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3 Frank Ryan und die irische Linke in:

Katja Christina Hirmer

Frank Ryan, page 53 - 116

Nationalist, Freiheitskämpfer – und Nazi-Kollaborateur?

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4398-1, ISBN online: 978-3-8288-7391-9, https://doi.org/10.5771/9783828873919-53

Tectum, Baden-Baden
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Frank Ryan und die irische Linke Die politische Entwicklung Irlands im Spannungsfeld deutsch-irischer Beziehungen Irland im Wandel der Zeit – Aufbau der neuen Nation 1923–1934 Im Jahr 1923 endete der irische Bürgerkrieg mit der Niederlage der Treaty-Gegner. Als der Staatsvertrag zwischen dem Freistaat und Großbritannien damit anerkannt war, gingen Regierungskreise dazu über, den neuen Staat aufzubauen: Die ersten Wahlen nach dem Ende des Konflikts im August 1923 gewann William Cosgraves’ Cumann na nGaedheal, die „Vereinigung der Gälen“189, die ihren Ursprung in der republikanischen Sinn Féin Partei hatte: Die ersten innenpolitischen Spannungen im neuen Irland traten nach der Einigung mit Großbritannien auf. Der gemäßigte Flügel von Sinn Féin, der vor allem aus Treaty-Befürwortern bestand, sah im anglo-irischen Vertrag einen ersten wichtigen Schritt auf dem Weg zu Irlands Freiheit oder „(…) if not actual freedom itself, then the freedom to achieve freedom (…)“.190 Der radikalrepublikanische Teil hingegen lehnte den Einigungsvertrag ab, vor allem wegen des geforderten Eides, der auf die britische Krone abzulegen war und der in den Augen der Republikaner als Verrat an der 1916 ausgerufenen und im ersten Dáil konstituierten Republik galt. Die internen Spannungen wurden im Laufe der Zeit so groß, dass es zur Spaltung der Partei kam. Vergeblich hatte der Vorstand bis zuletzt versucht, den Bruch zu verhindern. Aus einem Teil der Organisation ging im April 1923 Cumann na nGaedheal hervor. Der verbliebene radikal-republikanische Flügel entschied sich, den Namen Sinn Féin beizubehalten und weiterhin für die nationale Freiheit Irlands einzutreten. In den Parlamentswahlen des Jahres 1923 schaffte nicht nur die neue Regierungspartei Cumann na nGaedheal den Einzug in den Dáil, sondern auch die Labour Party, die Farmers’ Party, Sinn Féin und siebzehn unabhängige Abgeordnete. Allerdings weigerten sich die republikanischen Volksvertreter, die Sitze einzunehmen. Auf diese Weise protestierten diese Repräsentanten gegen den Einfluss Großbritanniens auf das irische Parlament.191 Sie formierten sich zur außerparlamentarischen Opposition und versuchten auf ihre Weise, den neuen Staat mitzugestalten. Die Abgeordneten richteten Schiedsgerichtshöfe und Abendschulen ein, organisierten 3 3.1 3.1.1 189 Timothy Patrick Coogan, Ireland since the Rising (Westport: Greenwood Press, 1966), 51; Detlev Murphy, Die Entwicklung der politischen Parteien in Irland – Nationalismus, Katholizismus und agrarischer Konservatismus als Determinanten der irischen Politik von 1823 bis 1977 (Opladen: Leske Verlag, 1982), 254. 190 Mackay, Collins, 246. 191 Coogan, Ireland since the Rising, 51. 53 Bildungsveranstaltungen und gründeten ein eigenes Arbeitsvermittlungssystem für Sinn Féin-Anhänger. Der Erfolg war eher gering, deshalb griffen die Behörden nicht ein. Weitaus schwerwiegender für die Partei war, dass sich viele der geschätzt zwölftausend Mitglieder in Haft befanden und 64 der insgesamt 85 Sinn Féin-Kandidaten entweder auf der Flucht oder im Gefängnis waren, darunter der zweifellos prominenteste Republikaner: Eamon de Valera, den Vorsitzenden der Partei, hatten Regierungstruppen während einer Wahlkampfveranstaltung in Ennis verhaftet. In der ersten Zeit ging es der neuen Regierung hauptsächlich darum, die verfassungsrechtlichen Bestimmungen des anglo-irischen Vertrages umzusetzen. Soziale und wirtschaftliche Fragen standen vorerst hinten an. Sinn Féin kritisierte diese Haltung der Regierung aufs Schärfste. Auch die Labour Party, deren Schwerpunkt auf der Wirtschafts- und Sozialpolitik lag, zeigte sich mit der Arbeit von Cumann na nGaedheals sehr unzufrieden. Allerdings gelang es Labour nicht, die Regierungspartei zu einem Kurswechsel zu bewegen, denn diese verfügte über eine deutliche Mehrheit im Dáil. Trotz aller Missbilligung von Seiten der Opposition zeigte die Strategie der Regierung Wirkung, denn es gelang „(…) der konservativen Regierung die Konsolidierung des Staatswesens durch die Errichtung eines soliden Verwaltungsapparats (…).“192 Die noch weitgehend bestehenden britischen behördlichen Strukturen waren dafür maßgeblich, da sich das Kabinett beim weiteren Aufbau der Administration an diesem System orientieren konnte.193 Cumann na nGaedheal schaffte es, viele missliebige Republikaner aus dem öffentlichen Dienst auszuschließen: Denn wegen des ab März 1925 obligatorischen Loyalitätseides, den jeder öffentlich Beschäftigte auf den Freistaat ablegen musste, war für viele Anhänger der Republik der Staatsdienst keine Option mehr. In der Wirtschafts- und Sozialpolitik schlugen die „konservativsten Revolutionäre der Geschichte“, wie die neue irische Elite um Kevin O’Higgins, den stellvertretenden Regierungschef, einmal bezeichnete wurde,194 neue Wege ein. „By encouraging the prosperity of capitalists (and by Hogan’s195 encouraging of the prosperity of ranchers) it was hoped that any wealth left over would trickle down to benefit the poor.“196 Zu den wichtigen Themen auf der politischen Agenda zählte die ungelöste Ulster-Frage. Die Mitglieder der Kommission, die eingesetzt war, um die neuen Grenzen zwischen dem Freistaat und den britischen Grafschaften festzulegen, einigten sich darauf, keine Änderungen vorzunehmen und an den Vereinbarungen des englisch-irischen Vertrages festzuhalten. Ungeachtet der heftigen Kritik aus den Reihen der Opposition stimmte das Parlament am 10. August 1926 dem Border-Agreement mit großer Mehrheit zu. Diese herbe Niederlage für die Vertragsgegner wollte 192 Murphy, Entwicklung politischer Parteien in Irland, 266f, 271. 193 Coogan, Ireland since the Rising, 56. 194 Murphy, Entwicklung politischer Parteien in Irland, 266ff. 195 Patrick Hogan war in der Zeit von 1922 bis 1932 Landwirtschaftsminister im Kabinett Cosgrave. Joan M. Cullen, „Patrick J. Hogan. TD. Minister For Agriculture. 1922–1932 – A Study Of A Leading Member Of The First Government Of Independent Ireland“, Ph.D. thesis, Dublin City University, 1993, 27. [Online]. o. D.. URL: http://doras.dcu.ie/18460/1/Joan_M_Cullen.pdf [26. August 2014]. 196 Lysaght O’Connor, The Republic of Ireland. An Hypothesis in Eight Chapters and Two Intermissions (Cork: Mercier Press, 1970), 91. 3 Frank Ryan und die irische Linke 54 Eamon de Valera nutzen, um die Sitze der Partei im Dáil doch noch zu besetzen. Dafür warb er während des Parteitags von Sinn Féin im März 1926. Als die Delegierten seinen Antrag mit einer knappen Mehrheit von 223 zu 218 Stimmen ablehnten, zog de Valera die Konsequenzen, trat als Präsident der Partei zurück und gründete am 16. Mai des gleichen Jahres eine eigene Organisation mit dem Namen Fianna Fáil, die vor allem Mitglieder des gemäßigten Flügels der republikanischen Vereinigung ansprach. Viele wechselten zur neuen politischen Alternative – mit Folgen für Sinn Féin: „(…) the superior organisational ability of Gerry Boland and Seán Lemass, de Valera’s main administrative assistants, as well as of de Valera himself, combined with Fianna Fáil’s more realistic programme, and more effective leadership, crushed Sinn Féin as a political party within a year.“197 Der neuen Partei gelang es, mit ihrem Programm alle Bevölkerungsschichten anzusprechen. Sie thematisierte neben wirtschafts- und sozialpolitischen Sachverhalten auch die Vereinigung Irlands, die Schaffung einer irischen Republik sowie die Wiedereinführung der irischen Sprache und Kultur.198 Bereits ein Jahr später trat sie zu den Wahlen an und gewann respektable 44 Sitze. Die Regierungspartei Cumann na nGaedheal, die 1923 mit 41 Prozent der Stimmen noch 63 Abgeordnete gestellt hatte, errang nur noch 47 Sitze.199 Das große Hindernis, das vor den republikanischen Abgeordneten, die derartige Verbindungen zu Großbritannien ablehnten, lag, war nun der auf den König zu leistende Eid.200 Nachdem sich die Parlamentarier weiterhin weigerten, diesen abzulegen, verwehrte man ihnen den Zugang zum Plenarsaal. Die Regierung erhöhte zusätzlich noch den Druck auf de Valera, sodass nur zwei Alternativen möglich waren: Entweder seine Partei verlor das Gesicht und leistete den Schwur oder die Abgeordneten verzichteten geschlossen auf ihre Mandate. „As Cosgrave backed de Valera into a corner, that sinuously scholastic mind at last saw the logic of the ‚empty political formula‘ approach to the oath. He devised a ceremony for duly reassuring his conscience that inscribing his name in the book containing the oath, which the clerk of the Dáil kept in his office, while placing the bible in the furthest corner of the room, face downwards, and covering the words of the oath while he was signing his name, insisting all the time that he was taking no oath, did not, indeed, amount to taking an oath.“201 Weiterhin darauf beharrend, dass 197 Coogan, Ireland since the Rising, 61f; Lee, Ireland, 151f; Murphy, Entwicklung politischer Parteien in Irland, 279; Lee, Ireland, 152. 198 Murphy, Entwicklung politischer Parteien in Irland, 279, 281f. 199 Insgesamt hatte der Dáil 153 Sitze. Lee, Ireland, 94. 200 Der „Oath of Allegiance“ war Bestandteil des 1921 geschlossenen Treaty zwischen Irland und Großbritannien. Alle neuen Abgeordneten des irischen Parlaments leisteten den Schwur, der die Parlamentarier zur „‚allegiance to the constitution of the Irish Free State‘“ und „to be ‚faithful to HM King Georg V‘“ verpflichtete. Obwohl dieser Kompromiss in Abstimmung mit den republikanischen Kräften getroffen worden war, lehnten viele Treaty-Gegner diesen Teil der Übereinkunft ab. Der neue Staatsvertrag garantierte Irland zwar faktisch die politische Unabhängigkeit und die Stellung des Königs hatte symbolischen Charakter, dennoch verweigerte sich die Mehrheit der Republikaner dieser weiterhin bestehenden Verbindung zu Großbritannien. Peter Contrell, The Irish Civil War 1922–23 (Oxford: Osprey Publishing, 2008), 28; Donal Corcoran, „Public Policy in an emerging state: The Irish Free State 1922–25“, Irish Journal of Public Policy Vol. 1 Nr. 1 (2009). [Online]. o. D.. URL: http://publish.ucc.ie/ijpp/2009/01/corcoran/05/en [16.06.2015]. 201 Coogan, Ireland since the Rising, 63f; Lee, Ireland, 154f. 3.1 Die politische Entwicklung Irlands im Spannungsfeld deutsch-irischer Beziehungen 55 sie den Eid nicht wirklich abgelegt hatten, nahmen am 10. August 1927 alle Fianna Fáil-Abgeordneten ihre Sitze im irischen Parlament ein. Die neue starke Opposition beschäftigte sich hauptsächlich mit der Abschaffung des Eids, mit möglichen Einsparungen im öffentlichen Dienst, einer verschärften Tarifpolitik und den jährlich zu zahlenden Pachten für landwirtschaftliche Nutzflächen.202 Die politische Wende kam mit den Parlamentswahlen des Jahres 1932. Die Weltwirtschaftskrise hatte auch die ökonomischen Schwierigkeiten des Landes verschärft und Cosgrave war ratlos, insbesondere angesichts der finanziellen Lage Irlands. Die Regierung ging mehr und mehr dazu über, Gehaltskürzungen im öffentlichen Sektor vorzunehmen. Außerdem wurde ein strenges Budget festgelegt. Innenpolitisch weiteten sich die Schwierigkeiten aus, was sich in der steigenden Zahl von Anschlägen der IRA auf Polizeiangehörige und öffentliche Einrichtungen äußerte, worauf das Kabinett unter Cosgrave sein Vorgehen gegen die Untergrundarmee verschärfte, gipfelnd in der Verabschiedung des Constitution Amendment Acts, eines Gesetzes, mit dem sowohl die Sicherheitsbehörden als auch der neu gegründete Militärgerichtshof weitreichende Befugnisse erhielten und sogar die Todesstrafe verhängen konnten. Die neue Judikative, auch als Militärtribunal bekannt, ging vor allem gegen die republikanischen Kreise und gegen linksgerichtete Gruppierungen vor. Besonders die Oppositionsparteien kritisierten die Regierung; aber auch die Öffentlichkeit unterstützte die Politik der Regierung nicht länger. Als Reaktion auf die schlechte Stimmung im Land veranlasste die Regierung, Neuwahlen für den 16. Februar 1932 auszurufen. Die beiden aussichtsreichsten Parteien, Cumann na nGaedheal und Fianna Fáil, zogen dabei mit gegensätzlichen Programmen in den Wahlkampf. Die Regierungspartei setzte auf die Themen Religion, Recht und Ordnung und die Gefahren des Kommunismus in Irland. Sie sah im Falle eines Wahlsiegs der Opposition den Verfall der moralischen Werte. Dieser öffne Tür und Tor für den Materialismus und den Kommunismus, die gemeinsam die nationalen Traditionen und vor allem die Quelle des katholischen Glaubens zerstörten. Ökonomische Reformen sprach Cumann na nGaedheal im Wahlkampf nicht an. De Valeras Programm hingegen befasste sich mit wirtschaftlichen und sozialen Themen sowie der Abschaffung des Eids, wobei das Hauptaugenmerk der Kampagne auf das Thema Arbeitslosigkeit gerichtet war. Das Ergebnis war deutlich: Fianna Fáil errang 72, Cumann na nGaedheal hingegen nur 57 Sitze. Zusammen mit den sieben Sitzen der Labour Partei stellte de Valeras Partei die neue Regierung, er selbst wurde zum Taoiseach Irlands gewählt. Zwar gab es innerhalb der neuen Regierungspartei Befürchtungen, dass der Wechsel im Dáil von einigen Cosgrave-Gefolgsleuten verhindert werden könnte, doch erwiesen sich die Anhänger der neuen Oppositionspartei Cumann na nGaedheal als wahre Demokraten. Gerüchten zufolge seien viele Parlamentarier des neuen Kabinetts bewaffnet zur ersten Sitzung des neuen Abgeordnetenhauses erschienen. Der Wechsel an der Staatsspitze verlief jedoch völlig gewaltfrei. Man ging sofort zur Tagesordnung über und begann mit der Umsetzung der wichtigsten Punkte des Wahlprogramms. „These were, principally, to abolish the Oath of Allegiance to the British Crown; to retain in Ireland the sums due 202 Coogan, Ireland since the Rising, 65f. 3 Frank Ryan und die irische Linke 56 to the British government in respect to settlement of the land annuities embodied in the Treaty; to release the IRA prisoners; and to establish new industries.“203 Zudem weigerte sich sie Regierung, die jährlich fälligen Landpachtzahlungen an Großbritannien zu leisten. Die daraus resultierenden Sanktionen, beispielsweise gegenseitige Strafzölle auf irische beziehungsweise britische Produkte, führten zu einem Wirtschaftskrieg. Die Importe Irlands aus Großbritannien beziehungsweise die Exporte dorthin machten 81 und 96 Prozent des irischen Handelsvolumens aus, woraufhin sich bis zum Ende des Konflikts im Jahr 1938 die Verluste auf rund 48 Millionen Pfund summierten.204 Ursprünglich wollte der neue Regierungschef erreichen, dass Großbritannien die Zahlung nur der Hälfte der fälligen Landpachten205 akzeptiert, damit der andere Teil im eigenen Land investiert werden kann. De Valera dachte daran, so die Landwirtschaft zu unterstützen. Angesichts des deutlichen Wahlerfolgs von Fianna Fáil, bemühte sich Cumann na nGaedheal, eine handlungsfähige parlamentarische Kraft zu formen, die Opposition sollte geeint und ihr Zersplittern so verhindert werden. Es ging in erster Linie darum, die guten Beziehungen mit Großbritannien nicht zu gefährden. Aus den Bestrebungen der größten Oppositionspartei entwickelte sich eine neue politische Kraft. Diese Vereinigung entstand durch die Fusion Cumann na nGaedheals mit der neu gegründeten Centre Party. Letztere setzte sich vor allem für die Belange der durch den Wirtschaftskrieg schwer getroffenen Großbauern ein.206 Neben den Veränderungen in der irischen Parteienlandschaft, insbesondere der Gründung der Centre Party, formierte sich im Frühjahr 1931 eine weitere Organisation, die – anfangs unpolitische Vereinigung – schon bald in das Lager der irischen Rechten wechselte. Die Army Comrades Association (ACA) basierte auf einer Initiative des Kommandanten Ned Cronin. Er hielt die Gründung eines Zusammenschlusses, der sich für die Belange von ehemaligen Armeeangehörigen einsetzte, für angebracht, insbesondere weil sich viele Veteranen von den Auswirkungen des bevorstehenden Regierungswechsels bedroht fühlten. „Ursprünglich nicht mehr als ein Zusammenschluss von eher konservativen Veteranen der regulären Armee des Freistaates, nahm sie nach dem Regierungsantritt der Republikaner schnell einen eminent politischen und regierungsfeindlichen Charakter an.“207 Die neue Organisation ver- 203 Murphy, Entwicklung politischer Parteien in Irland, 308; Lee, Ireland, 157, 168f; Gavin M. Foster, The Irish Civil War – Politics, Class and Conflict (London: Palgrave Macmillan, 2015), 171; Coogan, Ireland since the Rising, 69, 74. 204 Murphy, Entwicklung politischer Parteien in Irland, 315. 205 Bei den Landpachtzahlungen handelte es sich um Entschädigungszahlungen, die die irischen Grundbesitzer an die ehemaligen britischen Eigentümer zu zahlen hatten. Diese Annuitäten wurden von der Regierung in Dublin eingezogen und an den National Dept Commissioner überwiesen. Dieser trug dafür Sorge, dass die Pachten an die jeweiligen Empfänger weitergeleitet wurden. Robert MacGregor Dawson (Hrsg.), The Development of the Dominion Status of 1900–1936 (London: Frank Cass & Co., 1965), 445. 206 Lee, Ireland, 178; Bericht A29, Dehn-Schmidt an das Auswärtige Amt Berlin, 7. April 1932, Politische Beziehungen zwischen England und Irland, Bd. 2, R 77031, PA, AA, Berlin; Murphy, Entwicklung politischer Parteien in Irland, 321; Coogan, Ireland since the Rising, 77f. 207 Mike Cronin, The Blueshirts and Irish Politics (Dublin: Four Courts Press, 1997), 18; Murphy, Entwicklung politischer Parteien in Irland, 320f. 3.1 Die politische Entwicklung Irlands im Spannungsfeld deutsch-irischer Beziehungen 57 stand sich schnell als Gegenstück zur IRA. Nach der auf Weisung des neuen Regierungschefs Eamon de Valera im März 1932 erfolgten Freilassung der republikanischen Gefangenen öffnete sich die Organisation im August des gleichen Jahres weiten Kreisen der Gesellschaft. Diese Veränderungen gingen gleichzeitig mit einem Wechsel an der Führungsspitze einher. Unter der Führung des bekannten Cumann na nGaedheal-Abgeordneten Dr. Thomas F. O’Higgins verschrieb man sich dem Kampf gegen den Kommunismus in Irland. Außerdem machte sich die ACA nach eigenen Angaben für den Schutz der Meinungsfreiheit stark.208 Dies war jedoch mehr die Reaktion auf die Störtaktik der IRA während des Wahlkampfes im Jahr 1932. Unter dem An Phoblacht-Slogan „No Free Speech to [sic] Traitors“hatte die Untergrundarmee immer wieder Kundgebungen der Cumann na nGaedheal-Partei unterbrochen oder gar sabotiert.209 Um sich für die Zukunft dagegen zu wappnen, gründete die ACA eine eigene Freiwilligentruppe,210 die ausschließlich die Redefreiheit bei Veranstaltungen der Cosgrave-Partei verteidigte. Somit konnte die Organisation auch ihre Behauptung, sie sei gänzlich unpolitisch, nicht länger aufrechterhalten. Schnell wurde deutlich, dass das eigentliche Ziel der ACA darin bestand, eine gemeinsame, starke und unerschütterliche Front gegen die Fianna Fáil-Regierung aufzubauen. Nicht zuletzt wollte auch die ACA ab dem Jahr 1933 als politische Kraft wahrgenommen werden. Viele ihrer Mitglieder hielten sich für die Repräsentanten des irischen Faschismus, deren Ziele beinhaltete „(…) a committment to free speech, democracy, politics as a form of national service, the prevention of communism and class war (…).“ Das blaue Hemd wurde zu ihrem Markenzeichen und prägte ihren Namen, die „Blueshirts“.211 Kurze Zeit später grüßten die Mitglieder mit dem „Straight-arm salute“.212 Am 20. Juli 1933 übernahm der ehemalige Polizeichef Eoin O’Duffy213 den Vorsitz der Army Comrades Association. Die neue Führungsspitze änderte den Namen in National Guard und alle Interessierten waren als Mitglieder willkommen. Die neue Satzung schrieb auch – ganz unverhohlen – die politische Ausrichtung fest. Man machte sich für eine Wiedervereinigung Irlands und die Erhaltung von Recht und Gesetz stark. Außerdem hatte es sich die ACA zum Ziel gesetzt, zu beweisen, wie bestechlich die Regierung sei. Vor allem aber schlug sie vor, den Korporativismus214 als Staatsform zu etablieren. Hinter diesem Punkt des Parteiprogramms stand kein aus- 208 Maurice Manning, The Blueshirts, (Dublin: Gill and Macmillan, 1970), 28f. 209 Insbesondere Frank Ryan verbreitete diesen Slogan während eines Aufmarschs am Vorabend des Armistice Day mit folgenden Worten. „No matter what anyone says to the contrary, while we have fists, hands and boots to use, and guns if necessary, we will not allow free speech to traitors.“ Bowyer Bell, The Secret Army, 102. 210 Manning, Blueshirts, 29f. 211 Cronin, Blueshirts & Irish Politics, 20. 212 Lee, Ireland, 179. 213 Nähere Informationen zu dem Konflikt zwischen Eoin O’Duffy, der Blueshirts-Bewegung und der IRA finden sich in Kapitel „2.2.3 Kommunismus gegen Faschismus? – Der Konflikt zwischen der Irish Republican Army und den Blueshirts“. 214 Korporativismus oder auch Korporatismus bezeichnet diverse Formen der Einbeziehung verschiedener Bevölkerungsgruppen an den Entscheidungsprozessen eines Landes. Hierbei gilt es zu unterscheiden, ob es sich um die Zusammenarbeit auf freiwilliger Basis, dem sogenannten liberalen Neo- Korporatismus handelt oder um die staatliche bzw. autoritäre Form. Letzter wurde von Benito Mus- 3 Frank Ryan und die irische Linke 58 gearbeitetes und umsetzungsreifes Konzept. Vielmehr hatte O’Duffy den Intellektuellen innerhalb der Bewegung die Freiheit gelassen, „(…) to suggest a variety of political ideas, many based on models of Italian fascism and Catholic social thought: ideas deemed by the government as alien and fascist.“215 Dabei handelte es sich weniger um ein ausgearbeitetes Konzept für eine neue Ordnung Irlands. Es überrascht daher nicht, dass die Aktivitäten der rechtsgerichteten Organisation von den Behörden genauestens überwacht wurden, nachdem de Valera, der den Vorsitzenden Eoin O’Duffy gut kannte, das Gefahrenpotenzial der Bewegung sofort erkannt hatte. In der Zwischenzeit war die National Guard zu einer Massenbewegung herangewachsen – die Fianna Fáil Regierung war also gezwungen zu handeln. O’Duffys Idee „(…) future elections should be held on a limited franchise based on vocational and professional groups. He went further and publicly admitted that his ideas were drawn from the experiences of fascism in Italy.“216 war schließlich ausschlaggebend für das Verbot der National Guard. Um das politische Überleben der Blueshirts zu sichern, fusionierte die National Guard im September 1933 mit Cumann na nGaedheal und der Centre Party zur United Ireland Party oder auch Fine Gael-Partei.217 Am 9. September 1933 wurde die Young Ireland Association (YIA) ins Leben gerufen. Nachdem die Behörden die neue Organisation überprüft hatten und zu dem Schluss gekommen waren, dass zwischen der YIA und der ACA, abgesehen vom Namen, kein Unterschied bestand – man vertrat die gleichen Ideen und auch die Führung blieb unverändert – verbot die Regierung die Young Ireland Association am 9. Dezember 1933. Doch noch war damit das Ende der Blueshirts nicht besiegelt. Aus der YIA ging eine neue Vereinigung hervor, die League of Youth (LoY). Verglichen mit der Vorgängerorganisation hatte sich wiederum wenig geändert: Weder die Satzung noch die Führungsriege waren neu. Allerdings hatte Fine Gael diesmal Maßnahmen getroffen, um es der Regierung deutlich schwerer zu machen, die Gruppe zu verbieten. Die Parteiführung hatte dafür gesorgt, dass alle Entscheidungen der LoY vom Parteivorstand der Fine Gael überprüft und bestätigt werden mussten. Ein Verbot der neuen League of Youth hätte bedeutet, auch die Oppositionspartei zu verbieten. Ein solcher Schritt war für die Regierungspartei Fianna Fáil nicht durchsetzbar. Aber auch ohne das Zutun der Regierung hatte der Fine Gael-Ableger Probleme: Die Ursache war der Vorsitzende Eoin O’Duffy, dessen politische Ansichten immer radikalere Züge annahmen. Allerdings machte ihn seine faschistische Rhetorik in der Parteispitze von Fine Gael mehr und mehr unbeliebt, bis die Situation im Sommer 1934 ihren Höhepunkt erreichte, zu einer Zeit, als sich auch der Wirtschaftskrieg zwischen Irland und Großbritannien zuspitzte. In dieser schwierigen Lage wandte sich O’Duffy gegen seine Partei und ermutigte ihre Mitglieder, die solini durch seine „(…) erzwungene Einbindung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Organisationen in hierarchische und autoritäre Entscheidungsverfahren (…)“ geprägt. Klaus Schubert und Martina Klein, Das Politiklexikon – Begriffe, Fakten, Zusammenhänge (Bonn: Verlag J. H. W. Dietz, 2011), 171. 215 Cronin, Blueshirts & Irish Politics, 20ff. 216 Ibid, 21. 217 Murphy, Entwicklung politischer Parteien in Irland, 321. 3.1 Die politische Entwicklung Irlands im Spannungsfeld deutsch-irischer Beziehungen 59 fälligen Landannuitäten nicht zu bezahlen und sich außerdem gegen Zwangsmaßnahmen, wie der Beschlagnahme von Vieh, zur Wehr zu setzen. In Reaktion auf die zunehmende Kritik und den Druck auf seine Person trat O’Duffy von seinem Posten als Parteivorsitzender zurück. Die Geschicke der Oppositionspartei übernahm daraufhin erneut William Cosgrave. Ned Cronin wurde in die Führungsspitze der League of Youth berufen, deren Aktivitäten daraufhin mehr und mehr abnahmen, bis sie sich im Oktober 1936 auflöste. Auf dem politischen Parkett veränderten sich die Machtverhältnisse innerhalb des Dáil nicht wesentlich. Unter der Führung von Eamon de Valera stand Fianna Fáil bis zum Jahr 1948 an der Spitze des Landes.218 Der neue Regierungschef versuchte auch international neue Allianzen zu manifestieren und die diplomatischen Beziehungen seines Landes zum europäischen Kontinent auf- bzw. auszubauen. Deutschland rückte als Partner, in den Fokus der irischen Regierung. Insbesondere die wirtschaftliche Zusammenarbeit war für beide Seiten von Interesse. Diese Kooperation wird im kommenden Abschnitt genauer dargestellt. Das Verhältnis zwischen dem irischen Freistaat und der Weimarer Republik beziehungsweise der nationalsozialis-tischen Regierung Schon einige Zeit vor der Gründung des irischen Freistaates im Jahr 1922 war die inoffizielle Regierung in Dublin bemüht, Kontakte zu anderen Nationen zu knüpfen. Die ersten zaghaften Versuche unternahmen die irischen Abgesandten bei den Friedensverhandlungen in Paris im Juni 1919. Man wollte auf diese Weise den Anspruch des irischen Volkes auf nationale Eigenständigkeit durchsetzen. Die Alliierten waren jedoch nicht empfänglich für die Argumente der Vertreter des Freistaates. Diese Reaktion war die Konsequenz aus der Zusammenarbeit irisch-nationalistischer Kreise mit den Deutschen während des 1. Weltkriegs, über die die Siegermächten augenscheinlich sehr gut informiert gewesen waren. Außerdem hatten die Iren in der Heimat und in den USA darauf gehofft, dass der amerikanische Präsident Woodrow Wilson das Vorhaben des kleinen Landes unterstützen würde.219 Dieser unternahm jedoch nichts dergleichen220 und als Folge konnte die irische Delegation nicht an den Einigungsgesprächen über den Frieden teilnehmen. Doch Dublin gab nicht auf und verstärkte seine Bemühungen, international als eigenständiger Staat anerkannt zu 3.1.2 218 Cronin, Blueshirts & Irish Politics, 23ff; Coogan, Ireland since the Rising, 69. 219 Doerries, Prelude to the Easter Rising, 2ff. Der US-Präsident Woodrow Wilson hatte während des Weltkrieges ein 14-Punkte-Programm ausgearbeitet, mit dem der Frieden in Europa gesichert werden sollte. Dieses beinhaltete auch das Recht auf nationale Selbstbestimmung. Niall Ferguson, The War of the World – Twentieth-Century Conflict and the Descent of the West (New York: The Penguin Press, 2006), 160. 220 Der US-Präsident Woodrow Wilson unterstützte das irische Vorhaben nicht, da die radikalen Iren in den USA mit Unterstützung der Deutschen während der US-Wahlen des Jahres 1916 gegen einen Sieg Wilsons gearbeitet hatten. William M. Leary Jr., Woodrow Wilson, „Irish Americans, and the Election of 1916“, The Journal of American History Vol. 54. Nr. 1 (Juni 1967): 57. 