion rückt näher an den Kunden und wird immer individueller, das Ausgangsprodukt ist nur noch ein Datensatz, die Grenzkosten schmelzen für materielle Güter dahin. Die Vorteile in Personalisierung, Zeit und Logistik liegen klar auf der Hand. 56 Vgl. Deutsche Post Group (2016): DHL: 3D-Druck kann bestimmte Herstellungsmethoden revolutionieren, online unter: www.dpdhl.com/de/presse/ pressemitteilungen/2016/3d-druck-kann-bestimmte-herstellungsmethodenrevolutionieren.html (19.9.2019). 70 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft Wie die Sharing Economy die Welt verbessert Teilen ist das Gebot der Zukunft. Ohne den Besitz und die Freude der Verbraucher an den Dingen schmälern zu wollen: Fakt ist, die Sharing Economy spart Ressourcen ein und schont den Planeten – über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg, beginnend mit den Maschinenparks in den Fabriken und endend mit den Produkten. Es werden weniger Güter hergestellt, weniger Rohstoffe verbraucht und weniger klimaschädliche Emissionen ausgestoßen. Allein der chinesische Car-Sharing-Anbieter DiDi hat eigenen Angaben zufolge bereits 2015 die Zahl der Autofahrten in China um eine Million pro Tag reduziert, damit 500 Millionen Liter Benzin respektive Diesel und 13,5 Millionen Tonnen CO2-Emissionen eingespart. Das mag zwar ein Tropfen auf den heißen Stein sein, aber primär ist es ein deutliches Indiz für das ungeheure Potenzial der Sharing Economy.57 Welchen tieferen Sinn hat es, jedes Jahr zig Millionen Autos herzustellen, wenn sie doch nur zwischen 5 und 8 Prozent ihrer Lebenszeit wirklich bewegt werden? Und es macht noch weniger Sinn, wenn man die Gefahren für Klima und Gesundheit bedenkt. Im Zeitraum von 2000 bis 2014 ist die Anzahl der Neufahrzeuge kontinuierlich von über 58 Millionen auf fast 90 Millionen gestiegen. Erst 2016 ist der globale Automarkt erstmals stagniert. Die Sharing Economy führt darüber hinaus dazu, dass Menschen als Ich-Unternehmen in Märkte eintreten können, die bislang Unternehmen oder Kollektiven vorbehalten waren. Der vermeintliche Nachteil der Sharing Economy ist, dass sie wenig reguliert ist und arbeitsrechtliche Standards absenkt. Dies wiederum könnte in manchen Entwicklungsländern in Wahrheit von Vorteil sein. Denn App-basierte und über soziale Bewertungen und die Meinungsbildung der Crowd „geregelte“ Sharing-Angebote können deutlich effizienter funktionieren als vom Staat regulierte Märkte: Menschen könnten sich unabhängig von ineffizienter, möglicherweise korrupter Verwaltung eine Existenz aufbauen.58 Als Teil der Weltmaschine könnten darüber hinaus kleine Anbieter aus Entwicklungsländern Produkte entwerfen und in alle Welt verkaufen, und zwar so effizient wie nie zuvor: Sie produzieren nicht an ihrem 57 Vgl. April Rinne (2019): 4 big trends for the sharing economy in 2019, online unter: www.weforum.org/agenda/2019/01/sharing-economy/ (19.9.2019). 58 Vgl. ebd. 71 Ein Blick auf die technischen Entwicklungshorizonte Firmensitz und schicken die Waren auf teure und aufwendige Reisen zu den Käufern, sondern mieten über eine Blockchain überschüssige Maschinenzeiten in deren Nähe oder lassen sie auf 3-D-Druckern am Wohnort der Kunden ausdrucken. Gleichzeitig werden selbst Kleinstunternehmen oder Dorfgemeinschaften in den entlegensten Winkeln davon profitieren, dass sie via 3-D-Druck Güter des täglichen Bedarfs oder Ersatzteile produzieren können. Fallstudie: Das Ende des Automobils und die Folgen Ein Paradebeispiel für die Dematerialisierung liefert die Automobilbranche. Anhand ihrer Geschichte und ihrer Zukunft lässt sich eindrücklich aufzeigen, welche radikalen und dramatischen Veränderungen Dematerialisierung generell für die Wirtschaft impliziert. Die Historie des Automobils ist geprägt von großartigen, sukzessiven Innovationen im Dienste von Sicherheit und Service. 1951 baut Chrysler erstmals eine Servolenkung ein. Ein Jahr später kommt der Bremskraftverstärker hinzu. In den 1960er Jahren gehören die elektronische Benzineinspritzung und das Antiblockiersystem zu den Errungenschaften der Branche. Die 1970er Jahre bringen den Airbag und den Katalysator. Seit 1980 lässt sich die Zentralverriegelung per Funk öffnen und schon 1982 platziert Toyota die erste Einparkhilfe auf dem Markt. GPSbasierte Navigationssysteme gibt es seit 1990 und das elektronische Stabilitätssystem (ESP) seit 1995. Weder Geschwindigkeit noch Tragweite der genannten Innovationen werden mit dem Fortschritt im exponentiellen Raum zu vergleichen sein. Seit 2016 sind die ersten selbstfahrenden Fahrzeuge der Stufe 3 auf der Straße. Das heißt, die Fahrzeuge fahren zwar autonom, aber ein Fahrer muss mit an Bord sein. Im Jahr 2021 werden autonome Fahrzeuge der Stufe 5 in Deutschland unterwegs sein: Sie kommen ohne Fahrer aus. Volkswagens Digitalchef Johann Jungwirth hat die optimistische Progno se abgegeben, dass sich autonomes Fahren in vier Jahren praxistauglich etabliert haben dürfte. Bosch und Daimler planen, bereits in diesem Jahr ausgewählte Städte mit autonomen „Robo-Taxis“ zu beliefern. Rasch werden koordinierte, autonome Fahrsysteme folgen, die als Teil der Sharing Economy die wechselnden Bedürfnisse der Nutzer befriedigen: Ein Kleintransporter für das Shopping im Möbelhaus; ein Bus, wenn eine Sportmannschaft zum Auswärtsspiel reisen muss; ein Zwei- 72 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft sitzer, wenn ein Paar abends ins Theater gehen möchte. In einer solchen Welt werden viel weniger Fahrzeuge benötigt als in der heutigen Zeit des Individualverkehrs. Die autonome Flotte wird deutlich mehr unterwegs sein als unsere eigenen Autos heute, die die meiste Zeit vor allem eines tun: parken. In den Smart Citys der Zukunft ist damit auch das Parkproblem gelöst. Die autonomen Fahrzeuge stehen nicht nutzlos herum, sie fahren von einem Einsatz zum nächsten. Ein herkömmliches Auto wird durchschnittlich nur zwischen 5 bis 8 Prozent seiner Lebenszeit wirklich bewegt.59 Bei einem Neupreis von 25 000 Euro werden also nur 1 250 Euro bis 2 000 Euro effektiv genutzt. Was für eine Verschwendung von Kapital und wertvollen Ressourcen! Ein autonomes, in ein Mobilitätssystem eingebundenes Fahrzeug rollt hingegen 60 Prozent seiner Lebenszeit auf den Straßen – konservativ gerechnet. Damit würde jedes dieser Mobile potenziell 30 gängige Autos ersetzen. Statt über 61 Millionen Pkw befänden sich nur noch knapp über zwei Millionen Wagen auf Deutschlands Straßen. Statt 3,44 Millionen Neuzulassungen gäbe es pro Jahr nur noch etwas mehr als 100 000. Natürlich ist das eine grobe Überschlagsrechnung, aber sie vermittelt eindrucksvoll die Größenordnung, die durch das Zusammenspiel von Exponentialität, Infrastruktur des Wohlstands und Dematerialisierung entsteht. Es geht nicht um ein paar Prozentpunkte, es geht um Faktoren. Die Automobilindustrie schrumpft nicht um 30 Prozent, ihr Volumen wird durch dreißig geteilt. Vollautomatisiertes Carsharing Ein Whitepaper60 des Anbieters car2go – ein Joint Venture von Daimler und Europcar – beschreibt das Potenzial des Carsharings: Das Unternehmen steuert seine Flotten in 26 Städten weltweit über einen einzigen Server. Das intelligente System betrachtet die Autos als kollektiven Körper, in dem das Verhalten eines Autos direkte Auswirkungen auf alle an- 59 Vgl. Martin Randelhoff (2016): Die größte Ineffizienz des privaten Pkw-Besitzes: Das Parken, online unter: www.zukunft-mobilitaet.net/13615/strassenver kehr/parkraum-abloesebetrag-parkgebuehr-23-stunden/ (19.9.2019). 60 Vgl. car2go (2018): White Paper. The five conditions essential to successfully operate autonomous carsharing fleets in the future, online unter: www.car2go. com/media/data/italy/microsite-press/files/car2go_white-paper_autonomousdriving_2017_en.pdf (19.9.2019). 73 Ein Blick auf die technischen Entwicklungshorizonte deren Autos hat. Es analysiert den Bedarf und ist in der Lage, die Verfügbarkeit so zu optimieren, dass pro Auto und Tag 16 Anmietungen möglich sind. An dieser Flottenintelligenz ist der Mensch nicht beteiligt, sie ist ganz und gar Sache der Maschine. Gefragt ist der Mensch derzeit noch, wenn Autos an andere Standorte verlegt werden sollen, um den Bedarf der Kunden besser zu befriedigen. In dem Fall fährt ein Serviceteam los und parkt die Fahrzeuge um. Sobald Autos die Autonomie der Stufe 5 erreichen, schreibt car2go, können sie sich eigenständig auf Grundlage derselben Logik in der ganzen Stadt verteilen. Im Krisenmodus befindet sich die deutsche Automobilindustrie bereits, sobald die Absatzzahlen lediglich um ein paar Prozentpunkte zurückgehen. Was wird passieren, wenn irgendwann nur noch jeder zehnte Pkw gebaut wird? Denn genau das steht Deutschland in den kommenden zwei, drei Jahrzehnten bevor. Alleine die Dematerialisierung dieser Schlüsselbranche wird unsere Gesellschaft und Wirtschaft vor immense Herausforderungen stellen. In Deutschland hängen 1,8 Millionen Arbeitsplätze direkt oder indirekt an der Automobilwirtschaft. Sie steht für einen jährlichen Umsatz von 400 Milliarden Euro, mithin 11 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung. Volkswirtschaftler sprechen hier von einem „Klumpenrisiko“: Die Dematerialisierung setzt Zulieferer und Hersteller unter Druck, sie müssen Überkapazitäten und große Teile der Produktionsinfrastruktur abbauen. Die Branche konsolidiert, Übernahmen und Insolvenzen werden nicht zu verhindern sein, die meisten Mitarbeiter werden nicht mehr benötigt. Die positive Kehrseite der Medaille: Gleichzeitig sinkt mit der verringerten Produktion der Verbrauch an Rohstoffen, vorgefertigten Teilen und Energie. So löst die Digitalisierung das ökologische Versprechen der Dematerialisierung ein. Ganz automatisch, und mit ständig zunehmender Kraft. Digitalisierung, Vernetzung und Automatisierung führen zwangsläufig zu Dematerialisierung. 74 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft Aspekte aus der Perspektive der Wirtschaft – der ökologisch-sozial motivierten Marktwirtschaft Die digitale Zukunft verlangt achtsame Unternehmenskultur Die Verantwortung der Menschen in der Wirtschaft wird ein zentraler Faktor bei digitalen Möglichkeiten. Der junge israelische Wissenschaftler Yuval Noah Harari, der an der University of Oxford lehrt und aufsehenerregende Bücher zur Zukunft verfasst hat, schildert in seinem spannenden Werk „Homo Deus“, wie sich Menschen vom Homo sapiens weiterentwickeln und mit künstlicher Intelligenz gesteuert werden.61 Dabei entwickelt er durchaus realistische Szenarien, die heute bereits teilweise gelebt werden: Rasante Entwicklungen und packende, unwirklich erscheinende Entwicklungsbilder künstlicher Intelligenz, die Verbindung zwischen Mensch und Computern und deren Folgen. Er berichtet auch von einer Freundin, die ihm sagt: „Wenn das einmal passiert, bin ich hoffentlich schon tot.“62 Weiter erzählt Harari, „sie habe Angst vor dem Älterwerden, vor allem davor, irrelevant zu werden.“63 Realistisch ist dem jedoch zu widersprechen, die Freundin irrt. Die digitale Zukunft ist nicht als Schreckgespenst, sondern als willkommene Chance zu sehen – wenn die Herausforderung richtig und gewissenhaft angenommen werden wird. Die digitale Entwicklung ist kein Naturereignis, Menschen sind die handelnden Akteure. Über die technischen Fähigkeiten, die Transparenz und gigantischen Risiken muss ernsthaft nachgedacht und viel diskutiert werden. Hier soll nichts überdeckt, nichts verkleinert werden. Fakt ist jedoch, Menschenhand steuert. Daraus folgt unweigerlich die Erkenntnis, dass die Folgen der digitalen Entwicklung, also die Auswirkungen nicht exkulpierend umgelenkt oder abgeschoben werden können. Unteilbar liegt die Verantwortung bei den Menschen, bei jedem Menschen. Wird eine analytische Betrachtung der Anwendung digitaler Optionen und Potenziale unter diesem Gesichtspunkt konsequent dekliniert, ist die Individualverantwortung unbestreitbar. 61 Vgl. Yuval Noah Harari (2017): Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen, München. 62 Ebd., S. 72 f. 63 Ebd., S. 73. 75 Aspekte aus der Perspektive der Wirtschaft Die Folge digitaler Prozesse allerdings ist ein zentraler Faktor und kann bereits heute als hoch anspruchsvolle Herausforderung beschrieben werden. Wir werden es mit nicht quantifizierbaren Mengen an Daten und Rechenprozesse mit und um persönliche Datenmengen digital generierter Prozesse zu tun haben, deren Verarbeitungsmethodik und Entstehungsmathematik es faktisch unmöglich machen, die Hintergründe und Genesis der entstandenen Ergebnisse transparent erkennbar werden zu lassen. Die Erkenntnis fordert zu Konsequenzen heraus, die vielschichtig anzusetzen sind. Wirtschaft, Wissenschaft und Politik haben sich, jeweils aus ihrer spezifischen Perspektive, den Herausforderungen zu stellen. Mehrfach und an unterschiedlichen Stellen dieser Publikation werden Herausforderungen und Konsequenzen aufgezeigt. So vielfältig die Entwicklungen und die Folgen zu beschreiben sind, ebenso vielfältig sollten Lösungsansätze oder Aufklärungs- und Transparenzbemühungen überlegt werden. Wirtschaft und Wissenschaft haben bei der Suche nach Lösungsansätzen, neben der Politik, eine mindestens ebenso gleichbedeutende Funktion. Die viel beschriebene disruptive Wirkung der digitalen Transformation, bedingt eine ebenso disruptiv motivierte Kreativität bei der Lösungskonzeption. Darin kann eine enorme Chance zu sehen sein, also Aufbruchsmotivation in allen Bereichen: Neue Denkfreiheit in konventionellen Bereichen der Wirtschafts- und Arbeitswelt, alles kann und muss in Frage gestellt werden. Aber nicht alles muss anders gedacht oder gemacht werden. Das wäre die falsche Folgerung, es kann andere Wege, Ansätze, Lösungen geben. Konventionelle Ansätze zu verdammen, weil sie konventionell sind, würde jedoch nur eine zwanghafte Trendhörigkeit darstellen. Zu beachten ist: Nicht alleine anonyme Großunternehmen, Konzerne oder Wissenschaftler verursachen durch ihr Handeln Wirkung. Jedermann steht in der Verantwortung, die Folgen seiner Entscheidungen und Handlungen zu beachten. Die digitale Transformation zeigt als Folge disruptiver Wirkungen vielfach unkonventionelle Methoden, Wege, Verhaltensmuster. Solche setzen sich auch im Miteinander der Gesellschaft fort. Jedoch ist die Entwicklung eines gesellschaftlichen Konsenses zu nachhaltigen Mustern in breiten Teilen des Lebens, speziell auch im Konsumverhalten, signifikant. Mindestens der Wille zur Nachhaltigkeit ist deutlich erkennbar, genauso wie das Verlangen nach einer solchen Ausrichtung im Produktbereich 76 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft oder auch bei Institutionen und Organisationen. Daraus folgt: Nachhaltige Unternehmensführung und nachhaltige Produktion stehen im Mittelpunkt einer zukunftsgewandten Ausrichtung weiter Teile der modernen Ökologisch-sozialen Marktwirtschaft. Konstitutiv wirken zunehmend unternehmensindividuelle Compliance-Regeln oder gar institutionelle Regularien, bis hin zur europäischen CSR (Corporate Social Responsibility)-Richtlinie.64 Es ergibt sich eine wachsende Pflicht zu einer strukturierten Berichterstattung über die Nachhaltigkeit wirtschaftlicher Prozesse. Dabei ist unter Nachhaltigkeit nicht allein die Wirkung für ein Unternehmen oder für Akteure in der Wirtschaft gemeint. Gerade im Sinn einer Ökologisch-sozialen Marktwirtschaft muss der Betrachtungswinkel sowohl in Richtung der wirtschaftenden Institutionen und Personen als auch auf die Relevanz für das Umfeld, die Gesellschaft und letztlich die auf die Zukunft gerichteten Umweltfaktoren ausgerichtet sein. Im Lichte der Analyse digitaler Transformationskonsequenzen ist eine Betrachtung der Binnenwirkung digitaler Wandlungsprozesse in Unternehmen ebenso erforderlich wie die Außenwirkung und deren Folgen. Analog zur graduellen Fokussierung bei ökologischen Folgen wird es zwingend, die drei Wirkungsringe – 1. direkte Wirkung durch Produktion oder Unternehmensleistung, 2. sekundäre Wirkung durch Distribution und Vertrieb und 3. Auswirkung durch die Handlungen und Aufwendungen der Zulieferkette – einschließlich der Dienstleistungen für den eigenen Betrieb einer Analyse zu unterziehen. Mithin ist die Frage der konkretisierten Definition der Nachhaltigkeit im Kontext digitaler Zukunftsprojektionen oder gegenwärtiger Realitäten zu bedenken. Was sind die Ziele und Grenzen einer solchen Nachhaltigkeit? Und ergibt sich daraus eine ökonomische und soziale Relevanz? Wo sind die Nutzenschwerpunkte sowohl für Unternehmen als auch für Gesellschaft und Individualrechte? Im Zusammenhang mit der Persönlichkeitssphäre ist die Verfügbarkeit und die Nutzung von Da- 64 Vgl. Deutscher Bundestag (2017): Gesetz zur Stärkung der nichtfinanziellen Berichterstattung der Unternehmen in ihren Lage- und Konzernlageberichten (CSR-Richtlinie-Umsetzungsgesetz), online unter: www.bgbl.de/xaver/bgbl/start. xav?start=%2F%2F*%5B%40attr_id%3D%27bgbl117s0802.pdf%27%5D#__ bgbl__%2F%2F*%5B%40attr_id%3D%27bgbl117s0802.pdf%27%5D__ 1522938923027 (19.9.2019). 77 Aspekte aus der Perspektive der Wirtschaft ten ein sensibles Thema. Allerdings liegen weite Teile des gesamten Bereichs der Generierung, Verwendung und des Handels von Daten im Dunkeln. Dabei resultiert solches Schattendasein nicht unbedingt auf böswilliger oder gar krimineller Energie. Schlicht das Wissen um die Möglichkeiten, die Vernetzungen und algorithmischen Fähigkeiten ist fernab von breiter Kenntnis und Transparenz. Umso wichtiger werden Grundsätze und Regeln einer verantwortungsvollen, damit eben nachhaltigen Vorgehensweise. So ist auch im Sinne einer marktwirtschaftlichen Kultur einzuordnen, dass umsichtiges Verantworten von digitalen Prozessen und Anwendungen als nachhaltige Handlung bewertbar sein können. Demnach ist zu erörtern, ob solches subsumierbar ist und in den Bedeutungsrahmen der Begrifflichkeit passt. Der Ursprung des Begriffs der Nachhaltigkeit So scheinbar modisch der Begriff auch gefühlt sein mag, bereits Anfang des 18. Jahrhunderts ist sein Ursprung in der Literatur zu finden. Hans Carl von Carlowitz beschrieb im Zusammenhang des Holzbaus, wie „eine beständige und nachhaltige Nutzung“ dieser „unendbehrlichen Sache“ zu betreiben sein soll.65 Aus dieser ursprünglichen Nutzung des Begriffs lässt sich bereits gut die auch heute noch überwiegend konsensuale Bedeutung ableiten. Die Bewahrung wesentlicher Eigenschaften oder die allgemeine auf Dauer angelegte Stabilität jeweiliger Systeme will durch den Begriff einen Ausdruck finden. Angesprochen werden Ressourcennutzung, Bewahrung oder Schonung natürlicher Ressourcen oder deren entsprechende Regenerationsfähigkeit. Das im Begriff zentrale Verb ist „nachhalten“, mit dem die Bedeutung „längere Zeit andauern oder bleiben“ einhergeht.66 Zeitgemäß wird der Begriff Nachhaltigkeit mehrheitlich mit Handlungen, Produktionsformen und Gegenständen in Verbindung genannt, die auf eine beständige Zukunft hin konzipiert sind oder werden sollen. 65 Vgl. Hans Carl von Carlowitz (2012): Sylvicultura Oeconomica. Haußwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht, Faksimile der Erstauflage Leipzig 1713, Remagen, S. 105. 66 Vgl. Michael Rödel (2013): Die Invasion der „Nachhaltigkeit“. Eine linguistische Analyse eines politischen und ökonomischen Modeworts, in: Deutsch Sprache. Zeitschrift für Theorie, Praxis und Dokumentation, Jg. 41, Heft 2, S. 115–141: 115. 78 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft Ökologie und soziale Gerechtigkeit sind dabei oft zentral. Die Bewahrung der Schöpfung wird als Ziel von einigen formuliert. Das klingt möglicherweise etwas „gestrig“, ist aber eben genau dem Sinn entsprechend, jedenfalls bei der ökologischen Komponente der Nachhaltigkeitsbetrachtung. Im Kontext der Ökonomie werden mit Nachhaltigkeit überwiegend ökologische Attribute verbunden. Aspekte der CSR werden vielfach synonym genutzt oder vermischt. Dabei kann festgestellt werden, dass das auch nicht völlig falsch sein muss, denn CSR ist ein Teil der Nachhaltigkeit und in ihrer ganzheitlichen Betrachtung als notwendig zu bewerten. Im Späteren wird darauf noch einzugehen sein. Der Umfang der Begriffsbedeutung Prägend für die Bedeutung des Begriffs speziell in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft war die 1983 von den Vereinten Nationen eingesetzte Kommission für Umwelt und Entwicklung. Die sogenannte Brundtland Kommission beeinflusste seitdem kontinuierlich die politischen und ökonomischen Debatten, sowohl zur Umweltpolitik als auch im Bereich der Entwicklungspolitik.67 Seit dem Abschlussbericht aus dem Jahre 1987 wird die weltweite Diskussion von dem Leitgedanken einer nachhaltigen Entwicklung im industriellen Bereich, aber vor allem auch in den Regionen der schwächeren Länder, also im Entwicklungsbereich geprägt. Dieser Gedanke umfasst nicht nur die ursprünglichen Ideen einer nachhaltigen Forst- oder Landwirtschaft, sondern ist viel weitgehender: Es finden auch grundlegende Zukunftsgedanken hinsichtlich einer sorgsamen Bewahrung der Umwelt ebenso wie soziale Aspekte breiten Raum.68 Hier ist der Grundstein der aktuellen Betrachtung im Rahmen des Begriffs Nachhaltigkeit zu sehen. Demnach soll sich nachhaltiges Handeln auf drei Bereiche erstrecken: Ökonomie, Ökologie und Soziales. 67 Vgl. Volker Hauff (1987): Unsere gemeinsame Zukunft. Der Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, Greven. 68 Vgl. World Commission on Environment and Development (WCED) (1987): Report of the World Commission on Environment and Development. Our Common Future, in: Official Records of the General Assembly, Forty-second Session, Supplement No. 25 (A/42/25), Genf. Online unter: www.un-documents.net/ wced-ocf.htm (19.9.2019). 79 Aspekte aus der Perspektive der Wirtschaft Aus dem Blickwinkel unternehmerisch Verantwortlicher kann hier bereits festgestellt werden, dass die Nachhaltigkeit nicht nur ein Teilsegment für Unternehmen darstellen kann. Nachhaltigkeit in der Unternehmensführung bedeutet also ganz sicher, alle Bereiche unter dem Gesichtspunkt einer zukunftsorientierten Planung zu betrachten. Bereits jetzt wird erkennbar, dass die Überlegung nachhaltiger Unternehmenswirtschaft immer auch direkt mit der Verantwortung der handelnden Personen über das persönliche und individuelle Interesse hinaus, ja sogar über das individuelle Unternehmensinteresse hinaus gefordert ist. Folglich steht der Begriff der Nachhaltigkeit immer im direkten Kontext einer ganzheitlichen Verantwortung. Das korrespondiert auch mit den Ursprüngen dieses Begriffs, denn bereits Carlowitz hatte nicht seinen persönlichen Holzbestand, sondern das dauerhafte Wohl der Natur und der Gesellschaft im Blick. Braucht eine digitalisierte Wirtschaft überhaupt Nachhaltigkeit? Nicht ohne Grund ist der Begriff in unserer aktuellen Zeit so häufig genutzt: Die Herausforderungen im Umweltschutz und ebenso die Gestaltung einer globalen Gesellschaft sind zunehmend anspruchsvoll. Die Erkenntnisse über disruptive Veränderungen durch die technologischen Entwicklungen unserer heutigen Wirtschaft und Gesellschaft fordern eine aktive Beachtung der Folgen und entsprechend auch eine Sensibilisierung für die sozialen Wirkungen. Damit sind sicher die Individualrechte abgedeckt, weiter aber auch Folgen in wirtschaftlicher Hinsicht und so auch Konsequenzen für die Balance einer Gesellschaft. Es ergibt sich eine erhöhte Partizipationsverantwortung der Wirtschaft hinsichtlich einer verantwortbaren Zukunft der globalen Gesellschaft. So ist die intensive strategische Ausrichtung, aber auch die stärkere Notwendigkeit aktiver Handlungen in der Wirtschaft eine logische Konsequenz. Als plausible These kann gelten, dass ohne die selbstregulierende Beteiligung der privaten Akteure, besonders aus der Marktwirtschaft, an der Lösung der sich zwingend stellenden Herausforderungen die staatlichen Instanzen genötigt sein werden, massive Regularien zu erlassen. Es ist zu erwarten, dass eine eskalierende Ausnutzung persönlicher Rechte und Akzeptanzkonflikte in weiten Teilen der Gesellschaften zu spürbarer Gegenwehr führen müssen. Solche Szenarien werden politische Regulierung erzwingen, die gerade aus Sicht der Marktwirt- 80 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft schaft ein selbstbestimmtes Entscheiden der privaten Akteure übermä- ßig einschränken müsste. Folglich muss es gerade im Interesse der Entscheidungsträger in der Wirtschaft sein, nach vorausschauend sozialen Lösungskriterien zu handeln. So ist auch die Wahrung der Individualrechte und die daraus folgende soziale Umsicht eine nachhaltige Vorgehensweise, die dem Geist des Ursprungs der Nachhaltigkeit entspricht. Demnach ist es nicht allein sprachlich modischen Gedanken zu schulden, wenn der Begriff Nachhaltigkeit beinahe inflationär genutzt wird. Es gebietet die Notwendigkeit, viele lösungsorientierte Gedanken und daraus resultierende Forderungen und Regeln über nachhaltiges Handeln in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik zu implementieren. CSR ist Chefsache und strategische Basis des Managements Wenn nicht aus altruistischer Erkenntnis ein nachhaltiges Un ter nehmens prin zip herzuleiten sein wird, dann sollten mindestens die verifizierbaren Erfolgsfaktoren strategisch überzeugen. Die Wirtschaft soll auch im Umgang mit der digitalen Realität ein nachhaltiges Handeln vorweisen können. In einer Reihe von Studien der Literatur der letzten Jahre wurde kontinuierlich berichtet, dass Unternehmen mit einer ganzheitlichen CSR- Strategie bessere wirtschaftliche Ergebnisse erzielen. Grund sind die höhere Zuverlässigkeit der Mitarbeiter, die bessere Akzeptanz der Auftraggeber und auch die geringere Anfälligkeit bei Fehlern oder Skandalen. Prägnant ist das Ergebnis der Fulton-Studie der Deutschen Bank, die wirklich nicht im Verdacht einer ideologischen Lastigkeit steht: 2012 kam die Studie zu dem Ergebnis, dass Investitionen in CSR aktive Unternehmen ein lohnenderes Geschäft sein könnten.69 Der gesellschaftliche Konsens und ein starkes Transparenzbedürfnis, bei gleichzeitiger praktisch grenzenloser Verfügbarkeit von Informationen und Wissen durch die digitalen Medienvernetzungen andererseits, verlangen aus nüchterner Strategieüberlegung heraus die Opti- 69 Vgl. Mark Fulton et al. (2012): Sustainable Investing. Establishing Long-Term Value and Performance, in: DB Climate Change Advisors, Deutsche Bank Group (Hrsg.): Sustainable Investing. Establishing Long-Term Value and Performance, Frankfurt am Main, S. 5 und 39. 