Content

4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg in:

Katja Christina Hirmer

Frank Ryan, page 117 - 220

Nationalist, Freiheitskämpfer – und Nazi-Kollaborateur?

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4398-1, ISBN online: 978-3-8288-7391-9, https://doi.org/10.5771/9783828873919-117

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg General Franco und seine Verbündeten gegen die spanische Republik Hintergründe des Spanischen Bürgerkriegs Als am 18. Juli 1936 Teile des spanischen Militärs unter der Leitung von General Francisco Franco den Kriegszustand ausriefen und somit gegen die gewählte linksgerichtete Regierung unter dem Vorsitz von Santiago Casares Quiroga und der Präsidentschaft von Manuel Azaña y Díaz435 putschten, war dies gleichzeitig der Beginn eines Bürgerkriegs, der eine internationale und bis zu diesem Zeitpunkt ungeahnte Welle der Solidarität innerhalb der linksgerichteten Kreise weltweit hervorrief. Die Gründe für den Konflikt waren komplex und resultierten aus der bewegten Geschichte des Landes. Der Niedergang der Weltmacht Spanien begann mit dem Ende des 18. Jahrhundert. Den Status als politisch bedeutende Macht in Europa, der unter anderem auf der Vielzahl der Kolonien in Südostasien, Mittel- und Südamerika beruhte, endete endgültig mit Napoleons Einmarsch in Spanien und durch die französischen Besatzer war auch die bis dahin bestehende Gesellschaftsordnung ins Wanken geraten. Die Schwäche des Mutterlandes nutzten viele der Überseekolonien dazu, sich von Spanien zu lösen. Dies führte dazu, dass sich das Land, durch das Wegbrechen des wirtschaftlichen Austauschs mit seinen Besitzungen in Südamerika, nicht im erforderlichen Maße der kapitalistischen Wirtschaftsordnung entsprechend entwickeln konnte. Zudem schwächte der spanisch-amerikanische Krieg im Jahr 1898 Spanien zusätzlich, denn nun strebten auch die letzten verbliebenen Kolonien in Mittelamerika und in Asien nach Unabhängigkeit. Die USA, die ein starkes wirtschaftliches Interesse an Kuba hatten, unterstützten die Freiheitsbewegung der Insel. Nach einigen weiteren bedauerlichen Zwischenfällen, wie dem mysteriösen Untergang des amerikanischen Panzerkreuzers USS Maine im Hafen von Manila, erklärte Washington Spanien 4 4.1 4.1.1 435 Der Rechtsanwalt und Gegner der Monarchie, Santiago Casares Quiroga, war bei Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs der gewählte Premierminister der spanischen Republik. Seine Amtszeit dauerte lediglich von Mai bis zu seinem Rücktritt am 18. Juli 1936 und Diego Martínez Barrio folgte ihm für einen Tag in das Amt. Manuel Azaña y Díaz war ein bekannter spanischer Autor und Politiker, der im Frühjahr 1931 die Position als Kriegsminister inne hatte und später, in der Zeit von Oktober 1931 bis September 1933, das Amt des Premierministers der zweiten spanischen Republik bekleidete. Im Mai 1936 wurde er zum Präsidenten der spanischen Republik gewählt und behielt diesen Posten bis zur Niederlage der republikanischen Truppen im Bürgerkrieg im April 1939. Paul Preston, The Spanish Civil War – Reaction, Revolution, and Revenge (New York: W. W. Norton & Company, 2007), 46ff, 54f, 84ff, 110f. 117 den Krieg.436 Die Übermacht der amerikanischen Truppen führte zur Niederlage der spanischen Kontrahenten und zum Verlust der verbliebenen spanischen Flotte. Im Frieden von Paris verzichtete Spanien schließlich auf alle bis dahin noch verbliebenen Besitzungen in der Karibik und im Pazifik.437 Auch innerhalb des Landes verschärften sich die sozialen Unterschiede. Trotz der stark fortgeschrittenen europäischen Industrialisierung war Spanien im Wirtschaftssektor noch rückständig. Im Jahr 1900 gab es laut der spanischen Regierung 76.000 Minenarbeiter, 706.000 Fabrikarbeiter und 236.000 Bauarbeiter. Dies entsprach aber lediglich 13 % der Erwerbstätigen. Gleichzeitig begannen die Arbeiter sich in Gewerkschaften zu organisieren, um ihre Interessen gegenüber den Arbeitgeber zu vertreten. Trotz dieser Entwicklung waren weiterhin 60 % bis 70 % der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig. Dabei zeigten sich besonders in diesem Sektor die sozialen Unterschiede deutlich. Schon 100 Jahre vorher, ab der Säkularisierung kirchlicher Besitztümer in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts, profitierten in erster Linie die privilegierten Teile der Gesellschaft, insbesondere die Großgrundbesitzer, von den Enteignungen kirchlicher Güter, denn diese konnten die ehemals kirchlichen Flächen für sich in Anspruch nehmen. Die Mehrheit der Landbevölkerung erhielt keine landwirtschaftlichen Flächen, obwohl sich abhängig von der Region auch kleine und mittlere landwirtschaftliche Betriebe etablierten. Aber besonders deren Eigentürmer lehnten eine landesweite Reform des Grundbesitzes ab, was folglich nicht dazu führte, 436 In den verbliebenen spanischen Kolonien in Kuba, Puerto Rico und den Philippinen verstärkten sich zu dieser Zeit die Unabhängigkeitsbestrebungen von der Kolonialmacht Spanien. Diese waren besonders für die USA interessant, denn man sah das Potenzial zur Erschließung neuer Märkte. Insbesondere auch auf Kuba hatten amerikanische Investoren bereits Geschäftsverbindungen aufgebaut, die durch eine Unabhängigkeit des Landes noch vertieft werden könnten. Im Rahmen dieser Beziehungen entsandte die US-Marine das Kriegsschiff USS Maine offiziell zu einem Freundschaftsbesuch in die Bucht von Havanna. Jedoch sollte, aufgrund der schwierigen Beziehungen zwischen den USA und Spanien auf der einen Seite und den offenen Auseinandersetzungen zwischen Kuba und dem Mutterland auf der anderen Seite, die militärische Macht demonstriert werden. Aus ungeklärter Ursache sank die USS Maine im Hafen der kubanischen Hauptstadt, was in der Folge dazu führte, dass Spanien den USA den Krieg erklärten, nachdem sich der Kongress in Washington offen für die Unabhängigkeit Kubas ausgesprochen hatte. Die ersten Kampfhandlungen ereigneten sich im Pazifik, als die amerikanischen Marineverbände die spanische Pazifikflotte vernichteten. In der Folge kam es noch zur Schlacht in der Bucht von Manila, die die USA durch ihre militärische Überlegenheit für sich entscheiden konnte. Dies führte nahezu zu einem Krieg zwischen Deutschland und den USA, denn das Deutsche Reich hatte zur Unterstützung der spanischen Verbände ein Kreuzergeschwader in die philippinische Hauptstadt beordert. In der Folge kam es zu massiven diplomatischen Verstimmungen, wobei der Ausbruch von Kampfhandlungen durch das Eingreifen sich vor Ort befindenden und ihn diesem Konflikt neutralen britischen Verbände gewährleistet werden konnte. Frank Freidel, The Splendid Little War – The Dramatic Story Of The Spanish-American War (Short Hills, Burford Books, 2002), 3f, 9f; Bettina Less, Die Explosion der USS Maine im Hafen von Havanna – Auslöser für den Spanisch-Amerikanischen Krieg 1898? (Berlin: VDM Verlag Dr. Müller, 2007), 1f, 17ff; 41ff, 46f; Heiko Herold, Reichgewalt bedeutet Seegewalt – Die Kreuzergeschwader der Kaiserlichen Marine als Instrument der deutschen Kolonial- und Weltpolitik 1885 bis 1901 (München: Oldenbourg Verlag, 2013), 306ff. 437 Michael Alpert, The Republican Army in the Spanish Civil War 1936–1939 (Cambridge: Cambridge University Press, 2007), ix; Walther L. Bernecker, Spanische Geschichte: Vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart (München: Verlag C. H. Beck, 2006), 52f, 56ff, 76. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 118 dass sich die Situation der Tagelöhner verbesserte.438 Die sozialen Unterschiede zwischen Arm und Reich führten zu ersten sozialen Spannungen im Land. Verschärft wurde dieser gesellschaftliche Gegensatz durch die regionalen Unterschiede innerhalb Spaniens – Katalanen und Basken opponierten gegen die Vormachtstellung Kastiliens. Ursache der innerspanischen Verwerfungen waren nicht nur die Unterschiede in Geschichte, Kultur und Sprache, sondern auch die unterschiedlichen ökonomischen Entwicklungen, die die drei Landesteile genommen hatten. Sowohl das Baskenland als auch Katalonien waren in wirtschaftlicher Hinsicht weiter entwickelt und leistungsstärker als der Rest Spaniens. Eben diese Differenzen führten dazu, dass die baskischen und katalanischen Nationalisten nach Unabhängigkeit strebten. Der Zerfall des ganzen Landes aufgrund dieser zusätzlichen innenpolitischen Spannungen drohte. Der Verlust der Rolle als Weltmacht lähmte Spanien und bewirkte, dass das Volk das Vertrauen in das politische System verlor. Die Mehrheit der Bevölkerung verlangte nach einer neuen starken Führungspersönlichkeit, die durch die Reaktivierung der alten Stärken dem Land zu neuer Größe verhelfen würde. Diese Rolle nahm fortan General Francisco Franco ein. Als ranghoher Offizier im Kolonialkrieg mit Marokko in Nordafrika hatte er sich innerhalb kurzer Zeit einen Namen gemacht. Aus diesem Grund schien er in dieser Situation genau der richtige Mann an der Spitze des Landes zu sein. „Die schmachvolle Niederlage [der spanischen Flotte gegen die US-amerikanischen Streitkräfte], deren Ursachen eine ganze Generation von Intellektuellen analysierten, wurde auf eine Willensschwäche der Spanier zurückgeführt und führte zu dem Gefühl, eine Marionette der Weltgeschichte zu sein. Diese Gemütslage herrschte noch lange in Spanien vor und daraus resultierte ein allgemeiner Wunsch nach Führungspersönlichkeiten, die dem Land unter Mobilisierung der alten Tugenden seiner glorreichen Vergangenheit zu neuer Größe verhelfen würde.“439 Aus den Forderungen der rechtsgerichteten Organisation Acción Española nach einem faschistisch geprägten politischen Führer leitete Franco später sogar das ideologische Fundament für seinen Herrschaftsanspruch ab. Eine weitere wichtige Rolle in der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung des Landes spielte die katholische Kirche. Alle Versuche, die Macht des Klerus, die insbesondere den Bildungs- und Pressesektor sowie den sozialen Bereich betraf,440 durch eine Verfassung zu schwächen, scheiterten. Die Kirch war vor allem im Bereich 438 Für diese Bauern, die keinen Grundbesitz hatten, bedeutete es, tagtäglich mit den anderen Tagelöhnern um eine Beschäftigung für diesen Arbeitstag zu konkurrieren. Es gab für sie auch während der Erntezeit keine Beschäftigungsgarantie und insgesamt lag die Beschäftigungsdauer bei 200 Tagen pro Jahr. In der restlichen Zeit lebten sie unter ärmlichsten Bedingungen. Filipe Ribeiro de Meneses, Franco and the Spanish Civil War (London: Routledge, 2001), 4. 439 Frank Schauff, Der verspielte Sieg – Sowjetunion, Kommunistische Internationale und Spanischer Bürgerkrieg 1936–1939 (Frankfurt/Main: Campus Verlag, 2004), 36, 22f; Meneses, Franco & Spanish Civil War, 3f, 28ff; Angela Berg, Die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 1936–1939 (Essen: Klartext Verlag, 2005), 21. 440 Die katholische Kirche baute in den 1890er Jahren die Schulen und Krankenhäuser unter kirchlicher Trägerschaft massiv aus. Hierzu zählten alle Ebenen der schulischen Bildung, von der Grundschule bis hin zur Universität. Zudem wurde die Gründung von katholischen Gewerkschaften, Gesellschaftsformen wie Versicherungsgesellschaften auf Gegenseitigkeit und ländlichen Kreditgenossenschaften durch die katholische Kirche unterstützt. Darüber hinaus verfügte die Kirche über ein 4.1 General Franco und seine Verbündeten gegen die spanische Republik 119 der Bildung sehr einflussreich und agierte in verschiedenen Wirtschaftssektoren. Die Kirche hielt an einer Gesellschaftsordnung fest, die in ihren Augen von Gott gegeben und gerecht war, obwohl auch in Spanien die zunehmende Industrialisierung ihre Wirkung auf die Gesellschaft zeigte und die Menschen aus den Dörfern in die Städte abwanderten. Immer mehr Menschen kehrten der Kirche den Rücken und der Klerus verlor die Unterstützung der sich neu formierenden urbanen Arbeiterschaft. Der Frust über die Haltung der Geistlichkeit entlud sich vielerorts in Gewalttaten gegen- über Klerus und kirchlichen Einrichtungen. Ungeachtet aller innerstaatlichen Probleme – die früheren Führungskräfte wie der katholische Klerus, die Monarchie und auch das Militär wurden nicht länger widerspruchslos als Autoritäten von weiten Teilen der Bevölkerung akzeptiert – gelang es dem Land, im 1. Weltkrieg neutral zu bleiben und im Gegensatz zu den meisten europäischen Staaten sogar von dem Konflikt zu profitieren: Der Handel mit Rohstoffen und Industrieprodukten ließ sowohl den industriellen als auch den Agrarsektor wachsen – ein Aufschwung, der allerdings nicht von Dauer sein sollte, denn die Weltwirtschaftskrise blieb natürlich nicht ohne Einfluss auf die ökonomische Lage der Iberischen Halbinsel. Spaniens Volkswirtschaft geriet in eine Depressionsphase, hohe Lebensmittelpreise ließen den Lebensstandard noch weiter absinken. Diese Entwicklung musste in den Augen der Arbeiterschaft gestoppt werden und man griff zum Mittel des Streiks, auch als Ausdruck dafür, dass sich die breite Masse gegen Kirche, Militär und Großgrundbesitzer auflehnte.441 Viele kleine Landwirte und Tagelöhner wiesen die Verantwortung für die schlechte wirtschaftliche Lage besonders den politisch einflussreichen Großbauern zu, einer Schicht aus einer vergleichsweise geringen Zahl an Familien, welchen bis in die dreißiger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts mehr als ein Drittel der landwirtschaftlichen Nutzflächen gehörte. In den Jahren zwischen 1923 und 1930 stand Spanien unter militärischer Führung, die als „Notpakt“ von allen damals mächtigen Gruppen der Oligarchie, insbesondere der Mittelklasse, der Armeekreise, den Anhängern der Monarchie und der führenden sozialen und wirtschaftlichen Elite442 unterstützt wurde. Auf diese Weise sollte, angesichts der massiven innenpolitischen Probleme und der fortschreitenden Gewalt, der völlige Zerfall des politischen Systems Spaniens abgewendet werden. Die Machtübernahme durch General Miguel Primo de Rivera443 wurde von Kirche, Bürgerschaft, Großgrundbesitzern und der Armee unterstützt. Mit Ausnahme der Anareinflussreiches Pressewesen. Unter den 248 Publikationen, die im Jahr 1891 vom Klerus veröffentlicht wurden, befanden sich 35 täglich erscheinende Zeitungen. Eine verschärfte Gesetzgebung in Frankreich und in Italien, die die Rechte der Kirche einschränkten, sorgte außerdem dafür, dass viele Orden aus diesen Ländern nach Spanien kamen und sich dort ansiedelten. Gabriel Jackson, The Spanish Republic And The Civil War, 1931–1939 (Princeton: Princeton University Press, 1972), 13ff; Meneses, Franco & Spanish Civil War, 6. 441 Berg, Die Internationalen Brigaden, 21ff; Meneses, Franco & Spanish Civil War, 5, 9; Jackson, Spanish Republic & The Civil War, 6. 442 George R. Esenwein, The Spanish Civil War – A Modern Tragedy (New York: Routledge, 2005), 12. 443 General Don Miguel Primo de Rivera y Orbaneja, Marqués de Estella, war ein spanischer Aristokrat, Armeeoffizier und Diktator in Spanien während der Militärregierung in den 1920er Jahren. Seine militärischen Erfolge erlangte er in den spanischen Überseekolonien Kuba und den Philippi- 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 120 chisten, die weiterhin das Ziel anstrebten, den Staat und den Kapitalismus zu vernichten, und der kleinen kommunistischen Partei des Landes, erhofften sich alle politischen und sozialen Vereinigungen eine positive Entwicklung des Landes unter der neuen Führung. Vorübergehend beruhigte sich die bis dahin angespannte Lage im Land wieder und Primo de Rivera gelang es, für einige Probleme des Landes pragmatische Lösungen zu finden. Als die neue Regierung nach einiger Zeit dazu überging, die Privilegien der einflussreichen Bürger und Großgrundbesitzer einzuschränken, verlor das Kabinett Primo de Riveras nach und nach den Rückhalt in der Bevölkerung, zunächst unter den Eigentümern großer landwirtschaftlicher Flächen, danach folgten die Studenten, Intellektuellen, die Republikaner und die Monarchisten. Als die ersten Auswirkungen der Weltwirtschaftsdepression des Jahres 1929 Spanien trafen, bröckelte auch die Unterstützung der Bürgerschaft für Primo. Nun sahen sich auch die Sozialisten, die dem Diktator bisher noch zur Seite gestanden hatten, gezwungen, sich von der Regierung zu lösen, denn auch sie drohten den Rückhalt ihrer Basis zu verlieren. Dem enormen politischen Druck nachgebend, trat der Diktator Primo de Rivera am 28. Januar 1930 zurück und übergab die Regierungsgeschäfte an General Dámaso Berenguer y Fusté.444 Seine Amtszeit war durch eine milde Form der Diktatur geprägt. Er versuchte, die konstitutionelle Monarchie im Land einzuführen, scheiterte aber an den erstarkenden republikanischen Kräften, die vor allem in den großen Städten an Einfluss gewannen, Unruhen innerhalb der Arbeiterschaft des Landes und durch Aufruhre innerhalb des Militärs. Die von Berenguer initiierten Kommunalwahlen des Jahres 1931 zeigte seinen Machtverlust deutlich, denn es zeichnete sich ein überragender Wahlsieg der republikanischen Kräfte ab. Der mangelnde politische Rückhalt veranlasste den König Alfonso XIII das Land freiwillig zu verlassen, bevor er mit Gewalt dazu gezwungen werden würde. Dies tat der König, obwohl er bis zu diesem Zeitpunkt noch gehofft hatte, durch die Militärdiktatur seine Macht zu erhalten.445 Somit war der Weg frei für eine neue Regierung, die als Bündnis aus linken Republikanern und Sozialisten bestand. „The Second Republic was born not out of revolution, but of the disintegration of monarchical authority, although its arrival was welcomed throughout the country by popular demonstrations.“446 Das neue Kabinett nen sowie in Spanisch-Marokko. Mit Duldung des Königs Alfonso XIII errichtete er eine Militärdiktatur mit dem Ziel, die schwierige innenpolitische Lage Spaniens zu stabilisieren. Frank Peter Geinitz, Die Falange Española und ihr Gründer José Antonio Primo de Rivera (1903–1936) – im Rahmen der Bewältigung der Vergangenheit der Zweiten Spanischen Republik (1931–1939). 2008. [Online]. o. D.. URL: https://edoc.ub.uni-muenchen.de/8429/1/Geinitz_Frank-Peter.pdf [19. Juli 2017]. 444 General Dámaso Berenguer y Fusté, Conde de Xauen startete seine militärische Karriere mit der Ausbildung zum Offizier an der Militärakademie. Nach dem Abschluss kämpfte er im kubanischen Unabhängigkeitskrieg auf spanischer Seite und wurde später nach Marokko beordert, wo er die erste marokkanische Armeeeinheit, die sogenannten Regulares, in Leben rief. Unter der Militärregierung Primos wurde er zum Leiter des königlichen Militärhaushalts ernannt. Als Anerkennung seiner politischen und militärischen Verdienste erhob Alfons XIII Berenguer in den Adelsstand. Rulers – Berenguer (y Fusté), Dámaso. [Online]. 09.2011. URL: http://rulers.org/indexb2.html#bereng [20.07.2017]. 445 Meneses, Franco & Spanish Civil War, 14; Preston, Spanish Civil War, 36f. 446 Meneses, Franco & Spanish Civil War, 14. 4.1 General Franco und seine Verbündeten gegen die spanische Republik 121 weckte besonders beim Kleinbürgertum und der Arbeiterschaft große Hoffnungen, da die neue Koalition sich auf die Fahnen geschrieben hatte, das Land zu reformieren und auch die Agrarfrage anzugehen, wobei man aber die Interessen der konservativen Kräfte und der privilegierten Elite des Landes, wie beispielsweise die Großgrundbesitzer, der Eigentümer von Land generell und die Industriellen, aus den Augen verlor. Die neue Regierung hatte sich auf die Fahnen geschrieben, aus Spanien eine wahre Demokratie zu machen. „(…) the Constitution committed the regime to work for the economic, social and cultural well-being of all of its citizens.“447 Die spanische Innenpolitik erfuhr unter dem neuen Kabinett einen deutlichen Linksruck. Eines der ersten Vorhaben auf der Agenda war, ab Juni 1931, die Aufteilung von landwirtschaftlich genutzten Flächen, um die, ihrer Meinung nach, nicht hinnehmbare Situation auf dem Land zu verbessern. Konkret sahen die Pläne der Regierung vor, dass „(…) labour could not be brought in by a landlord from outside the municipality in which his property was located; an eight-hour working day was introduced; cultivation of productive land was deemed obligatory (an imposition designed to create employment in rural areas); leases were made practically permanent and rents were frozen; and tribunals representing both landowners and workers were created in order to resolve remaining disputes at local level.“448 Die junge spanische Republik hatte dabei bald mit Problemen zu kämpfen, die kaum beeinflussbar waren, wie beispielsweise die Weltwirtschaftskrise oder der Trend innerhalb Europas, dass Staaten, wie beispielsweise Deutschland, der Demokratie den Rücken kehrten oder sich Diktaturen wie beispielsweise in Portugal und Italien manifestierten. Darüber hinaus hatte sie auch innerhalb des eigenen Landes Gegner, denn die bis dahin den Staat dominierende Gesellschaftsschicht, der die Monarchisten, die Landbesitzer aber auch der Klerus angehörten, erfuhr die neue Führung in Madrid allerdings als Bedrohung, da der Regierungswechsel der kleinen Oberschicht ihre Machtposition entzog. Für die Entwicklung des Landes waren nun die Linksrepublikaner verantwortlich, denen auch verschiedene Gruppen der liberal eingestellten Mittelschicht angehörten und eine gemäßigte sozialistische Partei, welche sich in ihrer Koalition gemeinsam und ungeachtet unterschiedlicher politischer Zielsetzungen auf eine grundlegende Reform der traditionellen Strukturen verständigen konnten.449 Zu den zentralen Zielperspektiven des ambitionierten Maßnahmenkataloges gehörten die Trennung von Kirche und Staat, eine Boden- sowie eine Militärreform: Eine professionellere Ausrichtung der spanischen Armee sollte den politischen Bestrebungen des aufgeblähten Offizierskorps mit seinem anachronistischen Selbstver- 447 Ibid, 14. 448 Ibid, 14. 449 Bernecker, Spanische Geschichte: 15. Jahrhundert bis heute, 83f; Carlos Collado Seidel, Der Spanische Bürgerkrieg – Geschichte eines europäischen Konflikts (München: Verlag C. H. Beck, 2006), 15, 23ff, 27ff; Paul Preston, The Coming of the Spanish Civil War – Reform, Reaction and Revolution in the Second Republic 1931–1936 (London: The Macmillan Press Ltd., 1978), 12f, 16ff; Schauff, Der verspielte Sieg, 25; Walther L. Bernecker und Sören Brinkmann, Kampf der Erinnerungen – Der Spanische Bürgerkrieg in Politik und Gesellschaft 1936–2008 (Nettersheim: Verlag Graswurzelrevolution, 2008), 23; Meneses, Franco & Spanish Civil War, 14ff. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 122 ständnis ein Ende setzen450 und die Armee einer wirksamen zivilen Kontrolle unterstellen. Das Militär fühlte sich von den Intentionen der Regierung gedemütigt, die beschlossene Verkleinerung der Divisionen sowie der militärischen Führungsebene schürte das Misstrauen gegenüber der Regierungskoalition, worauf sich die Streitkräfte auch gegen die Staatsführung wandten. Um den kirchlichen Einfluss auf die Gesellschaft zu mindern – die katholische Lehre hatte offiziell den Rang einer Staatskirche und das gesamte Erziehungs- und Bildungswesen in Spanien inne – plante das Kabinett unter anderem, die Gleichstellung aller religiösen Bekenntnisse451, den Wegfall von Vergünstigungen sowie der staatlichen Unterstützung für die katholische Kirche sowie den Entzug der Lehrbefugnis der Kirche im gesamten Bildungssektor. Eine Bodenreform sollte landwirtschaftliche Nutzfläche, entsprechend den Forderungen der ärmeren Bevölkerungsschichten, umverteilen. Außerdem zeigte sich das Kabinett bereit, den Forderungen der Basken und der Katalanen nach mehr Eigenständigkeit nachzugeben. Den Verflechtungen des gewachsenen militärisch-großagrarisch-klerikal-konservativen Komplexes beizukommen, erwies sich jedoch als schwieriger als erwartet: Insgesamt konnten geplante und bereits eingeleitete Reformen nur zum Teil umgesetzt werden. So unterzeichneten nur die Katalanen das Abkommen, das den Autonomiestatus der Region regelte. Dass man mit den Basken eine ähnliche Vereinbarung treffen konnte, verhinderten interne Auseinandersetzungen. Die politische, soziale und wirtschaftliche Entmachtung der Kirche wurde ohne ausreichenden gesellschaftlichen Konsens angegangen und mündete in Gewalt. Auch die Neuorganisation des Militärs vollzog sich lediglich ansatzweise und entfremdete das Offizierskorps der Republik noch mehr. Bei der Umsetzung der Bodenreform gerieten die Maßnahmen der Regierung ins Stocken. Zwar verabschiedete das Kabinett gegen den Widerstand der Landbesitzer ein Gesetz, welches die Grundbesitzenteignung, die fäl- 450 Seidel, Der Spanische Bürgerkrieg, 15, 23ff, 27ff; Schauff, Der verspielte Sieg, 25; Bernecker, Kampf der Erinnerungen, 23. 451 In Spanien sind neben dem katholischen Glauben vier evangelische Kirchengemeinschaften etabliert. Dieses sind die Iglesia Evangélica Española, die Iglesia Española Reformada, Unión Evangélica Bautista Española, eine Baptistengemeinde und die Hermanos, die Plymothbrüder, eine freikirchliche Bewegung, die ihren Ursprung in Irland hat. Hans Freiherr von Campenhausen u.a., Die Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft Band 6, Hrsg., Kurt Galling (Tübingen: J.C.B. Mohr, 1962), 227f; Johannes Warns, Georg Müller und John Nelson Darby. Ein Rückblick auf den sog. Bethesdastreit zu Bristol im Jahre 1848 (Wiedenest: Offene- Türen-Verlag Erich Sauer, 1936), 227f; Censo De Poblacion De 1930. [Online]. o. D.. URL: http:// www.ine.es/inebaseweb/pdfDispacher.do?td=194363&ext=.pdf [26. August 2015]. Nach Meinung mehrerer Historiker, darunter Walther Bernecker, Filipe Ribeiro de Meneses und des Theologen und Kirchenhistorikers Mariano Delgado entwickelte sich dieses Ziel zum zentralen Problem der spanischen Republik. Im Jahr 1930 lebten in Spanien circa 23.677.000 Menschen, von denen die überwältigende Mehrheit dem römisch-katholischen Glauben angehörte und sich somit eine sehr geringe Zahl an Andersgläubigen im Land befand. So wandte sich diese Forderung nicht gegen die Kirche als Glaubensgemeinschaft. Vielmehr drückte der Antiklerikalismus die Ablehnung der Bevölkerung gegenüber der traditionellen Rolle der katholischen Kirche als Verbündete der herrschenden Gesellschaftsschicht aus. Bernecker, Kampf der Erinnerungen, 25; Mariano Delgado, Religion und Öffentlichkeit in Spanien – Überlegungen zur Laizismus-Debatte. [Online]. o. D.. URL: https://www.unifr.ch/skg/assets/files/leseecke/Oeffentlichkeit-Delgado.pdf [20.07.2017], 123; Meneses, Franco & Spanish Civil War, 17. 4.1 General Franco und seine Verbündeten gegen die spanische Republik 123 ligen Ausgleichszahlungen und die Verteilung der Flächen an die Landbevölkerung regelte, jedoch mangelte es der Regierung am Willen, dieses auch konsequent umzusetzen, was auch den Problemen innerhalb der Regierungskoalition geschuldet war. In der Summe enttäuschten die als nur zaghaft und wenig weitreichend wahrgenommenen Reformen vor allem die sozialistische Arbeiterbewegung wie die Landarbeitergewerkschaft Federación Nacional de Trabajadores de la Tierra (FNTT) sowie die Anarchosyndikalisten der Gewerkschaft Confederacion Nacional del Trabajo (CNT)452 und führten dazu, dass sich diese Bevölkerungsgruppe angesichts der nur sehr geringfügigen Verbesserung ihrer prekären Lebenssituation mehr und mehr radikalisierte.453 Die angegangenen Reformen, wie beispielsweise die Ausweitung des staatlichen Bildungssektors, die Restrukturierung des Militärs, die in Aussicht gestellten groß angelegten Landreformen und die Einschränkung der Rechte des Klerus, führten in inhaltlicher Hinsicht und was die Methoden ihrer Umsetzung anbelangte, zu neuen, tieferen Verwerfungen in der politischen Landschaft Spaniens, innerhalb der spanischen Gesellschaft und selbst in der Regierung. Neue Fronten entstanden, die die Koalition aus linksorientierten Republikanern und Sozialisten schwächten und sie Mitte des Jahres 1933 in eine Krise gerieten ließen. Die politisch rechten Kreise profitierten von dieser Entwicklung, auch weil sie sich zunehmend besser organisierten. Sie standen für die Einheit Spaniens, hielten die Privilegien der Kirche und des Militärs für angemessen und unterstützten insgesamt die Eliten des Landes. Der Druck auf die Regierung verstärkte sich und zwischen den beiden Koalitionspartnern gab es erhebliche Spannungen, die im November 1933 mit dem Wechsel der Regierung endeten. Ein rechtsgerichtetes Bündnis, das nun dem republikanischen Kabinett an der Staatsspitze folgte, setzte, als es zu den altbekannten konservativen Wertvorstellungen und Zielen zurückkehrte, gleich zu Beginn seiner Arbeit Teile der beschlossenen Agrarreformen außer Kraft, wodurch sich die Lebensbedingungen der Landarbeiter verschlechterten und es zu einer weiteren Radikalisierung kam. Insgesamt war die Stimmung im Land angespannt, nachdem der Premierminister Alejandro Lerroux García454 drei neue Minister der Confederación Española de Derechas Autónomas 452 Aus einer ganzen Reihe anarchistisch geprägter Gruppen formierte sich im Herbst 1910 die Confederación Nacional del Trabajo, kurz CNT, zu einer anarcho-syndicalistischen Gewerkschaft. Anstelle von Gewalt und parlamentarischer Vertretung, stand bei dieser Organisation der revolutionäre Syndikalismus im Vordergrund. Einerseits trat die CNT als Gewerkschaft auf, die die Interessen ihrer Mitglieder im Rahmen der bestehenden Ordnung vertrat, aber gleichzeitig die Aktionen befürwortete, um eben dieses System zu stürzen. Preston, Spanish Civil War, 29f. 453 Collado Seidel, Der Spanische Bürgerkrieg, 27ff; Bernecker, Kampf der Erinnerungen, 23ff; Berg, Die Internationalen Brigaden, 26; Schauff, Der verspielte Sieg, 26; Esenwein, Spanish Civil War – Modern Tragedy, 13f. 454 Alejandro Lerroux García war ein spanischer Politiker, der in den Jahren 1933 bis 1935 dreimal die Geschickte des Landes als Premierminister lenkte. Seine Partei, die Partido Republicano Radical, kurz PRR, stand für einen radikalen Republikanismus, der dem Reformkurs der Vorgängerregierung wieder den Rücken kehrte. John Langdon-Davies, Behind the Spanish Barricades: Reports from the Spanish Civil War – Reports from the Spanish Civil War (London: Reportage Press, 2007), 5; Richard A. H. Robinson, The Origins Of Franco’s Spain – The Right, the Republic and Revolution, 1931– 1936 (Newton Abbot: David & Charles, 1970), 129, 138f, 157, 189, 198. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 124 (CEDA)455, einer neu gegründeten Allianz rechter Kräfte, in sein Kabinett holte. In den Augen der Linken kam die Regierungsbildung einer Machtergreifung durch die Faschisten gleich. Den Aufruf zum Generalstreik beantwortete das neue Kabinett mit der Ausrufung des Kriegszustands und ging militärisch gegen die Ausstände vor. Die angekündigte 24-stündige Arbeitsniederlegung, die viele Menschen unterstützt hatten, gab der Regierung ausreichend Zeit, das Kriegsrecht auszurufen. Somit hatte das Militär die Möglichkeit, alle notwendigen Schritte zu unternehmen, um die Streiks vorzeitig zu beenden, bevor diese ausreichend Wirkung entfalten konnten. Lediglich in Asturien und Katalonien entwickelten sich soziale Aufstände. Während die Umsturzversuche an der Mittelmeerküste kurze Zeit später zusammengebrochen waren, hielten die streikenden Arbeiter im Gebiet an der Nordwestküste Spaniens den Truppen zwei Wochen lang stand, bis der spanische Kriegsminister Diego Hidalgo456 General Francisco Franco die Aufgabe übertrug, den Aufstand zu beenden. Dieser setzte gegen die kaum bewaffneten Aufständischen die hartgesottenen Söldner der spanischen Afrikaeinheit ein, um die Revolte mit einer derartigen Brutalität, durch den Einsatz von schweren Artillerieangriffen und Bombenangriffen, niederzuschlagen, die dazu führte, dass sich die rechten und die linken Kreise des politischen Spektrums weiter radikalisierten.457 Das Land begann sich in zwei Lager aufspalten: Für die Linksorientierten hatte der Faschismus in Teilen Mitteleuropas die Macht ohne Legitimation an sich gerissen. Die Rechten verstanden sich seit ihrem Wahlerfolg in ihrer Rolle als Verfechter des Status quo durch die breite Öffentlichkeit bestätigt. Deshalb wollten sie als einzig verbliebenes Bollwerk weiterhin gegen die Unabhängigkeitsbestrebungen Kataloniens und des Baskenlandes und gegen die Ablehnung des Klerus durch die Gegenseite kämpfen.458 Die Spannungen innerhalb Spaniens hatten auch Auswirkungen auf das Parlament. Vor allem die Niederschlagung des Generalstreiks belastete die Regierungskoa- 455 Die Confederación Española de Derechas Autónomas (CEDA) entstand aus einer Reihe rechtsgerichteter Organisationen, darunter der Acción Popular, die wiederum aus einer Fusion der ACNP (Asociación Católica Nacional de Propagandistas) und alteingesessenen katholischen Agrarbündnissen hervorging. Die ACNP war dabei eine katholische Organisation, die verarmten Landbesitzern Hilfestellungen, wie beispielsweise Kreditangebote, landwirtschaftliche Gutachten, Lagerhaltung und Maschinennutzung anbot, um zu verhindern, dass die Bauern sich linken Kreisen anschlossen. Preston, Spanish Civil War, 33f, 43f, 62; Abraham Lincoln Brigade Archives – Introduction to the Spanish Civil War – The 1936 elections and the Popular Front government. Ohne Autor. [Online]. o. D.. URL: http://www.alba-valb.org/resources/lessons/introduction-to-the-spanish-civil-war/the- 1936-elections-and-the-popular-front-government [22.07.2017]. 456 Diego Hidalgo Durán war ein spanischer Intellektueller, der im Jahr 1934 zum Kriegsminister ins Kabinett Lerroux berufen wurde. Hidalgo ernannte General Francisco Franco zu einem seiner Berater in militärischen Fragen. Robinson, Origins Of Franco’s Spain, 190; Paul Preston, The Spanish Holocaust – Inquisition and Extermination in Twentieth-Century Spain (London: Harper Press, 2012), 77. 457 Die ausländischen Truppen verübten Gräueltaten unter der Bevölkerung, wobei viele Frauen und Kinder getötet wurden. Zudem exekutierten Francos Einheiten nach dem Fall der beiden wichtigsten Städte Gijón und Oviedo gezielt Anhänger der spanischen Linken. Preston, Spanish Civil War, 78f. 458 Esenwein, Spanish Civil War – Modern Tragedy, 13; Schauff, Der verspielte Sieg, 26f; Bernecker, Kampf der Erinnerungen, 26f; Preston, Spanish Civil War, 77f. 4.1 General Franco und seine Verbündeten gegen die spanische Republik 125 lition. Als Reaktion auf die politische Krise der Staatsführung löste Staatspräsident Niceto Alacalá Zamora y Torres im Januar 1936 das Parlament auf. „Zu diesem Zeitpunkt war das Land als Folge der Politik der beiden vorhergehenden Jahre zerrissener denn je: Die Lage auf dem Land war für viele Tagelöhner unerträglich, während die meisten Großgrundbesitzer die Enteignungsgefahren als gebannt betrachteten; die Militärs hatten ihre Konspirationspläne nicht preisgegeben, der größte Teil der kirchlichen Hierarchie stand in deutlichem Gegensatz zur Republik.“459 In dieser Atmosphäre starker sozialer und politischer Spannungen war das Volk aufgerufen, eine neue Regierung zu wählen. Die Abstimmung konnten die Linksrepublikaner mit gro- ßer Mehrheit für sich entscheiden. Das neue Kabinett versuchte, die drängenden Probleme des Landes zu lösen. Allerdings waren die Arbeiterorganisationen nicht bereit, es darin zu unterstützen. Vor allem die Landarbeiter schafften selbst neue Tatsachen. Streiks wurden ausgerufen und Land besetzt. Die neue Regierung griff nicht ein – im Gegenteil: Sie erließ nachträglich ein Gesetz, das die Enteignung rechtlich absicherte. Im zweiten Quartal 1936 wurde mehr Grundbesitz in die Hände anderer Eigner überführt, als in den vorangegangenen fünf Jahren insgesamt beschlagnahmt worden war. Zwar suchte man im Kabinett fieberhaft nach einer schnellen Lösung, um die jahrhundertealte Agrarstruktur Spaniens aufzubrechen, aber die Lage im Land war bereits zu prekär. Am 18. Juli 1936 putschte schließlich das Militär und versuchte, die Macht zu übernehmen. Die tiefsitzenden strukturellen Probleme konnten nicht schnell genug gelöst werden. Das Grundproblem Spaniens, die enormen sozialen Unterschiede, verhinderte eine Modernisierung der Gesellschaft sowie die Bildung einer starken Mittelschicht. Dies wurde besonders in den Jahren zwischen 1931 und 1936 deutlich. Zwei Bevölkerungsgruppen standen einander gegenüber, deren Lebensbedingungen nicht unterschiedlicher hätten sein können: Auf der einen Seite befanden sich die grundbesitzenden Oligarchen, denen nicht daran gelegen war, ihre seit Generationen gefestigte privilegierte Stellung aufzugeben. Ihnen gegenüber standen die Land- und Industriearbeiter, die in der Republik den Schlüssel zu einem besseren Leben sahen. Als sich die Hoffnung der armen Bevölkerung allerdings nicht im gewünschten Maße erfüllte, wandten sich die Menschen ebenso schnell von der bürgerlich-demokratischen Republik ab, wie bereits zuvor die Oberschicht Spaniens. Doch auch die gewählte Regierung war nicht bereit, ihre Macht kampflos abzugeben und es kam zum Bürgerkrieg. Durch die militärische Auseinandersetzung versuchten rechte und linke Kräfte gleichermaßen, ihre Vorstellungen von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft gewaltsam durchzusetzen.460 Der zunächst nationale Konflikt auf der Iberischen Halbinsel rückte schnell in den Fokus der europäischen Öffentlichheit. Nicht nur Staaten wie Frankreich und England verfolgten die politische und militärische Entwicklung in Spanien, auch die Sowjetunion und die faschistischen Staaten Deutschland und Italien waren an den Vorgängen im Südwesten Europas sehr interessiert. Im Folgenden werden zunächst 459 Bernecker, Kampf der Erinnerungen, 27. 460 Ibid, 27ff. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 126 die Intensionen sowie die konkrete Intervention der faschistischen Staaten näher beleuchtet, um im darauffolgenden Kapitel zudem noch kurz die Rolle der Sowjetunion kurz beschrieben. Die Verbündeten der Nationalisten – Die Rolle Deutschlands und Italiens im innerspanischen Konflikt Der Ausbruch der ersten Kampfhandlungen Mitte Juli 1936 weckte die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit. Es gab immer mehr Berichte über die Vorkommnisse auf der Iberischen Halbinsel. Intellektuelle begannen, sich für den Konflikt zu interessieren und verfassten Abhandlungen oder kommentierten die Vorkommnisse in Spanien. Einige Darstellungen ließen vermuten, dass diese Auseinandersetzung weniger von innerspanischen Problemen verursacht worden sei, es schien, als hätte ein Kampf zwischen zwei gegensätzlichen Ideologien, Kommunismus und Faschismus, begonnen. Und die weltweite Berichterstattung? Sie sorgte zu selten für eine differenzierte Darstellung. Einige politisch Aktive wollten den Bürgerkrieg selbst erleben und vom Verlauf der Ereignisse nicht nur aus der Presse erfahren. Ihr Ziel war es, selbst im vermeintlichen Kampf der Weltanschauungen mitzuwirken. So trafen in den Herbstmonaten 1936 die ersten Freiwilligen in Spanien ein, von denen die große Mehrheit den Internationalen Brigaden beitrat, die für die republikanische Seite und somit die gewählte Regierung Spaniens kämpften. Auf den bis dahin weitgehend innerspanischen Konflikt wurde nach und nach auch die Politik in den Staaten Europas aufmerksam, einige Länder griffen sogar aktiv in den Konflikt ein: Allen voran unterstützten Italien und Deutschland das putschende Militär. Die UdSSR begann im Spätherbst des Jahres 1936, der republikanischen Regierung den Rücken zu stärken. Großbritannien, Frankreich und die USA verständigten sich darauf, nicht in den Bürgerkrieg einzugreifen und riefen zu diesem Zweck ein Nichtinterventionskomitee ins Leben, das am 9. September 1936 zur ersten Sitzung zusammentrat. Das Ziel des Gremiums lag darin, den innerspanischen Konflikt nicht auf weitere Teile Europas übergreifen zu lassen.461 Die spanischen Generäle planten, von Spanisch-Marokko aus, den Putsch auf dem Festland zu starten. Das Ziel war die Einnahme Madrids. Diesen Plan in die Tat umzusetzen, erforderte die Unterstützung aller Truppenteile der Armee. Die Führung hatte allerdings nicht damit gerechnet, dass die Marine gegenüber der republikanischen Regierung loyal sein könnte. Nachdem sich die Flottenverbände auf die Straße von Gibraltar konzentrierten und somit die Verschiffung der Einheiten der Afrikaarmee unmöglich wurde, musste sich General Franco eingestehen, dass mit einem schnellen Sieg der Putschisten nicht mehr zu rechnen war. Deshalb entschied er, au- ßerhalb Spaniens nach Unterstützern seines Kampfes gegen die Regierung in Madrid zu suchen. Er entsandte Vertreter nach England, Deutschland und Italien, die dort 4.1.2 461 Walter L. Bernecker, Geschichte Spaniens im 20. Jahrhundert (München: Verlag C. H. Beck, 2010), 141ff. 4.1 General Franco und seine Verbündeten gegen die spanische Republik 127 den Kauf von Flugzeugen und Nachschub für die faschistischen Truppen organisieren sollten. Von Deutschland erhoffte sich Franco Ausrüstungsgegenstände, insbesondere zehn Transportflugzeuge, Flugabwehrmaschinengewehre und fünf Kampfflugzeuge. Die Anfrage ging an General Erich Kühlenthal, den deutschen Militärattaché in Paris, der diese an das Auswärtige Amt (AA) weiterleitete. Kurz nach dem Eintreffen der Nachricht am 23. Juli 1936 schlug die Behörde vor, dass Deutschland die spanischen Putschisten nicht unterstützen werde. Die Reichsführung fürchtete, dass vor Ort lebende Deutsche sowie die in spanischen Gewässern liegenden Handels- und die Kriegsschiffe gefährdet wären, wenn bekannt würde, dass Deutschland dem aufständischen Militär mit Waffenlieferungen Beistand leistete. Außerdem wollte sich Berlin nicht in den internen Konflikt auf der Iberischen Halbinsel einmischen, weil es internationale Verwicklungen fürchtete, zumal Spanien gute Beziehungen zu Großbritannien und Frankreich unterhielt.462 Zusätzlich sandte Franco einen Unterhändler nach Berlin, der dort die Verhandlungen führen sollte. Für diese Aufgabe bot sich der Deutsche Johannes E. F. Bernhardt an, der als Verkaufsleiter der deutschen Handelsgesellschaft H. & O. Willmer in Spanisch-Marokko tätig war und in dieser Funktion in engem Kontakt mit den örtlichen Militärs stand. Bernhardt gelang es auch, den Ortsgruppenleiter der nationalsozialistischen Auslandsorganisation, kurz AO,463 in Tetuán, Adolf Langenheim, für die Verhandlungen mit der Berliner Regierung zu gewinnen. Er hoffte, der AO-Leiter würde dem gesamten Unterfangen mehr Gewicht verleihen. Bernhardt und Langenheim trafen am 25. Juli 1936 in Berlin ein und hatten zuerst eine Unterredung mit Ernst Bohle, dem Chef der Auslandsorganisation, und später mit dem Stellvertreter Adolf Hitlers, Rudolf Heß. Beide zeigten sich sehr interessiert an der spanischen Bitte um Flugzeuge, wollten aber keiner Entscheidung Hitlers vorgreifen, sodass die Abgesandten noch am selben Tag nach Bayreuth reisten, wo sich der Reichskanzler anlässlich der Wagner-Festspiele aufhielt, um Francos Anliegen vorzubringen. Hitler war dem Plan gegenüber sehr aufgeschlossen und entschied, die Putschisten zu unterstützen. Hitler wollte mit der Intervention auf der Iberischen Halbinsel vor allem verhindern, dass Spanien durch einen Sieg der Kommunisten unter sowjetischen Einfluss geriet. Zudem sollte sich das Land im Fall einer innereuropäischen Auseinandersetzung auf deutscher Seite befinden. Es bot sich des Weiteren die Gelegenheit, Italien dem britischen Einfluss zu entziehen und gleichzeitig die Beziehungen zu Mussolini zu verbessern. Frankreich konnte bündnispolitisch gesehen weiter isoliert, ja sogar eingekreist werden. Auch die anti-kommunistische Grundeinstellung der Nationalsozialisten und wirtschaftliche Interessen spielten tragende Rollen. Deutschland sicher- 462 Hans-Henning Abendroth, „Deutschlands Rolle im Spanischen Bürgerkrieg“, Hitler, Deutschland und die Mächte, Hrsg., Manfred Funke (Düsseldorf: Droste Verlag, 1976), 471f; Christian Leitz, „Nazi Germany’s Intervention in the Spanish Civil War and the Foundation of HISMA/ROWAK“, The Republic Besieged – Civil War in Spain 1936–1939, Hrsg., Paul Preston und Ann L. Mackenzie (Edinburgh: Edinburgh University Press, 1996), 55. 