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5 Francos wichtigster Gefangener – Frank Ryan in spanischer Gefangenschaft in:

Katja Christina Hirmer

Frank Ryan, page 221 - 276

Nationalist, Freiheitskämpfer – und Nazi-Kollaborateur?

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4398-1, ISBN online: 978-3-8288-7391-9, https://doi.org/10.5771/9783828873919-221

Tectum, Baden-Baden
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Francos wichtigster Gefangener – Frank Ryan in spanischer Gefangenschaft Die Anklage gegen Frank Ryan Kurze Zeit nach seiner Verlegung in das Zentralgefängnis der nationalistischen Hauptstadt Burgos begannen die Behörden damit, Ermittlungen gegen Ryan und seine Position innerhalb der Internationalen Brigaden einzuleiten. Seinem Fall schenkte man besondere Aufmerksamkeit, und obwohl Ryan offiziell noch keine Vergehen zur Last gelegt wurden, stand fest, dass sich sein Verfahren über längere Zeit hinziehen würde. Schnell kamen Gerüchte in Irland und Großbritannien auf, dass es sich um schwerwiegende Anschuldigungen handele. Diesen Informationen zufolge habe Ryan ein Erschießungskommando befehligt. Zuerst jedoch wollte sich die spanische Anklage einen umfassenden Eindruck von Ryans Vorleben in Irland verschaffen, von besonderem Interesse waren mögliche Vorstrafen. Der amerikanische Journalist Carney ließ die irische Gesandtschaft in St. Jean de Luz wissen, dass die Regierung in Burgos plante, den Iren zu erschießen, obwohl er in Irland nie krimineller Handlungen bezichtigt worden war. Man ging seitens der Behörden davon aus, dass Frank Ryan ein politisches Attentat in Irland verübt hatte.781 Dabei handelte es sich um die damals bereits über zehn Jahre zurückliegende Ermordung von Innenminister Kevin O’Higgins im Juli 1927782, an der Ryan allerdings nicht beteiligt gewesen war. Während der Recherchen zum Fall Frank Ryan informierte sich der Vizconde de Mamblas – der als Vertreter Francos für kulturelle Beziehungen schon seit 1937 Kontakte zu britischen und irischen Diplomaten unterhielt – bei Art O’Brien, dem irischen Botschafter in Paris über den Gefangenen. O’Brien gab bereitwillig Auskunft über seinen Landsmann, den er seit den Tagen des Unabhängigkeitskrieges persönlich kannte. „I said that whilst I was aware that politically in Ireland certain circles and parties would find fault with him, and that whilst I myself thoroughly disagreed with him politically, especially in regard to his activities in Spain, yet personally I looked upon him as an upright and honourable character. I said I knew him as a very quiet, courteous and 5 5.1 781 Brief H. E. O’Neill, an J. W. Dulanty, 26. April 1938; Bericht S. J. 10/11, Kerney an das Außenministerium, 23. April 1938, DFA/4/244/22, NAI, Dublin. 782 Kevin Christopher O’Higgins, ein ehemaliger Anhänger der Sinn Féin-Partei und Verfechter des anglo-irischen Staatsvertrags von 1921, war in den Jahren von 1922 bis zu seinem Tod im Jahr 1927 als Minister in verschiedenen Ressorts tätig. Im Kabinett Cosgrave übernahm er ab Juni 1927 neben der Vizepräsidentschaft des Dáil auch die Ressorts Justiz und Außenpolitik. Am 10. Juli 1927 wurde O’Higgins von drei IRA-Attentätern auf dem Weg von seinem Haus zur Kirche in Dooterstown, County Dublin, niedergeschossen. Er starb wenige Stunden nach dem Angriff im Krankenhaus. John P. McCarthy. O’Higgins, Kevin Christoper. [Online]. o. D.. URL: http://centenaries.ucd.ie/wpcontent/uploads/2015/04/OHiggins-Kevin_Christopher.pdf [02.01.2017]. 221 gentle fellow but with very strong political convictions from which nothing would shake him once he had adopted them.“783 Der Vizconde bestätigte gegenüber dem Diplomaten Berichte, wonach Ryan an Erschießungen spanischer Gefangener beteiligt gewesen sei. Die Aussagen von vier Freiwilligen stützten diese nicht unerhebliche und nicht haltbare Anschuldigung. Hinzu kam, dass Ryans Verhalten die Arbeit der spanischen Behörden erschwerte. Er verweigerte jeglichen Kommentar zu den Anschuldigungen und zeigte sich während der Vernehmungen nicht sonderlich kooperativ. Wenn Ryan auf Fragen überhaupt antwortete, verhielt er sich formal wenig zurückhaltend und scheute auch nicht davor zurück, die Beamten zu beleidigen. O’Brien konnte sich auf das schlechte Benehmen seines Landmanns keinen Reim machen, denn er kannte Ryan nicht als Menschen, der andere beleidigt. Als mögliche Erklärung für das Verhalten des Iren führte er Ryans Schwerhörigkeit an. Offensichtlich waren die spanischen Behörden nicht über die Behinderung informiert.784 De Mamblas interessierte sich überdies für die Einschätzung des Botschafters hinsichtlich der Frage, welche politischen Auswirkungen eine Vollstreckung des möglichen Todesurteils in Irland hätte. Denn bei einer Befragung hatte Ryan unumwunden angekündigt, dass er im Falle seiner Freilassung alles daransetzen würde, nach Spanien zurückzukehren, um das nationalistische Regime zu bekämpfen. Die Bedenken der spanischen Seite konnte auch der Botschafter nicht entkräften. Trotzdem versprach de Mamblas, sich Ryans Fall in angemessener Weise anzunehmen. Ungeachtet der intensiven Bemühungen der irischen Gesandten in Spanien und in Paris, Kerney und O’Brien, blieb der Fall schwierig. Ende des Jahres 1938 erfuhr Kerney, dass Ryan nicht als Kriegsgefangener anerkannt war – die Grundlage der Inhaftierung bestand, so hieß es jetzt, stattdessen darin, dass die spanischen Behörden ihn als „(…) criminal who has committed the most repugnant crimes“ betrachteten,785 allerdings ohne dem Diplomaten nähere Informationen darüber zu geben, welche konkreten Vergehen man dessen Landsmann zur Last legte. Kerney selbst war überzeugt, dass die spanischen Behörden weitere Anfragen ablehnen oder, was ihm wohl noch wahrscheinlicher erschien, gänzlich ignorieren würden, sodass er nicht weiter auf eine genauere Bestimmung der Vorwürfe durch das faschistische Regime bestand. Kerney gab sich, was die Einstellung Francos betraf, überzeugt, dass „their justice is unquestionable, that they are the sole judges and that they have no account to render to anyone for what they do in Spain“.786 Erst im April 1939 kam wieder Bewegung in den Fall. Es scheint, als ob sich die spanische Justiz nicht sicher gewesen war, wie sie den Häftling behandeln wollte: Noch im Dezember war bekannt geworden, dass Ryan nicht als Kriegsgefangener gelte. Nun, vier Monate später, informierte man Kerney, dass der 783 Vertraulicher Bericht P. 19/34, Aire Lan-Chomhachtach an den Sekretär im Außenministerium, 12. Mai 1938, DFA/4/244/22, Dublin. 784 Ibid. 785 Ibid; Englische Fassung des Berichts General Eugenio de los Monteros an Vizconde de Mamblas, 24. Dezember 1938, Robert Stradling Collection (RSC), Special Collections Library (SCL), P 13/123 (12), University of Limerick (UL), Limerick. 786 Bericht Kerney „Frank Ryan. Your 144/35.“ an den Sekretär im Außenministerium, 28. Dezember 1938, DFA/4/244/22, NAI, Dublin. 5 Francos wichtigster Gefangener – Frank Ryan in spanischer Gefangenschaft 222 Fall in die Zuständigkeit der Militärbehörden falle und die Angelegenheit somit vor einem Militärgericht verhandelt werden müsse. Daraus folgerte der irische Gesandte, dass Ryan, entgegen vorheriger Aussagen, nun doch wieder den Status eines Kriegsgefangenen hatte.787 Weitere Informationen zu den Anschuldigungen gegen den irischen Staatsbürger erhielt die Gesandtschaft in St. Jean de Luz auch diesmal nicht. Einzig der Vorwurf bezüglich der angeblichen Beteiligung Ryans an Erschießungskommandos war bekannt. Allerdings galten Hinrichtungen im Spanischen Bürgerkrieg als häufig angewandtes Verfahren im Umgang mit Soldaten der Feindseite, denn sowohl die internationale Legion auf Francos Seite, die Tercios, als auch die republikanischen Truppen erschossen Kämpfer des Gegners oft sofort nach deren Gefangennahme. Da dies während des gesamten spanischen Krieges sowohl unter Francos Einheiten als auch unter den Regierungstruppen gängige Praxis war und somit die Möglichkeit bestand, dass auch Ryan an Erschießungen franquistischer Gefangener beteiligt gewesen sein könnte, überprüfte die Anklage diesen Vorwurf genauer.788 Bis zum 16. Juni 1939, als er seinen Landsmann zum ersten Mal in der Haftanstalt traf, konnte Kerney keine Kenntnisse über weitere Details zu den Vorwürfen gegen Ryan erlangen. Erst bei diesem Gefängnisbesuch brachte er in Erfahrung, dass es bisher keine konkreten Anschuldigungen gegen den Iren gab. Nach Kerneys Erkenntnissen befand sich Ryan unter „(…) preventive arrest, after trial; (…) that he had been tried on the 15th June 1938 under a ‚sumarisimo de urgencia 1695 de 1938‘ by the ‚Juzqado Militar No 4‘;“789 Zwar waren in der Verhandlung keine Anschuldigungen gegen ihn erhoben worden, aber Ryan nahm an, dass ein während des Prozesses vorgelegter Brief großen Anteil daran hatte, dass er in Haft blieb. Dieses Schreiben, von dem Ryan sicher war, dass es aus Irland stammte, bescheinigte ihm einen schlechten Charakter und machte ihn für viele politischen Entwicklungen in seiner Heimat seit dem Ende des Bürgerkriegs, wie beispielsweise den Konflikt zwischen den linken Kräften und den Blueshirts, verantwortlich.790 Die intensiven Bemühungen Kerneys zeigten schließlich doch erste Erfolge. Am 1. Dezember 1939 erhielt er aus Burgos eine beglaubigte Kopie des Gerichtsprotokolls. Die Anklage gegen Frank Ryan lautete demnach wie folgt. „(…) Frank Ryan has outstanding responsibility in Irish politics, in which he was the head of one of the extremist sections (…) of the Republican party in Ireland; that the accused (…) came to Spain in December 1936 and fought in the International Brigades at Cordoba, Guadarrame [sic], Jarama, Brunete and on the Aragon Front, where he was made pris- 787 Englische Fassung der spanischen Verbal Note an die irische Gesandtschaft, 4. April 1939, Bericht Kerneys an das Außenministerium, 8. April 1939, DFA/10/A/20/1, NAI, Dublin. 788 Bericht S.J. 10/11 „Frank Ryan (144/35), Leopold Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 14. Mai 1938, DFA/4/244/22, NAI, Dublin. 789 Bericht S. S. 10/11 „Visit to Frank Ryan, 16th June 1939. Your 244/8A.“, Leopold Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 17. Juni 1939, DFA/10/A/20/2, NAI, Dublin. 790 Ibid. Der Absender des Briefes war nicht bekannt, aber Ryan nannte als mögliche Autorinnen Miss Aileen O’Brien, der ‚Organizing Secrectary‘ der Irish Christian Front, die die Entsendung der Irish Brigade tatkräftig unterstützt hatten oder Miss Godden. Wer genau mit „Miss Godden“ gemeint ist, geht aus den Berichten Kerneys nicht hervor und keine weitere Quelle nennt diese Frau in Zusammenhang mit Frank Ryans Haft in Spanien. Ibid. 5.1 Die Anklage gegen Frank Ryan 223 oner; that he was made Captain in the enemy army; that he was wounded in March 1937 and, whilst convalescing in his own country, there organised various propagandist activities in favour of Red Spain, subsequently returning to Spain. (…) The Prosecutor asks for a sentence from major imprisonment (…) to death for the crime of adhering to the rebellion. (…) the defence has solicited a penalty of 12 years and one day of major imprisonment.“ Das Militärgericht befand Ryan in allen Anklagepunkten für schuldig und verurteilte ihn am 15. Juni 1938 zum Tod. Das Urteil wurde kurze Zeit später nochmals bestätigt. Erst das Büro des Generalissimo wandelte die Strafe in eine langjährige Haftzeit um. Diese musste Ryan im Gefängnis in Burgos absitzen.791 Die Folgen seiner Haft und Ryans Alltag im Burgos Gefängnis sind Gegenstand des folgenden Kapitels. Neben den Haftbedingungen werden auch Ryans Aktivitäten und seine Einsatz für die Mithäftlinge näher dargestellt. Die Haftzeit im Gefängnis in Burgos Das Gefängnis von Burgos, ein palastartiges Gebäude, das zu Beginn der 1930er Jahre gebaut worden war, fasste 1.000 bis 1.500 Gefangene. Während Ryans Inhaftierung zählte man circa 4.500 Häftlinge. Der gesamte Tag spielte sich im Innenhof ab. Dort nahmen die Insassen ihre Mahlzeiten ein und konnten sich mit anderen Insassen austauschen. Nachts erfolgte die Einquartierung in großen Schlafsälen für 100 bis 300 Männer.792 Als Todeskandidat war Ryan über ein Jahr in einer Zelle mit siebzehn anderen Häftlingen unter unvorstellbaren Lebensumständen untergebracht. „Every morning nine were taken out and either shot or garrotted, and their places filled by nine others. Ryan did not know from day to day when his turn might come. Those months, in daily fear of death were among the most terrible of his whole life.“ In dieser Umgebung fristete der irische Journalist sein Leben. Erst in der Endphase des Bürgerkriegs, Anfang 1939, verbesserten sich die Bedingungen.793 Frank Ryan war in der gesamten Anstalt bekannt und fand in dem walisischen Gefangenen Tom Jones einen Freund oder wie Jones es selbst ausdrückte, einen Bruder. Der Brite war im März 1939 in Gefangenschaft geraten und saß fortan im Burgos-Gefängnis ein. Unter solch denkbar schlechten Voraussetzungen trafen sich die beiden Männer wieder. Denn kennengelernt hatten sie einander im Herbst 1937 in 5.2 791 Anhängender Bericht „Condensed Translation of Procedure relating to FRANK RYAN’S DEATH SENTENCE with precise translation of actual sentence.“, Telegramm Kerney, 21. Dezember 1939, DFA/10/A/20/3, NAI, Dublin. Nach Aussagen von Gerald O’Reilly hatten die amerikanischen Freunde Ryans keine Probleme damit, eine Kopie der Anschuldigungen gegen den Iren zu erhalten. Das spanische Justizministerium sandte eine Abschrift an das State Department. Korrespondenz zwischen Gerald O’Reilly und Senator Robinson, 28. März 1940, Frank Ryan Files – Teil 1, G2/0257, MACBB, Dublin. 792 Bericht S. S. 10/11 „Visit to Frank Ryan, 18th June 1939. Your 244/8A.“, Leopold Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 17. Juni 1939, DFA/10/A/20/2, NAI, Dublin. 793 Michael McInerney, „In Jail For Democracy – Frank Ryan Profile 4“, The Irish Times, 10. April 1975, 5. 5 Francos wichtigster Gefangener – Frank Ryan in spanischer Gefangenschaft 224 Madrid, wo Ryan im Rahmen seiner Propagandaarbeit für die Armeeführung der Internationalen Brigaden eine Pressekonferenz gegeben hatte, zu der damals neben Jones auch Ernest Hemingway gekommen war. Die beiden Soldaten teilten nun in Burgos das gleiche Schicksal. Auch den Waliser erwartete wegen seiner Teilnahme am Bürgerkrieg das Erschießungskommando, bis Franco auch seine Strafe, ebenso wie Ryans, in dreißig Jahre Haft umwandelte. „We used to work out the year we would be released. (…) but then we had to find something to laugh at in that terrible place. We had only 18 inches of space to sleep in and were protected from the concrete floor by a thin blanket.“794 Auch sonst war der Alltag im Gefängnis nicht einfach zu ertragen. Mehrmals täglich durchsuchten die Wärter die Gefangenen und bis zu vier Mal überprüfte man ihre Anzahl, was für die Inhaftierten oft stundenlanges Stillstehen zur Konsequenz hatte. Trotz der widrigen Umstände war der Zusammenhalt zwischen den Insassen enorm. Die politische Orientierung spielte dabei keine Rolle. Man unterstützte sich gegenseitig, ohne zwischen Kommunisten, Sozialdemokraten, Anarchisten, Linkssozialisten und Bürgerlichen zu unterscheiden. Alle Gefangenen, die im Bürgerkrieg gekämpft hatten, verstanden sich als Antifaschisten.795 Über Politik, Ryans Mitgliedschaft in der IRA und seine Rolle in der kommunistischen Partei führten der Waliser und der Ire jedoch häufig lange Gespräche. Obwohl Ryan in seiner militärischen Funktion immer wieder darum gebeten worden war, der kommunistischen Partei Irlands beizutreten, hatte er dies stets aus persönlichen Gründen abgelehnt. Aber auch Nachrichten von außerhalb des Gefängnisses diskutierten die Insassen, obgleich es nur wenige Informationen gab. Als ihn die Meldung erreichte, dass die irische Untergrundarmee im Januar 1939 die Bombing Campaign796 in Großbritannien gestartet hatte, war er außer sich vor Wut. Die damalige Armeeführung beurteilte er als unverantwortliche, politisch Wahnsinnige, die ihr Bestes gaben, um größtmöglichen Schaden für die irische Republik und eine zukünftige Wiedervereinigung Irlands anzurichten. Frank Ryan war der festen Überzeugung, dass die Wiedervereinigung seiner Heimat irgendwann Realität werden würde, allerdings nicht durch Waffengewalt. Vielmehr sah er in der öffentlichen Meinung der britischen Bevölkerung sowie der Weltöffentlichkeit den Schlüssel dazu. Und eine Voraussetzung dafür wiederum war die Zustimmung der Protestanten Nordirlands. In seiner Rage nannte Ryan Jones einige Namen ehemaliger Weggefährten, die er für die Verantwortlichen hielt. Der Waliser sollte diese an den Repräsentanten der britischen Botschaft weitergeben, der seine Landsleute und auch Jones im Gefängnis betreute. Ähnlich empört reagierte Ryan auf den Hitler-Stalin-Pakt. Als diese Meldung die Haftanstalt erreichte, zeigte sich Ryan ähnlich aufgebracht. Für ihn stellte dies ein untrügliches Zeichen dafür dar, dass sich die UdSSR dem Faschismus zuwandte und dass dies den Grund für das Abkommen darstellte. Jones teilte die Meinung seines Freundes im Hinblick auf eine mögliche Annäherung zwischen der UdSSR und dem 794 Ibid, 5. 795 Ibid. 796 Weitere Einzelheiten zur „Bombing Campaign“ der IRA befinden sich im Kapitel 5.2 Die Haftzeit im Gefängnis in Burgos beziehungsweise 5.3.1. Die Möglichkeit des Gefangenenaustauschs zwischen Barcelona und Burgos. 5.2 Die Haftzeit im Gefängnis in Burgos 225 Deutschen Reich nicht. „I could not see how the pact meant that Russia was turning fascist any more than that Germany was turning communist. This line of argument seemed to give him [Ryan] a measure of satisfaction.“797 Als der irische Gesandte Kerney nach langen Versuchen, die Besuchsgenehmigung für das Burgos-Gefängnis zu erhalten, am 16. Juni 1939 den Gefangenen zum ersten Mal besuchen und mit Kleidung, Zigaretten und etwas Geld versorgen konnte,798 war dies das erste persönliche Zusammentreffen der beiden Männer. Es hatte vorher lediglich einmal einen Briefwechsel zwischen ihnen gegeben, der zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits zehn Jahre zurücklag. Ryan hatte damals bei Kerney, der an der Botschaft in Paris tätig war, Nachforschungen zu einer Frau angestellt, die behauptet hatte, für die französische Zeitung L’Oeuvre tätig zu sein, was sich als nicht zutreffend erwies.799 „When writing to Ryan to this effect, the Minister took the opportunity of informing him also that on the matter of the independence of Ireland he saw eye to eye with him, but not otherwise.“800 Dem ersten Treffen in Burgos sollten viele weitere folgen, bemühte sich der irische Gesandte doch darum, den Kontakt zu seinem Landsmann zu intensivieren. Dazu sagte der Direktor der Haftanstalt, Antonio Crejo, dem Diplomaten seine weitere Unterstützung zu. Ein Privileg, das ausgesprochen selten gewährt wurde, bestand bereits darin, dass die erste Begegnung zwischen den beiden Männern im Büro der Leitung des Wachpersonals, getrennt von den anderen Männern, stattfinden konnte. Das Gespräch dauerte mindestens eine Stunde. Kerney interessierte sich besonders für die Gesundheit des Häftlings. Ryan ging es im Wesentlichen gut, abgesehen von Zahnproblemen, die jedoch in der Haftanstalt selbst behandelt wurden, und dem Gewichtsverlust der letzten Monate. Aus diesem Grund hoffte Ryan auch, dass Kerney ihn zusätzlich mit Lebensmitteln versorgen könnte. Auch sein Herz bereitete ihm Schwierigkeiten: Einige Jahre zuvor hatte man festgestellt, dass das Organ vergrößert war801 und während der Haft wurde er mehrmals wegen Herzrasens im Gefängniskrankenhaus behandelt. Die dortigen Aufenthalte unterschieden sich vom Haftalltag neben dem besseren Essen auch durch ein geringeres Maß an körperlicher und psychischer Anstrengung, durch Zustände also, welche – langfristig zugebilligt – die beste Medizin für sein Leiden gewesen wären. Ryan aber sorgte sich in erster Linie um seine Familie, insbesondere um das Wohlergehen der betagten Eltern.802 Die finanzielle Bürde, die er insbesondere seiner 797 Cronin, Frank Ryan, 103; Bericht Tom Jones „Major Frank Ryan – Adjuntant [sic] of the 15th International Brigade of the Spanish Republican Army.“, 6. Februar 1975, IBAB, 28/G/13, MML, London. 798 Bericht S. S. 10/11 „Visit to Frank Ryan, 18th June 1939. Your 244/8A.“, Leopold Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 17. Juni 1939, DFA/10/A/20/2, NAI, Dublin. 799 Die besagte Frau und die genaue Beziehung zu Ryan konnten bisher von der Forschung nicht näher bestimmt werden. Aus dem Bericht des Verteidigungsministeriums geht nicht hervor, aus welchem Grund Ryan mit dieser Frau in Kontakt stand. 800 „Memorandum on Frank Ryan“, Kerney an das Verteidigungsministerium, 20. Oktober 1941, Frank Ryan Files – Teil 1, G2/0257, MACBB, Dublin. 801 Nähere Informationen zu Ryans gesundheitlichen Problemen finden sich im Kapitel „3.2.5 Frank Ryans Rolle im Republican Congress“ sowie in der Fußnote 727. 802 Bericht S. S. 10/11 „Visit to Frank Ryan, 18th June 1939. Your 244/8A.“, Leopold Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 17. Juni 1939, DFA/10/A/20/2, NAI, Dublin. 5 Francos wichtigster Gefangener – Frank Ryan in spanischer Gefangenschaft 226 Schwester Eilís auflud, belastete ihn sehr. Die Kosten für Bekleidung, zusätzliches Essen und Bargeld, das Kerney dem Gefangenen übergab, stellte man ihr in Rechnung. Deshalb fragte Frank Ryan auch an, ob eines der Frank Ryan Release Committees in den Staaten oder in Irland nicht einen Teil der Kosten abdecken könnte. Auf diese Weise hoffte er, seine Familie in Irland zumindest teilweise finanziell zu entlasten. Einige Freunde erklärten sich sogar dazu bereit. Die Dubliner Organisation versuchte sogar, die Ausgaben komplett zu übernehmen.803 Ryan war bestens über die enormen Anstrengungen seiner Freunde und Weggefährten informiert. Die Gefängniswärter berichteten von der enormen Zahl an Briefen, die das Gefängnis täglich erreichten. In der Post befanden sich immer wieder Pakete, die Lebensmittel enthielten, ihren Empfänger allerdings nie erreichten. Die Haftanstalt leitete ausschließlich Postsendungen der Familie oder der Gesandtschaft an den Häftling weiter.804 Obwohl sich die Wärter und der Direktor ihm gegenüber stets vorbildlich verhielten, glaubte Ryan, dass der offizielle Besuch des irischen Gesandten einen sehr positiven Effekt auf die Einstellung der Behörden hatte. Dabei war Ryan auch ohne das vielschichtige Interesse an seiner Person ein besonderer und sehr streitbarer Häftling. Er ging gegen einige Aufseher vor, die Mithäftlinge malträtiert hatten und sorgte dafür, dass diese im Lager keinen Dienst mehr leisteten. Ryan setzte sich auch in weiteren Bereichen des Gefängnisalltags für die Insassen ein. Ein Bestandteil der täglichen Routine bestand in dem für alle Insassen obligatorischen Besuch der heiligen Messe. Während der Predigt sparten die Priester nicht mit Kritik an den republikanischen Soldaten. Ryans Mitgefangener Tom Jones erinnerte sich an einen bestimmten Gottesdienst, in dem der Geistliche die Häftlinge massiv beschimpfte, bis Proteste ausbrachen. Den Wärtern gelang es, die gereizte Stimmung abzukühlen, aber der Geistliche bestand darauf, stellvertretend für alle Inhaftierten, die seinen Gottesdienst gestört hatten, 200 Gefangene zu bestrafen. Neben körperlicher Züchtigung drohte den Gefängnisinsassen zweimonatige Einzelhaft bei halber Essensration.805 Ryan, selbst praktizierender Katholik, war derart erschüttert von den drakonischen Strafmaßnahmen und dem Missbrauch der heiligen Messe, dass er umgehend seinen Freund und Landsmann Pater J. J. Mulrean, einen irischen Priester, der fließend Spanisch sprach und gute Kontakte zum Klerus im Land besaß,806 informierte. Dieser reagierte sofort und berichtete dem Papal Nuncio, dem Vertreter des Papstes, von den Vorfällen, wo- 803 Brief Leopold Kerney an Eilís Ryan, 5. Dezember 1939; Brief des Sekretärs im Außenministerium, J. P. Walshe, an den irischen Gesandten Leopold Kerney, 21. März 1940, DFA/10/A/20/3, NAI, Dublin. 