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7 Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland in:

Katja Christina Hirmer

Frank Ryan, page 337 - 384

Nationalist, Freiheitskämpfer – und Nazi-Kollaborateur?

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4398-1, ISBN online: 978-3-8288-7391-9, https://doi.org/10.5771/9783828873919-337

Tectum, Baden-Baden
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Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland Operation Taube II – Frank Ryan und seine Heimat im Fokus deutscher Interessen Nach dem tragischen Tod Seán Russells und dem daraus resultierenden Scheitern des Unternehmens Taube arbeitete Dr. Edmund Veesenmayer an Möglichkeiten, wie Frank Ryan für deutsche Zwecke nutzbar zu machen wäre. Schon zu dem Zeitpunkt, als der Ire in Lorient angekommen und von Dr. Veesenmayer in Empfang genommen worden war, stand für diesen fest, dass Ryan die Nachfolge des verstorbenen Stabschefs der IRA antreten sollte. „Ryan’s only effective use to the Germans was in connection with this operation. In Oct 40 control of Ryan was transferred from Abw to the Ausw Amt.“1282 Veesenmayer war entschlossen, den Veteranen des Spanischen Bürgerkriegs, in dem er einen starken, fähigen Politiker sah und den er für einen überzeugten Nationalisten hielt, bei weiteren Irlandmissionen einzusetzen. Ryans gefestigte Persönlichkeit und sein politischer Scharfsinn hatten den Deutschen überzeugt. In seinen Augen war der Ire in dieser Hinsicht Seán Russell und anderen bekannten IRA-Funktionären bei Weitem überlegen.1283 Dabei stellte es für Veesenmayer kein Problem dar, dass Ryan bereits 1936 seine Heimat verlassen hatte und 1937 nur für ein paar Wochen nach Dublin zurückgekehrt war. Auch die Tatsache, dass er sich unter dem rechten Flügel der Untergrundarmee mit seinem Engagement für die Roten in Spanien Feinde gemacht hatte, nahm der Deutsche gelassen. Ryan war der einzige Ire in Deutschland, der die nötigen Fähigkeiten besaß, eine Geheimdienstoperation in Irland durchzuführen, welche die Zusammenarbeit zwischen der Untergrundarmee und der Regierung etablieren sollte.1284 Seine Kontakte zu den irischen, nationalen Kreisen innerhalb und außerhalb der IRA machten ihn für Veesenmayer als Mitarbeiter sehr attraktiv. Ryan verfügte weiterhin über gute Beziehungen zur republikanischen Bewegung, zur Regierungspartei Fianna Fáil, zur Labour Party und den Gewerkschaften, zur Presse und zu gälischen Organisationen wie der Gaelic League oder der Gaelic Athletic Association. „While stimulating the IRA to activity (here the emphasis lay on fomenting feeling against England rather 7 7.1 1282 Geheimer Appendix A To F.R. 89 Sdf (Z), Kurt Haller Part II, Büro Veesenmayer and the IRA, 7. August 1946, KV 2/769, NAK Kew, London. 1283 Diese Aussage Kurt Hallers steht im kompletten Gegensatz zu Veesenmayers Äußerungen über Ryan. Bei Veesenmayers Vernehmung durch den deutsch-amerikanischen Vernehmungsoffizier Rudolph Pins sagte er über den Iren: „Er war nicht das Format, das ein John Russel [sic] hatte und durch seine Konflikte war es auch fraglich, ob er eine Residenz [sic] haben wuerde in seiner Heimat.“ Vernehmungsprotokoll Dr. Edmund Veesenmayer durch Rudolf Pins, 1. April 1947, Rep. 502 V6, KV Anklage Dr. Veesenmayer, StA, Nürnberg. 1284 Geheimer Appendix A To F.R. 89 Sdf (Z), Kurt Haller Part II, Büro Veesenmayer and the IRA, 7. August 1946, KV 2/769, NAK Kew, London. 337 than sabotage) Ryan – who claimed to have indirect access through his friends to de Valera1285 and his Cabinet – was at the same time to approach the Irish govt and suggest that the German invasion of Britain would be an opportune moment for the seizure of Northern Ireland. Public opinion would be on their side (Ryan would see to that) and German support assured, but the Germans would act only after de Valera had committed himself. Ryan had told Veesenmayer that de Valera would support such a plan as this provided he considered it a legitimate risk to take.“1286 Die Gruppe sollte neben Ryan – dem Leiter des Unternehmens – aus zwei weiteren Männern bestehen. Er befände sich in Begleitung von Helmut Clissmann und des Obergefreiten Bruno Rieger, der als Funker dem Lehr-Regiment Brandenburg z.b.V. 800 angehörte und dessen Aufgabe darin bestand, die Kommunikation zwischen Irland und Berlin zu gewährleisten und generell die Funkverbindung zur IRA wiederherzustellen. Das Auswärtige Amt hatte sich entschlossen, einen stärkeren Funksender zu verwenden, die Verschlüsselung jedoch sollte nicht geändert werden. Die Planung sah vor, die drei Männer in einem U-Boot nach Irland zu bringen. Als Landepunkte standen entweder die Küste in der Grafschaft Kerry, die Dingle Bay oder die Galway-Bucht zur Auswahl. Aus Sicherheitsgründen sollte vor Ort niemand über die bevorstehende Ankunft des Trios informiert werden. Die deutsche Behörde verzichtete auch auf Decknamen und falsche Papiere. Sowohl Ryan als auch Clissmann hatten in Irland viele Bekannte und Freunde, ein Deckname wäre somit nutzlos. Abgesehen davon war die Abwehr nicht in der Lage, falsche Papiere für Irland herzustellen. Das Auswärtige Amt hielt diese außerdem aus dem oben genannten Grund für unnötig. Der Plan sah vor, nach der Ankunft das Funkgerät zu vergraben und sich anschließend aufzuteilen. Als Wanderer getarnt, sollten sich die drei Männer nach Dublin durchschlagen und darauf vertrauen, dass ihre IRA-Kontakte und Freunde vor Ort sie dann unterstützten. „Clissmann has stated that no out-and-dried plan of action was evolved, but they had agreed to meet again either at Ryan’s former lodging, An Staid, Parnell St, Dublin, or possibly at the printing works (…) owned by Ryan. (…) After arrival in Dublin they would have contacted some of them [Ryans Freunde, die als verlässlich angesehen wurden] and studied carefully the Irish situation in the light of changed circumstances before deciding to act.“1287 Während des gesamten Winters 1940/41 warteten die Männer abfahrbereit auf den Start des Unternehmens Seelöwe, der Invasion Großbritanniens durch deutsche Truppen. Um seine Mission auf den Weg zu bringen, nutzte Veesenmayer die anhaltenden Bitten des deutschen Agenten Goertz, ihn und die IRA finanziell zu unterstützen. Zwar sollte Ryan nach seiner Rückkehr in die Heimat jeglichen Kontakt mit dem deutschen Agenten, der sich in Irland nach wie vor auf freiem Fuß befand, vermeiden. Aber schließlich gab Veesenmayer dem Drängen von Hermann Goertz, weiteres Geld für die Untergrundarmee zur Verfügung zu stellen, nach. Ryan sollte nach seiner Ankunft im Freistaat dem 1285 Die berühmte Republikanerin mit starken nationalen Tendenzen, Maud Gonne McBride, sollte wahrscheinlich als Kontakt zu de Valera fungieren. Auszug aus Bericht „4. Frank Ryan @ Richards“, ohne Autor, o. D., KV 2/1292, NAK Kew, London. 1286 Auszug aus Bericht „4. Frank Ryan @ Richards“, ohne Autor, o. D., KV 2/1292, NAK Kew, London. 1287 Ibid. 7 Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 338 Deutschen Geld übergeben, denn Veesenmayer hoffte, durch die scheinbare Dringlichkeit, welche die zahlreichen Nachrichten des Deutschen Goertz vermittelten, endlich das ausschlaggebende Argument zu haben, um nicht nur die Vorbereitungen für Operation Taube II zu beschleunigen, sondern auch die nötige Freigabe für Ryans Irlandunternehmen vom Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop zu erhalten. Dieser verweigerte dem modifizierten Plan jedoch seine Zustimmung.1288 Die Pläne für Operation Taube II, die Ryan als alleinigen Abgeordneten der deutschen Stellen vorsahen, scheiterten zum einen am Zögern des Auswärtigen Amtes und zum anderen am Widerwillen der Admiralität, einmal mehr ein U-Boot zur Verfügung zu stellen. Die zunehmend unbefriedigenden Berichte über die Aktivitäten des Agenten Hermann Goertz in Irland taten ihr Übriges.1289 Die große Gefahr, die stets mit den Aktivitäten in Irland verbunden war, bestand darin, die Neutralität des Landes zu untergraben. Das Auswärtige Amt und die Abwehr wussten, dass Frank Ryan mit dem irischen Gesandten in Spanien, Leopold Kerney, in Kontakt stand und Veesenmayer hoffte, diese Verbindung nutzen zu können. Deshalb reiste Frau Clissmann am 11. Dezember 1940 nach Spanien. Der Diplomat sollte über Ryans Schicksal informiert werden. Darüber hinaus musste sichergestellt werden, „(…) dass keinerlei Verbindung zwischen Ryan und deutschen amtlichen Stellen vermutet wird. Das Vorhaben scheint geglückt, sodass ein weiterer Einsatz Ryans ohne das Bedenken, dass hierdurch Deutschland belastet wird, erfolgen kann.“1290 Zusätzlich wollten die Deutschen durch den Kurier Margarethe1291 sichergehen, dass die IRA eine mögliche Rückkehr des Iren begrüßen würde. Die Antwort fiel ernüchternd aus: Der Untergrundarmee schien es gleichgültig zu sein, ob sich Ryan in Deutschland, Spanien oder Irland aufhielt.1292 Für Veesenmayer war diese Aussage Grund genug, mit den Planungen für den Einsatz seines Schützlings zu beginnen. Im Frühjahr 1941 gab es erste Gespräche zwischen dem Iren und dem Vertreter des Auswärtigen Amtes. Ryan war von der Aussicht, im deutschen Auftrag in seine Heimat zurückzukehren, wenig begeistert. Der Bretone Olier Mordrel berichtete, dass „(…) O’Ryan [sic] was reluctant to enter into any activities which would merely benefit the Germans and not aid the cause of Ireland. He was also in disagreement with the head of the IRA at this time.“1293 Dennoch gab es zwischen der deutschen Seite und dem Iren intensive Verhandlungen, deren Kernpunkt die erneute Auffrischung des Kontakts zur Untergrundarmee war. Haller als Vertreter der Abwehr und Veesenmayer als Repräsentant des Auswärtigen Amtes kamen überein, die irische Organisation mit Geld und einer kompletten Funkausrüstung auszustatten. Im Vorfeld 1288 Ibid. 1289 Bericht „Security Problems Of A Neutral Eire – V. German Intelligence Work in Eire.“, ohne Autor, o. D., KV 4/449, NAK Kew, London. 1290 Eintrag im KTB der Abwehr II, 30. Dezember 1940, KTB Band 1, F 23/1a, IfZ, München. 1291 Nähere Informationen zu der Irin Mary Mains, die unter dem Decknamen „Margarethe“ für die deutsche Abwehr tätig war, finden sich in Fußnote 1238. 1292 Geheimer Bericht „Appendix A to FR 89 Sdf (Z), Kurt Haller Part I and II and Ireland“, ohne Autor, 7. August 1946, KV 2/769, NAK Kew, London. 1293 Bericht „First Detailed Interrogation Report On Mordrel Olier“, H. T. Shergold (?), 30. Januar 1946, KV 2/3410, NAK Kew, London. 7.1 Operation Taube II – Frank Ryan und seine Heimat im Fokus deutscher Interessen 339 hatte sich Berlin entschlossen, die Zusammenarbeit mit der IRA wieder auszubauen. Jedoch blieben der Abwehr Alleingänge untersagt, alle Aktionen sollten mit Dr. Veesenmayer, dem Sonderbeauftragten des Reichsaußenministers, abgestimmt und von ihm genehmigt werden.1294 Im Spätherbst des Jahres 1940 gab es erste Pläne für ein Unternehmen mit dem Namen „Walfisch“. Frank Ryan sollte daran ursprünglich nicht beteiligt sein, stattdessen plante man den Einsatz Helmut Clissmanns. Das Vorhaben, in dessen Rahmen schottische und walisische Nationalisten in Großbritannien angeworben werden sollten, lief tatsächlich an, der Versuch aber, über Irland in das Vereinigte Königreich zu reisen, schlug fehl.1295 Clissmann wollte per Boot die irische Küste erreichen, scheiterte aber an technischen Problemen.1296 Der Misserfolg führte nicht dazu, dass die Abwehr die Idee verwarf, man modifizierte sie. Die Vertreter der Behörde diskutierten diverse Möglichkeiten zur Absetzung von V-Leuten im Freistaat und erörterten dabei auch den Vorschlag, mit einem Wasserflugzeug auf einem irischen Binnensee zu landen und mithilfe von Schlauchbooten an Land zu paddeln.1297 Diese Idee fand nicht die Zustimmung des Reichsaußenministers. Clissmann unterbreitete eine weitere Alternative, die Ribbentrop zur Genehmigung vorgelegt werden sollte. Sie sah vor, nicht auf einem See, sondern an einer nicht überwachten Stelle an der Westküste an Land zu gehen. Die Gefahr, dass die Agenten dort entdeckt würden, schätzte man als wesentlich geringer ein, als beim Einsatz eines Flugzeuges oder U-Boots. Zudem hatte die deutsche Abwehr eine ähnliche Mission bereits erfolgreich in Schottland durchgeführt.1298 Trotz der voranschreitenden Planung brachte der deutsche Angriff auf Russland im Juni 1941 die Vorbereitungen ins Stocken. Obwohl weiterhin alle Beteiligten auf Abruf blieben, stand das geplante Unternehmen zur Disposition.1299 Für den 7. Juli 1941 vermerkte Erwin von Lahousen im Kriegstagebuch der Abwehr II, dass Haller zur Vorbereitung des Unternehmens Seeadler, so der Name der Operation, nach Paris abgereist war. Die gesamte Operation ging in die Verantwortung des Auswärtigen Amtes über. Man stellte lediglich zwei der V-Leute, Helmut 1294 Eintrag im KTB der Abwehr II, 21./22. Mai und 21. Juni 1941, KTB Band 1, F 23/1a, IfZ, München. 1295 Geheimer Vernehmungsbericht „Irish Entries In Abwehr II War Diary With Comments By Gen Maj Erwin Lahousen and Sdf (Z), Kurt Haller“, Unterschrift unleserlich, 3. November 1946, KV 2/769, NAK Kew, London. 1296 Carter, Shamrock & Swastika, 199. 1297 Eintrag im KTB der Abwehr II, 29. November 1940, KTB Band 1, F 23/1a, IfZ, München. 1298 Bericht U.St.S.Pol. Nr. 476, Woermann an den RAM von Ribbentrop, 31. Mai 1941, R 29624, PA, AA, Berlin. Um welche Operation es genau ging, geht aus dem Bericht Woermanns nicht hervor. Wahrscheinlich bezieht er sich auf eines der beiden Unternehmen mit dem Decknamen „Hummer Nord“. Im Rahmen dieser Operation Ende September und erneut im Oktober 1940 wurden in der ersten Aktion zwei und einen Monat später nochmals drei Agenten im Auftrag der Abwehr Ast Hamburg mit einem Wasserflugzeug an die schottische Nordostküste geflogen und ruderten dann mit einem Schlauchboot an Land. Beide Unternehmen waren ein Fehlschlag, weil die Agenten schon nach kurzer Zeit von der schottischen Polizei verhaftet wurden. Monika Siedentopf, Unternehmen Seelöwe – Widerstand im deutschen Geheimdienst (München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2014), 57, 62f. 1299 Auszug aus Bericht „4. Frank Ryan @ Richards“, ohne Autor, o. D., KV 2/1292, NAK Kew, London. 7 Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 340 Clissmann und Bruno Rieger, zur Verfügung und gab Hilfestellungen zur technischen Durchführung.1300 Dafür war die Untergruppe II Ast Paris zuständig. Dieser oblagen „(…) Unterstützung der derzeit laufenden und vom A.A. (Dr. Veesenmayer) gesteuerten Unternehmen in Irland und Mitwirkung bei der Abw. II-maessigen [sic] Vorbereitung einer evtl. militaerischen [sic] Aktion in Irland. Beides nach unmittelbaren Weisungen der Abw. II.“1301 Die Beschaffung des benötigten Flugzeugs fiel allerdings in den Verantwortungsbereich des Auswärtigen Amtes. Konkrete Pläne für den Einsatz Ryans gab es wahrscheinlich schon seit längerer Zeit, aber erst Ende August 1941 informierte Veesenmayer die Abwehr über den Einsatz des Iren. „In einer Rücksprache mit dem Beauftragten des Reichsaussenministers, Dr. Veesenmeyer [sic], wurde bezüglich etwaiger Aktionen in Irland Nachfolgendes festgestellt: Der Reichsaussenminister beabsichtigt[,] dem Führer vorzuschlagen, dass der frühere V-Mann der Abw. II Frank Ryan, gemeinsam mit dem gleichfalls von Abw. II zur Verfügung gestellten früheren Angehörigen des Lehrregiments, Clissmann, nach Irland gehen soll, um die IRA und überhaupt das irische Volk zum Widerstand gegen eine etwa geplante Besetzung durch Amerika oder England zu aktivieren. Im Gegensatz zu der früheren Absicht des Reichsaussenministers, diese Aktion nur vom a.Amt [sic] aus zu steuern, legt er jetzt Wert darauf, dass sich die Wehrmacht an ihr beteiligt. Für die Wehrmacht wäre insbesondere von Bedeutung, Funkverbindung mit der IRA herzustellen und auf diesem Wege auch Wettermeldungen für die Luftwaffe zu erhalten, da der Gesandschaftsfunk [sic] auf Einspruch der irischen Regierung Wettermeldungen nicht mehr senden darf. Der Wunsch des A.Amts wird dem Amtschef vorgelegt werden.“1302 Im Sommer des Jahres 1941 liefen die Planungen für Operation Seeadler im vollen Umfang an und am 24. August 1941 leitete Veesenmayer seine detaillierte Ausarbeitung zur Genehmigung an den Reichsaußenminister weiter. Die Organisation der Maschine und die Vorbereitung des Fluges wurden von Oberstleutnant Martin Harlinghausen übernommen, der für das Unternehmen keine besonderen Schwierigkeiten erwartete, da Aktionen dieser Art bereits mit Erfolg durchgeführt worden waren. An der Operation sollten Frank Ryan sowie die beiden Mitglieder des Lehr-Regiments Brandenburg z.b.V. 800, Unteroffizier Helmut Clissmann und Obergefreiter Bruno Rieger, teilnehmen. Die Abwehr stellte die beiden Männer für die Operation frei und Veesenmayer veranlasste deren Übernahme in den Dienst des Auswärtigen Amtes, „(…) damit die dringlichen Vorbereitungen keinen weiteren Aufschub erfahren.“1303 Nach dem Start in Lorient beziehungsweise Brest in der Bretagne sollten die Männer nur in Irland abgesetzt werden, wenn dies problemlos möglich war. Die Pla- 1300 Eintrag im KTB der Abwehr II, 7. Juli 1941, KTB Band 1, F 23/1a, IfZ, München. 1301 Bericht über die Dienstreise nach Paris und Le Celle vom 7. Juli bis 10. Juli 1941, Erwin von Lahousen, o. D., Fd 47, 33f, IfZ, München. 1302 Eintrag im KTB der Abwehr II, 7. Juli 1941 und 21. August 1941, KTB Band 1, F 23/2a, IfZ, München. 1303 Nachricht Dr. Veesenmayer an Gesandtschaftsrat Weber, 24. August 1941; „Vorschlag für Irland- Aktion“, Dr. Edmund Veesenmayer, 24. August 1941; Aktenvermerk Dr. Veesenmayer, 21. Juni 1941, R 29888, PA, AA, Berlin. 7.1 Operation Taube II – Frank Ryan und seine Heimat im Fokus deutscher Interessen 341 nungen sahen vor, dass sich das Flugzeug aus großer Höhe und im Gleitflug der avisierten Landezone näherte. Die Agenten sollten dann mit einem Schlauchboot an Land paddeln. Zusätzlich war vorgesehen, dass die drei Männer zusammenklappbare Fahrräder erhielten, um ihnen ein geeignetes Fortbewegungsmittel zur Verfügung zu stellen. Als Landungspunkt komme, so das Ergebnis der letzten Besprechung, nur die Brandon Bay auf der Dingle-Halbinsel in Frage. Dieses Gebiet war ausgewählt worden, weil die geschützte Lage dort einen günstigen Anflug vom Ausgangsort aus ermöglichte, was die Ausbootung wesentlich vereinfachte. Darüber hinaus war die Dingle-Halbinsel bei Touristen sehr beliebt, deshalb würden die deutschen Agenten wenig Aufsehen erregen. Die Menschen in der Grafschaft Kerry, in der der Landeplatz lag, waren stark nationalistisch geprägt, wodurch sich vielerlei Unterschlupfmöglichkeiten und der Vorteil geringer Entfernungen zwischen den einzelnen Verstecken er- öffneten. Letztlich bot die Nähe zu Lough Gill die besten Voraussetzungen, die mitgeführte Ausrüstung, Geldmittel und Funkgerätschaften, zu verstecken. Veesenmayer nannte als letztmöglichen Starttermin die Zeit zwischen dem 15. und dem 25. September, denn Unternehmen Seeadler benötigte dunkle, klare Nächte noch vor den ersten Herbststürmen. In der Einschätzung des Deutschen war Irland durch die deutschen Kampfhandlungen in Russland erneut in den Fokus alliierter Interessen gerückt. Er rechnete deswegen mit einer verschärften Überwachung des Landes und in deren Folge mit negativen Auswirkungen auf die Erfolgsaussichten des gesamten Unternehmens. Aufgrund der vielfältigen Aufgaben war eine Vorlaufzeit von mindestens sechs bis acht Wochen unumgänglich. Darüber hinaus erschien ein „(…) weiteres Zurückhalten Frank Ryans (…) unratsam, da er als ausgesprochener Aktivist nach nunmehr über einjährigem Zwangsaufenthalt im Reich in seiner Widerstandskraft und Einsatzbereitschaft nachzulassen beginnt und die Wirksamkeit seines Einflusses bei zu langer Abwesenheit von Irland auch dort leiden muß [sic].“1304 Für Veesenmayer war Unternehmen Seeadler sehr wichtig, denn seine bisherigen irischen Vorhaben hatten allesamt keinen Erfolg erbracht. Zu entsprechendem Umfang war deshalb auch die Liste der Aufgaben für beide Männer angewachsen. Clissmanns Vorgaben konzentrierten sich auf den militärischen Bereich. Er sollte mit der IRA Verbindung aufnehmen und die Untergrundarmee dazu anhalten, erste Sabotageakte in England durchzuführen. Des Weiteren trug er die Verantwortung für die Übergabe des Geldes an die Vertreter der Untergrundarmee. Nach dem erfolgreichen Abschluss hatte er den Befehl, die Funkverbindung nach Deutschland herzustellen und militärische Nachrichten, sowie Wettermeldungen zu übermitteln. Im Fall einer britischen oder amerikanischen Invasion des irischen Freistaates sollte Clissmann mit den Vorbereitungen für den Partisanenkrieg beginnen. Im gemeinsamen Verantwortungsbereich Frank Ryans und Helmut Clissmanns lagen politische Aufgaben. Dazu gehörte der Aufbau einer allgemein wirksamen Verbindung zur Irish Republican Army. Neben dem Kontakt zur IRA und der Übergabe der von Ribbentrop zur Verfügung gestellten 40.000 RM, sollte, falls dies zweckmäßig erschien, die Verständigung 1304 „Vorschlag für Irland-Aktion“, Dr. Edmund Veesenmayer, 24. August 1941, R 29888, PA, AA, Berlin. 