81 Aspekte aus der Perspektive der Wirtschaft mierung eines ganzheitlichen verantwortlichen Managements. Der Markt, die Medien und staatliche Regulierung drängen verstärkt nach Belegen nachhaltigen Handelns. Mindestens ebenso zwingend wird die Orientierung zu verantwortungsbewusstem Unternehmertum durch die Fachkräftesituation. Arbeitgeber ringen längst um die guten Kräfte, die sich derzeit die Arbeitsplätze aussuchen können. Dabei nimmt der Wunsch nach qualitativen Positivmerkmalen des Unternehmens deutlich zu. Nicht alleine der persönliche Arbeitsplatz soll angenehm sein, auch das Image des Unternehmens und ebenso die Produkte, also die Ergebnisse der eigenen Arbeit sollen respektabel sein. Sinnstiftende Arbeit wird als erstrebenswert gesehen. Auch hier wieder ist die Informations- und Wissensgesellschaft ein neuer und entscheidender Faktor. Bewertungen von Arbeitgebern in den zahlreichen Onlineforen sind zu ernsten Entscheidungskriterien geworden, wo Fachkräfte selbstbewusst und mächtig die Auswahl haben. Regelmäßig werden dort die glaubwürdigen Nachhaltigkeitsrealitäten besprochen: Oft ungerecht und gnadenlos, eben deshalb ist eine ehrliche Hinwendung des Managements zu Merkmalen der verantwortungsvollen Unternehmensführung auch als betriebsnotwendige Strategie, jenseits persönlicher Überzeugung, erforderlich.70 Nachhaltige Ökonomie in der digitalen Zukunft Nachhaltigkeit im ökonomischen Sinne ist vor allem auch der Erhalt der Unternehmen und damit Bewahrung von Arbeitsplätzen und Wohlstandsmöglichkeiten. Angesichts der digitalen Transformation wird die Suche nach geeigneten Anwendungs- und Nutzenmöglichkeiten digitaler Neuerungen und Veränderungen für das eigene Unternehmen zu einer Basisaufgabe. Dabei darf nicht ausschließlich der Einsatz neuer digitaler Möglichkeiten bei der Durchführung der bestehenden Aufgaben im Fokus stehen. Die Optimierung der Prozesse und allgemeinen Abläufe sind selbstverständlich. Die Fragestellung darf auch nicht von Überlegungen zu „modern oder konventionell“ geleitet werden. Die motivierte Suche nach digitalen Chancen wird eine vitale Verpflichtung im Wettbewerb, die ein Un- 70 Siehe beispielsweise kununu GmbH (o. J.): Finde deinen besten Arbeitgeber, online unter: www.kununu.com (19.9.2019). 82 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft ternehmen überlebensfähig machen. Wichtig ist, wie veränderte technologische Möglichkeiten das Verhalten der eigenen Kunden beeinflussen. So nur kann eine echte Zukunftsplanung erfolgen. Die Antwort auf die digitale Transformation muss nicht zwingend ein neues, digitales Produkt sein. Auch die Kundenbeziehungen, das Käuferverhalten, das Serviceangebot oder die Distribution könnten neu zu denken sein. Ohne Einbeziehung neuer digitaler Optionen ist denkbar, dass ein gut eingeführtes Produkt oder eine hervorragende Dienstleistung nicht mehr dauerhaft gefragt werden, da die Konsumenten eine „Usability“ bevorzugen, die ihrer Lebensrealität näher ist. Die bereits heute erkennbaren Veränderungen im Handel verdeutlichen diesen Gedanken. Die oben geschilderten Realitäten in der Musikindustrie zeigen, wie selbst die Liebhaber von Schallplatten, die komplette Veränderung einer ganzen Industrie und damit das Ende zahlreicher etablierter Unternehmen nicht verhindert haben. Vergleichbar sind die Veränderungen in den Medien. Durchschnittliche Verbraucher werden diese dramatischen Verschiebungen in den Medien kaum erkennen. Die tradierten Zeitungsverlage unterliegen massenhaft Konzentrationsprozessen und lange schon sind Schließungen von Redaktionen gegenwärtig. Technische Abläufe in den Druckereien haben schon Jahrzehnte der Veränderungen durchlebt, jedoch die revolutionären Neuorientierungen der Nutzer, also Rezipienten der Zeitungen und Magazine, sind aktuell prägend. Die Hinwendung zu digitalen Informationsformaten ist signifikant. Der Bundesverband der Zeitungsverleger meldet für 2017 kumuliert 13,5 Mio. tägliche Zeitungsverkäufe über Abo oder Kiosk in Deutschland. Angebote der Zeitungen im Internet rufen mittlerweile 35,5 Millionen Unique User über 14 Jahre auf. Hinzu kommen 10 Millionen Nutzer, die sich unterwegs mindestens einmal pro Woche via App beziehungsweise über eine mobile Website bei den Verlagen informieren.71 Nicht erfasst sind dabei die veränderten Nutzergewohnheiten, die von den klassischen Medienangeboten auf andere Formate wie Blogs oder Distributionsplattformen freier Publizisten umschwenken. Längst haben sich jenseits der Verlagshäuser eigene Informationstools gebildet, die nennenswerte Reichweiten generieren. 71 Vgl. Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger e.V. (2017): Die deutschen Zeitungen in Zahlen und Daten 2017, Berlin. 83 Aspekte aus der Perspektive der Wirtschaft Gleichermaßen hat diese Entwicklung dramatische Auswirkungen auf die konventionellen elektronischen Medien, deren klassische Programmangebote in Teilen bereits überkommen sind. Traditionell erfolgreiche Programmanbieter verzeichnen massive Verluste, wenn sie nicht vor Jahren bereits begonnen haben, ihre Geschäftsmodelle und auch die Distribution ihrer Programmangebote der digitalen Welt anzupassen. Die spektakulären Veränderungen der Geschäftsmodelle sind der Allgemeinheit nur wenig bekannt. Das ist auch nicht zu erwarten: Die Nutzung folgt dem Nutzungskomfort, dem Verlangen nach schneller Information und der eigenen Lust ganz willkürlich. So ist die Zeitung lange nicht mehr die Zeitung der Vergangenheit, Fernsehen ist schon lange nicht mehr das Fernsehen des letzten Jahrhunderts. Entsprechend sind auch die Businessmodelle neu zu denken. Exempla risch zeigt die Medienentwicklung die erforderliche Anpassungsmobilität im Zuge der digitalen Transformation für die Wirtschaft allgemein. Die Mechanismen der Werbeindustrie agieren auf einer beinahe komplett neuen Basis. Wer diese Bewegungen nicht mitgemacht hat, wird bald nicht mehr auf dem Markt sein. Es ist darauf hinzuweisen, dass es eben nicht nur Medienunternehmen oder Entertainment trifft, sondern voraussichtlich alle Bereiche des Marktes und der Wirtschaft. Im Sinne einer Nachhaltigkeit verlangt die Zukunftstechnologie und deren Anwendungsparadigmen sowohl Beweglichkeit als auch Achtsamkeit gleichermaßen, um nachhaltig Unternehmen lebendig zu erhalten. Die Beweglichkeit beflügelt die ökonomischen Erfordernisse zur Kreation zeitgemäßer Produkte und Anwendungen für Klienten und Konsumenten. Eine besondere Achtsamkeit erfordert die Folgenabschätzung im Sinne einer gesellschaftlichen Verantwortung. Die unmittelbare Wirkung, wirtschaftliche Entscheidungen bei der Nutzung der digitalen Möglichkeiten auf Gesellschaft und individuale Rechte, ist evident und zu beschreiben. Pflicht der Unternehmen zur Folgenabschätzung digitaler Nutzen Die soziale Verantwortung von Unternehmen, also nachhaltiges Handeln, kann nicht allein auf die Arbeitsverhältnisse und sozialpolitische Aspekte beschränkt werden. Neue Bedingungen digitaler Weite machen es erforderlich, die Perspektive sozialer Verantwortung analog zu wei- 84 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft ten: Wesentlich sind die tief gehenden Überlegungen der Folgen einer Anwendung digitaler Möglichkeiten für die gesamte Gesellschaft. Zentral ist der verantwortliche Umgang mit Daten und den unendlichen Möglichkeiten der Verwendung verfügbarer Daten. Die generelle Datensicherheit ist häufig diskutiert und wird medial oft angemahnt. Die Absicherung vor Angriffen von außen, sei es in Unternehmen oder auch privat, ist jedoch nur ein Teilaspekt, der in diesem Zusammenhang an dieser Stelle nicht im Fokus stehen soll. Es wird viel über die Vorsicht beim Umgang mit Onlinenutzungen gesprochen. Welche Informationen stellen Personen ins Netz, was kann auf ewig wieder gefunden werden, welches Image wird entstehen. Allerdings ist das eigentlich nur die Oberfläche, der vergleichsweise freundliche Teil der hässlichen Fratze der Datengefahr. Anspruchsvoll wird die Risikobetrachtung bei der gewerblichen Nutzung der unzähligen Datenmengen zur zielgenauen Auswertung in allen denkbaren Wirtschaftsbereichen. Die Verwendung der Daten verlangt ein hohes Maß an Sensibilität und auch ethischer Bestimmung. Wenn zuvor an die kreativen und strategischen Anwendungen im wirtschaftlichen Sinne appelliert wurde, dann ist hier gleichermaßen über die Verantwortung, die Folgenabschätzung und das ethische Bewusstsein zu reflektieren. Daten sind das Gold des 21. Jahrhundert. Diese Erkenntnis ist nicht neu und in weiten Teilen der Wirtschaft längst als Werkzeug des Marketings eingeführt. Ausgewertete Daten von Millionen individueller Konsumenten sind ein probates Mittel als Basis der Planungen neuer Produkte, zur Ausarbeitung von Distributionsplänen und als Verkaufsunterstützung. Die Nutzung von Daten beginnt bei der Beschaffung von Adressen und reicht bis zur zielgenauen individuellen Bestimmung von Kaufverhalten in Regionen oder gar einzelnen Straßen und Häusern. Die Möglichkeiten im Online-Marketing sind intensiver und können in Tausendstelsekunden Interessenten und Käufer lokalisieren und entsprechend Kaufangebote in Form von Werbung passgenau auf persönliche Computer einspielen. Diese individuellen Werbemöglichkeiten sind nicht neu und längst Routine. So ist weltweit ein großer Datenmarkt entstanden, der vielen Datenlieferanten enorme Umsatzvolumina ermöglicht. Es kommt nicht auf die 85 Aspekte aus der Perspektive der Wirtschaft Masse, sondern auf die Qualität der Daten an: Je zielgenauer und individueller, umso kostbarer, also wertvoller als Handelsgut sind die Daten. Die Tatsache ist seit langem auch öffentlich bekannt. Die reale Auswirkung jedoch scheint vom Umfang her nicht erfasst zu sein. Anders ist kaum erklärlich, dass bekanntwerdende Fälle der Datennutzung als Sensation skandalisiert werden. In zahlreichen Publikationen und Berichten der Medien wird von „target marketing“ gesprochen. Dabei wird die Nutzung der durch intelligente Algorithmen identifizierten Profile der Internetuser entstandenen Daten als Werkzeug bezeichnet. So sollte erkennbar werden, dass eben die Daten jedweder Bewegung im weltweiten Netz regelmäßig auch einer Auswertung und Vermarktung zugeführt werden. Die bestehenden Datenschutzrechte sichern eine Anonymisierung für den Fall der Weitergabe zu. Soweit es technisch möglich ist und die jeweiligen Speicherarten oder Verfahrensweisen den Reglungsstellen auch bekannt sind, werden die Persönlichkeitsrechte im digitalen Bereich auch reguliert. Speicherung, Weitergabe und Zugang für Dritte haben Barrieren und unterliegen einem rechtlichen Schutz, jedoch ist auch die anonymisierte und damit zulässige Weitergabe der Nutzungsprofile nicht reine Mathematik. Durch die richtige und technisch kluge Zusammenführung verschiedener Datenquellen, bei gleichzeitiger Spiegelung der deckungsgleichen Merkmale, lassen sich schnell die wahrscheinlichen individuellen Zielpersonen lokalisieren: Das schaffen die flinken Algorithmen durch die millionenfach schnelleren Rechenprozesse, im Vergleich zur menschlichen Leistungsfähigkeit. Überraschend ist nicht, dass zum Beispiel Facebook, Google oder Amazon solche Datenverkäufe millionenfach tätigen. Überraschend ist, dass solche nicht breit bekannt sind. Andererseits scheint die mediale Skandalisierung wenig Reaktionen bei den Usern zu generieren. Nach tagelanger Medienberichterstattung zur Nutzung von Daten durch Politikagenturen, die von Facebook stammten, zeigte sich kaum Reaktion bei den Nutzern. Obwohl konkret in der Frage auf die voraussichtlich illegale Nutzung von 50 Mio. Datensätzen hingewiesen wurde, zeigte sich geringe Ablehnung. Das Vertrauen in die Social-Media-Welt veränderte sich unwesentlich. Die von der ARD in Auftrag gegebene Infratest-dimap-Befragung zeigte, dass 86 Prozent der Befragten Facebook unver- 86 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft ändert nutzten. Nur 12 Prozent erklärten eine Veränderung ihres Nutzungsverhalten und lediglich 2 Prozent wollten die Nutzung einstellen.72 Solche Unbekümmertheit der Anwender kann nicht zur Rechtfertigung bei der Anwendung digitaler Möglichkeiten dienen. Die schnell wachsende Komplexität des gesamten Bereichs lassen es erkennbar unmöglich erscheinen, hinreichend individuale Kompetenz zu unterstellen, die gesamte Breite der Folgen digitaler Anwendungen zu durchschauen. So begründet sich eher eine erhöhte Anforderung an einen verantwortungsvollen Umgang mit Daten oder den aus Daten zu entwickelnden Nutzungsformen jeder Art an. Im Besonderen sind die gewerbsmäßigen Nutzungen zu vorausschauender Verantwortung aufzufordern. Eben solche Überlegungen treffen mehr Compliance, Ethik und Moral als technische Dispositionen. So sind auch Überlegungen zu einer Kultur der digitalen Technologieanwendung zu verstehen. Nutzung persönlicher Daten als Marketinginstrument Solange jedwede Daten durch eine die Persönlichkeitsrechte bewahrende Form erhoben und entsprechend anonymisiert weitergegeben werden, ist dem nicht in jedem Fall entgegenzutreten. Gleichzeitig muss die Freiwilligkeit bei der Preisgabe solcher Informationen durch individuelle Nutzer unbedingt gewährleistet sein. Hinsichtlich der Freiwilligkeit sind aber bereits Zweifel angebracht, da die Nutzer der elektronischen Möglichkeiten oft nicht hinreichend über die Wirkung ihrer jeweiligen Handlungen informiert sind und auch nicht die Möglichkeit solcher Informationen haben, da vieles im Hintergrund, also intransparent abläuft. An dieser Ecke wird durch mediale Berichterstattung und auch Bildungselemente einiges nachgeholt und muss auch durch Information und Bildung vertieft werden. Es ist festzustellen, dass allgemein ein Trend hin zu mehr Transparenz und Information über die Folgen der Nutzung elektronischer Möglichkeiten besteht. Insgesamt werden die Menschen besser informiert, an welchen Stellen „Fußabdrücke“ ihrer persönlichen Handlungen entstehen und wie diese dann genutzt werden. Es bleibt aber festzuhalten, dass nur einem Teil der Allgemeinheit die Realität wirklich bekannt ist. 72 Vgl. Infratest dimap (2018): ARD DeutschlandTREND April 2018, Berlin, S. 4. 87 Aspekte aus der Perspektive der Wirtschaft Vor diesem Hintergrund ist bereits hier zu bedenken, dass die geschäftsmäßigen Anwender solcher Instrumente auch immer zu beachten haben, das individuelle Persönlichkeitsrechte respektiert bleiben. Wer im Marketing mit ausgewerteten Individualdaten agiert, der trägt die Verantwortung der Generierung dieser Daten immer zu einem großen Teil mit, den am Markt agierenden Anbietern solcher Datenauswertungen kann die Verantwortung nicht unreflektiert überlassen werden. Wer solche Dienstleistungen annimmt, hat auch über die Hintergründe der Erstellung solcher Leistungen nachzudenken. Konkreter wird die Aufgabenstellung einer vorausschauenden Respektierung der Persönlichkeitsrechte bei der aktiven Nutzung digitaler Werbemöglichkeiten. Die Unternehmensentscheider beachten in erster Linie das konkrete Ergebnis des durch sie bei Dienstleistern beauftragten Werbe- oder Verkaufsförderungsangebots, weshalb die Hintergründe nicht immer differenziert analysiert werden. Entscheidend ist für den Unternehmer zunächst einmal der zu erwartende Verkaufserfolg. Unter dem Gesichtspunkt einer sozialen Verantwortung sollte allerdings auch beachtet werden, wie die Daten erhoben und kombiniert werden. Wie stehen diese im Verhältnis zu Persönlichkeitsrechten? Die subliminare Werbung 4.0 Als weitergehende Verantwortungsstufe soll die Anwendung der digitalen Möglichkeiten als suggestive Werkzeuge ins Bewusstsein kommen. Auch die Grenzen der technischen Möglichkeiten in der Werbung werden zu erörtern sein. Viele kennen aus der analogen Welt das Beispiel der unterschwelligen oder unsichtbaren Kinowerbung: Die subliminare Werbung für Getränke oder Süßigkeiten, die zu einem direkten Kaufanreiz führen. Bei Kinoaufführungen wurden in Vorfilmen Millisequenzen eingeschnitten, die so kurz waren, dass sie objektiv nicht gesehen, im Unterbewusstsein allerdings wahrgenommen wurden. Daraus ergab sich ein Appetit- oder Kaufanreiz: Ohne eine klare Erkennbarkeit wurde ein Reiz ausgelöst, der wiederum Kauflust erzeugte. In der sogenannten Eispause, vor dem 88 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft Hauptfilm, kamen die Verkäuferinnen mit eben diesen Produkten. Vergleichbare Mechanismen wurden auch in anderen Medien platziert.73 Werbetechnisch also ein alter Hut, der im digitalen Zeitalter aber in millionenfach höherer Konzentration eine Renaissance erlebt. Es ist bereits praktizierte Realität, Algorithmen platzieren den als richtig erkannten Zielpersonen individualisierte Werbung auf ihre Bildschirme. In einer Tausendstelsekunde erkennt die vernetzte Welt den aktuell rezipierten Inhalt des Users, spiegelt diese Information mit den vielen weiteren digital gespeicherten individuellen Merkmalen dieser Person, die aus Kreditkartenkäufen, Rabattkarten, Autodaten, Reisebuchungen, Handydaten und anderem nutzbar zusammengeführt werden. Aktiv sorgen die Werbestrategen, in Partnerschaft mit den flinken und intelligenten Algorithmen, subtil für individuell eigene Wahrnehmungswelten über längere Zeiträume. Die Werbebotschaften im Umfeld unseres Computeralltags sind längst individualisiert und abhängig vom gesamten Verhalten einer jeden Person. Zu prüfen ist, wie weit manipulative Mittel eingesetzt werden, um Bedarf zu erzeugen. Auch hier liegt es in der Verantwortung der Auftraggeber, denn sie entscheiden über den Grad des Eingriffs in die Persönlichkeitsrechte der Konsumenten. Unternehmerin und Unternehmer, alle Führungsverantwortlichen haben, auch im Sinne einer nachhaltigen Führung, darüber zu reflektieren, welchen Grad der manipulativen Werbung sie in Auftrag geben. Nur die Nachfrage der intimen Implementierung durch die Marktteilnehmer befeuert die Verfeinerung der Datenerhebung und Nutzung von Suggestionstechnologien. Bei aller positiven Chancenvermutung durch neue Technologien, muss sorgenvoll auf die nahezu undurchschaubare Entwicklungsgeschwindigkeit und rasant verdichtete Komplexität digitaler Möglichkeiten geschaut werden. 73 Siehe zu subliminarer Werbung Christina Bermeitinger et al. (2009): The hidden persuaders break into the tired brain, in: Journal of Experimental Social Psychology, Jg. 45, Heft 2, S. 320–326. Kritisch hinsichtlich der Wirksamkeit Ulrich Ansorge/Ingrid Scharlau (2003): Weitere Gründe gegen unterschwellige Werbung, online unter: www.uni-biele feld.de/Universitaet/Einrichtungen/Zentrale%20Institute/IWT/FWG/Wahrneh mung/werbung.html (19.9.2019). 89 Aspekte aus der Perspektive der Wirtschaft Kann Wirtschaft grenzenlose Machbarkeiten auch ohne Grenzen mitmachen? Die Unterbindung technischer Fortschritte kann keine Option sein. So bleibt nur der Apell nach vorausschauender Abschätzung der Nutzungen. Wissen um die Möglichkeiten und Perspektiven ist deshalb wesentlich. So wird Meinungsbildung und Partizipation an gemeinwohlorientierter Ausprägung der Entwicklungen möglich. Politische Instanzen sind informiert, aber nur die Fachexperten der Politik werden die Komplexität der Entwicklungen hinreichend beurteilen können. Die rasante Entwicklung ist besonders in Kalifornien, im berühmten Silicon Valley, auf dem Vormarsch. Die Planungen und Perspektiven scheinen mehr als spannend, phantastisch und traumerzeugend: Die künstliche Intelligenz, die schier unbegrenzten Möglichkeiten über Grenzen der heutigen Vorstellungswelten hinaus kommen zu können. Eine Technik, die millionenfach schneller und exakter als menschliches Handeln sein kann. Sie bietet nicht nur den Ersatz menschlicher Arbeitsleistung, auch die Denkleistung kann technisch ersetzt und viel schneller sein. Wie schön mutet es zunächst an, wenn durch die individuell nutzbare künstliche Intelligenz bald jeder zu beinahe jedem Thema mitreden kann, auch ohne persönliche Bildung. Die Software mit „Knopf im Ohr“ bietet auf jede Frage eine exakte Antwort und zudem den nächsten Aspekt des munteren Dialogs – intelligent reagierend und charmant formuliert – ganz nebenbei in jeder beliebigen Sprache unserer globalen Gesellschaft. Wunderbare Welt der Partygespräche, endlich mehr als nur über das Wetter und die neue Frisur der Gastgeberin sprechen, mit jeder und jedem. Schade nur für alle, die die Herausforderung ansprechender Gedanken auch in privater Atmosphäre schätzen. Der Reiz wird wohl in der Gleichmacherei untergehen. Diese zunächst spielerisch anmutenden konsumgerechten Entwicklungen bergen auch unter einigen Gesichtspunkten der Nachhaltigkeit in der Wirtschaft weitreichende Konsequenzen. Natürlich kennen wir bereits die Bemühungen, aktuelle Informationen direkt auf eine digitale Brille gespielt zu bekommen. Es erspart den ständigen Blick auf das Smartphone. Als nächster Schritt wird die unmittelbare Einspeisung der Computerweisheiten in das menschliche Gehirn konkret erforscht. Ebenso die neuronale Direktsteuerung digitaler Instrumente. Warum noch auf dem Handy tippen, wenn direkt durch 90 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft Gedankenenergie das Gerät mein Kommando empfängt, erkennt und reagiert? Daran wird eifrig im Silicon Valley gearbeitet. Sebastian Thrun zählt zu den absoluten Spitzen der digitalen Macher. Er war verantwortlich für Google Street View, das autonome Auto und die beschriebene Online-Brille, Google Glass. Thrun, multipel promoviert und einige Jahre erfolgreich Professor in Stanford, wird in Fachzeitschriften zu den 100 wichtigsten Denkern unseres Jahrhunderts gezählt. Er schildert, dass für ihn die Überlegungen zu den ethischen Grenzen der technischen Machbarkeiten und der gesellschaftlich verantwortbare Umgang damit tägliche Gedanken sind. Jedoch ist seine unumstößliche Einstellung, es müsse alles erforscht werden, was erforschbar ist und es müsse entwickelt werden, was entwickelt werden kann – ohne Beschränkung.74 Aus der Perspektive einer Marktwirtschaft mit dem Anspruch der nachhaltigen Sorge für Ökologie und soziales Gleichgewicht ist über die Grenzen der Anwendung, mindestens über die Konsequenzen potenzieller Möglichkeiten zu reflektieren. Dabei sind die Motive und die Grenzen unter gemeinwohlgerechter Güteabwägung im Spannungsfeld ökonomischer und sozialer Kriterien zu priorisieren. Der bereits weiter oben zitierte Wissenschaftler Harari beschreibt in seiner Zukunftsbetrachtung zur Computerwelt, dass der „aus religiöser Sicht interessanteste Ort auf dieser Welt nicht der Islamische Staat, sondern Silicon Valley ist. Dort bauen Hightech-Gurus schöne neue Religionen für uns zusammen, die wenig mit Gott und alles mit Technologie zu tun haben. Sie versprechen all die alten Gewinne – Glück, Frieden, Wohlstand und sogar ewiges Leben –, nur eben hier auf Erden mit Hilfe der Technik und nicht erst nach dem Tod mit Hilfe himmlischer Wesen.“75 Im weiteren Verlauf des Buchs entwickelt Harari ein Szenario, bei dem das menschliche Gehirn mit Computern direkt verbunden ist. In seiner Welt ist die künstliche Intelligenz weit entwickelt und so herrschen die Computer maximal. Nur noch sehr wenige höchst intelligente Menschen beherrschen selbstbestimmend das Geschehen. Die übrigen werden 74 Sebastian Thrun im persönlichen Gespräch mit Christoph Brüssel am 08.10.2017 in Palo Alto, Kalifornien, USA. 75 Harari: Homo Deus, S. 475 91 Aspekte aus der Perspektive der Wirtschaft durch die Algorithmen der Maschinen in ihrem Leben und Handeln beeinflusst. Dabei ist es ein Leichtes, über Stimulation neurologisch Zufriedenheit, Glück und natürlich auch bestimmte Willensentscheidungen herzustellen. Dieses Szenario ist nicht utopisch fern. Die Neurologie kann lange schon, durch Stimulanz bestimmter Gehirnteile, die Gefühlswelt der Menschen beeinflussen. Die Behandlung von Depressionen oder Aggressionen ist bekannt. Die Medizintechnik ist bereits in der Lage, Prothesen über die Aktivitäten des Gehirns zu steuern. Die Verbindung zwischen Gehirn und Technik ist Realität der Medizin.76 Populäres Beispiel mag Stephen Hawkins sein. Dieser als genial bekannte Wissenschaftler wäre nicht in der Lage gewesen, sich auszudrücken, wenn nicht sein Gehirn unmittelbar mit Computertechnik verbunden gewesen wäre. Seine Bücher, seine Vorträge, seine anerkannten Thesen konnte er nur durch Denkleistung kommunizieren, da sein Körper komplett bewegungsunfähig und ihm selbst physische Sprache nicht mehr möglich waren. Eine solche Verbindung zwischen Gehirn und Maschine kann keine Einbahnstraße sein. Die Unternehmen im Silicon Valley arbeiten bereits an der direkten Verbindung von Mensch und Maschine als Konsumgut. Für Konsumenten also eine freiwillige Nutzung und damit eine selbst entschiedene Verbindung zwischen Mensch und Computer, eine Vernetzung zwischen Gehirn und Maschine. Wenn die Neurologie aber selbstverständlich durch Stimulanz auf das Gehirn Einfluss nehmen kann, dann werden auch Gedanken und Entscheidungen der Individuen durch vergleichbare Stimulanz zu lenken sein. Marketing als direkte Willensbefehle der Zielpersonen Werden beide digitalen Möglichkeiten zusammen gedacht, also die Verfügbarkeit von massenhaften Daten zu Bewegungsprofilen und Konsumverhalten von Individuen und die Möglichkeit der Stimulanz des menschlichen Gehirns, dann entstehen erschreckend spannende Perspektiven, 76 Thieme (2015): Brain-Computer Interfaces: Mit Gedanken Maschinen steuern, online unter: www.thieme.de/de/neurologie/brain-computer-interfaces-mitgedanken-maschinen-steuern-87979.htm (19.9.2019). 