804 Bericht Tom Jones „Major Frank Ryan – Adjuntant [sic] of the 15th International Brigade of the Spanish Republican Army.“, 6. Februar 1975, IBAB, 28/G/13, MML, London. 805 Bericht Tom Jones „Major Frank Ryan – Adjuntant [sic] of the 15th International Brigade of the Spanish Republican Army.“, 6. Februar 1975, IBAB, 28/G/13, MML, London. 806 Der Kaplan J. J. Mulrean stammte ursprünglich aus Moate in der Grafschaft Westmeath und betreute die Irish Brigade unter Eoin O’Duffy während deren Einsatz auf der Iberischen Halbinsel. Mulrean wurde in der Diözese in Madrid im Priesterseminar ausgebildet und arbeitete lange Jahre als Kaplan in Gibraltar. Francis McCullagh, In Franco’s Spain: Being the Experiences of an Irish War-correspondent During the Great Civil War Which Began in 1936 (London: Burns, Oates & Washbourne Ltd., 1937), 227, 280. 5.2 Die Haftzeit im Gefängnis in Burgos 227 raufhin der Geistliche veranlasste, dass ein neuer Priester die religiöse Betreuung der Häftlinge übernahm.807 Als Father Mulrean selbst anbot, die spirituelle Begleitung des Gefangenen zu übernehmen, reagierte Kerney positiv, obwohl, „(…) I do not know whether the visit of a priest will be welcome, but I am fairly certain that Ryan must fight shy of Spanish priests in any case because of their identification with his enemies.“808 Während des ersten Besuchs am 16. Juni 1939 brachte Kerney auch Näheres zu Ryans Strafmaß in Erfahrung. Nach eigener Aussage hatte der Journalist erst einige Tage zuvor erfahren, dass dieses bereits feststand. „He had learned only a few days ago that when he was first made prisoner he had been condemned to death by a drum-head court-martial and was to have been shot the following morning, but that two Italian officers came and took charge of him, saying that he would have to be exchanged against an Italian officer.“ Kerney versicherte dem Gefangenen, dass alles Mögliche getan werde, um seine Freilassung so schnell wie möglich zu gewährleisten.809 Besuche dieser Art fanden nun regelmäßig statt. Neben dem humanitären Aspekt demonstrierte man gegenüber den spanischen Behörden, welchen Stellenwert der Gefangene in den Augen der irischen Regierung hatte. Auch auf persönlicher Ebene entwickelte sich im Laufe der Zeit das Verhältnis der beiden Männer. Man begegnete einander mit einer gewissen Wertschätzung und mit gegenseitigem Respekt, obwohl der irische Gesandte politisch gesehen viele Ideen Ryans nicht unterstützte. Aber nicht nur der Diplomat half Ryan, auch Kerneys Frau versorgte Ryan mit nützlichen Dingen und strickte ihm sogar warme Wollsocken für den Winter.810 Trotz aller Fürsorge verschlechterte sich Ryans Gesundheitszustand. Zwar hatte sich die Herzerkrankung etwas gebessert, doch litt Ryan unter Rheuma im Rücken. Die Erkrankung war zwar noch nicht sehr weit fortgeschritten, allerdings beeinträchtigte sie seine Arbeitsfähigkeit, sodass ihn die Gefängnisleitung sogar ein paar Tage auf die Krankenstation verlegen ließ. Ryan bat den Gesandten, sich für eine Verlegung in einen anderen Teil der Anstalt einzusetzen: in den Zellentrakt, wo seine Freunde untergebracht waren. Abgesehen davon hätte dies eine bessere Unterbringung und weniger Feuchtigkeit bedeutet. Während der gesamten Haftdauer aber gelang es dem Diplomaten nicht, in dieser Hinsicht etwas für seinen Landsmann zu erreichen. Seine Ursache hatte Kerneys Scheitern jedoch nicht darin, dass er sich etwa nur halbherzig und nicht mit allen Mitteln für die Verlegung des Iren eingesetzt hätte, vielmehr war die Erfolglosigkeit aller Bemühungen eine Folge der dramatischen Überbelegung des Gefängnisses. Der Direktor versprach, sich der Sache sobald als möglich anzunehmen und Ryans nächtliche Unterbringung zu verbessern. Im Juni 1940 berichtete Kerney dem Außenministerium, dass „he [Ryan] now sleeps in a 807 Doyle, Brigadista, 77. 808 Bericht Leopold Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 19. Dezember 1939, DFA/10/A/ 20/3, NAI, Dublin. 809 Bericht S. S. 10/11 „Visit to Frank Ryan, 18th June 1939. Your 244/8A.“, Leopold Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 17. Juni 1939, DFA/10/A/20/2, NAI, Dublin. 810 Leopold H. Kerney – Frank Ryan in Jail. [Online]. 14. Juli 2012. URL: http://www.leopoldhkerney. com/Page2.html [24. März 2013]. 5 Francos wichtigster Gefangener – Frank Ryan in spanischer Gefangenschaft 228 room with 4 others, each having his own bed; this represents great improvement and he is very grateful to the Director of the Prison, a humane man of whom he has a high opinion. He has considerable freedom of movement within the prison; he can get up or go to bed whenever he pleases; the more his lot improves the more he thinks of liberty; (…).“811Neben den Bedingungen in Burgos war es die körperliche Verfassung des Iren, die Dublin Sorgen bereitete. Während seiner bisherigen Haft hatte er, gemäß der Aussage zweier amerikanischer Mitgefangenen, knapp fünfzig Kilogramm verloren und wirkte insgesamt sehr eingefallen und matt. Ryan machte sich große Sorgen, dass die Haft bleibende Schäden hinterlassen und er selbst nach der Rückkehr in die Heimat eine Belastung für seine Familie darstellen könnte.812 Den Informationen vom extremen Gewichtsverlust Ryans widersprach Kerney. Der irische Diplomat berichtete, dass Ryan während der vorangegangenen beiden Jahre lediglich neun Kilogramm abgenommen habe. Dies erachtete der irische Diplomat als nicht besorgniserregend.813 Leopold Kerney lobte in jedem seiner Berichte an das Außenministerium in Dublin die Gelassenheit und Ruhe des Gefangenen. Er informierte Ryan über Fortschritte und Rückschläge hinsichtlich einer möglichen Freilassung und gab sonstige Neuigkeiten seinen Fall betreffend, an ihn weiter. So auch am 3. Dezember, als er Frank Ryan mitteilte, dass die Anschuldigung gegen ihn, Erschießungskommandos befehligt zu haben, jeder Grundlage entbehrte. Diese Nachricht überraschte Ryan sehr, denn eine derartige Anschuldigung gegen ihn hörte er zum ersten Mal. Während des Prozesses war sie nie zur Sprache gekommen. Normalerweise wurden Häftlinge, die unter diesem Verdacht standen, als Kriminelle eingestuft und sofort erschossen. Allerdings sah Ryan darin die Taktik „(…) of a big clean-up to finish the civil war business; (…)“.814 Grund zur Hoffnung gab es, als innerhalb der Haftanstalt Gerüchte aufkamen, wonach es anlässlich des Weihnachtsfests eine Generalamnestie geben sollte. Kerney hoffte, dass diese auch seinen Fall einschließen würde. Ryans Informationen besagten dagegen, dass nur Häftlinge mit Strafen unter zwanzig Jahren eine Haftverschonung erwarten könnten. Zumindest hatte der irische Häftling durch den Besuch eines Richters am 14. November 1939 erfahren, dass sowohl das gegen ihn verhängte Todesurteil, als auch die Strafen zehn weiterer auf ihre Exekution wartender Gefangener auf dreißig Jahre Haft reduziert worden waren. Die Relevanz dieser Information bestand darin, dass die Gefangenen miterleben mussten, wie pro Woche zehn bis zwanzig Exekutionen vollstreckt und Betroffene zum Teil erst vier Stunden vor der 811 Bericht Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 8. April 1940; Bericht „Frank RYAN. Your 244/8B.“, Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 27. Juni 1940, DFA/10/A/20/3, NAI, Dublin. 812 Brief Gerald O’Reilly an Helen O’Reilly, 26. März 1940, Frank Ryan Part I, G2/0257, MACBB, Dublin. 813 Bericht Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 8. April 1940, DFA/10/A/20/3, NAI, Dublin. 814 Bericht „Frank RYAN. Your 244/8B.“, Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 5. Dezember 1939, DFA/10/A/20/3, NAI, Dublin. 5.2 Die Haftzeit im Gefängnis in Burgos 229 Hinrichtung informiert wurden. Zudem lagen einige der Urteile damals schon mehr als zwei Jahre zurück.815 Als die spanischen Behörden den Gefangenen anlässlich des Weihnachtsfestes 1939 das Privileg gewährten Grußkarten zu erhalten, betonte Ryan Kerney gegenüber, wie gut es ihm täte, von seinen Freunden zu hören. Der Diplomat gab diese Information weiter und die Resonanz war überwältigend. Viele Wegbegleiter aus Irland folgten dem Aufruf, Ryan zum anstehenden Weihnachtsfest Grüße per Post zukommen zu lassen, woraufhin sich sogar die Gefängnisleitung beeindruckt zeigte von der Masse an Weihnachtskarten für den irischen Häftling.816 Man gestattete ihm sogar, einen Brief an seinen Freund Gerald O’Reilly in New York zu schreiben, worin er besonders Kerneys Einsatz lobte. „That I have attained so privileged a status here is entirely due to Mr. Kerney who is an efficient representative – but an even better friend. He came for a ‚short visit,‘ Xmas Eve, and stayed two hours with me and more with my keepers. I ate a chicken dinner; he was lucky if he got home for supper…“817 Diese bevorzugte Behandlung war zwar nicht die Regel, aber auch keine wirkliche Ausnahme. Tom Jones erinnerte sich an ein weiteres Ereignis dieser Art. An einem Abend beorderte die Gefängnisleitung Ryan ins Büro. Er kehrte recht beschwipst zurück. Scheinbar hatten Freunde eine Flasche Whiskey geschickt, die tatsächlich ihren Weg ins Gefängnis gefunden hatte. Nachdem es den Häftlingen nicht erlaubt war, diese in den Zellentrakt mitzubringen, öffnete der Direktor die Flaschen in Ryans Beisein im Büro und der Ire leerte zusammen mit dem Gefängnisleiter die Flasche.818 In der Haftanstalt hatte sich Ryan weitere Informationsquellen erschlossen. Ein privilegierter und hoch angesehener Mithäftling versorgte ihn mit Neuigkeiten aus der Welt. Abgesehen von verschiedenen Nachrichten wurden auf diese Weise auch andere Dinge gehandelt. Ryan hatte in der Anstalt wichtige Freundschaften schließen können und hatte durch seine zusätzlichen Lebensmittelrationen auch begehrte Tauschobjekte; so konnte er den Umständen entsprechend gut leben. Er tauschte Tee und Kaffee gegen Fleisch und war deshalb nicht darauf angewiesen, zusätzliche Nahrungsmittel außerhalb des Gefängnisses zu kaufen. Dem irischen Diplomaten gegen- über versicherte er, dass er gut aß und nie hungrig war,819 was angesichts der schlechten Verpflegung im Burgos-Gefängnis sehr wichtig war, denn laut Tom Jones reichten die täglichen Rationen gerade aus, um am Leben zu bleiben. Parallel zu den geschil- 815 Bericht „Frank RYAN. Your 244/8B.“, Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 5. Dezember 1939; Bericht „Frank RYAN. Your 244/8B.“, Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 27. Dezember 1939, DFA/10/A/20/3, NAI, Dublin. 816 Bericht „Frank RYAN. Your 244/8B.“, Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 5. Dezember 1939; Bericht „Frank RYAN. Your 244/8B.“, Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 27. Dezember 1939, DFA/10/A/20/3, NAI, Dublin. 817 Leopold H. Kerney – Frank Ryan in Jail. [Online]. 14. Juli 2012. URL: http://www.leopoldhkerney. com/Page2.html [24. März 2013]. 818 Bericht Tom Jones „Major Frank Ryan – Adjuntant [sic] of the 15th International Brigade of the Spanish Republican Army.“, 6. Februar 1975, IBAB, 28/G/13, MML, London. 819 Bericht „Frank RYAN. Your 244/8A.“, Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 5. Oktober 1939; Bericht Leopold Kerneys an den Sekretär im Außenministerium, 8. April 1940, DFA/10/A/ 20/3, NAI, Dublin. 5 Francos wichtigster Gefangener – Frank Ryan in spanischer Gefangenschaft 230 derten Ausnahmen herrschten in der Haftanstalt erschütternde Bedingungen, vor allem was die nach wie vor katastrophalen hygienischen Zustände anbelangte: Krankheiten, darunter TBC und Hautausschläge, dazu Parasiten, wie Läuse, breiteten sich ungehindert aus.820 Die Situation verschärfte sich zusätzlich, da sich die vielen kranken Häftlinge den ganzen Tag über im gesamten Areal frei bewegen konnten.821 Erschwerend kam hinzu, dass jedem Insassen als Schlafstätte ein Streifen von gerade einmal vierzig Zentimeter Betonboden zur Verfügung stand822 und das Gefängnis ständig weit über seine Kapazitäten ausgelastet war. Kerney warnte jedoch eindringlich davor, diese Zustände öffentlich zu machen, weil er fürchtete, dies könne möglicherweise negative Auswirkungen auf die privilegierte Position Ryans haben. Außerdem hatte sich mittlerweile zumindest die Behandlung durch die Wärter deutlich verbessert. Der neue Direktor, der nach einem Wechsel in der Führung nun für die Haftanstalt verantwortlich war, pflegte einen besseren Umgang mit den Menschen, was sich darin äußerte, dass beispielsweise das Sitzen oder Liegen auf dem Gefängnishof kein strafbares Vergehen mehr darstellte.823 Seine Zeit im Burgos-Gefängnis verbrachte Frank Ryan hauptsächlich mit dem Unterricht für seine Mitgefangenen. Er selbst sprach mittlerweile fließend Spanisch und besaß zudem gute Italienischkenntnisse. Die Klassen, die er in Englisch unterrichtete, bestanden aus bis zu 200 Häftlingen der Anstalt, darunter in erster Linie Fachkräfte wie Ärzte, Anwälte, Ingenieure.824 Laut der Aussage seines walisischen Zellengenossen Tom Jones unterrichtete Ryan während seiner Haftzeit insgesamt 5.200 Mitgefangene in Englisch.825 Das Engagement, das sein Landsmann in spanischer Haft zeigte, blieb auch Kerney nicht verborgen. „He takes a keen interest in his English classes and he wants me to get him about a dozen English „readers“ – with plain selections from different authors, and without any vocabulary – for the benefit of his pupils; so his mind is fully occupied and time hangs less heavy on him than might otherwise be the case.“826 Bis April 1940 waren seine Englischklassen eine Institution im Burgos-Gefängnis. Der Zulauf hatte derart zugenommen, dass den Dozenten zwischenzeitlich sechs „assistant teachers“ unterstützten.827 Daneben wollte Ryan sich weiterhin in seinem Beruf als „Professor of Celtic languages“ fit halten und 820 Bericht Tom Jones „Major Frank Ryan – Adjuntant [sic] of the 15th International Brigade of the Spanish Republican Army.“, 6. Februar 1975, IBAB, 28/G/13, MML, London. 821 Bericht „Mr. Frank RYAN. Your 244/8B.“, Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 3. April 1940, DFA/10/A/20/3, NAI, Dublin. 822 Bericht Tom Jones „Major Frank Ryan – Adjuntant [sic] of the 15th International Brigade of the Spanish Republican Army.“, 6. Februar 1975, IBAB, 28/G/13, MML, London. 823 Bericht „Mr. Frank RYAN. Your 244/8B.“, Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 3. April 1940; Bericht Leopold Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 8. April 1940, DFA/10/A/ 20/3, NAI, Dublin. 824 Brief Gerald O’Reilly an Helen O’Reilly, 26. März 1940, Frank Ryan Files – Teil 1, G2/0257, MACBB, Dublin. 825 Brief Tom Jones an William Rust, Mitglied des Political Committee der Communist Party of Great Britain, 1940, D/JO/56, FROH, United Kingdom. 826 Brief Leopold Kerney an Eilís Ryan, 2. Februar 1940, DFA/10/A/20/3, NAI, Dublin. 827 Bericht Leopold Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 8. April 1940, DFA/10/A/20/3, NAI, Dublin. 5.2 Die Haftzeit im Gefängnis in Burgos 231 bat Kerney in einem Brief deshalb darum, bei den spanischen Behörden einen Antrag zu stellen, um die Genehmigung für den Erhalt und Besitz verschiedener Bücher in irischer Sprache zu bekommen. Außerdem bat er um zwei deutsche Grammatikbücher sowie einem Wörterbuch in derselben Sprache.828 O’Reilly bestätigte im März 1940, dass sein Freund damit begonnen hatte, sich mit Deutsch zu beschäftigen.829 Drei amerikanische Mithäftlinge sprachen nach ihrer Entlassung aus dem Burgos-Gefängnis sogar davon, dass deutsche Faschisten an den Iren herangetreten waren, „(…) with the intent of getting him to make anti-British commitments (…)“. Allerdings, so der Tenor, lehnte er dies ab.830 Außerhalb der Haftanstalt gingen die Bemühungen um Ryans Freilassung mit unvermindertem Einsatz weiter. Der Ire hatte mittlerweile nicht nur in Kerney einen unermüdlichen Fürsprecher, auch auf spanischer Seite setzte sich besonders die Herzogin von Tetuán ein. Ryan hatte der Adeligen und ihrer Familie, deren Wurzeln in Irland lagen, in den ersten Wochen des Konflikts geholfen, von Madrid nach Frankreich zu fliehen. Während seiner Haft besuchte sie den Journalisten sogar im Gefängnis und nutzte seither ihren Einfluss bei Franco und den spanischen Behörden zugunsten des Iren.831 Ihr gegenüber räumte Ryan sogar ein, dass es ein Fehler gewesen sei, nach Spanien zu kommen. Ein solches Geständnis allerdings konnte er nicht vor einem offiziellen Tribunal ablegen, zumal dies wahrscheinlich wenig Sinn gemacht hätte, stützten sich die Beweise der Anklage doch vor allem auf seine Aktivitäten in Irland.832 Kerney unterdessen versuchte, eine Revision des Verfahrens gegen Ryan zu erwirken und erbat sich nähere Informationen zu dem bereits abgeschlossenen Verfahren. Zu diesem Zweck verfasste Ryan einen Bericht über seine Verhandlung im Juni 1938. „I [Ryan] was interrogated on June 13 (…) by a military Judge named Araña (…), (a lawyer acting as a judge). (…) On the 15th June, I saw my Defender, for the first and last time. We had only a few moments’ conversation when the Court began. (…) he was genuinely interested in me, (…). At my trial I wasn’t interested much in my life, believing it already forfeit. I took up the attitude that I was a prisoner of war, if they wanted to shoot prisoners of war O.K.; but I objected to being shot on the evidence of an anonymous letter. When they told me that I was a „bad man“ in the eyes of the Irish Govt., I asked them summon you [sic], the representative of that Govt. They answered: „The Irish Govt. has no representative here“. When they told me I had 828 Übersetzung des Briefs von Frank Ryan an Leopold Kerney, 15. Oktober 1939, Department of the Taoiseach (TAOIS), TAOIS, S 15469 A, NAI, Dublin. 829 Brief Gerald O’Reilly an Helen O’Reilly, 26. März 1940, Frank Ryan Files – Teil 1, G2/0257, MACBB, Dublin. Laut der Aussage Dr. Edmund Veesenmayer, der Ryan während dessen Zeit in Berlin betreute, sprach der Ire allerdings fast kein Deutsch. Vernehmungsprotokoll Dr. Edmund Veesenmayer durch Dr. Nurnberg [sic], 18. Juni 1947, Rep. 502 V6, KV Anklage Dr. Veesenmayer, Staatsarchiv (StA), Nürnberg. 830 Brief John E. Blair, ohne Empfänger, o. D., Seán Nolan and Geoffrey Palmer Communist Party of Ireland Collection, CPI Box 21/037, DCLA, Dublin. 831 Bericht Tom Jones „Major Frank Ryan – Adjuntant [sic] of the 15th International Brigade of the Spanish Republican Army.“, 6. Februar 1975, IBAB, 28/G/13, MML, London. 832 Bericht „Frank Ryan. Your 244/8a“, Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 14. September 1939, DFA/10/A/20/2, NAI, Dublin. 5 Francos wichtigster Gefangener – Frank Ryan in spanischer Gefangenschaft 232 assassinated Vice-Admiral Somerville „father-in-law of the present British Ambassador in Burgos“, I suggested that they might at least bring that gentleman as a witness. In the end, I told them I didn’t want any clemency or mercy – as the Defender had asked – that I had observed the rules of war, such as they are; that I’d done nothing of which I was ashamed, and that I was a soldier in the army of a Govt. which the Govt. of my country recognised.“833 Ein weiterer Punkt bestand darin, dass Ryan sich geweigert hatte, ein Geständnis,834 das während der Befragungen angefertigt worden war, zu unterschreiben. Er begründete seine Ablehnung damit, dass das Dokument in dieser Form nicht den Tatsachen entspreche: Eine der zahlreichen Befragungen hatte sich über neun Stunden hingezogen und zahlreiche Fehler in der Übersetzung hervorgerufen. Auf die Versuche von Ryans Dolmetscher, den Sachverhalt zu erklären, war der Vorsitzende Richter, weil er die Geduld verloren hatte, nicht näher eingegangen. Letztlich existiert also keine von Ryan unterschriebene Aussage, die bestätigt, dass die Angaben der Wahrheit entsprachen, obwohl der Angeklagte stets betonte, dass er die Unterschrift leisten würde, sobald die Übersetzungsfehler korrigiert wären.835 Ryan war sich außerdem sicher, dass die extremen rechten Kreise in Irland, die zudem noch mit Franco sympathisierten, ihn als Person zerstören wollten und seine Rückkehr nach Irland um jeden Preis zu verhindern suchten.836 Gegenüber Kerney äußerte er zusätzlich die Besorgnis, dass es keine Chance auf Freiheit für ihn gebe, wenn sich England und Spanien in der nahen Zukunft noch weiter annäherten. Er glaubte, dass der Brief, der als Beweis seines schlechten Charakters im Prozess angeführt wurde, aus England und nicht aus Irland stammte. Wahrscheinlich, so glaubte er selbst, „(…) when in England on his way to Spain, he was constantly shadowed by detectives;“ Kerney hingegen teilte diese Befürchtung seines Landsmannes nicht.837 Als im Gefängnis die Information die Runde machte, dass eine neue Kommission zur Neuklassifizierung aller länger zurückliegender Verurteilungen eingesetzt werden sollte, sah er darin vielmehr eine Bestätigung seiner Befürchtungen, als eine Chance auf Haftverkürzung. Die mögliche Haftdauer lag bei sechs, beziehungsweise zwölf Jahren. Allerdings gab es, den kurz zuvor entlassenen Amerikanern zufolge, wenig Grund für Optimismus. Ein spanischer Offizier hatte ihnen gegenüber gesagt, dass „(…) for reasons I cannot explain here, that every effort should be made to have Frank out before the end of 1940.“838 Laut Tom Jones erschwerte, beziehungsweise 833 Brief Frank Ryan an Leopold Kerney, o. D., DFA/10/A/20/3, NAI, Dublin. 834 Weder Kerney noch Ryan äußerten sich zu den konkreten Anschuldigungen, die in diesem Geständnis von Ryan anerkannt werden sollten. 835 Bericht „Frank RYAN. Your 244/8B.“, Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 27. Dezember 1939, DFA/10/A/20/3, NAI, Dublin. 836 Bericht „Frank Ryan. Your 244/8a“, Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 14. September 1939, DFA/10/A/20/2, NAI, Dublin. 837 Bericht „Frank RYAN. Your 222/8b.“, Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 16. Oktober 1939, DFA/10/A/20/3, NAI, Dublin. 838 Brief Gerald O’Reilly an Helen O’Reilly, 26. März 1940, Frank Ryan Files – Teil 1, G2/0257, MACBB, Dublin. 5.2 Die Haftzeit im Gefängnis in Burgos 233 verhinderte, der voranschreitende Krieg in Europa eine Freilassung Ryans vor dem Ende des Konflikts.839 Kerney war immer wieder erstaunt darüber, wie gut die Insassen über Vorgänge in der „Außenwelt“ informiert waren, obwohl die einzige Informationsquelle, die ihnen zur Verfügung stand, die gefängniseigene Zeitung darstellte.840 Über dieses Blatt hatte sich ein neues Gerücht verbreitet, welches Ryan veranlasste zu glauben, dass seine Freilassung unmittelbar bevorstehe. Generell sprachen der Diplomat und der Häftling häufig über dieses Thema. Trotzdem versteifte sich der Ire nicht auf diese Hoffnung und blieb bei dem Gedanken an eine längere Haft ruhig und gelassen. Auch der Diplomat hielt sich mit seinem Optimismus zurück, dass seine Bemühungen bald von Erfolg gekrönt sein könnten.841 Trotz seines starken Willens war Ryans Zuversicht nicht so manifestiert, wie es für den irischen Gesandten den Anschein hatte. Tom Jones brachte in einem Brief an Sean Nolan seine Besorgnis zum Ausdruck. „(…) Ryan himself does not hold much hope for getting out soon, even though Mr Kearney [sic] told him he expected his release within a few months; Ryan thinks that Kearney [sic] is being fooled a little by Franco.“842 Untätigkeit und die nach wie vor herrschende Langeweile in der Haftanstalt führten sogar dazu, dass der Ire mit dem Gedanken an einen Ausbruch spielte. Zusammen mit dem Waliser Tom Jones und einigen Spaniern prüften die Männer verschiedene Möglichkeiten, wie eine Flucht aus der Haft bewerkstelligt werden könnte. Alle infrage kommenden Optionen stellten sich jedoch als nicht durchführbar heraus. Beispielsweise waren die Abwasserrohre durch Gitter versperrt und enthielten überdies noch giftige Gase und Dämpfe. Umso härter traf den Iren die Nachricht, dass sein Freund Tom Jones als letzter britischer Gefangener am 20. März 1940 entlassen werden sollte, denn damit war Ryan der letzte englischsprachige Häftling in Spanien. Für beide Männer war der Abschied sehr emotional. Dabei bat der Ire seinen Freund um zwei Gefallen: Der Waliser sollte Ryans Familie in Dublin besuchen843 und gleichzeitig Kontakt zur IRA vor Ort aufnehmen, um die folgende Nachricht überbringen. „That if he was not released from prison and allowed to leave Spain within 6 months, that the IRA should blow up every Spanish Embassy in the western world.