463 Zu den Aufgaben der Auslandsorganisation, kurz AO, gehörte u. a. die Leitung der Parteigliederung im Ausland. Außerdem betreute sie im Ausland lebende deutsche Staatsbürger. Rainer F. Schmidt, Die Aussenpolitik des Dritten Reiches 1933–1939 (Stuttgart: Klett-Cotta, 2002), 67f. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 128 te sich in Spanien die Deckung eines Teils seines Bedarfs an Eisenerzen und Schwefelkies sowie weiteren Rohstoffen.464 Und nicht zuletzt ergab sich als Nebeneffekt die Möglichkeit für das Militär, moderne Waffensysteme im Kampfeinsatz zu testen. Unter dem Decknamen Operation Feuerzauber lief die Hilfe für Francos Truppen an. Dabei ging es in erster Linie darum, dass sich deutsche Flugzeuge am Truppentransport spanischer Verbände der Afrikaeinheiten beteiligen sollten, denn zur Überraschung der Putschisten waren ihre Umsturzmaßnahmen in vielen Städten auf Widerstand gestoßen, der die Verlegung von Soldaten dorthin erforderte. Die deutsche Unterstützung bestand anfangs aus 25 Offizieren, 66 Unteroffizieren, Soldaten und Technikern sowie zehn Ju-52-Transportflugzeugen und sechs He-51-Jägern, die dem Schutz der unbewaffneten Flugzeuge dienten. Außerdem erhielt Franco kurze Zeit später noch zwanzig 2-cm-Flak-Geschütze und weitere Waffen. Die deutsche Unterstützung endete damit noch nicht, denn die circa 6.000 Mann starke Legion Condor, unter dem Kommando von Generalmajor Hugo Sperrle465, sollte noch zum Einsatz kommen. Offiziell bestand die „Legion“ aus im Vorfeld ausgewählten Freiwilligen, die allerdings zum Dienst in Spanien verpflichtet worden waren. Der erste Teil der deutschen Einheit verließ Deutschland am 7. November 1936 an Bord des Dampfers Fulda. Die einzelnen Truppenteile und das Material der Legion Condor gingen nach und nach in Cadiz in Spanien an Land und sammelten sich in Sevilla. Die deutsche Einheit hatte eine neuartige Organisationsstruktur „(…) encompassing all the arms and services necessary, not only for its offensive functions, but also for its defensive, provisionment and administration.“466 Konkret umfasste die Legion ein Luftwaffengeschwader, Artillerieeinheiten, Fernmeldetruppen und eine Ausbildungseinheit für das Training der spanischen Soldaten vor Ort. Außerdem gehörten dem Verband auch eine Flakeinheit, eine Wartungsabteilung und das Bodenpersonal der Flugzeuge an. Die Legion Condor war somit die erste Einheit, die reale Kampfhandlungen komplett 464 Abendroth, „Deutschlands Rolle im Spanischen Bürgerkrieg“, 472f, 477, 479; Leitz, „Nazi Germany’s Intervention in the Spanish Civil War“, 56; Walter L. Bernecker, Spaniens Geschichte seit dem Bürgerkrieg (München: Verlag C. H. Beck, 1984), 45. 465 Hugo Sperrle wurde am 7. Februar 1885 als Sohn eines Brauereibesitzers in Ludwigsburg geboren. Im Jahr 1903 begann er seine militärische Karriere im württembergischen Infanterieregiment Nr. 126. Im 1. Weltkrieg war er zunächst Beobachter einer Feldfliegerabteilung und wurde 1915 zum Hauptmann Führer der Feldflieger-Abteilung 42. Durch eine Verletzung beim Absturz seines Flugzeugs leitete er in der Folgezeit verschiedene Fliegerabteilungen. Nach dem Krieg bekleidete Sperrle Positionen im Wehrkreis-kommando V und im Reichswehrministerium. Beim Wiederaufbau der Luftwaffe im Jahr 1935 trat er diesem Wehrmachtsteil bei und war zunächst als Generalmajor höherer Fliegerkommandeur im Luftkreis II. Es folgte die Stelle als kommandierender General und Befehlshaber im Luftkreis V, bevor Sperrle im November 1936 als Befehlshaber der neu gegründeten Legion Condor nach Spanien ging. Zeitungs-ausschnitt „Generalfeldmarschall Sperrle – Seit vierzig Jahres aktiver Soldat.“ Frankfurter Zeitung Nr. 339, 6. Juli 1943, Digitalisierung der Pressearchive von HWWA und IfW – Sperrle, Hugo. [Online]. o. D.. URL: http://webopac.hwwa.de/digiview/Digi View_PND.cfm?PND=129966207 [25.09.2016]. 466 Patrick Laureau, Condor – The Luftwaffe in Spain, 1936–39 (Mechanicsburg: Stackpole Books, 2010), 21. 4.1 General Franco und seine Verbündeten gegen die spanische Republik 129 autonom durchführten konnte. Zudem war der Befehlshaber der Einheit, Generalmajor Hugo Sperrle, lediglich General Franco direkt unterstellt.467 Ebenso hatte der spanische General schon mehrere Hilfsgesuche an die italienische Regierung gerichtet und darin in erster Linie um Flugzeuge und weitere Ausrüstung für den Truppentransport über das Mittelmeer gebeten. Anfangs war der italienische Staatschef Benito Mussolini strikt dagegen, sich in die inneren Angelegenheiten Spaniens einzumischen. Franco versuchte jedoch, den italienischen Machthaber durch politische Zugeständnisse zum Umdenken zu bewegen: Konkret versprach er, die künftige Außenpolitik des Landes mehr an Italien als an Deutschland zu orientieren. Aber auch diese Aussicht stimmte den italienischen Machthaber vorerst nicht um. Rom lagen Berichte vor, wonach die republikanische Regierung Spaniens den Nachbarn jenseits der Pyrenäen um militärische Hilfe gebeten habe. Die Möglichkeit einer militärischen Intervention durch Frankreich ließ Mussolini zögern. Andererseits hatte der Duce Grund zur Annahme, dass die kleinen britischen Gesten der Feindseligkeit gegenüber der Regierung in Madrid bedeuteten, dass zumindest Teile des britischen Militärs mit Franco sympathisierten. Beispielsweise lehnten die britischen Behörden in Gibraltar ein Gespräch mit einem Angehörigen der republikanischen Regierung ab. Gleichzeitig hatten britische Marinevertreter Franco dazu ermutigt, einen offiziellen Antrag zu stellen, um auf diese Weise den Schiffen der Regierung in Madrid nicht nur die Nutzung territorialer Gewässer vor Gibraltar zu untersagen, sondern darüber hinaus auch noch dem Auftanken dieser Schiffe ein Ende zu bereiten. Franco hingegen blieb hartnäckig, verhandelte weiterhin mit italienischen Regierungsvertretern und schilderte ausführlich die Gräueltaten spanischer Republikaner. Außerdem sandte er Luis Bolin, eigentlich Korrespondent der monarchistischen Zeitung ABC in London, als Unterhändler nach Rom, um dort über Flugzeuge und Nachschub für die spanische Armee zu verhandeln. Als Argument für die Notwendigkeit italienischer Hilfe machte Bolin klar, dass Franco, im Fall einer Ablehnung Mussolinis, den Kampf gegen den Kommunismus nicht gewinnen könnte, mit der Folge, dass sich diese Staatsform in Südeuropa und somit auch auf Italien ausdehnen würde. Bolins Mission gestaltete sich jedoch schwieriger als angenommen, denn der Spanier konnte lediglich mit dem italienischen Außenminister Conte Gian Galeazzo Ciano sprechen. Dieser sagte zwar sofort italienische Hilfe zu, gab aber zu bedenken, dass der Duce noch zustimmen müsse. Jedoch lehnte Mussolini Francos Hilfsgesuch mit dem Hinweis ab, dass keine Flugzeuge zur Verfügung stünden. Der Duce zog es vor, bevor er sich ernsthaft damit befasste, Franco zu unterstützen, durch seinen Schwiegersohn, Galeazzo Ciano, eine Prognose erstellten zu lassen, die über die Er- 467 Stefanie Schüler-Springorum, Krieg und Fliegen – Die Legion Condor im Spanischen Bürgerkrieg (Paderborn: Ferdinand Schöningh, 2010), 66, 88ff; Laureau, Condor, 21; Abendroth, „Deutschlands Rolle im Spanischen Bürgerkrieg“, 475f, 484ff; Robert H. Whealey, Hitler and Spain – The Nazi Role in the Spanish Civil War (Lexington: The University Press of Kentucky, 1989), 49f; Bernecker, Krieg in Spanien, 65. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 130 folgsaussichten des Putschversuchs in Spanien Auskunft gab.468 Der italienische Regierungschef reagierte weiterhin sehr verhalten auf die an Intensität zunehmenden Hilfsgesuche aus Burgos.469 Seine ablehnende Haltung hatte Berichte, wonach die französische Staatsführung den Anfragen der republikanischen Regierung nach militärischer Unterstützung stattgeben wolle, weiter bekräftigt. Trotz der schlechten Ausgangslage verstärkte Franco seine Bemühungen und versuchte weiterhin, Rom von seiner Sache zu überzeugen. Ab dem 24. Juli 1936 änderte sich die Einstellung der Regierung in Rom zu Gunsten der Putschisten in Spanien, denn der Duce hatte durch einen ausführlichen Bericht des italienischen Geschäftsträgers in Moskau, Vincenzo Berardis, Gewissheit erhalten, dass Stalin vorerst keine Pläne hatte,470 auf der Iberischen Halbinsel zu intervenieren. Zwar stand die Zustimmung Mussolinis zum Eingreifen in Spanien noch unter dem Vorbehalt günstiger Prognosen für Franco, doch durch den Bericht Berardis bestärkt, zog der italienische Diktator am 25. oder 26. Juli 1936 erstmals ernsthaft in Betracht, die Hilfsgesuche des spanischen Generals positiv zu bescheiden. Noch bevor die endgültige Entscheidung gefallen war, liefen die ersten Vorbereitungen für die Unterstützung von Francos Armee an – zu diesem Zeitpunkt ausschließlich die Mobilmachung von Flugzeugen und deren Besatzungen. Als Ende Juli 1936 auch noch feststand, dass die Franzosen sich nicht für die spanische Regierung einsetzen würden,471 war in Rom die Entscheidung zugunsten der spanischen Faschisten gefallen. Als Gegenleistung für die Hilfe versprach sich der Duce Spanien als Verbündeten für Italien. Somit hätte er auch ungehinderten Zugang zum Atlantik. Offiziell wurde die italienische Unterstützung als Mussolinis privates und nicht von der Regierung initiiertes Unternehmen dargestellt. So war es möglich, dass sich Italien dem Nicht-Interventions-Pakt Großbritanniens und Frankreichs anschloss, während die beiden Achsenmächte im Hintergrund begannen, ihren Einsatz in Spanien zu koordinieren. Franco bat Rom um weitere Hilfen, nachdem der Vormarsch seiner Verbände ins Stocken geraten war. Hauptsächlich erwartete er, dass Mussolini ihm weiteres Kriegsmaterial lieferte, vor allem Waffen und Munition. Nachdem sich Franco sicher war, mit dieser Unterstützung rechnen zu können, verließ er sich weiterhin auch auf den Beistand seiner italienischen Verbündeten. Der Regierung in 468 Paul Preston, „Mussolini’s Spanish Adventure: From Limited Risk to War“, The Republic Besieged – Civil War in Spain 1936–1939, Hrsg., Paul Preston und Ann L. Mackenzie (Edinburgh: Edinburgh University Press, 1996), 22, 25ff, 30ff, 37f; Abendroth, „Deutschlands Rolle im Spanischen Bürgerkrieg“, 471ff. 469 Im August 1937 verlegte General Franco seinen Amtssitz nach Burgos, von wo aus er während des Krieges regierte. Stanley G. Payne, The Franco Regime, 1936–1975 (Madison: The University of Wisconsin Press, 1987), 196. 470 Stalin fürchtete, ein bewaffneter Sieg der Arbeiterschaft in Spanien würde eine europaweite antikommunistische Welle auslösen und somit alle Versuche des Kremls, die Beziehungen zu den westlichen Staaten zu normalisieren, torpedieren. Preston, „Mussolini’s Spanish Adventure“, 40. 471 Ausschlaggebend war eine Kampagne der rechtsgerichteten Presse sowie Gerüchte über die deutschitalienische Unterstützung Francos. Politischer Druck kam zusätzlich von britischer Seite, deren Botschafter in Paris, George Clerk, den französischen Ministerpräsidenten Léon Blum anhielt, der spanischen Regierung keinerlei Hilfe zukommen zu lassen. Die französische Staatsführung entsprach dem Wunsch Londons. Preston, „Mussolini’s Spanish Adventure“, 36f, 45. 4.1 General Franco und seine Verbündeten gegen die spanische Republik 131 Rom fiel es zunehmend schwerer, die Gesuche des Generals abzulehnen. Trotz der offensichtlichen Einmischung Italiens reagierten die Westmächte, Großbritannien und Frankreich, nicht auf die Verletzung des Nicht-Einmischungs-Abkommens.472 Dabei war die Zahl der ausländischen Streitkräfte, die für Franco im Einsatz waren, beträchtlich. Nach Angaben der britischen Zeitung Evening Standard kämpften im Januar 1937 rund 17.000 italienische und 12.000 deutsche Soldaten auf der Seite des spanischen Militärs. Auf republikanischer Seite standen ihnen 40.000 Mann gegenüber, die sich aus 10.000 Franzosen, jeweils 5.000 deutschen und italienischen Antifaschisten und Kommunisten, 2.000 Russen, 1.000 Engländern und 8.000 Freiwilligen unterschiedlicher Nationalitäten zusammensetzten.473 Zu Beginn des Krieges standen sich circa 112.000 regierungstreue Truppen, bestehend aus Landheer, Luftwaffe, Seestreitkräften und Polizeitruppen, und circa 98.500 Mann der Putschisten gegenüber. Letztere wurden durch das ca. 45.000 Soldaten zählende Afrikakorps, den Verbänden der spanisch-marokkanischen Armee, die als härteste Einheit des Landes bekannt war und in der Franco gedient und sich einen Name gemacht hatte, verstärkt.474 Neben Deutschland und Italien engagierte sich auch die Sowjetunion als Gegenpool zu den faschistischen Staaten auf der Iberischen Halbinsel. Die russische Führung unterstützte dabei die linksgerichtete spanische Regierung. Das nachfolgende Kapitel beschreibt kurz das Engagement der russischen Führung in Rotspanien, um einen Überblick über die ausländische Unterstützung für die Internationalen Brigaden, die aufseiten der Republik kämpften, zu geben. Die Sowjetunion als Unterstützer der republikanischen Regierung Spaniens Sowjetbürger schienen noch vor ihrer Regierung auf den Militärputsch in Spanien zu reagieren: Am 3. August 1936 versammelten sich über 150.000 Menschen auf dem Roten Platz in Moskau zu einer Solidaritätskundgebung, die vom Politbüro organisiert wurde, sollte sie doch auch die Einstellung der Sowjetunion zum Ausdruck bringen, obwohl weder hochrangige Mitglieder der Komintern noch der KPdSU unter den Anwesenden befanden. Die Staatsführung äußerte sich nicht zu den Vorgängen auf der Iberischen Halbinsel, denn sie hatte beschlossen, sich vorerst nicht in den innerspanischen Konflikt einzumischen. Als einzige mögliche Form der Unterstützung erachtete sie humanitäre Hilfe. Josef Stalin befand sich in einer schwierigen Lage, denn angesichts der Tatsache, dass Spanien von einer linksgerichteten Regierung geführt wurde, konnte er es sich nicht leisten, der Staatsführung in Madrid jegliche Unterstützung zu verweigern, ohne in den Augen der Vertreter des internationalen Kommunismus an Ansehen zu verlieren. Andererseits wollte Stalin aber die Beziehungen zu den Westmächten Großbritannien und Frankreich, aber auch zu Deutsch- 4.1.3 472 Preston, „Mussolini’s Spanish Adventure“, 24f, 31f, 36, 40ff, 45f, 48f. 473 Telegramm Nr. 38/19, Aschmann an Gesandtschaft Madrid, 21. Januar 1937, Bd. 1, Gesandtschaft Madrid Nr. 721, PA, AA, Berlin. 474 Bernecker, Geschichte Spaniens, 137; Preston, Spanish Civil War, 96f. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 132 land, mit dem die UdSSR seit 1921 intensive militärische und wirtschaftliche Interessen verband475, nicht durch eine sowjetische Intervention in Spanien gefährden. Das Interesse des Generalsekretärs galt doch vordringlich einem friedlichen Europa, das es gestattete, den innenpolitischen Vorhaben möglichst viel Aufmerksamkeit zu schenken: Noch war die sozialistische Revolution in Russland nicht vollständig abgeschlossen. Umso mehr bewegte die sowjetische Staatsführung die Sorge darüber, dass Hitler durch einen erfolgreichen Einsatz deutscher Truppen in Spanien darin bestärkt werden könnte, seine militärische Stärke auch gegenüber der UdSSR zu beweisen. Stalin hoffte, unter den antifaschistischen Staaten Europas Bündnispartner zu finden, die, so der Plan, zusammen mit der UdSSR ein Gegengewicht zur sich anbahnenden Allianz der rechtsgerichteten Länder Deutschland, Italien und Japan bilden könnten. Schon im Mai 1935 hatte Russland ein Abkommen mit Frankreich unterzeichnet, das die gegenseitige Hilfe im Angriffsfall regelte. Der Bürgerkrieg auf der Iberischen Halbinsel rückte diese Vereinbarung nun wieder in den Fokus Stalins und hatte erheblichen Einfluss darauf, wie Moskau die Situation in Spanien bewertete.476 Die Sowjetunion hielt sich zurück, bis es mehr als offensichtlich wurde, dass die faschistischen Staaten Deutschland und Italien das putschende spanische Militär tatkräftig unterstützten. Moskau hatte sich zwar für die republikanische Regierung in Genua und in London eingesetzt, dennoch fiel die sowjetische Reaktion vorerst sehr zurückhaltend aus und bestand zunächst lediglich aus Sympathieerklärungen. Der Kremlchef begrüßte den britisch-französischen Vorschlag eines Nicht-Interventions- Pakts und war auch bereit, diesen zu unterstützen, allerdings machte Moskau keinen Hehl daraus, dass dieser, nach Ansicht der Sowjetführung, eigentlich nur dazu diene, die Einflussnahme der Achsenmächte zu verdecken. Eigentlich sollte die geeignete Politik darin bestehen, der gewählten spanischen Regierung die benötigte Unterstützung zukommen zu lassen, aber auch aus Rücksichtnahme auf die Beschlüsse des Völkerbundes war Moskau bereit, sich in dieser Hinsicht zurückzunehmen. „Seeing that Italy had agreed to non-Intervention on 21 August, and that Germany was about 475 Nach der Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Berlin und Moskau im Jahr 1922 etablierte die Reichswehr enge Verbindungen zur Roten Armee. Die Kooperation beschränkte sich nicht nur auf militärisches Training und die Ausbildung sowjetischer Offiziere in Deutschland, sondern sie hatte auch eine wirtschaftliche Komponente. Die Deutschen verlegten die Rüstungsproduktion in die UdSSR und erhielten im Gegenzug die Möglichkeit, Panzer und Flugzeuge auf russischem Boden zu erproben. Die Zusammenarbeit umfasste auch die Herstellung und Erprobung chemischer Waffen, wie beispielsweise Chlorgas und Phosgen. Edward Hallett Carr, German-Soviet Relations Between The Two World Wars, 1919–1939 (New York: Harper & Row, 1966), 67, 79f; Harvey Daniel Munshaw, „Extra! Extra! Read All About It: The British And American Press’ Coverage of German-Soviet Collaboration, 1917–1928“, Masterarbeit, Wichita State University, 2008, 53ff. Wichita State University Libraries – SOAR: Shocker Open Access Repository. [Online]. o. D.. URL: http://soar.wichita.edu/bitstream/handle/10057/6828/t13030_Munshaw.pdf?sequence=1 [01.09.2016]. 476 Silvio Pons, Stalin And The Inevitable War 1936–1941 (London: Frank Cass, 2002), 43; Denis Smyth, „‚We are with You‘: Solidarity and Self-Interest in Soviet Policy towards Republican Spain, 1936– 1939“, The Republic Besieged – Civil War in Spain 1936–1939, Hrsg., Paul Preston und Ann L. Mackenzie (Edinburgh: Edinburgh University Press, 1996), 87ff, 94ff, 98f; Walther L. Bernecker, Krieg in Spanien 1936–1939 (Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1991), 143; Smyth, „‚We are with You‘“, 94ff, 98f. 4.1 General Franco und seine Verbündeten gegen die spanische Republik 133 to follow suit, the Soviet Union finally accepted the French proposal on 23 August 1936, on condition that the USSR was not responsible for Comintern actions; that Germany and Italy must cease to aid Franco; and that Portugal must accept Non- Intervention.“477 Ein Kernpunkt der Vereinbarung beinhaltete das Verbot der Einbzw. Ausfuhr oder des Transits von Kriegsmaterial. Stalin und die westlichen Länder hielten es somit für möglich, die Achsenmächte auf diplomatischem Weg dazu zu bewegen, Franco nicht weiter zu unterstützen. Für die spanische Regierung bedeutete dies allerdings, dass es für sie keine Möglichkeit mehr gab, den Militärputsch offiziell und durch internationale Unterstützung niederzuschlagen.478 Der sowjetische Staatschef hielt sich an den Pakt und schickte weder Waffen noch Truppen nach Spanien. Kurze Zeit nach der Unterzeichnung war allerdings klar, dass die faschistischen Staaten Franco weiterhin in gleich bleibendem Umfang versorgten. Stalin konnte und wollte den Vertragsbruch nicht unkommentiert lassen und sandte daraufhin eine Warnung an das Nicht-Einmischungs-Komitee. Er machte deutlich, dass sich die Sowjetunion nicht mehr an das Abkommen halten würde, falls Italien und Deutschland weiterhin gegen grundlegende Punkte der Einigung verstießen. Darüber hinaus erschien es im Oktober 1936, als stünde das Militär unter Francos Führung kurz vor dem Sieg. Der französische Regierungschef Blum befand sich innenpolitisch in einer schwierigen Lage, denn es herrschte innerhalb der Regierung und im Generalstab des Militärs Uneinigkeit darüber, inwieweit man die eigenen politischen Entscheidungen mit Moskau abstimmen sollte, was die Arbeit und die Stabilität des Kabinetts schwächte. Dies bewegte den Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion dazu, in den spanischen Konflikt einzugreifen, um zu vermeiden, dass die Stärke Frankreichs leiden oder die militärische Situation seines französischen Bündnispartners479 geschwächt würde.480 In erster Linie hoffte Moskau allerdings, dass „the defence of Republican Spain against Fascist aggression might provide convenient ground for co-operation between the Soviet Union and the Western democracies, a working partnership that could develop into a fully-fledged military alliance 477 Michael Alpert, A New International History of the Spanish Civil War (New York: Palgrave Macmillan, 2004), 51. 478 Jackson, Spanish Republic & Civil War, 316; Fernando Claudin, Die Krise der Kommunistischen Bewegung. Die Krise der Kommunistischen Internationale (Berlin: Olle & Wolter, 1977), 252f. 479 Der „Treaty of Mutual Assistance“, der am 2. Mai 1935 zwischen der Sowjetunion und Frankreich geschlossen wurde, sah Folgendes vor: „(…) [an] ‚immediate‘ joint consultation if either were ‚threatened with or in danger of aggression‘ and also pledged ‚reciprocally‘ to render each other aid and assistance in case of ‚an unprovoked aggression on the part of a [sic] European state‘ on either country.“ Smyth, „‚We are with You‘“, 96. 480 Stalin wollte die weitere Ausbreitung des Faschismus in Europa zu verhindern. Dabei war ihm aber auch bewusst, dass ein sozialistisch regiertes Spanien in dieser Situation mehr schaden würde, denn alle führenden westeuropäischen Länder wurden von „bourgeois“-Regimen regiert. Stalin war überzeugt, dass sich diese Länder auf einen militärischen Konflikt eingelassen hätten, um eine drohende Ausweitung des Kommunismus in Europa zu verhindern, falls die Intervention der Sowjetunion in Spanien dieses Ziel gehabt hätte. Abgesehen davon hatte die Sowjetführung großes Interesse an Frankreich als Verbündetem gegen das Deutsche Reich. Aus diesem Grund sollte sich das Land nicht selbst durch ein Eingreifen auf der Iberischen Halbinsel schwächen. Smyth, „‚We are with You‘“, 96ff. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 134 with Britain and France, thereby realising the Kremlin’s general design for the protection of Communist Russia against Nazi Germany.“481 Da sich Stalin nun nicht mehr an den Nicht-Einmischungs-Pakt gebunden fühlte, denn auch das Kontrollgremium hatte auf seinen Einwand nicht reagiert, organisierte Moskau die erste Waffenlieferung für die Regierung in Madrid. Am 15. Oktober des Jahres 1936 erreichte die Komsomol den Hafen von Cartagena mit den Waffen für die republikanische Armee. Vor Oktober hatte Moskau lediglich Lebensmittel sowie Arzneimittel und medizinische Gerätschaften verschifft. Aber noch im selben Monat brachen zwei weitere russische Schiffe mit Kriegsmaterial für die republikanische Regierung auf.482 In den nächsten Monaten erreichten mehrere Dutzend russische Schiffe die Iberische Halbinsel und landeten circa 400 Lastwagen, 50 Flugzeuge, 100 Panzer und Panzerfahrer sowie 400 Piloten an. Neben der materiellen Unterstützung nutzte die Sowjetführung die Gelegenheit, in wirtschafts- und sozialpolitischer Hinsicht auf die republikanische Regierung einzuwirken, beispielsweise indem volkseigene Industriebetriebe wieder in Privateigentum übergingen, landwirtschaftliche Kollektivbetriebe wieder aufgelöst wurden und anarchistische und sozialistische Milizen zur regulären Armee der spanischen Republik zusammengeführt wurden. Diese Maßnahmen, die offensichtlich nicht dem normalen wirtschaftlichen Handeln eines sozialistischen Staates entsprachen, sollten den Weg für ein strategisches Bündnis zwischen den westlichen demokratischen Staaten und Russland ebnen. Allerdings führte diese Vorgehensweise nicht zum gewünschten Erfolg. Die Westmächte waren weder von Stalins Unterstützung für Spanien noch von der Einflussnahme Moskaus begeistert. Paris und London fürchteten gleichermaßen, dass es das Ziel der UdSSR war, den Kommunismus in ganz Europa zu verbreiten. Jedoch gewährleistete die russische Unterstützung den Fortbestand der Republik im Herbst 1936. Die regierungstreuen Truppen konnten auf diese Weise die Hauptstadt Madrid vor der Eroberung durch Francos Verbände schützen. Abgesehen davon bildete das von Moskau zur Verfügung gestellten Material die Grundlage für die wenigen republikanischen Offensiven in Teruel, Brunete und Ebro. Der spanische Historiker und Wirtschaftswissenschaftler Ángel Viñas schätzt, dass die Regierungstruppen dank der UdSSR über folgendes Kriegsmaterial verfügten: mehr als 300.000 Gewehre und zusätzlich circa 10.500 Maschinengewehre, wobei annähernd die Hälfte davon leichte Maschinengewehre waren, schätzungsweise 900 Geschütze mit 3 Millionen Granaten, 400 Panzerwagen, 40 gepanzerte Fahrzeuge, circa 400 Flugzeuge, 786 Millionen Schuss Munition, außerdem zehn Kanonen und 55 Bordkanonen. Des Weiteren überließ die Sowjetführung der spanischen Regierung vier Torpedoboote einschließlich Munition sowie eine Vielzahl weiterer Ausrüstungsgegenstände. Ergänzt wurde die Lieferung durch Lebensmittel, Treibstoff, Kohle, Dünger, Baumwolle, Lastwagen und Zigaretten. An Personal sandte 481 Smyth, „‚We are with You‘“, 88f, 92, 98f. 482 Jackson, Spanish Republic & The Civil War, 316; Smyth, „‚We are with You‘“, 101ff, 104f. 4.1 General Franco und seine Verbündeten gegen die spanische Republik 135 Stalin circa 2.000 Piloten, Techniker und Offiziere der Geheimpolizei auf die Iberische Halbinsel.483 Nach großzügigen spanischen Schätzungen belief sich die sowjetische Präsenz im Frühjahr 1937 auf circa 6.500 Mann, wobei sich vermutlich nicht einmal 1.000 russische Soldaten auf der Iberischen Halbinsel befanden. Bis August 1937 summierte sich das gelieferte russische Kriegsmaterial auf einen Wert von 132 Millionen Dollar. Im Vergleich zur Unterstützung der franquistischen Verbände durch Deutschland und Italien war die russische Versorgung der republikanischen Regierung nicht annähernd so regelmäßig und belief sich ab August 1937 auf einige wenige Flugzeuge und Lastkraftwagen. Dies war auf Aktionen der italienischen Marine zurückzuführen, die die sowjetischen Transporte massiv behinderte. Als durch die franquistische Seeblockade die Route durch das Mittelmeer für die Sowjetführung unzugänglich wurde, ließ die Führung in Moskau die benötigten Kriegsmaterialien erst nach Murmansk bringen, um sie per Schiff nach Bordeaux zu transportieren. Der Weitertransport erfolgte dann mit Zügen, die die Güter an die spanische Grenze brachten. Aber auch hier stellten sich schnell Probleme ein, denn oft wurde die Grenze zwischen beiden Ländern geschlossen und es galt, die französischen Kontrollen zu umgehen, um das Kriegsmaterial nach Spanien schaffen zu können. Die Unregelmäßigkeit der Lieferung und die daraus resultierende Planungsunsicherheit wirkten sich negativ auf die militärische Disposition und die taktischen Spielräume der Regierung aus. Darüber hinaus hatte Moskaus Bestreben, Spanien als eine moderate Bürgerdemokratie erscheinen zu lassen, das Land seiner Widerstandsfähigkeit beraubt, denn auf diese Weise hatte man den Willen des Volkes für Veränderungen zerstört. Ab der zweiten Hälfte des Jahres 1938 hatte sich das Gleichgewicht der Auslandshilfen zu Gunsten Francos verschoben, der zusätzlich noch den Vorteil regelmäßiger Lieferungen genoss. Trotz aller Widrigkeiten unterstützte Stalin die republikanischen Truppen auf der Iberischen Halbinsel. Im November 1938 bestellte die spanische Republik erneut Kriegsmaterial in Moskau im Wert von circa 100 Millionen US-Dollar. Sogar als sich im Januar 1939 die republikanische Niederlage bereits abzeichnete, verstärkte Stalin die Materiallieferungen nach Spanien nochmals deutlich. Allerdings war der Zeitpunkt schlecht gewählt, denn die Verteilung der Güter endete im Chaos. Zum einen war nicht mehr nachvollziehbar, wer welche Mengen erhalten hatte, zum anderen waren die Eigentumsverhältnisse der Güter nicht geklärt. Nach dem Willen der französischen Behörden sollte Franco das Kriegsmaterial der spanischen Republik reklamieren. Der Kreml hingegen widersprach mit dem Hinweis auf die ausstehende Zahlung und ließ das gesamte Material nach Bordeaux zurück transportieren. Das Eingreifen Stalins in den Spanischen Bürgerkrieg hatte die Auseinandersetzung verlängert, gleichzeitig aber offenbarten die sowjetischen Lieferungen, dass der Kampf der spanischen Republik vergebens war. Entscheidend war neben der Menge an Kriegsmaterial 483 Donald C. Watt, „Soviet Military Aid to the Spanish Republic in the Civil War 1936–1938“, Der Spanische Bürgerkrieg in der internationalen Politik (1936–1939), Hrsg., Wolfgang Schieder und Christof Dipper (München: Nymphenburger Verlagshandlung, 1976), 251ff; Ángel Viñas, „Der internationale Kontext“, Der Spanische Bürgerkrieg – Eine Bestandsaufnahme, Hrsg., Manuel Tuñón de Lara (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1987), 257ff. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 136 auch die Möglichkeit, dieses so nutzbringend wie möglich einzusetzen und eben hier fehlte es der gewählten Regierung an der militärischen und wirtschaftlichen Organisation, um diese Aufgabe zu bewerkstelligen. Letztendlich trugen neben den eben genannten Faktoren auch die Verbündeten der Republik, durch die späte und nicht hinreichend koordinierte Hilfe, wesentlich dazu bei, dass General Franco und seine Verbündeten am 1. April 1939 den Sieg über die Regierung der spanischen Republik errangen.484 Neben den europäischen Großmächten sorgte der Konflikt auf der Iberischen Halbinsel auch in der irischen Öffentlichkeit nach und nach für Aufsehen. Insbesondere Meldungen über Greueltaten gegen die Geistlichkeit sorgten für Empörung, aber gleichzeitig löste der Konflikt eine Welle der Solidarität aus. Im Folgenden werden die Hintergründe der regen Anteilnahme der irischen Öffentlichkeit und der Regierung des Freistaats dargestellt. Irland und der Spanische Bürgerkrieg Die Politik des irischen Freistaats während des Konflikts auf der Iberischen Halbinsel Die Beziehungen zwischen Irland und Spanien waren Mitte der 1930er Jahre nicht besonders ausgeprägt. In erster Linie waren Sentimentalitäten und Traditionen aufgrund der historischen Verbindungen beider Länder485 besonders bezeichnend für das Verhältnis zueinander. Und wie in den meisten europäischen Staaten zeigte die Öffentlichkeit in Irland wenig Interesse an den Entwicklungen auf der Iberischen 4.2 4.2.1 484 Watt, „Soviet Military Aid Spanish Republic, 251ff; Viñas, „Der internationale Kontext“, 288ff; Bernecker, Spaniens Geschichte, 45. 485 Diese Beziehungen resultieren vor allem aus der militärischen Unterstützung irischer Truppen, die in der Zeit zwischen 1585 und 1818 in eigenen Verbänden in Frankreich und Spanien kämpften. Diese irischen Einheiten gingen als „The Wild Geese“ in die Geschichte ein. Die ersten irischen Einheiten wurden im 16. Jahrhundert in Spanien gegründet. Die Militärangehörigen mussten Irland aufgrund fehlgeschlagener Aufstände und der Unterdrückung des katholischen Glaubens verlassen und hofften, durch die Unterstützung Frankreichs, gemeinsam gegen die Briten vorgehen zu können. Militärische Niederlagen, wie die Vernichtung der französisch-spanischen Flotte in der Schlacht von Trafalgar machten die irische Hoffnung zunichte. Weitere irische Verbände kämpften in den Reihen von Napoleons Armee als dieser 1808 in Spanien einmarschierte. Auch hier standen die Iren wieder den britischen Feinden gegenüber. Die Briten kämpften zusammen mit den Spaniern gegen Napoleon, Viele der irischen Soldaten kehrten nicht in ihre Heimat zurück und ließen sich in Spanien nieder. Diese bildeten die Grundlage für die historischen Verbindungen zwischen Spanien und Irland. Mark G. McLaughlin, The Wild Geese: The Irish Brigades of France and Spain (Oxford: Osprey Publishing, 1980), 3; Stephen McGarry, „The Wild Geese who fought the British for Napoleon in Spain“, The Irish Times (6. Mai 2019). [Online]. o. D.. URL: https://www.irishtimes. com/culture/books/the-wild-geese-who-fought-the-british-for-napoleon-in-spain-1.3878749 [23.02.2020]. 4.2 Irland und der Spanische Bürgerkrieg 137 Halbinsel. Es schien, als ende Europa für viele Staaten an den Pyrenäen.486 Der Wirtschaftskrieg mit Großbritannien hatte der irischen Ökonomie stark zugesetzt, weshalb die Erschließung neuer Absatzmärkte als Grundlage der wirtschaftlichen und damit auch politischen Zukunft der grünen Insel unabdingbar war. Das Kabinett de Valera sah in Spanien ausreichend Potential für die Entwicklung vielversprechender gemeinsamer Handelsbeziehungen. Der Regierungschef gab zu bedenken, da Irland bereits Vertretungen in den meisten Hauptstädten der wichtigsten Großmächte unterhalte, sei es sinnvoll, auch in den Ländern Gesandtschaften aufzubauen, in welchen eine nennenswerte Zahl irischer Staatangehöriger lebe. Darüber hinaus begründete er seine Entscheidung wie folgt: „(…) ‚we are extending to Spain because Spain is one of the principal European countries, because of past associations with the country and because of the trade relations which we are re-establishing with that country‘“.487 Dublin entsandte schließlich im August 1935, ein Jahr vor Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs, einen ständigen Repräsentanten nach Madrid. Die Wahl fiel dabei auf Leopold Kerney, der seit August 1932 als Handelsattaché an der Botschaft in Paris tätig gewesen war und deshalb über gute Kontakte und viel Erfahrung im Bereich wirtschaftlicher Themen verfügte. Kerney schien zunächst mit seiner Aufgabe überfordert zu sein, war er doch, was politische Angelegenheiten anbelangte, noch recht unerfahren. Deshalb beinhalteten seine ersten Berichte nach Dublin nur wenige Informationen über die politische Lage vor Ort. Dies änderte sich schon bald: Ab Ende des Jahres 1935 erhielt das Außenministerium in der irischen Hauptstadt zunehmend Analysen zur Entwicklung des Landes. Kerney zeigte sich überzeugt, dass die politische Gesamtlage wahrscheinlich in einem Bürgerkrieg münden werde. Seine Einschätzungen bezogen sich allerdings ausschließlich auf die Situation in Madrid. Nie gingen Kerneys Meldungen genauer auf die gesellschaftlichen Gegebenheiten im ganzen Land oder gar die Unterschiede zwischen den einzelnen Landesteilen ein. Aus diesem Grund war weder die Regierung in Dublin noch die irische Öffentlichkeit näher über die komplexen sozialen und politischen Zusammenhänge informiert, die letztendlich zum Ausbruch des Bürgerkriegs in Spanien führten.488 Wie in vielen anderen europäischen Staaten wurden die Entwicklungen auf der Iberischen Halbinsel in Irland erst wahrgenommen, als der Konflikt über die spanischen Grenzen hinaus in der ausländischen Presse Aufmerksamkeit erlangt hatte. Trotz der Berichte aus Spanien zeigten die meisten Länder nur geringes Interesse an den Entwicklungen im Südwesten Europas.489 Die internationale Staatengemeinschaft 486 J. Bowyer Bell, „Ireland and the Spanish Civil War 1936 to 1939“, Strong Words Brave Deeds – The Poetry, Life and Times of Thomas O’Brien – Volunteer in the Spanish Civil War, Hrsg., H. Gustav Klaus (Dublin: The O’Brien Press, 1994), 240. 487 Michael Kennedy, „Leopold Kerney and the origin of Irish-Spanish diplomatic relations: 1935–6“, Spanish-Irish Relations through the Ages, Hrsg., Declan M. Downey und Julio Crespo MacLennan (Dublin: Four Courts Press, 2006), 196. 488 Ibid, 189, 193, 203f. 489 Fearghal McGarry, „Ireland and the Spanish Civil War“, Spanish-Irish Relations through the Ages, Hrsg., Declan M. Downey und Julio Crespo MacLennan (Dublin: Four Courts Press, 2006), 212. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 138 beispielsweise setzte Spanien zwar auf die Agenda des Völkerbunds490, der Mehrheit der Mitglieder ging es dabei aber in erster Linie darum, die Stabilität Europas auf zwischenstaatlicher Ebene zu erhalten, und man verständigte sich schnell, offiziell nicht in den innerspanischen Konflikt einzugreifen. Großbritannien und Frankreich gründeten daraufhin ein „Non-Intervention Committee“ zur Umsetzung des Beschlusses. Die irische Regierung unterstützte den Vorstoß der beiden Großmächte. Regierungschef Eamon de Valera wollte sich auch aus Rücksicht auf die diplomatischen Beziehungen Irlands zu den anderen europäischen Ländern nicht in einen innerstaatlichen Konflikt, und sei es auch nur indirekt, einmischen. Gemäß den Vereinbarungen des Paktes erließ das Parlament in Dublin ein Gesetz, das den Export von Waffen und Munition nach Spanien generell verbot. Aufgrund der zunehmenden Zahl an freiwilligen Kämpfern im Spanischen Bürgerkrieg beschränkte die Regierung auch die Ausreise und untersagte irischen Staatsbürgern, sich den internationalen Verbänden auf der Iberischen Halbinsel anzuschließen. Die neutrale Haltung des Kabinetts de Valera hatte keine Auswirkungen auf die diplomatischen Beziehungen beider Länder, die auch während des Bürgerkriegs gepflegt wurden. Trotzdem unterstützte die irische Regierung die Bemühungen Frankreichs, die spanische Grenze und vor allem die Route über die Pyrenäen zu blockieren, um den Nichtinterventionspakt durchzusetzen. Obgleich sich kurze Zeit später herausstellte, dass sich die faschistischen Staaten Deutschland und Italien nicht an das Abkommen gebunden fühlten, glaubten der Völkerbund und insbesondere der irische Freistaat nach wie vor, dass die Neutralität Europas auf diplomatischem Weg erreicht werden könnte. Dazu erließ die League of Nations eine Resolution, die den Abzug fremder Truppen aus Spanien forderte und gleichzeitig ein Ende des Waffenembargos in Aussicht stellte. Auf diese Weise sollte sichergestellt werden, dass der Spanische Bürgerkrieg nicht auf weitere europäische Länder übergriff. Vor allem die britische Regierung fürchtete, dass ein Eingreifen des Völkerbundes zu weiteren Auseinandersetzungen führen würde, aufgrund des augenscheinlich ideologischen Kerns des spanischen Bürgerkriegs. Auch der irische Staatschef Eamon de Valera unterstützte die Forderung nach dem Abzug aller nichtspanischen Truppen. Gleichzeitig hielt er aber an der Nichtinterventionspolitik fest. Bei der Abstimmung über die weitere Vorgehensweise während einer Sitzung des Völkerbunds enthielt sich Irland, trotz der generellen Zustimmung zur Linie der europäischen Staaten, seiner Stimme.491 „On an international plane [sic] Ireland could begin to build a basis for Irish neutrality and so independence from the United Kingdom: a 490 Der Völkerbund hatte das Ziel, den Frieden und die territorialen Grenzen der Mitgliedsstaaten zu sichern. 1920 regte der amerikanische Präsident Woodrow Wilson an, die League of Nations, so der offizielle Name, als internationale Organisation zu gründen. 