92 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft eine gigantisch vertiefte Form der alten subliminaren Werbeerfahrung. Zur bildhaften Verdeutlichung im Folgenden ein Beispiel im Immobiliengeschäft. Hochwertige Häuser suchen bonitätsstarke Käufer mittels unterschiedlicher Werbeanstrengungen. Die üblichen tradierten Medien haben hohe Streuverluste, da in der Masse der Leser nur wenige mit hoher Bonität vorhanden sind, noch weniger, die gegenwärtig ein Haus suchen und das auch noch gerade in der entsprechenden Region. Zudem muss sich eine klassische Anzeige noch im Wettbewerb vieler bunter Bilder durchsetzen, um gesehen zu werden. Also vieles muss zusammenwirken, damit die richtige Person, zum richtigen Zeitpunkt und am richtigen Ort erreicht wird. So ist die Erkenntnis des legendären Werbemanagers David Ogilvy, wonach 50 Prozent der Werbung unnütz seien, man wisse nur nicht welche, gerne in Beraterkreisen genutzt worden.77 Die Onlinewerbung hat diese Mechanik auf das Altenteil verbannt. Durch eine exakte Kenntnis der Rezeption der jeweiligen Inhalte wurde aus der vermuteten Reichweite erstmals eine tatsächliche. Während bei Zeitschriften, Radio, TV oder auch Bandenwerbung trotz aller technischen Erhebungsmethoden nie sicher festzustellen ist, wer und wie viele Rezipienten tatsächlich die bezahlte Werbebotschaft auch im Blick haben, bietet die interaktive Online-Technologie Gewissheit. Die programmierten Analysealgorithmen identifizieren eine Person mit hinreichender Bonität für einen Kreditvertrag. Kein großes Problem, denn die unterschiedlichen Kaufhandlungen, mögliche Mahnverfahren, bereits beantragte Kredite, Internetbestellungen, Kfz-Daten, Reisebuchungen, Hotelverzehr bis hin zu Trinkgeldern, Sparverträgen oder Lebensversicherungen – alle Informationen liegen kumuliert als Daten vor. Daraus ergibt sich ein zuverlässiges Bonitätsranking. Eben diese Daten werden auch bei der Kreditvergabe zusammengebracht. Folglich können auch andere Marktteilnehmer solche erhalten. Der dargestellte Vorgang des Hausverkaufs läuft unabhängig davon ab, ob die angesprochene Person aus sich selbst heraus interessiert ist, bereits ein Haus hat oder ein neues Domizil sucht, eventuell als Altersversorgung eine Anlage braucht. Möglicherweise ist die Zielperson nicht risikofreundlich und will keinen Kredit persönlich riskieren. Mit der Kenntnis der Möglichkeit, einen erforderlichen Kreditvertrag zu bekom- 77 Vgl. David Ogilvy (2000): Geständnisse eines Werbemannes, Düsseldorf. 93 Aspekte aus der Perspektive der Wirtschaft men, könnte über digitale Beeinflussung vernetzter Programme mit dem Gehirn dieser Person der Wunsch suggeriert und als Wohlbefinden oder gar Kauflust durch neuronale Stimulanz generiert werden. Der Kauf selbst wird dann zwar persönlich handelnd durchgeführt, aber ist er auch ein individualer Wille? So ist das Ende der Selbstbestimmung bei Entscheidungen zu beschreiben. Auftraggeber dieses Marketingprozesses würden faktisch durch die digitalen Mechanismen den Hauskauf mittelbar bestimmen. Es ist definitiv der Auftraggeber dieser Marketingleistung als kausal für die erfolgte Kaufhandlung zu erkennen. Eine Vorstellung, die heute bereits technisch mindestens im Bereich des Denkbaren ist. Das soeben entwickelte Szenario mutet möglicherweise wie der Plot eines Kriminalromans an. Nimmt man die faktischen Realitäten digitaler Entwicklungsarbeit von heute, dann ist dies sehr bald möglich. Ausschlaggebend bei der Entscheidung über Verantwortung und moralische Nachhaltigkeit wird die gewissenhafte Anwendung der technischen Möglichkeiten. Richtig betont der frühere Bundesforschungsminister und Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, der heute u. a. als Professor an der Universität Bonn lehrt: „Entscheidung und Verantwortung dürfen nicht getrennt werden. […] Die Regeln des ehrbaren Kaufmanns, die Verantwortung der staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen, aber auch Anstand und Selbstverantwortung sind Voraussetzung für die freiheitliche Gesellschaft.“78 Somit liegt es im Entscheidungshorizont verantwortlich handelnder Akteure der Wirtschaft, ob mögliche technologische Wege auch tatsächlich beschritten werden. Alternativ stellt sich die Frage eines staatlichen Regelungsbedarfs. Zunächst jedoch sollte Klarheit unter den Prämissen eines nachhaltigen und dem Gemeinwohl dienlichen Unternehmertums sein, die Grenzen des Handelns und die Folgen solcher technischen Möglichkeiten selbst regulierend zu ziehen. 78 Jürgen Rüttgers (2018): Forderung zur Rückkehr zu den Grundlagen der sozialen Marktwirtschaft, in: Kölner Stadtanzeiger, 09.01.2018, S. 4. 95 Kapitel II Volker Kronenberg und Lenno Götze Digitalisierung in Politik und Gesellschaft Eine Annäherung an Chancen und Risiken „Digitalisierung“ – als Begriff zu Beginn des 21. Jahrhunderts in nahezu allen Bereichen unserer Gesellschaft, Wirtschaft und Politik allgegenwärtig, ist einerseits Grundlage mannigfaltiger Möglichkeiten, andererseits ist er der Inbegriff einer Vielzahl von Herausforderungen – eine ebenso schillernde wie omnipräsente Chiffre. Entsprechend ist die Definition im deutschen Sprachgebrauch bis heute nicht eindeutig und beschreibt zunächst nur die Umwandlung von analogen Informationen und Prozessen in ein digitales Format.79 Digitalisierung im zu thematisierenden Sinne umfasst jedoch weitaus mehr. Synonyme wie Industrie 4.0, ein Begriff der 2011 als Zukunftsprojekt im Zusammenhang mit der Hightech-Strategie entwickelt wurde,80 Big Data, Internet der Dinge (Internet of Things – IoT) oder künstliche Intelligenz (KI) beschreiben eine Vielzahl von weiteren Aspekten, die im Folgenden zu beachten sind. Grundsätzlich geht mit der Digitalisierung ein Strukturwandel in den drei oben genannten Bereichen einher, dessen vielfältige dynamische Entwicklungen – Wandel und Fortschritt – erst am Anfang stehen. Dabei liegt der Schwerpunkt oft auf den ökonomischen Aspekten. Dem Einfluss auf gesellschaftliche Strukturen, Aspekten von Ethik und Mo- 79 Vgl. Nico Litzel (2017): Was ist Digitalisierung?, online unter: www.bigdatainsider.de/was-ist-digitalisierung-a-626489/ (19.9.2019). 80 Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung (2017): Industrie 4.0, online unter: www.bmbf.de/de/zukunftsprojekt-industrie-4-0-848.html (19.9.2019). 96 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft ral – Was ist gut und was ist schlecht? Welche Werte haben Geltungskraft?81 – sowie den veränderten Herausforderungen und Möglichkeiten für Politik kommt bei vielen Schwerpunktsetzungen und Begrifflichkeiten, die in Zusammenhang mit der Digitalisierung stehen, nur eine nachrangige Bedeutung zu, obwohl sich gegenwärtig ein neuerlicher „Strukturwandel der Öffentlichkeit“82 vollzieht: „Wir haben erstmals Diskussionen zwischen einer weit größeren Zahl von Menschen, wie sie […] in ein Parlamentsgebäude passen.“83 Diese Veränderung, auch die Diskrepanz zwischen Ökonomie, Kommunikation und Politik gilt es – politisch, gesellschaftlich – zu verringern, möglichst zu überwinden. Dies entlang beispielsweise der Hypothese einer „digitalen Kränkung des Menschen“84, in jedem Fall aber im Bewusstsein der Fundamentalannahme, dass Digitalisierung, dass KI eine allenfalls „funktionelle Autonomie“ zukommt. Genauer gesagt: Sie bestimmen nicht das Schicksal der Menschen, der Bürger, der Politik. Nein, sie sind politische Gestaltungsaufgabe. Unter Verweis auf Beispiele des autonomen Fahrens, der Finanzdienstleistungen, Versicherungen oder anderer Prozesse in Gesellschaft, Wirtschaft, Politik, kommt eine Analyse der Konrad-Adenauer- Stiftung zu dem Befund: „Die Entscheidungskompetenz – und damit die Verantwortung – liegt ausschließlich beim Menschen. Er muss kontrollieren, ob Algorithmen korrekt sind und zugrunde liegende Daten stimmen. Er muss die Resultate verantworten.“85 KI und Digitalisierung sind keine selbstreferenziellen Bereiche, Prozesse – sie sind Gestaltungsaufgabe von Politik. Diese hat Risiken zu formulieren, Ziele zu entwerfen, Letztentscheidungen, die die „res publica“, das Gemeinwohl, die „condi- 81 Vgl. Christoph Neuberger (2018): Was erwartet die Gesellschaft vom Internet – und was erhält sie?, S. 15ff, online unter: www.kas.de/wf/doc/kas_52160-544-1- 30.pdf?180419114345 (19.9.2019). 82 Vgl. Jürgen Habermas (1962): Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchung zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, Berlin. 83 Daniel Fiene (2013): Das Internet – Segen oder Fluch? Interview mit Kathrin Passig und Sascha Lobo, online unter: https://m.bpb.de/dialog/156365/dasinternet-segen-oder-fluch (19.9.2019). 84 Vgl. Sascha Lobo (2014): Abschied von der Utopie: Die digitale Kränkung des Menschen, online unter: www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/abschied-vonder-utopie-die-digitale-kraenkung-des-menschen-12747258.html (19.9.2019). 85 Nobert Arnold (2018): kurzum. Künstliche Intelligenz und ihre ethischen Heraus for derungen, online unter: www.kas.de/wf/doc/kas_52557-544-1-30.pdf? 180522145546 (19.9.2019). 97 Digitalisierung in Politik und Gesellschaft tio humana“ berühren, zu treffen: „[D]er Primat der Politik muss wieder hergestellt werden, um der schrankenlosen Dynamik der Technologie Grenzen zu setzen.“86 Um dies verantwortungsvoll leisten zu können, hat Politik sich zweifellos intensiver als in der Vergangenheit mit Möglichkeiten, Chancen und Risiken der Digitalisierung auseinanderzusetzen. „Digitale Transformation“ oder „Digitale Revolution“, Termini, die mit der Digitalisierung gleichzusetzen sind,87 schließen den Fortschritt und die Entwicklungstendenzen in Politik und Gesellschaft zwar mit ein, machen eine nähere Betrachtung dieser Aspekte im folgenden Kapitel zugleich jedoch unerlässlich. Denn neben der Erkenntnis, dass die Politik sich stärker mit den neuen Gegebenheiten auseinandersetzen muss, sind auch die Fragen nach den Instrumenten und Möglichkeiten der Politik zur Umsetzung und Begrenzung von Chancen und Risiken entscheidend. Kann Politik sich verständlich machen? Lässt die gesellschaftliche Kultur – lassen Gesetze und Verbote – Entwicklungsprozesse zu, oder hat die „Interdependenz von Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft [den Primat der Politik abgelöst?]“88 Die Transformation der Politik – der Demokratie – unter den Bedingungen der Globalisierung und Digitalisierung ist real. Ein Kontrollverlust der Politik über wichtige Teile von Wirtschaft und Gesellschaft schien in diesem Zusammenhang plausibel. Der vermeintliche und tatsächliche Rückzug des Staates in diesen Bereichen wurde durch die globale Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 zu Teilen revidiert. Die Interventionen in Form von Verstaatlichung von Banken, erhöhter Kontrolle und genereller wirtschaftlicher Regulierung hat zu einer Verschiebung des Verhältnisses zwischen Staat und Wirtschaft geführt.89 Im Zuge der Finanzkrise attestierte auch Karl-Rudolf 86 Gerhart Baum (2017): Vereinte digitale Nationen, online unter: www.zeit. de/2017/22/menschenrechte-schutz-der-privatheit-digitalcharta/komplett ansicht (19.9.2019). 87 Vgl. Vertical Media GmbH (2018): Digitalisierung, online unter: www.gruen derszene.de/lexikon/begriffe/digitalisierung (19.9.2019). 88 Christian Krell/Thomas Meyer/Tobias Mörschel (2012): Demokratie in Deutschland. Wandel, aktuelle Herausforderungen, normative Grundlagen und Per spekti ven, in: Tobias Mörschel/Christian Krell (Hrsg.): Demokratie in Deutschland. Zustand – Herausforderungen – Perspektiven, Wiesbaden, S. 9–30: 26. 89 Vgl. Ankel Hassel (2012): Primat demokratischer Politik im Spannungsfeld von Globalisierung und Entstaatlichung, in: Tobias Mörschel/Christian Krell (Hrsg.): Demokratie in Deutschland. Zustand – Herausforderungen – Perspektiven, Wiesbaden, S. 217–235: 217 ff. 98 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft Korte: „Das Primat der Politik scheint zurückgekehrt.“90 Klar ist, die Politik muss den „Primat der Politik für die Bürgerinnen und Bürger wieder einfordern“91 – dabei handelt es sich um einen Prozess, der nicht abgeschlossen wird, sondern unter sich ständig wandelnden Vorzeichen fortlaufend stattfindet. Transparenz und Beteiligung sowie das freiheitliche Verständnis von Demokratie kann und muss jedoch durch den Primat der Politik gestärkt werden.92 Daraus ergeben sich grundsätzliche Fragen: Was bringt, wofür steht, wie gestaltend ist diese Art von Fortschritt und Entwicklung? Es gilt heute, wie es schon in der Entwicklung der Menschheitsgeschichte war: „Fortschritt bedeutet Verbesserungen, Verschönerungen, Erleichterungen, sogar Erlösung, aber zugleich war Fortschritt auch eine Drohung. Wie leicht ist es doch, vom Fortschritt abgehängt zu werden, mit dem Fortschritt nicht Schritt halten zu können. Im Fortschritt ist es immer nur ein kleiner Schritt vom großen Versprechen zur großen Kränkung.“93 Dabei, auch dies wird bei einem Gang durch die Epochen der Geschichte deutlich, gab und gibt es kein anderes Gebiet, auf das der Fortschritt so konzentriert war wie auf jenes der Arbeit: „Fortschritt hieß und heißt immer noch, dem Menschen die schwere Last der Arbeit abzunehmen, um ihn für andere, bedeutsamere Dinge frei zu machen.“94 Kapitel II beginnt im ersten Unterkapitel mit der Hinwendung zu diesen Thematiken, indem auf die relevanten Parteien in der deutschen Parteienlandschaft eingegangen und ihre Ausrichtung und Schwerpunktsetzung anhand der Wahl- und Parteiprogramme von 2017 analysiert wird. Auch werden die Aufgaben und Herausforderungen für die Politik angeschnitten. In Abschnitt zwei werden dann die Chancen von Digitalisierung in Bezug auf E-Government und E-Voting näher betrach- 90 Karl-Rudolf Korte (2009): Das Primat der Politik ist zurückgekehrt, in: ZBW- Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft (Hrsg.): Wirtschaftsdienst, Volume 89, Issue 9, S. 566–567: 567. 91 Heiko Maas (2012): Mehr Demokratie Leben, in: Tobias Mörschel/Christian Krell (Hrsg.): Demokratie in Deutschland. Zustand – Herausforderungen – Perspektiven, Wiesbaden, S. 199–216: 206. 92 Vgl. Krell: Demokratie in Deutschland, S. 24. 93 Markus Metz/Georg Seeßlen (2018): Fortschritt als Versprechen, online unter: www.deutschlandfunk.de/methoden-und-traditionen-fortschritt-als-verspre chen.1184.de.html?dram:article_id=407613 (19.9.2019). 94 Ebd. 99 Digitalisierung in Politik und Gesellschaft tet – und zwar am Beispiel von Estland, einem Vorreiter in diesen Bereichen. Die darauf folgenden Risiken von Digitalisierung in Unterkapitel drei werden anhand der Veränderungen und Transformationen rund um den Arbeitsmarkt und den daraus resultierenden Verunsicherungen und Ängsten großer Teile der Gesellschaft beleuchtet. Der vierte Abschnitt befasst sich mit den Aspekten Ethik und Moral in Zusammenhang mit der Digitalisierung. Dabei werden die gesellschaftlichen Entwicklungen reflektiert und die Rolle der Digitalisierung im Rahmen derer fokussiert. Parteien und Digitalisierung Das enorme Potenzial der Digitalisierung zur Bewältigung von unterschiedlich gelagerten politischen Herausforderungen wird von der Politik erkannt und in Bereichen wie der digitalen Gesundheit, der digitalen Bildung oder dem digitalem Arbeiten adressiert und auf die Agenda politischer Diskurse gesetzt.95 Die Hinwendung zur neuen Thematik kann beispielhaft am Digitalrat der Bundesregierung, welcher „ein kleines schlagkräftiges Gremium“ bildet, festgemacht werden.96 Die Entwicklungen waren zur Bundestagswahl 2009 noch nicht absehbar. Zwar kam es immer wieder zu fluiden Aufmerksamkeitswellen, beispielsweise bei Datenlecks oder der sogenannten „NSA-Affäre“, bedeutend mehr Aufmerksamkeit wurde Digitalisierungsfragen jedoch erst im Bundestagswahlkampf 2017 geschenkt. Dabei kam es auch zu einer Restrukturierung und Erweiterung der programmatischen Ausrichtung der meisten Parteien. Während 2009 gesellschaftspolitisch konnotierte Ausrichtungen im Zusammenhang mit der digitalen Transformation, mit Schwerpunkten auf Sicherheit, Überwachung oder Privatsphäre überwogen, hat sich die Gewichtung bei der letzten Bundestagswahl zu Aspekten der wirtschaftlichen Entwicklung hin verschoben und erweitert.97 Neben der 95 Vgl. Thomas Wolf/Jacqueline-Helena Strohschen (2018): Digitalisierung: Definition und Reife. Quantitative Bewertung der digitalen Reife, JH. Informatik Spektrum 41, S. 56–64: 56. 96 Vgl. Bundesregierung (2018): Digitalrat – Experten, die uns antreiben, online unter: www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2018/08/2018-08-21digitalrat.html (19.9.2019). 97 Vgl. Pascal D. König (2018): Digitalpolitische Positionen im deutschen Parteiensystem. Eine Analyse der Parteipositionen zu den Bundestagswahlen der Jah- 100 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft allgemein gestiegenen Bedeutung der Digitalisierung spielt nach Oskar Niedermayer auch das Erstarken der Piratenpartei 2009 für die programmatische Ausrichtung und spätere Verschiebung anderer Parteien eine Rolle.98 Thematiken wie Transparenz und Partizipation – Themen welche von der Piratenpartei, neben direkter Demokratie und Digitalisierung, explizit aufgegriffen wurden99 – spielen gesellschaftlich eine historisch gewachsene Rolle und wurden nicht erst von der Piratenpartei identifiziert. Neu sind hingegen die technischen Möglichkeiten und Herangehensweise, durch welche sich ein anderer Umgang und eine andere Kultur im Zusammenhang mit diesen Themen entwickelt hat. Besonders der hervorgebrachte Skeptizismus gegenüber traditionellen Politikformen und mit der Kritik einhergehend die Propagierung der „Liquid Democracy“100 sowie der „Plattformenneutralität“101 sind für die Piratenpartei eigene Bereiche. Es wird in diesem Zusammenhang von einer „Partei der Postmoderne par excellence“102 gesprochen.103 Die veränderte Wahrnehmung durch die Gesellschaft104 wird auch deutlich, wenn man re 2009, 2013 und 2017, Wiesbaden, S. 399–427: 399. 98 Vgl. ebd., S. 401. 99 Vgl. Piratenpartei Deutschland (o. J.): Geschichte, online unter: www.piraten partei.de/partei/geschichte/ (19.9.2019). 100 Bei Liquid Democracy handelt es sich um eine Mischform zwischen direkter und indirekter Demokratie. „Während bei indirekter Demokratie ein Delegierter zur Vertretung der eigenen Interessen bestimmt wird und bei direkter Demokratie alle Interessern selbst wahrgenommen werden müssen, ergibt sich bei Liquid Democracy ein fließender Übergang zwischen direkter und indirekter Demokratie.“ Piratenwiki (2012): Liquid Democracy, online unter: https://wiki. piratenpartei.de/Liquid_Democracy (19.9.2019). 101 „Die Piraten verstehen die öffentlichen Institutionen als Plattform, die Teilhabe ermöglichen. Und auf jede dieser Plattformen fordern sie diskriminierungsfreien Zugang für alle, weil sie im Internet erfahren haben, dass sich nur so Wissen und Ideen – und damit auch Menschen – frei entfalten können.“ Felix Neumann (2013): Plattformneutralität. Zur Programmatik der Piratenpartei, in: Oskar Niedermeyer (Hrsg.): Die Piratenpartei, Wiesbaden, S. 175–188: 186. 102 Ebd., S. 187. 103 Vgl. Jörg Hebenstreit (2017): Piratenpartei Deutschland, online unter: www.bpb. de/politik/grundfragen/parteien-in-deutschland/kleinparteien/42193/piraten (19.9.2019). 104 Die veränderte Wahrnehmung wurde nicht alleine durch die Piratenpartei hervorgerufen, sondern hat weitere Faktoren als Grundlage, die in diesem Text nicht weiter behandelt werden. 101 Digitalisierung in Politik und Gesellschaft sich die Resonanz und den Umgang der europäischen Bevölkerung auf die Verhandlungen der Transatlantic Trade and Investment Partnership (TTIP) und des Comprehensive Economic and Trade Agreement (CETA) anschaut. Bei diesen wurde besonders die Transparenz und Einflussnahme von externen Akteuren in einer Form kritisiert, die 10 Jahre zuvor in dieser Nationen übergreifenden Vehemenz nicht voraussehbar gewesen ist und neben der veränderten gesellschaftlichen Kultur auch auf die Digitalisierung zurückzuführen ist. Klar ist jedoch, dass das Verständnis der Piratenpartei als „Bürgerrechtspartei der Informationsgesellschaft“ 105 zu dieser Entwicklung in Teilen beigetragen hat. Die Entwicklung der Partei ist beachtlich, hatte Sie bei ihrer Gründung im Jahr 2006 noch 360 Mitglieder, waren es 2009 bereits über 11 000 und zu ihren Hochzeiten 2012 über 30 000 Mitglieder. In den letzten zwei Jahren (Stand Januar 2019) hat sich die Mitgliederzahl bei circa 8 000 eingependelt.106 Durch ihren Erfolg bei der Europawahl im Jahr 2009 und den Einzug in die Landtage Berlin 2011 sowie in Nordrhein-Westfalen, dem Saarland und in Schleswig-Holstein 2012 wurden digitale Thematiken wie der Datenschutz oder die Privatsphäre von der Piratenpartei in den öffentlichen und parteipolitischen Fokus gerückt. Die signifikante Bedeutung der Themen und deren Art der Adressierung ist auf allen Ebenen – der lokalen, der nationalen und der internationalen bzw. europäischen – anhand des Erfolgs ersichtlich. Aufgrund dieser immensen Resonanz in der Bevölkerung und den daraus resultierenden Wahlerfolgen wurde die Thematik von den etablierten Parteien aufgegriffen und in ihre eigene Programmatik übernommen – der Startschuss für die Entwicklung, welche 2017 erstmals ihren Höhepunkt erreicht hat. Die etablierten Parteien haben die Herausforderung, welche durch einen neuen Akteur mit einer neuen Thematik entstanden ist, konstruktiv aufgenommen und entsprechend in ihre politikinhaltlichen Positionierungen integriert. Die Übernahme der „Piraten“-Themen ist einer der Gründe dafür, dass die Partei bei der Bundestagswahl 2013 an der Fünfprozenthürde scheiterte und seither keine politische Rolle mehr spielt. Die Bedeutung der Digitalisierung hingegen ist seit 2009 weiter angestiegen, 105 Vgl. Piratenpartei: Geschichte. 106 Vgl. statista (2019): Mitgliederentwicklung der Piratenpartei von 2006 bis 20019 (Stand: 18. Januar), online unter: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/ 201542/umfrage/mitglieder-der-piratenpartei-in-deutschland/ (19.9.2019). 102 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft was sich ab den 2010er Jahren auch an den digitalen Agenden der Regierungen von Industrieländern erkennen ließ. Mit diesen soll den Herausforderungen der digitalen Transformation begegnet werden. Bei der Bundestagswahl 2017 spielte die Digitalisierung nicht nur für Parteien, sondern auch im öffentlichen Diskurs eine vermehrt wichtige Rolle.107 Dies spiegelt sich in den Regierungs- und Wahlprogrammen der einzelnen Parteien wider. Die einzelnen Akzentuierungen der Parteien unterscheiden sich dabei teilweise stark. Anhand der Betrachtung der nominellen Häufigkeit des Terminus „Digitalisierung“ in Wahl- und Regierungsprogrammen können die im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien in zwei Dreiergruppen gebündelt werden. Die politische Ausrichtung oder die Größe der Parteien spielten dabei keine Rolle. Vergleicht man die aggregierten Werte des Terminus auf Basis der Länge der Wahlprogramme von 2009, 2013 und 2017 fällt auf, dass Union, SPD und FDP der Thematik 2017, im Vergleich zu 2013, doppelt so viel Geltung zusprachen und dreimal mehr wie noch 2009.108 Um eine gewisse Vergleichbarkeit zu generieren wird die Betrachtung auf die Begrifflichkeit der Digitalisierung, auf die Thematiken der Privatsphäre sowie auf die Artikulierung der wirtschaftlichen Bedeutung der Digitalisierung in den Wahlprogrammen beschränkt. Als erste Regierungspartei ist die Union zu nennen. Bereits 2013 formulierte sie in ihrem Regierungsprogramm den Anspruch, Deutschland bis 2020 „zum digitalen Wachstumsland Nummer 1 in Europa [zu] machen.“109 CDU und CSU legten den Fokus auch 2017 auf die wirtschaftlichen Potenziale der Digitalisierung. Neben der geschaffenen Position eines „Staatsministers für Digitales“ im Bundeskanzleramt und dem Ziel der flächendeckenden Breitbandversorgung wird auch die Bedeutung von Big Data und „Daten als Rohstoff der Zukunft“110 im Regierungspro- 107 Vgl. König: Digitalpolitische Position, S. 401 und 407. 108 Vgl. ebd., S. 410 f. 109 Christlich-Demokratische-Union/Christlich-Soziale Union Bayern (2013): Gemeinsam erfolgreich für Deutschland. Regierungsprogramm 2013–2017, S. 34, online unter: www.cdu.de/sites/default/files/media/dokumente/regierungspro gramm-2013-2017-langfassung-20130911.pdf (19.9.2019). 110 Christlich-Demokratische-Union/Christlich-Soziale Union Bayern (2017): Für ein Deutschland in dem wir gut und gerne Leben. Regierungsprogramm 2017– 2021, S. 49 ff., online unter: www.cdu.de/system/tdf/media/dokumente/170703 regierungsprogramm2017.pdf?file=1 (19.9.2019). 103 Digitalisierung in Politik und Gesellschaft gramm 2017 herausgestellt. Die große Relevanz der Digitalisierung im Regierungsprogramm wird zudem dadurch verdeutlicht, dass der Begriff Digitalisierung 26-mal vorkommt und sich 7 von 75 Seiten explizit mit der Thematik beschäftigen. Unter dem Kapitel „Chancen im digitalen Zeitalter“ werden die Thematiken „Digitalisierung ist Chefsache“, „Modernste Daten-Infrastruktur“, „Digitales Bürgerportal“, „Chancen für Wirtschaft und Arbeit“, „Chancen für Bildung und Wissen“, „Chancen für Umwelt und Entwicklung“ und „Chancen für Gesundheit und Lebensqualität“ näher behandelt. Die digitale Transformation wird dabei als globale Veränderung wahrgenommen, die bereits in der vorangegangenen Legislaturperiode als Herausforderung identifiziert wurde. Besonders die Infrastruktur und die individuelle Bedeutung für den Bürger werden herausgestellt, genauso wie die Chancen der Digitalisierung.111 Bereits in der Regierungszeit der Großen Koalition von 2013 bis 2017 wurde ein Schwerpunkt auf die Thematik der Digitalisierung gesetzt. Mit der „Digitalen Agenda 2014–2017“ wurde ein weites Spektrum an Themenfeldern abgedeckt und neben den Chancen auch die Risiken digitaler Transformationsprozesse benannt; so zum Beispiel bei der Big-Data- Thematik und dem Datenschutz. Die Freiheit und das Persönlichkeitsrecht sollten gewährleistet und verstärkt werden. Dabei sei individuelle Kontrolle gegenüber zu strengen allgemeinen Datenschutzregelungen zu präferieren, da neben der Stärkung der personenbezogenen Rechte auch die „Chancen der Digitalisierung für Gesellschaft und Wirtschaft bestmöglich [genutzt]“112 werden sollen. Die massive Erzeugung von Daten sowie die oben genannte Bedeutung von Daten für die Zukunft und die Wirtschaft spielen bei der Agenda eine wichtige Rolle. Durch sie können Gewohnheiten und Handlungsweisen in bisher nicht bekanntem Umfang ausgewertet und gespeichert werden. Für die Wirtschaft bringt dies, beispielsweise durch Profiling von Individuen, Vorteile. Es steigert aber auch die Gefahr der Cyberkriminalität, zum Beispiel bei Onlinekäufen oder Bankgeschäften. Die Sensibilisierung der Bürger für einen 111 Vgl. ebd., S. 48 ff. 112 Vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Energie/Bundesministerium des Innern/Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (Hrsg.) (2014): Digitale Agenda 2014–2017, München, S. 31 f., online unter: www.digitaleagenda.de/Content/DE/_Anlagen/2014/08/2014-08-20-digitale-agenda.pdf?