3 Frank Ryan und die irische Linke 60 werden, sogar während des Black-and-Tan-Krieges von 1919 bis 1921, um die Unabhängigkeit der Insel von Großbritannien zu demonstrieren.221 Die Regierung in Dublin baute außerdem auf erneuerte Beziehungen zu Berlin, aber auch das gestaltete sich schwierig. Zum einen war der irische Freistaat weiterhin offiziell ein Teil des Vereinigten Königreichs. Zum anderen hatte die deutsche Regierung weitaus größeres Interesse an guten Beziehungen zu Großbritannien, von denen sich Berlin in den andauernden Friedensgesprächen bessere Verhandlungsbedingungen und damit ein geringeres Maß an Repressalien von französischer Seite erwartete. Einen Bereich jedoch gab es, in dem die deutsch-irischen Beziehungen schon weit fortgeschritten waren: Der Waffenhandel zwischen den irisch-nationalen Kreisen und den Deutschen florierte besonders im Sommer 1921 bis zum Sommer 1922. Schusswaffen, von den Iren im Kampf gegen die britische Besatzungsmacht eingesetzt, stammten überwiegend aus den ehemaligen Beständen des Reichsheers und hätten nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages abgeliefert werden müssen, „(…) aber jetzt von Organisationen ehemaliger Reichswehroffiziere illegal verschoben wurden gegen harte Devisen, die diese für ihre politischen Zwecke brauchten.“222 Auch nach dem Ende des britisch-irischen Krieges wurden diese Waffen von den republikanischen Truppen im Bürgerkrieg weiter benutzt. Trotz der Schwierigkeiten, offizielle Verbindungen zu Deutschland zu unterhalten, etablierte Dublin ab 1921 eine ständige diplomatische Vertretung des irischen Freistaates in Berlin. Hauptsächlich sollte durch gezielte Propagandaarbeit auf die irische Situation im Krieg gegen Großbritannien aufmerksam gemacht werden, aber auch die Ideale und die Qualitäten der irischen Nation sollten dargestellt werden. Gleichzeitig sollte aber auch die Aufgeschlossenheit vieler Deutscher gegenüber dem Vereinigten Königreich unterminiert werden, indem die irische Vertretung den wahren Charakter der Briten beleuchtete. Das Ziel der Regierung in Dublin war die Anerkennung Irlands als souveräner Staat. Aber die Beziehungen zwischen den europäischen Ländern waren derart vielschichtig, dass der erhebliche politische Aufwand, der auf diplomatischem Terrain für den kleinen Freistaat zu leisten war, weniger zur Intensivierung der Beziehungen speziell mit Deutschland beitrug. Es führte vielmehr dazu, dass die diplomatischen Kontakte mit Berlin mehr und mehr vernachlässigt wurden, bis mit der Abberufung des irischen 221 Fischer, Deutschlandbild, 222; Mervyn O’Driscoll, „Inter-war Irish-German Diplomacy: Continuity, Ambiguity and Appeasement in Irish Foreign Policy“, Irish Foreign Policy 1919–1966 – From Independence to Internationalism, Hrsg., Michael Kennedy und Joseph Morrison Skelly (Dublin: Four Courts Press, 2000), 76. 222 Fischer, Deutschlandbild, 225. 3.1 Die politische Entwicklung Irlands im Spannungsfeld deutsch-irischer Beziehungen 61 Vertreters Cornelius Duane223, Ende des Jahres 1923, das vorläufige Ende der Verbindungen zwischen Dublin und Berlin gekommen war.224 Die Einigung mit Großbritannien und die Gründung des irischen Freistaates sorgten dafür, dass den innenpolitischen Problemen des Landes ein höherer Stellenwert zugemessen wurde als außenpolitischen Themen. Während einer Kabinettssitzung im Jahr 1922 äußerte sich Regierungschef William Cosgrave über die Außenpolitik dahingehend, dass diese, abgesehen von wirtschaftlichen Beziehungen, zu diesem Zeitpunkt für den jungen irischen Staat keine Rolle spielte.225 Die Oppositionspartei Sinn Féin unter de Valeras Führung war anderer Meinung. Sie befürwortete, die Verbindungen zu Berlin zu intensivieren und übte Kritik am Kabinett, weil es die ökonomische Verbindung zu Deutschland nicht besser nutzte. Sinn Féin erachtete dies als wichtig, weil die Waffen für den Kampf gegen den verhassten Freistaat aus Deutschland stammten. Erst mit der Errichtung des Generalkonsulats in Dublin 1923 begannen offiziell die diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Irland. Es dauerte noch weitere sechs Jahre, bis der Freistaat seine Planungen, die Vorbereitungen und die Suche nach einem geeigneten Kandidaten für das Amt abgeschlossen hatte und die neue konsularische Vertretung in Berlin endgültig eröffnen konnte. Als Gesandter Irlands in der Weimarer Republik war Professor Dr. Daniel Andrew Binchy vorgesehen. Die Deutschen begrüßten die Auswahl des Iren, denn Binchy, Lehrer am University College Dublin, eilte der Ruf eines renommierten Rechtswissenschaftlers voraus, er galt als bestens vertraut mit internationalen Rechtsfragen und hatte darüber hinaus bereits an vielen Tagungen des Völkerbundes teilgenommen, gehörte also zum Kreis ausgezeichneter Kenner der politischen Fragen der Zeit. Außerdem war Binchy weder im Unabhängigkeitskrieg gegen England noch im anschlie- ßenden Bürgerkrieg aktiv gewesen. Dem deutschen Diplomaten Georg von Dehn- Schmidt zufolge galt dies als nicht unerheblicher Grund für die Berufung des Juristen. Des Weiteren maß man guten Sprachkenntnissen sowie Einblicken in die deutschen Verhältnisse seit dem Kriegsende höchste Bedeutung zu. Auch in dieser Hinsicht war Daniel Binchy die beste Wahl, denn während seines Studiums hatte er drei Jahre in 223 Cornelius Duane wurde im April 1923 zum Nachfolger von Charles Bewley als irischer diplomatischer Vertreter in Deutschland ernannt. Er hatte diese Position bis November 1923 inne, bis die irische Gesandtschaft aufgrund der hohen finanziellen Belastung geschlossen wurde. Die Ursache lag in der damals in der Weimarer Republik herrschenden Hyperinflation und Duane konnte seinen Lebensunterhalt mit seinem Gehalt nicht mehr bestreiten, deshalb bat er um die Abberufung aus Berlin. Darren Kelly, „The Irish Free State’s first diplomats: jealousy, anti-Semitism and revenge“, History Ireland 1 Vol. 24 (Januar/Februar 2016): ohne Seitenzahl. [Online]. o. D.. URL: http://www. historyireland.com/volume-24/the-irish-free-states-first-diplomats-jealousy-anti-semitism-andrevenge/ [12.01.2018]; Documents on Irish Foreign Policy, Cornelius Duane an Jospeh P. Walshe, 13. November 1923, No. 162, DFA ES Box 34 File 241, NAI, Dublin. [Online]. o. D.. URL: http:// www.difp.ie/docs/Volume2/1923/498.htm [13.01.2018]. 224 Mervyn O’Driscoll, „Inter-war Irish-German Diplomacy, 76; Fischer, Deutschlandbild, 223ff. 225 Deutschland sah sich in dieser Zeit mit einer Hyperinflation konfrontiert, die im November 1923 ihren Höhepunkt erreichte und die ökonomische Leistungsfähigkeit enorm schwächte. Hanno Rieping, Ursachen der Hyperinflation (München: Grin Verlag, 2004), 1. 3 Frank Ryan und die irische Linke 62 München gelebt. Die irische Vertretung wurde schließlich im Juli 1930 in Berlin eingerichtet.226 Aus Sicht der damaligen irischen Regierung schien ihr Land für andere Staaten besonders wirtschaftlich interessant. Das irische Kabinett hoffte, durch die Zusammenarbeit mit dem Reich von dessen Leistungsfähigkeit ökonomisch zu profitieren. Allerdings musste vorher Aufklärungsarbeit geleistet werden, denn der irische Bürgerkrieg hatte die Weltöffentlichkeit schockiert und viele Länder, darunter auch Deutschland, zeigten sich skeptisch, ob sich die Lage im Land wirklich gefestigt hatte. Die Regierung in Dublin versuchte Berlin von der innenpolitischen Stabilität des Inselstaates zu überzeugen, indem sie deutlich machte, welchen Stellenwert der Staatsvertrag zwischen Irland und Großbritannien für das kleine Land hatte. Nach dem Abzug der britischen Streitkräfte und dem Ende des irischen Bürgerkriegs musste niemand mit weiteren militärischen Auseinandersetzungen rechnen, woraufhin sich die Lage im Land stabilisierte. Die große Mehrheit der irischen Öffentlichkeit befürwortete die Einigung mit Großbritannien, weshalb die Treaty-Gegner, während der Feindseligkeiten der Jahre 1921 und 1922, nur äußerst wenig Unterstützung aus der Bevölkerung erhalten hatten, was wiederum ein wesentlicher Grund für deren Niederlage im Bürgerkrieg gewesen war. Eben diese Punkte sollten die Diplomaten bei ihren Gesprächen und Treffen mit Vertretern der anderen Staaten deutlich zum Ausdruck bringen. Zusammen mit der politischen bildete die wirtschaftliche Autonomie den Kernpunkt der irischen Unabhängigkeitsbewegung. Zur Erlangung dieser wirtschaftlichen Autonomie sollten die technische Dominanz und die ökonomische Leistungsfähigkeit Deutschlands mittels einer Handelskooperation mit dem Deutschen Reich nutzbar gemacht werden. Irland war ein Agrarstaat, abgesehen von Bier und Whiskey bestand die Ausfuhr ausschließlich aus landwirtschaftlichen Produkten – Waren also, welche in der Regel in den Export nach Großbritannien gingen, nicht zuletzt aufgrund des kurzen Transportwegs. 75 Prozent der Importe nach Irland stammten aus dem Vereinigten Königreich. Der Freistaat hatte keine nennenswerte Industrie vorzuweisen. Es bestand besonders auf diesem Gebiet enormer Nachholbedarf und Veränderungen innerhalb der Wirtschaftspolitik waren dringend geboten. Um den industriellen Bereich zu entwickeln, setzte Dublin auf gute Handelsbeziehungen zu den Vereinigten Staaten und Deutschland.227 Im Gegensatz zu Irland aber war man in Berlin an der Fortentwicklung des guten Verhältnisses zu Großbritannien interessiert, welches die deutsche Politik nicht durch einen intensivierten Handel mit Irland zu gefährden beabsichtigte. Trotzdem sah man in Berlin die Möglichkeiten, die der sehr langsam wachsende industrielle Sektor des Freistaats bot und nutzte diese. Ungeachtet dieser wirtschaftspolitischen Zurückhaltung kooperierten deutsche und irische Firmen – beispielsweise beim Bau des Wasserkraftwerks Ardnacrusha am 226 Zusammenfassung des Berichts von Dehn-Schmidt, 12. Februar 1929; Bericht A8, Dehn-Schmidt an das Auswärtige Amt, 6. Februar 1929, Diplomatische und Konsularische Vertretungen Irlands in Deutschland, R 77515, PA, AA, Berlin; Fischer, Deutschlandbild, 223ff, 232f. 227 Christopher Sterzenbach, Die deutsch-irischen Beziehungen während der Weimarer Republik, 1918– 1933 – Politik – Wirtschaft – Kultur (Berlin: LIT Verlag, 2009), 232ff; Lee, Ireland, 69ff; Litton, Irish Civil War, 88. 3.1 Die politische Entwicklung Irlands im Spannungsfeld deutsch-irischer Beziehungen 63 Fluss Shannon. Angesichts der Marktchancen und unter Berücksichtigung der geringen Zahl an irischen Handelspartnern entwickelte sich die Weimarer Republik bald zum wichtigsten Kooperationspartner nach Großbritannien. Die Zusammenarbeit führte dazu, dass Firmen wie Siemens-Schuckert oder AEG Zweigstellen in Irland er- öffneten. Insgesamt erreichte der ökonomische Austausch zwischen Deutschland und dem Freistaat jedoch nie das Volumen des Handels zwischen Irland und dem Königreich. 1932 kam es in Irland zum Regierungswechsel. Damit änderten sich auch die au- ßenpolitischen Interessen. Der neue Regierungschef Eamon de Valera verfolgte das Ziel „(…) eine unabhängige, autarke und ländliche Republik aufzubauen, (…) [und] die vermeintlich heile, ländliche katholische Welt Irlands vor den zerstörerischen Kräften der Modernität, der Industrialisierung und dem damit einhergehenden Materialismus (…)“228 zu schützen. Die Deutschen beurteilten den Regierungswechsel in Dublin kritisch, de Valeras Bemühungen, sich aus der Abhängigkeit Großbritanniens zu lösen, wurden in Berlin mit Skepsis aufgenommen. Der deutsche Vertreter in Dublin kritisierte insbesondere die politischen Forderungen des Taoiseach und erwartete, dass die politischen Realitäten den neuen irischen Staatschef bald einholen und ihn zum Einlenken im Konflikt mit England bewegen würden. Die Verbindungen von Fianna Fáil zu linksrepublikanischen Kreisen sah Dehn-Schmidt durchaus als problematisch an. In seinen Augen war es ein Fehler gewesen, die Maßnahmen der Cosgrave-Regierung auszusetzen. Damit spielte der deutsche Diplomat vor allem darauf an, dass de Valera die Aktivitäten der Irish Republican Army nicht eindämmte, sondern deren Aktionen vielmehr duldete. Der Bericht des deutschen Diplomaten verwies noch auf weitere Auswirkungen für Deutschland, die mit dem Regierungswechsel in Dublin in Verbindung standen. Das gute deutsch-irische Verhältnis verbesserte sich unter dem neuen Kabinett noch weiter, denn de Valera betonte bereits im ersten Gespräch mit dem deutschen Vertreter, dass die irische Regierung hoffe, die Beziehungen weiter auszubauen und dies insbesondere in ökonomischer Hinsicht. Zwar war Berlin angesichts der politischen Ziele de Valeras skeptisch, aber die deutschen Regierungskreise nahmen an, dass die Wirklichkeit de Valeras politische Ambitionen ganz von selbst modifizieren würde. Deshalb gab es keinen Grund, die wirtschaftlichen Beziehungen nicht weiter auszubauen und bisher hatte die positive Stimmung den Firmen gute Geschäfte in Irland beschert. Der Machtwechsel in Dublin brachte auch personelle Veränderungen mit sich. Der irische Gesandte in Berlin, Daniel Binchy, der diese Position von 1929 bis 1932 innehatte, kehrte dem diplomatischen Dienst den Rücken, um sich wieder voll und ganz der Lehre zu widmen. Die Geschäfte übernahm übergangsweise Leo T. McCauley229 – ein personalpolitischer Schritt, mit dem de Valera deutlich machte, dass er an den diplomatischen Beziehun- 228 Fischer, Deutschlandbild, 214, 235, 237. 229 Leo T. McCauley wurde 1895 in Derry geboren und studierte am St. Columb’s College sowie am University College Dublin. Nach seinem Examen auf dem Gebiet der Rechtswissenschaften arbeitete er kurze Zeit als Rechtsanwalt bevor er für das neu gegründete Finanzministerium tätig wurde. 1929 wechselte er ins irische Außenministerium und bekleidete bis zu seinem Ausscheiden aus dem diplomatischen Dienst im Jahr 1962 mehrere Positionen als irischer Geschäftsträger und Botschaf- 3 Frank Ryan und die irische Linke 64 gen zu Berlin festhielt. McCauleys Tätigkeit endete aber bereits im Dezember des Jahres 1932, als dieser nach Dublin zurückkehrte. Offiziell blieb er bis Mitte des Jahres 1933 im Amt und wurde dann an die irische Botschaft am Heiligen Stuhl in Rom berufen. Seine Vertretung übernahm im Juli 1933 der First Secretary Colman O’Donovan, der sich als Kenner der irischen Wirtschaft insbesondere um die deutsch-irischen Handelsbeziehungen kümmern sollte.230 Die Machtübernahme durch die NSDAP im Januar 1933 trübte die deutschfreundliche Stimmung in Irland nicht im Geringsten. Zum Teil war dies auf die bestehenden Parallelen zwischen beiden Ländern zurückzuführen. Sowohl Deutschland als auch der Freistaat litten sehr unter der Weltwirtschaftskrise und beide Länder kämpften gegen ein als ungerecht empfundenes Vertragswerk, dem Treaty auf irischer Seite und dem Versailler Vertrag auf deutscher Seite. Eine weitere Parallele zwischen beiden Staaten war die von außen auferlegte Abtrennung von Landesteilen. In Irland handelte es sich dabei um die sechs Ulster-Provinzen, was Deutschland betraf, beispielsweise die Gebiete Ostoberschlesien und den polnischen Korridor. Sowohl auf der Insel als auch im Deutschen Reich profitierten die Regierenden „(…) von einer Welle nationaler Selbstfindung und gesteigerten [sic] Patriotismus’. Auch in Irland gab es wegen der Betonung der ‚Irish race‘ gewisse rassenpolitische Ansätze; in beiden Ländern wurde das nationale Erbe und die Höherwertigkeit der eigenen Rasse betont.“231 Dies hoffte Dublin genauso wie Berlin für einen Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen nutzen zu können, und die Berichte des deutschen Gesandten in der irischen Hauptstadt wiesen tatsächlich auf gewisse Sympathien für Deutschland innerhalb der irischen Bevölkerung hin. Dehn-Schmidt wies in seinem Bericht über die „Stimmung und Propaganda im Irischen Freistaat“ darauf hin, dass die irische Öffentlichkeit die Meinung mit der deutschen Bevölkerung teile, die den Versailler Verter. Er folgte Daniel Binchy 1929 als Geschäftsträger in Berlin und wurde 1933 an die diplomatische Vertretung am Heiligen Stuhl berufen. Michael McMonagle, „The Derry man who watched the rise of Hitler“, Derry Journal, 20. April 2012. [Online]. o. D., URL: http://www.derryjournal.com/news/ the-derry-man-who-watched-the-rise-of-hitler-1-3754994 [15.09.2016]. 230 Horst Dickel, Die deutsche Außenpolitik und die irische Frage von 1932 bis 1944 (Wiesbaden: Steiner Verlag, 1983), 19f; Bericht A6, Dehn-Schmidt an das Auswärtige Amt, 3. Februar 1933, Abteilung III, Jahresbericht der deutschen Auslandsbehörden, R 90493, PA, AA, Berlin; Bericht ohne Absender, 26. Februar 1932, Bericht Dehn-Schmidt an Herrn Dieckhoff, 4. März 1932, Bericht ohne Absender, 9. April 1932, Schreiben der Irish Legation an das Auswärtige Amt, 17. Dezember 1932, Diplomatische und Konsularische Vertretungen Irlands in Deutschland, R 77515, PA, AA, Berlin. Colman O’Donovan wurde am 25. November 1893 geboren. Nach seinem Studium der Volkswirtschaftslehre in Glasgow und Dublin trat er in den Dienst des irischen Freistaats. Zunächst wurde er als stellvertretender Handelskommissar in Brüssel und später im Ministerium für Industrie und Handel in Dublin eingesetzt. Im Dezember 1930 wechselte O’Donovan in den diplomatischen Dienst und war, vor seiner Tätigkeit in Berlin, als Legationssekretär an der Gesandtschaft in Washington tätig. Bericht B 735 Dehn-Schmidt an das Auswärtige Amt in Berlin, 10. Juli 1933, Diplomatische und Konsularische Vertretungen Irlands in Deutschland, R 77515, PA, AA, Berlin. 231 Trotz der Verwendung des Begriffs „Irish Race“ deckte sich das irische Verständnis der Bezeichnung „race“ nicht mit dem in Deutschland zu dieser Zeit vorherrschendem Antisemitismus. Das Ziel der irischen Nationalisten war die Gründung einer Nation, „(…) that was Gaelic, Catholic, rural and agricultural.“ Nelson, Irish Nationalists and the Making of the Irish Race, 145; Fischer, Deutschlandbild, 384f. 3.1 Die politische Entwicklung Irlands im Spannungsfeld deutsch-irischer Beziehungen 65 trag als zu starke Belastung für das Reich empfand. In Irland hatte man Verständnis dafür, dass Berlin versuchte, sich des restriktiven Friedensvertrages zu entledigen und die politischen Verhältnisse in Deutschland neu zu ordnen.232 Trotz seines persönlichen Verständnisses für die subjektiv empfundene Härte, die der Versailler Vertrag dem Deutschen Reich auferlegt hatte, konnte de Valera dem Nationalsozialismus wenig Positives abgewinnen. Seine Außenpolitik gegenüber Deutschland war deshalb von Pragmatismus geprägt. Der Politiker orientierte sich daran, was die jeweilige Situation an Maßnahmen erforderte und leitete diese ein. Dabei behielt de Valera immer die Beziehungen zu Großbritannien im Auge, was wiederum Einfluss auf die Verbindungen zum Deutschen Reich hatte. Das Ziel des Taoiseach bestand in erster Linie darin, die Probleme zwischen Irland und Großbritannien zu lösen. Deshalb gab es im Hinblick auf die Deutschlandpolitik keine wirklich erkennbare Strategie. Vielmehr nutzte de Valera die Beziehungen zu Berlin, um sich bei Verhandlungen mit London Vorteile zu verschaffen.233 Mit der Machtübernahme der NSDAP in Deutschland kam wieder ein neuer Gesandter nach Berlin. Im Protokoll des Auswärtigen Amtes (AA) vom 31. August 1933 findet sich eine Notiz mit dem Hinweis, dass Charles Bewley zum diplomatischen Vertreter Irlands in Berlin berufen worden sei.234 Als Konsul für den wechselseitigen Handel war Bewley von 1921 bis 1923 in der Berliner Vertretung beschäftigt gewesen, und hatte während dieser Tätigkeit Erfahrungen im diplomatischen Dienst gesammelt. Der Gesandte empfand den neuen faschistischen Staat als Gegenentwurf zum britisch geprägten Parlamentarismus und entwickelte im Verlauf seiner Arbeit in Berlin Sympathien für das nationalsozialistische Regime. Er zeigte viel Interesse an den Ideen und nahm, ohne offizielle Genehmigung aus Irland und zum Missfallen vieler westlicher Demokratien, an den jährlich in Nürnberg stattfindenden Parteiveranstaltungen teil. Trotz de Valeras Bedenken bezüglich Deutschlands und speziell hinsichtlich des Verhältnisses der deutschen Regierung zur katholischen Kirche und zu religiösen Minderheiten235 war Dublin weiterhin an guten wirtschaftlichen Beziehungen zum Reich interessiert. Man stellte Bewley sogar einen weiteren Mitarbeiter zur Seite: Colman O’Donovan. Der studierte Volkswirt sollte sich als Legationssekretär in erster Linie um den Ausbau der irisch-deutschen Handelsbeziehungen kümmern.236 In der Zeit nach der Machtergreifung 1933 waren Berlins Interessen am irischen Freistaat zum einen darauf ausgerichtet, die Iren gegen Großbritannien einzusetzen 232 Bericht B 512 „Stimmung und Propaganda im Irischen Freistaat.“, Dehn-Schmidt an das Auswärtige Amt, 15. August 1933, Bd. 2, Abteilung III, Politische Beziehungen zwischen Irland und Deutschland, R 77500, PA, AA, Berlin. 233 Fischer, Deutschlandbild, 384f. 234 Notiz (Protokoll) des Auswärtigen Amtes, 31. August 1933, Diplomatische und Konsularische Vertretungen Irlands in Deutschland, R 77515, PA, AA, Berlin. 235 Andreas Roth, Mr Bewley in Berlin – Aspects of the Career of an Irish Diplomat, 1933–1939 (Dublin: Four Courts Press, 2000), 12, 14, 23; Dickel, deutsche Außenpolitik, 35; Dermot Keogh, Ireland and Europe 1919–1948 (Dublin: Gill and Macmillan, 1988), 54; O’Driscoll, „Inter-war Irish-German Diplomacy“, 83. 236 Bericht B 735, Dehn-Schmidt an das Auswärtige Amt, 10. Juli 1933, Diplomatische Vertretungen, R 77515, PA, AA, Berlin. 3 Frank Ryan und die irische Linke 66 und zum anderen waren sie wirtschaftlicher Natur, vor allem was den Export deutscher Produkte nach Irland anbelangte. Umgekehrt gestaltete sich dies nicht so einfach. Das kleine Land hatte praktisch keine Möglichkeiten, dem Deutschen Reich Waren zu verkaufen, da die neue Regierung in Deutschland Preise und Zölle geändert und zusätzliche handelspolitische Regelungen, insbesondere die Maßnahmen zum Schutz des Binnenagrarmarktes erlassen hatte, die Irland in besonderem Maß trafen. Irland konnte beispielsweise keine Eier mehr nach Deutschland exportieren, weil ein Abkommen vorsah, dass dies nur noch Ländern gestattet war, die in der Zeit von Mai bis Dezember 1932 diese Produkte nach Deutschland geliefert hatten.237 Dublin wollte sich damit jedoch nicht abfinden. Für das Jahr 1934 plante man, deutlich mehr landwirtschaftliche Produkte auszuführen. Den Weg dazu ebnen sollten lukrative Aufträge, die an deutsche Firmen vergeben wurden, sowie spezielle vertragliche Vereinbarungen. Dehn-Schmidt mahnte bei den Verantwortlichen im Auswärtigen Amt allerdings an, die getroffenen Absprachen auch einzuhalten, da man sonst Gefahr liefe, die freundschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Staaten zu stören.238 Trotz einer gewissen Annäherung der beiden Handelspartner bestanden weiterhin unterschiedliche Interessen. „Während es den Iren vor allem darum ging, im Rahmen eines allgemeinen Handelsabkommens möglichst hohe Ausfuhrkontingente durchzusetzen und die Handelsbilanz zu verbessern, war die deutsche Seite nach wie vor an einem vertragslosen Zustand neben gelegentlichen günstigen Kompensationsgeschäften interessiert.“ Bis 1936 gab es in den wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Irland und Deutschland keine wesentlichen Änderungen. Das oberste Ziel der neuen deutschen Regierung war es, die positiven und unbelasteten Beziehungen zu Großbritannien nicht zu gefährden.239 Die neue politische Ordnung der Regierung de Valeras hatte großen Einfluss auf die irische Untergrundarmee. Für Ryan bedeutete dies, dass sich die Spannungen zwischen ihm und der Armeeführung weiter verschärften. Ryan politische Ambitionen und deren Hintergrund werden im folgenden Kapitel dargestellt. Frank Ryan im Spannungsfeld der politischen Kräfte – Die Transformation der Irish Republican Army Die politischen Aktivitäten Frank Ryans in den Jahren 1923–1934 Schon früh wurden Frank Ryans politische Ambitionen deutlich. Die Teilnahme am Anti-Imperialist Congress in Brüssel im Dezember des Jahres 1927240 hatte bei ihm einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Insbesondere der Kontakt zu anderen Dele- 3.2 3.2.1 237 Dickel, deutsche Außenpolitik, 30f. 238 Politischer Jahresbericht A1, Dehn-Schmidt an das Auswärtige Amt, 29. Januar 1935, Diplomatische Vertretungen, R 77515, PA, AA, Berlin. 239 Dickel, deutsche Außenpolitik, 38, 43. 240 Es ist nicht geklärt, ob Ryan an mehreren Kongressen teilnahm. Rosamond Jacob ist sich sicher, dass er im Jahre 1927 als Delegierter nach Brüssel reiste. Bericht „Proinnsias O Riain“, R. Jacob, o. D., 3.2 Frank Ryan im Spannungsfeld der politischen Kräfte – Die Transformation der Irish Republican Army 67 gierten und die Vorträge waren für ihn außerordentlich interessant. Ryan, Vertreter der Irish Republican Army, präsentierte sich zum ersten Mal als Redner auf dem internationalen politischen Parkett.241 Mit einem leidenschaftlichen Vortrag, den er vor einer Vielzahl an Vertretern anti-imperialistischer Organisationen aus Asien und Afrika, aber auch Europa hielt, beeindruckte er sein Publikum. Der Einfluss, den diese Erfahrung auf den jungen Mann hatte, war weitreichend: Mit dem tiefen Erlebnis der Teilnahme am Kongress „Frank Ryan had identified that Ireland’s role, or Ireland’s struggle for independence was part of the world’s struggle of subject nations and oppressed peoples.“242 Sein Interesse an der Integration der irischen Situation in einen globalen Kontext war mittlerweile so gewachsen, dass er auch für die Anti-Imperialist League tätig wurde, deren Arbeit allerdings bereits im April 1930 wieder endete. Der Kongress muss zudem als ausschlaggebend für den Linksruck in Frank Ryans politischen Ansichten erachtet werden.243 Überdies inspirierten ihn Arbeiten der beiden Anführer des Osteraufstandes, James Connolly und Patrick Pearse, die seiner Meinung nach beide das gleiche Ideal vertraten.244 Connolly, Sohn irischer Auswanderer, kam im Jahr 1868 in Edinburgh zur Welt. Nach seinem Militärdienst, den er zeitweise in Irland abgeleistet hatte, arbeitete er in seiner Heimatstadt als Fuhrmann für die Edinburgh Corporation. In dieser Zeit erstarkten die Linken und die Arbeiterbewegung in Form militanter Gewerkschaften, was den jungen Connolly sehr beeinflusste. Das Interesse an der irisch-nationalen Bewegung ging auf den Einfluss seines Onkels, einem Anhänger der Fenians,245 zurück. Die eigenen Erfahrungen als Angehöriger der Arbeiterklasse machten ihn empfänglich für das Gedankengut der politischen Linken. Intensiv befasste er sich mit den Arbeiten Karl Marx’, die für Connolly bald zu einer Art Bibel wurden. Er setzte sich im Laufe seines Lebens intensiv für Ziele die Arbeiterbewegung ein,246 mit dem Ziel, sozialistisches Gedan- RJP, MS 33,132, NLI, Dublin. Cronin hingegen schreibt, dass Ryan der Veranstaltung in Paris beiwohnte. Cronin, Frank Ryan, 24. 241 Bericht „Proinnsias O Riain“, R. Jacob, o. D., RJP, MS 33,132, NLI, Dublin. 242 Cronin, Frank Ryan, 24; Joe Little, RTÉ Radiointerview mit Peadar O’Donnell, „Peadar O’Donnell Recalls Fellow Activist Frank Ryan 1979“, Day By Day – 22. Juni 1979 – RTÉ Archives. [Online]. o. D.. URL: http://www.rte.ie/archives/2016/1208/837458-frank-ryan-an-irishman-in-spain/ [05.01.2018]. 243 Einige seiner alten Freunde hingegen sahen dies laut Michael McInerney anders: „They claim that in his twenties he was not interested in social theories. Their theory is that his quite extraordinary, genuine generosity made him a natural socialist – and also a natural romantic.“ Brief Michael Mc- Inerney an Tom Jones, 27. Januar 1975, D/JO/64, FROH, United Kingdom. 244 Vertraulicher Bericht über revolutionäre Organisationen, 4. April 1930, Ernest Blythe Papers, P 24/169, UCDA, Dublin; Bericht „Proinnsias O Riain“ R. Jacob, o. D., RJP, MS 33,132, NLI, Dublin; English, Radicals and the Republic, 12. 245 Der Begriff „Fenians“ steht für eine revolutionäre und republikanische Bewegung, die in Irland ab Mitte der 1850er Jahre bis zum Ende des 1. Weltkriegs aktiv war. Unter den Anhängern befanden sich in Irland vor allem Mitglieder der Irish Republican Brotherhood und des Clan na Gael in den USA. Dieses Wort geht zum Teil auf das altirische Wort „féne“ zurück, dem Namen der ursprünglichen Einwohner der Insel. M. J. Kelly, The Fenian Ideal and Irish Nationalism (Woodbridge: The Boydell Press, 2006), 1; Oxford Dictionaries, Fenian, ohne Autor. [Online]. o. D.. URL: http://www. oxforddictionaries.com/definition/english/fenian [30.05.2016]. 