32 Siegermächte des 1. Weltkriegs und 13 neutrale Länder, wie beispielsweise Australien, Belgien, Brasilien, China, Frankreich, Indien, Kanada, Portugal, Südafrika und das Vereinigte Königreich, unterstützten den Vorschlag und die League of Nations wurde daraufhin ins Leben gerufen. Die Durchsetzungskraft des Völkerbundes war allerdings sehr begrenzt, da jedes Mitgliedsland gegen die Entscheidungen ein Veto einlegen konnte. Zu den Mitgliedsstaaten gehörte seit 1923 der irische Freistaat. Schubert und Klein, Politiklexikon, 316. 491 Michael Kennedy, Ireland and the League of Nations, 1919–1946 – International relations, diplomacy and politics (Blackrock: Irish Academic Press, 1996), 231ff. 4.2 Irland und der Spanische Bürgerkrieg 139 small neutral, disinterested Republic able and willing to play a modest international role. The crucial aspect of that role remained independence from London: neutrality was positive neutrality and a non-intervention policy a step without need of defiance; for the Conservative government in Westminster also backed non-intervention.“ Deshalb erkannte Dublin erst am 11. Februar 1939 die Regierung General Francos an.492 Abgesehen von den Vorgängen auf dem politischen Parkett gab es noch verschiedene Interessensgruppen, die regen Anteil an den Vorgängen in Spanien nahmen. Neben den linken Kreisen in Irland verfolgten auch rechtsgerichtete Gruppen die Entwicklung im Süden Europas. Das folgende Kapitel beschäftigt sich deshalb mit der Rolle des ehemaligen irischen Polizeicommissioners Eoin O’Duffy, der unter seinem Kommando eine Einheit, die für Franco kämpfte, nach Spanien führte. Irische Unterstützung für Nationalspanien493 – Der Einsatz der Irish Brigade unter dem Kommando von General Eoin O’Duffy Erste noch verhaltene Berichte über Unruhen in Spanien erschienen Mitte Juli 1936 in irischen Zeitungen. Solange keine genauen Informationen über die Vorgänge bekannt waren, hatte sich die Presse in ihrer Berichterstattung zurückgehalten.494 Erst nach und nach bezogen die Printmedien im Land Stellung und dabei standen, wie so häufig in der Geschichte Irlands, religiöse Gesichtspunkte im Vordergrund. Die politischen Hintergründe des Konflikts wurden deshalb in der Berichterstattung weitgehend vernachlässigt. Nach und nach mehrten sich die Berichte über Gewalttaten gegen den Klerus, die von vermeintlich linken Kräften in Spanien verübt worden seien. Solche Nachrichten verstärkten nun die antikommunistische Stimmung im irischen Freistaat, wovon in erster Linie die National Corporate Party (NCP) profitierte, die entschlossen gegen sozialistische Tendenzen im Freistaat vorging. Durch den Kontakt zum Conde Ramírez de Arellano, einem in London lebenden spanischen Adeligen, ergab sich für die NCP die einmalige Gelegenheit, sich als Verfechter des katholischen Glaubens zu profilieren. Der Spanier hatte sich an den irischen Kardinal Joseph Mac- Rory gewandt und um Unterstützung für Francos Truppen in seiner spanischen Heimat gebeten. Daraufhin stellte der Geistliche den Kontakt zwischen de Arellano und dem NCP-Vorsitzenden Eoin O’Duffy her – nicht ohne dem spanischen Conde Ramírez de Arellano O’Duffy zuvor als galanten, mutigen und integren Mann, der da- 4.2.2 492 Bowyer Bell, „Ireland and the Spanish Civil War 1936 to 1939“, 261. 493 Unter dem Begriff „Nationalspanien“ versteht man den Teil des Landes, der während des Bürgerkriegs von General Francisco Franco kontrolliert wurde. 494 Dies lag vor allem daran, dass der irische Freistaat trotz der historischen Verbindungen zwischen den beiden Ländern nur sehr geringes politisches Interesse an Spanien besaß. Deshalb berichteten die irischen Zeitungen anfangs über die Vorgänge auf der Iberischen Halbinsel lediglich von „(…) some sort of serious disturbance in Spain.“ Bowyer Bell, „Ireland and the Spanish Civil War 1936 to 1939“, 240. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 140 rüber hinaus ein guter Katholik sei und über ein außerordentliches Organisationstalent verfüge, zu beschreiben.495 Im Kampf gegen die Regierungstruppen in Spanien setzte de Arellano auf die tatkräftige Unterstützung O’Duffys, der als NCP-Vorsitzender einen Verband von Freiwilligen aufstellen und auf die Iberische Halbinsel entsenden sollte. In seinem Appell sprach der Spanier von der Bedeutung Irlands als Vorbild für das gesamte Christentum und hoffte, mit der religiösen Überhöhung in seinen Worten Erfolg zu haben. Tatsächlich war O’Duffy sehr von der Idee de Arellanos eingenommen und wandte sich sogar an die Presse, um den Plan einer irischen Brigade bekannt zu machen. Wieder unterstrich der ehemalige Dubliner Polizeichef den religiösen Aspekt des Vorhabens.496 O’Duffys Plan erhielt viel Zuspruch aus der Bevölkerung, aber nicht alle Iren waren von dem Vorhaben überzeugt: Während einer Veranstaltung der NCP wies ein Teilnehmer O’Duffy darauf hin, dass der Krieg in Spanien ein Kampf der Demokratie gegen den Faschismus sei. Der entgegnete: „Does this (…) interpret democracy by the massacre of priests and nuns …? If these atrocities are carried out in the name of democracy, then the sooner Fascism triumphs, the better.“497 Ungeachtet aller kritischer Stimmen gab der Erfolg O’Duffy recht, denn seine öffentliche Kampagne zeigte Wirkung. Die Büros der National Corporate Party, wo sich interessierte Freiwillige melden konnten, wurden von dem Ansturm an potenziellen Spanienkämpfern schier überrannt. Dabei begeisterten sich nicht nur ehemalige Anhänger der Blueshirts, der rechtsgerichteten Organisation unter O’Duffys Führung, für die Idee eines modernen Kreuzzuges, die Aktion sprach Menschen aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten an. Obwohl O’Duffy stets betonte, dass sein Engagement ausschließlich religiöse Motive habe, redete er während seiner öffentlichen Kundgebungen dennoch viel von seinen Plänen für Irland. Der Vorsitzende ging intensiv auf die historische Verbindung zwischen Irland und Spanien ein und begründete sein Interesse mit seiner persönlichen antikommunistischen Einstellung und der Notwendigkeit, die katholische Kirche zu verteidigen.498 Tatsächlich aber bot ihm die Irish Brigade eine Möglichkeit, wieder politisch aktiv zu werden. „(…) the Irish Brigade was yet another attempt to mobilize support by any means possible: by halting what had appeared an irreversible decline into obscurity, the Spanish Civil War had achieved the unlikely result of rehabilitating O’Duffy as a relevant political figure.“499 Neben der NCP hatte sich am 28. August 1936 eine neue Interessengemeinschaft gegründet, die Irish Christian Front, kurz ICF. Diese bestand aus einem taktischen Bündnis katholischer Laienorganisationen. Sie war nicht ausschließlich an den Vor- 495 Bowyer Bell, „Ireland and the Spanish Civil War 1936 to 1939“, 240, 242f; Fearghal McGarry, Irish Politics and the Spanish Civil War (Cork: Cork University Press, 1999), 24; Bowyer Bell, The Secret Army, 141; McGarry, Irish Politics & Spanish Civil War, 24. 496 McGarry, Irish Politics & Spanish Civil War, 24. 497 Robert A. Stradling, The Irish and the Spanish Civil War 1936–1939 – Crusades in conflict (Manchester: Mandolin, 1999), 6. 498 Bowyer Bell, „Ireland and the Spanish Civil War 1936 to 1939“, 248; McGarry, O’Duffy, 287; McGarry, Irish Politics & Spanish Civil War, 25f. 499 McGarry, O’Duffy, 287. 4.2 Irland und der Spanische Bürgerkrieg 141 kommnissen in Spanien interessiert, sondern hatte sich auf die Fahnen geschrieben, antikommunistische Aktivitäten im irischen Freistaat zu initiieren und zu koordinieren. Der Vorsitzende der neuen Organisation, Patrick Belton, war von O’Duffys Brigadeplänen wenig begeistert. Für Belton bestand die einzig sinnvolle Unterstützung für Spanien in humanitärer Hilfe. Schnell gelang es der Irish Christian Front, sich die Sympathien der Bevölkerung zu sichern, sprach man doch eine breite Masse an, welche zwar grundsätzlich bereit war, den Katholiken Spaniens zu helfen, die aber andererseits nicht riskieren wollte, dass Irland abermals in einen Krieg verwickelt würde. Während Belton durch Veranstaltungen und Aufrufe verhältnismäßig große Summen an Spenden für Spanien für nichtmilitärische Zwecke sammelte, scheiterte O’Duffy bereits in der Planungsphase daran, seine Freiwilligeneinheit mit ausreichend finanziellen Mittel auszustatten. Wahrscheinlich hatte er darauf gehofft, dass solvente Investoren aus dem eigenen Land und aus Spanien die Finanzierung tragen würden. Trotz aller Widrigkeiten hielt O’Duffy aber an seinen Plänen fest, um nicht noch mehr Sympathien bei der irischen Bevölkerung an die ICF zu verlieren.500 Der NCP-Vorsitzende begab sich sogar nach Spanien, um seiner Brigade den Weg zu ebnen. Gemeinsam mit Thomas Gunning, seinem Übersetzer und langjährigen Weggefährten, traf er am 26. September 1936 in Pamplona ein, von wo aus die beiden Männer nach Burgos weiterreisten. Dort sprach O’Duffy mit General Miguel Cabanellas, dem Chef der provisorischen Regierung. Das Treffen verlief anders als von dem Iren erwartet. Cabanellas lehnte das Angebot mit der Begründung ab, man brauche keine Fremden, um Spanien zu befreien. Allerdings wollte sich der NCP-Vorsitzende so einfach nicht abfertigen lassen. Er und Gunning reisten nach Valladolid und trafen General Emilio Mola. Für diesen waren die irischen Freiwilligen eine willkommene Verstärkung, nachdem seine Einheiten in den letzten Wochen herbe Verluste erlitten hatten. Franco selbst sprach nicht mit O’Duffy, da er zu dieser Zeit mit der deutschen und der italienischen Führung verhandelte. Aus diesem Grund unterbreitete General Mola Franco das irische Hilfsangebot, das dieser sofort akzeptierte, nicht zuletzt, um die irische Unterstützung auch für nationalspanische Propagandaaktivitäten zu nutzen. Burgos wollte den Anschein erwecken, als hätte die irische Organisation ohne das Zutun der Nationalisten in Spanien ihre Hilfe zugesagt. Der Bitte entsprechend, nahm man das Angebot des irischen Generals an, sich an der durch die Nationalisten zum Glaubenskrieg erhobenen Auseinandersetzung in Spanien zu beteiligen. Nach Abschluss der Gespräche und mit dem Wissen, Francos Unterstützung zu haben, verließ Eoin O’Duffy das Land in der Überzeugung, dass somit alle Vorbereitungen für die Irish Brigade getroffen worden seien. Zurück in der Heimat, begann er in enger Abstimmung mit Francos Bruder Nicolás Franco Bahamonde, den Transport der irischen Freiwilligen zu organisieren. Mitte Oktober 1936 scheiterte der erste geplante Transfer per Schiff auf der Ostpassage nahe der Stadt Waterford in letzter Minute. Franco persönlich hatte das Auslaufen des Frachtschiffs S.S. Domino verschoben, weil der spanische General die internationale Situation als äußerst ungünstig für das Unterfangen erachtete. Der NCP-Vorsit- 500 Stradling, Irish & Spanish Civil War, 12ff; McGarry, Irish Politics & Spanish Civil War, 25f. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 142 zende reiste daraufhin erneut nach Spanien, um den Problemen vor Ort auf den Grund zu gehen. In Salamanca trafen sich O’Duffy und Franco zum ersten Mal zu Gesprächen. Der Ire versicherte sich nochmals bei General Franco, dass die irische Brigade erwünscht war. Außerdem besuchte er mehrere Städte und das nationalistische Frontkommando. In Toledo traf sich der Vorsitzende mit Kardinal Isidoro Gomá, der O’Duffy über die Verhältnisse im Baskenland aufklärte, insbesondere über den paradoxen Widerstand, auf den die nationalistische Regierung in der Region stieß. „Thus he grasped the utter impossibility for any Irish brigade to serve in the northern zone, where action against the zealously Catholic Basques, whose regiments marched to war behind their priests, would be inevitable.“ Diese erneute Reise bestärkte O’Duffy weiter darin, seine Mission voranzutreiben. Während eines weiteren Treffens mit Franco vereinbarten die beiden Männer die Bedingungen für den Einsatz der irischen Truppe:501 Die 5.000 Mann starke Irish Brigade sollte in acht Bataillone innerhalb der Tercio, der Auslandslegion, eingeteilt werden. Diese Einheit war in Spanien berühmt-berüchtigt: „The 17,000 strong Tercio formed the élite of the Nationalist forces. Battle-hardened and brutalized by years of service as shock troops in the vicious Moroccan campaigns, the all-volunteer force lived by an austere code dominated by a belief in the virtue of honourable death on the battlefield.“502 Die Absprache beinhaltete darüber hinaus, dass jeder Verband O’Duffys als eigenständige Einheit, mit eigenem medizinischem Personal, eigenen Geistlichen und Köchen ausgestattet, jeweils unter dem Kommando eines irischen Offiziers fungieren würde. O’Duffy selbst erhielte den Rang eines Brigadegenerals und wäre als Generalinspekteur der Irish Brigade direkt General Franco unterstellt. Zudem würden spanische Offiziere und Legionäre dem ausländischen Verband in untergeordneten Positionen oder als Verbindungsoffiziere zugeteilt. Als Einsatzdauer vereinbarte man sechs Monate bzw. das Kriegsende, falls dieses vorher eintreten würde. Die irischen Freiwilligen sollten den gleichen Sold wie die Tercio-Truppen erhalten, jedoch ohne Anspruch auf Abfindungen oder Pensionen. Nach Abschluss der Gespräche kehrte der NCP-Vorsitzende nach Dublin zurück, um sicherzustellen, dass die versprochene Zahl von 5.000 Freiwilligen für den Kampf in Spanien rekrutiert wurde. Vermehrt in der Presse erscheinenden Artikeln, die davor warnten, sich der Irish Brigade anzuschließen, da deren Einsatz gegen den Nichteinmischungspakt, den auch die irische Regierung unterstützte, verstieße, musste O’Duffy entgegentreten: Er berief sich darauf, dass die Behörden unbewaffneten Bürgern die Ausreise nicht verwehren könnten. Doch obwohl in Irland große Teile der Bevölkerung mit Franco sympathisierten, überschätzte der General die Stärke seiner Mannschaft erheblich. Insgesamt entschieden sich nur etwa 700, vor allem junge Männer unterschiedlichster Gesellschaftsschichten, für den Kampf in Spanien. Sie stammten vornehmlich aus dem Südwesten und der Mitte des Landes, den Blueshirts-Hochburgen. Neben Geschäftsleuten, Facharbeitern und Seminaristen verpflichteten sich auch ungelernte Arbeiter, ehemalige Soldaten und Polizisten. Viele 501 Stradling, Irish & Spanish Civil War, 17ff, 21, 31f. 502 McGarry, O’Duffy, 288. 4.2 Irland und der Spanische Bürgerkrieg 143 der Freiwilligen waren mit ihrem Schicksal in einem von Fianna Fáil regierten Irland unzufrieden. Sie alle einte die Überzeugung, dass Spanien die Front im Kampf gegen die unerbittliche Ausbreitung des Kommunismus sei. Das irische Kabinett in Dublin dagegen sah andere Beweggründe für die oftmals jungen Rekruten der irischen Brigade. „Idealistic motives, combined with the lack of employment and emigration opportunities, and the lure of travel and adventure made service in the Irish Brigade an enticing prospect for O’Duffy’s naïve young followers.“503 O’Duffys Hauptproblem während seiner Kampagne war der Transport. Die spanischen Putschisten wollten keine Schiffe für den Transfer der irischen Einheiten bereitstellen und wiesen die Soldaten deshalb an, eigenständig und in kleinen Gruppen nach Spanien zu reisen. Obwohl der NCP-Vorsitzende sehr empört auf diese Nachricht reagierte, konnte er keine Alternative anbieten. Deshalb riet er einer Gruppe von circa 250 Mann, sich selbstständig auf den Weg zu machen. Der General reiste zu weiteren Gesprächen mit Franco nach Spanien. Zunächst schien dieser einzulenken und den Transport der Freiwilligen zu organisieren, doch Ende November 1936 erteilte der spanische Oberbefehlshaber dem Iren erneut eine Absage. O’Duffys Adjutant, Hauptmann Liam Walsh, setzte sich deshalb mit den Behörden in Berlin504 in Verbindung, um über mögliche Hilfe zu verhandeln. Deutschland erklärte sich tatsächlich bereit, maximal 500 Freiwillige der Irish Brigade nach Spanien zu bringen, woraufhin der deutsche Dampfer S.S. Urundi der deutschen Ost-Afrika Linie505 am 13. Dezember 1936 circa 430 Soldaten506 vor der Küste von Galway an Bord nahm. Die Überfahrt wurde zur Tortur, nicht nur aufgrund der schlechten Wetterlage, sondern auch wegen der Bedingungen an Bord, besonders weil die Freiwilligen nur unzureichend mit Wasser und Lebensmitteln versorgt wurden. Bis zum Ende des Krieges in Spanien blieb die S.S. Urundi das einzige Schiff, das irische Freiwillige ins Kriegsgebiet transportierte. De Valeras Nichtinterventionspolitik machte weitere groß angelegte Vorhaben unmöglich. Die Unentschlossenheit der spanischen Revolutionäre, die Empfindlichkeit der irischen Neutralitätspolitik und Kommunikationsprobleme waren dafür ausschlaggebend, dass nur circa 700 Mann auf Francos Seite kämpften, anstelle mehrerer tausend Soldaten. „This had two important consequences. Relations between Franco and O’Duffy were strained from the outset; and the under- 503 Ibid, 288ff, 290. 504 Fearghal McGarry spricht in seinem Buch lediglich von Folgendem: „(…) Captain Liam Walsh flew to Berlin to see if the Nazis would supply a ship.“ Es geht nicht daraus hervor, mit welcher Behörde sich der Ire in Verbindung gesetzt hatte. McGarry, O’Duffy, 291. 505 Eigentlich verkehrte das Schiff auf der Route zwischen Hamburg und den Vereinigten Staaten. Paul McGinley, „A forgotten Night at Galway Docks“, Galway Advertiser (12. Februar 2009). [Online]. o. D.. URL: http://www.advertiser.ie/galway/article/8405/a-forgotten-night-at-galway-docks [01.09.2015]. 506 Laut Schätzungen O’Duffys hatten sich circa 480 Freiwillige in Galway eingefunden und gingen an Bord des Transferschiffes Dun Aengus. 50 Mann konnten oder wollten nach stundenlangem Warten auf die S.S. Urundi nicht über zwei Strickleitern bei rauer See an Bord des deutschen Dampfers gehen und kehrten nach Galway zurück. Stradling, Irish & Spanish Civil War, 37ff. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 144 strength bandera’s [sic] ability to function as an autonomous unit was greatly restricted.“507 Nach der Ankunft in Spanien reiste die Irish Brigade sofort weiter nach Salamanca, zum Hauptquartier des nationalistischen Militärs. Die örtlichen Führungsoffiziere nutzten die Gelegenheit, um sich ein Bild von den Iren zu machen. Der erste Eindruck kann nicht sehr überzeugend gewesen sein, waren doch die meisten Freiwilligen noch von der strapaziösen Anreise gezeichnet. In der Vorweihnachtswoche erreichte die Truppe ihren Bestimmungsort Cáceres, wo sich die Männer akklimatisieren und ihr Basistraining, das das Erlernen von Codes und der Standards der als Elite geltenden Tercio-Truppen508 beinhaltete, absolvieren sollten. Besonders ältere Rekruten empfanden diese Zeit als Verschwendung: Die spanischen Armeetechniken erachteten sie als überflüssig und langweilig, verfügte doch ein Drittel der Iren bereits über militärische Erfahrung. O’Duffy und sein Führungsstab waren während der Trainingsperiode nur zu besonderen Anlässen vor Ort, Routineaufgaben überließ der General seinem Kompanieführer Patrick Dalton. Diese Einstellung ihres Oberbefehlshabers sollte nicht ohne negative Auswirkungen auf die Soldaten bleiben. Hinzu kamen sehr begrenzte Möglichkeiten, die Freizeit zu verbringen, weshalb Spielen und Trinken zu Hauptbeschäftigungen der Iren wurden, um der Langeweile, die im Trainingslager herrschte, zu begegnen. Das schlechte Wetter und fehlende Militäreinsätze taten ihr Übriges, um die Stimmung unter den Soldaten zu trüben. Viele Freiwillige litten zudem darunter, dass es Probleme mit der Post gab, weil jede Sendung erst durch die spanischen Behörden geprüft und gegebenenfalls zensiert wurde, was zur Folge hatte, dass vorerst keine Briefe aus der Heimat zugestellt werden konnten. Kontakte zu Einheimischen waren aufgrund der Sprachbarriere schwierig. Es stellte sich schnell heraus, dass auch der Glaube, den Iren und Spanier gemeinsam hatten, keine Basis für Gespräche war. Die Mitglieder der Irish Brigade zeigten sich entsetzt von dem augenscheinlich geringen religiösen Enthusiasmus der Spanier. Diese hingegen überraschte die Frömmigkeit der ausländischen Soldaten. Ungeachtet der Tatsache, dass die Moral seiner Mannschaft täglich abnahm, sah O’Duffy jedoch keinen Grund zu handeln. Er fand vielmehr Gefallen an den zahlreichen Paraden und Gottesdiensten, an denen die Bandera, wie die Irish Brigade von den Spaniern genannt wurde, teilnahm.509 Obwohl die Irish Brigade bereits einige Zeit einsatzbereit war, zweifelte das nationalspanische Militärkommando an den Führungsqualitäten der irischen Offiziere und sandte die Soldaten vorerst nicht in die Kampfzone. Burgos entschied schließlich aber doch noch, die Freiwilligen in einen Gefechtseinsatz zu schicken. Der tatsächliche Einsatzbefehl erging trotzdem erst am 16. Februar 1937. Die Verbände sollten die 507 McGarry, O’Duffy, 290ff, 292. 508 Die Tercio-Verbände gehörten zur spanischen Fremdenlegion. Anders als der Name vermuten lässt, bildete diese Einheit vornehmlich Berufssoldaten. Sie war bekannt für ihre strikte militärische Disziplin, ihren absoluten Gehorsam, ihren unerschütterlichen Mut zusammen mit dem unumstößlichen Willen, sich selbst zu opfern. Die Angehörigen dieser Einheit verstanden sich auch in erster Linie als Soldaten, die bereit waren, sich für ihre Mission aufzugeben. McGarry, Irish & Spanish Civil War, 41f. 509 McGarry, Irish & Spanish Civil War, 43, 45, 48ff. 4.2 Irland und der Spanische Bürgerkrieg 145 Madrid-Front unterstützen. Auf dem Weg dorthin erlitt die irische Truppe die ersten Verluste. Zwischen den Ortschaften Valdemoro und Ciempozuelos traf die Irish Brigade auf eine nationalistische Einheit von den Kanarischen Inseln.510 Die Spanier konnten die anderen Soldaten keinem nationalspanischen Verband zuordnen und hielten sie für feindliche Kämpfer der internationalen Brigade. Sie eröffneten sofort das Feuer und zwei Iren starben. Wer die Verantwortung für diesen Zwischenfall trug, konnte nicht hinreichend geklärt werden. O’Duffy bestand darauf, dass die kanarischen Einheiten nicht dem militärischen Protokoll gefolgt waren. Andere Berichte aus den Reihen der Irish Brigade lassen vermuten, dass der Fehler bei der O’Duffys-Einheit zu suchen war. Entgegen den Vorschriften war die Irish Brigade hinter den eigenen Linien in Kampfformation marschiert. Trotzdem wurde der Einsatz der Truppen fortgesetzt. Im Dorf Ciempozuelos, knapp 25 Kilometer von Madrid entfernt, hatten sie die Aufgabe, die in der Stadt verteilten Leichen zu bergen. Der Einsatz war nicht ungefährlich. Der Ort stand unter ständigem Beschuss durch die Internationalen Brigaden, denen auch Landsleute angehörten, die auf republikanischer Seite kämpften. Die Moral innerhalb der Truppe verschlechterte sich zunehmend. Die Beschwerden über das schlechte Essen, die unzureichende Kleidung und die Behandlung der Iren generell, häuften sich. Zwischen Spaniern und der ausländischen Militäreinheit wurden erste Spannungen sichtbar, die sogar so weit führten, dass zwei irische Führungsoffiziere in die Heimat zurückkehrten. Dafür machte man allerdings offiziell gesundheitliche Aspekte verantwortlich. O’Duffys Brigade wurde daraufhin einer gemischten Kompanie angegliedert, die sich aus Verbänden der spanischen und marokkanischen Kavallerie zusammensetzte. Einen Tag, nachdem die Militärführung die Reihen des irischen Verbandes ergänzt hatte, am 13. März 1937, erlebte die Brigade ihren ersten richtigen Fronteinsatz. Der Befehl lautete, das Dorf Titulcia zurückzuerobern. Doch aufgrund des ständigen Beschusses gelang es der Irish Brigade weder, das Dorf zu erreichen noch republikanische Verbände in Gefechte zu verwickeln. Während des Angriffs wurden vier irische Soldaten getötet. Am kommenden Tag sollte der Vorstoß wiederholt werden, aber O’Duffy missachtete diesen Befehl, weil er von der Aussichtslosigkeit eines weiteren Angriffs überzeugt war. Diese Entscheidung hatte Auswirkungen auf die Zukunft der Irish Brigade. „The Failure of Titulcia was a pivotal event for the brigade. It confirmed the doubts of the Nationalist command about the bandera’s [sic] capabilities.“511 Die Ereignisse des 13. März 1937 zeigten deutlich, dass man die Irish Brigade mit dem Einsatz in diesem überaus brutalen Bürgerkrieg überfordert hatte. Franco war folglich nicht sehr enttäuscht, als ihn die Nachricht erreichte, dass die Einheit nicht durch neue Freiwillige aus dem Freistaat verstärkt werden würde. Wieder einmal gab es Transportprobleme und die irische Verstärkung für O’Duffys Verband konnte nicht abreisen. Während eines Truppenbesuchs durch General Juan Yagüe kündigte dieser die Auflösung der XV Bandera, so 510 Um welche Einheit es sich konkret handelte, ist nicht ersichtlich. Auch weitere Autoren, die zu diesem Thema Abhandlungen verfasst haben, konnten die genaue Bezeichnung der nationalistischen Einheit nicht näher bestimmen. McGarry, Irish & Spanish Civil War, 39; Stradling, Irish & Spanish Civil War, 65. 511 McGarry, Irish Politics & Spanish Civil War, 37ff. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 146 lautete der Name der irischen Einheit in Spanien, an. Zum Zeitpunkt der Inspektion war der Oberbefehlshaber der Einheit, Eoin O’Duffy, nicht vor Ort. Neben militärischen Problemen existierten innerhalb der Truppe noch Streitigkeiten und Rivalitäten. Der Ursprung eines Teils dieser Schwierigkeiten lässt sich in den ersten Planungswochen der Irish Brigade ausmachen, als der NCP-Vorsitzende im Vorfeld der spanischen Kämpfe vielen Anhängern aus seiner Zeit als Polizeichef und Oberbefehlshaber hochrangige Positionen in der Brigadeführung versprach, was Rivalitäten in den Reihen der Offiziere zur Folge hatte. Aber auch das Verhalten O’Duffys erntete viel Kritik. „Not often to be seen at front, he led a separate existence, spending much of his time on tourist trips, visiting aristocratic patrons, attending receptions and socialising with his intimates in Salamanca’s Grand Hotel.“ Viele der irischen Brigadiers, darunter auch Offiziere, wollten nicht ihr Leben riskieren, während eine kleine Elite das Leben im Luxus genoss.512 Abgesehen davon hatten sich auch die Beziehungen zwischen der irischen Brigade und der nationalistischen Führung verschlechtert, aufgrund dessen befürworteten sowohl O’Duffy als auch General Franco die Rückkehr der bandera nach Irland. In einem Gespräch O’Duffys mit dem Vertreter der United Press, Reynolds Packard, offenbarte er die Gründe für den Abzug seiner Einheit. Zum einen waren dies die Verhältnisse in Spanien, die sich den Freiwilligen anders dargestellt hatten, als vor der Abreise gedacht. Für viele Rekruten hatte dieser Krieg nichts mit der Verteidigung des Katholizismus zu tun, für die man angetreten war. Folglich gab es wenig Anlass, sein Leben aufs Spiel zu setzen. Zum anderen war O’Duffy selbst sehr verärgert darüber, wie seine Männer von den Spaniern behandelt wurden. Außerdem nutzten die Militärs nach Ansicht des Iren die Irish Brigade, laut O’Duffy circa 2.000 Mann stark, nicht ausreichend für die nationale Propaganda. Dabei hätte sich für Franco möglicherweise die Aussicht ergeben, gezielt die in Amerika lebenden Iren für seine Sache zu interessieren und im besten Fall sogar für sich einzunehmen.513 Während eines Gesprächs des deutschen Geschäftsträgers in Spanien, Wilhelm Faupel, mit General Franco äußerte sich der Spanier zur Irish Brigade. Dabei hielt er mit seiner Kritik nicht zurück, sondern schilderte vielmehr seine Sicht der Dinge. „Die Gesamtzahl der irischen Freiwilligen belaufe sich nicht, wie häufig gesagt werde, auf etwa 2.000, sondern nur auf 600 Mann. Die Mannschaften machten an sich einen brauchbaren Eindruck. Unter den Truppenführern seien dagegen nur 4 Berufsoffiziere. Alle anderen verstünden nichts vom Offizierberuf [sic] und seien nicht in der Lage, Disziplin in ihre Leute zu bringen [sic]. Es kämen die gröbsten Verstösse [sic] gegen die Mannszucht vor. Der Arzt könne sich bei den Leuten kaum sehen lassen, ein Offizier sei verprügelt worden usw. Er, Franco, habe daher dem Führer der Iren, O’Duffy, gesagt, dass das Bataillon mit englisch sprechenden spanischen Offizieren besetzt werden müsse. Da O’Duffy darauf nicht 512 Stradling, Irish & Spanish Civil War, 85, 93f, 97f, 98. 513 Vermerk Faupels über den Bericht des Journalisten der United Press Reynolds Packard, 21. Juni 1937, Bd. 1, Gesandtschaft Madrid Nr. 721, PA, AA, Berlin. 4.2 Irland und der Spanische Bürgerkrieg 147 eingehen wolle, so sei die Einheit zunächst einmal nach Caceres zurückgezogen worden.“514 Aber auch nach dem Abzug der Irish Brigade aus dem Kampfgebiet hielt die mangelnde Disziplin an. Ein irischer Offizier stellte sich während einer privaten Auseinandersetzung zwischen einem Gefreiten und einem seiner Kollegen auf die Seite des Rangniedrigeren – ein Umstand, den die spanische Militärführung missbilligte. Kurze Zeit später teilte Hauptmann Dermot O’Sullivan dem spanischen Offizier Xavier de Silva mit, dass seine Mannschaft nach Irland zurückkehren wolle, um dann wieder nach Spanien zu reisen, um diesmal aufseiten der Republikaner zu kämpfen. Als General Yagüe von dieser Äußerung erfuhr, stellte er O’Sullivan unter Arrest und entwaffnete die gesamte Irish Brigade. Zu diesem Zeitpunkt waren viele Iren desillusioniert, sowohl in Bezug auf die Brigade, als auch auf Nationalspanien. Zudem hatte sich zwischenzeitlich die Beziehung zwischen O’Duffy und Franco verschlechtert. Alle Versuche, das angespannte Verhältnis zwischen den beiden Männern zu verbessern, scheiterten. Der spanische General wollte sich der irischen Truppe nur noch entledigen, sodass die beiden Männer in den Monaten Mai und Juni 1937 damit beschäftigt waren, über die Bedingungen für die Rückkehr der Einheit zu verhandeln. Man einigte sich darauf, dass der Anlass für die Rückkehr der Irish Brigade zum einen die „hohe“ Zahl an Verletzten gewesen sein solle und zum anderen, dass die sechsmonatige Dienstzeit erfolgreich erfüllt worden sei. Zwei Monate nach ihrer Entwaffnung und dem Abzug von der Front verließen 657 Freiwillige der irischen Brigade an Bord des Fährschiffs S.S. Mozambique Lissabon. Die Brigade ließ ungefähr zwanzig Männer zurück. Sechs erholten sich von ihren Verletzungen im Krankenhaus, der Rest kämpfte weiter für die Nationalisten in Spanien. Insgesamt hatte die Einheit sieben Tote zu beklagen.515 Bei ihrer Ankunft in Dublin wurden die Freiwilligen von einer größeren Menschenmenge empfangen. Bei der anschließenden Veranstaltung im Mansion House, die ohne Vertreter der Regierung stattfand, sprachen neben einigen Anhängern O’Duffys der General selbst und Patrick Belton, Vorsitzender der Irish Christian Front. Seinen Dank an die Irish Brigade verband Belton mit einem Lob für ihr „mannhaftes Eintreten für die Sache des Christentums in Spanien“. O’Duffy, so der Bericht von Hans Köster, Geschäftsträger der Deutschen Gesandtschaft in Dublin an das AA, anlässlich der „‚Rückkehr der Irischen Brigade aus Spanien‘, habe die Taten seiner Truppe ‚glorifiziert‘“. Die vorzeitige Rückkehr seiner Einheit begründete O’Duffy mit dem drohenden Verlust ihrer Selbstständigkeit, „(…) da für die zahlreichen Verluste der Brigade kein Nachschub aus Irland zu erwarten gewesen wäre.“516 Doch hielt das heroische Bild, das O’Duffy in der Öffentlichkeit zu etablieren versuchte, den Erzählungen der Rückkehrer nicht stand. Berichte über Unstimmigkeiten und Missstände innerhalb der Brigade machten die Runde. Köster fasste die öffentli- 514 Vermerk Faupel an das Auswärtige Amt Berlin, Az. 3–1631/37, 4. Mai 1937, Spanischer Krieg Bd. 1, Gesandtschaft Madrid Nr. 721, PA, AA, Berlin. 515 McGarry, Irish Politics & Spanish Civil War, 44ff. 516 Bericht A 88 des deutschen Geschäftsträgers Hans Köster an das Auswärtige Amt, 23. Juni 1937, Bd. 1, Gesandtschaft Madrid Nr. 721, PA, AA, Berlin. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 148 che Meinung nach der Ankunft der irischen Brigade zusammen. „Der unrühmliche Ausgang des ganzen Unternehmens war von Anfang an vorauszusehen. Die Hauptschuld daran wird man der Persönlichkeit des Generals O’Duffy zuzuschreiben haben, auf dessen Initiative Plan und Ausführung allein zurückgehen.“517 Damit blieb die Irish Brigade mit allen ihren Problemen und internen Querelen die einzige Freiwilligeneinheit, die die nationalen Truppen Francos militärisch unterstützte.518 Nachdem die geschichtlichen Hintergründe und die vielfältige internationale Unterstützung, sowohl aufseiten der spanischen Regierung als auch aufseiten der Aufständischen unter Francos Leitung, dargestellt wurden, richtet sich der Fokus der kommenden Kapitel auf die Rolle Frank Ryans im spanischen Konflikt. Kampf dem Faschismus519 – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg Frank Ryan und der Ausbruch der Feindseligkeiten in Spanien „From the start the war in Spain became the centre of international attention. There was much at stake: the balance of power between the democracies and the emerging authoritarian regimes, the danger of the war spreading beyond Spain’s frontiers, and the spectre of revolution.“520 Dabei war aber auch die Lage in Irland schwierig. Die Mehrheit der Bevölkerung sympathisierte mit Franco, denn rechtsgerichtete Tendenzen und Sympathien für diese Regierungsform gab es zu dieser Zeit im Freistaat häufig. So unter anderem auf politischer Ebene durch die Blueshirts und durch die Presse. Auch die katholische Kirche im Freistaat war auf Francos Seite. Ohne tiefer gehendes Wissen um die Hintergründe des Spanischen Bürgerkriegs sah ein Großteil der Iren nur den Aspekt der Greueltaten gegenüber der Kirche, denn vor allem Nachrichten darüber hatten sich schnell im Land verbreitet. Innerhalb der Führungsspitze des Republican Congress waren die Meinungen geteilt. Sie reichten von großem Interesse für den spanischen Kampf bis hin zu Gleichgültigkeit hinsichtlich der Vorgänge auf der Iberischen Halbinsel. RC-Gründungsmitglied Peadar O’Donnell, der sich während des Ausbruchs der Feindseligkeiten in Spanien dort im Urlaub befunden hatte, war bei seiner Rückkehr entschlossen, der spanischen Republik zu helfen und sandte daraufhin George Gilmore auf die Iberische Halbinsel. Er sollte sich ein Bild von der 4.3 4.3.1 517 Ibid. 518 Robert A. Stradling, „A War of Ideals? Irish Volunteers in the Spanish Civil War, 1936–1939“, Cathair Na Mart 15 (1995): 110. 519 Für Frank Ryan gab es keine ideologischen Unterschiede beziehungsweise Ausprägungen des Faschismus. Er bezeichnete jede Regierungsform, die rechtsgerichtete Tendenzen aufwies, als faschistischen Staat. Für ihn bestand kein Unterschied zwischen den politischen Zielen Mussolinis, Hitlers, Francos oder Eoin O’Duffys. Hoar, In Green and Red, 110. 520 Andy Durgan, „Freedom fighters or Comintern army? The International Brigades in Spain“ International Socialism Journal 84 (Herbst 1999): 1. [Online]. o. D.. URL: http://pubs.socialistreview index.org.uk/isj84/durgan.htm [10. Februar 2012]. 4.3 Kampf dem Faschismus – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 149 Lage verschaffen und notwendige Schritte für die irische Hilfe einleiten. Allerdings wurde Gilmore während seines Aufenthalts im Baskenland verwundet und später interniert, bevor er überhaupt konkrete Vereinbarungen über Hilfen aus Irland mit den Behörden vor Ort vereinbaren konnte. Nachdem der Ire die Hilfe für die junge spanische Republik nicht mehr koordinieren konnte, suchte O’Donnell in Irland nach einem Nachfolger für diese Aufgabe. Als neuer und aussichtsreichster Kandidat fiel schnell der Name Frank Ryan.521 Als „Joint secretary“522 des Republican Congress hatte er die Vorgänge in Spanien bis dahin allerdings nur am Rande verfolgt, denn zu diesem Zeitpunkt fehlte Ryan das Interesse für den Konflikt. Schließlich bestanden in seinen Augen vor Ort dringlichere Probleme, die zuerst gelöst werden mussten, bevor man sich mit dem spanischen Bürgerkrieg beschäftigen konnte. Zu der Problematik, die dringend der Klärung bedurfte, gehörte in erster Linie Folgendes: Dem amerikanischen Clan na Gael missfiel die neue linksgerichtete Gruppe. Da die Untergrundarmee finanziell auf die Unterstützung der Amerikaner angewiesen war, verfügte der Clan nach wie vor über viel Einfluss innerhalb der Irish Republican Army. Für diese Iro-Amerikaner stand ein vereinigtes und unabhängiges Irland im Vordergrund und das Ziel sollten gewaltbereite Mitglieder wie Seán Russell erreichen, der sich zu dieser Zeit in den USA befand, um für die finanzielle Unterstützung der IRA durch die Anhänger des Clan na Gael zu sorgen. Außerdem hoffte Russell in ihren Reihen Unterstützer für seine Gewaltstrategie zu finden. Mit den Zielen und Ideen des Republican Congress konnte der Clan na Gael hingegen wenig anfangen und verwehrte ihm so jegliche Unterstützung. Aus diesem Grund drohte der Clan na Gael seinen Mitgliedern, die sich neben ihrer Arbeit für den Clan auch im Republican Congress engagierten, mit dem sofortigen Ausschluss, falls sie sich nicht von der kommunistisch geprägten Vereinigung distanzierten. Dies war auch der Hauptgrund für Ryan, sich nicht zu intensiv mit dem Konflikt in Spanien zu befassen.523 An seinen Freund Gerald O’Reilly schreibt Ryan, dass er, trotz des Angebots, momentan nicht nach Spanien gehen wolle: „(…) I feel I have to stand my ground here and rally our own. The frontline trenches of Spain are right here.“524 Aber der Druck auf die Führungsriege des Republican Congress und besonders auf Ryan nahm zu. Der in London lebende irische Lyriker Charles Donnelly, Mitglied im Republican Congress, drängte darauf, dass die linksgerichtete Organisation die spanische Republik unterstützen müsse. Ryan aber vertrat die Meinung, dass der Vereinigung kaum Ressourcen zur Verfügung stünden, um der Pro-Franco-Stimmung in Irland entgegenzuwirken, geschweige denn Mitglieder für den Kampf in Spanien. Donnelly jedoch beharrte auf seinen Standpunkt. Er hatte sich bereits dazu entschlossen, in Spanien für seine Ideale zu kämpfen. Anlässlich eines Besuchs des Poeten in Dublin trafen sich die beiden Männer und Donnelly versuchte nochmals, Ryan zu 521 Cronin, Frank Ryan, 75, 77; Bowyer Bell, „Ireland and the Spanish Civil War 1936 to 1939“, 247, 256. 522 Auf dieser Position arbeitete Frank Ryan seit der Gründung des Republican Congress im Jahr 1934 zusammen mit George Gilmore. 523 Hoar, In Green and Red, 149; Cronin, Frank Ryan, 71. 524 Cronin, Frank Ryan, 77f. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 150 einer Meinungsänderung zu bewegen. Im Verlauf dieses Gesprächs warf der Dichter seinem Freund vor, dass er das Erbe James Connollys verrate. Ryan entgegnete, dass er die ganze Zeit verzweifelt versucht habe, den immer schwächer werdenden Republican Congress zusammenzuhalten – eine Aufgabe, die Ryan zu diesem Zeitpunkt wohl als die dringlichste ansah. Beide Männer einigten sich schließlich darauf, ein Telegramm an die Regierung in Madrid zu schicken, in dem die Congress-Mitglieder den republikanischen Kräften Mut und moralische Unterstützung zusprachen. Durch eine offizielle Mitteilung an die Irish Press am 16. September 1936 erfuhr die irische Bevölkerung von der Nachricht an die Republikaner in Spanien.525 Die katholische Kirche sah sich nach dieser öffentlichen Stellungnahme des Republican Congress gezwungen, die Gläubigen über die Vorgänge auf der Iberischen Halbinsel zu informieren. In seiner Predigt am 20. September 1936 thematisierte Kardinal MacRory die Ereignisse in Spanien und kritisierte in besonderer Weise die Botschaft, die der Republican Congress in seinem Telegramm an die spanische Regierung übermittelt hatte. MacRory zeigte sich darüber erschüttert, dass diese Organisation, bestehend aus jungen katholischen Iren, einer Regierung, bestehend aus Kommunisten und Anarchisten, ihre Sympathien übermittelte. „I hope that these young men who make up the Irish Republican Congress did not realise what they were doing. It is a terrible thing for an Irish Catholic body to send publicly a promise of support to the Communist leader of such a Communist Government.“ Nach Ansicht des Geistlichen war das einzige Ergebnis, das sich aus dem spanischen Konflikt ergeben würde, „(…) to destroy evey Catholic State in the world.“526 Zwei Tage später reagierte Ryan auf die Predigt des Kardinals mit einem offenen Brief an den Geistlichen, der in der Irish Times veröffentlicht wurde. „Your Eminence, when the Catholic clergy in Spain identify themselves with the Fascist rebellion against the people, it appears to me that they turn the churches into barracks. And just as I saw no legitimate reason why the Cosgrave government here should be supported by the Irish bishops in the war 1922–23, so I do not see any legitimate reason why the Spanish monarchy or Spanish Fascists should be supported by the Spanish bishops to-day. So I voice my strongest objection to the attempts being made to represent the Almighty as ‚God become Fascist. ‘ (…) I assure your Eminence that, as a Catholic, I will ‚Take my religion from Rome,‘ but that as an Irish Republican, I will take my politics neither from Moscow nor Maynooth“.527 Interessanterweise waren viele Freiwillige, die zusammen mit Ryan am Ende des Jahres 1936 nach Spanien gin- 525 Joseph O’Connor, Even the olives are bleeding – the life and times of Charles Donnelly (Dublin: New Island Books, 1992), 89, 91; Hoar, In Green and Red, 150. 526 „Spain Torn and Bleeding – Cardinal MacRory appeals for prayer“, The Irish Times, 21. September 1936, 7. 