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6 Frank Ryan im faschistischen Deutschland – Opportunismus oder echte Überzeugung? in:

Katja Christina Hirmer

Frank Ryan, page 277 - 336

Nationalist, Freiheitskämpfer – und Nazi-Kollaborateur?

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4398-1, ISBN online: 978-3-8288-7391-9, https://doi.org/10.5771/9783828873919-277

Tectum, Baden-Baden
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Frank Ryan im faschistischen Deutschland – Opportunismus oder echte Überzeugung? Irland im Spannungsfeld der Großmächte – Die irische Neutralitätspolitik gegenüber Deutschland und Großbritannien Großbritannien und die irische Neutralitätspolitik „The desire of the Irish people, and the desire of the Irish Government is to keep our nation out of war. The aim of the Government policy is to maintain and preserve our neutrality in the event of war. The best way, and the only way to secure our aim, is to put ourselves in the best position possible to defend ourselves, so that no one can hope to attack us, or violate our territory with impunity. We know, of course, that should an attack come from a Power other than Great Britain, Great Britain, in her own interest, must help us to repel it.“ Mit dieser Rede am 16. Februar 1939 vor dem irischen Parlament machte der Regierungschef de Valera deutlich, welche Haltung er im schwelenden Konflikt zwischen den Mächtigen Europas vertrat.1012 Aus den Erfahrungen, die er während der Arbeit im Völkerbund – Irland war seit 1923 Mitglied des Gremiums – gemacht hatte, zog er Konsequenzen. Das Versagen der Organisation im Spanischen Bürgerkrieg hatte dem Regierungschef gezeigt, dass der Friede nur von den Großmächten bewahrt werden konnte und ein kleines Land wie Irland keinen signifikanten Einfluss hatte. Die Außenpolitik de Valeras fand Rückhalt unter den Mitgliedern der Oppositionsparteien Fine Gael und Labour, genauso wie in der Bevölkerung. Die breite Unterstützung beruhte vor allem auf Pragmatismus ohne ideologische oder moralische Hintergründe. Der irische Staat sah sich in erster Linie seinen Bürgern verpflichtet, weshalb man es als Hauptaufgabe erachtete, den Fortbestand Irlands zu gewährleisten. Zwar führte die Regierung vordergründig immer wieder die mangelnden militärischen Verteidigungsmöglichkeiten an, aber insgeheim war man besorgt, die Konflikte der jüngeren Vergangenheit könnten wieder aufbrechen, wenn die Iren dazu aufgefordert würden, sich mit den Briten im Krieg zu solidarisieren. „Irish suspicion of Britain could take many different forms, of course, from a generalised scepticism about Britain’s motives in going to war, to a frank desire to see Britain beaten by Germany.“1013 6 6.1 6.1.1 1012 Abschrift der Rede de Valeras vor dem Dáil, Eduard Hempel an das Auswärtige Amt, 17. Februar 1939, Politische Beziehungen zwischen England und Irland, R 102797, PA, AA, Berlin. 1013 Earl of Longford und O’Neill, Eamon de Valera, 338; Lee, Ireland, 237; Clair Wills, That Neutral Island – A Cultural History of Ireland during the Second World War (London: Faber & Faber, 2007), 7. 277 Die erfolgreiche Umsetzung der Neutralität erforderte im Vorfeld einige politische Veränderungen. Zum einen war die Teilung der Insel nach wie vor eine Tatsache, zum anderen war Irland nach der Einigung und dem Abschluss des Staatsvertrages von 1921 weiterhin Mitglied des Commonwealth. Zudem hatte sich Großbritannien im Treaty das Recht vorbehalten, militärische Stützpunkte, insbesondere die Häfen Lough Swilly, Berehaven und Cobh und einige Flugplätze, weiterhin zu nutzen. All diese Punkte hätten die Neutralität Irlands untergraben und der Kriegseintritt aufseiten der Alliierten wäre die unausweichliche Konsequenz gewesen. De Valera erkannte bereits im Jahr 1935 die Zeichen der Zeit. Nachdem Deutschland damit begonnen hatte, die Auflagen des Versailler Vertrages nach und nach zu untergraben und somit das Konfliktpotential zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien zunahm, ging der irische Regierungschef ab dem Jahr 1937 dazu über, mit der Ratifizierung einer neuen Verfassung die Weichen für die Neutralität seines Landes zu stellen.1014 Im Dezember des gleichen Jahres gab es erste Vorverhandlungen zwischen de Valera und Vertretern der britischen Regierung. Im Januar 1938 fanden sie eine Fortsetzung. Kernpunkte der Unterredungen waren die bestehende Teilung des Landes, die Verteidigung beider Länder sowie die Konflikte zwischen den beiden Staaten – hervorgerufen durch den englischen Finanzausgleich.1015 Trotz des militärischen Stellenwertes, der den Häfen im Rahmen der britischen Verteidigungsstrategie zukam, zeigte sich London kompromissbereit. Unter bestimmten Umständen war man bereit, die Anlagen den irischen Behörden zu übergeben. Als Bedingung sollte Dublin garantieren, dass die britische Marine die militärischen Einrichtungen im Kriegsfall uneingeschränkt nutzen konnte. De Valera weigerte sich allerdings, dies zu akzeptieren. Dennoch sollte eine Übereinkunft für den Fall eines deutschen Angriffs erzielt werden. Die Iren interessierten sich insbesondere für das britische Expertenwissen zum Schutz der besagten Häfen. Obwohl sich der irische Regierungschef deutlich gegen die Nutzungsgarantie ausgesprochen hatte,1016 nahmen sowohl die britische Bevölkerung als auch das Kabinett in Westminster an, im Ernstfall die Operationsbasen uneingeschränkt nutzen zu können. Als nach dem Ausbruch der Feindseligkeiten die irische Exekutive auf ihrem Standpunkt beharrte und die Häfen des Freistaats der britischen Marine nicht zur Verfügung stellte, hatte dies erhebliche Auswirkungen auf die militärische Schlagkraft der Briten. Der eingeschränkte Handlungsradius verkleinerte den Operationsradius von britischer Marine und Luftwaffe im und über dem Atlantik um circa 640 km,1017 und das angesichts der Tatsache, dass der Westen beziehungsweise Südwesten Irlands einen besonderen Stellenwert für London hatte: Der 1014 Dickel, deutsche Außenpolitik, 45ff. 1015 Für nähere Informationen zum britisch-englischen Finanzausgleich vgl. Fußnote 318. Bericht „Englisch-irische Konferenz in London am 17. Januar 1938“, Gesandter Hempel an das Auswärtige Amt, 13. Januar 1938, Rom Quirinal, Nr. 732A, PA, AA, Berlin. 1016 Geheimer Bericht der Kabinettssitzung am 26. Januar 1939, 26. Januar 1939, Cabinet Files, CAB 23/92/2, NAK Kew, London. 1017 Eunan O’Halpin, MI5 and Ireland, 1939–1945 – The Secret History (Dublin: Irish Academic Press, 2003), 28; Enno Stephan, Geheimauftrag Irland – Deutsche Agenten im irischen Untergrundkampf 1939–1945 (Oldenburg: Gerhard Stalling Verlag, 1971), 49. 6 Frank Ryan im faschistischen Deutschland – Opportunismus oder echte Überzeugung? 278 Einfluss auf diesen Landesteil bedeutete, die Westflanke Großbritanniens effektiv schützen zu können, denn besonders in diesem Gebiet fürchteten die Briten eine deutsche Invasion. Deshalb konnte und wollte London diese Entscheidung aus Dublin nicht hinnehmen. Man versuchte auf diplomatischem Weg die irische Regierung zum Einlenken zu bewegen und plante, notfalls auch Teile der Insel oder gar das gesamte Land zu besetzen.1018 Dies war auch dem irischen Regierungschef bewusst, der dessen ungeachtet und trotz aller Sympathie für die Alliierten auf seinem Standpunkt beharrte, die Neutralität Irlands zu wahren. Er gab dem britischen Unterhändler Sir John Maffey darüber hinaus zu verstehen, dass „No Government could exist that departed from that principle. The question of the ports was at the very nerve centre of public interest in that matter, and the public mood would react with intense violence to any action invalidating their integrity.“1019 Die Briten versuchten während der ersten Kriegsjahre immer wieder die Iren umzustimmen und stellten sogar die Lösung des irischen Problems in Aussicht. Aber auch die Perspektive einer Wiedervereinigung des Nordens mit dem Süden ließ de Valera nicht von seiner Haltung abrücken.1020 Die möglichen Auswirkungen eines Kriegseintritts Irlands aufseiten der Alliierten waren für die Regierung ein zu hoher Preis, zumal „(…) many of his [de Valera’s] own supporters were convinced that entry into the war on the side of Britain would have meant the occupation of the ports and airfields by British troops, and that, once there, they would never have been got rid of.“1021 In diesem Zusammenhang äußerte sich de Valera auch über die Beziehungen zu Großbritannien. In einer Pressemitteilung im Februar 1939 betonte der Taoiseach ausdrücklich, dass Irland seinem Nachbarn zu nichts verpflichtet sei und deshalb alles tun werde, um die Interessen seines Landes zu wahren.1022 Dies beinhaltete aber auch, dass man aufgrund der geografischen Nähe und der wirtschaftlichen Beziehungen besondere Rücksicht auf das Vereinigte Königreich nahm. Im Detail bestand diese aus einer alliiertenfreundlichen Pressezensur, speziellen Passbestimmungen für die Einreise aus dem kontinentalen Europa sowie besondere Abhörmöglichkeiten durch den uneingeschränkten Zugang zu allen Kabelverbindungen. Zusätzlich zeigte sich die irische Regierung kompromissbereit, was die Internierung alliierter Soldaten betraf. Britische Marine- und Luftwaffenangehörige konnten damit rechnen, nach ihrer Festnahme unverzüglich über die Grenze nach Nordirland gebracht zu werden.1023 Zu- 1018 Geheimer Kabinettsbericht „Relations with the Irish Free State“, Mai 1936, Cabinet Files, CAB 24/262/14, NAK Kew, London. 1019 Bericht Sir John Maffey über sein Gespräch mit Eamon de Valera, 21. Oktober 1939, Cabinet Files, CAB 66/2/48, NAK Kew, London. 1020 Geheimer Bericht „Meeting of War Cabinett“, 16. Juni 1940, CAB 65/7/63, NAK Kew, London. 1021 O’Halpin, MI5 & Ireland, 29. 1022 Telegramm Joseph P. Walshe an die Irische Gesandtschaft Paris, 17. Februar 1939, DFA Paris Embassy P5/5, NAI, Dublin. 1023 Robert Fisk, In Time of War – Ireland, Ulster and the Price of Neutrality 1939–45 (Dublin: Gill & Macmillan, 1983), 157; Donal Ó’Drisceoil, Censorship in Ireland, 1939–1945 – Neutrality, Politics and Society (Cork: Cork University Press, 1996), 102; T. Ryle Dwyer, Guests of the State – The story of Allied and Axis servicemen interned in Ireland during World War II (Dingle: Brandon Books, 1994), 15f; Sturm, Hakenkreuz & Kleeblatt, 114. 6.1 Irland im Spannungsfeld der Großmächte – Die irische Neutralitätspolitik gegenüber Deutschland und Großbritannien 279 sätzlich versicherte de Valera der Londoner Regierung, dass Dublin es unter keinen Umständen zuließ, von den Deutschen als Basis für Angriffe auf die Nachbarinsel missbraucht zu werden. Abgesehen davon werde sich das Land mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln jeglichen Versuchen vonseiten Berlins, Irland als Ausgangspunkt für militärische oder geheimdienstliche Aktionen zu nutzen, zur Wehr setzen.1024 Durch diese Politik gelang es der irischen Regierung, auch gegen den wachsenden Druck der Alliierten, die Neutralität des Inselstaates bis zum Ende des Krieges zu bewahren. Das folgende Kapitel beschreibt die diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Irland vor dem Hintergrund der strikten Neutralität des Inselstaates. Die diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern waren ausschlaggebend für die Rolle Frank Ryans in Deutschland. Die Auswirkungen der irischen Neutralitätspolitik auf die diplomatischen Beziehungen zum Deutschen Reich Mit der Machtübernahme Hitlers im Jahre 1933 hatte sich an den außenpolitischen Zielen Deutschlands zunächst wenig geändert. Die während der Weimarer Republik eingeschlagene Richtung mit dem Ziel, sich Großbritannien anzunähern, wurde auch nach dem Machtwechsel fortgeführt. Berlin war an einem guten deutsch-britischen Verhältnis interessiert, weshalb Irland keine Rolle in der Außenpolitik spielte. Das Auswärtige Amt achtete stets darauf, sich nicht in die Konflikte zwischen beiden Staaten einzumischen und auf diese Weise die diplomatischen Beziehungen zu gefährden. Erst im Jahr 1937 änderte sich die Einstellung Berlins zum Freistaat. Im Juni des gleichen Jahres eröffnete das Deutsche Reich eine Vertretung in der irischen Hauptstadt, deren Leitung Dr. Eduard Hempel übernahm. Der deutsche Diplomat unterhielt fortan gute Verbindungen zum irischen Außenministerium, vor allem zu Assistant Secretary Frederick Henry Boland, mit dem er auch privat in Kontakt stand. Laut dessen Aussage sei Hempel zwar nie ein überzeugter Anhänger des NS-Regimes gewesen, habe seine Aufgaben aber gewissenhaft erfüllt. Irlands diplomatische Vertretung in Berlin lag bis Mitte 1939 in der Verantwortung von Charles Bewley, Verfasser des Buches „Memoirs of a Wild Goose“. Ihm wurden gute Beziehungen zum NS-Regime nachgesagt, weshalb er einen guten Eindruck in Berlin hinterließ. Die anhaltenden Spannungen zwischen dem Diplomaten und seinen Vorgesetzten in der irischen Hauptstadt führten im Jahr 1939 schließlich zur Abberufung Bewleys,1025 der darauf- 6.1.2 1024 Geheimer Kabinettsbericht des Dominions Office „Relations with the Irish Free State“, Mai 1936, CAB 24/262/14, NAK Kew, London. 1025 Bewleys Abberufung aus Berlin beruhte darauf, dass das Außenministerium in Dublin mit seiner Arbeit in Berlin unzufrieden war. Seine Vorgesetzten warfen ihm vor, seine Aufgaben als Diplomat zu vernachlässigen und sich gleichzeitig mehr mit dem Gastgeberland als der eigenen Heimat zu identifizieren. Bewley wiederum fand, dass seine Tätigkeit in Dublin nicht entsprechend gewürdigt wurde. Seine Berichte an das Außenministerium hatten keinerlei Einfluss auf die Entscheidungsprozesse der Behörde und er erhielt im Gegenzug auch keine konkreten Instruktionen aus Dublin. 6 Frank Ryan im faschistischen Deutschland – Opportunismus oder echte Überzeugung? 280 hin den diplomatischen Dienst quittierte. Kommissarisch leitete die Amtsgeschäfte in der deutschen Hauptstadt sein Kollege William Warnock.1026 In Dublin bewertete man den Wechsel an der deutschen Staatsspitze zunächst positiv. Hitler wurde sogar als deutscher de Valera bezeichnet, der sich gegen die Ungerechtigkeiten des Versailler Vertrages stark machte und für die Belange des einfachen Volkes eintrat.1027 Diese Einstellung änderte sich im Laufe der Zeit, insbesondere im Jahr 1938 durch die Sudetenkrise und die drohende Gefahr, die von dem Konflikt zwischen Großbritannien und Deutschland ausging. Zwar waren innerhalb Irlands weder merkliche anti- noch prodeutsche Tendenzen erkennbar, dennoch zeigte sich die Regierung wegen möglicher Konsequenzen besorgt, sollte in dieser angespannten Situation keine gütliche Einigung erreicht werden. Selbst nach dem Münchner Abkommen im September 1938 berichtete Hempel, dass man sich im Land Gedanken über die weiteren politischen Schritte Deutschlands mache, denn vor Ort empfinde man das Vorgehen Berlins zur Angliederung des Sudentenlandes an das Deutsche Reich als Gewaltakt. Insbesondere befürchtete die irische Regierung, dass Berlin die Neutralitätspolitik des Freistaats im Kriegsfall nicht respektieren würde. Vor allem die intensiven Handelsbeziehungen zwischen den beiden Inselstaaten – Eire war in wirtschaftlicher Hinsicht abhängig von der Schwesterinsel – bereiteten den Iren Sorgen. Man befürchtete, dass eben diese enge Verbindung von Deutschland als Neutralitätsbruch gewertet werden könnte. Somit wären auch Gegenmaßnahmen oder unter Umständen sogar Angriffe auf irisches Hoheitsgebiet nicht mehr ausgeschlossen.1028 Dennoch zeigte sich Joseph Walshe, Mitarbeiter des irischen Außenministeriums, überzeugt, dass Deutschland im Ernstfall Maßnahmen, die sich auch auf den Freistaat auswirken könnten, auf ein Minimum beschränken würde. Des Weiteren regte Hempel die zuständige Stelle im Auswärtigen Amt an, offiziell zu erklären, „(…) dass Deutschland keine aggressiven Ziele in Irland verfolge, [sondern] vielmehr für Irland und irische nationale Ziele evtl. unter Nennung Nordirlands Sympathie hege, [und jegliche] irische Mitleidenschaft [durch deutsche Aktionen] bedaure (…).“1029 Angesichts der sich zuspitzenden Lage auf dem Kontinent veranlasste Reichsau- ßenminister Joachim von Ribbentrop den deutschen Gesandten, die gewünschte Erklärung abzugeben. Hempel sollte gegenüber der irischen Regierung deutlich machen, dass Berlin an den freundschaftlichen Beziehungen der beiden Länder festhalten wolle. Deshalb sei man entschlossen, die Integrität des Freistaats zu respektieren und keine Angriffshandlungen gegen das Land durchzuführen. Jedoch verband Berlin diese Zudem beklagte er, dass seine Berichterstattung aus der deutschen Hauptstadt den anderen diplomatischen Vertretungen Irlands nicht zugänglich gemacht wurden. Letztendlich gab Bewley seine Position in Berlin auf, weil er den Eindruck hatte, dass es das Ziel des irischen Außenministeriums war, die Gesandtschaft in Berlin zu boykottieren. Roth, Mr Bewley in Berlin, 55f. 1026 Dickel, deutsche Außenpolitik, 30, 34f; John P. Duggan, Herr Hempel at the German Legation in Dublin 1937–1945 (Dublin: Irish Academic Press, 2003), 17, 28f; Keogh, Ireland & Europe, 54, 104f. 1027 Dickel, deutschen Außenpolitik & irische Frage, 29. 1028 Vertraulicher Bericht „Irland während und nach der europäischen Spannung im September d. Js.“, Hempel an das Auswärtige Amt, 17. Oktober 1938, 17. Oktober 1938, R 102387, PA, AA, Berlin. 1029 Telegramm Nr. 47, Hempel an das Auswärtige Amt Berlin, 26. August 1939, Bd. 1, R 29623, PA, AA, Berlin. 6.1 Irland im Spannungsfeld der Großmächte – Die irische Neutralitätspolitik gegenüber Deutschland und Großbritannien 281 Erklärung mit der Bedingung, dass Dublin sich gegenüber Deutschland zu einer einwandfreien Neutralität während einer möglichen Auseinandersetzung zwischen Deutschland und dem Vereinigten Königreich verpflichte. De Valera verwies angesichts der so gefassten deutschen Zusicherung, die Neutralität Irlands zu respektieren, auf die besondere Verbindung der beiden Schwesterinseln hin, aufgrund derer nicht auszuschließen sei, dass Berlin gegebenenfalls Einwände gegen die Auslegung haben könnte. De Valera bezog sich neben der wirtschaftlichen Verbindung vor allem auf die Gefahr einer britischen Intervention. Ein Telegramm gibt die Position des Taoiseach wieder: „[De Valera] Erklärte [sic], dass trotz aufrichtigen Wunsches der irischen Regierung gegenüber beiden kriegsführenden Parteien gleich objektiv zu sein, einerseits Abhängigkeit für Irland lebenswichtigen irischen Handel von England, andererseits Möglichkeit britischer Intervention, falls Unabhängigkeit irischen Staats unmittelbare Gefahr für Großbritannien mit sich führt, für irische Regierung gewisse besondere Rücksichtnahme auf England, die sie bei entsprechenden gleichen Verhältnissen ebenso auf Deutschland nehmen würde, unerlässlich mache. Gefahrenpunkte seien ferner vor allem etwaige Verletzung irischer Territorialgewässer durch England oder uns [Deutschland], Ausnutzung gegen England gerichteter radikalnationaler Bewegung, endlich etwaige Kriegshandlungen gegen Bevölkerung jenseits nordirischer Grenze, die Rückkehr zum irischen Staat wünscht.“1030 Um der deutschen Zusicherung noch mehr Gewicht zu verleihen, empfahl Hempel, jegliche Einmischung in innerirische Auseinandersetzungen und das Befahren irischer Hoheitsgewässer durch U-Boote zu vermeiden. Zudem sollte in der nach Irland gesendeten Rundfunkpropaganda die irische Frage mit äußerster Vorsicht behandelt werden, und hinsichtlich der Blockade Englands sollte dem Freistaat eine besondere und entgegenkommende Behandlung entgegengebracht werden.1031 Nicht zuletzt wegen der Invasion kleiner neutraler Länder, wie der Niederlande, Belgiens oder Norwegens, war de Valera von den Zusicherungen Berlins nicht überzeugt.1032 Außerdem waren im Sommer 1940 „(…) beunruhigende Rundfunk- und Pressenachrichten in Bezug auf deutsche Absichten gegenüber Irland zugegangen (…).“ Ribbentrop beauftragte Hempel, der irischen Regierung nochmals zu versichern, dass das Interesse des Deutschen Reiches einzig und allein in der irischen Neutralität bestand.1033 Deutschland spielte ein doppeltes Spiel: Einerseits beteuerte das Auswärtige Amt, die Unparteilichkeit des irischen Staates zu respektieren, andererseits unterhielt man seit einiger Zeit Kontakte zu oppositionellen Gruppen, insbesondere zu James O’Dovonan, dem Verbindungsmann der IRA zur deutschen Abwehr. Und eben diese Verbindungen wiesen ausrei- 1030 Telegramm von Ribbentrop an Hempel, 29. August 1939; Telegramm Nr. 52, Eduard Hempel an das Auswärtige Amt, 31. August 1939, ibid. 1031 Geheimes Telegramm, Hempel an das Auswärtige Amt Berlin, 8. Oktober 1939; Telegramm Ribbentrop an deutsche Gesandtschaft Dublin, 11. Juli 1940, ibid. 1032 Sturm, Hakenkreuz & Kleeblatt, 269. 1033 Bericht Ernst Woermann, 8. Juli 1940; Geheimes Telegramm, Hempel an das Auswärtige Amt, 8. Oktober 1939; Telegramm Ribbentrop an deutsche Gesandtschaft Dublin, 11. Juli 1940, R 102387, PA, AA, Berlin. 6 Frank Ryan im faschistischen Deutschland – Opportunismus oder echte Überzeugung? 282 chend großes Potential auf, die Bemühungen de Valeras, sich nicht in den europäischen Konflikt hineinziehen zu lassen, zunichtezumachen.1034 Das Interesse an Frank Ryan als ehemaliges Mitglied der Untergrundarmee beruhte auch auf den Kontakten, die die deutsche Abwehr mit der IRA unterhielt. Der Zweck und die Intensität dieser Kontakte werden in den nachfolgenden Ausführungen im Detail dargestellt. Deutsch-irische Kooperation – Die Kontakte zwischen der Abwehr und der Irish Republican Army Das Interesse der deutschen Spionageabwehr an Irland wurde erst kurz vor Kriegsbeginn geweckt. Dabei rückte besonders die Irish Republican Army in den Fokus der Deutschen, stellte sie doch für den Nachrichtendienst einen der wichtigsten Verbündeten im Kampf gegen Großbritannien dar. „German foreign policy towards Ireland may be summarised by saying that until early 1939 the Ausw. Amt. was not interested in the IRA: they held it to be a matter of indifference to Germany whether Ulster was ruled by the British or the Irish, and did not wish to antagonize Great Britain. The Ausw. Amt. had accordingly imposed an Abwehr ban on Ireland. This ban was withdrawn in February or March 1939 after the Abwehr had made strong representations that, in view of the strained Anglo-German relations, Germany could not afford not to take advantage of Ireland, which might well proved to be [sic] the Achilles Heel of Great Britain. Even then, however, the Abwehr found the Ausw. Amt. hesitant in allowing the Abwehr to go ahead, and the Ausw. Amt. viewed with some nervousness the Abwehr’s attempt to contact the IRA“.1035 Bei Kriegsausbruch hatte Deutschland kaum Verbindungen im Land, „(…) except among the segments of the IRA prepared to co-operate in varying degrees with the Germans, the Blueshirts, and the representatives of quasi-cultural groups.“1036 Die erste Kontaktaufnahme ging schließlich auch von Vertretern der Untergrundorganisation aus. Im Jahr 1936 besuchte der zu dieser Zeit amtierende IRA-Stabschef Andy Cooney zusammen mit seiner Frau Deutschland. Bei dieser Gelegenheit unterbreitete er den zuständigen Stellen den Vorschlag einer Kooperation zwischen der Untergrundarmee und dem Hitler-Regime gegen das Vereinigte Königreich.1037 Berlin zeigte sich wenig interessiert und ging nicht näher auf die Offerte des Iren ein. Die ganze Angelegenheit verlief folglich zunächst im Sande. Erst einige Jahre später griff die deutsche Abwehr die Idee wieder auf. Im Frühjahr oder Sommer des Jahres 1939 reis- 6.2 1034 Mark M. Hull, Irish Secrets – German Espionage in Wartime Ireland 1939–1945 (Dublin: Irish Academic Press, 2003), 56; Longford & O’Neill, Eamon de Valera, 358. 1035 Notiz 6 zu „German policy towards the IRA until 1940“, ohne Autor, o. D., KV 4/449, NAK Kew, London. 1036 Carolle J. Carter, The Shamrock and the Swastika – German Espionage in Ireland in World War II (Palo Alto: Pacific Books, 1977), 61, 96. 1037 David O’Donoghue, The Devil’s Deal – The IRA, Nazi Germany and the Double Life of Jim O’Donovan (Dublin: New Island, 2010), 112. 6.2 Deutsch-irische Kooperation – Die Kontakte zwischen der Abwehr und der Irish Republican Army 283 te, nach Informationen des britischen Geheimdienstes, der Abwehrmitarbeiter Jupp Hoven mit dem damaligen Stabschef Tom Barry nach Deutschland. Zweck des Besuches waren Gespräche über künftige Aktionen der IRA. Doch führten interne Querelen zur Absetzung Barrys, wodurch auch diesmal keine Ergebnisse von Substanz erzielt wurden. Erst die unter dem neuen Chef der Irish Republican Army, Seán Russell,1038 initiierte Bombing Campaign in Großbritannien bestärkte die Behörde in ihrer Kooperationsabsicht. Die paramilitärischen Strukturen der IRA, insbesondere die Bereitschaft und die Fähigkeit ihrer Kämpfer, Gewalt einzusetzen, waren für den Leiter der Abwehr II, Erwin von Lahousen, interessant, könnte man doch die Organisation für Sabotageoperationen gegen Nordirland und gegebenenfalls gegen Großbritannien einsetzen.1039 Eine der wichtigsten Aktionen der IRA gegen die Briten begann mit einem Ultimatum der Untergrundarmee: Am 12. Januar 1939 erhielt der Foreign Secretary Lord Edward Frederick Lindley Wood, 1. Earl of Halifax, einen Brief mit der Forderung, alle britischen Truppen innerhalb von vier Tagen aus ganz Irland abzuziehen, anderenfalls drohte man mit Aktionen gegen England. Nachdem die britische Regierung dieser Aufforderung nicht Folge geleistet hatte, setzte die Organisation am 16. Januar 1939 ihre Drohung in die Tat um. Anhänger der Untergrundarmee platzierten insgesamt fünf Bomben im Londoner Stadtgebiet, weitere drei Sprengkörper detonierten in Manchester und auch in Liverpool sowie in Birmingham kam es zu Explosionen an diesem Tag. Diese erste Anschlagsserie war nur der Auftakt einer Reihe weiterer Sprengstoffattentate auf britischem Boden. Im Fadenkreuz der IRA befanden sich dabei die Wasser- und Energieversorgung sowie weitere wichtige Betriebe der öffentlichen Hand. Der Sachschaden hielt sich noch in Grenzen. Zum einen hatten die Behörden Glück, zum anderen fehlte den Bombenbauern der nötige technische Sachverstand. Auch achtete die Untergrundarmee zu Beginn der Kampagne noch darauf, keine Menschen zu verletzen. Allerdings drohte sie Westminster, darauf zukünftig keine Rücksicht mehr zu nehmen, sollten die Forderungen nicht umgehend erfüllt werden.1040 Nach fünfzehn Monaten endete die Anschlagsserie, die sich vor allem auf London, die Midlands und den Norden Englands konzentriert hatte, ohne dass die Untergrundarmee ihr anvisiertes Ziel erreicht hatte.1041 Stattdessen schwächten unzählige Verhaftungen die IRA. Zudem reagierten Irland und Großbritannien mit 1038 Aktenvermerk Guy Liddell, 11. April 1943, Ireland & Germany, KV 3/120, NAK Kew, London. Die zeitliche Einordnung dieser Reise ist fehlerhaft, denn Tom Barry wurde 1938 an der Spitze der IRA von Seán Russell abgelöst. Der fragliche Deutschlandbesuch fand wahrscheinlich im Januar 1937 statt. Dickel, deutsche Außenpolitik, 77. Thema der Gespräche waren wahrscheinlich die zukünftige Politik der Untergrundarmee sowie deren Aktivitäten in Irland, England, Nordirland und Deutschland. Geheimer Bericht „Jupp Hoven“, ohne Autor, o. D., DFA/10/P/213, NAI, Dublin. 