__ blob=publicationFile&v=6 (19.9.2019). 104 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft (eigen-)verantwortlichen Umgang mit Daten, die Verantwortung von Unternehmen zur Stärkung von Verschlüsselungs- und Schutzmechanismen im Netz sowie der Schutz auf europäischer Ebene sind akute Herausforderungen für Wirtschaft, Politik und Wissenschaft.113 Als eines der Ergebnisse der Digitalen Agenda ist die neue EU-Datenschutz-Grundverordnung (EU-DSGVO) zu identifizieren, die dort als Ziel anvisiert wurde und auf die im weiteren Verlauf noch einzugehen sein wird. Als zweite Partei wird die SPD beleuchtet, die in der dritten Großen Koalition von 2013 bis 2017 unter anderem an der Digitalen Agenda mitgewirkt hatte. In ihrem Regierungsprogramm 2017 kommt der Terminus Digitalisierung 31-mal vor, sie widmen ihm jedoch kein separates übergeordnetes Kapitel wie die Union. Trotzdem sind die Unterkapitel „Digitale Arbeit“, „Digitalisierung in der Stadt und auf dem Land“, „Datensicherheit und digitale Grundrechte“ sowie „Urheberrecht im Zeitalter der Digitalisierung“ zu finden. Der Terminus Digitalisierung ist auf 116 Seiten 30-mal zu finden.114 Im Regierungsprogramm der SPD wird der Konflikt zwischen Privatsphäre und der schieren Menge an Daten angesprochen und die Verbindung zur wirtschaftlichen Bedeutung gezogen. Ziel ist eine Verbindung der Thematiken, deshalb wollen die Sozialdemokraten „das wirtschaftliche Potenzial von Daten nutzen, denn Datenschutz und Big Data schließen sich nicht aus.“115 Sowohl SPD als auch CDU und CSU sehen zum einen die wirtschaftliche Bedeutung von Digitalisierung und Big Data als grundsätzlich wichtigen Faktor, zum anderen aber auch die Gefahr der Datensicherheit und den zu gewährleistenden Schutz der Privatsphäre, wie in der Digitalen Agenda sowie dem Regierungsprogramm der SPD – „[Individuen müssen] zu jeder Zeit einen Überblick über die Verwendung ihrer Daten [haben]“116 – deutlich wird. Eigenverantwortung in Bezug auf die individuelle Datennutzung und Privatsphäre, in Kombination mit den wirtschaftlichen Potenzialen der Digitalisierung, sind, mit unterschiedlichen Abstufungen, klar erkennbare Zielsetzungen von Union und SPD. 113 Vgl. ebd., S. 5. 114 Vgl. Sozialdemokratische Partei Deutschlands (2017): Zeit für mehr Gerechtigkeit. Unser Regierungsprogramm für Deutschland, S. 22, 38, 93, online unter: www.spd.de/fileadmin/Dokumente/Regierungsprogramm/SPD_Regierungs programm_BTW_2017_A5_RZ_WEB.pdf (19.9.2019). 115 Ebd., S. 38. 116 Ebd. 105 Digitalisierung in Politik und Gesellschaft Die parteiliche Trias mit Ausrichtung auf Privatsphäre und Big Data um Union und SPD wird mit der FDP komplettiert. Auch die FDP spricht das Verhältnis von Privatsphäre und wirtschaftlichen Möglichkeiten sowie Innovationen an: „[…] [D]atenbezogene Geschäftsmodelle und Selbstbestimmtheit im Internet der Dinge [schließen sich nicht aus]. Innovation [muss] möglich bleib[en], ohne ungewollt Privatsphäre zu opfern.“117 Die wirtschaftlichen Entwicklungspotenziale werden eher allgemeingültig angesprochen. Das Wahlprogramm der FDP ist auf 12 von 148 Seiten mit einer Vielzahl von Kapiteln zur Digitalisierung versehen. Dazu gehören „Digitalisierung und Bildung“, „Chancen der Digitalisierung nutzen“, „Datenschutz in der digitalisierten Welt“, „Di gi ta li sie rungsoff en sive im Verkehrswesen“, „Digitalisierung richtig nutzen“ und „E- Health“.118 Interessant zu sehen ist, dass die FDP als liberale Partei, im Vergleich zur SPD und Union, den Schwerpunkt in Bezug auf personenbezogene Daten mehr auf die regulierende Funktion des Staates richtet, während die informationelle Autonomie von den anderen genannten Parteien fokussiert wird. Die Parteien ähneln sich in ihrer Ausrichtung jedoch in Bezug auf die allgemeine Schwerpunktsetzung: Den Thematiken der Privatsphäre und der wirtschaftlichen Möglichkeiten der Digitalisierung. Sie definieren zudem ein Spannungsverhältnis bzw. Spannungsfeld zwischen dem wirtschaftlichen Strukturwandel und den damit einhergehenden gesellschaftlichen Konsequenzen und Veränderungen.119 Die Troika der anderen Parteien im Bundestag – Bündnis 90/Die Grünen, Die Linke und die AfD – ist beim Einsatz von digitalen Technologien zurückhaltender. Zudem kommt dem wirtschaftlichen Aspekt eine geringere Bedeutung zu; auch, weil die Schwerpunktsetzung nicht in so großem Umfang auf dem Bereich der Digitalisierung liegt. Dies wird deutlich, wenn man die Wahlprogramme dieser Parteien betrachtet. Die Grünen wenden sich der Thematik „nur“ auf 8 von 233 Seiten zu und in gerade einmal zwei Kapiteln: „Wir gestalten die Digitalisierung“ 117 Freie Demokratische Partei (2017): Denken wir neu. Das Programm der Freien Demokraten zur Bundestagswahl 2017: „Schauen wir nicht länger zu.“, S. 76, online unter: www.fdp.de/sites/default/files/uploads/2017/08/07/20170807-wahl programm-wp-2017-v16.pdf (19.9.2019). 118 Vgl. ebd. 119 Vgl. König: Digitalpolitische Positionen, S. 403 f. 106 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft und „Ökologische Chancen der Digitalisierung nutzen“.120 Es werden zwar die Möglichkeiten der Digitalisierung artikuliert, ein großer Schwerpunkt liegt jedoch auf den Gefahren und Herausforderungen. So wird die Entwicklung der veränderten Wertschöpfung als „enorme Herausforderung für die deutsche Wirtschaft“ betitelt und klargestellt, dass der „Schutz unserer Daten […] immer gewährleistet [werden müsse].“121 Der Umgang mit und die Hinwendung zu Digitalisierung fallen bei Bündnis 90/Die Grünen deutlich zurückhaltender aus und die gesellschaftlichen Ängste und allgemeinen Herausforderungen stehen im Vordergrund. Auch bei der Partei Die Linke spielt die Digitalisierung eine weniger prominente Rolle, zumal im Vergleich zu CDU/CSU, SPD und FDP. Einzig die beiden Überschriften „Statt digitales Prekariat: soziale Absicherung für alle Beschäftigten“ und „Zugang zu Bildung für alle, auch digital“ bearbeiten diese Thematik explizit. Der Begriff der Digitalisierung wird auf 127 Seiten zudem „nur“ 15-mal genutzt.122 Weiterhin ist für sie die Erhebung, Weitergabe und Speicherung von Daten durch Technologiekonzerne und Geheimdienste stark zu begrenzen, um die Privatsphäre im Internet zu schützen und die informationelle Selbstbestimmung zu stärken.123 Der Bezug auf die ökonomischen Potenziale wird im Grunde nicht hergestellt und die Hinwendung zur generellen Thematik der Digitalisierung ist, auch im Vergleich zu den Grünen, noch einmal geringer. Die letztgenannte Partei, die im Hinblick auf das Thema der Digitalisierung eigentlich zu vernachlässigen ist und nur der Vollständigkeit halber betrachtet wird, ist die AfD. In ihrem Wahlprogramm kommt der Begriff Digitalisierung kein einziges Mal vor, nur der Abschnitt „Anspruch auf Teilhabe am digitalen Leben und digitaler Wirtschaft“ be- 120 Vgl. Bündnis 90/DIE GRÜNEN (2017): Zukunft wird aus Mut gemacht. Bundestagswahlprogramm 2017, S. 45 und 223 f., online unter: www.gruene.de/ fileadmin/user_upload/Dokumente/BUENDNIS_90_DIE_GRUENEN_ Bundestagswahlprogramm_2017.pdf (19.9.2019). 121 Ebd., S. 226. 122 Vgl. Die Linke (2017): Sozial. Gerecht. Frieden. Für Alle. Die Zukunft, für die wir kämpfen!, S. 4, online unter: www.die-linke.de/fileadmin/download/ wahlen2017/wahlprogramm2017/die_linke_wahlprogramm_2017.pdf (19.9.2019). 123 Ebd. S. 123 f. 107 Digitalisierung in Politik und Gesellschaft schäftigt sich mit dem deutschlandweiten Ausbau des Breitbandnetzes.124 Es ist also einzig die digitale Infrastruktur, die Erwähnung findet – eine Thematik, der sich die Große Koalition bereits seit 2013 widmet. Die Entwicklungen beim Umgang mit und bei der Schwerpunktsetzung von Digitalisierung haben sich im Zeitverlauf seit den Bundestagswahlen 2009 immens gewandelt. Es ist wichtig, dass Parteien diese Thematik aufgreifen und auf die politische Agenda setzen, da es sich um ein hochaktuelles und sich schnell entwickelndes Thema handelt. Dabei gibt es eine große Varietät an Themenschwerpunkten und Ansätzen, wie KI, E-Government oder Big Data. Egal, welcher Themenbereich auch prioritär behandelt wird: Ohne die Zuwendung und Auseinandersetzung der Politik mit diesen Entwicklungen drohte Deutschland als Standort in den zukünftigen globalen Entwicklungen eine nachgeordnete Rolle. Hier ist durchaus Kritik an der Politik und an den Parteien angebracht, die sich mit dieser Thematik erst zu einem relativ späten Zeitpunkt aus einan der gesetzt haben. Zusätzlich erkennen sie zwar viele Potenziale und Probleme, die Umsetzungen der Strategien, um diese anzugehen, gewinnen jedoch erst langsam an Geschwindigkeit. Es ist wichtig, politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu schaffen, denn ohne diese gibt es einerseits unkontrollierte Entwicklungen, die Probleme und Gefahren im Hinblick auf Recht und Sicherheit generieren können. Andererseits führen digitale Transformationen von Arbeitsabläufen in Wirtschaft und Industrie zu Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt, wodurch gesellschaftliche Verunsicherungen und Ängste entstehen. Diese negativen Entwicklungspotenziale zu erkennen und ihnen entgegenzusteuern, ist, womöglich durch die Absicht, eine „Infrastruktur des Wohlstands“125 durch digitale Transformation zu erreichen bzw. zukunftssicher gestalten zu wollen, auch Aufgabe der Politik: Unternehmen einerseits vermehrt in die Pflicht zu nehmen und ihnen andererseits zugleich neue Entfaltungsräume zu schaffen. Das darauf gerichtete 124 Vgl. Alternative für Deutschland (2017): Programm für Deutschland. Wahlprogramm der Alternative für Deutschland für die Wahl zum Deutschen Bundestag am 24. September 2017, S. 54, online unter: https://www.afd.de/wp-content/ uploads/sites/111/2017/06/2017-06-01_AfD-Bundestagswahlprogramm_ Onlinefassung.pdf (19.9.2019). 125 Vgl. Karl-Heinz Land (2018): Erde 5.0. Die Zukunft provozieren, Köln, S. 57. 108 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft Weißbuch „Arbeiten 4.0“126 oder die Implementierung der DSGVO sind dabei erste Mosaiksteine in einem neuen sich entwickelnden komplexen Gebilde. Bei aller Abwägung von Chancen und Risiken der Digitalisierung in den verschiedenen Bereichen menschlichen Lebens gilt es grundsätzlich, die jeweiligen Eigenlogiken der verschiedenen Sphären, die Rationalitäten, Abläufe, Zielsetzungen, Erwartungshaltungen zu bedenken, wie sie beispielsweise für jene der Ökonomie und jene der Politik gelten. Konkret meint dies: „Die Gesetze der Wirtschaft, nach denen Zeit Geld sein soll und immer der Schnellste belohnt wird, gelten nicht für die Politik. Viele gute Ideen sind langwierig, kompliziert, anspruchsvoll und schwierig durchzusetzen. Wer die Sphäre der Politik immer effizienter machen will, der schafft sie am Ende ab und ersetzt sie durch Sozialtechnik. Je transparenter sich die Bürger durch Einwilligungen in zweifelhafte Geschäftsverträge machen, umso leichter gelingt diese Verschiebung.“127 Tatsächlich, so formuliert es Precht zurecht, lassen sich viele gesellschaftliche und politische Fragen „nicht durch technische Mittel beantworten, ohne ihnen viel unbeabsichtigte Gewalt anzutun.“128 Die Ratio von Politik unterscheidet sich von jener der Ökonomie, ebenso wie jener der Technologie; auch ihre Prozesse, Beteiligungsformen, nicht zuletzt die Geschwindigkeiten differieren: „Der kürzere Weg mag zwar als der effizienteste erscheinen – aus der Sicht einer guten Demokratie ist es effektiver, ihn zu verlängern. Was Zeit, Aufwand und Geld spart, ist nicht unweigerlich gut und oft genug sogar grundfalsch.“129 126 Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat im April 2015 ein Grünbuch mit dem Titel „Arbeiten 4.0“ vorgelegt. Auf Grundlage dessen wurde ein Dialogprozess angestoßen, aus dem 2017 das Weißbuch „Arbeiten 4.0“ hervorging. Ziel war es, neben der technikzentrierten und marktwirtschaftlichen „Hightech-Strategie“, auch einen Schwerpunkt auf die Auswirkungen von Digitalisierung auf den Menschen und die Arbeitswelt zu legen. Es wurden durch Stellungsnahmen von Verbänden, Gewerkschaften und Unternehmen Leitbilder für die Zukunft der Arbeitswelt entwickelt. Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2017): Zusammenfassung der Ergebnisse, online unter: www.arbeiten viernull.de/dialogprozess/weissbuch/zusammenfassung-der-ergebnisse.html (19.9.2019). Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales: Weißbuch Arbeiten 4.0. 127 Richard David Precht (2018): Jäger, Hirten, Kritiker, München, S. 209. 128 Ebd., S. 202. 129 Ebd., S. 209. 109 Digitalisierung in Politik und Gesellschaft Chancen für Politik und Gesellschaft Doch geht es nicht um schwarz-weiß, um das Konstruieren fundamentaler Gegensätze der verschiedenen Bereiche des menschlichen Lebens. Es kommt jenseits der klassischen Eigenlogiken auch wesentlich auf Potenziale zur Nutzung von verbesserten Instrumenten und Verfahren an, wie sie beispielsweise die Digitalisierung durchaus auch im Bereich politischer Prozesse bietet. Dabei sind es beispielsweise die Begriffe des E- Government und des E-Votings, welche immer wieder zu Recht genannt werden. Durch die neuen Formen und Mechanismen von Wahlvorgängen und bürokratischen Abläufen ist eine Renaissance der Wahlbeteiligung und des politischen Interesses möglich. Die Attraktivität kann durch Vereinfachung gesteigert werden – eine neue Kultur, ein neues Verständnis von Politik, Bildung und Beteiligung kann entstehen. Durch weitreichende kulturelle und systemische Änderungen werden allerdings auch neue Fragen aufgeworfen: Was passiert, wenn alle immer und überall wählen können? Und sie diese Möglichkeit dann gar nicht wahrnehmen? Oder eben nur selektiv? Welche positiven wie negativen Folgen hat ein umfassendes Plebiszit? Besonders Estland gilt in den Bereichen des digitalen Staats als „Vorzeigenation“.130 Die Bedeutung des E-Votings wird auch ersichtlich, wenn man sich anschaut, dass über den Zeitverlauf immer mehr Bürger entkoppelt vom Wahlbüro die Briefwahl nutzen. 2009 waren es in Deutschland 21,4 Prozent der Wähler und 2017 bereits 28,6 Prozent.131 Besonders die zeitliche und örtliche Ungebundenheit und Flexibilität stellen den Vorteil von Briefwahl und E-Voting dar. Estland eignet sich als Beispielland, um beide Begrifflichkeiten exemplarisch zu erläutern, und – davon ausgehend – weitere Entwicklungstendenzen zur Digitalisierung von Politik- und Verwaltungsprozessen aufzuzeigen. Estland als Referenzland für innovative Digitalpolitik findet unter anderem auch Beachtung bei 130 Luisa Hofmeier/Caspar Schwietering (2017): Im Online-Staat gibt’s keine Warteschlangen online unter: www.faz.net/aktuell/politik/ausland/estland-ist-einevorzeigenation-bei-der-digitalisierung-15005575.html?printPagedArticle=true #pageIndex_0 (19.9.2019). 131 Vgl. Wahlrechtslexikon (2017): Briefwahl, online unter: www.wahlrecht.de/ lexikon/briefwahl.html (19.9.2019). Vgl. Sabine Pokorny (2018): Die schwankenden Wähler, Ausgabe 307, S. 2, online unter: www.kas.de/wf/de/33.53231/ (19.9.2019). 110 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft der „Bertelsmann Stiftung (2017): Welche Chancen bietet die Digitalisierung für Gesellschaft und Politik?“. Die Erläuterung von Risiken im Zusammenhang mit dieser Thematik müssen ebenfalls dargestellt werden. Estland ist weltweit das einzige Land mit einem flächendecken Online-Voting-System, welches auf allen institutionellen Ebenen eingesetzt wird.132 Dieses wurde 2005 eingeführt, umfasst die gebündelte, digitale Stimmabgabe in Wahllokalen und zusätzlich die Möglichkeit, von zu Hause oder aus dem Ausland mit dem eigenen Smartphone oder Laptop die eigene Stimme abzugeben. Dieses Verfahren nutzten bei der Parlamentswahl 2015 circa 30 Prozent der Bürger Estlands.133 Die Sicherheit bei diesem Vorgang wird gewährleistet, indem sich wahlberechtigte Personen mit dem digitalen estnischen Personalausweis und einem speziellen Kartenlesegerät identifizieren und dadurch einen individuellen Code erhalten. Dieser wird in Kombination mit einem zweiten persönlichen Nummerncode als „digitale Unterschrift“134 genutzt. Bis zum Stichdatum kann die Stimme auf diese Weise geändert oder auch traditionell die „analoge Wahl“ genutzt werden. Dabei gilt immer die letzte abgegebene bzw. die analog abgegebene Stimme. Die Rückverfolgung der Wahlentscheidungen soll durch Anonymisierung und Bereinigung des Datenpools verhindert werden. Die Sicherheit vor Manipulation des Wahlvorgangs soll durch häufig wiederholte und unmittelbare Prüfung der Prozesse gewährleistet sein. Die Blockchain-Technologie135 soll dabei als Garant für die Sicherheit dienen. Sicherheitsprobleme werden dem estnischen System dennoch attestiert. Besonders die exorbitante Zahl an 132 Vgl. Markus Reiners (2017): E-Voting in Estland: Vorbild für Deutschland?, online unter: www.bpb.de/apuz/255967/e-voting-in-estland-vorbild-fuer-deutsch land?p=all (19.9.2019). 133 Vgl. Felix Aust (2015): E-Voting ist und bleibt unsicher, online unter: https:// netzpolitik.org/2015/31c3-e-voting-ist-und-bleibt-unsicher/ (19.9.2019). 134 Reiners: E-Voting in Estland. 135 Eine Blockchain ist ein dezentrales digitales Register, welche aus einer linearen Kette von Transaktionsblöcken besteht. Transaktionen zwischen zwei Parteien werden durchgeführt, indem mehrere Rechner die Informationen in Computer-Codes umwandeln und einen Block erstellen. Ist der Block vollständig, wird ein neuer Block mit Informationen erzeugt, welcher die Prüfsumme des vorherigen Blocks enthält. Durch den Zugriff auf mehrere Rechner und verifizierte Informationen ist Blockchain sehr manipulationssicher. Vgl. Gruenderszene (Hrsg.) (2018): Lexikon. Blockchain, online unter: www.gruenderszene.de/lexi kon/begriffe/blockchain?interstitial (19.9.2019). 111 Digitalisierung in Politik und Gesellschaft Angriffspunkten über Computer oder Smartphones der potenziellen Wählerschaft findet in der kritischen Auseinandersetzung mit dem E- Voting-System Erwähnung. So warnte Alex Halderman, Professor an der Universität Michigan, auf dem 31. Chaos Communicaton Congress vor der Manipulationsgefahr durch andere Länder und deren Geheimdienste. Er ist der Meinung, dass Wahlen im Internet wohl noch jahrzehntelang unsicher bleiben.136 In Deutschland müssen politische Wahlen und Abstimmungen zudem den Grundsätzen der allgemeinen, unmittelbaren, freien, gleichen und geheimen Wahl gerecht werden (Art. 38 GG). Die (verfassungsmäßige) Rechtslage dazu ist eindeutig: In einem Urteil vom 3. März 2009 formulierte das Bundesverfassungsgericht einen Katalog an Anforderungen für rechnergesteuerte Wahlgeräte, mithin auch in Bezug auf jene elektronischen Wahlgeräte, die bei der Wahl zum 16. Deutschen Bundestag in einigen Wahlbezirken zum Einsatz kamen. In der Begründung wird die unwirksame Kontrolle der Wahlhandlungen durch Wahlgeräte angesprochen. Dazu wird Art. 38 in Verbindung mit Art 20. Abs 1 und 2 GG herangezogen, wonach auch auf Wahlgeräten installierte Software einer öffentlichen Überprüfbarkeit unterliegen muss.137 Auch in einschlägiger Literatur wird, zum Beispiel durch Halderman et al. 2014, empfohlen, E-Voting nicht (mehr) zu nutzen.138 Wenngleich die Rechtslage, zumindest in Deutschland, derzeit eindeutig ist, könnte sich in den kommenden Jahren gerade die Verbindung von Digitalisierung und politischen Wahlen als eine fruchtbare Kombination für demokratische Prozesse erweisen. Dass E-Voting in Estland, trotz der genannten Risiken, dennoch erfolgreich implementiert werden konnte, wird auch auf die – beispielsweise im Vergleich zur Bundesrepublik Deutschland – geringe Einwohnerzahl von 1,3 Millionen Menschen und den hohen Grad an Vernetzung zurückgeführt. Durch die hohe Vernetzung und die Verstärkung der Infrastruktur legte Estland bereits 2000 die Grundlage für elektronisches Wählen und führte 2002 den digitalen 136 Vgl. ebd. 137 Vgl. Bundesverfassungsgericht (2009): Verwendung von Wahlcomputern bei der Bundestagswahl 2005 verfassungswidrig, online unter: www.bundesverfas sungsgericht.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2009/bvg09-019.html (19.9.2019). 138 Vgl. Drew Springall et al. (2014): Security Analysis of the Estonian Internet Voting System, S. 11, online unter: https://jhalderm.com/pub/papers/ivoting-ccs14. pdf (19.9.2019). 112 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft Personalausweis ein.139 Eines der Ziele, die mit der Einführung des E-Votings verbunden wurden, war es, eine Steigerung der Wahlbeteiligung zu generieren, wohlgleich etwa bezüglich des Gleichheitsgrundsatzes auch hier Bedenken artikuliert wurden. Das Ergebnis zeigt eine positive Resonanz seitens der Bevölkerung im Hinblick auf die Beteiligung. Direkte Nachteile in Bezug auf den Gleichheitsgrundsatz wurden nicht verzeichnet. Der angesprochene hohe Grad an Vernetzung ist jedoch nicht nur für das E-Voting wichtig, sondern auch für die Implementierung von E- Government. Durch einen flächendeckenden Breitbandausbau – in Estland sind bei 73,1 Prozent der Haushalte Glasfaseranschlüsse verfügbar (in Deutschland sind es zwischen 1,6 und 5 Prozent)140 – besteht für einen Großteil der Bürger, unabhängig vom Standort, die Möglichkeit, Behördengänge oder Verwaltungsabläufe von zu Hause zu erledigen. Dazu hat Estland ein System geschaffen, in dem alle Behördengänge, die gesamte Verwaltung und auch die Beantragung einer E-Staatsbürgerschaft digital ablaufen. Neben der digitalen Verwaltung und den digitalen Behördengängen sind auch Steuererklärungen online einzureichen, Führerscheinverlängerungen digital zu beantragen oder Krankenversicherungsakten online einsehbar. Durch den digitalen Personalausweis sollen Betrug und Datenmissbrauch reduziert werden. Trotzdem gab es Fälle von veröffentlichten Krankenakten und auch ein Sicherheitsleck bei ID-Karten, durch das bis zu 760 000 Daten für Hacker zugänglich wurden. Ein Datendiebstahl erfolgte laut Regierung nicht, die Onlinefunktion der ID-Karten musste jedoch kurzfristig eingefroren werden.141 Die estnische Verwaltung gibt an, durch die Umstellung der Verwaltung und Privatwirtschaft auf digitale Prozesse jährlich bis zu 2 Prozent des BIP einzusparen.142 Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass die EU Estland im Hinblick auf die digitale Verwaltung regelmäßig eine Füh- 139 Vgl. Reiners: E-Voting in Estland. 140 Siehe dazu Bernd Beckert (2017): Ausbaustrategien für Breitbandnetze in Europa. Was kann Deutschland vom Ausland lernen?, online unter: www.bertels mann-stiftung.de/fileadmin/files/Projekte/Smart_Country/Breitband_2017_ final.pdf (19.9.2019). 141 Vgl. Lisa Hegemann (2017): IT-Vorbild Estland: Was wir von der baltischen Republik lernen können, online unter: https://t3n.de/news/estland-digitalisierungit-878869/ (19.9.2019). 142 Vgl. Hofmeier/Schwietering: Im Online-Staat. 113 Digitalisierung in Politik und Gesellschaft rungsrolle bescheinigt, wie auch am 9. Platz im „Digital Economy and Society Index“ (DESI) ersichtlich wird.143 Während der digitale Wandel in vielen Bereichen Estlands schon Realität ist, hinkt die Bundes re publik im weltweiten Vergleich teilweise hinterher. Zwar wird erkannt, dass digitaler Wandel einen wichtigen Beitrag für die gesellschaftliche Entwicklung und das Miteinander leisten kann, in Bereichen der öffentlichen Verwaltung oder des schnellen Internets gibt es jedoch noch enormes Entwicklungspotenzial. Der Forderungskatalog der Bertelsmann Stiftung listet dazu vier zentrale Handlungsfelder auf: Neben Verwaltung und Infrastruktur werden der digitale Rechts- und Organisationsrahmen sowie die digitale Kompetenz und die Sicherheit genannt. In einigen Kommunen, wie beispielsweise in der nordrhein-westfälischen Stadt Moers, gibt es Best-Practice-Ansätze im Zusammenhang mit der Handhabung von Digitalisierung – auf Bundesebene haben diese jedoch noch keinen Durchbruch errungen.144 Brigitte Mohn, Mitglied des Vorstands der Bertelsmann Stiftung, meint zu der deutschen Entwicklung: „Es bedarf dringend einer Gesamtstrategie, um die digitale Transformation zu gestalten – so wie es beispielsweise in Estland, Schweden oder Österreich erkennbar ist.“145 Nicht nur die große finanzielle Ersparnis, sondern auch die gute Resonanz in der Bevölkerung und die riesigen Potenziale führen dazu, dass nahezu alle Staaten Europas versuchen, Strategien zu entwickeln und umzusetzen, die diesen Prozess voranbringen. Das britische Parlament hat dazu eine „Digital Democracy Commission“ eingesetzt, die eine Digitalstrategie bis 2020 erarbeiten soll und die das House of Commons auf papierloses Arbeiten umstellt.146 Zudem wurden Onlinewahlen ge- 143 Vgl. The European Commission: The Digital Economy and Society Index, online unter: https://ec.europa.eu/digital-single-market/en/desi (19.9.2019). 144 Vgl. Petra Klug/Mario Wiedemann (2017): Welche Chancen bietet die Digitalisierung für Gesellschaft und Politik, online unter: www.bertelsmann-stiftung. de/de/themen/aktuelle-meldungen/2017/juni/welche-chancen-bietet-die-digi talisierung-fuer-gesellschaft-und-politik/ (19.9.2019). 145 Brigitte Mohn (2017): Deutschland muss bei der Digitalisierung aufs Tempo drücken, online unter: www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-mel dungen/2017/august/deutschland-muss-bei-der-digitalisierung-aufs-tempodruecken/ (19.9.2019). 146 Vgl. Digital Democracy Commission: Report of the Speakers Commission on Digital Democracy, online unter: www.digitaldemocracy.parliament.uk/ (19.9.2019). 114 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft fordert, das damit im Zusammenhang stehende Projekt aufgrund der Sicherheitsbedenken jedoch wieder eingestellt. Ähnliche Programme und Agenden gibt es in vielen weiteren Staaten Europas. Der neu berufene Digitalrat der Bundesregierung nimmt noch im August 2018 seine Arbeit auf und soll nach den Worten von Bundeskanzlerin Angela Merkel die Bundesregierung „antreiben und unbequeme Fragen stellen“.147 Zu diesen Fragen wird zwangsläufig – neben technischen und neuen Bedingungen der E-Nutzung – das Stichwort des „participatory divide“ gehören, mithin jenes Phänomen einer Kommunikationskultur im Internet, die „eine optimistisch geprägte Interpretation des vormals als Allheilmittel zur Belebung der repräsentativen Demokratie wohl eher Lügen straft“148. Tatsächlich, darauf basiert das ernüchternde Urteil einer Studie, sind die Wirkung des Onlinezugangs nach wie vor sozial selektiv: „Vor allem die ungleichen Beteiligungschancen ressourcenschwacher und ressourcenstarker Bevölkerungsteile beinhalten eher Legitimationsprobleme, als dass bestehende aufgelöst werden.