527 Frank Ryan „The Civil War in Spain – Mr. Frank Ryan’s views – Letter to Cardinal MacRory“, The Irish Times, 23. September 1936, Department of Justice, JUS 8/803, NAI, Dublin. Das St. Patrick’s College in Maynooth beherbergt seit 1795 das Priesterseminar in Irland. An der Universität erhalten angehende katholische Priester ihre Ausbildung. Auch Kardinal Joseph MacRory war Absolvent der Universität. Nachdem hier die katholische Lehre unterrichtet wird, bezog sich Ryans Kritik auf die Doktrin des katholischen Glaubens, die in Maynooth vermittelt wird. New Advent – Maynooth College. [Online]. o. D.. URL: http://www.newadvent.org/cathen/10087b.htm [25.09.2016]. 4.3 Kampf dem Faschismus – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 151 gen und von Kardinal MacRory als politisch radikal bezeichnet wurden, wie ihr Anführer auch gläubige Katholiken. Allerdings stellten sie in dieser Situation ihre eigenen religiösen Überzeugungen zurück. Für die Männer war es wichtiger, sich mit der spanischen Arbeiterklasse zu vereinigen, um gemeinsam den Kampf für die linksgerichtete Republik und gegen Francos Nationalisten zu führen.528 Wahrscheinlich war es die Predigt des Kardinals, die für Frank Ryan letztendlich den Ausschlag gegeben hatte, sich im Bürgerkrieg zu engagieren. Dennoch scheint es so, als hätte auch O’Duffys Rekrutierungskampagne eine Rolle gespielt. In späteren Jahren gab Ryan gegenüber seinem walisischen Mitgefangenen Tom Jones zu, dass „(…) he had gone to Spain originally because General O’Duffy had gone out on the other side, (…).“529 Unabhängig davon, was letztendlich den Ausschlag dafür gab, nach Spanien zu gehen, kritisierte man in Irland besonders den Republican Congress und Ryan, denn „By going to Spain, never to return, Ryan was abandoning the central concerns of Irish political culture; and thus becoming irreversibly marginalised in Irish life. But he was also moving from the margin into the centre. He went to Spain to fight for a political culture which had not taken root in Ireland. Ryan’s language was Dutch to Irish politics, it was the lingua franca of Republican Spain.“530 Eigentlich plante der Republican Congress, der spanischen Republik lediglich materielle Unterstützung zukommen zu lassen, doch Ryans offener Brief und ein Artikel in der Evening Mail von George Gilmore und Frank Ryan als Antwort auf Kardinal MacRorys Unterstützung für Franco weckten neues Interesse an der linksgerichteten Organisation und den Vorgängen auf der Iberischen Halbinsel. In ihrem Beitrag kritisierten sie nicht nur die einseitige Berichterstattung in Irland über den spanischen Konflikt, sondern auch die pauschale Kritik des Geistlichen an der republikanischen Organisation. „We have no doubt that in Spain atrocities have been committed by both sides in the war. Needless to say we have no sympathy with such acts. Cardinal McRory [sic] has stated that he does not know much about the Republican Congress. There is no secret about our aims. The Republican Congress is a non-sectarian organisation of Irish men and women having as its aim the unity in action of the different Republican and working class organisations to achieve the unity and independence of Ireland.“531 Diese Darstellung der Ziele des Republican Congress bescherte der Vereinigung neue Aufmerksamkeit und schnell entwickelte sich der RC zur einzigen irischen Anlaufstelle für Unterstützer der republikanischen Sache in Spanien. Immer häufiger erreichten die Zentrale Anfragen von Interessenten aus allen Landesteilen, die sich für den aktiven Dienst in einer irischen Einheit der Internationalen Brigaden melden wollten. Die Koordinierung der sich hieraus entwickelnden Rekrutierung übernahm Frank Ryan, was der Sache sehr zugute kam, denn Ryan wurde von 528 R. A. Stradling, „Battleground of Reputations: Ireland and the Spanish Civil War“, The Republic Besieged – Civil War in Spain 1936–1939, Hrsg., Paul Preston und Ann L. Mackenzie (Edinburgh: Edinburgh University Press, 1996), 125. 529 Memorandum on Frank Ryan, 20. Oktober 1941, Frank Ryan Files – Teil 1, G2/0257, MACBB, Dublin. 530 Michael O’Loughlin, Frank Ryan: Journey to the Centre (Dublin: The Raven Arts Press, 1987), 7f. 531 Joseph Donnelly, Charlie Donnelly: The Life and Poems (Dublin: Dedalus Press, 1987), 44. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 152 vielen seiner Landsleute als Führungspersönlichkeit anerkannt. Sein Freund Michael O’Riordan bescheinigte ihm gar, dass er „(…) personified as no one else did the best militant and revolutionary characteristics of the Irish people.“532 Außerdem war schnell klar, dass sich Ryan innerhalb der Führungsebene des Republican Congress offensichtlich als der beste Mann für die Aufgabe herauskristallisierte, denn er galt als der Wagemutigste und war gleichzeitig der Jüngste unter ihnen. Weiterhin machten ihn seine Intelligenz, seine Risikobereitschaft und sein Ruf als guter Soldat, der über viel Energie verfügte, insbesondere wenn es um einen Kampf ging, zur perfekten Wahl als Anführer des irischen Kontingents.533 Die Führungsspitze der Organisation ging zwischenzeitlich dazu über, gegen die Propaganda der Franco-Unterstützer vorzugehen und startete ihrerseits eine Aufklärungskampagne. In erster Linie bestand diese aus zahlreichen Zeitungsbeiträgen O’Donnells und Gilmores. Zusätzlich schilderten sie jedem interessierten Teilnehmer während einer Reihe von Vorträgen und öffentlichen Kundgebungen in Dublin, die bis Dezember 1936 andauerten, persönliche Erfahrungen aus ihrer Zeit in Spanien: Peadar O’Donnell hatte sich während seines Urlaubs in Sitges, einem kleinen Fischerdorf unweit von Barcelona, aufgehalten, als Franco putschte. Parallel zu den Aufklärungsaktionen zeigte die Rekrutierungskampagne des Republican Congress in Irland Wirkung. Freiwillige aus dem ganzen Land fanden sich in Dublin ein und waren bereit für die spanische Republik zu kämpfen. Kurz vor der Abreise des ersten Kontingents fanden im November und Dezember 1936 Treffen statt, um die irische Unterstützung für Spanien nochmals zu festigen. Auch Ryan nahm an diesen Veranstaltungen teil und machte in einem seiner letzten Auftritte, für alle Welt deutlich, dass das ganze Land O’Duffy und die Irish Christian Front ablehnte.534 Er selbst empfand das Engagement des ehemaligen irischen Polizeichefs für Franco als Provokation, die er sich nicht gefallen lassen konnte und wollte. In einem späteren Brief aus dem spanischen Gefängnis schreibt er: „I didn’t bring a battn. [sic] to Spain. I could have done so. In fact, I prevented many from coming. I was satisfied with just enough to offset the O’Duffy propaganda.“535 Kurz vor seiner Abreise sprach er mit einem Journalisten des The Worker am 9. Dezember 1936 über sein Vorhaben. Ryan sah den Einsatz in Spanien als „(…) a demonstration of revolutionary Ireland’s’ [sic] solidarity with gallant Spanish workers and peasants in their fight for freedom against fascism. It aims to redeem Irish honour besmirched by the intervention of Irish fascism on the side of Spanish Fascist rebels. It is to aid the revolutionary movement in Ireland, to defeat the fascist menace at home and finally not the least, to establish the closest fraternal 532 Michael O’Riordan, Connolly Column – The story of the Irishmen who fought in the ranks of the International Brigades in the national-revolutionary war of the Spanish people, 1936–1939 (Dublin: New Books, 1979), 56. 533 McGarry, Frank Ryan, 47; Hoar, In Green and Red, 152f. 534 Hoar, In Green and Red, 149, 153f; Ó Drisceoil, O’Donnell, 94; O’Riordan, Connolly Column, 56; Bowyer Bell, „Ireland and the Spanish Civil War 1936 to 1939“, 247. 535 Brief Frank Ryan an Leopold Kerney, o. D., dem Bericht aus Madrid vom 9. Januar 1940 beigefügt, Department of Foreign Affairs (DFA), DFA/10/A/20/4, NAI, Dublin. 4.3 Kampf dem Faschismus – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 153 bands of kinship between the Republican Democracies of Ireland and Spain.“536 Trotz aller politischen und moralischen Motivation, die Ryan in den Vordergrund stellte, hatte das Scheitern der Republican Congress-Bewegung einen wichtigen Anteil an seiner Entscheidung, in die Internationalen Brigaden einzutreten. Denn mit dem Ende der Organisation lief nicht nur sein politisches Engagement ins Leere, er verlor gleichzeitig noch seine Anstellung. Ryan war zudem physischer Gewalt nicht abgeneigt. Sie repräsentierte für ihn den Glauben an und die Einsatzbereitschaft für die Sache. Zum politischen Kampf kamen, laut Annie O’Farrelly, einer langjährigen Weggefährtin und Kollegin bei An Phoblacht, durchaus auch persönliche Motive wie eine tiefe Verbitterung über Freunde und Wegbegleiter hinzu,537 die Ryan dazu brachten, am Freitag, den 11. Dezember 1936, mit weiteren achtzig Mann die irische Hauptstadt zu verlassen. Ryans Entschluss festigte sich zudem durch die Aussicht, für die republikanische Demokratie in Spanien und sogar weltweit zu kämpfen, ein Gedanke, der vor allem dem Romantiker Frank Ryan besonders gefiel.538 Der Rekrutenzug des Republican Congress setzte sich aus Mitgliedern der Organisation und Anhängern der kommunistischen Partei Irlands zusammen, wobei die wenigsten unter ihnen als orthodoxe Kommunisten bezeichnet werden konnten. Sie alle einte die Überzeugung, dass Spanien das Schlachtfeld war, auf dem die Auseinandersetzung der Demokratie gegen den Faschismus ausgetragen wurde und eben an diesem Kampf wollten sie teilhaben. Das Dublin-Kontingent, das zusammen mit Ryan die irische Hauptstadt verließ, bestand aus Republikanern, Kommunisten und Gewerkschaftsmitgliedern. Zu ihnen gehörten lokale Persönlichkeiten wie Kit Conway aus Tipperary, Jack Nalty, ein bekanntes Mitglied der Ölarbeitersektion der ITG- WU (Irish Transport and General Workers’ Union) und Donal O’Reilly,539 wiederum ein sehr aktives Mitglied der Operative Plasterers Trade Society of Dublin, der Verputzergewerkschaft, in Dublin. James „Jim“ Prendergast und Joe Monks, beide Mitglieder der Communist Party of Ireland sowie Frank Edwards, ein guter Freund Ryans und ebenfalls Anhänger des Republican Congress, befanden sich auch in Ryans Gruppe.540 Der erste Abschnitt der Reise führte sie am 11. Dezember 1936 nach Liverpool. Obwohl Ryan sich bemüht hatte, O’Duffys Männern aus dem Weg zu gehen, setzte ein Teil seiner Einheit an Bord der gleichen Fähre über. Er und seine Mitstreiter kommentierten das Zusammentreffen mit sarkastischen Bemerkungen. Der weitere Weg brachte die Rekruten der Internationalen Brigaden nach Paris und von dort nach Per- 536 Doiminic Bell, Irish Aspects of the Spanish Civil War. [Online]. o. D.. URL: http://irelandscw.com/ docs-Diss01.htm#Abbreviations [29.12.2016]. 537 Bericht Annie O’Farrelly, ohne Empfänger, o. D., AFP, MS 20,653, NLI, Dublin. 538 Cronin, Frank Ryan, 84; Hoar, In Green and Red, 152. 539 Domhnall bzw. Donal O’Reilly aus Dublin war schon als 13-Jähriger am Osteraufstand von 1916 beteiligt gewesen und hatte später für die irische Unabhängigkeit sowohl im Black-and-Tan-Krieg als auch im irischen Bürgerkrieg gekämpft. Donie, wie er von seinen Freunden genannt wurde, befand sich in der ersten Gruppe von Freiwilligen, die mit Frank Ryan nach Spanien kamen, um für die Republik zu streiten. O’Riordan, Connolly Column, 64. 540 Hoar, In Green and Red, 151f; Michael O’Riordan, „Ireland’s international heroes – The story of the men who fought for the Spanish Republic“, Obhair Nr. 2, January 1985, Spanish Civil War file, ILH- SA, Dublin. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 154 pignan kurz vor der französisch-spanischen Grenze. In der Nacht zum 14. Dezember 1936 reisten die Iren in Bussen legal nach Spanien ein.541 Über Ryans Vorhaben wussten nur ein paar enge Freunde, unter ihnen Gerald O’Reilly und Mitglieder des Republican Congress, Bescheid. Seine Familie dagegen erfuhr nichts von den Plänen. Lediglich Ryans Schwester hörte zufällig am Tag seiner Abreise vom Vorhaben des Bruders und sprach am Bahnhof kurz vor der Abfahrt seines Zuges zum Fährhafen nach Dun Laoghaire noch einmal mit ihm. Er verabschiedete sich mit der Bitte, Eilís möge den Eltern ausrichten, er sei kein Kommunist. Nach der Ankunft in Paris schrieb Ryan einen Brief an seine Familie, in dem er seine Aufgaben in Spanien erklärte. Er beteuerte, dass seine Arbeit rein politischer Natur sei und hauptsächlich aus Öffentlichkeitsarbeit und Rundfunksendungen bestehen werde. Durch seine Schwerhörigkeit sei er ohnehin nicht für den aktiven Dienst an der Front geeignet. Außerdem fügte er noch hinzu: „Besides, when I die I want it to be in Ireland – my life is of more value to Ireland than to any other place.“ Bevor Frank Ryan in der Nacht zum 15. Dezember 1936 die Grenze nach Spanien überquerte, schickte er seiner Schwester Eilís und seinem Freund Gerald O’Reilly eine Nachricht aus der französischen Grenzstadt Perpignan: „‚On the border now, and we enter today. (…) Hundreds of all nationalities here – some back from S.[outh] America – all in the same cause. Such a babel of languages – and such fine spirit. We are all in great form. (…)‘“542 Die folgenden Kapitel befassen sich mit der Unterstützung für die republikanischen Kräfte in Spanien. Zunächst gibt es einen kurzen Überblick über die Internationalen Brigaden, die der internationalen Solidarität für die gewählte Regierung in Spanien Ausdruck verliehen. Im Anschluss wird die Rolle Frank Ryans und des irischen Kontigents in den Reihen der XV. Brigade der internationalen Verbände näher beleuchtet. Frank Ryan und das irische Kontingent im Kampf für die spanische Republik Die Gründung der Internationalen Brigaden in Spanien Der Ursprung der Internationalen Brigaden ist nicht mehr zweifelsfrei rekonstruierbar. Das Chaos der ersten Tage nach Francos Putsch und der Gegenrevolution der Regierung machen konkrete Aussagen schwierig. Dennoch kann die Gründung der Freiwilligenarmee in zwei Phasen eingeteilt werden: Die erste begann mit dem Umsturz in Katalonien am 19. Juli 1936 und endete mit der Eröffnung des Standortes der Internationalen Brigaden in Albacete am 17. Oktober 1936. Die zweite Phase begann am 5. November 1936 und endete am 23. März 1937. Dieser Abschnitt umfasst die Zeit zwischen dem ersten Einsatz der internationalen Einheit seit Verlassen der Basis 4.3.2 4.3.2.1 541 Stradling, Irish & Spanish Civil War, 138; Barry McLoughlin, Fighting for Republican Spain 1936–38 – Frank Ryan and the Volunteers from Limerick in the International Brigades (www.lulu.com, 2014), 47f; McGarry, Irish Politics & Spanish Civil War, 28. 542 Cronin, Frank Ryan, 84f; Ò Canainn, „Eilís Ryan“, 135. 4.3 Kampf dem Faschismus – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 155 in Albacete mit der siegreichen Verteidigung Madrids und der Stabilisierung der Guadalajara-Front. Anfangs bestanden die ausländischen Verbände in der Hauptsache aus in Barcelona ansässigen linksgerichteten deutschen und italienischen „émigrés“543, die die Aufständischen in Katalonien unterstützten. Die Nachricht, dass sich in der Zwischenzeit auch Antifaschisten und Kommunisten aus der Schweiz, aus den USA, aus Frankreich, Skandinavien und slawischen Ländern für den Überlebenskampf der spanischen Republik gemeldet hatten, wurde von der sozialistischen, der anarchistischen und der kommunistischen Presse aufgegriffen und in ganz Europa verbreitet. Dies sicherte der Freiwilligenarmee den Nachschub und führte zur Gründung der Internationalen Brigaden. Die große Mehrheit der Freiwilligen begab sich zuerst nach Paris, denn die französische Hauptstadt hatte den Vorteil, dass viele Parteien aus ost- und zentraleuropäischen Staaten hier Niederlassungen und Pressestellen unterhielten. In Paris erhielten die Rekruten die notwendigen Papiere und Informationen, die für die Weiterreise nach Barcelona notwendig waren. Deutsche und italienische Kommunisten eröffneten ein Rekrutierungsbüro und arbeiteten die ideologische Rechtfertigung für die Gründung der internationalen Freiwilligeneinheit aus. Im September 1936 gab es erste Gespräche darüber, eine parteiunabhängige, ausländische Truppe aufzustellen. Die Regierung in Madrid war zwar an dieser Idee grundsätzlich interessiert, jedoch gab es im Kreis der Entscheidungsträger Uneinigkeit darüber, ob eine ausländische Einheit überhaupt notwendig war. Aus diesem Grund wurde der Plan vorerst zurückgestellt. Zwischenzeitlich befanden sich Francos Truppen weiter auf dem Vormarsch.544 Innerhalb des Nicht-Einmischungs-Komitees kritisierte vor allem der sowjetische Delegierte die ständige Verletzung der Vereinbarung, die festschrieb, dass sich kein anderes Land in den internen Konflikt auf der Iberischen Halbinsel einmischen sollte. Das Gremium sah sich aber weiterhin außerstande, Maßnahmen gegen die hauptverantwortlichen Länder Deutschland, Italien oder Portugal, die die Vorgaben der League of Nations zur strikten Neutralität den spanischen Konflikt betreffend nicht einhielten, zu ergreifen. Als die Lage für die spanische Republik immer schwieriger wurde und der Leiter der kommunistischen Partei Frankreichs nach Moskau flog, um der sowjetischen Führung und der Komintern545 die aussichtslose Lage der spanischen Regierung zu schildern, änderten die Verantwortlichen dort ihre Meinung. Das Politbüro in der sowjetischen Hauptstadt war nicht länger bereit, die deutsch-italienische Intervention zu tolerieren und entschied, die spanische Republik bei der Aufstellung einer Armee ausgebildeter Soldaten zu unterstützen. Sofort begann die verantwortliche Komintern mit den Vorbereitungen zur Gründung internationaler Brigaden. Albacete wurde als Stützpunkt der neuen Truppen ausgewählt. Dank der finanziellen Mittel, die die UdSSR und die spanische Republik zur Verfügung stellten, konnten die Vertreter der Komintern vor Ort mit der systematischen Rekrutierung 543 Robert D. Colodny, The International Brigades. [Online]. o. D.. URL: http://web.usal.es/~iea/Texts/ WebQuests_Americans/Unit_6/Bessie_Text_4_6.PDF [25. Mai 2012]. 544 Ibid. 545 Nähere Informationen zur Komintern finden sich in Fußnote 288. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 156 beginnen. An zusätzlichen Freiwilligen mangelte es nicht. Trotz der Versuche vieler Regierungen in Europa, neue Rekruten daran zu hindern, die Grenze zu überqueren und nach Spanien einzureisen, begannen die Freiwilligen, die sich bereits im Land aufhielten, in Albacete und in den Nachbarstädten Tarazona und Madrigueras das Militärtraining.546 Laut Schätzungen der Nachrichtenagentur Reuters lag die Zahl aller Freiwilligen in Spanien bei 72.000 Mann. Francos ausländische Unterstützung umfasste circa 32.000 Mann, die fast ausschließlich aus Italienern und Deutschen bestand. Aufseiten der Republik kämpften circa 40.000 Mann. Unter ihnen befanden sich in erster Linie Franzosen, Russen, Deutsche und Italiener sowie Briten und kleine Kontingente verschiedener anderer Nationen.547 Eine dieser Einheiten bestand aus den irischen Freiwilligen, die zusammen mit Frank Ryan nach Spanien gekommen waren, um für die linksgerichtete Regierung in den Kampf zu ziehen. Im Folgenden wird zu Beginn der Weg des irischen Kontingents auf die Iberische Halbinsel, die ersten Wochen im Kampf gegen Franco sowie Ryans Aktivitäten nach seiner Ankunft geschildert. Der Kampf beginnt – Frank Ryan und seine Truppe in den Reihen der XV. Brigade Noch bevor Frank Ryan am 14. Dezember 1936 die französische Hauptstadt erreichte, kam es bei der Abreise aus London zu Problemen: Einem Mitglied seiner Truppe wurden falsche Tickets ausgestellt und der Rekrut konnte deshalb nicht mit Frank Ryan im gleichen Zug zum Fährhafen nach Dover fahren. Dies fiel aber erst fünf Minuten vor der Abfahrt auf. Ryan versuchte vergeblich, noch eine Lösung zu finden und hätte beinahe selbst seinen Zug und somit das Boot für die Überfahrt verpasst. Der Vorfall zeigt, dass die Zusammenarbeit mit der kommunistischen Partei in der britischen Hauptstadt offensichtlich nicht immer reibungslos funktionierte. Gegen- über Seán Murray, dem Vorsitzenden der Communist Party of Ireland, beschwerte sich Ryan in einem Brief über das Londoner Büro, das wenig hilfreich war, als es darum ging, das Fahrscheinproblem zu lösen. Außerdem wies er noch auf einen weiteren Umstand hin, der sich unter Umständen zu einem Problem entwickeln konnte. Viele Rekruten der Internationalen Brigaden reisten von Paris aus weiter ins Kriegsgebiet. Die meisten machten keinen Hehl aus ihren Plänen. Militärische Grüße und neugierige Blicke tauschte man auf offener Straße ganz unverblümt aus. Entsprechend wurden in der französischen Hauptstadt die Stimmen immer lauter, die befürchteten, dass der offene und ungehinderte Transit von Soldaten eventuell ein offizielles Nachspiel haben könnte. Auch Ryan sah die Gefahr, dass der Nichteinmischungspakt des Völkerbundes, den auch Frankreich unterstützte, die Regierung in Paris früher oder später dazu zwingen würde, potentielle Rekruten an der Weiterreise nach Spanien durch deren Internierung zu hindern. Deshalb wies der Ire in seinem Bericht an Murray ausdrücklich darauf hin, dass die Verkehrsmittel ab London über- 4.3.2.2 546 Robert D. Colodny, The International Brigades. [Online]. o. D.. URL: http://web.usal.es/~iea/Texts/ WebQuests_Americans/Unit_6/Bessie_Text_4_6.PDF [25. Mai 2012]. 547 Telegramm Nr. 38/19 Aschmann an Gesandtschaft Madrid, 21. Januar 1937, Bd. 1, Gesandtschaft Madrid Nr. 721, PA, AA, Berlin. 4.3 Kampf dem Faschismus – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 157 wacht würden. Es sei deshalb nötig, dass sich die Freiwilligen die wichtigen Adressen schon in Dublin einprägten. Zusätzlich sollten die Männer, die als Wochenendausflügler getarnt reisten, kein Gepäck bei sich haben, denn dies wäre zu auffällig. Obwohl Ryan ausdrücklich zur Vorsicht mahnte, beherzigte er selbst seinen eigenen Rat nicht. Er hatte sich noch in London für die anstehende Aufgabe in Spanien in militärischer Aufmachung, in einem khakifarbenen Anzug, mit Armeestiefeln und einem Ledermantel, präsentiert. „Having told the boys to keep a low profile, he looked the real guerrilla leader.“548 Sein Freund und Weggefährte Frank Edwards sagte, dass Ryan für alle Welt aussah wie ein Kommandant aus dem Burenkrieg.549 Noch in der gleichen Nacht des 14. Dezember 1936 verließ Ryan zusammen mit seiner aus dreizehn Freiwilligen bestehenden Truppe die französische Hauptstadt.550 An Bord eines Busses legte die Gruppe die Strecke zwischen der Grenze und der Festung Figueras in Katalonien ohne Zwischenfälle zurück.551 Vor Ort hatten die Iren dann Gelegenheit, sich einen Tag auszuruhen und organisatorische Angelegenheiten zu regeln. Frank Ryan und David Springhall wurden als Anführer der Truppe gewählt. „They both looked big and burly, attired as they were in great leather coats. Frank Ryan maybe gained in military appearance in that he wore new highly-polished top-boots.“552 Noch in der Nacht des 15. Dezembers 1936 konnte der Ire seine Überzeugungskraft unter Beweis stellen. Ein betrunkener irischer Kommunist schoss plötzlich wild um sich. Verunsichert durch diesen Zwischenfall weckten zwei katalanische Wachen ihre Kameraden und verhafteten die gesamte irische Einheit einschließlich des Schützen. Obwohl sich Ryan und seine Mannschaft dadurch vor den Spaniern blamiert fühlten, versuchte er die Situation zu entschärfen und gab seinen Männern entsprechende Anweisungen. Auf Französisch teilte Ryan den katalanischen Wachposten mit, dass die Iren auf ihrer Seite wären. Der Kommandant bestand jedoch darauf, dass der Schütze ein Agent der Gegenseite sei, der die Zersetzung der republikanischen Armee wolle. Ihn werde das Kriegsgericht erwarten, das ihn zweifelsohne zum Tode verurteilte. Aus dieser Situation entwickelte sich ein Wortgefecht zwischen Frank Ryan und dem spanischen Kommandanten, wobei ein Teil der Iren die Freilassung des Gefangenen forderte. Nach einer hitzigen Debatte und erst als der Offizier von Ryans Argumentation überzeugt war, dass es sich bei dem Betrunkenen nicht um einen Spion Francos handelte, ließ er den festgesetzten Iren wieder frei. Dieser Zwischenfall machte deutlich, wie respektlos die irischen Freiwilligen den spanischen Soldaten begegneten, was sich nach Ansicht der spanischen Militärführung hauptsächlich durch die fehlende Disziplin äußerte und am ausschweifenden Alko- 548 Donnelly, Charlie Donnelly, 44. 549 Hoar, In Green and Red, 155. 550 Brief Frank Ryan an Seán Murray, 14. Dezember 1936, Poczta – letters from Frank Ryan to Seán Murray, Seán Nolan and Geoffrey Palmer Communist Party of Ireland Collection, CPI Box 58/045i, DCLA, Dublin. 551 McGarry schreibt in seinem Buch, dass Ryan und sein achtzig Mann umfassendes Kontingent die Pyrenäen zu Fuß überquerten, wohingegen Joe Monks, der sich in Ryans Gruppe befand, davon berichtet, dass sie die Strecke an Bord eines Busses zurücklegten. McGarry, Frank Ryan, 47; Joe Monks, With the Reds in Andalusia (London: The John Cornford Poetry Group, 1985), 1. 552 Ibid, 1. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 158 holgenuss der Iren lag. Gleichzeitig gab dies einen Vorgeschmack auf die chaotischen Zustände in Rotspanien553 und Frank Ryan erhielt einen Einblick in seinen zukünftigen Aufgabenbereich innerhalb der Internationalen Brigaden. Er war in erster Linie das Bindeglied zwischen den Behörden und den Iren. Gleichzeitig versuchte er, für seine Männer so weit wie möglich Sorge zu tragen.554 Das irische Kontingent setzte seine Reise nach kurzem Aufenthalt in Figueras mit dem Ziel Barcelona fort. Tausende Schaulustige erwarteten die Truppen am Bahnhof der Stadt. Die Gebäude waren zu Ehren der ausländischen Kämpfer in Rot und Schwarz, den Farben des Anarchismus555, geschmückt. Nach der Ankunft folgte eine Parade durch die Innenstadt. Ein Spanier gab Ryan unmittelbar nach seinem Eintreffen eine rote Fahne als Symbol der Arbeiterbewegung und so marschierte der Ire an der Spitze des Kontingents. Noch am selben Tag fuhren die Iren weiter nach Valencia und erreichten am Morgen des 17. Dezember 1936 die Trainingsbasis in Albacete. Noch am Nachmittag sollten die neuen Freiwilligen ihre Uniformen erhalten. Zuvor wurden sie von dem Vertreter der Internationalen Brigaden, dem Journalisten, Schriftsteller und Mitglied der Communist Party of Great Britain, Ralph Winston Fox, über die weiteren Pläne informiert. Vorgesehen war, die XV. International Brigade als Englisch sprechende Einheit aufzustellen. Sie sollte aus Amerikanern, Kanadiern und Europäern bestehen. Einschließlich der neuen Rekruten umfasste diese Gruppe nur knapp 150 Mann. Die Armeeführung plante, sie zur Unterstützung an die Madrid- Front zu schicken. Vor dem tatsächlichen Einsatz waren sechs bis acht Wochen Ausbildung vorgesehen, was ausreichend Gelegenheit bieten würde, um die Soldaten in Form zu bringen.556 Die ersten Eindrücke in Spanien waren für die gesamte Einheit nicht leicht zu verarbeiten. Zuerst der Zwischenfall in Figueras, dann der Anblick entweihter Kirchen in Barcelona, der die angeblichen Häretiker sehr aufwühlte und am Ende noch die Ankunft in Albacete, dem Hauptstandort der Internationalen Brigaden. Den Ort bezeichnete der irische Freiwillige Peter O’Connor als den demoralisierendsten Ort Spaniens. „Albacete was a haven for deserters, saboteurs, black market- 553 Den Begriff „Rotspanien“ prägten in der Zeit des Spanischen Bürgerkriegs die deutschen Behörden, die mit dieser Bezeichnung das Staatsgebiet der republikanischen Regierung bezeichnete. In Abgrenzung dazu verwendeten das Auswärtige Amt oder die Abwehr den Ausdruck „Weißspanien“ für die durch Franco-Truppen eingenommenen Gebiete. Geheime Kommandosache betreff die Lage in Rotspanien, 1. November 1938, RM 20/1396, BAMA, Freiburg; Bericht der Deutschen Botschaft in Spanien, Botschafter Eberhard von Stohrer an das Auswärtige Amt in Berlin, 31. Januar 1938, Botschaftsakten, Rom Quirinal Nr. 49, PA, AA, Berlin. 554 McGarry, Frank Ryan, 47f. 555 Die Kombination der Farben Rot und Schwarz auf einer Fahne gelten als anarchistisches Symbol. Die schwarze Flagge symbolisierte früher die Not der Arbeiterschaft und repräsentierte vor allem deren Zorn und Verbitterung. Die Verwendung schwarzer und roter Fahnen verbreitete sich als Symbol des Anarchismus in Europa und den USA. Im Spanien der 1930er Jahre fand eine Fahne, die aus einem farblich diagonal geteilten Tuch mit einem schwarzen und einem roten Dreieck bestand, weite Verbreitung. Murray Bookchin, The Spanish Anarchists: The Heroic Years 1868–1936 (New York: Harper Colophon Books, 1978), 65. 556 Maike Steinkampf, „Sozialismus“, Handbuch der politischen Ikonographie, Band 1, Hrsg., Uwe Fleckner, Martin Warnke und Hendrik Ziegler (München: C. H. Beck, 2011), 367; Monks, Reds in Andalusia, 2f. 4.3 Kampf dem Faschismus – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 159 ers, spies, fifth columnists, and rumour mongers.“557 Darüber hinaus waren die Neuankömmlinge entsetzt über den Mangel an Gewehren und die schlechte Qualität vorhandener Waffen. Zusätzlich verstanden die irischen Freiwilligen die vor Ort herrschenden Kommandostrukturen nicht und waren deshalb überfordert, Vorgesetzte korrekt anzusprechen. Innerhalb der Brigaden wurden alle Soldaten – unabhängig vom Rang – als „comrades“ bezeichnet. Man erwartete jedoch, dass sämtliche Befehle befolgt wurden und die Hierarchie innerhalb der Brigade gewahrt blieb. Die für die internationalen Einheiten federführende Komintern duldete in ihren Reihen keine abweichenden Stimmen. Gerade für Frank Ryan erwies sich dieser Umstand als schwierig, da er nicht gerade dafür bekannt war, seine Meinung für sich zu behalten. Trotzdem gelang es ihm während seiner Zeit in den Internationalen Brigaden, sich in dieser Hinsicht zurückzunehmen. Ganz ohne Zwischenfälle verlief sein Aufenthalt in Spanien dennoch nicht.558 In der ersten Zeit nach der Ankunft war Ryan guter Dinge, wie aus einem Brief an seine Eltern hervorgeht: Sie müssten sich um seine Sicherheit keine Sorgen machen, denn die Berichte in den Zeitungen entsprächen nicht der Wahrheit. „This war is 85 per cent of the Spanish people against Franco and his Moors, and Germans and Italians. And you should see how they welcomed us. The International Column is representative of every country from Canada to South America and from Ireland across to Australia, and there is great camaraderie among them all.“559 Trotz Ryans Beteuerungen ließ der erste Einsatz der irischen Truppe nicht lange auf sich warten. Am 23. Dezember 1936 wurden, ohne große Vorbereitung, 43 Iren der XIV. Brigade zugeteilt, die sich hauptsächlich aus französischen und belgischen Freiwilligen zusammensetzte und an der Córdoba-Front kämpfte. Obwohl Ryan keine Informationen von der Front und vom geplanten Verlauf des ersten Einsatzes seiner Männer hatte, war er von deren Fähigkeiten überzeugt. Dies machte er am 28. Dezember 1936 in einem Brief an Gerald O’Reilly deutlich, in dem er das militärische Training als kaum nötig erachtete, da „all our years in the IRA were to good purpose; these lads are well trained, and they’ll never let us down. (…) Quite a lot of our crowd were in the IRA right up to their departure (…).“560 Somit sahen sie sich für ihre Aufgabe gut gerüstet, die darin bestand, die Reihen des La-Marseillaise-Bataillons, einer Einheit der XIV. Brigade, die während der Kämpfe starke Verluste erlitten hatte, zu unterstützen. Unter den 43 irischen Soldaten befanden sich neun, die mit Ryan die französisch-spanische Grenze überquert hatten.561 Insgesamt hundert Mann zogen unter Leitung des britischen Armeeveteranen Kommandant George Nathan in die Schlacht, darunter auch 557 Peter O’Connor, A Soldier of Liberty (Dublin: MSF, 1996), 14. 558 Hoar, Frank Ryan, 157. 559 Cronin, Frank Ryan, 85. 560 McGarry, Frank Ryan, 48; Cronin, Frank Ryan, 85. 561 Die Angaben über die tatsächliche Anzahl an Iren, die an diesem ersten Einsatz teilgenommen haben, differieren deutlich. McGarry spricht von 43 Männern, Emmet O’Connor hingegen berichtet von 45 Soldaten und Cronin zitiert aus einem Brief Ryans an O’Reilly: „I’ve sent one Irish unit 50 strong to the Front (on Christmas Eve!) (…).“ McGarry, Frank Ryan, 48; Emmet O’Connor, „Mutiny or sabotage? The Irish defection to the Abraham Lincoln Battalion in the Spanish Civil War“, Working Papers in Irish Studies, working paper 09–3 (3), (2009): 2, 6f, 11. University of Ulster – Ulster 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 160 Joe Monks, der sich nach nur vier Tagen Training freiwillig gemeldet hatte.562 Auf Bitten Frank Ryans formierte Nathan aus den irischen Freiwilligen eine eigene Einheit. Politische Gründe waren für diesen Schritt ausschlaggebend, denn die Heimat sollte über den antifaschistischen Kampf der Iren informiert werden.563 Vor der Abreise nach Andújar, eine kleinen Stadt nahe Córdoba, veranstaltete die Kommandantur der Internationalen Brigaden eine Abschlusskundgebung für die Truppen. In seiner Rede dankte Ryan dem Befehlshaber der Einheit, Captain George Nathan, für dessen Bereitschaft, den neuen Verband aufzustellen. Der Brite dankte seinerseits dem Iren für seine Unterstützung bei der Organisation zusätzlicher Freiwilliger. Zur Überraschung der Männer teilte ihnen der britische Kommandeur mit, dass Kit Conway und nicht Frank Ryan zum Gruppenführer ernannt worden sei. Au- ßerdem informierte Ryan die Truppe, dass er sie nicht ins unmittelbare Kampfgebiet begleiten würde. Abschließend gab Frank Ryan seinen Männern noch Folgendes mit auf den Weg: „Sorry boys that I am not going with you, (…). You will obey orders and uphold the honour of Ireland. But do not be needlessly careless with your lives because Spain needs you, and above all Ireland needs you.“564 Im ersten Moment erschien es wenig sinnvoll, Ryan nicht das Kommando über seine Rekruten zu überlassen, zumal er von einem britischen Kameraden als „a big, soft Irishman and yet he could command attention without raising his voice.“ beschrieben wurde.565 Aber die Stabsführung der Brigade bzw. die dahinter stehende Komintern hatte konkrete und gut durchdachte Pläne mit dem Iren. Man war sich des Werts des Anti-Faschisten Ryan und seiner Freiwilligen sehr wohl bewusst. Als bekannter Nichtkommunist war er ein wertvoller Gewinn für die kommunistische Sache in spanischer und internationaler Hinsicht. Die Führungsspitze der kommunistischen Internationalen hatte sich stets darum bemüht, den Eindruck zu hinterlassen, wonach der spanische Konflikt ein Kampf gegen den Faschismus und nicht für den Kommunismus sei. Als herausragender Journalist konnte Ryan dabei seinen Beitrag mehr durch geschickte Propaganda leisten, als durch seinen Einsatz auf dem Schlachtfeld. Deshalb wurde er als „Captain“ dem politischen Kommissariat zugeteilt. Abgesehen davon verfügte der Ire über wichtige Kontakte zum Clan na Gael in Nordamerika. Insgesamt repräsentierte Frank Ryan genau die richtige Mischung aus Nichtkommunist und Volksfront-Antifaschist, der das nicht-revolutionäre Image des republikanischen Kampfes im Ausland gekonnt verkörperte.566 „Assigned to high profile liaison and propaganda work, he was soon a legend in the International Brigades, though many volunteers were not sure why.“567 Institutional Repository. [Online]. 11. September 2011. URL: http://eprints.ulster.ac.uk/19998/ [10. Oktober 2012]; Cronin, Frank Ryan, 85. 562 Stradling, Irish & Spanish Civil War, 150. 563 Monks, Reds in Andalusia, 7ff. 564 Ibid, 7ff. 565 Interview mit Walter Greenhalgh, o. D., TSCWC – 11187/9 – Walter Greenhalgh, IWMSA, London. 566 O’Connor, „Mutiny or sabotage?“, 2, 6f, 11; Stradling, Irish & Spanish Civil War, 154. 567 O’Connor, „Mutiny or sabotage?“, 7. 4.3 Kampf dem Faschismus – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 161 Aber auch für die Betreuung der irischen Freiwilligen war Ryan unersetzlich, denn er besaß als Einziger die Autorität, die Moral und die Loyalität der irischen Freiwilligen auch dann hochzuhalten und die Eigenheiten seiner Männer weiterhin zu kontrollieren, wenn der seit Längerem bestehende Wunsch seiner Soldaten nach der Gründung einer eigenen Einheit nicht erfüllt werden sollte. Und die Führungsebene der Internationalen Brigaden hatte keinerlei Pläne, diesem Wunsch nachzukommen, auch wenn Ryan selbst sich dafür einsetzte. Zu diesem Zeitpunkt war dieser noch guter Dinge, dass er die Aufstellung einer irischen Einheit bewerkstelligen konnte, wenn er seine Truppe durch neue Rekruten aus der alten Heimat bzw. aus den USA zahlenmäßig deutlich aufstocken würde.568 Die hauptsächlich aus Kommunisten bestehende Führungsriege des britischen Bataillons hatte aber kein Interesse an der Gründung einer irischen Einheit, die von einem bekannten Republikaner kommandiert werde. Deshalb erhielt Ryan trotz seiner langjährigen Erfahrung als IRA-Mitglied und trotz seiner großen Enttäuschung kein Kommando, obwohl es innerhalb der Internationalen Brigaden an kompetenten Führungsoffizieren fehlte.569 Abbildung 5 – Frank Ryan im Kreise seiner Kameraden im Spanischen Bürgerkrieg Quelle: Enno Stephan Collection, MACBB, Dublin Ryan fand sich mit seiner passiven Rolle in den Internationalen Brigaden ab, dennoch standen für den Iren seine Männer, die zu ihrem ersten Einsatz an die Gefechtslinie 568 Stradling, Irish & Spanish Civil War, 154. 569 O’Connor, „Mutiny or sabotage?“, 6. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 162 abgerückt waren, im Vordergrund. Laut Ryans Bericht an den Chef der kommunistischen Partei Irlands, Sean Murray, und an seinen Freund und Republican Congress- Vorsitzenden Peadar O’Donnell, sei der irische Teil der Einheit das Rückgrat der gesamten Kompanie gewesen. Dies wiederum habe am hervorragenden Training der IRA gelegen, wie Ryan immer wieder bekräftigte. Die Kämpfe an der Front in Córdoba dauerten vom 26. Dezember bis zum 8. Januar 1937. Allerdings machte das französische Kommando unter Oberst Gaston de la Salle gravierende Fehler. Aufgrund der mangelhaften Aufstellung seiner Einheiten sowie wegen Feigheit und Verrats wurde der Befehlshaber schließlich vor ein Kriegsgericht gestellt und zum Tode verurteilt. Die republikanischen Reihen gaben in der Schlacht nach und die irischen Freiwilligen hatten die Hauptlast des Angriffs der Feinde zu tragen. Die Armeeführung verlegte die irische Einheit daraufhin an die Madrid-Front, in die Gegend von Guadalajara. Die Erfolgsaussichten waren hier weitaus höher und es gelang den republikanischen Einheiten tatsächlich, die Truppen der Faschisten zurückzudrängen. Bei der Eroberung eines Dorfes nahmen sie sogar Gefangene und erbeuteten zusätzlich fünf Maschinengewehre.570 Insgesamt starben zehn Männer während dieses ersten Einsatzes des irischen Verbandes. Der Alltag des Krieges und damit die Tatsache der hohen Verluste innerhalb der Internationalen Brigaden hatte nun auch die irische Einheit erreicht. Ab Dezember 1936 trafen regelmäßig Berichte über Tote und Verletzte in der irischen Hauptstadt ein. Und es waren eben diese Meldungen, die nach Dublin durchgesickert waren, die den Fokus auf das nicht wirklich erwünschte irische Engagement in Spanien richteten. In Ryans Heimat konnten die Menschen die Vorgänge auf der Iberischen Halbinsel nun kaum mehr ignorieren.571 Von der zunehmenden Kritik in der Heimat erfuhr Ryan erst später. Seinem Freund Gerald O’Reilly berichtete er Anfang Januar 1937 über seine bisherige Arbeit in Spanien: „We arrived here the 16th of December, five hundred and fifty strong, of which three hundred and fifty are from Ireland, fifty being from Belfast, sixty Liverpool-Irish,572 (…). The Irish lads who had enlisted at the start of the hostilities and who were attached to the French and British companies of the International Brigade 570 Brief Frank Ryan an Seán Murray, 21. Januar 1937, Poczta – letters from Frank Ryan to Seán Murray, CPI Box 57, CPIA, Dublin; Stradling, Irish & Spanish Civil War, 151; Verle B. Johnston, Legions of Babel – The International Brigades In The Spanish Civil War (London: The Pennsylvania State University Press, 1967), 68; Thomas Wintringham, Kommandant des britischen Bataillons, sprach davon, dass de la Salle seine Einheiten im Stich gelassen hat und dies der Grund für seine Hinrichtung am 2. Januar 1937 war. Thomas Henry Wintringham, English Captain (London: Faber and Faber, 1939), 88f; Stradling, Irish & Spanish Civil War, 151. 571 Cronin, Frank Ryan, 86; Bowyer Bell, „Ireland and the Spanish Civil War 1936 to 1939“, 252. 572 Diese Zahlen sind, wahrscheinlich aus politischen Gründen, extrem geschönt. Emmet O’Connor geht in seinem Aufsatz aus dem Jahr 2005 davon aus, dass 139 Freiwillige direkt aus Irland nach Spanien reisten, von denen 131 in den Internationalen Brigaden kämpften. Drei Männer schlossen sich anderen Einheiten auf republikanischer Seite an und fünf Freiwillige dienten in Sanitätseinheiten. Bei weiteren 101 Soldaten handelte es sich um Exil-Iren der ersten Generation, von denen allein 28 in London lebten. Emmet O’Connor, „Behind the legend: Waterfordmen in the International Brigades in the Spanish Civil War“, Journal of the Waterford Archaeological & Historical Society 61, (2005), 269; Irish Labouring Class History- an exploration of class and class relations in Ireland. [Online]. 3. Mai 2009. URL: http://irishlabour.com/?p=18 [10. Oktober 2012]. 