1039 Carter, Shamrock & Swastika, 61, 96. 1040 „75 Years since the IRA bombed Coventry“, ohne Autor, Irish Examiner, 25. August 2014. [Online]. o. D.. URL: http://www.irishexaminer.com/viewpoints/analysis/75-years-since-the-ira-bomb ed-coventry-283375.html [07.04.2016]; Geheimes Memorandum des Home Secretary S. H. „IRA Outrages“, 30. Juni 1939, CAB/24/287, NAK Kew, London. 1041 Letitia Fairfield (Hrsg.), The Trail of Peter Barnes and Others (The IRA Coventry Explosion of 1939) (London: William Hodge and Company Ltd., 1953), 12. 6 Frank Ryan im faschistischen Deutschland – Opportunismus oder echte Überzeugung? 284 einer Verschärfung der Gesetze, die sogar zum Verbot der irregulären Armee führte.1042 In der irischen Bevölkerung büßte die Organisation mehr und mehr an Rückhalt ein und dies in erster Linie aufgrund der „Massnahmen [sic] gegen eine friedliche Bevölkerung (…). (…) Was jedoch der IRA auch in denjenigen Kreisen beträchtlich geschadet hat, (…), sind die bereits seit geraumer Zeit in Dublin umlaufenden Gerüchte, dass zwischen der IRA und Agenten einer fremden Macht bestimmte Querverbindungen beständen.“ Zwar hatte die Armeeführung dies stets bestritten, aber der englische Innenminister bekräftigte öffentlich, dass die Bombenanschläge von ausländischen Organisationen aktiv unterstützt worden waren. Die irische Presse vermutete sofort, dass England Kontakte zwischen der IRA und deutschen Stellen andeutete und wies derartige Behauptungen entschieden zurück.1043 Spätere Untersuchungen der britischen Behörden kamen zu dem Schluss, dass keine Verbindung, nicht einmal finanzieller Art, zwischen deutschen Agenten, der IRA und der Bombing Campaign bestand. Zwar gab es zu diesem Zeitpunkt noch keine tiefer gehenden Kontakte zwischen der Abwehr und der Untergrundorganisation, allerdings war das Interesse der Behörde geweckt und man ging dazu über, erste Verbindungen zu etablieren. Doch anstatt auf der Ebene bereits existierender persönlicher Beziehungen, über die beispielsweise Jupp Hoven oder Helmut Clissmann verfügten,1044 den Kontakt zu republikanischen Kreisen herzustellen, griff man auf bestehende Verbindungen anderer Behörden zurück. So rückten beispielsweise der vom Propagandaministerium gesteuerte Fichtebund und insbesondere dessen Mitarbeiter Oskar Pfaus in den Mittelpunkt der Bemühungen. Pfaus arbeitete nebenbei als Schriftsteller und pflegte nach wie vor Freundschaften zu Leuten innerhalb der irischen Kreise in den USA, die er aus seiner Zeit in den Staaten kannte. Über seine Arbeit für die Propagandazeitschrift traf er Liam Walsh, den ehemaligen Adjutanten General O’Duffys während des Spanischen Bürgerkriegs. Walsh wiederum war sehr an einer Zusammenarbeit mit dem Fichtebund interessiert. Seine hervorragenden Sprachkenntnisse und die Bekanntschaft mit dem Iren veranlassten die Abwehr in Hamburg, Pfaus im März 1939 nach Irland zu schicken.1045 Vor Ort sollte er versuchen, „(…) zur Führungsgruppe der IRA, die sich in Dublin befinde, Kontakte herzustellen und herauszufinden, ob die Untergrundkämpfer an einer Zusammenarbeit mit Deutschland interessiert seien. Wenn dies der Fall sei, möge die IRA einen Mann ihres Vertrauens zu weiteren Verhandlungen nach Deutschland entsenden.“1046 O’Duffys ehemaliger Adjutant machte den Deutschen mit Vertretern der Untergrundarmee bekannt, sodass Pfaus seinen Auftrag erfolg- 1042 Geheimes Memorandum des Home Secretary S. H. „IRA Outrages“, 30. Juni 1939, CAB/24/287, NAK Kew, London. 1043 Vertraulicher Bericht „Irld. Nr. 11 – Bericht unseres Vertrauensmannes in Irland“, ohne Autor, 1. August 1939, Länderberichte von Vertrauensleuten des Aufklärungsausschusses Hamburg- Bremen: Irland, Nr. 1–8, 11–12, RW 5/585, BAMA, Freiburg. 1044 Bericht „Report on the operations of B1H in connection with Northern Ireland and Eire during the Second World War. German-IRA co-operation.“, KV 4/9, NAK Kew, London. 1045 Vermerk Betreff Irland, AA-Dokument, Name des Absenders nicht identifizierbar, 16. Februar 1940, R 67671, PA, AA, Berlin. 1046 Stephan, Geheimauftrag Irland, 22. 6.2 Deutsch-irische Kooperation – Die Kontakte zwischen der Abwehr und der Irish Republican Army 285 reich abschloss und zum ersten Mal seit Jahren wieder eine Verbindung zwischen Deutschland und den radikal-nationalen Kreisen auf der Insel bestand. Die Organisation hatte ihrerseits großes Interesse, diese Verbindung zu intensivieren und schickte James O’Donovan als Unterhändler ins Deutsche Reich. Es fanden Verhandlungen mit der Abwehr statt. In erster Linie bot die Abwehr dem Iren finanzielle Unterstützung sowie Waffenlieferungen an. Zudem sollte eine Funkverbindung zwischen der IRA und der Abwehr etabliert werden.1047 Auf deutscher Seite setzte man alles daran, diesen Kontakt nicht abreißen zu lassen und entsandte deshalb im Frühjahr 1940 einen weiteren Agenten nach Irland, der die Untergrundarmee mit Geldmitteln versorgen sollte.1048 Eduard Hempel, der als deutscher Gesandter in Dublin mit den örtlichen Gegebenheiten bestens vertraut war, warnte vor einer Kooperation und kritisierte die Pläne der Abwehr den Freistaat betreffend. Er betonte stets, dass geheime Aktionen in Irland nicht nur sinnlos, sondern darüber hinaus auch noch extrem gefährlich wären. Das Einzige, was auf diese Weise erreicht werden konnte, war das Scheitern der irischen Neutralitätspolitik.1049 Zudem warnte der Diplomat davor, die Stärke der radikal-nationalen Kreise zu überschätzen. Aus seiner Sicht mangle es der Untergrundarmee an einer starken Führungsspitze und an ausreichend Schlagkraft, geschweige denn dem nötigen Rückhalt in der Bevölkerung. Diese unterstütze vielmehr den Kurs der Regierung. Hempel wiederholte seine Bedenken im Hinblick auf die IRA in den kommenden Monaten und rief die Abwehr zur größtmöglichen Zurückhaltung auf, da „(…) alle bisherigen Erfahrungen (…) [ein] erhebliches Maß von Mangel an Vorsicht und Indiskretion in bewussten Kreisen [zeigen]. Auch ist ihre Durchsetzung [IRA] mit britischen Spitzeln höchst wahrscheinlich.“ Der deutsche Diplomat erreichte mit seinen Warnungen schließlich, dass ab Juli 1940 keine weiteren Unternehmen in Irland geplant wurden. Für den Fall, dass die Insel erneut in den Fokus der Abwehr rücken sollte, wäre die ausdrückliche Genehmigung des Auswärtigen Amtes nötig. Trotzdem blieben Irland und vor allem die Irish Republican Army im Blickfeld der deutschen Behörden, um diese weiterhin gegen England einsetzen zu können.1050 Das Interesse an Deutschland hatte auf irischer Seite nicht abgenommen. Vielmehr war die Untergrundarmee mehr denn je daran interessiert, die wiederbelebte Verbindung zu den deutschen Behörden nicht abreißen zu lassen. Anfangs beschränkte sich die erneute Annäherung auf die irischen, republikanischen Kreise in den Vereinigten Staaten und hier vor allem auf den Kontakt mit einer der Führungs- 1047 Dickel, deutsche Außenpolitik, 92. 1048 Zusammenfassung für Befragung Dr. Kurt Haller, ohne Autor, 17. November 1945, KV 2/769, NAK Kew, London. 1049 Geheimer Anhang zu Bericht über Deutschlandbesuch von Cruise O’Brien, 29. September 1954, DFA/10/A/20/4, NAI, Dublin. 1050 Streng geheimes Telegramm Nr. 129, Hempel an das Auswärtige Amt, 14. November 1939; Streng geheimes Telegramm Nr. 107, Hempel an das Auswärtige Amt, 24. Februar 1940; geheime Aktennotiz, Woermann an RAM, 24. Juli 1940, Büro des Staatssekretärs – Irland, R 29623, PA, AA, Berlin. 6 Frank Ryan im faschistischen Deutschland – Opportunismus oder echte Überzeugung? 286 persönlichkeiten des Clan na Gael, Joseph McGarrity.1051 Zur Finanzierung des von ihm und Séan Russell initiierten Bombenterrors in Großbritannien nahm die Untergrundarmee die finanzielle Unterstützung des Deutsch-Amerikanischen Bundes, der Hauptorganisation der deutschen Unterstützer der NSDAP in den USA, gerne in Anspruch. Das angestrebte Ziel, eine politische Krise im Vereinten Königreich auszulösen, erreichte die IRA zwar nicht, doch verstärkte die Hilfe der Abwehr die positive Grundeinstellung der Untergrundarmee gegenüber den deutschen Stellen. Der jüngeren Generation in den Reihen der IRA-Kämpfer erschien eine Kooperation mit dem faschistischen Staat durchaus sinnvoll. In ihren Augen hatte der althergebrachte Spruch „England’s difficulty was Ireland’s opportunity“ nach wie vor uneingeschränkte Gültigkeit. Die Führungsspitze der Untergrundarmee sah zwar die Gefahr, dass das Reich nach einem deutschen Sieg über Großbritannien das Königreich als Besatzungsmacht in Irland ablöste. Nichtsdestoweniger war der Konflikt zwischen den beiden Großmächten für die republikanischen Kreise aber nach wie vor sehr willkommen, da man England endlich besiegt sehen wollte. Im Juli 1940, als sich die Eskalation des europäischen Konflikts abzeichnete, veröffentlichte die Führungsspitze ein „Positionspapier“, das sich mit der Rolle der Untergrundarmee im Kriegsfall befasste. „The Third Reich, as the guardian and energising force of European policy is inevitably interested in the continuity of these principles of national freedom enunciated in the past by Germany and the other Great European Powers and if, in the prosecution of the present war, German forces should land in Ireland, they will land, as they did in 1916, as friends and liberators of the Irish people. Germany desires in Ireland neither territory nor the fruit of economic penetration: her reward for any help that she may accord, directly or indirectly, is the freedom of civilised nations from the intolerable yoke of Britain and Britain’s satellites and the reconstruction of a free and progressive Europe.“1052 Im August 1940 zeigte sich die IRA-Führung siegessicher. „With the assistance of our victorious European allies, and by the strength and courage of the Irish Republican Army, Ireland will achieve absolute independence within the next few 1051 Wie konkret diese Kontaktaufnahme aussah, ist nicht nachvollziehbar. Allerdings hatte McGarrity zusammen mit Seán Russell im Oktober 1936 einen Brief an Dr. Hans Luther, den deutschen Botschafter in Washington, geschrieben. In diesem Brief entschuldigte man sich im Namen Russells für die Weigerung der irischen Regierung, die Bucht von Galway für die deutsche Luftpost vorübergehend als Zwischenstation zu nutzen. Während des Besuchs seiner alten Heimat, der Grafschaft Tyrone, nutzte McGarrity die Gelegenheit und unternahm auf der Rückfahrt in die Staaten einen Abstecher nach Hamburg. Es ist anzunehmen, dass er hoffte, dort mit Adolf Hitler persönlich zu sprechen, traf jedoch Hermann Göring. Über diese Reise nach Hamburg und dem Zusammentreffen mit Reichsmarschall Göring gibt es jedoch keine Aufzeichnungen. Es ist anzunehmen, dass McGarrity um deutsche Unterstützung für die Bombing Campaign der IRA warb. Nach seiner Rückkehr in die USA warb er weiterhin für die Unterstützung der Bombing Campaign der IRA in England und zeigte sich sehr enttäuscht, als die erhoffte deutsche Unterstützung, militärisch und finanziell, für Irland ausblieb. Tarpey, Role of Joseph McGarrity, 306f, 333f, 336f. 1052 Brian Hanley, „‚Oh Here’s to Adolph Hitler‘? – The IRA and the Nazis“, History Ireland 13 Nr. 3 (May/June 2005). [Online]. o. D.. URL: http://www.historyireland.com/20th-century-contempo rary-history/oh-heres-to-adolph-hitler-the-IRA-and-the-nazis/ [02.11.2013]; Pamphlet „George Bernard Shaw Appeals to the I.R.A. Friendship with Britain“, 25. Juli 1940. [Online]. o. D.. URL: https://cedarlounge.files.wordpress.com/2009/08/gbs-appeal-to-ira.pdf [31.05.2017]. 6.2 Deutsch-irische Kooperation – Die Kontakte zwischen der Abwehr und der Irish Republican Army 287 months.“1053 Deshalb war die Armeeführung sehr an den Kontakten zu Deutschland interessiert und bereit, diese weiter auszubauen. Für Deutschland waren die Kontakte zur IRA auch von immenser Bedeutung. Um im Krieg gegen Großbritannien einen Vorteil zu erlangen, hoffte die Abwehr durch die Unterstützung der Untergrundarmee Unruhen im Freistaat zu provozieren. Die Deutschen hofften darauf, dass britische Armeeverbände in Irland gebunden werden könnten und sich das Vereinigte Königreich mit einen Zwei-Fronten-Krieg konfrontiert sehen würde. In diesem Plan spielte Frank Ryan eine Rolle, jedoch hatte das Auswärtige Amt noch ein weiteres Ass im Ärmel. Das folgende Kapitel befasst sich mit dem wichtigsten und erfolgversprechendsten deutschen Geheimdienstunternehmen mit Ziel Irland: Operation Taube. Zunächst werden die Hintergründe, aus welchem Grund die deutsche Führung für ein Geheimdienstprojekt in Irland überhaupt Interesse zeigte, näher beleuchtet. Operation Taube – das wichtigste deutsche Unternehmen in Irland Seán Russell und die Vorbereitungen für Operation Taube Während Frank Ryan sich nach seiner Entlassung aus dem Burgos-Gefängnis in der Obhut von Kurt Haller zwischenzeitlich in San Sebastian befand,1054 waren die deutschen Stellen damit beschäftigt, eine wichtige Operation zu planen. In dem geheimdienstlichen Unternehmen mit dem Ziel Irland spielte der ehemalige Weggefährte und persönliche Freund Ryans, Seán Russell, eine zentrale Rolle. John Angelo Russell, der am 13. Oktober 1893 in Dublin zur Welt kam,1055 hatte sich früh den nationalen Kreisen zugewandt und war 1913 den Volunteers beigetreten. Der E-Company des 2. Bataillons der Dublin Brigade zugeteilt, stieg Russell bis zum stellvertretenden Kommandeur der Abteilung auf. Nach der Spaltung der Organisation wandte sich der Ire dem extrem republikanischen Teil zu. Während des Osteraufstandes im Jahr 1916 kämpfte er in Dublin im Fairview-Viertel.1056 Im Jahr 1920 avancierte er zum Director of Munitions innerhalb der IRA. Dabei war Russell aktiv an Bombenanschlägen beteiligt und sprengte beispielsweise 1921 das Dublin Custom House in North Wall. Russell lebte zusammen mit seinen beiden Brüdern in der North Strand Road in Dublin. Obwohl er, ebenso wie Frank Ryan, am University College Dublin ein Studium im Bereich Ingenieurwissenschaften absolviert hatte, übte er diesen Beruf nie aus. Vielmehr betrieb er in den Jahren 1928 bis 1934 einen Gemüseladen, was nicht zuletzt aufgrund seiner äußeren Erscheinung und seiner Vorliebe für rote Sportwagen ein merkwürdiges Bild abgab. Insgesamt war der Ire eine interessante Erscheinung: 6.3 6.3.1 1053 Pamphlet „War News“, Republican Publicity Bureau, Belfast, 23. August 1940, Seán MacEntee Papers, P 67/527, UCDA, Dublin. 1054 Bowyer Bell, The Secret Army, 130f. 1055 Kopie der Geburtsurkunde Seán Russells, 13. November 1942, Seán Russell File, G2/3010, MACBB, Dublin. 1056 Bericht über Russells Karriere, ohne Autor, o. D., AFP, p. 7655, NLI, Dublin. 6 Frank Ryan im faschistischen Deutschland – Opportunismus oder echte Überzeugung? 288 „(…) about 5 feet ten inches in height; gray eyes, in a face that is very set and has a jutting chin. Above the fanatical face sprouts fluffy, upstanding red hair.“ Darüber hinaus bezeichnete man ihn als grimmigen, harten und skrupellosen Mann, der sehr barsch mit seinen Untergebenen umging.1057 Trotz seines Einsatzes und seiner ideologischen Überzeugung, was die Ziele der irischen Untergrundarmee anbelangte, war er innerhalb der Organisation nicht unumstritten. Vor allem weil er eine radikale Gewaltpolitik befürwortete, stand er in der Kritik. Deshalb sah es Mitte der dreißiger Jahre nicht so aus, als verbliebe Seán Russell in der Führungsspitze der IRA. 1936 löste Seán MacBride Moss Twomey als Vorsitzenden der Untergrundarmee ab. Schon im Vorfeld der personellen Veränderungen war es zu Differenzen zwischen den beiden Männern gekommen, die in dem Vorwurf gipfelten, Russell hätte Gelder der Organisation veruntreut. Er wurde daraufhin vor das IRA-eigene Kriegsgericht gestellt und musste vorläufig seinen Posten in der Armeeführung aufgeben.1058 Obwohl der Großteil aller langjährigen Mitglieder sich gegen eine Rückkehr Russells ausgesprochen hatte, schaffte er es im April 1938, wieder in die Führungsriege der Untergrundarmee aufzusteigen. Er beerbte sogar den damals amtierenden Stabschef Tom Barry. Zwar waren die alteingesessenen Anhänger der Organisation gegen den radikalen Iren, doch die jüngere Generation der IRA sah in dessen Gewaltstrategie ein probates Mittel, die Wiedervereinigung des Landes zu erzwingen. Seine Erfahrung überzeugte die neue Generation der radikalen Iren davon, dass Russell für dieses Ziel genau die richten Qualitäten besaß. Außerdem war der Stabschef überzeugt, dass die Teilung des Landes nie ein Ende finden würde, wenn die beiden Teile Irlands einander bekämpften. Russell war vielmehr der Meinung, dass Großbritannien zukünftig das Ziel aller Aktionen der IRA sein sollte, denn die Regierung in London war ausschließlich an der Aufrechterhaltung des geteilten Irlands interessiert.1059 Abbildung 9 – Passbild des IRA-Stabschefs Seán Russell aus dem Reisepass, der ihm vom deutschen Generalkonsulat in Genua ausgestellt wurde Quelle: Enno Stephan Collection, MACBB, Dublin 1057 C. A. Lyons, „The Man Behind The Bombs“, Living Age 357 (September 1939): 43–46. 1058 Cronin, Blueshirts & Irish Politics, 20ff. 1059 Coogan, The IRA, 87ff. 6.3 Operation Taube – das wichtigste deutsche Unternehmen in Irland 289 Um den Kampf zu finanzieren, benötigte die Untergrundarmee deutsche Unterstützung. Jedoch waren – nach anfänglichen Fortschritten – die Verhandlungen mit der Abwehr ins Stocken geraten. Die Durchführung der Bombing Campaign schien gefährdet, denn die Gespräche zwischen dem Vertreter der IRA, James „Jim“ O’Donovan und den Major Friedrich Carl Marwede, dem Leiter der Gruppe 1/W (West) der Abwehrabteilung II,1060 hatten insbesondere in finanzieller Hinsicht noch keine konkreten Ergebnisse gebracht. Die Führung der IRA entschloss sich deshalb dazu, den Stabschef nach Amerika zu schicken, um mit Joseph McGarrity, einem guten Bekannten Russells und einem der einflussreichsten Vertreter des Clan na Gael, zu kooperieren.1061 Im Frühjahr 1939 reiste Russell im Besitz eines gültigen Visums und als offizieller Vertreter der Irish Republican Army in die USA, wo er sowohl die finanzielle als auch die moralische Unterstützung der in den Staaten lebenden Iren sicherstellen sollte, um auf diese Weise Terroranschläge in Großbritannien zu finanzieren. Die Regierung in London zeigte sich über die Reise und Russells öffentliche Propagandaveranstaltungen besorgt. Aus diesem Grund rief Whitehall die amerikanischen Behörden dazu auf, den IRA-Mann genauestens zu überwachen. Den Briten war sogar daran gelegen, dass der Ire sofort abgeschoben würde, denn zeitgleich mit Russell hatte das britische Königspaar seinen Besuch in den Staaten angekündigt. Neben der Kenntnis über den engen Kontakt zum Clan na Gael gab es Informationen, wonach sich Russell auch mit dem Vorsitzenden des Deutsch-Amerikanischen Bundes in Verbindung setzte, um ein Attentat auf den König in New York zu planen und britische Schiffe zu sabotieren. Die Behörden nahmen die Gerüchte sehr ernst und ließen den Iren fortan ständig überwachen. Am 5. Juni 1939 verhaftete die amerikanische Polizei Seán Russell in Detroit.1062 Die Einwanderungsbehörde warf ihm vor, dass er sich nach Ablauf seines dreißigtägigen Besuchervisums noch in den USA aufhielt.1063 Der eigentliche Grund für die Festsetzung waren aber weder die 1060 Zwischen den beiden Männern fanden insgesamt drei Treffen in Deutschland statt. Das erste Treffen zwischen O’Donovan und Marwede erfolgte im Februar 1939 in Hamburg. Weitere Unterredungen zwischen den beiden Männern fanden ab dem 26. April 1939 wiederum in Hamburg statt. Im August 1939 reiste der Ire ein letztes Mal nach Hamburg und Berlin, um über die mögliche deutsche Unterstützung der IRA zu sprechen. Hull, Irish Secrets, 60ff. Friedrich Carl Marwede wurde 1895 in Bremen geboren und studierte in der Schweiz Rechtswissenschaften. Er kämpfte im 1. Weltkrieg in Russland und geriet in Gefangenschaft in Sibirien. Nach seiner Flucht und der Rückkehr nach Deutschland war er in leitender Funktion bei verschiedenen Zeitungen. Nach der Machtübernahme wurde er Offizier beim Oberkommando der Wehrmacht. In dieser Position wurde er der deutschen Abwehr in der Amtsgruppe Ausland/Abwehr zugeteilt. Seine Abteilung beschäftigte sich mit der Kontaktaufnahme zu ausländischen militärischen Gruppierungen. Herbert Schwarzwälder, Das Große Bremen-Lexikon (Bremen: Edition Temmen, 2003), 575. 1061 David O’Donoghue, „New evidence on IRA/Nazi links“, History Ireland 19 Nr. 2 (März/April 2011): 37f. 1062 A 3527, Telegramm Nr. 222 an Sir. R. Lindsay in Washington, ohne Absender, 17. May 1939; W 3633, Telegramm Nr. 231, Sir R. Lindsay an das Außenministerium in London, 20. Mai 1939; A 3994, Telegramm Nr. 251, Sir R. Lindsay an das Außenministerium in London, 5. Juni 1939, FO 371/22831, NAK Kew, London. 1063 Bericht Garth Healy an das Außenministerium in Dublin, 13. Juni 1939, Seán Russell, JUS 8/802, NAI, Dublin. 6 Frank Ryan im faschistischen Deutschland – Opportunismus oder echte Überzeugung? 290 ungültige Aufenthaltsgenehmigung noch seine Propagandaarbeit vor Ort. Vielmehr befürchteten die Behörden, der Ire plane zusammen mit seinen Unterstützern aus den Reihen des Clan na Gael, allen voran Joseph McGarrity, einen Anschlag auf das Königspaar, dessen Staatsbesuch unmittelbar bevorstand.1064 Die Verhaftung löste eine Welle der Entrüstung innerhalb der iro-amerikanischen Kreise aus. Sogar Delegierte des Kongresses übten öffentlich Kritik an der Vorgehensweise der Regierung. Berichten zufolge drohten sogar siebzig, meist irisch-stämmige Abgeordnete, damit, den anstehenden Empfang des Königspaares zu boykottieren, sollte Präsident Franklin D. Roosevelt die Angelegenheit nicht umgehend klären. Der Protest der Kongressabgeordneten war weniger den Sympathien für Russell als Person, sondern vielmehr dem Vorgehen der britischen Regierung geschuldet. Denn die Behörden in Detroit kamen der Bitte Scotland Yards um eine lückenlose Überwachung des IRA-Chefs nach, damit sie später dem Wunsch der britischen Regierung entsprechen und Russell verhaften konnten. Um die Situation nicht weiter eskalieren zu lassen, ließ die Einwanderungsbehörde den Iren gegen Zahlung einer Kaution und unter Auflagen frei. Diese verpflichteten Russell dazu, bei einer für den kommenden Tag anberaumten Anhörung zu erscheinen.1065 Die Kautionssumme in Höhe von 5.000 $ stellte der Clan na Gael.1066 Der Ire hatte aber nicht vor, den Gerichtstermin wahrzunehmen. Vielmehr nutzte er die Gelegenheit, mithilfe seiner Kontakte unterzutauchen. Die Behörden vermuteten, dass der Anführer der Untergrundarmee nach einem Auftritt in New York nach Philadelphia gereist war. Allerdings fehlten konkrete Beweise dafür, dass er sich wirklich dort aufhielt. Vielmehr verdichteten sich die Anzeichen, dass der Ire Vorbereitungen traf, das Land zu verlassen.1067 Die Planungen dazu gestalteten sich jedoch schwieriger als gedacht. Russell konnte nicht einfach in Irland oder Großbritannien einreisen, denn seine Bombenanschläge hatten dafür gesorgt, dass sein Name auf der Fahndungsliste stand. Außerdem überwachten die Behörden alle Häfen, Flughäfen und Bahnhöfe sowie alle Grenzübergänge. Die britische Regierung erließ sogar ein offizielles Einreiseverbot gegen den Stabschef und 37 weitere führende Mitglieder der Untergrundarmee.1068 Aber auch die Unterstützung der Iren-Organisation in den USA schwand. Sein Plan, Unterstützung für die Bombing Campaign durch den Clan na Gael zu sichern und sich auch in den USA als neuer Stabschef der IRA zu etablieren,1069 hatte sich anders entwickelt, als erwartet. Bei einem seiner letzten öffentlichen Auftritte vor Mitgliedern des Clan na Gael am 16. Juni 1939 wurde dem Armeechef 1064 „FBI arrests Irish army staff chief “, Evening News, 6. Juni 1939, JUS 8/802, NAI, Dublin. 1065 „Seán Russell Is Released After Protest To U.S. President“, Zeitungsausschnitt, 9. Juni 1939, Seán O’Mahony Papers, MS 44,132/4, NLI, Dublin. 1066 „U.S. Sequel To IRA Leader’s Arrest“, Evening Herald, 14. September 1948, Seán Russell File, G2/3010, MACBB, Dublin. 1067 A 5050, Telegramm Nr. 776, Sir. R. Linsay an Viscount Halifax, 13. Juli 1939, FO 371/22831, NAK Kew, London. 1068 Studie B (Die IRA im Spiegel der Weltpresse – 1936–1939), DNB-Meldung, 3. August 1939, Enno Stephan Collection, MACBB, Dublin. 1069 Hull, Irish Secrets, 128. 