7 Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 342 zwischen der IRA und dem Regierungschef de Valera erreicht werden. Für diesen Teil der Mission war Ryan vorgesehen. Aus den guten Kontakten zu den irischen Kreisen in Amerika könnte er politischen Nutzen schlagen. Veesenmayer versprach sich durch die Unterstützung der amerikanischen Öffentlichkeit für de Valeras Außenpolitik die Stärkung der irischen Neutralitätspolitik und des nationalirischen Widerstandswillens im Falle einer britischen Invasion. Der SS-Brigadeführer Veesenmayer erwartete sich von der Irlandmission eine gewisse Einflussnahme sowohl auf das Kabinett als auch auf die Haltung der nationalen Kreise zugunsten des Deutschen Reiches. Er hoffte auf eine objektivere Berichterstattung über die innere und äußere Lage des Landes. Zudem war das Auswärtige Amt daran interessiert, dass die amerikanischen und englischen Aktivitäten sowohl im Norden als auch im Süden der Insel sorgfältig beobachtet wurden. Für den Fall einer alliierten Invasion erwartete Veesenmayer von seinen Agenten, dass diese den Widerstand organisierten, um auf diese Weise möglichst viele feindliche Truppenverbände zu binden.1305 Am 6. September 1941 informierte Unterstaatssekretär Woermann Clissmann darüber, dass das von Veesenmayer geplante Irland-Unternehmen vorerst zurückgestellt worden sei. Diese Entscheidung hatte Ribbentrop nach Rücksprache mit Adolf Hitler getroffen. Nun sollte mit der Wehrmacht geklärt werden, ob die Aktion nicht verschoben und in den Herbstmonaten Oktober, beziehungsweise November, oder bei Bedarf erst im Dezember durchführbar wäre. Clissmann setzte sich daraufhin mit dem Fliegerführer Atlantik, Martin von Harlinghausen in Verbindung, der gegen eine Verschiebung des Vorhabens grundsätzlich keine Einwände erhob und lediglich eines zur Bedingung machte: dass das Unterfangen bei Neumond durchgeführt werden müsste.1306 Doch verursachte das Bekanntwerden der Hayes-Affäre1307 im Herbst 1941, dass der Start des Unternehmens erneut verschoben wurde. Frank Ryan wollte diesmal die Irlandmission retten und schlug vor, die inhaltlichen Ziele zu modifizieren. „Ryan summarised that the IRA was split from top to bottom and was probably useless for further operations. He now intended to concentrate on approaching the Irish govt. and simultaneously gathering round him the many former IRA members 1305 Ibid. 1306 „Vorschlag für Irland-Aktion“, Dr. Edmund Veesenmayer, 24. August 1941; Geheime Reichssache U.St.S.Pol. Nr. 843, Woermann an Clissmann, 6. September 1941 und geheime Reichssache U.St.S.Pol. Nr. 848, Woermann an Rintelen, 9. September 1941, R 29888, PA, AA, Berlin. 1307 Der damalige Stabschef der IRA, Stephen Hayes, wurde von Mitgliedern der Untergrundarmee festgesetzt und verhört, weil führende Anhänger der IRA annahmen, dass Hayes geheime Informationen an die irischen Behörden weitergab. Das während seiner Haft entstandene und als „Hayes-Geständnis“ bekannt gewordene Schriftstück, in dem der IRA-Stabschef gestand, mit den irischen Behörden zum Schaden der IRA kollaboriert zu haben, hatte weitreichende Auswirkungen auf die irische Innen- und Außenpolitik und wirkte sich negativ auf das irisch-deutsche Verhältnis aus. Hayes war der Autor des Invasionsplans „Kathleen“, der einen deutschen Einmarsch in Nordirland vorsah. Abgesehen davon hatte der IRA-Stabschef Kontakt zu dem deutschen Agenten Hermann Goertz, der sich einige Zeit in Irland aufhielt und im Auftrag der Deutschen arbeitete. Richard English, Armed Struggle: The History of the IRA (London: Pan Books, 2004), 56f; Paul McMahon, British Spies and Irish Rebels: British Intelligence and Ireland, 1916–1945 (Woodbridge: The Boydell Press, 2008), 299, 307, 366. 7.1 Operation Taube II – Frank Ryan und seine Heimat im Fokus deutscher Interessen 343 and sympathisers who had left the org [sic] on account of the perpetual internal intrigues.“1308 Da das Auswärtige Amt in der Gewissheit handeln wollte, dass Irland seine Neutralitätspolitik aufrechterhielt, plante man, sich der Einstellung bezüglich der irischen Regierung zu versichern. Im November 1941 kam es deshalb zu einem ersten Treffen zwischen Helmut Clissmann und dem irischen Gesandten in Madrid, Leopold Kerney. Aus den Äußerungen des Diplomaten leitete Veesenmayer ab, dass die wichtigste Aufgabe für eine deutsche Mission in Irland darin bestehe, „(…) einen Burgfrieden zwischen de Valera und der IRA anzustreben, der wenigstens für die Dauer des Krieges gelten sollte. Ich habe schon in meinen früheren Vorlagen aus denselben Erwägungen die Ueberbringung [sic] Frank Ryans nach Irland vorgeschlagen, weil ich in ihm den geeignetsten Mann erblicke, diese schwierige Aufgabe zu meistern. Aus den Aeusserungen [sic] Kerneys gegenüber Clissmann finde ich erneut bestätigt, dass Frank Ryan insbesondere von de Valera nach wie vor sehr ernst genommen wird. Ausserdem [sic] ist anzunehmen, dass die Führung der IRA nach einem Sendboten, der aus Deutschland kommt, geradezu hungert. Bei diesen Voraussetzungen wäre für Frank Ryan bei geschicktem Operieren eine Chance gegeben, eine derartige Einigungsbestrebung wesentlich zu fördern, die meines Erachtens die Pläne des englischen Geheimdienstes mehr als alles andere stören würde.“ Veesenmayer sah darüber hinaus keinen Grund, warum sich die Untergrundarmee und die Regierung de Valeras bekämpfen sollten. Vielmehr könnten beide Seiten einander durch entsprechende Arbeitsteilung im Kampf gegen den Feind England optimal ergänzen. Eine Einigung zwischen der Regierung und der Untergrundarmee, bei gleichzeitiger Bündelung der Stärken beider Seiten, stellte eine komplexe und gleichzeitig sensible Aufgabe dar. Als Mediator zwischen den beiden Parteien zu fungieren, lag außerhalb der Möglichkeiten des Agenten Goertz, der sich noch in Irland befand. Deshalb sah Veesenmayer die Chance für seine Operation gekommen. „Will die deutsche Politik vorsorglich den Faktor Irland als eine gegen England gerichtete Bastion stärken und nutzbar machen, so müsste dies zu einem nicht zu späten Zeitpunkt geschehen. (…) Ich werde mir daher erlauben, nach Rücksprache mit Frank Ryan und meinen Mitarbeitern Mitte Dezember nochmals einen diesbezüglichen Vorschlag auszuarbeiten und vorzulegen, mit der Bitte, diesen Herrn Reichsaussenminister [sic] zur Entscheidung vorzulegen.“1309 Aufgrund der Wichtigkeit des Vorhabens und um der Angelegenheit einen offiziellen Anstrich zu geben, schlug Helmut Clissmann vor, dass sich Dr. Veesenmayer mit dem irischen Gesandten Kerney träfe. Der Abwehrmitarbeiter und der irische Diplomat pflegten regen Kontakt, besonders wegen der guten Bekanntschaft beider Männer mit Frank Ryan. Nach Meinung des Auswärtigen Amtes in Berlin war das Treffen außerdem nötig geworden, nachdem sich der irische Geschäftsträger in Berlin, William Warnock, nicht zur Politik seines Landes geäußert hatte. Durch die Ge- 1308 Auszug aus Bericht „4. Frank Ryan @ Richards“, ohne Autor, o. D., KV 2/1292, NAK Kew, London. 1309 Geheime Reichssache „Stellungnahme zu den Telegrammen aus Dublin Nr. 289, 319, 342, 367 und 387.“, Dr. Veesenmayer, 24. November 1941, R 29888, PA, AA, Berlin. 7 Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 344 spräche mit Leopold Kerney hoffte man, mehr über die offizielle Linie der irischen Regierung und insbesondere über die Einstellung des Regierungschefs Eamon de Valera zu erfahren. Dem irischen Diplomaten erschien die Intention des Treffens mit den Deutschen wie folgt: „(…) it was an approach on the lines ‚Russia will soon be finished. We are then going to tackle and finish off England. You have some interests in an area held by her, what are you going to do about it.‘“ Kurt Haller, der den späteren Bericht Veesenmayers über das Treffen gelesen hatte, bezeichnete diesen aus deutscher Sicht als enttäuschend. Kerney hatte sich, entsprechend seiner Position als Diplomat eines neutralen Landes, an die offiziellen Richtlinien gehalten und „(…) declined to hold out any hope that Ireland would be likely to come in on the German side, or at all.“1310 Neben allgemeinen Aussagen über den Krieg sprach Veesenmayer vor allem über das deutsch-irische Verhältnis und brachte Berlins Bewunderung für de Valeras Neutralitätspolitik zum Ausdruck. Der Sonderbeauftragte äußerte sich auch sehr positiv über Frank Ryan und versicherte Kerney, dass auch dieser die irische Politik uneingeschränkt unterstützte. Allerdings fürchtete er, dass de Valera „(…) might no longer be a man of action after so many years of peaceful parliamentary and political life.“1311 Kerney betonte gegenüber dem deutschen Vertreter nochmals, dass sich sowohl das irische Volk als auch der Taoiseach gegen jegliche Bedrohung, sei es durch Großbritannien, die USA oder Deutschland, wehren würde. Kerney zeigte sich auch überzeugt davon, dass der irische Regierungschef britische Hilfsangebote im Fall einer deutschen Invasion Irlands vehement ablehnen würde. Gleiches gelte wiederum, wenn die Aggression vom Vereinigten Königreich beziehungsweise von den USA ausgehen sollte. Der irische Diplomat warnte Veesenmayer eindringlich davor, weitere Agenten im deutschen Auftrag nach Irland zu entsenden. Dies würde unweigerlich die Neutralitätspolitik Irlands torpedieren. Der Deutsche beteuerte, dass das Auswärtige Amt weder an Russells Mission noch an den weiteren Unternehmen mit dem Ziel Irland beteiligt gewesen sei und dass die entsprechende Behörde, die Abwehr, mittlerweile uneingeschränkt unter der Kontrolle seiner Dienststelle stehe. Somit seien weitere Vorfälle dieser Art ausgeschlossen. Man sei allerdings gerne bereit, Irland militärisch zu unterstützen, falls die Regierung in Dublin darum ersuche. Zudem machte Veesenmayer deutlich, dass keine Pläne für eine deutsche Invasion des Freistaats bestünden. Kerney erkundigte sich bei Veesenmayer auch über Frank Ryan und dessen Position in Deutschland. Der Sonderführer erwiderte, dass „(…) Ryan was an active man forced to lead a life of inactivity and felt that very much and would, (…), like to be back in Ireland; they were willing to make any arrangements that might be de- 1310 Geheimer Brief Seán Nunan an J. P. Walshe, 10. März 1954; Geheimer Brief Dan Bryan an F. H. Boland, 18. Juni 1946; Geheimer Anhang zu dem Bericht über den Besuch Mr. Cruise O’Briens in Deutschland im September 1954, „Conversation with Mr. Kurt Haller.“, CC. O’Brien, 29. September 1954, DFA/10/A/47, NAI, Dublin. 1311 Vertraulicher Bericht „Conversation with a German“, Leopold Kerney an J. P. Walshe, 24. August 1942, TAOIS S 15469 A, NAI, Dublin. 7.1 Operation Taube II – Frank Ryan und seine Heimat im Fokus deutscher Interessen 345 sired.“1312 Kerney gab zu, dass er Ryan lieber außerhalb Deutschlands wissen würde, eine Rückkehr in die Heimat für den Iren aber behördliche Überwachung, wahrscheinlich sogar Internierung, zur Folge hätte. Anderenfalls, so die Befürchtung des irischen Gesandten, könnte die Rückkehr Frank Ryans aus Deutschland von der britischen Regierung missverstanden werden und zu unnötigen Komplikationen, möglicherweise zu einer Verschlechterung der Beziehungen zu Großbritannien oder gar zu einer erhöhten Invasionsgefahr von britischer Seite führen. Aber auch der Aufenthalt in einem neutralen Land wie der Schweiz, Schweden oder Portugal stelle keine Alternative dar. Dies würde für seine Familie eine erhebliche Belastung darstellen und Kerney zweifelte daran, dass beispielsweise die Behörden in Portugal bereit wären, dem Iren ein Visum auszustellen. Deshalb empfahl er, dass Ryan weiterhin in Deutschland verbleiben solle. „(…) in any case, (…), he should never be allowed to return to Ireland or be sent there without our knowledge and consent.“1313 Denn, so wird der irische Diplomat schon nach einem früheren Gespräch mit Helmut Clissmann von diesem zum Standpunkt Dublins zitiert: „Seine Regierung mache einen wesentlichen Unterschied zwischen Russell und Ryan. K. sprach sehr ausführlich über Ryan, den er sehr hoch einschätzt, und der seiner Überzeugung nach das Landesinteresse immer den Interessen einer Organisation voranstellen werde, während er Russell des Gegenteils beschuldigte. (Russell zerstörte angeblich durch IRA Bombenfeldzug in England De Valeras grosse [sic] Hoffnungen auf Bereinigung der Ulsterfrage). – Solange Frank Ryan jedoch nicht offen eine Rolle spielen könne, von der die irische Regierung Kenntnis habe, würden Mitglieder der Regierung die Befürchtung hegen, Ryan könne unter Umständen der Nachfolger Russells in Deutschland sein. – K. selbst hoffe, Frank Ryan eines Tages als deutschen Verbindungsmann zu De Valera zu sehen.“1314 Der Beginn des uneingeschränkten U-Boot-Krieges im Winter 1941/42 schürte die deutschen Befürchtungen, dass die britische Marine der irischen Häfen habhaft werden könnte. Zusammen mit dem Abwehr II-Chef Lahousen erarbeitete Veesenmayer einen neuen Operationsplan, um auf die britische Bedrohung Irlands angemessen zu reagieren. Der Plan sah vor, zwei deutsche Divisionen nahe der Stadt Brest in der Bretagne auf Abruf zu stationieren. Im Fall einer britischen Invasion des Freistaats sollten die Einheiten mit zusätzlichen Waffen nach Irland übersetzen, um eine Kooperation zwischen den örtlichen Streitkräften und den deutschen Verbänden zu gewährleisten. Der Plan wurde jedoch vom Oberkommando der Wehrmacht mit der Begründung abgelehnt, es stünden keine ausreichenden Kräfte zur Verfügung. Veesenmayer entwickelte daraufhin ein maßvolleres Konzept, diesmal in Zusammenarbeit mit dem Reichsicherheitshauptamt VI. Es folgten mehrere Besprechungen zwischen Veesenmayer, dem RSHA, der Abwehr II und dem Oberkommando der Wehrmacht. Die Ausarbeitung sah Folgendes vor: Die Waffen-SS sollte im Auftrag des 1312 Vertraulicher Bericht „Conversation with a German“, Leopold Kerney an J. P. Walshe, 24. August 1942, TAOIS S 15469 A, NAI, Dublin. 1313 Ibid. 1314 Aktenvermerk über die Besprechungen zwischen dem irischen Gesandten in Spanien, Mr. L. H. Kerney und H. Clissmann am 8. und 11. November 1941 in Madrid, Helmut Clissmann, o. D., R 29888, PA, AA, Berlin. 7 Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 346 RSHA eine Einheit von circa hundert Mann, die speziell für diese Aufgabe ausgewählt werden sollten, zur Verfügung stellen. Im Rahmen ihrer Funktion als Ausbilder für die regulären und die irregulären irischen Truppen war vorgesehen, dass die SS-Leute die örtlichen Soldaten zunächst in der Handhabung moderner Waffen unterwiesen, darüber hinaus aber auch die Führung kleiner irregulärer Verbände übernähmen. Auch Frank Ryan erhielt einen wichtigen Auftrag: Einige Tage vor der Landung der deutschen Einheit sollte der Ire in seine Heimat zurückkehren. Die Einsatzleitung erhielte über Funk die Details zu möglichen Landepunkten für die Truppen und das mitzuliefernde Kriegsmaterial. Ryan hätte zudem Sorge dafür zu tragen, dass die Deutschen von der irischen Öffentlichkeit als Verbündete und Befreier willkommen geheißen würden. Im Fall einer britischen Invasion, so hofften die Planer, begännen die Iren ihrem Temperament und ihrer Tradition folgend einen Guerilla-Krieg, vorausgesetzt sie absolvierten das verschärfte deutsche Training. Im November 1942 erhielten Clissmann und Rieger die Order, sich bei einer Übung der in Oranienburg befindlichen SS-Truppe zu melden. Offiziell sollten sie die Männer in Englisch unterrichten. Der eigentliche Zweck war allerdings, sich einen persönlichen Eindruck zu verschaffen und ungeeignete Kandidaten auszusortieren. „They found the men arrogant and contemptuous of all foreigners: as a result of their adverse report, and even more of the now unlikely eventuality of a British attack on Eire, the unit was released by Veesenmayer for other duties.“1315 Nach dem Scheitern des letzten Irlandplans stand Ende des Jahres 1942 auch für den Sonderführer Veesenmayer fest, dass Operation Seeadler niemals realisiert werden würde. Dennoch informierte er Reichsaußenminister von Ribbentrop darüber, dass weiterhin zwölf Mann für das Unternehmen auf Abruf bereitgehalten würden. Als im Februar 1943 endgültig der Verzicht auf jede weitere Mission im Freistaat keinem Zweifel mehr unterlag, kehrte Clissmann zu seiner Einheit beim Lehr-Regiment Brandenburg z.b.V. 800 zurück. Rieger war weiterhin als Funker für das Auswärtige Amt tätig. Und Frank Ryans Gesundheitszustand hatte sich mittlerweile derart verschlechtert, dass er ab diesem Zeitpunkt nicht mehr für den aktiven Dienst geeignet war.1316 Diese Entwicklung bedeutete für Ryan ein Leben in einem fremden Land und überdies ohne wirkliche Aufgabe. Um die Verbindung in die alte Heimat nicht abrei- ßen zu lassen, unterhielt Ryan regen Briefkontakt zum irischen Gesandten in Spanien, Leopold Kerney. Im Folgenden wird dieser Austausch zwischen dem Diplomaten und dem Iren näher analysiert. Die Briefe Ryans an seinen Landsmann geben dabei tiefe Einblicke in das Leben Ryans in Berlin. Kontakt zur „Außenwelt“ – Frank Ryans Briefe an Leopold Kerney in Madrid Durch seine lange Gefangenschaft in Spanien und dem sich daraus ergebenden intensiven Kontakt, hatte sich eine enge Freundschaft zwischen Frank Ryan und dem iri- 7.2 1315 Auszug aus Bericht „4. Frank Ryan @ Richards“, ohne Autor, o. D., KV 2/1292, NAK Kew, London. 1316 Ibid. 7.2 Kontakt zur „Außenwelt“ – Frank Ryans Briefe an Leopold Kerney in Madrid 347 schen Gesandten in Madrid, Leopold Kerney, entwickelt. Gerade für den ehemaligen Gefangenen war es selbstverständlich, dass er die Verbindung zu seinem Vertrauten aufrechterhielt. Deshalb schrieb er während seines Aufenthalts in Deutschland, insbesondere in der Zeit von August 1940 bis August 1942, einige Briefe an den irischen Diplomaten, die seine Gedanken und Erlebnisse schildern. Das erste Schreiben, das mit einer Entschuldigung des Iren für seine „unrühmliche Abreise“ beginnt, erreichte Kerney im August 1940. Die Eile, die seine amerikanischen Freunde an den Tag gelegt hätten, habe es nicht zugelassen, Kerney zu informieren. Der irische Diplomat wusste natürlich, dass es sich bei den erwähnten Fluchthelfern um Agenten der deutschen Abwehr gehandelt hatte. Wahrscheinlich wollte der Spanienveteran aber nicht derart offen zugeben, dass die Unterstützung auf Initiative der Deutschen organisiert wurde. Darüber hinaus versicherte Ryan, dass er sich in Freiheit befinde und keinerlei Verpflichtungen eingegangen sei. Dennoch gebe es keine Möglichkeit, vor Ende des Krieges in seine Heimat zurückzukehren. Aus diesem Grund bittet er Kerney, seiner Familie und seinen Freunden mitzuteilen, dass er sich in Freiheit befinde. Abschlie- ßend bedankt sich Ryan bei allen Unterstützern für die Hilfe während der Inhaftierung.1317 Im Dezember des gleichen Jahres erhielt der irische Diplomat einen weiteren Brief. Der Journalist bestätigt darin, dass sich Helmut Clissmann bei seinen Vorgesetzten für die Freilassung aus dem Burgos-Gefängnis stark gemacht habe und betont nochmals, dass der Aufenthalt in Deutschland von Beginn an nicht an Bedingungen irgendwelcher Art geknüpft gewesen sei. „Thanks to all that, I enjoy the status of a ‚gentleman at large.‘“ Vor Ort habe er Gelegenheit gehabt, den Krieg aus der Sicht eines Beobachters zu verfolgen. Eine Rolle, die ihm sehr zugesagt habe, denn in seinen Augen sei dies doch „a rather novel experience“ gewesen. Über seine Aktivitäten bis dahin berichtet Ryans Brief: „When I arrived here I had hopes of reaching home, but they were short-lived. Later all was fixed and ready for me to go to Gerald’s [sein amerikanischer Freund Gerald O’Reilly]. Practically on the eve of departure there was a crux, due to an unforeseen circumstance, so I had to come back. (…) Anyway, that route to Gerald’s is closed. There is now much talk of making the journey in a longer way. I’m hoping it comes off. It’s disadvantage is its slowness, but it’s comparatively free from interference, so I’m hoping.“ Ryan verbürgte sich gegenüber Kerney nochmals dafür, dass von ihm keine Gefahr für die irische Neutralitätspolitik ausgehe. „I remain my own master. Nothing bad has resulted from the affair and now – with the changed situation at home – nothing bad can. Anyway, nobody can make me do anything I don’t want to do. (Incidentally, no one has ever tried here – a thing which surprised me at first, but no longer does. I have met only gentlemen. Let that be on record, as coming from me!).“1318 Die irische Regierung und wahrscheinlich Ryan selbst hatten die Befürchtung, dass die deutsche Führung Ryans gute Kontakte zur IRA für eigene Zwecke nutzen könnte. Mitte September 1941 schrieb Ryan einen Brief, der weitere Erfahrungen schildert und Äußerungen zur missglückten Operati- 1317 Brief Frank Ryan an Leopold Kerney, 20. August 1940, DFA/10/A/20/4, NAI, Dublin. 1318 Brief Frank Ryan an Leopold Kerney, 11. Dezember 1940, G2/0257 Part II, MACBB, Dublin. 