4.3 Kampf dem Faschismus – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 163 are being transferred to the Irish Battalion. We are in excellent form, having been in intensive training and it has done us a lot of good. I have sent one Irish unit to the front on December 28th, and there is another in the making. (…) And you should see the International Brigades. There isn’t a country that isn’t represented and there is great camaraderie, in spite of it all. The trouble is there aren’t enough guns in the country. Thousands of Spaniards are not yet armed. The people are 90 % against Franco. I’ve been among the peasants at villages. They have enough to eat, for the first time in their lives. Food and clothes are cheap – and, strange to say, plentiful. (…) I am now pressed for time as I have interviews with the French press and making arrangements to speak over the Madrid radio. I go to school – to the kids of Madrid. They get a great kick out of my Spanish, and always I’m reminded of that bundle of mischief of yours back in Dublin – and I get lonesome.“573 In Madrid hielt er sich auf, weil ihn die Brigadeführung während des Kampfes um das Universitätsviertel in Madrid zur 12. Brigade, bestehend aus Deutschen und Italienern, abkommandiert hatte.574 Insgesamt, schrieb er, sei das Leben in Madrid in Ordnung. Die Lebensmittel waren knapp, aber an die Bomben- und Granateneinschläge hatte er sich gewöhnt. Insgesamt war seine Verfassung besser als in Dublin, auch was seine Gemütslage betraf.575 Eben diese Nervenstärke benötigte Ryan dringend für die Herausforderungen der kommenden Monate, denn der Einsatz seiner Leute war nicht ohne Konflikte. Die militärischen Entscheidungen der Brigadeführung hatten vor allem für die irischen Freiwilligen und für Frank Ryan persönlich Auswirkungen. Diese Entwicklungen werden im anschließenden Kapitel beschrieben. Die irische Einheit und die Aufteilung der Truppe Kämpften kurz nach der Gründung der Internationalen Brigaden nur vereinzelt englischsprachige Antifaschisten für die spanische Republik, welche zunächst nur eine britische MG-Abteilung innerhalb der ersten Brigade bildeten, so füllten sich ihre Reihen mit der Zeit doch zügig, woraufhin man im Dezember 1936 eine eigene Kompanie gründete. Es gab Pläne, diese zu einem Bataillon, und wenn die Freiwilligenzahlen dies ermöglichten, zu einer eigenständigen Brigade auszubauen.576 In den letzten Monaten des Jahres 1936 waren fast 400 britische Staatsbürger im Trainingscenter in Madrigueras eingetroffen, um vor Ort für den Kampf zu trainieren. Am Weihnachtsabend verließen die Freiwilligen zusammen mit Frank Ryans Männern das Lager, um an der Andújar- und der Córdoba-Front zu kämpfen. Die Truppe stand unter dem Kommando von George Nathan. Wie in den Reihen der Internationalen Brigaden nicht selten, waren die Verluste auch des britischen Kontingents hoch: Von ur- 4.3.2.3 573 Frank Ryan, „Letters from Spain“, And I Remember Spain – A Spanish Civil War Anthology, Hrsg., Murray A. Sperber (London: Hart-Davis, MacGibbon, 1974), 38f. 574 McLoughlin, Fighting for Republican Spain, 50. 575 Brief Frank Ryan an Seán Murray, 21. Januar 1937, Poczta – letters from Frank Ryan to Seán Murray, CPI Box 57, CPIA, Dublin. 576 Zeitungsausschnitt „Die Engländer in der Internationalen Brigade“, 23. Dezember 1936, Komintern in Spanien, MA 70–2, IfZ, München. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 164 sprünglich 145 Männern kehrten nur 67 zurück, der Rest war entweder verwundet oder im Gefecht gefallen. Jedoch mangelte es nicht an neuen Rekruten. Zwischenzeitlich war die Zahl der Soldaten im Trainingslager auf 600 Mann angewachsen, Ende Januar bestand die britische Einheit tatsächlich aus vier Kompanien und Hilfstruppen.577 Zwischenzeitlich hatte sich mit dem amerikanischen Abraham-Lincoln-Bataillon (Lincoln-Bataillon) eine neue englisch-sprachige Einheit formiert, die im Kern – ähnlich wie auch das britische Kontingent – auf einige wenige isoliert kämpfende Männer in Spanien zurückging. Das erste große amerikanische Kontingent aus 96 Freiwilligen, von denen die Mehrheit das erste Mal nach Europa reiste, verließ New York am 26. Dezember 1936 an Bord des französischen Passagierschiffs S.S. Normandie. Nach der Ankunft in Frankreich überquerten die Rekruten die Pyrenäen und erreichten am 6. Januar 1937 Albacete. Obwohl die amerikanische Regierung darüber nachdachte, das Engagement in einem fremden Krieg unter Strafe zu stellen,578 stieg die Zahl der Freiwilligen aus den USA in den kommenden Wochen auf über 400 Mann an. Wie alle anderen Einheiten der Internationalen Brigaden erhielten auch die Soldaten aus Nordamerika ein mittlerweile vollwertig gewordenes intensives Training in Villanueva de la Jara, nahe Albacete. Der Ort wurde zum neuen Zentrum amerikanischer Rekruten, wo die Ausbildung der meist unerfahrenen Soldaten Übungen mit Maschinengewehren und Handgranaten beinhaltete. Techniken, mit Benzinbomben Panzer anzugreifen und neue Möglichkeiten, aggressive Feinde zu kontrollieren, wurden gelehrt. Insgesamt bestand das Lincoln-Bataillon aus zwei Infanteriekompanien, die sich wiederum aus jeweils drei Sektionen, einer Maschinengewehr-Kompanie, einer Erste-Hilfe- und einer medizinischen Division zusammensetzten. Küchenpersonal, die Versorgungs- und Transportabteilung, das politische Büro sowie eine Waffenabteilung und ein Hauptquartier nebst militärischem Personal komplettierten die Lincoln-Brigade.579 Von Beginn an hatte die Freiwilligenarmee das Problem, dass es zu Spannungen zwischen einzelnen Nationalitäten kam. Auch die Iren waren davon betroffen. Obwohl ab Dezember 1936 stetig neue Rekruten von der Insel in Spanien eintrafen, war ihre Zahl zu gering, um eine eigene, unabhängige Einheit zu bilden, sodass man die irischen Kämpfer zu einem Teil des britischen Bataillons machte. Die Mehrheit der Iren war der Einheit Nummer 1 des aufstrebenden britischen Verbandes zugeteilt. Frank Ryan war von dieser Entwicklung nicht begeistert und bemühte sich nach Kräften, eine unabhängige Abteilung zu gründen.580 Ihm war es ernst mit der Unabhän- 577 Vincent Brome, The International Brigades – Spain 1936–38 (London: Heinemann, 1965), 119ff. 578 Der Vorsitzende des The House Foreign Affairs Committee, James McReynolds, plante, „(…) [to] urge the Department of Justice to apply the section of the criminal code providing a $ 3,000 dollar fine or a year in prison for enlistment of Americans in a foreign war.“ Brome, The International Brigades, 105. 579 Brome, The International Brigades, 105ff, 119f, 122; Zeitungsbericht aus der Wochenschrift „The Advocate“, 17. Februar 1938 – deutsches Konsulat Melbourne an das Auswärtige Amt, 24. Februar 1938, Innere Politik, Parlaments- und Parteiweisen, Bd. 36, R 103022, PA, AA, Berlin. 580 Stradling, Irish & Spanish Civil War, 150; McGarry, Irish Politics & Spanish Civil War, 65. 4.3 Kampf dem Faschismus – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 165 gigkeit seiner Männer. Noch in Paris machte er in einem Brief an Seán Murray deutlich, wie wichtig es sei, dass neue Rekruten aus der Heimat darauf bestünden, einem eigenen irischen militärischen Verband zugeordnet zu werden, um nicht, wie die Mehrzahl von ihnen, nach der Ankunft als britische Staatsbürger in den Akten über die Herkunft der Freiwilligen der Internationalen Brigaden geführt zu werden.581 Für die sich bereits vor Ort befindlichen Freiwilligen kam dieser eindringliche Appell jedoch zu spät. Es gab bereits erste Spannungen zwischen Soldaten beider Nationen. Ryan versuchte die Wogen zu glätten und wandte sich am 1. Januar 1937 in einem Brief an seine irischen Kameraden. Er stellte darin klar, warum die Iren zu dieser Zeit noch auf verschiedene Bataillone verteilt waren und begründete dies mit der militärischen Lage und deren Erfordernissen. Gleichzeitig versprach er, dass seine Landsleute bald in einer eigenständigen Einheit zusammengefasst würden. Sie sollte Teil des englisch-sprechenden Verbands sein, damit auf diese Weise Iren, Schotten, Waliser und Engländer Seite an Seite kämpfen könnten. Ryan machte zudem nochmals deutlich, dass es zwischen den einzelnen Einheiten der Internationalen Brigaden keine nationalen Unterschiede gebe, man habe den gleichen Feind, den Faschismus. „We have come out here as soldiers of liberty to demonstrate Republican Ireland’s solidarity with the gallant Spanish workers and peasants in their fight against Fascism. If we stress the fact that we are Irish it is mainly to show the world that the majority of the Irish people repudiate fascist O’Duffy and his mercenaries who are helping Franco and his Moors.“ Ryan versicherte seinen Männern darüber hinaus: „(…) There is no compulsion on any of us to form any new party, or belong to any party. But one bond will always unite us – the bond of comradeship in a common cause here and at home.“582 Dennoch kam es innerhalb nur eines Monats zu ernsten Zerwürfnissen zwischen Briten und Iren. Auf der einen Seite gab es englische Offiziere, die mit ihrem „(…) middle-class accents (…)“583 und der Attitüde von Berufssoldaten die Iren vor den Kopf stießen. Britischen Rekruten hingegen fiel es zum Teil schwer, ranghöhere ehemalige IRA-Kämpfer als Vorgesetzte zu akzeptieren. Abgesehen davon häuften sich Klagen englischer Soldaten, die Einstellung einiger irischer Freiwilliger betreffend, die sich fast alle als militärische Experten betrachteten.584 Die bereits angespannte Situation verschärfte sich noch weiter durch das übermäßige Trinken, was besonders unter Ryans Männern verbreitet und mittlerweile schon zum Problem geworden war. Fast täglich wurden irische Freiwillige, die zu betrunken waren, um noch selbstständig zu gehen, spät nachts von Einheimischen zu ihren Baracken gebracht, weshalb die Vorgesetzten immer häufiger Strafen verhängten.585 Die schwierige irisch-englische 581 Brief Frank Ryan an Seán Murray, 14. Dezember 1936, Poczta – letters from Frank Ryan to Seán Murray, CPI Box 58/045i, DCLA, Dublin. 582 O’Connor, Soldier of Liberty, 16f. 583 Stradling, „Battleground of Reputations“, 125. 584 Stradling, „Battleground of Reputations“, 125; McGarry, Irish Politics & Spanish Civil War, 65. 585 Interview mit Fred Copeman, 1976, Fred Copeman 794/13, TSCWC, IWMSA, London; Richard Baxell, Unlikely Warriors – The British in the Spanish Civil War and the Struggle Against Fascism (London: Aurum Press, 2012), 134. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 166 Geschichte tat ihr Übriges und die Zahl der Zwischenfälle nahm zu: Ein Augenzeuge berichtete, dass ein irischer Freiwilliger seine Waffen auf einen britischen Kameraden gerichtet habe, als er erfuhr, dass der Brite ein „Black and Tanner“ gewesen war.586 Sogar der Kommandant der Einheit, George Nathan, ein Veteran des 1. Weltkriegs, musste sich wegen seiner Vergangenheit vor seinen Soldaten verantworten. Der Aussage des Iren Jim Prendergast zufolge machten Ryan und seine Männer Nathan in Madrigueras inoffiziell den Prozess und beschuldigten ihn, ein Spion Francos zu sein. Dieser leugnete, gemeine Informationen an den Feind weitergegeben zu haben und gab zu bedenken, dass er wegen seiner antifaschistischen Einstellung in Spanien kämpfe. Jedoch waren brisante Details über seine Vergangenheit bekannt geworden, die besagten, Nathan sei während des irischen Unabhängigkeitskriegs Mitglied der britischen Black-and-Tan-Einheiten gewesen, habe angeblich der „Dublin Castle Murder Gang“ angehört und sei an verschiedenen Attentaten beteiligt gewesen.587 Offensichtlich hatte die inoffizielle Verhandlung mehr seiner Vergangenheit gegolten als seinem Engagement in Spanien. Nathan verteidigte seine damaligen Aktionen: „(…) If you want to shoot me for what happened in Ireland, all right. But I was under orders. I was a member of the British Crown forces and I had to do what I was told. What you said I did was true.“ Die Iren akzeptierten diese Erklärung und ließen die Sache auf sich beruhen. Auch für Ryan war die Angelegenheit damit erledigt und die beiden Männer verband bis zum Tod Nathans eine enge Freundschaft.588 Aber damit waren die Spannungen zwischen den englischen und irischen Freiwilligen nicht beseitigt. Laut der Einschätzung des schottischen Freiwilligen, Donald Renton, hatte das Problem des schwierigen Verhältnisses seine Ursprünge in der bewegten Geschichte zwischen Großbritannien und Irland. „There had been brought into being an Irish Company. In the light of the struggle of the Irish people for their own national independence this Company should have been, in my view, quite a separate organisation, even although attached to the British Battalion and part of the International Brigade. In practice, however, the Irish national struggle as a related factor to the Spanish fight was not in my opinion concretely enough recognized. So it brought about one or two ugly situations at Madrigueras during the training period.“589 Er machte hierfür die Führung der Internationalen Brigaden verantwortlich und sah die Ereignisse während der Trainingsphase in Madrigueras als einen der ka- 586 Beaglán de Bréadún, „An Irishman’s Diary“, The Irish Times, 8. Juni 2005, 15. 587 Maurice Levine, Cheetham to Cordova (Manchester: Neil Richardson, 1984), 39. Spätere Recherchen ergaben, dass Nathan tatsächlich einem Mordkommando angehört hatte und in dieser Funktion auch persönlich für den Tod zweier führender Sinn-Féin-Mitglieder in Limerick im Jahr 1920 verantwortlich war. Stradling, Irish & Spanish Civil War, 153. 588 Levine, Cheetham to Cordova, 19; Brief Michael McInerney an Tom Jones, 31. Januar 1975, D/JO/64, FROH, United Kingdom. Nathan vermachte Ryan sogar seine Armeestiefel, um die der Ire den Briten immer beneidet hatte. Ibid. George Samuel Montague Nathan starb am 16. Juli 1937 an den Folgen einer Verletzung verursacht durch das Geschoss einer Junker Ju 88. The Auxiliary Division of the Royal Irish Constabulary – George Samuel Montague Nathan. [Online]. o. D.. URL: http://the auxiliaries.com/men-alphabetical/men-n/nathan/nathan-gm.html [09. Januar 2018]. 589 Ian MacDougall, Voices from the Spanish Civil War – Personal recollections of Scottish Volunteers in Republican Spain – 1936–39 (Edinburgh: Polygon, 1986), 24. 4.3 Kampf dem Faschismus – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 167 pitalsten Fehler der Brigadeführung während des gesamten Krieges. Denn diese hatte die nationalen Unterschiede deutlich unterschätzt und zunächst angenommen, derart verfeindete Lager im gemeinsamen Kampf gegen Franco und den Faschismus einen zu können. Die aufgeheizte Stimmung zwischen den Soldaten aus beiden Ländern beruhigte sich aber nicht, stattdessen spitzte sich die Situation sogar noch weiter zu, als es zur Eskalation kam und sich ein Teil der irischen Freiwilligen weigerte, weiterhin unter britischem Kommando zu stehen. Als Konsequenz aus diesem anhaltenden Konflikt wurden die Iren schließlich dem amerikanischen Lincoln-Bataillon zugeteilt. Zum Zeitpunkt des Streits befand sich Ryan nicht im Trainingscamp in Albacete.590 Über den Anlass der Zuspitzung gibt es verschiedene Berichte. Ein Augenzeuge schilderte den vorangegangenen Vorfall wie folgt: „One platoon was told off every evening for police duties which principally consisted in rounding up the drunks who were thrown into the former Guardia Civil jail. They were paraded as defaulters on the following day and sentenced to various periods of imprisonment. This was felt to be very uncomradely and created a lot of ill feeling. No great harm was done, however, until a feud developed between the Irish unit and the platoon occupying the neighbouring billet. The feud developed until one night the platoon in question was given the police detail and arrested practically the whole of the Irish detachment, which led to mutiny. The Irish refused to turn out on parade and demanded that they should be transferred to the American Battalion.“591 Andere Zeugen berichteten von einer Schlägerei zwischen Briten und Iren und ein Freiwilliger aus den USA schilderte, dass Ryans Männer die Zustimmung der britischen Offiziere zum Transfer der Iren zum Lincoln-Bataillon erzwungen hätten, indem sie das Hauptquartier mit einem Maschinengewehrring umzingelt hätten. Ein anderer Freiwilliger, der Brite Walter Greenhalgh, sah den Auslöser für die Teilung die Berichterstattung der linksgerichteten Presse in Großbritannien. Die 1. Kompanie, die sich hauptsächlich aus irischen Soldaten zusammensetzte, hatte sich in schweren Gefechten profiliert. Erst einen Monat später erreichten linksgerichtete britische Zeitungen die Soldaten an der Front. Ein Artikel, der sich mit dem Erfolg der 1. Kompanie beschäftigte, trug die Überschrift „Our British Boys“. Nachdem es sich nicht um den ersten derartigen Vorfall handelte, brachte dieses Ereignis, Greenhalghs Schilderung zufolge, das Fass zum Überlaufen.592 Die irischen Freiwilligen riefen eine Sonderversammlung ein, um über die Frage zu entscheiden, ob man sich dem amerikanischen Lincoln-Bataillon anschließen oder in der englischen Einheit verbleiben solle. Circa 45 Soldaten nahmen an dem Treffen teil. Das Ergebnis war denkbar knapp. Eine Mehrheit von nur fünf Stimmen entschied, sich dem amerikanischen Bataillon anzuschließen. Viele Iren begründeten ihre Entscheidung mit dem Unrecht, das ihrem Land durch die Briten widerfahren 590 MacDougall, Voices from Spanish Civil War, 24; Hoar, In Green and Red, 164. 591 Jason Gurney, Crusade in Spain (London: Faber & Faber, 1974), 76f. 592 Stradling, Irish & Spanish Civil War, 157; Bob Doyle, Brigadista – An Irishman’s Fight Against Fascism (Dublin: Currach Press, 2006), 165. Nähere Informationen zum konkreten Titel, dem Erscheinungsdatum und der Zeitschrift in der der Artikel „Our British Boys“ erschien, konnten nicht in Erfahrung gebracht werden. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 168 war. Obwohl man im Faschismus einen gemeinsamen Gegner hatte, erachteten viele Iren weiterhin die Engländer als Feinde. Alle Appelle, zwischen dem britischen Imperialismus und den antifaschistischen Kameraden aus dem Königreich zu unterscheiden, verhallten ungehört.593 Sowohl der politische Kommissar Dave Springhall als auch der Bataillons-Kommissar Peter Kerrigan führten den Ausgang der Abstimmung auf zwielichtige Elemente innerhalb der irischen Einheit zurück. „Re Irish. In accord with the wishes of the Brigade HQ (…) in dealing with national groups, we [illegible] to the Irish Section in our Battalion (not the lot that came out with Ryan) they were given the opportunity to discuss whether they would prefer to go with the American Battalion or stay with us. All the Cds [comrades] who had any connection with IRA or IRC [Irish Republican Congress] or TU [Trade Union] movement elected to stay with us but they were in a minority of 11 against 23. They have now gone today to the Americans and we are frankly glad. We know that it can be bad politically both in Ireland and England but they were an awful lot of [illegible] Irish exiles from Edgeware Rd [London], petty criminals – hooligan types. So all had to go and again I will say we are glad – and knowing the Americans I am sorry for the Irish.“594 Vor allem Springhall wollte die irischen Freiwilligen, bestehend aus CPI- und IRA-Mitgliedern, loswerden, denn er fürchtete neben dem Ethos einer kleinen, unabhängigen irischen Einheit unter der Leitung von ehemaligen Untergrundkämpfern, eben diese könnte die Autorität des britischen Bataillons unterminieren. „In fact, (…) British communists never understood and were vary of Irish Republicanism, the recruiting base for the CPI [Communist Party of Ireland].“ Erschwerend kam hinzu, dass „After the Comintern desisted from the practice of sending advisers to Ireland and handed over supervision of Irish communist groups to the CPGB [Communist Party of Great Britain] in the late 1920s, relations between both were fraught.“595 Ein Teil der britischen Offiziere schien froh zu sein, dass die Iren ihre Einheit verließen. Die Reaktionen der amerikanischen Soldaten auf das Verhalten ihrer irischen Kameraden fielen hingegen unterschiedlich aus. Ein Mitglied der Lincoln-Einheit berichtete, dass den Iren ihr Ruf als bewährte Kämpfer vorausgeeilt sei und sie deshalb in den Reihen der amerikanischen Einheit sehr willkommen gewesen seien. Robert Merriman, der Kommandant des amerikanischen Verbandes, allerdings schien weniger davon überzeugt zu sein. „(…) according to his widow, Robert Merriman, (…), believed that ‚the Yanks‘ wanted nothing to do with the Irish. Indeed, somewhat to the contrary, it was the idea of being lumped with the latter (‚a bunch of drunks who spent most of their time fighting amongst themselves‘) which determined the Americans to form their own battalion in the first place.“ Nichtsdestoweniger verstärkten dreißig irische Freiwillige die amerikanische Einheit in Villanueva. „When they arrived the Irish were a ragged, impoverished-looking crew. Most were from Dublin, and many had fought with the Irish Republican Army against British rule. Some had served with the British Colonial army in Asia and Africa … They were expert gun- 593 O’Connor, Soldier of Liberty, 14f. 594 O’Connor, „Mutiny or sabotage?“, 8. 595 McLoughlin, Fighting for the Spanish Republic, 61f. 4.3 Kampf dem Faschismus – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 169 smiths and boasted knowledge of any gun made … They had been training with the English but one day a new Irish war for independence broke out. The English comrades had treated them like colonials, they said, and it became too much to take. One morning the English awoke to find their barracks completely surrounded by Irish volunteers for liberty, armed with guns, knives and cobblestones. A hasty truce was reached before André Marty shot them all.“596 Ryan selbst erfuhr von den Ereignissen rund um die irischen Freiwilligen erst nach seiner Rückkehr, denn kurzzeitig war er der XII. Brigade zugeteilt und befand sich mit dieser in Madrid. Dort hatte er am Vorabend der Schlacht um Las Rozas, am 10. Januar 1937, noch einen Propagandabeitrag für seine Landsleute in Irland im Radio unter ständigem Beschuss durch Francos Truppen gesendet. Er war außer sich vor Wut, denn mit der Teilung waren alle Pläne, seine Männer zu einer eigenständigen Truppe zusammenzuführen, gescheitert. Schlimmer noch, Ryans Stellvertreter, Terry Flanagan, IRA-Mitglied aus Dublin, wurde von Wilfred McCartney, dem Kommandant der britischen Verbände, für „verdächtig“ erklärt und seine Abschiebung war bereits in Vorbereitung. Es gelang Frank Ryan aber, Flanagan aus Barcelona zurückzubeordern und die Ausreise zu verhindern. Zudem erreichte er die Entlassung seines wichtigsten Mannes, Donal O’Reilly, der von McCartney wegen Befehlsverweigerung zu einer Freiheitsstrafe von zwei Monaten verurteilt worden war. In einem Brief an Gerald O’Reilly machte er seinem Ärger Luft. „The representative of the British CP wrecked the Irish Unit. (…) The tragedy is, Gerald, that the English send out the worst officer-type. The leaders of the CP of Great Britain and the rank and file understand our (Irish) position. It just happened we got the in-between crowd of the swelled-headed adventurer type (…)“597 Des Weiteren betonte Ryan die enge Verbindung zwischen den Arbeiterklassen beider Länder, die den britischen Imperialismus als gemeinsamen Feind betrachteten. Deshalb fand er es auch ganz natürlich, dass die beiden Nationen Seite an Seite kämpften, auch wenn die Gefahr bestand, dass dies in einigen Kreisen in der Heimat missverstanden werden könnte.598 Während Ryan sich selbst die Schuld an der Teilung der irischen Einheit gab, waren in den Augen der britischen Politkommissare599 die Nutzlosigkeit und Aufsässigkeit der Rekruten aus dem Nachbarland ausschlaggebend für die Probleme. Diese 596 Baxell, Unlikely Warriors, 134; Stradling, Irish & Spanish Civil War, 157f. André Marty war ein bekannter französischer Kommunist, der von der Sowjetführung als politischer Kommissar der Internationalen Brigaden ausgewählt wurde. In den Reihen der Brigaden war er für sein ständiges Misstrauen bekannt und gefürchtet. Harald Laeuen, „André Marty – Die Tragödie des ewigen Revolutionärs“, Die Zeit (25. September 1952). [Online]. o. D.. URL: http://www.zeit.de/1952/39/andremarty [25.09.2016]. 597 McLoughlin, Fighting for Republican Spain, 57; Cronin, Frank Ryan, 90f. 598 Brief Ryans an Seán Murray, 8. Februar 1937, CPI Box 58/045h, DCLA, Dublin. 599 Die Aufgaben der Politkommissare umfassten generell die politische Anleitung der Freiwilligen, die Stärkung der Moral der Einheiten, um eventuell aufkommende Zweifel am Kampf für die Republik zu zerstreuen. Dies sollte in erster Linie durch zusätzliche Schulungen der kommunistischen Ideologie erreicht werden. Zudem umfasste diese Position auch militärische Aufgaben: „(…) such matters as arranging and checking the transport of troops, loading of troop convoys, choosing and preparing campsites, cooking and mess facilities, and general control of troops during movements. (…) the commissar was to check the state of the weapons and munitions and to ensure new supplies if 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 170 Sichtweise konnte und wollte Ryan aber nicht unkommentiert lassen und beschuldigte die Briten, die Wahl initiiert zu haben, um seine Truppe zu spalten und so die Pläne für eine irische Einheit zu sabotieren. Ohnehin war sehr unwahrscheinlich, dass die Kommunisten, die das britische Bataillon in Spanien kontrollierten, der Gründung einer Einheit gegenüber aufgeschlossen gewesen wären, die unter dem Kommando eines irischen Republikaners gestanden hätte. Darüber hinaus war der Communist Party of Great Britain, die mittlerweile auch den irischen Zweig der Organisation übernommen hatte600, nicht daran gelegen, dass die Iren durch ihren Einsatz in Spanien zu Helden stilisiert würden. In der Londoner Parteizentrale fürchtete man, dass dies der Partei schaden und gleichzeitig dem Republican Congress in die Hände spielen könnte. Damit war die Angelegenheit aber noch nicht beendet. Ryan wollte die Teilung, die während seiner Abwesenheit beschlossen worden war, nicht hinnehmen und beschwerte sich bei der Armeeführung. Am 1. Februar 1937 berichtet Kerrigan: „The Irish trouble cropped up again yesterday. It was raised very sharply by one of no. 1 coy [company] who have returned from the front. He accused the military and political leadership of the Bn [battalion] of being responsible for it and threatened to raise it in England and Ireland. He was supported by Ryan who was present and he demanded unity of all Irish no matter where they were. At the same time he declared they had been driven out of the Bn and talked of Chauvinism etc. M (not Mcartney) [sic] [Marty] who was present proposed a commission and it meets today to finally solve this problem. Springie [Springhall] will present the facts to the commission.“ Dieser Interventionsversuch änderte nichts an der Aufteilung der irischen Freiwilligen.601 Gegenüber seinen Freunden in der Heimat sprach Ryan über die Probleme mit den britischen Führungskräften, vor allem über die Feindseligkeit, die ihm McCartney entgegenbrachte. Er sah ein entscheidendes Problem darin, dass sie zwischen Ryan und André Marty standen, dem politischen Kommissar der Internationalen Brigaden. Es war den Engländern darüber hinaus auch gelungen, dass Ryan in Spanien lediglich den Status als „visiting journalist“ erhielt. Die Aufteilung der irischen Einheit erwähnte er nur am Rande. Die bereits an der Front eingesetzten Männer „(…) will proceed to the Base [sic] any day now and join the Batallion [sic] – half Anglo- Irish and the other half Irish-American which is there.“602 Er selbst hatte vor, zum needed. The commissars also took the lead in such matters as sanitation and hygiene in their units. (…) Lecturing the troops on the poor latrine facilities and generally poor sanitation situation in their unit, (…).“ R. Dan Richardson, Comintern Army – The International Brigades and the Spanish Civil War (Lexington: The University Press of Kentucky, 1982), 121f; Katrin Schleenbecker, „Gustav Regler: Das Große Beispiel“, Erinnern und Erzählen: der Spanische Bürgerkrieg in der deutschen und spanischen Literatur und in den Bildmedien, Hrsg., Bettina Bannasch und Christiane Holm (Tübingen: Gunter Narr Verlag, 2005), 301. 600 Die Übernahme beruhte auf einer Entscheidung der Komintern, durch die Fusion zwischen dem britischen und dem irischen Zweig der kommunistischen Partei das Überleben der noch in der Entwicklung befindlichen politischen Strömung im Freistaat zu sichern. O’Connor, „Mutiny or sabotage?“, 5. 601 O’Connor, „Mutiny or sabotage?“, 2, 6f, 11. 602 Brief Frank Ryan and Seán Murray und Peadar O’Donnell, 21. Januar 1937, Poczta – letters from Frank Ryan to Seán Murray, CPI Box 57, CPIA, Dublin. 4.3 Kampf dem Faschismus – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 171 Hauptquartier zurückzukehren und zu sehen, wie er sich vor Ort nützlich machen könnte. Außerdem plante er, in den folgenden Wochen als irischer Repräsentant tätig zu werden, denn es gab immer wieder Probleme mit der Zuordnung irischer Freiwilliger. Viele von ihnen wurden gezwungen, sich als Briten zu registrieren. Um seine Position im Hauptquartier zu festigen und eben dieses Problem anzugehen, forderte Ryan den Vorsitzenden der Communist Party of Ireland, Seán Murray, auf, nach Spanien zu reisen, um dort klarzustellen, dass er, Frank Ryan, das Vertrauen der Parteiführung in der Heimat genieße und als offizieller Repräsentant in den Reihen der Internationalen Brigaden anzusehen sei.603 Obwohl der Journalist Ryan nach eigenem Bekunden ein gutes Verhältnis zu den Soldaten und den Vorgesetzten gepflegt habe, kam es doch immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten mit André Marty, welcher erwartete, dass Ryan sich verstärkt um die Rekrutierung neuer Soldaten kümmerte, statt für seine Männer vor Ort zu sorgen, was dieser als wichtiger empfand. „Else the lads will be lost without me.“604 Dass umgekehrt auch Ryan durchaus auf die Hilfe seiner Männer angewiesen sein konnte, zeigt folgender Vorfall: Als Marty für den Tag, bevor die Einheit an die Front vorrückte, eine Konferenz einberief, an der das ganze englische Bataillon teilnahm und zu der auch Ryan mit seinen Freiwilligen gekommen war, machte sich Unruhe in den Reihen der Soldaten breit. Denn der politische Kommissar hatte sich in der vorangegangenen Zeit stark verändert. Die Intensität, mit der Marty nach vermeintlichen Spionen suchte, nahm bisweilen pathologische Züge an, was sich darin äußerte, dass er sich entschlossen gab, jeden, der nicht mit der Idee einer Volksarmee übereinstimmte, erschießen zu lassen. Trotz der ernsten Lage waren die Iren bald von der endlosen und detailreichen Ansprache gelangweilt. Gegen Ende der Rede meldete sich Ryan zu Wort. Der Ire beklagte sich über die schlechte Behandlung seiner Männer, insbesondere was die Umsetzung der strikten Vorgaben der Komintern betraf, denn nicht alle irischen Freiwilligen waren gleichzeitig Kommunisten. Alle Versuche Martys, Ryan zum Schweigen zu bringen, schlugen fehl. Der Vertreter der Komintern verlor die Geduld und rief Ryan zur Räson. Wieder einmal nutzte dieser seine Schwerhörigkeit und fuhr noch enthusiastischer als zuvor fort. Dabei wurde er lautstark sowohl von seinen eigenen Leuten, als auch von amerikanischen, kanadischen und britischen Teilnehmern unterstützt. Marty ließ Ryan daraufhin unter Arrest stellen und ihn in Gewahrsam nehmen. Noch am selben Abend machte sich ein Teil seiner Männer schwer bewaffnet auf den Weg zum Wachlokal, um die Freilassung zu fordern. Ryan war jedoch schon zwei Stunden zuvor auf freien Fuß gesetzt worden.605 Die Probleme zwischen den Freiwilligen hielten trotz aller Bemühungen der Führungsspitze der Internationalen Brigaden an. Es war der Komintern nie wirklich gelungen, die bestehenden Ressentiments auf beiden Seiten effektiv zu bekämpfen oder wirksam zu unterdrücken. Zum einen lag dies an den Konflikten zwischen beiden 603 Ibid. 604 Ibid. 605 Brome, The International Brigades, 124f; Fred Copeman, Reason in Revolt (London: Blandford Press, 1948), 83f. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 172 Nationen. Zum anderen waren auch religiöse Aspekte ein Grund für die Auseinandersetzungen. In den Reihen der irischen Freiwilligen, die nach Spanien gekommen waren, befanden sich viele praktizierende Katholiken, unter anderem auch Frank Ryan selbst. Vor Ort war es für die Männer jedoch schwierig, ihren Glauben zu leben. Für sie unverständlich und befremdlich war, dass es ihnen verwehrt blieb, im Fronturlaub einen Gottesdienst zu besuchen, dass sie während des Dienstes im Schützengraben aber obligatorische Ideologiestunden über sich ergehen lassen mussten. Es hatte den Anschein, als seien linksgerichtete Spanienkämpfer generell nicht religiös. Dessen ungeachtet gab es besonders unter den Iren viele, die zwar kirchenfeindlich eingestellt waren, aber dennoch ihren Glauben praktizierten. Ryan und seinen Freiwilligen blieb wenig Zeit, sich um eine Lösung der internen Probleme des Bataillons zu kümmern. Franco hatte eine groß angelegte Offensive auf die Straße zwischen Madrid und Valencia vorbereitet, mit dem Ziel, die Verbindung der beiden Städte zu unterbrechen und die Hauptstadt auf diese Weise zu isolieren. Am 6. Februar 1937 starteten die faschistischen Truppen ihren Angriff im Jarama-Tal südwestlich von Madrid. Die britische Einheit erhielt ihren Marschbefehl innerhalb von 24 Stunden nach der Attacke und erreichte das nahe der Front gelegene Morato-Tal am 12. Februar. Vier Tage später erhielt das Lincoln-Bataillon den Befehl zum Einsatz.606 Nachdem nun die irischen Freiwilligen, sehr zum Missfallen von Frank Ryan, nicht mehr gemeinsam in einer Einheit kämpften, wird im folgenden Kapitel der erste Kampfeinsatz von Ryans Männern gegen die faschistischen Truppen dargestellt. Die Schlacht im Tal des Jarama-Flusses Von Beginn an befanden sich die britischen und irischen Soldaten im Zentrum des Gefechts, was unter anderem die daraus folgenden hohen Verluste erklärt: Von den ursprünglich 600 Mann der Einheit blieben am Ende des ersten Tages nur 225 unverletzt.607 Ein wenig überraschendes Ergebnis angesichts des Kräfteverhältnisses beider Verbände, denn auf der Seite der Faschisten kämpften fünf Brigaden mit einer Mannschaftsstärke von insgesamt circa 8.000 Mann. Unterstützung erhielten sie von der spanischen Nordafrika-Armee, bestehend aus Söldnereinheiten der marokkanischen Kavallerie sowie deutschen Verbänden der Legion Condor, bestehend aus Maschinengewehreinheiten, Panzer- und Artillerieabteilungen. Und der Erfolg gab Francos Verbänden anfänglich Recht. Sie nahmen die Verbindungsstraße Madrid-Valencia unter Beschuss und es gelang den Faschisten, tief in republikanisches Gebiet vorzurücken. Das Kabinett reagierte sofort. Die besten Einheiten der Internationalen Brigaden marschierten an die Front, um den Vormarsch des Feindes zu stoppen. Neben der XI., der XII. und der XIV. Brigade, kam auch die neugegründete XV. Brigade, zu 4.3.2.4 606 Stradling, „Battleground of Reputations“, 124f; McGarry, Irish Politics & Spanish Civil War, 76; Cronin, Frank Ryan, 92. 607 McGarry, Irish Politics & Spanish Civil War, 68. 4.3 Kampf dem Faschismus – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 173 der auch das britische Bataillon gehörte, an der Front zum Einsatz. Ausgangspunkt für die britischen Truppen wurde das Dorf Chinchón.608 Schon im Vorfeld hatten die Regierungstruppen mit Problemen zu kämpfen. Die Informationen von der Front flossen sehr spärlich, sodass sich die Truppen kaum über die Gegebenheiten vor Ort informiert fanden. Den Freiwilligen war beispielsweise nicht klar, ob es sich bei ihrem Einsatz um eine Offensive handelte oder ob es galt, die Frontlinie zu verteidigen. Erschwerend kam hinzu, dass die Freiwilligen nicht mit dem spanischen Terrain vertraut waren und dass der Generalstab viele Offiziere im Vorfeld nicht ausreichend über die konkrete Ausgangslage ihres Vormarsches informiert hatte. Deshalb gingen viele republikanische Soldaten während ihres Vormarsches davon aus, dass sie in erobertes Gebiet und somit republikanisches Territorium vorrückten. Zusätzlich marschierten die Freiwilligen in der Gewissheit voran, ihr Vordringen würde durch weitere verbündete Kräfte abgesichert. Jedoch hatten Francos Truppen während der ersten Tage des Gefechts die Regierungstruppen derart in die Defensive gedrängt, dass diese vermeintlich zur Unterstützung der XV. Brigade bereitstehenden Verbände in kleinen Gruppen in Richtung Madrid geflüchtet waren. Militärische Fehleinschätzungen verschärften die Situation der internationalen Verbände zusätzlich. Am 12. Februar 1937, dem ersten Kampftag von Ryans Männern in den Reihen der britischen Einheit, stand die XV. Brigade als einzige Kampftruppe im südlichen Sektor des Gefechtsfeldes. Zusätzlich klaffte an der linken Flanke der Infanterie eine mindestens fünf Kilometer breite Lücke, die bis zur strategisch wichtigen Ortschaft Titulcia am Eingang in das Tajuna-Tal reichte. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich das Hauptaugenmerk der faschistischen Armee vom Norden auf die Mitte verlagert. Das neue Ziel bestand darin, die republikanischen Linien bei Morata zu durchbrechen. Dies hätte es Francos Truppen ermöglicht, hinter die Reihen der Internationalen Brigaden zu gelangen. Die britischen und französisch-belgischen Verbände der Freiwilligenarmee traten dem Gegner also an vorderster Front entgegen. Somit war die XV. Brigade die einzige Einheit, die zwischen den feindlichen Truppen und dem Ort Morata stand.609 Vor dem Angriff der faschistischen Truppen hatten die Soldaten der Internationalen Brigaden noch Gelegenheit, sich kurz auszuruhen und sich auf die bevorstehende Schlacht vorzubereiten. Der Gegner, hauptsächlich italienische Truppenverbände, war ihnen nicht nur zahlenmäßig, sondern auch, was die Ausrüstung betraf, weit überlegen. Kurz vor dem Einsatz der Kompanie Nummer 1 kam Frank Ryan zu seinen Männern. Er kehrte direkt von der Frontlinie zurück und warnte seine Freiwilligen eindringlich vor der schwierigen Situation an der Kampflinie. „‚We’ll need ’em boys,‘ he said. ‚It’s hell up there and we are in for a tough fight.‘ He told us of the position in the line and that the Fascists were expected to launch a 608 Bill Alexander, British Volunteers for Liberty: Spain 1936–1939 (London: Lawrence & Wishart, 1982), 93f. 609 Stradling, Irish & Spanish Civil War, 162f. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 174 powerful attack under cover of nightfall to finally capture the road. Our Brigade would move in to smash this attempt at all costs.“610 Obwohl Frank Ryan in seinen Briefen an die Heimat immer betont hatte, nicht im direkten Kampfgebiet eingesetzt zu werden, war der Einsatz an der Jarama-Front nicht sein erster. Bereits am vierten Tag nach seiner Ankunft in Spanien kämpfte er das erste Mal an der Feuerlinie. Im Februar 1937 kam es in seinen Augen zu den bis dahin schwersten Gefechten. „We had been previously in the University City, in Caso de Campo, and Guadarrama trenches. We were also wit [sic] the division attacking Cordoba, but Jarama was the toughest fighting I ever saw. Artillery, while pretty accurate on both sides, is not intensive in Spain – 3 or 4 field-pieces to a battalion is the custom. The machine-gun fire was terrific, and then there were mortars, tanks and aeroplanes. (…) We were fighting German and Italian regulars. (…) They made many mistakes, particularly by attacking us in mass formation. (…) I must admit those fascists fighting at Jarama were good fighters and were well officered. They were obviously picked troops, for the section is the key to Madrid. If the fascists succeeded there, Madrid is isolated.“611 Noch vor dem verlustreichen Einsatz an der Jarama- Front bedauerte Ryan die bisherigen Toten unter den irischen Freiwilligen. Gleichzeitig kritisierte er die einseitig nationalistische Sichtweise der heimischen Presse hinsichtlich des Kampfes der Internationalen Brigaden. „I got letters, yesterday (dated Jan 17) for some of the lads who were killed in the last few days of December. I felt bad. Particularly so, because I am afraid that too many people will regard these casualties as ‚tragedies that need not have happened.‘ I read in the „Irish Press“ that ‚the Wild Geese have flown again‘; I read in the „Irish Echo“ of the tragedy of men like me coming out here! That type of canned nationalism that inspires such talk is THE tragedy I deplore. They ignore the changes in world politics, & they would have us ignore The Great Danger until it is on our own shores. ‚We serve Ireland only‘ they cry, but they would have us wait until it would be too late to make effective use of our service. No ‚Wild Geese‘ were these lads. You, Sean remember how I warned them, before they left home, what their life here – as long as it would last, would be like. You remember how I discouraged every suspicion of adventurism. You know how they could have stayed at home & be regarded by their friends as ‚soldiers of Ireland‘. They chose to come here asking neither for pay nor preferment coming because they believed it was their duty to come to participate in this decisive fight against fascism.“ Außerdem reagierte er auf die Kritik an seiner Person. Besonders für die Angriffe, die Rolle betreffend, die er bei der Rekrutierung der Freiwilligen in Irland inne hatte, fand Ryan deutliche Worte: „And, for my part, while it would be wrong to accuse me of bringing them here, I would never regret having done so. Our 50,000 who died in the Great War were sacrificed uselessly: no life given here is given in vain. And look at it from 610 Jim Prendergast, „Our Boys go into action of Jarama – ‚Check the Advance‘, Irish Democrat, 13. November 1937, Ireland and the Spanish Civil War – Articles reprinted from the Irish Democrat. [Online]. o. D.. URL: http://irelandscw.com/part-IrDem3711-12.htm [6. August 2012]. 