6.3 Operation Taube – das wichtigste deutsche Unternehmen in Irland 291 ein sehr verhaltener Empfang bereitet.1070 Dies schränkte auch seine Ausreisemöglichkeiten erheblich ein. Durch sein Verschwinden hatte Russell gegen die Bewährungsauflagen verstoßen. Gerüchten zufolge plante er deshalb, das Land heimlich als blinder Passagier an Bord eines Schiffes zu verlassen. Da es aber weiterhin keine Beweise gab, dass er sich nicht mehr auf amerikanischen Boden befand, häuften sich die Spekulationen. Meldungen tauchten auf, wonach sich der IRA-Chef zusammen mit Joseph McGarrity auf dem Weg nach Deutschland befinde. Anderen Gerüchten zufolge absolviere er weitere Propagandaauftritte in Chicago. Das britische Konsulat hingegen berichtete, dass Russells Versuch, am 4. August 1939 in Liverpool an Land zu gehen, gescheitert sei. Die zuständigen Beamten hätten an der Echtheit seiner Papiere gezweifelt und ihm die Einreise verweigert, weshalb der Ire in die USA zurückgekehrt sei.1071 In den folgenden Monaten gab es unzählige Informationen, wo sich der IRA-Chef tatsächlich aufhalten sollte. Berichten zufolge befand er sich sowohl in Deutschland als auch in Irland.1072 In Wahrheit hatte Russell aber New York nicht verlassen. Er hielt sich die gesamte Zeit verborgen, um auf die passende Gelegenheit zu warten, die Staaten zu verlassen.1073 Russell war nun intensiv damit beschäftigt, herauszufinden, wie es für ihn weitergehen sollte. Nachdem die Rückkehr in die Heimat keine Option darstellte, rückte das Deutsche Reich als Alternative in den Fokus. Nicht zum ersten Mal wandte sich Russell an deutsche Stellen: Im Oktober 1936 hatte er zwei Briefe an den deutschen Botschafter in Washington geschrieben, worin er sich in seiner Funktion als „Special Envoy to the United States“ sowie „Quartermaster General“ der IRA und vor allem im Namen des irischen Volkes dafür entschuldigte, dass der irische Freistaat deutschen Zivilflugzeugen die Landeerlaubnis auf irischen Flughäfen verweigerte.1074 Gleichzeitig beschwor er die enge Freundschaft zwischen den beiden Ländern, insbesondere in der Vergangenheit während der Zusammenarbeit mit Sir Roger Casement.1075 Über die Gründe für die Entscheidung Russells, das Deutsche Reich um Unterstützung zu 1070 Der Bericht des britischen Botschaftsmitarbeiters geht nicht im Detail darauf ein, bei welchem konkreten Vortrag dieser Zwischenfall stattfand und wo sich genau diese „unfavourable reception“ ereignete. Was genau sich hinter dieser Formulierung verbirgt, geht aus dem Bericht des Generalkonsuls des britischen Konsulats in New York nicht hervor. A 5383, persönlicher und vertraulicher Bericht Nr. 283, Godfrey Haggard an F. H. Hoyar Miller, 24. Juli 1939, FO 371/22831, NAK Kew, London. 1071 A 5383, Telegramm Nr. 283, Godfrey Haggard an F. R. Hoyer Miller, 24. Juli 1939; A 5576, Telegramm Sir Robert Lindsay an das britische Außenministerium, 14. August 1939; A 6340, Telegramm Nr. 333, Godfrey Haggard an The Chancery der britischen Botschaft in Washington, 24. August 1939, FO 371/22831, NAK Kew, London. 1072 Memo – Seán Russell, ohne Autor, o. D., 1941, Seán Russell, G2/3010, MACBB, Dublin. 1073 Hull, Irish Secrets, 128. 1074 Brief Seán Russell an den deutschen Botschafter in Washington, Dr. Hans Luther, 21. Oktober 1936, Botschaft Washington Nr. 1026, PA, AA, Berlin. 1075 Brief Seán Russell an den deutschen Botschafter in Washington, 15. Oktober 1936, MGP, MS 17,485, NLI, Dublin. 6 Frank Ryan im faschistischen Deutschland – Opportunismus oder echte Überzeugung? 292 bitten, gibt es viele Spekulationen. SS-Standartenführer Dr. Edmund Veesenmayer1076, der Irland-Beauftragte des Auswärtigen Amtes, gab nach dem Krieg an, dass Russell lediglich die Möglichkeit gesehen habe, durch deutsche Unterstützung in seine Heimat zurückzukehren.1077 Zum anderen gab es Gerüchte, wonach der Ire die Untergrundarmee mithilfe der Deutschen reorganisieren und auf den Kampf gegen Großbritannien habe ausrichten wollen.1078 Unabhängig von seinen Beweggründen nutzte Russell seine Kontakte in den USA, um einen Mittelsmann für die Verhandlungen mit den deutschen Stellen zu finden. Die Wahl fiel auf den Amerikaner John, bzw. Seán McCarthy, einem Mitglied des Clan na Gael in New York, der als Steward an Bord des amerikanischen Passagierschiffs Washington arbeitete. Als er im Rahmen seiner Arbeit nach Genua kam, nutzte McCarthy die Gelegenheit und kontaktierte im Januar 1940 Mitarbeiter des deutschen Konsulats in Genua. Das Telegramm Nr. 7 vom 24. Januar 1940 lautete: „Aus New York eingetroffener Abgesandter irischer Bewegung John Mac Carthy [sic] anfragte, heute, ob die deutsche Regierung bereit, den ohne Wissen der amerikanischen Regierung noch in New York befindlichen Chief of Staff irischer Bewegung John Russel [sic] nach Irland zu bringen. (…) Anfrage ergeht, da direkter Verkehr Amerika Irland eingestellt und Weg über London wegen Gefahr Verhaftung unmöglich.“1079 Obwohl Berlin diesem Vorschlag gegenüber offen war und der Amtschef der Abwehr II, Oberst Erwin Edler von Lahousen, es grundsätzlich genehmigte, mit dem Armeeführer Verbindung aufzunehmen,1080 gab es auch kritische Stimmen. Allen voran zeigte 1076 Einzelheiten zu Dr. Edmund Veesenmayers Leben beruhen in erster Linie auf Akteneinträgen, die er selbst so zu Protokoll gegeben hat. Veesenmayer äußerte sich während und auch nach dem Krieg nur sehr spärlich zu seinem Lebenslauf. Edmund Johann Joseph Veesenmayer wurde am 12. November 1904 in Bad Kissingen geboren. Seine Jugend verbrachte er in Kempten, wo er die Realschule erfolgreich abschloss. Als junger Mann ging er ohne Unterstützung seiner Eltern nach München und besuchte dort die Oberrealschule. Nach dem Abitur begann er an der Technischen Universität in München das Studium der Volkswirtschaftslehre. Auch dieses hatte er sich durch Nebentätigkeiten, wie beispielsweise Werkstudent, Filmstatist, Lohnarbeiter u. ä. finanziert. Die offensichtlich guten Leistungen während des Studiums, Nachweise hierüber gibt es nicht, wie Igor- Philip Matić in seinem Buch über Veesenmayer berichtet, befähigten ihn zur Promotion. Nach dem Abschluss im Jahr 1928 war er zunächst als Assistent und Archivar am Technisch-Wirtschaftlichen Institut der Hochschule tätig. Zwei Jahre später übernahm er die Leitung der Bibliothek und dozierte bis ins Jahr 1934 an der Technischen Universität. 1934 zog Veesenmayer nach Berlin und war sodann als Wirtschaftsassistent für das Referat des St. S. Wilhelm Keppler, des damaligen Wirtschaftsbeauftragten des Führers, tätig. Keppler war von dem jungen Mann beeindruckt und förderte dessen politische Karriere. Im Jahr 1932 wurde er Mitglied der NSDAP und zwei Jahre später trat er im Rang eines Unterscharführers der SS bei. Ab 1937 übernahm Veesenmayer im Auftrag des Reichsaußenministers Joachim von Ribbentrop verschiedene Sonderaufgaben, beispielsweise in Österreich. Diese erledigte er zur vollsten Zufriedenheit seiner Vorgesetzten. Personalbogen Dr. Edmund Veesenmayer, 15. Juli 1944, Personalbögen Nr. 4663 Veesenmayer, PA, AA, Berlin; Igor-Philip Matić, Edmund Veesenmayer – Agent und Diplomat der nationalsozialistischen Expansionspolitik (München: R. Oldenbourg Verlag, 2002), 12, 19ff. 1077 Vernehmungsprotokoll Dr. Edmund Veesenmayer durch Rudolf Pins, 1. April 1947, Rep. 502 V6, KV Anklage Dr. Veesenmayer, StA, Nürnberg. 1078 Dickel, deutsche Außenpolitik, 107. 1079 Geheimes Telegramm Nr. 7, Schmid an das Auswärtige Amt, 24. Januar 1940, Irland, R 29623, PA, AA, Berlin. 1080 Eintrag im KTB der Abwehr II, 30. Januar 1940, KTB Band 1, F 23/1a, IfZ, München. 6.3 Operation Taube – das wichtigste deutsche Unternehmen in Irland 293 sich der deutsche Gesandte in Dublin, Eduard Hempel, mehr als besorgt von dieser Entwicklung. Wie schon bei früheren Gelegenheiten riet der Diplomat dem Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt, Ernst Woermann, dringend davon ab, dem Iren Hilfestellung zu geben oder gar mit ihm zu kooperieren. Hempel erkannte nicht nur eine Gefahr für die neutrale Haltung Irlands und negative Auswirkungen auf die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten, sondern zweifelte auch nach wie vor an der Schlagkraft der Untergrundarmee und an der Führungskompetenz Seán Russells. Der Ire hatte sich mit seiner Terrorkampagne in Großbritannien selbst innerhalb der national-radikalen Kreise in seiner Heimat nicht nur Freunde gemacht. In Berlin sah man die Angelegenheit differenzierter: Die deutsche Regierung war der Ansicht, dass sowohl das Kabinett als auch die Untergrundarmee das gleiche Ziel verfolgten – die Unabhängigkeit des Landes von Großbritannien. „Die Regierung hofft mit legalen politischen Mitteln zum Ziel zu kommen, während die IRA den Erfolg mit terroristischen Mitteln herbeizuführen sucht.“ Daraus folgerte das Auswärtige Amt: „Durch ihre kämpferische Einstellung gegen England ist die IRA ein natürlicher Bundesgenosse Deutschlands.“1081 Entgegen Hempels Bedenken entschied Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop, dass das Auswärtige Amt ab sofort mit der Angelegenheit betraut werde und wies an, mit McCarthy Kontakt aufzunehmen, sobald sich dieser wieder in Genua befand. Ende März 1940 beauftragte die Abwehr II in Abstimmung mit dem Auswärtigen Amt Franz Fromme, nach Italien zu reisen und mit McCarthy in Kontakt zu treten. Bei diesem Gespräch bekräftigte McCarthy nochmals, dass er und seine Freunde in Amerika bereit waren, die Deutschen zu unterstützen. Zudem wurde vereinbart, dass ein Verbindungsmann nach Übersee entsandt werden sollte, um den Kontakt zwischen den republikanischen Kreisen und den deutschen Stellen in Berlin zu gewährleisten. Mit dieser Aufgabe wurde der Abwehrmitarbeiter Carl Rekowski, betraut.1082 Der ausgearbeitete Plan sah vor, Russell wie vorgeschlagen über Italien nach Berlin zu bringen und so die Möglichkeiten einer Kooperation mit der Untergrundar- 1081 Geheimes Telegramm, Hempel an Unterstaatssekretär Woermann, 27. Januar 1940; Bericht zu „Telegramm Nr. 7 aus Genua und Telegrammen Nr. 50 u. 52 aus Dublin betr. Irland, Unterstaatssekretär Woermann an den Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop, 10. Februar 1940, Irland, R 29623, PA, AA, Berlin. 1082 Eidesstattliche Erklärung Carl Rekowski, 17. Dezember 1947, MA 1563/44, IfZ, München; Hull, Irish Secrets, 129f. Carl Rekowski wurde 1899 in Bremen geboren und war nach dem Schulabschluss in verschiedenen Exportfirmen in Deutschland tätig. Ab 1934 arbeitete er als Vertreter deutscher Firmen in den USA und ab Ende 1936 vertrat er als Exportberater den Verband Deutscher Druckpapierfabriken in Mexiko. Die OKW Abwehr II wurde laut Rekowski auf seine Verbindungen in die USA und Mexiko aufmerksam. Gemäß Kurt Haller teilten sich die beiden Abwehrmitarbeiter, Major Friedrich Carl Marwede zusammen mit Hermann Goertz, während einer Zugfahrt das Abteil mit Rekowski und kamen ins Gespräch. Dabei erschienen Marwede die Beziehungen und Verbindungen des Kaufmanns in Übersee derart interessant, dass er Rekowski für die Arbeit bei der Abwehr II anwarb. Nach anfänglichem Zögern ließ er sich für die Arbeit der Abwehr rekrutieren. Laut eigener Aussage bestand seine Aufgabe darin, als Kurier für den Informationsaustausch zwischen Berlin und Mitgliedern der IRA in den USA zu fungieren. Zu Rekowskis Kontakten gehörte auch Seán McCarthy, der fortan als Verbindungsmann zwischen der Abwehr und dem Clan na Gael fungierte, die sich jedoch bald als sehr lose Verbindung herausstellte. Rekowski jedoch berichtete Berlin von sechs erfolgreichen Sabotageoperationen auf britischen und amerika- 6 Frank Ryan im faschistischen Deutschland – Opportunismus oder echte Überzeugung? 294 mee auszuloten. Das Ministerium übertrug Dr. Edmund Veesenmayer das Ressort Irland. Laut eigener Aussage sei die Wahl auf ihn gefallen, denn das Auswärtige Amt habe keinen „wichtigen“ Beamten mit dieser Aufgabe betrauen wollen.1083 Veesenmayer war innerhalb des Auswärtigen Amtes für seine Durchsetzungsfähigkeit gegen- über anderen Dienststellen bekannt und der Ruf eines Mannes, der auch harten Konfrontationen nicht auswich, eilte ihm voraus. Darüber hinaus machte ihn seine Begabung für destabilisierende Maßnahmen in Nachbarstaaten und auf dem Balkan im Rahmen der deutschen Expansionspolitik für diese Aufgabe mehr als interessant. „(…) Veesenmayer [galt] mittlerweile im Auswärtigen Amt als Meister des ‚coup d’état‘, den man nun auch in der Kriegführung [sic] gegen Großbritannien einzusetzen gedachte.“ Der irische Freistaat und insbesondere die Möglichkeiten, die die Untergrundarmee bot, hatten sich in den Augen der deutschen Führung zu einem wichtigen Faktor im Kampf gegen England entwickelt.1084 „Die Grundlage dieser Sache war, dass ähnlich wie im ersten [sic] Weltkrieg die irischen Freiheitsleute in Koordinierung zu den englischen Kriegszielen gebracht werden sollten [sic] um dafür im Rücken Englands Kräfte zu verwenden und uns zusätzlich Bundesgenossen zu schaffen (…).“1085 Berlin hoffte, durch die Nutzung radikal-irischer Interessen Großbritannien zu schwächen. Deshalb war es Veesenmayers Aufgabe, sich der Angelegenheit anzunehmen. Neben der Betreuung des Iren sollte er auch den Kontakt zu Russell herstellen.1086 Nach der Freigabe des Reichsaußenministers entsandte die Abwehr einen Vertrauensmann nach Genua, um den Kontakt zu McCarthy, der sich zwischenzeitlich wieder in Italien befand, herzustellen. Franz Fromme,1087 der Vertreter der Abwehr, der nach Genua reiste, sollte in erster Linie die Vertrauenswürdigkeit des amerikaninischen Schiffen, die von McCarthy und seinen Männern durch die Unterstützung Rekowskis durchgeführt wurden. Berlin hatte Zweifel am Wahrheitsgehalt dieser Aussagen, denn Rekowski konnte keine Details zu den Aktionen nennen und kannte auch nicht die Namen der betroffenen Schiffe. Es hatte vielmehr den Anschein, dass der Deutsche diese Aktionen erfand, damit weiterhin Geld nach Mexiko floss, das er für private Zwecke nutzte, denn es stellte sich 1946 heraus, dass Rekowski ein beträchtliches Vermögen in Mexiko angehäuft hatte. Eidesstattliche Erklärung Carl Rekowski, 17. Dezember 1947, MA 1563/44, IfZ, München; Gavin Wilk, Transatlantic Defiance – The militant Irish republican movement in America, 1923–45 (Manchester: Manchester University Press, 2014), 168; Stephan, Vergessene Episode, Enno Stephan Collection, MACBB, Dublin, 289. 1083 Es war allerdings auch möglich, dass Veesenmayers schlechtes Verhältnis zu seinem Kollegen Manfred von Killinger dazu geführt hatte, dass man ihm den Irland-Auftrag übertrug. Zusammenfassung „Veesenmayer – Interrogation by Harry E Howard“, 5. Oktober 1945, MA 1300–3, IfZ, München. 1084 Veesenmayer war als Mitarbeiter von Wilhelm Keppler ab 1937 maßgeblich am Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich beteiligt. Im Vorfeld des deutschen Polenfeldzugs verschärfte Veesenmayer als Provokateur die deutsch-polnischen Spannungen. Darüber hinaus war er kurz vor dem deutschen Angriff auf Jugoslawien im April 1941 am Balkan tätig, um Kroatiens Unabhängigkeit von Serbien voranzutreiben. Matić, Veesenmayer, 85f, 96, 99, 133. 1085 Vernehmung Dr. Edmund Veesenmayer durch Mr. De Vries, 18. März 1947, ZS 1554 Veesenmayer, IfZ, München. 1086 Geheime Reichssache Woermann an von Rintelen, 23. März 1939, Irland, R 29623, PA, AA, Berlin. 1087 Franz Fromme wurde in den frühen 1920er Jahren von der Abwehr als Agent rekrutiert. Seine Bewunderung für den irischen Nationalismus bescherte ihm verschiedene Aufträge in Irland, deren Zweck darin bestand, sich mit der politischen Lage im Freistaat vertraut zu machen. Zudem unter- 6.3 Operation Taube – das wichtigste deutsche Unternehmen in Irland 295 schen IRA-Manns überprüfen. Gleichzeitig sammelte er so zusätzliche Informationen über die irisch-nationale Bewegung in den Vereinigten Staaten. Die Abwehr plante, auch die irischen Kreise in den USA für deutsche Zwecke zu nutzen. „In anbetracht [sic] der technisch schwierigen und unvollkommenen Verbindungswege zu den Iren in Irland, bestand das Interesse der Abwehr II an den Amerika-Iren zunaechst darin, einen zusaetzlichen Konnex mit Irland ueber irische Kreise in den USA zu schaffen, um dadurch die Sabotagetaetigkeit der Iren in England besser zu beeinflussen.“1088 Nachdem Fromme den zuständigen Stellen über sein Treffen mit MacCarthy Bericht erstattet hatte, genehmigte das Auswärtige Amt den Kontakt mit Russell. Allerdings stellte die Behörde eine Bedingung: Der künftige Einsatz des Iren hatte sich ausschließlich auf militärische Aktionen zu beschränken. Überdies war für eine mögliche Rückkehr nach Irland die Zustimmung des Auswärtigen Amtes nötig. Mit der Unterstützung des Ministeriums begann die Abwehr II nun mit den Vorbereitungen für die Ankunft des IRA-Stabschefs. Der Plan sah vor, dass Russell New York am 6. April 1940 verließ, denn zehn Tage später sollte seine Kaution verfallen und eine erneute Verhaftung wäre unvermeidlich. Allerdings gab es Probleme, den Iren als blinden Passagier auf einem Schiff unterzubringen, was dazu führte, dass sich seine Abreise weiter verzögerte. Schließlich sollte er als Teil der Besatzung, am besten als Steward, nach Genua reisen.1089 Beim zweiten Versuch verlief die Ausreise ohne Probleme; er verließ die USA heimlich an Bord eines Schiffes, getarnt als Mannschaftsmitglied. Um seine Tarnung nicht zu gefährden, musste der Ire jedoch als vermeintliches Besatzungsmitglied die gesamte Überfahrt meist unter Deck ohne Frischluftzufuhr arbeiten.1090 Während sich der IRA-Stabschef auf dem Weg nach Italien befand, gab es in Deutschland Unstimmigkeiten über die Zuständigkeiten. Sowohl das Auswärtige Amt als auch die Abwehr beanspruchten Russell für sich. Deshalb entsandte das Außenministerium in Berlin Edmund Veesenmayer nach Genua, um den Iren in Empfang zu nehmen. Allerdings stellte sich erst in Italien heraus, dass sich Russell nicht an Bord des Schiffes befand und der Deutsche kehrte unverrichteter Dinge zurück. Eine zweite Reise nach Genua wurde storniert, denn mittlerweile hatte sich die Abwehr der Angelegenheit angenommen.1091 Am 1. Mai 1940 begab sich Franz Fromme nach Genua, um den IRA-Stabschef vor Ort in seine Obhut zu nehmen.1092 Mit dem Zug fuhhielt er vor Ort Kontakte zu den in Deutschland lebenden Iren. Geheimer Appendix A To F.R. 89 Sdf (Z), Kurt Haller Part I and II and Ireland, 7. August 1946, Kurt Haller, KV 2/769, NAK Kew, London. Ursprünglich war Fromme Übersetzer und Schriftsteller und lernte den Iren Sir Roger Casement während des 1. Weltkriegs kennen. Er veröffentlichte sogar einige seiner Aufsätze. Fritz Peters, Karl H. Schwebel und Wilhelm Lührs, Bremische Biographie 1912–1962, Hrsg., Historische Gesellschaft zu Bremen, Staatsarchiv Bremen (Bremen: Verlag H. M. Hauschild, 1969), 170. 1088 Eidesstattliche Erklärung Kurt Haller, o. D., KV Anklage Int. 19a H Haller, StA, Nürnberg. 1089 Eintrag im KTB Abwehr II, 21. März 1940, 30. März 1940, 26. April 1940, KTB Band 1, F 23/1a, IfZ, München. 1090 Bericht über Seán Russell, ohne Autor, o. D., AFP, p. 7655, NLI, Dublin. 1091 Vernehmungsprotokoll Dr. Edmund Veesenmayer durch Rudolf Pins, 1. April 1947, Rep. 502 V6, KV Anklage Dr. Veesenmayer, StA, Nürnberg. 1092 Eintrag im KTB Abwehr II, 1. Mai 1940, KTB Band 1, F 23/1a, IfZ, München. 6 Frank Ryan im faschistischen Deutschland – Opportunismus oder echte Überzeugung? 296 ren die beiden nach Berlin. Um die Aufmerksamkeit nicht auf den Iren zu lenken, vereinbarten die Männer, dass Russell für die Dauer der Rückfahrt nicht sprach und somit den Eindruck erweckte, er wäre taub.1093 Am 3. Mai 1940 traf der Ire in Begleitung Frommes in der deutschen Hauptstadt ein. „Auf Wunsch des A.Amts übernimmt dieses zwecks [sic] Vorbereitung der Möglichkeit seines politischen Einsatzes seine Betreuung und Unterbringung in einem Wochenendhaus in der Nähe Berlins. Der mit der Betreuung seitens des A.A. beauftragte Dr. Veesenmayer bat, ihm zur Sicherung der Zusammenarbeit mit Abw. II und auch im Interesse Russel’s [sic] den Dolmetscher Fromme zur Verfügung zu stellen. Abw. II erklärte sich hiermit einverstanden.“1094 Diese Vereinbarung hatte allerdings nicht sehr lange Bestand, denn die beiden Männer verband eine tiefe, gegenseitige Abneigung. Fromme beschrieb Veesenmayer als typischen Nazi im besten, beziehungsweise schlechtesten Wortsinne.1095 Letzterer konnte den Übersetzer auch nicht leiden. „He [Veesenmayer] recalled the comic ineptitude of Professor Fromme, a romanticist allotted to the imbroglio of getting Russell to Genoa. (…) Fromme was neither a politician, a proper Professor [sic], a soldier nor an Abwehr man.“1096 Letztendlich übernahm der Sonderbeauftragte für Irland die volle Verantwortung für Russell und Fromme habe, laut eigenem Bekunden, keine Gelegenheit mehr gehabt, mit dem Iren zu sprechen. Obwohl sich alle beteiligten Stellen um absolute Geheimhaltung bemühten, war die irische Regierung bestens über den Aufenthaltsort des IRA-Stabschefs informiert. Am 4. Juni 1940 hatte eine Quelle dem irischen Außenministerium berichtet, dass Russell kürzlich in Italien eingetroffen war und sich auf dem Weg nach Berlin befand.1097 Das Auswärtige Amt hatte große Pläne mit dem IRA-Stabschef und plante das wichtigste Irlandunternehmen des gesamten Krieges. Im Anschluss wird Seán Russells Aufenthalt in Berlin sowie die Konzeption und die Durchführung des Unternehmens Taube im Auftrag des Auswärtigen Amtes beschrieben. Operation Taube als Vorbereitung der deutschen Invasion Großbritanniens Während die Abwehr in Spanien damit beschäftigt war, über die Freilassung Frank Ryans zu verhandeln, gaben sich die deutschen Behörden nach Russells Ankunft in Berlin alle Mühe, den Armeechef bei Laune zu halten. Man brachte ihn im Berliner Nobelviertel Grunewald in einer geräumigen Villa mit weiten Parkanlagen unter. Die deutsche Führung behandelte den Iren als Staatsgast und diplomatischen Repräsen- 6.3.2 1093 Bericht William Warnock an den Sekretär im Außenministerium, 19. Juni 1958, DFA/10/A/20/4, NAI, Dublin. 1094 Eintrag im KTB Abwehr II, 3. Mai 1940, KTB Band 1, F 23/1a, IfZ, München. 1095 Bericht William Warnock an den Sekretär im Außenministerium, 19. Juni 1958, DFA/10/A/20/4, NAI, Dublin. 1096 Interview mit Dr. Edmund Veesenmayer, 1978, John P. Duggan, „Herr Hempel at the German Legation in Dublin, 1937–1945“, Dissertation, Trinity College Dublin, 1979, 422. 1097 Bericht William Warnock an den Sekretär im Außenministerium, 19. Juni 1958; Telegramm aus Genua, unterzeichnet Delegirland, 4. Juni 1940, DFA/10/A/20/4, NAI, Dublin. 6.3 Operation Taube – das wichtigste deutsche Unternehmen in Irland 297 tanten der revolutionären Kreise Irlands. Allerdings war man angesichts einer Vielzahl amerikanischer Diplomaten und Journalisten, die sich zeitgleich in Berlin aufhielten, sehr bedacht darauf, dass Russells Aufenthaltsort geheim blieb. Dafür räumte ihm das Auswärtige Amt alle nur denkbaren Privilegien ein. Neben einer großen Auswahl an Büchern stand dem IRA-Chef auch spezielles Kartenmaterial zur Verfügung, um die aktuelle militärische Entwicklung nachzuvollziehen. Er erhielt ein Auto, ausreichend Benzin, sogar einen Chauffeur, damit er die Berliner Innenstadt und die nähere Umgebung einfach und schnell erreichen konnte. Das Auswärtige Amt versorgte ihn mit zusätzlichen Lebensmittelrationen und stattete ihn mit weiteren rationierten Gütern aus. Darüber hinaus war Russell ein junger, österreichischer Aristokrat zugeteilt, der ihn begleitete und als Übersetzer fungierte. Ungeachtet der Vielzahl von Annehmlichkeiten hatten die Strapazen seiner USA-Tour, die Verhaftung sowie die Reise nach Deutschland deutliche gesundheitliche Spuren hinterlassen. Auch im Grunewald kam er kaum zur Ruhe. Obwohl nur wenige über seinen Aufenthaltsort Bescheid wussten, war Russell in Berlin sehr gefragt. In erster Linie führte er viele Gespräche, die sich um die Vorbereitungen für seine Irlandmission drehten. Auch die Abwehr war am Insiderwissen des Iren sehr interessiert. Deshalb reiste Kurt Haller zusammen mit Russell am 4. Mai 1940 nach Kassel, wo dieser den deutschen Agenten Hermann Goertz treffen sollte, bei dessen Mission in Irland die Kontaktaufnahme sowie die Kooperation mit der Irish Republican Army im Mittelpunkt stehen sollten. Der Plan hatte vorgesehen, dass der IRA-Chef den Agenten im Vorfeld seiner Mission über die Gegebenheiten vor Ort informierte. Doch kam es zu keiner Begegnung, denn als die beiden Männer in den frühen Morgenstunden des 5. August in der Kaserne in Kassel eintrafen, hatte der Abwehr-Mitarbeiter Deutschland bereits verlassen.1098 Russell war den Möglichkeiten, die ihm die Deutschen insbesondere in technischer Hinsicht boten, sehr aufgeschlossen. Vor allem interessierte er sich für die zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten der Kriegsführung. Deshalb nahm er die Einladung der Abwehr II, das Lehr-Regiment Brandenburg z.b.V. 800, eine Eliteeinheit der Abwehr, zu besuchen, gerne an.1099 In der Kaserne hatte der Ire Gelegenheit, sich mit den neuesten Entwicklungen der Guerillakriegsführung und der Sabotagetechnik vertraut zu machen.1100 Darüber hinaus erhielt er auf Wunsch von Veesenmayer eine Unterweisung, die ihn in den Laboratorien der Abwehr II über Sa- 1098 Geheimer Appendix A To F.R. 89 Sdf (Z), Kurt Haller Part I and II and Ireland, 7. August 1946, Kurt Haller, KV 2/769, NAK Kew, London. 1099 Das Lehr-Regiment Brandenburg z.b.V. 800 entstand zu Beginn des Jahres 1939 und war in Brandenburg an der Havel stationiert. Es war eine Sonderformation der Wehrmacht und erreichte Kompaniestärke. Die Führung des Regiments unterstand dem Amt Ausland/Abwehr im Oberkommando der Wehrmacht. Es wurde für Kommandounternehmen eingesetzt und diente gleichzeitig als Organisationsbasis für Agenten und V-Leute der Behörde. Thomas Menzel, Hintergrundinformationen – „Die Brandenburger“ Kommandotruppe und Frontverband. [Online]. 