Christoph Brüssel, Kapitel III in:

Christoph Brüssel, Volker Kronenberg, Lenno Götze

Digitale Zukunft und neue Kultur, page 143 - 158

Wirkung auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4402-5, ISBN online: 978-3-8288-7397-1, https://doi.org/10.5771/9783828873971-143

Tectum, Baden-Baden
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143 Kapitel III Christoph Brüssel Das ewige Leben auf Erden – digitale Dimension der humanen Evolution Vorausgesetzt wird die Erkenntnis, dass es über die digitalen Rechenleistungen der Wissenschaft gelungen ist, weite Teile des genetischen Codes zu entschlüsseln. Es ist zu erwarten, dass eine vollständige Entschlüsselung in einem überschaubaren Zeitraum erfolgen wird. Mit einer solchen Kenntnis lassen sich lebensfähige Materien erschaffen, die voraussichtlich alle erforderlichen Eigenschaften in sich tragen, die das Leben zu eigenständigem Funktionieren braucht. Es stellt sich folglich die Frage, ob durch menschliche Bestimmung, alternativ zu naturgegebenen Dispositionen, also unbeeinflusst biochemisch, physiologisch disponiert, die geplante Schaffung von lebensfähigen Organismen möglich und ethisch vertretbar sein kann. Bekannt ist die seit Jahrzehnten ausgeübte Beeinflussung oder Stimulation bei der Initialisierung von biologischen Entwicklungsprozessen, die dann den gewünschten Verlauf nehmen, jedoch in der Wachstums- und Entwicklungsphase den unbeeinflussten chemischen und physiologischen Prozessen folgen. Denkbar erscheint ein zukünftiges Verfahren, in dem auf der Basis des genetischen Codes Organe definitiv künstlich erschaffen werden. Dazu werden sicher Humanstoffe wie Gewebe genutzt werden. Letztlich sollen jedoch solche Organe aus 3-D-Druckern zu generieren sein.245 Das 245 Vgl. Susanne Kutter (2012): Künstliche Organe. Herz und Niere aus dem Drucker, online unter: www.wiwo.de/technologie/forschung/kuenstliche-organedrucken-statt-zuechten/6845700-2.html (19.9.2019). 144 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft hat eine erkennbar große Bedeutung in verschiedener Hinsicht. Zunächst bietet die Digitalisierung ungeahnte Möglichkeiten zur Rettung von Leben, zur qualitativen Verbesserung von Leben und zur Weiterentwicklung medizinischer Chancen im kurativen Bereich. Bestehende Probleme der mangelnden Organspenden sind zu revolutionieren. Eine perspektivische Erweiterung medizinischer Heilung ist kaum abzuschätzen. Der Forschung werden komplett neue Dimensionen offenstehen. Mediziner sehen allerdings noch nicht entdeckte Barrieren, da von einer unbekannten Kommunikation zwischen den Organen eines Körpers gesprochen wird, die noch nicht in ihrer Funktionsweise erkannt wurde. Zumindest die Organspenden zeigen eine lebensrettende und auch langzeitig lebensfähige Arbeitsfähigkeit. Diese Erfahrung wird mit den digital hergestellten Präparaten vergleichbar sein. Jedenfalls wird diese Vermutung hier unterstellt. Zugleich erwachsen offene Flanken der ethischen Betrachtungsebene. Die Schaffung von Leben gilt als eine hohe Hürde der Ethiker, da der Eingriff in die Schöpfungsphilosophie unweigerlich ist. Es werden Grundfesten angegriffen, die von unterschiedlichen Betrachtungswinkeln als unumstößlich bewahrt werden sollen. Ideologische, religiöse und ethnische Prinzipien und Dogmen werden tangiert. Diesen Diskurs auf eine bloße Beharrung, auf festgeschriebene Regeln zu reduzieren, erscheint als wenig hilfreich und ungerecht. Die Öffnung der Disposition über Leben ist eine gefährliche Weiche, die zu stellen außerordentliche Aufmerksamkeit erfordert. Zu risikoreich erscheinen die Konsequenzen bei einer unachtsamen Liberalisierung. Die Entscheidung über Leben darf zum Schutz bestehenden Lebens oder auch aller Formen nicht „perfekt“ wirkender Lebewesen nicht einer relativen Entscheidungsebene preisgegeben werden. So ergeben sich die Ausgangspunkte der Betrachtung, die je nach Grundeinstellung sehr unterschiedlich sein können. Eben diese Argumentationsebene ist der dauernde Streitpunkt bei vergleichbaren Fragestellungen wie Sterbehilfe oder Abtreibungsindizierung. Die Definition des eigenständigen Lebens und dessen Unantastbarkeit wird unterschiedlich bewertet.246 246 Vgl. Council for Biotechnology Policy, USA (2003): The Sanctity of Life in a Brave New World. A Manifesto on Biotechnology and Human Dignity, online unter: www.kritischebioethik.de/us-manifest-english.pdf (19.9.2019). 