“149 Aus demokratietheoretischer Perspektive wird als zentrale Herausforderung eine stärkere „elektronische Selbstregulierung der Bürgerinnen und Bürger“ formuliert, in dem Sinne, „dass alle […] gleichermaßen informiert sind, alle gleichermaßen am Deliberationsprozess teilnehmen könnten und würden und dann alle eine gleichwertige Stimme bei der Entscheidungsfindung hätten“150. Risiken für Politik und Gesellschaft Neben den mannigfachen Chancen von Digitalisierung und der mit ihnen einhergehenden Transformationen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft kommt auch eine Vielzahl von Risiken zum Vorschein. Zu nennen wäre besonders die Frage nach der Sicherheit von Verfahren, die im Zusammenhang von Digitalisierung und Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft eine immer bedeutsamere Rolle spielen. Neben den tatsächlichen 147 Vgl. Bundesregierung: Digitalrat – Experten, die uns antreiben. 148 Marianne Kneuer (2014): Mehr oder weniger demokratische Qualität durch das Internet?, in: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Der Bürger im Staat. Politik und Internet, Ulm, S. 196–205: 204. 149 Ebd. 150 Ebd. 115 Digitalisierung in Politik und Gesellschaft Gefährdungen durch Attacken auf private oder staatliche Einrichtungen, den Manipulationen von Beteiligungsverfahren, der Einmischung in Wahlen oder dem Diebstahl von Daten ist es besonders das Sicherheitsempfinden der Bürgern, welches zu beachten ist. Ohne ein positives Empfinden werden auch innovative und gut ausgearbeitete Ansätze auf Ablehnung treffen. Als Beispiel ist die elektronische Funktion des Personalausweises in Deutschland zu nennen, welche lediglich von einem Drittel freigeschaltet ist und nur von 15 Prozent genutzt wird.151 Die Akzeptanz und die öffentliche Kultur dafür fehlt – meist aufgrund von Datenschutzbedenken. Ähnlich wie im vorangegangenen Unterkapitel in Bezug auf E-Voting und E-Government ist eine Entstehung der Akzeptanz und Kultur entscheidend für eine erfolgreiche Umsetzung und Implementierung. Diese positive Konnotation ist entscheidend. Vorhandene Bedenken werden durch medial sehr stark beachtete Ereignisse wie den NSA-Skandal, durch weitreichende Befugnisse von Sicherheitsbehörden oder durch das Verhalten bzw. die Skandale um die „Big Five“ des Silicon Valley – Facebook, Alphabet, Apple, Microsoft und Amazon – genährt. Mit dem Misstrauen steht Deutschland nicht allein da – auch in Frankreich und Großbritannien existieren große Bedenken in der Bevölkerung im Zusammenhang mit Datensicherheit und der Gefahr des Datenmissbrauchs.152 Auch an dieser Stelle kann die neue DSGVO angeführt werden, die in der EU als Reaktion auf die genannten Problematiken umgesetzt wurde. Digitalisierung ist keine Zukunftsvision mehr, sie passiert just in diesem Moment, auch in der Arbeitswelt. Sie hat das Potenzial, die Arbeitswelt entscheidend zu verändern. In welchen Formen dies geschieht, ist noch nicht vollumfänglich ersichtlich – Home-Office, Crowdworking und Robotik gehören jedoch schon heute zum Alltag in vielen Bereichen der Arbeitswelt. Laut einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft beschäftigen sich 40 Prozent der deutschen Unternehmen intensiv mit den Auswirkungen der Digitalisierung. Dabei geht es auch um veränder- 151 Vgl. Eike Kühl (2017): Das tote Pferd soll auferstehen, online unter: www.zeit. de/digital/datenschutz/2017-04/elektronischer-personalausweis-eid-gesetz-bio metrie-datenbank (19.9.2019). 152 Vgl. Zacharias Zacharakis (2016): Verbraucher haben Angst vor Datenmissbrauch, online unter: www.zeit.de/wirtschaft/2016-11/datensicherheit-internetdaten-missbrauch-kundendaten-unternehmen (19.9.2019). 116 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft te Wertschöpfungsketten durch engere Vernetzung. Das Internet der Dinge beschreibt diese Vernetzung und Verbindung zwischen Zulieferern und Fabriken, über den Handel bis hin zum Endkunden durch digitale Prozesse. Diese Vernetzungen laufen fast ohne Zutun des Menschen ab und neue Verfahren wie der 3-D-Druck machen etablierte Fertigungsmethoden überflüssig. In Bereichen der Logistik, bei Banken und Versicherungen sowie dem Handel spüren Beschäftigte die Auswirkungen dieser Veränderungen bereits.153 Und weitere Branchen werden in kurzen Abständen folgen. Diese Entwicklung führt, nicht nur dem Empfinden der Bürger nach, sondern auch der wissenschaftlichen Debatte folgend zu negativen sozialen und ökonomischen Folgen in der Gesellschaft. Selbstverständlich sind die Folgen der Entwicklung für die Gesellschaft noch nicht vollumfänglich abzusehen, da viele digitale Technologien erst am Anfang stehen und nur wenige valide Forschungsergebnisse vorliegen. Ein Trend ist dennoch auszumachen.154 Fakt ist auch, dass sich durch die zunehmende Verbreitung digitaler Technologien für industrielle Arbeitsprozesse spürbare und dauerhafte Konsequenzen ergeben werden – ohne dass apodiktisch von einem „Ende der Arbeit“ (Jeremy Rifkin)155 gesprochen werden kann. Und dennoch: Neben vielen optimistischen Zukunftsvisionen, die das Potenzial für Wirtschaft und die (Arbeits-)Erleichterungen für den Menschen in den Vordergrund stellen, müssen auch die pessimistischen Zukunftsprojektionen artikuliert werden. So kommt eine Umfrage des IT-Verbands Bitkom, welche unter 500 deutschen Unternehmen im Februar 2018 durchgeführt wurde, zu dem Schluss, dass die Digitalisierung zahlreiche Arbeitsplätze gefährdet. In Deutschland wird von 3,4 Millionen wegfallenden Stellen in den nächsten fünf Jahren gesprochen. Damit wäre mehr als jede zehnte Stelle be- 153 Vgl. Hans-Böckler-Stiftung (Hrsg.) (2016): Digitalisierung: Was auf die Beschäftigten zukommt, S. 4, online unter: www.boeckler.de/Impuls_2016_16_gesamt ausgabe.pdf (19.9.2019). 154 Vgl. Hartmut Hirsch-Kreinsen (2016): Zum Verhältnis von Arbeit und Technik bei Industrie 4.0, online unter: www.bpb.de/apuz/225688/arbeit-und-technikbei-industrie-4-0 (19.9.2019). 155 Vgl. Jeremy Rifkin (2004): Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft. Neue Konzepte für das 21. Jahrhundert, Frankfurt am Main. 117 Digitalisierung in Politik und Gesellschaft troffen.156 In den USA ist von 47 Prozent aller Arbeitsplätze die Rede, welche in den kommenden 20 Jahren durch Computer, Maschinen oder Algorithmen ersetzt werden könnten.157 Auch Bitkom führt an, dass in den nächsten 20 Jahren circa die Hälfte aller Berufsbilder wegfallen wird. Weiterhin zeigt die Umfrage von Bitkom, dass sich jede vierte deutsche Firma durch Digitalisierung in ihrer Existenz bedroht sieht. Als Beispiel für die Transformation der Arbeitswelt werden Berufe in der Kommunikationstechnik angeführt. Waren es Mitte der 1990er Jahre noch 200 000 Beschäftigte, lässt sich die Zahl 2018 auf 20 000 Arbeitsplätze beziffern.158 Michael A. Osborne und Carl Benedikt Frey, Wissenschaftler an der University of Oxford, haben mit ihrer 2013 veröffentlichten Studie die Debatte um die Zukunftsangst und Automatisierung in den USA verstärkt. Sie werfen die Frage auf, in welchem Umfang der Mensch in der digitalen Ökonomie überhaupt noch gebraucht wird. Das dargestellte Risiko des Verlusts von Arbeitsplätzen und die Existenzängste von Unternehmen sind auf den Transformationsprozess der Beschäftigungsverhältnisse an sich zurückzuführen. Dabei gilt es, unterschiedliche Entwicklungsperspektiven zu betrachten. Zunächst wird davon ausgegangen, dass Digitalisierung zu einer Art „Upgrading“ von Tätigkeitsprofilen in den industriellen Beschäftigungen führt. Durch die digitale Transformation werden Arbeits- und Produktionsprozesse anspruchsvoller, vernetzter und komplexer, die Bedeutung von Fähigkeiten der Beschäftigten nimmt zu. Durch das Upgrade findet zwar eine Aufwertung der einfachen Industrietätigkeiten statt,159 zeitgleich kommt es allerdings zu einer weitreichenden Substitution einfacher Tätigkeiten 156 Vgl. Spiegel Online (2018): Digitalisierung bedroht 3,4 Millionen Jobs, online unter: www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/digitalisierung-koennte-3-4-mil lionen-stellen-in-deutschland-kosten-a-1191038.html (19.9.2019). Die genannten Zahlen können je nach Studie variieren. So hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung berechnet, dass in der deutschen Industrie nur 490 000 Arbeitsplätze wegfallen, während 430 000 neue in der Dienstleistung entstehen. Vgl. Hans-Böckler-Stiftung (Hrsg.) (2018): Atlas der Arbeit. Daten und Fakten über Jobs, Einkommen und Beschäftigung, Paderborn, S. 34. 157 Vgl. Carl Benedikt Frey/Michael Osborne (2013): The Future of Employment: How susceptible are jobs to computerisation, Oxford, S. 1. 158 Vgl. Tagesschau: Digitalisierung bedroht. 159 Vgl. Peter Ittermann/Jonathan Niehaus/Hartmut Hirsch-Kreinsen (2015): Arbeiten in der Industrie 4.0. Trendbestimmungen und arbeitspolitische Handlungsbestimmungen, S. 46, online unter: www.wiwi.tu-dortmund.de/wiwi/de/ 118 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft und damit wiederum zu Arbeitsplatzverlusten.160 Eine andere Entwicklungstendenz geht von einer zunehmenden Polarisierung von Qualifikationen aus. Einerseits bleibt der „einfache“ Facharbeiter in der Industrie erhalten, andererseits gibt es einen Bedeutungszuwachs von anspruchsvollen, hochqualifizierten Tätigkeiten. Dadurch öffnet sich eine „Schere“ und es kommt zur Erosion der mittleren Qualifikationsebene.161 Unabhängig davon, welche Entwicklungstendenzen sich etablieren oder ob sich davon losgelöste Alternativen entwickeln: Der Wandel von Arbeit hin zu einer größeren Flexibilisierung und Entgrenzung ist heute schon Realität und wird sich in den kommenden Jahren weiter verstärken. Womöglich, so das Szenario bei Rinne und Zimmermann, werde „sich die Arbeitswelt gänzlich von dem tradierten Konzept der ‚Berufe‘ lös[en]“.162 Diese Perspektive eines nachhaltigen Wandels der Arbeits- bzw. Berufswelt ist auf die erweiterten Zugangsmöglichkeiten zu Daten, beispielsweise durch den ortsungebundenen Zugriff durch Cloud-Dienste, zurückzuführen. Für Beschäftigte kann die Flexibilisierung eindeutige praktische Vorteile bringen: Es gibt flexiblere Arbeitszeiten und zu unterschiedlichen Zeiten kann an unterschiedlichen Orten gearbeitet werden, was die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben verbessert. Die Präsenzkultur in Betrieben und Unternehmen wird aufgebrochen.163 Die weltweite Vernetzung mit Kollegen, Kunden und Zulieferern sowie die Kommunikation zwischen den einzelnen Parteien in Echtzeit bringen jedoch nicht nur Vorteile mit sich: So warnen Gewerkschaften besonders vor den negativen Folgen der Entgrenzung. Die durchschnittliche Vollzeitarbeit liegt bereits seit Jahren konstant bei 41,5 Stunden und damit deutlich über der tariflich vereinbarten Zeit von 37,7 Stunden. Zuforschung/gebiete/fp-hirschkreinsen/aktuelles/meldungsmedien/20150721- Ittermann-et-al-2015-Arbeiten-in-der-Industrie-4-0-HBS.pdf (19.9.2019). 160 Vgl. Hirsch-Kreinsen: Zum Verhältnis von Arbeit und Technik. – In diesem Sinne auch Ulf Rinne/Klaus F. Zimmermann (2016): Die digitale Arbeitswelt von heute und morgen, in: APuZ 18–19/2016, 66. Jg., S. 3–9. 161 Vgl. Ittermann/Niehaus/Hirsch-Kreinsen: Arbeiten in der Industrie 4.0, S. 50. Die sozialen Folgen der Transformationsprozesse der Arbeit wurden in den 1980er Jahren bereits von der Wissenschaftlerin Shoshana Zuboff beschrieben. Vgl. Soshana Zuboff (1988): In the Age of the Smart Machine. The Future of Work and Power, New York. 162 Rinne/Zimmermann: Die digitale Arbeitswelt von heute und morgen, S. 7. 163 Vgl. Hans-Böckler-Stiftung: Was auf die Beschäftigten zukommt, S. 5. 119 Digitalisierung in Politik und Gesellschaft sätzlich führt die Entgrenzung der Arbeit dazu, dass ein Viertel der Beschäftigten auch in ihrer Freizeit für den Arbeitgeber erreichbar sind.164 Dieser Faktor kann zu einer individuellen Belastung führen. Die dargestellte Entwicklung hat dementsprechend eine signifikante politische Relevanz. Hier gilt es für die Politik Regelungen und Gesetze zu entwickeln und umzusetzen, um gegen die beschriebenen Tendenzen vorzugehen und Formen der Arbeit zu finden, welche die negativen Folgen von Flexibilisierung und Entgrenzung für die Beschäftigten reduzieren und die vorhandenen Chancen forcieren. Die Antworten auf diese komplexen Entwicklungen der digitalen Transformation muss die Politik finden. Die Sicherheitsbedenken, Sorgen und Ängste der Bürger im Hinblick auf Entwicklungen der Digitalisierung, die Sorge vor einer „smarten Diktatur“,165 wie Harald Welzer sie skizziert, oder ganz konkret auch die Unsicherheit in Bezug auf den eigenen Arbeitsplatz müssen ernstgenommen und überzeugende Lösungen erarbeitet werden. Von einer positiven Grundstimmung in der Gesellschaft in Bezug auf digitale Transformationsprozesse würde auch die Wirtschaft profitieren, da neue Prozesse und Produkte auf eine größere Resonanz stoßen würden. Grundsätzlich bewegt sich die Politik bei diesen Thematiken und skizzierten Herausforderungen im Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichen Interessen, Innovationen und der Wettbewerbsfähigkeit einerseits und möglichen negativen Folgen für die Beschäftigungs- und Arbeitsmarktsituation andererseits. 164 Vgl. Reiner Hoffmann/Oliver Suchy (2016): Aussichten für die Arbeit der Zukunft, S. 18f, online unter: www.boeckler.de/pdf/p_fofoe_WP_013_2016.pdf (19.9.2019). 165 Harald Welzer (2016): Die smarte Diktatur: Der Angriff auf unsere Freiheit, Frankfurt am Main. 120 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft Ethik und Moral – die Digitalisierung aus moralphilosophischer Sicht Fragen von Ethik und Moral in Bezug auf die Digitalisierung wurden zuletzt vor allem in Bezug auf die gesellschaftlichen und politischen Debatten um das virtuelle Sozialverhalten im Netz besonders virulent. In Reaktion auf die dortige, zuweilen als „aggressiv, verletzend und nicht selten [als] hasserfüllt“166 empfundene Debattenkultur, verfolgte der Bundesgesetzgeber mit dem „Netzwerkdurchsetzungsgesetz“167, das am 1. Oktober 2017 in Kraft trat, folglich das Ansinnen, die Durchsetzung des „analogen“ Rechtes auch für die „digitale“ Sphäre der sozialen Netzwerke zu kodifizieren. Das durchaus umstrittene Gesetz sollte dazu beizutragen, dass „objektiv strafbare Inhalte wie etwa Volksverhetzung, Beleidigung, Verleumdung oder Störung des öffentlichen Friedens durch Vortäuschung von Straftaten unverzüglich“168 entfernt werden. So soll den normierten Prinzipien, denen interpersonale Kommunikation in einem freiheitlich-demokratischen Verfassungs- und Rechtsstaat unterliegt, auch im Netz Geltung verschafft werden. Auf diese moralphilosophische Dimension des Nachdenkens über die Durchsetzungsfähigkeit des staatlichen Ordnungsversprechens in der digitalen Welt wird auch im Folgenden noch dezidiert einzugehen sein. Derlei, ob zu Recht oder Unrecht, kontrovers geführte Debatten um nationalstaatliche oder – die EU-Datenschutz-Grundverordnung169 nur 166 Deutscher Bundestag (2017): Entwurf eines Gesetzes zur Verbesserung der Rechtsdurchsetzung in sozialen Netzwerken (Netzwerkdurchsetzungsgesetz – NetzDG). Gesetzesentwurf der Fraktionen der CDU/CSU und SPD, Drucksache 18/12356, S. 1, online unter: http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/18/123/ 1812356.pdf (19.9.2019). 167 Bundesgesetzblatt (2017): Gesetz zur Verbesserung der Rechtsdurchsetzung in sozialen Netzwerken (Netzwerkdurchsetzungsgesetz – NetzDG), Jg. 2017, Teil I, Nr. 6, Bonn. 168 Deutscher Bundestag: Entwurf eines Gesetzes zur Verbesserung der Rechtsdurchsetzung in sozialen Netzwerken, S. 1. 169 Amtsblatt der Europäischen Union (2016): Verordnung (EU) 2016/679 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 27. April 2016 zum Schutz natürlicher Personen bei der Verarbeitung personenbezogener Daten, zum freien Datenverkehr und zur Aufhebung der Richtlinie 95/46/EG (Datenschutz-Grundverordnung), online unter: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/ PDF/?uri=CELEX:32016R0679&from=DE (19.9.2019). 121 Digitalisierung aus moralphilosophischer Sicht als Stichwort genannt – supranationale Reglements dieser Art verschleiern jedoch zuweilen den Blick auf die Notwendigkeit eines nicht nur moralischen, sondern vor allem auch fundamental ethischen Räsonierens über Chancen und Risiken, Möglichkeiten, Grenzen und womöglich nötigen Begrenzungen der Digitalisierung. Ein Erfordernis dazu besteht angesichts der in einem umfassenden Sinne transformativ, ja teils zentri fu gal wirkenden Ausprägungen des digitalen Zeitalters, die die Menschen – oder: das Menschliche an sich in seinem Verhältnis zu sich selbst und zur Welt – einem Spannungsfeld von Humanismus, Trans- und Posthumanismus unterwerfen. Dies evoziert ganz grundsätzliche Fragen, die nun näher zu beleuchten sein werden.170 Seit jeher wohnt dem Menschen im Wesen seines Seins die Fähigkeit inne, ein Homo faber im Sinne der Arendt’schen Handlungstheorie zu sein: Das menschliche Tun und Streben ging stets über das, was Arendt als Arbeit definiert – den „biologischen Prozeß [sic!] des menschlichen Körpers, der […] sich von Naturdingen nährt, welche die Arbeit erzeugt und zubereitet, um sie als die Lebensnotwendigkeiten dem lebendigen Organismus zuzuführen“171, – hinaus.172 Das Herstellen einer Dingwelt – „einer künstlichen Welt […] von Dingen, die sich [von] den Naturdingen […] dadurch unterscheiden, daß [sic!] sie der Natur zu einem gewissen Grade widerstehen“173, einer Welt, in der „menschliches Leben zu Hause [ist], das von Natur in der Natur heimatlos ist“174 – war, wie auch jüngste archäologische Erkenntnisse eindrucksvoll bestätigen, bereits weit bevor der Mensch als Homo sapiens seine heutige physische Gestalt an- 170 Für wertvolle Unterstützung beim Reflektieren der Digitalisierung aus moralphilosophischer Sicht sei Christopher Prinz sehr herzlich gedankt. 171 Hannah Arendt (2006): Vita activa oder Vom tätigen Leben, 4. Aufl., München, S. 16. 172 Dass es sich dabei nach Arendt lediglich um ein Potenzial, eine Fähigkeit des Menschen, jedoch dezidiert nicht um eine Zwangsläufigkeit menschlicher Existenz und Lebens handelt, wird deutlich, wenn sie davon spricht, dass sie nicht wisse, ob es in der Natur des Menschen liege, ein Welt erzeugendes Wesen zu sein. Vgl. Hannah Arendt (2000): Kultur und Politik, in Hannah Arendt (Hrsg.): Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Übungen im politischen Denken I. Herausgegeben von Ursula Ludz, 2. Aufl., München, S. 277–304: 289. 173 Hannah Arendt (2006): Vita activa oder Vom tätigen Leben, S. 16. 174 Ebd. 122 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft nahm, Teil des menschlichen Lebens.175 Gerade in der Handlungskategorie des Herstellens nach Arendt schlüsselt sich der menschliche Wunsch und Wille auf, etwas hervorzubringen, das seine eigene Mortalität als Bedingtheit seines Seins zu überwinden imstande ist, denn „das Leben, das für alle anderen Tiergattungen identisch mit ihrem Sein überhaupt ist, fällt für den Menschen, wegen des ihm innewohnenden ‚Widerwillens gegen Vergeblichkeit‘ und Vergänglichkeit, so wenig mit seiner Existenz zusammen, daß [sic!] es ihm sogar als eine Last erscheinen kann, die ihn gerade am Menschsein hindert.“176 Ist menschliches Tun und Streben – mithin historische Existenz in ihrer Fixiertheit auf praktische wie theoretische Transzendenz177 – also nichts anderes als ein immerwährender Kampf gegen die stets mit Vergänglichkeit und Vergeblichkeit drohende Natur? Vor diesem Hintergrund erweist sich die hier vorgenommene, zunächst womöglich eigentümlich wirkende Aktualisierung der Arendt’schen Phänomenologie des Handelns im Hinblick auf die Digitalisierung im Spannungsfeld von „klassischem“ Humanismus auf der einen und Trans- wie Posthumanismus auf der anderen Seite nun als fruchtbar: Denn genau diese menschliche 175 Im Jahr 2014 wurde auf einem in den 1890er Jahren gefundenen Muschel-Fossil von der indonesischen Insel Java geometrische Muster entdeckt, die dem Homo erectus zugeschrieben werden konnten. Bis dahin wurden solche Verhaltensformen bei diesem Vorgänger des Homo sapiens für kognitiv und neuromotorisch unmöglich gehalten. Wohlgleich der Zweck dieser verzierten Muschel bislang ungeklärt ist, verweist die Existenz der Gravuren auf – um in der Arendt’schen Terminologie zu bleiben – das Herstellen einer Dingwelt: Die Verzierungen geben dieser Muschel einen Gegenstandswert, der über ihren direkten Ge- oder Verbrauchszweck und damit über das rein lebenserhaltende Arbeiten hinausgeht. Sie könnten – freilich mit gewisser Vorsicht – gar als ein Produkt früher Kunstfertigkeit angesehen werden, das „nur für eine solche Welt hergestellt [wurde], die die jeweils sterblichen Menschen überdauern soll, und die daher keine Funktion in dem Lebensprozeß [sic!] der Menschengesellschaft haben.“ Arendt: Zwischen Vergangenheit und Zukunft, S. 289. Vgl. Jospehine C. A. Joordens et al. (2015): Homo erectus at Trinil on Java used shells for tool production and engraving, in: Nature, Vol. 518, 12. Februar, S. 228–231, online unter: www.nature.com/articles/nature13962.pdf (19.9.2019). 176 Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben, S. 139. 177 Vgl. dazu das fundamentale Alterswerk Ernst Noltes (2015): Historische Existenz. Zwischen Anfang und Ende der Geschichte?, München. 123 Digitalisierung aus moralphilosophischer Sicht Bedingtheit – genauer: die „Berufung auf die Defizite der gegenwärtigen conditio humana“178 – ist die Wiege nicht nur, aber eben auch der digitalen trans- und gar posthumanistischen Visionen, den Menschen – „nicht im Blick auf ein imaginäres Jenseits“179, aber auch nicht frei von einer zweifelsohne eschatologischen Anmutung180 – „im Diesseits zu optimieren und dabei Nietzsches Vision vom Übermenschen in mehr oder minder konkrete Operationalisierungsformen zu überführen.“181 Wie der Verweis auf Nietzsche182 bereits nahelegt, ist das Motiv der gewaltsamen Selbstermächtigung des Menschen über die Natur, die sich 178 Peter C. Mayer-Tasch (2010): Quo vadimus? Versuch einer Ortsbestimmung zwischen Humanismus und Metahumanismus, in: Zeitschrift für Politik, Jg. 57, Heft 1, S. 55–70: 59. 179 Ebd. 180 So spreche etwa Miriam Leis, Think-Tank-Managerin bei der Fraunhofer-Gesellschaft zur Förderung der angewandten Forschung e.V., davon, dass „die Erde dank der Computer ein bisschen himmlischer für die Menschen werden kann. […] ‚Der Humanismus fragt, wie man das Beste aus der menschlichen Natur machen kann. Der Transhumanismus stellt diese Natur in Frage, um aus dem technischen Fortschritt das Beste für den Menschen zu machen.‘“ Carolin Wiedemann (2015): Bring mir den Kopf von Raymond Kurzweil!, online unter: www. faz.net/aktuell/feuilleton/transhumanismus-bring-mir-den-kopf-von-raymondkurzweil-13696362.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0 (19.9.2019). 181 Mayer-Tasch: Quo vadimus?, S. 59. 182 Die Frage, ob Nietzsche in der Tat als „Ahnherr“ des Transhumanismus der Gegenwart angesehen werden kann und sollte, ist bereits seit mehreren Jahren ein bedeutender Streitpunkt im philosophischen Diskurs um den Transhumanismus. Während etwa Nick Bostrom, Professor an der University of Oxford, dort Direktor des Future of Humanity Institute und Mitbegründer der World Transhumanist Association, die These vertritt, dass Nietzsche in seinem Übermensch, statt einer technologischen Transformation des Menschen hin zu einer optimierten Version seiner selbst, eher ein persönliches Wachsen und kulturelle Verfeinerung als außergewöhnliches Individuum gesehen habe, der dazu die „Sklavenmoral“ des Christentums überwinden müsse, sieht der Philosoph Stefan Lorenz Sorgner, Nietzsche-Forscher und Mitherausgeber der Reihe „Beyond Humanism: Trans- und Posthumanism“ im Peter Lang Verlag, in dezidierter Abgrenzung zur Auffassung Bostroms Gemeinsamkeiten zwischen Nietzsches philosophischen Überlegungen auf signifikanter, ja ganz fundamentaler Ebene – eine Position, die er auch in vertiefter Auseinandersetzung mit anderen Nietzsche-Gelehrten offensiv vertritt. Vgl. Nick Bostrom (2005): A History of Transhumanist Thought, in: Journal of Evolution and Technology, 15. Jg., Heft 1, S. 1–25, online unter: https://jetpress.org/volume14/bostrom.pdf (19.9.2019). 124 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft in der Handlungskategorie des Herstellens ausdrückt183, also keineswegs ein gänzlich neues Phänomen, das allein in Zusammenhang mit dem digitalen Zeitalter zu denken wäre, sondern eine Konstante in der bisherigen Kulturgeschichte der Menschheit: Das Nachdenken über die Grenzen des menschlichen Seins und die Überwindung der Grenzen menschlichen Vermögens reichen mindestens zurück bis in die Antike: Die Sagen von Daidalos und Ikaros und auch Prometheus, als weitere Figur aus der griechischen Mythologie, ließen sich von Skeptikern zweifelsfrei als kritische Allegorie auf das deuten, was in der transhumanistischen Lesart als „self-enhancement“, in der posthumanistischen Vision als „human engineering“ firmieren würde – eine selbstermächtigte Apotheose des Menschen184, die letztlich die Konsequenz einer solchen Hybris davontragen müsse. Nicht nur mit dem „Übermensch“ in Nietzsches Lebensphilosophie, auch in der philosophischen Anthropologie der Moderne fand das Motiv des Menschen als ein in seiner naturgegebenen Beschaffenheit „noch nicht festgestelltes Tier“185 – und damit eines, das „biologisch […] nicht festgelegt und unfertig“186 ist – Ausdruck. So folgerte etwa auch Arnold Gehlen „[i]m Anschluß [sic!] an Max Scheler […], daß [sic!] der Mensch infolge seines Mangels an spezialisierten Organen und Instinkten in keine artbesondere, natürliche Umwelt eingepaßt [sic!] und infolgedessen darauf angewiesen Vgl. Stefan L. Sorgner (2009): Nietzsche, the Overhuman, and Transhumanism, in: Journal of Evolution and Technology, 20. Jg., Heft 1, S. 29–42, online unter: https://jetpress.org/v20/sorgner.htm (19.9.2019). Vgl. Stefan L. Sorgner (2010): Beyond Humanism: Reflections on Trans- and Posthumanism, in: Journal of Evolution and Technology, 21. Jg., Heft 2, S. 1–19, online unter: https://jetpress.org/v21/sorgner.htm (19.9.2019). Vgl. Stefan L. Sorgner (2011): Zarathustra 2.0 and Beyond – Further Remarks on the Complex Relationship between Nietzsche and Transhumanism, in: The Agonist, IV. Jg., Heft II, S. 1–46, online unter: www.nietzschecircle.com/ AGONIST/2011_08/StefanSorgnerFinal.pdf (19.9.2019). 