15. Juni 2013. URL: http://www.bundesarchiv.de/oeffentlichkeitsarbeit/bilder_dokumente/00863/index-0.html. de [15. Oktober 2013]; Bericht über Seán Russell, ohne Autor, o. D., AFP, p. 7655, NLI, Dublin. 1100 Zusammenfassung zum Artikel „How Seán Russell Died“ aus The United Irishmen, 29. September 1957, TAOIS S 15469 A, NAI, Dublin. 6 Frank Ryan im faschistischen Deutschland – Opportunismus oder echte Überzeugung? 298 botagematerial informierte.1101 Der Ausbildungsbildungsstandort im Berliner Stadtteil Tegel umfasste die Herstellung von Sprengmaterial aus handelsüblichen Utensilien, wie beispielsweise Zahnbürsten, Füllfederhaltern oder Knöpfen. Außerdem wurden die Agenten darin unterwiesen, Geld und Zündmittel möglichst unauffällig in der Kleidung zu verstecken.1102 Russell war von dem technischen Wissensstand seiner Gastgeber sichtlich beeindruckt und absolvierte seine Schulung deshalb auch ausgesprochen gewissenhaft. Zwischenzeitlich schritten die deutschen Planungen für einen Einsatz des IRA- Führers voran. Der Auftrag des Herrn Taube, so lautete Seán Russells Deckname in Berlin,1103 war allerdings abhängig von Hitlers Politik gegenüber Großbritannien, sodass die Operation erst nach dem Sieg über Frankreich und der Ablehnung des deutschen Friedensangebots konkrete Formen annahm. Denn damit lag nun die Zustimmung für das Unternehmen Seelöwe, die Invasion Großbritanniens, vor. Der konkrete Plan der deutschen Stellen sah vor, dass der Einsatz des Iren den Angriff auf England aus Richtung Westen unterstützen sollte. Dabei war angedacht, dass die IRA-Verbände aus beiden Landesteilen, Nord- und Südirland, kooperierten. Bevor die ersten Vorbereitungen anliefen, wurde die Angelegenheit mit Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop besprochen. Während mehrerer Unterredungen lotete man Möglichkeiten des Einsatzes Russells aus, bevor die Ausarbeitung aller Detailfragen begann. Zuerst fragte man bei der Seekriegsleitung an, ob ab dem 1. Juni ein U-Boot zur Verfügung stehe, das Russell nach Irland bringen konnte. In seiner Heimat angekommen, sollte der Ire ohne Gepäck an Land gehen. Die Ausrüstungsgegenstände, das Sabotagematerial und das Rundfunkgerät würden wasserdicht verpackt und an einer geeigneten Stelle versenkt werden, um später von ihm oder seinen Männern geborgen zu werden.1104 Während das Vorhaben unter Veesenmayers Leitung langsam Formen annahm, verbrachte Seán Russell viel Zeit mit zwei alten Bekannten. Jupp Hoven und Helmut Clissmann hatten ihn zuvor auf Fotos wiedererkannt, sich über das strenge Kontaktverbot mit Russell hinweggesetzt und den Iren getroffen. Die Aufnahmen waren beim Besuch des Ausbildungszentrums des Lehr-Regiments Brandenburg z.b.V. 800 entstanden. Gemeinsam nutzten die drei Freunde ihre freie Zeit für diverse Ausflüge in das Berliner Umland. Im Auswärtigen Amt beriet man derweilen über die konkreten Ziele der Irlandoperation. Die deutsche Führung war sich der strategischen Bedeutung der irischen Häfen bewusst, weshalb der Irland-Beauftragte Veesenmayer davon ausging, dass London auf die Neutralität des Nachbarstaates keine Rücksicht nehmen und sich der Militärbasen habhaft machen werde. Als logische Konsequenz daraus ergab sich in seinen Augen die Kooperation zwischen der Regierung in Dublin und der Untergrundarmee. Gemeinsam, so die Einschätzung des Deutschen, könnte man den Widerstand gegen die britischen Invasoren organisieren. Russell sollte als Bindeglied 1101 Eintrag im KTB Abwehr II, 20. Mai 1940, KTB Band 1, F 23/1a, IfZ, München. 1102 Interview mit General a. D. Erwin von Lahousen, Unternehmen Pastorius, o. D., ZS 658 Lahousen, IfZ, München. 1103 Eintrag im KTB Abwehr II, 25. Mai 1940, KTB Band 1, F 23/1a, IfZ, München. 1104 Ibid. 6.3 Operation Taube – das wichtigste deutsche Unternehmen in Irland 299 zwischen dem Kabinett und Irish Republican Army sowie als Verbindungsmann zu Deutschland fungieren. Außerdem bestand seine Aufgabe darin, den nationalen Widerstand zu stärken und zu dirigieren. Man hoffte, so die britische Kampfkraft insgesamt zu schwächen. Wie er dieses Ziel erreichte, blieb einzig und allein Russell überlassen.1105 Veesenmayer hielt große Stücke auf den IRA-Mann. „‚Er hat viel gedacht; wenig gesagt‘: he was Veesenmayer’s ideal of a strong silent man and the coup d’etat specialist regarded him as the best instrument available to suit his own purposes.“1106 In den Augen des Deutschen erschien der Ire als wahrer Patriot und Soldat, direkt und einfach, geradeheraus und geprägt von strikten Moralvorstellungen, ein Traditionalist, der leidenschaftlich nur wolle, was gut für Irland sei – die Wiedervereinigung des Landes.1107 Das Auswärtige Amt war sich des Risikos, das es mit dieser Operation einging, sehr wohl bewusst. Russell hatte durch seine lange Abwesenheit den Kontakt zur Basis der Untergrundarmee verloren, noch dazu gab es keine zuverlässigen Informationen über die genaue Stärke und Schlagkraft der IRA. Russells Schätzungen, dass zwischen 5.000 und 10.000 Mann einschließlich sympathisierender Kreise bereitstünden, lagen weit unter den Erwartungen der deutschen Behörden. Veesenmayer zeigte sich sehr enttäuscht über die wenig konkreten Informationen, die der Armeechef lieferte. „(…) he could give general infm [sic] about the IRA set-up and leading IRA personalities, he lacked detailed knowledge of the org [sic].“ Die wichtige Verbindung zu den radikal-irischen Kreisen in den USA entpuppte sich auch als ausgesprochen lose. Somit konnte die Abwehr nicht wie geplant auf diesem Weg die Kommunikation zur Untergrundarmee sicherstellen. Erschwerend kam hinzu, dass Russells Vorstellungen von der Zukunft Irlands sehr vage waren. Dem IRA-Chef fehlte eine Vision vom Aussehen einer künftigen Regierung Irlands. Für ihn stand nur fest, dass sie sich in den Händen der Untergrundarmee zu befinden habe. Das größte Problem des Unternehmens bestand allerdings darin, dass der Ire Gefahr lief, von den Behörden verhaftet zu werden. Dies konnte sogar die irische Neutralität ins Wanken bringen, da die Deutschen diese doch absichtlich missachtet hatten. Ungeachtet des Risikos waren die zuständigen Stellen trotzdem entschlossen, den Einsatz zu erhöhen und ordneten an, Frank Ryan umgehend nach Berlin zu holen. Hier sollten die beiden Männer wieder aufeinandertreffen. Hintergrund dieses Vorgehens war, dass Vertreter des Auswärtigen Amtes den Verdacht hegten, dass Russell für den britischen Geheimdienst arbeitete und sich deshalb in Deutschland aufhielt.1108 Ryan befand sich zu diesem Zeitpunkt noch zur Erholung in Paris, um neue Kraft zu 1105 Vernehmungsprotokoll Dr. Edmund Veesenmayer durch Rudolf Pins, 1. April 1947, Rep. 502 V6, KV Anklage Dr. Veesenmayer, StA, Nürnberg. 1106 Interview mit Dr. Edmund Veesenmayer, 1978, John P. Duggan, „Herr Hempel at the German Legation in Dublin, 1937–1945“, Dissertation, Trinity College Dublin, 1979, 422. 1107 Ibid. 1108 Geheimer Appendix A To F.R. 89 Sdf (Z), Kurt Haller Part I and II and Ireland, 7. August 1946; Geheimer Appendix A To F.R. 89 Sdf (Z), Kurt Haller Part II, Büro Veesenmayer and the IRA, 7. August 1946; Geheimer Appendix A To F.R. 89 Sdf (Z), Kurt Haller Part I and II and Ireland, 7. August 1946, Kurt Haller, KV 2/769, NAK Kew, London. Peadar O’Donnell vermutete politisches Kalkül hinter diesem Vorgehen. Ein Zusammentreffen von Russell und Ryan „(…) the left and the right of the republican movement will be united and thereby become one effective instrument for 6 Frank Ryan im faschistischen Deutschland – Opportunismus oder echte Überzeugung? 300 tanken. Am 4. August 1940 traf Ryan schließlich in Berlin ein.1109 Es folgten Gespräche mit den zuständigen Abwehrstellen und mit Dr. Veesenmayer. Die Deutschen waren von Ryan angenehm überrascht. Zum einen beeindruckte der Ire durch seinen Verstand, insbesondere in politischen Belangen und seine Sympathie für den irischen Regierungschef Eamon de Valera.1110 Es war ein gewagtes Unterfangen, die beiden Männer zusammenzubringen, schließlich gehörten sie in ihrer Heimat gegensätzlichen politischen Lagern an. Und es hatte vor Ryans zweiter Spanienreise eine Auseinandersetzung der beiden gegeben, weswegen die Begegnung ein zusätzliches Risiko barg.1111 Der Ablauf des Wiedersehens verblüffte die deutschen Stellen, denn die beiden Männer „fielen einander in die Arme wie Brüder, die einander lange Jahre nicht mehr gesehen haben.“1112 Die Reaktion räumte alle Vorbehalte Ribbentrops und Veesenmayers gegenüber der Person Seán Russells aus, dennoch war der Reichsaußenminister noch nicht überzeugt, was die Aktion selbst anbelangte. Erst die Details des Aufeinandertreffens der beiden Iren bewegten ihn dazu, seine Meinung zu ändern.1113 „The final decision with regard to Sean’s departure was taken early in August at the last meeting with Von Ribbentrop, in which Sean convinced the Foreign Minister of the necessity of co-operation with the IRA and of the immense possibilities embodied in this project.“1114 Obwohl Ribbentrop kein spezielles Interesse an Irland hatte, stimmte er dem Vorhaben zu und sicherte Russell die notwendige Ausrüstung für die Rückkehr auf die Insel zu. Außerdem bot er dem IRA-Stabschef stellvertretend für sein Land deutsche Unterstützung an, ohne dabei jedoch ein konkretes Angebot zu unterbreiten.1115 Er überließ Russell die Entscheidung, ob er seinen ehemaligen IRA-Kollegen in das Unternehmen einbeziehen wolle. Der Ire entschied sich, Ryan mitzunehmen, und die deutschen Stellen begrüßten diesen Entschluss. „The German motive for sending Ryan was that Russell throughout his stay in Germany had shown considerable reticence towards the Germans and plainly did not regard himself as a German agent.“ Abgesehen davon gäbe es nach wie vor Kompetenzstreitigkeiten zwithe German policy.“ Joe Little. RTÉ Radiointerview mit Peadar O’Donnell. „Peadar O’Donnell Recalls Fellow Activist Frank Ryan 1979“. Day By Day – 29. Juni 1979 – RTÉ Archives. [Online]. o. D.. URL: http://www.rte.ie/archives/2016/1208/837458-frank-ryan-an-irishman-in-spain/ [05.01.2018]. 1109 Eintrag im KTB Abwehr II, 4. August 1940, KTB Band 1, F 23/1a, IfZ, München. 1110 Stephan, Vergessene Episode, Enno Stephan Collection, MACBB, Dublin, 232. In der Retrospektive scheint zumindest Veesenmayer nicht sehr beeindruckt von Ryan gewesen zu sein. In einem Interview nach dem Krieg beschrieb er den Iren als extrem linken Kommunisten, der ein wiedervereinigtes, kommunistisches Irland anstrebte und Beziehungen zu Moskau unterhielt. Interview mit Dr. Edmund Veesenmayer, 1978, John P. Duggan, „Herr Hempel at the German Legation in Dublin, 1937–1945“, Dissertation, Trinity College Dublin, 1979, 422. 1111 Geheimer Bericht „IRA-German Plan.“, Dan Bryan an den Außenminister, 21. Dezember 1945, DFA/10/A/12, NAI, Dublin. 1112 Stephan, Vergessene Episode, Enno Stephan Collection, MACBB, Dublin, 232. 1113 Geheimer Appendix A To F.R. 89 Sdf (Z), Kurt Haller Part I and II and Ireland, 7. August 1946, KV 2/769, NAK Kew, London. 1114 Bericht über Seán Russell, ohne Autor, o. D., AFP, p. 7655, NLI, Dublin. 1115 Geheimer Appendix C to FR 41 Obtl Helmut Clissmann – Appendix C – Bureau Veesenmayer – Connection With Irish Affairs During The War, ohne Autor, 12. Februar 1946, KV 6/81, NAK Kew, London. 6.3 Operation Taube – das wichtigste deutsche Unternehmen in Irland 301 schen den verschiedenen deutschen Stellen. „(…) the Ausw Amt did not allow Abw II to brief Russell, and wished to concentrate on political matters. Russell knew that Görtz [sic] was in Eire, but Abw II was not allowed to instruct Russell in detail: he was merely told that it was hoped he would co-operate with Görtz as much as possible. The final decision rested with Russell.“1116 Ryans Beteiligung am Unternehmen Taube stellte besonders für die Abwehr II einen wichtigen Aspekt dar. Durch ihn hatte man das Gefühl, dass die Interessen der Abwehr besser gewahrt würden, denn es schien, dass der Ire seine Rolle als deutscher Agent besser akzeptierte. Zwar konnte der Linksrepublikaner nicht die gleiche Unterstützung innerhalb der Untergrundarmee organisieren; dafür verfügte er innerhalb der republikanischen Kreise über bessere und weit reichende Kontakte, an deren Ausweitung die Abwehr während des gesamten Krieges besonders interessiert war. Ebenso wie sein Landsmann erhielt auch Ryan keinen konkreten Auftrag von den Deutschen. Der Grund dafür war, dass bis zur Abreise schlichtweg keine Zeit blieb. Auch hatte man vereinbart, dass der Ire ausschließlich als Begleiter und Passagier an dem Unternehmen teilnahm.1117 Zwischenzeitlich liefen die Vorbereitungen für Operation Taube. Der Plan sah vor, die beiden Männer am 15. August 1940 in Ballyferiter an Land zu bringen. Das Datum hatte man bewusst gewählt, da im katholischen Irland an diesem Tag Mariä Himmelfahrt begangen wird – ein Feiertag, an dem zwei Fremde unter all den Ausflüglern keinerlei Aufsehen erwecken würden. Das angeforderte U-Boot lag bereits in Wilhelmshaven vor Anker. Die notwendigen Ausrüstungsgegenstände sowie Funkgerät, Code und Bargeld standen auch zur Verfügung. Weder die Abwehr noch das Auswärtige Amt planten allerdings, die IRA oder den deutschen Agenten Goertz, der sich bereits in Irland befand, über den bevorstehenden Einsatz Seán Russells in Kenntnis zu setzen.1118 Am 6. August 1939 reiste Major Friedrich Carl Marwede zusammen mit dem Sonderführer Kurt Haller, Dr. Veesenmayer und den beiden Iren nach Wilhelmshaven, um den endgültigen Start der Operation vorzubereiten. Das Auslaufen verzögerte sich um einen Tag, wodurch das Unternehmen mit dem Decknamen „Taube“ auf den 7. August 1940 verschoben werden musste.1119 Am Mittwoch, den 8. August 1940, gegen 6.30 Uhr, legte U 65 schließlich ab.1120 An Bord befanden sich die beiden Iren, die der Besatzung nur unter den Decknamen Richard I und Richard II bekannt waren.1121 Das U-Boot stand seit Februar 1940 unter dem Kommando von Korvettenkapitän Hans-Gerrit von Stockhausen, die Besatzung umfasste circa fünfzig Mann, ein Arzt oder ein ausgebildeter Sanitäter befand sich bei diesem Auftrag nicht an Bord. Erst im Oktober 1940 wurde dem Unterseeboot ein Marineassistenzarzt zu- 1116 Geheimer Appendix A To F.R. 89 Sdf (Z), Kurt Haller Part I and II and Ireland, 7. August 1946, Kurt Haller, KV 2/769, NAK Kew, London. 1117 Ibid. 1118 Hoar, In Red and Green, 244. 1119 Eintrag im KTB Abwehr II, 7. und 8. August 1940, KTB Band 1, F 23/1a, IfZ, München. 1120 Logbuch U 65, Eintrag vom 8. August 1940, RM 98/158, BAMA, Freiburg. 1121 Stephan, Vergessene Episode, Enno Stephan Collection, MACBB, Dublin, 234. 6 Frank Ryan im faschistischen Deutschland – Opportunismus oder echte Überzeugung? 302 geteilt.1122 Während des Einsatzes im August 1940 versorgte das Funkpersonal, das eine Sanitätsausbildung absolviert hatte, lediglich leichtere Erkrankungen und kleinere Verletzungen.1123 Neben der Sonderaufgabe, die beiden Männer in Irland abzusetzen, umfasste der Befehl an den Kommandanten, gegen britische Schiffe im Atlantik vorzugehen. Aufgrund der verstärkten Patrouillen der britischen Marine im Ärmelkanal war U 65 zunächst zur Durchquerung der Nordsee gezwungen, um dann die Nordspitze Schottlands zu umrunden. Die von Beginn an raue See zwang die beiden Passagiere, unter Deck zu bleiben. So mussten sie sich ständig in ihren winzigen und stickigen Kojen aufhalten. Die eingeschränkte Bewegungsfreiheit und die enorme Lautstärke der Schiffsmotoren machten den Aufenthalt an Bord noch unangenehmer. Bereits kurz nach dem Ablegen litt Russell unter extremer Seekrankheit, die mit starken Schmerzen in der Magengegend einherging.Der an Bord befindliche Hilfssanitäter vermutete als Ursache der Beschwerden den erheblichen Wellengang.1124 Dieser Verdacht schien zwar nicht unbegründet, doch erinnerte sich Ryan daran, dass sein Landsmann schon in der Vergangenheit unter Verstopfung gelitten hatte. Nach der scheinbaren Bestätigung der Diagnose verabreichte man Russell ein Abführmittel, das allerdings keine Linderung brachte. Der Zustand des Iren verschlechterte sich weiter, die schweren Magenkrämpfe wurden immer stärker.1125 Am 13. August 1940, gegen 12 Uhr, erreichte U-Boot 65 ein Funkspruch mit der Order, die Sonderaufgabe unverzüglich auszuführen und anschließend dann auf Geleitzug zu operieren. Die nach wie vor grobe See erschwerte es aber, die beiden Männer an der irischen Westküste an Land zu bringen.1126 Der Kommandant war vor dem Auslaufen angewiesen worden, den Anlegeort in Irland mit den beiden Passagieren abzustimmen.1127 Jedoch wurde die Sonderaufgabe laut Eintragung im Logbuch am 15. August 1940, gegen 14.15 Uhr, abgebrochen.1128 Der Grund für das Scheitern war der Tod des Passagiers mit dem Decknamen Richard I am Tag zuvor. Nach den Klagen Russells über Schmerzen in der Magengegend hatte sich sein Zustand seit Beginn der Reise derart verschlechtert, dass er schließlich in den Armen seines Landsmannes verstarb. Das U-Boot befand sich zu diesem Zeitpunkt etwa hundert Seemeilen vor der irischen Westküste auf Höhe des County Clare. Der ursprüngliche Plan sah vor, die beiden Männer am 15. August 1940 in Ballyferiter an Land zu bringen. 1122 Informationsblatt zu U 65, Brief Horst Bredow an den Autor, 19. Mai 2008, Deutsches U-Boot- Museum, Archiv für Internationale Unterwasserfahrt, Cuxhaven. 1123 Brief Horst Bredow an Enno Stephan, 20. April 1999, Enno Stephan Collection, MACBB, Dublin. 1124 Bericht über Seán Russell, ohne Autor, o. D., AFP, p. 7655, NLI, Dublin. 1125 Stephan, Vergessene Episode, Enno Stephan Collection, MACBB, Dublin, 234. 1126 Logbuch U 65, Eintrag vom 13. August 1940, RM 98/158, BAMA, Freiburg. 1127 Stephan, Vergessene Episode, Enno Stephan Collection, MACBB, Dublin, 234. 1128 Logbuch U 65, Eintrag vom 15. August 1940, RM 98/158, BAMA, Freiburg. 6.3 Operation Taube – das wichtigste deutsche Unternehmen in Irland 303 Abbildung 10 – Seekarte des Kurses von U 65 während des Geheimauftrags der Operation Taube Quelle: Enno Stephan Collection, MACBB, Dublin 6 Frank Ryan im faschistischen Deutschland – Opportunismus oder echte Überzeugung? 304 Nachdem der ursprüngliche Plan nun nicht mehr durchgeführt werden konnte, schlug Kapitänleutnant von Stockhausen Frank Ryan vor, alleine an Land zu gehen und den Leichnam seines Landsmannes mitzunehmen. Ryan lehnte nach langem Überlegen ab, weshalb der Kommandant Russell auf See bestatten ließ. Mit allen militärischen Ehren übergab man den Leichnam schließlich der See. Aufgrund der Befehle gab es tatsächlich keine Alternative, denn nach dem ursprünglich geplanten Absetzen der Iren sollte U 65 gegen britische Schiffsverbände im Atlantik vorgehen.1129 Angesichts der Tatsache, dass die Operation im Hochsommer stattfand und aufgrund der Hitze unter Deck, war es schlichtweg nicht möglich, die sterblichen Überreste des Iren zurück nach Deutschland zu transportieren. Die zweite Möglichkeit hätte darin bestanden, Frank Ryan mit dem Körper seines Landsmannes in Irland abzusetzen.1130 Der Tod des Armeechefs hatte Frank Ryan am 15. August 1940 vor die schwierigste Entscheidung seines Lebens gestellt, obwohl er eigentlich keine andere Wahl hatte, als nach Deutschland zurückzukehren. Innerhalb der Irish Republican Army war die Abspaltung des Republican Congress im Jahr 1934 noch sehr präsent. Die Landung Ryans mit dem Leichnam seines ehemaligen Weggefährten hätte viele Fragen aufgeworfen. Zudem besaß er, nach seinem mehrjährigen Aufenthalt in Spanien, keine aktuellen Informationen über die damals gegenwärtige Situation der IRA. Der Einfluss, den er somit in diesen Kreisen noch ausüben konnte, musste entsprechend gering sein. Darüber hinaus verfügte Ryan über keine näheren Informationen zu den Plänen der Deutschen, was im Wesentlichen daran lag, dass er erst kurze Zeit vor dem geplanten Start zu dem Unternehmen gestoßen war. Die beiden Iren hatten keine Gelegenheit gehabt, über ihr gemeinsames Unternehmen zu sprechen. Die Enge und die enorme Lautstärke der Motoren an Bord des U-Bootes sowie Ryans Probleme mit dem Gehör machten es dann auf See unmöglich, geheime Informationen auszutauschen. Dem Spanienveteran waren einzig und allein der geplante Ort und der Tag des Landgangs bekannt. Die mitgeführten Ausrüstungsgegenstände, insbesondere der Funksender, den Russell für seine Organisation mitbringen sollte, hatten keinen Wert mehr, denn den Verschlüsselungscode kannte nur der Tote.1131 „(…) after taking wireless contact with the German High Command, [Ryan] decided to return to Germany. He was anxious to take up the work that Sean was doing and as he was unaware of the arrangements made between Sean and the German High Command, he knew how difficult it would be to re-establish contact with Germany if he landed.“1132 Die Ereignisse an Bord fasste der Autor des Kriegstagebuchs der Abwehr II, Erwin von Lahousen, am 15. August 1940 in zwei Sätzen zusammen. „V-Mann Ri- 1129 Bericht Annie O’Farrelly, ohne Empfänger, o. D., AFP, MS 20,653, NLI, Dublin. 1130 Geheimer Auszug „Cumann Naisiunta“ oder „Irish Friends of Germany“, Bericht der Detective Branch (Special Section), ohne Autor, 1. August 1940; geheimer Bericht R. L. Daly, G2 Abteilung, Eastern Command an C.S.O., G2 Abteilung, Verteidigungsministerium, 13. November 1940; geheimer Bericht „I.R.A Activities“ der Garda Siochana, Division of Donegal, Letterkenny, ohne Autor, 2. September 1940; geheimer Bericht „Seán Russell – IRA“, Chief Supt. P. Carroll an G.2 Abteilung, Verteidigungsministerium, 27. Februar 1941; geheimer Bericht F. E. Lee, Assistant G.2. 1. Brigade an C.S.O. G.2 Abteilung, 9. Januar 1940, Seán Russell File, G2/3010, MACBB, Dublin. 1131 Stephan, Vergessene Episode, Enno Stephan Collection, MACBB, Dublin, 235f. 1132 Bericht Annie O’Farrelly, ohne Empfänger, o. D., AFP, MS 20,653, NLI, Dublin. 6.3 Operation Taube – das wichtigste deutsche Unternehmen in Irland 305 chard 1 ist auf dem Transport auf ungeklärte Weise gestorben. Richard 2 kommt mit Boot zurück.“1133 Seinen Befehlen entsprechend setzte Kapitänleutnant Hans-Gerrit von Stockhausen seinen Auftrag im Atlantik fort, bis an Bord des U-Boots kurz darauf technische Probleme auftraten. U 65 begann nur einen Tag später Öl zu verlieren und zog eine sichtbare Spur hinter sich her. Daraufhin wurde das Unterseeboot zur Reparatur in den Hafen der französischen Stadt Brest beordert, wo es am 19. August 1940 festmachte. Ryan ging von Bord und kehrte nach Berlin zurück.1134 Abgesehen von den fehlenden Informationen über Unternehmen Taube barg eine Rückkehr Ryans – noch dazu unter Mitführung der Leiche seines langjährigen Weggefährten – weitere Gefahren, denn ein plötzliches Auftauchen des Journalisten hätte zu Irritationen innerhalb der republikanischen Kreise geführt. Der Öffentlichkeit in Dublin und auch Ryans Freunden waren die Informationen zugegangen, die von einer erfolgreichen Flucht aus der spanischen Haft sprachen. Allerdings gab es kein gesichertes Wissen über Ryans damaligen Aufenthaltsort. Auch was Seán Russells Verbleib betraf, brodelte die Gerüchteküche. So sollte der ehemalige IRA-Chef per Fallschirm nahe Kill im County Kildare gelandet sein. Quellen wiederum sprachen davon, dass der Ire beim Besuch eines Gottesdienstes in Kilkenny wiedererkannt worden sei. Andere Meldungen legten nahe, Russell sei im September 1940 aus der Schweiz über England nach Nordirland gereist und nehme in Derry an einem geplanten IRA-Treffen teil. Darüber hinaus lebe Russell Berichten zufolge zwischenzeitlich im County Dublin oder werde bei einem Treffen seiner Freunde in Limerick anwesend sein.1135 Keine der Meldungen angeblicher Sichtungen des ehemaligen IRA- Chefs konnte bestätigt werden – auch wenn der Großteil seiner Freunde, Bekannten und Weggefährten glaubte, Russell noch gesehen zu haben – da dieser bereits tot war, als die Gerüchte ihren Umlauf machten. Mit der Rückkehr nach Deutschland endete das Unternehmen Taube für Frank Ryan allerdings noch nicht: Zum einen hielten sich hartnäckig Gerüchte, wonach die politischen Differenzen der beiden Iren nicht beigelegt gewesen waren und Ryan seinen ehemaligen Weggefährten deshalb vergiftet habe.1136 Zum anderen waren durch den überraschenden Tod Seán Russells die Pläne des Auswärtigen Amtes zunichtegemacht. Eine genaue Untersuchung der Ereignisse an Bord sollte deshalb nun Licht ins Dunkel bringen. Die Behörden befragten einen Teil der U-Boot-Besatzung. Unter Eid schilderten der Kapitän, der Erste Offizier, der Hilfssanitäter, der Russell versorgt hatte, und Ryan die Umstände des Todes und die vorangegangenen Beschwerden des Iren. Anschließend wurden die Berichte zweier führender Mediziner der Charité vor- 1133 Eintrag im KTB Abwehr II, 3. August 1940, KTB Band 1, F 23/1a, IfZ, München. 1134 Logbuch U 65, Eintrag vom 16., 17. und 19. August 1940, RM 98/158, BAMA, Freiburg. 1135 Geheimer Auszug „Cumann Naisiunta“ oder „Irish Friends of Germany“, Bericht der Detective Branch (Special Section), ohne Autor, 1. August 1940; geheimer Bericht R. L. Daly, G2 Abteilung, Eastern Command an C.S.O., G2 Abteilung, Verteidigungsministerium, 13. November 1940; geheimer Bericht „I.R.A Activities“ der Garda Siochana, Division of Donegal, Letterkenny, ohne Autor, 2. September 1940; geheimer Bericht „Seán Russell – IRA“, Chief Supt. P. Carroll an G.2 Abteilung, Verteidigungsministerium, 27. Februar 1941; geheimer Bericht F. E. Lee, Assistant G.2. 1. Brigade an C.S.O. G.2 Abteilung, 9. Januar 1940, Seán Russell File, G2/3010, MACBB, Dublin. 1136 Stephan, Vergessene Episode, Enno Stephan Collection, MACBB, Dublin, 236. 6 Frank Ryan im faschistischen Deutschland – Opportunismus oder echte Überzeugung? 