145 Digitale Dimension der humanen Evolution Es stellt sich immer wieder die Frage, wann Leben beginnt. Kompromisslos ist die Position der ersten eigenständigen Zellteilung, also am ultimativen Beginn der Entwicklung. Solche Positionen basieren darauf, dass keine Entscheidungsfreiheit zugelassen wird, also somit auch nicht die Relativierung von Leben nach qualitativen oder anderen individuellen Kriterien. So ist der absolute Schutz des Lebens und seiner Eigenständigkeit disponiert.247 Mit dieser Argumentationslinie werden bereits seit vielen Jahren offene Fragen bei den von Menschenhand generierten Embryonen diskutiert und haben noch keine einheitliche Antwort gefunden. In der Konsequenz ist diese Erörterung auch nicht trivial, da bereits in der Praxis der künstlichen Befruchtung die beteiligten und handelnden Personen über die Wertigkeit des Lebens nach eigenen, relativen Kriterien entscheiden können und so Leben gewähren oder nicht. Der Eingriff in die von Menschenhand unbeeinflusste Schöpfung ist eindeutig gegeben. Die künstliche Schaffung von lebensfähigen Organen, die Leben erhalten können, allerdings auch Leben gestalten könnten, werden in vergleichbarer Kausalkette zu betrachten sein. Auch solche könnten als Eingriff in die Schöpfung mit individueller Entscheidungsgewalt zu bewerten sein. Es ist in diesem Kontext zu beurteilen, ob solche Eingriffe richtig, zulässig oder, gerade im Sinne einer sich weiterentwickelnden Schöpfung, ein naturgewollter, evolutionärer Schritt sein könnten. Der konventionelle medizinische Fortschritt, der in vielen Bereichen Leben erhält und verlängern kann, ist ja bereits als ein Eingriff in den Lebensverlauf zu bewerten. Hier wird nicht nur an menschliches Leben gedacht, was emotional möglicherweise im Mittelpunkt steht, jedoch ethisch nicht alleine als schutzbedürftig gelten sollte. Im Weiteren wird dies nicht er- örtert, soll jedoch immer als Prämisse angenommen werden. Die enormen Chancen einer digital herstellbaren oder genetisch ver- änderbaren organischen Struktur muss diskursiv mit den entstehenden Risikopotenzialen gespiegelt werden. Dabei ist es erforderlich, die grenzenlosen Perspektiven der Entwicklung digitaler Kreativität einzubeziehen. Wenn auch die konkreten Erwartungen nicht zu betrachten sein werden, da diese gegenwärtig ja nicht konkret erfassbar sind, so ist von 247 Vgl. Jörg Hübner (Hrsg.) (2016): Theologische Sozialethik als Anleitung zur eigenständigen Urteilsbildung, Stuttgart, S.88 ff. 146 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft einer offenen Entwicklungsskala auszugehen. Solche Überlegungen werden immer Utopien in sich bergen. Solche sind als Äquivalent zu den Forschungsergebnissen und weitergehenden Zielen der Forschung digitaler biochemischer Prozesse zu bewerten. Gelingen die Herstellung und die Transplantation digital erschaffener Organe, ist eine große Hilfe für erkrankte Menschen denkbar. Ein enormes Problem vieler Krankheiten könnte so schnelle Lösungen finden. Krankheiten oder Unfallfolgen, die ausschließlich durch den Ersatz von Organen lebenserhaltend behandelt werden können haben eine deutliche Unterversorgung, da zu wenige Spenderorgane zur Verfügung stehen. Im Jahr 2018 wurden 10 000 Empfänger-Patienten auf der Spenderliste geführt. Transplantiert wurden im gleichen Zeitraum lediglich rund 2 400 Organe.248 Die Herstellung solcher Organe durch technische Möglichkeiten kann folglich tausendfach Leben retten. Er ist aber ein Eingriff in die Natur. Letztlich jedoch nicht anders zu bewerten, als der Ersatz eines mechanischen Körperteils wie Knochen oder Gelenke. Bei einem künstlichen Hüftgelenk ist die ethische Diskussion kaum bezüglich der Tatsache selbst, bestenfalls im Kontext einer „Altersgrenze“ relevant geworden.249 Die ethische Bewertung der Organtransplantation durch die Kirchen ist eindeutig.250 Während zum Beginn der erfolgreichen Transplantationen in den 1950er Jahren die katholische Kirche sich gegen die Spenden von Organen wehrte, wird aktuell eine solche als Akt der Nächstenliebe verstanden.251 Ethisch wird die Grenze gezogen, dass es nicht ver- 248 Vgl. Deutsche Stiftung Organtransplantationen (o. J.): Statistik Organspende, online unter: www.dso.de/organspende/statistiken-berichte/organspende (19.9.2019). Vgl. Ulrike von Leszczynski (2018): Warum es so wenige Organspenden gibt, online unter: www.welt.de/gesundheit/article172460613/Transplantationen- Warum-es-so-wenige-Organspenden-gibt.html (19.9.2019). 