183 Zur unabdingbaren Gewaltsamkeit des Herstellens als einen Eingriff des Menschen in die Natur vgl. Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben, S. 165. 184 Vgl. Mayer-Tasch: Quo vadimus?, S. 62. 185 Friedrich Nietzsche (2013 [1886]): Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft, vollst. durchgesehener Neusatz, Berlin, S. 62. 186 Bernhard Beller (2010): Anthropologie und Ethik bei Arnold Gehlen. Dissertation, Ludwig-Maximilians-Universität München, München, S. 41. 125 Digitalisierung aus moralphilosophischer Sicht ist, beliebige vorgefundene Naturumstände intelligent zu verändern. Sinnesarm, waffenlos, nackt, in seinem gesamten Habitus embryonisch, in seinen Instinkten verunsichert [sic!] ist er das existenziell auf die Handlung angewiesene Wesen“187 Eng verbunden mit transhumanistischem „self-enhancement“ und „human engineering“ ist dabei der Gedanke Gehlens, dass – weit vor dem digitalen Zeitalter – die Technik sich alle Zeit „aus den Organmängeln des Menschen hergeleitet [Hervorhebung im Original]“188 habe – stets mit dem Ziel, das „Mängelwesen“ des Menschen von eben jenen naturgegebenen Mängeln zu befreien. Das dualistische Bild des menschlichen Wesens, das aus einem materiellen Körper und einem immateriellen Geist bestehe, aus dem sich im bundesdeutschen Kontext auch die für das Grundgesetz konstitutive Menschenwürde ableite, sei, so Sorgner, vielen Trans- und Posthumanisten dabei in ihrer naturalistischen Weltsicht fremd.189 Entsprechend könne der naturbeschaffene Mensch in transhumanistischer Perspektive, so Mayer-Tasch, „allenfalls als dignified machine“190 gesehen werden, für den „der Weg zu noch mehr dignity in erster Linie durch technische Optimierung gepflastert“191 sei: „Ihr Ziel ist der Mensch mit ‚Vollausstattung‘. Erreicht werden soll dies durch die intensive Nutzung der Nano- und Biotechnologie, nicht zuletzt aber auch der Informationstechnologien. So etwa durch den Einbau von Speicherchips, die zur Erweiterung und Vernetzung der Hirnfunktionen und so zur Ausmerzung notorischer menschlicher Schwächen führen könnten. […] Nicht zuletzt soll […] die Gentechnik dabei helfen […].“192 Wohlgleich der Gesetzgeber sich, etwa allein in Bezug auf die Präimplantationsdiagnostik, bisher eher restriktiv gegenüber den schon jetzt vorhandenen Möglichkeiten gerade der Gen-, Embryonen- und Stammzellenforschung gezeigt hat, wurden die in der Bundesrepublik Deutsch- 187 Arnold Gehlen (1957): Die Seele im technischen Zeitalter. Sozialpsychologische Probleme in der industriellen Gesellschaft, Hamburg, S. 7. 188 Ebd. 189 Vgl. Sorgner: Zarathustra 2.0 and Beyond, S. 33 f. 190 Vgl. Mayer-Tasch: Quo vadimus?, S. 60. 191 Ebd. 192 Ebd. 126 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft land gesetzten Grenzen andernorts mit der Geburt eines durch einen sogenannten „Keimbahneingriff “ als Embryonen genetisch veränderten Zwillingspaares in China erst kürzlich bereits überschritten.193 Und auch wenn sich inzwischen Zweifel an diesem Experiment mit der sogenannten „Genschere“ gemehrt haben194, ändert dies nichts an der weiterhin fortschreitenden Ermöglichung transhumanistischer Utopien in unserer Gegenwart, die auch das Gebiet der künstlichen Intelligenz mit einschließen: So ist seit 2012 mit Raymond Kurzweil, einem der prominentesten Transhumanisten, als Chefingenieur bei Google beschäftigt.195 In seinem 2005 erschienen Werk „The Singularity Is Near“196 prognostiziert Kurzweil für das Jahr 2045 den Punkt der sogenannten „Singularität“ – „den Moment, an dem die KI so weit entwickelt sein wird, dass sie vollständig mit der menschlichen Intelligenz verschmilzt“197. Der Weg dahin mutet dabei weniger futuristisch an, als das anvisierte Ziel: Er führt über die Wearables, die schon jetzt ein ganz selbstverständlicher Teil unserer unmittelbaren Alltagserfahrung sind – wer verlässt heute noch ohne sein Smartphone die Wohnung, das Haus? –, die wir dann nicht mehr an, sondern in unserem Körper tragen würden. In den Finger eingestochene NFC-Chips, die per Fingerzeig das Öffnen von Autotüren oder das Eingeben von Codes ermöglichen, werden schon jetzt zum Kauf an- 193 Vgl. Christoph Giesen/Kathrin Zinkant (2018): Ein Mann spielt Gott, online unter: www.sueddeutsche.de/gesundheit/genmanipulation-china-crispr-1.4230761? reduced=true (19.9.2019). 194 Vgl. Kathrin Zinkant (2018): Zweifel an Crispr-Babys, 5. Dezember 2018 online unter: www.sueddeutsche.de/wissen/gentechnik-crispr-china-baby-1.4238599 (19.9.2019). 195 Kurzweil ist Informatiker und nicht nur Erfinder des Flachbettscanners, des ersten Sprachsynthesizers und Inhaber zahlreicher Patente, sondern prognostizierte in den 1980er Jahren den Kollaps der Sowjetunion sowie darüber hinaus das Jahr, in dem ein Computer erstmals die Weltmeisterschaft im Schach gewann. Sein Buch „The Age of Spiritual Machines“, indem er sich unter anderem zentral mit künstlicher Intelligenz auseinandersetzt, ist ein Bestseller. Vgl. Wiedemann: Bring mir den Kopf von Raymond Kurzweil! – Vgl. Raymond Kurzweil (1999): The Age of Spiritual Machines. When Computers exceed Human Intelligence, New York. 196 Raymond Kurzweil (2005): The Singularity Is Near. When Humans Transcend Biology, New York. 197 Marina Lordick (2016): Transhumanismus: Die Cyborgisierung des Menschen, online unter: www.zukunftsinstitut.de/artikel/transhumanismus-die-cyborgi sierung-des-menschen/ (19.9.2019). 127 Digitalisierung aus moralphilosophischer Sicht geboten.198 Und weit gefehlt, wer glaubt, dabei handele es sich um ein „spielerisches“ Vergnügen für Technologie-affine „Superreiche“: Das Unternehmen Dangerous Things bietet den „xNT NFC Tag“ inklusive des notwendigen sterilen Instrumentariums zur minimalinvasiven Selbstinjektion des Chips zum Preis von nur 99 US-Dollar an.199 Selbstredend handelt es sich bei diesem Beispiel um ein digitales Instrument, dem nur allzu leicht das Etikett „unnötigen“ Komforts angeheftet werden könnte. Wie aber ist es etwa um ebenfalls minimalinvasiv injizierbare Gehirnimplantate bestellt, die in der Lage sind, neurologische Krankheiten wie etwa Parkinson zu behandeln?200 Wie um bereits jetzt mögliche „Herztransplantationen mit Roboter-Herzen, 3D-Druck von Organen und Gliedmaßen, Implantate, die Blinde zu Sehenden machen und Taube wieder hören lassen“201? Würde sich der Mensch gerade mit einer solchen – auf die Überwindung bisher als unüberwindbar geglaubter Krankheitsbilder und körperlicher Behinderungen ausgerichteten – Symbiose von Mensch und Maschine tatsächlich „[a]us behutsamen Läuterungsbemühungen oder auch jähem dialektischem Läuterungsgewinn – wahrscheinlich unumkehrbar – platte[r] Verdinglichung“202 ausliefern? Zu simpel wäre es sicherlich, dieser hier im Raume stehenden transhumanistischen Option bis hin zur posthumanistischen Vision, „das einzig wirklich Wertvolle am Menschen – seine seelischen und geistigen Potenzen – […] in computernahe Speicher hochzuladen, um so ein zumindest virtuell-unendliches Überleben zu ermöglichen“203, den „Stab der Evolution […] an künstliche Intelligenzen und Menschmaschinen weiter[zureichen], de[n] Körper mittelfristig zur quantité negligeable [Hervorhebung im Original] [zu] deklarier[en] und de[n] Mensch als somasematisches Zwitterwesen zum vergilbenden Blatt am Baum des Lebens [zu] erklär[en]“204, etwa schlicht die Natalität und die Mortalität des Menschen als „conditio humana“ im bereits eingangs bemühten po- 198 Vgl. ebd. 199 Vgl. Dangerous Things (o. J.): xNT NFC Tag [NTAG216], online unter: https:// dangerousthings.com/shop/xnti/ (19.9.2019). 200 Vgl. Lordick: Transhumanismus: Die Cyborgisierung des Menschen. 201 Ebd. 202 Mayer-Tasch: Quo vadimus?, S. 63. 203 Ebd., S. 60. 204 Ebd. 128 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft litischen Denken Arendts entgegenzuhalten.205 Der Mortalität als Bedingtheit menschlichen Seins könnten die „Sterblichen“206, so Arendt, letztlich nur entkommen, indem sie „Dinge hervorbringen – Werke, Taten, Worte –, die es verdienen, in dem Kosmos des Immerwährenden angesiedelt zu werden, und durch welche [sie] selbst den ihnen gebührenden Platz finden können in einer Ordnung, in der alles unvergänglich ist, außer ihnen selbst.“207 Im Gegenteil: Das ethisch-moralische Räsonieren über die eingangs angeführte Frage nach Chancen und Risiken, Möglichkeiten, Grenzen sowie womöglich nötigen Begrenzungen menschlichen Vermögens im digitalen Zeitalter darf man keineswegs außer Acht lassen, dass es – zumal wenn es, wie hier vorgenommen, aus humanistischer Perspektive erfolgt – freilich auf dem Boden der Normativität fußt. Ohne Not setzte man sich allzu leichter Kritik bis hin zum platten Vorwurf der „Technologie-“ oder gar „Fortschrittsfeindlichkeit“ aus. Bezeichnenderweise – darauf verweist der Transhumanist Bostrom – habe der britische Biochemiker J. B. S. Haldane im Hinblick auf die Möglichkeit, die menschlichen Gene zu kontrollieren, und unter Bezugnahme auf die hier ebenfalls angeführten Figuren der griechischen Mythologie, bereits 1923 darauf aufmerksam gemacht208, dass „[t]he chemical or physical inventor is always a Prometheus. There is no great invention, from fire to flying, which has not been hailed as an insult to some god. But if every physical and chemical invention is a blasphemy, every biological invention is a perversion. There is hardly one which, on first being brought to the notice of an observer […] which has not previously heard of their existence, would not appear to him as indecent and unnatural.“209 Die vorangegangenen Ausführungen machen also vor allem eines deutlich: Eine erschöpfende Antwort auf die Frage, ob und bis zu welchem Punkt der Mensch das prometheische Feuer weitertragen können sollte, 205 Zur Natalität und Mortalität des Menschen gesellt sich die Pluralität des Menschen als eine weitere anthropologische Prämisse im politiktheoretischen Denken Arendts hinzu. Vgl. Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben, S. 17 ff. 206 Ebd., S. 29. 207 Ebd. 208 Vgl. Bostrom: A History of Transhumanist Thought, S. 4. 209 John B. S. Haldane (1923): Daedalus or Science and the Future. A Paper Read to the Heretics, Cambridge, 1. Aufl., London, S. 44. 129 Digitalisierung aus moralphilosophischer Sicht kann rational weder im Rahmen des vorliegenden Beitrags noch darüber hinaus gegeben werden. Hierfür das Gebot eines humanistischen Zugangs zum technologischen Fortschritt zu postulieren, wäre – ebenso wie die Option für einen trans- oder posthumanistischen Zugang – immer eine Verabsolutierung von Normen und Werten, die in Wahrheit aber eben keine Wahrheiten sind, nur individuell geteilt oder abgelehnt werden können und nie eine tatsächlich universelle Geltung entfaltet haben. Vor dem Hintergrund einer politikwissenschaftlichen Perspektive auf Ethik und Moral im digitalen Zeitalter führen uns diese Überlegungen zu einer Handlungstheorie, die von Hobbes über Descartes, Kant und Max Weber bis hin zu Carl Schmitt, ihrem wohl prominentesten Vertreter210, zu einem Kernbegriff der Politischen Theorie- und Ideengeschichte geworden ist: dem Dezisionismus, nachdem es letztlich „[d]ie Eigengesetzlichkeit des politischen Systems ist […], kollektiv verbindliche Entscheidungen herzustellen, und sonst nichts [Hervorhebung im Original].“211 In dezisionistischer Perspektive muss sich letztlich jede normative Argumentation – auch im Hinblick auf die in diesem Beitrag aufgeworfenen Fragen – ihrer Wahrheit der politischen Entscheidung unterwerfen. Kurzum: Auch und gerade in einem freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat können und dürfen, wie in jeder anderen Debatte auch, normativ begründete Argumente für und wider einen trans- und post- und eben auch für einen „klassisch“-humanistischen Zugang zum technologisch-digitalen Fortschritt bemüht und verhandelt werden. Aber ganz gleich, wie wohlüberlegt die in diesem Diskurs vorgebrachten Gründe auch sein mögen, so endet letztlich doch „eine jede Debatte damit, daß [sic!] statt Gründen Hände aufgezeigt werden. Die Stimmen werden nicht mehr gewogen, sondern gezählt.“212 Einschränkend anzuführen ist in diesem Zusammenhang zweierlei: Fast müßig anzumerken ist zum einen, dass im konkreten Bezug auf die Bundesrepublik in ihrer gegenwärtigen Verfasstheit der Materie, über 210 Vgl. dazu etwa Herrmann Lübbe (1976): Dezisionismus – eine kompromittierende politische Theorie, in: Schweizer Monatshefte. Zeitschrift für Politik, Wirtschaft, Kultur, 55. Jg., Heft 12, S. 949–960. 211 Markus Holzinger (2007): Kontingenz in der Gegenwartsgesellschaft. Dimensionen eines Leitbegriffs moderner Sozialtheorie, Bielefeld, S. 87. 212 Hermann Lübbe (1971): Theorie und Entscheidung. Studien zum Primat der praktischen Vernunft, Freiburg, S. 29. 130 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft die im dezisionistischen Sinne politisch und im juristischen Sinne legal entschieden werden kann, durch Art. 79 Abs. 3 des Grundgesetzes freilich Grenzen – diesseits ihrer revolutionären Überwindung – gesetzt sind. Diese sogenannte „Ewigkeitsklausel“ betrifft insbesondere die Grundrechte und die in ihnen verbriefte Unantastbarkeit der Würde eines jeden Menschen, die – wie bereits ausgeführt wurde – mit dem Menschenbild des Trans- und Posthumanismus in Konflikt steht.213 Zum anderen gilt über den Kontext der bundesrepublikanischen Verfassung hinaus, dass auch die durch demokratische Mehrheitsentscheidung herbeigeführte Durchsetzung der sozialen Geltendmachung einer politischen Norm vom Wahrheitsanspruch seiner Befürworter zu trennen ist: Eine liberale Demokratie – so leitet Herrmann Lübbe aus der dezisionistischen Entscheidungstheorie Max Webers ab – entbindet die Angehörigen der unterlegenen Minderheit von der Verpflichtung, neben der politischen Entscheidung auch den Wahrheitsanspruch der Mehrheit anerkennen zu müssen.214 Von grundsätzlicherer Bedeutung ist jedoch, dass entschieden wird – und zwar von Menschen mit und für Menschen. Dass dies keineswegs ein selbstverständlicher Modus wie auch immer gearteter Entscheidungsfindung ist, verdeutlicht die fortschreitende Entwicklung künstlicher Intelligenz im Bereich des „decision making“215: So sei es nur „eine Frage der Zeit, bis solche maschinenunterstützten Entscheidungen in bestimmten Bereichen eine Qualität erreichen, die menschliche Entscheidungen als uninformiertes Herumvermuten erscheinen lässt.“216 Und auch, wenn hier noch von lediglich maschinenunterstützten Entscheidungen die Rede ist, so ist in ihrer „gegenwärtigen Essenz […] selbst den Schöpfern der künstlichen Intelligenz […] nicht mehr klar, weshalb genau die Maschine welchen Lösungsweg gewählt hat.“217 Besonders bemerkenswert erscheinen diese Ausführungen beispielsweise in Zusammenhang mit 213 Vgl. Sorgner: Zarathustra 2.0 and Beyond, S. 33 f. 214 Vgl. Herrmann Lübbe: Dezisionismus, S. 960. 215 Vgl. dazu etwa Charles McLellan (2016): Inside the black box: Understandig AI decision-making, online unter: www.zdnet.com/article/inside-the-black-boxunderstanding-ai-decision-making/ (19.9.2019). 216 Sascha Lobo (2017): Wenn Maschinen über Menschen entscheiden, online unter: www.spiegel.de/netzwelt/web/sascha-lobo-ueber-kuenstliche-intelligenza-1139901.html (19.9.2019). 217 Ebd. 131 Digitalisierung aus moralphilosophischer Sicht dem sogenannten „Trolley-Problem“218 – eine Herausforderung, vor der etwa das autonome Fahren mittels künstlicher Intelligenz steht.219 Sie können jedenfalls Anlass zum Zweifel daran sein, ob „das ethische Urteil des Menschen unverzichtbar“ 220 bleibt oder man, wie Lacroix es formuliert, eben doch „vielleicht hinzufügen [müsste]: beim aktuellen Stand der Technik?“221 Spätestens an diesem Punkt aber, an dem der Mensch Wertentscheidungen etwa über Ethik und Moral, die aufgrund ihrer Normativität letztlich durch politische Dezision und nicht kraft ihrer Wahrheitsansprüche soziale Geltung erlangen müssen, an Maschinen, an die künstliche Intelligenz abgibt, beraubt er sich selbst seiner Entscheidungsfreiheit. Dezision, „decision making“, würde, gestützt vom Irrglauben an die Möglichkeit ihrer „Verrationalisierung“222 durch Technik, zu einem quasi-natürlichen Prozess, der das Streben des Menschen nach Selbstbestimmung – die er sich eben wider die mit Vergeblichkeit und Vergänglichkeit drohende Natur mit allem, was er seit Beginn seiner Existenz auf dieser Welt, abermals mit Arendt gesprochen, hergestellt hat, zu behaupten suchte – ad absurdum führen würde. Der Mensch würde sich poli- 218 Das „Trolley-Problem“ wurde von der Philosophin Philippa Foot entwickelt. Es umschreibt eine fiktive Entscheidungssituation, in der ein Mensch vor die Entscheidung gestellt wird, entweder eine Straßenbahn auf fünf Personen zurollen zu lassen, wodurch diese getötet würden, oder eine Weiche umzustellen und die Straßenbahn auf ein Gleis zu leiten, auf dem sie dann nur eine Person überrollen und töten würde. 219 Vgl. Alexander Lacroix (2018): Können Maschinen moralisch handeln?, online unter: www.zeit.de/kultur/2018-05/kuenstliche-intelligenz-moral-menschenmaschinen-werte/komplettansicht (19.9.2019). 220 Ebd. 221 Ebd. 222 Gemeint ist hier, eine Entscheidung durch künstliche Intelligenz herbeizuführen, was nichts anderes als eine „rationale“ Rechenleistung darstellt. Eingedenk der Ausführungen zur dezisionistischen Entscheidungstheorie sollte an dieser Stelle für den Leser offenkundig sein, dass es eine „rationale“ Entscheidung – auch durch Menschenhand – nicht gibt, da letztlich auch dem Rationalitätsbegriff Annahmen zugrunde liegen, die ihrerseits für sich in Anspruch nehmen, eine normative „Wahrheit“ zu sein. Ein Rückgriff auf das „Trolley-Problem“ und die vielfachen, von Menschenhand ersonnenen Lösungsansätze, die – das ist anzunehmen – für jeden ihrer Urheber sicherlich „rational“ waren und von denen dennoch keiner bislang als allgemein anerkannt gilt, verdeutlicht dies eindrucksvoll. 132 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft tisch selbst entmündigen und damit die Arendt’sche Kritik an der postklassischen Lesart223 des Aristotelischen „zoon politikon“ bestätigen: Der Mensch ist zwar von Natur aus ein soziales Wesen, ein „animal sociale“, und kann „nicht außerhalb der Menschengesellschaft leben“224 – ein Wesenszug, der für ihn eine Überlebensnotwendigkeit darstellt, und den insofern „menschliches und tierisches Leben miteinander gemein haben“225. Keineswegs aber ist er von Natur aus etwa ein politisches Wesen, sondern lediglich dazu befähigt, politisch zu handeln.226 Sehr wohl – dies verdeutlicht sich einmal mehr am Beispiel des „decision making“ durch KI – kann er auch „außerhalb der politischen Gemeinschaft […] leben […], auf politische Teilhabe verzichten“227 und sich stattdessen der politischen Dezision durch den digitalen Souverän Schmitt’scher Lesart ausliefern. Die Folge jedoch wäre der Verzicht auf Freiheit und Selbstbestimmung. Insofern kann die Wendung Nietzsches vom Menschen als „nicht festgestellte[s] Tier“228 durchaus auch positiv verstanden werden: Es ist eben die Nicht-Festgestelltheit des Menschen, die Freiheit zur Entscheidung, die uns als Menschen ausmacht. Mit Nietzsche kann also gegen Nietzsche gesagt werden: Die Freiheit, die Nicht-Festgestelltheit aufzugeben, hieße das Menschliche des Menschen aufzugeben. Jenseits dieser grundsätzlichen Erwägungen wenden wir uns nun aber wieder dem Reflektieren der praktisch-lebensnahen Folgewirkungen und Herausforderungen der Digitalisierung zu. Wie steht es beispielsweise um die Anonymität im Cyberspace? Eine gravierende Frage nach dem Umgang mit und dem Verhalten auf sozialen Plattformen und in sozialen Netzwerken. Diese wurde bereits 2013 im Handbuch des Staatsrechts „als eigenständige soziale Sphäre neben der gesellschaftlichen Realität“229 gewertet. Dabei zeichnet sich dieser „virtuelle“ Raum besonders durch das Element der Kommunikation aus und wird als „eine 223 Vgl. Grit Straßenberger (2015): Hannah Arendt zur Einführung, Hamburg, S. 56. 224 Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben, S. 34. 225 Ebd. 226 Vgl. ebd., S. 34 ff. 227 Straßenberger: Hannah Arendt zur Einführung, S. 57. 228 Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse, S. 62. 229 Stephan Hobe (2013): Cyberspace – der virtuelle Raum, in: Josef Isensee/Paul Kirchhof (Hrsg.): Handbuch des Staatsrechts, Band XI, 3. Aufl, § 231, Heidelberg, S. 254. 133 Digitalisierung aus moralphilosophischer Sicht conditio sine qua non für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben“230 gesehen. Die Rechtsbindung und Rechtsdurchsetzung im virtuellen Raum sind durch die demokratisch legitimierten Staatsorgane nicht nur möglich, sondern notwendig und geboten. Es ist aus demokratietheoretischer Sicht entscheidend, zu gewährleisten, dass im – grundsätzlich anonymen – Cyberspace kein rechtsfreier Raum entsteht.231 Der souveräne Verfassungsstaat muss den durch die digitale Transformation neu entstehenden Herausforderungen entgegentreten und das gesellschaftliche Leben im virtuellen Raum schützen sowie wirksam regulierend eingreifen. Konstitutiv beruht das Zusammenleben in einer freiheitlichen-demokratischen Grundordnung auf dem (politischen und sozialen) selbstbestimmten Handeln von Individuen miteinander: selbstbestimmte Individuen, die sich der Verantwortung ihres Handelns bewusst sind und letztlich auch verantwortlich für ihr Handeln gemacht werden können. Im Internet können Aussagen unter falschem Namen oder anonym getätigt werden, ohne dass das Gegenüber Rückschlüsse auf den handelnden Akteur ziehen kann. Dadurch kommt es zu Beleidigungen und Diffamierungen von Individuen oder ganzen Gesellschaftsgruppen auf sozialen Plattformen, die eine immense Reichweite haben. Die Tendenz geht zu einem Verhalten, bei dem Autoren keine Verantwortung für die eigene Veröffentlichung übernehmen müssen, da die persönliche Identität nicht nachvollzogen werden kann.232 Die Verfasser von Kommentaren oder Artikeln sind deshalb schwer zur Rechenschaft zu ziehen. Durch die unklare Zuordnung zu Individuen haben es auch sogenannte Bots – abgekürzte Form von „Robots“ – einfacher, an Onlinediskussionen „teilzunehmen“ oder eigene Posts mit bestimmten Ausrichtungen online zu stellen: Diese automatisch erstellten Postings werden von anderen Nutzern oft als tatsächliche Meinungsäußerung gewertet, wodurch Einfluss auf die Meinungen und Einstellungen von Individuen genommen werden kann. Die Social Bots können Wähler beeinflussen und dienen als Propagandainstrument.233 Über den genauen Einfluss von Social Bots 230 Ebd., S. 253. 231 Vgl. ebd., S. 266 f. 232 Vgl. Sibel Vurgun (Hrsg.) (2005): Gender und Raum, S. 218, online unter: www. boeckler.de/pdf/p_edition_hbs_152.pdf (19.9.2019). 233 Vgl. Simon Hegelich (2016): Invasion der Meinungs-Roboter, S. 2 ff., online unter: www.kas.de/wf/doc/kas_46486-544-1-30.pdf?161222122757 (19.9.2019). 134 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft gibt es keinen wissenschaftlichen Konsens. Sicher ist jedoch, dass dieses Mittel im US-Wahlkampf 2016 Verwendung fand. Anonymität im Netz bringt aber auch Vorteile mit sich. Sie birgt etwa eine gewisse Form des (Daten-)Schutzes gegenüber anderen Bürgern sowie dem Staat in sich. Solange ein ähnliches Verständnis von Ethik und Moral in der Gesellschaft vorhanden ist, stellt die Anonymität kein Problem dar – bei Überschreitungen der Moral- und Rechtsnormen jedoch schon. Die Anonymität im Netz weist auch gewisse Grenzen auf. Unternehmen sammeln eine Myriade an Daten über ihre Nutzer und können Verhaltens- und Nutzungsprofile erstellen. Durch die Profilbildung verwundert es kaum mehr, dass individuell angepasste Werbung nicht nur im Browser, sondern auch per E-Mail oder via Hauspost an den Nutzer herangetragen wird.234 Hier findet die Anonymität ihre Grenzen. Die Rolle der Privatsphäre und Datensicherheit sowie der Big Five im Silicon Valley und deren Verantwortung diesbezüglich wurde bereits angesprochen und ist auch an dieser Stelle anzuführen: Die Sicherheit der Daten, die von den Unternehmen gesammelt werden, ist wichtig für die Privatsphäre der Bürger. Eine Veröffentlichung oder ein Diebstahl dieser Daten kann zur Offenlegung nahezu aller persönlichen Informationen führen. Neben dem Cyberspace und sozialen Netzwerken birgt auch die künstliche Intelligenz ein riesiges Potenzial an Chancen und Nützlichkeitserwägungen für den Menschen. Besonders Deutschland agiert im Hinblick auf Zukunftstechnologien jedoch häufig zögerlich und stellt, vollkommen zu Recht, ethische und rechtliche Rahmenbedingungen in den Vordergrund. Technische Neuerungen, die menschendienliche Fortschritte bringen, müssen zwar mit Nachdruck gefördert werden, allerdings nur solange Risiken ausgeschlossen werden können. KI benötigt viele Informationen – Big Data ist hier das Stichwort. Statt programmiert zu werden nutzt KI die Informationen von Usern, um zu lernen. Dadurch wird jedoch das Grundrecht der informationellen Selbstbestimmung beschnitten, da KI auch für Diskriminierung oder politischen Repression genutzt werden kann, wenn die Daten in die falschen Hände geraten. Missbrauchspotenziale sowie die Vielfältigkeit an Verwendungsmöglichkeiten müssen erkannt und eingeschränkt bzw. verhindert wer- 234 Vgl. Vurgun: Gender und Raum, S. 219. 135 Digitalisierung aus moralphilosophischer Sicht den, um Datensensibilität und Datensicherheit zu garantieren.235 An dieser Stelle ist der Verweis auf das Handbuch des Staatsrechts und dem darin formulierten und oben angedeuteten Umgang mit Cyberspace wichtig. Neben der Bedeutung und Entwicklung von Ethik und Moral in Gesellschaft und Politik spielt die Thematik auch in der Wirtschaft eine Rolle: Mit der am 25. Mai 2018 inkraftgetretenen neuen Datenschutz-Grundverordnung in der Europäischen Union wird der EU-Datenrechtsschutz harmonisiert und verbessert; Grundlage war die Europäische Datenschutzrichtlinie 95/46/EG. Neben der Stärkung der Rechte von EU-Bürgern wurde besonders der Umgang mit Datenschutzverstößen angepasst. Für alle Unternehmen, Vereine und Selbstständige, die personenbezogene Daten verarbeiten, gilt die neue DSGVO. Bei Verstößen gibt es je nach Schwere hohe Bußgelder und alle „Wirtschaftstätigkeiten werden künftig auf der Grundlage [des] EU-weit einheitlichen Datenschutzrechts ausgeübt.