“ Jones war von dieser Bitte sehr überrascht und fragte ihn, ob die Untergrundarmee diese Operationen durchführen würde. Der Journalist war fest davon überzeugt, dass seine ehemaligen Weggefährten das für ihn tun würden und 839 Brief Tom Jones an Gerald O’Reilly, 1. Mai 1940, Frank Ryan Files – Teil 1, G2/0257, MACBB, Dublin. 840 Bericht „Frank Ryan. Your 244/8a“, Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 14. September 1939, DFA/10/A/20/2, NAI, Dublin. 841 Bericht Leopold Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 8. April 1940, DFA/10/A/20/3, NAI, Dublin. 842 Brief Tom Jones an Seán Nolan, 1. Mai 1940, Frank Ryan Files – Teil I, G2/0257, MACBB, Dublin. 843 Ob Jones dieser Bitte wirklich nachkam ist nicht bekannt. Jedoch hatte er Kontakt zu Frank Ryans Bruder Vincent, der in Knaresborough County North Yorkshire als Arzt tätig war. Vincent kontaktierte Jones im April 1940 kurz nach der Rückkehr des Walisers und erbat sich Details zum Gesundheitszustand und den Aussichten auf eine Freilassung seines Bruders aus dem spanischen Gefängnis. Auch Ryans Bruder Maurice erbat ein Treffen mit dem Waliser, um Informationen über das Befinden seines Bruders Frank zu erhalten. Brief Vincent Ryan an Tom Jones, 15. April 1940, D/JO/53; Brief Maurice Ryan an Tom Jones, 27. April 1940, D/JO/55, FROH, United Kingdom. 5 Francos wichtigster Gefangener – Frank Ryan in spanischer Gefangenschaft 234 auch über die entsprechenden Kapazitäten verfügten. „He proceeded to write two or three names of people I should contact in Dublin on cigarette paper and this we pushed in the sleeve linings of my coat.“ Unter einigen Schwierigkeiten gelang es Jones tatsächlich, im Mai 1940 in Dublin mit Vertretern der Untergrundarmee zu sprechen und Ryans Anliegen vorzubringen. Man versprach dem Briten auch, falls nötig, alles für die Freilassung des Landsmannes zu tun. Jones hatte den Eindruck, dass dies auch der Wahrheit entsprach.844 Jedoch entwickelten sich die Dinge in eine völlig andere Richtung als erwartet. Nachfolgend werden die Bemühungen der Brigadeführung sowie der irischen und britischen Regierung dargestellt, die sich augenscheinlich sehr um eine Freilassung des Iren bemühten. Neben der Arbeit der Führung der International Brigades sowie der Diplomaten im Hintergrund wird auch die öffentliche Anteilnahme an Ryans Gefangenschaft thematisiert. Der Fall Frank Ryan im Fokus der Politik Die Möglichkeit eines Gefangenenaustauschs zwischen Barcelona und Burgos Die Meldungen über Frank Ryans Gefangennahme erreichten – dank der Bemühungen seiner Mitgefangenen im Gefängnis in Saragossa – die staatlichen Stellen in Irland. Zuständig für die Angelegenheiten in Spanien war der irische Gesandte Leopold Kerney, der im Sommer 1935 nach seiner langjährigen Tätigkeit als Handelsattaché an der irischen Vertretung in Paris zum Gesandten in Madrid ernannt worden war. Seine Erfahrung im diplomatischen Dienst, er arbeitete seit 1920 in der französischen Hauptstadt,845 kam ihm im Fall des Frank Ryan zugute, denn dieser sollte in den kommenden beiden Jahren einen Großteil seiner Zeit in Anspruch nehmen. Kerney, der in ständigem Kontakt mit dem Außenministerium in Dublin stand, informierte am 3. April 1938 die irische Regierung über die Gefangennahme irischer Freiwilliger und setzte sich sofort mit den spanischen Behörden in Verbindung, „[to] inform them that Irish Government would greatly appreciate if position of Ryan and other Irish prisoners receive favourable consideration.“ Die Bemühungen des Diplomaten zeigten Wirkung: Man hatte die Zusicherung erhalten, dass für Ryans Leben derzeit keine akute Gefahr bestand.846 Das Interesse der Medien und seiner Regierung hatte Ryan dem Bericht des amerikanischen Journalisten William Carney zu verdanken. Dieser arbeitete als Korrespondent für die New York Times auf Francos Territorium. Der Journalist hatte als 5.3 5.3.1 844 Bericht Tom Jones „Major Frank Ryan – Adjuntant [sic] of the 15th International Brigade of the Spanish Republican Army.“, 6. Februar 1975, IBAB, 28/G/13, MML, London. 845 Bericht B 797 der Deutschen Gesandtschaft Dublin, V. Kuhlmann an das Auswärtige Amt, 20. Juni 1935, diplomatische und konsularische Vertretungen Irlands im Ausland und umgekehrt, Bd. 1, R 77514, PA, AA, Berlin. 846 Telegramm Leopold Kerney, 3. April 1938; J. P. Walshe an Seán Murphy, 4. April 1938, DFA/ 4/244/22, NAI, Dublin. 5.3 Der Fall Frank Ryan im Fokus der Politik 235 einziger Ausländer die Gelegenheit, den Iren am 4. April 1939 im Gefängnis in Saragossa zu sehen, als sich Ryan in Begleitung von Oberst Jusset, Militärassessor des Generals, befand. „Colonel Jusset, (…) told Carney that there had been some intervention on behalf of Frank Ryan and that Franco ‚was very annoyed‘ that there should be any intervention on behalf of such a man.“847 Wie zuverlässig diese Aussagen allerdings waren, blieb offen, denn Carney hielt nicht viel von Ryan. Laut eigener Aussage hatte ihn der Ire bei der ersten Begegnung beleidigt und als Propagandist Francos beschimpft. Ein weiterer Grund für die Ablehnung des amerikanischen Journalisten war dessen Kontakt zum britischen Diplomaten in Spanien, Sir Robert Hodgson. In den Augen des Briten war Frank Ryan für das im März 1936 verübte Attentat auf den Konteradmiral Henry Boyle Townshend Somerville, eines nahen Verwandten, verantwortlich.848 Diese Anschuldigung hatte Hodgson auch gegenüber Carney geäußert, der daraufhin Ryan anfänglich mit einer gewissen Feindseligkeit begegnete. Dennoch erfuhr Kerney, dass seinem Landsmann der Prozess gemacht werden sollte. Der irische Gesandte ließ daraufhin nichts unversucht, Ryan zu helfen. Zuerst sammelte der Diplomat nähere Informationen zur Anhörung vor dem Kriegsgericht, gleichzeitig verfolgte er den Plan, den Iren gegen einen italienischen Offizier auszutauschen. Zu diesem Zweck kontaktierte Kerney die republikanische Regierung in Barcelona und unterbreitete seinen Vorschlag. Diese erklärte schriftlich, man werde die Anregung genau prüfen.849 Die Bemühungen der Briten und Italiener, Gefangene auszutauschen, ließen den irischen Gesandten hoffen, dass auch Ryan ein möglicher Kandidat sein könnte. Eine Nachricht des amerikanischen Journalisten William Carney bestätigte den Diplomaten in seinem Optimismus. Der Reporter hatte berichtet, dass die betreffenden Soldaten bereits in ein anderes Gefängnis verlegt worden seien und dass sich Ryan unter ihnen befinde. Wie sich allerdings später herausstellte, hatten die Behörden Ryan nicht für den Gefangenenaustausch zwischen britischen und italienischen Kriegsgefangenen vorgesehen. Der Vorschlag, Ryan im Gegenzug für einen italienischen Unteroffizier freizulassen, lehnte die italienische Führung am 10. August 1938 ab. Aber ein Austausch initiiert durch die Briten war augenscheinlich nicht im Sinne des irischen Gefangenen, denn sein irischer Mithäftling Bob Doyle berichtet: Frank „would never hide behind the Union Jack.“850 Trotz der widrigen Umstände und des Widerstands Ryans gab Kerney nicht auf. Ein Telegramm aus Barcelona, in welchem die republikanische Regierung Verhandlungen in dieser Angelegenheit generell zustimmte, untermauerte seinen Optimismus. „In continuation to my telegram of 24th July I 847 Bericht Leopold Kerney an Joseph P. Walshe, 13. April 1938, DFA/4/244/22, NAI, Dublin. 848 Henry Boyle Townshend Somerville war Konteradmiral der Royal Navy. Er wurde im Jahr 1936 von Anhängern der IRA nahe seines Hauses in der Grafschaft West Cork ermordet, weil er für junge Männer, die der britischen Marine beitreten wollten, Empfehlungsschreiben ausgestellt hatte. McLoughlin, Fighting for Republican Spain, 98. 849 Bericht Leopold Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 6. Juli 1939, DFA/10/A/20/2, NAI, Dublin; Bericht Leopold Kerneys an Joseph P. Walshe, 13. April 1938; Bericht Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 25. Juli 1938; Bericht Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 20. Juni 1938, DFA/4/244/22, NAI, Dublin. 850 Doyle, Brigadista, 80. 5 Francos wichtigster Gefangener – Frank Ryan in spanischer Gefangenschaft 236 have the honour to inform your Excellency that the exchange of Frank Ryan Major International Brigade has been proposed against Alfonso Tanner Italian Sergeant of the Legionary Group of Assault Tanks recruited in Carmona Respectfully Quero Sub- Secretary State.“851 Jedoch wurde auch diesmal schnell klar, dass dies keine wirkliche Chance darstellte, Ryans Freilassung zu gewährleisten. Nach Informationen aus italienischen Kreisen kam die Information, wonach sich kein Offizier in republikanischer Gefangenschaft befände und alternativ nur rangniedrige Häftlinge für einen Austausch zur Verfügung stünden. Kerney merkte sofort: der Austausch eines Majors gegen einen Feldwebel konnte keine ernst gemeinte Alternative sein, obwohl es an möglichen Anwärtern für einen Austausch nicht mangelte. Insbesondere José Lopez-Pinto, der Sohn eines der Generäle Francos, war ein aussichtsreicher Kandidat. Allerdings führte ein Wechsel innerhalb der republikanischen Regierung dazu, dass dieses Vorhaben ins Stocken geriet. Nachdem der zuständige Unterstaatssekretär aus seinem Amt ausgeschieden war, gewann Kerney mehr und mehr den Eindruck, dass man in Barcelona kein weiteres Interesse an Frank Ryan hatte. Nichtsdestotrotz setzte der irische Diplomat seine Bemühungen fort. Aus spanischen Kreisen hatte er erfahren, dass Franco dem Austausch Ryans gegen Lopez-Pinto zustimmen würde. Daraufhin richtete Kerney einen weiteren Appell an Barcelona, doch eine Antwort blieb aus.852 Berichte aus Irland über Ryans baldige Freilassung beziehungsweise ein Bericht über den Fall im Irish Independent veranlassten den irischen Gesandten zu weiteren Recherchen, welche ergaben, dass die Behörden in Barcelona den Austausch von Frank Ryan und José Lopez-Pinto ablehnten. Kerney übermittelte seine Eindrücke nach Dublin: „I am afraid, however, that the chances of an exchange are very remote; I have no reason to expect that Barcelona will put forward any other name than that already proposed, and I have still less reason to believe that Burgos will agree to any new proposal whatsoever.“853 Dennoch war der Diplomat nicht gewillt aufzugeben. Eine Nachricht des Vizconde de Mamblas veranlasste Kerney, ein weiteres Mal das Thema anzusprechen. Er bat den Spanier darum, in Erfahrung zu bringen, ob die Behörden in Burgos einem Austausch Frank Ryans grundsätzlich offen gegenüberstanden. In diesem Fall würde er Barcelona davon überzeugen, im Gegenzug zu Ryans Entlassung, der Freilassung eines von Francos Regierung genannten Gefangenen zuzustimmen. Dies würde für den gefangenen Iren faktische Sicherheit bedeuten, vorausgesetzt, dem infrage kommenden Häftling der Republikaner würde nichts Unvorhergesehenes zustoßen. Allerdings blieb auch dieser Vorstoß erfolglos. Internen Papieren des spanischen Außenministeriums zufolge, habe der Marquis de Rialp Kerney 851 Bericht Leopold Kerneys an Joseph P. Walshe, 13. April 1938; Bericht Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 25. Juli 1938; Bericht Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 20. Juni 1938, DFA/4/244/22, NAI, Dublin; Verbal Note des Ministerto de Estado, Barcelona an die irische Gesandtschaft, 6. August 1938; Bericht Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 11. August 1938, DFA/10/A/20, NAI, Dublin. 852 Bericht Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 11. und 22. August 1938; Zusammenfassung „Summary“, ohne Unterschrift, 16. September 1938, DFA/10/A/20, NAI, Dublin. 853 Bericht Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 3. Oktober 1938, DFA/10/A/20, NAI, Dublin. 5.3 Der Fall Frank Ryan im Fokus der Politik 237 mitgeteilt, aus welchen Gründen Frank Ryan nicht ausgetauscht werden könne. Allerdings betonte der irische Gesandte, niemals Kontakt zu dem Marquis gehabt zu haben. Nichtsdestotrotz bedeutete dies das Ende für einen möglichen Gefangenenaustausch. Am 5. Februar 1939 berichtete die Irish Press über den Fall Frank Ryan. „The fall of Barcelona has postponed the release of Mr. Frank Ryan, well-known Irish Republican, at present a prisoner of General Franco. A number of prisoners, it is believed were being exchanged by the Barcelona Government with the Franco authorities and Mr. Ryan was listed for exchange. However, the fall of Barcelona yielded the prisoners that General Franco was bargaining for.“854 Auch im Iveagh House, dem Sitz des Außenministeriums in Dublin, war man lange davon überzeugt, dass Franco den Iren gegen andere ausländische Häftlinge austauschen würde. Diese Überzeugung machte der Staatssekretär Joseph Walshe855 noch im Januar 1939 öffentlich.856 Die Enttäuschung in den Dubliner Regierungskreisen war dementsprechend groß, als die Nachricht die Runde machte, dass es keine Einigung in dieser Hinsicht gab. Francos militärische Erfolge hatten die Freilassung des Iren verhindert. Der folgende Abschnitt befasst sich mit den konkreten Bemühungen der Regierung in Dublin sowie des Gesandten in Spanien, die sich gemeinsam für die Freilassung ihres irischen Landsmannes einsetzten. Das Interesse der irischen Regierung am Fall Frank Ryan Viele Freunde Ryans äußerten sich skeptisch über die Bemühungen der irischen Regierung, für die Freilassung Ryans zu sorgen. Allen voran kritisierte Hannah Sheehy- Skeffington857 das Vorgehen Dublins und unterstellte, dass „the De Valera Government were not a bit perturbed about the absence of Frank RYAN, and she [Mrs. Sheehy-Skeffington] had a suspicion that they never wished him to return.“858 Dieser 5.3.2 854 Bericht Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 10. Oktober 1938, DFA/10/A/20, NAI, Dublin; Brief Pele Namflat an den Untersekretär im Außenministerium General Eugenio Espinosa de los Monteros, 30. Dezember 1938, RSC, SCL, P 13/123 (14), UL, Limerick; Bericht „Mr. Frank Ryan“, 5. Februar 1939, DFA/10/A/20/1, NAI, Dublin. 855 Joseph Walshe wurde am 2. Oktober 1886 in Killenaule, County Tipperary geboren. Er lebte zwischen 1903 und 1916 in einem Jesuitenkloster und arbeitete als Lehrer am Jesuiten College in Clongowes Wood. In der Zeit von 1919 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1954 war Walshe im Außenministerium und später als irischer Botschafter am Heiligen Stuhl tätig. Von seinem Kollegen Frederick Boland wurde Walshe als „‚(…) witty, intelligent, courageous, persuasive, cultured and endlessly pertinacious in urging the policies and points of view which seemed to him wise and right in the national interest. (…) He was capable of minor irascibilities capable of provoking fruitless controversies with colleagues in other departments. He was quick to take … [offence]. ‘“ Dermot Keogh, „Profile of Joseph Walshe, Secretary, Department of Foreign Affairs, 1922–46“, Irish Studies in International Affairs, Band 3, Heft 2 (1990): 59, 61ff. 856 Barry Whelan, Ireland and Spain, 1939–55: Cultural, Economic and Political Relations from Neutrality in the Second World War to Joint Membership of the United Nations: 80. [Online]. Januar 2012. URL: http://eprints.maynoothuniversity.ie/4075/1/BW_Thesis.pdf [08.03.2016]. 857 Nähere Informationen zu Hannah Sheehy-Skeffington finden sich in Fußnote 141. 858 Geheimer Bericht „Frank Ryan“, ohne Absender, ohne Empfänger, 23. März 1945, KV 2/1292, NAK Kew, London. 5 Francos wichtigster Gefangener – Frank Ryan in spanischer Gefangenschaft 238 Vorwurf war allerdings nicht gerechtfertigt angesichts der intensiven Bemühungen sowohl des irischen Vertreters in Spanien als auch der Regierung in Dublin. Es bestand die Bereitschaft, alle vorhandenen Kontakte im In- und Ausland zu nutzen, um somit auch den Einfluss auf kirchliche Kreise geltend zu machen. Deren Recherchen förderten bald ernsthafte Anschuldigungen gegen den Gefangenen zutage, ohne näher auf die Details der Ryan zur Last gelegten Vergehen einzugehen, die der Vertreter des Klerus für sehr schwer zu entkräften hielt. Allerdings versprach der Geistliche, sich weiterhin vor Ort um den Fall Frank Ryan zu kümmern. Innerhalb der Dubliner Regierungskreise genoss der Journalist trotz seiner Sympathien für die „Roten“ offensichtlich einiges Ansehen, denn mittlerweile interessierte sich Regierungschef Eamon de Valera für seinen Fall.859 Als letzter überlebender Kommandant des Osteraufstandes von 1916 war er eine Schlüsselfigur im Kampf für die irische Unabhängigkeit. Deshalb hegte der Taoiseach ein persönliches Interesse am Fall Frank Ryan, denn er konnte es sich einfach nicht leisten, tatenlos zuzusehen, während sein früherer und sehr prominenter Wegbegleiter während des irischen Black-and-Tan-Konflikts und des Bürgerkriegs in Francos Gefängnis einsaß.860 Dublin hoffte, den in Spanien sehr einflussreichen Duke of Alba, der als Botschafter in London tätig war, als Fürsprecher zu gewinnen, und tatsächlich war man erfolgreich.861 Trotz alledem: Erzielt wurden – insgesamt gesehen – nur bescheidene Fortschritte. Vorerst konnte der Duke nur zusichern, dass das Leben des Iren zu diesem Zeitpunkt nicht in Gefahr war.862 Ganz problemlos gestaltete sich die Betreuung vor Ort auch nicht: Als Leopold Kerney mit dem Fall des Frank Ryan betraut wurde, stellte es sich zunächst als extrem schwierig heraus, überhaupt tätig werden zu können. Schließlich hatte die irische Regierung Francos Regime noch nicht offiziell anerkannt und der Minister lebte nicht in Spanien, sondern in St. Jean de Luz in Frankreich und verfügte somit über keinen offiziellen Status.863 Kerney begann mit seiner Aufgabe, sich um alle in Gefangenschaft befindlichen Iren zu kümmern, indem er den Vertreter der spanischen Behörden, den Vizconde de Mamblas, bat, General Jordana an das bestehende Interesse der Dubliner Behörden für die Gefangenen zu erinnern. De Mamblas persönlich vertrat allerdings die Ansicht, dass die Häftlinge jede ihnen zugedachte Strafe verdienten, da sie die Waffen gegen General Franco erhoben hatten, versprach aber dennoch, den Wünschen Kerneys nachzukommen. Kerney, der zusätzlich Kontakt zum örtlichen Roten Kreuz aufgenommen hatte, wägte mögliche Strategien ab: „If we were appealing for justice rather that for mercy, it might be proper to point out that it would scarcely be 859 Brief Erzbischof Paschal Charles David Robinson an Shane Leslie, 20. April 1938; Brief Erzbischof Paschal Charles David Robinson an Shane Leslie, 2. Februar 1938; Shane Leslie Papers (SLP), MS 22,839, NLI, Dublin. 860 Barry Whelan, Ireland and Spain, 1939–55: Cultural, Economic and Political Relations from Neutrality in the Second World War to Joint Membership of the United Nations: 80. [Online]. Januar 2012. URL: http://eprints.maynoothuniversity.ie/4075/1/BW_Thesis.pdf [08.03.2016]. 861 Brief Erzbischof Paschal Charles David Robinson an Shane Leslie, 2. Februar 1938, o. D., SLP, MS 22,839, NLI, Dublin. 862 Brief J. P. Walshe an Seán Murphy, 4 April 1938, DFA/4/244/22, NAI, Dublin. 863 „Memorandum on Frank Ryan“, Kerney an das Verteidigungsministerium, 20. Oktober 1941, Frank Ryan Files – Teil 1, G2/0257, MACBB, Dublin. 5.3 Der Fall Frank Ryan im Fokus der Politik 239 just to punish an officer for carrying out an unescapable military duty, but our appeal is for clemency and, in my opinion, any attempt to question the justice of the attitude of the Franco authorities might defeat the aim which we have in view.“864 Die oberste Priorität hatte allerdings Ryans Leben. Deshalb galt es, eine Hinrichtung zu verhindern. De Valera persönlich schlug vor, die Anerkennung Francos durch die irische Regierung als Argument zu nutzen und bei den geeigneten Stellen darauf hinzuweisen, dass eine Exekution des Gefangenen diesen völkerrechtlichen Akt sehr erschweren würde. An zweiter Stelle stand der Kontakt mit den Häftlingen. Im Mai 1938 erhielt Kerney einen handgeschriebenen Brief von Ryan. Neben dem Hinweis auf seinen guten Gesundheitszustand enthielt die Nachricht noch die Bitte, ihm Kleidung, englische und spanische Bücher, Tabak und etwas Geld zu schicken.865 Die häufigen Anfragen bei den spanischen Behörden sowie beim Duke of Alba zeigten Wirkung, woraufhin dieser die irischen Behörden in einem Brief über Ryans Aufenthaltsort in San Pedro de Cardeña informierte. Gleichzeitig bestätigte er die gegen den Iren erhobenen Anschuldigungen. Er deutete an, dass Beweise vorlägen, wonach Ryan an Erschießungen in „Rotspanien“ beteiligt gewesen sei.866 Weitere Schwierigkeiten ergaben sich für Kerney, als Ryan von seinem Landsmann Thomas Gunning verleumdet wurde.867 Derlei Anschuldigungen offiziell zu dementieren, gehörte mehr und mehr zu den wichtigsten Aufgaben Kerneys. Dennoch warnte der Diplomat eindringlich davor, zu viel Druck in Ryans Fall aufzubauen. Es wäre sogar ein fataler Fehler, so Kerneys Einschätzung, Francos Rechtsprechung in irgendeiner Weise infrage zu stellen. Burgos würde den kleinsten kritischen Ansatz, den Kerney unternähme, als Einmischung in nationale Angelegenheiten werten und keinesfalls tolerieren, zumal Kerney selbst es gewesen war, der den Standpunkt der irischen Regierung deutlich gemacht hatte. Der Gesandte konnte zu diesem Zeitpunkt also lediglich versuchen zu verhindern, dass der Fall Frank Ryan durch Vorurteile, entstanden aufgrund von Informationen aus nicht verifizierten Quellen in Irland, entschieden wurde.868 Folglich hielt man sich strikt an die eingeschlagene Strategie, diese erzielte allerdings keine Wirkung. Eine Freilassung lag in weiter Ferne. Obwohl sich Kerney im ständigen Kontakt mit dem Internationalen Roten Kreuz befand und versuchte, Informationen über eine mögliche Verurteilung sowie eine Besuchsgenehmigung für das Gefängnis in Burgos zu erhalten, waren die Fortschritte sehr gering, der Informationsfluss vonseiten der spanischen Behörden mehr als dürftig. Kerney erhielt keinerlei Neuigkeiten darüber, warum die Ankläger Ryan nicht als Kriegsgefangenen einstuften.869 Trotz der intensiven Bemühungen blieben die Erfolge nach wie vor eher 864 Bericht Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 8. April und 9. Mai 1938, DFA/4/244/22, NAI, Dublin. 865 Nachricht Sheila Murphy an J. P. Walshe, 22. April 1938; Brief Seán Murphy an Eilís Ryan, 18. Mai 1938, DFA/4/244/22, NAI, Dublin. 866 Brief des Duke of Alba, ohne Empfänger, 1. Juni 1938, DFA/4/244/22, NAI, Dublin. 867 Nähere Einzelheiten zu Gunning und seinen Anschuldigungen gegen Ryan werden in Kapitel 3.4.3.5 Ryans Gegner in Spanien behandelt. 868 Brief Kerney an Hannah Sheehy-Skeffington, 3. Juni 1938, SSP, MS 24,124, NLI, Dublin. 869 Bericht „Frank RYAN (Your 144/35)“ Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 25. Juli und 28. Dezember 1938, DFA/4/244/22, NAI, Dublin. 5 Francos wichtigster Gefangener – Frank Ryan in spanischer Gefangenschaft 240 bescheiden. Einzig die Weitergabe von Paketen an Ryan funktionierte: Eilís Ryan versorgte ihren Bruder u.a. mit Kleidung, Büchern und Schuhen.870 Im März 1939 schien es, als wäre das Leben des Iren erneut in Gefahr. Doch hatten sich Nachrichten, die besagten, eine Hinrichtung habe bereits stattgefunden oder stehe kurz bevor, stets als falsch herausgestellt. Dies traf auch auf die vermeintlichen Exekutionen am 23. Juli 1938871 und im Frühjahr 1939 zu. Andere Gerüchte besagten, dass „(…) as reprisal for murder of Bishop of Teruel Ryan has been placed in solitary confinement and his life is again in danger.