249 Vgl. Dorothea Ranft (2017): Neues Hüftgelenk im hohen Alter en vogue, online unter: www.medical-tribune.ch/allgemeinmedizin/fokus-medizin/artikeldetail/ neues-hueftgelenk-im-hohen-alter-en-vogue.html (19.9.2019). 250 Vgl. Eduard Kopp (2012): Religion für Einsteiger: Was sagen die Kirchen zur Organspende, online unter: https://chrismon.evangelisch.de/artikel/2012/wassagen-die-kirchen-zur-organspende-13485 (19.9.2019). 251 Vgl. Vatican News (2018): Papst Franziskus informiert sich über Organspenden, online unter: www.vaticannews.va/de/papst/news/2018-10/papst-franziskusorganspenden-transplantation-delmonico.html (19.9.2019). 147 Digitale Dimension der humanen Evolution tretbar sein kann, wenn finanzielle Entschädigungen für Organe, speziell bei lebenden Spendern, zum Beweggrund werden. Es dürfen nicht wohlhabende Menschen den weniger bemittelten Menschen Organe abkaufen. Künstliche Humanpräparate zur Lebensverlängerung Ein Unterschied allerdings wäre gegeben, wenn regelmäßig digital geschaffene Organe aus Altersgründen gegen die von Geburt an gewachsenen ausgetauscht würden. Vorstellbar ist, dass es sich nicht nur um einzelne verletzte oder kranke Organe, sondern eventuell um alle dem natürlichen oder stressbedingten Verschleiß unterliegenden Körperteile handelt. So könnte der menschliche Körper zu einem lebenden Ersatzteillager werden. Als Konsequenz würde eine wesentlich längere Lebenszeit möglich, die vielleicht über mehrere Generationen hinweg ausgedehnt werden könnte. Der älter werdende Mensch findet sein Lebensende durch Krankheiten, also schwächer funktionierende Organe oder durch plötzlich versagende Organe, oft Multiorganversagen. Könnten die entsprechenden Organe bei eintretender Schwäche ersetzt werden und mit frischer Kraft den Gesamtorganismus unterstützen, wäre der Prozess praktisch aufzuhalten. Dies gilt dann ja möglicherweise auch für alle lebensnotwendigen Funktionen. Bislang eine undenkbare Option, da schlicht solche Organe nicht zur Verfügung stehen. Selbst die Spenderorgane sind ja auch regelmäßig über lange Jahre gebraucht. Zudem könnten neu hergestellte Humanorgane beliebig reproduziert werden – vorausgesetzt, diese sind geeignet, vom Organismus angenommen zu werden und ersetzten tatsächlich die erforderliche Funktion. Die hohe ethische Schwelle bei der Entscheidung, solche Produkte als heilendes Instrument oder als Ersatzorgan einzusetzen, wird unter differenzierten Paradigmen zu erörtern sein. Zunächst ist festzustellen, dass eine solche künstliche Produktion kein Risiko des Ungleichgewichts zwischen Spendern und Empfängern darstellen sollte. Da die Organe mittels digitaler und biomechanischer Instrumente hergestellt werden, ist die Entnahme bei anderen Menschen, postmortal oder als Lebendspende, nicht erforderlich. Eine Abwägung der Ungleichheitsfrage oder eines Gebens und Nehmens aus merkantiler Motivation entfällt bei dieser Perspektive. 148 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft Es ist sicher die Frage einer allgemeinen Kosten- und Zu gangs perspek ti ve zu erörtern. Unter moralisch ethischen Gesichtspunkten ist eine Lebensrettung oder Heilung, die ausschließlich Wohlhabenden zugänglich wäre, kritisch zu diskutieren. Allerdings dürfte die ungeklärte Frage der ethischen Verantwortung die grundsätzliche Möglichkeit einer solcher technologischen Entwicklung und Nutzung nicht grundsätzlich und final verwerfen. Die finanziell bedingten Hemmnisse und Ungleichheiten könnten wirksam ausgeglichen werden, was dann wiederum zum Wegfall der Ethikbarriere in diesem Punkt führen würde. Zu regulieren wäre allenfalls die Zugangsmöglichkeit für jedermann, ohne Ansehen der Person, Herkunft und Vermögensmittel. Weiter zu beleuchten ist die Frage der Anwendungskonsequenzen. Würde eine präventive Lebensverlängerung zu einer medizinischen Disziplin werden, so wäre die Kostendimension und die daraus zu befürchtende Ungleichheit erneut eine zu klärende Frage. Haben reiche Menschen die Möglichkeit, ein langes Leben zu erkaufen? Oder unter Gesichtspunkten der auf Solidargemeinschaft beruhenden Sozial- und Gesundheitssysteme: Wäre die Chancengleichheit mit neuen Perspektiven, Herausforderungen oder Interpretationen belastet? Dennoch wird diese Frage hier nicht in den Fokus gestellt. Erörtert wird, welche Anwendungsfolgen jenseits dieser Ungerechtigkeitsfront entstehen. Kann es Lebensverlängerung über ganz lange Zeiträume geben? Würden Menschen mit „Ersatzteilen“ in der Lage sein, Jahrhunderte zu überleben? Ist das ein ethisch bedenklicher Eingriff in die naturgegebene