7 Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 348 on Seeadler im Herbst 1941 enthält. Ryan selbst habe sich für die Rückkehr nach Irland starkgemacht, allerdings sei die deutsche Führung laut seiner Aussage besorgt darüber gewesen, dass Großbritannien aus einer derartigen Aktion die falschen Schlüsse hätte ziehen können und die Gefahr einer Invasion Irlands deutlich angestiegen sei. Wenige Tage später garantierte er Leopold Kerney nochmals schriftlich, dass in diesem Jahr seine Rückkehr nach Irland außer Frage stehe.1319 Immer wieder ist Ryans Position in Deutschland Thema seiner Briefe an den irischen Gesandten, so auch im November 1941. Ryan beschreibt darin seine Rolle in Deutschland nicht nur aufgrund seines eigenen Empfindens, sondern auch wegen der Behandlung durch die Deutschen als „distinguished guest“. Seinen Status definiert er in dem Schreiben als parteilos und neutral. Hauptsächlich sei er in beratender Funktion tätig: Seine Meinung werde bei bestimmten Entwicklungen eingeholt, die der Interpretation eines Kenners bedürften. Er bekräftigte nochmals, dass er weder für eine deutsche Behörde arbeite, noch im Auftrag der IRA tätig werde. Zudem versichert der Ire seinem Landsmann, dass Deutschland kein Interesse an einer Invasion Irlands habe. Das Auswärtige Amt zeige sich vielmehr darüber besorgt, dass deutsche Geheimdiensteinsätze einen Vorwand für Großbritannien oder die USA liefern könnten, die Häfen des irischen Freistaates zu besetzen. Darüber hinaus sei Berlin mit der strikten Umsetzung der Neutralitätspolitik Dublins, insbesondere gegenüber den Alliierten, sehr zufrieden. Innerhalb der Behörde rege sich die Hoffnung, so Ryan an Kerney, dass de Valera zukünftig sogar ein Verbündeter des Deutschen Reiches werden könnte. Ryan stellte für das folgende Jahr sogar in Aussicht, dass er möglicherweise als Verbindungsmann zur amtierenden Regierung in seine Heimat zurückkehre. Andererseits bestehe auch die Möglichkeit, dass sich die Situation derart entwickle, dass er gefragt werden könnte, etwas zu tun, das ihm nicht behage. Dies könne man nach Ryans Einschätzung nicht gänzlich ausschließen, dennoch halte er es für extrem unwahrscheinlich. Sollte dieser Fall trotzdem eintreten, so sicherte er Kerney zu: „(…) I won’t do the dirty.“ Es könne allerdings auch sein, dass sich seine derzeitige Situation nicht ändere.1320 Nachdem sich die Nachricht von Seán Russells Tod verbreitet hatte und auch in Deutschland die Runde machte, sah sich Frank Ryan veranlasst, seinen Freund Leopold Kerney über die näheren Umstände zu informieren. Die Briefe kommentieren aber auch die Vorgänge in seiner Heimat, denn mittlerweile hatte Ryan in Deutschland Zugang zu irischen Tageszeitungen und verfolgte das politische Tagesgeschehen – allerdings mit einem Monat Verspätung. Die Schreiben zeigen Ryans Bestürzung über die damalige innenpolitische Lage Irlands, insbesondere über die mangelnde Unterstützung republikanischer Kreise für de Valeras Neutralitätspolitik. Ryan selbst stand, das zeigen seine schriftlichen Äußerungen, voll und ganz hinter der außenpolitischen Haltung des Regierungschefs. All diejenigen, die nicht mit den sozialen und wirtschaftlichen Entscheidungen des Taoiseach zufrieden waren, rief er in den Briefen dazu auf, sich zu organisieren, um bei den nächsten Wahlen die Mehrheit zu er- 1319 Brief Frank Ryan an Leopold Kerney, 16. und 27. September 1941, TAOIS S 15469 A, NAI, Dublin. 1320 Brief Frank Ryan an Leopold Kerney, 6. November 1941, G2/0257 Part II, MACBB, Dublin. 7.2 Kontakt zur „Außenwelt“ – Frank Ryans Briefe an Leopold Kerney in Madrid 349 reichen und somit eine neue Regierung zu stellen. Allerdings weckte dies gleichzeitig auch seine Besorgnis, denn die Gefahr, dass sich der Krieg nach Irland ausbreitete, wäre seiner Einschätzung nach in diesem Fall weitaus größer gewesen. Ryan konnte nicht nachvollziehen, warum fähige Leute nicht in den Streitkräften dienten, um das Land zu verteidigen. Dies lag seiner Ansicht nach nicht an seinen Freunden und ehemaligen Weggefährten, sondern – so mutmaßte Ryan – an einer bewusst ablehnenden Haltung der Regierung diejenigen Kreise betreffend, die eine kritische Position dem Kabinett gegenüber bezogen hatten. In seinen Augen jedoch waren die Neutralität des Freistaats und die Unterstützung der politischen Linie durch die Bevölkerung in dieser Situation alternativlos. Dies seien die Ursachen, warum er sich während seines Aufenthalts in Deutschland weder für die Irish Republican Army noch für die Regierungspartei Fianna Fáil einsetzte. Stattdessen bewahrte er seine neutrale Position. Zusätzlich stellt er in den Briefen klar, dass er nicht die Nachfolge Seán Russells angetreten hatte. Diese Haltung fiel ihm nicht schwer, da die Deutschen keinen Kurswechsel in der irischen Außenpolitik wünschten.1321 Ein Thema, mit dem sich der Ire eingehend beschäftigte, waren die irischen Häfen. Im Dezember 1941 regten sich Bedenken, die britischen Streitkräfte könnten auf Drängen der Amerikaner die Militäranlagen des Freistaats teilweise besetzen. Diese Befürchtungen stellten sich bald als unbegründet heraus. Der japanische Angriff auf Pearl Harbour und der daraus resultierende Kriegseintritt der USA hatte Irland aus dem Fokus Washingtons verdrängt. Trotzdem fürchtete Ryan, dass ein neuerlicher Vorstoß Amerikas jederzeit möglich war. „And, of course, we’d have to have help in driving them out. And, the immediate result would be the occupation of at least our ports for 5 (or 50 ?!) years – by one or other side [sic] – until they have finished their war. But, even that wouldn’t be so bad as what would happen us [sic] if ultimately Sam + Bull [die USA und Großbritannien] were to win. Of course, we may be lucky – we may be left in peace until Bull is weak enough for us to get our own. It’s a slim chance. But the Destiny [sic] that rough hewed our ends before, and lately was beginning to shape them on good lines, mightn’t go back to rough hewing again (…).“ In diesem Fall wollte Ryan nicht länger in Deutschland bleiben, sondern sofort nach Irland zurückkehren, denn „(…) I can play a part (…) in unifying my friends to support Dev [Eamon de Valera] in his foreign policy, while reserving our rights to differ on other matters. Here they raise the objection that my appearance at home, vow, would make Bull [Großbritannien] think I’m coming with ‚orders of the day‘, and that a crisis would be precipitated. I don’t think I’m so almighty important.“1322 Dabei spielte Großbritannien zu diesem Zeitpunkt keine Rolle im deutschen Kalkül, sodass auch eine Invasion des Landes nicht zur Debatte stand. Die Korrespondenz zwischen Ryan und Kerney blieb nicht einseitig. Am 20. Januar 1942 reagierte der Diplomat auf die Briefe seines Landsmannes. Das Bedauern Ryans, dass viele seiner republikanischen Weggefährten de Valera nicht unterstützten, 1321 Brief Frank Ryan an Leopold Kerney, 14. Januar 1942, DFA/10/A/20/4, NAI, Dublin; Beigefügter Brief Frank Ryan an Leopold Kerney, 14. Januar 1942, DFA/10/A/20, NAI, Dublin. 1322 Beigefügter Brief Frank Ryan an Leopold Kerney, 14. Januar 1942, DFA/10/A/20, NAI, Dublin. 7 Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 350 kommentiert der Diplomat in seinem Schreiben damit, dass der Regierungschef niemanden aufgrund der politischen Einstellung davon ausschließe, die Entscheidungen der Regierung mitzutragen. Allerdings sei eine Kooperation nur innerhalb der konstitutionellen Rahmenbedingungen möglich. Gewalt, von Minderheiten ausgehend, könne und wolle de Valera nicht dulden. Zudem fordere die große Mehrheit der irischen Bevölkerung den neutralen Status des Landes. Kerney bekräftigt, dass sich der irische Regierungschef dem Druck, egal aus welcher Richtung dieser komme, beugen würde. Er wolle keinesfalls zum Spielball der Großmächte werden, die sich wenig Gedanken über Irland und dessen Schicksal machten. Außerdem gibt Kerney zu bedenken, dass Ryan im Fall einer Rückkehr sich wahrscheinlich unter ständiger Beobachtung befinden werde. „(…) not because of your social or economical ideas, but because there are some who would welcome Jerry – and damn the consequences – and then as some suspect D., mistakenly, others would suspect you, mistakenly, because of your new friendships.“ Kerney äußert sich überdies zur Stationierung amerikanischer Truppen in Nordirland. „(…) whether that may be for our good in the long run, when perhaps he may fall out with his friends, who can say? If we are invaded, it may be too late to get help from the other side, but any premature attempt to get help would be fatal.“ Außerdem warnt der Diplomat Ryan davor, zum aktuellen Zeitpunkt nach Dublin zu kommen. „If you think of returning, I suggest you ask me to ascertain how D. views the suggestion; as it is, I am inclined to agree with you that your return at this moment might do harm and could not do much good; it is perhaps too soon or too late, but my suggestion may not be a bad one.“1323 Im Mai 1942 erreichte der vorletzte Brief des Iren die Gesandtschaft in Madrid. Ryan schildert darin seinen Alltag in Berlin, der laut seiner Aussage hauptsächlich aus Essen und Schlafen bestehe. Persönliche Kontakte seien auf ein Minimum reduziert, zum einen, weil er sich in Berlin inkognito aufhalte, zum anderen habe er für sich entschieden, keine Verbindung zu anderen Iren aufzubauen. Außerdem seien seine Sprachkenntnisse trotz aller Bemühungen nach wie vor nicht sehr weit fortgeschritten. Dies liege zum Teil auch an seiner Schwerhörigkeit. Unabhängig von seinen Aktivitäten habe er einen sehr monotonen Alltag in Deutschland, besonders für einen Mann seines Schlages. Ryan äußert immer häufiger die Befürchtung, dass der Krieg noch sehr lange dauern und somit seine Rückkehr nach Irland in weite Ferne rücken werde. In militärischer Hinsicht gab er Kerney zu verstehen, dass er ein ruhiges Jahr erwarte, denn die Deutschen seien weiterhin mit Russland beschäftigt. Deshalb bestehe Deutschlands Interesse weiterhin darin, dass Irland seine Neutralität aufrechterhalte. Außerdem bittet er Kerney in diesem Brief, seinem Freund Gerald O’Reilly in den Vereinigten Staaten zu versichern, dass es ihm gut gehe. Er selbst wage nicht, seinen Vertrauten zu kontaktieren, denn er fürchte negative Konsequenzen für O’Reilly.1324 Der letzte Brief, den Frank Ryan an Leopold Kerney schrieb, trägt das Datum des 13. August 1942. Wie in der vorangegangenen Korrespondenz fragt er den Gesand- 1323 Cronin, Frank Ryan, 217f. 1324 Brief Frank Ryan an Leopold Kerney, 14. Mai 1942, DFA/10/A/20, NAI, Dublin. 7.2 Kontakt zur „Außenwelt“ – Frank Ryans Briefe an Leopold Kerney in Madrid 351 ten, ob dieser bereit wäre, Nachrichten von seiner Familie an ihn nach Berlin weiterzuleiten, beziehungsweise sicherzustellen, dass seine Zeilen Eilís in Dublin erreichten. Des Weiteren kündigt Ryan den Besuch Veesenmayers in Madrid an. Ryan ist in seinem Schreiben voll des Lobes den Deutschen betreffend. „(…) he is far more capable than he appears, and has a long record of successes to his credit.“1325 Zusätzlich bittet er seinen Landsmann inständig, die private Korrespondenz zwischen ihnen nicht zu erwähnen. Der Grund für die Vorsichtsmaßnahme waren die Versuche Eoin O’Duffys und des ehemaligen irischen Botschafters in Berlin, Charles Bewley, Kontakte zu den deutschen Behörden aufzunehmen. Berlin zeigte jedoch keinerlei Interesse, Verbindungen mit den beiden Männern aufzunehmen, da sowohl Ryan als auch Helmut Clissmann schon im Vorfeld davon erfahren hatten, dass die beiden Iren sich um ein Treffen mit Vertretern der deutschen Regierung bemühten und ihre Bedenken wegen Bewley und O’Duffy in aller Klarheit geäußert hatten. Grundsätzlich aber war keine Veränderung eingetreten, was Ryans Position in Deutschland anbelangte und auch vonseiten der Behörden gab es keine Versuche, Ryan zu beeinflussen. Er hatte sogar Zugang zu Schweizer Tageszeitungen, um neutrale Informationen über den Kriegsverlauf zu erhalten. Seine Aufgabe beschreibt Ryan wie folgt: „I just do my best – putting the common interest above party interests, and bearing in mind not alone what might happen next year – but also what might happen in five or ten years.“1326 Gegenüber Kerney äußerte er auch unverblümt seine Meinung über den irischen Geschäftsträger in Berlin, William Warnock. Dem Diplomaten eilte der Ruf voraus, er verhalte sich seinen Landsleuten und ausländischen Gästen gegenüber geizig. Im Hinblick auf den Kriegsverlauf sah Ryan die deutschen Truppen in die entscheidende Phase des Russland-Feldzuges eintreten. Im Falle des von Berlin erwarteten Erfolges vom Unternehmen Barbarossa, schätzte Ryan, würde Großbritannien wieder in den Fokus der Achsenmächte rücken. Dennoch sei es seiner Ansicht nach zu früh für Spekulation dieser Art.1327 Dieser Brief sollte Ryans letzter an den irischen Gesandten sein. Wahrscheinlich hatte das negative Ergebnis der Treffen zwischen Edmund Veesenmayer und Leopold Kerney den weiteren Kontakt zwischen den beiden Iren unterbunden.1328 1325 Brief Frank Ryan an Leopold Kerney, 13. August 1942, DFA/10/A/47, NAI, Dublin. 1326 Brief Frank Ryan an Leopold Kerney, 13. August 1942, TAOIS S 15469 A, NAI, Dublin. 1327 Brief Frank Ryan an Leopold Kerney, 13. August 1942, DFA/10/A/20, NAI, Dublin. 1328 Im Herbst 1942 kam es zu zwei Treffen zwischen dem SS-Oberführer Edmund Veesenmayer und dem irischen Gesandten in Spanien, Leopold Kerney, in dem vor allem über die Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen Irland und Deutschland gesprochen wurde, insbesondere über den Wert, den nicht zuletzt Deutschlands militärische Stärke für die Verteidigung des irischen Freistaates im Invasionsfall darstellen würde. Veesenmayer stellte Kerney deutsche Waffenlieferungen in Aussicht, dieser lehnte das Angebot ab. Vielmehr sagte der irische Diplomat dem SS-Oberführer zu, dass die irische Regierung weiterhin an der strikten Neutralität der Insel festhielt. Ermutigt durch das erste Gespräch initiierte Veesenmayer ein weiteres Treffen, aber der Ire zeigte sich bei diesem Gespräch deutlich reservierter und lehnte jegliche Offerten Veesenmayers ab, weshalb es auch von deutscher Seite keine weiteren Versuche gab, den Kontakt weiter aufrecht zu erhalten. Telegramm von Legationsrat Franz Edler von Sonnleithner an den Gesandten SS-Brigadeführer Walter Hewel, Referent für deutsch-britische Angelegenheiten der Dienststelle Joachim von Ribbentrops, 5. Oktober 1942, R 29625, PA, AA Berlin; Geheimer Appendix A To F.R. 89 Sdf (Z), Kurt 7 Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 352 Die Flucht aus der spanischen Gefangenschaft kam nicht nur für Ryan sehr überraschend. Keiner seiner zahlreichen Freunde in Irland oder in den USA wurde über seinen Aufenthaltsort informiert, weshalb eine Vielzahl von Gerüchten über den Verbleib des irischen Freiheitskämpfer entstanden. Die folgenden Ausführungen geben einen kurzen Überblick über die Bemühungen, insbesondere seiner amerikanischen Freunde, Ryans Aufenthaltsort in Erfahrung zu bringen. „A Gentleman At Large“1329 – Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland Frank Ryans Kontakte außerhalb Deutschlands Zwar stand Frank Ryan in regem Kontakt mit dem irischen Diplomaten Leopold Kerney, aber viele seiner Freunde in den USA wussten nicht, wo sich der ehemalige Spanienkämpfer seit seiner fingierten Flucht aus dem Burgos-Gefängnis aufhielt, sodass die verschiedensten Gerüchte und Annahmen kursierten: Der Ire solle nach Meinung seiner Freunde unter falschem Namen und mit gefälschten Papieren getarnt in den USA leben. Befeuert wurde dieses Gerücht durch den Umstand, dass zwei Pakete, die von der Gefängnisleitung des Burgos-Gefängnisses in Spanien verschickt wurden und persönliche Gegenstände des Iren wie Briefe, Bücher und Kleidungsstücke enthielten, New York erreicht hatten, aber ohne die Unterschrift des Empfängers – Frank Ryan – von O’Reilly nicht abgeholt werden konnten. Dass der Journalist vor seiner angeblichen Flucht aus Spanien tatsächlich noch Zeit und Gelegenheit gefunden hatte, sich um den Verbleib persönlicher Habseligkeiten zu kümmern, irritierte viele seiner amerikanischen Vertrauten. Zudem erschien es äußerst unwahrscheinlich, dass Frank Ryan in den USA lebte und sich politischen Aktivitäten zuwandte, ohne die Hilfe seiner Freunde vor Ort in Anspruch zu nehmen.1330 Ende des Jahres 1940 informierte O’Reilly seine Frau, die sich in Irland aufhielt, über ein Gerücht, demzufolge sich Ryan als Mitarbeiter des Roten Kreuzes in Portugal aufhalte.1331 Die Hauptstadt Lissabon war zu dieser Zeit von einer großen Zahl deutscher und spanischer Agenten schier überflutet. Dieser Umstand bereitete O’Reilly Sorgen, denn laut Presseberichten waren in den letzten Monaten viele führende Anhänger der Spanischen Republik, die sich im Land befanden, deportiert worden. Seine Freunde diskutierten deshalb Möglichkeiten, ihn über Mexiko in die USA zu holen.1332 Und da sich Ryan nun scheinbar in relativer Sicherheit befand, bat O’Reilly seine Frau, diese Neuigkeit auch 7.3 7.3.1 Haller Part II, Büro Veesenmayer and the IRA, 7. August 1946, Kurt Haller, KV 2/769, NAK Kew, London. 1329 Brief Frank Ryan an Leopold Kerney, 11. Dezember 1940, G2/0257 Part II, MACBB, Dublin. 1330 Vertraulicher Bericht Leopold Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 27. November 1940, DFA/10/A/20/4, NAI, Dublin. 1331 Die Informationen über Ryans Flucht aus dem spanischen Gefängnis und seinen Aufenthalt in Portugal gab er, ohne weitere Details preiszugeben, im Januar 1941 auch an Tom Jones weiter. Brief Gerald O’Reilly an Tom Jones, 8. Januar 1941, D/JO/58, FROH, United Kingdom. 1332 Auszug aus einem Brief, ohne Absender, ohne Empfänger, 29. Dezember 1940, DFA/10/A/20/4, NAI, Dublin. 7.3 „A Gentleman At Large“ – Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 353 an alle Freunde und Wegbegleiter weiterzuleiten. Der zuständige Mitarbeiter des irischen Geheimdienstes, der über den Inhalt dieses Briefes aus Amerika informiert war, zeigte sich allerdings skeptisch, ob die Informationen darin der Wahrheit entsprachen. „An alternative theory might be that his American friends were deliberately misled by being advised that Ryan was at Lisbon which is in a neutral country in order to cloak his transfer to Copenhagen, at present under German control.“ Die dänische Hauptstadt rückte in den Fokus der irischen Behörden, weil sich die Clissmanns, Ryans engste Vertraute in Deutschland, zu dieser Zeit dort aufhielten. Schon seit längerem wusste der irische Geheimdienst von der engen Beziehung zwischen den Eheleuten und dem Iren.1333 In Dublin kamen hingegen Gerüchte auf, denen zufolge sich Frank Ryan auf dem Weg in seine Heimat befinde und seine Freunde und Wegbegleiter sich schon auf einen großen Empfang vorbereiteten.1334 Die unterschiedlichsten Nachrichten kursierten während der nächsten Monate, darunter auch die, wonach sich der ehemalige Spanienkämpfer entweder in Russland oder in Deutschland aufhalte oder bereits nach Irland zurückgekehrt sei.1335 Obwohl O’Reilly seit dem Bekanntwerden von Ryans Flucht auf ein Lebenszeichen des Freundes hoffte, erreichte ihn keines. Nur der irische Diplomat Kerney setzte sich mit ihm in Verbindung, um ihm zu versichern, dass es seinem Freund gut gehe. An Heiligabend des Jahres 1940 erhielt der Amerikaner schließlich eine Weihnachtskarte, mittels derer Ryan seinen amerikanischen Freunden ein schönes Fest wünschte und sein Bedauern darüber ausdrückte, nicht mit ihnen feiern zu können. Zudem versprach er O’Reilly einen Brief. Dieser erreichte New York erst im Mai 1941 und wurde von einem deutschen Boten übergeben. Hauptsächlich ging es in dem Schreiben um Russells Tod und politische Themen, wie die Möglichkeiten, die sich aus dem Krieg für Irland ergeben könnten. Die letzte Nachricht, die O’Reilly von seinem Freund erhielt, war ein weiterer Weihnachtsgruß, der allerdings erst Ende Januar 1943 zugestellt wurde und erneut keinen Aufschluss über einen Aufenthaltsort gab.1336 Das war allerdings auch nicht mehr nötig, denn seit Beginn des Jahres 1942 wusste der Amerikaner, wo sich Ryan befand, was aus einem Brief an O’Reillys Frau hervorgeht.1337 Im Kreis der Freunde allerdings, denen größtenteils nicht klar war, dass der Ire in Deutschland lebte, gingen die Spekulationen über Ryans Aktivitäten unvermindert weiter. Die irischen Behörden aber schlos- 1333 Geheimer Brief, L. Archer an J. P. Walshe, 12. Dezember 1940, G2/0257 Part I, MACBB, Dublin. Die Freundschaft zwischen den Clissmanns und Ryan reichte viele Jahre bis in die Zeit zurück, als Helmut Clissmann als Student in Dublin lebte. Elizabeth Clissmann und der Ire kannten sich gut, denn beide verkehrten in den 1920er Jahren in den republikanischen Kreisen. Diese Freundschaft, insbesondere zu Budge, stellte für Ryan während seiner Zeit in Berlin eine der letzten Verbindungen zu seiner Heimat Irland dar. Hoar, In Green and Red, 35. 1334 Aktennotiz „Meeting of the Communist Party Of Ireland held at Cathal Brugha Street. Dublin on 14th October, 1940.“ Garda Siochana Metropolitan Division, 15. Oktober 1940, G2/0257 Part I, MACBB, Dublin. 1335 Auszug Brief, Madame Hildebrand (Deirdre Mulcahy), ohne Empfänger, 20. August 1941, G2/0257 Part I, MACBB, Dublin. 1336 Brief Gerald O’Reilly an Seán Nolan, 17. April 1948, KV 2/1292, NAK Kew, London. 1337 Auszug Brief Gerald O’Reilly an Helen O’Reilly, 13. März oder Februar 1942, G2/0257 Part I, MACBB, Dublin. 7 Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 354 sen den Fall im Januar 1945 endgültig ab. „About Frank: Authorities have advised us what they know in circumstances cannot see any purpose in pursuing matter any further in a public manner.“1338 Durch seinen engen Kontakt mit Leopold Kerney gelang es Ryan auch, Briefe an seine Familie zu senden. Der Diplomat konnte die Nachrichten an der Zensur vorbei nach Irland weiterleiten. Nach langer Zeit schrieb Ryan am 14. Mai 1942 ein paar Zeilen an Eltern und Geschwister. Hauptsächlich enthalten sie Persönliches, vor allem die Frage, wie es Mutter und Vater sowie Geschwistern und Freunden gehe. Ryans Schreiben schildert sein Leben im Deutschen Reich. „My own life these last years often seems to myself like a chapter out of a fantastic novel. However, I feel sure enough that some day I’ll go back and start again where I left off. I regard this period as an interruption, and nothing more.