611 „They sang ‚Wrap the Green Flag Round Me‘ – The Irish Charge on the Madrid Front – Madrid“, Irish Democrat, 24. Juli 1937, Ireland and the Spanish Civil War – Articles on Ireland and the SCW. [Online]. o. D.. URL: http://irelandscw.com/part-3707IrDem.htm [6. August 2012]. 4.3 Kampf dem Faschismus – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 175 the purely selfish viewpoint. Which is better: that some of us should die here, or that thousands should die at home later on? For, if Fascism triumphs here, Ireland’s trial will soon be at hand.“612 Und auch Ryan selbst sollte in der bevorstehenden Schlacht eine maßgebliche Rolle spielen. Die irischen Soldaten verteilten sich mittlerweile auf verschiedene Kompanien, die Mehrheit befand sich in der Einheit Nummer 1 unter der Führung von Christopher, genannt Kit, Conway aus dem County Tipperary. Ryan selbst war dem Bataillon als Politkommissar zugeteilt. In dieser Funktion hatte er die unterschiedlichsten Aufgaben. So galt es, sich um das Wohl der Truppe zu kümmern und die Moral aufrechtzuerhalten. Weiterhin zählten die Wäscherei, die Unterhaltung, das Essen, sowie das Trinken, Neuigkeiten und die Post zu Ryans Verantwortungsbereich. Besonders im Hinblick auf die Disziplin war diese Arbeit von enormer Wichtigkeit. Durch Treffen, ihre Zeitung, persönlichen Kontakt, Diskussionen und durch das eigene Vorbild stärkten die Politkommissare und allen voran Frank Ryan, die Moral unter den Freiwilligen. Darüber hinaus sorgten sie auch für das politische Verständnis und die nötige Entschlossenheit und bildeten somit das Fundament der Internationalen Brigaden. Konkret sollten er und sein Landmann Kit Conway die schwierige Aufgabe übernehmen, den Angriff anzuführen. Die Verluste waren enorm. Am Ende des Tages zählte die Truppe nur noch 58 Soldaten. Unter den Gefallenen befand sich auch der Kommandant, Kit Conway. Am zweiten Tag wurde sein Nachfolger verwundet, woraufhin Ryan ab diesem Zeitpunkt die Position inoffiziell inne hatte und nun auch seinem Selbstverständnis entsprechend ein „echter“ Soldat war.613 Sein Ruf und sein außergewöhnliches Führungstalent eilten ihm voraus und machten ihn bald über die Grenzen der Einheit Nummer 1 hinweg bekannt: „Feb. 12th 1937 – Brigade forced to retreat. Frank & a Spanish Comrade turned that retreat into an attack. He organised all those stragglers into a solid unit, turned them again back toward the fascists. This retreat now developed into a counter attack and saved once again the Madrid-Valencia highway. Those Irish, English, Spanish, French etc. under the leadership of Frank marched back to the positions they had retreated from a few hours before, singing the Internationale. The strains of O’Donnell Abú [Song] could be heard from the Irish lads.“614 Ryan beschreibt die Ereignisse sehr ausführlich in seinem Buch über die XV. Brigade: „On the road from Chinchón to Madrid, the road along which we had marched to the attack three days before, were now scattered all who survived – a few hundred Briton, Irish and Spaniard. Dispirited by heavy casualties, by defeat by lack of food, worn out by three days of gruelling fighting, our men appeared to have reached the end of their resistance. Some were still straggling down the slopes from what had been, up to an hour ago, the front line. And now, there was no line, nothing between the Madrid road and the Fascists but disorganised groups of weary, war-wrecked men. After three days of terrific struggle, the superior numbers, the superior armament of the Fascists 612 Brief Frank Ryan an Seán Murray, 8. Februar 1937, CPI Box 58/045h, DCLA, Dublin. 613 Wintringham, English Captain, 115; Frank Ryan, „Ireland“, From Spanish Trenches – Recent Letters From Spain, Hrsg., Marcel Acier (New York: Modern Age Books, 1983), 117. 614 Bericht eines unbekannten Freiwilligen, o. D., Rosamond Jacob Papers, MS 33,132, NLI, Dublin. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 176 had routed them. (…) I recognised the young Commissar of the Spanish Company. His hand bloody where a bullet had grazed the palm, he was fumbling nevertheless with his automatic, in turn threatening and pleading with his men. I got Manuel to calm him, and to tell him we would rally everybody in a moment. As I walked along the road to see how many men we had, I found myself deciding that we should go back up the line of the road to San Martin de la Vega, and take the Moors on their left flank. Groups were lying about on the roadside, hungrily eating oranges that had been thrown to them by a passing lorry. This was no time to sort them into units. I noted with satisfaction that some had brought down spare rifles. I found my eyes straying always to the hills we had vacated. I hitched a rifle on my shoulder. They stumbled to their feet. No time for barrack-square drill. One line of four. ‚Fall in behind us.‘ A few were still on the grass bank beside the road, adjusting helmets and files. ‚Hurry up!‘ came the cry from the ranks. Up the road toward the Cook-House I saw Jock Cunningham assembling another crowd. We hurried up, joined forces. Together we two marched at the head. Whatever popular writers may say, neither your Briton nor your Irishman is an exuberant type. Demonstrativeness is not his dominating trait. The crowd behind us was marching silently. The thoughts to their minds could not be inspiring ones. I remembered a trick of the old days when we were holding banned demonstrations. I jerked my head back: ‚Sing up, ye sons o’guns!‘ Quaveringly [sic] at first, then more lustily, then in one resounding chant the song rose from the ranks. Bent backs straightened; tired legs thumped sturdily; what had been a routed rabble marched to battle again as proudly as they had done three days before. (…) On we marched, back up the road, nearer and nearer to the front. Stragglers still in retreat down the slopes stopped in amazement, changed direction and ran to join us; men lying exhausted on the roadside jumped up, cheered, and joined the ranks. I looked back. Beneath the forest of upraised fists, what a strange band! Unshaven, unkempt; bloodstained, grimy. But, full of fight again, and marching on the road back. We had one and a half hours of daylight in which to recapture our lost positions. ‚That gap on our right?‘ A Spanish Battalion was coming up with us to occupy it. Again the ‚International‘ arose. It was being sung in French too. Our column had swelled in size during the halt; a group of Franco-Belge had joined us. We passed the Spanish Battalion. They caught the infection; they were singing too as they deployed to the right. Jock Cunningham seemed to be the only man who was not singing. Hands thrust into his great-coat pockets, he trudged along at the head of his men… We were singing; he was planning. As the olive groves loom in sight, we deploy to the left. At last, we are on the ridge, the ridge which we must never again desert. For, while we hold that ridge the Madrid-Valencia road is free. Bullets whistle through the air, or smack into the ground, or find a human target. Cries. Shouts. But, always the louder, interminable singing. Flat on the ground, we fire into the groves. There are no sections, no companies even. But individuals jump ahead, and set an example that is readily followed – too readily, for sometimes they block our fire. In the thick of the battle we organise ourselves with a certain amount of success into sections. 4.3 Kampf dem Faschismus – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 177 The Spanish problem is quickly solved: ‚Manuel! What’s the Spanish for ‚Forward‘?‘ ‚Adelante!‘ yells Manuel, and waves the Spanish lads on. ‚Abajo!‘ And down they flop to give us covering fire. A burly French Lieutenant runs over to ask me for grenades. We have none. Waving a ridiculously tiny automatic, he advances, shouting ‚En Avant!‘ Ahead of us are little cones of blue-red flame. Now we know where the Moorish and German machine-gunners are. Oh, for grenades! As we hug the earth we call to one another to direct group-fire on those cones. Flat on our bellies we push forward. Inch by inch. Darkness falls like a blanket. Still the fight goes on. Advancing! All the time advancing. As I crawl forward, I suddenly realise, with savage joy, that it is we who are advancing, they who are being pushed back. And then in actual disappointment: ‚The bastards won’t wait for our bayonets!‘ We are in the olive groves. Firing ceases. We are on our feet, feeling for one another, in the inky blackness. I stumble against a soft bundle. I bend down. His spiked bayonet scrapes my hand. He is one of ours. His face is cold. He has been dead for hours… So we are back where we were at midday. (…) And thus the men who had been broken and routed a few hours before settled down for the night on the ground they had reconquered. They had dashed Fascist hopes, smashed Fascist plans. Thenceforward, for more than four months, they were to fight, and many of them to die, in these olive groves. But never again were the Fascists to rout them. They were to hold that line, and save Madrid; fighting in the dauntless spirit of the great rally of that afternoon, fighting, too, in the spirit of those reckless roars of laughter that night in the Wood of Death.“615 Noch vor diesem Ereignis am zweiten Kampftag berichtete der irische Freiwillige Joe Monks, dass Ryan die Soldaten schon am Vortag neu motiviert hatte. General Gal, Kommandant der XV. Brigade befand sich in der Bataillonsküche und hielt einigen Nachzüglern eine Strafpredigt. Gleichzeitig beorderte er sie an die Front. Jock Cunningham und Frank Ryan kamen genau zu diesem Zeitpunkt hinzu. Die beiden Männer führten die Soldaten an die Kampflinie zurück. Ryan motivierte die Männer, indem er ihnen zurief „Are we downhearted?“. Die Soldaten antworteten lautstark mit geballten Fäusten „No!“616 Die Kämpfe an der Front gingen mit unverminderter Härte auf beiden Seiten weiter. Die republikanische Militärführung erwartete den Hauptangriff der faschistischen Truppen aus Richtung der Sierra Almaden. Auch ein Teil der irischen Freiwilligen war dort stationiert. Die Aufgabe der Iren in den Einheiten der Republik bestand darin, die Schlüsselposition zu halten und den Pass zu den Tälern abzudecken. Die Meldung machte die Runde, dass die Irish Brigade unter den Angreifern sei und wonach sich ihre Landsleute unter O’Duffys Kommando in unmittelbarer Nähe befänden. In den bisherigen Schlachten in Guadarramas, in der Universitätsstadt Guadalajara oder an der Jarama-Front hatte es noch keinen Kontakt mit der konkurrierenden Einheit gegeben. Auch dieses Mal stellte sich die Nachricht als falsch heraus. Frank 615 Frank Ryan, The Book of the XV. Brigade: records of British, American, Canadian, and Irish volunteers in the XV International Brigade in Spain, 1936–1938 (Madrid: Commissariat of War, XV Brigade, 1938), 58ff. 616 Monks, Reds in Andalusia, 22. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 178 Ryan beschrieb die Situation am nächsten Morgen: „When the order came to go over you should have seen our lads charge shouting the old war cry ‚Up the Republic!‘ But we found ne’er [sic] an Irishman in the opposite trenches. Mostly they were Italians, who broke and ran as soon as our lad’s [sic] cries reached their ears. We found out later that O’Duffy’s men are mostly doing police work back in Salamanca.“617 Aber Berichten verschiedener Mitglieder des britischen Bataillons zufolge, kam es zu einem Aufeinandertreffen der Irish Brigade und der irischen Freiwilligen der Internationalen Brigaden. Während der Schlacht in Jarama im Februar und März 1937 waren sowohl O’Duffys Irish Brigade als auch die irischen Freiwilligen der XV. Brigade im Dorf Ciempozuelos in der Nähe der Straße nach Córdoba stationiert. Augenzeugen berichteten später davon, dass Frank Ryan sich sogar an seine Landsleute gewandt hatte.618 Unter anderem berichtet Tom Murphy, Freiwilliger aus dem County Monaghan in Nordirland, von folgender Begebenheit: „Our trenches were maybe a few hundred yards (away). Frank Ryan used to speak over the speaker, he says: ‚Irishmen go home! Your fathers would turn in their graves if they knew that you’d come to fight for imperialism. This is the real Republican Army. The real, the real men of Ireland‘ [sic].“619 Auch das amerikanische Bataillon rückte am 12. Februar 1937 an die Jarama- Front vor. Der Kommandant, Robert Hale Merriman, hatte sich im Vorfeld die Erlaubnis seines Vorgesetzten erbeten, neue Waffen zu testen. Tatsächlich ergab sich sogar noch die Gelegenheit, mit den Gewehren zu feuern, bevor die Einheit in den Au- ßenbezirken Moratas schließlich von der Front eingeholt wurde. Der Angriff erfolgte aus der Luft, führte aber nicht zu Verlusten. An der eigentlichen Front angekommen, standen die Amerikaner dann sofort unter dem Dauerbeschuss feindlicher Maschinengewehre. Doch gelang es, die Stellung unter Hinnahme vergleichsweise geringer Verluste zu halten. Es waren nur wenige Tote und Verwundete zu beklagen, bis – nach einigen Tagen im Gefecht – die Amerikaner am 21. Februar 1937 die Nachricht über eine geplante Offensive erreichte, an der sie teilhaben sollten. Der Plan sah vor, dass der Angriff erst sechs Tage später startete. Ziel war es, die befestigten Stellungen der Faschisten auf den Hügeln am Fluss Jarama zu durchbrechen, wodurch der Brückenkopf des Feindes zerstört und dessen Positionen am Ostufer des Flusses unhaltbar werden würden. Die Aufgabe der XV. Brigade bestand nun darin, die Armee Francos nördlich und südlich der Straße in Richtung San Martín de la Vega zu drängen – ein Vorhaben, dessen Ausgang sich unter dem Kommando General Gals zum Desaster auswuchs.620 Ohne jegliche Unterstützung aus der Luft und ohne Panzer beharrte der 617 „They sang ‚Wrap the Green Flag Round Me‘ – The Irish Charge on the Madrid Front – Madrid“, Irish Democrat, 24. Juli 1937, Ireland and the Spanish Civil War – Articles on Ireland and the SCW. [Online]. o. D.. URL: http://irelandscw.com/part-3707IrDem.htm [6. August 2012]. 618 McGarry, Irish Politics & Spanish Civil War, 40. Über eine mögliche Antwort, die er von O’Duffys Männern möglicherweise erhalten hat, ist nichts bekannt. 619 Interview mit Tom Murphy, 1976, TSCWC – 805/2- Tom Murphy, IWMSA, London. 620 Seine mangelnde Führungskompetenz führte später sogar dazu, dass er vom Kommando der XV. Brigade entbunden wurde. Arthur H. Landis, The Abraham Lincoln Brigade (New York: The Citadel Press, 1967), 75. 4.3 Kampf dem Faschismus – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 179 Kommandant auf der Durchführung der Offensive. Obwohl starkes Gegenfeuer den Vormarsch der vorhandenen Einheiten stoppte, sollte das Lincoln-Bataillon, zu diesem Zeitpunkt knapp 450 Mann stark, alleine vorrücken, um den anderen Truppen als Vorbild zu dienen. Die Faschisten reagierten sofort auf die vorrückenden amerikanischen Freiwilligen, indem sie diese und die restlichen Stellungen des Bataillons unter heftigen Beschuss nahmen. Eine Attacke unter solchen Umständen kam einem Selbstmord gleich. Dennoch bestand das Brigadehauptquartier auf der Ausführung des Befehls. Die Soldaten starteten daraufhin den Angriff und erlitten im Verlauf der Kämpfe schwere Verluste. Die britische Einheit unter dem Kommando von Jock Cunningham unterstützte die Amerikaner, aber auch sie hatte dem massiven Beschuss der nationalen Armee wenig entgegenzusetzen. Nachdem darüber hinaus noch die Unterstützung durch weitere republikanische Truppenverbände ausblieben war, ordneten sowohl Cunningham als auch Ryan, der den irischen Teil des Verbands befehligte, den sofortigen Rückzug der britischen Abteilung an. Einzig die Amerikaner setzten ihren Angriff fort, allerdings ohne Offiziere, denn diese waren entweder tot oder verwundet. Schließlich erhielten auch sie den Befehl zum Abbruch der Aktion. Wer diese Anweisung letztendlich gegeben hatte, wusste niemand. Am Ende der Schlacht waren nur noch circa hundert Mann des Lincoln-Bataillons kampfbereit. Es gab 127 Tote und mehr als 200 Verletzte. Die Jarama-Front stabilisierte sich erst Ende Februar 1937, wobei die XV. Brigade weiterhin vor Ort blieb. Während dieser Zeit mussten die Soldaten 73 Tage ohne Unterbrechung in den Schützengräben ausharren. Obwohl die Schlacht nicht als Sieg für die republikanische Seite gewertet werden konnte, stellte sie eine wichtige Etappe in der Verteidigung der spanischen Republik dar.621 Für Ryan selbst blieb der Einsatz im Tal des Jarama nicht ohne Konsequenzen. Am vierten Kampftag zog er sich eine Fleischwunde zu. Die Kugel durchschlug erst den Kopf seines Kameraden neben ihm, bevor sie Ryan am linken Arm traf. Doch hielt ihn die Verletzung nicht davon ab, weiter zu kämpfen. Eine halbe Stunde später explodierte in Ryans Nähe eine Panzergranate und ein Schlag traf ihn am linken Bein und er ging zu Boden. Er nahm an, dass er nur von einem Stein getroffen worden war, denn es gab keine offene Wunde. Trotz der Verwundungen fühlte er sich weiterhin fit genug, den Kampf fortzusetzen und beschloss, auf eine bessere Position vorzurücken. Kurze Zeit später durchschlug eine weitere Kugel seinen linken Arm. Es stellte sich als glatter Durchschuss heraus und das Projektil hatte den Knochen nicht verletzt, aber der Muskel war betroffen, was bedeutete, dass Ryan für mehrere Wochen ausfiel. Zusätzlich machte ihm sein verletztes Bein Probleme. Erst im Krankenhaus stellte sich heraus, dass eine Sehne gerissen war und er die nächsten Wochen nicht einsatzfähig war. Nachdem ihm der Arzt Ruhe und Erholung verordnet hatte, plante er, sich in seiner Heimat auszukurieren. Die spanische Regierung war sogar bereit, Ryan die Reise nach Irland zu bezahlen. „‚El Commandante Ryan‘ has their ‚fullest confidence‘ and is ‚a person loyal to the legitimate government‘ and so goes on a propaganda mission.“622 Dies zeigte sich auch an Ryans Nominierung für den Navalperal 621 Landis, Abraham Lincoln Brigade, 40ff, 71ff; McGarry, Irish Politics & Spanish Civil War, 69. 622 Acier, From Spanish Trenches, 117f. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 180 Orden. Mit diesem sollten er und zwei weitere Freiwillige aus den Reihen der Internationalen Brigaden für ihre Verdienste und „exceptional bravery and devotion to duty“ im Kampf der Spanischen Republik gegen die Nationalisten ausgezeichnet werden.623 Aus dem Krankenhaus in Elda schrieb Ryan seinem Freund Gerald O’Reilly und äußerte sich zu den Angeboten aus Dublin, London und den USA, Artikel über die Ereignisse in Spanien zu verfassen. Er sah sich nicht in der Lage, solche Offerten anzunehmen und gab zu bedenken, dass er entweder als Soldat an vorderster Front kämpfen oder als Berichterstatter hinter den Linien tätig werden könne. Er wies auf die strenge Zensur hin, und darauf, wie schwierig es sich gestaltete, verlässliche Informationen von der Kampflinie zu erhalten. Deshalb könne er, trotz einer möglichen Ausnahmegenehmigung nur zensierte Berichte liefern. Angaben wie Orte, Daten oder Einheiten unterlägen selbstverständlich der Geheimhaltung. Der Aufwand wäre selbst ihm zu groß, besonders hinsichtlich des geringen Informationsgehalts der Schilderungen. Außerdem betonte Ryan, dass er als Kämpfer nach Spanien gekommen sei und anders als O’Duffy seine Männer nicht aus sicherer Entfernung führen wolle. Bei dieser Gelegenheit machte er auch seinem Ärger über Presseberichte Luft. Frank Ryan äußerte sich zu der Anspielung auf eine Blutfehde zwischen ihm und General O’Duffy. Er könne keine Parallelen zwischen sich selbst und dem Kommandeur der Irish Brigade erkennen, sei der General doch nach Spanien gekommen, um die Karriere zu machen, die ihm in Irland verwehrt bleibe. Frank Ryans Männer hingegen kämpften einzig und allein gegen den Faschismus. „(…) it’s just an accident for us that O’Duffy happens to be here fighting for it. And, the pity is that the vast majority of those whom he enticed into Franco’s camp are just fools who think they are „Fighting for the Faith.“624 Schon im Vorfeld seines Einsatzes an der Jarama-Front hatte Ryan auch auf politischer Ebene gute Vorarbeit geleistet, die jetzt Früchte trug: In einem langen Gespräch in Valencia hatte er dem spanischen Außenminister J. Alvarez del Vayo empfohlen, einen Konsul nach Dublin zu entsenden – ein Vorschlag, von dem del Vayo sehr angetan war, eine Ernennung sollte in Kürze folgen. Auch für die Republik schien sich die Lage zu entspannen: Die Straße zwischen Valencia und Madrid war nach wie vor offen, die Hauptstadt hatte dem Druck der Nationalisten standgehalten und Teile der Offensive Francos waren gescheitert. Ryan wäre also für Spanien und die Internationalen Brigaden entbehrlich gewesen, denn er hatte seine Aufgabe erfüllt. Somit stand seiner geplanten Rückreise in die Heimat, um sich von seiner Armverletzung zu erholen, nichts mehr im Weg. Wie Ryan seinem Freund Gerald O’Reilly am 5. März 1937 schreibt, wurde die Rückreise von den Internationalen Brigaden finanziert, die ihm auch eine Unterkunft in Dublin für die Dauer seines Aufenthalts vermittelten. Ryan flog von Valencia nach Toulouse und reiste dann per Zug weiter nach Paris, wo er sich einige Tage aufhielt und die freie Zeit nutzte, um seinem Freund O’Reilly am 5. März 1937 einen Brief zu schreiben. Darin brachte Ryan zum Aus- 623 Baxell, Unlikely Warriors, 273. 624 Acier, From Spanish Trenches, 114f. 4.3 Kampf dem Faschismus – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 181 druck, wie sehr er es bedauere, Spanien zu diesem Zeitpunkt verlassen zu müssen, und er gab sich gleichzeitig überzeugt, auch dann über ein reines Gewissen zu verfügen, wenn er für die irischen Verluste verantwortlich gemacht werden würde, denn seine Freiwilligen seien im Kampf gegen den Faschismus gestorben.625 Ryan selbst hatte sich während der Zeit in den Internationalen Brigaden verändert, seine Prioritäten hatten sich verschoben: „I used to think that my life was worth only one man’s life in Spain, and that I was worth half a dozen at home. That was not vanity. I believed, at the time, it was sound political reasoning. I was wrong. My life might be more easily lost in such a terrific war as that in Spain than it would be in Ireland – and that is the only difference between dying in Ireland and dying in Spain. It is merely a difference in degree of longevity. If I died in Spain I would die for human liberty as certainly – perhaps more certainly – than I would in Ireland today.“626 Das Schreiben abschließend, lobte Ryan seine Soldaten für deren Einzigartigkeit, besonders was Mut und Effektivität betraf. Er bereute, nicht von Beginn an mehr Freiwillige mit IRA-Erfahrung und Training rekrutiert zu haben, auch wenn die Führungsebene der Internationalen Brigaden damals nicht mit weiteren Kämpfern gerechnet hatte. Nun, im Frühjahr 1937, waren die Grenzen zu Spanien durch Frankreich beinahe undurchlässig abgeriegelt, weshalb sich eine Überquerung, insbesondere für neue Rekruten, extrem schwierig gestaltete. Darüber hinaus waren weder die Verantwortlichen des Republican Congress noch der Communist Party of Ireland daran interessiert, weitere Freiwillige nach Spanien zu schicken. O’Donnell sprach davon, dass „(…) he [Ryan] wanted just enough men to make a credible counterpoint to O’Duffy.“ Diese Vorgehensweise unterstützten sowohl Frank Ryan als auch Seán Murray, der Sekretär der CPI.627 Nach Ryans Verletzung, entschied sich die Führung der XV. Brigade ihn in seine Heimat zurückzuschicken, damit er sich im Kreise seiner Familie besser von seiner Verwundung erholen konnte. Doch für Frank Ryan warteten in Dublin neue Aufgaben, welche im folgenden Abschnitt im Detail dargestellt werden. Rekonvaleszenz in der Heimat Vor seiner Rückkehr nach Dublin wurde Ryan im Krankenhaus in Alicante behandelt. Nachdem vor Ort allerdings nicht viel für ihn getan werden konnte, verließ er Anfang März sowohl die Klinik als auch das Land, um nach Hause zurückzukehren. Ryan unterbrach seine Heimreise in London, um dort seinen Freund Peter O’Flynn zu besuchen, bei dem er auch den Saint Patrick’s Day verbrachte. In der britischen Hauptstadt versorgte der bekannte Chirurg Leo McCauley Ryans Verletzungen,628 da 4.3.2.5 625 Cronin, Frank Ryan, 102; Acier, From Spanish Trenches, 118; McLoughlin, Fighting for Republican Spain, 74. 626 Acier, From Spanish Trenches, 114f. 627 Acier, From Spanish Trenches, 118f; Cronin, Frank Ryan, 102; Emmet O’Connor, Identity and Self- Representation in Irish Communism – The Connolly Column and the Spanish Civil War. [Online]. o. D.. URL: http://uir.ulster.ac.uk/2627/1/SCW.id.pdf [29.12.2016]. 628 Ò Canainn, „Eilís Ryan“, 136. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 182 sich der Zustand des Beines in der Zwischenzeit derart verschlechtert hatte, dass Ryan einen Krückstock benutzen musste. Zudem war der Inhalt der Reisekasse aufgebraucht, die Weiterfahrt nach Dublin konnte er sich nicht leisten. O’Flynn riet ihm, das erforderliche Geld beim Büro der kommunistischen Partei zu erbitten – ein Vorschlag, den Ryan strikt ablehnte, lieber würde er nach Hause laufen, so sein Kommentar. Schließlich wandte sich der Ire an die spanische Botschaft, die ihm sofort behilflich war.629 Noch in London informierte Ryan seine Familie, dass er in Kürze nach Dublin weiterreisen werde. Die Verspätung erklärte er mit einer vorgeschobenen Erkältung, versicherte seinen Eltern aber, dass er seinen Arm voll bewegen könne und widersprach damit einem Bericht der Irish Press, wonach seine Verletzung an der Schulter habe operiert werden müssen. „My leg is also better, (…). It got a heavy blow on it which twisted a tendon, but these days of rest will do it good. I’m well sun-burned and thin and hardy, after all.“ Als Ryan in der dritten Märzwoche 1937 nach Dublin zurückkehrte, dachte er nicht daran, seine freie Zeit zu nutzen, um sich zu erholen. Vielmehr hatte er seinem Freund Gerald O’Reilly in einem Brief, datiert auf den 30. März 1937, vorgeschlagen, im April zu Propagandazwecken durch die USA zu reisen, um bei Mitgliedern des Clan na Gael und den amerikanischen Unterstützern des Republican Congress über seine Erlebnisse, insbesondere aber über seine Rolle in den Internationalen Brigaden zu referieren. Somit sollte eine bessere finanzielle Unterstützung der linksgerichteten Organisation erreicht werden. Bei dieser Gelegenheit stellte er in dem Schreiben einige kürzlich getroffene Aussagen, die in Zeitungsartikeln über ihn berichtet wurden, richtig, denen zufolge er zum britischen Kommunistenführer aufgestiegen sei. „Not that all these trifles matter much in my eyes – we were all comrades fighting in the same cause – but even trivial facts are still facts. (…), far from being a leader of the British – or any other – Communist Party, I don’t even happen to be a member. But on the other hand no one is going to get me join an anti-Communist ramp. Hence my persistent refusal to answer on my party affiliations.“630 Nachdem nicht klar war, wie Ryan die Kosten für die Reise aufbringen könnte, verzögerte sich das gesamte Vorhaben. Der frühestmögliche Zeitpunkt wäre nun im September gewesen, bis dahin jedoch erwartete die Brigadeführung in Albacete den Iren zurück in Spanien. Ryan ärgerte sich sehr über diese Entwicklung, weil sie die endgültige Absage für seine geplante Vortragsreise durch Amerika bedeutete. Andererseits hatte er auch ohne die Reisevorbereitungen sehr viele Termine wahrzunehmen und Aufgaben zu erledigen. Zwischen Arztbesuchen, Treffen mit Verwandten und der Reorganisation seiner Druckerei blieb ihm insgesamt wenig Zeit, sodass sich, seit seiner Rückkehr aus Spanien, keine Gelegenheit gefunden hatte, sich der Propagandaarbeit zu widmen.631 Dennoch nahm er regelmäßig an politischen Veranstaltungen teil. Patrick Byrne, der Sekretär des Republican Congress, berichtete über einen Abend im Mansion House, wo die Labour Party eine Veranstaltung anlässlich 629 Hoar, In Red and Green, 187. 630 Cronin, Frank Ryan, 103. 631 Acier, From Spanish Trenches, 118f; Cronin, Frank Ryan, 102ff. 4.3 Kampf dem Faschismus – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 183 der Veröffentlichung einer neuen Edition der Werke James Connollys organisiert hatte. „Some troglodyte sitting behind us kept interrupting the speakers with shouts of ‚What about the works of Jesus?‘ and ‚What about the works of Saint Patrick?‘ Frank stuck it for a while before turning round, grabbing the offender and, shaking a massive fist under his nose, advised him ‚to keep his bloody mouth shut or he’d give him the works of Frank Ryan.‘“632 Zudem wirkte Ryan an dem neuen Projekt des Republican Congress mit. Dieser veröffentlichte wieder eine Zeitung, ein neues linksgerichtetes Wochenblatt, das unter dem Namen Irish Democrat firmierte und die Anhänger der irischen Linken ansprechen sollte. Dahinter stand eine Kooperation zwischen dem RC, der Communist Party of Ireland und der Northern Ireland Socialist Party. Die Organisationen, die ihr Journal als Produkt der wachsenden Einheit zwischen den Arbeitern, Sozialisten, Republikanern, Kommunisten und parteilosen Männern und Frauen verstanden wissen wollten, gründeten die Progressive Publications Society mit Sitz in Belfast. „We proclaim that, regardless of present differences of opinion, all workers and freedom-loving citizens should unite their forces against the common foe of all.“ Die Leitung oblag Frank Ryan,633 der auch alle Ausgaben in seiner Druckerei herstellte, die den neuen Namen Ralahine Press führte. Am 29. März 1937 erschien die erste Ausgabe, die laut Sean Murray und Ryan in Irland sehr guten Anklang fand. Nachdem sich die Communist Party of Great Britain mit 280 £ an den Kosten für die erste Ausgabe beteiligt hatte, reisten die beiden Männer am ersten Aprilwochenende 1937 nach London, um dort mit der Führungsspitze der Partei über den Irish Democrat zu sprechen. Damit die Kosten reduziert werden konnten, kümmerte sich Ryan während seiner Zeit in Dublin um das Erscheinen der Zeitung, indem er das Wochenblatt editierte und auch alle Aufgaben, die sich während des Drucks ergaben, übernahm. Weitaus schwerwiegender als die technischen und administrativen Probleme waren jedoch die stetig massiver werdenden Versuche des irischen Klerus, den Boykott des Blattes zu intensivieren, und dies ungeachtet der Tatsache, dass sich auch die Wogen im Konflikt zwischen der Regierung und der Untergrundarmee glätteten. Dies führte auch zu einem entspannteren politischen Klima im Land, woraufhin beispielsweise die IRA- Zeitung An Phoblacht wieder regelmäßig erscheinen konnte. Kirchenvertreter versuchten konkret, Zeitungsverkäufer in Dublin und Belfast davor zu warnen, sich mit einer Zeitschrift in Verbindung bringen zu lassen, die eine Allianz aus Sozialisten und Kommunisten publizierte. Druckereien weigerten sich deshalb – unter dem Vorwand angeblich zu hoher Arbeitsbelastung – mit Ryan zusammenzuarbeiten. Dieser bemühte sich, um seine eigene Arbeitsbelastung zu verringern und den Druck des linksgerichteten Blattes zu gewährleisten, die Unterstützung der protestantischen Druckerei Church of Ireland Printing Co. zu gewinnen. Alle Versuche, eine Kooperation aufzubauen, blieben aber erfolglos. Der Produktionsleiter informierte den Herausgeber 632 Byrne, Republican Congress Revisited, 44; Patrick Byrne, The Irish Republican Congress Revisited (London: Connolly Publication Ltd., 1994), 40. [Online]. 22. August 2011. URL: http://cedarlounge. wordpress.com/2011/08/22/left-archive-the-irish-republican-congress-revisited-patrick-byrne-for mer-joint-secretary-with-frank-ryan-connolly-association-1993/ [16. August 2012]. 633 Hoar, In Red and Green, 189. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 184 des Irish Democrat, dass der katholische Erzbischof Edward Byrne seinem protestantischen Amtskollegen von der Church of Ireland John Gregg und ihm selbst dringend geraten hatte, nicht mit ihm, Ryan, dem Roten, der in Spanien war, zu kooperieren.634 Trotz der Schwierigkeiten hielt Ryan an seinem neuen Projekt fest. Der ehemalige An Phoblacht-Chefredakteur versuchte alles, um das Wochenblatt zu verbessern. O’Reilly gegenüber schlug er vor, die Zeitschrift zu erweitern und zwei unterschiedliche Ausgaben zu publizieren, eine für den Süden und eine für den Norden. In Belfast, so sein Standpunkt, halte die politische Lage die Herausgeber davon ab, brisante Themen zu behandeln. So könnten beispielsweise Themen, die IRA betreffend, in einer eigenen Ausgabe für Nordirland besser behandelt werden als in einer landesweiten. Trotz all seines Engagements war Frank Ryan nicht vollkommen überzeugt von der neuen linksgerichteten Zeitschrift: Auf der einen Seite veröffentlichte der Irish Democrat durchaus interessante Artikel – man veröffentlichte beispielsweise Augenzeugenberichte von Soldaten der Internationalen Brigaden. Andererseits kritisierte Ryan selbst, dass die Zeitung häufig etwas zusammengewürfelt wirkte. Trotz aller Bemühungen geriet das Blatt bereits kurz nach dessen Erscheinen in finanzielle Schwierigkeiten. Man konnte die Veröffentlichung lediglich bis kurz vor Weihnachten des Jahres 1937 sicherstellen. Danach gab es keine weiteren Ausgaben, da sich auch die ursprünglichen Geldgeber und Unterstützer aus dem Projekt zurückgezogen hatten.635 Dabei sprach der Irish Democrat wichtige irische Themen an. Neben Berichten aus dem Kriegsgebiet in Spanien lag der Schwerpunkt auf dem neuen irischen Verfassungsentwurf. Das neue Gesetz wurde im Sommer 1936 unter der Federführung Eamon de Valeras und seiner Partei Fianna Fáil ausgearbeitet, die Veröffentlichung folgte im Mai 1937, im Juni stimmte das Parlament zu und das Volk billigte die neue Konstitution per Referendum im Folgemonat. Am 29. Dezember 1937 trat die neue Verfassung in Kraft. Sie vereinte zwei sehr gegensätzliche Vorstellungen: zum einen die liberale und weltliche Tradition der parlamentarischen Demokratie, zum anderen das Konzept eines Staates, das auf der katholischen Soziallehre basierte. Diese konfessionsgebundene Ausrichtung des Verfassungsentwurfs stieß besonders bei der irischen Linken auf Kritik. Der Irish Democrat veröffentlichte als Reaktion schon am 22. Mai 1937 ein Manifest des Republican Congress, mit den Unterschriften von Peadar O’Donnell und Frank Ryan. Darin lehnten sie im Namen aller Republikaner das Konzept einer „Staatskirche bzw. einer halb-staatlichen Kirche“ ab. Die beiden Männer waren davon überzeugt, dass „(…) partition will not be overcome unless the terms Catholic and Protestant are merged in the common name of Irishman’. To ‚set up the Roman Catholic hierarchy in any position of political privilege except what de- 634 Bericht von Chief Constable C. Pannery (?) der Special Branch der Metropolitan Police, 12. April 1937, Sean Murray file, KV 2/1185, NAK Kew, London; Cronin, Frank Ryan, 102ff. 635 Cronin, Frank Ryan, 102ff. Der Irish Democrat wurde von der Progressive Publications Society of Belfast herausgegeben. Zu den ursprünglichen Unterstützern und Geldgebern gehörten eine Reihe bekannter linksgerichteter Gruppen und Persönlichkeiten, darunter Dr. Owen Sheehy-Skeffington, Sam Haslett, Vorsitzender der Northern Ireland Socialist Party, Paddy Byrne, Sekretär des Republican Congress, Seán Murray, Vertreter der Communist Party of Ireland und Ernie O’Malley, einem bekannten IRA-Mitglied und Schriftsteller. Ibid, 204. 4.3 Kampf dem Faschismus – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 185 votion to the independence of the country and to the general democratic struggle may earn them‘, (…), would be to perpetuate partition.“636 Aber gerade darin bestand das Problem für die irische Linke. Sie unterschätzte die überwältigende konfessionelle Komponente, die viele Iren mit ihrer politischen Einstellung verband. Die Menschen in Irland verbanden traditionell ihren Nationalismus mit der katholischen Kirche, weshalb es für viele natürlich war, den Glauben mit ihrer persönlichen Vorstellung des Irisch-Seins zu verknüpfen. Außerdem kritisierten Ryan und O’Donnell, dass sich die Gleichstellung beider Geschlechter, wie sie noch in der Proklamation von 1916637 garantiert worden waren, in de Valeras Entwurf befanden. Nachdem die irische Linke einige Passagen der neuen Verfassung abgelehnt hatte, warben O’Donnell und Ryan für eine gesamtirische Konferenz der „Separatists and Labour bodies“. Mit dieser Veranstaltung wollten die Anhänger des linken politischen Spektrums deutlich machen, dass signifikante Teile der Bevölkerung die konservative Ausrichtung der neuen irischen Verfassung ablehnten. Die beiden Vertreter des Republican Congress hofften, auf diese Weise die Einheit der irischen Bevölkerung, die durch den Treaty-Vertrag mit Großbritannien im Jahr 1921 zerstört worden war, wiederherstellen zu können. Jedoch sah sich der Regierungschef de Valera in einer Lage, die ihm gestattete, der Ankündigung der irischen Linken entspannt entgegenzusehen. Er konnte im Hinblick auf seine politischen Visionen auf den Rückhalt weiter Teile der Bevölkerung vertrauen, aufgrund dessen die Bemühungen des Republican Congress, den Verfassungsentwurf zu Fall zu bringen und die republikanischen Kräfte im Land wieder zu einen, wenig Aussicht auf Erfolg hatten.638 Die letzten Wochen in Dublin verbrachte Ryan damit, politisch etwas zu bewegen. Zwar schlugen seine und O’Donnells Versuche, die Linke im Land wieder zu stärken und zu vereinen, fehl, dafür näherte Ryan sich der IRA wieder an. Trotz der unterschiedlichen politischen Einstellungen hatte er dort nach wie vor viele Freunde. Besonders mit dem neuen Stabschef Tom Barry traf er sich häufig während seines Dublin-Aufenthalts.639 Barry war Seán McBride an die Spitze der Untergrundarmee nachgefolgt. Trotz der engen Freundschaft unterschieden sich die politischen Ansichten der Beiden aber sehr. Der IRA-Chef teilte beispielsweise Ryans Meinung zum Spanischen Bürgerkrieg nicht: Solange Irland selbst nicht frei war, hätten irische Soldaten keinen Grund, in einem anderen Land zu kämpfen. Deshalb führte er die offizielle Linie der Untergrundarmee fort: Alle Rekruten, die sich der Irish Brigade unter O’Duffy anschlossen oder auf republikanischer Seite mit Ryan kämpfen wollten, wurden automatisch aus der Untergrundarmee ausgeschlossen. Ungeachtet der ablehnen- 636 English, Radicals and the Republic, 253. 637 Die Proklamation des Jahres 1916 wurde im Rahmen des irischen Osteraufstands im Jahr 1916 von Patrick Pearse vor dem Hauptpostamt verlesen und markierte den Beginn des Aufruhrs. In der Bekanntmachung ernannte sich die Führungsspitze der Irish Republican Brotherhood zur Übergangsregierung der irischen Republik und erklärte gleichzeitig die Unabhängigkeit von Großbritannien. Marie Coleman, The Irish Revolution, 1916–1923 (London: Routledge, 2014), 24f. 638 English, Radicals and the Republic, 253; Henry Patterson, The Politics of Illusion – Republicanism and Socialism in Modern Ireland (London: Hutchinson Radius, 1989), 70f. 639 Ò Canainn, „Eilís Ryan“, 136. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 186 den Haltung des Vorstands der Untergrundarmee, ließ der IRA-Chef Ryan im Sommer 1937 an den Ausgaben An Phoblachts mitarbeiten. Die Zeitung kam während der Debatten über de Valeras Verfassungsentwurf unter der Leitung von Tadhg Lynch, einem guten Freund Ryans, heraus. Die Ralahine Press druckte das Blatt. Insgesamt erschienen bis zum 1. Juli 1937, dem Tag der Wahlen und des Referendums, lediglich sechs Ausgaben, die sich mit der neuen Verfassung auseinandersetzten. Tom Barry und Frank Ryan machten deutlich, dass der Verfassungsentwurf in ihren Augen unzulänglich war, da er die Republik mit keinem Wort erwähnte. Darüber hinaus kritisierte man das Fehlen eines Hinweises in der Vorlage, der auf die Teilung des Landes deutete. Gerade zu dieser Zeit, in der de Valeras Vorschlag einer irischen Konstitution einer breiten öffentlichen Debatte unter Beteiligung aller Bevölkerungsteile bedurfte, gestaltete sich die Publikation der Zeitung außerordentlich schwierig, weil sich die gesamte IRA-Spitze seit mehr als einem Jahr auf der Flucht befand.640 Weitere politische Ereignisse in Großbritannien und Irland warfen ihre Schatten voraus. Die Krönung von König George VI. in London, die für den 12. Mai 1937 geplant war, beförderte die Annäherung republikanischer und linker Kräfte und führte zu weiterem Anlass für Proteste. Eine kleine Gruppe bestehend aus Republikanern und Linken trat mit der Absicht an, schon im Vorfeld alle Planungen für die Feierlichkeiten in Irland im Keim zu ersticken. Beispielsweise versuchten sie, alle Kinobetreiber im Land davon zu überzeugen, keine Filme der Krönungsfeierlichkeiten zu zeigen. Am Vorabend organisierte die IRA sogar gemeinsam mit dem Republican Congress einen Protestmarsch durch Dublins Innenstadt. Die Regierung reagierte unverzüglich und verbot den Aufmarsch. Ursprünglich sollte eine Kundgebung am St. Stephen’s Green im Herzen der Hauptstadt stattfinden. Aber um die enorme Polizeipräsenz zu umgehen, wurde der Treffpunkt an die Liberty Hall verlegt. Circa 300 IRA-Anhänger und ein Großteil der Congress-Mitglieder planten, sich an der illegalen Demonstration zu beteiligen. Die Polizei begegnete dem Aufmarsch mit einem Großaufgebot. Ryan marschierte zusammen mit Tom Barry und Tadhg Lynch an der Spitze des Zuges. An der O’Connell Street trafen die Kundgebungsteilnehmer auf Sicherheitskräfte, die die Ankunft der Demonstranten bereits erwartet hatten.641 Sheila Humphries führte während der Kundgebung das Kontingent der Cumann-na-mBan- Organisation an und war genau hinter den Reihen der IRA: „We marched straight ahead into a solid mass of police with batons drawn. I will never forget the savage way they batoned Tom Barry, I really thought he was finished.