Bestimmung des menschlichen Lebens? „Du sollst nicht töten“ ist als theologisches Glaubensgebot allgemein Konsens. Hat die Frage „Du sollst nicht ewiges Leben schaffen“ eine vergleichbare Relevanz? Die hier aufgerufene Dimension unterscheidet sich von den bekannten Versuchen, über Genmanipulation tierische oder menschliche Klone zu schaffen. Bei unserer Erörterung hier geht es nicht um die transhumane Erschaffung von Lebewesen oder die Kopie bestehender Lebewesen. Thema hier ist ein selbstständig lebender Mensch, der durch künstlich geschaffene biochemische Elemente, also die Organe, in seinem Gesamtorganismus nicht nur regeneriert, sondern „restauriert“ wird. Die individualistische Person in ihrer individuellen Ausprägung und mit allen personalen Rechten und Eigenarten lebt fort, allerdings wird der naturgegebenen Ausrichtung auf ein offenbar durch die Schöpfung vor- 149 Digitale Dimension der humanen Evolution gegebenes Ende des personalen Lebens technologisch eine auf Dauer angelegte Verlängerung gegeben. Von der Heilung zur präventiven Lebensverlängerung Bislang kennen wir die lebensverlängernden Maßnahmen der Medizin, die in einzelnen Notfällen oder schweren Krankheiten eingreift. Auch das ist lebensverlängernd. Es wird konsensual begrüßt und gewünscht. Der krankheitsbedingte Ersatz von Organen, die digital erschaffen werden, wird ohne Zweifel mit der Organspende kongruent bewertet werden. Die bestmöglichen Behandlungen von Krankheiten und Unfällen durch die Medizin sind gewünscht. Betroffene Patienten ebenso wie die Angehörigen, wünschen sich eine möglichst gute und dauerhafte Heilung. Die Organtransplantation gehört zur Heilung. Das wird bei künstlichen Organen ebenso gelten. Die Erhaltung des Lebens ist oberstes Gebot, wenn durch Krankheit der Körper angegriffen ist. Dabei sieht es auch die Medizin als geboten an, wenn das Alter oder der Allgemeinzustand es ergeben, ein würdevolles Ende zu ermöglichen und auch hinzunehmen. Bereits aus den hippokratischen Schriften lässt sich die Forderung, der Arzt solle auch unheilbare Krankheiten behandeln, ableiten und seit dem Spätmittelalter wurde es zum Aufgabenbereich von Ärzten gehörig angesehen, ihren schwerkranken und sterbenden Patienten, welche keine Aussicht auf Heilung mehr hatten, eine Behandlung und Betreuung zukommen zu lassen. Dabei wird die würdige Begleitung in den bevorstehenden und akzeptierten Tod beschrieben.252 Daraus kann geschlossen werden, dass ein Lebensende trotz aller medizinischer Möglichkeiten, einschließlich der Transplantationsmedizin, immer zur Ethik der Medizin gehört. Präventive Ersetzung von Organen für ein ewiges Leben Welche Betrachtungen ergeben sich bei der präventiven Ersetzung von nicht kranken, aber altersmüden Organen zur Auffrischung oder mög- 252 Vgl. Michael Stolberg (2012): Die Geschichte der Palliativmedizin. Medizinische Sterbebegleitung von 1500 bis heute, Frankfurt am Main, S. 9 f. und 21 f. 150 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft lich in Zukunft routinemäßigen Auswechslung? Während es sich bei dem durch Notfall oder Krankheit indizierten Austausch von Organen um die konkrete Behebung eines Schadens zur direkten Lebensrettung handelt, könnte eine präventive Organersetzung ohne Krankheitsindizierung dem individuellen Wunsch auf ein ewiges Leben entsprechen. Sicher sind hier auch Vergleiche zur kosmetischen Chirurgie angebracht. Eine solche, nicht durch medizinische Indikation gebotene Behandlung ist fortwährend in der Diskussion bei der Ärzteschaft. So hat die Ethikkommission der Bundesärztekammer bereits im Jahr 2000 grundsätzlich Stellung bezogen: „Ärztliche Behandlungen ohne Krankheitsbezug sind aus arztethischer Sicht nicht prinzipiell verwerflich.“ Allerdings nennt die Kommission Bedingungen: So darf Kommerz nicht im Vordergrund stehen, zudem muss der Arzt selbstverständlich das, was er tun will, auch beherrschen. Der Patient müsse „darauf vertrauen können, dass die Motive des Arztes weiterhin primär auf das Patientenwohl und die Achtung des Patientenwillens gerichtet sind“.253 Also kann zunächst nicht über eine der Ärzteethik zuwiderlaufende Praxis argumentiert werden, betrachtet man die präventive Organersetzung. Zumindest müsste die Form der medizinischen Handlung dann anders bewertet werden als die kosmetischen Eingriffe. Das könnte der Fall sein, wenn ein Gegensatz zu den rein verschönernden Eingriffen erkannt wird. Die Organe haben schließlich nicht alleine optische oder substituierende