246 Desmond Ryan, „James Connolly“, Leaders and Workers, Hrsg., Boyle, J. W., (Cork: The Mercier Press, 1962), 67ff. 3 Frank Ryan und die irische Linke 68 kengut im nationalen Denken zu verankern. Connolly hatte erkannt, dass sozialistische Bestrebungen im Land nur erfolgreich waren, wenn die nationale Tradition Irlands in den Kampf für Unabhängigkeit integriert wurde.247 Eine der wahrscheinlich größten Leistungen Connollys als sozialistischer Revolutionär war es – besonders im Vorfeld des Osteraufstands von 1916, die irische Arbeiterbewegung beziehungsweise deren militanten Teil so zu lenken, dass sie als Vorreiter der nationalen Bestrebungen fungierte.248 Abbildung 4 – Frank Ryan bei einer Rede in College Green, Dublin nach seiner Haftentlassung aus dem Arbour Hill Gefängnis Quelle: Rosamond Jacob Papers, MS 33,131, NLI, Dublin Patrick Pearse hingegen stärkte Ryans Interesse an der irischen Kultur und Sprache. Pearse, gebürtiger Ire, war seit frühester Kindheit am kulturellen Erbe seines Landes interessiert. Seine Mutter stammte aus dem Westen Irlands, weshalb Patrick Pearse mit der irischen Sprache aufwuchs. Zudem war sein Großvater Mitglied der Irish Republican Brotherhood, weshalb Pearse schon früh mit dem republikanischen Gedankengut in Berührung kam. In späteren Jahren setzte er sich sehr für die irische Kultur 247 Helga Woggon, Integrativer Sozialismus und nationale Befreiung – Politik und Wirkungsgeschichte James Connollys in Irland (Göttingen: Vandenboeck & Ruprecht, 1990), 30. 248 W. K. Anderson, James Connolly and the Irish Left (Blackrock: Irish Academic Press, 1994), 149. 3.2 Frank Ryan im Spannungsfeld der politischen Kräfte – Die Transformation der Irish Republican Army 69 und Sprache ein, war selbst Mitglied der Gaelic League und gründete im Jahr 1908 die St. Enda’s School in Dublin. Auch hier legte Pearse viel Wert auf den Erhalt der alten irischen Sprache, Kultur und Tradition, insbesondere in sportlicher Hinsicht. Er ermutigte seine Schüler die traditionellen Sportarten auszuüben, wie Gaelic Football oder Hurling. Auch politische engagierte sich Patrick Pearse. Er war Mitglied der Irish Volunteers und trat 1914 der Irish Republican Brotherhood bei. Obwohl er ursprünglich vehement die irische „Home Rule“ vertrat, unterstützte er Sinn Féin und kämpfte im Osteraufstand 1916 als Kommandant der Aufständischen gegen die britische Herrschaft über Irland. Zudem verfasste er die entsprechende Proklamation der irischen Republik. Pearse war es auch, der nach sechs Tagen den Befehl an alle Aufständischen gab, sich zu ergeben. Nach seiner Festnahme durch die Briten wurde er zum Tode verurteilt und durch ein Erschießungskommando exekutiert. Pearse wurde nach seinem Tod insbesondere für seine Lyrik und seine Prosa bekannt, in denen er Militarismus mit heldenhafter Selbstaufopferung gleichstellte. Aber auch James Finton Lalor hatte Einfluss auf Ryans Denken.249 Lalor, der Sohn eines Gentleman Farmers250 im County Laois, befasste sich Mitte des 19. Jahrhunderts mit der irischen Landfrage. Im Gegensatz zu den meisten seiner Zeitgenossen sah Lalor das Mittel der Gebietsreform als entscheidenden Faktor zur Erlangung einer unabhängigen irischen Nation und nicht, wie viele seiner Landsleute, die Aufhebung des Act of Union, der Vereinigung der Königreiche Großbritannien und Irland zum Vereinigten Königreich Großbritannien und Irland. Seiner Forderung entsprechend sollte das Territorium dem irischen Volk übertragen werden, sodass man dieses zwar Grundbesitzern zuteilen konnte, dabei aber verhinderte, dass diese Flächen verpachteten. Lalors Ansätze und Thesen fanden sich auch in Connollys Werken wieder.251 Auswirkungen auf Ryans politischen Ansichten hatte aber auch ein Ereignis in seinem Heimatdorf: 1920 bestreikten Arbeiter in Knocklong, County Limerick, die örtliche Molkerei unter der 249 Sean Farrell Moran, Patrick Pearse and the Politics of Redemption – The Mind of the Easter Rising, 1916 (Washington D. C.: The Catholic University of America Press, 1994), 1ff 22ff, 38, 54f, 75, 82f; Ruth Dudley Edwards, Patrick Pearse – The Triumph of Failure (Dublin: Pooleg Press Ltd, 1990), 1ff, 6ff, 15f, 23ff, 113ff, 152ff, 155ff, 159ff, 170f, 173, 274ff, 311ff, 335ff; Joost Augusteijn, Patrick Pearse: The Making of a Revolutionary (Houndsmills: Palgrave Macmillan, 2010), 146, 164f; Ronan McGreevy, „1916 courts martial and executions: Patrick Pearse“, The Irish Times, 3. Mai 2016. [Online]. o. D.. URL: https://www.irishtimes.com/culture/heritage/1916-courts-martial-and-executionspatrick-pearse-1.2631146 [01.03.2020]; McGarry, Frank Ryan, 12. 250 Eine „Gentleman’s Farm“ ist ein sehr kleiner landwirtschaftlicher Betrieb, dessen Bewirtschaftung nicht dazu dient, den Lebensunterhalt zu sichern, sondern vielmehr als Freizeitbeschäftigung zu verstehen ist. Dictionary.com – gentleman farmer. [Online]. o. D.. URL: http://dictionary.reference. com/browse/gentleman+farmer [03.07.2015]. 251 David N. Buckley, James Fintan Lalor: Radical (Cork: Cork University Press, 1990), 10; J. H. Whyte, „The Age of Daniel O’Connell (1800–47)“, The Course of Irish History, Hrsg., T. W. Moody und F. X. Martin (Dublin: Mercier Press, 1994), 262; Prof. Dr. Gottfried Niedhart und Dr. Cornelia Witz, „Industrielle Revolution und Imperialismus (1730/89- 1914)“, England – Geschichte von Großbritannien und Irland zum Nachschlagen, Hrsg., Cornelia Witz (Freiburg: Ploetz, 1991), 112f; Thomas P. O’Neill, „James Fintan Lalor“, Leaders and Workers, Hrsg., J. W. Boyle (Cork: The Mercier Press, 1962), 37ff; Buckley, Lalor, 5. 3 Frank Ryan und die irische Linke 70 Parole „We make butter, not profits.“252 Die Arbeitsniederlegung wurde durch die Gründung eines sogenannten Sowjet, eines Organes zur Selbstverwaltung nach russischem Vorbild, beigelegt. Das örtliche Trade Council verwaltete den Ort im Mai 1920 einige Wochen lang, gab Bezugsscheine an die Bevölkerung aus und bestimmte über die Produktionsmittel. Obwohl Ryan sich zum Zeitpunkt des Streiks am College in Fermoy befand, war er über die Entwicklungen in seinem Heimatort informiert. Erfahrungen und Einflüsse dieser Art prägten den jungen Ryan. Nach de Valeras Bruch mit der IRA und der daraus resultierenden Gründung der Fianna Fáil-Partei erhielt Ryan Angebote, politisch tätig zu werden. Zwar wirkte die Aussicht auf eine einflussreiche Position und finanzielle Unabhängigkeit verlockend, dennoch lehnte er ab. Er war noch nicht bereit, der Untergrundarmee den Rücken zu kehren. Ryan sah deutlich, dass die neue Partei mit ihrer Politik den bestehenden sozialen Missständen und deren Folgeerscheinungen, der Armut, den schlechten Wohnbedingungen, der Arbeitslosigkeit und den anhaltendend hohen Emigrationszahlen, nicht Herr werden würde. Er zweifelte überdies daran, dass diese Themen überhaupt ernsthaft angegangen werden würden. All dies bestärkte ihn in seiner politischen Haltung, seinem republikanischen Sozialismus. Zusammen mit Peadar O’Donnell begann er, den linken Flügel innerhalb der Irish Republican Army zu etablieren. Ryan und sein Mitstreiter hofften, dass eine gesamtirische Untergrundarmee aufgebaut werden könnte, wenn man nur eine gemeinsame Basis mit den protestantischen Arbeitern fände. Ryan und O’Donnell waren überzeugt, dass dies dann gelänge, wenn soziale Themen, darunter die Landaufteilung, Wohnungen, Arbeitsplätze, Sicherheit, Verbesserung der Bildung und Altersvorsorge, in den Fokus rückten. Entgegen seiner früheren Einstellung versuchte Ryan nun sogar, die Armeeführung davon zu überzeugen, zukünftig weniger auf die Gewaltstrategie zu setzen, als vielmehr politisch aktiv zu werden und sich ein soziales und revolutionäres Profil zuzulegen. Seine Gedanken, seine Einschätzungen und seine Kritik an der irischen Politik diskutierte er mit Freunden und Bekannten. Seiner Freundin Rosamond Jacob gegenüber äußerte er sich zu den bevorstehenden Parlamentswahlen. Ryan vertrat die Ansicht, dass Irland weniger Reden über Connolly benötigte, sondern vielmehr die Umsetzung von dessen Ideen, was dem Journalisten weitaus bedeutsamer erschien. Dabei sollten sozialistische Elemente mit dem nationalen Ansatz und physischer Gewalt kombiniert werden. Jedoch fürchtete Ryan, dass der Urnengang des Jahres 1927 in dieser Hinsicht wieder keine Veränderung bringen würde.253 Obgleich Ryan als IRA-Anhänger zu dieser Zeit noch nicht daran glaubte, dass es der Politik gelingen könnte, eine gesamt-irische Republik zu gründen, weil die richtigen Ansätze fehlten, so war er doch sehr an den Parlamentswahlen interessiert und kommentierte diese auch. Dem Referendum des Jahres 1927 kam insofern große Bedeutung zu, als sich die neue Partei Fianna Fáil zum ersten Mal zur Wahl stellte. „I do 252 Donal Nevin, „Radical Movements in the Twenties and Thirties“, Secret Societies in Ireland, Hrsg., T. Desmond Williams (Dublin: Gill and Macmillan, 1973), 167. 253 Coogan, Ireland since the Rising, 73; McInerney, „The Enigma of Frank Ryan“, 26; McGarry, Frank Ryan, 12. 3.2 Frank Ryan im Spannungsfeld der politischen Kräfte – Die Transformation der Irish Republican Army 71 believe in voting against Cumann na nGaedheal. But I believe more in reminding friend and foe that no party in the political arena stands for the enforcement of the full programme of Lalor and Connolly – and that programme is more important than any other I know of.“254 Zwar befürwortete Ryan den Regierungswechsel, war sich aber auch dessen bewusst, dass das von ihm geforderte Programm durch de Valera nie umgesetzt werden würde. Ryan musste deshalb noch intensiver daran arbeiten, die verbliebenen Verfechter der irischen Revolution zu einen, um so dafür zu sorgen, dass die Ideen Connollys und Lalors nicht vollkommen in Vergessenheit gerieten. Au- ßerdem war er überzeugt, dass de Valeras Politik nur zu einem besseren irischen Freistaat führen würde. Denn Ryan war sicher, dass nicht genügend Abgeordnete der Fianna Fáil ins Parlament einziehen konnten, um die Gründung der Republik tatsächlich durchzusetzen. Seiner Meinung nach fehle der Partei der Wille zur Mehrheitspartei: „Fianna Fáil doesn’t want to be the majority party. It contents itself with a future alliance with Labour.“ Aus diesem Grund fiel es Ryan schwer, sich für Cosgraves Cumann na nGaedheal oder Fianna Fáil unter der Führung de Valeras zu entscheiden. „(…) I was never so disgusted with talk. I read the rival advertisements in the paper, that’s all. Of course, I want to see Cosgrave beaten, but the price we’re paying for that is degrading. Fianna Fáils policy is futile. It can never give us more than a better free state – until it gets 130 or 140 deputies elected. That’ll be NEVER.“ Seinen Ärger über die schwierige politische Lage seines Landes bringt er in einem Brief an Rosamond Jacob zum Ausdruck: „I feel so mad about them that I want to wear a red shirt and bomb politicians of all degrees. (…) I’ve only one use for our 153 deputies: if I could I’d gather ’em all up and scrap them for 153 pieces of artillery – or even 3, if I got them. Then I’d live happily ever after.“255 Auch in seiner Arbeit ließ sich die Veränderung seiner persönlichen Einstellung zur Gewaltstrategie der IRA erkennen: Handelten die ersten journalistischen Beiträge oft davon, dass Gewalt ein probates Mittel des Kampfes sei, so konzentrierten sich spätere Artikel ausschließlich auf politische Aspekte. Frank Ryan übte nicht nur Kritik an der Politik, er äußerte sich auch missbilligend über die Rolle der Kirche. Er lehnte alle weiteren Religionsgemeinschaften, wie beispielsweise Protestanten, Presbyterianer, Methodisten oder Juden256, ab und kritisierte gleichzeitig den politischen Einfluss der katholischen Obrigkeit in Irland aufs Schärfste. Obwohl er selbst praktizierender Katholik war, hatte er eine recht zwiespältige Einstellung, was die religiösen und politischen Ziele der katholischen Kirche in Irland anbelangte. „(…) [Ryan had an] absolute willingness to stand against the Catholic Church in the area of politics; a republican enthusiastically committed to the use of physical force, he was opposed to 254 Brief Frank Ryan an Rosamond Jacob, o. D., RJP, MS 33,130, NLI, Dublin. 255 Ibid. 256 Die Daten stammen aus dem Jahr 1926. Die nächste Volkszählung mit Erfassung der Religionszugehörigkeit erfolgte 10 Jahre später, im Jahr 1936. Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland, Religiöse und Nicht-Religiöse in Irland, 12. Januar 2017. [Online]. o. D.. URL: https://fowid.de /sites/default/files/download/irland-religionszugehoerigkeiten_1881-2011.pdf [25.02.2020]. 3 Frank Ryan und die irische Linke 72 the influence of the Catholic Church on politics.“257 Es fiel ihm deshalb auch nicht schwer, zwischen seiner eigenen religiösen Einstellung zur Kirche und den politischen Ansichten der irischen Geistlichkeit zu unterscheiden. Deshalb empfand er eine strikte Trennung zwischen Republikanismus und Katholizismus als Notwendigkeit: „‚Sectarianism was one of the greatest curses. Unless it were eliminated, the struggle would not succeed. The struggle in which they were engaged was one between Republicanism and Imperialism, the religion – or even lack of religion – of the participants on either side did not matter.“ Das Argument der Geistlichkeit, dass die alljährlichen stattfindenden Fahrten zum Grab von Tone Wolfe in Bodenstown einer Pilgerfahrt glichen, ließ Ryan nicht gelten: „We’ll have no damn prayers here.“ lautete seine Antwort.258 Gegenüber seiner Freundin Rosamond Jacob gab Ryan zu, dass er „‚w[ould] like to disbelieve in God but couldn’t.‘“ Diese Einstellung zu Gott und zur Kirche bestätigte auch sein Freund, der bekannte Schriftsteller Seán O’Casey: „Frank never needed, to my knowledge, to be reconciled to the Church. He was almost born Catholic, too; certainly one from the day of his baptism. One in theory and as well as practice.“ O’Casey schreibt auch über ein Streitgespräch zwischen Frank Ryan und Jack Carney, Repräsentant der Dominion Press Amalgamation: „As usual when Presbyterian [Carney] and Catholic [Ryan] get together, provided they be Irish, an argument arose about religion, and Frank defended very sincerely and very cleverly the faith that was in him. It was quite evident to me that the lad was a Catholic well versed in his Faith, and very astute in putting forth points in its favour.“259 Seine persönliche Einstellung hielt ihn trotzdem nicht davon ab, anlässlich der 100-Jahr-Feier der katholischen Emanzipation 1929 ein Pamphlet zu verfassen. Darin mahnte er die strikte Trennung des Katholizismus von den irischen Unabhängigkeitsbestrebungen an. „I who am an Irishman and a Catholic resent the mingling of religion and politics. In common with all decent-minded men I abhor sectarianism.“260 Frank Ryan nahm den Kampf für eine gesamt-irische Republik sehr ernst. Neben seiner journalistischen Arbeit und dem Engagement in der Irish Republican Army unterstützte er andere Mitglieder der Untergrundarmee, die aufgrund ihres republikanischen Hintergrunds in berufliche Schwierigkeiten geraten waren. Während der Amtszeit der Cosgrave-Regierung galten derartige Vorgänge als alltäglich. Viele Unternehmen reagierten sofort, wenn Mitarbeiter, weil sie mit der IRA sympathisierten, in Haft gerieten. Meistens wurden Republikaner unter solchen Umständen umgehend entlassen. Dies war aber nicht allein das Ergebnis der Cumann na nGaedheal-Politik. Mit der Gründung des irischen Freistaates hatte die republikanische Bewegung den Rückhalt in der Bevölkerung verloren, mehr noch, Kontakte zu republikanischen Kreisen wurden misstrauisch beobachtet. Ryan und seine Mitstreiter wollten dieser 257 Leeann Lane, Rosamond Jacob – Third Person Singular (Dublin: University College Dublin Press, 2010), 174. 258 McGarry, Frank Ryan, 13f. 259 Brief Seán O’Casey an den Editor der Irish Times, 2. April 1952, Seán O’Casey Papers (OCP), MS 38,025/1, NLI, Dublin. 260 McInerney, „The Swing to the Left“, 14. 3.2 Frank Ryan im Spannungsfeld der politischen Kräfte – Die Transformation der Irish Republican Army 73 Entwicklung etwas entgegensetzten und gründeten deshalb im März des Jahres 1929 ein Komitee, das für die Rechte von Arbeitnehmern eintrat. Dessen Aufgabe bestand nun darin, Unternehmensverantwortliche zu stellen und mit ihnen die Hintergründe der drohenden beziehungsweise bereits ausgesprochenen Kündigung zu erörtern. Dabei sollte der Presse eine besondere Rolle zukommen. Die Aufgabe der Helfer bestand somit darin, „(…) to interview the Editors of the ‚Independent‘ and ‚Times‘ respectively, and to call their attention to the conspiracy of violence in which they are so ably assisting. (…) The truth is, as I know, that both editors have orders to refrain from publishing news or comments on the arrests. Try and compel them to admit that, and to show you the document they have received from the Free State H/Q.“261 Auch das Vorhaben der Cumann na nGaedheal-Regierung zur Gründung der Volunteer Reserve im Winter 1929 stieß auf den Widerstand der republikanischen Kreise und insbesondere Ryans. Die Regierungspläne sahen vor, dass die irische Armee durch eine unpolitische „territorial force“262 ersetzt werden sollte. Frank Ryan glaubte in der neuen Truppe sowohl imperialistische als auch faschistische Einflüsse zu erkennen. Die neue Einheit sollte seiner Meinung nach vor allem Männer „‚(…) with no nationalist or labour tendencies (…)‘“263 ansprechen, weshalb er die neue Armeeeinheit in seinem Beitrag für An Phoblacht vom 12. Oktober 1929 sogar als neue terroristische Vereinigung bezeichnete. Er warnte davor, dass diese versuchte „‚(…) [to] crush by armed violence any attack on British rule in Ireland. It is to assist in strike breaking, in repressing revolutionary movements of the workers, and in enforcing the payment of tribute to England. In these matters it will co-operate with the other British Forces — the R.U.C., C.I.D., Civic Guards, ‚Free State‘ Army, and the regular British troops quartered in the Six Counties and in the ‚reserved‘ harbours.‘“264 Einer der Höhepunkte in Frank Ryans politischer Karriere war seine Berufung zum leitenden Redakteur der Armeezeitung An Phoblacht, eine Aufgabe, die Michael McInerney in seiner Artikelserie über den Iren „(…) the most political job of all“265 nannte. Zwar war er als Leiter des Blattes frei in der Auswahl seiner Artikel, aber bevor die Ausgabe veröffentlicht wurde, ging der Entwurf an die Führungsebene der IRA, die das Blatt zensierte. Somit war Ryan keineswegs vollumfänglich für das Blatt verantwortlich, sondern musste sich auch den Vorstellungen des Armeevorstandes, was die Inhalte von An Phoblacht anbelangte, beugen. Zeitgleich mit der Ernennung zum Chefredakteur wurde er 1929 ins Army Exekutive gewählt, das Gremium, das direkt dem Armeevorstand unterstand. Ryans Wahl basierte darauf, dass er die junge Generation der Freiwilligen repräsentierte. Obwohl dies altersmäßig nicht ganz korrekt war, erweckte er durch seine Arbeit mit Studenten den Eindruck eben jener jun- 261 Brief Frank Ryan an Rosamond Jacob, 18. März 1929, RJP, MS 33,130, NLI, Dublin. 262 Mark Phelan, „Irish responses to Fascist Italy, 1919–1932“ Ph.D. thesis, National University of Ireland Galway, 2012, 147ff. [Online]. 07. Januar 2013, URL: https://aran.library.nuigalway.ie/bit stream/handle/10379/3401/Irish%20responses%20to%20Fascist%20Italy,%201919-1932,%20by%20 Mark%20Phelan.pdf?sequence=1&isAllowed=y [07.01.2018]. 263 Ibid. 264 Ibid. 265 McInerney, „The Swing to the Left“, 14. 3 Frank Ryan und die irische Linke 74 gen Altersklasse anzugehören.266 Außerdem war er Komitee-Mitglied bei Comhairle na Poblachta. Die 1929 gegründete Organisation hatte den Zweck, die Ziele der vielen einzelnen republikanischen Gruppen in Einklang zu bringen und eine gemeinsame Basis für die Kooperation und Gleichberechtigung der beiden Lager der Bewegung, des zivilen und des militärischen, zu finden. Unter ihren Mitgliedern befanden sich Angehörige der verschiedensten Organisationen, wie beispielsweise von Sinn Féin, der Armee, des Second Dáil267, der Frauenbewegung Cumann na mBan und der republikanischen Linken.268 Den Posten des Sekretärs übernahm Michael Price, ein Freund Ryans und Kommandant der Dubliner Brigade der Irish Republican Army.269 Frank Ryan nutzte seine Position bei An Phoblacht, um die neue Initiative bekannt zu machen. In der Armeezeitung beschrieb er, wie wichtig es sei, den Rückhalt für die republikanische Sache in der Bevölkerung zu sichern. Ryan forderte die Leser dazu auf, sich wieder vermehrt in den einzelnen Interessengruppen zu engagieren und den Boden für die Rekrutierung des IRA-Nachwuchses zu bereiten. Es sei für jeden Republikaner verpflichtend, so Ryan in An Phoblacht, die beiden Parlamente des Freistaats, den Dáil und den Senat, abzulehnen. Comhairle na Poblachta, der Republikanische Rat, wurde entsprechend von den Behörden als extrem eingestuft, woraufhin man die Gruppe und deren Aktivitäten sehr genau beobachtete. „This organisation is composed of the most virulent and active extremists in the country, and its sole object is the overthrow of the State by force of arms.“270 Obwohl die neue Initiative sehr aktiv war und zudem noch von Sinn Féin unterstützt wurde, blieben die Erfolge eher bescheiden. Es gelang nicht, die breite Öffentlichkeit anzusprechen, geschweige denn, diese zu beeinflussen. Die meisten Aktionen waren nach innen gerichtet, weshalb es häufig zu Unstimmigkeiten zwischen den einzelnen Interessengruppen kam.271 Einen Erfolg aber konnte Comhairle na Poblachta für sich verbuchen. Sie hatte die Untergrundarmee politisch beeinflusst. „Although Comhairle na Poblachta was restricted to the role of organisational expression and remained largely a paper exercise, it marks a significant progression towards political definition within the IRA“272 Neben seinen vielen Betätigungsfeldern innerhalb der IRA interessierte sich Frank Ryan weiterhin sehr stark auch für andere politische Entwicklungen im Land. Mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgte er sowohl die weitere organisatorische Ausformung der neuen republikanischen Partei Fianna Fáil als auch die Formulierung der Inhalte, die sie vertrat, und beobachtete, wie sich diese Veränderungen auf 266 Hoar, In Green and Red, 50; Cronin, Frank Ryan, 33. 267 Der Begriff Second Dáil steht für das 1921 von allen 32 irischen Grafschaften gewählte Parlament mit Sitz in Dublin. Die Wahl wurde noch vor dem Abschluss des Staatsvertrages mit Großbritannien durchgeführt. Die Volksvertretung unterstützte, dank der deutlichen Sinn Feín-Mehrheit, die 1916 ausgerufene Unabhängigkeitsproklamation. Ed Moloney, A Secret History of the IRA (London: Penguin Books, 2007), 55. 268 MacEoin, IRA in the Twilight Years, 157. 269 Bericht „Michael Price“, 23. Dezember 1947, Frank Ryan Files – Teil 2, G2/0257, MACBB, Dublin. 270 Vertraulicher Bericht über revolutionäre Organisationen, 4. April 1930, Ernest Blythe Papers, P 24/169, UCDA, Dublin. 271 MacEoin, IRA in Twilight Years, 157. 272 Jonathan Hammill, „Saor Éire And The IRA: An Exercise in Deception?“, Saothar Nr. 20 (1995): 57. 3.2 Frank Ryan im Spannungsfeld der politischen Kräfte – Die Transformation der Irish Republican Army 75 die IRA auswirken würden. Er befürchtete, dass sich der Parteichef, Eamon de Valera, im anstehenden Wahlkampf zwar einerseits als Verfechter der republikanischen Sache präsentierte, andererseits aber das Verbot der ACA, der Army Comrades Association, und der Irish Republican Army forderte. Der Untergrundarmee blieben in diesem Fall, nach Ryans Einschätzung, nur zwei Möglichkeiten: Entweder zerfiel die Armee in ihre Bestandteile: erstens die Sinn Féin-Partei und somit die Gruppe derer, die sich der Stimme enthielten, zweitens der rechte Flügel, der als Folge dann wahrscheinlich in die Politik wechseln würde und schließlich die linksgerichteten Mitglieder, die sich gänzlich zurückziehen würden. Oder der IRA gelänge es, eine eigene Partei zu gründen, was nach Ryans Meinung auch noch im Rahmen des Möglichen wäre. Auf diesem Weg könnte man dann versuchen, so viele Parlamentssitze wie möglich zu erlangen, um sich ein ausreichendes Fundament für eine wirksame politische Mitsprache zu sichern. Ryan plädierte in diesen Fall dafür, das kleinere Übel zu wählen. „If we could get them to adopt a proper economic programme + have them enter the F. F. Parlt. [Fianna Fáil Parliament] as wreckers I’d be satisfied enough. This may sound as rank heresy to you. But, a revolutionary (even a self-styled revolutionary) movement must have a political expression. It has now come to the stage, when the IRA must get its political expression or vanish.“273 Nachdem de Valeras Partei Fianna Fáil die Regierung übernommen hatte, blieb der Irish Republican Army keine andere Möglichkeit, als sich der neuen Situation anzupassen. Trotz der gemeinsamen Vergangenheit setzte sich die Untergrundarmee das Ziel, de Valera zu stürzen und weiterhin für eine gesamt-irische Republik zu kämpfen. Ryan soll auch aktiv an diesen Aktivitäten beteiligt gewesen sein. Gerüchte besagten, dass er für den Zwischenfall während der Übertragung eines Hurling-Spiels verantwortlich gewesen sei. Die Ausstrahlung des Spiels wurde unterbrochen, denn das Sendestudio war überfallen worden. Anstelle des Sportkommentars wurde eine zehnminütige politische Tirade, mit den üblichen IRA-Parolen, gesendet. So zumindest lautete die Darstellung seines Bekannten Peter Hope. In der Zeit zwischen 1932 und 1934 war Ryan weitestgehend im Hintergrund aktiv. „At that time RYAN was sufficiently out of favour with Dev’s [de Valera’s] government to find it necessary to move about the country more or less secretly, and he generally travelled in friends’ cars; never stopping very long in one place. This may, of course, have been due largely to folie de grandeur, but I think there was some basis for it.“ Es wurde sogar gemutmaßt, dass er alle IRA-Aktionen in dieser Zeit organisiert hatte, seine gesundheitliche Verfassung und sein Tatendrang könnten dafür sprechen.274 Obwohl er sich wenig öffentlich zeigte, war Ryan weiterhin politisch tätig. Sein Interesse an linkem Gedankengut verstärkte sich mehr und mehr.275 Dessen ungeachtet übernahm er eine verantwortungsvollere Position innerhalb der IRA. Während des Kongresses der Armee im März 1933 wurde Ryan als Mitglied des Rates ge- 273 Brief Frank Ryan an Hannah Sheehy-Skeffington, 16. August 1933, SSP, MS 41,178/78, NLI, Dublin. 274 Geheimer Bericht von Peter Hope an J. Stephenson, 9. Januar 1942, Frank Ryan File, KV 2/1291, NAK, London. 275 McInerney, „The Swing to the Left“, 14. 3 Frank Ryan und die irische Linke 76 führt.276 Diese Entscheidung der Armeeführung überraschte, insbesondere hinsichtlich Ryans linksgerichteter Tendenzen. Andererseits war er das einzige Mitglied in der Führungsebene, das sich intensiv mit der irischen Sprache und Kultur befasste und dies, obwohl beide Sachverhalte einen elementaren Punkt im Programm der IRA bildeten.277 Für Frank Ryan allerdings standen die 1916 während des Osteraufstandes definierten Ziele im Vordergrund. Er befürchtete jedoch, dass die IRA die Absicht hatte, die Ausrichtung der Untergrundarmee zu ändern und dies während der Tagung beschließen könnte, eine Maßnahme, welche die Irish Republican Army zum linken Flügel der Regierungspartei Fianna Fáil Partei degradieren würde. Umso deutlicher verwies Ryan auf die Notwendigkeit, eine eigene politische Organisation zu gründen.278 „I recognize that as a majority we may ask for a social policy for the IRA, still I can see that many will oppose the ideas attaching on to ourselves a political organization. The Army Council Document which states that we are not in a position to start a political organization is a defeatist one. I thought of the IRA in 1930–31 as a Citizen Army279 who knew what they wanted and were prepared to get it. It is strange that the programme that we decided on two years ago should meet with our indecision just now – it shows the defeatist spirit. How do our military men think that they can steer clear of politics. The sooner we get back to the basis of the IRA of two years ago the better. Our political programme will be attacked because it is Saor Eire280. We accepted this programme now we are looking to escape. Let us form our political organization and get where we want.“281 Während der Tagung gab Ryan sich keine Mühe, seine politische Ausrichtung zu verbergen. Möglicherweise war eben dies ein Grund dafür, dass die Armeeführung auf Modifikationen ihres Programms beharrte. Der Vorstand stellte unter dem Tagesordnungspunkt „That the I.R.A. disassociate itself from Communism, and that no member of the I.R.A. be a member of the Communist Party. That the attitude of the Army towards Communism be officially announced in detail to all Volunteers.