“ Er versicherte, dass es ihm an nichts fehle, insbesondere nicht an Essen und Kleidung. Was den Krieg betraf, schrieb er: „And, so that you may know how dangerously I live – I’ve two small air raids in six or seven months, in the second of which my landlady told me about, the morning after. Fact! Lastly, I who used to work at least a 14 hour day, those last years at home, have nothing to do except enjoy myself. I spent some weeks with Budge [Elizabeth Clissmann] at Easter and had a great time. The only worry now is to pack up and go for summer holidays.“ In seinem letzten Brief an die Familie ist deutlich zu erkennen, wie sehr er seine Heimat vermisste und wie sehr er unter der Untätigkeit in Deutschland litt. Sein Leben vor Ort war „(…) so uneventful that it often becomes monotonous.“1339 Die Monotonie des Alltags in Berlin unterbrachen lediglich Briefe an seine Schwester Eilís sowie an Gerald O’Reilly und zum größten Teil der Kontakt zu den wenigen Freunden in der deutschen Hauptstadt, in erster Linie zu Francis Stuart, dessen Lebensgefährtin Madeleine und Hildegard Lippert mit der Ryan das gleiche Haus bewohnte. Für einen derart kontaktfreudigen Menschen wie Ryan waren die Jahre in Berlin nicht einfach. Er hatte nur sehr wenig soziale Kontakte, die er jedoch, so gut es ging, pflegte. Einer seiner engsten Vertrauten in Berlin zu dieser Zeit war der irische Schriftsteller Francis Stuart, der sich aus beruflichen Gründen in der deutschen Hauptstadt aufhielt. Der Fokus des folgenden Kapitels liegt auf Ryans Landsmann Francis Stuart, dessen Vita sowie die Beziehung zwischen den beiden Männern. Francis Stuart – Ryans guter Freund in Berlin Kurz nach dem Scheitern des Unternehmens Taube und dem Tod Seán Russells traf Frank Ryan auf seinen Landsmann, den irischen Schriftsteller Francis Stuart. Mit den häufigen Treffen – laut Stuart sahen sich die beiden Männer in der zweiten Hälfte des Jahres 1940 fast täglich – wurde Stuart zu einem von Ryans engstem Vertrauten.1340 In seinem Tagebuch notierte der Autor über seinen Landsmann, „One of the few peo- 7.3.2 1338 Brief Seán Nolan an Gerald O’Reilly, 10. Januar 1945, G2/0257 Part I, MACBB, Dublin. 1339 Cronin, Frank Ryan, 222f. 1340 Francis Stuart, „Frank Ryan in Germany – Part I“, The Bell XVI Nr. 2 (November 1950): 38. 7.3 „A Gentleman At Large“ – Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 355 ple (…) I feel any closeness to or warmth for, or on whom I would rely.“1341 Auch für Ryan hatte diese Bekanntschaft einen hohen Stellenwert, denn es fiel im durchaus schwer, sich in Berlin einzuleben. Die irische Freundin des Schriftstellers, Nora O’Mara, berichtet über Ryan: „Mistrusting his surroundings, as deaf people are wont to do, he set about criticising everything and everyone, although great pains were taken all around to help him adjust himself to life outside a prison cell, granting him as much comfort as circumstances would allow.“ Deshalb bemühte sich Stuart auch, seinen Landsmann nach dem Scheitern von Operation Taube und dem Tod Seán Russells bei den täglichen, gemeinsamen Mahlzeiten wieder etwas aufzubauen. „At table, we tried to cheer him up with prospects, however vain, of returning home, and to dispel his suspicions about his German hosts.“1342 Francis Stuart wurde am 29. April 1902 in Townsville, Australien, geboren. Als Kind war er mit seiner Mutter nach Irland zurückgekehrt und hatte sich einen Namen als Schriftsteller erworben. Während einer Lesereise durch Deutschland im Frühjahr 1939 lernte Stuart in Begleitung seiner damaligen Frau Iseult Land und Leute kennen.1343 Helmut Clissmann, der zu dieser Zeit in Dublin als Vertreter des Deutschen Akademischen Austauschdienstes tätig war, hatte diese Vortragsreihe organisiert.1344 Nach der Rückkehr wurden Stuart pro-deutsche Tendenzen nachgesagt. Zudem gab es Gerüchte, dass er und sein Schwager Seán McBride in Verhandlungen mit dem deutschen Gesandten in Dublin, Eduard Hempel, gestanden und über die Gründung einer irischen Legion diskutiert hätten.1345 Schon während dieses Besuchs hielt Stuart Vorlesungen an der Humboldt-Universität. Der geschäftsführende Direktor des Englischen Seminars, Professor Dr. Walter Franz Schirmer, Professor für Anglistik, zeigte sich von dem Iren beeindruckt und beantragte daraufhin, für den Autor die Stelle eines außerplanmäßigen Lektors zu genehmigen. Am 24. Juli 1939 erhielt Stuart die Zusage, dass er als „außerplanmäßiger Lektor der englischen Sprache an der hiesigen Universität“ lehren kann. Stuart teilte dem Direktorium mit, dass er plane, 1341 Tagebuchauszug Francis Stuart, 30. April 1942, MSS 1/4/167 Series 3, Box 1 Folder 14, Francis Stuart Papers from the Geoffrey Elborn Collection 1902–1990, Special Collection Research Center (SCRC), Morris Library, Southern Illinois University (SIU), Carbondale. In einem Interview mit David O’Donoghue im November 1989 sprach Stuart allerdings davon, dass er Ryan nie gemocht hatte und dass die beiden nicht gut miteinander zurechtgekommen seien. Zwar zeigte sich Ryan seinem Landsmann gegenüber stets sehr großzügig, andererseits war er auch sehr empfindlich und ließ Stuart unverblümt wissen, welchen Stellenwert er als ehemals führendes IRA-Mitglied in Deutschland innehatte. Während einer Meinungsverschiedenheit fand Ryan deutliche Worte: „‚When (…), Germany wins the war I will be a minister in the Irish government.‘“ O’Donoghue, Hitler’s Irish, 51f. 1342 Mheara, Recollections, 100, 103. 1343 Bericht „Henry Francis Stuart.“, ohne Autor, 15. Mai 1945, KV 6/79, NAK Kew, London. 1344 Die britischen Behörden gingen davon aus, dass Clissmann bereits während seines Auslandsstudiums am Trinity College in Dublin im Jahr 1933 für die deutsche Abwehr tätig war und über die deutsche Gesandtschaft in der irischen Hauptstadt regelmäßige Berichte auch über seine Kontakte zur irischen Linken, insbesondere George Gilmore und Frank Ryan, nach Deutschland übermittelte. Bericht „Note on Helmuth [sic] Clissmann“, ohne Autor, o. D.; Geheimer Anhang „Supplement to FR 41 – Oblt Helmut Clissmann – Appendix B Connections With Ireland“, ohne Autor, 12. Februar 1946, KV 6/81, NAK Kew, London. 1345 Bericht „Henry Francis Stuart.“, ohne Autor, 15. Mai 1945, KV 6/79, NAK Kew, London. 7 Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 356 Mitte November 1939 in Berlin einzutreffen.1346 Offiziell war zunächst eine Reise in die Schweiz vorgesehen, um von dort aus nach Deutschland weiterzureisen. Zu diesem Zweck erhielt Stuart von Dr. Patrick McCartan, einem Freund der Familie, ein Attest, das ihm gesundheitliche Probleme bescheinigte. Der Arzt riet dringend zu einem Klimawechsel.1347 Der irische Geheimdienst informierte das Außenministerium über Stuarts Plan, von Bern aus nach Berlin zu reisen, um seine Stelle an der Humboldt-Universität anzutreten. Die Behörde in Dublin erhob keine Einwände gegen Stuarts Vorhaben, denn es handle sich lediglich um die Wiederaufnahme der beruflichen Tätigkeit.1348 Allerdings gestaltete sich die Rückkehr des Schriftstellers schwieriger als angenommen, denn er musste in London fünf Tage auf seine Ausreisegenehmigung warten und wurde an jeder Grenze sehr genau kontrolliert, wie er beim Besuch des deutschen Gesandten in Bern, Otto Carl Köcher, schilderte.1349 Mit Beginn des I. Trimesters 1940 konnte Francis Stuart seine Lehrtätigkeit an der Humboldt-Universität aufnehmen. Zusätzlich schrieb er weiterhin Bücher und veröffentlichte sie in Deutschland.1350 Die Ankunft des Autors weckte das Interesse weiterer deutscher Behörden: Die Abwehr hatte sich im Vorfeld über den Iren informiert und wusste von dessen antibritischen und nationalen Tendenzen. Man hoffte, ihn deshalb rekrutieren zu können1351, zumal Hempel den Schriftsteller schon im Dezember 1939 als einen Vertreter der nationalen Kreise bezeichnet hatte. Der deutsche Diplomat lobte den Schriftsteller als „(…) [dem] heutigen Deutschland aufrichtig zugetan“ und ergänzte, Stuart sei „(…) [ein] sehr guter Repräsentant nationalen Irentums und zuverlässig.“1352 Auch die Untergrundarmee suchte nach einer neuen Verbindung zur Abwehr, denn seit einiger Zeit war der Kontakt nach Deutschland komplett abgebrochen. Stuart schien hierfür die optimale Wahl zu sein. Schon während seines ersten Deutschlandbesuchs 1346 Brief „U K III A P A Stuart/39“ an den Herrn Reichsminister für Wissenschaft, 31. Mai 1939; Brief an den Kurator, 2. Juni 1939; Brief des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung an den Universitätskurator in Berlin, 24. Juli 1939; Nachricht „U K III P A Stuart/39“, ohne Autor, 30. November 1939, PA 120/1, HUA, Berlin. 1347 Bericht „Note on Stephen Carroll Held Case“, ohne Autor, o. D., KV 2/1450, NAK Kew, London. 1348 Geheimer Bericht der G2 Abteilung an J. P. Walshe, 4. November 1939; Geheimer Bericht J. P. Walshe an Col. Liam Archer, 6. November 1939, G2/0214 Part I, MACBB, Dublin. 1349 Geheimer Bericht von Köcher an das Auswärtige Amt, 17. Januar 1940; geheimer Bericht „Angloirische Beziehungen.“, 18. Januar 1940, Botschaft Bern 5814, PA, AA Berlin. 1350 Brief des Leiters des englischen Seminars an die U-Kasse, 29. Januar 1940; Brief August Scherl Nachfolger Verlag an das Dekanat der Philosophischen Fakultät der Universität Berlin, 5. März 1940, PA 120/1, HUA, Berlin. Zu seinen deutschen Veröffentlichungen zählte beispielsweise ein Buch über Sir Roger Casement mit dem Titel ‚Der Fall Casement – Das Leben Sir Roger Casements und der Verleumdungsfeldzug des Secret Service‘, das in Zusammenarbeit mit der deutschen Übersetzerin Dr. Ruth Weiland in der Hamburger Hanseatischen Verlagsanstalt im Jahr 1940 veröffentlicht wurde. Darüber hinaus schrieb er ein Kapitel über Eamon de Valera für Weilands Veröffentlichung mit dem Titel: ‚Irische Freiheitskämpfer: Biographische Skizzen‘, das 1940 im Berliner Scherl Verlag erschien. 1351 Bericht Anhang A zu FR 89 – Sonderführer Kurt Haller Teil I, Abwehr II und Irland, ohne Autor, 7. August 1946, KV 4/449, NAK Kew, London. 1352 Telegramm Hempel an Unterstaatssekretär Woermann, 20. Dezember 1939, R 67671, PA, AA Berlin. 7.3 „A Gentleman At Large“ – Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 357 hatte er sich bereit erklärt, eine Nachricht des IRA-Verbindungsmannes Jim O’Donovan an die Abwehr zu übergeben. Darin hatte der Vorstand der Untergrundarmee allerdings lediglich um weitere finanzielle Unterstützung gebeten. Schnell stellte sich jedoch heraus, dass Stuart die großen in ihn gesetzten Hoffnungen, nicht erfüllen konnte. Er war kein IRA-Mitglied, sondern lediglich Sympathisant, weswegen er den Deutschen nur allgemeine Informationen zur Lage in Irland, nicht aber über die Organisation, bieten konnte. Zumindest nutzte Stuarts Wissen dem deutschen Agenten Hermann Goertz. Die beiden Männer tauschten sich vor dem Start des Unternehmens Mainau, der Operation des Deutschen Goertz in Irland, nochmals aus. Bei dieser Gelegenheit frischte der Deutsche seine Sprachkenntnisse auf.1353 Kurz nach der Ankunft in Deutschland, im Februar 1940, wurde der Schriftsteller nach einem Besuch im Auswärtigen Amt für die Irland-Redaktion der Auslandspropaganda der Behörde angeworben. Unter der Leitung von Professor Dr. Ludwig Mühlhausen, der später von seinem Schüler Hans Hartmann abgelöst wurde, verfasste Francis Stuart Radiotexte in englischer Sprache für den britischen Sprecher William Joyce.1354 Die beiden Männer waren Stuart bestens bekannt, denn beide lehrten wie er an der Humboldt-Universität. Ab März 1942 übernahm der Autor, neben sei- 1353 Telegramm Hempel an Unterstaatssekretär Woermann, 20. Dezember 1939, R 67671, PA, AA Berlin; Bericht Anhang A zu FR 89 – Sonderführer Kurt Haller Teil I, Abwehr II und Irland, ohne Autor, 7. August 1946, KV 4/449, NAK Kew, London; Bericht Ernst Woermann über den Besuch Francis Stuarts im Auswärtigen Amt Berlin, 26. Januar 1940, R 67671, PA, AA Berlin; Bericht Anhang A zu FR 89 – Sonderführer Kurt Haller Teil I, Abwehr II und Irland, ohne Autor, 7. August 1946, KV 4/449, NAK Kew, London. 1354 O’Donoghue, Hitler’s Irish Voices, 40ff. Professor Dr. Ludwig Mühlhausen wurde 1888 in Kassel geboren und studierte Germanistik sowie vergleichende Sprachwissenschaften in Zürich und Leipzig. Zunächst arbeitete er als Bibliothekar in der Commerzbibliothek der Handelskammer Hamburg, bevor er ab dem Jahr 1922 einen Lehrauftrag für Keltologie an der Universität Hamburg erhielt. Er avancierte zu einem der führenden Keltologen Deutschlands und übernahm ab Herbst 1936 die international angesehenste Position, die im Bereich Keltologie zu vergeben war, den Lehrstuhl für keltische Philologie an der Humboldt Universität in Berlin als Nachfolger von Julius Pokorny, der diesen Lehrstuhl aufgrund seiner jüdischen Herkunft aufgeben musste. Mühlhausen verfügte durch seine Reise durch Irland über das Fachwissen für diese Position, aber gleichzeitig nutzte er seine Stellung, um die „Gleichschaltung der Keltologie“ im Sinne der NSDAP-Ideologie durchzusetzen. Mit dem Ausbau der fremdsprachigen Rundfunkpropaganda ab 1939 übernahm Mühlhausen im Dezember 1939 die ersten Sendungen nach Irland. Christopher Hutton, Linguistics and the Third Reich: Mother-tongue Fascism, race and the science of language (London: Routledge, 1999), 127. Lerchenmüller, Keltischer Sprengstoff, 354f, 357, 366, 383. Hans Hartmann wurde im November 1909 in Rüstringen bei Wilhelmshaven geboren. Nach dem Abitur studierte er durch die finanzielle Unterstützung der „Studienstiftung des deutschen Volkes“ Klassische Philologie, Indologie, Indogermanistik und Klassische Archäologie in Marburg. 1930 verlagerte Hartmann sein Studium nach Berlin und wandte sich den Bereichen Slawistik, Indogermanistik, Iranistik und Philosophie zu. Während seiner Tätigkeit als Universitätsassistent an der Berliner Universität erhielt er 1937 vom Reichserziehungsministerium ein Stipendium für keltologische Studien in Irland. Er nahm das Angebot an und spezialisierte sich nun auf das Gebiet der Keltologie. Sein Forschungsschwerpunkt lag während seines zweieinhalbjährigen Aufenthalts im Freistaat neben der irischen Sprache, Volkskunde und Altertumswissenschaft auf der Erstellung einer volkskundlichen Sammlung über Krankheiten, Tod und Jenseitsvorstellungen in Irland. Nach seiner Rückkehr in Deutschland im September 1939 unterstützte er Mühlhausen bei dessen Arbeit für die Rundfunksendungen nach Irland. Im Jahr 1941 wurde Hartmann ins Auswärtige Amt dienstverpflichtet und übernahm Ende des Jahres 1941 die Leitung der Irlandredaktion der Reichs- 7 Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 358 ner universitären Lehrtätigkeit, eigene Radiosendungen. Im August desselben Jahres startete seine Sendereihe unter dem Titel „Eire and the Wide World“.1355 Die Beiträge für die deutsche Propaganda sowie seine offenkundig pro-deutsche Einstellung hatten nicht nur für Stuart Konsequenzen. Auch das Auswärtige Amt erhielt eine offizielle Beschwerde des irischen Geschäftsträgers in Berlin, William Warnock, nachdem Stuart in einer seiner Sendungen eine Empfehlung für die anstehenden Parlamentswahlen in Irland gegeben hatte. Dennoch arbeitete Stuart bis Ende Februar 1944 für die Irlandredaktion. Persönliche Differenzen und die veränderte Lage in Irland sorgten dann für den Ausstieg des Iren aus seinem Engagement für die deutsche Propaganda. Als Reaktion auf die Rundfunksendungen weigerte sich die irische Vertretung, seinen Pass zu verlängern.1356 Nachdem sich das deutsche Kriegsinteresse in der Zwischenzeit nach Osten verlagert hatte, verlor Irland als Ziel von Geheimdienstoperationen mehr und mehr an Bedeutung. Für Ryan bedeutete dies, dass er kaum mehr Aussichten darauf hatte, in seine Heimat zurückzukehren. Er war somit gezwungen, seinen Alltag in der deutschen Hauptstadt zu organisieren. Die folgenden Ausführungen beleuchten Frank Ryans Aktivitäten im Berlin des Jahres 1943. rundfunkgesellschaft. Die Hauptaufgabe lag neben allgemeiner, antibritischer Propaganda darin, für die Unterstützung der Iren und für die Neutralität des Freistaats im Krieg zu werben. Lerchenmüller, Keltischer Sprengstoff, 354f, 357, 366, 383; Arndt Wigger, „Nachruf auf Hans Hartmann“, Zeitschrift für celtische Philologie Band 53 Nr. 1 (2003): 259–263. William Joyce wurde im Mai 1906 in New York als Sohn eines Iren und einer Britin geboren. 1909 zogen seine Eltern nach Ayle in der Grafschaft Mayo und später nach Galway. Seine Familie war pro-britisch und auch Joyce selbst lehnte den weitverbreiteten irischen Republikanismus ab. 1922 zog William nach London, wo er sich am Battersea Polytechnic Institute einschrieb. Sein politisches Interesse wandte sich mehr und mehr dem Faschismus zu und er unterhielt Kontakte zu führenden Nazigruppierungen in Großbritannien. Im August 1939 kam Joyce zusammen mit seiner Frau Margaret nach Berlin. Ab dem Sommer 1939 bis in das Frühjahr 1945 war William Joyce als Sprecher der deutschen Radio-Propaganda tätig. Schon nach kurzer Zeit war Joyce eine Berühmtheit, denn viele Millionen Menschen kannten seine Stimme und seine Sendung für die deutsche Propaganda. Als „Lord Haw“ erlangte er nach kurzer Zeit den Ruf, Englands größter Verräter zu sein. Dieser Beiname ging auf den britischen Journalisten Jonah Barrington zurück, der, nachdem er eine Sendung von Joyce verfolgt hatte, diesen Namen aufgrund seines Akzents ausgesucht hatte. In den Augen des Journalisten gehörte der Sprecher der britischen Oberklasse an. Colin Holmes, Searching for Lord Haw-Haw – The political lives of William Joyce (London: Routledge, 2016), 11ff, 19, 26, 42f, 140, 171, 178; Nigel Farndale, Haw-Haw – The Tragedy of William and Margaret Joyce (London: Pan Books, 2006), 135. 1355 Anhang „List Of Persons Who Have Spoken In German Broadcasts To Ireland.“ zu Bericht der G.2 Abteilung an J. P. Walshe, 21. (?) Dezember 1945, G2/X/1164, MACBB, Dublin. 1356 Bericht „German Broadcasts to Ireland.“, ohne Autor, März 1943, G2/X/1164, MACBB, Dublin; Mitteilung U.St.S. Pol. Nr. 332 Hencke an den Reichsaußenminister, 1. Juni 1943, R 29625, PA, AA, Berlin; Telegramm der irischen Gesandtschaft Berlin an das Außenministerium, 3. Mai 1944, G2/0214 Part II, MACBB, Dublin; Telegramm des Außenministeriums Dublin an die irische Gesandtschaft Berlin, 1. Juni 1944, DFA Berlin Embassy 2/6 S, NAI, Dublin. 7.3 „A Gentleman At Large“ – Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 359 „A non-party neutral“ in Deutschland – Frank Ryans Aktivitäten in Berlin Abgesehen von den fortschreitenden Planungen für einen Einsatz in Irland hatte Frank Ryan nach dem Ende des ersten Unternehmens ein geruhsames Leben in Deutschland. Seine Betreuung oblag nach wie vor dem SS-Brigadeführer und Sonderbeauftragen des Auswärtigen Amtes Dr. Edmund Veesenmayer, der den Iren nach dem Scheitern des Unternehmens Taube und dem Tod Russells nach Ryans Ankunft in Brest auch in Empfang genommen hatte und mit ihm nach Berlin gereist war. Ryans Wohlergehen hatte für das Auswärtige Amt weiterhin höchste Priorität, denn der Ire war in den Augen der Behörde der Einzige, der die Freiheitsbewegung in Irland reaktivieren konnte, um deren Aktivitäten gegen England zu richten. Entsprechend bestand Veesenmayers Aufgabe auch darin, Ryan bei Laune zu halten. Der Sonderbeauftragte empfahl, den Iren nicht alleine zu lassen,1357 zumal er den Plan, ihn für deutsche Zwecke zu nutzen, noch nicht endgültig aufgegeben hatte. Als Veesenmeyer im Januar 1943 Informationen erhielt, dass die Abwehrnebenstelle Bremen plante, einen Agenten nach Irland zu schicken, intervenierte er sofort. Er begründete sein Vorgehen damit, dass „(…) ja immer noch die gemeinsame Vorarbeit zwischen der Abteilung des Herrn Oberst von Lahusen [sic] und mir bezüglich des Einsatzes des bekannten IRA-Mannes F.R., der bisher auf Weisung des Herrn Reichsministers des Auswärtigen aus politischen Gründen zurückgestellt wurde, [besteht]. Es dürfte daher zweckmäßig sein, [sic] den oben bezeichneten Einsatz auch mit der Abteilung des Herrn Oberst von Lahusen [sic] abzustimmen, damit die bedeutend wichtigere Aktion keine Vorbelastung erfährt.“ Außerdem gab er zu bedenken, dass der vorgesehene Ire, John O’Reilly, als Mitarbeiter und Sprecher irischer Rundfunksendungen „(…) zu bekannt ist und deshalb für den Einsatz denkbar ungeeignet sein dürfte.“1358 Während sich Sonderführer Dr. Veesenmayer weiterhin darum bemühte, geeignete Einsatzmöglichkeiten für den Iren zu finden, konnte sich Ryan in Berlin frei bewegen. Dabei nutzte er stets seinen Decknamen Francis Richards. Zur Finanzierung des Lebensunterhalts erhielt er vom Auswärtigen Amt 600 Reichsmark, er hatte Zugang zu ausländischen, auch zu irischen Zeitungen. Und obwohl es ihm an einer wirklichen Aufgabe fehlte, versuchte er, seine freie Zeit so gut wie möglich zu nutzen. Zum einen schätzten die Deutschen seine Expertise bei politischen Themen oder Fragen, die Irland betrafen und zum anderen war der irische Freistaat nicht vollkommen aus dem Fokus des deutschen Sonderführers Veesenmayer verschwunden. Er wollte im Bedarfsfall eine kleine Einheit in den Freistaat entsenden. Diese sollte im Falle einer Invasion durch alliierte Truppen die Mobilisierung der irischen Widerstandskräfte unterstützen und einen Nachrichtenapparat schaffen, um über die Lage laufend unterrichtet zu werden. Auch hierfür war Ryans Erfahrung wichtig. Abgesehen davon war sich Veesenmayer des Bekanntheitsgrades des Iren innerhalb der Dubliner Regie- 7.3.3 1357 Vernehmungsprotokoll Dr. Edmund Veesenmayer durch Dr. Nurnberg [sic], 18. Juni 1947, Rep. 502 V6, KV Anklage Dr. Veesenmayer, StA, Nürnberg; Telegramm Dr. Veesenmayer an Sonderführer Haller, 24. April 1941, R 29888, PA, AA, Berlin. 