306 gelegt, welche beide – unabhängig voneinander – zu dem Schluss kamen, dass Richard I an einem durchgebrochenen Zwölffingerdarmgeschwür verstorben war.1137 Russells Bruder Patrick bestätigte später, dass Seán schon längere Zeit unter Magenproblemen gelitten und völlig abstinent gelebt hatte.1138 Weder dem Auswärtigen Amt noch der Abwehr waren aber je Informationen über die gesundheitlichen Probleme des Iren zugegangen. Der Sonderführer Kurt Haller erinnerte sich daran, dass „(…) Russell – ungeachtet seines blühenden Aussehens – in Berlin wegen nervöser Magenbeschwerden ärztlich behandelt und auf strenge Diät gesetzt worden sei.“1139 Veesenmayer hingegen sagte aus, dass niemandem bekannt war, dass der Ire an einem Magengeschwür litt. Die Tatsache, dass er sehr auf seine Ernährung achtete, war nicht weiter aufgefallen. Während seines gesamten Aufenthalts in Berlin hatte er nie über Beschwerden irgendeiner Art geklagt.1140 Selbst die irischen Behörden führten den Tod des ehemaligen IRA-Stabschefs auf natürliche Ursachen zurück, insbesondere wegen seiner Krankengeschichte.1141 Der Tod Russells schlug hohe Wellen, besonders unter den IRA-Anhängern in den Vereinigten Staaten. Die Nachricht war für die Untergrundarmee ein Schock, vor allem für John McCarthy. Er zweifelte daran, dass der Tod seines Freundes eine natürliche Ursache gehabt hatte. Viele Anhänger der irischen Organisation in den USA gaben sich mit den spärlich zur Verfügung stehenden Informationen nicht zufrieden. Falls die näheren Umstände des Ablebens Seán Russells nicht geklärt würden, drohte die Vereinigung den deutschen Behörden, alle Aktionen der IRA in den USA einzustellen. Gegenüber dem deutschen Abwehrmitarbeiter in Mexiko, Carl Rekowski, äu- ßerte McCarthy sogar den Verdacht, dass die Deutschen den IRA-Chef ermordet hätten. Den Hintergrund dieser Behauptung bildete ein angenommenes Treffen zwischen Hitler und dem Stabschef, bei dem man keine Einigung habe erzielen können.1142 Abgesehen von diesem Gerücht kursierten noch weitere Versionen darüber, wie der Ire ums Leben gekommen sei. „Über Sean Russell seien zahlreiche Gerüchte im Umlauf, die sowohl die irische, als auch die deutsche Regierung und Frank Ryan für seinen Tod verantwortlich machen wollten“1143, berichtete Leopold Kerney in einem Gespräch mit dem Abwehrmitarbeiter Helmut Clissmann. Dazu ergänzte der Abwehr II-Chef, Erwin von Lahousen, später, „(…) dass man in gewissen Kreisen des Ausw. Amtes, Canaris unausgesprochen beschuldigte, Jim [sic] R. beseitigt zu haben. 1137 Bericht Annie O’Farrelly, ohne Empfänger, o. D., AFP, MS 20,653, NLI, Dublin. 1138 Stephan, Vergessene Episode, Enno Stephan Collection, MACBB, Dublin, 236. Franz Fromme, der Russell von Genua nach Berlin begleitet hatte, sprach davon, dass der Ire ein strikter Anti-Alkoholiker war. Bericht William Warnock an den Sekretär im Außenministerium, 19. Juni 1958, DFA/10/A/20/4, NAI, Dublin. 1139 Stephan, Vergessene Episode, Enno Stephan Collection, MACBB, Dublin, 236. 1140 Vernehmungsprotokoll Dr. Edmund Veesenmayer durch Rudolf Pins, 1. April 1947, Rep. 502 V6, KV Anklage Dr. Veesenmayer, StA, Nürnberg. 1141 Geheimer Bericht „IRA-German Plan.“, Dan Bryan an den Außenminister, 21. Dezember 1945, DFA/10/A/12, NAI, Dublin. 1142 Eidesstattliche Erklärung Carl Rekowski, 17. Dezember 1947, MA 1563/44, IfZ, München. 1143 Aktenvermerk Helmut Clissmann über das Treffen zwischen Dr. Edmund Veesenmayer und Leopold Hempel am 8. und 11. November 1941, o. D., Irland (Veesenmayer), R 29888, PA, AA, Berlin. 6.3 Operation Taube – das wichtigste deutsche Unternehmen in Irland 307 – Das ist absolut unwahr. Ich halte jedoch für möglich, dass Jim R. von seinem sehr radikalen Gesinnungsgenossen Frank RYAN, der ihm [sic] (JIM R.) zur Einschiffung ins U-Boot begleitete, vergiftet wurde. – ‚Internas‘ [sic] und politische Rivalitäten innerhalb der IRA dürften hiebei [sic] eine Rolle gespielt haben.“1144 Allerdings betonten Ryans Freunde Helmut Clissmann und Kurt Haller stets, dass ihn in Deutschland keiner verdächtigte.1145 In den USA und auf den britischen Inseln gab es weiterhin verschiedene Gerüchte und Spekulationen über das Schicksal des ehemaligen IRA-Stabschefs Seán Russell. Ein Mitarbeiter des amerikanischen Konsulats in Lissabon informierte seinen irischen Amtskollegen darüber, dass Seán Russell nach einem Bericht in Lissabon verstorben sei.1146 Im irischen Internierungslager Curragh verbreitete sich die Nachricht, wonach feindliche Agenten Russell in Barcelona erschossen hätten. Das Verteidigungsministerium wiederum erhielt die Information, dass der ehemalige IRA-Führer an der spanisch-portugiesischen Grenze verwundet worden sei. Daneben kamen Gerüchte auf, Russell halte sich seit seiner Rekrutierung für eine SS-Einheit in Frankreich auf. Zwischen Paris und Metz soll er in Begleitung zweier Offiziere schließlich von einem Unbekannten erschossen worden sein, wobei er diesen Angriff sogar ein paar Stunden überlebt habe.1147 Stephen Hayes, der neue Chef der Untergrundarmee, verbreitete in seinem Geständnis die Version, dass Russell einem Komplott der irischen Regierung zum Opfer gefallen sei. Laut Hayes Aussagen habe der irische Landwirtschaftsminister Dr. James Ryan die britischen Behörden im April 1940 dazu veranlasst, den ehemaligen IRA-Chef auf einem italienischen Frachter zu verhaften und in Gibraltar festzusetzen. Im September informierte der Agrarminister Dr. Ryan seinen IRA-Kontakt Stephen Hayes, dass der ehemalige Stabschef der IRA, Seán Russell, bei einem Unfall ums Leben gekommen sei.1148 Deutsche Quellen wiederum berichteten, dass Russell von britischen Einheiten an Bord eines italienischen Schiffs, ohne Wissen des Kapitäns, verhaftet worden sei. Diese Information habe der damalige IRA-Führer Hayes, ebenso wie die Nachricht vom Ableben seines Weggefährten, von seinem IRA-Freund Moss Twomey erhalten. Dieser wiederum habe die Neuigkeit im Auftrag von Seán MacBride weitergeleitet. Allerdings bezweifelte Hayes selbst den Wahrheitsgehalt der Information. Vielmehr gab er zu bedenken, dass die italienische Regierung eine derartige Aktion der Briten, spätestens nach dem Kriegseintritt Italiens, propagandistisch ausgenutzt hätte.1149 Aus irischen Regierungskreisen war zu 1144 Auszug „Die Arbeit mit der IRA.“ aus Stellungnahme zu Canaris, Erwin von Lahousen, o. D., MSg 1/2812, BAMA, Freiburg. 1145 Stephan, Vergessene Episode, Enno Stephan Collection, MACBB, Dublin, 236. 1146 Brief Samuel Hamilton Wiley, American Consul-General an Geschäftsträger der irischen Gesandtschaft, Coleman J. O’Donovan Esq., 14. Juli 1942, Frank Ryan file, G2/0257 part I, MACBB, Dublin. 1147 Brief Dan Bryan, G2 Abteilung, Verteidigungsministerium an F. H. Boland, Außenministerium, 8. August 1941; Brief Father Seán an Joseph Walshe, 13 März 1945, DFA/10/A/20/4, NAI, Dublin. 1148 „Assassination of Seán Russell.“ Auszug aus Special Communique issued by the Army Council (I.R.A), o. D., Case of Stephen Hayes, DO 130/23, NAK Kew, London. 1149 Telegramm der Deutschen Gesandtschaft in Dublin an das Auswärtige Amt, 25. Juni 1942, Enno Stephan Collection, MACBB, Dublin. 6 Frank Ryan im faschistischen Deutschland – Opportunismus oder echte Überzeugung? 308 hören, dass die Behörden in Dublin annähmen, Russell wäre zusammen mit Frank Ryan von britischen Agenten in Lissabon erschossen worden.1150 Auch Hermann Görtz zweifelte an der offiziellen Version von Russells Tod an Bord des U-Boots. Er beharrte darauf, dass seine Version der Ereignisse der Wahrheit entspreche. „(…) Sean Russell was murdered by the English Secret Service after Stephen Hayes had given away his departure from U.S.A. to Italy to Certain [sic] elements in the Irish Police-special branch. And that these elements had contact with the English Secret Service and had informed them.“1151 Auch Ryan waren die Gerüchte über Russells Tod und seine Rolle in diesem Zusammenhang zu Ohren gekommen. In einem Brief an den irischen Gesandten in Madrid, Leopold Kerney, schilderte er die Ereignisse an Bord des Unterwasserfahrzeugs. „The rumour of Sean’s death which you have heard is unfortunately true. He died of an ulcerated stomach on August 14, 1940, after a final acute illness of four days. (He had – as he told me – suffered previously from „stomach trouble“). I was with him, day and night, throughout his illness, and I can vouch that he received all the attention that was possible. (…) Those rumours of his having met a violent death in Gibraltar and in Barcelona are absurd. To my knowledge, he never set foot in either place. The other rumour about my part in an alleged assassination doesn’t worry me. He and I were always good personal friends – and never more so than during his last days. He died in my arms.“1152 Auch in Ryans Freundeskreis kursierten zu diesem Zeitpunkt die verschiedensten unbestätigten Meldungen. Jedoch betrafen diese weniger Seán Russell, sondern vielmehr die Aufenthaltsorte des Journalisten. Es war die Rede davon, dass Russell die Freilassung seines Landsmannes aus spanischer Gefangenschaft erreicht habe. Außerdem betrieben die beiden Männer in Berlin anti-britische Propaganda. Von anderer Seite hieß es, Frank Ryan halte sich in Lissabon auf. Allerdings hatte ihn bisher vor Ort niemand gesehen.1153 Auch dem irischen Geheimdienst lagen Meldungen vor, wonach die britischen Behörden Seán Russell in Nordirland interniert hätten und Frank Ryan als Lehrer an einer Schule in der Grafschaft Armagh arbeite.1154 Nichts lag weiter entfernt von der Wahrheit, denn zu diesem Zeitpunkt war der ehemalige IRA-Stabschef bereits tot und der Spanienveteran Ryan befand sich in Deutschland ohne eine Möglichkeit, in seine Heimat zurückzukehren. Alle mit Irland im Zusammenhang stehenden Planungen und konkreten Geheimdienstoperationen hatten das Ziel, Großbritannien zu schwächen. So gab es auch Überlegungen, im „Fahrwasser“ von Operation Taube, den irischen Freistaat zu be- 1150 Bericht von Chris. B. O’Connor an das C.S.O. G.2 Abteilung, Verteidigungsministerium, 22. September 1941, Frank Ryan Files – Teil 2, G2/0257, MACBB, Dublin. 1151 Goertz memorandum, Juni 1945, Attempted Escapes from Athlone Internment Camp, G2/1722, MACBB, Dublin. 1152 Brief Frank Ryan an Leopold Kerney, 14. Januar 1942, JUS 8/802, NAI, Dublin. 1153 Brief Seán Nolan an Jim Prendergast, 29. Oktober 1940; Telegramm Gerald O’Reilly an Helen O’Reilly, 1. Dezember 1940; Brief Alexander Scott an News Chronicle, o. D., Frank Ryan Files – Teil 1, G2/0257, MACBB, Dublin. 1154 Geheimer Bericht „Seán Russell.“, C. B. O’Connor an C.S.O. G2-Abteilung, Verteidigungsministerium, 30. Oktober 1942, Seán Russell File, G2/3010, MACBB, Dublin. 6.3 Operation Taube – das wichtigste deutsche Unternehmen in Irland 309 setzen. Das folgende Kapitel konkretisiert diese Pläne und gibt Aufschluss darüber welcher Zielsetzung mit dem Unternehmen Grün verbunden war. Operation Grün – Die deutsche Invasion des irischen Freistaates In der Zeit zwischen Frühjahr und Herbst des Jahres 1940 gab es auf deutscher Seite Planungen für Operation Seelöwe. Hinter diesem Decknamen verbarg sich die Absicht Deutschlands, in Großbritannien einzumarschieren. Hitlers Armee hatte bereits die kleinen neutralen Staaten, Belgien, Luxemburg, die Niederlande, Norwegen und Dänemark, eingenommen, als im Mai 1940 erstmals die Idee einer Invasion Englands aufkam.1155 Zur Unterstützung dieses Plans gab es Überlegungen, auch Irland zu besetzen.1156 Dieses Vorhaben erhielt den Decknamen „Grün“.1157 Trotz der größtmöglichen Geheimhaltung auf deutscher Seite mehrten sich im Freistaat die Gerüchte, dass die Invasion kurz bevorstehe. Eine Quelle sagte massive Luftangriffe in der Zeit um den 15. Juli 1940 voraus. Ein anderer Informant sprach davon, dass die Deutschen kleine hochseetaugliche Wasserfahrzeuge mobilisierten, die sie von der norwegischen und französischen Küste abzögen, um das neblige Herbstwetter für die Invasion nutzen zu können. Das Ziel des Angriffs sollte es dem Deutschen Reich ermöglichen, Luftwaffen-, Marine- und U-Boot-Basen zu errichten, um auf diese Weise die englische und schottische Küste einzukreisen und vom Nachschub abzuschneiden. Eine dritte Quelle ging davon aus, dass die Invasion des irischen Freistaates vor oder zeitgleich mit dem Angriff auf Großbritannien erfolgen solle und von der IRA unterstützt würde.1158 Im August 1940 waren die Planungen der deutschen Wehrmacht bereits angelaufen. Sie hatte Kartenmaterial zu nahezu allen Küstenregionen erstellt, darunter auch die Irlands. Diese militärgeografischen Angaben beinhalteten eine ganze Reihe unterschiedlichster Informationen. Im Fall Irland umfassten sie „(…) the situation, historical background, size frontiers admin structure, surface forms, types of ground and vegetation, climate, weather and waters (…). It discusses the conditions of population, settlement and health, industry, transport communication and traffic. It ends with a general military estimate.“1159 In den Akten des Oberkommandos der Wehrmacht sind weitere Details zu den Vorbereitungen zu finden. Die Armeeführung hatte die Absicht, die Invasion der Insel von Südosten aus zu beginnen. Man 6.3.3 1155 Peter Fleming, Operation Sealion – The projected invasion of England in 1940 – An account of the German preparations and the British countermeasures (New York: Simon and Schuster, 1957), 35. 1156 Duggan, Herr Hempel at the German Legation, 113. 1157 Geheime Kommandosache „Ausdehnung des Landungsunternehmens gegen England auf Irland – Tarnbezeichnung „Grün“, Chef des Generalstabs, 12. August 1940, Fall „Grün“, MI 14/402, IWM- SA, London. 1158 Statement by a Swiss Army Intelligence Officer to A Member of the British Legation Staff at Berne, Switzerland, o. D.; Kopie eines Telegramms, ohne Autor, 1. August 1940; Brief des Repräsentanten der Vereinigten Staaten an F. H. Boland, 1. Juni 1940, Secretarys Office, Co-operation with British in event of attack, DFA/10/A/3, NAI, Dublin. 1159 Comdt. Colm Cox, „Militär Geographische Angaben über Irland“, An Cosantóir 35 Nr. 3 (1975): 83. 6 Frank Ryan im faschistischen Deutschland – Opportunismus oder echte Überzeugung? 310 rechnete mit geringem Widerstand vonseiten der irischen Armee; eine Sonderausstattung wäre demnach nach Ansicht der Heeresführung unnötig.1160 Ein Bericht des War Cabinet in London bestätigte diesen Eindruck. „The Eire army is poorly equipped and consists only of some 8000 regular troops. The Eire air force is not capable of offering any effective resistance in the air and Eire has only one or two antiaircraft guns.“1161 Im August 1940 trainierten deutsche Truppen für die bevorstehende Operation: An der französischen Atlantikküste simulierten Soldaten sowohl die zügige Beladung mit Truppen als auch das gefechtsmäßige Verlassen eines Landungsschiffes. Übungen kleiner, unabhängiger Einheiten sowie Nachteinsätze wurden durchgeführt und man stellte das Feuern der Artillerie unter schwierigen Bedingungen nach, beispielsweise von Bord eines Schiffes oder im offenen Gelände.1162 Der Zeitpunkt der Vorbereitungen wurde von den Deutschen bewusst gewählt, denn die Operationen gegen England beziehungsweise Irland sollten in Abstimmung mit Operation Taube erfolgen. Es war Seán Russells Aufgabe, nach seiner Rückkehr in den Freistaat den Weg für den deutschen Einmarsch zu ebnen. Gerüchten zufolge befanden sich Waffen als Cargofracht auf dem Weg nach Irland.1163 Die Ladung sollte zuerst von Kapitän Christian Nissen an Bord eines bretonischen Fischerbootes nach Irland transportiert werden und dann von der Untergrundarmee in Empfang genommen werden. Zusätzlich sollte sich der irische Schriftsteller und IRA-Sympathisant Henry Francis Stuart1164 an Bord befinden. Seine Aufgabe bestand darin, den Transport zu überwachen und die Übergabe an die IRA sicherzustellen. Kurt Haller, Mitarbeiter der Abwehr II, war mit den Planungen der Operation vertraut. Laut seiner Aussage habe es keine Pläne gegeben, Stuart an dem Unternehmen zu beteiligen. „He [Haller] denies that Stuart was to take a shipment of arms to Eire, although the possibility may have been vaguely dis- 1160 Geheime Kommandosache betr. Landung Irland (Grün), Chef des Generalstabs, 12. August 1940, Appendix XI, Duggan, „Hempel at German Legation“, Dissertation, Trinity College Dublin, 1979, 365f. 1161 Geheimer Bericht des War Cabinet „Eire. Report by the Chiefs of Staff Committee.“, 30. Mai 1940, CAB 66/8/13, NAK Kew, London. 1162 Charles Burdick, „‚Gruen‘, German Military Plans and Ireland, 1940“, An Cosantóir 34 Nr. 3 (1974): 77. 1163 Die Planung für die Lieferung von Waffen nach Irland befand sich in einem sehr frühen Stadium, weshalb noch keine weiteren Überlegungen bezüglich des konkreten Transports getroffen worden waren. 1164 Henry Francis Stuart war ein bekannter irischer Schriftsteller, der nicht nur Kontakte zur irischen Untergrundarmee IRA unterhielt, sondern auch während einer Lesereise im Frühjahr 1939 durch Deutschland großen Gefallen an Land und Leuten fand. Im Sommer des gleichen Jahres kehrte er nach Berlin zurück und lehrte an der Humboldt-Universität. In der Folgezeit arbeitete Stuart auch für die deutsche Propaganda. Er schrieb und moderierte im Rahmen der Irland-Redaktion Rundfunksendungen für seine Landsleute in der Heimat. Bericht „Henry Francis Stuart.“, ohne Autor, 15. Mai 1945, KV 6/79, NAK Kew, London; Brief des Leiters des englischen Seminars an die U- Kasse, 29. Januar 1940; Brief August Scherl Nachfolger Verlag an das Dekanat der Philosophischen Fakultät der Universität Berlin, 5. März 1940, PA 120/1, Archiv der Humboldt-Universität (HUA), Berlin; David O’Donoghue, Hitler’s Irish Voices – The Story of German Radio’s Wartime Irish Service (Belfast: Beyond the Pale Publications, 1998), 40. Weitere Informationen zu dem Schriftsteller Francis Stuart finden sich in Kapitel 7.3.2 Francis Stuart – Ryans guter Freund in Berlin. 6.3 Operation Taube – das wichtigste deutsche Unternehmen in Irland 311 cussed with him. Stuart would have certainly agreed to go, but Abw II did not think him suitable for such a mission.“1165 Unabhängig von der Rolle Stuarts sollte Russells Unternehmen die Invasion Englands flankieren. Die Briten spekulierten sogar, dass die Deutschen den Sturz der Dubliner Regierung planten.1166 Eine Quelle aus den Reihen der britischen Marine unterstellt der Irish Republican Army, bereits erste Vorbereitungen getroffen zu haben, damit deutsche Truppen in der Umgebung der Bantry Bay in der Grafschaft Cork landen könnten. Darüber hinaus plane man die Ermordung von Regierungsund Gemeindevertretern.1167 Auch die Nachfolge sei den Gerüchten zufolge bereits geregelt. In einem geheimen Brief schrieb Desmond Morton, Mitarbeiter in Winston Churchills Privatbüro und Verbindungsmann zwischen dem Premierminister und der Geheimdienstabteilung im Bletchley Park1168, an Philip Cunliffe-Lister, Earl of Swinton und Mitglied des britischen Oberhauses: „Did you know that the German Gauleiters of Eire are already there, known by name and functioning in a certain way? The local Quisling is Sean Russell, who has been landed in Eire by a German U-Boat. The whole of his shadow Government has been formed as the Apostolic Successor of the 1916 Revolutionary Government and exactly parallel to Quisling’s effort, this Government is awaiting the signal to déclassé a revolution at the moment the German troops land.“1169 Diesen Plan sollte Russell mit tatkräftiger Unterstützung der IRA umsetzen. Zur genauen Abstimmung des Zeitplans hatte man vereinbart, dass ein roter Blumentopf in einem Fenster der Deutschen Gesandtschaft in Dublin platziert werde. Dieser sollte das Signal für den Start der Operation Seelöwe markieren.1170 Nach der erfolgreichen Invasion sollten beide Länder unter deutsche Kontrolle gebracht werden. Die Übungen des deutschen Heeres dauerten nur bis Oktober 1940. Dennoch bestand sowohl für Irland als auch für Großbritannien bis ins Jahr 1941 weiterhin die Gefahr einer deutschen Invasion. Als sich dann aber Adolf Hitler in der Funktion des Obersten Befehlshabers der Wehrmacht immer intensiver mit seinen Vorhaben Russland beschäftigte, standen die britischen Inseln ab Februar 1942 nicht mehr im Zentrum der militärischen Planungen und verloren im Rahmen der offensiven Planung 1165 „Brief for Interrogation of Dr. Kurt Haller Abwehr Abteilung II and Büro Veesenmayer Plans and Activities in Connection with Ireland“, 17. November 1945, KV 2/769, NAK Kew, London; Francis Stuart, „Extracts from a Berlin Diary“, The Irish Times, 29. Januar 1976, 10. 1166 Geheimer Bericht des War Cabinet „Eire. Report by the Chiefs of Staff Committee.“, 30. Mai 1940, CAB 66/8/13, NAK Kew, London. 1167 Auszug aus dem geheimen Bericht „Eire“ – „Fifth Column“, Admiral John Henry Godfrey, o. D., GOD/80 Godfrey Collection, National Maritime Museum Greenwich (NMMG), London. 1168 Die Geheimdienstabteilung Sektion X, genannt Abteilung „Ultra“ im Bletchley Park in der Grafschaft Buckinghamshire war verantwortlich für die Entzifferung des deutschen Nachrichtenverkehrs. Christopher Andrew, „Bletchley Park in Pre-War Perspective“, The Bletchley Park Codebreakers – How Ultra Shortened The War And Led To The Birth Of The Computer, Hrsg., Ralph Erskine und Michael Smith (London: Biteback Publishing, 2011), 1ff. 1169 Streng geheime Auszüge aus einem Brief „Fifth column in and working from Eire.“, Mr. Morton an Lord Swinton, 8. Juni 1940, Prem 3/131/2, NAK Kew, London. 1170 Handschriftliche Notiz, o. D., Fotosammlung zu Geheimauftrag Irland, Enno Stephan Collection, MACBB, Dublin. 6 Frank Ryan im faschistischen Deutschland – Opportunismus oder echte Überzeugung? 312 des Russland-Feldzugs schließlich ganz an Bedeutung. Die auf den britischen Inseln weiterhin bestehende Angst vor einem deutschen Einmarsch war somit eigentlich unbegründet.1171 Trotzdem barg Operation Grün ein hohes Gefahrenpotential für Irland, ungeachtet dessen, ob die Deutschen ernsthaft in Betracht zogen, in den Freistaat einzumarschieren. Die militärische Bedrohung war relativ gering,1172 aber sowohl die Briten als auch die Iren empfanden die deutschen Drohgebärden als real. Man rechnete täglich mit der Landung deutscher Fallschirmspringer. Gleichzeitig mehrten sich die Stimmen, die befürchteten, dass beide Armeen gleichzeitig in Irland einmarschieren könnten. Deshalb galt für die Soldaten das Motto: „whoever comes first is our enemy.“1173 Viel schwerwiegender als die befürchtete deutsche Invasion war eine mögliche Reaktion der Briten. Die Regierung in Dublin erwartete, dass die Armee des Nachbarlandes den Freistaat in diesem Fall besetzte.1174 Nach der Niederlage Frankreichs fühlte sich auch das Kabinett in Westminster durch das Deutsche Reich bedroht. Deshalb entsandte es U-Boote, die rund um die irische Dingle-Bucht patrouillierten. Sie war die einzig landeinwärts gelegene Lücke, die es Deutschland ermöglichte, Großbritannien komplett einzukreisen.1175 „While Eire remains neutral, British military assistance cannot be called in until an emergency actually arises. In view of the weakness of the Eire armed forces, this might well prove too late to attack the initial enemy landings and to prevent the trouble growing into a serious commitment.“1176 Wahrscheinlich war eben diese Abwehrschwäche des irischen Militärs der ausschlaggebende Faktor, alle deutschen Invasionspläne endgültig zu verwerfen. Denn selbst wenn die Invasion ohne nennenswerte Gegenwehr gelingen konnte, war es auch den Briten möglich, in den Freistaat einzumarschieren, und eben die fehlenden Verteidigungsvorrichtungen der militärischen Einrichtungen würde es den deutschen Truppen erschweren, im Falle eines britischen Angriffs, die Häfen zu verteidigen.1177 Das endgültige Ende aller Planspiele für die britischen Inseln kam im Jahr 1941. Der deutsche Stab arbeitete ausschließlich an den Planungen für Operation Barbarossa. Obwohl Irland somit militärisch keine Rolle mehr spielte, hatten die deutschen Behörden das Interesse am Freistaat noch nicht zur Gänze verloren. Es gab immer noch Ansätze, sich die Iren zunutze zu machen. Dazu sollte der irische Vertreter in Deutschland, Frank Ryan, beitragen. Man plante, nach dem schnellen deutschen Sieg 1171 Peter Fleming, „Invasion 1940“, 4. November 1956, The Sunday Times, TAOIS S 15469 A, NAI, Dublin. 1172 Interview der Autorin mit John P. Duggan, Blackrock, Co. Dublin, 5. Mai 2007. 1173 Lt. Col. John P. Duggan, „The German Threat – Myth or Reality“, An Cosantóir 49 Nr. 9 (September 1989): 9. 1174 Interview des Autors mit John P. Duggan, Blackrock, Co. Dublin, 5. Mai 2007. Laut Col. John P. Duggan landeten einzelne deutsche Verbände im County Wexford. Allerdings blieb dieser Zwischenfall ohne Folgen. Ibid. 1175 Auszug aus dem geheimen Bericht „Eire“ – „Fifth Column“, Admiral John Henry Godfrey, o. D., GOD/80 Godfrey Collection, NMMG, London. 1176 Geheimer Bericht des War Cabinet „Eire. Report by the Chiefs of Staff Committee.“, 30. Mai 1940, CAB 66/8/13, NAK Kew, London. 1177 Comdt. Colm Cox, „Wir Fahren Gegen Irland?“, An Cosantóir 34 Nr. 5 (Mai 1974): 142. 