“872 Allerdings wurde wiederum schnell offensichtlich, dass es sich nur um Gerede handelte. Parallel zu all den Befürchtungen vertrat man auf den britischen Inseln eine deutlich optimistischere Position, was Ryans Angelegenheit anbelangte: Man ging in Irland und Großbritannien davon aus, dass sich Ryan nur vorübergehend in Gefangenschaft befinde und er nach dem Ende des Krieges freigelassen werden würde. Vom Taoiseach hatte Kerney die Anweisung erhalten, seine Bemühungen unvermindert fortzusetzen. Er war angewiesen worden, in seiner Position als irischer Vertreter in Spanien einen Antrittsbesuch bei General Franco vorzunehmen. De Valera zeigte weiterhin ein starkes Interesse am Fall seines ehemaligen republikanischen Weggefährten während des irischen Bürgerkriegs.873 Dass der Fall Ryan während des Treffens mit Franco wirklich thematisiert wurde, ist eher unwahrscheinlich, denn während einer Unterredung mit Mitarbeitern des spanischen Außenministeriums im Mai 1939 fragte Kerney nach, ob General Franco nähere Informationen über den Fall Frank Ryan besaß und erhielt die Antwort, dass dies nicht der Fall war.874 Einen Monat später berichtete der Diplomat in seinem Report an Dublin, dass er seinen Antrittsbesuch in offizieller Eigenschaft im Außenministerium in Burgos vorgenommen hatte. Während dieses Gesprächs bat er den spanischen Minister General Francisco Gómez-Jordana um die Entlassung Ryans. Kerney machte den Einfluss und die Beliebtheit des Iren in seiner Heimat deutlich und verwies auf die positiven Auswirkungen, die eine baldige Freilassung auf die Beziehungen zwischen beiden Ländern hätte. Dennoch zeigte sich der spanische Außenminister skeptisch, ob man den Wünschen des Diplomaten nachkommen könne. Zumal die Strafe des irischen Gefangenen doch bereits auf eine dreißigjährige Haftstrafe reduziert worden war. Der irische Gesandte konterte mit dem Wissen, dass sich Ryans Name auf einer Liste mit Gefangenen befand, deren Begnadigung die Briten in Kürze erwarteten. Zudem zeige sich die Regierung in London zuversichtlich, dass der Ire aufgrund der britischen 870 Brief Kerney an Eilís Ryan, 11. Januar 1939, DFA/10/A/20/1, NAI, Dublin. 871 Vertraulicher Bericht des Ständigen Vertreters in Genf, F. T. Cremins an den Sekretär im Außenministerium, 11. Oktober 1938, DFA/10/A/20, NAI, Dublin. 872 Telegramm ohne Absender an den irischen Gesandten in San Sebastian, 27. März 1939, DFA/10/A/ 20/1, NAI, Dublin. 873 Brief Kardinal Robinson an Shane Leslie, 29. März 1939, SLP, MS 22,839, NLI, Dublin. 874 Bericht „Frank RYAN. Your 244/8A.“, Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 24. Mai 1939, DFA/10/A/20/1, NAI, Dublin. 5.3 Der Fall Frank Ryan im Fokus der Politik 241 Intervention entlassen werden würde. Kerney warnte den spanischen Minister, dass „it would be a fatal blunder to hand him over to the British rather than to myself.“875 Das spanische Außenministerium nahm den zunehmenden Druck von irischer Seite zur Kenntnis und vermerkte, dass das Interesse der irischen Gesandtschaft am Schicksal der gefangenen Landsleute, insbesondere an Frank Ryan, dringend eine Antwort erfordere.876 Kerney folgerte daraus, dass seine Unterredung mit Vertretern der Behörden vor Ort und die unermüdlichen Bemühungen bald von Erfolg gekrönt sein würden. Dieser Einschätzung entsprechend ging er von einer ernsthaften Prüfung des Falles durch die Verantwortlichen in Burgos aus, sodass er vorerst davon abriet, weiteren Druck aufzubauen. Trotz des nun vorherrschenden Optimismus der irischen Gesandtschaft in Spanien hielten die Behörden an ihrer Taktik fest. Ungeachtet des positiven Eindrucks, den die Entwicklung des Falles zu vermitteln schien, gab es keine weiteren Fortschritte und weitere Anfragen des Diplomaten bedachte man nur mit dem Hinweis, dass diese Angelegenheit Zeit benötige. Das einzige wirkliche Ergebnis der Unterredung mit einem spanischen Vertreter war, dass es keine schnelle Lösung in naher Zukunft gab. Die Behörden in Burgos akzeptierten aber immerhin, dass Ryan ein irischer Staatsangehöriger war und folglich Kerney den einzigen Ansprechpartner in dieser Angelegenheit darstellte. Die Causa Ryan war nicht der einzige Gesprächsgegenstand: Kerney nutzte die Gelegenheit der Besprechung, um Genehmigungen zum Besuch aller infrage kommenden Häftlinge zu beantragen. In Irland diskutierte man weiterhin alle für die inhaftierten Iren in Burgos bestehenden Optionen. Der irische Gesandte bezweifelte, seiner persönlichen Einschätzung folgend, dass das Außenministerium in Burgos bereit war, die Häftlinge von einer generellen Amnestie, die nach Kriegsende wahrscheinlich war, profitieren zu lassen. Vielmehr erschien es ihm, dass „(…) our appeal has fallen on deaf ears, and this may be due to the fact that we have no means of bringing it directly to Franco’s notice;“. Deshalb empfahl Kerney, „(…) the Taoiseach might consider it proper to use the Spanish Minister in Dublin as a channel for letting his wishes be known in the proper quarter.“877 Im Juni 1939 kam wieder Bewegung in die Angelegenheit. Der Außenminister Eamon de Valera878 hatte den Rat seines Diplomaten befolgt und Kontakt zum spanischen Vertreter in Dublin aufgenommen. Während des ersten Treffens mit dem neu berufenen spanischen Botschafter in Irland, Juan García Ontiveros, am 25. Mai 1939, machten der Taoiseach und der ebenfalls anwesende Sekretär im Außenministerum, Joseph Walshe, deutlich, dass die anhaltende Haft des Landsmannes ein schwerwiegendes Hindernis für die bilateralen Beziehungen darstelle, die der spanische Diplo- 875 Bericht „FRANK RYAN. Your 144/35a.“, Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 11. April 1939, DFA/10/A/20/1, NAI, Dublin. 876 Aktenvermerk spanisches Außenministerium Burgos, kommandierender General E.M. der S.E. Generalissimo Hauptquartier, 22. April 1939, RSC, SCL, P 13/123 (25), UL, Limerick. 877 Bericht „FRANK RYAN. Your 144/35a.“, Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 24. April 1939; Bericht „Frank RYAN. Your 244/8A.“, Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 24. Mai 1939, DFA/10/A/20/1, NAI, Dublin. 878 De Valera leitete nicht nur als Taoiseach die Regierungsgeschäfte, darüber hinaus hatte er auch den Posten des Außenministers inne. Michael Kennedy und Eunan O’Halpin, Ireland and the Council of Europe: From Isolation towards Integration (Strasbourg: Council of Europe Publ., 2000), 13. 5 Francos wichtigster Gefangener – Frank Ryan in spanischer Gefangenschaft 242 mat doch eigentlich weiter ausbauen sollte. Im Gespräch verwies der Taoiseach auf die jahrhundertelange Freundschaft der beiden katholisch geprägten Länder und gab zu verstehen, dass die mangelnde Bereitschaft, Frank Ryan endlich freizulassen, diese besondere Beziehung extrem gefährde. Zwar räumte de Valera ein, dass Ryans Verhalten unverantwortlich gewesen sei, gleichzeitig erklärte er dem Spanier, „that Ryan retained his heroic status, among a small body of public opinion, for his courageous fight for Ireland’s independence. Ontiveros likened Ryan’s conduct in Spain to that of a ‚radical extremist‘ and consequently did not give further thought to the matter despite the significance that Dublin attached to Ryan’s release as ‚proof of friendly‘ Spanish intentions.“879 Ontiveros hatte sich bereits eine Meinung über den Fall der irischen Gefangenen gemacht und diese deckte sich nicht mit den Wünschen der Regierung in Dublin. Der spanische Botschafter, der erst am 1. Mai 1939 seinen Dienst in Dublin angetreten hatte, erhielt bereits am 13. Mai einen Brief des Frank Ryan Release Committee, das sich die Freilassung der Iren zum Ziel gesetzt hatte. Zunächst entschied er sich, die Angelegenheit zu ignorieren. Die Organisatoren des Komitees, darunter Ryans Schwester Eilís und Hannah Sheehy-Skeffington, wollten offensichtlich nicht länger untätig bleiben und riefen zu einer Kundgebung vor dem Haus des spanischen Botschafters in Killowen in der Shrewsbury Road auf. Der Diplomat war sichtlich geschockt, dass eine Abordnung dieser in seinen Augen linksextremen Vereinigung die Frechheit besaß, auf einem Treffen mit ihm zu bestehen. Er fühlte sich von der Anwesenheit der Demonstranten bedroht und fürchtete um seine Sicherheit. Ontriveros weigerte sich jedoch vehement, Informationen über das Wohl oder den Gesundheitszustand von Ryan preiszugeben. Er war vielmehr damit beschäftigt, die Menschen vom Grundstück der Botschaft zu schaffen.880 In San Sebastian, dem Sitz der irischen Vertretung, hatte der irische Repräsentant Leopold Kerney neue Informationen erhalten. Während eines Empfangs in der portugiesischen Botschaft nutzte er die Gelegenheit zu einem Gespräch mit einem Mitarbeiter im Außenministerium in Burgos. Dieser bestätigte gegenüber dem Iren, dass Ryans Fall schwierig sei. Die Behörde tue ihr Bestes, allerdings gebe es zu viele Punkte, die gegen Ryan sprächen. Unter anderem zählte hierzu auch, dass er sich für die „Roten“ rekrutieren habe lassen. Des Weiteren hielt man ihn für einen Kommunisten, der seine Gesinnung offen zur Schau stelle. Eben dies erschwere seinen Fall noch zusätzlich. Zudem fand der Ire heraus, dass die Militärbehörden für die Verzögerungen verantwortlich waren. Zwar sah Kerney keine Möglichkeit, Druck auf die Armee auszuüben. Gleichzeitig aber zeigte er sich überzeugt, dass „any activities on Ryan’s behalf by labour organisations or by committees composed of persons having no particular sympathy for nationalist Spain and therefore classified as red by the Spanish authorities can only accentuate the belief held in Burgos that Ryan is a communist and lessen his chances [sic]; letters sent to Ryan by any such organisations or commit- 879 Barry Whelan, Ireland and Spain, 1939–55: Cultural, Economic and Political Relations from Neutrality in the Second World War to Joint Membership of the United Nations: 12, 23, 34, 81. [Online]. Januar 2012. URL: http://eprints.maynoothuniversity.ie/4075/1/BW_Thesis.pdf [08.03.2016]. 880 Ibid, 81f. 5.3 Der Fall Frank Ryan im Fokus der Politik 243 tees will not do him any good and may do him much harm.“ Zumindest konnte Kerney in den folgenden Tagen einen ersten Teilerfolg vermelden. Die angekündigte Besuchsgenehmigung für alle Gesandtschaftsmitarbeiter ging ihm schriftlich zu.881 Nach dieser Nachricht plante auch Eilís Ryan nach Spanien zu reisen, um mit ihrem Bruder zu sprechen, allerdings waren die Behörden in Dublin von dieser Idee wenig begeistert, nicht zuletzt wegen der erheblichen bürokratischen Hürden, die von spanischer Seite aufgebaut wurden.882 In den kommenden Wochen und Monaten tat sich trotz der anhaltenden Bemühungen und Gespräche mit spanischen Offiziellen wenig. Ein Wechsel an der Spitze des Außenministeriums in Burgos ließ neue Hoffnung aufkeimen, zumal der neue Minister, Juan Luis Beigbeder Atienza,883 großes Interesse an Irland besaß. Aber abgesehen von regelmäßigen Besuchen im Gefängnis von Burgos waren die Erfolge recht überschaubar.884 Nichtsdestotrotz zeigte sich der irische Vertreter Leopold Kerney wieder einmal zuversichtlich, dass Ryans Freilassung kurz bevorstehe: Ohne konkrete Hinweise informierte er Dublin, dass er die Rückreise des Iren organisiere. Besonders die schwierige Frage, ob die britischen Behörden ein Transitvisum ausstellen würden, war für Kerney Grund genug, mit den Planungen zu beginnen. Er glaubte weiterhin an eine schnelle Lösung des Falls Ryan, vor allem da der spanische Außenminister zugesagt hatte, die Angelegenheit mit General Franco zu diskutieren. Wie sich herausstellte, war der Optimismus wieder einmal unbegründet. Zwar hoffte der irische Geschäftsträger in Spanien, dass sich Franco in der Frage Ryans kooperationsbereit zeigen würde, jedoch erhielt er schlechte Nachrichten aus Irland. Kerney wollte für den Fall einer schnellen Freilassung Frank Ryans vorbereitet sein und hatte das Außenministerium in Dublin gebeten, die Formalien für einen schnellen Rücktransport des Iren in seine Heimat in die Wege zu leiten. Die Regierung in Dublin erteilte aber jeglichen Anfragen bei den britischen Behörden hinsichtlich eines Transitvisums für Ryan eine Absage, weil das Außenministerium, laut des Schreibens von Staatssekretär Joseph P. Walshe, „(…) do not anticipate any difficulty with the British on this point (…)“.885 Die Angelegenheit sollte erst weiter verfolgt werden, wenn die spanischen Behörden die tatsächliche Freilassung des Iren bestätigten. Allerdings gab es wiederum keinen nennenswerten Fortschritt im Fall des inhaftierten Journalisten. Nachdem vergleichbare Fälle allerdings erfolgreich verliefen, ging Kerney dazu über, nach 881 Bericht „Frank RYAN. Your 244/8A.“, Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 30. Mai und 7. Juni 1939, DFA/10/A/20/1, NAI, Dublin. 882 Brief des Sekretärs J. P. Walshe an den irischen Gesandten Leopold Kerney, 2. Juni 1939, DFA/10/A/ 20/1, NAI, Dublin. 883 Juan Luis Beigbeder Atienza wurde am 31. März 1888 in Cartagena, Spanien geboren und war in der Zeit von August 1939 bis Oktober 1940 spanischer Außenminister. Zunächst war Beigbeder bis zum Frühjahr 1936 Militärattaché an der spanischen Botschaft in Berlin. Unter den Putschisten, unter der Leitung General Francos, befand sich auch Beigbeder. Ab April 1937 war er Hochkommissar in Marokko bevor er im Sommer 1939 zum spanischen Außenminister ernannt wurde. Wikipedia, Juan Beigbeder, ohne Autor. [Online]. 10. Juli 2019. URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Juan_ Beigbeder [02.03.2020]; Payne, Franco Regime, 255. 884 Bericht „Frank RYAN. Your 244/8A.“, Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 1. September 1939, DFA/10/A/20/2, NAI, Dublin. 885 Brief J. P. Walshe an Leopold Kerney, 2. November 1939, DFA/10/A/20/3, NAI, Dublin. 5 Francos wichtigster Gefangener – Frank Ryan in spanischer Gefangenschaft 244 dem Grund für die ständigen Misserfolge zu suchen. Deshalb gab er sowohl den Namen des Anwalts bei Ryans Verhandlung als auch den des „Auditors“ an die Herzogin von Tetuán weiter, in der Hoffnung, dass diese ihm nähere Informationen zu Ryans Fall und bestenfalls den Grund für seine mangelnden Fortschritte beschaffen könnte.886 Einen Monat später konnte der irische Vertreter nach wie vor keine wirkliche Bewegung vermelden. Er setzte sich weiterhin mit allen erdenklichen Mitteln für Ryan ein und nutzte jede sich ergebende Möglichkeit, den Fall bei den spanischen Behörden vorzubringen, insbesondere bei Außenminister Beigbeder. Von diesem erfuhr Kerney letztendlich auch den Grund für Francos Zögern: „(…) there was not in fact unanimity in Ireland on this question, and that Franco had received a great many letters from Ireland saying that Ryan was a dangerous man and begging Franco not to release him; (…).“ Kerney machte erneut deutlich, dass der Journalist politische Feinde in Irland hatte und selbst wenn er ein gefährlicher Mensch war, „(…) it was scarcely logical that Franco should be expected to hold as prisoner in Spain an Irishman who might be deemed to be dangerous in Ireland; (…) if there was any gaoling to be done where an Irishman was concerned, the gaoler ought really to be de Valera rather than Franco.“ Obwohl Ryan in Irland wahrscheinlich wirklich die Politik der irischen Regierung ablehnte, war dem Taoiseach wichtig, dass Ryan freikam. Allerdings zeigte auch diese neue Argumentation wenig Wirkung. Auch die Aussicht auf ein irischspanisches Handelsabkommen brachte keine Bewegung in den Fall.887 Nachdem die diplomatischen Bemühungen keinen Erfolg gezeigt hatten, schlug der irische Gesandte den juristischen Weg ein. Schon einige Monate zuvor hatte Kerney den spanischen Anwalt Jaime Michel de Champourcin gewinnen können, der sich des Falles unentgeltlich annahm. Der Rechtsanwalt war sowohl für Francos Geheimdienst als auch für die deutsche Abwehr tätig und versorgte Wilhelm Canaris, den Leiter der Behörde, mit Informationen aus Spanien. Durch die Hilfe de Champourcins hoffte Kerney einen Ansatz, beziehungsweise eine neue Strategie entwickeln zu können. Nachdem der neue Rechtsbeistand Kerney die lang ersehnte Kopie des Urteils beschafft hatte, sah der irische Gesandte die Möglichkeit einer Revision. Zwar wies der Jurist darauf hin, dass eine Begnadigung einfacher zu erreichen wäre, verwarf den Plan einer juristischen Neuauflage des Prozesses aber nicht gänzlich. Es gab jedoch eine wichtige Voraussetzung: Man musste Behauptungen widerlegen, wonach Ryan während seiner Rekonvaleszenzzeit in Dublin, tatkräftig Propaganda gegen Nationalspanien und Franco betrieben hatte. Die Behörde in Dublin sollte zu diesem Thema Recherchen anstellen.888 Die Antwort kam wenige Tage später und zerstörte die Hoffnung auf eine Wiederaufnahme des Verfahrens. Ryan hatte während seiner 886 Bericht „Frank RYAN. Your 244/8A.“ und Bericht „Frank RYAN. Your 244/8b.“, Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 9. und 17. Oktober 1939; Brief J. P. Walshe an Leopold Kerney, 2. November 1939; Bericht „Frank RYAN. Your 244/8b.“, DFA/10/A/20/3, NAI, Dublin. 887 Bericht „Frank RYAN. Your 244/8B.“, Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 21. November 1939, DFA/10/A/20/3, NAI, Dublin. 888 Hoar, In Green and Red, 238; Bericht „Frank RYAN. Your 244/8B.“, Kerney an den Sekretär im Au- ßenministerium, 14. November 1939; Bericht „Frank RYAN.“, Kerney an den Sekretär im Außen- 5.3 Der Fall Frank Ryan im Fokus der Politik 245 Zeit in Irland sowohl an öffentlichen Versammlungen teilgenommen, als auch ein Zeitungsinterview zu seinem Kampf in Spanien gegeben. Somit blieb Kerney nur, seine alte Strategie weiterzuverfolgen und den Fall bei Unterredungen mit spanischen Offiziellen zu erörtern. Es schien allerdings, als würden die Mitarbeiter Francos die Motive des Iren infrage stellen. An das Außenministerium in Dublin schrieb er: „I would suggest the desirability of making it known through the medium of the Spanish Minister in Dublin, that any action by me here on Ryan’s behalf has been taken in accordance with your wishes and instructions; (…). There may still be a lingering doubt here as to whether my attitude is governed by personal motives (…).“ Darüber hinaus war Franco, Berichten von Kerneys Kontakten zufolge, in Bezug auf Frank Ryan unerbittlich und die Chancen auf eine zügige Freilassung blieben deshalb sehr gering.889 Denn die Anti-Franco-Propaganda des Iren während seiner Rekonvaleszenz im Freistaat im Jahr 1937 und Ryans ständige Gehorsamsverweigerung während seiner bisherigen Haft in Spanien hatten den Staatschef sehr verärgert.890 Die Nachricht, dass alle Urteile erneut überprüft wurden, erneuerte die Aussicht darauf, dass die darin verhängten Strafmaße nach unten korrigiert werden könnten und weckte neue Hoffnung. Laut interner Informationen kam eine Haftdauer von zwanzig Jahren und einem Tag in Betracht oder ein Strafmaß, das zwischen zwölf Jahren und einem Tag und zwanzig Jahren lag. Die Letztere stellte die wahrscheinlichste Kategorie für Ryans Fall dar. Allerdings kam als letzte Möglichkeit auch eine Gefängnisstrafe von sechs Jahren und einem Tag bis zu zwölf Jahren in Betracht. Kerney sah sich hierdurch bestärkt, seine Bemühungen bei den spanischen Behörden zu intensivieren und sprach mit General Lopez Pinto, Kommandant der 6. Militärregion, über die Möglichkeit, das Verfahren gegen Ryan neu aufzurollen. Er hoffte, dass eine Einstufung in Kategorie V erfolgte, die allerdings erforderte, dass es keine „unfavourable antecedents“ gab. Die maximale Strafe betrug in diesem Fall zwölf Jahre. Gleichzeitig prüften der Außenminister und der Kriegsminister die Möglichkeiten, alle ausländischen Häftlinge zeitnah freizusetzen, unter Ausnahme der kriminellen Insassen. Scheinbar wollte sich die spanische Regierung jener Sträflinge so schnell wie möglich entledigen. Die Entlassung der verbliebenen vier britischen Gefangenen kam sehr überraschend und schockierte den irischen Repräsentanten Kerney. Er setzte sich sofort mit seiner Ansprechpartnerin im Außenministerium, der Herzogin von Tetuán, in Verbindung, um ihr mitzuteilen, wie enttäuscht er darüber sei, dass die Regierung in London die Begnadigung der britischen Soldaten erreicht hatte – ein Erfolg, den er auf ein Handelsabkommen zwischen den beiden Ländern zurückführte. Gleichzeitig betonte er die negativen Auswirkungen dieser Entwicklung auf die Stimmung in Irland und die Beziehungen zwischen Burgos und Dublin. Auf der persönlichen Ebene gab er zu bedenken, welch schlechtes Licht diese Angelegenheit auf ihn als irischen ministerium, o. D., Eingang am 6. Januar 1940, Schreiben des Sekretärs J. P. Walshe an den Gesandten Leopold Kerney, 9. Januar 1940, DFA/10/A/20/3, NAI, Dublin. 889 Bericht „Frank RYAN. Your 244/8B.“, Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 26. Januar 1940; Telegramm Kerney an das Außenministerium in Dublin, 26. beziehungsweise 27. Januar 1940, DFA/4/A/20/3, NAI, Dublin. 890 Hoar, In Green and Red, 237. 5 Francos wichtigster Gefangener – Frank Ryan in spanischer Gefangenschaft 246 Gesandten in Spanien werfe, da er trotz seiner jahrelangen und intensiven Bemühungen bisher nichts erreicht hatte. Die Herzogin von Tetuán versicherte ihm, dass der spanische Minister ebenso überrascht gewesen sei von Francos Entscheidung, wie der irische Diplomat. Ungeachtet des geringen Erfolgs seiner Anstrengungen hielt Kerney an seiner Strategie fest und traf sich mit Außenminister Juan Luis Beigbeder Atienza, um den Fall nochmals zu diskutieren. Entgegen der Ankündigung sollte die Freilassung der verbliebenen ausländischen Gefangenen doch nicht derart zügig erfolgen: „(…) [because the] atmosphere regarding [the] prisoners is favourable and that he [Beigbeder] expects general measure[s] releasing all including Ryan with a maximum delay of three months.“891 Allerdings gab der irische Vertreter auch zu verstehen, dass dies in seinen Augen kein Versprechen gewesen war, sondern von Beigbeder nur erwartet wurde. Die anhaltenden Verzögerungen bestärkten Kerney allerdings in seiner Vermutung, dass es innerhalb der spanischen Behörden erheblichen Widerstand gegen die Freilassung Ryans geben musste und machte pro-britische Tendenzen innerhalb verschiedener staatlicher Stellen als Ursachen aus. Um diese Hindernisse zu überwinden, schlug Kerney seiner Regierung nochmals vor, in ökonomischer Hinsicht Druck auf Franco auszuüben – eine Idee von der Dublin nicht überzeugt war.892 Da es weiterhin keine Bewegung im Fall Frank Ryan gab, war der irische Vertreter zu dem Schluss gekommen, dass das Außenministerium in Burgos in dieser Angelegenheit nichts auszurichten vermochte. Deshalb bat er einen alten Freund, den Kontakt mit ranghohen Vertretern des Kriegsministeriums herzustellen. Um die Freilassung des Iren zu gewährleisten, war allerdings zuerst ein Gnadengesuch nötig, dann würde man die Entlassung befürworten. Einige Tage später erhielt Kerney vom Sekretär des zuständigen Ministers die Antwort, dass dem Gesuch sicher stattgegeben würde. Somit wäre Frank Ryan innerhalb der kommenden zwei bis drei Wochen auf freiem Fuß und in der Obhut des irischen Vertreters. Um wirklich sicherzugehen, dass seine Bemühungen endlich erfolgreich waren, nutzte der irische Gesandte einen weiteren Kontakt, denn, wie er sich ausdrückte, „(…) we are attacking from two different angles; (…)“.893 Gleichzeitig zeigte er sich sehr ungehalten: Kerney empfand die gut gemeinten Hinweise und die öffentlichen Auftritte, die von Ryans ehemaligem Zellengenossen Tom Jones ausgingen, als Kritik an seiner Arbeit im Fall des inhaftierten Iren. Jones hatte vorgeschlagen, den Einfluss einiger britischer Unterhausabgeordneten oder des italienischen Außenministers zu nutzen, um die Freilassung des Iren zu garantieren. Allerdings erwiesen sich alle guten Ratschläge, genauso wie die Anstrengungen Kerneys, als zwecklos, wie sich aus dem Nachwort des Berichtes ergab. „Since 891 Telegramm Kerney an das Außenministerium in Dublin, 26. beziehungsweise 27. Januar 1940; Bericht „Frank RYAN. Your 244/8B.“, Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 29. Januar 1940; Bericht „Frank RYAN. Your 244/8B.“, Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 9. Februar 1940; Bericht „Frank RYAN. Your 244/8B.“, Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 23. und 26. März 1940, DFA/4/A/20/3, NAI, Dublin. 892 Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 23. und 26. März 1940; vertraulicher Bericht Leopold Kerney an J. P. Walshe, 24. April 1940, DFA/10/A/20/3, NAI, Dublin. 893 Bericht „Frank RYAN“, Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 3. und 7. Mai 1940, DFA/10/A/20/3, NAI, Dublin. 