1358 Brief Edmund Veesenmayer an Admiral Canaris, 13. Januar 1943, R 29888, PA, AA, Berlin. 7 Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 360 rungskreise bis zum Taoiseach Eamon de Valera bewusst. Außerdem wusste die deutsche Führung, dass die irischen Behörden über seinen Aufenthaltsort informiert waren, was auch dazu beitrug, dass Frank Ryan für das Auswärtige Amt nach wie vor von großer Bedeutung war. Abgesehen von seiner Beratertätigkeit für das deutsche Außenministerium gehörten regelmäßige Treffen mit seinem Landsmann Francis Stuart zum Alltag. Man aß häufig in der Wohnung des Schriftstellers in der Westfälischen Straße zu Mittag und diskutierte die Ereignisse in der Heimat. Durch seinen privilegierten Status hatte Ryan nicht nur einen schier unerschöpflichen Vorrat an Lebensmittelmarken, sondern teilte auch die irischen Zeitungen mit seinem Landsmann. Ein Kollege des Dozenten komplettierte die Runde: John O’Reilly war auch für die Irland-Redaktion tätig. Gemeinsam diskutierten sie die Inhalte von Stuarts Radiobeiträgen. Man kam überein, dass der einzige Sinn der Sendungen darin bestehen sollte, die neutrale Stellung Irlands zu stärken.1359 Ryan verbrachte viel Zeit mit seinem guten Bekannten und Landsmann Francis Stuart sowie dessen Lebensgefährtin Madeleine Meissner. Der Ire, der in seiner Heimat über einen großen Freundeskreis verfügte, hatte in der Hauptstadt nur sehr wenige Vertraute. Dies lag hauptsächlich daran, dass sein Aufenthalt vor Ort strenger Geheimhaltung unterlag. Eben diese relative Einsamkeit war für Ryan trotz aller Annehmlichkeiten schwer zu ertragen. An Kerney schrieb er: „Time hangs heavily on my hands. Partly from the necessity of maintaining an incognito and partly from choice, my range of friends is very small. For instance, I avoid most people who have ever been in my country as well as most who hail from it. I get everything I ask for – except a deportation ticket!“1360 Eine kleine Runde Berliner Bekannter ergänzte den Kreis irischer Landsleute. Zu jenen gehörten die Freundin des Schriftstellers Francis Stuart, Madeleine Meissner, Kurt Haller, in dessen Wohnung in der Traunsteiner Stra- ße 7 Frank Ryan ein Zimmer bewohnte, Edmund Veesenmayer und einige Mitarbeiter seines Büros, darunter auch die Sekretärin Kurt Hallers, zu der Ryan ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut hatte.1361 Außerdem verband ihn mit Gretel Meiss- 1359 Auszug aus Bericht „4. Frank Ryan @ Richards“, ohne Autor, o. D., KV 2/1292, NAK Kew, London; Interview Michael McInerney mit Eamon de Valera in McInerney, „The Enigma of Frank Ryan – Part Two“, 34; Geheime Reichssache „Betr.: Irland.“, Bericht Dr. Edmund Veesenmayer an RAM Joachim von Ribbentrop, 23. Januar 1943, R 29888, PA, AA, Berlin; Stuart, „Frank Ryan in Germany“, The Bell XVI Nr. 2 (1950): 38; Terence O’Reilly, Hitler’s Irishmen (Cork: Mercier Press, 2008), 82; O’Donoghue, Hitler’s Irish Voices, 209; Francis Stuart, „Extracts from a Berlin Diary – kept intermittently between 1940 and 1944“, The Irish Times, 29. Januar 1976, 10. 1360 Brief Frank Ryan an Leopold Kerney, 14. Mai 1942, DFA/10/A/20, NAI, Dublin. 1361 Bericht „First Detailed Interrogation Report On Mordrel Olier“, H. T. Shergold (?), 30. Januar 1946, KV 2/3410, NAK Kew, London; Auszug aus dem Vernehmungsbericht von Schöneich Nr. 32, ohne Autor, 31. Oktober 1945, KV 2/769, NAK Kew, London. Außerdem zählten laut Francis Stuart einige hochrangige NS-Funktionäre zu seinem Bekanntenkreis. Ob diese Aussage der Wahrheit entspricht, ist nicht klar, denn weder in den deutschen Archiven noch in anderen Quellen finden sich Hinweise auf weitere Kontakte zu den von Stuart erwähnten Funktionären des NS-Regimes. Stuart nannte überdies bei seiner Anmerkung weder Namen noch sonstige Informationen, die Aufschluss darüber geben könnten, um wen es sich hier konkret handelte. Wie schon in Fußnote 1341 beschrieben, hatte Stuart seine Meinung über seinen Landsmann Ryan nach dem Krieg revidiert, wodurch die Beurteilung des Wahrheitsgehalts seiner Aussagen über Ryans Kontakte zu den Parteifunktionären der NSDAP schwierig ist. O’Donoghue, Hitler’s Irish Voices, 58. 7.3 „A Gentleman At Large“ – Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 361 ner, der Schwester von Stuarts Lebensgefährtin Madeleine, eine enge Freundschaft. Weder der Ire noch die junge Frau waren an einer ernsthaften Beziehung interessiert, doch beeindruckte Ryans romantische Ader die junge Frau: Er machte ihr Geschenke und aß sogar trotz seiner großen Vorsicht Fremden gegenüber mit ihrer Mutter zu Mittag. Sogar als Gretel nach dem Ende ihrer Ausbildung nach Hamburg gezogen war, besuchte Ryan sie dort. Auch Madeleine Meissner zeigte sich von Frank Ryan beeindruckt, besonders seine Großzügigkeit blieb ihr im Gedächtnis. „He would take us out to the best restaurants, like the Presseklub, or Stöckler am Kurfürstendamm, and give Francis rations cards, as he had more than us, having diplomatic status. (…) Frank Ryan was amazingly neat and proper and I remember once finding him ironing his trousers. I imagine that this goes back to the discipline of a soldier’s life in the IRA in Ireland and the International Brigade in Spain. Frank was a bit deaf and I think this must have contributed to his occasional touchiness.“ Zu den wichtigsten Vertrauten des Iren zählten Helmut und Elizabeth Clissmann.1362 Nach Ausbruch des Krieges war Clissmann hauptsächlich in der dänischen Hauptstadt eingesetzt. „It was alleged that he was working there primarily to collect funds for the IRA“1363 Laut Clissmanns eigener Aussage gehörte zu seinem Aufgabengebiet während der ersten Kriegsjahre vor allem die kulturelle Propagandaarbeit in Frankreich, Dänemark und Deutschland. Zudem stand der Deutsche weiterhin als Kulturreferent an der deutschen Botschaft in Kopenhagen im Dienst des Auswärtigen Amtes.1364 Auch nach dem Umzug der Familie Clissmann nach Kopenhagen bestand weiterhin eine enge Beziehung zu dem Iren. Ryan besuchte die Familie mehrmals in der dänischen Hauptstadt, unter anderem im Herbst 1940 sowie zu den Weihnachtsfeiertagen in den Jahren 1940 und 1942. „From Oct 40 until Jun 43 Ryan lived in Berlin, waiting first for the Germans to invade Britain, and then for the British to invade Eire. To his regret – and he was anxious to return home – neither materialised.“1365 Wegen der langjährigen Freundschaft zwischen den beiden Männern übertrug Veesenmayer Helmut Clissmann den Auftrag, sich um den Iren zu kümmern.1366 Zwar war Clissmann eigentlich in Kopenhagen tätig, aber aufgrund seiner Arbeit für das Auswärtige Amt hielt er sich häufig in Berlin auf. Bis Januar 1943 teilten sich beiden Männer verschiedene Wohnungen in Berlin. Die Betreuung des Spanienveterans war laut Edmund Veesenmayer sehr aufwendig. „Der Ire sprach fast kein Wort Deutsch und er durfte auch nach aussehin [sic] nicht in Erscheinung treten. Man musste ihm alles abnehmen, die Marken muss- 1362 Auszug aus Bericht „4. Frank Ryan @ Richards“, ohne Autor, o. D., KV 2/1292, NAK Kew, London; Madeleine Stuart, Manna in the Morning – A Memoir 1940–1958 (Dublin: Raven Arts Press, 1984), 26ff. 1363 Bericht „Ewald Heinrich Helmut Clissmann“, ohne Autor, o. D., FO 940/49, NAK Kew, London. 1364 Bericht „75/Ire/11/Y/O.B.1H/P. of 2nd May, 1943.“, ohne Autor, 25. Mai 1943, G2/X/0154 Part II, MACBB, Dublin. Im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes waren keine Hinweise zu Clissmanns Tätigkeit an der diplomatischen Vertretung in Kopenhagen zu finden. 1365 Auszug aus Bericht „4. Frank Ryan @ Richards“, ohne Autor, o. D., KV 2/1292, NAK Kew, London. 1366 Wahrscheinlich umfassten die Aufgaben Clissmanns im Hinblick auf Frank Ryan weit mehr als sich lediglich um den Iren zu kümmern. Vielmehr ist anzunehmen, dass der Deutsche als vorgesetzter Offizier den Iren während seines Aufenthalts in Deutschland auch führte. 7 Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 362 te man ihm abnehmen. Er musste Urlaub haben, da musste jemand mitreisen[.] Es musste Lektuere [sic] besorgt werden, das war eine Herkules-Aufgabe.“1367 Dies alles übernahm der Abwehrmitarbeiter Helmut Clissmann, der weiterhin den Auftrag hatte, sich um den Iren zu kümmern. Die notwendigen finanziellen Mittel erhielt er vom Auswärtigen Amt. Auch während Ryans Urlaub hielten die Clissmanns engen Kontakt, wie beispielsweise im Sommer 1941, als er in einem Bungalow am Nikolaussee am Rand Berlins wohnte. Dort besuchte ihn Helmut Clissmanns Ehefrau Elizabeth zweimal. Um der Untätigkeit in Berlin zu entgehen, nahm Ryan sich für den anstehenden Winter vor, mit der deutschen Sprache vertrauter zu werden, vor allem um die hiesigen Zeitungen lesen zu können. Durch Clissmanns großen Bekanntenkreis kam Frank Ryan auch in Kontakt mit anderen Deutschen, darunter Kapitän Christian Nissen.1368 Die beiden Deutschen waren für die Abwehr tätig. Während der gemeinsamen Mission mit dem Decknamen „Walfisch“ hatten sie sich angefreundet. Im Herbst 1941 besuchten Clissmann und Ryan ihren Freund in dessen Wohnung in Hamburg-Altona. Ryan blieb mit Nissen in Kontakt und reiste im Winter 1942 nochmals allein nach Hamburg. Auch der deutsche Kapitän kam häufiger nach Berlin.1369 Stuart, der Nissen häufiger in Ryans Wohnung antraf, nahm an, dass dem Iren diese Freundschaft besonders am Herzen lag, weil „(…) the little, freckled Kapitän-zur-See was the one hope left to Frank of being able to return to Ireland.“1370 Trotz der strengen Geheimhaltung, der Ryans Aufenthalt in Deutschland unterlag, kam es immer wieder zu Begegnungen mit Leuten, die dem Iren aus früheren Tagen bekannt waren. Der indische Nationalist Subhas Chandra Bose, der in Berlin über die deutsche Unterstützung gegen die Briten in Indien verhandelte, informierte seinen Freund, den ehemaligen irischen Botschafter Charles Bewley darüber, dass er Ryan getroffen hatte. Der indische Aktivist wechselte ein paar Worte mit Ryan, aber der Ire gab keine Informationen preis. Der Inder fragte sogar im Auswärtigen Amt nach und bat um ein Treffen. Die Verantwortlichen lehnten dies allerdings ab. Bewley, der sich seiner guten Kontakte zu den diplomatischen Kreisen sicher war, entschied daraufhin, ein 1367 Vernehmungsprotokoll Dr. Edmund Veesenmayer durch Dr. Nurnberg [sic], 18. Juni 1947, Rep. 502 V6, KV Anklage Dr. Veesenmayer, StA, Nürnberg. 1368 Der Kapitän zur See Christian Nissen war besser unter seinem Spitznamen Hein Mück bekannt. Dieser Name ging zurück auf einen sehr bekannten norddeutschen Segler zurück. Christian Nissen war Kapitän der Handelsmarine und im 1. Weltkrieg als Blockadebrecher tätig. Nach seiner Gefangennahme internierten ihn die Briten im Kriegsgefangenenlager Oldcastle in der Grafschaft Meath in Irland. Die deutschen Behörden wurden aufgrund seiner Erfahrungen sowohl auf See als auch im irischen Gefangenenlager auf ihn aufmerksam. Mit Ausbruch des 2. Weltkriegs wird er nicht zum Kriegsdienst einberufen, sondern vom Marinekommando West als Zivilist für Aktionen der deutschen Abwehr rekrutiert. Er sollte als kundiger Seemann deutsche Agenten auf die britischen Inseln befördern. Die Planungen für diese Unternehmen lagen bei Abwehr I, Ast Hamburg. Hull, Irish Secrets, 121; Hoar, In Green and Red, 264; Franz Kurowski, Deutsche Kommandotrupps 1939–1945, Band 2 – ‚Brandenburger‘ und Abwehr II im weltweiten Einsatz“ (Stuttgart: Motorbuch Verlag, 2003), 329. 1369 Aktenvermerk Ernst Woermann, 3. November 1941, R 29888, PA, AA, Berlin; Brief Frank Ryan an Leopold Kerney, 16. September 1941, TAOIS S 15469 A, NAI, Dublin; Auszug aus Bericht „4. Frank Ryan @ Richards“, ohne Autor, o. D., KV 2/1292, NAK Kew, London. 1370 Stuart, „Frank Ryan in Germany“, The Bell XVI Nr. 2 (1950): 39. 7.3 „A Gentleman At Large“ – Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 363 Treffen mit Ryan zu organisieren, scheiterte aber mit seinem Vorhaben. Das Auswärtige Amt begründete seine Entscheidung damit, dass „Ryan was being held by the Army authorities for a secret mission and was bound to avoid all contact with the outer world.“1371 Laut Kurt Haller trat Bewley in seinen Bemühungen Ryan zu treffen derart forsch und nachdrücklich auf, dass man sogar vermutete, er wäre ein britischer Doppelagent.1372 Es blieb nicht bei diesem unvorhersehbaren Zwischenfall. Im Sommer 1942 traf Ryan in Begleitung von Francis Stuart im Schwimmstadion des Reichssportfeldes auf seinen Landsmann Liam Mullally. Dieser begrüßte den Iren. Ryan allerdings erwiderte, dass er Mullally nicht kenne.1373 Als Veesenmayer später von dem Vorfall erfuhr, lobte er die Reaktion seines Mitarbeiters. „Durch geschicktes Verhalten des V-Richard [Ryan] und des Francis Stuart ist bei Mullally jedoch der Verdacht wieder rückgängig gemacht worden, daß [sic] es sich bei V-Richard um den ihm bekannten irischen Nationalisten handelt.“1374 Obwohl die irischen Behörden die Causa Frank Ryan offiziell nicht mehr verfolgten, machte sich die Regierung in Dublin über die Entwicklungen in diesem Fall dennoch Sorgen, insbesondere um das Wohlbefinden des Iren. Das Außenministerium vermutete, er halte sich in Deutschland auf. Außerdem nahm man an, dass er mit den Behörden vor Ort zusammenarbeitete, beziehungsweise zumindest bis zum deutschen Angriff auf Russland kooperiert hat. Diese Mitarbeit soll sich Gerüchten zufolge nicht nur auf die Arbeit mit der Abwehr und dem Auswärtigen Amt beschränkt haben, denn es gab Hinweise, dass Ryan dem SS-Offizier Walter Schellenberg beim Fallschirmsprung zweier Agenten über Irland behilflich gewesen sei.1375 Abgesehen davon verfasste er, ebenso wie sein Freund Helmut Clissmann, gelegentlich Memoranda irische Angelegenheiten betreffend. Beide Männer achteten dabei allerdings 1371 Charles Bewley, Memoirs Of A Wild Goose (Dublin: The Lilliput Press, 1989), 195f. 1372 Geheimer Appendix A To F.R. 89 Sdf (Z), Kurt Haller Part II, Büro Veesenmayer and the IRA, 7. August 1946, Kurt Haller, KV 2/769, NAK Kew, London. Nähere Informationen zu Bewley finden sich im Kapitel 6.1.2 Die Auswirkungen der irischen Neutralitätspolitik auf die diplomatischen Beziehungen zum Deutschen Reich sowie in der Fußnote 1025. 1373 Der Ire war seit dem Herbst 1939 an der Berlitz-Sprachenschule in Berlin tätig und ein guter Bekannter des Mitarbeiters der Irland-Redaktion John O’Reilly. Mullally ersetzte O’Reilly in der Rundfunkabteilung, sein Freund verließ die Propagandaabteilung, um für die geplante Irlandmission der Abwehr zu trainieren. O’Reilly, Hitler’s Irishmen, 115. 1374 Aktenvermerk „Betr.: Den irischen Staatsangehörigen O’Reilly.“, Gg. Greller, 14. Januar 1944, R 29888, PA, AA, Berlin. 1375 Bericht „Frank Ryan“, J. P. Walshe, 5. November 1943, DFA/10/A/20/4, NAI, Dublin; Auszug aus der Vernehmung von Walter Schellenberg 27. Juni bis 12 Juli 1945, ohne Autor, 17. Juli 1945, KV 2/1292, NAK Kew, London. Bei diesen beiden Agenten handelte es sich um John Francis O’Reilly und John Kenny. Der Sicherheitsdienst, der federführend bei dieser Operation war, erwartete Informationen über die Luftwaffe in England sowie Informationen über parteiinterne Konflikte innerhalb der britischen Regierung. O’Reilly landete per Fallschirm in der Nacht des 16. Dezember 1943 nahe der Ortschaft Kilkee und Kenny sprang am 19. Dezember unweit von Kilrush in der Grafschaft Clare ab. Beide Männer wurden kurz nach ihrer Ankunft in der Heimat verhaftet. Hull, Irish Secrets, 203, 206f. 7 Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 364 stets darauf, die irische Neutralität nicht zu beeinflussen.1376 Durch den deutschen Russlandfeldzug hätte sich die Situation des Iren in Berlin, nach Meinung einiger Freunde Ryans in Dublin, verschlechtert, weil er sich durch seine linksgerichtete Einstellung unter Umständen weigerte, weiterhin für die Deutschen zu arbeiten. Aus diesem Grund fragten sie bei J. P. Walshe, Unterstaatssekretär im Außenministerium, nach, ob die Regierung über nähere Auskünfte zum Befinden des Iren verfüge. Walshe erwiderte, dass er selbst keine aktuellen Informationen zu Frank Ryan hätte, sagte aber zu, bei Gerald O’Reilly in New York anzufragen, ob dieser Näheres seinen Freund betreffend wisse. Dublin hoffte, dass durch diskrete Nachforschungen über Ryans Lebensumstände eine öffentliche Kampagne, die sich unter Federführung ehemaliger Mitglieder der Internationalen Brigaden in London bereits in Planung befand und möglicherweise das Potential zur Verschlechterung von Ryans Situation am Aufenthaltsort besessen hätte, zu verhindern wäre.1377 Nach dem deutschen Einmarsch in Russland im Juni 1941 fürchtete Ryan, dass sich seine Position in Deutschland verschlechtern könnte, denn als Verfechter linksgerichteter Ideen und Veteran der Internationalen Brigaden des Spanischen Bürgerkriegs sympathisierte er mit der Regierung in Moskau. Nichtsdestotrotz waren die Behörden weiterhin an seiner Meinung und seiner Mitarbeit interessiert. Im Januar 1943 befragte Ryan die irischen Freiwilligen des Gefangenenlagers Friesack, die sich für den Einsatz im Ausland unter deutscher Leitung gemeldet hatten. John Codd und Frank Stringer, zwei der Rekruten, wurden in Berlin untergebracht. Während des Besuchs in einem Lokal am Kurfürstendamm trafen die beiden Iren auf Frank Ryan, der ihnen als Frank Richards vorgestellt wurde. Die Iren kamen ins Gespräch, nachdem beiläufig Ryans Einsatz im Spanischen Bürgerkrieg erwähnt wurde. Die Unterhaltung, die hauptsächlich auf Spanisch stattfand,1378 drehte sich in erster Linie um Ereignisse in Spanien. Ermuntert von dem positiven Gesprächsverlauf, lud Ryan seine Landsleute ein, ihn in einem Bungalow am Nikolassee, den er gelegentlich als Ferienhaus nutzte, zu besuchen.1379 „Codd spoke to him in Spanish but the other said in English with an American accent ‚Lets [sic] talk about something else.‘ (…) He [Ryan] said he was from the Clan na Gael in America and that any activities taken 1376 Bericht „Interview with Mrs. Clissmann on 3.6.1946, G2-Abteilung Buitléar, 5. Juni 1946, JUS 8/803, NAI, Dublin. Aus dieser Zeit existieren weder die Memoranda noch persönliche Papiere Ryans. Erstere wurden durch die zahlreichen Bombenangriffe auf Berlin zerstört und Ryan selbst hatte die Angewohnheit, alle Notizen zu vernichten, nachdem er mit dem Thema abgeschlossen hatte. Ibid. 1377 Bericht „Frank Ryan“, J. P. Walshe, 5. November 1943, DFA/10/A/20/4, NAI, Dublin. 1378 Durch seine Teilnahme am Spanischen Bürgerkrieg, sowohl an der Front als auch durch seine Propagandatätigkeit und die Gefangenschaft im Burgos-Gefängnis, konnte Ryan sich auf Spanish gut verständigen. Brief Gerald O’Reilly an Helen O’Reilly, 26. März 1940, Frank Ryan Files – Teil 1, G2/0257, MACBB, Dublin. 1379 Bericht „Note on Frank Ryan, with special reference to points indicating that he was working for the German Intelligence Service.“, ohne Autor, 6. Juli 1945, KV 2/1292, NAK Kew, London; Geheime Anlage zum Anhang A, FR 89, Sonderführer Kurt Haller – Irish PW – Notes on statement by Codd, Stringer, Cushing, Walsh, Strogen, Johnson, Cawley and Lee, ohne Autor, 7. August 1946, KV 2/769, NAK Kew, London; Memorandum „Frank Richards alias Mr Maloney.“, ohne Autor, Juli 1945, G2/0257 Part II, MACBB, Dublin. 7.3 „A Gentleman At Large“ – Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 365 against England by Codd and Stringer would be recognised in the right quarters in America and Ireland. He [Ryan] said it would be necessary for them to learn radio and demolition work and then they would be sent to England.“1380 Zwar war Codds Neugierde geweckt, mehr über Frank Ryan, alias Herrn Richards, zu erfahren, ungeachtet dessen zeigte er sich von Ryan wenig beeindruckt. Dies ließ er auch Josef Hoven wissen, der Codd wiederum versicherte, dass Ryan über jeden Zweifel erhaben sei. Trotz der Bedenken Codds gab es regelmäßige Besuche in der Wohnung der Freiwilligen. Nachdem sich keine möglichen Einsatzziele für die ehemaligen Kriegsgefangenen ergaben und Codd häufiger durch Gewaltausbrüche sowie durch sein schier unerschöpfliches Interesse an alkoholischen Getränken und Frauenbekanntschaften auffällig wurde,1381 brachte die Abwehr den Iren nach Düsseldorf in eine vermeintlich passendere Umgebung. Mit dieser Entscheidung konnte er sich nur schwer abfinden, obwohl er auch hier weiterhin einen ausschweifenden Lebensstil mit reichlich Alkohol pflegte. Nachdem Codd dann versucht hatte, seine Freiheit und mehr Geld von der Abwehr zu erpressen, nahm man ihn fest. Ryan und Haller besuchten den Iren im Gefängnis in Düsseldorf, dort schien er geläutert.1382 „(…) on this occasion Haller introduced Richards as Mr. Maloney1383 saying it was time they were frank or something to that effect. Maloney then told Codd that he had friends in high places and that he would try to get him out of prison as quickly as he could.“ Um seinen Landsmann aufzumuntern, erinnerte Ryan den Häftling daran, dass dessen Lage wesentlich schlimmer sein könnte. „(…) You may think you are really bad, in here, but this place is nothing compared with some of the places I have seen.