“236 Der Bußgeldrahmen kann bei gravierenden Verstößen bis zu 20 Millionen Euro betragen, bei großen Unternehmen bis zu 4 Prozent des vorangegangenen Jahresumsatzes.237 Es geht darum, Richtlinien im Umgang mit Big Data und Digitalisierung im Zusammenhang mit der Verarbeitung und Handhabung personenbezogener Daten zu schaffen. Eine verschärfte Dokumentations- und Rechenschaftspflicht ist genauso Grundlage der neuen Verordnung wie das zweckgebundene Nutzen von Daten und das „Recht auf vergessen werden“.238 Während Verbraucher und Datenschützer die Verordnung als Meilenstein betiteln, sind Unternehmen, Vereine und Selbstständige ob der neuen DSGVO verunsichert. Die Umsetzung der Verordnung zeigt jedoch auf, dass die Politik nicht blind agiert, sondern versucht, Sorgen und Ängste der Gesellschaft zu adressieren, auch wenn sich diese Prozesse – im Vergleich zur Digitalisierung – teilweise langsam abspielen. Auch wird deutlich, 235 Vgl. Arnold: kurzum. 236 Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (2018): Datenschutz in der EU, online unter: www.bmi.bund.de/DE/themen/it-und-digitalpolitik/daten politik/datenschutz-eu/datenschutz-eu-node.html (19.9.2019). 237 Vgl. Amtsblatt der Europäischen Union (2016): Verordnung (EU) 2016/679. 238 Vgl. Henning Bulka (2018): Was die neue Datenschutzverordnung der EU bedeutet, online unter: https://rp-online.de/digitales/internet/dsgvo-zusammenfassung-der-neuen-datenschutz-grundverordnung-2018-der-eu_aid-19329477 (19.9.2019). 136 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft dass die Politik europäisch – letztentscheidend sogar global – denken muss. „Inseln der Digitalisierung“ innerhalb der EU, wie beispielsweise Estland, sollten erweitert und als „role model“ genutzt werden. Mit den klaren und sanktionsstarken Regelungen zur Datensicherheit und dem Ethik- und Moralverständnis zum Umgang mit Daten steht die EU den USA und China239 diametral gegenüber. Durch die DSGVO entsteht eine neue Form der Datensouveränität für die Bürger in der EU. Es entsteht eine neue Kultur im Umgang mit Daten und der Digitalisierung. In dem Bereich der Ethik und Moral kann die EU eine globale Vorreiterrolle einnehmen und dadurch die Chance und Vorteile der Digitalisierung multiplizieren sowie die Ängste und Vorurteile in der Bevölkerung minimieren. 239 In der Volksrepublik China wird zurzeit ein System aufgebaut, welches den Bürger in all seinen Lebensbereichen bewertet. Dazu wird der Bürger bis ins kleinste Detail digital durchleuchtet und bei Fehlverhalten sanktioniert. Vgl. Axel Dorloff/Daniela Satra (2018): Auf dem Weg zur totalen Überwachung, online unter: www.tagesschau.de/ausland/ueberwachung-china-101.html (19.9.2019). 137 Der Mensch als zentraler Akteur der Digitalisierung Potenziale nutzen und Risiken bedenken – der Mensch als zentraler Akteur der Digitalisierung Es bleibt festzuhalten, dass die Digitalisierung in Politik und Gesellschaft – mit all ihren Chancen und Risiken – eine Herausforderung darstellt. Risiken und Chancen gehen Hand in Hand und sind oft zwei Seiten derselben Medaille. Es geht jedoch nicht darum, ob Digitalisierung gut oder schlecht ist, sondern darum, die Möglichkeiten und Chancen bestmöglich zu nutzen und die Risiken einzudämmen bzw. zu reduzieren, zu minimieren. Deshalb muss es das Ziel politischen Handelns sein, die dichotomische Gegensätzlichkeit zu überwinden und Lösungen zu finden. Die zentrale Frage ist, ob und in welcher Form die Politik in der Lage ist, der Digitalisierung und den damit zusammenhängenden Prozessen einen Rahmen zu geben, in dem Gesellschaft und Wirtschaft interdependent existieren und handeln können. Sie muss weitsichtig, visionär und proaktiv agieren sowie den Menschen die suggerierten oder de facto vorherrschenden Ängste nehmen und zeitgleich – aufgrund von unklaren zukünftigen Entwicklungen – über reale Gefahren aufklären. Mit der neuen EU-DSGVO 2018, der Hightech-Strategie,240 dem Grünbuch 2015 und dem daraus resultierenden Weißbuch Arbeiten 4.0 2017 sind bundes- wie europaweit erste ressortübergreifende Dialogprozesse und Strategieansätze umgesetzt worden. Durch solche konkreten Ansätze kann die Kompromissfindung zwischen wirtschaftlichen Bedürfnissen und dem sozialen Klima und Nachfragen im digitalen Zeitalter gelingen. Durch erfolgreiches Agieren der Politik im Spannungsfeld zwischen Wirtschaft und Gesellschaft würden als Nebenwirkung zudem Ängste und Bedrohungsszenarien abgebaut, was den (rechts-)populistischen Strömungen in vielen Ländern den Zuspruch zum Teil entziehen könnte. Für die wirtschaftliche Entwicklung und damit für Unternehmen ist die passende Rahmung der Digitalisierung existenziell. Nur in einem passenden, nicht zu beschneidenden Regelungswerk kann die deutsche 240 Nachdem 2011 der Begriff „Industrie 4.0“ im Zukunftsprojekt der Hightech- Strategie entwickelt wurde, gab es weitere Publikationen mit neuen Schwerpunktsetzungen im Auftrag der Bundesregierung. Eine 172-seitige Studie mit dem Titel „Industrie 4.0. Innovation für die Produktion von morgen“ erschien 2017. Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung (2017): Industrie 4.0. Innovation für die Produktion von morgen, online unter: https://www.bmbf.de/ upload_filestore/pub/Industrie_4.0.pdf (19.9.2019). 138 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft und europäische Wirtschaft den rasanten Entwicklungen der Digitalisierung folgen. Dies ist wichtig, um keine Nachteile im globalen Wettbewerb entstehen zu lassen und den Anschluss nicht zu verlieren, der für die zukünftigen Prozesse und Innovationen entscheidend ist. Der Spagat zwischen wichtigen Reglements und neuen Normen sowie der nötigen Innovations- und Entwicklungsfreiheit ist kein leichter. Der Abschnitt „Parteien und Digitalisierung“ zeigt jedoch, dass die Parteien diese beiden Seiten durchaus wahrnehmen und versuchen, ihnen gerecht zu werden. Big Data, als Synonym für die digitale Transformation, hat einen großen Stellenwert in den Partei- und Wahlprogrammen und die Bedeutung für die Wirtschaft wird erkannt – Daten sind, wie Karl-Heinz Land in dieser Publikation treffend formuliert, das Gold des 21. Jahrhunderts. Zugleich wird der Datensicherheit und Privatsphäre ein großer Stellenwert eingeräumt. Neben den wirtschaftlichen Entwicklungspotenzialen sind die Chancen der Digitalisierung auch in der öffentlichen Verwaltung und dem demokratischen Wahlprozess zu finden. Die Einspar- und Partizipationspotenziale beim E-Government und E-Voting sind immens. Doch besonders beim E-Voting sind auch die Risiken der Einflussnahme durch Hacker oder Geheimdienste anderer Länder groß. Die Risiken der Digitalisierung sind neben der genannten Einflussnahme durch externe Akteure oder digitale Manipulation besonders in den Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt und der daraus resultierenden gesellschaftlichen Transformation zu sehen. Für Arbeitnehmer ist die Digitalisierung, neben neuen Entfaltungschancen, auch mit Unsicherheiten verbunden, da ein Wandel der Arbeitsabläufe auch Auswirkungen auf ihre persönliche Berufssituation haben kann. Gegenwärtig geht man von einer fünfjährigen Verdopplungsgeschwindigkeit des Wissens aus, das heißt, Kompetenzen und Kenntnisse werden spezifischer – gerade in der IT. Umso stärker erfordert die rasante Wissensvermehrung die Bereitschaft zum „lebenslangen Lernen“. Durch die Transformation von Berufsfeldern werden dennoch Jobs verloren gehen. Der mögliche Wegfall von Arbeitsplätzen und der noch undurchsichtige Transformationsprozess des Arbeitsmarktes generiert Sorgen und Ängste in der Gesellschaft. Diesen zu begegnen und die zu erwartenden Ausfälle aufzufangen oder durch rechtzeitige Weiterbildungen entgegenzuwirken, ist eine der kommenden Herausforderungen für die Politik – dabei steht sie in der Verantwortung, die Digitalisierung aktiv zu gestalten. 139 Der Mensch als zentraler Akteur der Digitalisierung Durch ein klares Bekenntnis zu transparenten und eindeutigen Regelungen des Datenschutzes und der Privatsphäre, namentlich auch durch die neu DSGVO, sowie zu einer Rückbesinnung auf alte und durch die Entstehung neuer Moral- und Ethikvorstellungen im analogen und digitalen Miteinander besteht die Möglichkeit, den negativen Entwicklungen in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft entgegenzuwirken. Eine Implementierung und Durchsetzung von klaren Ethik- und Moralrichtlinien wäre ein Alleinstellungsmerkmal zu anderen Ländern und Systemen. Dazu muss die digitale Kompetenz der Bürger früh gefestigt und nachhaltig gefördert werden. Nur wenn die sich entwickelnde Technik verstanden wird, ist diese zu beherrschen. Die „digitale Intelligenz“ muss deshalb nicht nur von klein auf gefördert, sondern auch an Personen vermittelt werden, die bereits in der Berufswelt stehen. Bei der Implementierung und Förderung der digitalen Kompetenz muss den Ethik- und Moralvorstellungen eine konstitutive Bedeutung zukommen. Die Potenziale und die mit ihnen interdependent verknüpften Risiken akzentuiert Kirchhof: „Wenn dann das selbstgesteuerte Auto den Menschen an sein Ziel bringt, eine technische Aufzeichnung von Körperdaten und Tagesplanung unseren Alltag begleitet, der Computer das Leben im Alter stützt, erfahren wir wiederum den Segen der Technik, aber auch die Gefahren der Fremdbestimmung, eines Verlustes an Privatheit und persönlicher Begegnung, des kollektiven Mitwissens anderer.“241 Losgelöst von den mannigfach aufgezählten und dargestellten Chancen und Risiken, Ermöglichungen und Begrenzungen der Digitalisierung für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bleibt eine Doktrin bestehen: Der Mensch ist und bleibt Zentrum des Nachdenkens über und Veränderung von Gesellschaft, er entscheidet, er trägt Verantwortung, er kontrolliert die Digitalisierung. Maschinen werden als Mittel zum Zweck gebraucht, sie erfüllen eine dem Menschen dienende Funktion. Der Transhumanismusgedanke sollte, ja muss im Lichte dieses politisch-moralischen Imperativs verortet und der Primat der Politik als formende und rechtsetzende Instanz postuliert werden. 241 Kirchhof: Der Bürger in Zugehörigkeit und Verantwortung, S. 1076. 140 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft Schlussendlich ist festzustellen, dass die Möglichkeiten und Chancen der Digitalisierung von der Wirtschaft und der Politik erkannt wurden. Die strukturellen Veränderungen sind in vollem Gange und werden zu weitgreifenden Veränderungen führen. Während die Wirtschaft die Potenziale für sich vollumfänglich nutzen will, gilt es für die Politik einen passenden Rahmen zu schaffen. In der öffentlichen Wahrnehmung wird der Strukturwandel hauptsächlich negativ konnotiert. Zwar sind Erleichterungen durch Digitalisierungsprozesse gerne gesehen, grundsätzlich werden durch die Neuen Medien und sozialen Netzwerke die vorhandenen gesellschaftlichen Konflikte jedoch noch verstärkt und vernetzen zudem zuvor weniger virulent auftretende Gruppen. Auf der anderen Seite bietet digitale Kommunikation große Potenziale. Digitale Bürgerbeteiligungen, gerade in kommunalen Bereich, können beispielsweise zu einer Stärkung der Akzeptanz repräsentativer Demokratien führen. In unserer hochkomplexen, funktional differenzierten Gesellschaft kann die digitale Kommunikation und Transformation ein Instrument sozialer Integration sein, welches den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt, das politische System unterstützt und die Wirtschaft, zumal ein Ordnungsmodell wie jenes der dezidiert nachhaltigen, mithin auch Sozialen Marktwirtschaft242, voranbringt. Hierzulande, in Deutschland, auch in Europa, im Westen – und darüber hinaus? Die Perspektive geografisch, sozial und kulturell weitet Richard David Precht am Ende seiner „Utopie für die digitale Gesellschaft“: „Mal abgesehen von der Frage, ob wir glücklich sein werden, wenn wir so leben, wie die optimistischen Visionäre unserer wirtschaftlichen Zukunft es uns verheißen – das 21. Jahrhundert wird vor allem das Jahrhundert sein, in dem wir unseren Wohlstand mit jenen teilen müssen, auf deren Kosten wir ihn zum Teil erarbeitet haben und weiter erarbeiten. […] Mehr teilen und dabei zugleich die Ressourcen schützen – wird das im globalen Maßstab überhaupt möglich sein? Und laufen wir nicht Gefahr, Biologie und Ökologie nicht mehr zu sehen, wenn wir in immer digitaleren Welten leben?“243 242 Vgl. in diesem Sinne auch: Rinne/Zimmermann: Die digitale Arbeitswelt von heute und morgen. 243 Precht: Jäger, Hirten, Kritiker, S. 267. 141 Der Mensch als zentraler Akteur der Digitalisierung Laufen wir über diese wegweisenden Fragen hinausgehend Gefahr, die Grenzen des Menschlichen, der Anthropologie, der Natur, der Biologie, der Ökologie zu verletzen, diese transzendieren zu wollen (womöglich doch im Sinne eines Transhumanismus) und mithilfe von Nanotechnologie, Biotechnologie, Genetik, Superintelligenz und anderem den Menschen aus jener natürlichen Unvollkommenheit herausführen zu wollen und ihn damit seiner „conditio humana“ zu berauben? Die Gefahr ist virulent. Die Versuchung groß. Und trotzdem: „Der Mensch ist in fundamentaler Weise aber auch das Wesen der bleibenden Unvollkommenheit und Begrenztheit. Nicht nur, dass er die Natur überragt, sondern auch, dass er, ohne vollkommen zu sein, als fehlerhaftes Wesen in seinen Grenzen leben darf, gehört zur Würde des Menschen.“244 Erst durch Grenzen und Begrenzung wird Freiheit wirklich erfahr-, gestalt-, ja lebbar. 244 Schockenhoff: Die Achtung der Menschenwürde in der technisch-wissenschaftlichen Zivilisation, S. 76. 143 Kapitel III Christoph Brüssel Das ewige Leben auf Erden – digitale Dimension der humanen Evolution Vorausgesetzt wird die Erkenntnis, dass es über die digitalen Rechenleistungen der Wissenschaft gelungen ist, weite Teile des genetischen Codes zu entschlüsseln. Es ist zu erwarten, dass eine vollständige Entschlüsselung in einem überschaubaren Zeitraum erfolgen wird. Mit einer solchen Kenntnis lassen sich lebensfähige Materien erschaffen, die voraussichtlich alle erforderlichen Eigenschaften in sich tragen, die das Leben zu eigenständigem Funktionieren braucht. Es stellt sich folglich die Frage, ob durch menschliche Bestimmung, alternativ zu naturgegebenen Dispositionen, also unbeeinflusst biochemisch, physiologisch disponiert, die geplante Schaffung von lebensfähigen Organismen möglich und ethisch vertretbar sein kann. Bekannt ist die seit Jahrzehnten ausgeübte Beeinflussung oder Stimulation bei der Initialisierung von biologischen Entwicklungsprozessen, die dann den gewünschten Verlauf nehmen, jedoch in der Wachstums- und Entwicklungsphase den unbeeinflussten chemischen und physiologischen Prozessen folgen. Denkbar erscheint ein zukünftiges Verfahren, in dem auf der Basis des genetischen Codes Organe definitiv künstlich erschaffen werden. Dazu werden sicher Humanstoffe wie Gewebe genutzt werden. Letztlich sollen jedoch solche Organe aus 3-D-Druckern zu generieren sein.245 Das 245 Vgl. Susanne Kutter (2012): Künstliche Organe. Herz und Niere aus dem Drucker, online unter: www.wiwo.de/technologie/forschung/kuenstliche-organedrucken-statt-zuechten/6845700-2.html (19.9.2019). 144 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft hat eine erkennbar große Bedeutung in verschiedener Hinsicht. Zunächst bietet die Digitalisierung ungeahnte Möglichkeiten zur Rettung von Leben, zur qualitativen Verbesserung von Leben und zur Weiterentwicklung medizinischer Chancen im kurativen Bereich. Bestehende Probleme der mangelnden Organspenden sind zu revolutionieren. Eine perspektivische Erweiterung medizinischer Heilung ist kaum abzuschätzen. Der Forschung werden komplett neue Dimensionen offenstehen. Mediziner sehen allerdings noch nicht entdeckte Barrieren, da von einer unbekannten Kommunikation zwischen den Organen eines Körpers gesprochen wird, die noch nicht in ihrer Funktionsweise erkannt wurde. Zumindest die Organspenden zeigen eine lebensrettende und auch langzeitig lebensfähige Arbeitsfähigkeit. Diese Erfahrung wird mit den digital hergestellten Präparaten vergleichbar sein. Jedenfalls wird diese Vermutung hier unterstellt. Zugleich erwachsen offene Flanken der ethischen Betrachtungsebene. Die Schaffung von Leben gilt als eine hohe Hürde der Ethiker, da der Eingriff in die Schöpfungsphilosophie unweigerlich ist. Es werden Grundfesten angegriffen, die von unterschiedlichen Betrachtungswinkeln als unumstößlich bewahrt werden sollen. Ideologische, religiöse und ethnische Prinzipien und Dogmen werden tangiert. Diesen Diskurs auf eine bloße Beharrung, auf festgeschriebene Regeln zu reduzieren, erscheint als wenig hilfreich und ungerecht. Die Öffnung der Disposition über Leben ist eine gefährliche Weiche, die zu stellen außerordentliche Aufmerksamkeit erfordert. Zu risikoreich erscheinen die Konsequenzen bei einer unachtsamen Liberalisierung. Die Entscheidung über Leben darf zum Schutz bestehenden Lebens oder auch aller Formen nicht „perfekt“ wirkender Lebewesen nicht einer relativen Entscheidungsebene preisgegeben werden. So ergeben sich die Ausgangspunkte der Betrachtung, die je nach Grundeinstellung sehr unterschiedlich sein können. Eben diese Argumentationsebene ist der dauernde Streitpunkt bei vergleichbaren Fragestellungen wie Sterbehilfe oder Abtreibungsindizierung. Die Definition des eigenständigen Lebens und dessen Unantastbarkeit wird unterschiedlich bewertet.246 246 Vgl. Council for Biotechnology Policy, USA (2003): The Sanctity of Life in a Brave New World. A Manifesto on Biotechnology and Human Dignity, online unter: www.kritischebioethik.de/us-manifest-english.pdf (19.9.2019). 145 Digitale Dimension der humanen Evolution Es stellt sich immer wieder die Frage, wann Leben beginnt. Kompromisslos ist die Position der ersten eigenständigen Zellteilung, also am ultimativen Beginn der Entwicklung. Solche Positionen basieren darauf, dass keine Entscheidungsfreiheit zugelassen wird, also somit auch nicht die Relativierung von Leben nach qualitativen oder anderen individuellen Kriterien. So ist der absolute Schutz des Lebens und seiner Eigenständigkeit disponiert.247 Mit dieser Argumentationslinie werden bereits seit vielen Jahren offene Fragen bei den von Menschenhand generierten Embryonen diskutiert und haben noch keine einheitliche Antwort gefunden. In der Konsequenz ist diese Erörterung auch nicht trivial, da bereits in der Praxis der künstlichen Befruchtung die beteiligten und handelnden Personen über die Wertigkeit des Lebens nach eigenen, relativen Kriterien entscheiden können und so Leben gewähren oder nicht. Der Eingriff in die von Menschenhand unbeeinflusste Schöpfung ist eindeutig gegeben. Die künstliche Schaffung von lebensfähigen Organen, die Leben erhalten können, allerdings auch Leben gestalten könnten, werden in vergleichbarer Kausalkette zu betrachten sein. Auch solche könnten als Eingriff in die Schöpfung mit individueller Entscheidungsgewalt zu bewerten sein. Es ist in diesem Kontext zu beurteilen, ob solche Eingriffe richtig, zulässig oder, gerade im Sinne einer sich weiterentwickelnden Schöpfung, ein naturgewollter, evolutionärer Schritt sein könnten. Der konventionelle medizinische Fortschritt, der in vielen Bereichen Leben erhält und verlängern kann, ist ja bereits als ein Eingriff in den Lebensverlauf zu bewerten. Hier wird nicht nur an menschliches Leben gedacht, was emotional möglicherweise im Mittelpunkt steht, jedoch ethisch nicht alleine als schutzbedürftig gelten sollte. Im Weiteren wird dies nicht er- örtert, soll jedoch immer als Prämisse angenommen werden. Die enormen Chancen einer digital herstellbaren oder genetisch ver- änderbaren organischen Struktur muss diskursiv mit den entstehenden Risikopotenzialen gespiegelt werden. Dabei ist es erforderlich, die grenzenlosen Perspektiven der Entwicklung digitaler Kreativität einzubeziehen. Wenn auch die konkreten Erwartungen nicht zu betrachten sein werden, da diese gegenwärtig ja nicht konkret erfassbar sind, so ist von 247 Vgl. Jörg Hübner (Hrsg.) (2016): Theologische Sozialethik als Anleitung zur eigenständigen Urteilsbildung, Stuttgart, S.88 ff. 146 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft einer offenen Entwicklungsskala auszugehen. Solche Überlegungen werden immer Utopien in sich bergen. Solche sind als Äquivalent zu den Forschungsergebnissen und weitergehenden Zielen der Forschung digitaler biochemischer Prozesse zu bewerten. Gelingen die Herstellung und die Transplantation digital erschaffener Organe, ist eine große Hilfe für erkrankte Menschen denkbar. Ein enormes Problem vieler Krankheiten könnte so schnelle Lösungen finden. Krankheiten oder Unfallfolgen, die ausschließlich durch den Ersatz von Organen lebenserhaltend behandelt werden können haben eine deutliche Unterversorgung, da zu wenige Spenderorgane zur Verfügung stehen. Im Jahr 2018 wurden 10 000 Empfänger-Patienten auf der Spenderliste geführt. Transplantiert wurden im gleichen Zeitraum lediglich rund 2 400 Organe.248 Die Herstellung solcher Organe durch technische Möglichkeiten kann folglich tausendfach Leben retten. Er ist aber ein Eingriff in die Natur. Letztlich jedoch nicht anders zu bewerten, als der Ersatz eines mechanischen Körperteils wie Knochen oder Gelenke. Bei einem künstlichen Hüftgelenk ist die ethische Diskussion kaum bezüglich der Tatsache selbst, bestenfalls im Kontext einer „Altersgrenze“ relevant geworden.249 Die ethische Bewertung der Organtransplantation durch die Kirchen ist eindeutig.250 Während zum Beginn der erfolgreichen Transplantationen in den 1950er Jahren die katholische Kirche sich gegen die Spenden von Organen wehrte, wird aktuell eine solche als Akt der Nächstenliebe verstanden.251 Ethisch wird die Grenze gezogen, dass es nicht ver- 248 Vgl. Deutsche Stiftung Organtransplantationen (o. J.): Statistik Organspende, online unter: www.dso.de/organspende/statistiken-berichte/organspende (19.9.2019). Vgl. Ulrike von Leszczynski (2018): Warum es so wenige Organspenden gibt, online unter: www.welt.de/gesundheit/article172460613/Transplantationen- Warum-es-so-wenige-Organspenden-gibt.html (19.9.2019). 249 Vgl. Dorothea Ranft (2017): Neues Hüftgelenk im hohen Alter en vogue, online unter: www.medical-tribune.ch/allgemeinmedizin/fokus-medizin/artikeldetail/ neues-hueftgelenk-im-hohen-alter-en-vogue.html (19.9.2019). 250 Vgl. Eduard Kopp (2012): Religion für Einsteiger: Was sagen die Kirchen zur Organspende, online unter: https://chrismon.evangelisch.de/artikel/2012/wassagen-die-kirchen-zur-organspende-13485 (19.9.2019). 251 Vgl. Vatican News (2018): Papst Franziskus informiert sich über Organspenden, online unter: www.vaticannews.va/de/papst/news/2018-10/papst-franziskusorganspenden-transplantation-delmonico.html (19.9.2019). 147 Digitale Dimension der humanen Evolution tretbar sein kann, wenn finanzielle Entschädigungen für Organe, speziell bei lebenden Spendern, zum Beweggrund werden. Es dürfen nicht wohlhabende Menschen den weniger bemittelten Menschen Organe abkaufen. Künstliche Humanpräparate zur Lebensverlängerung Ein Unterschied allerdings wäre gegeben, wenn regelmäßig digital geschaffene Organe aus Altersgründen gegen die von Geburt an gewachsenen ausgetauscht würden. Vorstellbar ist, dass es sich nicht nur um einzelne verletzte oder kranke Organe, sondern eventuell um alle dem natürlichen oder stressbedingten Verschleiß unterliegenden Körperteile handelt. So könnte der menschliche Körper zu einem lebenden Ersatzteillager werden. Als Konsequenz würde eine wesentlich längere Lebenszeit möglich, die vielleicht über mehrere Generationen hinweg ausgedehnt werden könnte. Der älter werdende Mensch findet sein Lebensende durch Krankheiten, also schwächer funktionierende Organe oder durch plötzlich versagende Organe, oft Multiorganversagen. Könnten die entsprechenden Organe bei eintretender Schwäche ersetzt werden und mit frischer Kraft den Gesamtorganismus unterstützen, wäre der Prozess praktisch aufzuhalten. Dies gilt dann ja möglicherweise auch für alle lebensnotwendigen Funktionen. Bislang eine undenkbare Option, da schlicht solche Organe nicht zur Verfügung stehen. Selbst die Spenderorgane sind ja auch regelmäßig über lange Jahre gebraucht. Zudem könnten neu hergestellte Humanorgane beliebig reproduziert werden – vorausgesetzt, diese sind geeignet, vom Organismus angenommen zu werden und ersetzten tatsächlich die erforderliche Funktion. Die hohe ethische Schwelle bei der Entscheidung, solche Produkte als heilendes Instrument oder als Ersatzorgan einzusetzen, wird unter differenzierten Paradigmen zu erörtern sein. Zunächst ist festzustellen, dass eine solche künstliche Produktion kein Risiko des Ungleichgewichts zwischen Spendern und Empfängern darstellen sollte. Da die Organe mittels digitaler und biomechanischer Instrumente hergestellt werden, ist die Entnahme bei anderen Menschen, postmortal oder als Lebendspende, nicht erforderlich. Eine Abwägung der Ungleichheitsfrage oder eines Gebens und Nehmens aus merkantiler Motivation entfällt bei dieser Perspektive. 