6.3 Operation Taube – das wichtigste deutsche Unternehmen in Irland 313 über Russland, von dem die Armeeführung ausging, sich wieder stärker auf den Westen zu konzentrieren.1178 Nachdem Irland im Bewusstsein der deutschen Führung in den Hintergrund gerückt, aber noch nicht gänzlich zu den Akten gelegt worden war, wurden weitere Pläne diskutiert, wie man sich die Feindschaft zwischen Briten und Iren doch noch zu Nutze machen könnte. Das folgende Kapitel schildert den Versuch der Deutschen, irische Kriegsgefangene, durch Unterstützung des Iren Frank Ryan, zum Kampf gegen die Briten zu rekrutieren. Das Friesack Lager und die Bildung einer irischen Einheit Im Sommer 1940, nach dem Ende der Einsätze an der Westfront, begann die Abwehr II damit, Kriegsgefangene, die nationalen Minderheiten angehörten, von ihren Kameraden zu trennen und in gesonderten Lagern unterzubringen. Das Ziel bestand darin, eine Auswahl an Häftlingen unterschiedlichster Nationalitäten zu haben, aus deren Bestand man Agenten oder Saboteure rekrutieren konnte.1179 Eines dieser Gefangenenlager sollte ausschließlich Iren beherbergen. Die Suche nach geeigneten Rekruten aus dem Freistaat begann im Juni 1940. Diese Freiwilligen sollten – so wollte man die Männer motivieren – vor allem für ihre Heimat kämpfen. Es war vorgesehen, im Fall einer deutschen Landung an der irischen Küste mit der IRA zu kooperieren.1180 Konkret sahen die Planungen der Irlandsektion der Abwehr vor, eine eigene irische Einheit nach dem Vorbild Sir Roger Casements während des 1. Weltkriegs zu bilden. Nach dem Muster des Lehr-Regiments Brandenburg z.b.V. 800 stellte sich die Behörde eine bestens ausgebildete Truppe vor, die für den Guerillakampf tauglich war. Attribute wie Verwegenheit und Verlässlichkeit standen im Vordergrund. Die Abwehrszenarien beinhalteten außerdem, dass die Rekruten im Verband mit deutschen Einheiten für die Freiheit Irlands kämpften oder ihr Land gegen die von Großbritannien ausgehende Aggression verteidigten. Das Vorhaben stellte sich bald als zu ambitioniert heraus. „(…), once it came to facts, it became clear that not more than 150 men at the outside were available – hardly sufficient to form a Brigade – and that their moral fibre and loyalty to the Irish – let alone the German – cause was doubtful in the extreme.“1181 6.3.4 1178 Geheimes Memorandum über „German Military Geographical Data and Maps of Ireland“, G2-Abteilung, Verteidigungsministerium, Juni 1946, German Document Re Invasion of Ireland, G2/X/ 1403, MACBB, Dublin. 1179 Auszug „Recruitment of Irish PW“ aus dem geheimen Appendix A zu FR 89 des Sonderführers (Z), Kurt Haller Teil III, ohne Autor, 7. August 1946, KV 4/449, NAK Kew, London. 1180 Memo on Helmut Clissmann, ohne Autor, o. D., RG 226 Entry 119 A Box 7, NA, Washington D.C., USA. 1181 Auszug „Recruitment of Irish PW“ aus dem geheimen Appendix A zu FR 89 des Sonderführers (Z), Kurt Haller Teil III, ohne Autor, 7. August 1946, Assessment of the security problems of a neutral Eire on report of GIS activities in Eire during the war, 1939–1945, KV 4/449, NAK Kew, London. 6 Frank Ryan im faschistischen Deutschland – Opportunismus oder echte Überzeugung? 314 Die Abwehr errichtete gegen Ende des Jahres 1940 in der Nähe der Ortschaft Friesack, Brandenburg, ein spezielles Gefangenenlager, Damm I, das irischen Freiwilligen vorbehalten war und im Frühjahr 1941 mit circa 150 bis 200 Mann belegt war. Das große Lager Luckenwalde1182 südlich von Berlin diente in den ersten Monaten als Transitlager für Kriegsgefangene aus dem Freistaat, die sich für die Brigaden gemeldet hatten. Damm I war offiziell ein Teil Stalags XX A 301, einem Lager u. a. für britische Kriegsgefangene in Thorn, in der polnischen Woiwodschaft Kujawien-Pommern. Unter den ersten, die die Abwehr zur Rekrutierung der Gefangenen gewinnen konnte, befanden sich Franz Fromme und der irische Schriftsteller Francis Stuart1183. Für beide Männer blieb ihr Engagement von nur kurzer Dauer. Der Deutsche erwies sich als ungeeignet für diese Aufgabe. „(…) on one occasion he mixed up the lists of rejected and selected candidates from one camp, and a hostile batch of Irish PW was transferred to DAMM I; for security reasons this mistake could not be rectified.“1184 Ein aus deutscher Kriegsgefangenschaft nach Irland zurückgekehrter Soldat berichtete, dass er im August 1940 als Häftling des Lagers Dulag Luft1185 von einem Iren namens Steward [sic] zu seiner politischen Einstellung und seinem familiären Hintergrund befragt worden sei. Der Zweck dieser Aktion habe nach Aussage des Iren darin bestanden, in allen Gefangenenlagern mit irischen Insassen geeignete Männer für die Gründung eines eigenen Lagers zu finden. Nach diesem Besuch sei der Mann, bei dem es sich wahrscheinlich um Francis Stuart, den Lektor der Humboldt-Universität gehandelt hatte1186, nicht mehr zurückgekehrt. Andere Veteranen berichteten nach ihrer Rückkehr von ähnlichen Erlebnissen und identifizierten Stuart als den Mann, der irische Offiziere im Dezember 1940 im Gefangenenlager Oflag VII C/H befragt hatte.1187 Stuart, der in 1182 Im Kriegsgefangenenlager Stalag III A in Luckenwalde in Brandenburg, südlich von Berlin, waren zu Spitzenzeiten knapp 20.000 Soldaten unterschiedlicher Herkunft festgesetzt. Hauptsächlich waren polnische und französische Kriegsgefangene im Stammlager untergebracht. Uwe Mai, Kriegsgefangen in Brandenburg, Stalag III A in Luckenwalde 1939–1945 (Berlin: Metropol, 1999), 9, 22, 26f. 1183 Nähere Informationen zu dem Schriftsteller Francis Stuart finden sich in Kapitel 7.3.2 Francis Stuart – Ryans guter Freund in Berlin. 1184 Auszug „Recruitment of Irish PW“ aus dem geheimen Appendix A zu FR 89 des Sonderführers (Z), Kurt Haller Teil III, ohne Autor, 7. August 1946, Assessment of the security problems of a neutral Eire on report of GIS activities in Eire during the war, 1939–1945, KV 4/449, NAK Kew, London. 1185 Das Dulag Luft, Abkürzung von „Durchgangslager der Luftwaffe“, war von 1939 bis 1945 ein Verhörund Durchgangslager für vorwiegend britische und amerikanische Kriegsgefangene der jeweiligen Luftstreitkräfte und die wichtigste Stelle zur Informationsgewinnung der Luftwaffe. Stefan Geck, Dulag Luft / Auswertestelle West: Vernehmungslager der Luftwaffe für westalliierte Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg (Frankfurt/Main: Peter Lang, 2008), 28. 1186 Nora O’Mara, die Lebensgefährtin des Schriftsteller Francis Stuart in Berlin, beschreibt in ihren Erinnerungen jedoch eine Reise zum Kriegsgefangenenlager Dulag Luft in Oberursel in der Nähe von Frankfurt am Main, wo Stuart die Inhaftierten befragte, um herauszufinden, ob es unter den Kriegsgefangenen irische Nationalisten gab. Die Aktion blieb aber ohne Ergebnis. Roisin Ni Mheara, Recollections (Bloomington: Xlibris, 2015), 115f. 1187 Bericht „Henry Francis Stuart.“, ohne Autor, 15. Mai 1945, KV 6/79, NAK Kew, London. Das Schloss in Laufen im Berchtesgadener Land war in der Zeit von Dezember 1939 bis Ende Januar 1942 als Kriegsgefangenenlager für Offiziere, kurz Oflag, genutzt worden. In erster Linie wurden dort britische Offiziere, die während des Frankreichfeldzugs gefangengenommen worden waren, interniert. Arieh Kochavi, Confronting Captivity: Britain and the United States and their POW in Nazi Germany (Chapel Hill: University of North Carolina Press, 2005), 14. 6.3 Operation Taube – das wichtigste deutsche Unternehmen in Irland 315 erster Linie an der Berliner Universität lehrte, schob seine akademischen Verpflichtungen vor. Ihn enttäuschte vor allem die geringe Resonanz, die sein Angebot bei den Landsleuten auslöste, und die „schlechte Qualität“ der Freiwilligen. Im Spätsommer 1941 übernahm Frank Ryans Freund Jupp Hoven die Aufgabe, Häftlinge zu rekrutieren, die für die Ausführung von Sabotageakten, entweder alleine oder in kleinen Gruppen, geeignet erschienen. Dabei sollten besonders Anhänger der Irish Republican Army, die sich Gerüchten zufolge unter den britischen Häftlingen befanden, gezielt ausgewählt werden. Schnell stellte sich heraus, dass sich einige Männer absichtlich und entgegen den Tatsachen, als Mitglieder der Untergrundarmee ausgaben. Die Abwehr plante, alle möglichen Freiwilligen zu überprüfen. Dazu sollte per Funk Kontakt zur IRA in Irland aufgenommen werden, um die Angaben der Männer zu verifizieren. Da die Verbindung nicht funktionierte, lag es in Hovens Ermessen, ob er den Angaben eines Häftlings Glauben schenkte. „Hoven was left in complete charge of the Abw side of the camp, and spent a good deal of time there. All propaganda was controlled by him, and he took some trouble over this. He had frequent and long talks with small groups of PW or individual men, during which he tested and strengthened their anti-British feelings; he also obtained suitable literature and films from the Wehrmacht Propaganda Dept. He further considered that an Irish priest, provided he were [sic] friendly to the German cause, would, by virtue of his office, exert a subtle but nevertheless important influence on the men.“1188 Im Rahmen seiner Aufgabe reiste Hoven nach Rom. Dort traf er sich mit Fr. Maurice Slattery, dem Generaloberen der Afrikamission und bat darum, einen Geistlichen für die Betreuung der 4.000 irischen Kriegsgefangenen nach Deutschland zu schicken.1189 Zwar stand der Kirchenvertreter dem Vorhaben eher skeptisch gegen- über, trotzdem wollte er den Gläubigen in den Lagern den geistlichen Beistand nicht vorenthalten. Slatterly war der tiefere Sinn der Maßnahme, die Gründung einer irischen Brigade nach Casements Vorbild bekannt, und äußerte seinen Verdacht auch gegenüber dem Abwehr II-Mitarbeiter. „Hoven sneered a bit and conveyed the impression that nothing like that was intended.“ Obwohl der Vatikan den deutschen Plan nicht guthieß, folgte man der Bitte Hovens und sandte einen Priester ins Gefangenenlager Friesack: Father Thomas O’Shaughnessy war als möglicher Kandidat für diese Aufgabe vorgesehen. Father Slatterys Wahl fiel möglicherweise deshalb auf den Iren, weil dieser in Rom einen Deutschkurs besuchte hatte.1190 Vor der deutschen Zustimmung befragte Hoven den Geistlichen sehr ausführlich, um sicherzustellen, dass die Geheimhaltung nicht gefährdet war. „He subjected Monsignore to a long interrogation about political feeling in Ireland enquired whether he knew Frank Ryan, the Walshes of Galway, what were political views of Dominicans, what would be probable effect on prisoners if America entered war, and number of other similar ques- 1188 Auszug „Recruitment of Irish PW“ aus dem geheimen Appendix A zu FR 89 des Sonderführer (Z), Kurt Haller Teil III, ohne Autor, 7. August 1946, Assessment of the security problems of a neutral Eire on report of GIS activities in Eire during the war, 1939–1945, KV 4/449, NAK Kew, London. 1189 Geheimer Bericht „Jupp Hoven“, ohne Autor, o. D., DFA/10/P/213, NAI, Dublin. 1190 Interview mit Father O’Shaughnessy, ohne Autor, o. D., G2/X/0947, MACBB, Dublin. 6 Frank Ryan im faschistischen Deutschland – Opportunismus oder echte Überzeugung? 316 tions.“1191 Nach eingehender Prüfung übertrug die Abwehr Father Thomas O’Shaughnessy die Aufgabe, den geistlichen Beistand für lediglich circa hundert katholische Kriegsgefangene zu übernehmen.1192 Die meisten Häftlinge interessierten sich wenig für Religion,1193 sodass O’Shaughnessy schnell erkannte, dass sein Einsatz keinem seelsorgerischen Zweck diente, sondern „(…) only to reassure Irishmen about qualms of conscience concerning oath of allegience to King Georg, (…).“ Der irische Geistliche missbilligte, dass er in politische Angelegenheiten verwickelt wurde.1194 Nachdem auch die Abwehr erkannt hatte, dass sich der Priester nicht für die politischen Ziele einspannen ließ,1195 er sollte seine Landsleute zu einer Zusammenarbeit mit den Deutschen und gegen die Briten bewegen, schwand das Vertrauen in seine Person. Zwar hatte die Behörde dem Geistlichen zugesichert, dass man ihm weitere in Berlin lebende Iren zu gegebener Zeit vorstellen würde, jedoch kam es nie zu einem Treffen.1196 Der Angriff auf die UdSSR beendete schließlich die Planungen zur Aufstellung einer irischen Brigade. Stattdessen konzentrierte sich die Abwehr unter der Leitung von Kurt Haller darauf, einzelne Agenten zu rekrutieren und zu trainieren.1197 Neben Jupp Hoven waren weitere Mitarbeiter der Behörde an der Auswahl geeigneter Kriegsgefangener in Friesack beteiligt. Ein deutscher Agent mit dem Decknamen „Springbok“ [sic] sprach davon, dass Frank Ryan aktiv an den Anwerbemaßnahmen mitwirkte. Er erinnerte sich an einen tauben Iren, der immer ein Mikrofon bei sich gehabt habe.1198 Auch Helmut Clissmann bestätigte, dass er zusammen mit seinem irischen Freund, als Zivilisten getarnt, das Lager besuchte. „Wir waren beide sehr skeptisch über einen möglichen Erfolg unserer Mission. Tatsächlich wurde Frank Ryan auch sofort von mehreren Lagerinsassen erkannt und freudig mit ‚Hallo Frank‘ begrüsst [sic].“ Dr. Jupp Hoven widersprach seinem Landsmann in diesem Punkt. „Niemand von ihnen (den Iren in Friesack) hat ihn (Ryan), der in Deutschland Francis Richard hiess [sic], mit seinem Namen gekannt.“1199 Einem Zeitungsbericht zufolge habe auch Seán Russell versucht, Freiwillige in britischen Gefangenenlagern zu rekrutieren. Nach der Schlacht von Dünkirchen soll er das Lager Stalag VIII B besucht haben. „Irish prisoners were paraded individually before him, and he asked 1191 Persönlich codiertes Telegramm aus Vatikan Stadt an das Außenministerium, 3. Juni 1941, DFA/A/36, NAI, Dublin. 1192 Geheimer Bericht „Jupp Hoven“, ohne Autor, o. D., DFA/10/P/213, NAI, Dublin. 1193 Interview mit Father O’Shaughnessy, ohne Autor, o. D., G2/X/0947, MACBB, Dublin. 1194 Persönlich codiertes Telegramm der irischen Vertretung am Heiligen Stuhl an das Außenministerium Dublin, 2. Februar 1942, DFA/A/36, NAI, Dublin. 1195 Obwohl es keinen ausreichenden Quellennachweis darüber gibt, was konkret die deutsche Abwehr von dem irischen Priester erwartete, hat es den Anschein, als gingen die Deutschen davon aus, dass O’Shaughnessy aufgrund seiner Deutschkenntnisse auch pro-deutsche Tendenzen hege. Dieses vermeintliche Wohlwollen für die Deutschen hätte nach Meinung der Abwehr dann auch zur Rekrutierung irischer Kriegsgefangener genutzt werden können. 1196 Brief M. MacWhite an Colonel Bryan, 18. September 1942, DFA/A/36, NAI, Dublin. 1197 Bericht „Irish Prisoners of War“, ohne Autor, o. D., G2/X/0154, MACBB, Dublin. 1198 Bericht „Evidence that Frank Ryan worked for the G. I. S.“, ohne Autor, o. D., KV 2/1292, NAK Kew, London. 1199 Stephan, Vergessene Episode, Enno Stephan Collection, MACBB, Dublin, 378. 6.3 Operation Taube – das wichtigste deutsche Unternehmen in Irland 317 them to volunteer to fight for Ireland against Britain. Only one man volunteered. The rest of the Irishmen so much disproved of his action that he spent five weeks in hospital afterwards.“1200 Eine andere Quelle berichtete, Ryan habe als Ersatz für Russell dessen Aufgabe, unter den Kriegsgefangenen Freiwillige zu werben, übernommen.1201 Haller allerdings verneinte diese Gerüchte. „Sean Russell was at no time allowed to see the camp.“1202 Neben dem Besuch des Lagers betraute Hoven seinen Freund Ryan mit der Ausführung eines weiteren Auftrags: die Geschichte eines potenziellen Rekruten namens John Codd, eines sehr enthusiastischen Freiwilligen, zu überprüfen. Dieser hatte während seiner Vernehmungen erklärt, in England IRA-Mitglied gewesen zu sein und enge Kontakte zur Armeeführung gehabt zu haben. Ryan sollte beurteilen, ob diese Aussage der Wahrheit entsprach und kam zu dem Schluss, dass dies durchaus richtig sein könnte.1203 Sein Kollege und enger Freund Frank Stephen Stringer bestätigte später, dass Codd im August 1941 durch den irischen Zivilisten Frank Maloney befragt worden sei. Ryan nutzte dieses Alias als Decknamen während seiner Zeit in Deutschland. Im Gegensatz zur Aussage Kurt Hallers gab Stringer jedoch zu Protokoll, dass sein Landsmann nie der IRA angehört habe.1204 Abgesehen von diesem kurzen Einsatz beschränkten sich Ryans Aktivitäten im Gefangenenlager auf wenige Besuche. Trotzdem warb die Abwehr mit Ryan um irische Freiwillige, wie sich Red Cushing, ein Häftling des Lagers in Friesack erinnerte. Clissmann bestätigte diese Aussage des Iren. Schließlich hatte es sich herumgesprochen, dass sich der Veteran des Spanischen Bürgerkriegs in Deutschland befand. Allerdings habe es sich bei dem Mann, der vor den Gefangenen gesprochen hatte, nach Cushings Aussage nicht um Frank Ryan gehandelt, den er persönlich aus Irland und aus der gemeinsamen Zeit in Spanien kannte.1205 Zwar hatten viele Häftlinge davon gehört, dass prominente Iren für die deutsche Sache warben, von tatsächlichen Aktionen berichteten jedoch die wenigsten. Ein anderer irischer Gefangener erklärte beispielsweise, dass während seiner gesamten Internierung im Stalag III A in Luckenwalde, weder Frank Ryan noch Seán Russell noch Francis Stuart das Lager in Friesack besucht hätten.1206 Als sich abzeichnete, dass die Aktion der Abwehr nicht den gewünschten Erfolg brachte, hatte man auch keine Verwendung mehr für den irischen Priester Father 1200 Zeitungsartikel „Germans’ Spy on Pals Order Failed – Britons Wouldn’t Be Made Traitors“, o. D., G2/X/0947, MACBB, Dublin. Der Artikel äußert sich nicht näher zu den Umständen, die dazu führten, dass Russell im Krankenhaus behandelt werden musste. Es ist anzunehmen, dass die irischen Kriegsgefangenen den Mittelsmann schlugen. 1201 Bericht „Note on Frank Ryan.“, B.I.H., 24. September 1944, KV 2/301, NAK Kew, London. 1202 Geheime Beilage zu Appendix A / FR 89 Sonderführer (Z), Kurt Haller „Irish PW – Statements by Codd, Stringer, Cushing, Walsh, Strogen, Johnson, Cawley and Lee“, Kommentare zur Aussage Codds, 7. August 1946, KV 4/449, NAK Kew, London. 1203 Auszug „Recruitment of Irish PW“ aus dem geheimen Appendix A zu FR 89 des Sonderführer (Z), Kurt Haller Teil III, ohne Autor, 7. August 1946, KV 4/449, NAK Kew, London. 1204 Informationsblatt „Personal Particulars“ von A.P./R.6., 14. Februar 1961; Auszug aus der Aussage der Nummer 7043206 Frank Stephen Stringer, Royal Irish Fusiliers, 7. August 1945, KV 2/1292, NAK Kew, London. 1205 Red Cushing, Soldier For Hire – The Many Army Careers of Red Cushing (London: John Calder, 1962), 247f. 1206 Bericht des ehemaligen Kriegsgefangenen Joseph W. Dolan, o. D., G2/X/0947, MACBB, Dublin. 6 Frank Ryan im faschistischen Deutschland – Opportunismus oder echte Überzeugung? 318 O’Shaughnessy. Dieser fühlte sich wiederum nicht an die strenge Geheimhaltung gebunden und schilderte nach seiner Rückkehr nach Rom ausführlich die Ereignisse in den deutschen Gefangenenlagern. Er gab an, dass keiner der Inhaftierten, die sich zum Schein für die Operationen gemeldet hatten, ernsthaft daran interessiert war. Die überwiegende Mehrheit der Häftlinge meldete sich wegen des deutschen Versprechens auf bessere Haftbedingungen, mehr Abwechslung von der täglichen Lagerroutine und der vagen Hoffnung, auf diesem Weg in die Heimat zurückzukehren.1207 Diese Aussage entsprach jedoch nicht ganz der Wahrheit. Laut Jupp Hoven fanden sich insgesamt zehn Mann, die bereit waren, für die Deutschen tätig zu werden. Um von den wirklichen Plänen abzulenken, inszenierte die Abwehr einen „erfolgreichen“ Ausbruchsversuch und brachte alle Freiwilligen in einer Wohnung in Berlin unter. In den folgenden Wochen erhielten sie an der Abwehrschule Quenzgut1208 eine Ausbildung im Bereich Sprengstoff, Brandmittel und zusätzlich Unterricht im Funken. Es existierten sogar konkrete Operationspläne, die allerdings nie über das Planungsstadium hinauskamen.1209 Hoven spielte die Bedeutung des gesamten Vorhabens zur Aufstellung einer irischen Brigade bzw. der Ausbildung von Einzelagenten in einem Brief an Enno Stephan herunter. „Ihre Studie würde einem Irrtum unterliegen, wenn in ihr der Eindruck entstünde, als sei im Rahmen der erwähnten Versuche der Abwehr die Bemühungen, unter den kriegsgefangenen britischen Soldaten solche, die als Iren britische Kriegsfreiwillige geworden waren, als technische Helfer zu finden, eine wichtige Episode gewesen. Das konnte sie nicht sein und sie ist es auch nie geworden. Es sind unter den vielen Leuten dieser Kategorie nach Dünkirchen wohl ein paar brave Abenteurer gewesen, die eine gewisse technische Ausbildung schließlich erhielten. Eine „irische Brigade“ ist nie gebildet worden und diese Leute wurden niemals Fallschirmjäger.“1210 Deshalb löste die Abwehr die Sonderlager wieder auf. Die in Damm I befindlichen Häftlinge kehrten nach und nach in britische Kriegsgefangenenlager zurück. Für die zehn separierten Freiwilligen endete der umfassende Fehlschlag letztendlich mit der Deportation in das Konzentrationslager Sachsenhausen, wo sie aufgrund ihres Wissens über die deutschen Pläne interniert wurden. Erst mit der Befrei- 1207 Geheimer Bericht „Jupp Hoven“, ohne Autor, o. D., DFA/10/P/213, NAI, Dublin. 1208 Die Abwehr II unterhielt in Brandenburg an der Havel im ehemaligen Anwesen eines jüdischen Gummifabrikanten, das arisiert worden war, ein Ausbildungslager für den Unterricht in Sabotage. Des Weiteren bekamen auf dem abgelegenen Gut Funker, V-Leute, Saboteure und Sprengmeister ihre jeweiligen Kenntnisse und Fertigkeiten vermittelt. Spezialisten für die Zersetzung von größeren und kleineren Gruppen wurden in ihrer Tätigkeit unterwiesen. Sie sollten die gezielte Auflösung und Desorganisation von gegnerischen Gruppen erwirken, indem sie einzelne Personen innerhalb deren Einheit oder Bewegung beeinflussten, beispielsweise durch das zielgerichtete Untergraben von Überzeugungen. Im Laufe der Zeit kamen in Brandenburg noch Spezialisten für Waffen und Fahrzeuge sowie eine Dolmetscherschule hinzu. Hans Bentzien, Division Brandenburg: Die Rangers von Admiral Canaris (Godern: Edition Digital Pekrul & Sohn GbR, 2015), 76, 290; Wolfgang Schuller, „Staatsterror aus dem Dunkeln – die Zersetzungsmaßnahmen des Ministeriums für Staatssicherheit und ihre Aufarbeitung“, 1945 bis 2000 Ansichten zur deutschen Geschichte: Zehn Jahre Gedenkstätte Moritzplatz Magdeburg für die Opfer politischer Gewaltherrschaft 1945 bis 1989, Hrsg., Annegret Stephan (Opladen: Leske und Budrich, 2002), 73f. 1209 Stephan, Vergessene Episode, Enno Stephan Collection, MACBB, Dublin, 378f. 1210 Brief Dr. Josef Hoven an Enno Stephan, 29. Juni 1959, Enno Stephan Collection, MACBB, Dublin. 6.3 Operation Taube – das wichtigste deutsche Unternehmen in Irland 319 ung des Lagers durch polnische und sowjetische Soldaten im April 1945 endete für alle inhaftierten Iren ihre „Schutzhaft“ in Deutschland.1211 Für Jupp Hoven hatte der Fehlschlag der irischen Brigade nicht nur berufliche Konsequenzen: Elizabeth Clissmann,1212 die den Offizier gut kannte, berichtete später: „(…) he was a bad intelligence officer that he had made a bad job of the Irish Camp and had been transferred to ordinary military duties as a result. She [Elizabeth Clissmann] instanced as a proof of his indiscretion first that when he went to Rome to recruit a priest for the Irish Camp he picked one without establishing what his political affiliations and sympathies were and secondly while there under an assumed name, he childishly sent a card to one of the Mulcahy family [Helmut Clissmanns Schwiegereltern aus Sligo] with greetings ‚from Jupp and Helmut.‘ He had had nothing to do with intelligence for the last few years and had been returned to duty as a line officer. He had fought with the German garrison which held out at Brest and had been captured there.“1213 Trotz des bescheidenen Erfolgs bei den irischen Kriegsgefangenen plante die Schutzstaffel (SS) mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes eine englische Brigade. Es gab innerhalb der SS Bedenken ob der Durchführbarkeit des Plans, denn auch bei den Briten war die Zahl der Freiwilligen sehr gering. Dessen ungeachtet wurden im November 1942 die ersten Pläne ausgearbeitet. Diese sahen vor, die Rekruten in Verbänden der Waffen-SS an der Ostfront im Kampf gegen die Rote Armee einzusetzen.1214 Später wurde das Konzept modifiziert, nachdem die ersten Werbeaktionen eher enttäuschende Ergebnisse geliefert hatten: Die englischen Häftlinge sollten nun in kleinen Gruppen gegen Partisanen und Banden, beispielsweise auf dem Balkan oder im Baltikum kämpfen. Auf diese Weise sollte die Werbung neuer Rekruten mehr Wirkung erzielen. Die SS unternahm zusätzlich Versuche, irische Häftlinge für den Kampf auf Seiten Deutschlands zu gewinnen. „Der Reichsführer-SS hatte befohlen, daß [sic] aus den Reihen der britischen Kriegsgefangenen Iren herausgezogen werden und in einem Sonderlager untergebracht werden. Auf diesen Befehl hin sind rund 900 Iren nach Luckenwalde gekommen, die bereits seit über einem halben Jahr dort im 1211 Stephan, Vergessene Episode, Enno Stephan Collection, MACBB, Dublin, 382. 1212 Elizabeth „Budge“ Clissmann war die Frau des Abwehrmitarbeiters Helmut Clissmann. Sie wurde im August 1913 in Sligo geboren und ihre Eltern, beide Lehrer, waren sehr republikanisch eingestellt. Nach dem Schulabschluss studierte Elizabeth Irisch und Französisch am University College in Dublin und an der Sorbonne in Paris. Später arbeitete Elizabeth für das irische Finanzministerium und unterhielt weiterhin Kontakte zu den republikanischen Kreisen in Irland. Zu ihrem Bekanntenkreis gehörten hochrangige Mitglieder der IRA, wie beispielsweise Moss Twomey, Seán MacBride oder auch Tom Barry und Seán Russell. David O’Donoghue, „Sligo woman’s links to the Old IRA and Nazi Germany“, The Sligo Champion, 25. April 2012. [Online]. o. D.. URL: http:// www.independent.ie/regionals/sligochampion/news/sligo-womans-links-to-the-old-ira-and-nazigermany-27591093.html [09. Juni 2017]. 1213 Interview mit Frau Clissmann durch Buitléar der G.2 Abteilung, 5. Juni 1946, JUS 8/803, NAI, Dublin. 1214 Schreiben an LR. V. Thadden zur Aufstellung einer englischen Legion, 7. Oktober 1943; Brief „Aufstellung einer englischen Legion“ des Chefs des SS‑Hauptamtes an das Auswärtige Amt, 2. Oktober 1943; Konzept des Auswärtigen Amtes für englische Freiwilligen Legion, 1943; Konzept zur Aufstellung einer englischen Legion, Dr. Fritz Hesse, 14. Dezember 1942, Geheime Reichssachen, R 100692, PA, AA, Berlin. 6 Frank Ryan im faschistischen Deutschland – Opportunismus oder echte Überzeugung? 320 Lager sind. Diese Iren stehen jedoch einer Beeinflussung in dem vom Reichsführer-SS gewollten Sinne vollkommen ablehnend gegenüber und sperren sich noch mehr als jeder andere britische Kriegsgefangene dagegen, in irgendeiner Form gegen den Bolschewismus anzutreten.