5.3 Der Fall Frank Ryan im Fokus der Politik 247 writing the above, I have made the big discovery that Franco himself gave special instructions some considerable time ago that, in this particular case of Frank Ryan, nothing should ever be done in the way of reducing his sentence without his personal consent; notwithstanding this, the second line of attack referred to above has been active and is quite hopeful; a case is being prepared and will be put before Franco personally by an official of the highest importance, whose business it is to comply with wishes which must be respected, but whose name even is unknown to me. You can measure the difficulties we have had to overcome by knowledge of the fact that the obstacle to be overcome is Franco himself.“894 Trotz der schlechten Nachrichten setzte der Diplomat seine Arbeit fort und hielt ständigen Kontakt mit dem Kriegsministerium, um über alle Entwicklungen in diesem Fall informiert zu werden. Am 6. Juli 1940 telegrafierte der irische Gesandte nach Dublin: „Obstacle mentioned in my despatch May 23rd has been overcome and Chief of Police has been instructed by Franco to hasten formality Ryan’s pardon which may now be regarded as certain at an early date. [sic]“895 Scheinbar alle intensiven Bemühungen der irischen Regierung – und insbesondere Leopold Kerneys – verhöhnend, erfolgte die Freilassung Frank Ryans allerdings auf andere Art und Weise, als sich die beteiligten Stellen dies vorgestellt hatten. Das folgende Kapitel rückt das Interesse und die Bemühungen der britischen Vertreter im Fall Frank Ryans in den Mittelpunkt. Denn nicht nur der irische Vertreter, sondern auch der britische Vertreter hatte großes Interesse am Fall Ryan, wenn auch auf andere Weise als zu vermuten wäre. Das britische Interesse am Fall Ryan Die Angelegenheit Frank Ryan bekam nicht nur in seiner Heimat viel öffentliche Aufmerksamkeit. Auch in Großbritannien ging das Schicksal des Journalisten durch die Medien, woraufhin zahlreiche Anfragen und Hilfsgesuche das Außenministerium in London erreichten. Unterschiedliche Organisationen, politische Parteien und besorgte Bürger wandten sich an die Behörde und baten darum, dass London sich für die Freilassung des bekannten Iren einsetzte. Als Konsequenz beauftragte man den britischen diplomatischen Vertreter und späteren Geschäftsträger in Burgos, Sir Robert Hodgson, im April 1938 und somit kurz nach der Gefangennahme des Iren, mehr über den Gefangenen und dessen Aufenthaltsort in Erfahrung zu bringen. Nachdem zweifelsfrei feststand, dass sich Ryan in Francos Gewahrsam befand, bemühte sich die britische Regierung um eine schnelle Lösung.896 Noch vor Hodgsons offiziellem Interesse an dem Verfahren gegen den Iren, bat Kerney seinen britischen Kollegen um Hilfe. Von besonderer Bedeutung war für den irischen Diplomaten, den Namen der 5.3.3 894 Ibid. 895 Bericht „Frank Ryan. Your 244/8B.“, Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 27. Juni 1940; Telegramm Leopold Kerneys an das Außenministerium, 6. Juli 1940, DFA/10/A/20/3, NAI, Dublin. 896 W 605, Korrespondenz zwischen George Griffith und R. A. Butler, 25. Januar 1939, FO 371/24122, NAK Kew, London. 5 Francos wichtigster Gefangener – Frank Ryan in spanischer Gefangenschaft 248 Haftanstalt zu kennen, in der sein Landsmann Ryan einsaß. Außerdem interessierten die konkreten Anschuldigungen, denn auch diese kannte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Nach dem Gespräch mit Hodgson zeigte sich der irische Gesandte zuversichtlich, dass die Angelegenheit Frank Ryans „(…) may not be as serious as depicted by both de Mamblas and Carney.“897 Aber schnell stellte sich heraus, dass dieser erste Eindruck des irischen Diplomaten falsch war. Hodgson stellte schnell Kontakt zu den spanischen Behörden her und hatte von ihnen Informationen über Häftlinge erhalten, die in demselben Zeitraum wie Ryan gefangen genommen worden waren. Während dieser Unterredung brachte er nicht nur in Erfahrung, dass die Gefangenen in einem Konzentrationslager in San Pedro de Cardeña inhaftiert waren, vielmehr nutzte er die Gelegenheit, den Fall Frank Ryan mit dem zuständigen Regierungsvertreter, dem Vizconde de Mamblas, zu diskutieren. Im Verlauf des Gesprächs stellte sich heraus, dass der Fall des Iren schwierig gelagert war. In einem Gespräch zwischen Kerney und dem spanischen Regierungsvertreter de Mamblas am 14. April 1938 in Biarritz informierte er den Iren über ein Gespräch mit dem britischen Diplomaten Hodgson, in dem auch der Fall Frank Ryan zur Sprache kam. Im Verlauf dieser Unterhaltung hatte der Brite diese Angelegenheit „a bad case“, ja sogar als „very bad case“ bezeichnet. Laut Hodgsons Kenntnisstand warf man dem Iren „profiteering“,898 wie beispielsweise Plünderungen vor. Abgesehen davon stand die Anschuldigung im Raum, Ryan hätte Erschießungskommandos kommandiert. Trotz der negativen Einschätzung bot der britische Diplomat seinem irischen Amtskollegen Kerney an, Briefe an den Gefangenen weiterzuleiten und weitere Erkundigungen über die Anschuldigungen, einen eventuell festgesetzten Hinrichtungstermin899 und den generellen Zustand des Gefangenen einzuholen. Im Gegensatz zu Kerney, der zu diesem Zeitpunkt nur sehr wenige Informationen besaß und keine Möglichkeit hatte, die Gefangenen zu besuchen, war Hodgson zuversichtlich, eine Besuchserlaubnis für das Konzentrationslager in San Pedro de Cardeña zu erhalten.900 Die zunächst freundlich wirkende Offerte des britischen Diplomaten Hodgson machte Kerney jedoch misstrauisch. In einem Schreiben des irischen Gesandten an das Außenministerium in Dublin im Juni 1938 heißt es: „It should be noted that [Robert] Hodgson appears to be taking an interest in Frank RYAN as a British subject, and I presume it is because of this status that he is not over-communicative with me 897 Bericht „Frank RYAN“, Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 19. April 1939, DFA/4/244/22, NAI, Dublin. 898 Bericht Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 16. April 1938, DFA/4/244/22, NAI, Dublin. 899 Schon gleich nachdem die irischen Behörden von der Gefangennahme Ryans erfahren hatten, setzten sie sich mit den spanischen Behörden in Burgos in Verbindung und verfassten ein Gnadengesuch für Ryan. Aber auch der Regierungsvertreter de Mamblas konnte nicht einschätzen, ob diesem Gesuch, im Hinblick auf die Schwere der Anschuldigungen entsprochen werde, oder ob Ryan auch aufgrund seines Rangs als Offizier, die Todesstrafe drohte. Bericht Kerney an den Sekretär im Au- ßenministerium, 16. April 1938, DFA/4/244/22, NAI, Dublin. 900 Bericht Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 16. April 1938; Bericht „Frank RYAN“, Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 2. Mai 1938; Bericht Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 20. Juni 1938, DFA/4/244/22, NAI, Dublin. 5.3 Der Fall Frank Ryan im Fokus der Politik 249 in the matter.“901 Gänzlich von der Hand zu weisen war die Einschätzung Kerneys nicht, denn zwischenzeitlich mehrten sich Gerüchte, wonach Ryans Gefangenenaustausch kurz bevorstehe. Allerdings sollte er nicht an den irischen Vertreter übergeben werden und Kerney schloss daraus, dass dem Fall zwar viel Öffentlichkeit zukam, aber gleichzeitig erschien es ihm, dass „(…) he [Ryan] is being made a present to the British authorities as a British subject, and not handed over as an Irish citizen to my care.“ Ein möglicher Grund für die Vorgehensweise der spanischen Behörden sei, Kerneys Ansicht zufolge, gewesen, „(…) that there was dissatisfaction because we had not recognised Franco long ago, and that they connected my visit to Salamanca in March 1937 with the negative result of that visit in so far as recognition was concerned.“902 In den folgenden Monaten intensivierte die Regierung in London durch den britischen Militärattaché in Burgos, Colonel C. C. Martin, ihre Anstrengungen, die 75 Briten, die sich im Januar 1939 noch immer in spanischer Haft befanden, gegen italienische Gefangene, die sich noch im Gewahrsam der Republikaner befanden, auszutauschen.903 Man ließ nichts unversucht, auch Frank Ryans Namen auf die Kandidatenliste setzen zu lassen. Im Hinblick auf die britischen Gefangenen führten die Bemühungen zu ersten Erfolgen. 39 britische Häftlinge standen kurz vor der Freilassung und über weitere sechzehn Häftlinge führte London intensive Verhandlungen. Was Ryan betraf, konnte der britische Vertreter in Spanien allerdings keine Fortschritte erzielen. Trotzdem beschäftigte sich die britische Regierung weiterhin intensiv mit dieser Angelegenheit. Hodgson zeigte sich in einem Telegramm an das Außenministerium optimistisch. „I have made personal appeal to the Ministry of Foreign Affairs and 901 Bericht Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 20. Juni 1938, DFA/4/244/22, NAI, Dublin. 902 Bericht „Frank RYAN“, Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 2. Mai 1938; vertraulicher Bericht Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 24. Mai 1938, DFA/4/244/22, NAI, Dublin. Die Anerkennung des Franco-Regimes durch Irland erfolgte erst am 11. Februar 1939. De Valeras Regierung hatte diesen Schritt lange hinausgezögert, da man mehr aufseiten der republikanischen Regierung denn des Putschisten Franco stand. Für die irische Regierung hätte eine Anerkennung Francos im März 1937 bedeutet, dass sich de Valera auf dem diplomatischen Parkett in die Reihe faschistischer Staaten, wie Deutschland oder Italien einreihen würde und somit die irische Neutralitätspolitik in einer kritischen Phase kompromittieren könnte. Aus diesem Grund erfolgte die Anerkennung des Franco-Regimes erst, als absehbar war, dass die spanische Republik den Bürgerkrieg verlieren würde. Davide Mazzi, The Theoretical Background and Practical Implications of Argumentation in Ireland (Newcastle upon Tyne: Cambridge Scholars Publishing, 2016), 119. Barry Whelan, Ireland and Spain, 1939–55: Cultural, Economic and Political Relations from Neutrality in the Second World War to Joint Membership of the United Nations: 97. [Online]. Januar 2012. URL: http://eprints.maynoothuniversity.ie/4075/1/BW_Thesis.pdf [08.03.2016]. 903 Über die genaue Anzahl, die Ränge und den konkreten Aufenthaltsort der italienischen Gefangenen konnte nichts Näheres in Erfahrung gebracht werden. Es ist auch nicht ersichtlich, inwiefern der britische Militärattaché Colonel C. C. Martin den Gefangenenaustausch zwischen italienischen Gefangenen in den Händen der Republik und den britischen Häftlingen im Gewahrsam Francos gewährleisten konnte. Lediglich Informationen zum Tauschverhältnis sind bekannt, das bei 1:10 lag. Demzufolge wurden für einen britischen Freiwilligen der Internationalen Brigaden zehn italienische Soldaten freigelassen. Bei einem weiteren Gefangenenaustausch nur einen Monat später lag die Quote bei 1:1. Richard Baxell, British Volunteers in the Spanish Civil War – The British Battalion in the International Brigades, 1936–1939 (London: Routledge, 2004), 121, 128; McLoughlin, Fighting for Republican Spain, 94. 5 Francos wichtigster Gefangener – Frank Ryan in spanischer Gefangenschaft 250 have good hope it will be listened to. (…) Should, as I trust will be the case, the man is [sic] released as a consequence of my appeal, it is to be foreseen that he will be effectively damned at home and deprived of the opportunity of being a serious nuisance in future.“ Offiziell beteuerte der bis dahin zuständige britische Vertreter in Burgos, Sir Robert Hodgson, zwar sein Möglichstes zu tun, um Ryans Freilassung zu gewährleisten, tatsächlich aber war der Brite mehr darum bemüht, die Entlassung des Iren zu verhindern. Denn er hielt weiterhin an seiner Überzeugung fest, dass Ryan am Attentat an seinem Schwiegervater beteiligt war.904 Hodgson selbst beklagte sich bei Carney über die zusätzliche Arbeitsbelastung, hervorgerufen durch diese Angelegenheit. Katholische Vereine und Persönlichkeiten hatten das Außenministerium in London um Hilfe gebeten, woraufhin man ihm diese Aufgabe übertrug. Für Hodgson stellte Ryans Fall ein Ärgernis dar, denn er hätte sich laut eigenem Bekunden um dringlichere Vorgänge zu kümmern.905 In der Retrospektive erklärt dieser Umstand, warum Frank Ryan, trotz der nach außen hin als intensiv und im Sinne des Iren dargestellten Bemühungen des britischen Vertreters vor Ort, weder ausgetauscht noch freigelassen worden war. Der Regierung in London war Hodgsons persönliche Abneigung, die er Ryan gegenüber hegte, nicht bekannt. Deshalb folgte sie der an das Außenministerium weitergeleiteten Einschätzung und verstärkte die Bemühungen. In einer Note Verbale appellierte die britische Regierung an Franco, Ryans persönliche Courage, obwohl im Hinblick auf seine Beteiligung am Spanischen Bürgerkrieg komplett fehlgeleitet, dennoch positiv zu berücksichtigen, wenn über seinen Fall entschieden würde.906 Das Interesse Großbritanniens war auch dem irischen Gesandten in Spanien nicht entgangen, weshalb Kerney darüber nachdachte, die spanischen Behörden auf die Tatsache hinzuweisen, dass es sich bei Ryan um einen irischen Staatsbürger handelte. Es wäre aus seiner Sicht nicht im Sinne guter diplomatischer Beziehungen zwischen den beiden Staaten, wenn Francos Behörden diesen Fall als britische Angelegenheit erachteten. Dem Diplomaten lag sehr viel daran, „(…) for obvious reasons (…)“, dass die irische Vertretung die Freilassung der irischen Gefangenen erreichte.907 Hodgson machte sich derweil mit scheinbar unverminderter Intensität für Ryans Austausch stark. Jedoch konnten weder die persönlichen Stellungnahmen noch die folgenden offiziellen Darstellungen etwas ausrichten. Immerhin schien eine Erklärung für die geringen Fortschritte gefunden: Ryan befand sich nach wie vor im Gefängnis in Burgos, weil die Spanier zivile Anschuldigungen gegen ihn erhoben. Kerney hatte sich inzwischen auch offiziell mit der britischen Botschaft in San Sebastian 904 Bericht Leopold Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 6. Juli 1939, DFA/10/A/20/2, NAI, Dublin; McLoughlin, Fighting for Republican Spain, 98. 905 Bericht „Frank RYAN“ Leopold Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 24. Mai 1938, DFA/ 4/244/22, NAI, Dublin. 906 W 2551, Brief R. A. Butler an George Griffiths, 13. Februar 1939; W 2883, Parliamentary Questions George Strauss, Mr. Dobbie, Mr. Butler, 15. Februar 1939; W 3834, Telegramm Nr. 123 Sir R. Hodgson, 5. März 1939; W 4660, Note Verbale aus Burgos, 14. März 1939, FO 371/24123, NAK Kew, London. 907 Bericht „Frank RYAN. Your 144/35a.“ Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 22. März 1939, DFA/10/A/20/1, NAI, Dublin. 5.3 Der Fall Frank Ryan im Fokus der Politik 251 in Verbindung gesetzt und zu verstehen gegeben, dass die irische Gesandtschaft alle notwendigen Schritte in die Wege leite. Dabei war Ryans Situation rechtlich gesehen nicht so eindeutig, wie die irische Seite gerne zu verstehen geben wollte. Nach britischem Recht galten irische Staatsbürger auch als Briten. Das Gesetz des Freistaates aber definierte alle Bürger Irlands ausschließlich als Iren. Ungeachtet dieser juristisch schwierigen Ausgangslage boten die Briten laut eigener Aussage weiterhin ihre Unterstützung an. Die eintreffenden Anfragen und Hilfsgesuche der britischen Regierungsvertreter lehnte man fortan jedoch ab. Das britische Außenministerium kommentierte solche Briefe mit dem Hinweis auf die Zuständigkeit des irischen Vertreters, dem man jegliche Hilfe zugesichert habe.908 Kerney zeigte sich von den offiziellen Angeboten weniger begeistert. Am 1. Juli 1939 informierte er das Außenministerium in Dublin darüber, dass er nie ein offizielles Hilfsangebot des britischen Botschafters erhalten habe. Abgesehen davon stand es auch nie zur Debatte, derartige Unterstützung anzunehmen. Kerney begründete seine ablehnende Haltung wie folgt: „1. Ryan is an Irish citizen; it has not been without difficulty that I have had this fact acknowledged in Burgos; we do not admit that he is a British subject; for this reason I have never sought the assistance of British representatives in Spain in connection with his case; we know that the former British representative in Spain was prejudiced against Ryan whilst presumably taking some interest in him as a British subject; it is desirable that there should be no doubt in Spanish minds as to the separate nationality of Irish citizens and British subjects, a distinction which may have added importance in time of war. 2. The British Ambassador is powerless to give me any assistance in this matter and it is not conceivable that we should stoop to appeal to the British for help when they are powerless to help. 3. The Irish Minister in Spain is not fit for his position if he has to seek or accept British assistance in the discharge of his functions.“909 Die Kenntnis von der Unterstützung durch Hodgson,910 der bis Februar 1939 die diplomatische Vertretung in Spanien leitete, hatte sich jedoch schon innerhalb der Regierungskreise Dublins verbreitet und so begrüßte der irische Hochkommissar, High Commissioner911 John Whelan Dulanty, das Engagement des Diplomaten, dem der Fall Frank Ryan mittlerweile allerdings sehr lästig geworden war. Denn es gab bereits 908 W 5232, Brief des Außenministeriums an den Sekretär der Greenwich Labour Party, 12. April 1939; W 5860, Brief R. A. Buttler an George Griffiths, 18. April 1939; W 7407, Brief der britischen Botschaft San Sebastian an Viscount Halifax, 2. Mai 1939; W 7983, Antwort auf die parlamentarische Anfrage Mr. Day, 16. Mai 1939; W 8537, Schriftwechsel zwischen Ellen Wilkinson M.P. und Lord Halifax, 31. Mai 1939; W 8574, Schriftwechsel zwischen Mr. Rootham und Mr. Caccia, 1. Juni 1939, FO 371/24124, NAK Kew, London. 909 Bericht „Frank RYAN. Your 244/8A.“, Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 1. Juli 1939 und 5. Juli 1939, DFA/10/A/20/2, NAI, Dublin. 910 Sir Robert MacLeod Hodgson war ab November 1937 als offizieller Vertreter der britischen Regierung und ab März 1939 als Geschäftsträger in Spanien. Nach der britischen Anerkennung Francos im April 1939 wurde überraschenderweise nicht Hodgson, sondern Sir Samuel Hoar als Botschafter in Franco-Spanien ernannt. Für Hodgson endete daraufhin die Arbeit auf der Iberischen Halbinsel. Francisco J. Romero Salvadó, Historical Dictionary of the Spanish Civil War (Lanham: The Scarecrow Press, 2013), 168. 911 Alle Länder, die im Commonwealth vereinigt sind, entsandten als diplomatischen Vertreter den High Commissioner. Die Position ist vergleichbar mit der Position eines Botschafters, jedoch erfolgt 5 Francos wichtigster Gefangener – Frank Ryan in spanischer Gefangenschaft 252 Veranstaltungen in London und Dublin, die mithilfe einer öffentlichen Kampagne die Freilassung Ryans erreichen wollten und deshalb mehr und mehr Druck auf die irische und zum Teil die britische Regierung ausübten.912 Sir Maurice Peterson, seit der Anerkennung Nationalspaniens durch die Britische Regierung im April 1939 der zuständige, außerordentliche und bevollmächtigte britische Botschafter in Spanien, setzte sich umgehend mit seinem irischen Kollegen in Verbindung, um die notwendige Vorgehensweise bei den spanischen Behörden abzustimmen. Während eines Treffens kamen Kerney und Peterson jedoch überein, dass keine effektive Hilfestellung von britischer Seite möglich sei. Vielmehr empfand der irische Diplomat das Unterstützungsangebot des britischen Botschafters als Kritik an seiner Arbeit für Frank Ryan und erachtete den Brief Dulantys, in dem der Brite seine Hilfe anbot, als Affront. „(…) I would request that this minute should be submitted to the Minister913 because I refuse to receive any message of any kind from any Irish colleague of mine through British official channels, or to admit the propriety of leaving me, as Irish Minister, in ignorance of the fact until I heard it from British lips.“ Weiterhin echauffierte sich Kerney über die Rückschlüsse, die der Sachverhalt auf seine Arbeit zuließ. „I do not need the assistance of any British Ambassador in my work here; if such ‚assistance‘ were to be forced on me, then I could only assume that my efforts on behalf of Ryan leave something to be desired, that I must give way to such ‚assistance‘ and that my initiative in seeing that Ryan got no other label than ‚Irish citizen‘ is not supported. Any ‚assistance‘ from or interference of the British Ambassador only weakens my efforts.“ Deshalb werde er weiterhin jegliches Hilfsangebot von britischer Seite freundlich aber bestimmt zurückweisen.914 Am 8. Juli 1939 reagierte er, wie vorab angekündigt und lehnte die Unterstützungszusage ab. Diese Entscheidung teilte er dem britischen Botschafter Sir Maurice Peterson schriftlich mit. Die britische Vertretung in Spanien erwiderte, dass keinerlei Interesse daran bestehe, sich in den Fall Ryan einzumischen. Das Außenministerium hatte den Diplomaten lediglich angewiesen, seinem irischen Amtskollegen Hilfe anzubieten, da London kontinuierlich Anfragen erreicht hatten, die britische Unterstützung für Frank Ryan forderten. Nach Kerneys Einschätzung sei Dulantys Handeln eigenmächtig und ohne Rücksprache mit der Regierung in Dublin erfolgt. Wahrscheinlich sah er sich durch die Masse an Anfragen zu die Vertretung auf Ebene der Regierung, im Gegensatz zu einem offiziellen Botschafter, der den Staat vertritt. „The Post of High Commissoner“, ohne Autor, The Monarchist, 22. Mai 2008. [Online]. o. D.. URL: http://www.webring.org/l/rd?ring=royalist;id=64;url=http%3A%2F%2Fthemonar chist2.blogspot.com%2F2008%2F05%2Fpost-of-high-commissioner.html [04.06.2016]. 912 W 10133, Foreign Office Minute unterzeichnet von R. A. Butler, 30. Juni 1939, FO 371/24125, NAK Kew, London. 913 Der Gesandte vertritt als diplomatischer Vertreter die Belange seines Heimatstaates bei einem anderen Staat. Bis zum Ende des 2. Weltkriegs oblag dem Gesandten die Leitung der Gesandtschaft. Knut Ipsen, Völkerrecht (München: C. H. Beck, 2004), 556f. 914 Brief Sir Maurice Peterson an die irische Gesandtschaft, 4. Juli 1939; Bericht „Frank RYAN. Your 244/8A.“, Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 5. Juli 1939, DFA/10/A20/2, NAI, Dublin. 5.3 Der Fall Frank Ryan im Fokus der Politik 253 diesem Schritt genötigt. Dies änderte jedoch nichts daran, dass der irische Gesandte in Spanien das Angebot ausschlug.915 Nach der unmissverständlichen Absage Kerneys verschärfte sich auch der Ton mancher Petitionen, die Westminster erreichten. Anfragen von Abgeordneten, die nähere Informationen zum Fall Ryan einforderten, wurden kurz abgehandelt. Die Regierung verwies darauf, dass die Angelegenheit lediglich Kerney betraf, beziehungsweise weitere Auskünfte ausschließlich von Kerney stammten und dass Ryan aufgrund ziviler Anschuldigungen einsitze. Auf Nachfrage, ob es sich eventuell um falsche Beschuldigungen handele, weil es zu diesen Anklagepunkten keine offizielle Bestätigung gab, kommentierte man knapp: „I can conceive of no reason for giving more credence to the reports of the Irish Minister at Burgos than to those of our Ambassador.“ Zudem wertete London die erfolgte Umwandlung der Todesstrafe in eine langjährige Haftstrafe als Erfolg der unablässigen Bemühungen des britischen Diplomaten Sir Robert Hodgsons.916 Trotz des Engagements für Ryan, das stets aufgebracht zu haben sich die britische Regierung rühmte, trifft diese Selbsteinschätzung der Verantwortlichen nicht auf alle Mitarbeiter in Whitehall zu. Innerhalb des britischen Au- ßenministeriums gab es kritische Stimmen. In einem handschriftlichen Vermerk gab H. L. Farquhar zu bedenken: „Frank Ryan is a former of the I.R.A. [sic] – and if not in prison in Spain, would certainly be causing trouble to the H. O. [Home Office] here.