Funktionen. Es ist denkbar, dass die zentral lebenserhaltende Funktion bestimmter Organe durchaus auch zu einer anderen Ethikbewertung führen könnte. Grund dafür könnten die wesentlich lebensbestimmenden Funktionen sein, die dann den Kern der Frage nach Leben ausmachen könnten. Die Folge ist eben nicht nur optisch und „Geschmackssache“: Eine Organimplementierung würde sich auf das Leben als solches bestimmend auswirken. Eine die Unantastbarkeit der Schöpfung und deren natürlichem Verlauf zustimmende Argumentation könnte Zweifel an einer grenzenlosen Lebensverlängerung erheben, da so schließlich der Schöpfungswille einer berechenbaren Endlichkeit des individuellen menschlichen Lebens 253 Deutsches Ärzteblatt (2012): Ärztliche Behandlungen ohne Krankheitsbezug unter besonderer Berücksichtigung der ästhetischen Chirurgie, Jg. 109, Heft 40, S. 4, online unter: www.aerzteblatt.de/download/files/2012/10/down27261786. pdf (19.9.2019). 151 Digitale Dimension der humanen Evolution technisch verändert werden würde. Entscheidend kann auch die Folgenabschätzung sein: Wie stark wirkt sich der Eingriff in die bisher naturgegebene Lebensdauer aus? Werden Lebenszyklen der Menschen über weit mehr als 100 Jahre erreicht, wenn die alternden oder verbrauchten Organe ausgetauscht werden? Die digitale Produktionsmöglichkeit könnte zu einer Kommerzialisierung führen, einer grenzenlosen Verfügbarkeit. Ein Austausch nicht nur einmal, sondern periodisch, was zu einer langen Lebenszeit führen könnte. Das klingt utopisch, ist aber im Bereich der erreichbaren Realisierung. Damit stellt sich die Frage der ethischen Würdigung unter den verschiedenen Gesichtspunkten der Gerechtigkeit, Balance der Gesellschaft bis hin zur möglichen Inflation des Werts menschlichen Lebens. Ohne Zweifel folgen aus der Utopie überlanger Lebenszeiten auch Fragen der sozialen Dimension. Wird die Bevölkerungsdichte durch eine solche Entwicklung noch beherrschbar sein? Die erwartete Weltbevölkerung von 10 Mrd. Menschen gilt bereits als Herausforderung. Welche Folgen entstehen durch eine regelhafte Lebenszeitverlängerung, bezogen auf die Weltbevölkerung? Steigt die Dauer des Altersruhestands oder wird eine enorm längere Arbeitszeit erforderlich? Wenn ja, zu wessen Lasten werden sich die Veränderungen auswirken? Wie kann eine Sozialversicherung konzipiert werden, wenn ein nennenswert höherer Anteil der Lebenszeit in den Ruhestand fällt. Bei einer regelhaften Lebenserwartung von 120 Jahren und einer beginnenden Rentenzeit bei 65 oder 70 Jahren wäre beinahe die Hälfte der gesamten Lebenszeit im Altersruhestand. Wer bezahlt dafür? Wie empfinden die Menschen die lange Zeit? Oder wird eine Regelarbeitszeit bis in das hohe Alter als neue Perspektive zu erwarten sein? Also die Rente mit 90. Was aber ist dann mit denjenigen, die nicht erfolgreich lebensverlängernd „restauriert“ werden konnten? Und können Körper und Geist trotz aller Organkosmetik dem Erwerbsdruck auch standhalten? Langer leben ja, aber länger voll leisten können? Viele offene Gedanken, die es sich aber lohnt, im Zuge eines Diskurses zur Überlegung einer neuen Kultur für Gesellschaft, Politik und Wirtschaft zu behandeln und vorausschauend zu deklinieren. Bei der Geschwindigkeit der Entwicklungen ist die prospektive Lösungsfindung verschiedenster Szenarien auch vor der Realisierung erforderlich. Selbst wenn die Szenarien nie eintreten werden, verlangt eben diese disruptive Geschwindigkeit den Mut und die Toleranz, utopische Ideen als po- 152 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft tenzielle Realitäten einzupreisen. Es bleiben immer gewisse offene Fragen, speziell im Kontext der Schöpfungsgeschichte und Entwicklung. 153 Gastbeitrag: Die medizinischen Aspekte der digitalen Dimension Gastbeitrag: Die medizinischen Aspekte der digitalen Dimension Axel Ekkernkamp Als im Spätherbst 2018 die Meldung von der Geburt der chinesischen Zwillingsmädchen Lulu und Nana weltweit in die Schlagzeilen rückte, ließen die Reaktionen nicht lange auf sich warten: Tabubruch, Ethik- GAU, Eingriff in die Schöpfung, unverantwortliche Menschenversuche – das und viel mehr warf man dem chinesischen Genforscher He Jiankui vor, nachdem er verkündet hatte, dass er an den Babys eine Genmanipulation vorgenommen habe. Mit der Crispr/Cas9-Methode, besser bekannt als Genschere, sei das Gen CCR5 ausgeschaltet worden. So soll verhindert werden, dass Aidserreger in die Zellen der Mädchen eindringen können, denn das Gen gilt als Eintrittstor für Viren vom Typ HIV 1 – der Vater der Zwillinge ist damit infiziert. Alles, was technisch möglich ist, wird auch gemacht, wenn es Menschen hilft – so sieht das der chinesische Wissenschaftler. Dass eine Genmanipulation an Embryonen letztendlich in die Evolution eingreift, scheint offenbar zweitrangig zu sein. Die immer wieder diskutierte Frage, gerade im medizinethischen Bereich, ob man alles machen kann, nur, weil es die Technik dazu gibt, hat Biophysiker He mit Fakten beantwortet, auch wenn es nach wie vor Zweifel gibt, ob diese Genmanipulation tatsächlich so stattgefunden hat, wie von ihm per YouTube-Video verkündet. Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert – darf dieses Paradigma in einer Welt 4.0 auch für die Medizin gelten, gerade vor dem Kontext ethischer Verantwortung? Was kann, was darf die Medizin der Zukunft leisten? Wo sind die Grenzen? Ist technischer Fortschritt wirklich verpflichtend und in allen Bereichen unseres Lebens unaufhaltsam? Fragen, die uns zunehmend beschäftigen werden, insbesondere angesichts der Entwicklungen im Bereich künstlicher Intelligenz (KI). Allein die Flut von Publikationen im medizinischen Bereich, die nahezu ungeahnte Ausmaße angenommen hat: Weltweit werden täglich rund 6 000 medizinische Artikel veröffentlicht. Kein Arzt kann da den Überblick behalten. Datenbanken mit intelligenten Algorithmen dagegen können automatisch Zusammenfassungen erstellen und für jedes Krankheitsbild wiederum automatisch die relevantesten Artikel anzeigen. Für Ärzte stellt das eine fantastische datengestützte Entscheidungshilfe dar. 154 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft Die Leistungen in der Diagnostik sind enorm: Bestimmte radiologische Befunde lassen sich schon heute schneller und treffsicherer vom Computer ermitteln als vom Menschen. KI kann Ärzten helfen, schwarzen Hautkrebs zu erkennen. So war ein trainiertes, selbstlernendes Computerprogramm irgendwann besser, bösartige Melanome von gutartigen Muttermalen zu unterscheiden, als Hautärzte. „In der Radiologie erleben wir derzeit eine mathematische Revolution, die schneller und tiefgreifender ist als alle Umbrüche zuvor“, bemerkte Anfang 2019 Stefan Schönberg, Präsident der Deutschen Röntgengesellschaft, gegenüber dem Wirtschaftsmagazin „Bilanz“. Wissenschaftler aus China und den USA entwickelten ein System, das u. a. anhand von elektronischen Gesundheitsakten zuverlässiger feststellt, was jungen Patienten fehlte als – relativ unterfahrene – Kinderärzte. Lernende Roboter können bestimmte Routineverfahren im Rahmen von Operationen besser durchführen als ein Mensch, der müde werden kann und menschlichen Stimmungen und Fehlern unterliegt. Roboter werden dank KI-Entwicklungen eine wichtige Rolle in der Pflege und bei der Übernahme von Rehabilitationsanwendungen spielen. „Das deutsche Gesundheitssystem kann enorm von dem Einsatz künstlicher Intelligenz profitieren“, konstatierte unlängst der KI Bundesverband e. V. in einem veröffentlichten Maßnahmenkatalog. Und es ist ja auch ein Fakt: KI ist im Gesundheitsbereich schon heute tatsächlich eine große Hilfe: Gesundheitsdaten werden verarbeitet, um Diagnosen zu verbessern und Ärzten zu helfen, bessere Entscheidungen für ihre Patienten zu treffen. So arbeiten Forscher der Berliner Charité an einem Algorithmus, der bei dem Patienten individuell vorgibt, ob die Therapie eines Schlaganfalls noch sinnvoll ist oder nicht. Die endgültige Entscheidung trifft der Arzt, nicht die Maschine. Aber wer sagt, dass das immer so sein muss? Wenn der selbst lernende, sich immer weiter verbessernde „Dr. KI“ seine Diagnosen und Therapien so gut erstellt, dass der Arzt – zumindest bei Routinebehandlungen – überflüssig wird? Eine verlockende Perspektive. Das spart Geld und erhöht mutmaßlich die Qualität, weil das richtig gefütterte Computerprogramm keine Fehler macht. Aber genau da liegt die Gefahr: Die Daten landen in einer Blackbox und wenn der daraus entwickelte Algorithmus eben nicht ganz perfekt ist, sind auch die Ergebnisse möglicherweise nicht ganz perfekt. Deshalb ist es vermutlich auch für die Zukunft die beste Lösung, wenn Kollege „Dr. KI“ zuarbeitet, die endgültige Entscheidung aber immer noch von Ärzten aus 155 Gastbeitrag: Die medizinischen Aspekte der digitalen Dimension Fleisch und Blut getroffen wird. Der KI Bundesverband fordert, auch das wird für die zukünftige Entwicklung entscheidend sein, die Vorgabe und Festlegung von verbindlichen Standards für die