“ Ihre Weigerung mit den Deutschen zu kooperieren, bedeutete für die Häftlinge die Rückkehr zum normalen Arbeitseinsatz.1215 Das gesamte Projekt endete somit in einem „besonderen Mißerfolg [sic]“.1216 Trotz aller Fehlschläge hatte das deutsche Interesse an nationalen Minderheiten weiterhin Bestand. Neben Kontakten zur irischen Untergrundarmee unterhielt insbesondere die deutsche Abwehr auch Verbindungen zu anderen nationalen Organisationen, unter anderem in der Bretagne. Man versuchte nationale Strömungen zu nutzen, um die Regierung des jeweiligen Landes zu schwächen. Das folgende Kapitel beleuchtet zunächst generell die Intensität der Beziehungen zwischen der Abwehr, den bretonischen Nationalisten und der Irish Republican Army um einen Einblick in die Ernsthaftigkeit dieser Beziehungen zu bieten. Im weiteren Verlauf wird Frank Ryans Rolle in diesem Gefüge näher analysiert. 1215 Brief „Iren im Stalag II A, Luckenwalde.“ SS-Standartenführer F. Klumm an SS-Standartenführer Dr. Brandt, 6. Januar 1945; Antwort Dr. Brandt an F. Klumm, o. D., NS 19/1481 BArch, Berlin. 1216 Notiz für VLR. Dr. Hesse von A. Seeberg, 26. Juli 1944; Brief Dr. Hesse an Herrn Wagner, 3. August 1944, Waffen SS: England – Aufstellung engl. SS-Formation, R 100990, PA, AA, Berlin. 6.3 Operation Taube – das wichtigste deutsche Unternehmen in Irland 321 Frank Ryans Arbeit für die deutsche Abwehr – Seine Kontakte zu den bretonisch-nationalen Kreisen Die Abwehr und die nationalen Bewegungen im Ausland – das deutsche Interesse an den bretonischen Nationalisten Die Abwehr unterhielt neben Verbindungen zur Irish Republican Army auch Beziehungen zu anderen nationalen Gruppierungen in ganz Europa. Man war an allen Organisationen interessiert, die das Potenzial hatten, das Funktionieren der jeweiligen Regierung zu stören. Deshalb rückten die Bretonen in den Mittelpunkt des Interesses deutscher Stellen.1217 An der Nordwestküste Frankreichs gelegen, ist dieser Landstrich, ebenso wie der irische Freistaat, keltischen Ursprungs. Vergleichbar mit der Besetzung Irlands durch die Briten, verlor auch die Bretagne im 16. Jahrhundert ihre Unabhängigkeit. Die Bretonen behielten sich beim Anschluss an Frankreich weitreichende Autonomierechte vor. Erst während der Französischen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts verlor das Gebiet seine Privilegien. Eine erste Bewegung entwickelte sich aus der „keltischen Renaissance“, die ihren Ursprung auf den britischen Inseln hatte. In seiner Ausprägung war dieses Nationalgefühl kultureller Natur, das lediglich die Gleichberechtigung und Anerkennung der besonderen Traditionen verlangte. Erst mit dem Ausbruch des 1. Weltkriegs gab es erste Bestrebungen, den bretonischen Nationalismus zu einer politischen Massenbewegung zu transformieren.1218 Der Ursprung lag in den Verbindungen zwischen der Bretagne und anderen keltischen Ländern, wie Schottland, Wales, Cornwall und Irland. Es herrschte eine rege Korrespondenz zwischen einzelnen Mitgliedern bretonischer Vereine und diverser gälischer Organisationen in Großbritannien. Diese Kontakte beschränkten sich ausschließlich auf kulturelle und linguistische Inhalte. Dem kulturellen Austausch diente auch die Teilnahme am keltischen Kongress, der im Jahr 1925 in Dublin stattfand. Die bretonische Abordnung bestand aus zwei Delegierten. Einer der beiden, Olivier Mordrelle, in bretonischer Schreibweise Olier Mordrel,1219 der in späteren Jahren der wichtigste Verbindungsmann der nationalen Bewegung zu den deutschen Stellen sein sollte und gut 6.4 6.4.1 1217 Gerd Simon, „Die Bretagne aus der Sicht des Autonomisten Olier Mordrel 1941“, November 2005. [Online]. 15. September 2013. URL: http://homepages.uni-tuebingen.de/gerd.simon/Mordrel.pdf [03. Januar 2014]. 1218 Gert Tevenar, „Angriff auf die französische Zentralmacht“, Junge Freiheit 18/00 (28. April 2000): 8. [Online]. 2013. URL: http://jungefreiheit.de/service/archiv/?www.jf-archiv.de/archiv00/180yy30. htm [03. Januar 2014]. 1219 Der bretonische Nationalist Olivier Mordrelle bzw. Olier Mordrel war ein bretonischer Nationalist und Gründer der bretonischen Nationalpartei Parti National Breton. Er war als Architekt sowie als Schriftsteller tätig und Direktor der bretonisch nationalen Zeitung Breiz Atao. Zudem gründete er im Jahr 1936 die Zeitschrift Stur. Er war der wichtigste Verbindungsmann der Bretonen mit dem Auswärtigen Amt in Berlin. Gerd Simon, „Die Bretagne aus der Sicht des Autonomisten Olier Mordrel“, 1941. [Online]. 15. September 2013. URL: http://homepages.uni-tuebingen.de/gerd. simon/Mordrel.pdf [03. Januar 2014]; Joachim Lerchenmüller, Keltischer Sprengstoff – Eine wissenschaftsgeschichtliche Studie über die deutsche Keltologie von 1900 bis 1945 (Tübingen: Max Niemeyer Verlag, 1997), 391; Dr. Willi Krogmann, Breiz Da Vreiziz! (Die Bretane den Bretonen) – Zeugnisse zum Freiheitskampf der Bretonen (Halle/Saale: Max Niemeyer Verlag, 1940), 5. 6 Frank Ryan im faschistischen Deutschland – Opportunismus oder echte Überzeugung? 322 mit Frank Ryan bekannt war, besuchte Irland zum ersten Mal. Die Abordnung hinterließ einen denkbar schlechten Eindruck. Nicht nur ihr äußeres Erscheinungsbild, das mehr an Pariser Straßenjungen als an ernst zu nehmende Keltologen erinnerte, trug dazu bei:1220 „(…) they did a good deal of touching for money and were rackety in their habits.“1221 Erst ab dem Jahr 1937 wurde unter der Leitung eines Bretonen, nämlich des in Brüssel lebenden Paul „Fred“ Moyse, das Blatt „Stur“ veröffentlicht, das sich hauptsächlich mit den Bestrebungen nationaler Minderheiten in Westeuropa befasste. Mithilfe dieser Publikation tauschten sich sowohl die Gaelic League als auch die schottischen und walisischen Nationalisten hinsichtlich ihrer Positionen zu diesem Thema aus.1222 Nach dem Ausbruch des 2. Weltkriegs sahen die Bretonen ihre Chance auf nationale Unabhängigkeit gekommen. Als mächtiger Verbündeter in ihrem Bestreben nach Unabhängigkeit bot sich das Deutsche Reich an, das nach dem Frankreich-Feldzug auch die Bretagne besetzt hielt. Für die militärische Führung war dieses Gebiet an der Atlantikküste von strategischer Bedeutung und somit bestand auch auf deutscher Seite Interesse an einer Zusammenarbeit mit den nationalen Kreisen vor Ort.1223 Anders als in Irland, wo man sich erst spät um die Untergrundarmee bemühte, waren die Deutschen in der Bretagne bereits zu Beginn der zwanziger Jahre durch Major Werner Voss und Dr. Hans-Otto Wagner mit geheimdienstlichen Absichten in Organisationsstrukturen der bretonischen Bewegung eingedrungen. Deren führende Männer standen schon damals im Dienste der deutschen Abwehr. Insbesondere Major Voss bemühte sich, die Kontakte in die Bretagne über die Jahre hinweg zu erhalten und zu pflegen, um die Mitglieder der Organisation im Bedarfsfall, wie beispielsweise bei einer militärischen Auseinandersetzung, für Sabotageakte gegen das französische Militär nutzen zu können.1224 Vor Kriegsausbruch unterstützten die Deutschen die bretonische Bewegung sowohl mit finanziellen Mitteln für Propagandazwecke als auch mit Waffen und 1220 Geheimdienstbericht „Olier @ Oliver Mordrel“, ohne Autor, o. D., G2/X/1358, MACBB, Dublin. 1221 Bericht „Political contacts especially with the IRA“, ohne Autor, o. D., Hermann Goertz File Part XIII, G2/1722, MACBB, Dublin. 1222 Geheimdienstbericht „Olier @ Oliver Mordrel“, ohne Autor, o. D., G2/X/1358, MACBB, Dublin. 1223 Violaine Varin, „Action bretonne – Einst kollaborierten bretonische Nationalisten mit den Nazis, später legten sie Bomben.“, 17. Juli 2002, Jungle World Nr. 30. [Online]. o. D.. URL: http://jungleworld.com/artikel/2002/29/23576.html [03. Januar 2014]. 1224 Major Werner Voss war im Jahr 1935 als Ergänzungsoffizier in der Untergruppe 1 S des Geheimen Meldedienstes, der späteren Abwehr Gruppe VII, zugeteilt, die 1938 in Abwehr Abteilung II umbenannt wurde. Voss, ein ehemaliger „GIS Officer“ aus dem 1. Weltkrieg, leitete diese Abteilung und war auch unter dem Decknamen Direktor Magnus bekannt. Seine Aufgabe bestand hauptsächlich darin, ausländische Agenten, die in ihrer Heimat zu regimekritischen Minderheiten gehörten, zu betreuen. Voss empfahl der Abwehr, diese Kontakte zu diesen Organisationen zu pflegen, um diese wertvollen Beziehungen in Kriegszeiten für Sabotageakte im Feindesland zu nutzen. Stephan, Geheimauftrag Irland, 30. Die Bretonen ihrerseits waren nicht aus ideologischen Gesichtspunkten an den Beziehungen zur deutschen Abwehr interessiert, weil auch hier, ähnlich wie bei den IRA-Anhängern, galt, der Feind meines Feindes ist mein Freund. Somit könnte man im Bedarfsfall die deutsche Unterstützung nutzen, um sich von den französischen „Besatzern“ zu befreien. Dr. Otto Wagner, promovierter Volkswirt, war neben seiner Tätigkeit als Vorsitzender des Flachglasverbands in Köln auch Gründungsmitglied der „Deutsche Gesellschaft für keltische Studien“ kurz 6.4 Frank Ryans Arbeit für die deutsche Abwehr – Seine Kontakte zu den bretonisch-nationalen Kreisen 323 Sprengstoff. Eine kleine Gruppe unter der Leitung von Célestine Laigné verübte einige Anschläge nach dem Vorbild der Irish Republican Army.1225 Die Abwehr verstärkte weiterhin ihre Bemühungen, die Bedingungen in der Bretagne für die eigenen Zwecke zu nutzen. Aber die Kooperationsbereitschaft war gering, trotz einer Zusicherung Berlins, die dem Gebiet nach Kriegsende die Unabhängigkeit garantierte. Lediglich ein kleiner Teil der nationalen Bewegung zeigte Bereitschaft, sich auf die Deutschen einzulassen und die kooperationsbereiten Bretonen gründeten eine etwa 400 Mann starke, bretonische Einheit innerhalb der deutschen Wehrmacht. Andere führende Angehörige, die sich offen gegen eine Kooperation mit dem Reich aussprachen, wurden in Konzentrationslager gebracht.1226 Die Kontakte der Abwehr II mit Mitgliedern der bretonischen Bewegung beschränkten sich auf wenige Personen. Neben Josef Hoven und Helmut Clissmann unterhielt der Abwehrmitarbeiter Gerhard von Tevenar Verbindungen zu Repräsentanten der Autonomiebewegung. Als Verbindungsmann der Bretonen fungierte unter anderem der in Irland lebende Leon Millarden, dem intensiver Kontakt zu den republikanischen Kreisen in Irland nachgesagt wurde.1227 Dieser zog in den Freistaat, um sich als Händler für Kartoffelsaatgut zu etablieren. Er unterhielt Verbindungen zur Familie Mulcahy, die in Sligo dafür bekannt war, ein sicheres Haus für Nationalisten zu bieten. Somit bestanden auch indirekt Beziehungen zur Abwehr, denn die Tochter des Hauses, Elizabeth, war mit Helmut Clissmann verheiratet. Clissmann, ein enger Freund Frank Ryans, arbeitete unter anderem für das Auswärtige Amt in Berlin sowie für die Abwehr II. Über den deutschen Nachrichtendienst hinaus gab es weitere Organisationen, die sich sowohl für die Bretagne als auch für Irland interessierten. Im Jahr 1938 gründete sich in Berlin unter der Leitung von Dr. Hans Otto Wagner die Keltische Gesellschaft, in deren Fokus akademische Beziehungen zur Bretagne standen. Der Versuch, diese auch auf universitäre Kreise in Irland auszuweiten, schlug jedoch fehl, da auf der Insel der Eindruck entstanden war, dass der deutsche Vertreter von Tevenar weniger an einer akademischen Zusammenarbeit interessiert war, als DGKS. Diese Organisation, die sich im Dezember 1936 gründete, vereinte die deutschen Keltologen. Ab 1939 arbeitete Wagner als Sonderführer im Amt Ausland Abwehr II in Berlin. Sein Verantwortungsbereich umfasste die Pflege der Kontakte zu bretonischen, flämischen und zum Teil auch elsässischen nationalistischen Gruppen. Ab Mitte 1940 war er zunächst in Lille und kurze Zeit später in Rennes stationiert und versuchte, die Beziehungen zwischen den Bretonen und der Abwehr zu intensivieren. Geheimer Appendix A To F.R. 89 Sdf (Z), Kurt Haller Part I and II and Ireland, 7. August 1946, Kurt Haller, KV 2/769, NAK Kew, London; Lerchenmüller, Keltischer Sprengstoff, 383f. 1225 Bericht „First Detailed Interrogation Report On Mordrel Olier“ von H. T. Shergold (?), 30. Januar 1946, KV 2/3410, NAK Kew, London. Die Abwehr arbeitete zudem verschiedene Pläne für die Nutzung der nationalen Bewegung in der Bretagne während des Krieges aus, allerdings wurde keines der Vorhaben tatsächlich umgesetzt. Ibid. 1226 Auszug aus „News and Views“ – France and Brittany. „Y Faner“ (Wales), Saunders Lewis, 26. Oktober beziehungsweise 2. November 1946, Breton Autonomist Movement File, G2/X/1358, MACBB, Dublin. 1227 Die Vorsitzenden der nationalen Partei der Bretagne, der Parti national breton (PNB), Olier Mordrel und François Debauvais, ernannten Millarden sogar zum offiziellen bretonischen Vertreter in Irland. Brief von O. Mordrel und F. Debauvais an Eamon de Valera, 27. Juni 1936, G2/2146, MACBB, Dublin. 6 Frank Ryan im faschistischen Deutschland – Opportunismus oder echte Überzeugung? 324 vielmehr daran, politischen Einfluss zu gewinnen.1228 „In fact it seems clear now that von Tevenar, (…), was given the mission of studying the political conditions and making contacts in the Celtic countries, with a view to the exploitation of national aspirations and organisations by the Germans for the furtherance of their own aims.“ Neben Irland und der Bretagne nahm von Tevenar auch Kontakt zu den nationalen Bewegungen in Schottland und in Wales auf.1229 Die Versuche, Kontakte zu den republikanischen Kreisen in Irland zu vertiefen, gingen ausschließlich von den Bretonen aus. Die IRA war für sie ein Vorbild. Man orientierte sich an den Zielen und dem Handeln der irischen Untergrundarmee. Die Abwehr unterstützte die Bretonen vor allem finanziell bei ihren Bemühungen, Beziehungen zu den nationalen Kreisen in Irland aufzubauen. Zu diesem Zweck entsandte der Abwehroffizier Friedrich Carl Marwede im Frühjahr 1938 den Chef des Geheimdienstes der Bretonen, Henri Le Helloco, mit dem Auftrag nach Irland, Kontakt zur Führungsspitze der Irish Republican Army aufzunehmen, um auf diese Weise nähere Informationen über die Untergrundorganisation zu sammeln. Der Erfolg des Unterfangens wollte sich aber nicht einstellen. Tatsächlich schien die irische Untergrundarmee aus unerfindlichen Gründen Vorbehalte gegen alle Angebote, die von den Bretonen ausgingen, zu hegen und die IRA war deshalb stets darauf bedacht, keine Interna über die Armee preiszugeben. Abgesehen von vereinzelten, persönlichen Kontakten zwischen der Parti national breton (PNB) und der IRA, unter anderem zwischen Fred Moyse, der auch im Dienst des deutschen Geheimdienstes stand und James „Jim“ O’Donovan, blieben die Verbindungen sehr oberflächlich.1230 Trotz des geringen Erfolgs aller Anstrengungen setzte die Abwehr weiterhin auf die Mitarbeit bretonischen Freiwilliger. Der Bretone Moyse war beispielsweise als Begleitperson des IRA-Chefs Seán Russell für Operation Taube vorgesehen.1231 Indes wurde er in letzter Minute durch Frank Ryan ersetzt, worüber sich Moyse sehr enttäuscht zeigte.1232 Neben Moyse fungierte sein Landsmann Leon Millarden, der bretonische Vertreter in Irland, als Mittelsmann zwischen der Abwehr und der IRA, vertreten durch O’Donovan. Der Ire hatte bereits während des Unabhängigkeitskrieges im Jahr 1921 als „Chief of 1228 Bericht „Political contacts especially with the IRA“, ohne Autor, o. D., Hermann Goertz File Part XIII, G2/1722, MACBB, Dublin. 1229 Bericht der G2-Abteilung des Verteidigungsministeriums an P. Carroll, Chief Superintendent, 6. Dezember 1945, Breton Autonomist Movement File, G2/X/1358, MACBB, Dublin. 1230 Geheimer Appendix A To F.R. 89 Sdf (Z), Kurt Haller Part I and II and Ireland and Part II, Büro Veesenmayer and the IRA, 7. August 1946, Kurt Haller, KV 2/769, NAK Kew, London. 1231 Welche konkreten Überlegungen der Abwehr hinter der Wahl des Bretonen als Begleitperson für Seán Russell standen, ist nicht nachvollziehbar. Es erscheint überraschend, dass man sich bei der Abwehr nicht vielmehr für einen zuverlässigen und erfahrenen deutschen Mitarbeiter, der überdies noch der englischen Sprache mächtig war, entschied. 1232 Daniel Leach, Fugitive Ireland – European Minority Nationalities and Irish Political Asylum, 1937– 2008 (Dublin: Four Courts Press, 2009), 49. 6.4 Frank Ryans Arbeit für die deutsche Abwehr – Seine Kontakte zu den bretonisch-nationalen Kreisen 325 Chemicals“ für die Untergrundarmee gearbeitet.1233 Darüber hinaus war O’Donovan im Jahr 1939 der wichtigste Verbindungsmann zur Abwehr in Deutschland.1234 Der Bretone Leon Victor Millarden, bretonisch Millardet, wurde am 7. Januar 1905 in Rennes geboren. Nach seiner schulischen und universitären Ausbildung gründete er in Guingamp in der Bretagne eine Firma, die Saatkartoffeln vertrieb. Im Jahr 1930 kam er das erste Mal als Tourist nach Irland, wohin er am 23. Juni 1931 mit einer Geschäftsidee zurückkehrte, die darin bestand, das Saatgut zu exportieren. Er verkaufte das Geschäft in Guingamp an seinen Bruder und kehrte der Heimat im Jahr 1933 endgültig den Rücken. Kurze Zeit später eröffnete Millarden ein Büro in Dublin, das in den folgenden Jahren mehrmals den Standort wechselte. Um Verwandte zu besuchen und Geschäftskontakte zu pflegen, bereiste Millarden zwischen 1931 und 1939 mehrmals seine Heimat. Als überzeugter Anhänger der bretonischen Autonomiebewegung waren seine Verbindungen in diese Kreise stets gut, sodass Olier Mordrel und François Debauvais ihren Landsmann während eines Treffens der Führungsspitze der Parti National Breton um Hilfe baten: Millarden sollte sein Geschäftskonto zur Verfügung stellen, damit die finanzielle Unterstützung der deutschen Abwehr darauf transferiert werden konnte. Millarden stimmte zu und leitete die Zahlungen an seinen Bruder weiter, der das Geld der Untergrundbewegung zukommen ließ. Abgesehen davon war Millarden auch das Bindeglied zwischen dem Deutschen von Tevenar und der IRA.1235 In erster Linie fungierte er als Kurier zwischen Frankreich und Irland. Es wurde vermutet, dass die Deutschen mithilfe ihrer bretonischen Verbindungen Geld zur Irish Republican Army transferierten. Denn im Juli 1939 erreichte Millarden ein Brief von Fred Moyse, dem in Brüssel ansässigen Angehörigen der bretonischen Autonomiebewegung, der nicht nur enge Beziehungen zur deutschen Abwehr, sondern auch zur irischen Untergrundarmee unterhielt. Millarden wurde in dem Schreiben gebeten, nach Paris zu reisen. Er sollte im Haus des bekannten Anführers der Nationalisten, Marcel Guiyesse, ein Paket mit Banknoten entgegennehmen, dieses nach Dublin bringen und in der irischen Hauptstadt darauf warten, dass ein IRA-Vertreter das Geld abholte. Tatsächlich besuchte Jim O’Donovan kurze Zeit später das Büro des Geschäftsmanns und nahm die Lieferung in Empfang.1236 O’Donovan hatte schon vor dieser Reise nach Paris Kontakt zu Millarden aufgenommen, sich im Haus des Bretonen mit diesem getroffen und über die nationale Bewe- 1233 Biographical History – O’Donovan, James, University College Dublin Archives, o. D.. [Online]. o. D.. URL: http://www.ucd.ie/archives/html/collections/odonovan-james.html [10. Januar 2014]. Auf Bitten seines alten Weggefährten Seán Russells kehrte O’Donovan in die IRA zurück. Er war federführend bei der Planung der „English Campaign“ und schildert seine Aufgaben innerhalb der Untergrundarmee wie folgt: „[Russell] became responsible for personnel, organisation and finance . . . I evolved the whole details of the sabotage campaign [the S-plan] . . . conducted the entire training of cadre units, was responsible for all but locally-derived intelligence, carried out small pieces of research and, in general, controlled the whole explosives and munitions end‘.“ David O’Donoghue, „New Evidence on IRA/Nazi Links.“ History Ireland 19 Nr. 2 (März/April 2011): 37. 1234 Bericht Jim O’Donovan über seine Reise nach Hamburg und Berlin kurz vor Kriegsausbruch, August 1939, 23. August 1939, Enno Stephan Collection, MACBB, Dublin. 1235 Bericht „Summary of activities of L. V. Mill-Arden, Breton Nationalist, No. 2 Ross Road, Killarney, Co. Kerry.“, ohne Autor, o. D., Breton Autonomist Movement File, G2/X/1358, MACBB, Dublin. 1236 Bericht „Note on Helmut Clissmann“, ohne Autor, o. D., KV 6/80, NAK Kew, London. 6 Frank Ryan im faschistischen Deutschland – Opportunismus oder echte Überzeugung? 326 gung im Nordwesten Frankreichs diskutiert, zu der er, wie O’Donovan offen zugab, selbst Kontakte unterhielt. Zu diesem Zeitpunkt war allerdings noch keine Rede davon gewesen, dass Millarden als Kurier tätig werden sollte.1237 Nach dem reibungslosen Ablauf der ersten Geldlieferung traf Leon Millarden während eines Besuchs in London seinen Landsmann Moyse. Dieser bat ihn, nochmals ein Geldpaket in die irische Hauptstadt zu bringen. Diesmal weigerte sich der Geschäftsmann jedoch, das Risiko erneut einzugehen, erklärte sich aber bereit, einen Brief für den IRA-Vertreter nach Dublin mitzunehmen. Die Absage seines Landsmannes enttäuschte Moyse zunächst sehr. Doch erreichte das Paket, so erfuhr Millarden später von O’Donovan, sein Ziel trotz der Absage.1238 In der Folgezeit verliefen die Beziehungen zwischen Millarden und O’Donovan mehr und mehr im Sande, woraufhin es im Jahr 1940 zu keinerlei Kontakten zwischen den beiden Männern kam – ein Zustand, der sich erst im darauf folgenden Jahr änderte, als der Geschäftsmann bereitwillig das Briefpapier seiner Firma für die Kommunikation zwischen der Irish Republican Army und den deutschen Stellen zur Verfügung stellte. Millardens Unternehmen diente als Absender und ebenso als Empfänger beider Botschaften. Auf diesem Weg über Millardens Firma zum spanischen Anwalt Frank Ryans, Jaime Michel de Champourcin in Madrid, schickte O’Donovan drei Briefe von Irland nach Deutschland. Das Unternehmen des Bretonen habe gemäß Millardens Aussagen jedoch nur zwei Antworten erhalten.1239 Im August 1941 zog der Bretone von Dublin nach Killarney im County Kerry. Ab diesem Zeitpunkt hatte er keinerlei Verbindung mehr zu Jim O’Donovan.1240 Um die Kontakte zu den deutschen Kreisen vor Ort allerdings kümmerte sich Millarden weiterhin. Zudem unterstützte er den in Irland aus dem Gefängnis entflohenen Agenten Günther Schütz, der im Freistaat unter dem Namen Hans Marschner bekannt war.1241 „(…) Mill-Arden [sic] was concerned in an attempt to obtain a boat for the purpose of contacting a seaplane in the vicinity of the Blasket Islands off the 1237 Persönliche Stellungnahme Leon Millarden bei Befragung durch die Polizisten P. Carroll und J. Guilfoyle, 11. Januar 1945, G2/2146, MACBB, Dublin. 1238 Bericht „Note on Helmut Clissmann“, ohne Autor, o. D., KV 6/80, NAK Kew, London. Die Lieferung, circa 30.000 RM in britischen und amerikanischen Noten, übergab wahrscheinlich ein Kurier namens Margarethe. Hinter dem Decknamen verbarg sich die Irin Mary Mains, die in Madrid lebte und Kontakte zu den deutschen Behörden vor Ort unterhielt. Mains kam über den spanischen Anwalt Frank Ryans, de Champourcin, zu ihrer Tätigkeit als IRA-Kurierin, nachdem dieser sie mit den örtlichen Vertretern Deutschlands bekannt gemacht hatte. Im November 1940 reiste die Irin mit dem Geld und weiteren Informationen nach Irland, wo sie Unterlagen und finanzielle Unterstützung an Jim O’Donovan weiterleitete. Geheimer Bericht „Appendix A to FR 89 Sdf (Z), Kurt Haller Part I and II and Ireland“, ohne Autor, 7. August 1946, KV 2/769, NAK Kew, London. 1239 Bericht „Summary of activities of L. V. Mill-Arden, Breton Nationalist, No. 2 Ross Road, Killarney, Co. Kerry.“, ohne Autor, o. D., Breton Autonomist Movement File, G2/X/1358, MACBB, Dublin. 1240 Bericht „Leo Victor Millarden“, ohne Autor, 13. Mai 1945, Hoven, Jupp, KV 6/79, NAK Kew, London. 1241 Günther Schütz landete per Fallschirm in der Nacht vom 12. auf den 13. März 1941 im County Wexford mit dem Auftrag, regelmäßig Wettermeldungen nach Deutschland zu senden. Darüber hinaus sollte er den Konvoiverkehr der britischen Verbände in Nordirland beobachten und Wirtschaftsspionage bei ausgewählten Zielen in Nordirland betreiben. Kurz nach seiner Ankunft wurde Schütz von der Polizei festgenommen und in verschiedenen Gefängnissen inhaftiert. Am 15. Fe- 6.4 Frank Ryans Arbeit für die deutsche Abwehr – Seine Kontakte zu den bretonisch-nationalen Kreisen 327 Kerry coast. The purpose of this attempt was to get Marschner @ Schütz and evidently two unknown Irishmen to Germany.“1242 Trotz der engen Verbindung zu O’Donovan stellte Millarden seine Verbindungen zu den republikanischen Kreisen in späteren Verhören durch den britischen Geheimdienst als unwichtig dar. Er leugnete jeglichen direkten Kontakt zu den deutschen Stellen.1243 Jedoch fand sich in den beschlagnahmten Unterlagen des Abwehragenten Hermann Goertz eine Notiz mit dem Inhalt „Contact with Mill“. Der Deutsche räumte bei seiner Befragung ein, dass es sich hierbei um Leon Millarden handle. Allerdings bestritt dieser, Goertz gekannt oder mit ihm in Verbindung gestanden zu haben. Auch der Deutsche räumte ein, den Bretonen nicht kontaktiert zu haben. Wahrscheinlich wurde der Name Millardens ohne dessen Wissen von bretonischen Landsleuten an den Agenten weitergegeben. „Nevertheless, as this note shows, he has been concerned in German-IRA-Breton Autonomist activities during the war, and there are good grounds for suspecting that he was an important link in the German espionage network in Eire.