“ Deshalb war man in London froh darüber, dass sich der irische Gesandte Leopold Kerney gänzlich des Falls angenommen hatte.917 Die Information über Ryans Haftstrafe hatte mittlerweile auch die breite Öffentlichkeit erreicht. Nicht nur in Irland, sondern auch in Großbritannien gab es von verschiedenen Organisationen Solidaritätsbekundungen und konkrete Unterstützungsangebote. Diese öffentliche Anteilnahme am Schicksal des Iren wird auf den kommenden Seiten näher erörtert. Der Fall Frank Ryan im Fokus der Öffentlichkeit Die Meldungen von der Gefangennahme Ryans lösten sowohl in Irland als auch in Großbritannien eine beispiellose Welle des Mitgefühls aus. Eine Vielzahl von Personen verschiedenster Organisationen setzte sich für die Freilassung des Iren ein, richtete Petitionen an die irische, die britische und die spanische Regierung. Unabhängig von der jeweiligen Haltung zum Bürgerkrieg in Spanien, stellten Organisationen in ihren Hilfsgesuchen die Person Frank Ryan in den Vordergrund. Das erste, an den Taoiseach gerichtete Ersuchen kam von den Friends of Eire (Ireland Association) aus 5.3.4 915 Bericht „Frank RYAN. Your 244/8A.“, Brief Leopold Kerney an Maurice Peterson, 8. Juli 1939; Bericht „Frank RYAN. Your 244/8A.“, Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 10. Juli 1939, DFA/10/A20/2, NAI, Dublin. 916 W 0335, Brief der Privatsekretärin B. Hughes an Lord Halifax, 7. Juli 1939, FO 371/24125, NAK Kew, London. 917 W 7983, Handschriftliche Notiz zur parlamentarischen Anfrage Mr Day und Draft Reply „Note for Supplementary“, 17. Mai 1939, FO 371/24124, NAK Kew, London. 5 Francos wichtigster Gefangener – Frank Ryan in spanischer Gefangenschaft 254 Glasgow.918 Weitere Organisationen mit Sitz in Großbritannien waren das kommunistische National Unemployed Workers Movement919 und The Six Point Group aus London, die führende britische Organisation für Frauenrechte, die Ryan vor allem für seine Verdienste in der Frauenbewegung schätzte, aber auch zahlreiche Parteien, darunter die Greenwich Labour Party920 oder die Richmond Divisional Labour Party, bekundeten ihr Interesse am Fall des Iren. Die International Brigade Association in London hatte sogar die Unterstützung von Ryans Bruder Vincent sicher: „(…) [he] is quite obviously in favour of continuing all efforts to return Frank to Ireland, and there does not appear to be any opposition forthcoming from the family.“921 Darüber hinaus erreichten viele Solidaritätsbekundungen aus Nordirland das britische Unterhaus, so unter anderem Briefe des Northern Ireland Peace Council sowie der Socialist Party Belfast. Einzelpersonen und Organisationen, wie Gewerkschaften oder auch das Sheffield Committee for Spanish Relief, nahmen Anteil an seinem Schicksal.922 Zum Teil wurden sogar Komitees gegründet, die sich allein die Freilassung des Iren auf die Fahnen geschrieben hatten, beispielsweise das Frank Ryan Release Committee in London. Als völlig harmlos erachtete die britische Regierung Kundgebungen der Komitees wohl nicht, denn die Behörden ließen jene überwachen, die die Veranstaltungen besuchten. Darüber hinaus nahm ein Zivilpolizist daran teil und fasste die Kundgebung in einem Bericht an das Home Office zusammen. Er bezeichnete die vor Ort gehaltenen Reden als „very mild in character“.923 Insgesamt nahmen maximal tausend Interessierte an den jeweiligen Versammlungen teil. Diese Zahl sank im Lauf der Zeit und am Ende zählten die Veranstalter kaum mehr als circa 200 Menschen. Hauptsächlich sprachen die Redner über ihre persönliche Beziehung zu dem Iren, dessen Verdienste für Irlands Freiheit sowie den Kampf gegen den Faschismus in seiner Heimat, in Großbritannien und Spanien sowie vom Widerstand Ryans gegen die Behandlung der Häftlinge in der Gefangenschaft. Gleichzeitig prangerten die Redner den aus ihrer Sicht mangelnden Einsatz der Politik für die Freilassung der Kriegsgefangenen an. Der Bericht „Demonstrations and Meetings“ von Inspector William Rogers kommt zu dem Schluss, dass „(…) the demeanour of the audience clearly indi- 918 Petition D. J. Lenihan an Eamon de Valera, 23. Februar 1939, DFA/10/A/20/1, NAI, Dublin. 919 W 3441, Jack Whyte an Allen Chapman, 27. Februar 1939, FO 371/24123, NAK Kew, London. 920 W 5232, Reginal Berriff an Lord Halifax, 28. März 1939; W 8685, Telegramm Secretary Socialist Party an Lord Halifax, 3. Juni 1939; W 9140, Brief von Alice De Zoete Elliot (Woolwich Communist Party) an Lord Halixfax, 11. Juni 1939; W 9917, Brief von Monica Whately an Lord Halifax, 27. Juni 1939, FO 371/24124, NAK Kew, London. 921 Brief von Bill Rowe, Geschäftsführer der International Brigade Association London an Tom Jones, 22. Februar 1941, D/JO/59, FROH, United Kingdom. 922 W 10083, Brief D. Pointer an Lord Halifax, 3. Juli 1939; W 10335, Telegramm der Docker and Port Workers League an den Staatssekretär im Außenministerium, 9. Juli 1939; W 10577, Brief und Resolution der Cambridgeshire Trades’ Council & Divisional Labour Party, 8. und 10. Juli 1939; W 10990, Gladys Gardner an Major Harvis Watt, 17. Juli 1939, FO 371/24125, NAK Kew, London. 923 W 10459, Bericht William Rogers, „Demonstrations and Meetings“, 18. Juni 1939, FO 371/24125, NAK Kew, London. 5.3 Der Fall Frank Ryan im Fokus der Politik 255 cated that they now have little interest in the ultimate fate of Frank Ryan.“924 Aufgrund dieser Einschätzung und auch im Hinblick auf die eindeutige Haltung des irischen Gesandten in Spanien, wurden alle Petitionen Ryan betreffend wie folgt behandelt: „The position is that Mr. Ryan is a citizen of Eire and, as there is an Eire Minister in Spain, he, and not the British Ambassador, is dealing with this case. The British Ambassador has, however, informed the Eire Minister that he would be glad to lend his assistance should the latter desire it.“925 Nachdem Frank Ryan auch außerhalb der britischen Inseln sehr bekannt war und gute Kontakte in die USA unterhielt, sendeten seine Freunde nach Bekanntwerden der Gefangennahme ein Telegramm an Eamon de Valera mit der Bitte, bei General Franco um die Freilassung ihres Freundes zu bitten.926 Wenig später gründeten sie das Irish-American Committee for the Release of Frank Ryan mit Sitz in New York City, welches von seinem langjährigen Weggefährten Gerald O’Reilly geführt wurde. Daneben gab es weitere Organisationen – unter anderem das International Committee for Political Prisoners mit Sitz in New York City927 oder das Irish-American Committee for Release of Frank Ryan in San Francisco – die sich für den inhaftierten Iren einsetzten und nähere Informationen zu dem Fall beziehungsweise dem Fortschritt im Hinblick auf seine Freilassung vom irischen Außenminister und Regierungschef Eamon de Valera erbaten.928 Auch in Großbritannien gründete sich ein Komitee, das sich die Rettung Frank Ryans zum Ziel gesetzt hatte. In einem Brief an den Vertreter der irischen Regierung in London sicherten die Mitglieder ihre Unterstützung für alle Schritte Eires zu und stellten ihre unverminderten Anstrengungen in Form von Kundgebungen und Öffentlichkeitsarbeit in Aussicht.929 In den USA startete am 24. April 1939 das Irish-American Committee for the Release of Frank Ryan mit einer groß angelegten öffentlichen Kampagne, um auf diese Weise Druck auf das Kabinett in Dublin auszu- üben.930 Allerdings setzte man auf Bitten der irischen Regierung nur zwei Monate nach der ersten Ankündigung ab 20. Juni 1939 jegliche Kundgebungen und Publikationen aus, um die laufenden Verhandlungen mit den spanischen Behörden nicht zu 924 W 10459, Bericht William Rogers, „Demonstrations and Meetings“, 18. Juni 1939; Auszüge aus dem Stenogramm von F. G. Davis über das Treffen unter der Federführung der kommunistischen Partei Großbritanniens, 15. Juni 1939; W 10335, Auszüge aus dem Stenogramm von P. S. Coleman über das Treffen unter der Schirmherrschaft des Frank Ryan Release Committee, 18. Juni 1939; W 10459, Bericht William Rogers, „Demonstrations and Meetings“, 18. Juni 1939, FO 371/24125, NAK Kew, London. 925 W 10821, Antwortschreiben R. A. Butlers an Sir Richard Meller, 18. Juli 1939, FO 371/24125, NAK Kew, London. 926 Telegramm der Transport Union New York an Eamon de Valera, November 1938, DFA/4/244/22, NAI, Dublin. 927 Brief Roger Baldwin an Robert Brennan, 30. Juni 1939, DFA/10/A/20/2, NAI, Dublin. 928 Brief Ethel Turner an den irischen Außenminister, 7. Oktober 1939, DFA/10/A/20/3, NAI, Dublin. Eamon de Valera bekleidete in Personalunion die Position des Taoiseach und des Außenministers in Irland während dieser Zeit. The Earl of Longford und Thomas P. O’Neill, Eamon de Valera (London: Hutchinson & Co., 1970), 236. 929 Brief des Sekretärs C. E. Milne an den High Commissioner For Eire, 27. Juni 1939, DFA/10/A/20/2, NAI, Dublin. 930 Brief des Irish-American Committee for the Release of Frank Ryan, Gerald O’Reilly an Leopold Kerney, 24. April 1939, DFA/10/A/20/1, NAI, Dublin. 5 Francos wichtigster Gefangener – Frank Ryan in spanischer Gefangenschaft 256 gefährden.931 Obwohl auch in den Staaten der Erfolg der Öffentlichkeitsarbeit nur sehr bescheidene Wirkung erzielte, gründete sich ein Dachverband zur Koordinierung der Aktivitäten aller Unterkomitees. Auf dieser höheren Ebene führten Ryans amerikanische Freunde ihre Bemühungen unverändert fort, unter anderem in Form einer Pressekampagne und eines Aufrufs, Ryan Weihnachtswünsche, Zigaretten und Süßigkeiten ins Gefängnis zu schicken und somit den spanischen Behörden zu zeigen, wie viel Unterstützung er international erhielt.932 Vertreter der Organisation trafen sich sogar mit dem spanischen Botschafter in Washington, um über den Fall zu diskutieren. Dieser äußerte sich in diesem Gespräch sehr frei und „(…) said it was his personal opinion that the most effective means of getting Ryan released was to prove to the Spanish Authorities that Frank was well known.“ Deshalb nahm das Komitee in den Staaten Kontakt mit den Vereinigungen in Irland auf, um die Aktionen gemeinsam zu koordinieren. Trotz der unermüdlichen Anstrengungen aller Organisationen blieb Ryan in Haft, woraufhin sich das Irish-American Committee for Release of Frank Ryan direkt an den irischen Regierungschef und Außenminister Eamon de Valera wandte. Der Vorsitzende appellierte an den Politiker, seinen persönlichen Einfluss geltend zu machen und somit die Freilassung Ryans zu erreichen. Als einige Tage zuvor vier Kriegsgefangene aus Spanien zurückgekehrt waren, konnten die Mitglieder des Komitees nicht nachvollziehen, aus welchem Grund diese Häftlinge entlassen worden waren, obwohl unter ihnen Männer waren, gegen die die spanische Justiz Todesstrafen verhängt hatte.933 Trotz der unermüdlichen Bemühungen seiner amerikanischen Freunde blieb Ryan weiterhin im Burgos-Gefängnis inhaftiert. Als Ryans Schwester Eilís die Nachricht im Radio hörte, dass ein irischer Zeitungsredakteur in Spanien gefangen genommen worden war, war sie sich sofort sicher, dass es sich um ihren Bruder handeln musste. Gewissheit erlangte sie durch Peadar O’Donnell, der die Information bestätigte.934 Alte Weggefährten und Freunde des Iren, allen voran sein Freund Frank Edwards, sahen sich nun in der Pflicht zu helfen. Edwards konnte die ehemalige Kollegin Hannah Sheehy-Skeffington für die Mitarbeit im neu zu gründenden Komitee gewinnen.935 Sie nutzte sogleich ihre Position „im Vorstand“ der Irish Friends of the Spanish Republic (Women’s Aid Committee), um Unterstützung für Frank Ryan und alle anderen irischen Soldaten, die für die spanische Republik kämpften, zu mobilisieren.936 Des Weiteren gründete sich das Frank Ryan Release Committee, das mit der Umsetzung einer Reihe von Maßnahmen die 931 Brief des Irish-American Committee for the Release of Frank Ryan, Gerald O’Reilly an Leopold Kerney, 20. Juni 1939, DFA/10/A/20/2, NAI, Dublin. 932 Pressemitteilung des The Joint Committee of the American Committees For the Release of Frank Ryan, 21. November 1939; Brief Gerald O’Reilly, ohne Empfänger, 27. November 1939, Hannah Sheehy-Skeffington Papers, MS 41,204/2, NLI, Dublin. 933 Brief Gerald O’Reilly an die Zensurbehörde in Irland, 30. November 1939; Brief Gerald O’Reilly an die Zensurbehörde in Irland, 30. November 1939; Brief Patrick J. Gillespies und Gerald O’Reilly an Eamon de Valera, 22. März 1940, DFA/10/A/20/3, NAI, Dublin. 934 Ò Canainn, „Eilís Ryan“, 137. 935 Brief Frank Edwards an Hannah Sheehy-Skeffington, 25. Februar 1939, SSP, MS 24,126, NLI, Dublin. 936 Petition von Hannah Sheehy-Skeffington, o. D., SSP, MS 41,204/2, NLI, Dublin. 5.3 Der Fall Frank Ryan im Fokus der Politik 257 Freilassung Ryans zu realisieren anstrebte: Alle irischen Freunde Ryans sollten den Regierungschef und Außenminister Eamon de Valera dazu anhalten, seine Position im Außenministerium für den Gefangenen zu nutzen. Zudem planten die Mitglieder, landesweit örtliche Komitees zu gründen, deren Aufgabenkatalog neben der Kooperation mit dem zentralen Frank Ryan Release Committee das Sammeln von Unterschriften beinhaltete, die dann als Denkschrift an die Regierung Eires übergeben werden sollten. Die Finanzierung der Kampagne erfolgte durch Spenden der einzelnen Niederlassungen. Um die Aktionen programmatisch zu unterstützen, verschickte die Zentrale in Dublin ein Pamphlet über Ryan und eine Kopie der Resolution. Das Komitee begründete seine Bemühungen mit dem jahrelangen und uneigennützigen Einsatz Frank Ryans für die irische Unabhängigkeit, die Wiederbelebung der irischen Sprache, seiner Mitgliedschaft in der Gaelic Athletic Association und in der Fachschaft des University College Dublin.937 Darüber hinaus hatte man von Rückkehrern aus Spanien die Information erhalten, dass Ryans Wohlbefinden in Gefahr war, insbesondere aufgrund der schrecklichen Zustände im Gefängnis und der „constant efforts made to break the morale and even the physical health of Frank Ryan.“938 Daraufhin wurden Ende Mai 1939 auch Stimmen in der linksgerichteten Presse lauter, die forderten, die diplomatischen Beziehungen zu Spanien aufgrund dessen „murderous tyranny“ abzubrechen. In den Augen der Zeitung Irish Workers’ Weekly basierte Francos Machtanspruch ausschließlich auf Usurpation und Mord. Die rechtsgerichteten Kreise widersprachen dieser Darstellung im Irish Independent und stellten klar, dass die Behandlung aller Gefangenen durch General Franco stets tadellos sei und seinem rechtschaffenen Charakter und seinem tief verwurzelten Glauben entsprach. Trotz des nicht unerheblichen Medieninteresses und der kontroversen Diskussion in den Zeitungen beklagte vor allem Hannah Sheehy-Skeffington in einem Brief an Desmond Ryan, dass sie von offizieller Seite keine Unterstützung erhalte und alle Versuche, dies zu ändern, an bürokratischen Hürden gescheitert seien.939 Dies lag auch daran, dass sich der spanische Diplomat Ontiveros am 12. Juni 1939 während einer Unterredung im Iveagh House über die anhaltende Propagandakampagne der republikanischen Aktivitäten gegen die spanische Regierung beklagte. Das Außenministerium nahm sich der Sache an und bat das Frank Ryan Release Committee, alle anstehenden Veranstaltungen zu verschieben. Ontiveros fühlte sich auch persönlich von den Kampagnen und den über die ganze Stadt verteilten Parolen wie „Release Frank Ryan or Else“ bedroht und fürchtete um sein Leben, zumal die „republikanischen Elemente“940 in Irland bereits konkrete Todesdrohungen gegen ihn ausgesprochen hatten. 937 Aufruf von M. Hall, ohne Empfänger, o. D., Frank Ryan Release Committee Collection, CPIA, Dublin. 938 Brief Frank Edwards an Hannah Sheehy-Skeffington, 25. Februar 1939, SSP, MS 24,126, NLI, Dublin. 939 Brief Hannah Sheehy-Skeffington an Desmond Ryan, 16. April 1939, SSP, MS 41,177/45, NLI, Dublin. 940 Barry Whelan, Ireland and Spain, 1939–55: Cultural, Economic and Political Relations from Neutrality in the Second World War to Joint Membership of the United Nations: 13. [Online]. Januar 2012. URL: http://eprints.maynoothuniversity.ie/4075/1/BW_Thesis.pdf [08.03.2016]. 5 Francos wichtigster Gefangener – Frank Ryan in spanischer Gefangenschaft 258 Neben Ontiveros und dem ehemaligen Kommandanten der Irish Brigade, Eoin O’Duffy, dessen Standpunkt zum irischen Häftling in den Augen des spanischen Diplomaten weit mehr der öffentlichen Meinung entsprach als die der republikanischen Freunde Ryans, hatte dieser noch weitere Opponenten in seiner Heimat. Einige Vertreter der katholischen Kirche, so auch ein gewisser Father James A. Cleary, der Ryan als „communist“ bezeichnete,941 sprachen sich gegen die Freilassung des Journalisten aus. Um gegen die Unterstützer Ryans vorgehen zu können, gingen rechtsgerichtete Kreise, insbesondere Laienvertreter der Kirche, dazu über, jede Kundgebung dieser Art zu infiltrieren und sich als besorgte Verfechter der Gerechtigkeit auszugeben.942 Obwohl der spanische Diplomat diese Kreise nicht dazu ermutigt hatte, tat er auch nichts, um die Gegner Ryans davon abzuhalten. Vielmehr sammelte er die ihm zugetragenen Informationen über Teilnehmer der Pro-Ryan-Veranstaltungen und dort getroffene Aussagen. Ein solches Schreiben an Ontiveros, von dem irischen Priester Father James A. Cleary verfasst, brandmarkte den Journalisten als Kommunisten. Au- ßerdem kritisierte der Geistliche die irische Presse, die zwar Frank Ryans Einsatz in den Internationalen Brigaden anprangerte, aber kein Wort über seine vermeintlichen Greueltaten verlor. Insgesamt festigte sich dadurch die Meinung des spanischen Diplomaten über den Fall Frank Ryan. „The Spanish Minister was determined to hold firm and offer no assistance in the Ryan case as the Minister’s supporters, which he believed represented authentic public opinion, were expressing their attitude just as loudly: ‚I hope the Spanish Government will show firmness and not release him.‘“ Schließlich mussten auch de Valera und Walshe erkennen, dass ihr Plan, Ontiveros Einfluss und Kontakte zu nutzen, um Ryans Freunde und Unterstützer zu besänftigen, am Widerwillen des spanischen Botschafters scheiterte.943 Ungeachtet der Rückschläge auf politischer Ebene arbeiteten Ryans Freunde weiter daran, seine Freilassung zu erreichen. Hannah Sheehy-Skeffington hoffte durch einen Artikel des Journalisten Ryan größere Aufmerksamkeit für den Fall des Kriegsgefangenen zu bekommen. Das Ziel war, die breite Öffentlichkeit anzusprechen, gleichzeitig sollten, aus offensichtlichen Gründen, keine „Roten“ im Komitee vertreten sein. Einen Teilerfolg konnte die Aktivistin Hannah Sheehy-Skeffington944 dahin gehend bereits verbuchen, denn die Gaelic League hatte der Petition für die Freilassung Ryans bereits inoffiziell zugestimmt.945 Eigentlich war – einem Zeitungsbericht 941 Laut dem irischen Gesandten Leopold Kerney hatte das spanische Außenministerium eine Vielzahl von Briefen erhalten, die die weitere Inhaftierung von Frank Ryan forderten. Jedoch sind keine weiteren Namen bzw. tatsächliche Nachweise in den National Archives in Dublin zu finden. Ibid, 83. 942 Es handelte sich hierbei scheinbar um rechtsgerichtete Unterstützer der katholischen Kirche. Ob es sich dabei um Geistliche gehandelt hat, ist nicht nachvollziehbar. Konkrete Namen der „Teilnehmer“ waren auch nicht in Erfahrung zu bringen. Barry Whelan, Ireland and Spain, 1939–55: Cultural, Economic and Political Relations from Neutrality in the Second World War to Joint Membership of the United Nations: 84. [Online]. Januar 2012. URL: http://eprints.maynoothuniversity.ie/4075/1/BW_ Thesis.pdf [08.03.2016]. 943 Ibid, 13, 82ff. 944 Nähere Informationen zu Hannah Sheehy-Skeffington finden sich in Fußnote 141. 945 Brief Hannah Sheehy-Skeffington an Desmond Ryan, 16. April 1939, SSP, MS 41,177/45, NLI, Dublin. 5.3 Der Fall Frank Ryan im Fokus der Politik 259 zufolge – schon im Juni 1938 eine Petition von der Gaelic League an General Franco gerichtet worden, unterstützt auch von Vivion de Valera, dem ältesten Sohn des irischen Regierungschefs. Man hatte gehofft, so das Leben des Iren, das nach den damals verfügbaren Informationen in akuter Gefahr schien, zu retten.946 Das Komitee selbst versuchte durch öffentliche Veranstaltungen und Kundgebungen auf das Schicksal des Iren aufmerksam zu machen, was in den Augen der Mitglieder dringend nötig geworden war, als Ryans Name nicht auf der Liste der auszutauschenden Gefangenen erschien. Da man eigentlich von einer in Kürze zu erfolgenden Freilassung ausgegangen war, entschied die Führung nun, das Außenministerium aufzufordern, die Bemühungen zu verstärken. Man rief zudem zu Spenden auf, um die Kampagne zu finanzieren. Die Arbeit der Organisation fand Unterstützung durch Vertreter einiger namhafter irischer Vereinigungen, darunter des Irish Trades Council und des Belfast Trades Council, der Irish Distributive Workers’ Union sowie des Dublin Trades’ Union Councils, aber auch durch aktive und ehemalige Abgeordnete des Dáil sowie einen Senator.947 Die Regierung erhielt weitere Ansuchen aus der Bevölkerung und von verschiedenen Gruppen, unter anderem der Fianna Fáil Cumann aus Kimmage, Grafschaft Dublin,948 der Exil-Iren in Wigan in der Grafschaft Greater Manchester in England, der Vertreter der irischen Labour Partei aus Moneenroe in der Grafschaft Kilkenny, der North West Labour Party of Northern Ireland,949 des Hichester Trade Council in Selsey, Sussex, England und sogar von Anthony Kechlicker, einem ehemaligen Mithäftling Frank Ryans. Die Petitionen gingen der irischen Regierung über einen Zeitraum von circa zwei Jahren zu.950 Wie ihre britischen Kollegen reagierten die Kabinettsmitglieder in Dublin sehr verhalten auf die Bittschriften aus der Bevölkerung. In den Antworten an die Organisation der Iren in Wigan verwies der zuständige Dáil-Abgeordnete auf die laufenden Anstrengungen der Behörden seit Bekanntwerden der Gefangennahme Ryans.951 Leider blieben, trotz all der unvermindert anhaltenden Arbeit, alle Bemühungen der irischen Regierung und die Kampagnen des Frank Ryan Release Committees erfolglos. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges sandte die Organisation eine erneute Anfrage an den Außenminister. Die Komiteemitglieder fürchteten, dass der Krieg die Freilassung noch weiter verzögern könnte und hofften auf verstärkte Anstrengungen aus Dublin. Man erreichte sogar, dass eine Abordnung eine Einladung 946 Bericht des Daily Express „Franco Petitioned To Save Irishman“, 2. Juni 1938, DFA/4/244/22, NAI, Dublin. 947 Briefe des Sekretärs des Frank Ryan Release Committee, ohne Absender, 20. Juni 1939, 12. Juli 1939 und 22. Juli 1939, Frank Ryan Release Committee Collection, CPIA, Dublin. 948 Petition der Spooner Touhy Fianna Fáil Cumann (Kimmage), 30 April 1938, DFA/10/A/20/1, NAI, Dublin. 949 Brief Joseph Duffy, ohne Empfänger, 18. Juni 1939; Brief Joseph Duffy an F. Gray B.L. T.D., o. D., Petition der Labour Partei Moneenroe, Co. Kilkenny, 26. Juni 1939; Petition der North West Labour Party of Northern Ireland, 30. Juni 1939, DFA/10/A/20/2, NAI, Dublin. 950 Petition des Hichester Trade Council, 15. April 1940; Brief Anthony Kechlicker an Eamon de Valera, 11. April 1940, DFA/10/A/20/3, NAI, Dublin. 951 Brief Frank Carty T. D. an Joseph Duffy, 5. Juli 1939, DFA/10/A/20/2, NAI, Dublin. 5 Francos wichtigster Gefangener – Frank Ryan in spanischer Gefangenschaft 260 zu einem persönlichen Gespräch mit Eamon de Valera erhielt.952 Jedoch blieb bei diesem, wie bei allen vorangegangenen Versuchen auch, der gewünschte Erfolg aus. Gleichzeitig wuchs die Sorge um den Iren, denn es gab unterschiedliche Berichte über seinen Gesundheitszustand und seine Behandlung im Burgos Gefängnis. So berichtete die Zeitung The Voice of Spain von Ryans schlechter Verfassung: „‚The English (Irish) prisoner, Frank Ryan, who is weak and ill, has been placed among the worst consumptive cases in the hospital of Burgos prison. While he knows that many people including the Eire Minister, are working for his release, he feels that he will never be permitted to go out of the prison.‘“953 Dies verstärkte die Besorgnis seiner irischen Freunde, die sich bei Tom Jones rückversicherten, wie denn Ryans Gesundheitszustand nun sei. Man hoffte, mit diesem Argument bei den irischen Behörden besseres Gehör zu finden. Aber nach und nach wurden Stimmen laut, die an der Ernsthaftigkeit der Bemühungen des Dáil zweifelten. „(…) I have felt that the demand for the release of Frank Ryan was not being pushed with any vigour but, like others, I have allowed myself to be influenced by the idea that the Government was working quietly to secure Frank Ryan’s release. I did not like to believe the suggestion which I have heard that the Government were only keen on restraining activities for Frank Ryan.