“282 einen Antrag. Im Detail verbot man damit Mitgliedern der Irish Republican Army zugleich der Kommunistischen Partei Irlands anzugehören. Nach der Annahme des Antrags war Ryan sehr bestürzt. „I feel very disappointed at this Convention. What you are being really asked tonight. – All the false propaganda is taking effect and we find ourselves on the defence. None of us are here in the capacity of any religion. If we take it that it is a matter of concern of ourselves we should not associate ourselves with communism. From 1922 on we have been called communists. As we became successful the cry of communism became louder. Who is to define who a communist is. We have been asked since 1922 to prove that we are Catho- 276 Protokoll der Army Convention, März 1933, MTP, P 69/187, UCDA, Dublin. 277 Hanley, The IRA, 61. 278 Protokoll der Army Convention, März 1933, MTP, P 69/187, UCDA, Dublin. 279 Die Citizen Army wurde bereits im Jahr 1913 gegründet und war auch während des Osteraufstandes 1916 aktiv. Als überzeugter Republikaner war Frank Ryan bestens mit der Geschichte der Irish Citizen Army vertraut. Nähere Informationen zur ICA finden sich unter Fußnote 159. 280 Einzelheiten zum IRA-Programm Saor Eire und der daraus entstandenen Partei finden sich im Abschnitt 3.2.2 Saor Éire – der Linksruck innerhalb der Irish Republican Army. 281 Protokoll der Army Convention, März 1933, MTP, P 69/187, UCDA, Dublin. 282 Ibid. 3.2 Frank Ryan im Spannungsfeld der politischen Kräfte – Die Transformation der Irish Republican Army 77 lics. We are wasting our time explaining away these things. Sheer downright ignorance has been the cause of this proposition. It would be a bad day for us when we cut ourselves off from the men who have been working for the breaking of the British connection.“283 Obwohl die IRA mit dieser Entscheidung ihre Einstellung zum Kommunismus deutlich gemacht hatte, zeigte sich Ryan in der Folgezeit wenig beeindruckt. Er war weiterhin entschlossen, die links-gerichtete Entwicklung der Untergrundarmee voranzutreiben und diese als soziale Opposition zu de Valera und seiner Partei zu etablieren. Jedoch regte sich innerhalb der Führungsriege der Armee bereits Widerstand gegen dieses Vorhaben, obwohl, scheinbar durch den eingeschlagenen Richtungswechsel, die Untergrundarmee wieder steigende Mitgliederzahlen vermeldete. Immer mehr Menschen im irischen Freistaat interessierten sich für das linke Gedankengut und einige von ihnen traten deshalb der Untergrundarmee bei. Deren Führung zeigte sich allerdings wenig begeistert von dieser Art neuer Mitglieder, weshalb der Vorstand eine Kampagne gegen den Kommunismus startete – für Ryan ein Schritt in die falsche Richtung. Eine solche Entwicklung konnte und wollte er nicht mittragen, weshalb er sich nicht als Kandidat für die Vorstandswahl aufstellen ließ. Frank Ryan verstand diese Aktion gleichzeitig als Kritik an der rechtsgerichteten Armeepolitik, die offen in An Phoblacht zur Schau gestellt wurde.284 Die Kluft zwischen den einzelnen Fraktionen der Armee wurde größer und kurze Zeit später spaltete sich der linke Flügel der Irish Republican Army ab. Um die Kluft innerhalb der Untergrundarmee nicht noch größer werden zu lassen, entschied sich die Führungsspitze dazu, ein neues Programm zu erarbeiten. Einen kurzen Überblick über dessen Inhalt sowie die Kontroverse bis hin zur Ablehnung des Programms, welche maßgeblich zur Spaltung der IRA beitrug, bietet das folgende Kapitel. Saor Éire – der Linksruck innerhalb der Irish Republican Army Nach dem Ende des irischen Bürgerkriegs und dem damit einhergehenden Scheitern der Treaty-Gegner, befand sich auch die IRA in einer Art Schockstarre. Ihr militärisches Versagen, die Welle von Inhaftierungen republikanisch Denkender durch die Staatsmacht, die alltägliche Diskriminierung vieler Republikaner auf dem Arbeitsmarkt und die daraus resultierende Auswanderungswelle nach Großbritannien und in die USA hatten der Untergrundarmee schwer geschadet. Um den Fortbestand der Irish Republican Army zu sichern, hatte deren politischer Flügel im Jahr 1925 die Führung übernommen. Aber auch der Einfluss der Sinn Féin-Partei in der Öffentlichkeit begann zu schwinden und finanzielle Probleme erschwerten die Situation. Während der Army Convention im November 1925 beschlossen die Delegierten, die Kontrolle der IRA dem siebenköpfigen Army Council zu übergeben, was wiederum dazu führte, dass die Untergrundarmee ihre politischen Aktivitäten stark ein- 3.2.2 283 Ibid. 284 McInerney, „The Enigma of Frank Ryan“, 26. 3 Frank Ryan und die irische Linke 78 schränkte und jegliche Unterstützung der Sinn Féin Partei sofort einstellte. Einige Anhänger des linken Flügels, darunter Peadar O’Donnell forderten aber, dass sich die Untergrundarmee auch mit politischen Fragestellungen beschäftigen solle, insbesondere mit sozialen Themen, um auf diese Weise breitere Bevölkerungsschichten anzusprechen. Die IRA musste reagieren, denn durch die Gründung der neuen Partei Fianna Fáil hatte die Irish Republican Army stark an Attraktivität verloren. Lag die Mitgliederzahl im Jahr 1926 noch bei geschätzt 20.000 bis 25.000 Mitgliedern, war sie bis zum Jahr 1929 auf circa 5.000 Anhänger geschrumpft. Politisch und sozial entwickelte sich die Untergrundarmee in den Folgejahren mehr und mehr nach links, sie unterstützte Streiks und die Landagitationen285, was sich zu einem zunehmend mit Gewalt ausgetragenen Konflikt zwischen der Untergrundarmee und der Staatsgewalt entwickelte.286 Der deutsche Gesandte in Dublin, Georg von Dehn-Schmidt, beobachtete die politische Veränderung in Irland während der Jahre 1930 und 1931 genau. Im Fokus stand dabei insbesondere das zukünftige Verhältnis zwischen der IRA und Fianna Fáil und wie sich die Irish Republican Army finanzierte. Der deutsche Gesandte in Dublin, Georg von Dehn-Schmidt, vermutete 1931, dass Gelder aus Russland in die IRA-Kassen flossen, um so den Weg für den Bolschewismus im Freistaat zu ebnen. Dies hätte in den Augen des Diplomaten zur Folge, dass die radikalen Iren im Kampf gegen Großbritannien mit russischer Unterstützung rechnen könnten. Zwar war die kommunistische Gefahr, die vom irischen Freistaat ausging, als äußerst gering einzustufen, aber die „Erstarkung der extremen republikanischen Elemente“ sei über die vorangegangenen Monate hinweg deutlich erkennbar gewesen.287 Mit seiner Einschätzung lag der deutsche Diplomat nicht ganz falsch. Schon seit Ende der 1920er Jahre unterhielt die Untergrundarmee Kontakte zur League Against Imperialism (LAI), einer Unterorganisation der Komintern.288 Beispielsweise organisierte das irische Büro der LAI im September 1930 in Dublin eine Veranstaltung mit dem indi- 285 Die Landagitationen waren der organisierte Widerstand kleiner Landwirte gegen die Zahlungen von Tilgungsraten für das Land, das sie bewirtschafteten. Die zugrunde liegenden Kredite gingen auf den Zeitraum zwischen 1891 bis 1909 zurück, als die dort ansässigen Bauern das Land von den britischen Landbesitzern kaufen konnten. Die Zahlungen wurden von der irischen Regierung nach London weitergeleitet und deren Rechtmäßigkeit wurde auch im irisch-britischen Einigungsvertrag im Jahr 1921 nochmal geregelt. Der von der IRA unterstützte Widerstand konzentrierte sich in erster Linie darauf, die Bauern davon zu überzeugen, die fälligen Raten nicht zu begleichen und halfen den betroffenen Bauern beispielsweise das zu pfändende Vieh vor den Vollstreckungsbeamten zu verstecken. Coogan, The IRA, 89f. 286 E. Rumpf; A. C. Hepburn, Nationalism and Socialism in twentieth-century Ireland (Liverpool: Liverpool University Press, 1977), 89; John A. Murphy, „The New IRA 1925–62“. Secret Societies in Ireland, Hrsg., T. Desmond Williams (Dublin: Gill and Macmillan, 1973), 152f; Michael L. R. Smith, Fighting for Ireland? – The Military Strategy of the Irish Republican Movement (London: Routledge, 1997), 61; Hanley, The IRA, 118. 287 Politischer Bericht A31. Dehn-Schmidt an das Auswärtige Amt, 7. September 1931, innere Politik, Parlaments- und Parteiwesen in Irland, Bd. 4, R 77510, PA, AA, Berlin. 288 Die kommunistische Internationale, abgekürzt Komintern, wurde im März 1919 in Moskau gegründet. Ursprünglich sollte die Organisation Arbeiter, welche die Revolution in Russland unterstützten, vereinen, in der Hoffnung, dass die kommunistische Revolution auch in andere Länder getragen werden könnte. Die sowjetisch kontrollierte Organisation unterhielt Verbindungen zu nationalen 3.2 Frank Ryan im Spannungsfeld der politischen Kräfte – Die Transformation der Irish Republican Army 79 schen Kommunisten und Freiheitskämpfer Krishna Deonarine. Obwohl diese Verbindung bereits seit dem 1. Weltkrieg bestand, hatte sie bis dato nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Die Veranstaltung lockte 1.200 Interessierte an. Die Moderation übernahm Frank Ryan, der sich schon seit längerem in seinen Leitartikeln für An Phoblacht mit dem indischen Kampf gegen die britische Kolonialherrschaft befasste. Dabei ging es Ryan weniger um die Beziehungen des internationalen Kommunismus, als vielmehr um die Parallelen zwischen Irland und Indien im Kampf gegen die britische Besatzung.289 Die Hauptaufgabe der LAI bestand darin, die kommunistische Idee in Ländern bekannt zu machen, in denen der Klassenkampf weder akut noch aktuell war. Die LAI versprach, die Revolution in Irland, falls diese stattfinden sollte, tatkräftig zu unterstützen. Zeitgleich rief der Ministerrat der UdSSR zum sofortigen Umsturz auf. Die beginnende Wirtschaftskrise und deren Folgen für den Welthandel interpretierte Moskau als erste Anzeichen des Untergangs des globalen Kapitalismus. Alle kommunistischen Parteien weltweit sollten deshalb zur Konfrontation mit dem herrschenden System übergehen. In Irland setzte der Kern der linksorientierten Kreise diese Vorgabe um und gründete die Revolutionary Workers Groups (RWG). Die führende Persönlichkeit der neuen Gruppe, Jim Larkin jr.290, sprach sich sofort für eine vorübergehende Zusammenarbeit mit der IRA aus. Das eigentliche Ziel der RWG bestand jedoch darin, die Kontrolle über die Untergrundarmee zu erlangen. Zu diesem Zweck sollte die Armeespitze größtenteils ausgetauscht und durch linksgerichtete Mitglieder der Revolutionary Workers Groups ersetzt werden. Larkin war überzeugt, dass die Basis linksgerichteten Parteien in verschiedenen Ländern. Sie hatte sich zum Ziel gesetzt, die sozialistische Revolution voranzutreiben, weshalb ihre Aufgabe hauptsächlich darin bestand, die weltweite kommunistische Bewegung zu koordinieren. Zudem nutzte die Sowjetführung die Komintern zur Durchsetzung russischer Interessen weltweit. Die Komintern diente als Interessensverband, der die Außenpolitik verschiedener Staaten im Sinne der Führung in Moskau beeinflussen sollte. Zudem versuchte man in manchen Ländern, die Kontrolle über die Arbeiterschaft zu erlangen, insbesondere in wichtigen Industriesektoren oder den Medien wie der Schifffahrt oder dem Radio. Außerdem rekrutierte die Komintern ausländische Agenten, die in ihren Heimatländern für die Sowjets spionieren sollten. Außerdem wurden Gruppen zusammengestellt, die gegen die Kolonialherren hetzen sollten. Eine der wichtigsten Aufgaben war schließlich noch die strikte Einhaltung der Disziplin und die Adaption eines kommunistisch ethischen Systems. Global Security.Org. [Online]. 09. September 2011. URL: https://www.globalsecurity.org/military/world/int/comintern.htm [22.02.2020]. Die League Against Imperialism oder die Liga gegen Imperialismus war eine Unterorganisation der Komintern. Ihr Ziel war, ähnlich wie bei der Komintern, die Ausbreitung der kommunistischen Revolution. Dies sollte durch die gezielte Unterstützung der Arbeiterschaft und der Freiheitskämpfer in Ländern erfolgen, die unter Kolonialherrschaft standen. John Riddell, „The League Against Imperialism (1927–1937): An early attempt at global anti-colonial unity“. Monthly Review Online (MR Online), 09. Juli 2018. [Online]. 20. Juli 2018. URL: https://mronline.org/2018/07/20/the-leagueagainst-imperialism-1927-37-an-early-attempt-at-global-anti-colonial-unity/ [22.02.2020]. 289 Hoar, In Green and Red, 64. 290 James „Jim“ Larkin Junior, Sohn des bekannten politischen Aktivisten, Gewerkschaftsführers und Gründers der Irish Transport and General Workers’ Union, James Larkin, war wie sein Vater ein bekannter Politiker und Abgeordneter der Labour Party im Dáil. Er war aktives Mitglied der Republican Workers’ Groups und wurde nach deren Auflösung im Jahr 1933 Vorsitzender der Communist Party of Ireland. Mike Milotte, Communism in Modern Ireland – The Pursuit of the Workers’ Republic since 1916 (Dublin: Gill & Macmillan, 1984), 2, 16f, 90, 103, 141ff, 181, 195. 3 Frank Ryan und die irische Linke 80 der Untergrundarmee auf diese Weise erkennen würde, dass die kommunistische Partei in der Lage war, die irische Arbeiterklasse vom britischen Imperialismus zu befreien. Aber die Pläne scheiterten, aufgrund der kommunistischen Ausrichtung und der unbeholfen wirkenden Propaganda der RWG. Um die Bemühungen der linken Kreise ins Leere laufen zu lassen – die IRA war über die Pläne der Revolutionary Workers Group durch deren öffentliche Äußerungen informiert – entschied sich die Armeeführung auf den Vorstoß der Komintern zu reagieren und ein eigenes Programm zu entwickeln. Es sollte alle unzufriedenen und über die Politik des Freistaats verärgerten Anhänger des Republikanismus ansprechen.291 Anders als die Berichte Dehn-Schmidts vermuten ließen und trotz der scheinbaren Akzeptanz linker Ideen innerhalb der IRA war und blieb der linke Flügel denkbar klein. Unabhängig von der zahlenmäßig kleinen Anhängerschaft versuchten dessen Mitglieder dennoch ihre Ideen bekannt zu machen. Die Vorschläge, die insbesondere das führende Mitglied Peadar O’Donnell vorbrachte, wurden von der Armeeführung nicht mehr im Keim erstickt. Während des Armeekongresses im Januar 1929 hatte Peadar O’Donnell, der zu dieser Zeit die Landpachtzahlungskampagne vorantrieb, versucht, den Vorstand zur Gründung einer eigenen politischen Organisation zu bewegen. Er hoffte, das Ziel, desillusionierte aber politisch Interessierte für die republikanische Sache zu gewinnen, umsetzen zu können. Die geplante Organisation mit dem Namen Saor Éire, Freies Irland, sollte unter der Schirmherrschaft der Untergrundarmee dieser eine politische Komponente, mit kommunistischen Ideen angereichert, hinzufügen. Als Gegengewicht zur konservativen Politik der Regierung sollte die neue Bewegung die Massen mobilisieren. Auf diese Weise könnte, im günstigsten Fall, durch politische Unruhe die angestrebte gesamt-irische Republik verwirklicht werden. Der Vorschlag wurde von prominenten Vertretern des linken Flügels unterstützt. O’Donnell gelang es aber weder den Armeevorstand noch die Basis von seiner Idee zu überzeugen. Die Führungsspitze hielt, trotz der grundsätzlich vorhandenen Absichten zur Etablierung eines politischen Programms, daran fest, dass das Selbstverständnis der Untergrundarmee weiterhin dem einer militärischen Organisation entsprach. Für die breite Masse war die Gründung einer angegliederten politischen Organisation, die überdies noch sozialistische Ideen vertrat, zu viel des Guten, weshalb O’Donnell dem Druck der IRA-Mitglieder vorerst nachgeben musste. Dennoch gab er sich nicht so schnell geschlagen. Zusammen mit David Fitzgerald – einflussreicher IRA-Mann und intellektuelle Kraft hinter der neuen Vereinigung – überarbeitete O’Donnell das Konzept und gestaltete Saor Éire als öffentlichen politischen Sammelpunkt für Republikaner, die sich der Anziehungskraft der Fianna Fáil Partei bisher entzogen hatten.292 Die Attraktivität von de Valeras Partei stellte eine große Herausforderung für die IRA dar, denn viele der wichtigen Geldgeberorganisationen hatten sich Fianna Fáil zugewandt. Die große Ausnahme war der Clan na Gael, in den Vereinigten Staaten 291 Hoar, In Green and Red, 64; Hammill, „Saor Éire And The IRA“, 61f. 292 Bowyer Bell, The Secret Army, 77; Foley, Legion of Rearguard, 80; Hoar, In Green and Red, 54; Donal Ó Drisceoil, Peadar O’Donnell (Cork: Cork University Press, 2001), 64. 3.2 Frank Ryan im Spannungsfeld der politischen Kräfte – Die Transformation der Irish Republican Army 81 von Amerika, und insbesondere dessen führendes Mitglied Joseph McGarrity293, der die Untergrundarmee unablässig mit Geld und Waffen versorgte. Darüber hinaus organisierte der Amerikaner den Besuch der IRA-Männer aus der alten Heimat und kümmerte sich darum, dass die Landsleute während ihres Aufenthalts in den Staaten gebührend empfangen wurden. Die letzten Entwicklungen, vor allem die Versuche des linken Flügels, erneut einen politischen Arm innerhalb der Untergrundarmee zu etablieren, waren der amerikanischen Vereinigung allerdings nicht entgangen. McGarrity und seine Mitstreiter fühlten sich weiterhin der traditionellen Gewaltstrategie der IRA gegen England verbunden, weshalb sie die neuen kommunistischen Tendenzen der Untergrundarmee in Irland schlichtweg ablehnten. Sie folgten auch nicht dem Vorbild der anderen irischen Organisationen in den Vereinigten Staaten, die Fianna Fáil unterstützten. Die Nachricht, dass im Juni 1925 die IRA-Mitglieder Seán Russell und Gerry Boland, ohne Rücksprache mit den Geldgebern in den USA, nach Russland gereist waren, um Waffen für den Kampf gegen England zu erbitten, erzürnte den Amerikaner und die gesamte Organisation. Die Tatsache, dass das Unterfangen erfolglos verlief, konnte die Situation mit dem Clan na Gael nicht entschärfen. Um die Wogen zu glätten, entschied sich die IRA-Führung im Jahr 1930, einen irischen Repräsentanten zur Clan na Gael-Tagung und zur Gedenkfeier des Osteraufstandes von 1916 in die Staaten zu schicken. Frank Ryan sollte die Untergrundarmee in den USA repräsentieren. Zwar schien die Wahl des linksgerichteten Iren eben wegen dieser sozialistischen Ideen eine Fehlentscheidung zu sein, aber viele Clan-Mitglieder, die Ryan kannten, attestierten ihm, einer der besten Redner in Irland zu sein. Nach der Ankunft in New York besuchte Ryan verschiedene Clan-Veranstaltungen im ganzen Land und gab ein Radiointerview. In seinen Vorträgen warnte er in erster Linie vor der neuen Regierung unter de Valera und schwor die Anwesenden auf die Gewaltstrategie der IRA als einzig probates Mittel zur Erlangung der gesamtirischen Republik ein – ohne auch nur ein Wort über die linken Kräfte, die auch in der IRA lau- 293 McGarrity wurde am 28. März 1874 in Garrickmore, in der Grafschaft Tyrone, geboren und kam in seiner Jugend schon in engen Kontakt mit dem irischen Nationalismus. Er emigrierte im Alter von 17 Jahren nach Amerika und wurde in Philadelphia, wo bereits Verwandte von ihm wohnten, sesshaft. Nach einigen Jahren, in denen er in verschiedenen Berufen tätig war, machte er sich mit einem eigenen Gasthaus selbstständig. Sein Vermögen verdiente er mit dem Handel mit alkoholischen Getränken. Ein Leben lang, auch in der neuen Heimat, den Vereinigten Staaten von Amerika, träumte McGarrity von einer 32 Grafschaften umfassenden irischen Republik, die nach seiner Ansicht nur durch Gewalt erreicht werden könnte. Diese Überzeugung veranlasste ihn auch dazu, 1893 dem Clan na Gael beizutreten. Der Clan war die führende Organisation, die auch mit der Irish Republican Army kooperierte. Außerdem verband McGarrity eine enge persönliche Freundschaft mit dem späteren irischen Taoiseach Eamon de Valera. Als Letzterer sich von der traditionellen Gewaltstrategie der irischen Republikaner verabschiedete und mit seiner neuen Partei Fianna Fáil im Jahr 1927 ins irische Parlament entzog, verschlechterte sich das Verhältnis der beiden Männer, bis die Freundschaft auch aufgrund der unterschiedlichen politischen Zielsetzungen für Irland im Jahr 1936 endete. Nach Schätzung von McGarritys Freunden hatte er im Laufe seines Lebens circa 100.000 $ an persönlichem Vermögen für die irische Unabhängigkeit ausgegeben. Das letzte große Projekt für die irische Unabhängigkeit war die Bombing Campaign in England und Nordirland im Jahr 1939. Fünf Monate nach dem Scheitern der Operation starb McGarrity. Tarpey, The Role of Joseph McGarrity, 1ff, 21f, 29ff, 36, 288, 388. 3 Frank Ryan und die irische Linke 82 ter wurden, zu verlieren. Parallel zum offiziellen Programm knüpfte Ryan Kontakte zu verschiedenen Irish Clubs, erhielt Einladungen zu einer Vielzahl von Partys und traf den 90-jährigen P. J. Tynan, dem ehemaligen Anführer der Irish Invincibles294, der nach wie vor Anhänger der Irish Republican Army war. Zusätzlich vertiefte Ryan Kontakte innerhalb der linksgerichteten Kreise, unter anderem zu Mike Quill, dem Gründer der Transport Workers’ Union of America und seinem alten Freund Gerald O’Reilly295. Beide Männer unterstützten die irische Linke in den kommenden Jahren nach Kräften. Aber auch für die IRA in Irland leistete Ryan seinen Beitrag. Er nutzte seine Arbeit für An Phoblacht, um in der Heimat Propaganda für den Clan na Gael zu machen. In seinen Artikeln betonte er besonders die Verbindung zwischen den Republikanern des irischen Freistaats und den Iro-Amerikanern und unterstrich immer wieder den extrem geringen Einfluss, den die Anhänger der neuen irischen Verfassung in den USA hatten. Gleichzeitig sah er aber auch die Not, in der sich viele irische Auswanderer in der neuen Heimat befanden.296 „He wrote of the destitute who ‚demonstrate on the street to be met with batons instead of the bread they seek. Of that multitude of the hungry, a large percentage is Irish.‘“297 Die Probleme, die sich aus dieser Situation für viele Familien in Irland ergaben, die vergeblich auf finanzielle Unterstützung von den Verwandten in den USA hofften, um ihren Lebensunterhalt im Freistaat zu sichern, thematisierte er in An Phoblacht. Die Not der Menschen sowohl in ihrer Heimat als auch in den Vereinigten Staaten bestärkte ihn darin, sich für den sozialen Wandel zumindest in Irland einzusetzen.298 294 Die Invincibles waren eine Splittergruppe der Irish Republican Army. Diese war in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts vor allem in Dublin aktiv. Die Gruppe hatte sich zum Ziel gesetzt, alle, die die Herrschaft der Briten in Irland repräsentierten, unter Einsatz physischer Gewalt aus dem Land zu vertreiben. Die Invincibles wurden in erster Linie durch die Morde an hochrangigen britischen Politikern im Dubliner Phoenix Park bekannt. Bei den beiden Opfern handelte es sich um Thomas Henry Burke und Lord Frederick Cavendish. Burke war als Unterstaatssekretär ein Repräsentant der britischen Regierung in Dublin. Durch seine Arbeit für die Briten erachteten ihn die Attentäter, Mitglieder der Irish National Invincibles, einer Splittergruppe der Irish Republican Brotherhood, als Verräter, der den Tod verdient hatte. Cavendish war ehemals der persönliche Sekretär und ein enger Vertrauter des damaligen britischen Premierministers William Ewart Gladstone. Seine Ermordung war eher als Zufall zu werten, denn er war erst an diesem Tag nach Dublin gereist. Der Angriff auf ihn erfolgte, weil er seinem Kollegen Burk zu Hilfe kommen wollte. Senan Moloney, The Phoenix Murders: Conspiracy, Betrayal and Retribution. (Dublin: Mercier Press, 2006), 146. 295 Gerald O’Reilly wurde 1903 in Navan in der Grafschaft Meath geboren und war bis 1926 aktives Mitglied der Irish Republican Army. Im gleichen Jahr wanderte er in die USA aus und engagierte sich fortan im iro-amerikanischen Clan na Gael. O’Reilly war im Jahr 1934 Gründungsmitglied der Transport Workers Union (TWU) und unterhielt auch weiterhin enge Beziehungen in seine alte Heimat, insbesondere mit Frank Ryan. Darüber hinaus leitete er die Geschicke des Republican Congress in den USA. Guide to the Gerald O’Reilly Papers WAG.105 – Historical/Biographical Note. [Online]. 3. Juni 2014. URL: http://dlib.nyu.edu/findingaids/html/tamwag/wag_105/bioghist.html [17.09.2016]. 296 Cronin, Frank Ryan, 29f; Brief ohne Absender, 12. April 1930, MGP, MS 17,467 (8), NLI, Dublin; Hoar, In Green and Red, 64ff; Eunan O’Halpin, Defending Ireland: The Irish State and its Enemies since 1922 (Oxford: Oxford University Press, 1999), 72; Gerald O’Reilly, „Mike Quill and the birth and growth of the Transport Workers’ Union“, Labour History News No. 4 (Summer 1988), 12, Spanish Civil War Collection, Irish Labour History Society Archives (ILHSA), Dublin. 297 Hoar, In Green and Red, 67. 298 Ibid, 67f. 3.2 Frank Ryan im Spannungsfeld der politischen Kräfte – Die Transformation der Irish Republican Army 83 Nach Ryans Rückkehr aus den USA, welche für ihn und die IRA ein voller Erfolg waren, hatten sich die Pläne zu Saor Éire konkretisiert. Zunächst hegte Ryan Vorbehalte gegenüber der neuen Organisation. In der IRA-Zeitung An Phoblacht schreibt er in einem Beitrag: „While political action, organisation and agitation would undoubtedly assist [revolutionary aims] considerably, the problem we are confronted with is essentially military. No mere agitation or expounding of theories or principles can effectively achieve the aim of overthrowing the present order and setting up the Workers’ Republic.“299 Ryan sowie einige andere links-gerichtete Mitglieder der Untergrundarmee fürchteten, dass Saor Éire IRA-Anhänger und konservative Unterstützer verschrecken könnte und deshalb standen sie der Vereinigung skeptisch gegen- über. Trotzdem baute der Chefredakteur Ryan zwischen November 1930 und Februar 1931 An Phoblacht zu der wichtigsten Diskussionsplattform aus, um dort Ideen und Vorschläge für die Neuorientierung der Untergrundarmee, insbesondere soziale Normen und Werte betreffend, auszutauschen. Es schien, als wolle sich der Chefredakteur Frank Ryan auf diese Weise selbst ein Bild über die neue Organisation verschaffen. Er veröffentlichte Beiträge, die zeigen sollten, dass die Ziele von Saor Éire mit den Werten und Normen der Untergrundarmee konform waren.300 Insgesamt fiel Ryan aber bei der Einführung des Programms nur eine wenig bedeutende Rolle zu, trotz seiner Kampagne in An Phoblacht. Er selbst war an der Ausarbeitung der Einzelheiten nicht beteiligt und kann auch nicht zu den Mitbegründern gezählt werden. Unabhängig von seiner sozialistisch geprägten Einstellung bestanden zwischen ihm und den Intellektuellen innerhalb der irischen Linken deutliche Unterschiede. „Ryan was a man of action, visceral and passionate, an agitator who had the personality and oratorical dynamism that inspired in others fervency and fidelity for his causes. He retained a traditionalism, long abandoned by his leftist comrades, that kept one boot in the camp of the diehard conservatives while the other stepped on to the road of political experimentation.“301 Obwohl der Armeevorstand nach wie vor von dem neuen Programm nicht überzeugt war, beteiligte sich der Stabschef der Irish Republican Army, Maurice Twomey, an der öffentlichen Diskussion. Er publizierte unter dem Synonym Manus Ó Ruairc Beiträge über Saor Éire, unter anderem bat er die Leserschaft, Stellung zu nehmen zu seinen Vorschlägen für die Verfassung einer irischen Republik. Der Entwurf stellte eine deutliche Abkehr von der bisherigen Politik der IRA dar und beinhaltete folgende Punkte: „Capitalism was to be overthrown, and banks and the means of production and transport were to be commandeered by the state to be run according to the needs of the people rather than the demands of the market.“ Der weitere Plan bestand darin, die Stadt- und die Landbevölkerung, die unter den herrschenden Bedingungen litten, zu mobilisieren, und die breite Öffentlichkeit „(…) would (…) mobilise behind a ‚revolutionary government for the overthrow of British imperialism in Ireland and 299 Hoar, In Green and Red, 68. 300 Hammill, „Saor Éire And The IRA“, 61; Michael McInerney, „Peadar O’Donnell – Part 4“, The Irish Times, 4. April 1968, 12; Ó Drisceoil, O’Donnell, 64. 301 Hoar, In Green and Red, 64, 70f. 3 Frank Ryan und die irische Linke 84 the organisation of a workers’ and working farmers’ Republic.