“1384 Dieser Besuch fand im November 1942 statt. Im Februar 1943 wurde Codd schließlich aus der Haft entlassen. Der Ire wollte sich daraufhin persönlich bei Ryan bedanken, dass er sich für seine Freilassung aus dem Gefängnis eingesetzt hatte und bat Kurt Haller um ein Treffen. Dieser informierte den Iren, dass sich sein Landsmann aus gesundheitlichen Gründen, er litt an einem Magengeschwür, in einem Sanatorium in Dresden-Losch- 1380 Bericht „Statements of John Codd, returned prisoner of war.“, ohne Autor, o. D., G2/4949, MACBB, Dublin. 1381 Codd, der als sehr ichbezogen, eigensinnig, aber dennoch als scharfsichtig beschrieben wurde, galt schon ab seiner Rekrutierung als schwierige Person. Während der Ausbildung in Berlin gab es Probleme, denn Codd erachtete die monatliche, finanzielle Zuwendung in Höhe von 450 Reichsmark als zu gering und forderte zusätzliche Geldmittel. Als diese nicht bewilligt wurden, verfiel er regelmäßig in eine aggressive und zum Teil gefährliche Stimmungslage. Auszug „Recruitment of Irish PW“, geheimer Appendix A zu FR 89 des Sonderführer (Z), Kurt Haller Teil III, ohne Autor, 7. August 1946, KV 2/769, NAK Kew, London. 1382 Bericht „Statements of John Codd, returned prisoner of war.“, ohne Autor, o. D., G2/4949, MACBB, Dublin; Geheime Anlage zum Anhang A, FR 89, Sonderführer Kurt Haller – Irish PW – Notes on statement by Codd, Stringer, Cushing, Walsh, Strogen, Johnson, Cawley and Lee, ohne Autor, 7. August 1946, KV 2/769, NAK Kew, London; Auszug „Recruitment of Irish PW“, geheimer Appendix A zu FR 89 des Sonderführer (Z), Kurt Haller Teil III, ohne Autor, 7. August 1946, KV 4/449, NAK Kew, London. 1383 Ryan war in Berlin unter den folgenden Decknamen bekannt: Johannes Richard, Frank Richards, Frank Maloney. Aktennotiz „Personal Particulars“, A.P./R.6., 14. Februar 1961, KV 2/1292, NAK Kew, London. 1384 Memorandum „Frank Richards alias Mr Maloney.“, ohne Autor, Juli 1945, G2/0257 Part II, MACBB, Dublin. 7 Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 366 witz aufhielt, das er nach einigen Wochen wieder verließ. Noch bevor er wegen seiner Magenprobleme in die Klinik eingewiesen wurde, hatte Ryan sich noch erfolgreich bei Edmund Veesenmayer für die verbliebenen irischen Freiwilligen eingesetzt. Frank Ryan hatte die Männer noch alle persönlich getroffen und dem Sonderführer daraufhin bestätigt, dass ihre Rekrutierung nicht völlig sinnlos gewesen war. Nachdem die Abwehr II keine weitere Verwendung für sie hatte, wurde eine Vereinbarung zwischen der Abwehr II und dem Auswärtigen Amt getroffen, die ihren weiteren Status betraf: Man setzte die Kriegsgefangenen zur Feldarbeit in einem landwirtschaftlichen Betrieb ein.1385 Ryans gesundheitliche Probleme, der Schlaganfall den er am 13. Januar 1943 in Berlin erlitt und die Probleme mit seinem Magen, schränkten seine Aktivitäten in Deutschland noch weiter ein. Obwohl er die Hoffnung nicht aufgab, doch noch nach Irland zurückzukehren, hatte ihn die lange Zeit der Untätigkeit desillusioniert. Dass er von deutscher Seite nach wie vor sehr privilegiert behandelt wurde, änderte daran auch nichts. Freunden gegenüber machte er seiner Ernüchterung Luft: Ryan versuchte fortan, Francis Stuart den schlechten Charakter des Nazi-Regimes zu verdeutlichen. Der Ire verabscheute die Arroganz und die Geringschätzung, mit der deutsche Funktionäre Ausländer und sogar ihre eigenen Landsleute behandelten. Die ausschweifende Propaganda beider Seiten, der Alliierten und der Achsenmächte, beeindruckte die beiden Männer im weiteren Verlauf des Krieges wenig. So schreibt Francis Stuart in einem Beitrag für die Zeitung Evening Herald im Jahr 1980 über diese Zeit: „Neither of us had any use for the propaganda on both sides, not for grandiose moral claims of the Allies nor the „New Order“ envisaged by the Axis powers. We respected the Russians who went to war to fight for their survival and had not resorted to wholesale civilian bombing as had both Germany and the Allies.“1386 Über Ryans Status in Deutschland äußerte sich Stuart kritisch. „It is time to try to do something about the Irish position here. As far as F. goes I see a tendency to let it stagnate in ‚conferences‘ talk and side-issues, [sic] Not [sic] that I have not admiration for F and for all his activity of the past. But he is obviously tired, isolated and a bit apt to attach undue impotance [sic] to bureaucracy.“1387 Jedoch bot sich im weiteren Kriegsverlauf für Frank Ryan erneut eine Möglichkeit, sich seinen Interessen entsprechend zu beschäftigen. Die Möglichkeit, die sich dem Iren zu eröffnen schien, war die Tätigkeit für die deutsche Propaganda. Es war angedacht, dass Ryan als Mitarbeiter der Irland-Redak- 1385 Memorandum „Frank Richards alias Mr Maloney.“, ohne Autor, Juli 1945, G2/0257 Part II, MACBB, Dublin; Auszug „Recruitment of Irish PW“, geheimer Appendix A zu FR 89 des Sonderführer (Z), Kurt Haller Teil III, ohne Autor, 7. August 1946, KV 4/449, NAK Kew, London; O’Reilly, Hitler’s Irishmen, 119, 133. 1386 Enda Staunton, „Frank Ryan & Collaboration: a reassessment“, History Ireland 5, Nr. 3 (Herbst 1997): 50f; McInerney, „He saw a vision and he followed it“, The Irish Times, 11. April 1975, 12; Francis Stuart, „Frank Ryan: not one of our sinister patriots“, Evening Herald, 14. November 1980, ohne Seitenzahl. 1387 Tagebuchauszug Francis Stuart, 17. September 1942, MSS 1/4/167 Series 3, Box 1 Folder 15, Francis Stuart Papers from the Geoffrey Elborn Collection 1902–1990, SCRC, Morris Library, SIU, Carbondale. 7.3 „A Gentleman At Large“ – Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 367 tion für Radiosendungen, die für den irischen Freistaat bestimmt waren, tätig zu werden. Sein konkretes Engagement für die Irland-Redaktion sowie seine gesundheitlichen Probleme sind Gegenstand des folgenden Kapitels. Frank Ryan und die Irland-Redaktion unter der Leitung von Hans Hartmann Die Propaganda spielte in Deutschland während des Krieges eine wichtige Rolle. Deutsche Radiosendungen richteten sich dabei nicht nur an die Bevölkerung des Reichs, sondern vor allem ans Ausland. Man wollte die öffentliche Meinung in anderen Ländern im Sinne der Außenpolitik Berlins beeinflussen. Konzepte zu Sendereihen für eine Vielzahl von Ländern entstanden, unter anderem auch für Irland. Dabei versuchten die zuständigen Stellen – neben dem Propagandaministerium unterhielt auch das Auswärtige Amt eine Rundfunkabteilung – stets, bekannte Persönlichkeiten für die Sendungen zu gewinnen. Gerüchte gab es schon länger, dass Frank Ryan während seines Aufenthalts in Berlin für die Deutschen tätig war. Der Ire wurde im Sommer 1942 am Reichssportfeld in Berlin gesehen,1388 wo sich zu diesem Zeitpunkt die Sendezentrale der Irland-Abteilung befand.1389 Zudem soll im August des Jahres 1942 sogar ein Treffen zwischen Adolf Hitler und dem Iren stattgefunden haben. In dessen Verlauf der Diktator Ryan zur Zusammenarbeit mit den deutschen Stellen, auch der Propaganda-Abteilung, ermuntert haben soll.1390 Augenscheinlich wurde Frank Ryan in den kommenden Monaten nicht für die deutsche Propaganda tätig, weder als Berater noch als Sprecher. Erst ein Jahr später fragte die Rundfunkabteilung mehrmals an, ob Ryan nicht als Ratgeber für zukünftige Propagandasendungen für Hörer in den USA tätig werden könnte: Die anstehenden Wahlen in den Vereinigten Staaten veranlassten die deutsche Führung, ihre Propagandatätigkeit zu intensivieren. Man hoffte, die öffentliche Meinung dahin gehend zu beeinflussen, dass Franklin D. Roosevelt nach drei Amtszeiten abgewählt werden würde. Ein neuer Präsident, so das Kalkül der Deutschen, wäre unter Umständen daran interessiert, den Krieg schnell zu beenden. Auf diese Weise bestand nach Ansicht Berlins eine Chance, zumindest die Vorkriegsgrenzen des Deutschen Reiches zu sichern. Um dieses Ziel zu erreichen, setzte Dr. Edmund Veesenmayer darauf, die italienische, polnische und vor allem die irische Minderheit in den Staaten von der Notwendigkeit einer Abwahl des Präsidenten zu überzeugen. Obwohl die Sendungen in Deutschland produziert wurden, sollte der Anschein erweckt werden, als befände sich der Übertragungsort in Irland. Zu diesem Zweck benötigte man irische Sprecher.1391 Noch bevor die konkreten Planungen in 7.3.4 1388 Bericht „Note on Frank Ryan.“, B.I.H., 24. September 1944, KV 2/301, NAK Kew, London. 1389 Bericht „Note on Frank Ryan, with special reference to points indicating that he was working for the German Intelligence Service.“, ohne Autor, 6. Juli 1945, KV 2/1292, NAK Kew, London. Die Irland-Redaktion war die Propagandaabteilung unter der Leitung des Auswärtigen Amtes, die sich mit Radiopropaganda für den irischen Freistaat zuständig war. 1390 Bericht „Note on Frank Ryan.“, B.I.H., 24. September 1944, KV 2/301, NAK Kew, London. Über das vermeintliche Treffen zwischen Hitler und Ryan gibt es bisher keine zuverlässigen Quelle. 1391 Gerry Mullins, Dublin Nazi No. 1 – The Life of Adolf Mahr (Dublin: Liberties Press, 2007), 142. 7 Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 368 die entscheidende Phase traten, beabsichtigte das Auswärtige Amt, sich Klarheit darüber zu verschaffen, ob und inwieweit eine derartige Aktion Erfolg versprach. Man wandte sich an Frank Ryan, der nicht zuletzt wegen seiner guten Kontakte zu den Iren in den USA als Experte angesehen wurde. Während einer Sitzung des Nordamerika- Komitees1392 des Auswärtigen Amtes standen auch die geplanten Propagandasendungen auf der Tagesordnung. Dem Ausschuss wurde zu verstehen gegeben, dass eine geeignete Person für den irischen Sender zur Verfügung stehe, ohne jedoch den Namen zu nennen. Wahrscheinlich bezog man sich hier auf Frank Ryan. Die Vertreter der Behörde waren derart zuversichtlich hinsichtlich einer günstigen Prognose für ihr Propagandavorhaben in den USA. So nahmen sie an, dass Frank Ryan sehr gerne an dieser Arbeit, idealerweise als Sprecher im Rundfunk oder zumindest als Autor für Sendetexte, mitwirken würde.1393 Als Ryan seine Stellungnahme schriftlich an das Auswärtige Amt übergeben hatte, war die Ernüchterung der Entscheidungsträger groß, denn der Ire sprach sich vehement gegen den Plan aus, Propagandasendungen von einer fingierten irischen Station aus nach Amerika zu übertragen. In einem streng geheimen Memorandum führte er die Gründe für seine Haltung aus und sah die Neutralität seiner Heimat in Gefahr. „Since Ireland was not at war with America and the success of the plan depended on convincing the listener that the broadcast was from Irish soil, the scheme might well have provoked a violent American response.“1394 Hans Hartmann bot sich die Gelegenheit, das von Ryan verfasste Memorandum über die geplante Wahlpropaganda in den USA zu lesen.1395 Er war von Ryans Argumentation und seinem Schreibstil derart beeindruckt, dass er vorschlug, den Iren als Berater für die Irland-Redaktion, die nicht an den geplanten Propagandasendungen in die USA beteiligt gewesen wäre, zu gewinnen. Als Ryan von dem Angebot erfuhr, fand er sich in einem Zwiespalt gefangen, denn er fühlte sich dazu genötigt, für die Deutschen zu arbeiten. Eigentlich hatte er gehofft, dass seine deutlich negative Einschätzung der Lage, die er in seinem Memorandum deutlich gemacht hatte, jede weitere Offerte für die deutsche Irlandpropaganda zu arbeiten, im Keim erstickt hätte. Allerdings keimte zeitgleich wieder Hoffnung in ihm auf, eventuell eine neue Aufgabe zu finden und somit der Untätigkeit in Berlin zu entfliehen. Aus der deutschen 1392 Die genaue Zusammensetzung des Ausschusses ist nicht nachvollziehbar, die Zusammensetzung aller Länderausschüsse war höchst unterschiedlich. Den Vorsitz hatte in der Regel ein Mitarbeiter der jeweiligen Ländergruppe der Politischen Abteilung. Zudem gehörten den Komitees meist Mitarbeiter der Abteilungen Rundfunk, Information, Presse, Kultur, zum Teil aber auch Wehrmachtsangehörige oder Beschäftigte der Dienststelle Ribbentrop an. Die Besonderheit des Nordamerika- Komitees bestand darin, dass es auf Geheiß des Reichsaußenministers Joachim von Ribbentrop an den Botschafter in Washington Hans-Heinrich Diekhoff zurückging und keiner Abteilung des Auswärtigen Amtes in Berlin unterstellt war. Peter Longerich, Propagandisten im Krieg: Die Presseabteilung des Auswärtigen Amtes unter Ribbentrop (München: Oldenbourg Verlag, 1987), 60. 1393 O’Donoghue, Hitler’s Irish Voices, 145. 1394 Cronin, Frank Ryan, 228; Hoar, In Red and Green, 273f. 1395 Wie genau Hartmann an das Memorandum gelangte ist nicht ersichtlich. Es ist möglich, dass es von Elizabeth Clissmann, einer guten Bekannten Hartmanns aus seiner Zeit in Irland und gleichzeitig eine der engsten Vertrauten Ryans in Deutschland weitergeleitet wurde. O’Donoghue, Hitler’s Irish Voices, 152. 7.3 „A Gentleman At Large“ – Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 369 Hauptstadt, wo er sich Anfang des Jahres 1944 nach wie vor in ärztlicher Behandlung befand, berichtete er in einem Brief, datiert auf den 8. Januar 1944, an seinen Freund Helmut Clissmann von dem Angebot, nach Luxemburg zu gehen,1396 wohin die Irland-Redaktion im August 1943 aufgrund der massiven Beeinträchtigungen durch die Bombardierung Berlins verlegt worden war. Trotz seiner Skepsis in Bezug auf Hartmanns Angebot veranlasste ihn die Hartnäckigkeit, mit der der Leiter der Irland- Redaktion auf ein Treffen mit Frank Ryan drängte, seine ablehnende Haltung zu überdenken. Vor einer endgültigen Entscheidung wollte Ryan aber nochmals mit seinem Freund Clissmann sprechen und dessen Rat einholen. „Now Stuart tells me that Hartmann is most anxious to meet me and is going to apply for permission to that effect. I see just one possible good point in the affair. If Hartmann can give me translation work in Luxembourg I’ve no objection to giving him my opinion whenever he wants it. So far as I can see he is the last hope for me to find something to do.“1397 Am 13. Februar 1944 schreibt er aus dem Sanatorium Dr. Weidner in Dresden-Loschwitz, einer der besten Kliniken des Landes, in die er zu einem erneuten Kuraufenthalt kam, um sich von den Folgen einer Lungenentzündung und einer daraus resultierenden Herzüberbelastung zu erholen, an Clissmann. Das Angebot, in Luxemburg eine Aufgabe zu haben, beschäftigte ihn nach wie vor, insbesondere weil der Chef der Irland- Redaktion weiterhin sehr an Ryans Mitarbeit interessiert war. Hartmann hatte sich schon sowohl mit Kurt Haller als auch mit Edmund Veesenmayer in Verbindung gesetzt und die Einsatzmöglichkeiten des Iren besprochen. Beide Männer waren der Idee, Ryan nach Luxemburg zu schicken, nicht abgeneigt. Der Sonderführer setzte sogar alles daran, den Iren ins Nachbarland zu bringen, damit er für die Radiopropaganda arbeiten konnte. Frank Ryan war weiterhin unentschlossen, aber er dachte ernsthaft darüber nach, sich mit Hans Hartmann zu treffen. Ryan war nicht entgangen, dass das Interesse des Auswärtigen Amtes an ihm langsam schwand. Da auch die geringe Zahl seiner Bekannten und Freunde in Berlin stetig abnahm. So hatte er bald niemanden mehr, der sich um ihn kümmerte. Ryan wusste auch nicht, ob seine Unterkunft in Berlin trotz der Luftangriffe auf die Hauptstadt noch bewohnbar war. Er war sich auch nicht im Klaren, wohin er nach seiner Entlassung aus der Klinik gehen sollte. Die Tätigkeit für die Irland-Redaktion versprach zumindest für ein paar Wochen Abwechslung vom Alltag. Ryan hoffte auf neuen Lesestoff, insbesondere Bücher sowohl in Englisch als auch in Gälisch sowie Informationen aus der Heimat. Diese waren für ihn angesichts der militärischen Lage Deutschlands in Berlin nicht mehr verfügbar. Abgesehen davon hätte er zumindest bis zum Sommer eine Unterkunft. Allerdings, das stand für Ryan fest, sollte es keinerlei Unklarheiten darüber geben, dass „(…) he was going there for a holiday‚ ‚there’d be no cause for misunderstand- 1396 Es lag die Vermutung nahe, dass Haller den Umzug befürwortete, weil er den ungünstigen Kriegsverlauf aus deutscher Sicht vorhersah und auf diese Weise versuchte, Ryan in Sicherheit zu bringen. O’Donoghue, Hitler’s Irish Voices, 156. 1397 Cronin, Frank Ryan, 228f; Hoar, In Red and Green, 273f; O’Donoghue, Hitler’s Irish Voices, 132, 145, 152. 7 Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 370 ings on business or political matters.‘“1398 Vielleicht hatte Ryan die Hoffnung, von Luxemburg aus einen einfacheren Weg nach Irland zu finden, als dies von Berlin aus möglich gewesen wäre. Noch in Dresden-Loschwitz bat er Clissmann in einem Brief vom 2. Mai 1944 darum, mit Hartmann Kontakt aufzunehmen und ihm seine Ankunft anzukündigen. Nach dem Pfingstfest, Ende Mai 1944, war er soweit genesen, dass er aus der Klinik entlassen wurde. Nach seiner Rückkehr in die deutsche Hauptstadt traf er erste Vorkehrungen für seine Abreise. Jedoch verschlechterte sich sein Gesundheitszustand nach ein paar Tagen derart, dass er sein Bett nicht mehr verlassen konnte. Er war teilweise gelähmt und sehr schwach und wurde auf Drängen von Francis Stuart und seiner Nachbarin Hilda Lippert erneut in das Sanatorium nach Dresden eingewiesen.1399 Die Anstrengungen der letzten Jahre waren an dem Iren nicht spurlos vorübergegangen. Massive gesundheitliche Einschränkungen und die Auswirkungen aufgrund der alliierten Luftangriffe auf Berlin erschwerten den Alltag des Iren erheblich. Sein bereits angeschlagener Gesundheitszustand verschlechterte sich weiter, was in den folgenden Ausführungen näher beschrieben wird. Ryans letzte Monate in Deutschland Als Ryan im Frühjahr 1940 nach Deutschland kam, war er zwar von den Strapazen der spanischen Haft gezeichnet, aber in Anbetracht dessen bei relativ guter Gesundheit. An seine Schwester schrieb er im Mai 1942, dass er im vergangenen Jahr nicht einmal eine Erkältung gehabt habe. Lediglich seinen Zahnarzt besuchte der Ire regelmäßig. Die Probleme begannen im Herbst 1942, nach dem Umzug in eine neue Wohnung in der Charlottenburger Straße. Stuart bemerkte eine große Veränderung seines Landsmannes, wie er später in einem Interview mit dem Irish Times-Journalisten Michael Mc- Inerney beschrieb: „He was ill often with chest trouble and rheumatism, and suffered from a heart condition. His deafness grew worse, and he could not even hear the air raid warnings.“1400 Die schlechten Haftbedingungen im Burgos-Gefängnis waren ein Grund für Ryans angeschlagene körperliche Verfassung, die sich in den folgenden Monaten nach seiner Ankunft in Berlin bemerkbar machten. Sein Zustand verschlechterte sich in den Jahren 1941 und 1942 weiter, bis er Mitte Januar 1943 einen Schlaganfall erlitt. Stuart stattete dem Freund einen Krankenbesuch ab und war erschrocken, als er den Iren in seinem Bett liegend vorfand. Die Auswirkungen des Anfalls deutlich sichtbar: „(…) the left side of his face slightly mis shaped [sic] and apparently no feeling in it. (…) Earlier his left arm and ahdn [sic] and left elg [sic] had also been affected but by then they were better. He said it had begun the previous afternoon when during a conference he had 7.3.5 1398 Vertraulicher Brief Leopold Kerney an F. H. Boland, 6. Juli 1944, G2/0257 part II, MACBB, Dublin; Cronin, Frank Ryan, 231. 1399 Cronin, Frank Ryan, 231f, 275. 1400 Cronin, Frank Ryan, 222; McInerney, „He saw a vision and he followed it“, 12. 7.3 „A Gentleman At Large“ – Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 371 suddenly difficulty in articulation.“1401 Das ärztliche Gutachten des bekannten Charité- Arztes, Dr. Maximinian Friedrich Alexander de Crinis,1402 bescheinigte dem Iren eine gute Prognose. Nichtsdestotrotz konnte er die kommenden Monate nicht arbeiten.1403 Der Aufenthalt im Krankenhaus erwies sich für die Genesung Ryans als nicht sehr förderlich: Die psychiatrische Abteilung der Klinik, in der er untergebracht war, empfand er als Gefängnis mit strikten Sicherheitsvorkehrungen. Nach seinem Besuch des Kranken am 27. Januar 1943 teilte Stuart Ryans Meinung vom schlechten Eindruck, den die Charité hinterlassen hatte und vermerkte in seinem Tagebuch: „Went to visit Frank in Charité at lunch time with S. [seine Lebensgefährtin Madeleine]. He was very ill still, eyes a bit veiled, left arm partially paralysed. (…) A terrible plafe [sic], locked, relocked, other patients in uniform like convicts. The food he said, very bad. He lies there day after day, does not seem to read much, and that till the end of February perhaps.“1404 Nach der mehrwöchigen Behandlung im Krankenhaus wurde Ryan als genesen entlassen. Der Arzt riet ihm allerdings dringend zu einem sehr ruhigen Leben und strenger Diät. Gezwungenermaßen kehrte Ryan in seine Wohnung zurück, die durch einen nahen Bombentreffer schwer beschädigt worden war.1405 1401 Tagebuchauszug Francis Stuart, 15. Januar 1943, MSS 1/4/167 Series 3, Box 1 Folder 16, Francis Stuart Papers from the Geoffrey Elborn Collection 1902–1990, SCRC, Morris Library, SIU, Carbondale. 1402 Maximinian wurde als Maximinus Friedrich Alexander de Crinis wurde am 29. Mai 1889 in Ehrenhausen, nahe der Stadt Graz geboren. Er stammte aus einer Medizinerfamilie und folgte dieser durch sein Medizinstudium an der Karl-Franzens-Universität in Graz und später in Innsbruck. Bereits während seines Studiums wird durch seine Mitgliedschaft in der Studentenverbindung Corps Joannea seine deutschnationale Einstellung deutlich. Ab Herbst 1913 war de Crinis als Assistenzarzt an der Grazer Universitäts-Nervenklinik sowie als Gerichtsgutachter in Militärgerichtsverfahren tätig und forschte während des 1. Weltkriegs über Kriegsneurosen. In die NSDAP trat er 1931 ein. Im Sommer des Jahres 1934 zog er nach Köln und übernahm den Lehrstuhl für Psychiatrie und Neurologie an der Kölner Universität. 