Dokumentation und Weiterverarbeitung von Daten. Schlagwörter sind für den Verband Interoperabilität, Kooperation und Qualitätskontrolle. Künstliche Intelligenz, da sind sich viele Experten einig, sollte vordringlich dort eingesetzt werden, wo sie nachweisbar großes Potenzial hat, die Medizin grundlegend voranzubringen. So machen es KI und Big Data möglich, schwere Krankheiten, insbesondere bei einigen Krebsarten, dank sogenannter Präzisionsmedizin deutlich wirksamer als heute zu bekämpfen, weil die genetischen Codes und die Rezeptoren bestimmt werden können. Bei Leukämie im Kindesalter gibt es dort schon Erfolge. Was aber, wenn ein Patient darauf besteht, dass sein genetischer Code tabu ist und nicht ermittelt werden soll? Ärzte müssen diese Entscheidung respektieren – auch wenn der Patient damit mutmaßlich ganz bewusst ein Mehr an Lebensqualität und Langlebigkeit ablehnt. KI-Medizin darf bei alledem keine Zweiklassenmedizin werden: digitale Errungenschaften müssen letztendlich allen Behandlungsbedürftigen zur Verfügung stehen und nicht nur einer kleinen Gruppe, die sich eine solche, anfangs sicherlich kostenintensive, Behandlung leisten kann Große Datenmengen, verknüpft mit den passenden Algorithmen, lassen sich in Zukunft immer besser einsetzen, um die Gesundheitsprognose eines Patienten zu ermitteln: Wie groß ist die Gefahr, dass er an einer chronischen Krankheit leiden wird oder eine bestimmte Krebsart in wenigen Jahren zum Ausbruch kommt? Was, wenn Versicherungen an diese Daten kommen? Kann er dann noch eine Lebensversicherung oder eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen? Und muss der Arzt über Krankheiten informieren, für die es bislang keine Heilung gibt, oder gilt das Recht des Nichtwissens? Da stoßen ethische Überlegungen schnell an ihre Grenzen. Künstliche Intelligenz und Roboter – immer wieder wird die Frage aufgeworfen, ob diese selbstlernenden Systeme es schaffen, eines Tages dem Menschen gleichzukommen oder ihn sogar zu ersetzen. „Maschinen sind schneller, stärker und bald klüger als wir“254, sagte schon 2015 254 Oskar Piegsa (2015): Künstliche Intelligenz. “Maschinen sind schneller, stärker und bald klüger als wir“, online unter: www.zeit.de/campus/2015/03/kuenstli 156 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft Nick Bostrom, Direktor des Institute for the Future of Humanity der University of Oxford. Es muss ja nicht so weit kommen wie im „Terminator“- Film, wo im Roboternetzwerk Skynet intelligente Maschinen letztendlich die Menschheit auslöschen, aber, so ergab eine Studie von Bostrom, es gibt durchaus ernstzunehmende Wissenschaftler, die davon ausgehen, dass bis 2075 eine KI erreicht wird, die menschliches Niveau hat. „Das könnte das Ende der Menschheit bedeuten.“255 Entwarnung kommt von Sami Haddadin, einem der weltweit führenden Robotikexperten und Direktor der Munich School of Robotics and Machine Intelligence der TU München sowie Inhaber des Lehrstuhls für Robotik und Systemintelligenz, der sich seit vielen Jahren mit der Schnittstelle Mensch-Maschine auseinandersetzt. Er hält den Menschen für einzigartig in seinen Fähigkeiten: Roboter würden trotz einer sich immer weiterentwickelnden KI immer nur ein Werkzeug, wenn auch ein lernfähiges, bleiben, und kollaborativ arbeiten. Die Kunst der künstlichen Intelligenz besteht für ihn darin, Robotern beizubringen, zu sehen, zu greifen und umzusetzen. Er nennt das deshalb auch physische Intelligenz. Die Medizin der Zukunft wird auch bestimmt werden von der Schaffung künstlicher Organe. Mit 3-D-Druck (und sogar schon 4-D-Verfahren) werden sich immer mehr Bauteile des menschlichen Körpers herstellen lassen. So gibt es schon jetzt angepasste Implantate: Schwere Verletzungen im Gesicht können durch digitale Diagnostik, Aufbereitung von Modellen und die Herstellung von individuell gefertigten Implantaten versorgt werden. Ein Schritt weiter geht es mit dem sogenannten Bioprinting: Es erlaubt schon jetzt, Ohrmuscheln, Herzklappen oder Haut zu produzieren, eines Tages sollen es dann Niere, Leber und Herz sein. Zu den weltweit führenden Forschern auf diesem Gebiet gilt Anthony Atala, Professor und Direktor des Wake Forest Institute for Regenerative Medicine in North Carolina (USA). Andere Forscher setzen auf Bioengineering: Organe werden dezellularisiert, eine Spüllösung entfernt u. a. Lipide, DNA, lösliche Proteine. Übrig bleibt eine extrazelluläre Matrix, die das Organ zusammenhält. Um diese Matrix wieder neu aufzubauen, werden u. a. pluripotente Stammzellen induziert. che-intelligenz-roboter-computer-menschheit-superintelligenz/komplettansicht (27.9.2019). 