‘“302 Außerdem enthielt Saor Éire eine nationale Komponente. In der Satzung verpflichtete man sich dazu, die irische Sprache und Kultur zu fördern.303 Das eigentliche Ziel aber, das die IRA mit der Partei verfolgte, war ein anderes. Man wollte die Unruhe und die Unzufriedenheit im Land nutzen, um die Cumann na nGaedheal-Regierung unter Druck zu setzen und damit auch den verhassten Freistaat selbst zu schwächen. Als Nebeneffekt hoffte der Armeevorstand, die wachsende Popularität der Oppositionspartei Fianna Fáil zu dämpfen und potentielle Interessenten von den Zielen der Untergrundarmee zu überzeugen. Dabei offenbarte das Parteiprogramm der IRA lediglich die Unterschiede zwischen den beiden Organisationen, anstatt die ideologische Unvereinbarkeit zu unterstreichen.304 Die politischen Pläne stießen auf scharfe Kritik vor allem beim konservativen Flügel der IRA. Für dessen Anhänger war das Programm zu fortschrittlich und es schien ihnen, als propagiere die IRA eine der extremsten Formen des Sozialismus, da privates Eigentumsrecht in hohem Maße staatlichen Eingriffen unterworfen werden sollte. Der daraufhin überarbeitete Entwurf gestand Privatpersonen dann zwar zu, auch im Produktionsbereich unternehmerisch tätig zu werden, der Export von Gütern jedoch sollte nur gestattet werden, wenn der Bedarf des Landes bereits gedeckt war. Des Weiteren garantierte die neue Organisation, dass es keine weitreichende Enteignung von landwirtschaftlichen Flächen geben würde, unter dem Vorbehalt, brachliegendes Land oder unproduktive Flächen regelmäßig zu kontrollieren. Ungeachtet der Kritik verabschiedete der Armeekongress im April 1931 in Glendalough ein Programm, mit dessen Hilfe Saor Éire zu einer eigenständigen Organisation ausgebaut werden sollte. Die Verfechter der Idee hatten sich auf die Fahnen geschrieben, die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Probleme des Landes anzugehen und Lösungen zu erarbeiten.305 Der Armeekongress stimmte der Gründung des sozialistisch republikanischen Gremiums zu. „While O’Donnell and his socialist allies regarded the (socialist) ends as a product of the means of struggle (class struggle), Twomey et al. remained wedded to the notion that once the Republic was achieved, through force of arms, victorious republicans would then impose their new constitution.“306 Dennoch war Peadar O’Donnell nicht zufrieden mit der Unterstützung durch die Armeefüh- 302 Ibid, 69f. 303 Die englische Sprache war erst durch die britischen Herrscher nach Irland gekommen. Vor allem die Oberschicht des Landes hatte damit begonnen, sich vom einfachen Volk abzugrenzen, indem man die gälische Sprache ablegte und stattdessen ausschließlich Englisch sprach. Nach und nach wurde auf diese Weise nicht nur die gälische Sprache, sondern auch die Kultur in den Hintergrund gedrängt. Viele Republikaner sahen in der Förderung der alten Ausdrucksform und der althergebrachten Sitten und Gebräuche ein effektives Mittel, sich neben den politischen Bestrebungen auch auf kultureller und gesellschaftlicher Ebene von den Briten abzugrenzen. Tony Crowley, The Politics of Language in Ireland 1366–1922: A Sourcebook (London: Routledge, 2000), 9, 14, 20, 133f. 304 Hammill, „Saor Éire And The IRA“, 61f; McInerney, „Peadar O’Donnell – Part 4“, 12; Ó Drisceoil, O’Donnell, 64. 305 Hammill, „Saor Éire And The IRA“, 61; Foley, Legion of Rearguard, 80; Hoar, In Green and Red, 68f; English, Radicals and the Republic, 113; Ó Drisceoil, O’Donnell, 64ff; McInerney, „The Swing to the Left“, 14. 306 Ó Drisceoil, O’Donnell, 64. 3.2 Frank Ryan im Spannungsfeld der politischen Kräfte – Die Transformation der Irish Republican Army 85 rung. In seinen Augen diente Saor Eire der IRA im Wesentlichen als Alibi für die Untergrundarmee: Auf diese Weise versuchte der Vorstand, die Kampagne gegen die Zahlung der jährlichen Landannuitäten nicht länger unterstützen zu müssen.307 Entgegen allen Widrigkeiten fand am 26. und 27. September 1931 der erste und einzige Kongress der neuen Organisation im Iona Ballroom in Dublin statt. An der Veranstaltung nahmen circa 120 Delegierte teil, die laut einem Beitrag von Frank Ryan in An Phoblacht vom 3. Oktober 1931 in erster Linie den unterschiedlichsten Gruppen der Arbeiterschicht angehörten. Während dieses Kongresses legten die Organisatoren die Resolution der neuen Vereinigung vor. Im Vordergrund stand dabei, Unterstützer für die nationale Revolution zu mobilisieren. Dafür setzte sich vor allem Peadar O’Donnell ein. Er befürchtete, dass Saor Éire sonst nur ein theoretisches Konstrukt bleiben würde.308 Eigentlich hatte er sich vorgenommen, dass die neue Institution durch die Neuinterpretation der irischen Frage eine grenz- und konfessionsübergreifende Arbeiterbewegung, bestehend aus Katholiken und Protestanten, schaffen würde, doch schlugen die Bemühungen fehl: Der Einfluss der neuen Organisation in Nordirland war minimal, da die Kernpunkte des politischen Programms Saor Éires zu wenig mit die Realität in den nördlichen Grafschaften zu tun hatten. Die Verknüpfung des sozialen Umbruchs mit der Wiedervereinigung Irlands und die starke Betonung der irischen Sprache und Kultur befremdeten die protestantische Arbeiterschaft enorm. Außerdem konnten Ryan und die IRA-Linke die Arbeiterschaft Nordirlands nicht davon überzeugen, dass sie im sozialistischen Republikanismus gut aufgehoben wären, wenn erst einmal die Hindernisse des Katholizismus und die konservative Einstellung des rechten Flügels der Untergrundarmee beseitigt wären. Obwohl Saor Éire in dieser Zeit in vielerlei Hinsicht als notwendige Reaktion auf aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungen gesehen wurde, konnte die Organisation nicht überzeugen.309 Aber nicht nur bezüglich dieses Aspekts hatte Saor Éire Schwierigkeiten. Es zeigte sich schnell, dass sich der Aufbau der jungen Gruppierung diffiziler gestaltete als angenommen. Ursprünglich sollten der geplanten Vereinigung die Kleinbauernkomitees als Basis dienen. Diese Komitees waren im Rahmen der Landpachtzahlungskampagne gegründet worden und sollten zusätzlich durch die in den einzelnen Grafschaften existierenden IRA-Einheiten unterstützt und verstärkt werden. Doch eben diese Vorgehensweise erwies sich als problematisch, denn ungeachtet der Tatsache, dass ein Teil des Armeevorstandes den Freistaat bereiste, um die neue Institution bekannt zu machen, fehlten insbesondere den Kleinbauernkomitees auf dem Land die notwendigen organisatorischen Strukturen. O’Donnell und die weiteren Vertreter des Army Council sahen sich deshalb gezwungen, ausschließlich auf die bestehenden Verbände 307 McInerney, „Peadar O’Donnell – Part 4“, 12. 308 Cronin, Frank Ryan, 35f; Richard English, „Socialism and republican schism in Ireland: the emergence of the Republican Congress in 1934“, Irish Historical Studies XXVII Nr. 105 (May 1990): 50; Ó Drisceoil, O’Donnell, 64; Hammill, „Saor Éire And The IRA“, 56, 65; McInerney, „The Swing to the Left“, 14. 309 Hammill, „Saor Éire And The IRA“, 61; McInerney, „Peadar O’Donnell – Part 4“, 12; Hoar, In Green and Red, 95. 3 Frank Ryan und die irische Linke 86 der Untergrundarmee als Basis für Saor Éire zurückzugreifen. Viele Mitglieder der Untergrundarmee waren jedoch von der neuen Initiative nicht begeistert. Besonders auf der Ebene der lokalen Brigadekommandeure verweigerten viele Saor Éire nicht nur die Unterstützung, sondern sabotierten, insbesondere auf dem Land, die Vorbereitungen des Vorstands für den ersten nationalen Saor Éire-Kongress. Hauptsächlich lag das an de Valeras Fianna Fáil Partei310: Viele Einheiten der Untergrundarmee hatten sich bereits dieser neuen politischen Organisation angeschlossen, die es aufgrund ihres Charakters als politische Gruppierung verstand, die Menschen von den Inhalten ihres Programms zu überzeugen und dazu längst vorhandene Strukturen der örtlichen IRA-Verbände nutzen konnte.311 Das Ende von Saor Éire kam nicht sehr überraschend. Schon vor der Veröffentlichung war das Programm der Organisation sehr umstritten, gerade wegen der sozialistischen Inhalte. Kritik kam nicht nur aus den eigenen Reihen, sondern in erster Linie aus kirchlichen Kreisen und von der Regierung. Für Letztere offenbarte die neue Vereinigung mit ihrer sozialistischen Ausrichtung einen weiteren Schritt in Richtung einer Radikalisierung der Untergrundarmee, woraus sich eine ernst zu nehmende Bedrohung für den irischen Freistaat ergab. Die Cumann na nGaedheal-Regierung warnte daher die Öffentlichkeit vor dem kommunistischen Hintergrund Saor Éires sowie vor dem generellen Linksruck innerhalb der Irish Republican Army und nutzte die Furcht vor einer wie auch immer gearteten kommunistischen Bedrohung gezielt als Propagandamittel sowohl gegen die starke Opposition als auch die IRA. Bis dahin waren Cosgraves Versuche, die republikanischen Kreise des Landes zu schwächen, erfolglos geblieben, doch nun, mit der Unterstützung der Geistlichkeit, schien die Zeit reif für einen weiteren Versuch. Im Oktober 1931 erklärte die irische Bischofskonferenz unter der Leitung von Kardinal Joseph MacRory die Vereinigung Saor Éire als Bedrohung des spirituellen und moralischen Wohlergehens der Gesellschaft und begründete dies mit dem kommunistischen Charakter der neuen Organisation. Gestärkt durch den kirchlichen Rückhalt ging die Regierung in der Folge nicht nur gegen das neue IRA-Programm vor, sondern nahm sich einer Vielzahl von Regierungsgegnern an. Am 17. Oktober 1931 verabschiedete das Parlament ein neues Gesetz, die Constitution (Amendment No. 17) Bill, die dem irischen Polizeichef Eoin O’Duffy die seit Langem eingeforderte legale Handhabe für ein Vorgehen gegen die IRA ver- 310 Die Partei Fianna Fáil oder Soldaten des Schicksals wurde am 23. Mai 1926 unter dem Vorsitz von Eamon de Valera gegründet. De Valera war Präsident der Irish Republican Army und deren politischen Flügels, der Sinn Féin Partei. De Valera wollte der Untergrundarmee eine politischere Ausrichtung geben, aber die Mehrheit der IRA-Mitglieder hielt an der Gewaltstrategie der Organisation fest. Nachdem die damals amtierende Cumann na nGaedheal-Regierung unter William T. Cosgrave die Grenzen des Treaty aus dem Jahr 1920 und somit die Teilung Irlands akzeptiert hatten, sah de Valera seine Chance gekommen. Er wollte die Wiedervereinigung des Landes und die Gründung einer irischen Republik auf politischem Weg über das Parlament erreichen, aber die Partei Sinn Féin wollte diesen Kurs nicht mittragen. Aus diesem Grund trat de Valera von allen Ämtern zurück und sah die Zeit gekommen für eine neue Volkspartei. Nur ein halbes Jahr nach der Gründung nahmen bereits 500 Delegierte am ersten Parteitag der Fianna Fáil Partei teil. Peter Tynan O’Mahony (Hrsg.), Eamon de Valera, 1882–1975: The Controversial Giant of Modern Ireland, a Survey in Text and Pictures of the Life and Influence of a Famous Leader (Dublin: The Irish Times, 1975), 54ff. 311 Ó Drisceoil, O’Donnell, 64f; Hammill, „Saor Éire And The IRA“, 56f. 3.2 Frank Ryan im Spannungsfeld der politischen Kräfte – Die Transformation der Irish Republican Army 87 schaffte. Zu den neuen Befugnissen zählten Militärtribunale anstelle üblicher Gerichte, weitreichende Kompetenzen bei Durchsuchungen und Verhaftungen. Außerdem erklärte die Regierung zeitgleich zwölf Institutionen für illegal, darunter befand sich neben der Irish Republican Army und einigen kommunistischen Gruppierungen auch die neue Vereinigung Saor Éire. Das Verbot und die fehlende Unterstützung, beziehungsweise zum Teil sogar offene Ablehnung der Organisation durch moderate Mitglieder der Untergrundarmee, führten dazu, dass Saor Éire während der Armeetagung in November 1932 endgültig aufgegeben wurde. Der linke Flügel der IRA, allen voran Peadar O’Donnell, aber auch Frank Ryan „(…) had capitulated to the concept of politics being as valid a means as pure force just as IRA socialism reached its high water mark before ebbing.“312 Das verschärfte Vorgehen des Kabinetts Cosgraves gegenüber regierungskritischen Organisationen war nicht der einzige Konfliktherd mit dem sich die IRA auseinandersetzen musste. Die aufkeimenden rechten Strömungen im Land führten auch zu Problemen der IRA mit den Blueshirts. Im folgenden Abschnitt werden die Spannungen zwischen den beiden gegensätzlichen politischen Lagern dargestellt, bevor im nachfolgenden Abschnitt Frank Ryans persönlicher Kampf mit den rechten Kreisen in Irland thematisiert wird. Kommunismus gegen Faschismus? – Der Konflikt zwischen der Irish Republican Army und den Blueshirts Obwohl die Basis der Blueshirts-Bewegung äußerst wenig von dem Vorhaben ihrer Führung bemerkte, Elemente des von Mussolinis geprägten Korporatismus in der Organisation zu etablieren, waren die Ambitionen der Führungsriege und die gesamte Organisation nach Ryans Empfinden faschistisch genug, um ebenso ansteckend zu sein, wie die faschistischen Bewegungen in Italien und Deutschland. Insbesondere mit der neuen Führungspersönlichkeit der Blauhemden, Eoin O’Duffy, verband Ryan eine jahrelange Feindschaft, die ihren Ursprung in der Mitgliedschaft Ryans in der IRA und insbesondere in seiner Arbeit für An Phoblacht hatte. Dem Polizeichef O’Duffy missfiel in erster Linie die Art und Weise, wie sich der Chefredakteur der Zeitung über die Polizei und deren Arbeit äußerte. In einem Bericht an das Justizministerium kritisierte O’Duffy Ryan aufs Schärfste:313 „Take An Poblacht [sic]. It openly advocates a doctrine of hate and violence against the Garda. Ryan, the murderer of D.C. Sullivan, for a considerable time before the murder occupied almost half the paper with false and malicious reports under scare headings in regard to Police methods in Clare, and now he is laying the ground for further murders by even worse dope. The young men who look upon him as a super patriot, and reading this doctrine, 3.2.3 312 Boyer Bell, The Secret Army, 82, 88f; Hammill, „Saor Éire And The IRA“, 63; James Hogan, Could Ireland Become Communist? – The Facts in Full (Dublin: privater Druck, 1935), 98; Hoar, In Green and Red, 96. 313 Hoar, In Green and Red, 75f. 3 Frank Ryan und die irische Linke 88 cannot be blamed if they consider it a duty to kill policemen – it is a definite incitement to crime.“314 Dem Bericht vorgegangen war der Mord an einem Polizisten im County Clare. Ryan und seine Arbeit waren der Garda Síochána-Führung seit längerem ein Dorn im Auge. In Auszügen fanden sich die Artikel des Journalisten häufig in Polizeiberichten wieder und er stand unter ständiger Beobachtung. Trotz regelmäßiger Verhaftungen gelang es der Polizei nicht, Ryan vor Gericht zu bringen, was speziell O’Duffy nahezu verzweifeln ließ. Mit der Gründung der Blueshirts verschärfte sich der Konflikt zwischen beiden Männern. Ryan lehnte die faschistisch anmutenden Elemente der neuen Bewegung, wie beispielsweise den angehobenen Arm mit dem Gruß „Hail O’Duffy“, schlichtweg ab. Auch den Inhalten der neuen rechtsgerichteten Organisation konnte Ryan nichts Positives abgewinnen. O’Duffy hatte sich in der Öffentlichkeit abfällig über die in Irland geltenden demokratischen Grundsätze geäußert und bekräftigte zusätzlich noch seine Forderung, jüdische und atheistische Mitglieder auszuschließen. Allerdings sprach Ryan sich gegen den Plan Tom Barrys aus, führende Mitglieder der Blauhemden zu exekutieren. Wahrscheinlich wollte Ryan auf diese Weise verhindern, dass die Blueshirtsführung die Ermordeten zu Märtyrern stilisierte. Die Armeeorder, „(…) not to take part in any action against Fascist imperialist organisations“, wollte er jedoch nicht befolgen. Dabei brachte die Armeeführung in der Anordnung vor allem ihre Befürchtungen zum Ausdruck, dass derartige Zwischenfälle der de Valera-Regierung einen Vorwand bieten würden, die Untergrundarmee zu verbieten.315 Die politische Entwicklung der Blueshirts-Bewegung selbst und das Konfliktpotential, welches sich aus der Konfrontation der Army Comrades Association (ACA) mit der Irish Republican Army ergab, bildeten in den Jahren zwischen 1932 und 1935 ein zentrales politisches und gesellschaftliches Thema auf der Insel. Die Blueshirts, wie die irische Öffentlichkeit die Organisation nannte, folgte dem europaweiten Trend rechtsgerichteter radikaler Bewegungen, auch was ihr äußerliches Erscheinungsbild anbelangte: Das blaue Hemd der Army Comrades Association galt ab April 1933 als offizielle Uniform.316 Im Gegensatz zu den meisten faschistischen Gruppen jedoch, deren Programme aus nationalen und sozial-reformerischen sowie sozialistischen Ambitionen geformt waren, wie beispielsweisen den Blackshirts in Großbritannien, setzte die irische Vereinigung auf anti-soziale und anti-nationale Inhalte. Die Gründung der ACA erfolgte am 10. Februar 1932 in Dublin. Sie hatte sich zum Ziel 314 Geheimer Bericht an den Justizminister, „Organizations inimical to the State“, ohne Absender, 5. Juli 1929, Ernest Blythe Papers, P 24/477, UCDA, Dublin. 315 Hoar, In Green and Red, 76, 109f; Byrne, Republican Congress Revisited, 12. 316 Manning, Blueshirts, 1; Die Uniform umfasste neben dem blauen Hemd eine dunkle Hose, einen Gürtel oder eine Schärpe, ein blaues Barett, Schulterklappen, schwarze Knöpfe und eine blaue Krawatte. Die Damen trugen ähnliche Kleidung, nur dass sie aus einem blauen Rock und einer blauen Bluse bestand. Laut Aussagen der Mitglieder diente das blaue Hemd vor allem dem Erkennen von Gleichgesinnten bei Handgemengen. Vor der Einführung des einheitlichen Kleidungsstils soll es häufiger zu Verwechslungen während verschiedener Veranstaltungen im Wahlkampf gekommen sein. Michael McInerney, Peadar O’Donnell – Irish Social Rebel (Dublin: The O’Brien Press, 1974), 157; John M. Regan, The Irish Counter-Revolution 1921–1936 – Treatyite Politics and Settlement in Independent Ireland (Dublin: Gill & Macmillan, 1999), 332. 3.2 Frank Ryan im Spannungsfeld der politischen Kräfte – Die Transformation der Irish Republican Army 89 gesetzt, die durch die Cumann na nGaedheal-Regierung bis 1932 geschaffenen staatlichen Realitäten gegen die deutlichen republikanischen Tendenzen der Fianna Fáil zu verteidigen. Neben den engen wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zu Großbritannien, umfasste dies auch die privilegierte Stellung der „strong farmer“317 im Freistaat. Außerdem verstand sich die ACA als Organisation, die die Soldaten, welche im Black and Tan Krieg gegen die Briten und später für den Freistaat gekämpft hatten, repräsentierte. Die Mitgliedschaft war ausschließlich ehemaligen Soldaten vorbehalten und von politischem Einfluss jedweder Couleur konnte zunächst keine Rede sein. Erst der Wechsel an der Führungsspitze, neuer Vorsitzender wurde Dr. Thomas Francis O’Higgins, und innenpolitische Entwicklungen wie der Wahlsieg der de Valera-Partei Fianna Fáil, das Wiedererstarken der republikanischen Bewegung und der Ausbruch des Wirtschaftskriegs zwischen Irland und England318, sorgten für einen Kurswechsel innerhalb der Organisation. Politische Themen rückten mehr und mehr in den Vordergrund. Die ACA bezog Stellung zu wichtigen gesellschaftlichen Sachverhalten, formulierte politische Ziele und positionierte sich damit gegenüber der de Valera-Administration. Dies und das forsche Auftreten der „Higgins Gang“319, wie sie von Verbänden der IRA genannt wurde, führte zu Konflikten mit der Irish Republican Army und im Herbst und Winter 1932 vor allem im Westen des Landes zu ersten gewalttätigen Auseinandersetzungen. Weitere Spannungen ergaben sich aus der Boykottkampagne der Untergrundarmee. Die IRA hielt die Bevölkerung an, keine britischen Produkte und insbesondere kein britisches Bier zu kaufen. Um dieser Aufforderung Nachdruck zu verleihen, führten Verbände der Untergrundarmee Razzien in Pubs durch, überfielen Lieferfahrzeuge, versuchten Passanten einzuschüchtern und schlugen die Fensterscheiben der Lokale ein, die englisches Bier ausschenkten. Die Öffentlichkeit hingegen hielt wenig von dem Boykott-Aufruf, die Mehrheit wollte auf alte Gewohnheiten einfach nicht verzichten. Die Army Comrades Association kündigte zudem an, dass sie Transporte boykottierter Güter künftig schützen werde, denn die irische Öffentlichkeit sah gar keinen Grund, auf die ge- 317 Unter dem Begriff „strong farmer“ wurden in Irland jene Bauern katholischen Glaubens bezeichnet, die hauptsächlich im Osten des Landes ihre Höfe betrieben. Diese landwirtschaftlichen Betriebe waren vergleichsweise groß und ihre Besitzer verfügten sowohl in politischer als auch in gesellschaftlicher Hinsicht über einigen Einfluss. Sie konzentrierten sich auf den Anbau von Getreide oder den Handel bzw. die Haltung von Vieh, das sie meist vorher in einer der westlichen und somit ärmeren Grafschaften erstanden hatten, wie beispielsweise Connemara oder die Grafschaften Clare, Galway, Kerry oder Mayo. Ciaran Buckley und Chris Ward, Strong Farmer: The Memoirs of Joe Ward (Dublin: Liberty Press, 2007), 9ff. 318 Der irisch-britische Wirtschaftskrieg begann im Jahr 1932 mit der Weigerung der irischen Regierungen die Landpachtzahlungen der irischen Bauern an die britische Regierung in London zu überweisen. Zum Schutz der heimischen Wirtschaft führte der Dáil erhebliche Zölle auf viele Importwaren insbesondere aus Großbritannien, den Haupthandelspartner der Iren, ein. Die Regierung in London reagierte ihrerseits mit einer Erhöhung der Zölle auf Wirtschaftsgüter des irischen Freistaats. Der sich entwickelnde Wirtschaftskrieg dauert bis zum Jahr 1938 an und hatte vor allem für die irische Wirtschaft erhebliche negative Auswirkungen. Andy Bielenberg und Raymond Ryan, An Economic History of Ireland Since Independence (New York: Routledge, 2013), 13ff. 319 Der Name „Higgins Gang“ ist an den Vorsitzenden der Army Comrades Association Colonel T. E. O’Higgins angelehnt. 3 Frank Ryan und die irische Linke 90 wohnte englische Biersorte mit Namen „Bass“ zu verzichten, ganz unabhängig davon, welchem Zweck der Boykott dienen sollte. Der ACA-Vorsitzende Dr. Tom O’Higgins sah darin sogar ein Zeichen dafür, dass sich die Bürger des Freistaats die gesetzeswidrigen Aktionen der Untergrundarmee nicht länger gefallen lassen wollten. Die Zusammenstöße zwischen den IRA-Verbänden und Sympathisanten der ACA eskalierten während des Wahlkampfes 1933.320 Auch Frank Ryan war häufiger darin verwickelt, denn als schärfster Kritiker Eoin O’Duffys und der Blauhemden scheute er den Konflikt mit dessen Anhängern nicht. Immer wieder wurden Drohungen gegen den Journalisten ausgesprochen, die von den ACA ausgingen. Bei einer Veranstaltung in Sligo, an der Ryan teilnahm, gab es Hinweise, dass Anhänger der Blueshirts einen Anschlag auf ihn geplant hatten. Freunde von Ryan baten ihn, sich zur Selbstverteidigung zu bewaffnen. Dieser lehnte dies jedoch strikt ab, weshalb man ihm ein Maschinengewehr heimlich in den Kofferraum seines Wagens legte. Ryan entdeckte die Waffe zufällig und war außer sich vor Wut. In seinen Augen bewaffneten sich nur Kriminelle, zu denen er sich in keinem Fall zählte. Außerdem gab er zu bedenken, „(…) that guns at meetings could cause the loss of life of innocent people.“ Wie sich herausstellte traf Ryan eine weise Entscheidung, denn die Kundgebung in Sligo verlief ohne Zwischenfälle.321 Für die Spitze der Untergrundarmee stellten derartige Vorkommnisse lediglich ein vorübergehendes Phänomen dar, denn deren Vorstand war überzeugt, dass der Wahlsieg der Fianna Fáil-Partei im gleichen Jahr das Ende der Army Comrades Association als ernst zu nehmende Kraft bedeuten würde. Solche Befürchtungen der Rechten sollten sich allerdings nicht bewahrheiten, das Gegenteil war der Fall: Die Namensänderung in National Guard und der erneute Führungswechsel leiteten abermals einen Umbruch ein, was die Aktivitäten der Organisation betraf. Unter ihrem neuen Vorsitzenden Eoin O’Duffy entwickelten sich die Blueshirts zur Massenbewegung.322 Dies war zum Teil darauf zurückzuführen, dass viele Anhänger des Treaty mit Großbritannien den Wahlsieg von Fianna Fáil fürchteten und die damit verbundenen Änderungen in der Außenpolitik gegenüber Großbritannien. Zum anderen vermuteten viele Anhänger des rechten Spektrums, dass unter de Valera die IRA und die radikale Linke an politischem Einfluss gewinnen könnten. O’Duffy schien in dieser Situation der richtige Mann an der Spitze der ACA zu sein, um ein Gegengewicht zum neuen Kabinett zu bilden. Unter der neuen Führung drängte die Organisation fortan mehr in die Politik und ergänzte ihr Programm um zwei politische Forderungen. Zum einen sollten die Beziehungen zwischen den Arbeitgebern und den Gewerkschaften harmonisiert werden, um Streiks und Aussper- 320 McInerney, O’Donnell – Irish Socialist Rebel, 154; Manning, Blueshirts, 28; Cronin, Blueshirts & Irish Politics, 17f; Hanley, The IRA, 84ff; Foley, Legions of Rearguard, 118f. 321 McInerney, „The Swing to the Left“, 14. 322 Hanley, The IRA, 85. Die genaue Zahl der Anhängerschaft der Organisation ist schwer zu ermitteln. Unter dem Vorsitz von T. F. O’Higgins wurden die Mitgliederzahlen gegen Ende des Jahres 1932 mit 29.000 beziffert. Im Juli 1933 beim Amtsantritt Eoin O’Duffys gab dieser bekannt, dass die Organisation 62.000 Mitglieder habe. Diese Zahl habe sich nach seinen Angaben auf 100.000 zum Ende des Jahres gesteigert. Der Justizminister schätzte die Zahl der Blauhemden im Januar 1934 auf weniger als 20.000. In ihren Unterlagen beziffert die Organisation die Zahl der Anhänger zwischen 1932 und 1933 mit ca. 16.500. Regan, Irish Counter-Revolution, 329. 3.2 Frank Ryan im Spannungsfeld der politischen Kräfte – Die Transformation der Irish Republican Army 91 rungen im Vorfeld zu verhindern und zum anderen forderte O’Duffy „(…) the creation of a representative national statutory organisation of farmers, (…) to ensure the safe-guarding of agricultural interests in all revisions of economic and political policy.“323 Dies und der Start der „No free speech for traitors“-Kampagne im November 1932, die mit angriffslustigen Reden von Peadar O’Donnell und Frank Ryan während einer anti-imperialistischen Kundgebung in Dublin ihren Anfang nahm, führte wiederum zu neuen und intensiveren Zusammenstößen zwischen Mitgliedern der Irish Republican Army und den Blauhemden. Der Vorstand der IRA reagierte darauf mit verbalen Attacken gegen die Regierung. Man warf der Fianna Fáil vor, durch ihre Untätigkeit die Ausbreitung des Faschismus – in den Augen der Untergrundarmee bereits von imperialistischen Ausmaßen – zu unterstützen und drohte, sich für die Dauer dieses Zustandes selbst zur Wehr zu setzen. Zwar betonte Stabschef Twomey, dass alle Verbände die strikte Order hätten, jegliche Auseinandersetzung mit den Blauhemden zu vermeiden, dennoch kam es zu Auseinandersetzungen. Hauptsächlich hatte es sich bis dahin um spontane Reaktionen auf Provokationen einzelner Blueshirts gehandelt. Außerdem waren die beteiligten IRA-Freiwilligen entweder Verfechter oder zumindest Sympathisanten der Regierungspartei. Bemerkenswert bleibt folgender Umstand: Trotz aller Erklärungen und Beschwichtigungsversuche vonseiten der Führungsebene machen die handgreiflichen Auseinandersetzungen unter Beteiligung von IRA-Mitgliedern deutlich, welch geringen Einfluss die Armeeführung in Dublin auf die Einheiten im ganzen Land hatte.324 Mittlerweile hatte die National Guard, wie sich die Army Comrades Association nun nannte,325 auch die Regierung auf sich aufmerksam gemacht. De Valera war das eigentliche Ziel Eoin O’Duffys wohl bewusst. Offiziell ging es dem ehemaligen Leiter der Garda Síochána326 zwar darum, die kommunistische Bedrohung in Irland einzudämmen, aber eigentlich wollte er einen Regierungswechsel,327 denn seine Organisation vertrat auf dem wirtschaftspolitischen Sektor in erster Linie die Interessen der reichen Bauern, also der „strong farmer“ und Geschäftsleute. Die neuen Zollvorschriften hatten vor allem diese Bevölkerungskreise getroffen.328 O’Duffy hoffte nun, sich deren Unterstützung zu sichern, um die verhasste Fianna Fáil-Regierung zu stür- 323 Regan, Irish Counter-Revolution, 324ff; Manning, Blueshirts, 75; Cronin, Blueshirts & Irish Politics, 34f. 324 Hanley, The IRA, 85f, 89. 325 Die Umbenennung ging mit Eoin O’Duffys Wahl zum neuen Vorstand der ACA einher. Nach dem Rücktritt seines Vorgängers, Dr. Thomas F. O’Higgins, stellte O’Duffy nicht nur den neuen Namen National Guard vor, sondern nahm einige Änderungen in der Satzung der Organisation vor. Manning, Blueshirts, 73f. 326 O’Duffy wurde nach der Amtsübernahme durch Eamon de Valera seines Postens als „Police commissioner“ enthoben, mit der Begründung, dass die neue Regierung derartige Schlüsselpositionen nur mit vertrauenswürdigen Unterstützern der Fianna Fáil Politik besetzen könnte. Manning, Blueshirts, 65f. 327 Ó Drisceoil, O’Donnell, 81. 