1936 trat der Arzt als Untersturmführer der SS bei, ein Jahr später wird er zum Obersturmführer und im September 1938 zum Hauptsturmführer ernannt. Im November 1938 trat de Crinis die Nachfolge von Professor Dr. Karl Bonhoeffer „als Ordinarius für Psychiatrie und Neurologie sowie Direktor der Klinik für Psychiatrischen Krankheiten und Nervenkrankheiten der Charité in Berlin an. In der deutschen Hauptstadt begann auch seine politische Karriere. Zu Beginn des Jahres 1940 wird der Arzt als Ministerialreferent tätig. Konkret fungiert er als Sachbearbeiter für medizinische Fachfragen im Amt Wissenschaft des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, kurz RfWEV. Durch seine Verbindungen zum Sicherheitsdienst (SD), dem Geheimdienst der SS, und seinen Tätigkeiten als beratender Heerespsychiater und beratender Psychiater des Wehrkreisarztes III war er einer der wichtigsten Ärzte des Dritten Reichs. Hinrich Jaspers, Maximinian de Crinis (1889–1945) – Eine Studie zur Psychiatrie im Nationalsozialismus (Husum: Matthiesen Verlag, 1991), 11ff, 16f, 77f, 92, 101f; Thomas Beddies, „Universitätspsychiatrie im Dritten Reich. Die Nervenklinik der Charité unter Bonhoeffer und de Crinis“, Die Berliner Universität unterm Hakenkreuz – Bd. 2, Fachbereiche und Fakultäten, Hrsg., Rüdiger vom Bruch, Bd. 2 (Wiesbaden: Franz Steiner Verlag, 2005), 66f. 1403 Geheime Reichssache „Betr.: Irland.“, Bericht Dr. Edmund Veesenmayer an RAM Joachim von Ribbentrop, 23. Januar 1943, R 29888, PA, AA, Berlin. 1404 Tagebuchauszug Francis Stuart, 27. Januar 1942 und 5. März 1943, MSS 1/4/167 Series 3, Box 1 Folder 15, Francis Stuart Papers from the Geoffrey Elborn Collection 1902–1990, SCRC, Morris Library, SIU, Carbondale. 1405 Vertraulicher Brief Leopold Kerney an F. H. Boland, 6. Juli 1944, G2/0257 part II, MACBB, Dublin; Tagebuchauszug Francis Stuart, 27. Januar 1942 und 5. März 1943, MSS 1/4/167 Series 3, Box 1 Folder 15, Francis Stuart Papers from the Geoffrey Elborn Collection 1902–1990, SCRC, Morris Library, SIU, Carbondale. 7 Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 372 Das Leben in Berlin war mittlerweile sogar für gesunde Menschen eine Tortur, für Ryan mit seinen ernsten gesundheitlichen Problemen kam der Alltag in Berlin einem Albtraum gleich. Der Großteil seines Freundes- und Bekanntenkreises hatte Berlin entweder verlassen oder lebte nicht mehr, weshalb der Ire häufig auf sich allein gestellt war. Besonders die alliierten Luftangriffe stellten ein neues Problem dar. Durch seine Behinderung konnte Ryan das Heulen der Sirenen nicht hören und lief Gefahr, in seiner Wohnung im obersten Stockwerk von den Bombenangriffen überrascht zu werden. Während man Ryan nachts nicht allein lassen konnte, war er tags- über auf sich allein gestellt. Falls Stuart oder ein anderer Freund keine Zeit hatte, saß Ryan in einem Straßencafé oder reihte sich in die Warteschlange vor dem Friseur ein, um zu erfahren, was auf der Straße so vor sich ging.1406 Frank Ryan berichtet Helmut Clissmann in einem Brief, datiert auf den 21. September 1943, vom Leben in Berlin und den alliierten Luftangriffen: „In all, we have had three heavy raids and very many nuisance ones, since the day you left, I have taken up residence in my ‚funk-hole‘1407. It was just my luck to be in town for every raid except one light one! The first, on the night you left, was the only one that affected my district. Our house got two stabbrandbomben which were put out in three minutes. We were very lucky, for it rained canisters in the street and garden. We had a big fire in the garden that kept us going until 6. A. m. Worst was, we had no telephone and gas after. Only last Saturday did we get gas again.“1408 Ein Magengeschwür machte im September 1943 einen weiteren Krankenhausaufenthalt im ehemaligen Sanatorium Schlachtensee notwendig. Die Charité konnte ihn, zu seiner Erleichterung, nicht stationär aufnehmen, da das Krankenhaus teilweise evakuiert hatte werden müssen. Doch brachte Ryans Abwesenheit am Wohnort unangenehme Folgen mit sich: die Behörden strichen ihm neben den Sonderrationen an Lebensmitteln auch alle Privilegien wie zum Beispiel Tee. Für den Iren stellte dies ein besonderes Problem dar, denn aufgrund seiner Magenerkrankung konnte er auf Diätkost wie Eier und Hühnerfleisch nicht verzichten. Im Berlin des Herbstes 1943 gab es niemanden, der bereit gewesen wäre, dem Iren seine speziellen Mahlzeiten zuzubereiten. Am 12. Oktober 1943 informierte er Clissmann über seinen gegenwärtigen Gesundheitszustand. „Well, I’m out now. The ulcer has completely disappeared, but I’m on a diet for four weeks. As I’ve nowhere to go I have to look out for myself. (…) I’m 1406 Es ist anzunehmen, dass Ryan, obwohl er sehr wenig Deutsch sprach, doch während seines Aufenthalts in Berlin nach und nach in der Lage war, den Kontext von Gesprächen auf Deutsch zu erfassen. 1407 Das „funk-hole“ war Ryans Zufluchtsort vor den Bombenangriffen auf Berlin. Wahrscheinlich handelte es sich dabei um den Bungalow am Nikolaussee am Rande Berlins. Dieser Aufenthalt muss aber vor seinem Krankenhausaufenthalt gewesen sein, denn in dem Brief an Helmut Clissmann, datiert auf den 25. September 1943, spricht Ryan davon, sich wegen des Magengeschwürs im Sanatorium Schlachtensee zu befinden und aufgrund seines schlechten Gesundheitszustandes auch drei Anläufe benötigte, um den Brief an seinen Freund fertig zu stellen. Cronin, Frank Ryan, 224ff. 1408 Stuart, „Frank Ryan in Germany“, The Bell XVI Nr. 2 (1950): 41f; Brief Frank Ryan an Helmut Clissmann, 21. September 1943, zitiert in Cronin, Frank Ryan, 226. Zu den Gründen, warum er nicht zu den Clissmanns nach Kopenhagen reist, äußert sich Ryan in seinem Brief an Helmut Clissmann nicht. Ibid, 226. 7.3 „A Gentleman At Large“ – Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 373 damn thankful to you for your invitation to K’hagen and wish to Christ I could avail of it – especially as chicken is about the only meat I’m allowed!!! (It’s wonderful all the things I’m allowed; they’re practically all unobtainable here!) As a result of it all, I weigh 61 ½ kgs., a drop of 12 or 13 kgs.“1409 Es gab aber auch Positives zu berichten: Zum einen hatte es der Ire geschafft, den Zugang zu seinen Rationen wieder zu bekommen, zum anderen waren seine Bemühungen, eine neue Wohnung zu finden, erfolgreich. Die alte Wohnung konnte er im Winter wegen der Schäden aufgrund des Bombeneinschlags kaum beheizen, deshalb war der Umzug in eine andere Wohnung unumgänglich. Kurz vor Weihnachten 1943 wechselte Ryan in das Haus in der Johannisberger Straße 28 in Berlin-Wilmersdorf, in dem die Apothekerin Hildegard „Hilda“ Lippert wohnte. Man traf sich im Treppenhaus und Ryan freundete sich mit ihr an. Für ihn war dieser Sachverhalt überlebenswichtig, denn sie warnte ihn regelmäßig vor den Luftangriffen der alliierten Bomber, die er sonst wahrscheinlich nicht gehört hätte. Abgesehen davon hatte sie Zugang zu Medikamenten, die der Ire benötigte, und sie kümmerte sich in den folgenden Monaten um ihn. Ryans Gesundheitszustand verbesserte sich daraufhin vorübergehend etwas.1410 Aus rein politischer Sicht hatte Frank Ryan in Deutschland nie den Status einer Persona grata. Zwar hatte Helmut Clissmann stets betont, dass der Verantwortliche des Auswärtigen Amtes für Irland, Dr. Edmund Veesenmayer, den Iren sehr schätzte und dass die Unterstützung des Deutschen zu keinem Zeitpunkt reiner Pflichterfüllung geschuldet war. Jedoch stand Ryan während seines gesamten Aufenthalts im Deutschen Reich unter Beobachtung durch die Geheime Staatspolizei. Obwohl er immer häufiger in Briefen an Stuart offen Kritik am Nazi-Regime äußerte, konnte er sich dennoch weiterhin frei in der Stadt bewegen, ohne von der Gestapo ständig belästigt zu werden.1411 Als sich die Niederlage Deutschlands mehr und mehr abzeichnete, wurde offensichtlich, dass es keine weiteren Aktionen im Westen Europas geben würde. Aus diesem Grund wuchs auch Ryans Angst, dass die Behörden das Interesse an ihm verlieren könnten und ihm die Verhaftung durch die Gestapo drohte. Seine zunehmend negative Einstellung gegenüber den deutschen Behörden erhöhte die Gefahr für Ryan zunächst nicht, denn zu dieser Zeit betreute ihn noch das Auswärtige Amt und Dr. Veesenmayer trug somit die Verantwortung für Ryan. Allerdings war mehr als fraglich, ob dieser, der in der Zwischenzeit als Gesandter I. Klasse und „Bevollmächtigter des Großdeutschen Reichs in Ungarn“ nach Budapest versetzt worden war, weiterhin für Ryans Sicherheit gesorgt hätte.1412 Tatsächlich aber hielt der Deutsche weiterhin Kontakt zu seinem Schützling. Im Winter 1943/44 unterbreitete 1409 Bericht „Note on Frank Ryan.“, B.I.H., 24. September 1944, KV 2/301, NAK Kew, London; Brief Frank Ryan an Helmut Clissmann, 12. Oktober 1943, zitiert in Cronin, Frank Ryan, 224ff. 1410 Ibid, 221f, 224ff. 1411 Bericht „References to Veesenmayer Story in ‚The Leader‘ and ‚The Irish Press‘“, ohne Autor, 23. Oktober 1953, DFA A 47, NAI, Dublin. Cronin, Frank Ryan, 220ff. Als Kurier für diese Briefe fungierte Hilda Lippert, eine Freundin Ryans. Laut eigener Aussage vernichtete Stuart Ryans Briefe nachdem er sie gelesen hatte, weil sie seiner Ansicht nach gefährlich waren. Ibid, 222. 1412 Enda Staunton, „Frank Ryan & Collaboration: a reassessment“, History Ireland 5, Nr. 3 (Herbst 1997): 50f. Matić, Veesenmayer, 217. Es ist fraglich, ob Ryan wirklich Gefahr lief, in das Blickfeld der Gestapo zu geraten, denn es ist nicht klar, welche Informationen die deutsche Behörde tatsäch- 7 Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 374 Edmund Veesenmayer Ryan sogar den Vorschlag, in die Schweiz zu gehen. Während die Clissmanns überzeugt waren, dass Veesenmayers Offerte ernst gemeint war, hatten Francis Stuart und seine Lebensgefährtin Zweifel an der Aufrichtigkeit des Deutschen. Der Schriftsteller wusste von Ryans großem Heimweh und seinen geheimen Plänen, über die Schweiz nach Irland zu fliehen. Da er dieses Vorhaben aber zwischenzeitlich aufgegeben hatte, schlug Ryan das Angebot aus.1413 Laut Elizabeth Clissmann hätte ein Umzug bedeutet, von den wenigen verbliebenen Freunden abgeschnitten zu sein und Frank Ryan fehlte mittlerweile die Kraft, sich in der Schweiz einen neuen Bekanntenkreis aufzubauen. Überdies hätte er alle ihm in Berlin gewährten Privilegien eingebüßt. Vor allem der Verlust des Zugangs zu Informationen aller Art hätte den politisch sehr interessierten Iren im Falle eines Weggangs schwer getroffen – ein für Ryan undenkbarer Zustand. Tatsächlich schien deutlich zu werden, dass sich der Ire mit seinem Leben in Berlin arrangiert und die Möglichkeiten, die die deutsche Bürokratie bot, für sich entdeckt hatte. „For Frank, dealing with officialdom had become a way of life. He treated it in mock-serious fashion.“1414 Allerdings waren diese nur scheinbar ernst gemeinten ständigen Behördengänge für Frank Ryan keine Option mehr. Auch die Bedrohung, von der Gestapo verhaftet zu werden, war mehr theoretischer Natur, ließ doch sein zunehmend schlechter Gesundheitszustand diese Gefahr mehr und mehr in den Hintergrund treten. Im Frühjahr des Jahres 1944 befand sich er sich zur Behandlung in verschiedenen Krankenhäusern oder wurde von Hildegard Lippert in seiner Wohnung betreut.1415 Im Verlauf des Krieges begann Ryan, seiner Abneigung, die er gegen Luftschutzbunker entwickelt hatte, mit einer eigenen Strategie zu begegnen: Er bevorzugte es, inmitten des Geschehens zu sein und die Flugzeuge dabei zu beobachten, wie sie ihre Bomben abwarfen. Ende Januar 1944 gab es einen massiven Luftangriff auf Berlin, den Frank Ryan im Freien bei eisigen Temperaturen miterlebte. Kurz darauf brach er zusammen und wurde in das Sankt-Gertrauden-Krankenhaus in Berlin-Schmargendorf unter der Leitung des Katharinenordens eingeliefert. Als es ihm wieder etwas besser ging, schrieb er Clissmann: „‚It took a long time to find a doctor and almost as long to bring me back to life,‘ (…), ‚I damn near went to Heaven – so I did. Then I was two weeks in a terrible hospital in Schinagendorf [sic]. No windows. Panicky nuns, unlich über den Iren besaß. Der Chef der irischen Vertretung in Berlin, Cornelius Cremin, stellte im April 1944 Nachforschungen über Frank Ryan in Berlin an. Diese ergaben, dass die Deutschen lediglich wussten, dass er Kommunist war und im Jahr 1937 für das irische Parlament kandidiert hatte. Aktennotiz Cornelius Cremins, 15. Juli 1944, Berlin Legation, DFA/10/A/20/Annex, NAI, Dublin. 1413 Wie Stuart in einem Interview mit Michael McInerney berichtete, hegte Ryan keinerlei Sympathien für Veesenmayer und könnte deshalb auch misstrauisch im Hinblick auf dieses Angebot gewesen sein. Michael McInerney, „‚He saw a vision and he followed it‘ – Frank Ryan Profile 5“, The Irish Times, 11. April 1975, 12. 1414 Cronin, Frank Ryan, 225ff. 1415 Francis Stuart, „Frank Ryan: not one of our sinister patriots“, Evening Herald, 14. November 1980, ohne Seitenzahl. Wer sich um die Einweisung in die Krankenhäuser und die Kosten für die Behandlung kümmerte, geht aus den Quellen nicht hervor. Es ist anzunehmen, dass sich Francis Stuart, Hilda Lippert und die Clissmanns mit den zuständigen Mitarbeitern im Auswärtigen Amt in Verbindung gesetzt hatten, um Ryans notwendige medizinische Versorgung zu gewährleisten. 7.3 „A Gentleman At Large“ – Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 375 trained nurses, smells – and third class with a frightfully dirty crowd.‘“1416 Der Besuch Elizabeth Clissmanns blieb in dieser Zeit der einzige Lichtblick. Ryan hielt sich nur kurz in der Klinik auf, denn dadurch, dass es in Berlin wenig für ihn zu tun gab, hatte er verschiedene Tricks entwickelt, um von den deutschen Behörden das zu bekommen, was er wollte. Deshalb konnte er auch ein Gutachten des bekannten Neurologen Professor de Crinis, der ihn nach seinem Schlaganfall behandelt hatte, vorlegen, das ihm die Möglichkeit eröffnete, in Dr. Weidners Sanatorium im Königspark in Dresden-Loschwitz stationär behandelt zu werden. „I’m getting better already but won’t be allowed up for some more days. It’s a posh place, and will probably be very expensive. It seems very well staffed. Very good service. I’ll be here at least six weeks.“ Sein Brief vom 13. Februar 1944 lässt vermuten, dass sich sein Gesundheitszustand gebesserte hatte.1417 Elizabeth Clissmann machte sich jedoch Sorgen um ihren Freund. Der Verdacht, dass er auch an Tuberkulose litt, hatte sich zwar nicht bestätigt, dennoch war Ryan sehr schwach. Als sie im März ihren Landsmann in der Klinik besuchte, befand sie, dass er sehr schlecht aussah und niedergeschlagen wirkte. Die Prognose des Arztes konnte deutlicher nicht sein: Zwar hatte er gute Aussichten, sich zu erholen und wieder ein vergleichsweise normales Leben zu führen, dennoch würde er wahrscheinlich nie wieder vollständig zu seiner alten Form zurückfinden.1418 Noch vor seinem gesundheitlichen Zusammenbruch hatte Francis Stuart seinem Freund nahegelegt, Kontakt zur irischen Vertretung in Berlin aufzunehmen. Von dieser Idee hielt Ryan zwar wenig, jedoch versprach er, den Vorschlag zu überdenken.1419 Nach reiflicher Überlegung bat er den Schriftsteller darum, in seinem Namen Verbindung zum irischen Geschäftsträger in Berlin aufzunehmen. Ryan hielt einen persönlichen Besuch aufgrund seiner schlechten gesundheitlichen Verfassung für wenig ratsam. Die ganze Angelegenheit gestaltete sich jedoch sehr schwierig, denn das Gebäude der diplomatischen Vertretung war während eines britischen Bombenangriffs schwer beschädigt worden.1420 Dennoch wandte sich der Schriftsteller an die Gesandtschaft und vereinbarte einen Termin, um über eine wichtige Angelegenheit zu sprechen.1421 In der Zwischenzeit hatte auch die Regierung in Dublin Informationen über den Zustand Ryans eingeholt. Wahrscheinlich hatte ein Brief Frau Clissmanns das Interesse des irischen Kabinetts geweckt. Darin berichtet sie von Frank Ryans schlechtem Gesundheitszustand. Sie hoffe, dass der Diplomat seinen Einfluss geltend machen könne, um ihrem Freund die Rückkehr in seine Heimat möglich zu machen. Nur Irland biete ihm die besten spirituellen Bedingungen, sich wieder vollständig zu erholen. Elizabeth Clissmanns Schreiben macht deutlich, wie ernst es um Frank Ryan stand, und drückt die Hoffnung aus, dass de Valera ernsthaft in Betracht zog, dem Iren die Rückkehr aus humanitären Gründen zu ermöglichen. „While these collapses 1416 Cronin, Frank Ryan, 230. 1417 Ibid, 229f. 1418 Vertraulicher Brief, Leopold Kerney an F. H. Boland, 6. Juli 1944, G2/0257 part II, MACBB, Dublin. 1419 Stuart, „Frank Ryan in Germany“, The Bell XVI Nr. 2 (1950): 42. 1420 Stephan, Vergessene Episode, Enno Stephan Collection, MACBB, Dublin, 433. 1421 Brief Francis Stuart an William Warnock, 15. April 1944, DFA Berlin 48/20, NAI, Dublin. 7 Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 376 can be explained by the fact that her system is paying now for the great strain to which it has been exposed over so many years, I am convinced that loneliness and the lack of opportunity to apply her many gifts produce, together with her bad health, a mental state which will continue to prevent any permanent recovery.“1422 Während des gesamten Aufenthalts im Sanatorium kümmerten sich seine Freunde um Frank Ryan und besuchten ihn regelmäßig. Den St. Patrick’s Day 1944 verbrachte der Ire mit Francis Stuart und dessen Freundin. „He had everything that could be wished for. The contrast to the cold, broken, windowless rooms in Berlin was a vivid one. He had a warm room high over the Elbe. There was a library, sittingrooms [sic], comparatively good food, medical care. I had never seen him so miserable. They had kept his papers in Berlin. Even had he become well enough to leave he was a prisoner. (…) It was a very sad afternoon. I had the feeling that for Frank this was the worst time of all, worse than the years in Burgos prison under the shadow of execution; worse than the return voyage in the submarine from within sight of the Irish coast.“1423 Trotzdem gab es Grund zur Hoffnung, denn Ryans angeschlagene Gesundheit veränderte sich langsam zum Besseren und am 2. April 1944 schrieb er Clissmann, dass er das Sanatorium bald verlassen müsse, weil er mittlerweile einfach zu gesund aussehe. Ende April 1944 informierte Ryan Francis Stuart über die letzten Entwicklungen. Eine Röntgenuntersuchung stand an, die über seine Zukunft entscheiden würde. Ansonsten bat er vor allem um Neuigkeiten seine Freunde betreffend. Am 2. Mai berichtete Ryan seinem Freund Clissmann wiederum von kleineren gesundheitlichen Problemen, sprach aber auch von seiner Entlassung aus der Klinik in Loschwitz nach Pfingsten, Ende des Monats.1424 Nach seiner Rückkehr nach Berlin Ende Mai 1944 schien sich Ryans Zustand gebessert zu haben. Er plante sogar, die Clissmanns in Kopenhagen zu besuchen oder das Angebot Hans Hartmanns, nach Luxemburg zu kommen, anzunehmen. Für die Verlängerung seines Passes ließ er sogar noch Fotos machen.1425 Laut Stuart war sein Landsmann froh, wieder inmitten der ganzen Ruinen und des ganzen Elends der Hauptstadt zu sein. Doch Anfang Juni, innerhalb weniger Tage, verschlechterte sich sein gesundheitlicher Zustand dramatisch und Ryan musste das Bett hüten. Eine 24-stündige Betreuung wurde nötig. Gleichzeitig nutzte Ryans Freundin Hilda Lippert jede freie Minute, um an die Behörden zu appellieren. Sie versuchte, auf diesem Weg die Verlegung Ryans in das Sanatorium in Dresden-Loschwitz zu erreichen. „I recall arriving one evening and seeing him from the doorway before he had noticed me. It was clear to me then by the expression on his face that he was very near death. But I saw something else, too, that I 1422 Vertraulicher Brief Leopold Kerney an F. H. Boland, 6. Juli 1944, G2/0257 part II, MACBB, Dublin. Der Brief, der von dem irischen Gesandten in Spanien zitiert wird, stammte von Elizabeth Clissmann, die auf diese Weise Kerney über den Gesundheitszustand Ryans informierte. Als Code, um die wahre Person, die in dem Schreiben gemeint ist, nicht zu nennen, sprach Frau Clissmann als Code für Frank Ryan von ihrer Schwester. 1423 Francis Stuart, „Frank Ryan in Germany – Part II“, The Bell XVI Nr. 3 (November 1950): 38f. 1424 Cronin, Frank Ryan, 231; Brief Frank Ryan and Francis Stuart, 21. April 1944, Francis Stuart Collection, Coleraine Library Special Collections (SPUUC), University of Ulster at Coleraine, Belfast. 1425 Cronin, Frank Ryan, 231. 7.3 „A Gentleman At Large“ – Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 377 should find it hard to define. I thought he had left a great deal behind him and he was glad of it.“1426 Die Berichte über die Landung alliierter Truppen in der Normandie verfolgte Ryan sehr aufmerksam, denn trotz seines schlechten Gesundheitszustands interessierte er sich weiterhin für den Kriegsverlauf. Der hinzugezogene Arzt empfahl die Rückkehr in die Dresdener Klinik, denn der Mediziner hatte eine Rippenfellentzündung diagnostiziert.1427 Das Atmen fiel dem Iren immer schwerer. „He suffered a great deal, especially with his breathing. We used to help him from bed to a chair on which he would sit with his arms across the back of another and his head resting in them. In this way he could breathe easier.