“ Auch Ryan erhielt die gleiche Behandlung durch die Beamten, allerdings war er in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt, sein Arm befand sich immer noch in einer Schlinge. Eine Platzwunde am Kopf, die von einem Schlag herrührte, blutete stark und er befand sich zudem unter Arrest „(…) but the officer in charge acceded to his request to defer taking him into custody until he had dealt with some urgent unfinished business (to speak at a meeting being held at the Smith O’Brien Statue in O’Connell Street). With Tadhg Lynch (also bloodstained) he addressed a huge meeting of demonstrators until con- 640 Cronin, Frank Ryan, 107f. 641 Hoar, In Red and Green, 191. 4.3 Kampf dem Faschismus – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 187 tinuous baton charges and some gunfire, eventually cleared the streets.“642 Barry und Lynch wurden später bewusstlos ins Krankenhaus eingeliefert und Ryan war durch einen Schlag mit einem Gummiknüppel an der Nase verletzt worden. Noch in der Klinik beauftragte der IRA-Chef seinen Adjutanten, Tadhg Lynch, der sich in der Zwischenzeit wieder erholt hatte, für den kommenden Abend einen weiteren Protestmarsch zu organisieren. Die zweite Demonstration verlief friedlich, auch die Polizei hielt sich zurück. Die Teilnehmer marschierten entlang der O’Connell Street hin zur Cathal Brugha Street, wo die abschließende Kundgebung stattfand. An Phoblacht berichtete in der folgenden Ausgabe von mehr als 5.000 Teilnehmern. Während der Veranstaltung kamen verschiedene Redner zu Wort und Sympathiebekundungen verschiedener Organisationen wurden verlesen. Unter den Referenten befand sich neben Tom Barry auch wieder Frank Ryan. Der IRA-Chef beschwor in seinem Vortrag, dass die mit dieser Kundgebung angestoßene Einigkeit zwischen der IRA und dem Republican Congress solange aufrechterhalten werden sollte, bis das Ziel, eine unabhängige gesamtirische Republik, erreicht sei. Der Republican-Congress-Mann Ryan lobte die Entschlossenheit der Dubliner, sich gegen die Regierung aufzulehnen und öffentlich ihre Unterstützung für die irische Republik kund zu tun. Er freute sich auch, die Bühne mit solch verdienten Männern wie Tom Barry zu teilen. Ryan war überzeugt, wenn die Einheit der Iren, wie sie in dieser Demonstration bewiesen wurde, beibehalten würde, könnte auch in Kürze die irische Republik Wirklichkeit werden. Ein freies vereintes Irland, regiert von den einfachen Leuten; das war sein Wunsch für seine Heimat.643 Die Demonstrationen gegen die Krönungsfeierlichkeiten hatten zwar dem irischen Republikanismus neue Impulse beschert und Frank Ryan erhielt viele positive Rückmeldungen von ehemaligen Weggefährten aus der Untergrundarmee, die die neue Allianz sehr begrüßten. Ungeachtet der neuen Entwicklungen in seiner Heimat und seiner persönlichen Annäherung an die I.R.A., hatte sich der Republican-Congress-Mann aber entschlossen, nach Spanien zurückzukehren: „Seeing that there is so much to do here, it looks like deserting. Anyway, it’s a great thing I was here for the Coronation – it certainly would have been bad to have missed it.“ schrieb er Gerald O’Reilly.644 Auch Tom Barry versuchte seinen Freund umzustimmen. Die beiden Männer führten ein langes Gespräch nach der Anti-Krönungs-Demonstration am 15. Mai 1937 und der IRA-Chef bemühte sich, seinem Mitstreiter darzulegen, wie unentbehrlich Ryan für sein Land sei. Er fragte Ryan, ob dieser nicht in Dublin den offensichtlich herrschenden Zusammenhalt zwischen der Arbeiterschaft und den republikanischen Kreisen im Land stärken wolle. Ryan könne auf diese Weise seinen Traum der „Einheitsfront“ verwirklichen. Als zurückgekehrter Kriegsheld wäre er offensichtlich die beste Wahl, um die neue Bewegung zu führen. Die Schlinge, die sei- 642 Patrick Byrne, The Irish Republican Congress Revisited (London: Connolly Publication Ltd., 1994), 44. [Online]. 22. August 2011. URL: http://cedarlounge.wordpress.com/2011/08/22/left-archive-theirish-republican-congress-revisted-patrick-byrne-former-joint-secretary-with-frank-ryan-connollyassociation-1993/ [16. August 2012]. 643 Cronin, Frank Ryan, 110f. 644 Ibid, 113. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 188 nen verletzten Arm stützte, sei ein Beweis für seinen Mut und seine Einsatzbereitschaft. Tatsächlich achteten nicht nur die IRA und der Republican Congress seine Talente. Nach wie vor war Ryan einer der beliebtesten Redner bei Kundgebungen und auch als Person überaus geschätzt. Tom Barry beispielsweise sah Ryan nicht als Kommunisten, sondern als Patrioten, der Sympathien für linksgerichtete Politik hegte. Die Hoffnung des Armeechefs, seinen ehemaligen Weggefährten in Irland zu halten, erfüllte sich jedoch nicht. Ryan war fest entschlossen, nach Spanien und zu seinen Männern zurückzukehren. Barry gegenüber machte er deutlich, dass die fehlende Einheit der republikanischen Kräfte in Irland nichts sei im Vergleich zu dem Brudermord auf der Iberischen Halbinsel. Seine Freunde baten ihn, nicht dorthin zurückzukehren, denn das Ende der Republik schien unmittelbar bevorzustehen. Dennoch sah es Ryan als seine Pflicht an, die sichere Rückkehr seiner irischen Einheit zu gewährleisten. Ryans Entschluss stellte in Tom Barrys Augen einen großen Verlust für das Land dar, aber gleichzeitig respektierte der IRA-Chef, dass es für seinen Freund die einzige Entscheidung war, die ein ehrenwerter Mann treffen konnte, und in der Einschätzung Barrys muss Frank Ryan genau das gewesen sein.645 Eigentlich hatte Ryan vor, sofort nach seiner Genesung nach Spanien zurückzukehren, geplant war dies für Ende April 1937. Möglicherweise verschob er den Termin wegen seiner Schwester Catherine, die eigentlich im Mercy Convent in Tralee als Nonne lebte, nun aber an Tuberkulose erkrankt im Sterben lag. Aus diesem Grund besuchte er die Schwerkranke mehrere Male in ihrem Konvent in der Grafschaft Kerry.646 Seine Zuneigung brachte er in seinem Brief vom 9. Mai 1937 an O’Reilly zum Ausdruck. „She’s a great skin [sic]. She and two other nuns in the Convent are known as – and call themselves – ‚the Communists‘. They burn the Irish Rosary and the Irish Catholic atrocity stories about us and tell priests to mind religion not politics.“ Seine beiden anderen Schwestern sahen die Dinge ihren Bruder betreffend etwas differenzierter. „(…) The two [sisters] are so tired of being pointed out to visitors as having a brother, a Red in Spain, so drugged with orders for prayers for ‚the Patriot victory‘, so dosed with stories even of how we peddled priests’ flesh during the Madrid siege!!! – that they’d prefer not to see my name in print any more.“647 Bei seinem Abschied hatte Ryan geweint. Eilís, seine jüngste Schwester, erfuhr davon durch eine alte Nonne aus dem Konvent. Sie selbst sagte, dass sie ihren Bruder kein einziges Mal hatte weinen sehen. Der Zustand Catherines ging Ryan sehr nahe. Die Hoffnung, sie einige Monate später, nach der geplanten endgültigen Rückkehr in die Heimat, nochmals besuchen zu können, erfüllte sich nicht. Seine Schwester starb am 22. Oktober 1937, ohne dass ihr Bruder sie noch einmal hatte sehen können.648 Die Lage in Spanien gewann währenddessen an Brisanz und Ryan machte sich, was die Sicherheit seiner verbliebenen Freiwilligen im Kriegsgebiet betraf, zunehmend Sorgen. Nicht zuletzt wegen der bevorstehenden politischen Entwicklungen. 645 Hoar, In Green and Red, 192f; Cronin, Frank Ryan, 114. 646 Hoar, In Green and Red, 190. Die beiden Geschwister verband eine sehr innige Beziehung, denn Catherine hatte ihm das Rauchen beigebracht. Diese Leidenschaft pflegte er bis zu seinem Tod. Ibid. 647 Brief Frank Ryan an Gerald O’Reilly, 9. Mai 1937, zitiert in Cronin, Frank Ryan, 112. 648 Ò Canainn, „Eilís Ryan“, 136. 4.3 Kampf dem Faschismus – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 189 Der neue Pakt der vier Mächte649, wie Ryan es ausdrückte, erbrachte, mit dem Ziel einen europaweiten Konflikt abzuwenden, eine Annäherung zwischen Großbritannien und Frankreich auf der einen Seite sowie Deutschland mit Italien auf der anderen. Jedoch gab diese Einigung, die die Sowjetunion gänzlich ausschloss, sowohl Deutschland als auch Italien mehr Spielraum für militärische Einsätze und somit einen weiteren Grund, den Krieg auf der Iberischen Halbinsel fortzusetzen. In Ryans Augen war die Freiheit des Landes offensichtlich der Preis dafür, einen europaweiten Konflikt abzuwenden zu können. Seine persönliche Rolle darin beschreibt er als „(…) leader of a lost Batallion [sic] the remnants of which won’t make a Company.“ Trotz allem war er stolz auf seine Männer. „From Andalusia to Aragon, they fought – and not once a panic, I’ve seen crack battalions crumple up, but, (…), never ours. Windy? Yes. We moistened our pants awkwardly, but we never broke. And, betimes, I’ve had French + Spanish + English under me and then I knew the difference between them + our own. (…) Whenever I yelled „Come on the Irish“ – they came on. And I can’t say that for any other crowd that were there under me.“ Die Entwicklungen während seiner Abwesenheit hatten den Iren darin bestärkt, keine weiteren Freiwilligen für Spanien zu rekrutieren. „I wanted to bring out a few hundred men; I could get them; I could bring them. I didn’t, for I wanted them at home all the more. I go alone, and I’ll try to save the lives of the few that are left. That’s my new role.“650 Als Patrick Byrne anbot, seinen Freund und Weggefährten nach Spanien zu begleiten, lehnte Ryan dies ab. „Frank said no; ‚The Army is in a bad way and we are not winning in Spain. Stay behind and reorganise the Army. We may need it yet. We have enough IRA men in Spain, and they will gain experience and train you when they come home.‘“651 Die verbliebenen Tage in Dublin nutzte Ryan für die Veröffentlichung des Irish Democrat. Obwohl das Blatt eigentlich kein republikanisches Sprachrohr war, versuchte er aus der Isolation, die durch die enge Zusammenarbeit mit Tom Barry und der IRA entstanden war, wieder auszubrechen. „Half of my energy goes in avoiding Republicanism in it – because of the North. Halley (the Northern Ireland Socialist Party chairman) and others think it too Republican!“ Er hoffte, dass An Phoblacht, welche vor allem die stark republikanisch geprägten Teile der Bevölkerung ansprechen sollte, wohingegen der Irish Democrat die einzelnen Strömungen zwischen linksgerichteter IRA, den Republikanern im Norden und den Kommunisten zu einen versuchte, weiterhin erscheinen würde, aber der Untergrundarmee fehlten die finanziellen Mittel für die Zeitung. Neben dem Engagement für das linksgerichtete Wochenblatt, verbrachte er viel Zeit, um sich nochmals ausgiebig seiner Arbeit in der Druckerei zu widmen. Er übernachtete häufig in einer Baracke nahe seiner Firma oder kam bei der Schwiegermutter von Gerald O’Reilly unter. Die Pressen machten Probleme, fielen ständig aus und oft dauerte die Reparatur die ganze Nacht, weshalb Ryan auch 649 Was genau sich hinter diesem, von Ryan selbst verwendeten Begriff verbirgt, ist nicht nachvollziehbar. Ryan geht in seinem Brief nicht näher darauf ein, was unter dem „Pakt der vier Mächte“ konkret zu verstehen ist. 650 Brief Frank Ryan an Desmond Ryan, 11. Juni 1937, Desmond Ryan Papers (DRP), LA 10 /Q/19 (2), UCDA, Dublin. 651 MacEoin, IRA in the Twilight Years, 769. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 190 nur eine zweiseitige Ausgabe von An Phoblacht drucken und den Irish Democrat gar nicht erscheinen lassen konnte.652 Aus diesem Grund machte er sich vor allem über die Zukunft des Irish Democrat Gedanken. Als Journalist und Drucker, der für eine Vielfalt an Aufgaben in technischer, organisatorischer und inhaltlicher Hinsicht Verantwortung übernommen hatte, war er sich bewusst, dass die letzten Ausgaben unter seiner Leitung – eben wegen dieser Mehrfachbelastung – zu hastig zusammengestellt und veröffentlicht worden waren. Seinen Bekannten Desmond Ryan bat er daher, weiterhin für die Zeitung zu schreiben,653 Sean Murray und Johnny Nolan wollten sich nach seiner Abreise um die Belange der Zeitschrift kümmern. Aber es sollte immer wieder zu Konflikten innerhalb der Redaktionsleitung kommen und obwohl beide Männer Ryans Vertrauen genossen, hatte dieser wenig Hoffnung, dass der Irish Democrat zu einem Organ der ‚progressive and labour opinion‘, zur Stimme einer fortschrittlich denkenden linken Arbeiterschaft, werden würde, auch wenn man sich genau dies zum Ziel gesetzt hatte.654 Am 3. Juni 1937, dem Vorabend seiner Abreise, gaben Freunde eine Abschiedsparty. Frank Ryan kam erst gegen 22 Uhr in der Wohnung von Nora McGinley655 und Bobby Walshe in Drumcondra an, trank ein Glas Guinness und schlief auf den obersten Treppenstufen ein, weil er so erschöpft war von der Arbeit in seiner Firma und wegen des enormen Schafdefizits. An diesem Abend bat er Nora – für ihre wunderschöne Stimme bekannt – ihm ein Lied zu singen. Sie erinnerte sich später daran: „I happened to look out into the dark. There he was, with a light shining on him and a tear on his cheek, I never saw him again.“656 Auch seine Schwester sah ihn während des Festes zum letzten Mal. Ohne sich von seiner Familie oder seinen Freunden zu verabschieden, reiste Frank Ryan am 4. Juni 1937 ab.657 Er blieb, bevor er nach Spanien zurückkehrte, noch ein paar Tage in London. Dort traf er sich mit dem Schriftsteller Seán O’Casey. Die beiden Männer kannten einander gut, weshalb der Autor auch versuchte, Ryan umzustimmen. „I used all my eloquence to persuade him to stay at home, feeling in some way, that, if he went back to Spain, we should never see him again. He refused to stay, saying that he ‚couldn’t think of leaving the boys by themselves.‘“658 In London nahm Ryan zudem Kontakt zu Vertretern der British Communist Party auf, um über Spanien zu sprechen. Ryan hatte sich vorgenommen, 652 Cronin, Frank Ryan, 113f. 653 Brief Frank Ryan an Desmond Ryan, 11. Juni 1937, DRP, LA 10 /Q/19 (2), UCDA, Dublin. 654 Cronin, Frank Ryan, 113. 655 Nora Harkin, geborene McGinley, war Mitglied im Republican Congress und seit ihrer Jugend eng mit Peadar O’Donnell befreundet. Zusammen mit ihrer Freundin Bobby Walsh kümmerte sich Nora Harkin während des spanischen Bürgerkriegs um das Spanish Aid Committee unter der Leitung von John Swift und organisierte auf diese Weise in Irland die Unterstützung für die spanische Republik. „Nora Harkin“, Socialist Voice, Juli 2012. [Online]. o. D.. URL: http://www.communistparty ofireland.ie/sv2012-07/09-nora.html [24.05.2016]. 656 Cronin, Frank Ryan, 114; Ò Canainn, „Eilís Ryan“, 136f; Hoar, In Red and Green, 194; Lorna Siggins, „An Irishwoman’s Diary“, The Irish Times, 23. September 1992, 13. 657 Ò Canainn, „Eilís Ryan“, 136f; Hoar, In Red and Green, 195. 658 Michael McInerney, „Up the Republic – in Spain – Frank Ryan Profile 3“, The Irish Times, 9. April 1975, 7; Brief Seán O’Casey an den Editor der Irish Times, 2. April 1952, OCP, MS 38,025/1, NLI, Dublin. 4.3 Kampf dem Faschismus – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 191 die Parteiführung von der großen politischen Bedeutung zu überzeugen, dass die irischen Freiwilligen in einer gemeinsamen Einheit kämpften und diese selbst befehligten. Alle Versuche, ein Bewusstsein für diese Notwendigkeit zu entwickeln, schlugen fehl; die Parteispitze verweigerte ihre Unterstützung. Gegenüber Gerald O’Reilly zeigte sich Ryan mit Tom Wintringham, dem Kommandanten der British Brigade, sehr zufrieden, doch kritisierte er die Moral der britischen Einheit. Ryan sah aber ein, dass es aufgrund des Sicherheitsaspekts ratsam erschien, nicht an der Aufteilung der irischen Freiwilligen auf die amerikanische und die britische Abteilung zu rütteln, obgleich er diese Regelung als sehr unbefriedigend empfand.659 In Irland hatte Ryans knapp zweieinhalbmonatiger Aufenthalt einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Aufgrund der Veröffentlichungen im Irish Democrat beschlossen Ryans Weggefährten nach seiner Abreise die Idee der Einheitsfront weiter voranzutreiben. Im Rahmen einer Kampagne gegen die neue Verfassung stellten sie Frank Ryan als Kandidaten für die Wahlen auf. Die Nominierung erfolgte in Abwesenheit, Ryan wurde nicht einmal darüber informiert, dass er für den Distrikt Dublin Süd zur Wahl stand. Die Entscheidung der Freunde war durchaus nachvollziehbar, denn Ryan galt als Verfechter der Einheitsfront und zugleich als prominenter Veteran des antifaschistischen Kampfes. Sein Ruf war legendär und fußte bei weitem nicht nur auf dem Engagement in einfachen Straßenschlachten. Während Ryan selbst nicht zu sehr besorgt darüber zu sein schien, bei dieser politischen Entscheidung nicht selbst wählen gehen zu können,660 organisierten seine Anhänger die Kampagne, deren Wahlveranstaltungen dann von faschistischen Gegnern gestört wurden. Der Irish Democrat berichtete am 3. Juli 1937: „(…) the Fascist gangs, who throughout the election have attempted to prevent free speech to the supporters of Frank Ryan (…). Fascist gangs broke up a meeting in York Street (…). They attempted to do the same later on at Christchurch Place in this they were completely unsuccessful, despite stone throwing and attempts to drown the speakers’ voices.“661 Die Kampagne und der Einsatz der Freunde zahlten sich nicht aus: Ryan erhielt lediglich 875 von 57.011 möglichen Erststimmen. Nach der zweiten Auszählung kam Ryan auf nicht weniger enttäuschende 914, nachdem weitere 39 Wählerstimmen von Seán Lemass zu ihm transferiert worden waren und schied in der Folge aus. Ein bedeutender Grund für das schlechte Abschneiden war der Boykottaufruf von IRA-Chef Tom Barry, der dazu führte, dass IRA-Anhänger ihr Votum nicht für Ryan abgeben konnten. Laut Peadar O’Donnell tat die „anti-red scare“662, die in Irland zu dieser Zeit weit verbreitet war, ihr Übriges.663 Erschwerend kam hinzu, dass Ryan in Alfie Byrne einen starken und beliebten 659 Cronin, Frank Ryan, 114. 660 Hoar, In Red and Green, 196. 661 „Dublin Fascists Routed – Great Forces Rally for Frank Ryan“, Irish Democrat, 3. Juli 1937. [Online]. 5. August 2008. URL: http://www.reocities.com/irelandscw/part-3707IrDem.htm#370703Routed [01. September 2012]. 662 Joe Little, RTÉ Radiointerview mit Peadar O’Donnell, „Peadar O’Donnell Recalls Fellow Activist Frank Ryan 1979“, Day By Day – 22. Juni 1979 – RTÉ Archives. [Online]. o. D.. URL: http://www. rte.ie/archives/2016/1208/837458-frank-ryan-an-irishman-in-spain/ [05.01.2018]. 663 Hoar, In Red and Green, 196. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 192 Gegenkandidaten hatte. Eilís Ryan, die im Wahlkreis auf Stimmenfang gegangen war, berichtete davon, dass sie immer sehr herzlich von den Leuten empfangen wurde. Allerdings sagten sie ihr auch, dass Alfie Byrne ihre erste Wahl sei und Ryan an zweiter Stelle komme. Dass seine Karriere als potenzieller Abgeordneter ein frühes Ende gefunden hatte, erfuhr Frank Ryan erst nach der Wahl. Er zeigte sich wenig begeistert.664 Während sich der Republican Congress-Mann auf dem Weg nach Spanien befand, kehrten die Soldaten der Irish Brigade nach Irland zurück. Ernüchterung und Desillusionierung hatten sich im Denken und Empfinden der ehemaligen Franco- Kämpfer breit gemacht. Obwohl es zu keiner einzigen Feindberührung gekommen war, gab es zwei Tote zu beklagen. Die Verantwortung für das Versagen der Einheit wurde O’Duffy und seinen Offizieren angelastet. Ryan, obwohl nicht mehr in Irland, kommentierte dieses Ereignis gegenüber O’Reilly: „Was there every [sic] such a farcical Crusade as his? Shameful – and shameless. ‚Maimed in the service of Faith and Fatherland – in public house brawls and by their allies’ guns. They disgraced us when they went out.‘ Said our Paddy Duff, ‚and they disgraced us again the way they came back.‘ (Paddy likes an Irishman to be a fighting one – no matter where he be!)“665 Neben O’Duffys Rückkehr nach Dublin und deren Folgen, beschäftigte Ryan auch in Spanien die weitere Entwicklung des Irish Democrat. In einer Rundfunkübertragung richtete er einen Appell an die Amerikaner im Namen der links-gerichteten Zeitung: „At home in Ireland during my brief stay I found that the greatest need is an organ which will voice the thoughts of the plain people and organise all anti Imperialist elements into one united Republican movement. North and South. To fill that need we founded the Irish Democrat. I appeal to America to help it. It deserves the support of all lovers of liberty both in Ireland and throughout the world. The cause it fights is the same old cause that has made the name of Ireland great. As a bulwark against world Fascism, the Democrat should become one of the most important organs if [sic] liberal thought. Returning to my duty in Spain, I express the hope that later on I may come to America to thank you great people personally, on behalf of the Irish Unit, and to work there in the great cause of the freedom of the human race.“666 Die Rückkehr auf die Iberische Halbinsel gestaltete sich für Ryan schwieriger als gedacht, jedoch wurde seine Rückkehr von der Führung der Internationalen Brigaden und den verbliebenen irischen Freiwilligen begrüßt, denn seine Fähigkeiten wurden dringend benötigt. Im Anschluss wird der Alltag Ryans im spanischen Kriegsgebiet nach seiner Rückkehr geschildert, welcher nicht nur aus Kampfhandlungen an der Front bestand. 664 Ò Canainn, „Eilís Ryan“, 136; Cronin, Frank Ryan, 116. Woher Ryan das Geld für die Anzahlung hatte, bleibt angesichts seiner ständig angespannten finanziellen Situation unklar. Es ist anzunehmen, dass seine Freunde, die ihn als Kandidaten vorschlugen, auch die nötige Einlage aufgebracht hatten. 665 Cronin, Frank Ryan, 116f. 666 „They sang ‚Wrap the Green Flag Round Me‘ – The Irish Charge on the Madrid Front – Madrid“, erschienen im Irish Democrat, 24. Juli 1937, Ireland and the Spanish Civil War – Articles on Ireland and the SCW. [Online]. o. D.. URL: http://irelandscw.com/part-3707IrDem.htm [6. August 2012]. 4.3 Kampf dem Faschismus – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 193 Frank Ryans Alltag in Spanien – Propagandaarbeit und Fronteinsätze Die zehntägige Rückreise führte Frank Ryan durch Frankreich und zu Fuß über die Pyrenäen nach Albacete, weil die Grenzstraße zwischen den beiden Ländern streng kontrolliert wurde. Während dieser Zeit dachte er viel über seine Situation nach. Er war zerrissen zwischen zwei Welten. Auf der einen Seite gab es die republikanischen Ziele Irlands, auf der anderen Seite den Kampf um die spanische Republik. Die Anstrengungen in der Heimat waren ins Stocken geraten, gleichzeitig stand es mit den Erfolgsaussichten im Kriegsgebiet nicht zum Besten. Das Baskenland, ein industrielles Zentrum Spaniens, war dem starken Druck der Offensive Francos ausgesetzt. Fünf Tage, nachdem Ryan am 14. Juni 1937 zurückgekehrt war, konnten die nationalen Truppen den wichtigen Militärhafen Bilbaos einnehmen.667 Ungeachtet der schwierigen Lage, die er auf der Iberischen Halbinsel vorfand, versicherte er als Erstes seinen Freunden in Dublin, dass er wohlbehalten in Spanien angekommen war. Die Überquerung des Gebirges hatte sich als beschwerlicher herausgestellt als von Ryan erwartet. Es sei ihm vorgekommen, als wären die Pyrenäen nicht zwischen Frankreich und Spanien, sondern das Land Teil des Massivs: „I never once remember coming down a hill, it was all upwards (…).“668 Aber die wichtige Aufgabe, die er in Spanien zu erfüllen gedachte, war nach seinem Empfinden der Mühe wert. In seinem Brief an Seán Murray berichtete Ryan ausführlich über seine Bestrebungen, verdiente Soldaten in die Heimat zurückzuschicken. Diese konnten einen wichtigen Beitrag zur Öffentlichkeitsarbeit leisten, waren sie doch in der Lage, aus erster Hand Berichte von den Schlachtfeldern zu liefern. Was die Heimführung der Kämpfer betraf, sollten die Veteranen, und nicht er selbst, an erster Stelle kommen. Seine Arbeit vor Ort sei schließlich vergleichsweise sicher. „Arriving at Albacete on 15 June, Ryan was issued with a passepartout, designating him as ‚Responsable des Irlandais‘ and at the disposition of the Political Commissariat of the 15th Brigade.“669 Offensichtlich hatten die Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit der Aufteilung der irischen Freiwilligen seiner Position innerhalb der Internationalen Brigaden nicht geschadet. Dieser Stellenwert bot ihm die besten Voraussetzungen für seine Arbeit. Einerseits hatte man ihm die Aufgabe übertragen, das Buch für die XV. Brigade670 zu edieren. Dafür arbeitete er in den Büros des Kriegskommissariats in Madrid unter Luigi Longo. Die beiden amerikanischen Freiwilligen John Tisa und Sandor Voros unterstützten ihn bei seiner Arbeit. Der britische Freiwillige Walter Greenhalgh war später als Kurier eingesetzt, um die Manuskripte von den einzelnen Einheiten, die die Kapitel verfasst hatten, einzusammeln und nach Madrid zu bringen. Daneben fungierte Ryan noch als eine Art Ein-Mann-Feuerwehr, der sich um das britische Bataillon kümmerte, die Truppen an der Front besuchte und die irischen Freiwilligen, 4.3.2.6 667 Hoar, In Red and Green, 199. 668 Brief Frank Ryan an Seán Murray, 24. Juni 1937, CPI Box 58/045c, DCLA, Dublin. 669 McLoughlin, Fighting for Republican Spain, 78. 670 Das besagte Buch enthält neben detaillierten Informationen zur Zusammensetzung der XV. Brigade der Internationalen Brigaden und befasst sich mit den Herkunftsländern der Freiwilligen. Darüber hinaus wird in Augenzeugenberichten über die Fronteinsätze der Einheit aus erster Hand berichtet. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 194 deren Reihen sich mittlerweile deutlich gelichtet hatten, im Auge behielt.671 Besonders dem Lincoln-Bataillon waren schwere Verluste zugefügt worden, als die Einheit am 27. Februar 1938 unter heftigen Maschinengewehrbeschuss geraten war. Dessen ungeachtet hielt Ryan daran fest, die weit verteilten Fragmente seiner Freiwilligen- Truppe wieder in einem militärischen Verband zu vereinen,672 was sich ausgesprochen schwierig gestaltete, da sich die militärische Lage für die Republik weiter verschärfte. Das amerikanische Bataillon hatte die Schützengräben entlang der Jarama-Feuerlinie erst am 12. Juni verlassen und befand sich seitdem auf Fronturlaub in dem kleinen Ort Albares in der Provinz Guadalajara. Bereits ab 30. Juni war die Einheit wieder auf Abruf und am 3. Juli verlegte man sie in den Nordosten Madrids. Der Weg führte in Richtung der Guadarrama-Berge. Ryan persönlich begleitete seine Männer. Peter O’Connor erinnerte sich an einen schönen Moment vor dem großen Gefecht, das am 6. Juli 1937 um die Orte Brunete und Villanueva de la Canada begann. „After marching about 20 kilometres, we camped in a beautiful forest, with a river flowing close by. Johnny Power and Frank Ryan and I went for a swim. It was very refreshing, after which we moved on again.“ An der großen Offensive, die gegen 5 Uhr morgens startete, nahmen sowohl die britische Einheit als auch das amerikanische Lincoln-Bataillon, zwei der zahlreichen ausländischen Verbände der republikanischen Streitkräfte, teil. Vier Stunden später waren Francos Truppen in die Flucht geschlagen und die republikanischen Verbände gewannen weiter an Boden.673 Ryan, der einen ausführlichen Bericht über den Kampf in seinem Buch über die XV. Brigade verfasste, sah in diesem Gefecht auch einen wichtigen Entwicklungsschritt, den die regierungstreuen Truppen vollzogen: In dem Ringen um Madrid und Jarama war man noch gezwungen gewesen, sich gegen den Vormarsch der faschistischen Armee zu verteidigen. In Guadalajara hatten die republikanischen Verbände eine erfolgreiche Gegenoffensive gestartet und in Brunete ergriff man endlich die Initiative gegen die Putschisten. Die Erfolge sorgten für eine deutliche Stärkung des Selbstvertrauens in den Reihen der Regierungstruppen und steigerten deren Durchschlagskraft deutlich. „At Madrid it was fighting with Battalions, at Jarama with Brigades, at Guadalajara with Divisions, at Brunete with Army Corps.“ Dem Ziel der Operation entsprechend, lauteten die Schlachtrufe: „Relieve the pressure on the Northern front!“ und „Raise the beleaguerment of Madrid!“ Die Kontrolle über die Hauptstadt zu besitzen, bedeutete weiterhin, den Schlüssel zur Macht über das Land in der Hand zu halten.674 Die Eroberung der beiden Orte Villanueva de la Canada und Brunete war allerdings keine leichte Aufgabe gewesen und besonders die erste Stadt hatte eine besondere Herausforderung dargestellt: „To get there they had to drive in outposts, capture a line of trenches strongly fortified with barbed wire. Break through a line of pill- 671 Ibid, 78, 87. 672 Brief Frank Ryan an Seán Murray, 24. Juni 1937, CPI Box 58/045c, DCLA, Dublin. 673 O’Connor, Soldier of Liberty, 26. 674 Ryan, Book of the XV. Brigade, 129, 131. 4.3 Kampf dem Faschismus – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 195 boxes, and finally storm the trenches at the entrance to the town.“675 Abgesehen von der Intensität der Kämpfe zeigte sich Ryan tief betroffen von dem Verhalten, das die gegnerischen Truppen an den Tag legten. Francos Soldaten nutzten alte Männer, Frauen und Kinder als Schutzschilde, um sich so dem Feind zu nähern und anzugreifen. Ryans Männer hatten Mühe, die Situation zu klären. Er selbst empfand es anschließend als Genugtuung, dass sich unter den Toten alle feindlichen Soldaten, die in den Ortschaften stationiert waren, befanden. Die Kämpfe begannen am 6. Juli und hielten bis zum 25. Juli 1937 an. Trotz erster Erfolge hielten die Gefechte unvermindert an und die Lage wurde immer unübersichtlicher. Den Freiwilligen fiel es zunehmend schwer, Zivilisten und feindliche Soldaten zu unterscheiden. Männer der Franco-Truppen entledigten sich ihrer Waffen und versteckten sich in den Kellern. Jeder Gefangene der republikanischen Einheiten war plötzlich Kommunist oder Sozialist: „It was the most People’s Front town in all Spain!“ Die Verluste innerhalb der Internationalen Brigade waren immens und die Situation für die Regierungsverbände spitzte sich weiter zu, denn die feindlichen Truppen gingen zum Gegenangriff über. „In the last few days of the battle we were outnumbered three to one in artillery and airplanes. The more planes our fighters knocked down, the more kept coming on. And for all their bombardment – which was terrible in its intensity and duration – they only regained one village and a few square miles of territory. We hold the greater part of a wedge we drove into their lines. And we have plenty of manpower; the enemy relies on planes and artillery to make up for his poor-quality troops. The offensive is certainly a victory for us: we came best out of it by a long chalk.“676 Die Euphorie, die Ryans Aussagen ausstrahlen, steht im Gegensatz zum gewünschten Erfolg der Regierungsoffensive. Trotz der dreiwöchigen Kämpfe konnte weder der militärische Druck von Francos Truppen auf das Baskenland verringert werden, noch gelang es den republikanischen Angreifern, ihre Verbände im Süden Madrids zu vereinen, um eine bessere Verteidigung der Stadt zu gewährleisten.677 Die Verluste wiederum waren immens, besonders unter den Iren des Lincoln-Bataillons. Als Ryan bei Peter O’Connor nachfragte, wie viele Landsleute noch an seiner Seite kämpften, fiel die Antwort ernüchternd aus. Der Freiwillige war als einziger kampffähiger Ire in der Einheit verblieben, seine Kameraden entweder gefallen oder verwundet. Peter O’Connor gab sich von der Situation völlig unbeeindruckt. Er hatte sich entschlossen, dem guten Ruf der Connolly Column, so lautete der Name der irischen Einheit innerhalb des Lincoln-Bataillons, gerecht zu werden. In dieser prekären militärischen Situation gab es viele Gelegenheiten, den guten Ruf unter Beweis zu stellen. Und so kehrte O’Connor, nur zwei Tage nachdem seine Einheit am 14. Juli abgezogen worden war, an die Front zurück. Bis zum 26. Juli kämpfte er ohne Unterbrechung in den vordersten Reihen. Noch wenige Wochen vor den Kämpfen um Brunete hatte Ryan seiner Enttäuschung über Jim Prendergast in einem Brief an Seán Murray Luft gemacht: „I met 675 „Franco Fascists use Women and Children as Cover – Frank Ryan describes recent heavy fighting on the centre front“, Irish Democrat, 28. August 1937. [Online]. 5. August 2008. URL: http://ireland scw.com/part-3707IrDem.htm [07. September 2012]. 676 Ibid. 677 Hoar, In Red and Green, 204. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 196 Jimmy Pren. here. He is finishing a course in the Training School. Nalty + he will be the next men for attention. Sorry to report that Jimmy disappointed me badly. His unreliability is as bad as ever. As a rule he keeps off the beer, but if he gets some in – as he did 2 days ago – he doesn’t look drunk, doesn’t walk drunk, doesn’t talk drunk – and yet is absolutely irresponsible. On this occasion he was ultra-nationalistic, personally abusive on the subject of English comrades (some, the finest men here). It was the kind of talk I would put him to jail any other man for making [sic]. And, all this stuff was spouted in the presence of the Brit. Polit. Comm. who had expected to sit down to a social dinner with us! When Jimmy hasn’t learned political reliability by now – what’s the use? Of course, he was full of apologies next morning.“678 Bald jedoch änderte Ryan seine Meinung über den Landsmann. Während der Schlacht um Brunete war Ryan dem Hauptquartier der XIII. Brigade zugeteilt und befand sich auf dem Weg zur Kampflinie, als Jim Prendergast zu ihm aufschloss und ihn einige Zeit begleitete. Eigentlich hatte man Prendergast vom Fronteinsatz abkommandiert, da er in einer der kommenden Wochen nach Irland zurückkehren sollte, doch folgte er einem schriftlichen Befehl der Brigadeführung, der sich an alle Offiziere richtete: Alle „non-coms“ sollten sich in die Kampfzone begeben. „Through the carnage of close artillery, tank and aviation fire I eventually caught up with Frank Ryan, (…). His face went as red as a beetroot when he beheld me, and I got the usual stormy ritual of abuse for having disobeyed his orders – it all seemed so bloody silly in that great bowl of destruction and sudden death, and eventually Frank reverted to his usual kindly self. For several days I remained with Frank Ryan, whose duties kept him just in the wake of the gruelling advance. Along the road from Villanueva to Brunete we came across rows and rows of bodies, many with their names pinned on slips of paper. Many of them were British lads. I remember one, who had been a Labour councillor at home, clutching, of all things, a dead rabbit. Frank told me that Will Paynter was in the very front position with the lads. The next day Frank took me over to the 15th Brigade HQ located in a huge pantechnicon. George Aitken, the brigade commissar, was seated on an upturned box, banging grimly away at a typewriter; from time to time the pantechnicon shuddered as bombs dropped nearby. Frank told George to give me a safe conduct back to Albacete, explaining his reasons. After much grumbling George gave me the precious slip of paper with the brigade stamp.“679 Einen Monat später, nach den Ereignissen an der Front, hatte Ryan seine Einschätzung über Jim Prendergast revidiert. Helen O’Reilly schrieb er: „Through one of those inevitable bungles he [Prendergast] found himself at the front when he was meant to be on the road home. He had two bad days (and worse nights) before he got out. You can just imagine how he felt – Dublin almost in sight, and avions and artillery churning the ground around him. He won’t forget it for a while.“680 Als Ryan am 20. Juli 1937 in Begleitung von Jack Nalty, Joe Monks, Frank Edwards und Jimmy 678 Brief Frank Ryan an Seán Murray, 24. Juni 1937, CPI Box 58/045c, CPIA, Dublin. 679 Jim Prendergast, „The Battle of Brunete“, Heroic Voices of the Spanish Civil War – Memories from the International Brigades, Hrsg., Peter Darman (London: New Holland Publishers, 2009), 107ff. 680 Cronin, Frank Ryan, 121. 4.3 Kampf dem Faschismus – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 197 Prendergast nach Albacete zurückkehrte, begann er sofort mit den Vorbereitungen für deren Rückreise nach Irland. Außerdem besuchte er seine verletzten Kameraden im Krankenhaus und informierte Dublin über die Gefallenen und Verletzten. „We had the honour (ahem!) of being through hot – in all senses of the word [sic]. – We had a few others killed + a fair number wounded – but considering the intensity of the fighting, all units engaged came off very lightly. And when your casualties are incurred in an advance, you don’t feel it quite so badly (…).Our little band shrinks in numbers after each offensive + the time is rapidly approaching when we can no longer maintain ourselves as a unit. Well – half our work is done since O’Duffy’s dupes went home. The need for maintaining a national unit is no longer so insistent. All that remains is to win the war. And we travel that road, these days.“681 Dieses Ziel sollte ohne irische Beteiligung erreicht werden. Ryan kümmerte sich weiterhin um die Repatriierung seiner Männer. Einen Tag nach dem Rückzug des Lincoln-Bataillons von der Front kam er aus Albacete, um Peter O’Connor mitzuteilen, dass dieser aus der Einheit ausscheiden und nach Irland zurückkehren werde – eine Neuigkeit, von der O’Connor wenig begeistert war, hatte er doch in Spanien und besonders während der Kämpfe viele neue Freunde gewonnen. Die Aussicht, wieder in der Heimat zu sein, versetzte dem Freiwilligen einen Schock. In seinen Augen kam eine Rückkehr einer Desertion gleich. Allerdings hatte Frank Ryan Peter O’Connor für andere Aufgaben vorgesehen. Ryan war es immens wichtig, mindestens einen oder besser mehrere Veteranen nach Dublin zurückzuschicken, damit diese dort mit Informationen aus erster Hand für Klarheit über ihre politische Position und ihren Einsatz während des Spanischen Bürgerkriegs und dessen Bedeutung sorgten.682 Ryans Sorgen galten der Tauglichkeit, der Zuverlässigkeit und der psychischen Verfassung O’Connors. Diese waren nicht unberechtigt, war der Mann aus dem County Waterford doch der einzige irische Freiwillige, der zu diesem Zeitpunkt noch kampfbereit war. Viele seiner irischen Kameraden waren verwundet oder gefallen und oftmals hatte O’Connor dies miterlebt. Deshalb verordnete Ryan seinem Landsmann vor dessen Abreise noch ein paar Tage Entspannung in Benisa, einem Erholungscamp nördlich von Alicante, um sich etwas von den physischen und psychischen Strapazen der letzten Monate zu regenerieren. Am 18. September 1937 verließ Peter O’Connor schließlich das Land und kehrte in seine Heimat zurück. Neben seiner dringlichen Aufgabe, die verbliebenen Freiwilligen wohlbehalten in die Heimat zurückzubringen, widmete sich der Journalist Ryan weiterhin der Propagandaarbeit. Er schrieb für die Zeitung der Internationalen Brigaden Nuestra Combat683 und führte gleichzeitig seine Agitation mit Blick auf die Heimat fort. Als der britische Journalist Harry Pollitt in das Kriegsgebiet reiste, um verwundete Landsleute in den Krankenhäusern zu besuchen, suchte sich dieser auch einen Eindruck vom Leben der Freiwilligen an der Front zu machen: „Who should I bump into but big 681 Brief Frank Ryan an Seán Murray, 21. Juli 1937; Brief Frank Ryan an Peadar und Helen O’Donnell, 21. Juli 1937, CPI Box 57, CPIA, Dublin. 682 O’Connor, Soldier of Liberty, 29. 683 Bericht „Proinnsias O Riain“, R. Jacob, o. D., Rosamond Jacob Papers, MS 33,132, NLI, Dublin. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 198 Frank Ryan, the well-known Irish Republican leader.“ Der erkannte den Briten und nutzte diese Gelegenheit für eine Botschaft an die Öffentlichkeit: „Just say, when you get back to London, that Frank Ryan says there are two Britains [sic], one that helps Franco, Mussolini and Hitler, and the one represented by Fred Copeman, Jock Cunningham and their comrades, and the Irishmen in the International Brigade, are proud to fight alongside their English comrades.“684 Eigentlich hatte Ryan gehofft, sich nach den schweren Kämpfen um Guadarrama Anfang Juli 1937 etwas erholen zu können, aber es liefen bereits die Vorbereitungen für die republikanische Offensive an der Aragon-Front an und es blieben ihm nur knapp zwei Wochen, bevor er dorthin beordert wurde. Zu Beginn des Angriffs meldeten die republikanischen Truppen erste Erfolge. Die Einheiten eroberten nach dreitägigen Straßenkämpfen Quinto und nach sechs Tagen fiel Belchite. Anders als Ryan erwartet hatte, schienen auch seine beständigen Bemühungen, alle verbliebenen Iren in einer Einheit zusammenzufassen, Fortschritte zu machen. Es gab einen Wechsel in der Führung des britischen Bataillons. Peter Daly aus der Grafschaft Wexford und Paddy O’Daire aus dem County Donegal hatten das Kommando über die Einheit. Ryan freute sich sehr über diese Entwicklung, denn auf diese Weise belohnte die Brigadeführung die Tapferkeit seiner beiden Landsleute während der Kämpfe an der Córdoba-Front. „You remember Elizabeth (the British Battalion)? Her new boss is Irish; and you remember how she hated the Irish, It’s a great joke to be taking orders from what she used [to] call ‚the pig in the kitchen‘ type. (Excuse my nationalism but she was a bitter person always and I can’t help laughing at her.)