328 Wegen des Wirtschaftskrieges zwischen Irland und Großbritannien belegte man vor allem den Schlachtviehexport mit hohen Zöllen, woraufhin die Ausfuhr um circa 50 Prozent sank. Das Landwirtschaftsministerium in Dublin sah sich deshalb gezwungen, zwischen 1933 und 1934 ein Notschlachtprogramm zu starten, um den Viehbestand im Land zu reduzieren. Jürgen Elvert, Vom Frei- 3 Frank Ryan und die irische Linke 92 zen. Dann würde die gutbürgerliche Gesellschaft wieder die politische Macht im Land übernehmen. Aber die Regierung war vorbereitet und traf Entscheidungen: So ließ de Valera beispielsweise einen geplanten Blueshirts-Marsch durch Dublin einige Stunden vor dessen Beginn verbieten. Viele Menschen dachten, dass diese Maßnahme einen möglichen Staatsstreich der Blauhemden verhindern sollte, dabei fürchtete der Regierungschef mehr den propagandistischen Effekt eines solchen Aufmarsches als konkrete Pläne für einen Putsch, die es überdies nicht einmal gab. Darüber hinaus verboten die Behörden auf Grundlage des wieder eingeführten Public Safety Act die jährliche Gedenkfeier für Michael Collins.329 Durch diese Kette von Maßnahmen stellte die neue Regierung die Verfassungsmäßigkeit der Blueshirts auf die Probe und versuchte gleichzeitig, diese zu illegalen Handlungen zu provozieren, damit eine legale Handhabe gegen die Bewegung möglich wäre. Die Regierung prüfte außerdem, ob die Vereinigung überhaupt verfassungsmäßig war. Insgeheim hoffte man in Kabinettskreisen, die Blueshirts so zu kriminalisieren. O’Duffy wiederum achtete darauf, den Behörden keinen Grund zu liefern, der ihnen Argumente für ein Verbot der Organisation bescherte. Die National Guard bewege sich innerhalb der Grenzen des Gesetzes und der physische Drill der Mitglieder diene einzig und allein der Förderung der Gesundheit, des Charakters und der Disziplin, so die offizielle Begründung für das Exerzieren. Wie die Vorstandschaft der Blueshirts nicht müde wurde zu betonen, wolle ihre Vereinigung lediglich die Polizei bei der Einhaltung der Ordnung unterstützen, den Staat durch die Förderung der irischen Sprache stärken, die körperliche Fitness verbessern und für staatsbürgerliche Werte einstehen. Dessen ungeachtet ging die irische Regierung weiterhin gegen die Gruppe vor. Am 21. August 1933 beschloss das Kabinett, die National Guard zu verbieten. Einerseits gab es Gerüchte, dass die Blueshirts angeblich in den Waffenhandel verstrickt wären; andererseits war für Regierungschef de Valera die faschistische Bedrohung, die von O’Duffy und seinen Anhängern ausging, ausschlaggebend. Der Vorsitzende der National Guard zeigte sich davon wenig beeindruckt und benannte die Organisation einfach in Young Ireland Association um. Sie war Teil der neuen Volkspartei Fine Gael, einem Zusammenschluss der Cumann na nGaedheal -Partei und der Centre Party. Aber auch das änderte nichts an der Strategie der Regierung. Die YIA wurde am 8. Dezember 1933 verboten und einige Tage später löste sich die Organisation auf. Obwohl sie der Fine Gael-Partei angehörte, blieb dieser nichts anderes übrig, als sich der Staatsmacht zu beugen. Jedoch gründete sich die Nachfolgeorganisation League of Youth. Faktisch gab es keinen Unterschied zwischen den beiden Gruppen und auch an den Mitgliederzahlen sowie den Aktivitäten der neuen Vereinigung änderte sich sehr wenig. Wie staat zur Republik. Der außenpolitische Faktor im irischen Unabhängigkeitsstreben zwischen 1921 und 1948 (Bochum: Studienverlag Brockmeyer, 1989), 296. 329 Michael Collins war einer der irischen Anführer während des Black-and-Tan-Krieges in den Jahren 1919 bis 1921. Neben Arthur Griffith vertrat er Irland während der nachfolgenden Verhandlungen mit den Briten, die in der Unterzeichnung des Anglo-Irischen Vertrags mündeten. Collins war bis zu seiner Ermordung am 22. August 1932 Vorsitzender der Provisorischen Regierung und Oberbefehlshaber der irischen Streitkräfte. T. Ryle Dwyer, Michael Collins – the man who won the war (Cork: Mercier Press, 2009), 165, 190ff; Moloney, Secret History of IRA, 47; Lee, Ireland, 63. 3.2 Frank Ryan im Spannungsfeld der politischen Kräfte – Die Transformation der Irish Republican Army 93 schon in der National Guard und auch in der YIA organisierten sich neben Anhängern der ehemaligen Cumann na nGaedheal-Partei all jene, die weder die Politik der Fianna Fáil-Regierung unterstützen wollten noch mit den republikanischen Zielen der IRA etwas anfangen konnten. Aber auch die Regierung ließ sich nicht von ihrem Kurs abbringen. Das Verbot, politische Uniformen zu tragen und damit einhergehende Verhaftungen von LoY-Mitgliedern sollten die Bewegung schwächen. Der Erfolg war jedoch sehr gering.330 De Valera begründete sein Vorgehen gegen die von ihm als faschistisch bezeichnete Organisation331 damit, dass sie ihre wahren Absichten zu verschleiern versuche. In den Augen des Regierungschefs gehörte es zu den Zielen der Blueshirts, unter dem Vorwand einer angeblichen kommunistischen Bedrohung, die Demokratie abzuschaffen. Diese Gefahr war in dieser Form allerdings nie existent, wie die Recherchen der Polizei ergeben hatten.332 Genauso wenig ging je eine wirkliche Bedrohung von den kommunistischen Kreisen Irlands aus, auch wenn solche Ängste bestanden. Es gelang der Linken weder im Land Fuß zu fassen, noch waren ihre wenigen Anhänger gut organisiert. Bei den Parlamentswahlen im Jahr 1932 erhielten alle linksgerichteten Parteien landesweit weniger als 5.000 Stimmen.333 Obwohl die Irish Republican Army in dieser Zeit häufig mit dem Kommunismus in Verbindung gebracht wurde, konnte man sie allerdings nicht als linksgerichtete Organisation bezeichnen. Viele ihrer Mitglieder sympathisierten zwar mit diesem Gedankengut, überzeugte Kommunisten unter den Mitgliedern gab es aber nur sehr wenige.334 Dennoch beharrte der Chef der LoY, Eoin O’Duffy, darauf, dass er gegen diese Bedrohung in Irland vorgehen müsse. Gleichzeitig lehnte er es ab, die Blueshirts als faschistische Organisation zu bezeichnen. Die neue Bewegung habe sich ausschließlich aus den irischen Bedürfnissen und Verhältnissen heraus entwickelt, er schloss aber ausländische Einflüsse nicht aus. Diktatorische Ambitionen, die ihm de Valera unterstellte, hatte er, wie O’Duffy selbst stets betonte, keine. Es gab zwar einige Befürworter des italienischen Faschismus in der Vereinigung, die sich auch durchaus dafür aussprachen, dass die Demokratie zugunsten eines korporativen und autoritären Staates abgeschafft werden sollte, hauptsächlich aber bestand die Blueshirts-Anhängerschaft aus Konservativen und Landwirten, die meist aus ländlichen Regionen stammten und mit der Fianna-Fáil-Politik 330 Milotte, Communism in Modern Ireland, 144; Regan, Irish Counter-Revolution, 336f; Fearghal McGarry, Eoin O’Duffy – A Self-Made Hero (Oxford: Oxford University Press, 2005), 209f, 218; MacEoin, IRA in Twilight Years, 263ff; Cronin, Blueshirts & Irish Politics, 24. 331 De Valera nahm mit dieser Äußerung Bezug zu O’Duffys persönlicher Einordnung der Blueshirts in die politische Landschaft Irlands. In seinen Augen repräsentierte die Organisation den Faschismus in Irland. Regan, Irish Counter-Revolution, 329f. 332 Foley, Legions of Rearguard, 132f. Manning, Blueshirts, 103. 333 Die Wahl gewann Fianna Fáil mit 566.000 Stimmen, das ergab umgerechnet 44,5 %. Zweitstärkste Partei war Cumann na nGaedheal, mit 450.000 Wählerstimmen. Dies entsprach 35,3 %. Im Parlament waren außerdem die Labour Party, die Farmers’ Party sowie unabhängige Abgeordnete vertreten. Lee, Ireland, 170. 334 Unter diesen Sympathisanten befand sich auch Frank Ryan, der zwar politische gesehen, dem linken Gedankengut sehr zugetan war, jedoch nie Mitglied der Communist Party of Ireland wurde, obwohl er mit Seán Murray, dem Generalsekretär der kommunistischen Partei Irlands, befreundet war. Hoar, In Green and Red, 108f. 3 Frank Ryan und die irische Linke 94 unzufrieden waren. Durch den Wirtschaftskrieg fürchteten viele um ihre Existenz und machten die in ihren Augen unfähige Regierung für ihre Situation verantwortlich. In erster Linie wollten diese Menschen einen Kurswechsel in der Wirtschaftspolitik des Landes und keinesfalls das Ende der Demokratie in Irland. „The Blueshirts had much of the appearance but little enough of the substance of Fascism.“335 Trotzdem kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Blueshirts und IRA- Mitgliedern. Als Konsequenz aus dieser Rivalität ging die Regierung de Valeras gegen beide Organisationen vor, denn eine private Armee, ungeachtet ihrer politischen Anschauung, wurde vom Staat nicht geduldet.336 So rückte auch die Untergrundarmee immer mehr ins Blickfeld der Behörden, obwohl offensichtlich geworden war, dass sie viel von ihrer früheren Stärke eingebüßt hatte und insgesamt eher unorganisiert und chaotisch auftrat. Dessen ungeachtet gab sich die Regierung entschlossen, auch gegen die Irish Republican Army vorzugehen, denn de Valera konnte nicht zulassen, dass Blueshirts, Untergrundarmee oder beide die Sicherheit des Staates herausforderten. Der Plan der Behörden bestand darin, die republikanische Organisation zu schwächen. Eine erste Maßnahme dazu stellte die Gründung der Auxiliary Special Branch, einer Abteilung der Garda Síochána dar. Diese Spezialtruppe setzte sich hauptsächlich aus ehemaligen IRA-Mitgliedern zusammen, die sich gegen den irisch-britischen Staatsvertrag ausgesprochen hatten. Schon bald erhielt die Einheit den Spitznamen Broy Harriers337. Besonders linientreuen Anhängern der Republik war es so möglich, der irischen Sache zu dienen, gegen die Blueshirts vorzugehen und gleichzeitig noch ein bescheidenes Einkommen zu erhalten. Außerdem konnte man befördert werden und die Mitglieder hatten Anspruch auf eine Pension. Die IRA beklagte später, dass mit der Schaffung der Broy Harriers mehrere Hundert verdiente Mitglieder die Organisation verlassen hätten. Außerdem gründete sich mit Unterstützung der Regierung eine neue freiwillige Bürgerwehr. Die Aussicht auf Aufwandsentschädigung lockte vor allem potenzielle IRA- Rekruten. Durch weitere Maßnahmen gelang es de Valera mehr und mehr, die Basis der Untergrundarmee zu vereinnahmen. Die Irish Republican Army stand dieser Entwicklung nahezu hilflos gegenüber. Der Stab kritisierte die Regierung zwar aufs Schärfste, allerdings zeigte dies keine Wirkung. Das Einzige, das der Organisation blieb, war sich gegen die Fianna Fáil-Regierung zu stellen, die sie Ende 1933 als neues Feindbild propagierte. Die Untergrundarmee hatte durch ihre internen Probleme die Entwicklungen im Land vollkommen aus den Augen verloren. Die Folgen bekam sie nun deutlich zu spüren: „That ever so gradually Fianna Fáil was outflanking the IRA, draining on their recruits, tranquillizing their old supporters, securing the confidence of the mass of the people was vividly clear to one sector of the Army who had for four 335 McGarry, O’Duffy, 210; Tom Garvin, „ Showing Blueshirts in their true colours“, The Irish Times, 12. Januar 2001, 16; Manning, Blueshirts, 37, 237, 243f. 336 Foley, Legions of Rearguard, 132f. 337 Der Name „Broy Harriers“ geht zum einen auf den irischen Polizeipräsidenten, Eamon „Ned“ Broy zurück, der Eoin O’Duffy als Polizeipräsident im Februar 1933 ins Amt folgte und zum anderen bezog sich der Name auf eine berühmte Jagdhundmeute, den Bray Harriers, die in der Grafschaft Wicklow zum Einsatz kam. Murphy, Entwicklung politischer Parteien in Irland, 319. 3.2 Frank Ryan im Spannungsfeld der politischen Kräfte – Die Transformation der Irish Republican Army 95 years contended that without a revolutionary party to give a real Republican, anti-Imperialist structure to the entire Movement the end was in sight – futile terrorism or absorption by Fianna Fáil.“338 Obwohl die Blueshirts und die republikanische Vereinigung nun ähnliche Ziele verfolgten, hielten die Rivalitäten bis ins Jahr 1934 an. Die Blueshirts-Organisation League of Youth wurde wegen der Eskapaden und der zunehmenden Radikalisierung ihres Anführers O’Duffy für die Fine Gael-Partei mehr und mehr zur Belastung. „As time went on he [O’Duffy] became increasingly outlandish in his pronouncements and less willing to tone down his views to placate the constitutional element within the party. (…) [he] began demanding that the LoY be used to retake the North of Ireland by the use of force, condemning democracy as having had its day, and using increasingly fascist rhetoric.“339 Aus diesem Grund ersetzte man ihn als Vorsitzenden der LoY. Unter deren neuem Leiter, Commander Ned Cronin, nahm nicht nur die Anzahl an Aktivitäten und Mitgliedern ab – denn die Blueshirts-Bewegung verlor mehr und mehr an Rückhalt in der Bevölkerung – sondern ab 1935 auch die Zahl der Zusammenstöße zwischen den verbliebenen Blauhemden und Angehörigen der IRA. Zwar erachtete Ryan es als gutes Zeichen, dass die irische Rechte nun kaum mehr existent war, allerdings sah er nun das Problem, die auf diese Weise frei gewordenen Energie, die bislang zum Kampf gegen die Blauhemden verwendet wurde, von nun an sinnvoll zu nutzen. In seinen Augen war zwar das Ende der Blueshirts-Bewegung in Irland gekommen, die Bedrohung durch den Faschismus war deshalb aber noch lange nicht gebannt. Diese Haltung brachte er vor allem in Artikeln der neuen Zeitung Republican Congress zum Ausdruck. Obwohl O’Duffy im September 1934 auch vom Vorsitz der Fine Gael-Partei zurücktrat und somit kein politisches Amt mehr bekleidete, blieb er weiterhin im Fokus des Journalisten Ryan, der keine Gelegenheit verstreichen ließ, gegen O’Duffy vorzugehen. Im November hielt Frank Ryan während eines Protestmarschs unter seiner Leitung eine Rede gegen eine Veranstaltung unter der Schirmherrschaft von O’Duffy und seinem Fine Gael-Kollegen, dem Dáil-Abgeordneten Patrick Belton. Obwohl nur wenige von O’Duffys Anhängern den Weg zu diesem Treffen gefunden hatten, wertete Ryan die von ihm organisierte Demonstration gegen den ehemaligen Polizeichef als großen Erfolg. Frank Ryan schrieb am 10. November 1934 in einem Beitrag für die Zeitung Republican Congress davon, dass „(…) the protest really ‚marked not only the opposition of the Dublin working class to fascism but the capturing of the streets by the working class‘.“340 In den folgenden Wochen und Monaten trat die Feindschaft zwischen Ryan und O’Duffy zwar etwas in den Hintergrund, aber die Differenzen zwischen den beiden Männern waren mit dem Ende der Blueshirts nicht beigelegt. Aber nicht nur Ryan sah sich mit anhaltenden Konflikten konfrontiert. Auch die Untergrundarmee hatte sich mit internen Querelen und Richtungsstreitigkeiten zu befassen. Nachfolgend werden die zunehmenden Differenzen zwischen der IRA-Füh- 338 Hanley, The IRA, 89; McInerney, O’Donnell – Irish Social Rebel, 161; McGarry, O’Duffy, 216f, 261f; Bowyer Bell, The Secret Army, 110f. 339 Cronin, Blueshirts & Irish Politics, 25. 340 Ibid, 25; Hoar, In Green and Red, 126. 3 Frank Ryan und die irische Linke 96 rung und des linken Flügels der IRA beschrieben, der in letzter Konsequenz zur Spaltung der Untergrundarmee führten. Republican Congress – Die Abspaltung des linken Flügels der IRA Robert Doyle, Mitglied der IRA und Anhänger des linken Flügels, beschreibt die Situation der Organisation Anfang der dreißiger Jahre: „(…) [The] IRA (…) was very broadly based but mainly dominated by middle-class officers and [sic] whose concept was one of united Ireland. But the left-wing (…) could not see that that would have the appeal to the broad masses of the Irish people, and it certainly didn’t appeal to me because while living in slums I didn’t see what their policy was in the declaration if Ireland should become a free and united country.“341 Der linke Flügel, dem unter anderem auch Peadar O’Donnell, George Gilmore und Frank Ryan angehörten, konnte der Untätigkeit der Armeeführung wenig Gutes abgewinnen.342 Die Männer warteten nach dem Regierungswechsel dennoch erst einmal ab, um zu sehen, wie sich der neue Taoiseach Eamon de Valera entwickelte.343 Die linken Kräfte innerhalb der IRA waren überzeugt, dass es der Organisation an neuen Impulsen fehle. Sie planten deshalb, ihre eigene politische Gruppe zu gründen, die in erster Linie Sympathisanten der republikanischen Sache ansprechen sollte, darunter insbesondere Interessierte, die zwar nicht Mitglied der IRA, aber dennoch mit der Politik der Regierung unzufrieden waren.344 Der Armeevorstand lehnte das Vorhaben und jegliche Unterstützung dafür kategorisch ab. Sowohl 1932 als auch ein Jahr später scheiterte die Initiative der IRA-Linken.345 Trotzdem ließen sich Peadar O’Donnell und seine Mitstreiter nicht so schnell entmutigen. Im Vorfeld des Kongresses der Untergrundarmee am St. Patrick’s Day des Jahres 1934 warben sie inoffiziell bei den teilnehmenden Abgeordneten um Unterstützung. Die Linken gingen davon aus, eine Mehrheit für ihr Vorhaben mobilisieren zu können, zumal die Armeeführung wenig gegen die Blueshirts unternahm. Einige IRA-Mitglieder aber sahen gerade im linken Flügel die größte Bedrohung für das Land.346 Zu Beginn brachte Michael Price, Mitglied des Army Council und Leiter der Rekrutenausbildung, eine Resolution ein, „(…) which purported to bind the IRA to continue until a government functioning on definite Socialistic principles was established.“347 Weite Teile des linken Flügels unterstützten den Vorstoß, der aber vom Vorstand abgelehnt wurde. Als Reaktion auf sein Scheitern verließ Michael Price die Tagung. Daraufhin brachten 3.2.4 341 Interview mit Robert Doyle, o. D., The Spanish Civil War Collection (TSCWC) – 806/04 – Bob Doyle, Imperial War Museum Sound Archive (IWMSA), London. 342 Hanley, The IRA, 89. 343 Bericht „Proinnsias O Riain“, R. Jacob, o. D., RJP, MS 33,132, NLI, Dublin. 344 Memo on the IRA, o. D., RG 226, Entry 210, Box 276, National Archives (NA), College Park, MD, USA. 345 Bericht „Proinnsias O Riain“, R. Jacob, o. D., RJP, MS 33,132, NLI, Dublin. 346 Ó Drisceoil, O’Donnell, 83. 347 Memo on the IRA, o. D., RG 226, Entry 210, Box 276, NA, College Park, MD, USA. 3.2 Frank Ryan im Spannungsfeld der politischen Kräfte – Die Transformation der Irish Republican Army 97 Peadar O’Donnell und George Gilmore einen weiteren Antrag zur Abstimmung. Die IRA sollte alle republikanischen Kräfte zu einem Kongress einberufen, um während dieser Tagung eine Bewegung nach dem Vorbild der im Ausland bereits bestehenden United Front348 ins Leben zu rufen.349 Dahinter stand die Idee, dass die Untergrundarmee sich mit allen separatistischen und radikalen Organisationen verbündet und sich für soziale Veränderungen einsetzt.350 O’Donnell war überzeugt, dass diese Bewegung die Arbeiterklasse des Landes mobilisieren und vereinigen könnte. Somit wäre eine gesamtirische Republik zum Greifen nahe.351 Über diesen Antrag entbrannte eine heftige Diskussion, die bis zum nächsten Tag andauerte. Die Mehrheit der Kongressteilnehmer unterstützte O’Donnells Konzept bei der finalen Abstimmung.352 Die Führungsriege aber lehnte es mit einer Stimme Vorsprung ab, was das endgültige Aus für das Konzept bedeutete.353 Gilmore und O’Donnell zogen ihre Konsequenzen aus dem Debakel und der mangelnden Unterstützung durch den Vorstand und verließen die Tagung ebenfalls. Gleichzeitig schieden sie als Mitglieder der Organisation aus.354 Frank Ryan folgte dem Beispiel der beiden anderen und verließ die IRA. An diesem Tag verlor der linke Flügel der Untergrundarmee seine gesamte Führungsspitze.355 Der Stab wollte diese Entscheidung allerdings nicht unkommentiert lassen und schloss O’Donnell, Gilmore und Ryan aus der Organisation aus, nachdem ihr Austritt für ungültig erklärt worden war.356 Gleichzeitig wurde allen Armeeangehörigen verboten, mit den ehemaligen Mitgliedern in Verbindung zu treten. Falls sich einzelne nicht an die Order der Armeeführung halten sollten, drohte ihnen der Ausschluss. In wenigen Fällen wurde die Maßnahme umgesetzt, jedoch kehrten einige IRA-Mitglieder, die meisten von ihnen aus Dublin, der Untergrundarmee freiwillig den Rücken, um weiterhin die Ideen des ehemals linken Flügels der Untergrundarmee zu unterstützen.357 Peadar O’Donnell, George Gilmore, Michael Price und Frank Ryan verfolgten nun das Ziel, eine neue Organisation zu gründen. Sie hofften, dass sie IRA-Anhänger 348 Hinter diesem, von der Komintern geprägten Begriff, verbarg sich Folgendes: „The united front tactic is simply an initiative whereby the Communists propose to join with all workers belonging to other parties and groups and all unaligned workers in a common struggle to defend the immediate, basic interests of the working class against the bourgeoisie.“ Fourth Congress of the Communist International – Theses on Comintern Tactics. [Online]. o. D.. URL: http://www.marxists.org/history/ international/comintern/4th-congress/tactics.htm [20. August 2014]. 349 Notes on Republican Congress Movement, o. D., Seán MacEntee Papers, P 67/527, UCDA, Dublin. 350 Richard English, „Socialism and republican schism in Ireland: the emergence of the Republican Congress in 1934“, Irish Historical Studies 27 Heft 105 (1990–91): 51. 351 Michael McInerney, „The Rise of Fascism – Peadar O’Donnell: A portrait-in-depth-6“, The Irish Times, 6. April 1967, 13. 352 English, „Socialism and republican schism in Ireland“, Irish Historical Studies 27 Heft 105 (1990– 91): 55. 353 Peadar O’Donnell, „The Irish Struggle To-day“, The Left Review 2, Nr. 7 (April 1936): 299. 354 Memo on the IRA, o. D., RG 226, Entry 210, Box 276, NA, College Park, MD, USA. 355 Notes on Republican Congress Movement, o. D., Seán MacEntee Papers, P 67/527, UCDA, Dublin. 356 O’Donnell, „The Irish Struggle To-day“, The Left Review 2, Nr. 7 (April 1936): 299f. 357 Die Quelle nennt hier keine genauen Zahlen und bezieht sich lediglich auf einige wenige bekannte Mitglieder des Republican Congress, unter ihnen befand sich auch der Lehrer Frank Edwards. Notes on Republican Congress Movement, o. D., Seán MacEntee Papers, P 67/527, UCDA, Dublin. 3 Frank Ryan und die irische Linke 98 der mittleren Kommandoebene und der Basis gewinnen könnten,358 die mit der Politik der Untergrundarmee unzufrieden waren.359 Abgesehen davon waren sich die Männer sicher, Gewerkschaftsvertreter und Repräsentanten des Handels, sowohl aus dem Süden als auch aus dem Norden des Landes, sowie die Mitglieder der Labour Party, der Communist Party of Ireland und einiger Vertreter sozialistischer Ideen für die neue Organisation begeistern zu können. O’Donnell und Price bereisten dazu das gesamte Land. Sie sprachen mit Offizieren der Untergrundarmee und warben für eine Konferenz, die unter der Schirmherrschaft bekannter IRA-Mitglieder stand.360 Besagte Veranstaltung fand am 7. und 8. August 1934 in Athlone statt. Zur Gründung der neuen Organisation kamen Vertreter der Communist Party of Ireland, der Organisation Cumann na mBan sowie verschiedener Gewerkschaften361 und circa 200 frühere Mitglieder der Irish Republican Army zusammen. Während des Kongresses wählten die Delegierten die Mitglieder des neu zu gründenden Republican Congress Bureau Committee, dessen Aufgabe es war, ein Manifest auszuarbeiten und dieses bei einer weiteren Versammlung zu präsentieren.362 Die entstandene Proklamation definierte die Ziele der neuen Bewegung. „We believe that a republic of a united Ireland will never be achieved except through a struggle which uproots capitalism on its way. ‚We cannot conceive of a free Ireland with a subject working-class; we cannot conceive of a subject Ireland with a free working-class‘. This teaching of [James] Connolly represents the deepest instinct of the oppressed Irish nation. (…) As the republic when established will be a republic of the workers and small farmers the forces that will achieve it must be drawn from these sections of our life. In order that these forces may be drawn forward to their task, we, on their behalf, call for a Republican Congress, and pledge ourselves to take up the work necessary to build it.“363 Der zweite Schritt war, die Organisation im Land bekannt zu machen. Neben der Zentrale in der Marlborough Street in Dublin eröffnete die Führungsspitze landesweit Zweigstellen. Zusätzlich erschien ein Wochenblatt unter dem Namen Republican Congress.364 Auch der Untertitel machte die Absichten der Gruppe deutlich. Dieser lautet: „Organ of the Committees of Workers and Small Farmers working for the United Front against Fascism and for the Workers’Republic“. In einem Beitrag in der Ausgabe vom 29. Juni 1935 machte George Gilmore auch den Zweck der neuen Organisation deutlich: „This is what the Congress movement is: It is an organising centre to co-ordinate the efforts of all genuinely Republican sections of the Irish Nation to re-establish this unity and independence of the Republic of Ireland by the Association of Republicanism with 358 McInerney, „The Swing to the Left“, 14. 359 Memo on the IRA, o. D., RG 226, Entry 210, Box 276, NA, College Park, MD, USA. 360 McInerney, „The Rise of Fascism“, 13; McInerney, „The Swing to the Left“, 14. 361 Zu den Unterstützern des Republican Congress gehörten unter anderem The Workers’ Union of Ireland, die Gewerkschaft der Kohlebergbauarbeiter, der Seeleute, der Dockarbeiter, die Women Workers’ Union, die Tramways Workers’ Union, die Drucker, die Holzarbeiter, die Verputzer, die Näher und weitere kleinere Gewerkschaften. Byrne, Republican Congress Revisited, 24. 362 Ann Matthews, „Archive of the Communist Party of Ireland“, Irish Archives Journal of the Irish Society for Archives 9 (Winter 2003–2004): 47. 363 Notes on Republican Congress Movement, o. D., Seán MacEntee Papers, P 67/527, UCDA, Dublin. 364 Patrick Byrne, Memories of the Republican Congress (London: Connolly Association, o. D.), 4f. 3.2 Frank Ryan im Spannungsfeld der politischen Kräfte – Die Transformation der Irish Republican Army 99 working class and small farmer struggles against Capitalism in Ireland. (…) Let us be clear as to the extent of the revolution which we wish to carry out: we wish to take economic power out of the hands of one class and place it in those of another. One difference with those who accuse us of parliamentarianism is that we have so little use for parliament and the existing state, and visualise its overthrow in so real a way that we see necessity for replacing this state by another state.“365 In der ersten Zeit bestand die Arbeit der Republican Congress-Führung ausschließlich darin, das Land zu bereisen und Versammlungen zu besuchen. In ihren Reden propagierten O’Donnell, Gilmore, Price und Ryan eine Art nationalen Kommunismus unter dem Schlagwort „A Workers’ Republic“. Sie riefen die Zuhörer auf, aktiv zu werden und gegen die, in ihren Augen faschistischen und zu dieser Zeit noch stärker in der Öffentlichkeit vertretenen, Blueshirts auch gewaltsam vorzugehen.366 Diese Aktionen sollten beispielsweise beinhalten, dass die Bewohner die Mietzahlung verweigerten oder sich einer drohenden Zwangsräumung widersetzten. Abgesehen davon ermutigte man die Arbeiter, sich an Streiks und der Blockade von Betrieben zu beteiligen.367 Zudem initiierte und unterstützte die Organisation Forderungen nach Vollbeschäftigung, sozialem Wohnungsbau, höheren Löhnen, gleichen Verdienstmöglichkeiten für Frauen, sozialer Sicherheit im Alter und bei Krankheit. Die Schwierigkeit bestand darin, diese Notwendigkeiten mit der Unabhängigkeit Irlands zu verbinden.368 Neben dem Ziel, die Organisation durch Reisen, Reden und Aktionen im Land bekannt zu machen, hofften die Initiatoren natürlich vor allem darauf, dass in den bevorstehenden Kommunalwahlen Republican-Congress-Anhänger in die örtlichen County Councils gewählt würden.369 Der Vorstand wollte so der Kampagne der Blueshirts und der „strong-farmers“ entgegenwirken, die darauf abzielte, die Grafschaftsräte abzuschaffen. Immerhin konnten zwei Congress-Kandidaten die Wahl für sich entscheiden. Von Mai bis September 1934 erlebte der Republican Congress die erfolgreichste Phase seiner Existenz. O’Donnell und seine Mitstreiter hatten es geschafft, die protestantische Arbeiterklasse im Norden des Landes sowie die katholischen Arbeiter im Freistaat, und somit die Arbeiterschaft über die Konfessionsgrenzen370 hinweg, zu mobilisieren und zu einen. Die Idee allerdings, auch einen militärischen Flügel innerhalb des Republican Congress zu etablieren, verwarf der 365 Essay „Notes on Republican Congress Movement“, o. D., Seán MacEntee Papers, P 67/527, UCDA, Dublin. 