148 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft Es ist sicher die Frage einer allgemeinen Kosten- und Zu gangs perspek ti ve zu erörtern. Unter moralisch ethischen Gesichtspunkten ist eine Lebensrettung oder Heilung, die ausschließlich Wohlhabenden zugänglich wäre, kritisch zu diskutieren. Allerdings dürfte die ungeklärte Frage der ethischen Verantwortung die grundsätzliche Möglichkeit einer solcher technologischen Entwicklung und Nutzung nicht grundsätzlich und final verwerfen. Die finanziell bedingten Hemmnisse und Ungleichheiten könnten wirksam ausgeglichen werden, was dann wiederum zum Wegfall der Ethikbarriere in diesem Punkt führen würde. Zu regulieren wäre allenfalls die Zugangsmöglichkeit für jedermann, ohne Ansehen der Person, Herkunft und Vermögensmittel. Weiter zu beleuchten ist die Frage der Anwendungskonsequenzen. Würde eine präventive Lebensverlängerung zu einer medizinischen Disziplin werden, so wäre die Kostendimension und die daraus zu befürchtende Ungleichheit erneut eine zu klärende Frage. Haben reiche Menschen die Möglichkeit, ein langes Leben zu erkaufen? Oder unter Gesichtspunkten der auf Solidargemeinschaft beruhenden Sozial- und Gesundheitssysteme: Wäre die Chancengleichheit mit neuen Perspektiven, Herausforderungen oder Interpretationen belastet? Dennoch wird diese Frage hier nicht in den Fokus gestellt. Erörtert wird, welche Anwendungsfolgen jenseits dieser Ungerechtigkeitsfront entstehen. Kann es Lebensverlängerung über ganz lange Zeiträume geben? Würden Menschen mit „Ersatzteilen“ in der Lage sein, Jahrhunderte zu überleben? Ist das ein ethisch bedenklicher Eingriff in die naturgegebene Bestimmung des menschlichen Lebens? „Du sollst nicht töten“ ist als theologisches Glaubensgebot allgemein Konsens. Hat die Frage „Du sollst nicht ewiges Leben schaffen“ eine vergleichbare Relevanz? Die hier aufgerufene Dimension unterscheidet sich von den bekannten Versuchen, über Genmanipulation tierische oder menschliche Klone zu schaffen. Bei unserer Erörterung hier geht es nicht um die transhumane Erschaffung von Lebewesen oder die Kopie bestehender Lebewesen. Thema hier ist ein selbstständig lebender Mensch, der durch künstlich geschaffene biochemische Elemente, also die Organe, in seinem Gesamtorganismus nicht nur regeneriert, sondern „restauriert“ wird. Die individualistische Person in ihrer individuellen Ausprägung und mit allen personalen Rechten und Eigenarten lebt fort, allerdings wird der naturgegebenen Ausrichtung auf ein offenbar durch die Schöpfung vor- 149 Digitale Dimension der humanen Evolution gegebenes Ende des personalen Lebens technologisch eine auf Dauer angelegte Verlängerung gegeben. Von der Heilung zur präventiven Lebensverlängerung Bislang kennen wir die lebensverlängernden Maßnahmen der Medizin, die in einzelnen Notfällen oder schweren Krankheiten eingreift. Auch das ist lebensverlängernd. Es wird konsensual begrüßt und gewünscht. Der krankheitsbedingte Ersatz von Organen, die digital erschaffen werden, wird ohne Zweifel mit der Organspende kongruent bewertet werden. Die bestmöglichen Behandlungen von Krankheiten und Unfällen durch die Medizin sind gewünscht. Betroffene Patienten ebenso wie die Angehörigen, wünschen sich eine möglichst gute und dauerhafte Heilung. Die Organtransplantation gehört zur Heilung. Das wird bei künstlichen Organen ebenso gelten. Die Erhaltung des Lebens ist oberstes Gebot, wenn durch Krankheit der Körper angegriffen ist. Dabei sieht es auch die Medizin als geboten an, wenn das Alter oder der Allgemeinzustand es ergeben, ein würdevolles Ende zu ermöglichen und auch hinzunehmen. Bereits aus den hippokratischen Schriften lässt sich die Forderung, der Arzt solle auch unheilbare Krankheiten behandeln, ableiten und seit dem Spätmittelalter wurde es zum Aufgabenbereich von Ärzten gehörig angesehen, ihren schwerkranken und sterbenden Patienten, welche keine Aussicht auf Heilung mehr hatten, eine Behandlung und Betreuung zukommen zu lassen. Dabei wird die würdige Begleitung in den bevorstehenden und akzeptierten Tod beschrieben.252 Daraus kann geschlossen werden, dass ein Lebensende trotz aller medizinischer Möglichkeiten, einschließlich der Transplantationsmedizin, immer zur Ethik der Medizin gehört. Präventive Ersetzung von Organen für ein ewiges Leben Welche Betrachtungen ergeben sich bei der präventiven Ersetzung von nicht kranken, aber altersmüden Organen zur Auffrischung oder mög- 252 Vgl. Michael Stolberg (2012): Die Geschichte der Palliativmedizin. Medizinische Sterbebegleitung von 1500 bis heute, Frankfurt am Main, S. 9 f. und 21 f. 150 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft lich in Zukunft routinemäßigen Auswechslung? Während es sich bei dem durch Notfall oder Krankheit indizierten Austausch von Organen um die konkrete Behebung eines Schadens zur direkten Lebensrettung handelt, könnte eine präventive Organersetzung ohne Krankheitsindizierung dem individuellen Wunsch auf ein ewiges Leben entsprechen. Sicher sind hier auch Vergleiche zur kosmetischen Chirurgie angebracht. Eine solche, nicht durch medizinische Indikation gebotene Behandlung ist fortwährend in der Diskussion bei der Ärzteschaft. So hat die Ethikkommission der Bundesärztekammer bereits im Jahr 2000 grundsätzlich Stellung bezogen: „Ärztliche Behandlungen ohne Krankheitsbezug sind aus arztethischer Sicht nicht prinzipiell verwerflich.“ Allerdings nennt die Kommission Bedingungen: So darf Kommerz nicht im Vordergrund stehen, zudem muss der Arzt selbstverständlich das, was er tun will, auch beherrschen. Der Patient müsse „darauf vertrauen können, dass die Motive des Arztes weiterhin primär auf das Patientenwohl und die Achtung des Patientenwillens gerichtet sind“.253 Also kann zunächst nicht über eine der Ärzteethik zuwiderlaufende Praxis argumentiert werden, betrachtet man die präventive Organersetzung. Zumindest müsste die Form der medizinischen Handlung dann anders bewertet werden als die kosmetischen Eingriffe. Das könnte der Fall sein, wenn ein Gegensatz zu den rein verschönernden Eingriffen erkannt wird. Die Organe haben schließlich nicht alleine optische oder substituierende Funktionen. Es ist denkbar, dass die zentral lebenserhaltende Funktion bestimmter Organe durchaus auch zu einer anderen Ethikbewertung führen könnte. Grund dafür könnten die wesentlich lebensbestimmenden Funktionen sein, die dann den Kern der Frage nach Leben ausmachen könnten. Die Folge ist eben nicht nur optisch und „Geschmackssache“: Eine Organimplementierung würde sich auf das Leben als solches bestimmend auswirken. Eine die Unantastbarkeit der Schöpfung und deren natürlichem Verlauf zustimmende Argumentation könnte Zweifel an einer grenzenlosen Lebensverlängerung erheben, da so schließlich der Schöpfungswille einer berechenbaren Endlichkeit des individuellen menschlichen Lebens 253 Deutsches Ärzteblatt (2012): Ärztliche Behandlungen ohne Krankheitsbezug unter besonderer Berücksichtigung der ästhetischen Chirurgie, Jg. 109, Heft 40, S. 4, online unter: www.aerzteblatt.de/download/files/2012/10/down27261786. pdf (19.9.2019). 151 Digitale Dimension der humanen Evolution technisch verändert werden würde. Entscheidend kann auch die Folgenabschätzung sein: Wie stark wirkt sich der Eingriff in die bisher naturgegebene Lebensdauer aus? Werden Lebenszyklen der Menschen über weit mehr als 100 Jahre erreicht, wenn die alternden oder verbrauchten Organe ausgetauscht werden? Die digitale Produktionsmöglichkeit könnte zu einer Kommerzialisierung führen, einer grenzenlosen Verfügbarkeit. Ein Austausch nicht nur einmal, sondern periodisch, was zu einer langen Lebenszeit führen könnte. Das klingt utopisch, ist aber im Bereich der erreichbaren Realisierung. Damit stellt sich die Frage der ethischen Würdigung unter den verschiedenen Gesichtspunkten der Gerechtigkeit, Balance der Gesellschaft bis hin zur möglichen Inflation des Werts menschlichen Lebens. Ohne Zweifel folgen aus der Utopie überlanger Lebenszeiten auch Fragen der sozialen Dimension. Wird die Bevölkerungsdichte durch eine solche Entwicklung noch beherrschbar sein? Die erwartete Weltbevölkerung von 10 Mrd. Menschen gilt bereits als Herausforderung. Welche Folgen entstehen durch eine regelhafte Lebenszeitverlängerung, bezogen auf die Weltbevölkerung? Steigt die Dauer des Altersruhestands oder wird eine enorm längere Arbeitszeit erforderlich? Wenn ja, zu wessen Lasten werden sich die Veränderungen auswirken? Wie kann eine Sozialversicherung konzipiert werden, wenn ein nennenswert höherer Anteil der Lebenszeit in den Ruhestand fällt. Bei einer regelhaften Lebenserwartung von 120 Jahren und einer beginnenden Rentenzeit bei 65 oder 70 Jahren wäre beinahe die Hälfte der gesamten Lebenszeit im Altersruhestand. Wer bezahlt dafür? Wie empfinden die Menschen die lange Zeit? Oder wird eine Regelarbeitszeit bis in das hohe Alter als neue Perspektive zu erwarten sein? Also die Rente mit 90. Was aber ist dann mit denjenigen, die nicht erfolgreich lebensverlängernd „restauriert“ werden konnten? Und können Körper und Geist trotz aller Organkosmetik dem Erwerbsdruck auch standhalten? Langer leben ja, aber länger voll leisten können? Viele offene Gedanken, die es sich aber lohnt, im Zuge eines Diskurses zur Überlegung einer neuen Kultur für Gesellschaft, Politik und Wirtschaft zu behandeln und vorausschauend zu deklinieren. Bei der Geschwindigkeit der Entwicklungen ist die prospektive Lösungsfindung verschiedenster Szenarien auch vor der Realisierung erforderlich. Selbst wenn die Szenarien nie eintreten werden, verlangt eben diese disruptive Geschwindigkeit den Mut und die Toleranz, utopische Ideen als po- 152 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft tenzielle Realitäten einzupreisen. Es bleiben immer gewisse offene Fragen, speziell im Kontext der Schöpfungsgeschichte und Entwicklung. 153 Gastbeitrag: Die medizinischen Aspekte der digitalen Dimension Gastbeitrag: Die medizinischen Aspekte der digitalen Dimension Axel Ekkernkamp Als im Spätherbst 2018 die Meldung von der Geburt der chinesischen Zwillingsmädchen Lulu und Nana weltweit in die Schlagzeilen rückte, ließen die Reaktionen nicht lange auf sich warten: Tabubruch, Ethik- GAU, Eingriff in die Schöpfung, unverantwortliche Menschenversuche – das und viel mehr warf man dem chinesischen Genforscher He Jiankui vor, nachdem er verkündet hatte, dass er an den Babys eine Genmanipulation vorgenommen habe. Mit der Crispr/Cas9-Methode, besser bekannt als Genschere, sei das Gen CCR5 ausgeschaltet worden. So soll verhindert werden, dass Aidserreger in die Zellen der Mädchen eindringen können, denn das Gen gilt als Eintrittstor für Viren vom Typ HIV 1 – der Vater der Zwillinge ist damit infiziert. Alles, was technisch möglich ist, wird auch gemacht, wenn es Menschen hilft – so sieht das der chinesische Wissenschaftler. Dass eine Genmanipulation an Embryonen letztendlich in die Evolution eingreift, scheint offenbar zweitrangig zu sein. Die immer wieder diskutierte Frage, gerade im medizinethischen Bereich, ob man alles machen kann, nur, weil es die Technik dazu gibt, hat Biophysiker He mit Fakten beantwortet, auch wenn es nach wie vor Zweifel gibt, ob diese Genmanipulation tatsächlich so stattgefunden hat, wie von ihm per YouTube-Video verkündet. Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert – darf dieses Paradigma in einer Welt 4.0 auch für die Medizin gelten, gerade vor dem Kontext ethischer Verantwortung? Was kann, was darf die Medizin der Zukunft leisten? Wo sind die Grenzen? Ist technischer Fortschritt wirklich verpflichtend und in allen Bereichen unseres Lebens unaufhaltsam? Fragen, die uns zunehmend beschäftigen werden, insbesondere angesichts der Entwicklungen im Bereich künstlicher Intelligenz (KI). Allein die Flut von Publikationen im medizinischen Bereich, die nahezu ungeahnte Ausmaße angenommen hat: Weltweit werden täglich rund 6 000 medizinische Artikel veröffentlicht. Kein Arzt kann da den Überblick behalten. Datenbanken mit intelligenten Algorithmen dagegen können automatisch Zusammenfassungen erstellen und für jedes Krankheitsbild wiederum automatisch die relevantesten Artikel anzeigen. Für Ärzte stellt das eine fantastische datengestützte Entscheidungshilfe dar. 154 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft Die Leistungen in der Diagnostik sind enorm: Bestimmte radiologische Befunde lassen sich schon heute schneller und treffsicherer vom Computer ermitteln als vom Menschen. KI kann Ärzten helfen, schwarzen Hautkrebs zu erkennen. So war ein trainiertes, selbstlernendes Computerprogramm irgendwann besser, bösartige Melanome von gutartigen Muttermalen zu unterscheiden, als Hautärzte. „In der Radiologie erleben wir derzeit eine mathematische Revolution, die schneller und tiefgreifender ist als alle Umbrüche zuvor“, bemerkte Anfang 2019 Stefan Schönberg, Präsident der Deutschen Röntgengesellschaft, gegenüber dem Wirtschaftsmagazin „Bilanz“. Wissenschaftler aus China und den USA entwickelten ein System, das u. a. anhand von elektronischen Gesundheitsakten zuverlässiger feststellt, was jungen Patienten fehlte als – relativ unterfahrene – Kinderärzte. Lernende Roboter können bestimmte Routineverfahren im Rahmen von Operationen besser durchführen als ein Mensch, der müde werden kann und menschlichen Stimmungen und Fehlern unterliegt. Roboter werden dank KI-Entwicklungen eine wichtige Rolle in der Pflege und bei der Übernahme von Rehabilitationsanwendungen spielen. „Das deutsche Gesundheitssystem kann enorm von dem Einsatz künstlicher Intelligenz profitieren“, konstatierte unlängst der KI Bundesverband e. V. in einem veröffentlichten Maßnahmenkatalog. Und es ist ja auch ein Fakt: KI ist im Gesundheitsbereich schon heute tatsächlich eine große Hilfe: Gesundheitsdaten werden verarbeitet, um Diagnosen zu verbessern und Ärzten zu helfen, bessere Entscheidungen für ihre Patienten zu treffen. So arbeiten Forscher der Berliner Charité an einem Algorithmus, der bei dem Patienten individuell vorgibt, ob die Therapie eines Schlaganfalls noch sinnvoll ist oder nicht. Die endgültige Entscheidung trifft der Arzt, nicht die Maschine. Aber wer sagt, dass das immer so sein muss? Wenn der selbst lernende, sich immer weiter verbessernde „Dr. KI“ seine Diagnosen und Therapien so gut erstellt, dass der Arzt – zumindest bei Routinebehandlungen – überflüssig wird? Eine verlockende Perspektive. Das spart Geld und erhöht mutmaßlich die Qualität, weil das richtig gefütterte Computerprogramm keine Fehler macht. Aber genau da liegt die Gefahr: Die Daten landen in einer Blackbox und wenn der daraus entwickelte Algorithmus eben nicht ganz perfekt ist, sind auch die Ergebnisse möglicherweise nicht ganz perfekt. Deshalb ist es vermutlich auch für die Zukunft die beste Lösung, wenn Kollege „Dr. KI“ zuarbeitet, die endgültige Entscheidung aber immer noch von Ärzten aus 155 Gastbeitrag: Die medizinischen Aspekte der digitalen Dimension Fleisch und Blut getroffen wird. Der KI Bundesverband fordert, auch das wird für die zukünftige Entwicklung entscheidend sein, die Vorgabe und Festlegung von verbindlichen Standards für die Dokumentation und Weiterverarbeitung von Daten. Schlagwörter sind für den Verband Interoperabilität, Kooperation und Qualitätskontrolle. Künstliche Intelligenz, da sind sich viele Experten einig, sollte vordringlich dort eingesetzt werden, wo sie nachweisbar großes Potenzial hat, die Medizin grundlegend voranzubringen. So machen es KI und Big Data möglich, schwere Krankheiten, insbesondere bei einigen Krebsarten, dank sogenannter Präzisionsmedizin deutlich wirksamer als heute zu bekämpfen, weil die genetischen Codes und die Rezeptoren bestimmt werden können. Bei Leukämie im Kindesalter gibt es dort schon Erfolge. Was aber, wenn ein Patient darauf besteht, dass sein genetischer Code tabu ist und nicht ermittelt werden soll? Ärzte müssen diese Entscheidung respektieren – auch wenn der Patient damit mutmaßlich ganz bewusst ein Mehr an Lebensqualität und Langlebigkeit ablehnt. KI-Medizin darf bei alledem keine Zweiklassenmedizin werden: digitale Errungenschaften müssen letztendlich allen Behandlungsbedürftigen zur Verfügung stehen und nicht nur einer kleinen Gruppe, die sich eine solche, anfangs sicherlich kostenintensive, Behandlung leisten kann Große Datenmengen, verknüpft mit den passenden Algorithmen, lassen sich in Zukunft immer besser einsetzen, um die Gesundheitsprognose eines Patienten zu ermitteln: Wie groß ist die Gefahr, dass er an einer chronischen Krankheit leiden wird oder eine bestimmte Krebsart in wenigen Jahren zum Ausbruch kommt? Was, wenn Versicherungen an diese Daten kommen? Kann er dann noch eine Lebensversicherung oder eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen? Und muss der Arzt über Krankheiten informieren, für die es bislang keine Heilung gibt, oder gilt das Recht des Nichtwissens? Da stoßen ethische Überlegungen schnell an ihre Grenzen. Künstliche Intelligenz und Roboter – immer wieder wird die Frage aufgeworfen, ob diese selbstlernenden Systeme es schaffen, eines Tages dem Menschen gleichzukommen oder ihn sogar zu ersetzen. „Maschinen sind schneller, stärker und bald klüger als wir“254, sagte schon 2015 254 Oskar Piegsa (2015): Künstliche Intelligenz. “Maschinen sind schneller, stärker und bald klüger als wir“, online unter: www.zeit.de/campus/2015/03/kuenstli 156 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft Nick Bostrom, Direktor des Institute for the Future of Humanity der University of Oxford. Es muss ja nicht so weit kommen wie im „Terminator“- Film, wo im Roboternetzwerk Skynet intelligente Maschinen letztendlich die Menschheit auslöschen, aber, so ergab eine Studie von Bostrom, es gibt durchaus ernstzunehmende Wissenschaftler, die davon ausgehen, dass bis 2075 eine KI erreicht wird, die menschliches Niveau hat. „Das könnte das Ende der Menschheit bedeuten.“255 Entwarnung kommt von Sami Haddadin, einem der weltweit führenden Robotikexperten und Direktor der Munich School of Robotics and Machine Intelligence der TU München sowie Inhaber des Lehrstuhls für Robotik und Systemintelligenz, der sich seit vielen Jahren mit der Schnittstelle Mensch-Maschine auseinandersetzt. Er hält den Menschen für einzigartig in seinen Fähigkeiten: Roboter würden trotz einer sich immer weiterentwickelnden KI immer nur ein Werkzeug, wenn auch ein lernfähiges, bleiben, und kollaborativ arbeiten. Die Kunst der künstlichen Intelligenz besteht für ihn darin, Robotern beizubringen, zu sehen, zu greifen und umzusetzen. Er nennt das deshalb auch physische Intelligenz. Die Medizin der Zukunft wird auch bestimmt werden von der Schaffung künstlicher Organe. Mit 3-D-Druck (und sogar schon 4-D-Verfahren) werden sich immer mehr Bauteile des menschlichen Körpers herstellen lassen. So gibt es schon jetzt angepasste Implantate: Schwere Verletzungen im Gesicht können durch digitale Diagnostik, Aufbereitung von Modellen und die Herstellung von individuell gefertigten Implantaten versorgt werden. Ein Schritt weiter geht es mit dem sogenannten Bioprinting: Es erlaubt schon jetzt, Ohrmuscheln, Herzklappen oder Haut zu produzieren, eines Tages sollen es dann Niere, Leber und Herz sein. Zu den weltweit führenden Forschern auf diesem Gebiet gilt Anthony Atala, Professor und Direktor des Wake Forest Institute for Regenerative Medicine in North Carolina (USA). Andere Forscher setzen auf Bioengineering: Organe werden dezellularisiert, eine Spüllösung entfernt u. a. Lipide, DNA, lösliche Proteine. Übrig bleibt eine extrazelluläre Matrix, die das Organ zusammenhält. Um diese Matrix wieder neu aufzubauen, werden u. a. pluripotente Stammzellen induziert. che-intelligenz-roboter-computer-menschheit-superintelligenz/komplettansicht (27.9.2019). 255 Ebd. 157 Gastbeitrag: Die medizinischen Aspekte der digitalen Dimension Noch sind das alles Versuche, die Technik ist längst nicht einsatzbereit. Was aber, wenn sich künstliche Organe wie am Fließband herstellen oder sich nahezu uneingeschränkt reproduzieren lassen? Lässt sich damit Leben nahezu beliebig verlängern? Ein Leben aus dem Ersatzteillager: Wollen wir das wirklich? Dürfen wir das? Schon heute werden die Menschen dank Hightech-Medizin deutlich älter als die Generation zuvor. Und schon heute muss sich die Medizin zu Recht die Frage gefallen lassen, ob dieses, unter extremem Einsatz von Ressourcen, verlängerte Leben überhaupt noch lebenswert ist. Aber die Entwicklung geht schier unaufhaltsam weiter: Forscher experimentieren schon lange mit dem Enzym Telomerase, das beim Alterungsprozess des Menschen eine wichtige Rolle spielt. Eine Pille soll diesen Prozess zumindest deutlich verlangsamen. Würde es uns wundern, wenn es Forscher gäbe, die darauf hinarbeiteten, den Prozess gänzlich aufzuhalten? Auch das wäre ein elementarer Eingriff in die Schöpfung. Ray Kurzweil, der US-amerikanische Zukunftsforscher, Erfinder, Vordenker und Wegbereiter der Transhumansimus-Idee, sieht darin kein Problem. Der 70-Jährige nimmt nach eigenen Angaben täglich 150 bis 250 Tabletten mit Vitaminen, Mineralien und anderen Inhaltsstoffen zu sich. Er setzt auf eine Biotechnologie, die es schon in wenigen Jahren erlaubt, dass Menschen ihre Gene optimieren und reparieren können. Die nächste Entwicklungsstufe sei dann, dass winzige Roboter, sogenannte Nanobots, in menschlichen Körpern eingesetzt werden und alte oder defekte Zellen austauschen. Bis etwa zum Jahr 2045 sei man so weit, dann gehöre das Altern der Vergangenheit an, der Mensch werde unsterblich.256 Zukunftsphantastereien? Möglicherweise. Aber wer hätte vor einigen Jahren gedacht, dass es einmal etwas wie die Crispr-Genschere geben würde? Und trotz einiger ethischen Bedenken: Es ist ja nicht so, dass sie per se die Grenzen des ethisch Vertretbaren durchtrennt. Forscher hoffen, mit Hilfe dieser Technik eines Tages menschliche Gendefekte reparieren und damit Erbkrankheiten wie etwa Mukoviszidose oder Sichelzellenanämie verhindern zu können. Es ist eine eigentlich sichere Form der Gentherapie, wenn sie direkt am Patienten durchgeführt wird. Und dank KI-Anwendungen arbeitet die Hochpräzisionsschere immer genauer. 256 Vgl. Buchter/Straßmann: Die Unsterblichen. 158 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft Wir müssen für unser Gesundheitssystem immer wieder exakt definieren, welche Technologien wir im Interesse der Wissenschaft und des Patienten tatsächlich einsetzen wollen. Eigentlich ist es ganz einfach: solche, die für den Menschen am besten sind. Aber genau deshalb ist die Genmanipulation bei den chinesischen Zwillingen nicht das, was wir wollen und verantworten können. Abgesehen davon, dass bei einem der Mädchen nicht alle Zellen das veränderte Gen tragen und sie deshalb nicht vollständig vor HIV geschützt ist: Der Eingriff mit der Genschere kann bei aller Präzision mit gefährlichen Nebenwirkungen verbunden sein. Dazu gehört das erhöhte Krebsrisiko: bei den Mädchen – und seinen Nachfahren. 159 Literaturverzeichnis Literaturverzeichnis Accenture (2017): Deutschlands Top 500. 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Er war Journalist in Funk und Fernsehen und hat viele Jahre Erfahrung als Medienunternehmer. International ist er Mitglied des Vorstands des Senate of Economy Europe und zudem seit mehr als 30 Jahren in verschiedenen Funktionen auf Landes- und Bundesebene in der Politik aktiv tätig. Prof. Dr. Volker Kronenberg Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn Volker Kronenberg ist Dekan der Philosophischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und lehrt Politische Wissenschaft am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Universität sowie an der Hochschule Bonn- Rhein-Sieg. Seine Publikationen widmen sich unter anderem dem politischen System, der politischen Kultur und der Demokratie- und Parteienforschung. Lenno Götze, M.A. Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn Als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand bei Volker Kronenberg promoviert Lenno Götze im Bereich der Digitalisierung und unterstützt verschiedene Forschungsprojekte des Instituts für Politische Wissenschaft und Soziologie der Rheinischen Friedrich- Wilhelms-Universität Bonn. 179 (Gast-)Autoren GASTAUTOREN Karl Heinz Land neuland GmbH & Co. KG Als Digital Evangelist ist Karl Heinz Land Insider der digitalen Transformation. Sein Herzensthema erlebt und gestaltet er seit über 35 Jahren, unter anderem in Führungspositionen bei international operierenden Unternehmen wie Oracle, BusinessObjects (SAP) und Microstrategy. Mit neuland hat er 2014 eine Digital- und Strategieberatung ins Leben gerufen, die laut Ranking der Zeitschrift „brandeins“ wiederholt zu den besten Deutschlands zählt. Prof. Dr. med. Axel Ekkernkamp Universität Greifswald Seit 1997 ist Axel Ekkernkamp ärztlicher Direktor und Geschäftsführer des Unfallkrankenhauses Berlin, eines der modernsten Krankenhäuser in Europa. Er ist Professor für Unfallchirurgie an der Universität Greifswald und der Thái Binh Universität (Vietnam), Oberstarzt der Reserve, Gründungsmitglied der Initiative Qualitätsmedizin, Vorstandsmitglied der Berliner CDU und Buchautor.

Zusammenfassung

Die unterschiedlichen Facetten der digitalen Zukunft zu beleuchten – sei es die aktive Gestaltungsaufgabe der Politik, die ethischen und moralischen Anpassungen durch Digitalisierung in der Gesellschaft oder die technische und wirtschaftliche Verantwortung – und in Bezug zueinander zu setzen, ist Aufgabe und Ziel dieser Publikation. Im Zuge der digitalen Transformation ist zudem der Ruf nach einer neuen Kultur für Gesellschaft, Politik und Wirtschaft geboten. Eine solche unterscheidet sich eben im Grunde von Einzelfallbetrachtungen und schafft einen konsensualen Gesamtrahmen, der als richtungsweisend und damit auch als Sicherheit gebende Linie durchdacht werden kann. Das Vorwort und die Conclusio der Autoren sind zu Beginn der Publikation lokalisiert, die unterschiedlichen Betrachtungs- und Herangehensweisen an die benannten thematischen Schwerpunkte finden in den darauffolgenden drei Teilen statt – mit jeweils individueller Schwerpunktsetzung. Mit Beiträgen von Dr. Christoph Brüssel, Lenno Götze, Ulrich Kelber, MdB, Dieter Härthe, Karl Heinz Land, Prof. Dr. med. Ekkernkamp

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Zusammenfassung

Die unterschiedlichen Facetten der digitalen Zukunft zu beleuchten – sei es die aktive Gestaltungsaufgabe der Politik, die ethischen und moralischen Anpassungen durch Digitalisierung in der Gesellschaft oder die technische und wirtschaftliche Verantwortung – und in Bezug zueinander zu setzen, ist Aufgabe und Ziel dieser Publikation. Im Zuge der digitalen Transformation ist zudem der Ruf nach einer neuen Kultur für Gesellschaft, Politik und Wirtschaft geboten. Eine solche unterscheidet sich eben im Grunde von Einzelfallbetrachtungen und schafft einen konsensualen Gesamtrahmen, der als richtungsweisend und damit auch als Sicherheit gebende Linie durchdacht werden kann. Das Vorwort und die Conclusio der Autoren sind zu Beginn der Publikation lokalisiert, die unterschiedlichen Betrachtungs- und Herangehensweisen an die benannten thematischen Schwerpunkte finden in den darauffolgenden drei Teilen statt – mit jeweils individueller Schwerpunktsetzung. Mit Beiträgen von Dr. Christoph Brüssel, Lenno Götze, Ulrich Kelber, MdB, Dieter Härthe, Karl Heinz Land, Prof. Dr. med. Ekkernkamp