255 Ebd. 157 Gastbeitrag: Die medizinischen Aspekte der digitalen Dimension Noch sind das alles Versuche, die Technik ist längst nicht einsatzbereit. Was aber, wenn sich künstliche Organe wie am Fließband herstellen oder sich nahezu uneingeschränkt reproduzieren lassen? Lässt sich damit Leben nahezu beliebig verlängern? Ein Leben aus dem Ersatzteillager: Wollen wir das wirklich? Dürfen wir das? Schon heute werden die Menschen dank Hightech-Medizin deutlich älter als die Generation zuvor. Und schon heute muss sich die Medizin zu Recht die Frage gefallen lassen, ob dieses, unter extremem Einsatz von Ressourcen, verlängerte Leben überhaupt noch lebenswert ist. Aber die Entwicklung geht schier unaufhaltsam weiter: Forscher experimentieren schon lange mit dem Enzym Telomerase, das beim Alterungsprozess des Menschen eine wichtige Rolle spielt. Eine Pille soll diesen Prozess zumindest deutlich verlangsamen. Würde es uns wundern, wenn es Forscher gäbe, die darauf hinarbeiteten, den Prozess gänzlich aufzuhalten? Auch das wäre ein elementarer Eingriff in die Schöpfung. Ray Kurzweil, der US-amerikanische Zukunftsforscher, Erfinder, Vordenker und Wegbereiter der Transhumansimus-Idee, sieht darin kein Problem. Der 70-Jährige nimmt nach eigenen Angaben täglich 150 bis 250 Tabletten mit Vitaminen, Mineralien und anderen Inhaltsstoffen zu sich. Er setzt auf eine Biotechnologie, die es schon in wenigen Jahren erlaubt, dass Menschen ihre Gene optimieren und reparieren können. Die nächste Entwicklungsstufe sei dann, dass winzige Roboter, sogenannte Nanobots, in menschlichen Körpern eingesetzt werden und alte oder defekte Zellen austauschen. Bis etwa zum Jahr 2045 sei man so weit, dann gehöre das Altern der Vergangenheit an, der Mensch werde unsterblich.256 Zukunftsphantastereien? Möglicherweise. Aber wer hätte vor einigen Jahren gedacht, dass es einmal etwas wie die Crispr-Genschere geben würde? Und trotz einiger ethischen Bedenken: Es ist ja nicht so, dass sie per se die Grenzen des ethisch Vertretbaren durchtrennt. Forscher hoffen, mit Hilfe dieser Technik eines Tages menschliche Gendefekte reparieren und damit Erbkrankheiten wie etwa Mukoviszidose oder Sichelzellenanämie verhindern zu können. Es ist eine eigentlich sichere Form der Gentherapie, wenn sie direkt am Patienten durchgeführt wird. Und dank KI-Anwendungen arbeitet die Hochpräzisionsschere immer genauer. 256 Vgl. Buchter/Straßmann: Die Unsterblichen. 158 Brüssel, Kronenberg, Götze: Digitale Zukunft Wir müssen für unser Gesundheitssystem immer wieder exakt definieren, welche Technologien wir im Interesse der Wissenschaft und des Patienten tatsächlich einsetzen wollen. Eigentlich ist es ganz einfach: solche, die für den Menschen am besten sind. Aber genau deshalb ist die Genmanipulation bei den chinesischen Zwillingen nicht das, was wir wollen und verantworten können. Abgesehen davon, dass bei einem der Mädchen nicht alle Zellen das veränderte Gen tragen und sie deshalb nicht vollständig vor HIV geschützt ist: Der Eingriff mit der Genschere kann bei aller Präzision mit gefährlichen Nebenwirkungen verbunden sein. Dazu gehört das erhöhte Krebsrisiko: bei den Mädchen – und seinen Nachfahren.

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References

Zusammenfassung

Die unterschiedlichen Facetten der digitalen Zukunft zu beleuchten – sei es die aktive Gestaltungsaufgabe der Politik, die ethischen und moralischen Anpassungen durch Digitalisierung in der Gesellschaft oder die technische und wirtschaftliche Verantwortung – und in Bezug zueinander zu setzen, ist Aufgabe und Ziel dieser Publikation. Im Zuge der digitalen Transformation ist zudem der Ruf nach einer neuen Kultur für Gesellschaft, Politik und Wirtschaft geboten. Eine solche unterscheidet sich eben im Grunde von Einzelfallbetrachtungen und schafft einen konsensualen Gesamtrahmen, der als richtungsweisend und damit auch als Sicherheit gebende Linie durchdacht werden kann. Das Vorwort und die Conclusio der Autoren sind zu Beginn der Publikation lokalisiert, die unterschiedlichen Betrachtungs- und Herangehensweisen an die benannten thematischen Schwerpunkte finden in den darauffolgenden drei Teilen statt – mit jeweils individueller Schwerpunktsetzung. Mit Beiträgen von Dr. Christoph Brüssel, Lenno Götze, Ulrich Kelber, MdB, Dieter Härthe, Karl Heinz Land, Prof. Dr. med. Ekkernkamp