“1244 Die zunehmenden Kompetenzstreitigkeiten zwischen der Abwehr und dem Sicherheitsdienst (SD) des Reichsicherheitshauptamts (RSHA) führten dazu, dass ab dem Jahr 1943 der SD nach und nach die Aufgaben der 10Abwehr übernahm. Zwar hatte der Sicherheitsdienst Interesse an den Bretonen, doch gab es zu dieser Zeit keine umfassenden Pläne, die bretonische Bewegung zu Spionagezwecken zu nutzen. Nur vereinzelt wurden Agenten aus den Reihen der Abwehr übernommen und für verschiedene Missionen eingesetzt.1245 Unter diesen neuen SD-Mitarbeitern befand sich der Bretone Guy Vissault de Coetlogon, der nach seiner Verhaftung wichtige Informationen zu den Kontakten zwischen Frank Ryan und bretonischen Nationalisten an die britischen Behörden weitergab. Als Mitglied der Autonomiebewegung hatte der Bretone seine ersten Kontakte zu den nationalen Kreisen schon im Jahr 1937 während des Studiums an der Sorbonne in Paris geknüpft. In dieser Zeit hatte er auch den irischen Austauschstudenten Sidney Ievers kennengelernt, der mit der irischen Untergrundarmee sympathisierte. Im Jahr 1938 folgte Vissault de Coetlogon der Einladung des Iren, dessen Heimat zu besuchen. Dort traf er weitere der IRA nahestehende Personen, darunter auch seinen Landsmann Leon Millarden. Während eines Besuchs der Familie Mulcahy in Sligo begegnete er auch den beiden Deutschen, bruar 1942 floh der deutsche Agent aus der Haftanstalt. Durch die Hilfe eines mit ihm inhaftierten IRA-Mitglieds erhielt Schütz eine Unterkunft und versuchte, nach Deutschland zurückzukehren. Dieses Vorhaben schlug fehl und der Deutsche wurde im Haus einer bekannten, irischen Republikanerin erneut verhaftet. Hull, Irish Secrets, 151, 153, 158f, 162, 229f, 234f. 1242 Persönlicher geheimer Bericht „Leo Victor Mill-Arden, Killarney.“, Dan Bryan an den Minister, 11. Januar 1945, Breton Autonomist Movement, G2/X/1358, MACBB, Dublin. 1243 Bericht „Political contacts especially with the IRA“, ohne Autor, o. D., Hermann Goertz File Part XIII, G2/1722, MACBB, Dublin. 1244 Bericht „Leo Victor Millarden“, ohne Autor, 13. Mai 1945, Hoven, Jupp, KV 6/79, NAK Kew, London. 1245 Bericht „First Detailed Interrogation Report On Mordrel Olier“ von H. T. Shergold (?), 30. Januar 1946, KV 2/3410, NAK Kew, London. 6 Frank Ryan im faschistischen Deutschland – Opportunismus oder echte Überzeugung? 328 Gerhard von Tevenar und Jupp Hoven. Letzterer war – zumindest Ende 1940 – zusammen mit seinem Bruder Viktor der Abwehrstelle Paris zugeteilt.1246 Die Vorgehensweise der Deutschen, großen Gefallen an der gälischen Kultur und Sprache zu zeigen, um nationale und republikanische Kreise zu erreichen und am Ende gar für deutsche Interessen zu gewinnen, schien bei den Mulcahys nur in gewisser Weise Erfolg zu versprechen. Sie freuten sich über das deutsche Interesse, aber ungeachtet ihrer nationalen Einstellung und trotz der familiären Beziehungen zu Deutschland unterstützten die Mulcahys de Valera und dessen Partei Fianna Fáil. Zwar sagte man einigen Familienmitgliedern Kontakte zur IRA nach, doch waren jene wahrscheinlich nicht in die Kooperation zwischen der Untergrundarmee und deutschen Stellen involviert.1247 Vielleicht aber gab dieses Zusammentreffen mit Gerhard von Tevenar und Jupp Hoven für den Vissault de Coetlogon den Ausschlag, in die Dienste der deutschen Abwehr zu treten. Vielleicht war er vom Interesse der Deutschen an der Sache der Bretonen überzeugt und erwartete sich einen Nutzen für die Autonomiebestrebungen. Schon nach kurzer Zeit erhielt de Coetlogon seine erste Aufgabe. Laut eigener Aussage habe diese darin bestanden, ein Spionagenetzwerk in der Bretagne und in Irland aufzubauen. Nach einem einmonatigen Kurs in Sabotagetechniken sei er im Februar beziehungsweise März 1941 für eine erste Mission eingeteilt worden. Der Plan habe außerdem vorgesehen, bretonische und normannische Fischer anzuwerben, die bereit gewesen wären, deutsche Agenten über den Kanal zu bringen und an der englischen Küste abzusetzen.1248 Der britische Geheimdienst zweifelte allerdings daran, dass de Coetlogons Aussagen der Wahrheit entsprachen. Denn de Coetlogon rühmte sich damit, Informationen über ein deutsches Spionagenetzwerk in Irland zu besitzen, ohne dabei die Hauptprotagonisten der deutsch-irischen Abwehrbeziehungen, Seán Russell und Helmut Clissmann, zu kennen. Darüber hinaus konnte er den Namen Hermann Goertz nicht dem deutschen Nachrichtendienst zuordnen.1249 Eine Tatsache, die die Aussagen des Bretonen noch zweifelhafter erscheinen ließen, war, dass sich Clissmann längere Zeit in Paris aufgehalten haben soll, um sich mit den Verhältnissen in der Bretagne vertraut zu machen.1250 Aber auch darüber hatte der Bretone keine Kenntnis. Durch de Coetlogons Verbindungen zu den deutschen Stellen in Paris und seine Beziehungen zur bretonischen Unabhängigkeitsbewegung kam der Aristokrat auch mit SS-Standartenführer Hermann Bickler in Kontakt, dem Leiter des Amtes IV des RSHA in Paris.1251 „Bickler said he was interested in Vissault on account of his previous experience with the Abwehr and his enthusiasm in connection with Celtic 1246 Bericht „P.F. 600,237/B.I.H., ohne Autor, 18. Dezember 1944, G2/X/1358, MACBB, Dublin. 1247 Bericht Irish Contacts, ohne Verfasser, 29. September 1944, KV 2/302, NAK Kew, London. 1248 Notizen für die Befragung von Jupp Hoven, ohne Autor, 30. April 1945, KV 6/79, NAK Kew, London. 1249 Bericht „General Comment on Reports to 20.9.44.“, ohne Autor, 28. September 1944, KV 2/301, NAK Kew, London. 1250 Bericht, ohne Autor, 28. August 1943, G2/X/0154 part II, MACBB, Dublin. 1251 Streng geheimer Zwischenbericht „M.I.5 Interim Interrogation Report“, Captain JT. Macalister an Colonel R. Stephens, 9. Oktober 1944, KV 2/302, NAK Kew, London. 6.4 Frank Ryans Arbeit für die deutsche Abwehr – Seine Kontakte zu den bretonisch-nationalen Kreisen 329 problems in which he himself was interested and went on to say that he wanted him to create and train a sabotage group which would operate under the orders of the Sicherheitsdienst.“1252 De Coetlogon nahm das Angebot an. Der Bretone absolvierte ein Sabotagetraining unter der Leitung der Abwehr II. Während der Maßnahme gewann er mehr und mehr den Eindruck, dass die vorgesehene Aufgabe der Rekrutierung potentieller Agenten in Irland diente.1253 Im Anschluss war er ausschließlich mit Bürotätigkeiten beschäftigt, die in erster Linie darin bestanden, Auszüge aus den Berichten deutscher Agenten in Irland zu analysieren. Diese thematisierten einerseits politische Sachverhalte, enthielten aber auch Informationen zur jeweiligen Wetterlage. Abgesehen davon behauptete er, dass er kurz vor der Invasion der Alliierten das irische Netzwerk, die Dublin-Sligo-Verbindung, wiederbeleben sollte.1254 Im August 1944 wurde der Bretone in Frankreich verhaftet, während er versuchte, „Stay Behind“-Agenten1255 in der Normandie zu rekrutieren. Allerdings stellte sich bei späteren Befragungen heraus, dass de Coetlogon keine detaillierten Kenntnisse über das irische Netzwerk besaß, abgesehen von den Informationen, die er von den Brüdern Jupp und Viktor Hoven erhalten hatte.1256 Bei späteren Verhören beschreibt er die irisch-bretonische Verbindung etwas differenzierter: „(…) there was a definite link between the Irish Nationalists and the Breton Separatists, though it was a sentimental rather than an active one (…).“1257 Es ist unbestritten, dass die Verbindungen zwischen der deutschen Abwehr, den Bretonen und der IRA als unbedeutend bezeichnet werden können. Dennoch versuchten die Deutschen Ryans Kontakte zu Anhängern der bretonischen Unabhängigkeitsbewegung für sich zu nutzen. Im folgenden Kapitel werden sowohl diese Zielsetzung als auch Ryans konkrete Verbindungen mit den nationalistischen Kreisen der Bretagne im Detail dargestellt. 1252 Bericht „Guy Vissault de Coetlogon.“, ohne Autor, o. D., G2/X/1358, MACBB, Dublin. 1253 Fragenbogen für die Befragung von Olier Mordrel über die Verbindungen der bretonischen Nationalisten zu den irischen Nationalisten (IRA), ohne Autor, o. D., KV 2/3410, NAK Kew, London. 1254 Vernehmungsbericht „Guy Luis Yves Vissault de Coetlogon“, ohne Autor, Oktober 1944, G2/X/ 1358, MACBB, Dublin. 1255 Dabei handelt es sich um inaktive Agenten, die erst in Erscheinung treten, wenn das entsprechende Land durch den Feind besetzt wird. Ihre Arbeit beinhaltet die Weitergabe von Informationen über die Besatzer an die Exilregierung. Darüber hinaus soll die Tätigkeit der neuen Regierung durch gezielte Sabotageakte und durch gezielte Fehlinformationen erschwert werden. Frans Kluiters, „R- Netz: The Stay-Behind Network of the Abwehr in the Low Countries“, Battleground Western Europe – Intelligence Operations in Germany and the Netherlands in the Twentieth Century, Hrsg., Beatrice de Graaf, Ben de Jong und Wies Platje (Apeldoor: Het Spinhuis Publishers, 2007), 71. 1256 Bericht „P.F. 600,237/B.I.H.“, ohne Autor, 24. November 1944, G2/X/1358, MACBB, Dublin. 1257 Fragenbogen für die Befragung von Olier Mordrel über die Verbindungen der bretonischen Nationalisten zu den irischen Nationalisten (IRA), ohne Autor, o. D., KV 2/3410, NAK Kew, London. 6 Frank Ryan im faschistischen Deutschland – Opportunismus oder echte Überzeugung? 330 Frank Ryan im Spannungsfeld der Interessen – Die Kontakte zwischen der bretonisch-nationalistischen Bewegung, der IRA und der deutschen Abwehr Die persönlichen Kontakte, die Frank Ryan zu Mitgliedern der bretonischen Bewegung unterhielt, reichten bis in die frühen 1930er Jahre zurück. Während seiner Zeit bei der IRA-eigenen Zeitung An Phoblacht unterstützte Ryan den bretonischen Schriftsteller Louis Napoleon LeRoux. Der Franzose unterhielt seit 1932 Verbindungen zum Irish Republican Congress und schrieb sogar unter einem Pseudonym Beiträge für An Phoblacht.1258 Obwohl Le Roux nie Mitglied der irischen Untergrundarmee war, pflegte er engen Umgang mit führenden Persönlichkeiten der IRA.1259 Gerüchte besagten, dass der Bretone in den frühen dreißiger Jahren die Verbindung zwischen der Irish Republican Army und der Breton Autonomist Party gewesen sei. Ein Umstand, der auch die intensive Zusammenarbeit zwischen Frank Ryan und LeRoux erklären könnte. Dieser pflegte eine Vorliebe für Heldengeschichten und arbeitete an einer Publikation über das Leben des irischen Freiheitskämpfers Patrick Henry Pearse. Ryan unterstützte den Bretonen bei seinem Projekt nach Kräften.1260 Die Korrespondenz zwischen den beiden beschränkte sich allerdings nicht auf die biographische Arbeit über Pearse, vielmehr diskutierten die Männer über die gälische Sprache und Möglichkeiten, diese in der Bretagne wieder zu etablieren; Ryan berichtete von seinen Verhaftungen und die gegen ihn verhängten Haftstrafen. Außerdem waren politische Sachverhalte beider Länder häufige Themen der Korrespondenz. Aus dem Kontakt entwickelte sich auch eine professionelle Komponente, als der Ire LeRoux behilflich war, einen Verleger für sein Buch in Irland zu finden, welches schließlich im Jahr 1932 unter dem Titel „Patrick H. Pearse“ im Verlag der Talbot Press veröffentlicht wurde.1261 Obwohl nach dem Erscheinen des Buches die Intensität der Korrespondenz zwischen LeRoux und Ryan deutlich abnahm, unterhielt der Ire nach wie vor Verbindungen zu den nationalen Kreisen in der Bretagne, besonders zu Olier Mordrel, der als stellvertretender Vorsitzender der PNB auch Herausgeber des parteieigenen Blattes Breiz Atao war. Mordrel interessierte sich sehr für die irische Geschichte und begeisterte sich insbesondere für den Osteraufstand im Jahr 1916. Mordrel besuchte während seines Aufenthalts in Dublin im Jahr 1925 alle geschichtsträchtigen Gebäude und suchte nach Einschlusslöchern in den Wänden öffentlicher Einrichtungen. Er träumte davon, nach dem Vorbild des irischen Osteraufstandes im Jahr 1916, das Hauptpostamt in Rennes zu besetzen und für die Unabhängigkeit der Bretagne zu 6.4.2 1258 Appendix I „VISSAULT’S descriptions of persons connected with espionage in Ireland.“, ohne Autor, Oktober 1944, G2/X/1358, MACBB, Dublin. 1259 LeRoux wurde im Mai 1890 in Pleudaniel in der Bretagne geboren. Nachricht „C.C. 91,146/B.I.H.“, Cecil Liddell an Dublin, 12. November 1944, KV 2/303, NAK Kew, London. 1260 Appendix I „VISSAULT’S descriptions of persons connected with espionage in Ireland.“, ohne Autor, Oktober 1944; Nachruf Louis N. LeRoux, „An Buschaillín Buidhe.“, Übersetzung aus „Combat“, Oktober 1944, G2/X/1358, MACBB, Dublin. 1261 Brief Frank Ryan an Louis LeRoux über dessen Buch „Patrick H. Pearse“, 22. August 1931 und 4. November 1931, 7. April 1932, MS 44,688, NLI, Dublin. 6.4 Frank Ryans Arbeit für die deutsche Abwehr – Seine Kontakte zu den bretonisch-nationalen Kreisen 331 kämpfen.1262 Während dieses Besuchs in der irischen Hauptstadt traf er auch auf Frank Ryan, doch brach die Verbindung zu dem Iren nach Modrels Rückkehr in die Bretagne zeitweilig ganz ab. Erst im Jahr 1937 begegneten die beiden Männer einander in Paris wieder, als der Ire sich auf dem Rückweg nach Spanien befand.1263 Von dieser Begegnung in der französischen Metropole berichtete auch der Abwehrmitarbeiter Kurt Haller – Mordrel selbst hatte den Deutschen darüber informiert.1264 Ryan erzählte Mordrel bei dieser Gelegenheit von seinem Engagement für die Spanische Republik auf der Iberischen Halbinsel. „He told Source [sic] [Mordrel] that he had gone there with 400 men to fight with the International Brigade, having convinced the IRA that it would be good for the prestige of that body if Irishmen fought for the Republicans, had been wounded in Spain, and after a short convalescence in Dublin was now on his way to rejoin his unit.“1265 Die Verbindung des irischen Republikaners zum Verfechter der bretonischen Autonomie blieb auch den Behörden in Frankreich nicht verborgen, die ihre Erkenntnisse an die Kollegen in London übermittelten. Im Februar 1940 leitete ein Vertreter der britischen Regierung in Paris einen Bericht der Commission Interministerielle de Controle Telegraphique Section Technique nach Großbritannien weiter, wonach Ryan Kontakte zu den nationalen Kreisen in der Bretagne unterhielt. Der M.I.5 zweifelte zwar am Wahrheitsgehalt dieser Information, denn der Ire saß zu diesem Zeitpunkt noch im Burgos-Gefängnis in Spanien ein, sodass man eine Verwechslung für die wahrscheinlichste Erklärung des Sachverhalts hielt,1266 doch ergab eine genauere Überprüfung, dass diese Treffen schon längere Zeit zurückliegen mussten. Wahrscheinlich bezog sich der Bericht auf eine Begegnung der beiden Journalisten im Frühjahr 1937.1267 Für die Deutschen war der Kontakt zwischen dem Iren und den Bretonen von großem Interesse, da man weiterhin hoffte, die Verbindung zwischen der Bretagne und Irland für sich nutzen zu können. Zu diesem Zweck hatte die Abwehr Ryan mit einigen Vertretern der bretonischen Autonomiebewegung in einer gemeinsamen Wohnung untergebracht, wie Elizabeth Clissmann, Ryans langjährige Freundin, berichtete. Der Ire zeigte sich erschüttert darüber, wie man in Berlin mit ihnen und dem politischen Bestreben der Bretonen umging.1268 Mordrel bestätigte während seiner Vernehmung durch die Briten, er sei in Berlin wieder auf Frank Ryan getroffen, der als deutscher Agent tätig war. Man begegnete 1262 Leach, Fugitive Ireland, 20. 1263 Geheimer Bericht „First Detailed Interrogation Report on Mordrel, Olier“, F. G. Adams, 30. Januar 1946, KV 2/3410, NAK Kew, London. 1264 Geheimer Bericht „Appendix A to FR 89 Sdf (Z), Kurt Haller Part I and II and Ireland“, ohne Autor, 7. August 1946, KV 2/769, NAK Kew, London. 1265 Bericht „First Detailed Interrogation Report On Mordrel Olier“, H. T. H. T. Shergold, 30. Januar 1946, KV 2/3410, NAK Kew, London. 1266 Geheimer Bericht Captain Liddell an Colonel Vivian, 22. Februar 1940, KV 2/1291, NAK Kew, London. 1267 Bericht „Note on Frank Ryan.“, B.I.H., 24. September 1944, KV 2/301, NAK Kew, London. 1268 Interview mit Frau Clissmann durch Buitléar der G.2 Abteilung, 5. Juni 1946, JUS 8/803, NAI, Dublin. Elizabeth Clissmann geht in ihrer Aussage nicht auf Details zur Behandlung durch die Deutschen oder auf die Ziele von Ryans bretonischen Mitbewohnern ein. 6 Frank Ryan im faschistischen Deutschland – Opportunismus oder echte Überzeugung? 332 einander nach dem Scheitern von Operation Taube erneut, als Ryan auf dem Weg zurück in die deutsche Hauptstadt war. In Rennes erkannte der Ire den Bretonen auf der Straße, wagte jedoch nicht ihn anzusprechen, denn er konnte seinen Aufenthalt in der Bretagne nicht hinreichend erklären, ohne Informationen über das geheime Vorhaben preiszugeben. Obwohl das Unternehmen Taube erfolglos hatte abgebrochen werden müssen, unterlag die gesamte Angelegenheit weiterhin der strengsten Geheimhaltung. Dieser zufällige Kontakt sollte nicht der letzte der beiden Männer gewesen sein. Im Frühjahr 1941 trafen sie in der Reichshauptstadt erneut aufeinander. Mordrel befand sich auf Weisung der Abwehr in Berlin, denn er hatte in der Bretagne zu viel politische Unruhe verursacht. In Deutschland wartete er auf die Zustimmung des RSHA, um in seine Heimat zurückkehren zu können. Diese erhielt er schließlich im April 1941. Alle Begegnungen zwischen den beiden Männern in dieser Zeit ereigneten sich zufällig und lediglich sporadisch. Ryan wurde während dieser Zeit häufig von Dr. Kurt Haller begleitet, dem die Verantwortung für die Unterbringung des Iren oblag. „O’Ryan [sic] did not tell source [Mordrel] at any time what plans Haller had for him: at this time Haller was in Abt II of the Abwehr after being recalled from Nest Rennes1269 in autumn 40.“ Zu den weiteren Personen, mit denen der Ire in dieser Zeit Kontakt hatte, gehörten der Schriftsteller Francis Stuart, dessen Geliebte Nora O’Mara sowie Helmut Clissmann und Gerhard von Tevenar. Frank Ryan allerdings verlor gegenüber dem Bretonen nicht ein Wort über die Aktivitäten seiner Bekannten. Anderen Berichten zufolge sei Ryan auch nach dem Ende seiner Irlandmission mit Mordrel in Verbindung geblieben. Gemäß Guy Vissault de Coetlogon soll der Ire seinen Landsmann in dessen Haus in Rennes besucht haben. Der Aristokrat war sich sicher, Ryan wiedererkannt zu haben. Laut eigener Aussage habe er den Journalisten bei einem Besuch des Parteivorsitzenden der PNB kennengelernt. De Coetlogon beschrieb den Iren als einen der wichtigsten Verbindungsmänner zwischen der irischen Untergrundarmee, den Nationalisten in der Bretagne und den deutschen Stellen. Bei seinen Besuchen in Rennes im Dezember 19401270 sowie im Februar und März 1941 wurde Ryan als einer der Anführer der „notorious IRA“ vorgestellt.1271 Über den Zweck der Besuche erhielt de Coetlogon allerdings keinerlei Informationen.1272 „It is thought that after the death of Sean Russell, Ryan had his headquarters in Berlin, and acted as a general adviser to the German Intelligence on Irish affairs. But, it is not known whether he organised, or took part in, the sending of any agents to Ireland. He 1269 „Nest“ war die Abkürzung für eine Abwehrnebenstelle, bei der es sich um nachgeordnete Dienststellen und Einheiten des Amtes Ausland/Abwehr handelte. Diese Nebenstellen, kurz Nest, verteilten sich im gesamten deutschen Reich sowie im Ausland und dienten der Nachrichtengewinnung. 520f. Joachim Beckh, Blitz & Anker, Band 2: Informationstechnik, Geschichte & Hintergründe (Norderstedt: Books on Demand, 2005), 520f. 1270 Geheimer Bericht „First Detailed Interrogation Report on Mordrel, Olier“, F. G. Adams, 30. Januar 1946; Auszug aus der Befragung von Vissault de Coetlogon, ohne Autor, o. D., KV 2/3410, NAK Kew, London. 1271 Bericht „Evidence that Frank Ryan worked for the G. I. S.“, ohne Autor, o. D., KV 2/1292, NAK Kew, London. 1272 Bericht „Guy Louis Yves Vissault de Coetlogon“, ohne Autor, Oktober 1944, KV 2/303, NAK Kew, London. 6.4 Frank Ryans Arbeit für die deutsche Abwehr – Seine Kontakte zu den bretonisch-nationalen Kreisen 333 was reported to have been associated in Berlin in 1941 with Dr. Kurt Haller, the head of Abteilung II of the Abwehr, who was responsible for the organisation of subversive activities in Ireland and South Africa.“1273 De Coetlogon unterhielt enge Kontakte zu den Owen Brüdern. Hinter diesem Namen verbargen sich die zwei Abwehrmitarbeiter Jupp und Viktor Hoven. Die beiden waren dem Bretonen aber nur unter diesem Decknamen bekannt.1274 Die mangelnde Kenntnis der tatsächlichen Namen seiner deutschen Kontakte war nicht die einzige Unzulänglichkeit in den Berichten des Aristokraten. Während einer früheren Befragung hatte er angegeben, dass Frank Ryan die irische Abteilung der deutschen Abwehr geleitet habe1275 und nicht die des deutschen Sicherheitsdiensts. Man schloss daraus, dass de Coetlogon die beiden Organisationen nicht unterschied. Deshalb war fraglich, ob seine weiteren Aussagen der Wahrheit entsprachen.1276 Auch Olier Mordrel widersprach den Berichten seines bretonischen Gesinnungsgenossen hinsichtlich seines Kontakts mit Frank Ryan vehement: Er bestritt, de Coetlogon jemals – weder im Dezember 1940 noch im Frühjahr 1941, noch zu einem anderen Zeitpunkt – mit dem Iren Bekanntschaft gemacht zu haben. Mordrel brachte die Aussage de Coetlogons damit in Verbindung, dass Ryan ihn im August 1940 gesehen, aber nicht mit ihm gesprochen hatte. „(…) O’Ryan [sic] subsequently met Vissault, though he did not know the two were acquainted, and recounted this incident, and Vissault has now given a garbled version.“1277 Guy Vissault de Coetlogon sprach viel über die deutschen Pläne für Irland und über die Beziehungen zwischen den Hovens und Frank Ryan. „The Owen brothers talked about their plans for using Ireland as a springboard against England, and told him they were trying to recruit agents for this purpose. It was hoped that an Abwehr net in Eire would be able to provide information. According to them, the main points of the espionage network in Eire would be that Mulcahys in Sligo, Leon Millarden, a Breton in Dublin, and Sidney Ievers and that this network was organised through the IRA and Frank Ryan.“1278 Das Netzwerk sollte die Kontakte zu den republikanischen Kreisen ausbauen mit dem politischen Ziel, Unruhen im Land provozieren, obwohl man sich bewusst war, wie schwierig dieses Vorhaben angesichts der enormen Unterstützung der Bevölkerung für die Neutralitätspolitik der Regierung umzusetzen wäre.1279 Dass zu diesem Zeitpunkt schon Verbindungen der Abwehr II in Berlin und der Irish Republican Army durch Helmut Clissmann, Seán Russell und James 1273 Bericht „Note on Frank RYAN, with special reference to points indicating that he was working for the German Intelligence Service.“, ohne Autor, 6. Juli 1945, KV 2/1292, NAK Kew, London. 1274 Bericht „Daily Report on the Case of Guy Vissault de Coetlogon“ von Captain JT Macalister, 18. September 1944, KV 2/301, NAK Kew, London. 1275 Auszug aus der Befragung von Vissault de Coetlogon, ohne Autor, o. D., KV 2/3410, NAK Kew, London. 1276 Bericht „Coetlogon“, E.B. Stamp an Mr. Milmo, 6. Oktober 1944, KV 2/302, NAK Kew, London. 1277 Bericht „First Detailed Interrogation Report On Mordrel Olier“ von H. T. Shergold, 30. Januar 1946, KV 2/3410, NAK Kew, London. 1278 Notizen für die Befragung von Jupp Hoven, ohne Autor, 30. April 1945, KV 6/79, NAK Kew, London. 1279 Auszug aus der Befragung von Vissault de Coetlogon, ohne Autor, o. D., KV 2/3410, NAK Kew, London. 6 Frank Ryan im faschistischen Deutschland – Opportunismus oder echte Überzeugung? 334 O’Donovan bestanden, hatten die Hoven-Brüder ihrem bretonischen Mitarbeiter verschwiegen, was den gültigen Geheimhaltungsregeln der Abwehr entsprach. So erklärt sich auch, warum de Coetlogon keine näheren Informationen zu Ryans Aktivitäten geben konnte. Vielmehr zeigte sich die Abwehrstelle in Paris, der die Hoven-Brüder zugeteilt waren, sehr verärgert darüber, dass der Bretone den Iren überhaupt getroffen und auch dessen Namen erfahren hatte.1280 Zwar bestand zu diesem Zeitpunkt kaum Kontakt zwischen dem Iren und den Bretonen, doch verhandelte Frank Ryan zeitgleich mit Dr. Edmund Veesenmayer über eine Irlandmission.1281 Es war also wichtig, dass keinerlei Informationen darüber in fremde Hände gelangten. Der Tod Russells besiegelte das Ende von Operation Taube. Für die Deutschen stellte sich nach der Rückkehr Frank Ryans nach Berlin die Frage, wie man den Iren für deutsche Zwecke nutzen konnte. Diese Aufgabe oblag weiterhin Dr. Edmund Veesenmayer. Die folgenden Ausführungen beschreiben nun Ryans Aktivitäten in Berlin sowie die Bemühungen der deutschen Führung, ihren irischen Gast sinnvoll zu beschäftigen. 1280 Bericht „P.F. 600,237/B.I.H.“, ohne Autor, 24. November 1944, G2/X/1358, MACBB, Dublin. 1281 Bericht „First Detailed Interrogation Report On Mordrel Olier“ von H. T. Shergold, 30. Januar 1946, KV 2/3410, NAK Kew, London. 6.4 Frank Ryans Arbeit für die deutsche Abwehr – Seine Kontakte zu den bretonisch-nationalen Kreisen 335

Chapter Preview

References

Abstract

The book describes the life and times of the well-known Irish Republican Francis „Frank“ Ryan. Ryan who fought for an all-Irish Republic and followed the political ideas of James Connolly and Charles Stewart, decided to fight fascism on the European continent and entered the Spanish Civil War on the side of the republican forces. While being in combat having the rank of a major in the International Brigades, he was captured in 1938 and became Franco’s most important prisoner. He had to endure two years in Burgos Prison before, due to the intervention of the German Abwehr, he had the chance to leave Spain with an option to return home. Instead of going back to Ireland, he ended up in Nazi-Germany at the beginning of the Second World War. Considering this background the book also examines the diplomatic relations between Ireland and Germany in the first half of the 20th century.

Zusammenfassung

Dieses Buch befasst sich mit der Lebensgeschichte des bekannten irischen Nationalisten Francis „Frank“ Ryan, der sich zeit seines Lebens für die Wiedervereinigung der grünen Insel und die vollständige Unabhängigkeit von Großbritannien eingesetzt hat. Seine linksgerichteten politischen Überzeugungen führten ihn als Kämpfer für die republikanische Regierung nach Spanien. Dort kämpfte er in den Reihen der Internationalen Brigaden und geriet als Francos wichtiger Gefangener in die Hände der Faschisten. Durch die Intervention der deutschen Abwehr kam er frei und fand sich im Deutschland der 1940er Jahre wieder. Vor dem Hintergrund seiner Lebensgeschichte wird auch die Entwicklung der politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Irland beleuchtet.