366 Memo on the IRA, o. D., RG 226, Entry 210, Box 276, NA, College Park, MD, USA. 367 Interview mit Robert Doyle, o. D., TSCWC – 806/04 – Bob Doyle, IWMSA, London. 368 McInerney, „The Swing to the Left“, 14. 369 Notes on Republican Congress Movement, o. D., Seán MacEntee Papers, P 67/527, UCDA, Dublin. 370 Durch die Teilung des Landes in Nordirland und den im Süden und Nordwesten gegründeten irischen Freistaat hatte sich auch eine konfessionelle Grenze entwickelt. Die Mehrheit der Einwohner der nordöstlichen Grafschaften gehörte dem protestantischen Glauben an, wobei die Majorität der Bürger des Südens katholisch war. Der entstandene Konflikt, der häufig auf religiöse Unterschiede reduziert wird, hat seinen Ursprung in der politischen Einstellung. Die nordirischen Protestanten wollen keine Abspaltung Ulsters vom Vereinigten Königreich, denn sie befürchten für sich wirtschaftliche Nachteile. Die katholische Minderheit des Landes hingegen befürwortet die Wiedervereinigung der Insel und strebt den Beitritt zur Republik Irland an. Neil Fleming und Alan O’Day, The Longman handbook of modern Irish history since 1800 (Harlow: Pearson/Longman, 2005), 467f. 3 Frank Ryan und die irische Linke 100 Vorstand. Innerhalb der Bewegung gab es tatsächlich Überlegungen, die in diese Richtung liefen, stammten doch einige Mitglieder aus den Reihen der Untergrundarmee, die dem Spott ihrer ehemaligen Kameraden ausgesetzt waren. Um die Gruppe dieser ehemaligen IRA-Kämpfer – um die man schließlich aufwändig geworben hatte und die sogar so weit gegangen waren, ihre politische Heimat aufzugeben – nicht als Unterstützer zu verlieren, diskutierte die Führung diese Möglichkeit.371 Trotz der Entscheidung des Vorstands trainierten einige Mitglieder die Handhabung der vorhandenen Waffen. Durch dieses Training ihrer Mitglieder profitierte die Organisation vor allem aber hinsichtlich einer gesteigerten Disziplin und der Fähigkeit, sich schnell zu mobilisieren. Eigentlich aber verstand sich die Vereinigung als rein politische Organisation, der Kampf der Arbeiterschaft sollte nicht mit militärischen Mitteln ausgefochten werden. Die Idee des militärischen Flügels war somit gescheitert, die vorhandenen Schusswaffen wurden an die IRA abgetreten.372 Nun konzentrierte sich die Organisation darauf, die Probleme der Arbeiterschaft anzugehen. Unter anderem prangerte man die schlechten Lebensbedingungen in Dublin und Waterford an, wo sich die Zustände in den Elendsvierteln seit der Jahrhundertwende kaum verändert hatten. Für die meisten Familien war es nach wie vor die Regel, nur ein einziges Zimmer zu bewohnen. Abgesehen davon eignete sich knapp die Hälfte aller Häuser in Dublin nicht als Wohnung.373 Um diese Zustände zu ändern, startete der Republican Congress im Juli 1934 seine „No Rent“-Kampagne.374 Die geplanten Maßnahmen sahen die Gründung der „Tenant Leagues“ vor, die ausschließlich aus Mitgliedern der Organisation bestanden. Sie hatten die Aufgabe, Mieterproteste für bessere Wohnbedingungen zu organisieren und zu koordinieren. Die Komitees hielten Kundgebungen ab, bestärkten die Bewohner darin, die Miete einzubehalten und unterstützten die Bewohner, wenn sie sich gegen Drohungen der Vermieter zur Wehr setzen mussten. Abgesehen davon war der Republican Congress federführend beim Protestmarsch zum Sitz des Dubliner Bürgermeisters. Circa 3.000 Menschen folgten dem Aufruf und die Aktion brachte zumindest erste kleine Verbesserungen. In einem Fall führte eine Beschwerde zu einer Mietsenkung von 25 Prozent, ein anderer Streik endete mit der Unterbringung der Bewohner in neuen Wohnungen. Abseits der Städte setzte sich der Republican Congress für Landreformen ein. Wenig oder nicht genutzte landwirtschaftliche Flächen, die unter der Aufsicht der Landkommission standen, sollten an Kleinbauern und Arbeiter ohne Grundbesitz gehen. Außerdem war vorgesehen, insbesondere in den Gaeltacht-Regionen375 Koope- 371 Ó Drisceoil, O’Donnell. 84f. 372 Memo on the IRA, o. D., RG 226, Entry 210, Box 276, NA, College Park, MD, USA; Interview mit Robert Doyle, o. D., TSCWC – 806/04 – Bob Doyle, IWMSA, London; McInerney, „The Swing to the Left“, 14; Notes on Republican Congress Movement, o. D., Seán MacEntee Papers, P 67/527, UCDA, Dublin; Ó Drisceoil, O’Donnell. 84f; Byrne, Memories of Republican Congress, 5f. 373 Byrne, Memories of Republican Congress, 5f. 374 Notes on Republican Congress Movement, o. D., Seán MacEntee Papers, P 67/527, UCDA, Dublin. 375 Unter dem Begriff Gaeltacht versteht man die Regionen an der irischen West- und Südwestküste, in denen die irische Sprache noch vorherrschend ist. Diese Landstriche, besonders im Westen und Nordwesten, sind aufgrund ihrer Geografie sehr strukturschwach. Peter Trudgill, Language in the British Isles (Cambridge: Cambridge Univ. Press, 1984), 486. 3.2 Frank Ryan im Spannungsfeld der politischen Kräfte – Die Transformation der Irish Republican Army 101 rationen zu gründen. Darüber hinaus unterstützte die Gruppe den Minenarbeiterstreik in Castlecomer und veranstaltete landesweit Demonstrationen und Kundgebungen, darunter den großen Hungermarsch von Cork nach Dublin im Jahr 1934.376 Hin und wieder erhielt der Republican Congress Unterstützung von Verbänden der IRA, so beispielsweise während des Streiks der Bus- und Straßenbahnfahrer in Dublin im März 1935. Diese Zusammenarbeit zwischen den beiden Organisationen begrüßte insbesondere die Führungsebene der links-gerichteten Organisation als Erweiterung der United-Front-Idee.377 Im Sommer 1934 kam es aufgrund der Aktivitäten des Republican Congress vermehrt zu sozialen Unruhen. Es gab immer wieder Zusammenstöße zwischen Anhängern der Blueshirts und Mitgliedern der Congress-Bewegung sowie der IRA. Angehörige der beiden republikanischen Organisationen taten sich sogar zusammen, um gemeinsam gegen einzelne Sympathisanten oder ganze Blauhemdverbände gewaltsam vorzugehen. Die schlimmsten Zwischenfälle ereigneten sich in Dublin, Drogheda, Listowel und Tralee. „(…) the official policy of harnessing the movement at every form of agitation and discontent had led to breaches of the law and conflicts with the police.“ Diese wiederum resultierten in Verhaftungen und Gefängnisstrafen.378 Trotz solcher gelegentlichen Kooperationen zwischen der Irish Republican Army und dem Republican Congress gab die Armeeführung die Order aus, dass keinerlei Aktivitäten der neuen Organisation von Mitgliedern der Untergrundarmee unterstützt werden dürften. In der Folge kam es deshalb auch wieder zu vereinzelten Vorfällen: Beispielsweise hinderten IRA-Anhänger während der jährlichen Gedenkfeier in Bodenstown im Juni 1934 die ebenfalls anwesenden Republican-Congress-Teilnehmer daran, ihre Banner zu tragen. Dabei hatten es die Mitglieder der Untergrundarmee besonders auf die Fahnen der protestantischen Vertreter aus Belfast abgesehen, weil diese Aufschriften wie „Kappt die Verbindung mit dem Kapitalismus“ trugen.379 Die IRA argumentierte, dass die Congress-Vertreter eine Vorschrift missachtet hätten, wonach nicht autorisierte Transparente verboten waren. Der Vorfall schlug hohe Wellen. So protestierten die Vertreter der kommunistischen Partei gegen das Vorgehen der IRA-Verbände, indem sie sich weigerten, weiter an den Feierlichkeiten teilzunehmen, obwohl sie selbst nicht direkt von den Übergriffen betroffen waren. Auch Peadar O’Donnell und George Gilmore beschwerten sich noch vor Ort über das Verhalten ihrer ehemaligen Kameraden, achteten aber darauf, dass sich die Kritik einzig und allein an den Armeevorstand richtete. Zum einen waren die beiden Männer überzeugt, dass dieser für den Zwischenfall verantwortlich war, zum anderen wollten sie keinesfalls die zum Teil freundschaftlichen Beziehungen zwischen den Mitgliedern der beiden Organisationen zerstören.380 Die erste Tagung des Republican Congress fand am 29. und 30. September 1934 in der Rathmines-Stadthalle in Dublin statt. Delegierte der verschiedensten republi- 376 Byrne, Memories of Republican Congress, 6ff. 377 Memo on the IRA, o. D., RG 226, Entry 210, Box 276, NA, College Park, MD, USA. 378 Notes on Republican Congress Movement, o. D., Seán MacEntee Papers, P 67/527, UCDA, Dublin. 379 Ó Drisceoil, O’Donnell. 84. 380 Notes on Republican Congress Movement, o. D., Seán MacEntee Papers, P 67/527, UCDA, Dublin. 3 Frank Ryan und die irische Linke 102 kanischen Gruppierungen nahmen daran teil, darunter auch Vertreter von Gewerkschaften, Mieterverbänden, der restrukturierten Irish Citizen Army, des Unemployed Workers’ Movement, des Working Farmer Committees, der kommunistischen Partei Irlands, der Cumann na mBan, der IRA und von Sinn Féin. Insgesamt zählte der Kongress 186 Teilnehmer.381 Die Tagung entsprach O’Donnells Vorstellung einer vereinten, urbanen und ländlichen Arbeiterschaft. „Its resolutions had radical, almost socialist, solutions for employment and development in industry, agriculture, banking insurance, housing, health and other social services and also for ending partition by the co-ordination of Congress activities North and South. The resolutions saw Congress as a bridge to unite Republican and Labour and urged the IRA to give its allegiance to it.“382 Jedoch wurde sehr bald deutlich, dass erhebliche Meinungsunterschiede darüber bestanden, welche Form die Organisation annehmen sollte und wie genau die endgültigen Ziele aussehen sollten. Michael Price reichte während des Kongresses eine Resolution ein. Sie enthielt politische und organisatorische Inhalte und am Ende sollte eine Arbeiterrepublik gegründet werden, zu deren Aufbau man auch eine neue Partei benötigte.383 Der Antrag wurde von der Mehrheit des „Bureau“, sozusagen der Führungsebene der Organisation, unterstützt. O’Donnell allerdings lehnte diesen Vorschlag ab. Er plädierte für die Weiterführung des „United Front“-Ansatzes, denn damit könnte der Republican Congress nach wie vor das Zentrum für den Kampf der anti-imperialistischen Parteien sein. Das Ziel einer irischen Republik unter der Führung der Arbeiterklasse sollte am besten auf diese Weise erreicht werden. In der folgenden Abstimmung lehnten die Delegierten den Antrag von Michael Price mit 99 zu 84 Stimmen ab. Price und ein Teil seiner Anhänger verließen darauf die Tagung, schieden auch aus der Organisation aus und spalteten damit die neue Bewegung, die an diesem Tag mehr als die Hälfte ihrer Mitglieder einbüßte, denn dem Beispiel von Price folgend, kehrten viele andere Teilnehmer dem Republican Congress den Rücken.384 In der Folge verlor die Vereinigung nach und nach die Unterstützung der Gewerkschaften.385 Abgesehen davon hatte die Organisation mit finanziellen Problemen zu kämpfen. George Gilmore reiste sogar in die USA, um Unterstützung zu erhalten,386 von welcher auch der Fortbestand der Zeitung Republican Congress abhing, deren Vertrieb vorübergehend sogar eingestellt werden musste.387 Es mangelte schnell am nötigen Geld, weil das Blatt von Beginn an keinerlei Werbeanzeigen ge- 381 Matthews, „Archive of the CPI“, Irish Archives Journal of the Irish Society for Archives 9 (Winter 2003–2004): 47; Ó Drisceoil, O’Donnell. 87. 382 McInerney, „The Rise of Fascism“, 13. 383 Ó Drisceoil, O’Donnell, 87; George Gilmore, The Irish Republican Congress (Cork: The Cork Workers Club, 1974), 3. 384 Ó Drisceoil, O’Donnell, 87f. 385 Byrne, Memories of Republican Congress, 12. Die Tatsache, dass Ryan selbst ein prominentes Mitglied der National Union of Journalists, kurz NUJ, in Dublin sowie in London war, konnte an dieser Entwicklung nichts ändern. „Death of Frank Ryan“, ohne Autor, The Irish Democrat, März 1945, RJP, MS 33,132, NLI, Dublin. 386 Memo on the IRA, o. D., RG 226, Entry 210, Box 276, NA, College Park, MD, USA. 387 Notes on Republican Congress Movement, o. D., Seán MacEntee Papers, P 67/527, UCDA, Dublin. 3.2 Frank Ryan im Spannungsfeld der politischen Kräfte – Die Transformation der Irish Republican Army 103 druckt hatte, weshalb am 9. Januar 1934 die vorerst letzte Ausgabe des Blattes erschien.388 Der Clan na Gael, die wichtigste und einflussreichste republikanische Organisation der Iren in den USA war stets über die Entwicklungen in der alten Heimat informiert. Die Geschehnisse in Irland hießen weder die Unterstützer des Clan na Gael noch Joseph McGarrity, eines der einflussreichsten Mitglieder der Vereinigung, gut, denn in den Staaten war man nicht gewillt, außer der IRA weitere Gruppen zu unterstützen. Vor allem McGarrity, ein erfolgreicher Unternehmer, glaubte fest an die Gewaltstrategie der Untergrundarmee und konnte in einer kommunistischen Vereinigung wie dem Republican Congress als gläubiger Katholik nichts Positives sehen. Gilmores guter Ruf, den er sich durch seinen Kampf im irischen Bürgerkrieg erworben hatte, sicherte ihm einen freundlichen Empfang in den USA. Aber er erreichte lediglich, dass wichtige Vertreter der Iren in Amerika einen Appell unterzeichneten, der alle republikanischen Gruppen zur Einheit aufrief. Finanzielle Unterstützung konnte Gilmore nicht mobilisieren, deshalb endete das Jahr 1934 für den Republican Congress im Minus.389 Wie es scheint, war es O’Donnell und Ryan gelungen, anderweitig Unterstützer zu finden. In einem Geheimdienstbericht schildert ein ehemaliges IRA- Mitglied, dass die Untergrundarmee seit 1931 Geld aus kommunistischen beziehungsweise bolschewistischen Quellen erhielt, das der Irish Republican Army nicht direkt, sondern über O’Donnell und Ryan indirekt zugeflossen war.390 Nach der Trennung der IRA und des Republican Congress erscheint es durchaus möglich, dass die Unterstützung nun der kommunistischen Bewegung zugutekam. Die Phase politischer Erfolge hielt nicht lange an. Vor allem in Nordirland gelang es der republikanischen Linken nicht, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Die Führungsspitze war zwar überzeugt, die religiöse Kluft zwischen den Protestanten im Norden und den Katholiken im Süden zu überwinden, aber der Republican Congress lieferte mit seiner Arbeit weder in ideologischer, in kultureller noch in wirtschaftlicher oder politischer Hinsicht echte Argumente, die die breite Masse der Protestanten davon überzeugt hätte, einem vereinigten Irland zuzustimmen. Besonders die Betonung der gälischen Kultur und Sprache empfanden die Nordiren als befremdlich und verschreckte die dortige Arbeiterschaft eher.391 Der September 1935 ließ das nachlassende Interesse am Republican Congress bereits deutlich erkennen. Während einer am 22. September 1935 in Dublin abgehaltenen Konferenz, die in der Zeitung Republican Congress später als „MOMENTOUS UNITY MEETING“ beschrieben wurde, beschlossen die Delegierten unter dem Vorsitz des Dáil-Abgeordneten Dan Breen, „(…) to take steps to ensure co-operation between all Republican and Labour bodies 388 Brief an die Vertreter und Abonnenten, 2. Januar 1934, Seán Nolan and Geoffrey Palmer Communist Party of Ireland Collection (NPCPIC), CPI Box 14/067, Dublin City Library and Archives (DCLA), Dublin. 389 Nikolaus Busch, Die außerparlamentarische, republikanische Bewegung in Irland 1925–1945 (München: Grin Verlag, 2013), 52; Tarpey, Role of Joseph McGarrity, 291f. 390 Bericht ohne Unterschrift – Quelle Benedictine, 19. Mai 1939, IRA General File – part 1, G2/X/0058, MACBB, Dublin. 391 English, Radicals and the Republic, 201f. 3 Frank Ryan und die irische Linke 104 ‚to assert the sovereign independence of a united Ireland and ensure that our country is not being committed to participation in an imperialist war.‘“392 Trotz des hehren Ziels, mit dieser Veranstaltung alles Notwendige vorzubereiten, damit das große Werk der republikanischen Kräfte und der Vertreter der Arbeiterschaft seinen Anfang nehmen konnte, erschien nur eine kleine Zahl an Teilnehmern, obwohl die verschiedensten Organisationen eingeladen waren. Dies stellte den ersten großen Rückschlag für die neue Bewegung dar, dem noch weitere folgen sollten. Nach und nach verlor der Republican Congress den Rückhalt in den Gewerkschaften, was sich zum Beispiel darin manifestierte, dass der Vorstand des Irish Trades Union Congress genau die beiden Arbeitnehmerorganisationen, nämlich die Workers Union of Ireland und die Irish Seamen’s and Port Workers’ Union, die den Republican Congress stets tatkräftig unterstützt hatten, als Kongressteilnehmer, ohne Angabe eines konkreten Grundes, ablehnte – eine Entscheidung, die O’Donnells Bemühungen für eine United Front weit zurückwarf. Diese ernsten Probleme hielten die Führungsriege aber nicht davon ab, für das kommende Jahr ein umfassendes Programm auszuarbeiten. „The programme for the coming year [1936] was outlined as follows: Congress meetings to call for immediate repudiation of the Treaty; Congress meetings against banks and for free land and increased wages for agricultural wage carriers; Congress support for the fight to reduce rents and for proper housing; co-operation with the unemployed.“393 Auch die finanziellen Schwierigkeiten des Republican Congress’ warteten auf eine langfristige Lösung. Obwohl der Vorstand alles dafür tat, die Bewegung am Leben zu halten, fehlte das Geld, um die geplanten Aktionen auch umsetzen zu können.394 Als erste Konsequenz fiel die Entscheidung, die Wochenzeitung Republican Congress zu Beginn des Jahres 1936 einzustellen. Die Organisation schloss zudem ihre Büros in Dublin. O’Donnell, Gilmore und Ryan hofften darauf, dass sich die Situation durch eine Kooperation mit der Communist Party of Ireland verbessern würde. Deshalb organisierte man im April 1936 gemeinsam eine Kundgebung anlässlich des Besuchs des schottischen Kommunisten William Gallacher. Die Stimmung während der Veranstaltung war sehr anti-kommunistisch aufgeheizt, weil einige der schottischen Gäste ein kommunistisches Symbol in Form eines roten Knopfes an den Mänteln offen zur Schau stellten. Nachdem es sich bei dieser Festlichkeit auch um die IRA-Gedenkfeier anlässlich des Osteraufstandes von 1916 gehandelt hatte, reagierte ein Teil der Zuhörer überaus feindselig auf diesen Affront, weshalb der Vortrag frühzeitig abgebrochen werden musste. Auch die folgenden Termine sagte man daraufhin aus Sicherheitsgründen ab. Trotz der erneuten Rückschläge wollten die Verantwortlichen des Republican Congress nicht aufgeben. Wieder in Zusammenarbeit mit der kommunistischen Partei riefen sie einen Buchclub nach englischem Vorbild ins Leben. Dem ersten Treffen am 22. Oktober 1936 wohnte unter anderem die Führungsspitze des RC, darunter auch Frank Ryan, bei. Als im gleichen Jahr der Spanische Bürgerkrieg ausbrach, sah die Organisation ihre Chance gekommen. Man könne diesen zu 392 Notes on Republican Congress Movement, o. D., Seán MacEntee Papers, P 67/527, UCDA, Dublin. 393 Notes on Republican Congress Movement, o. D., Seán MacEntee Papers, P 67/527, UCDA, Dublin. 394 Memo on the IRA, o. D., RG 226, Entry 210, Box 276, NA, College Park, MD, USA. 3.2 Frank Ryan im Spannungsfeld der politischen Kräfte – Die Transformation der Irish Republican Army 105 Propagandazwecken nutzen, um die neue Kooperation zwischen dem Republican Congress und der Communist Party of Ireland bekannt zu machen. Finanzielle Probleme erschwerten die Arbeit enorm.395 „By the end of 1936, the Republican Congress Movement had ceased to function as such, and whatever little activity that continued was confined to the leading agitators.“396 Obwohl die RC-Bewegung noch einige Zeit bestand, wurde sie schließlich von O’Donnell und dem Komitee aufgelöst. Sie wollten der Zersetzung der Bewegung zuvorkommen.397 Einige Jahre später erklärte George Gilmore, einer der Unterzeichner des Athlone-Manifests398, dass die Idee, einen Kongress aller republikanischen Kräfte im Land zu gründen, von vielen verschiedenen Gruppen ausgegangen war. Das Ergebnis zeigte jedoch, dass bei aller vordergründigen Einigkeit das Ziel betreffend, doch ernsthafte Differenzen darüber bestanden, welche Methode angewendet werden sollte, um jenes zu erreichen.399 Diese unterschwelligen Meinungsverschiedenheiten waren letztendlich ausschlaggebend dafür, dass sowohl die Organisation Republican Congress als auch die Idee der United Front scheiterten. Frank Ryan hoffte seine politischen Visionen umzusetzen und engagierte sich zusammen mit anderen führenden Anhängern sozialistischer Ideen im Republican Congress. Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit der neuen Organisation und Ryans Einsatz für die Umsetzung seiner linksgerichteten Ideen. Frank Ryans Rolle im Republican Congress Frank Ryans Austritt aus der Irish Republican Army am 17. März 1934 kam nicht überraschend. Der Konflikt zwischen der Führung und ihm schwelte schon länger und die Zahl der Auseinandersetzungen nahm zu: beispielsweise als Ryan es bei der IRA-Tagung am 17. März 1933 ablehnte, für die Wahl des Armeevorstandes zu kandidieren, um auf diese Weise gegen die, in seinen Augen, rechtsgerichtete Politik der Untergrundarmee zu protestierten.400 Außerdem glaubte Ryan vielmehr daran, „(…) that minority opposition within the Executive did more to protect the leadership than to influence its decisions (…)“.401 Ryan unterstützte stattdessen den Vorstoß seines 3.2.5 395 Notes on Republican Congress Movement, o. D., Seán MacEntee Papers, P 67/527, UCDA, Dublin. 396 Memo on the IRA, o. D., RG 226, Entry 210, Box 276, NA, College Park, MD, USA. 397 McInerney, „The Rise of Fascism“, 13. 398 Am 7. und 8. April 1934 hielt die neu gegründete Bewegung Republican Congress ihren ersten Kongress in der Stadt Athlone ab. An diesem ersten Treffen, das von Vertretern der republikanischen Kräfte und von Labour-Anhängern besucht wurde, verabschiedete die Delegation das sogenannte Athlone-Manifesto. Das Programm legte die Ziele der neuen Organisation fest, die in erster Linie darin bestanden, eine gesamtirische Republik der Arbeiter und Kleinbauern zu schaffen. Gleichzeitig sagte man dem Kapitalismus den Kampf an. Micheál Mac Donncha, „Remembering the Past: Republican Congress – The Athlone Manifesto“, An Phoblacht (2. April 2009). [Online]. o. D., URL: http://www.anphoblacht.com/print/19902 14.07.2015]. Vgl. dazu auch Seite 99f. 399 English, „Socialism and republican schism in Ireland“, Irish Historical Studies XXVII Nr. 105 (May 1990): 56. 400 Hoar, In Green and Red, 104f. 401 Gilmore, Irish Republican Congress, 30. 3 Frank Ryan und die irische Linke 106 Freundes Peadar O’Donnell, einen Kongress aller republikanischen Kräfte unter der Führung der IRA einzuberufen. Nach dem Scheitern dieser Initiative kam es zum endgültigen Bruch zwischen Frank Ryan und der Untergrundarmee.402 „He felt the organisation was no longer carrying out the work for which he had joined; in the last two years the leadership had brought the revolutionary movement to a standstill. A Republican Congress would open the road for an advance.“403 Deshalb gründete der ehemals linke Flügel der IRA den Republican Congress.404 Eigentlich war das Ziel der neuen Organisation klar definiert: Der Weg zum vereinten Irland sollte nur gelingen, indem gleichzeitig dem Kapitalismus die Existenzmöglichkeiten entzogen würden. Allerdings hatten einige Mitglieder den Verdacht, dass es weniger darum ging, die republikanischen Kräfte des Landes zu einen. Vor allem den ehemaligen, aus der IRA ausgeschiedenen, Führungsmitgliedern schien mehr daran gelegen zu sein, die Irish Republican Army und ihre Zeitung An Phoblacht zu vernichten. „This purpose was openly given expression to by two members at a meeting of the Bureau. George Gilmore said that he only joined the Congress movement in order to atone for his folly and his dishonesty in being in the IRA for the last ten years, and to do what he could to expose their hypocrisy and worthlessness. At the meeting of the Bureau, in answer to a complaint about this criticism of the IRA Frank Ryan said that his chief aim as editor of The Republican Congress was to expose the hypocrisy and dishonesty of An Phoblacht to such an extent that the latter would be forced out of existence within six months.“405 Dieser Vorwurf war nicht gänzlich von der Hand zu weisen, betrachtete man die Veröffentlichungen in Republican Congress. Viele Artikel richteten sich gegen die Führungsriege der Irish Republican Army, verspotteten die Beiträge in An Phoblacht und die Berichte taten die Gewaltpolitik der Armee als „Relikt“ ab, das man nicht als politische Strategie ernst nehmen könne.406 Am 5. Mai 1934 erschien die erste Ausgabe der Wochenzeitung Republican Congress. Diese wurde von Peadar O’Donnell editiert. Die kommenden Ausgaben entstanden unter der Leitung von Frank Ryan. Nach seiner langen Tätigkeit bei An Phoblacht und dem Ausscheiden aus der Redaktion der IRA-Zeitung, erschien es wenig verwunderlich, dass er seiner Wut und der Enttäuschung über die Untergrundarmee auf publizistischem Weg und in diesem Stil Luft machte. Dennoch verfasste Ryan auch wirkungsvolle programmatische Reden und Beiträge für das Blatt, sowohl in englischer als auch in irischer Sprache.407 Abgesehen von seiner journalistischen Arbeit für die Zeitung Republican Congress, die Frank Ryan zudem herausgab, war er stark in die neue Organisation einge- 402 Memo on the IRA, o. D., RG 226, Entry 210, Box 276, NA, College Park, MD, USA. 403 Cronin, Frank Ryan, 54. 404 Memo on the IRA, o. D., RG 226, Entry 210, Box 276, NA, College Park, MD, USA. 405 Brief an das Organisationssekretariat ohne Absender, 18. Juli 1934, Síghle Uí Dhonnchadha Papers, P 106/1490, UCDA, Dublin. 406 McInerney, „The Enigma of Frank Ryan“, 26. 407 Ó Drisceoil, O’Donnell, 84; McInerney, „The Swing to the Left“, 14; Cronin, Frank Ryan, 58. 3.2 Frank Ryan im Spannungsfeld der politischen Kräfte – Die Transformation der Irish Republican Army 107 bunden und neben George Gilmore von 1934 bis 1936 ihr „Joint Secretary“. Darüber hinaus gehörte Ryan als Mitglied dem „Congress organising bureau“ an.408 Die neue Organisation Republican Congress polarisierte schon vor ihrer ersten Tagung. Während im Saal über die zukünftige Richtung der Bewegung diskutiert wurde, hatten sich außerhalb der Rathmines Town Hall, in der der Kongress tagte, etwa 200 Menschen versammelt, die im Namen des Papstes gegen die kommunistische Veranstaltung vorgehen wollten. Ryan und sein Mitstreiter Patrick Byrne beschafften Waffen, um sich gegen die Angreifer zur Wehr setzen zu können, falls die Situation eskalieren würde. Der Pulk löste sich jedoch nach einiger Zeit wieder auf, augenscheinlich war es den Anführern nicht gelungen, genügend Unterstützer zu mobilisieren. Selbst im Tagungsraum konnte von einer entspannten Atmosphäre nicht die Rede sein. O’Donnell stellte seine Idee einer „United Front“ vor. Diese wurde unter anderem von Frank Ryan unterstützt, in dessen Augen die gesamtirische Arbeiterrepublik, wie sie von Michael Price geforderte wurde, als politisches Ziel des Republican Congress nicht weit genug reichte. „He [Ryan] urged instead the aim of the Republic and the expansion and development of all organisations dedicated to that ideal.“409 Die Grenzen des Arbeiterstaates, wie von Price und einigen wenigen Befürwortern gefordert, bestanden für Ryan darin, dass sich mit dieser Idee einer Arbeiterrepublik nur ein kleiner Teil der republikanischen Bewegung identifizierte. Insbesondere Anhänger der IRA, die für die Schaffung einer gesamt-irischen Republik eintraten und zum Erreichen dieses Ziels auch die Gewaltstrategie der irischen Untergrundarmee befürworteten, würde eine „Workers’ Republic“ abschrecken. Die Forderungen nach sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen mit ihren sozialistischen Elementen, wie der Einschränkung des Privateigentums und dem Anti-Klerikalismus waren für viele Anhänger der Untergrundarmee zu radikal. Alle Bemühungen, die IRA und die republikanischen Kreise der Fianna Fáil-Partei für die Congress-Sache zu gewinnen, wären damit zusätzlich zunichte gemacht. Da Frank Ryan den Faschismus als größte Bedrohung seiner Gegenwart erachtete, gab er zu bedenken, dass potenzielle Unterstützer einer neuen links-gerichteten Organisation trotzdem und eben aufgrund der kommunistischen Ausrichtung des Republican Congress abgeschreckt werden könnten. Die Mehrheit der 183 Delegierten teilte die Bedenken Ryans und lehnte den Vorstoß von Michael Price mit einem Vorsprung von fünfzehn Stimmen ab. Der Triumph O’Donnells, Gilmores und Ryans hatte einen hohen Preis, denn er führte zur Spaltung der Organisation.410 Der Rückzug eines der wichtigsten Unterstützer des Republican Congress, Michael Price, und seiner Anhänger aus der Organisation war ein herber Rückschlag für die neue Bewegung. Trotzdem arbeiteten die verbliebenen Mitglieder verstärkt daran, ihre Ideen umzusetzen. Ryan war in dieser Zeit hauptsächlich für die Zeitung zuständig. Eine neue Kampagne forderte seine gesamte Aufmerksamkeit und sein Geschick 408 Bericht ohne Titel, ohne Verfasser, o. D., Rosamond Jacob Papers, MS 33,132, NLI, Dublin; Cronin, Frank Ryan, 54. 