“954 Unabhängig davon, ob diese Einschätzung den Tatsachen entsprach, gab es keine weiteren Fortschritte und der Ire befand sich weiterhin in einem spanischen Gefängnis in Haft. Jedoch hatte Ryan nicht nur Fürsprecher, die sich für seine Freilassung einsetzten. Insbesondere in Spanien gab es verschiedene Kräfte, die mit allen Mitteln verhindern wollten, dass er wieder auf freien Fuß kommt. Im Folgenden werden diese Vorgänge und deren Hintergründe näher beleuchtet. Frank Ryans Gegner in Spanien Ryan hatte sich durch seinen Einsatz für die spanische Republik nicht nur Freunde gemacht. Der britische Militärattaché in Paris beispielsweise sagte gegenüber einem Vertreter Francos in Bezug auf den Iren: „He is only a gangster anyway and you ought to shoot him.“955 Auch unter seinen eigenen Landsleuten waren einige der Meinung, Ryan sollte dauerhaft im Gefängnis bleiben. Der irische Gesandte Leopold Kerney hatte beispielsweise den Journalisten Thomas Gunning in Verdacht, gegen Ryan bei Franco zu intervenieren. Gunning, ein enger Vertrauter General O’Duffys, war während des Einsatzes der irischen Brigade als Übersetzer für den General tätig und mit den Gegebenheiten in Nationalspanien bestens vertraut. Er hatte sich wegen eines 5.3.5 952 Brief Seán Nolan an den Außenminister Eamon de Valera, 15. September 1939; Brief Seán Nolan an J. P. Walshe, 21. September 1939, DFA/10/A/20/2, NAI, Dublin. 953 Brief Sean Nolan an Tom Jones, 25. April 1940, D/JO/54, FROH, United Kingdom. 954 Korrespondenz zwischen R. M. Fox und Seán Nolan, 23. April 1940, Frank Ryan Files – Teil 1, G2/0257, MACBB, Dublin. 955 Bericht Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 3. September 1938, DFA/10/A/20, NAI, Dublin. 5.3 Der Fall Frank Ryan im Fokus der Politik 261 Auftrags schon vor der Ankunft der irischen Soldaten auf Francos Territorium aufgehalten. Als Kerney von den Anschuldigungen gegen seinen Landsmann erfuhr, fiel sein Verdacht sofort auf den Journalisten Gunning. Von dem amerikanischen Pressevertreter Carney hörte der Diplomat auch folgenden Sachverhalt: O’Duffy oder ein Mitglied der Irish Brigade hatte die spanischen Behörden informiert, dass Ryan im Zusammenhang mit einem politischen Mord in Irland bereits schon einmal verhaftet worden sei. Allerdings habe man ihm die Tat nicht nachweisen können und Frank Ryan wieder freigelassen, obwohl seine Täterschaft, beziehungsweise zumindest seine Beteiligung, nicht ausgeschlossen worden sei. Gunning ging sogar noch einen Schritt weiter. Er verbreitete überall, dass der Ire Kommunist sei und schon deshalb erschossen werden solle.956 Der Journalist selbst stellte keine allzu verlässliche Quelle dar. Recherchen der irischen Gesandtschaft hatten ergeben, dass er an Tuberkulose litt und plante, Spanien bald zu verlassen. Zudem kannte man ihn als starken Trinker. Für Kerney stand trotzdem fest: Gunning schien Ryans gefährlichster Gegner in Spanien zu sein. Der Journalist hatte vor Zeugen und im Beisein der Legationssekretärin den nachsichtigen Umgang Francos im Hinblick auf republikanische Gefangene kritisiert und dabei nochmals seine Anschuldigungen gegen Ryan wiederholt: „There’s one man, an International, that was captured in Gandesa; he had seven murders to his name outside the country and he was a scoundrel; for two months I have been trying to get him shot; I’ve gone to them with tears in my eyes to get them to shoot him; and they wont [sic] shoot him.“957 Hinsichtlich des Verhältnisses zwischen dem Taoiseach und Ryan bemerkte er, dass de Valera ein persönliches Interesse an diesem speziellen Fall habe, wegen der engen Verbindung der beiden Männer in der Vergangenheit. Darüber hinaus brauchte de Valera Ryan in Irland als linksgerichteten Verbündeten.958 Zunächst war sich Gunning der Tragweite seiner Äußerung nicht bewusst. Erst als er seinen Fehler erkannt hatte, suchte er das Gespräch mit Kerney und legte diesem weitere Details zu Ryans Fall offen, darunter die Aussage, der Gefangene in Saragossa sei von seinen Mithäftlingen getrennt worden, weil man ihn stillschweigend hinrichten wolle. Allerdings machte die Indiskretion eines spanischen Reporters, der Informationen über den speziellen Häftling an Kollegen weiterleitete, diesen Plan zunichte. Nachdem nun nicht mehr geleugnet werden konnte, dass sich der Ire in den Händen Francos befand, gestatteten die Behörden dem amerikanischen New York Times-Journalisten William Carney, Frank Ryan zu besuchen. Auf die Nachfrage Kerneys bestätigte Gunning, dass sein Landsmann ausschließlich aufgrund seines Ranges als Offizier im Gefängnis in Saragossa hingerichtet werden solle. Außerdem gab er 956 Bericht „Frank Ryan (144/35)“ Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 14. Mai 1938, DFA/ 4/244/22, NAI, Dublin; Stradling, Irish & Spanish Civil War, 19. 957 Bericht „Frank Ryan (144/35)“ Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 14. Mai 1938; Bericht „Thomas GUNNING (Your 144/35), 2. Juni 1938, DFA/4/244/22, NAI, Dublin. 958 Bericht „Thomas GUNNING (Your 144/35), 2. Juni 1938; Bericht „Thomas GUNNING and Frank RYAN“ Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 7. Juni 1938; geheimer Bericht „Frank Ryan“, Leopold Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 24. Mai 1938, DFA/4/244/22, NAI, Dublin. 5 Francos wichtigster Gefangener – Frank Ryan in spanischer Gefangenschaft 262 dem irischen Repräsentanten zu verstehen, dass den spanischen Behörden kein wirklicher Beweis für Behauptungen vorliege, wonach Ryan tatsächlich eine Erschie- ßungseinheit kommandiert oder faschistische Soldaten gleich nach deren Gefangennahme erschossen hätte – ein Sachverhalt, der ihm auch nicht zur Last gelegt werde. Anderenfalls, gab Gunning zu bedenken, wäre der Gefangene höchstwahrscheinlich schon hingerichtet worden. Die Frage, aus welcher Quelle die Ryan zur Last gelegten Anschuldigungen stammten, vermochte Gunning nicht zu beantworten. Nichtsdestoweniger warfen Ryans frühere Aktivitäten ein schlechtes Licht auf seine Person. Ein Jahr zuvor hatte er für das linksgerichtete Magazin Mundo Obrero geschrieben. Laut seinem Landsmann habe sich einer der Artikel mehr mit O’Duffy befasst als mit den Geschehnissen in Spanien. Zudem wirke sich Ryans Rückkehr auf die Iberische Halbinsel nach seiner Rekonvaleszenzzeit in Irland sehr negativ aus. Nach Einschätzung Gunnings sei es wahrscheinlicher, dass der Ire bis zum Ende des Krieges in Haft blieb, als vorzeitig freigelassen zu werden. Eine Vollstreckung des Todesurteils hielt er für sehr unwahrscheinlich, sei Franco sich doch der Gefahr bewusst, den Journalisten auf diese Art zum Märtyrer zu stilisieren.959 Neben Gunning äußerte sich auch der irische Deserteur Brendan Moroney zu den Vorwürfen gegen Ryan. Der Ire erhoffte sich auf diese Weise Hilfe von Kerney zu erhalten, um in seine Heimat zurückkehren zu können. Er schilderte dem Diplomaten die Umstände seiner Fahnenflucht. „(…) It was for refusing to do duty on one of these firing squads that he was arrested and sentenced to death. When Frank Ryan, with whom he had been on friendly terms, learned of his refusal to shoot Spanish civilians, he himself threatened to shoot him. Ryan was, apparently, not only in complete sympathy with the general campaign against God, Church and Fascism, but was an enthusiastic advocate of the measures being taken against those who were openly opposing the campaign. Moroney was unable to say whether Ryan had ever acted as a member of a firing squad or whether he had ever commanded one. Moroney is convinced that Ryan is a communist; in Ireland he and his family had known him as an ‚anti-fascist republican‘. He was of course aware of Ryan’s capture in March last and thinks that he deserves to be shot for his activities on behalf of the Spanish Government.“960 Neben den beiden Männern, Moroney und Gunning, hatte auch Eoin O’Duffy die spanischen Behörden mit Informationen über Ryan versorgt. Vom spanischen Verbindungsoffizier Leutnant Antonio Miracle, der den General auch als Übersetzer unterstützte, gelangten wichtige Einzelheiten über das Leben Frank Ryans an Oberst Luis Martín de Pinillos Blanco de Bustamante, den zuständigen Chefinspektor der Gefängnisse. Beide Offiziere machten aus ihrer Abneigung gegenüber Ryan kei- 959 Bericht „Frank Ryan (144/35)“ Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 14. Mai 1938; Bericht „Thomas GUNNING (Your 144/35), 2. Juni 1938; Bericht „Thomas GUNNING and Frank RYAN“ Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 7. Juni 1938; Bericht P. J. O’Byrne „Brendan Moroney, deserter from the International Brigade, Spain“, 17. Juni 1938; geheimer Bericht „Frank Ryan“, Leopold Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 24. Mai 1938, DFA/4/244/22, NAI, Dublin. 960 Bericht P. J. O’Byrne „Brendan Moroney, deserter from the International Brigade, Spain“, 17. Juni 1938, ibid. 5.3 Der Fall Frank Ryan im Fokus der Politik 263 nen Hehl. So erwähnte Miracle gegenüber dem irischen Unterhändler Captain Walter Meade961, dass es doch eine gute Sache wäre, den Iren still und heimlich loszuwerden. Die Militärführung hatte jedoch entschieden, seine Todesstrafe in eine langjährige Haftstrafe umzuwandeln.962 In der Zwischenzeit war auch noch eine andere Organisation auf das Schicksal des Iren in Francos Gefängnis aufmerksam geworden. Die deutsche Abwehr, die über gute Kontakte zu Franco verfügte, begann sich für Frank Ryan zu interessieren. Die konkrete Entwicklung sowie die Beweggründe der Abwehr werden im Folgenden näher erläutert. Das deutsche Interesse am Häftling Frank Ryan Ungeachtet der widrigen Umstände und des mangelnden Erfolgs, setzte Kerney seine Arbeit für Ryan fort. Jedoch gewann er mehr und mehr den Eindruck, (…) that there are occult influences working against Frank Ryan“. Zwar sah er deren Ursprung nicht in Irland; „(…) but I am struck now and again by some stray remarks in the course of conversations – insignificant when taken separately but which, when summed up, force me gradually to the conclusion that there is secret opposition from another country than Ireland.“963 Den Einfluss seiner Landsleute hatte der irische Gesandte unterschätzt, aber er lag grundsätzlich richtig mit seiner Einschätzung, was das Interesse anderer Länder – einmal abgesehen von den USA, Großbritannien und Irland – betraf. Wie aus Unterlagen des Auswärtigen Amtes in Berlin hervorgeht, nahmen verschiedene Personen und Organisationen Kontakt zu deutschen Stellen auf. Im Juni 1939 erhielt die deutsche Gesandtschaft in Dublin einen Brief des Iren John Holden. Er ersuchte um die Weiterleitung seines Briefes an den Führer persönlich. In seinem Schreiben bat er Hitler, sich für die Freilassung Ryans, der ein enger Freund der Familie war, einzusetzen. Seine Freiheit bedeute auch Vorteile für Deutschland, da Ryan bereits seit vielen Jahren gegen England gekämpft habe. Holden schloss seinen Brief mit folgenden Worten: „You have done more for Ireland in your recent speech than the average person can appreciate or realise. We are not inclined to forget you. We are proud of you beyond description, and perhaps in time Ireland may give a tangible gesture of her appreciation.“964 Eduard Hempel, deutscher Gesandter in Dublin, fügte dem Text Holdens noch ein Schreiben 5.3.6 961 Captain Walter Meade war ein spanischer Militärangehöriger mit irischen Wurzeln. Er diente während des Einsatzes der Irish Brigade als Verbindungsoffizier zwischen Eoin O’Duffy und der Militärführung in Burgos. Meade stand dem irischen Gesandten Leopold Kerney nach dem Ende des Bürgerkriegs beratend zur Seite und unterstützte ihn bei den Verhandlungen zur Freilassung aller in Spanien inhaftierten irischen Freiwilligen. Meade kümmerte sich auch um den Fall Frank Ryan. „Memorandum on Frank Ryan“, Mitschrift eines Gesprächs zwischen Colonel Dan Bryan und Leopold Kerney, 20. Oktober 1941, DFA/10/A/20/4, NAI, Dublin. 962 Bericht „Frank RYAN. Your 244/8A.“, Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 7. Juni 1939, DFA/10/A/20/2, NAI, Dublin. 963 Vertraulicher Bericht Leopold Kerney an J. P. Walshe, 23. April 1940, DFA/10/A/20/3, NAI, Dublin. 964 Begleitschreiben John Holden an den Sekretär der Deutschen Gesandtschaft Dublin, 13. Juni 1939; Brief John Holden an Adolf Hitler, 13. Juni 1939, R 103027, PA, AA, Berlin. 5 Francos wichtigster Gefangener – Frank Ryan in spanischer Gefangenschaft 264 hinzu, in welchem er seine persönliche Einschätzung äußert und über Ryans Haftbedingungen berichtet. Danach soll Ryan als Offizier auf rotspanischer Seite den Befehl zur Erschießung von Frauen und Kindern gegeben haben. Hempel ergänzt, dass Ryans Freunde offen spekulierten, diese Anschuldigungen hätten ihren Ursprung in den Reihen der irischen Brigade. Der Kreis der Unterstützer Ryans setzte sich nicht nur aus linksgerichteten Sympathisanten der spanischen Regierung zusammen, auch die Anhänger der irischen nationalen Bewegung – die jene politische Haltung nicht teilten – und die irische sowie die britische Regierung engagierten sich für Frank Ryan. Dieses erste seriöse Ansuchen sollte kein Einzelfall bleiben. Nicht nur bei Hempel, auch beim italienischen Gesandten waren zahlreiche Anfragen und Hilfsgesuche eingegangen. Hempel empfahl, in dieser rein irisch-spanischen Angelegenheit keine weiteren Schritte zu unternehmen.965 Neben der deutschen Vertretung in Dublin hatte die deutsche Spionageabwehr966 im August 1939 einen Brief von Padraic O’Caomhanaigh, einem Veteranen der Irish Brigade aus Ballinrobe im County Mayo, erhalten. Darin bat er die deutsche Führung um Unterstützung, damit Frank Ryan weiterhin in Haft verbleibe. Da sich bereits die irische, die englische und die amerikanische Regierung bei den nationalspanischen Behörden für die Freilassung seines Landsmannes einsetzten, hoffte er darauf, in Deutschland die Fürsprecher für sein Anliegen zu finden. Im Namen aller Mitglieder seiner ehemaligen Einheit sollte Berlin seinen Einfluss bei General Franco geltend machen, um eine Begnadigung Frank Ryans zu verhindern. Der Ire sah die Gefahr, dass „Ryan nach seiner Freilassung die kommunistische Tätigkeit in Irland wieder aufnehmen und Unheil über dieses Land [Irland] bringen würde.“ Die Bitte zur Intervention wurde bei der Abwehr Ast X befürwortet, die diese Entscheidung wie folgt begründete. „Da es sich bei Padraic O’Caomhanaigh nach Angabe des X-Stier um einen durchaus zuverlässigen Iren handelt, der zu den grössten [sic] Verfechtern der deutschen Sache in Irland gehört und der bereit ist, sich in weitgehendem Masse [sic] für Deutschland einzusetzen, erscheint es angebracht, seine Bestrebungen betreffend Ryan nach Möglichkeit zu unterstützen, um seine Einsatzbereitschaft für Deutschland zu erhöhen.“ Am 29. September 1939 ging ein Brief des Auswärtigen Amtes an die Deutsche Botschaft in Madrid mit der Anweisung der Bitte zu entsprechen und bei der Regierung Francos in „vertraulicher und freundschaftlicher Form (…) zur Sprache zu bringen (…).“967 Auch dieses Unterstützungsgesuch sollte nicht das Letzte an Deutschland bleiben. Im Februar 1940 erhielt die Botschaft in Washington ein Schreiben des Clan na Gael-Sekretärs Michael McSwiney. Dieser hoffte, den deutschen Geschäftsträger Dr. 965 Bericht Eduard Hempel an das Auswärtige Amt, 6. Juli 1939, R 103027, PA, AA, Berlin. 966 Die deutsche Abwehr war die nachrichtendienstliche Sektion des Oberkommandos der Wehrmacht. Sie stand unter der Leitung von Admiral Claus-Wilhelm Canaris. Ihre Tätigkeit umfasste die drei Bereiche der Streitkräfte, d. h. Heer, Marine und Luftwaffe. Dabei beinhalteten die Aufgabengebiete grob gegliedert die aktive Erkundung, Sabotage, Sondereinsätze und Abwehr feindlicher Spionage. Paul Leverkuehn, Der geheime Nachrichtendienst der deutschen Wehrmacht im Kriege (Frankfurt/Main: Athenäum Verlag, 1964), 9. 967 Geheime Aktennotiz über Besprechung mit X-Stier am 7. August 1939 der Abwehrstelle im Wehrkreis X (Hamburg), 8. August 1939; geheimer Brief J. A. (Bismarck) an die Deutsche Botschaft in Madrid, 29. September 1939, politische Angelegenheiten – Spanien, Bd. 9, R 101336, PA, AA, Berlin. 5.3 Der Fall Frank Ryan im Fokus der Politik 265 Hans Thomsen als Unterstützer für Frank Ryans Fall zu gewinnen. Der Amerikaner hob die Verdienste des Iren für dessen Land hervor und gab zu bedenken, dass sich in den Staaten eine Vielzahl von Organisationen für seine Freilassung einsetzte. In McSwineys Augen würde die persönliche Fürsprache eines deutschen Vertreters bei den spanischen Behörden Ryans Entlassung garantieren. Obwohl er den Sachverhalt nicht eingehend überprüfen konnte, nahm der Diplomat an, dass „eine Freilassung dieses angeblichen irischen Nationalhelden, falls sie durch eine Fürsprache von uns gefördert würde, auf die irischen Kreise in den Vereinigten Staaten eine günstige Wirkung ausüben könnte.“968 Das Auswärtige Amt in Berlin war einer Einflussnahme in Spanien nicht abgeneigt. Die zuständige Stelle regte Nachforschungen an, um zu klären, ob sich Ryan noch in Haft befand und ob eine baldige Freilassung angedacht war. Falls ersteres zutraf, sollte man den irischen Hilfsgesuchen entsprechen und in Spanien intervenieren. Die Deutsche Botschaft in Madrid äußerte allerdings Bedenken hinsichtlich des Kurswechsels in dieser Sache, denn es war bereits im September 1939 ein Erlass durch das Auswärtige Amt in Berlin ergangen, wonach „(…) auf Grund eines von besonderer irischer Seite geäusserten [sic] Wunsches ersucht wurde, die Angelegenheit Frank Ryan bei der spanischen Regierung in dem Sinne zur Sprache zu bringen, dass der Freilassung des Genannten entgegengewirkt würde.“969 Berlin wies die Vertretung in Madrid an, vor weiteren Schritten abzuwarten, ob Ryan inhaftiert sei, aber entgegen vorangegangener Anordnung bei Gelegenheit und „ohne ein besonderes Interesse“ den neuen Erlass vom 28. März 1940, die Freilassung Ryans, umzusetzen. Der Kurswechsel sollte mit dem Ausbruch des Krieges und der daraus resultierenden Veränderung der Verhältnisse begründet werden. Die Nachforschungen der deutschen Botschaft ergaben, dass sich der Ire nach wie vor im Zentralgefängnis in Burgos befand. Deshalb würde man, entsprechend dem Drahterlass970 aus Berlin, den spanischen Behörden zu verstehen geben, dass die deutsche Führung ein gewisses Interesse an der Freilassung Frank Ryans habe und sich die deutsche Abwehr in Zukunft um diese Angelegenheit kümmern würde.971 Die nachfolgenden Darstellungen befassen sich zum einen konkret mit den Vorgängen, die zur deutschen „Intervention“ im Fall Ryan geführt haben, sowie mit der Ausarbeitung konkreter Pläne der Deutschen, wie eine Freilassung des Iren konkret zu bewerkstelligen wäre. 968 Brief Clan na Gael and I. R. A., Michael McSwiney an Dr. Hans Thomsen, Chargé d’Affaires, 27. Februar 1940; Bericht Nr. 352, Deutsche Botschaft Washington, Hans Thomsen an das Auswärtige Amt, 29. Februar 1940, Privata Spanien – Strafverfolgung, R 103238, PA, AA, Berlin. 969 Erlass Pol. III 641, J. A. Schwendemann an die Deutsche Botschaft in Spanien, 28. März 1940; Antwort Pol. III 847, Deutsche Botschaft Madrid an das Auswärtige Amt Berlin, 11. April 1940, Privata Spanien – Strafverfolgung, R 103238, PA, AA, Berlin. 970 Der Drahterlass ist ein Fernschreiben, das vom Auswärtigen Amt an die Auslandsvertretungen übermittelt wird. Diese Nachrichten enthalten verschlüsselte Informationen aus Berlin an die jeweilige Botschaft bzw. Gesandtschaft. Heinrich W. Beuth, „Regiert wird schriftlich: Bericht, Weisung und Vorlage“, Auswärtiges Amt. Diplomatie als Beruf, Hrsg., Enrico Brandt und Christian Buck (Opladen: Leske + Budrich, 2003), 121f. 971 Antwort des Auswärtigen Amtes an die Botschaft Madrid zu Erlass Pol. III 847; Antwort Pol. III 1240 auf den Erlass Pol. III 847, Heberlein an das Auswärtige Amt Berlin, R 103238, PA, AA, Berlin. 5 Francos wichtigster Gefangener – Frank Ryan in spanischer Gefangenschaft 266 Die Flucht aus dem spanischen Gefängnis Der irische Gesandte Leopold Kerney erkannte relativ spät, dass General Franco selbst die strikte Anweisung gegeben hatte, im Fall Frank Ryans dürfe ohne sein Einverständnis nichts unternommen werden. Offensichtlich war der General eine Vereinbarung, möglicherweise mit dem ehemaligen britischen Botschafter Hodgson eingegangen, die es ihm unmöglich machte, den Iren freizulassen.972 Es gab aber auch Gerüchte, die sowjetische Regierung habe Interesse an Ryan. Diese Möglichkeit prüfte das irische Außenministerium, kam jedoch zu dem Schluss, dass es sich lediglich um ein Gerücht handelte. Vielmehr zeigte sich, dass sich hauptsächlich linksgerichtete Freunde, wie Gerald O’Reilly und der Gewerkschaftsführer Mike Quill973, in den USA für seine Haftentlassung stark machten,974 deren Bemühungen bis dahin allerdings erfolglos geblieben waren. Nun rückte das Schicksal des Iren in den Fokus der deutschen Abwehr. Deren Aufmerksamkeit rührte vor allem von Ryans Bekanntschaft mit Helmut Clissmann und Josef „Jupp“ Hoven her. Beide Männer gehörten in den 20er Jahren dem Jungpreußischen Bund an, einer am Kommunismus angelehnten Organisation, deren Ziel ein von Frankreich unabhängiges Rheinland war. Im Juli 1929 nahmen Josef Hoven und sein Bruder Viktor975 an der Konferenz der Liga gegen Imperialismus in Frankfurt am Main teil. Unter den Abgeordneten befanden sich auch Peadar O’Donnell und Seán MacBride als Vertreter des linken Flügels der IRA.976 Ab diesem Zeitpunkt unterhielten die Hoven-Brüder Verbindungen zu den republikanischen Kreisen in Irland. Hoven plante für den August 1931 sogar den Besuch einer Studentengruppe, organisiert vom Jungpreußischen Bund. Man wollte den nationalen Kampf der Iren vor Ort erleben. Zu diesem Zweck kontaktierte der Deutsche Frank Ryan und erbat sich nähere Informationen über besondere Sehenswürdigkeiten und dergleichen. Ryan antwortete nicht auf diese Anfrage. Diese Zurückhaltung hatte keinerlei Einfluss auf die guten Beziehungen 5.4 972 „Memorandum on Frank Ryan“, Kerney an das Verteidigungsministerium, 20. Oktober 1941, Frank Ryan Files – Teil 1, G2/0257, MACBB, Dublin. 973 Michael Joseph Quill war Gründungsmitglied und langjähriger Gewerkschaftsvorsitzender der TWU, in der sich Beschäftigte des öffentlichen Nahverkehrs in New York organisierten. Gerald O’Reilly, „Mike Quill and the birth and growth of the Transport Workers’ Union“, Labour History News No. 4 (Summer 1988): 12, Spanish Civil War Collection, ILHSA, Dublin. 974 „Memorandum on Frank Ryan“, ohne Autor, o. D., DFA/10/A/20/4, NAI, Dublin. 975 Viktor Hoven, der jüngere Bruder von Josef „Jupp“ Hoven, wurde im März 1909 in Kornelimünster geboren. Nach seinem Studium der Rechtswissenschaften, der Geschichte und der Volkswirtschaftslehre an Hochschulen in Köln, Paris, Berlin und Frankfurt/Main promovierte er an der Bonner Universität im Fachbereich Geschichte. Ab 1935 war er als selbstständiger Kaufmann in der Kalkindustrie tätig. In den 1920er Jahren war Viktor schon politisch aktiv und gehörte unter anderem dem Jungpreußischem Bund und der Schill-Jugend an. Ebenso wie sein Bruder Josef hatte er Kontakte zu den republikanischen Kreisen in Irland. Mit Ausbruch des Krieges trat er, wiederum zusammen mit seinem Bruder Josef, dem Lehrregiment Brandenburg bei und war beim Sonderstab Hollmann an verschiedenen Operationen im Ausland beteiligt, wie beispielsweise an der Front in Holland, Belgien und Frankreich in seiner Funktion als Mitglied des Sonderstabs Hollmann. Detailansicht des Abgeordneten Dr. Viktor Hoven, ohne Autor, Landtag NRW. [Online]. o. D.. URL: https://www.land tag.nrw.de/portal/WWW/Webmaster/GB_I/I.1/Abgeordnete/Ehemalige_Abgeordnete/details.jsp?k =00495 [08.06.2017]; Bericht „Note on Viktor Hoven.“, 10. Mai 1945, KV 6/79, NAK Kew, London. 976 Note on Helmut Clissmann, o. D., KV 6/80, NAK Kew, London. 