“ Seine Freunde fürchteten die drohenden Luftangriffe auf Berlin, von denen jeder verlangt hätte, dass man den Schwerkranken in den Luftschutzkeller transportierte. Doch der Spanienveteran hatte Glück, denn die Alliierten flogen keine Angriffe gegen die deutsche Hauptstadt. Zudem stand seine Rückkehr nach Dresden kurz bevor. „Finally it was arranged that he should return to Dresden. A car was sent for him, a compartment booked on the train. He asked me to shave him and as I did so I remember him telling me to keep the rest of the razorblades which were almost unprocurable. I and the soldier who was driving the car helped him down the stairs and into it, and accompanied by the German girl who had been his friend, he was driven away.“ Dies war das letzte Mal, dass Francis Stuart seinen Landsmann sah.1428 Hilda Lippert begleitete Frank Ryan auf seiner letzten Reise nach Dresden. Während der Zugfahrt starrte er aus dem Fenster, vermutlich war ihm bewusst, dass er sterben würde. Seine Freundin wich während der folgenden Nacht nicht von seinem Krankenbett. „He was back in Spain fighting the lost war, issuing orders in Spanish.“ Nur einen Tag später, am 10. Juni 1944, verstarb der Ire Frank Ryan im Sanatorium in Dresden-Loschwitz.1429 Von den dramatischen Ereignissen um Frank Ryan in Deutschland hatte die Regierung in Dublin zu diesem Zeitpunkt keine Kenntnis: Zwar wussten de Valera und auch die diplomatische Vertretung schon seit einiger Zeit, wo sich Frank Ryan aufhielt, aber sie verfügten über keinerlei nähere Informationen über seinem prekären Gesundheitszustand. Die irischen Behörden hatten veranlasst, dass die persönlichen Briefe an seine Familie weitergeleitet wurden. William Warnock, der irische Geschäftsträger in Berlin, hatte Ryan zusammen mit Stuart bei einem gemeinsamen Abendessen gesehen und Clissmann berichtete, dass der Diplomat ihn 1942 ganz direkt auf Frank Ryan und dessen Aufenthaltsort angesprochen hatte.1430 Im April 1944 beauftragte man den neuen Botschafter, Cornelius Cremin, weitere Informationen, insbesondere über Ryans Gesundheitszustand und seinen genauen Aufenthaltsort einzuholen. Cremin leitete sofort die notwendigen Schritte ein und bat um die Genehmigung, Ryan besuchen zu dürfen. Die Antwort der deutschen Behörde war er- 1426 Stuart, „Frank Ryan in Germany“, The Bell XVI Nr. 3 (1950): 39f. 1427 Stuart, „Frank Ryan in Germany“, The Bell XVI Nr. 3 (1950): 39f; Bericht über Frank Ryans gesundheitliche Probleme, ohne Autor, 23. Februar 1945, G2/0257 part II, MACBB, Dublin. 1428 Stuart, „Frank Ryan in Germany“, The Bell XVI Nr. 3 (1950): 40. 1429 Cronin, Frank Ryan, 232. 1430 Ibid, 223. 7 Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 378 nüchternd. Ohne nähere Angaben, wie beispielsweise den Grund für den Aufenthalt in Deutschland und die näheren Umstände seiner Einreise, könne man, so der Ministerialdirigent und stellvertretende Leiter der politischen Abteilung, Otto von Erdmannsdorf, dem irischen Geschäftsträger keine weiteren Auskünfte erteilen. Einige Monate später notierte Cremin, dass Legationsrat Walter Weber folgende Informationen über Frank Ryan an ihn weitergeleitet hatte. „(…) alles was der deutschen Polizei über den Betreffenden bekannt ist, ist, dass er Kommunist und als solcher bei den Wahlen in 1937 im Dail Kandidat war.“1431 In einem Memorandum des Kabinetts im August 1944 gab die irische Regierung zu, den Aufenthaltsort Frank Ryans zu kennen, allerdings habe sie diese Information erst wenige Wochen zuvor erhalten. Darüber hinaus gab man bekannt, dass „in the light of the Government’s present information the suspicion could not be any longer entertained that Ryan had suffered serious physical harm from the Spanish Government.“ Wider besseres Wissen veröffentlichte das Kabinett diese Mitteilung. Zudem hatte der Mitarbeiter im Außenministerium, Joseph P. Walsh, keine Bedenken, die Nachricht, dass Ryan noch wenige Wochen zuvor bei relativ guter Gesundheit gewesen sei, weiterzugeben.1432 Als diese Information in Irland verbreitet wurde, war Ryan bereits verstorben. Der Tod Ryans kam für seine Freunde und Bekannten in Deutschland, angesichts seines desolaten Gesundheitszustands, nicht überraschend. Bemerkenswert ist, dass sich jedoch Freunde und Unterstützer fanden, die Ryans Beisetzung und die Grabpflege übernahmen. Das abschließende Kapitel befasst sich deshalb mit dem Ableben und den folgenden Entwicklungen. Der Tod des IRA-Repräsentanten in Deutschland Die Beerdigung Frank Ryans erfolgte am 14. Juni 1944 auf dem Friedhof in Dresden- Loschwitz. Unter den wenigen Trauergästen befanden sich Elizabeth Clissmann, die die Bestattung organisiert hatte, Francis Stuart und einige Freunde des Toten. Helmut Clissmann und andere enge Freunde waren wegen des Krieges nicht in der Lage, an der Zeremonie teilzunehmen. Die Trauerfeier war sehr einfach gehalten und für irische Verhältnisse sehr ruhig.1433 In seinem Tagebuch vermerkte Stuart über den Tag: „A formal little ceremony in the neat Loschwitz cemetery on the banks of the Elbe, that would have amused him. (…) An intense sense of loneliness leaving F’s body there in that place, far from everyone. A feeling of final and utter aloneness. And yet that is not the last word; I do not think it is the last word.“1434 Frau Clissmann schrieb an Hannah Sheehy-Skeffington: „I know that to you, as well as us and to so many others, the news of his death will have come as a great shock and will have caused you 7.3.6 1431 Telegramm des Außenministeriums an Cornelius Cremin, 7. April 1944; Brief Con Cremins an das Auswärtige Amt, 11. April 1944; Aktennotiz „Frank Ryan“, 12. April 1944 und 15. Juli 1944, Berlin Legation, DFA/10/A/20/Annex, NAI, Dublin. 1432 Memorandum, Dáil Éireann, 25. August 1944, DFA/10/A/20/4, NAI, Dublin. 1433 Brief Elizabeth Clissmann an Leopold Kerney, 20. Juni 1944, DFA/10/A/20/4, NAI, Dublin. 1434 Stuart, „Frank Ryan in Germany“, The Bell XVI Nr. 2 (1950): 40. 7.3 „A Gentleman At Large“ – Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 379 much sorrow. For Francis and me it was a lonely and tragic moment as we knelt by the open grave on the banks of the Elbe and said a decade of the rosary for his soul. For Helmut it was as if he had lost a brother.“1435 Frank Ryans langjährige Freundin Elizabeth Clissmann sorgte nicht nur für die Grabpflege, sondern ließ auch ein Holzkreuz errichten. Da Ryan in Deutschland nur unter dem Pseudonym Frank Richard bekannt war, trug es diesen Namen. In gälischer Sprache hatte sie allerdings seinen richtigen Namen hinzufügen lassen und ergänzte Geburts- und Todesjahr.1436 Sie übernahm auch die Aufgabe, Leopold Kerney über den Tod seines Freundes zu informieren. Bevor Elizabeth Clissmann dies tat, hielt sie Rücksprache mit Dr. Edmund Veesenmayer, der zu dieser Zeit als Gesandter in Ungarn tätig war. Dessen Nachfolger im Auswärtigen Amt, Legationsrat Walter Weber, hatte zwar die irischen Angelegenheiten übernommen, allerdings war dem neuen Sachbearbeiter nicht bewusst, dass es sich bei Francis bzw. Frank Richard, mit dem er in den letzten Monaten häufiger zu tun hatte, um den Iren Frank Ryan gehandelt hatte. Deshalb lieferten Webers Nachforschungen über den Spanienveteran in Deutschland kein Ergebnis. Hinzu kam, dass der Brief an den irischen Gesandten in Madrid diesen erst im Dezember 1944 erreichte.1437 Die Anfrage des irischen Geheimdienstes bei Kerney, ob dieser nähere Informationen über Ryan besitze, lässt daher vermuten, dass Kerney im Juli 1944 noch nichts vom Tod seines Landsmannes wusste. Dem Gesandten waren lediglich Ryans gesundheitliche Probleme bekannt.1438 Als ihn die Todesnachricht erreichte, setzte sich Kerney sofort mit seinem Amtskollegen Cornelius Cremin in Berlin in Verbindung, um Näheres zu erfahren, insbesondere, um in der Lage zu sein „(…) to give details of illness and death, otherwise Communists in Britain and America sure to concoct false story to explain mystery of member of International Brigade going over to Germans.“1439 Zur Klärung der genaueren Umstände des Ablebens von Frank Ryans wandte sich Cremin an die deutschen Behörden, unter anderem auch an das Standesamt in Dresden. Die erste Anfrage verlief negativ, mit dem Hinweis, dass ohne weitere Angaben zu den Personalien des Toten, Sterbedatum und -ort keinerlei Einzelheiten ermittelt werden könnten. Abbildung 11 – Ryans Grab am Friedhof in Loschwitz, Dresden Quelle: Enno Stephan Collection, MACBB, Dublin 1435 Brief Elizabeth Clissmann an Hannah Sheehy-Skeffington, 16. November 1945, MS 33,607/21, NLI, Dublin. 1436 Cronin, Frank Ryan, 232. 1437 Stephan, Vergessene Episode, Enno Stephan Collection, MACBB, Dublin, 434f. 1438 Geheimer Bericht FHB/EW an Col. Dan Bryan, 8. Juli 1944, DFA/A/10/20/4, NAI, Dublin. 1439 Telegramm des Außenministeriums Dublin an die irische Gesandtschaft in Staffelde, Osthavelland, 19. Dezember 1944, DFA/10/A/20/4, NAI, Dublin. 7 Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 380 Die diplomatische Vertretung verstärkte daraufhin ihre Bemühungen. Man gab zu bedenken, dass auch Ryans Verwandte in Irland ein Recht darauf hätten, zu erfahren, was mit ihrem Verwandten in Deutschland geschehen war. Cremin bat auch Francis Stuart um nähere Informationen zum Tod seines Landsmannes.1440 Der Ire bestätigte dem Diplomaten nochmals schriftlich das Ableben seines Freundes und schilderte die näheren Umstände. Der Schriftsteller versicherte, dass sich alles so zugetragen habe, wie berichtet, denn er habe die letzten Tage mit dem Sterbenden verbracht.1441 Trotzdem gab es weiterhin viele Gerüchte, die Todesursache Frank Ryans betreffend. Neben Tuberkulose1442 und einer Syphilis-Erkrankung1443 war sogar in einem Nachruf die Rede davon, dass „(…) the Gestapo had completed what Franco had begun.“1444 Ursächlich für den Tod des Iren war eine Arteriitis, eine Entzündung der Hauptschlagader, hervorgerufen durch eine bakterielle Infektion. Die Erkrankung führte dazu, dass sich die Aortenklappe des Herzens nicht mehr richtig schloss. Darüber hinaus hatte Ryan leichte Blutungen in verschiedenen Organen. Diese Hämorrhagie war wahrscheinlich auch die Ursache für seinen erneuten Schlaganfall im Januar 1943. Die Herzprobleme, an denen er schon geraume Zeit gelitten hatte, führten zu einer unzureichenden Blutzirkulation innerhalb der inneren Organe. Zunächst besserte sich sein Zustand durch die Behandlung im Sanatorium, allerdings überschätzte Ryan seine Kräfte und erkrankte an einer Lungenentzündung. Der schlechte Allgemeinzustand und das geschwächte Immunsystem sorgten dafür, dass die Erreger nicht bekämpft wurden, sodass der Ire schließlich an einer Pneumonie verstarb. Während seiner letzten Stunden war ihm wahrscheinlich nicht bewusst, wie schlecht es um ihn stand, denn er verlor immer wieder das Bewusstsein. Infolge der schlechten Blutzirkulation litten die Gehirnfunktionen und er verlor immer wieder, auch länger anhaltend, das Bewusstsein. Sein Tod trat letztendlich auch in einer Phase der Bewusstlosigkeit ein.1445 Aus dem Brief Elizabeth Clissmanns ging hervor, dass Stuart sie über Ryans Tod informiert habe. Als der Diplomat Cremin davon erfuhr, entschloss er sich, das Auswärtige Amt in Berlin zu bitten, mit der Gesandtschaft in Kopenhagen Kontakt aufzunehmen. Auf diesem Weg wollte er sich die bisher vorliegenden Informationen von Elizabeth Clissmann bestätigen lassen. Cremins Interesse richtete sich neben den Informationen zu Zeitpunkt und -ort des Ablebens von Ryan auch auf die Frage, ob der Verstorbene in Deutschland unter anderem Namen gelebt hatte.1446 Einige Tage später erhielt Cremin die erwünschte Bestätigung in einem Te- 1440 Brief der irischen Gesandtschaft an die Standesämter Dresden, 23. Januar 1945; Brief Cornelius Cremin an Francis Stuart, 25. Januar 1945, DFA/10/A/20/4, NAI, Dublin. 1441 Brief Francis Stuart an Cornelius Cremin, 24. Februar 1945, Berlin Legation, DFA/10/A/20/Annex, NAI, Dublin. 1442 Bericht des Security Service London an die British Security Co-ordination New York City, 12. März 1945, KV 2/1292, NAK Kew, London. 1443 Telegramm aus Salzburg, ohne Absender, ohne Empfänger, 23. Februar 1945, DFA/10/A/20/4, NAI, Dublin. 1444 Nachruf „Frank Ryan“, Patrick Walsh, G2/0257 – Part II, MACBB, Dublin. 1445 Brief Dr. Eugen Weidner an Elizabeth Clissmann, 14. Juni 1944, Cronin, Frank Ryan, 254. 1446 Aktennotiz „44/8“, irische Gesandtschaft, 25. Januar 1945, DFA Berlin Embassy 2/6 CL, NAI, Dublin. 7.3 „A Gentleman At Large“ – Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 381 lefongespräch mit Frau Clissmann1447 und setzte daraufhin seine Nachforschungen fort. Der Gesandte holte sowohl bei Professor Weidner, Chefarzt des Sanatoriums in Dresden, als auch in Berlin bei Professor de Crinis, der Ryan nach seinem Schlaganfall in der Charité betreut hatte, Erkundigungen über die Behandlung des Iren ein. Er setzte sich auch mit dem Kaplan in Verbindung, der seinen Landsmann beerdigt hatte. Cremin erhoffte sich, Näheres über die Zeremonie für den Toten und dessen Grab zu erfahren. Die einzige Antwort, die der Diplomat erhielt, kam von Professor de Crinis:1448 „Herr James Francis R i c h a r d wurde von mir am 19.2.1941 zum ersten Male, und in den folgenden Jahren wiederholt, 1944 zum letzten Male, untersucht und z. T. auch behandelt. Er erlitt am 3.1.1941 einen Autounfall, der zu einer Gehirnerschütterung führte. Von den Folgen dieser Gehirnerschütterung erholte er sich nur langsam und bei den weiteren Untersuchungen konnte festgestellt werden, dass unabhangig [sic] von diesen Unfallfolgen auch eine organische Erkrankung des Herz- und Gefäßsystems und des Zentralnervensystems vorlag. Die Behandlung, die von mir aus eingeleitet wurde, musste mit Rucksicht [sic] auf die Erkrankung des Herz- und Gefäßsystems einige Male unterbrochen werden. Außerdem wurde der Krankheitsverlauf noch kompliziert durch ein im Jahr 1943 festgestelltes Magengeschwur [sic]. Da eine ambulante Behandlung nicht durchfuhrbar [sic] war, wurde dem Pat. der Aufenthalt in einem Sanatorium empfohlen.“1449 Noch im August 1944 war sein enger Freund Gerald O’Reilly davon überzeugt, dass Ryan nach dem Ende des Krieges wieder Kontakt zu ihm aufnehmen würde. Ein ihm bekannter Diplomat in den USA hatte ihn informiert, dass sich sein Freund guter Gesundheit erfreue und nach wie vor guter Dinge sei.1450 Die Meldung vom Tode Frank Ryans kam für die meisten seiner Freunde und Bekannten sehr überraschend, denn sie erfuhren davon aus der Zeitung.1451 Viele konnten und wollten der Nachricht nicht glauben und stellten deshalb eigene Nachforschungen an. Das britische Rote Kreuz fragte in Dublin nach, ob die Organisation in der irischen Hauptstadt nähere Informationen zum Tod des Iren habe, denn offiziell wusste man nicht einmal von der „Flucht“ Ryans aus spanischer Haft.1452 Das Irish-American Committee For Release Of Frank Ryan informierte seine Mitglieder am 7. März 1945 über den Tod des Iren. Darüber hinaus setzte sich Gerald O’Reilly mit Kerney in Verbindung, um auf diesem Weg Genaueres über die Todesumstände zu erfahren. Ryans Ableben löste 1447 Telegramm der irischen Gesandtschaft an das Außenministerium Dublin, 27. Januar 1945, DFA/10/A/20/4, NAI, Dublin. 1448 Brief Cornelius Cremin an Prof. Dr. Weidner, 29. Januar 1945; Brief Cornelius Cremin an Prof. de Crinis, 29. Januar 1945; Brief Cornelius Cremin an Kaplan Kregerle, 30. Januar 1945; Geheimer Bericht „Ref. BERLIN 44/8“, Cornelius Cremin an das Außenministerium, 28. Juni 1945, Berlin Legation, DFA/10/A/20/Annex, NAI, Dublin. 1449 Brief Prof. de Crinis an die irische Gesandtschaft, 2. Februar 1945, Berlin Legation, DFA/10/A/20/ Annex, NAI, Dublin. 1450 Brief Gerald O’Reilly an Eilís Ryan, 19. August 1944, Frank Ryan, Séan Russell, DFA/10/A/20/4, NAI, Dublin. 1451 Zeitungsausschnitt „Frank Ryan Dies in Germany.“, B.Tel, 23. Februar 1945, G2/0257 – part I, MACBB, Dublin. 1452 Brief der War Organisation of the British Red Cross & Order of St. John an den Sekretär der Irish Red Cross Society, 2. März 1945, DFA/10/A/20/4, NAI, Dublin. 7 Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 382 eine Welle der Anteilnahme in seiner Heimat aus. In den kommenden Tagen und Wochen wurden in irischen Zeitungen Nachrufe veröffentlicht, die nochmals die Arbeit des Iren in den Mittelpunkt stellten1453 und den großen Verlust und die Lücke, die er hinterließ, bedauerten.1454 Trotz aller Trauer gab der Ort, an dem Ryan starb, nach wie vor Anlass für Spekulationen, insbesondere unter seinen Freunden in den Vereinigten Staaten. Um Gerüchten entgegenzutreten, die behaupteten, Ryan habe sich freiwillig in Deutschland aufgehalten, um für die Nazis zu arbeiten, wandte sich O’Reilly direkt an den irischen Regierungschef Eamon de Valera, mit der Bitte, sich zu Ryans Rolle in Berlin und den Umständen seinen Todes in Dresden zu äußern.1455 Schon früher hatte O’Reilly bedauert, dass man Ryan, über dessen Aufenthaltsort der Amerikaner schon länger informiert gewesen war, nicht mehr Unterstützung hatte zukommen lassen können, weil Frank Ryan kein amerikanischer Staatsangehöriger gewesen war.1456 Langsam begannen die Mühen der amerikanischen Freunde zu fruchten. Zwar flossen die Informationen nur spärlich, aber man arbeitete unermüdlich daran, Ryans Aktivitäten während seines Aufenthalts in Deutschland genauer zu beleuchten. Auch Freunde und Weggefährten aus den kommunistischen Kreisen Londons und Dublins interessierten sich für die Aufklärung der Lebensumstände Ryans. In der irischen Hauptstadt waren Freunde schon bereit, ihm zu Ehren ein Denkmal zu errichten, „(…) but in view of strong rumours that he turned against the communists and went to Germany voluntarily to broadcast for the Nazis, and on his death was given a military funeral, the Irish communists naturally wish to obtain conclusive evidence. They fear that if RYAN did make a volte face, the fact would be used remorselessly by their political opponents.“1457 Das Ehrenmal wurde zwar nie gebaut, allerdings sollte Francis Stuart mit einem Hinweis in seinem Tagebuch Recht behalten. Das letzte Wort im Hinblick auf Frank Ryan und sein Grab auf dem Friedhof in Dresden-Loschwitz noch nicht gesprochen. In weiser Voraussicht hatte Elizabeth Clissmann Vorkehrungen getroffen: „Frank has been buried in a heavy oak coffin with a zink [sic] lining so that if the family or friends at home should wish it his remains can be brought home after the war.“1458 Für viele von Ryans Freunde und Wegbegleiter war es ein Unding, dass der irische Freiheitskämpfer seine letzte Ruhestätte in einem fremden Land und nicht in seiner Heimat gefunden hatte. Aus diesem Grund reifte in irischen Kreisen schon 1453 Brief der War Organisation of the British Red Cross & Order of St. John an den Sekretär der Irish Red Cross Society, 2. März 1945; Brief des Irish-American Committee For Release Of Frank Ryan an die Mitglieder, 7. März 1945; Brief Gerald O’Reilly an Leopold Kerney, 8. März 1945; Zeitungsausschnitt „Irish Patriot in Spain“, Advocate, 10. März 1945, DFA/10/A/20/4, NAI, Dublin. 1454 Zeitungsausschnitt „Frank Ryan ‚A Symbol‘“, The Irish Times, 9. März 1945, G2/0257 – part I, MACBB, Dublin. 1455 Brief des Irish American Committee For Release Of Frank Ryan an Eamon de Valera, 28. März 1945, DFA/10/A/20/4, NAI, Dublin. 1456 Brief Gerald O’Reilly an Hannah Sheehy-Skeffington, 12. März 1945, SSP, MS 33,607/21, NLI, Dublin. 1457 Bericht des Deputy Commander L. J. Burt, Special Branch, Metropolitan Police, 1. September 1947, KV 2/1292, NAK Kew, London. 1458 Brief Elizabeth Clissmann an Cornelius Cremin, 27. Januar 1945, DFA/10/A/20/Annex, NAI, Dublin. 7.3 „A Gentleman At Large“ – Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 383 bald der Plan, Ryans sterbliche Überreste in seine Heimat zu überführen. Das finale Kapitel beschreibt abschließend die Bemühungen, Frank Ryan seine letzte Ruhestätte in der Heimat zu ermöglichen. 7 Frank Ryans letzte Jahre in Deutschland 384

Chapter Preview

References

Abstract

The book describes the life and times of the well-known Irish Republican Francis „Frank“ Ryan. Ryan who fought for an all-Irish Republic and followed the political ideas of James Connolly and Charles Stewart, decided to fight fascism on the European continent and entered the Spanish Civil War on the side of the republican forces. While being in combat having the rank of a major in the International Brigades, he was captured in 1938 and became Franco’s most important prisoner. He had to endure two years in Burgos Prison before, due to the intervention of the German Abwehr, he had the chance to leave Spain with an option to return home. Instead of going back to Ireland, he ended up in Nazi-Germany at the beginning of the Second World War. Considering this background the book also examines the diplomatic relations between Ireland and Germany in the first half of the 20th century.

Zusammenfassung

Dieses Buch befasst sich mit der Lebensgeschichte des bekannten irischen Nationalisten Francis „Frank“ Ryan, der sich zeit seines Lebens für die Wiedervereinigung der grünen Insel und die vollständige Unabhängigkeit von Großbritannien eingesetzt hat. Seine linksgerichteten politischen Überzeugungen führten ihn als Kämpfer für die republikanische Regierung nach Spanien. Dort kämpfte er in den Reihen der Internationalen Brigaden und geriet als Francos wichtiger Gefangener in die Hände der Faschisten. Durch die Intervention der deutschen Abwehr kam er frei und fand sich im Deutschland der 1940er Jahre wieder. Vor dem Hintergrund seiner Lebensgeschichte wird auch die Entwicklung der politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Irland beleuchtet.