409 Byrne, Memories of Republican Congress, 11f; McInerney, „The Swing to the Left“, 14. 410 McInerney, „The Swing to the Left“, 14. 3 Frank Ryan und die irische Linke 108 als Journalist. Der Leiter der Republican Congress-Sektion in Waterford, Frank Edwards, drohte wegen der Mitgliedschaft in der Vereinigung seine Stelle als Lehrer an einer örtlichen Schule zu verlieren. Die Kündigung wurde mit seinen antifaschistischen Aktivitäten begründet. Die Tatsache, dass öffentlich finanzierte Schulen hauptsächlich unter der Trägerschaft der Kirche standen, welche die vermeintlich kommunistische Organisation sehr kritisch beurteilten, machte Edwards als Congress-Mitglied zum Ziel kirchlich initiierter Schikanen. Er beschreibt seine Entlassung im Januar 1935 wie folgt: „As soon as Congress was founded, we tackled the question of slum landlords in Waterford … Archdeacon Byrne, who was acting bishop at the time, was co-manager of the school where I worked, Mount Sion Christian Brothers School411 … This same priest was trustee of some of the slum property I had investigated, though I did not know that at the time … He made some reference to the anti-slum campaign … My major sin obviously was to have mentioned his property ….“412 Nachdem bekannt geworden war, dass Edwards an der Tagung des Republican Congress teilgenommen hatte, forderte ihn die Schulleitung auf, die Bewegung sofort zu verlassen. Er weigerte sich und erhielt daraufhin die Nachricht, dass sein Vertrag Mitte Januar 1935 endete. Außerdem sollte sich der Lehrer schriftlich verpflichten, ausschließlich Organisationen anzugehören, die von der katholischen Kirche gebilligt waren. Aber auch das lehnte er ab. Zwischenzeitlich war der Fall schon an die Öffentlichkeit gelangt. Sowohl die örtliche Zeitung als auch An Phoblacht und Republican Congress hatten über den Fall berichtet und das Vorgehen der Schulleitung scharf kritisiert.413 Die Angelegenheit schlug immer höhere Wellen. Um zu vermitteln schaltete sich auch die Irish National Teachers Organisation ein, zog sich aber zurück, als bekannt wurde, dass sich auch der Republican Congress für den Lehrer einsetzte. Frank Ryan, Sekretär der Organisation und überdies ein enger Freund Frank Edwards fühlte sich verpflichtet, in dieser Angelegenheit tätig zu werden. Das öffentliche Interesse an dem Lehrer stieg und besonders das Engagement der neuen Bewegung erregte Aufmerksamkeit. Deshalb sah sich der Bischof von Waterford, Dr. Jeremiah Kinane, ge- 411 Die Irish Christian Brothers war der führende Orden und Schulträger in Irland. Die Gründung erfolgte im Jahr 1802 in Waterford durch Edmund Rice, der als mittelständischer Kaufmann sein Vermögen durch den Provianthandel auf der Route Waterford-Neufundland erworben hatte, im Zuge der im ausgehenden 18. Jahrhundert beginnenden Schulgründung durch katholische Orden. Im Vordergrund der Lehre stand dabei die katholische Glaubenslehre. Der offizielle Name des Ordens lautete Congregation of Christian Brothers, aber bald war er im ganzen Land als Christian Brothers bekannt. Die Bezeichnung Mount Sion ging auf das Jahr 1803 zurück, als die von Rice gegründete Schule innerhalb Waterfords in einen Schulkomplex, der „Mount Sion“ genannt wurde, umzog. Die Bildungs-einrichtungen, der bald weitere Schulgründungen in den größeren und später auch in kleineren Städten des Landes und darüber hinaus folgten, waren in erster Linie für ihre Grundschulen, weiterführenden Schulen, Fachschulen und für ihre Waisenhäuser bekannt. Die Christian Brothers betrieben hauptsächlich Knabenschulen. So befanden sich im Jahr 1930 64 weiterführende Schulen in der Trägerschaft des Ordens mit insgesamt 8.067 Schülern. Tom O’Donoghue und Judith Harford, Secondary School Education in Ireland: History, Memories and Life Stories, 1922–1967 (London: Palgrave Macmillan, 2016), 55ff. 412 Manus O’Riordan, Portrait of an Irish Anti-Fascist: Frank Edwards, 1907–1983 (Dublin: Labour History Workshop, 1984), 1f, 2. 413 O’Riordan, Portrait of Irish Anti-Fascist, 2; Geheimer Bericht der Garda Siochana Waterford, P. Fahy, 1. Januar 1935, 2008/117/722, NAI, Dublin. 3.2 Frank Ryan im Spannungsfeld der politischen Kräfte – Die Transformation der Irish Republican Army 109 zwungen, nach der Messe einen Brief vorzulesen, der sich mit dem Thema des Kommunismus und speziell dem Republican Congress beschäftigte. Der Mitarbeiter der Garda Siochána in Waterford, P. Fahy, gab den Wortlaut des Geistlichen in seinem Bericht wieder: „It is understood that the Republican Congress Party Headquarters is making the case of the removal of Mr. Edwards from his position a major issue, and has decided to fight it to a conclusion in order (…) to put an end to victimisation by the Clergy and the Church.“414 Also traf sich Bischof Kinane Anfang Januar 1935415 zu einer langen Unterredung mit Frank Ryan. Begleitet wurde der Journalist von Sean Malone, ebenfalls Mitglied der linksgerichteten Organisation und Lehrer in Waterford. Man hatte ihm zwar noch nicht mit Kündigung gedroht, aber im Gegensatz zu Edwards hatte sich Malone nie öffentlich mit den Aktivitäten der neuen Bewegung in Verbindung gebracht. Trotzdem war er sehr daran interessiert, wie die Angelegenheit am Ende gelöst werden würde. Das Gespräch zwischen dem Bischof und den Republican Congress-Vertretern brachte kein Ergebnis. Als Resultat entbrannte in den folgenden Wochen eine heftige Diskussion zwischen Frank Ryan und dem Geistlichen. Der Schlagabtausch wurde ausschließlich in den Printmedien geführt. Angesichts des nach wie vor großen öffentlichen Interesses fühlte sich Kinane gezwungen, Stellung zum Fall Edwards zu nehmen. In einem Bericht in der Irish Times stellte er den Sachverhalt aus seiner Sicht dar. Gleichzeitig warnte er nochmals vor einer Mitgliedschaft sowohl in der Irish Republican Army als auch in der neuen Organisation Republican Congress. Vor allem in diesem erkannte er – als in seinen Augen kommunistisch geprägt – eine Vereinigung, die alle christlichen Werte abschaffen wolle. Die IRA kritisierte er dahingehend, dass deren Gewaltstrategie nicht mit dem katholischen Glauben vereinbar sei. Die Mitgliedschaft in einer der beiden Organisationen sei daher für Christen nicht möglich. Ryans Reaktion auf den Artikel erschien einen Tag später in der Irish Press. Darin verurteilte er die in seinen Augen politisch motivierte Entlassung seines Freundes. Ryan wies die Kritik an den republikanischen Vereinigungen zurück und warf dem Bischof vor, dass er die „Imperialisten“ unterstütze. Im weiteren Verlauf der Auseinandersetzung zwischen den beiden Männern entbrannte eine Diskussion über Politik, die Rolle der Religion und der politischen Organisationen in Irland. An dieser Debatte beteiligten sich nunmehr auch Vertreter der IRA. Obwohl Edwards aus der Untergrundarmee ausgeschieden war, unterstützte ihn diese in seinem Kampf gegen die Entlassung. Ferner nahmen weitere Kirchenvertreter am öffentlich ausgetragenen Streitgespräch zwischen Ryan und Bischof Kinane teil. Der presbyterianische Geistliche William Byrne beispielsweise äußerte sich über Frank Ryans Zeitungsartikel und zum Republican Congress im Allgemeinen. Sowohl die Beiträge Ryans als auch die Organisation an sich erachtete der Geistliche als unirisch, kommunistisch und anti- 414 Geheimer Bericht 3/35 S. der Garda Siochana Waterford verfasst von P. Fahy, 5. Januar 1935, 2008/117/722, NLI, Dublin. 415 Aus dem Bericht P. Fahys, Mitarbeiter des Superintendents-Büros, geht nicht hervor, ob das Treffen am Freitag, den 4. Januar oder am Samstag, den 5. Januar stattfand. Ebenso ist nicht ersichtlich, in welcher Örtlichkeit in Waterford diese Unterredung stattfand. Geheimer Bericht 3/35 S. der Garda Siochana Waterford, P. Fahy, 7. Januar 1935, 2008/117/722, NAI, Dublin. 3 Frank Ryan und die irische Linke 110 katholisch – Aussagen, die sich weder Ryan noch die Vertreter der IRA, die ebenfalls von Byrne angegriffen worden waren, gefallen ließen. In seiner Antwort gab Frank Ryan zu bedenken, dass den irischen Bürgern durchaus klar sei, dass die harsche Kritik an der neuen Vereinigung hauptsächlich aus politischen Gründen erfolgt sei, ohne Berücksichtigung religiöser Gesichtspunkte. Auch die Untergrundarmee wies den Vorwurf zurück, ihre Politik sei von der Sowjetunion geprägt. Darüber hinaus, so die Armeeführung, lehne man alle kommunistischen Lehren strikt ab.416 Während dieses umfangreichen medialen Schlagabtauschs zwischen der Geistlichkeit und Frank Ryan beziehungsweise der Irish Republican Army trat das eigentliche Ziel etwas in den Hintergrund, weshalb der Republican Congress Kundgebungen organisierte, um gegen die Entlassung Edwards zu protestieren. Am 18. Januar 1935 fand ein erster Aufmarsch in Waterford statt. Circa 500 Menschen folgten dem Aufruf. Allerdings war nur ein geringer Teil wirklich an der Sache interessiert. Die Mehrheit der Zuhörer bestand aus Schaulustigen und lediglich zwischen 100 und 150 Interessierte unterstützten die Kundgebung, indem sie den Rednern, unter denen sich neben Frank Ryan auch Frank Edwards befand, zujubelten. Als Zeichen der Loyalität rief ein Congress-Vertreter die Eltern der Mount-Sion-Schüler dazu auf, sich am 15. Januar einem eintägigen Streik anzuschließen. Der Boykottaufruf zeigte Wirkung. Schon einen Tag vor dem geplanten Ausstand, am 14. Januar 1935, versammelten sich einige Schüler vor dem Gebäude und demonstrierten gegen die Entlassung ihres Lehrers. Weitere Jungen schlossen sich dem Streik an. Die Gruppe zog dann durch die Hauptstraßen Waterfords, um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen. Die öffentliche Aufmerksamkeit, die der Schülerboykott erregte, wollte Ryan nutzen. Deshalb arrangierte er für Frank Edwards eine landesweite Vortragsreise, damit der Lehrer nicht nur seinen Fall, sondern auch die Hintergründe schildern konnte. Gleichzeitig plante Ryan eine weitere Kundgebung in Dublin. Unterdessen hielt die Diskussion in der Presse unvermindert an. Die Angriffe des Bischofs richteten sich mittlerweile aber immer deutlicher gegen die IRA. Dieses Umschwenken nutzten die Organisatoren der Blueshirts als Gelegenheit, um sich ebenfalls zu Wort melden zu können und mehr Öffentlichkeit zu erreichen. Die Führungsriege der rechtsgerichteten Vereinigung, die zu dieser Zeit noch relativ aktiv war, unterstützte die Kirche in ihrer Kritik. Kirche und Blueshirts warnten die Bevölkerung davor, der Untergrundarmee Rückhalt zu geben. Die IRA-Führung zeigte sich weiterhin betont unbeeindruckt und hielt, wie der Republican Congress zuvor, eine Kundgebung in Waterford ab. Ungeachtet der eindringlichen Warnungen des Geistlichen nahmen 800 Menschen an der Protestaktion für Frank Edwards teil.417 Ryan kümmerte sich derweilen um die finanzielle Unterstützung des Lehrers. Zu diesem Zweck gründete er ein Komitee, das völlig 416 Geheimer Bericht 3/35 S. der Garda Siochana Waterford, P. Fahy, 7. Januar 1935; Zeitungsausschnitt Irish Press, 8. Januar 1935; Zeitungsausschnitte The Irish Times, 7./14./15. Januar 1935, 2008/117/722, NAI, Dublin. 417 Geheimer Bericht 3/35 S. der Garda Siochana, Waterford, P. Fahy, 14. Januar 1935, 2008/117/722, NAI, Dublin; Zeitungsausschnitte Irish Press, Irish Times und Irish Independent, 15./18./19./28. Januar 1935, 2008/117/722, NAI, Dublin; Brief Frank Ryan an Hannah Sheehy-Skeffington, 23. Januar 1935, Hannah Sheehy-Skeffington Papers, MS 33,607/9, NLI, Dublin. 3.2 Frank Ryan im Spannungsfeld der politischen Kräfte – Die Transformation der Irish Republican Army 111 unabhängig vom Republican Congress agierte. „They would make a bread appeal to all who stand for fair play, on behalf of Edwards.“418 Dennoch zeigte der Protest weder vonseiten der Eltern und Schüler noch durch die IRA und den RC Wirkung. Die Schulleitung nahm die Kündigung nicht zurück, Edwards verlor seine Anstellung als Lehrer an der Mount Sion in Waterford. Nachdem die Kampagne für die Wiedereinstellung Frank Edwards’ endgültig gescheitert war, widmete sich Frank Ryan wieder seiner journalistischen Arbeit für die Zeitung der Republican Congress-Organisation. Obwohl die Herausgabe des Wochenblattes einen ganzen Stab erfordert hätte, übernahm der Journalist alle anfallenden Aufgaben selbst. Er editierte das Blatt und versuchte, es stetig zu verbessern. Au- ßerdem druckte Frank Ryans Betrieb die Zeitung.419 Eigentlich hatte eine Druckerei mit dem Namen Fodhla den Produktionsauftrag erhalten, doch war es dort zuvor vermehrt zu Razzien des Criminal Investigation Department gekommen, das die Ausgaben beschlagnahmte. Nebenbei kümmerte sich Ryan auch um die finanziellen Aspekte, die in ihrer Gesamtheit ein großes Problem darstellten. Ohne Anzeigenkunden nahm das Blatt kein Geld mit Werbung ein. Ferner erschwerte ein Boykott der Zeitungsverkäufer, die sich weigerten, die Ausgaben des Blattes zu vertreiben, den Absatz. Trotz aller Widrigkeiten blieb es Ryans erklärtes Ziel, die Auflage zu steigern. Mit Ausnahme einer dreimonatigen Pause, in der Ryan das Geld für die Publikation des Republican Congress nicht aufbringen konnte, gelang es ihm tatsächlich, die Zeitschrift wöchentlich zu veröffentlichen. Das Blatt erschien insgesamt elf Monate lang. Die Nachfolgezeitung Irish People, die Ryan zusammen mit O’Donnell herausgab, musste nach wenigen Ausgaben eingestellt werden. Neben Unstimmigkeiten zwischen den beiden Männern, welche Artikel veröffentlicht werden sollten420, war die finanzielle Lage ein großes Thema. Als O’Donnell Ryan damit drohte, Fußballnachrichten zu veröffentlichen, was angesichts der Tatsache, dass dies der Sport der urbanen Arbeiterschaft war, nicht als völlig abwegig abgetan werden konnte, stimmte Ryan zu, die Zeitung nicht mehr herauszubringen. Über das Blatt sagte er: „The Irish 418 Brief Frank Ryan an Hannah Sheehy-Skeffington, 28. Januar 1935, Hannah Sheehy-Skeffington Papers, MS 33,607/9, NLI, Dublin. 419 Im Jahr 1935 gründete Ryan eine eigene Druckerei, die alle Arbeiten annahm, die andere Firmen ablehnten. Das neue Unternehmen firmierte unter dem Namen Co-Op Press Ltd. Die Maschinen finanzierte er durch den Verkauf von Unternehmensanteilen an Freunde und Republican Congress- Mitglieder. Brief Frank Ryan an Patrick Shalby, 16. Februar 1935, NPCPIC, CPI Box 14/063, DCLA, Dublin. 420 Wie Rosamond Jacob im Januar 1931 in ihrem Tagebuch vermerkte, ging es konkret um einen Artikel, der von dem bekannten irischen Schriftsteller Michael Francis „Frank“ O’Connor, dem Namensgeber des Frank O’Connor International Short Story Award, zum Thema irische Literatur verfasst worden war. Ryan interpretierte den Beitrag O’Connors als Kritik an der irischen Sprache und wollte damit nicht in Verbindung gebracht werden, vor allem nicht, weil Ryan ein sehr aktives Mitglied der Gaelic League war, die sich für die Erhaltung der Sprache einsetzte. Peadar O’Donnell hingegen befürwortete das Erscheinen des Artikels, denn er hoffte, dass der Beitrag eine Diskussion über die irische Sprache und deren Stellenwert anstoßen könnte und eben das dazu beitragen könnte, dass die Zeitung eine Diskussionsplattform für fortschrittliche Denker werde, wie auch Ryan in seinem ersten Leitartikel als Chefredakteur der Zeitung in Aussicht gestellt hatte. Am Ende wurde die Analyse O’Connors nicht veröffentlicht. Hoar, In Red and Green, 134. 3 Frank Ryan und die irische Linke 112 People was ‚brilliant but not popular reading.‘“421 Nicht nur bei der Zeitung, sondern auch bei Ryans Druckerei blieben pekuniäre Engpässe ein Thema, die das junge Unternehmen belasteten, da ein Ersatz der technisch veralteten Maschinen außer Reichweite geriet. Um die Ausgaben zu senken, kümmerte sich Ryan selbst um die Funktionstüchtigkeit der Druckerpressen und leitete gleichzeitig die Firma. Seine Arbeitsbelastung stieg auf sechzehn, zum Teil sogar auf 24 Stunden täglich.422 Der Arbeitsstress blieb nicht ohne Folgen: Als Ryan im April des Jahres 1935 zu einem Besuch der Verwandten nach Liverpool reiste, war er gesundheitlich schon angeschlagen. Die Ärzte verordneten eine dreiwöchige Zwangspause und gaben ihm eindringlich zu verstehen, dass er seinen Lebensstil ändern müsse. Falls er diesen Rat nicht befolge, prophezeiten sie ihm, dass sich seine Gesundheit innerhalb der kommenden zehn Jahre erheblich verschlechtern würde.423 Wegen der hohen Belastung trank der Journalist zu viel Alkohol und erste Folgen seines ungesunden Lebensstils, insbesondere das hohe Arbeitspensum von 16 bis 24-Stunden-Schichten in seiner Druckerei, waren bereits erkennbar. Eine ärztliche Untersuchung hatte ergeben, dass Frank Ryan unter Bluthochdruck litt und dass auch sein Herz nicht mehr in Ordnung war. Trotz der hohen physischen und psychischen Belastung hatte seine Arbeit für die Druckerei auch angenehme Momente. Während eines geplanten Geschäftstermins in Ballymena im County Antrim, bei dem es um Maschinen für das Unternehmen ging, wurde Ryan an der irisch-britischen Grenze gestoppt. Es gab Einreisebeschränkungen nach Irland aufgrund des königlichen Besuchs in Belfast. Ryan gelang es allerdings, den Polizisten von der Dringlichkeit seines Termins zu überzeugen und er konnte die Weiterfahrt antreten. Er genoss jeden Augenblick, denn er und sein Freund Peter O’Flinn fuhren als einzige mit dem Auto durch die Menschenmassen, die am Straßenrand auf den königlichen Besuch warteten und mit kleinen Union Jack-Fahnen winkten.424 Allen Anstrengungen zum Trotz stand die Druckerei des Öfteren kurz vor der Insolvenz. Dies war für Ryan, der von den Einnahmen seiner Firma lebte, besonders schwierig. Denn nach dem Ausscheiden aus der IRA verfügte er über keinerlei weitere Einkünfte. Der Gewinn, den das Unternehmen abwarf, war dabei auch denkbar gering. Laut seiner Schwester verdiente er mit der Firma lediglich dreißig Shilling, umgerechnet 1,50 Pfund, wöchentlich – eine Situation die ihn sehr belastete, wie er immer wieder gegenüber Freunden zugab. „I have high finance as a worry these days – trying to put across a big deal; hence the distracted state of my mind.“425 Angesichts der prekären finanziellen Situation beendete die Republican Congress-Organisation die Publikation ihres Blattes Anfang des Jahres 1936. Am 29. Februar 1936 erschien eine neue Zeitschrift unter dem Namen Irish People. Der kommerzielle Erfolg blieb aus, weshalb die 421 Ò Canainn, „Eilís Ryan“, 135; Cronin, Frank Ryan, 69. 422 Cronin, Frank Ryan, 58, 61, 67. 423 Brief Frank Ryan, ohne Empfänger, 20. April 1936, Hannah Sheehy-Skeffington Papers, MS 33,607/15, NLI, Dublin. 424 Cronin, Frank Ryan, 66f; Hoar, In Green and Red, 135; McInerney, „The Swing to the Left“, 14. 425 Cronin, Frank Ryan, 66f; McGarry, Frank Ryan, 42; Ò Canainn, „Eilís Ryan“, 135; Brief Frank Ryan an Hannah Sheehy-Skeffington, 5. Februar 1935, Hannah Sheehy-Skeffington Papers, MS 33,607/10, NLI, Dublin. 3.2 Frank Ryan im Spannungsfeld der politischen Kräfte – Die Transformation der Irish Republican Army 113 Zeitung nach nur einer Ausgabe wieder eingestellt wurde.426 Seine Firma, die die einzige Publikation auch produziert hatte, gab Ryan zunächst allerdings nicht auf. Er war in erster Linie damit beschäftigt, für die kommunistische Partei Flugblätter und Pamphlete zu drucken.427 Erst in der zweiten Jahreshälfte 1936 schloss das Unternehmen. Für Ryan endeten seine kaufmännischen Ambitionen in Schulden, die er mithilfe seines Freundes Gerald O’Reilly begleichen konnte. Dem Aus der Zeitung folgte auch Ryans Ernüchterung über die gesamte Organisation, der in erster Linie eine geeignete Führungspersönlichkeit fehlte, um den Republican Congress zu einer landesweiten Bewegung auszubauen. Ryan hätte sich als Gallionsfigur der Organisation angeboten, denn er war nicht nur ein begnadeter Redner, sondern hätte es auch aufgrund seine Persönlichkeit verstanden, die Anhänger des linken Spektrums in einer Massenbewegung zu organisieren. George Gilmore, Mitglied der Führungsriege des RC war ein sehr introvertierter Mensch, der sich mehr und mit großem Enthusiasmus mit den Theorien und den Schriften von James Connolly beschäftigte. Zudem missfielen Gilmore öffentliche Auftritte und Reden vor Publikum. Der Vorsitzende Peadar O’Donnell war als herausragender Unruhestifter bekannt und konnte mit seinem scharfen Verstand und seinem Sinn für Humor die Menschen begeistern. Allerdings war ihm ein gewisses Maß an Bescheidenheit fremd und er tendierte dazu, seine Ideen zu äußern und sie anderen zu übertragen, die schließlich die Aufgabe übernehmen mussten, diese umzusetzen. Abgesehen davon reiste O’Donnell in dieser schwierigen Situation, in der sich der Republican Congress befand, nach Spanien, anstatt sich in seiner Heimat der Herausforderung zu stellen, die irische Linke zu einen. Vor diesem Hintergrund gestand Ryan im Frühjahr 1936 das Scheitern der Republican-Congress-Bewegung ein und schrieb am 18. April 1936 an O’Reilly in New York. „The Congress – from an organisational view-point – is only a name. It exists only in Dublin. The ASU [active service units] idea went wallop. Party loyalties are still too strong. Yet the Congress idea has not failed, and if we did nothing else but propaganda and holding of meetings representative (even to a limited extent) of Republican and Labour elements, we would be doing good work. Eventually, there must be the United Front; at our worst, we make it easier of achievement [sic].“428 Die Treffen des Republican Congress repräsentierten Ryans damaliges soziales und politisches Denken. Es war ihm zwar bewusst, dass die Organisation lediglich in Dublin wirklich existierte, aber er war es, der die Vielheit der sozialistisch, links und kommunistisch Denkenden als Delegierte des RC vereinte, was der Organisation 426 Notes on Republican Congress Movement, o. D., Seán MacEntee Papers, P 67/527, UCDA, Dublin. In diesem Schreiben an seine frühere Kollegin sprach Ryan vom Erscheinen einer neuen Zeitung, deren erste Ausgabe er für den 21. Februar 1935 ankündigte. Die erste Publikation sollte einen Bericht über Erskine Childers enthalten. Brief Frank Ryan an Hannah Sheehy-Skeffington, 5. Februar 1935, Hannah Sheehy-Skeffington Papers, MS 33,607/10, NLI, Dublin. 427 Notes on Republican Congress Movement, o. D., Seán MacEntee Papers, P 67/527, UCDA, Dublin. 428 Cronin, Frank Ryan, 65, 68f. 3 Frank Ryan und die irische Linke 114 ihren sozialistischen und antifaschistischen Charakter verlieh.429 Dieses Denken war auch der Grund, der ihn motivierte, sich, zusammen mit dem Republican Congress- Mitglied George Gilmore, bei den Kommunalwahlen als Kandidat der Gruppierung aufstellen zu lassen.430 Sein Wahlkreis befand sich im Norden Dublins, sein Mitstreiter George Gilmore ging im Nordwesten der Stadt ins Rennen. Wieder einmal waren die finanziellen Mittel für den Wahlkampf äußerst begrenzt. Deshalb sollten vor allem die republikanischen Ziele der beiden Männer in den Mittelpunkt gerückt werden. Während George Gilmore sich im Wahlkampf gut darstellte und auch im Endergebnis im Vergleich zu Ryan gut abschnitt, konnte Ryan die Wähler schon im Vorfeld nicht überzeugen. Letztendlich gelang keinem der beiden der Einzug in den Stadtrat. Gilmore gewann 730 von insgesamt 32.051 abgegebenen Stimmen. Ryan konnte nur 418 von insgesamt 32.117 Wählern überzeugen, was nicht einmal 2 % der Wählerstimmen entsprach.431 In seinem Brief datiert auf den 4. Juli 1936 an Gerald O’Reilly erklärte er seine Niederlage so: „I did very badly – for two reasons. Alfie Byrne432 was in my area and the whole fight centred around him and Fianna Faíl. Then my organisation was bad. I could give no personal attention to it – being at work all day and often at night. George [Gilmore] had far more and far better-experienced workers. (…) The lesson of the elections is that Republican disunity resulted in Republican apathy – abstentionists all on anti-Cosgrave side. The people didn’t rally either to IRA or to us.“433 Der Republican Congress, der kurz vor seiner Auflösung stand, erhielt neue Impulse durch den Spanischen Bürgerkrieg, der im Juli 1936 ausgebrochen war. Die Organisation wurde zum „Sammlungsbecken“ der wenigen Menschen in Irland, die das vom Volk gewählte spanische Parlament unterstützten. Durch diese Entwicklung begann auch Frank Ryan sich über die Geschehnisse auf der Iberischen Halbinsel näher zu informieren.434 Für Frank Ryan stellt der spanische Bürgerkrieg einen Wendepunkt in seinem weiteren Leben dar. Die komplexen Umstände, die zu diesem tiefen Einschnitt nicht nur für Ryan persönlich, sondern auch Auswirkungen auf ganz Europa hatte, wird im folgenden Kapitel dargestellt. Der folgende Abschnitt beschäftigt sich zur Einführun- 429 McInerney, „The Swing to the Left“, 14; Manus O’Riordan, „Communism in Dublin in the 1930s: The Struggle against Fascism“, Strong Words Brave Deeds – The Poetry, Life and Times of Thomas O’Brien, Volunteer in the Spanish Civil War, Hrsg., Gustav H. Klaus (Dublin: The O’Brian Press, 1994), 228. 430 Memo on the IRA, o. D., RG 226, Entry 210, Box 276, NA, College Park, MD, USA. 431 Cronin, Frank Ryan, 68; Memo on the IRA, o. D., RG 226, Entry 210, Box 276, NA, College Park, MD, USA; Matt Treacy, The Communist Party of Ireland 1921–2011 (Dublin: Brocaire Books, 2012), 66. 432 Alfred „Alfie“ Byrne war ein bekannter und sehr beliebter Dubliner Politiker. Er wurde zehn Mal zum Bürgermeister Dublins gewählt. Zudem war er Abgeordneter im House of Commons in London und später im irischen Parlament Dáil. Trevor White, „An ‚absolute nobody‘ and Dublin’s most popular politician“, The Irish Times, 30. September 2017. [Online]. o. D.. URL: https://www.irish times.com/culture/books/an-absolute-nobody-and-dublin-s-most-popular-politician-1.3235780 [05.01.2018]. 433 Cronin, Frank Ryan, 68. 434 Byrne, Memories of Republican Congress, 13. 3.2 Frank Ryan im Spannungsfeld der politischen Kräfte – Die Transformation der Irish Republican Army 115 gen in das Thema mit den Gegebenheiten in Spanien und beleuchtet grob die Entwicklungen, die zum Ausbruch des Krieges geführt haben. 3 Frank Ryan und die irische Linke 116

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Abstract

The book describes the life and times of the well-known Irish Republican Francis „Frank“ Ryan. Ryan who fought for an all-Irish Republic and followed the political ideas of James Connolly and Charles Stewart, decided to fight fascism on the European continent and entered the Spanish Civil War on the side of the republican forces. While being in combat having the rank of a major in the International Brigades, he was captured in 1938 and became Franco’s most important prisoner. He had to endure two years in Burgos Prison before, due to the intervention of the German Abwehr, he had the chance to leave Spain with an option to return home. Instead of going back to Ireland, he ended up in Nazi-Germany at the beginning of the Second World War. Considering this background the book also examines the diplomatic relations between Ireland and Germany in the first half of the 20th century.

Zusammenfassung

Dieses Buch befasst sich mit der Lebensgeschichte des bekannten irischen Nationalisten Francis „Frank“ Ryan, der sich zeit seines Lebens für die Wiedervereinigung der grünen Insel und die vollständige Unabhängigkeit von Großbritannien eingesetzt hat. Seine linksgerichteten politischen Überzeugungen führten ihn als Kämpfer für die republikanische Regierung nach Spanien. Dort kämpfte er in den Reihen der Internationalen Brigaden und geriet als Francos wichtiger Gefangener in die Hände der Faschisten. Durch die Intervention der deutschen Abwehr kam er frei und fand sich im Deutschland der 1940er Jahre wieder. Vor dem Hintergrund seiner Lebensgeschichte wird auch die Entwicklung der politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Irland beleuchtet.