5.4 Die Flucht aus dem spanischen Gefängnis 267 zwischen den beiden Organisationen, denn mit Jupp Hoven blieb weiterhin mit Séan McBride, Peadar O’Donnell und Anhängern des linken Flügels der IRA in Kontakt.977 Abbildung 6 – Frank Ryans Freund Helmut Clissmann Quelle: Eigenarchiv Abbildung 7 – Frank Ryans Freund Josef „Jupp“ Hoven Quelle: Eigenarchiv Sowohl Helmut Clissmann als auch Jupp Hoven978 bemühten sich um die Freilassung Ryans. Clissmann versuchte erfolglos den deutschen Gesandten in Irland, Eduard Hempel, für den Fall zu interessieren. Hoven wiederum wollte seinen Einfluss als Mitarbeiter der deutschen Abwehr nutzen. Auch er konnte zunächst nichts erreichen.979 Als Mitarbeiter der Gruppe Abwehr II/West gelang es ihm jedoch nach einiger Zeit, die Behörde auf den Fall Frank Ryan aufmerksam zu machen.980 Es war viel Überzeugungsarbeit nötig, um die Dienststelle vom potenziellen Nutzen des Iren zu überzeugen. Dazu hatte Hoven immer wieder betont, welch guten Eindruck Deutschland in Irland hinterlassen würde, wenn die Abwehr die Begnadigung des Iren erreichte. Darüber hinaus gab er zu bedenken, dass man diese positive Stimmung eventuell für deutsche Zwecke nutzen könnte. Die Idee fand immer mehr Anklang und es wurden Pläne entwickelt, wie Ryan nach dessen Freilassung sinnvoll einzusetzen wäre. Ein Plan sah 977 Note for the Interrogation of Jupp Hoven, o. D., KV 6/79, NAK Kew, London. 978 Helmut Clissmann sowie Josef „Jupp“ waren Mitarbeiter der Abwehr II und gehörten dem Lehr- Regiment Brandenburg z.b.V. 800 an. Beide Männer kannten den Iren seit ihrer Zeit in Irland Anfang der 1920iger Jahre. Sie alle verband eine enge Freundschaft seit dieser Zeit. Nähere Informationen zu Helmut Clissmann und Josef Hoven finden sich in der Fußnote 6. 979 Second Supplement to FR 41 on Oblt. Helmut Clissmann, 30. Mai 1946, KV 6/81, NAK Kew, London. 980 Brief Dr. Josef Hoven an Enno Stephan, 12. August 1959, Enno Stephan Collection, MACBB, Dublin. 5 Francos wichtigster Gefangener – Frank Ryan in spanischer Gefangenschaft 268 vor, dass er in die USA reiste und mit der örtlichen IRA anti-britische Propaganda betriebe. Zunächst galt es allerdings, Kontakt mit den spanischen Behörden herzustellen.981 Abbildung 8 – Helmut Clissmann und Jupp Hoven zusammen mit Frank Ryan am Siemens Kraftwerk Ardnacrusha in Ballykeelaun, County Clare, Irland Quelle: Enno Stephan Collection, MACBB, Dublin Zeitgleich mit der deutschen Abwehr lotete auch der spanische Anwalt Ryans, Jaime Michel de Champourcin, Möglichkeiten aus, die Freilassung seines Mandanten zu erreichen. Dabei kamen dem Juristen seine weitreichenden Verbindungen zugute. Er war unter anderem Mitarbeiter des national-spanischen Geheimdienstes und unterhielt enge Kontakte zu deutschen Stellen.982 Nachdem feststand, dass im Fall Ryan keine Begnadigung infrage kam, rückten für de Champourcin die Deutschen und de- 981 Enno Stephan, „Die vergessene Episode: Deutsche Agenten im irischen Untergrundkampf “, unveröffentlichtes Manuskript, Enno Stephan Collection, MACBB, Dublin, 229. Gerüchte besagten allerdings, dass Ryans Freilassung auf die Verbindungen der Abwehr zur IRA zurückzuführen gewesen sei. Stephen Carroll Held, ein irischer Geschäftsmann mit Verbindungen zur Irish Republican Army, soll bei seinem Besuch in Deutschland die Freilassung seines Landsmanns angesprochen haben. Die deutsche Abwehr sei diesem Wunsch gefolgt. Memo „Frank Ryan“, 5. Mai 1943, Frank Ryan Files – Teil 1, G2/0257, MACBB, Dublin. 982 Obwohl die Verhandlungen über eine Haftentlassung des Iren in den Händen der Abwehr lagen und Wolfgang Blaum, Mitarbeiter der Kriegsorganisation der Abwehr in Spanien, Ryan im Gefängnis besucht hatte, sprach Kerney in einem Bericht an das irische Außenministerium von de Champourcins Kontakten zur deutschen Gestapo. Ein Memorandum des irischen Verteidigungsministeriums aus dem Jahr 1941 sagt aus, dass Frank Ryan in Burgos von Paul Winzer, dem Polizeiattaché an der deutschen Botschaft in Madrid, aufgesucht und befragt worden sei. Ryan berichtete Kerney 5.4 Die Flucht aus dem spanischen Gefängnis 269 ren Einfluss auf der Iberischen Halbinsel in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Es war die Idee des Anwalts, Kontakt mit der Abwehr aufzunehmen und auf diese Weise Bewegung in die Angelegenheit zu bringen. Kerney – dieser Idee nicht abgeneigt – konnte sich beim irischen Außenministerium allerdings nicht rückversichern. Deshalb stimmte er dem Vorhaben nur unter der Bedingung zu, dass er nicht in Verbindung mit der deutschen Behörde gebracht werden konnte.983 De Champourcin stellte daraufhin den Kontakt zu den deutschen Stellen her und vermeldete kurz darauf, dass Berlin Interesse an Ryan zeigte. Darüber hinaus lag auch schon die Zustimmung der entsprechenden Entscheidungsträger bei der Abwehr vor, in dieser Angelegenheit tätig zu werden, woraufhin de Champourcin sofort die Verhandlungen mit Franco aufnahm.984 Im März 1940 entsandte die Abwehr einen Vertreter nach Madrid.985 Der Leiter der K.O.-Spanien, der Kriegsorganisation der Abwehr986, war Friedrich Wolfgang Blaum. Während dieser im Mai 1940 den Auftrag erhielt, sich des Falls Ryan anzunehmen, traf sich Admiral Wilhelm Canaris bereits mit hochrangigen Vertretern der Franco-Regierung, um über eine Freilassung zu sprechen.987 Allerdings gerieten – anders als man erwartet hatte – die Gespräche zwischen der Abwehr und Franco ins Stocken. Der Diktator weigerte sich, seinen irischen Gefangenen zu begnadigen und zu entlassen, was der einzig legale Weg gewesen wäre, Ryan freizubekommen. Stattdessen schlug der Regierungschef vor, eine Flucht zu inszenieren. Auf diese Weise konnte das gewünschte Ergebnis erzielt werden, ohne dass der Staatschef sein Gesicht verlor. Dies war nötig, wie Kerney aus spanischen Kreisen erfuhr, weil es eine Vereinbarung mit den Briten gab, die Ryans Inhaftierung betraf. Falls dieses Gerücht den Tatsachen entsprach, war dem Spanier das gute Verhältnis zum Deutschen Reich offensichtlich wichtiger, als die Beziehungen zum britischen Empire. Auch die Verhandlungen mit der Abwehr schritten voran. „(…) he authorised the placing of this alleged dangerous communist at Germany’s disposal – a gesture which could conceivably später von diesem Gespräch: „(…) Winzer or Winzner put him certain questions, and spoke in such a way as if he had his lesson by heart; he was very fair, and asked no commitments of Ryan, who said ‚I’ve been waiting for this visit for two years‘.“ Memorandum on Frank Ryan, Department of Defence, 20. Oktober 1941, Frank Ryan Files – Teil 1, G2/0257, MACBB, Dublin. 983 Stephan schreibt in seinem Buch allerdings, dass sich Kerney streng vertraulich bei de Valera abgesichert hatte und dieser dem Plan, Ryan mit deutscher Hilfe zu befreien, zugestimmt hatte. Stephan, Vergessene Episode, Enno Stephan Collection, MACBB, Dublin, 229. De Valera soll laut dem Irish Times Autor Michael McInerney aber eine weitere Bedingung für seine Zustimmung zu Ryans Freilassung gestellt haben, nämlich dass Ryan sofort nach Irland oder in die Vereinigten Staaten weiterreiste. Brief Michael McInerney an Tom Jones, 11. Februar 1977, D/JO/64, FROH, United Kingdom. 984 Memorandum on Frank Ryan, Department of Defence, 20. Oktober 1941, Frank Ryan Files – Teil 1, G2/0257, MACBB, Dublin. 985 Geheimes Dokument „Table of Events Appendix A to Fr 89 Sdf (Z), Kurt Haller“, 7. August 1946, KV 2/769, NAK Kew, London. 986 Die Kriegsorganisation, kurz KO, waren Außenstellen der Abwehr im verbündeten und neutralen Ausland. 987 Vertraulicher Bericht „Annex IV – Operations of II KO Spanien in Other Countries – Subject: Referat II KO Spanien“, 12. Januar 1945, KV 2/1976, NAK Kew, London. 5 Francos wichtigster Gefangener – Frank Ryan in spanischer Gefangenschaft 270 have unpleasant consequences for the Irish Government, and therefore anything but a friendly gesture towards Ireland.“988 Über die unorthodoxe Einigung, die die Abwehr und die spanischen Behörden erzielt hatten, informierten die Deutschen sofort Ryans Anwalt, der auch für die Abwehr in Spanien tätig war. Dieser wiederum setzte Kerney über die Bedingungen der Freilassung in Kenntnis. Entgegen den Erwartungen des irischen Diplomaten sollte Ryan nicht in seine Verantwortung entlassen werden, vielmehr hatte Franco zugestimmt, den Iren am 25. Juli 1940 an Vertreter der deutschen Abwehr zu übergeben. Eine weitere Bedingung bestand in Ryans Zusicherung, nie wieder nach Spanien zurückzukehren.989 Vor der Umsetzung des geplanten Unternehmens organisierte de Champourcin den Besuch des deutschen Abwehragenten Blaum im Gefängnis von Burgos. Dieser überzeugte Ryan von der Notwendigkeit, das Angebot anzunehmen und nach der Freilassung nach Deutschland zu gehen. Der Ire stellte die Bedingung, dass er ein freier Mann sei, bleibe und auch nicht als bezahlter deutscher Agent in Berlin tätig werde.990 Auch Kerney stattete Ryan einen letzten Besuch ab, um ihn über den Plan in Kenntnis zu setzen. Am 12. Juli 1940 fand das letzte Gespräch zwischen den beiden Männern in der Haftanstalt in Burgos statt. Ungeachtet der Tatsache, dass das Engagement des Diplomaten für Ryan nicht an Bedingungen geknüpft war, wollte der irische Gesandte jedoch unbedingt sicherstellen, dass nach der Freilassung „(…) no harm might result from any failure on our part to observe his future movements and associations.“991 Kerney warnte Ryan auch eindringlich davor, sich zukünftig gegen die eingeschlagene Neutralitätspolitik der Regierung de Valera zu richten. Zudem versicherte Kerney seinem Landsmann, sehr erleichtert über die Tatsache zu sein, dass Ryan das Land verlasse. Denn dessen Betreuung hatte den Großteil seiner Zeit in Anspruch genommen. Um sicherzustellen, dass die Spanier den Gefangenen nicht auf der Flucht erschossen oder der Ire spurlos verschwand, plante Kerney, den Vorgang genau zu überwachen. Allerdings konnte er nicht persönlich an der Übergabe seines Schutzbefohlenen an die Deutschen teilnehmen. Deshalb beauftragte er den Anwalt de Champourcin sicherzustellen, dass es keine unvorhersehbaren Zwischenfälle gab.992 Nachdem die Deutschen entschieden hatten, dass Ryan zukünftig für den Einsatz für die irische Bewegung vorgesehen war, liefen die Vorbereitungen für die 988 Bericht „Frank Ryan“, Leopold Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 26. August 1940, DFA/10/A/20/4, NAI, Dublin. 989 Michael McInerney, „The Enigma of Frank Ryan – Part Two“, Old Limerick Journal Nr. 2 (März 1980): 32. 990 Vertraulicher Bericht „Annex IV – Operations of II KO Spanien in Other Countries – Subject: Referat II KO Spanien“, 12. Januar 1945, KV 2/1976, NAK Kew, London. Eine andere Quelle spricht davon, dass es sich bei diesem Besucher um den Polizeiattaché der deutschen Botschaft in Madrid, Paul Winzer, gehandelt habe. Memorandum on Frank Ryan, Department of Defence, 20. Oktober 1941, Frank Ryan Files – Teil 1, G2/0257, MACBB, Dublin. Wahrscheinlich war es der Abwehrmitarbeiter Friedrich Wolfgang Blaum, der Ryan in der Haftanstalt besucht hat, denn die gesamte Operation lag in der Verantwortung der Abwehr. Vertraulicher Bericht an Sekretär des Außenministeriums, 29. Juli 1940, DFA/4/244/8C, NAI, Dublin. 991 Vertraulicher Bericht an Sekretär im Außenministerium, 29. Juli 1940, DFA/4/244/8C, NAI, Dublin. 992 Ibid. 5.4 Die Flucht aus dem spanischen Gefängnis 271 Flucht des Journalisten auf Hochtouren. Das Kriegstagebuch der Abwehr II vermerkte für den 13. Juli 1940 folgendes: „K.O. Spanien teilte mit, dass ein V-Mann des Referats 1 West (Frank Ryan), dessen Einsatz für die irische Bewegung geplant ist, am 14. oder 15. Juli an der spanischen Grenze bei Irun/Hendaye durch Abw. II übernommen werden soll.“993 Es gibt viele widersprüchliche Schilderungen über die tatsächlichen Umstände seines Entkommens. Gemäß der offiziellen Version der spanischen Regierung sei Ryan am 15. Juli 1940 von Burgos in das Dueso-Gefängnis nach Santander verlegt worden. Dort sei er am 20. Juli 1940 aus der Haftanstalt ausgebrochen.994 Eine andere Quelle berichtet davon, dass der erste Versuch, ihn in die Freiheit zu entlassen, misslungen und der Ire tatsächlich in das neue Gefängnis gebracht worden sei. Der Direktor in Santander sei allerdings sehr überrascht gewesen, weil ihm keine Informationen über einen Neuzugang vorgelegen hätten. Angeblich hätte niemand dem Iren die Einzelheiten des Plans mitgeteilt, weshalb er sehr misstrauisch geblieben sei und die Gelegenheit zu entkommen, ungenutzt verstreichen habe lassen.995 Diese Version wurde von Jupp Hoven, den Ryan aus dessen Studienzeit in Irland noch gut kannte, gestützt. „(…) In Wahrheit hatte F. Ryan gar nicht gewußt [sic], wie ihm geschah, als er auffällig von einem Gefängnis in ein anderes verlegt wurde und nun fliehen sollte, ohne Personen oder Zusammenhänge zu kennen.“996 Ein niederländischer Mithäftling des Iren wiederum berichtete der Führung der Internationalen Brigaden, dass die Gefängnisleitung den Iren vorab über die Verlegung und die Möglichkeit zur Flucht informiert habe. Allerdings sei der Journalist voller Argwohn geblieben und habe den Niederländer gebeten, seine Freunde über dieses Vorhaben zu unterrichten.997 Auch der langjährige Vertraute des Iren, Helmut Clissmann,998 bestätigte während seiner späteren Vernehmung durch die amerikanischen Behörden, dass Ryan schon über alle Details in Kenntnis gesetzt worden war. Der Plan sah vor, dass der Häftling in ein anderes Gefängnis im Norden des Landes verlegt werden sollte. Auf dem Weg würden am Transportauto Probleme mit dem Motor vorgetäuscht werden, damit der Ire in ein Begleitfahrzeug umsteigen konnte, welches ihn über die Grenze nach Frankreich brachte. Der Ire wusste, dass der Plan in Zusammenarbeit mit der Abwehr aus- 993 Eintrag im KTB Abwehr II, 13. Juli 1940, KTB Band 1, F 23/1a, IfZ, München. 994 Handgeschriebene Notiz von Leopold Kerney, 4. November 1940, Madrid File 19/4, NAI, Dublin. 995 Stephan, Vergessene Episode, Enno Stephan Collection, MACBB, Dublin, 229f. 996 Brief Dr. J. Hoven an Enno Stephan, 29. Juni 1959, Enno Stephan Collection, MACBB, Dublin. 997 Auszug aus vertraulichem Bericht NY 1100–7828 des FBI, ohne Autor, 21. Dezember 1944 (?), Irish Republican Army File, 61–7606, BACM Research Paperless Archives (BACM), Iselin, New Jersey, USA. 998 Helmut Clissmann war zu Beginn der 1930er Jahre als Student an das renommierte Trinity College in Dublin gekommen und arbeitete später als Vertreter des Deutschen Akademischen Austauschbundes in der irischen Hauptstadt. An der Universität zeigte er auch Interesse am Republican Club der Bildungseinrichtung, dessen Mitglieder mit den Zielen der Irish Republican Army sympathisierten. Bei diesen Treffen lernte er auch Frank Ryan kennen. Während seiner Zeit in Irland lernte Clissmann auch seine spätere Frau Elizabeth kennen, die auch Verbindungen zu den nationalen Kreisen im Freistaat unterhielt. Mit Frank Ryan verband sie eine enge Freundschaft, wodurch auch die beiden Männer in engem Kontakt standen. Bericht „Note on Helmuth [sic] Clissmann“, o. D., KV 6/80, NAK Kew, London. 5 Francos wichtigster Gefangener – Frank Ryan in spanischer Gefangenschaft 272 geführt wurde, denn sowohl sein ausländischer Besucher im Gefängnis als auch der Fahrer des Fluchtwagens waren Deutsche. Um Ryans Vertrauen zu gewinnen und einen reibungslosen Ablauf des Vorhabens zu gewährleisten, versprachen die Helfer, dass er entweder in Frankreich oder später in Deutschland von guten Freunden erwartet werden würde. Laut Clissmann verlief die vorgetäuschte Flucht nach Plan. Er selbst war allerdings nicht an dem Vorhaben beteiligt, denn zu dieser Zeit hielt er sich in Kopenhagen auf.999 Offiziell schilderte Kerney Ryans Freilassung in seinem Bericht an das Außenministerium in Dublin folgendermaßen: „At 2 a.m. on the date [25. Juli 1940] B. [Champourcin] stopped his car on the roadside a short distance away from the prison. Half an hour later two cars drove past; in the first were [Polizeichef José] Finat’s secretary and a German; in the second there were two armed uniformed Falangistas, members of Serrano Suñer’s personal bodyguard. About 20 minutes after entering the prison, they emerged with Ryan; this additional passenger was seen to be in one of the two cars as they again passed in front of the stationary car. B’s larger car then returned to Burgos and, getting ahead of the others, reached Irun about 7.30 a.m.; B. left his car in the town, and proceeded on foot to the International Bridge; at about 8.30 a.m. the two cars arrived at the bridge, papers were quickly produced and the barrier lifted almost at once, but B. saw Ryan in his car and Ryan gave a quick glance showing he recognised B., but without betraying the fact to these besides him. (B. had already seen Ryan on one occasion in prison.)“1000 Am gleichen Tag erhielt de Champourcin von seinem deutschen Kontaktmann einen Brief Frank Ryans. Darin bedankte sich der Ire bei Kerney für dessen Hilfe und versicherte ihm, dass die Flucht ohne Zwischenfälle verlaufen war. Zudem deutete er eine längere Reise an, weshalb er nicht sofort nach Irland zurückkehren könnte. Sowohl der Diplomat als auch der Jurist de Champourcin schlossen daraus, dass sich Frank Ryan auf dem Weg in die Vereinigten Staaten befand.1001 Bei seiner Entlassung war Frank Ryan 38 Jahre alt und gesundheitlich sehr angeschlagen; die Strapazen der Haft hatten deutliche Spuren hinterlassen. Seine Schwerhörigkeit hatte sich deutlich verschlechtert, sodass eine Verständigung nur durch Schreien möglich war.1002 Um sich nach dem Stress der vergangenen Wochen und Monate etwas zu erholen, verbrachte der Ire die ersten Tage in Freiheit in der französischen Hauptstadt, die er zusammen mit dem deutschen Begleiter und Vertreter der Abwehr, Kurt Haller, am 17. Juli 1940 erreicht hatte.1003 Die Abwehr ließ sich den Aufenthalt Ryans einiges kosten. Neben der Unterbringung in einer Villa wurde er mit frischer Kleidung versorgt und speiste in einem der besten Restaurants von Paris.1004 Ryan muss dieser Kontrast nach mehr als zwei Jahren Gefängnis in Bur- 999 Second Supplement to FR 41 on Oblt. Helmut Clissmann, 30. Mai 1946, KV 6/81, NAK Kew, London. 1000 Bericht „Frank Ryan“, Leopold Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 26. August 1940, DFA/10/A/20/4, NAI, Dublin. 1001 Ibid. 1002 Stephan, Vergessene Episode, Enno Stephan Collection, MACBB, Dublin, 230f. 1003 Eintrag im KTB Abwehr II, 17. Juli 1940, KTB Band 1, F 23/1a, IfZ, München. 1004 Stephan, Vergessene Episode, Enno Stephan Collection, MACBB, Dublin, 230f. 5.4 Die Flucht aus dem spanischen Gefängnis 273 gos wie ein Traum vorgekommen sein; dennoch blieb er verhalten und misstrauisch. Dies änderte sich erst, als er am 20. Juli 1940 auf seinen Freund Helmut Clissmann traf, der ihm die Hintergründe seines Aufenthalts näher erläuterte.1005 Während der Ire sich in Paris erholte, verbreitete sich die Nachricht seiner vermeintlichen Flucht wie ein Lauffeuer in Irland und den USA. Doch wich die anfängliche Euphorie bereits kurze Zeit später einer Ernüchterung, die von der Tatsache genährt wurde, dass niemand genau wusste, wo der Ire sich aufhielt. Es gab viele Gerüchte und Spekulationen: De Champourcin informierte Kerney beispielsweise darüber, dass Ryan auf dem Weg in die USA einen Zwischenhalt in Schweden eingelegt habe.1006 Seine Freunde und Bekannten spekulierten darüber, in welchen Ländern sich der Journalist derzeit aufhalten könnte. Zur Auswahl standen ihrer Meinung nach Portugal, Deutschland,1007 Nordamerika oder sogar Jugoslawien.1008 Die Annahme, Ryan halte sich in Berlin auf, hielten viele Vertraute für absurd, denn der Ire hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass er mit den Deutschen wenig anzufangen wusste.1009 Seine amerikanischen Freunde machten sich große Sorgen, denn sie zweifelten an der Version der erfolgreichen Flucht. Vielmehr waren sie davon überzeugt, dass das wahre Schicksal Ryans damit verschleiert werden sollte.1010 Von dem Iren selbst gab es kein Lebenszeichen. Er fand erst im August 1940 die Gelegenheit, sich mit Leopold Kerney in Verbindung zu setzen. In dem Brief betonte Ryan gegenüber seinem Landsmann, dass er wohlauf zu sei. Ryan entschuldigte sich darüber hinaus für seine abrupte Abreise, denn er ging davon aus, dass Kerney nichts über die Art und Weise seines Wegganges wusste. Ryan versicherte dem Gesandten, dass er sich in Freiheit befinde und abgesehen davon tun und lassen könne, was er wolle. Jedoch, so die Befürchtung, werde sich für ihn wahrscheinlich keine Gelegenheit ergeben, vor Ende des Krieges in die Heimat zurückzukehren. Obwohl Ryan Kerney darum bat, auf diskrete Weise seine Familie und Freunde darüber zu informieren, dass es ihm gut gehe,1011 hielten die Spekulationen seinen Aufenthaltsort betreffend noch eine Weile an. Es gab zwar vereinzelt Informationen über den Iren, jedoch war weder zweifelsfrei bewiesen, dass diese authentisch waren, noch ließen sie Rückschlüsse auf seinen tatsächlichen Aufenthaltsort zu. Durch die Flucht aus dem Burgos Gefängnis blieb Ryan keine Alternative, als sich in die Hände seiner Freunde bei der deutschen Abwehr zu begeben. Für Ryan kam allerdings erschwerend hinzu, dass Irland sich im europäischen Konflikt dazu entschlossen hatte, neutral zu bleiben. Die folgenden Ausführungen befassen sich mit 1005 Cronin, Frank Ryan, 163. 1006 Vermerk Leopold Kerney, 4. Oktober 1940, Madrid File, Berlin Legation File on Frank Ryan, DFA/10/A/20/Annex, NAI, Dublin. 1007 Memorandum „Continuation of Memorandum of Frank Ryan“ o. D., Frank Ryan Files – Teil 1, G2/025, MACBB, Dublin. 1008 Bericht über Frank Ryan, ohne Autor, o. D., IBAB, 28/G/2, MML, London. 1009 Brief Dr. Wallin Starkie an Hannah Sheehy-Skeffington, 4. Dezember 1940, SSP, MS 24,126, NLI, Dublin. 1010 Brief Gerald O’Reilly an Leopold Kerney, 6. November 1940, Frank Ryan Files – Teil 1, G2/0257, MACBB, Dublin. 1011 Brief Frank Ryan an Leopold Kerney, 20. August 1940, DFA/10/A/20/4, NAI, Dublin. 5 Francos wichtigster Gefangener – Frank Ryan in spanischer Gefangenschaft 274 Ryans Zeit in Deutschland, seinen Aktivitäten, den Plänen der deutschen Führung mit dem Iren sowie seinen letzten Jahren in Berlin und Dresden. Zur Einführung werden im Folgenden die diplomatischen Beziehungen zwischen Irland, Großbritannien und Deutschland im Jahr 1930 näher beleuchtet. Ausgehend von der Neutralität des irischen Freistaats werden die Auswirkungen auf die Beziehungen zum britischen Königreich und der deutschen Führung in Berlin näher beleuchtet. 5.4 Die Flucht aus dem spanischen Gefängnis 275

Chapter Preview

References

Abstract

The book describes the life and times of the well-known Irish Republican Francis „Frank“ Ryan. Ryan who fought for an all-Irish Republic and followed the political ideas of James Connolly and Charles Stewart, decided to fight fascism on the European continent and entered the Spanish Civil War on the side of the republican forces. While being in combat having the rank of a major in the International Brigades, he was captured in 1938 and became Franco’s most important prisoner. He had to endure two years in Burgos Prison before, due to the intervention of the German Abwehr, he had the chance to leave Spain with an option to return home. Instead of going back to Ireland, he ended up in Nazi-Germany at the beginning of the Second World War. Considering this background the book also examines the diplomatic relations between Ireland and Germany in the first half of the 20th century.

Zusammenfassung

Dieses Buch befasst sich mit der Lebensgeschichte des bekannten irischen Nationalisten Francis „Frank“ Ryan, der sich zeit seines Lebens für die Wiedervereinigung der grünen Insel und die vollständige Unabhängigkeit von Großbritannien eingesetzt hat. Seine linksgerichteten politischen Überzeugungen führten ihn als Kämpfer für die republikanische Regierung nach Spanien. Dort kämpfte er in den Reihen der Internationalen Brigaden und geriet als Francos wichtiger Gefangener in die Hände der Faschisten. Durch die Intervention der deutschen Abwehr kam er frei und fand sich im Deutschland der 1940er Jahre wieder. Vor dem Hintergrund seiner Lebensgeschichte wird auch die Entwicklung der politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Irland beleuchtet.