“ Die Freude währte aber nicht lange. Daly wurde verwundet und starb an seinen schweren Verletzungen – ein harter Schlag für die gesamte Einheit.685 Es blieb dennoch keine Zeit, den Verlust zu betrauern. Die verbliebenen Soldaten des britischen Bataillons erhielten die Aufgabe, den so hart und verlustreich erkämpften Purburell Hill um jeden Preis zu halten. Dies führte aber zu enormen Verlusten innerhalb der Einheiten der Internationalen Brigaden und verlangte enormen Einsatz von den verbliebenen Soldaten. Die restlichen republikanischen Truppen rückten auf Belchite, den Ausgangspunkt für Saragossa, vor. Am 6. September war die Offensive der Regierungstruppen erfolgreich, die Stadt fiel. Der Vormarsch aber kam damit zum Erliegen, denn die faschistischen Truppen verteidigten ihr Territorium mit all ihren Kräften.686 Zurück im Basiscamp in Albacete nutzte er – nach den Strapazen des Fronteinsatzes – die freie Zeit, um Briefe an seine Familie zu schreiben. Bei deren Lektüre könnte man den Eindruck gewinnen, dass sein Alltag in Spanien ausschließlich aus Sonne, Wasser, Schwimmen und Faulenzen bestand. Den Krieg erwähnte er kaum, außer in seinen Beteuerungen, nicht an der Front eingesetzt und deshalb sicher zu sein. Das dringendste Problem schien im Mangel an Zigaretten zu bestehen.687 Nach seinem Fronteinsatz verbrachte er den Großteil des Monats September in Barcelona, 684 „I met Frank Ryan at the Front“, Irish Democrat, 17. Juli 1937. [Online]. 5. August 2008. URL: http:/ /irelandscw.com/part-IrDem3709-10.htm [11. September 2012]. 685 Cronin, Frank Ryan, 123f. 686 Hoar, In Green and Red, 207. 687 Cronin, Frank Ryan, 118, 121f. 4.3 Kampf dem Faschismus – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 199 bevor er Anfang Oktober erneut an die Front zurückkehrte. Er erwartete, innerhalb einer Woche wieder im Basislager in Albacete zu sein.688 Mit der stetig abnehmenden Zahl irischer Freiwilliger rückte auch seine Arbeit für die Soldaten mehr und mehr in den Hintergrund. Es gab sogar Gespräche darüber, dass Frank Ryan selbst den Rückkehrern nach Irland folgen sollte. Eigentlich sah der Plan der Brigadeführung vor, dass er Ende September in seine Heimat zurückkehren sollte; diese Vereinbarung hatte Ryan mit dem Brigadekommissar Steve Nelson getroffen. Jedoch wurde dieser in der Ebro-Offensive verletzt und konnte sich nicht um die Einzelheiten der Rückführung des Iren kümmern. Als Ryan selbst wenig später auch erkrankte,689 verzögerte sich seine Rückkehr nach Dublin, wobei Ryan weiter davon überzeugt war, das Weihnachtsfest in seiner Heimat zu begehen. Nach der Genesung kehrte er nach Albacete zurück, um sich der Radiopropaganda und der Arbeit an seinem Buch über die XV. Brigade zu widmen. Nebenbei, so berichtete ein britischer Soldat, warf er „(…) a watchful eye on the well-being of all the Irish volunteers.“690 Dazu stattete er den verbliebenen irischen Freiwilligen, die an der Aragon-Front eingesetzt waren, häufig Besuche ab. Der Großteil seiner Männer war wenig begeistert, dass sich Ryan immer wieder dieser Gefahr aussetzte, da ihm auch die Ärzte davon abgeraten hatten. Aber alle Versuche, ihn davon abzuhalten, an die Gefechtslinie zurückzukehren, schlugen fehl. „We pointed out to him the value he would be at home. We argued with him for over an hour, pointing out the loss he would be in Ireland, where a few months previously he had been successful in uniting all sections of the people of Dublin in a nightly anti-Imperialist demonstration. It was no use, his final reply was, „wherever the lads are I will be with them“.“691 Nachdem der verletzungsbedingte Ausfall Nelsons und die Krankheit Ryans seine Rückkehr nach Irland verzögert hatten, nutzte er die Zeit für weitere Propagandaarbeit. Alle Artikel Ryans, die bisher in englischer Sprache erschienen waren, wurden übersetzt und fanden sich im Nachrichtenblatt Mundo Obrero, übersetzt „Arbeiterwelt“, wieder. Der Ire unterstützte den amerikanischen Kommunisten Edwin Rolfe bei der Herausgabe des englischsprachigen Blattes der Internationalen Brigaden, Soldier of Liberty. Außerdem begann er mit den Arbeiten für das Buch über die XV. Brigade, das er herausgab. Hauptsächlich sammelte und edierte er Erlebnisberichte von Soldaten der Einheit, in erster Linie Schilderungen von Männern aus Irland, Kanada, den USA und dem Vereinigten Königreich. Alonzo Elliott, Student und später Dozent an der Cambridge-Universität und der Schotte Alex Donaldson unterstützten Ryan bei seinem Vorhaben und halfen, das Buch zu edieren. Elliott arbeitete unter der Leitung von Luigi Longo im Hauptquartier der politischen Kommissare in Madrid und später in der „Foreign Cadres Commission“ in Barcelona. Er stand im engen Kontakt mit den britischen Freiwilligen und arbeitete auch eng mit André Marty, politischer Kom- 688 Brief Frank Ryan an Johnny Nolan, 8. Oktober 1937, CPI Box 58/045o, DCLA, Dublin. 689 Hoar, In Red and Green, 207. Der zitierte irische Freiwillige äußert sich nicht zu den konkreten Beschwerden des Iren, aber Ryan hatte schon seit Längerem immer wieder Probleme mit seinem Herzen. Cronin, Frank Ryan, 66. 690 Hoar, In Red and Green, 207; Cronin, Frank Ryan, 124; Alexander, British Volunteers for Liberty, 145. 691 Bericht über Frank Ryan, ohne Autor, RJP, MS 33,132, NLI, Dublin. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 200 missar der Internationalen Brigaden, zusammen. Alex Donaldson war ebenfalls im Brigadekommissariat in Madrid beschäftigt, wo er Pamphlete verfasste. Außerdem war er in Albacete in der Propagandaarbeit eingesetzt.692 Neben der Arbeit am Buch moderierte Ryan regelmäßig Radiosendungen aus Madrid. Die Übertragungen fanden ein breites und interessiertes Publikum unter den englischsprachigen Antifaschisten weltweit. Die Propagandasendungen der republikanischen Regierung wurden vom Sender EAQ in der Stadt Aranjuez, in der Nähe der Hauptstadt Madrid gelegen, ins Ausland, z.B. in die USA, nach Irland, Großbritannien oder auch Kanada übertragen. Häufig nutzte Ryan das Medium, um sich an die irische Öffentlichkeit zu wenden. Am 31. Oktober 1937 sprach er beispielsweise über die erfolgreiche Offensive der republikanischen Truppen an der Aragon-Front und die Rolle der irischen Einheit. Weitere Themen waren Fragen zum Nichteinmischungspakt und dessen Folgen für die legitime spanische Regierung, aber auch der Ausgang der Wahlen in Irland. Ryan brachte zum Ausdruck, wie erleichtert die irischen Freiwilligen in Spanien über die Wahlniederlage der Faschisten in der Heimat waren. Ein anderes Mal sprach er die amerikanische Bevölkerung an und lobte Kameradschaft und Einigkeit, die zwischen seinen Soldaten und den Männern des Lincoln-Bataillons herrschten.693 Auf eben diese Zeit beziehen sich Berichte von Ryans Freunden und Weggefährten, Tom Jones, Rosamond Jacob und Manus O’Riordan, über seine Beförderung zum Major. Auch der Irish Democrat verbreitete am 30. Oktober 1937 die Nachricht seines Aufstiegs zum „Adjutant of the 15th Brigade, with the rank of Major.“694 Kritische Stimmen aus den Reihen der Freiwilligen betrachteten Ryans Rolle etwas differenzierter. Einer von ihnen, Brendan Moroney aus Ennis im County Clare, war zwei Wochen vor dem irischen Kontingent in Spanien eingetroffen. Das erste Mal begegnete er Frank Ryan bei der Einkleidung und in der Folgezeit noch bei zwei weiteren Gelegenheiten. Moroney, ein Berufssoldat, „(…) doesn’t consider him to have been a soldier of significance. Indeed, he questions whether Ryan held the high rank which was subsequently attributed to him. ‚He was certainly a leader of men and a fine journalist, but not a soldier. He was a fine man‘ (…)“.695 Auch innerhalb der amerikanischen Einheit äußerten sich Freiwillige über Ryans Rolle in den Internationalen Brigaden. Soldaten des Lincoln-Bataillons berichteten, dass er nach seiner Berufung in den Stab der Brigadeführung nur noch selten an der Front anzutreffen war. Es gab Gerüchte, 692 Hoar, In Red and Green, 209, James K. Hopkins, Into the Heart of the Fire: The British in the Spanish Civil War (Stanford: Stanford University Press, 2000), 286; XV International Brigade in Spain – Scottish Volunteers. „Alexander James Donaldson“. [Online]. o. D.. URL: http://internationalbrigade sinspain.weebly.com/scottish-volunteers.html [23.05.2016]; Daniel Gray, Homage to Caledonia: Scotland and the Spanish Civil War (Edinburgh: Luath Press Ltd, 2013), 56. 693 Bericht über Frank Ryan, ohne Autor, o. D., International Brigades Association Box (IBAB), 28/G/2, Marx Memorial Library (MML), London; Alan Davies, „The First Radio War: Broadcasting in the Spanish Civil War, 1936–1939“, Historical Journal of Film, Radio and Television Vol. 19, No. 4, 1999, 473f, 493f; „Frank Ryan Speaks from Madrid“, Irish Democrat, 6. November 1937. [Online]. 5. August 2008. URL: http://irelandscw.com/part-IrDem3711-12.htm [19. September 2012]. 694 „Frank Ryan Promoted“, Irish Democrat, 30. Oktober 1937. [Online]. 5. August 2008. URL: http:// www.oocities.org/irelandscw/part-IrDem3709-10.htm [11. September 2012]. 695 „Dolan in Spain“, The Irish Post, 14. Juli 1979. [Online]. 14. Januar 2005. URL: http://www.reocities. com/irelandscw/part-EchoPostetc.htm [12. September 2012]. 4.3 Kampf dem Faschismus – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 201 wonach er an der Spitze einer Einheit stand, die hinter den feindlichen Linien operierte.696 Alle Freiwilligen, die mit Ryan in Kontakt standen, betonten, welch außergewöhnliche Persönlichkeit er besaß. Walter Greenhalgh, den Ryan häufig als Boten einsetzte, beschrieb den Iren als die sanfteste Person, die er je getroffen habe – ein Persönlichkeitsmerkmal, das Greenhalgh besonders aufgrund des Umstandes überrascht habe, dass sein Vorgesetzter Mitglied der IRA war. Ryans Führungsstil fand große Zustimmung in den Reihen der Internationalen Brigaden. Aufgrund seiner imposanten Erscheinung gelang es ihm problemlos, die Aufmerksamkeit der Soldaten auf sich zu ziehen und sogar Kommandos zu geben, ohne die Stimme zu erheben. Seine Beförderung resultierte, nach Greenhalghs Ansicht, nicht zuletzt aus Ryans Beliebtheit.697 Trotz seiner zeitintensiven Arbeit für die Internationalen Brigaden war Ryan häufig in Gedanken bei seiner Familie in der Heimat und vor allem bei seiner todkranken Schwester Catherine, von deren Tod er am 14. November 1937 erfuhr, obwohl sie bereits 23 Tage zuvor verstorben war. In seinen Briefen in die Heimat versprach er seiner Familie und Freunden, trotz der widrigen Umstände vor Ort und der Trauer um seine Angehörige durchzuhalten.698 „(…) I’m alive + will insist on remaining so.“699 Während dieser kurzen Erholungsphase wandte er sich Gedanken über die Zukunft des Irish Democrat zu. Auch in Spanien las er jede Ausgabe der Zeitung, die seine Freunde schickten und sparte nicht an Kritik. In seinen Augen wirkten die jüngsten Ausgaben eher bruchstückhaft und zusammengewürfelt. Offensichtlich hatte Peadar O’Donnell an den letzten Publikationen nicht mitgearbeitet. So ermahnte Ryan Seán Murray „[to] do your bloody paper properly (…).“700 Im September 1937 gerieten die Verkaufszahlen des Irish Democrat schließlich ins Stocken. Ryan selbst hatte immer wieder das wenig ansprechende Layout der Zeitung kritisiert. Zudem fehlten Peadar O’Donnells Beiträge. Man vermisste den Elan und die Energie des Journalisten, woraufhin sich die Redaktion unter Ryans Namen an die Leserschaft der Zeitung wandte. „Here in Republican Spain, the Irish Democrat is very popular, and the news that it may have to cease publication causes great alarm … I am looking forward to hearing from my friends that the Democrat has overcome its difficulties. I will be hearing this good news if YOU, dear reader, subscribe every pound, shilling and penny that you can to the Democrat Defence Fund.“701 Ryan zeigte sich beeindruckt von dem Aufruf im linksgerichteten Blatt. „I read ‚my‘ most pathetic appeal for funds for the ‚Democrat‘. I could hardly have written it better myself!“702 Der Artikel verfehlte seine Wirkung bei den Lesern nicht. Die Ausgaben des Monats Oktober hatten 696 D. P. (Pat) Stephens, A Memoir of the Spanish Civil War – An American-Canadian in the Lincoln Battalion, Hrsg., Douglas Patrick Stephens und Rick Rennie (St. John’s [Canada]: Canadian Committee on Labour History, 2000), 43. 697 Interview mit Walter Greenhalgh, o. D., TSCWC – 10356/3 und TSCWC – 11187/9 – Walter Greenhalgh, IWMSA, London. 698 Cronin, Frank Ryan, 121f. 699 Brief Frank Ryan an Seán Murray, 21. Juli 1937, CPI Box 58/045k, DCLA, Dublin. 700 Ibid. 701 Hoar, In Green and Red, 206f. 702 Brief Frank Ryan an Johnny Nolan, 8. Oktober 1937, CPI Box 58/045d, DCLA, Dublin. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 202 sich inhaltlich deutlich verbessert. Die finanzielle Lage des Blattes war in Ryans Augen allerdings weiterhin unklar, weshalb er sich zusätzliche Informationen von Johnny Nolan erbat. „Send me all the news – business and otherwise. You don’t need to make it read nice; just the truth. I don’t need cheering up, that way.“703 Ryan hatte Nolan vor der Abreise nach Spanien gebeten, sich um seine geschäftlichen Angelegenheiten und die Korrespondenz zu kümmern.704 Dieser Bitte kam Nolan nach und er kümmerte sich sogar um Ryans Einkommensteuererklärung, die dieser nach Ende seiner Rekonvaleszenzzeit in Dublin unerledigt zurückgelassen hatte.705 Ende Oktober hielt sich Ryan in Madrid auf, wo die Internationalen Brigaden den ersten Jahrestag der Aufstellung ihrer Verbände mit einer großen Veranstaltung im Calderón Theater in Madrid feierten. Unter den Gästen befanden sich neben den Gründungsmitgliedern und dem Kommandanten Madrids, General Jose Miaja, auch Ryan. Zu seinen repräsentativen Aufgaben gehörte es auch, sich um hochrangige Besucher zu kümmern. Einer dieser Gäste war der amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway. Der Ire genoss den intellektuellen Austausch und war insgesamt voll des Lobes für den Autor. „He has no politics, but he’s a real friend of the Spanish people. Got ambulances sent here, and it has since been found out he used his own money on them. I’m due for a night in his hotel, soon as I find him.“706 Hemingway hielt sich einige Tage in der Stadt auf. Während dieser Zeit hatte Ryan den prominenten Amerikaner und dessen Entourage, die aus einem Kamerateam und einigen Frauen bestand, zu betreuen. In erster Linie sollte er den Schriftsteller bei Laune halten und gleichzeitig dafür sorgen, dass Hemingway nicht an die Frontlinie, die sich nur einige Kilometer außerhalb der Stadt befand, gelangte.707 Im Hotel des Amerikaners verbrachten die beiden Männer ein paar ausgelassene Nächte, trotz des ständigen Beschusses durch die Franco-Truppen, der vor allem an Ryans Nerven zehrte. Als an einem Abend das Gebäude unter Feuer genommen wurde, versuchte Ryan, Hemingway dazu zu bewegen, sich in die untere Etage zu begeben, die mehr Sicherheit bot. Aber der Schriftsteller weigerte sich und verließ sogar das Hotel, um eine auf der Straße liegende Blindgänger-Granate zu holen. Diese funktionierte er kurzerhand zu einer Leselampe um. Während Hemingway die nahe Front und der anhaltende Artilleriebeschuss scheinbar nichts auszumachen schien, ging Frank Ryan der ständige Beschuss durch die nationalen Verbände nahe. An der Front war er bereit, sich der Gefahr auszusetzen, aber die vermeintliche und trügerische Sicherheit der Hauptstadt setzten ihm, trotz aller gegenteiligen Bekundungen seinen Freunden und der Familie gegenüber, sehr zu. Dennoch nahm er seine Aufgaben sehr ernst und nutzte, ungeachtet des bestehenden Risikos und der nahen Gefechtslinie, die Möglichkeiten Madrids, um mit Gästen auszugehen.708 703 Brief Frank Ryan an Johnny Nolan, 2. November 1937, CPI Box 58/045b, DCLA, Dublin. 704 Auszug aus der Korrespondenz zwischen Dublin und Madrid durch den Postal & Telegraph Censorship United Kingdom, 6. Juni 1945, Frank Ryan File, KV 2/1292, NAK, London. 705 Brief Frank Ryan an Johnny Nolan, 12. Dezember 1937, CPI Box 58/045m, DCLA, Dublin. 706 Cronin, Frank Ryan, 124f. 707 Interview mit Walter Greenhalgh, o. D., TSCWC – 11187/9 – Walter Greenhalgh, IWMSA, London. 708 Cronin, Frank Ryan, 129. 4.3 Kampf dem Faschismus – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 203 Hemingways Anwesenheit in Albacete im Frühjahr des Jahres 1937 löste unterschiedliche Reaktionen aus. Während die amerikanischen Freiwilligen viel Aufhebens um den Besuch des Schriftstellers machten, kannte die große Mehrheit der Briten den Autor und seine Werke nicht. Eigentlich besuchte der Korrespondent der New York Times das amerikanische Bataillon und wollte sich zusätzlich für Recherchezwecke einen Eindruck von der Kommandantur des britischen Bataillons verschaffen. Dem Befehlshaber der Einheit, Fred Copeman, missfiel der Besuch Hemingways im Lager, denn der Autor hatte, entgegen seiner eigenen Meinung, nicht das Recht, den militärischen Bereich der Briten zu betreten. Weder Hemingway noch Angehörige anderer Truppenteile hatten die Befugnis, sich ohne Genehmigung in diesem Areal aufzuhalten. Copeman forderte den Journalisten deshalb sofort auf, das britische Camp zu verlassen, wofür der Amerikaner jedoch keinerlei Verständnis zeigte. Im folgenden Wortgefecht drohte der britische Kommandant Hemingway sogar, ihn unter Arrest zu stellen und ihn zur spanisch-französischen Grenze zu eskortieren, um sicherzustellen, dass er das Land verließ. Nachdem sich der Autor weiterhin uneinsichtig gezeigt hatte, setzte Copeman seine Drohung in die Tat um und fuhr, zusammen mit ein paar Männern, den Schriftsteller nach einem kurzen Zwischenhalt in Barcelona, an die Grenze und stellte sicher, dass Hemingway auch wirklich aus Spanien ausreiste. Allerdings kehrte der Amerikaner nur einen Tag später wieder nach Albacete zurück.709 Die Mehrheit der Soldaten war auch nicht sehr erfreut darüber, dass sich Hemingway im Lager aufhielt, sich dort frei bewegen und alles inspizieren konnte. Ein Freiwilliger, Christopher Smith, erinnerte sich später, dass er dem Schriftsteller des Öfteren begegnet war und schilderte einen Vorfall, in den der Schriftsteller verwickelt war: Man hatte die Einheit des Mannes von der Front abkommandiert und zum Lagerdienst eingeteilt, als eines Abends ein Soldat, der gerade Wachdienst hatte, von mehreren Zivilisten berichtete, die sich in der Nähe der Fahrzeuge aufhielten. Stimmen wurden laut, die „Bastarde“ zu erschießen. Wie sich herausstellte, befand sich Ernest Hemingway unter ihnen. Der Amerikaner besaß tatsächlich eine Erlaubnis, sich auf dem Gelände umzusehen – diese Möglichkeit nutzte er gerne und sehr häufig. An diesem Abend wollte er einem anderen Zivilisten die Waffen der Einheit zeigen, die russischer Herkunft waren und Hemingways Neugierde geweckt hatten. Offensichtlich wollte er sich einen Eindruck von der russischen Waffentechnik verschaffen. Da er aber als Journalist im Auftrag der New York Times710 die Zusage der Brigadeführung hatte, sich auf dem militärischen Gelände umzusehen, hatten die wachhabenden Soldaten wenig Handhabe gegenüber Hemingway. Nachdem Ryans Auftrag im Zusammenhang mit Ernest Hemingway geendet hatte und ungeachtet seiner vielfältigen Aufgaben in Spanien, fasste die Führung der Internationalen Brigaden endgültig den Beschluss, den Iren in seine Heimat zurückzuschicken. Eigentlich war seine Heimkehr in der Weihnachtswoche des Jahres 1937 geplant. Bis dahin sollte auch das Buch über die XV. Brigade fertiggestellt und in 709 Interview mit Fred Copeman, o. D., TSCWC – 794/3 und 794/10 – Fred Copeman, IWMSA, London. 710 Interview mit Christopher Smith, o. D., TSCWC – 12290/9 – Christopher Smith, IWMSA, London. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 204 Druck sein, denn Ryan wollte von Irland aus zu einer Propagandatour durch die USA aufbrechen. Jedoch verzögerte sich die Rückreise, denn Steve Nelson, der politische Kommissar des Lincoln-Bataillons, wurde an der Belchite-Front verwundet, in dessen Folge sich Ryan nicht vollumfänglich um den Druck seines Buchs über die XV. Brigade kümmern konnte. Die Lage verschärfte sich wegen der schweren Luftangriffe auf Madrid zu Beginn des Winters 1937/38 nochmals. Als er noch krank wurde stand fest, dass er Weihnachten noch auf der Iberischen Halbinsel verbringen würde.711 Während er an einer Konferenz in Albacete teilnahm, schrieb er seinem Freund Johnny Nolan: „Looks as if I’ll be here over Christmas.“ Dafür hoffte Ryan auf den lang ersehnten Besuch Seán Murrays, des Vertreters der Communist Party of Ireland. „As we are here quite a while, a visit from Seán is long overdue. It must be made now – it will have great results.“ Weiterhin lobte er die gute Arbeit der verbliebenen irischen Freiwilligen. „The fewness of our numbers is no obstacle – lots of ours are holding very responsible positions, & doing great work.“712 Nichts konnte Ryans Optimismus erschüttern. Er zeigte sich davon überzeugt, dass die Regierung den Krieg für sich entscheiden würde, denn in seiner Einschätzung bescheinigte Ryan den Truppen Ende des Jahres 1937, gut trainiert und bestens ausgerüstet zu sein. Die Verteidigung der Stadt hatte oberste Priorität mit der Folge, dass Madrid im Vergleich zu weiten Teilen des republikanischen Gebiets ein den Umständen entsprechend relativ normales Leben ermöglichte, auch wenn die Metropole unter ständigem Beschuss stand, von einem akuten Flüchtlingsproblem und der Nahrungsverknappung geplagt wurde. Ryan machte der Krieg zunehmend zu schaffen, trotz des vergleichsweise geordneten Lebens, das er in Madrid führte. Immer häufiger erlebte er schwere Luftangriffe, die vergleichbar mit einem schweren Angriff auf Barcelona waren, als eine ganze Schule mit Kindern regelrecht vom Erdboden verschluckt wurde und den er selbst vor Ort miterlebt hatte. In seinen Briefen in die Heimat sprach er davon, wie behaglich sein Leben in der Hauptstadt war, das laut seinen Worten vor allem den Komfort bot, in einem Bett zu schlafen, sich durch das Tragen seiner Uniform „herauszuputzen“ und an Versammlungen oder an feucht-fröhlichen Treffen teilzunehmen, wie dem vom amerikanischen Transport-Regiment organisierten Tag, an dem verschiedene Spiele, wie beispielsweise Sackhüpfen, Baseball und ein Eierlauf stattfanden. Aber gleichzeitig machte er auch deutlich, wie sehr ihn der anhaltende Konflikt emotional aufrieb. „The more you see of war, the more you hate it. But this one has got to be seen through. When the pacifists show me their way of beating Franco & Co., I’ll be their first recruit. Until then, this dirty way is the only way.“713 Mittlerweile reiste Ryan durch das Land und hielt sich nur noch sehr selten in der Hauptstadt auf. Dabei geriet er selbst immer wieder unter Beschuss. „The heaviest bombardment for a long time here last night. As usual I walked into it. I was walking the last mile home after doing a few hundred miles in an open lorry. Trying to warm myself – and I did quicker than I meant to. On such occasions, I always assure to take 711 McLoughlin, Fighting for Republican Spain, 87. 712 Brief Frank Ryan an Johnny Nolan, 23. November 1937, Box 57, CPIA, Dublin. 713 Cronin, Frank Ryan, 125f, 129. 4.3 Kampf dem Faschismus – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 205 cover. I guess everybody else likes to kid himself that way. It’ [sic] wouldn’t be cricket you know if you got the first one – that’s the way you feel. Well, there wasn’t any first one; there was a salve of ‚em and all of ‚em pretty near and to my right and left. Not a door open in the street. I just had to make for the nearest subway with my game ears cocked. Nothing more out of the ordinary happened; the only damage to me was on my nerves before I reached safety. The bombardment was unusual because of the type of shells used – all heavies, exploding as loud as bombs – and the intensity of the fire – over a thousand shells in an hour. The last rams were just going home from the theatres; Franco times these affairs well, so there were plenty casualties.“714 Mitte Dezember 1937 lag Ryan mit einer Erkältung im Bett. Die Temperaturen waren in den Minusbereich gesunken und es war derart kalt, dass seine Hände taub wurden, während er Briefe in die Heimat schrieb. Hauptsächlich kümmerte er sich jetzt um die verbliebenen Iren in Spanien, die sich größtenteils im Trainingscamp in Albacete befanden. Ein Termin für ihre Rückkehr nach Irland stand noch nicht fest, denn bei der damals gegenwärtigen militärischen Lage war ein Ende des Konflikts nicht in Sicht, was in Ryans Augen vor allem daran lag, dass die Verteidigung der republikanischen Truppen besser denn je war.715 Die Rückführung der irischen Soldaten wurde in erster Linie von Ryan vorangetrieben, denn die hohen Verluste in den Reihen des britischen und des amerikanischen Bataillons während der Schlacht von Brunete im Juli 1937 hatte deutliche negative Auswirkungen auf die Moral der Freiwilligen. Dies äu- ßerte sich laut eines Angehörigen der Internationalen Brigaden aus Manchester in erster Linie in mangelnder Disziplin und fehlender Kampfbereitschaft.716 Der Entschluss einiger Kämpfer sich unerlaubt von der Truppe zu entfernen, fiel auch Ryan auf. Er berichtete Johnny Nolan über diese Ereignisse in einem Brief: „Some grumbled and groused. Some begged for leave; some took it without asking.“717 Insgesamt kehrten 38 irische Freiwillige aus gesundheitlichen oder familiären Gründen in ihre Heimat zurück. Bei einigen Kämpfern hatte die Führung der britischen Einheit die Rückkehr empfohlen, wie beispielsweise bei Paddy Brady, der aufgrund einer Schulterverletzung nicht mehr an der Front eingesetzt werden konnte. Das Lincoln-Bataillon verließen insgesamt 27 Iren bzw. irisch-stämmige Freiwillige. In den meisten Fällen führte Ryan gesundheitliche Probleme oder Verletzungen an. In einem Fall wurde ein 51-jähriger Brigadist wieder in seine Heimat geschickt. „It says much for Frank Ryan’s standing in Albacete that he could achieve this result, for most repatriations applied for by British or American volunteers were not entertained or delayed: the Republican high command [sic] needed such seasoned soldiers, and Marty was unhelpful because he had a clinching argument: The volunteers from Germany, Central, Eastern or South-Eastern Europe faced imprisonment, concentration 714 Brief Frank Ryan an die Liberty Press, 25. November 1937, CPI Box 58/045f, DCLA, Dublin. 715 Brief Frank Ryan an Johnny Nolan, 12. Dezember 1937, CPI Box 58/045m, DCLA, Dublin. 716 Zwar kam es wohl nicht zu Befehlsverweigerungen, aber man erkannte, dass der Enthusiasmus, der in den ersten Schlachten noch deutlich zu erkennen war, verflogen war. Baxell, Unlikely Warriors, 163. 717 Ibid. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 206 camps or worse if they went home.“718 Insgesamt war die Moral des britischen Verbands nicht gut. Nach dem Rückzug von der Front in Brunete bestand die Einheit lediglich aus 42 Kämpfern, mindestens 36 waren desertiert. Nach etwas Ruhe, einem Gespräch mit dem politischen Kommissar und dem Vertreter der Communist Party of Great Britain, Will Paytner, der als mitfühlender Zuhörer bekannt war, kehrte die gro- ße Mehrheit zur Einheit zurück. Um derartigen Vorfällen in Zukunft vorzubeugen, wurde Ryan die Aufgabe übertragen, „to work with the leading comrades until the [British] Battalion is once more in a strong position.“719 Das Weihnachtsfest verbrachte Ryan im Krankenhaus, um ein paar Tage auszuspannen.720 Außerdem hatte er sich während der ausgesprochen kalten Feiertage Erfrierungen an den Fingern und Zehen zugezogen.721 Wie viele seiner Briefe zeigen auch die Schreiben aus dieser Zeit Ryans konstantes Interesse am Irish Democrat, dessen Qualität, insbesondere die der letzten Ausgaben, er kritisierte. Das Ende der Zeitung war allerdings bereits besiegelt. Im Dezember 1937 stellte das Blatt sein Erscheinen ein. Obwohl Ryan wenig überrascht war, als er vom Ende des Blattes erfuhr, machte er seinem Ärger Luft. „It was its founders’ laziness that killed it. „I’M [sic] angry“. (…) It may be nice and easy for me to criticise from this distance, but I think you will agree at least that the paper was not availed of as fully as it could have been by Sean and Peadar.“722 Die Herausgeber hatten es versäumt, wichtige Entwicklungen und Themen des politischen Lebens in Irland anzusprechen, wie beispielsweise das Inkrafttreten der neuen irischen Verfassung im Oktober 1937, das neu erlassene Gesetz des „Public Safety Act“ oder die Spanien-Resolution, die während des Kongresses der nordirischen Labour-Partei verabschiedet wurde. Das Aus der Gazette bedeutete auch das Ende für Ryans Druckerei. Trotz der schlechten Nachrichten aus Dublin war Ryan jetzt mehr denn je entschlossen, seine Aufgabe in Spanien abzuschließen und nach dem bevorstehenden Besuch Sean Murrays nach Irland zurückzukehren. Dann plante er, sich Geld zu leihen, um sofort in die USA weiterreisen zu können.723 Im Januar 1938 war er nicht an der Front, sondern kümmerte sich hinter den Linien um die Fertigstellung seines Buches und moderierte Radiosendungen. Ryan zählte die Tage bis zu seiner Rückkehr nach Dublin. Als sich Mitte des Monats das Wetter besserte, hoffte er, bereits im April in New York bei Gerald O’Reilly sein zu können. Während sich besonders die Freunde und vor allem seine Familie große Sorgen um ihn machten, zeigen die Aufzeichnungen Ryans, dass andere Themen den Krieg als zentrales Thema seiner Arbeit und seines Denkens verdrängt hatten. Seine Schwester versuchte er zu beruhigen: „I suppose it’s the usual old lies the papers are printing at home that’s the cause of it (…) In all the time I’ve been here, I never had an easier life.‘“ Über seine Rückkehr nach Dublin fügte er hinzu: „(…) I’d stop this war and all wars if I could. But I haven’t got the power. Meanwhile, I’m under orders. 718 McLoughlin, Fighting for Republican Spain, 81f. 719 Ibid, 82. 720 Brief Frank Ryan an Johnny Nolan, 28. Dezember 1937, CPI Box 58/045e, DCLA, Dublin. 721 Hoar, In Green and Red, 209. 722 Brief Frank Ryan an Johnny Nolan, 28. Dezember 1937, CPI Box 58/045e, DCLA, Dublin. 723 Ibid; Brief Frank Ryan an Johnny Nolan, 12. Dezember 1937, CPI Box 58/045m, DCLA, Dublin. 4.3 Kampf dem Faschismus – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 207 And when I say that my orders will probably lead me home within a month, let no one try to panic me into running away before then. I came to do my share of the job. When I’m told my share is done, and that I’m to do something else, at home or elsewhere, I’ll do it. But while I’m here, under orders, it’s not helpful to be worrying unduly. More especially, when my present job is an easy one – compared with what others do (…) So long for the present. I’ll drop you a line next week. Meanwhile – call a general strike on worrying.“724 An einen Freund schrieb er: „But let me emphasise again that the war is neglecting me, and that it hurts the helluva a [sic] lot to get letters for various folk (…) worrying about my safety. I might get superstitious, (…), and die of sore toe.“725 Ryan machte auch noch einmal die Beweggründe für sein Engagement in Spanien deutlich: „I didnt [sic] come here to make a military reputation. My claim to a drop of the mountain dew, (…), is based simply on the fact that being a good Irishman I help to link up our own struggle with the International struggle. And N= B= [sic] if there was never an O’Duffy we should be here.“ Obwohl Ryan in seinen Briefen wenig über die militärische Lage in Spanien preisgab, äußerte er sich im Februar 1938 über die irische Berichterstattung. Diese thematisierte hauptsächlich die Ereignisse an der Aragon-Front. Dabei konzentrierte sie sich auf den Kampf um die Stadt Teruel. Ryan wollte erreichen, dass sich die Artikel auf die Strategie der republikanischen Truppen konzentrierten und den Erfolg nicht in Metern maßen, die dem Feind abgerungen wurden.726 Am 19. Februar 1937 informierte er seinen Freund Johnny Nolan, dass er die Arbeiten an seinem Buch über die XV. Brigade beendet hatte. „Latterly, I have been in the publishing line – believe it or not. The printing-shop is in a wilderness of rubble – about the only house to escape a direct hit. When I think of what one little shell could do to my masterpiece! However, my work in this place is ended (…).“ Trotz gesundheitlicher Probleme, sein vergrößertes Herz in Verbindung mit einer Erkältung727 hatten ihn geschwächt, schmiedete er Reisepläne.728 Entgegen Ryans Erwartungen konnte Sean Murray nicht nach Spanien kommen, sodass der Ire seinen Freund in Dublin aufzusuchen plante. Unter anderem sollte dort die weitere Vorgehensweise bei der Rekrutierung neuer irischer Freiwilliger abgestimmt werden. Es gab kaum Rekruten aus dem Freistaat selbst.729 Bei neuen Kämpfern handelte es sich in der Regel um „ty- 724 Cronin, Frank Ryan, 130f. 725 Brief Frank Ryan an Dony, 16. Februar 1938, CPI Box 5/045o, DCLA, Dublin. 726 Ibid. 727 Frank Ryan hatte schon seit Längerem Probleme mit seinem Herzen. Dies war in erster Linie auf seinen Lebenswandel in Dublin zurückzuführen. Die hohe Arbeitsbelastung, schlechte Ernährung und das Rauchen hatten zu der Erkrankung geführt. Nachdem er sich in seinem geschwächten Zustand auch erkältet hatte, war die Gefahr groß, dass der Infekt das Herz zusätzlich schädigen könnte. Cronin, Frank Ryan, 66f; Hoar, In Green and Red, 135. 728 Brief Frank Ryan an die Johnny Nolan, 19. Februar 1938, CPI Box 58/045p, DCLA, Dublin. 729 Die Rekrutierung erfolgte in erster Linie durch Propagandaartikel in der Zeitung Irish Democrat und durch Kundgebungen. Die Anzahl neuer Freiwilliger nahm ab Mitte des Jahres 1937 ab, als die Zahlen der gefallenen oder verwundeten Iren das Land erreichten. O’Donnell und Ryan rieten der Mehrheit der potentiellen Rekruten ab, denn beide Männer machten den Freiwilligen deutlich, dass im Fall einer schweren Verletzung oder des Todes kaum Mittel zur Verfügung standen, um den Le- 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 208 pische“ Emigranten, die Irland schon vor Jahren den Rücken gekehrt hatten.730 In Ryans Augen waren aber vor allem gut ausgebildete Mitglieder der IRA vonnöten.731 Die Arbeit an seinem Buch machte den Kontakt zu seinen Männern schwierig. In den Wochen zuvor war die Verbindung sogar ganz abgerissen. Daher plante er, noch vor seiner Abreise die zahlreichen Iren bzw. Freiwilligen irischer Abstammung zu besuchen. Nach der letzten Begegnung mit den neuen Freiwilligen gelangte Ryan zu dem wohlwollend formulierten Ergebnis, dass „We have laid a fine basis among English comrades. Strange to say the Irish need unit education. That’s why I regret that we have not more men of the Type of May, Fox and Keogh + the others. We don’t need leading cadres, but the IRA type, educated here, would be invaluable later on.“732 Ende Februar 1938 ging das Buch mit dem Titel „The book of the XV Brigade; records of British, American, Canadian, and Irish volunteers in the XV International Brigade in Spain, 1936–1938.“ im Auftrag des „Commissariat of War, XV. Brigade“ in Madrid erneut in Druck und der Weg nach Irland war somit für Frank Ryan frei. Zwischenzeitlich hatte sich die militärische Lage der republikanischen Truppen jedoch verschlechtert. Zwar hatten die republikanischen Truppen die Stadt Teruel zunächst erobert und somit bewiesen, dass ihre Streitkräfte zu einer Großoffensive in der Lage waren, ungeachtet der schwierigen Bedingungen, insbesondere der schlechten Wetterlage. Trotzdem war der Militärführung in Albacete klar, dass Franco von diesem Erfolg seiner Gegner überrascht war, aber die Rückeroberung der Provinzhauptstadt Teruel durch nationale Einheiten allein aus Prestigegründen alternativlos blieb, weshalb die republikanischen Truppen mit einem Gegenangriff rechnen mussten. Für dieses Unterfangen konnte der Generalissimo jedoch nicht auf die Luftunterstützung der deutschen „Legion Condor“ hoffen, die durch den erneuten Wintereinbruch und den einhergehenden Minusgraden nicht starten konnte. Für den Befehlshaber der deutschen Einheit, Wolfram von Richthofen, war Francos Entscheidung, anstelle von Madrid die strategisch unwichtige Stadt Teruel anzugreifen, nicht nachvollziehbar. Nach Einschätzung des Deutschen hätte ein kurzer und präziser Schlag gegen die spanische Hauptstadt den Krieg sofort beendet und die hohen Verluste der Schlacht um die Provinzhauptstadt vermieden. Dennoch führte das Großaufgebot der faschistischen Truppen, verstärkt durch italienische Verbände, wie das „Corpo di Truppe Voluntarie“733, zu einer hohen Zahl an Toten und Verletzten innerhalb der rebensunterhalt bzw. die Versorgung der Hinterbliebenen zu sichern. Hoar, In Green and Red, 187ff; Emmet O’Connor, The North West and the Spanish Civil War – Part 2. [Online]. o. D.. URL: http:// irelandscw.com/part-NWest.htm [24.02.2016]. 730 Ryan bezog sich mit dieser Aussage wahrscheinlich auf Freiwillige aus den USA und Großbritannien, die entweder irische Vorfahren oder das Land verlassen hatten. 731 Brief Frank Ryan an Dony, 16. Februar 1938, CPI Box 58/045o, DCLA, Dublin. 732 Brief Frank Ryan an Johnny Nolan, 19. Februar 1938, CPI Box 58/045p, DCLA, Dublin. 733 Insgesamt lag die Zahl der Soldaten, die Mussolini nach Spanien entsandte bei circa 50.000 Mann, einschließlich Luftwaffenpersonal. Glyn Stone, Italo-German Collaboration and the Spanish Civil War, 1936–1939. [Online]. 2009. URL: https://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source= web&cd=4&cad=rja&uact=8&ved=0ahUKEwjk48GMs_DMAhXC1SwKHdZeByYQFgg8MAM&ur l=http%3A%2F%2Feprints.uwe.ac.uk%2F11756%2F1%2FItalo-GermanCollaborationSCW.doc&usg =AFQjCNFhIxAa7sAoiir3C5RQN3u8lw1BPA [23.05.2016]. 4.3 Kampf dem Faschismus – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 209 publikanischen Reihen. Noch sah Ryan die Situation vergleichsweise gelassen und wies Behauptungen, die XV. Brigade sei ausgelöscht worden, entschieden zurück.734 Über die Toten und Verletzten schrieb er Johnny Nolan: „(…), considering the shelling, not too bad. And – no leading casualties.“735 Am 21. Februar 1938 eroberten faschistische Truppen die Stadt Teruel endgültig zurück. Noch bevor Ryan Spanien verlassen konnte, erreichten ihn am 9. März 1938 Berichte über den Durchbruch faschistischer Truppen an der Aragon-Front. Die Regierungsverbände wurden von dieser Entwicklung völlig überrascht. Ein Großteil der Führungsspitze der XV. Brigade befand sich im Urlaub. Nur einen Tag später fiel Belchite an Francos Einheiten. Der Rückzug verlief chaotisch. Alle Versuche sich neu zu formieren schlugen fehl. Die Kommandantur der republikanischen Verbände konnte nicht genau bestimmen, wo genau die feindlichen Linien verliefen und an welchen Stellen der Feind die Linien der Internationalen Brigaden durchbrochen hatte. Er schien zu diesem Zeitpunkt überall zu sein und die Situation spitzte sich immer weiter zu, denn auch die Kommunikation zwischen den einzelnen Truppenteilen war unterbrochen. Den republikanischen Einheiten gelang es erst am 15. März nördlich von Caspe, nahe dem Ebro, sich neu zu formieren und die Positionen für das entscheidende Gefecht einzunehmen. Francos Ziel war der Mittelmeerhafen Torosa, mit dessen Erreichen er das Regierungsgebiet in zwei Hälften zerteilt hätte. Um dies zu verhindern, beorderte die Armeeführung am 15. März 1937 Verstärkung aus dem Trainingslager der XV. Brigade ins Kampfgebiet. Unter den angeforderten Kämpfern befand sich auch Frank Ryan, dessen Rückkehr nach Irland mit dem Marschbefehl in weite Ferne rückte.736 Diese Entwicklung hatte für Ryan weitreichende Konsequenzen, die im folgenden Kapitel genauer dargestellt werden. Die Gefangennahme nahe Calaceite Als die republikanische Frontlinie in Aragon am 9. März 1938 durchbrochen wurde, hatten sich Ryans Pläne, nach Irland zurückzukehren, zerschlagen. Zusammen mit etwa 700 Mann traf er daraufhin Mitte März 1937 im Trainingslager in Albacete ein. Um die weiterhin stark unter Druck stehende Aragon-Front zu stabilisieren, hatte man zusätzlich weitere 800 Freiwillige aus Tarazona zum Trainingsstützpunkt beordert. Von dort aus wurde die XV. Brigade weiter in das Dorf Corbera beordert, wo die Kommandantur vorübergehend untergebracht war. Die Kämpfer erhielten den Befehl, zur Ortschaft Batea nahe der Stadt Gandesa zu marschieren; sie waren somit an der Front angekommen. Um die hohen Verluste an Soldaten zu kompensieren, hatte die Militärführung nicht nur damit begonnen, die spanischen Einheiten mit Freiwilligen aus verschiedenen Ländern aufzufüllen – die Verstärkungstruppen bestanden aus Amerikanern, Kanadiern, Briten, und Deutschen. Die Kommandantur der 4.3.2.7 734 Bertold Seewald, „Teruel – Eisige Wende im Spanischen Bürgerkrieg“, Die Welt, (28. Dezember 2012). [Online]. o. D.. URL: http://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article112266678/Ter uel-eisige-Wende-im-Spanischen-Buergerkrieg.html [06.06.2016]; Cronin, Frank Ryan, 131f. 735 Brief Frank Ryan an Johnny Nolan, 19. Februar 1938, CPI Box 58/045p, DCLA, Dublin. 736 Cronin, Frank Ryan, 132. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 210 Internationalen Brigaden war auch dazu übergegangen, ihre von hohen Verlusten geschwächten Verbände mithilfe von Spaniern zu ergänzen. Die Einheimischen verfügten, abgesehen von den Offizieren, noch über keinerlei Kampferfahrung und der bevorstehende sollte der erste Einsatz an der Front sein. Erschwerend kam hinzu, dass die Truppen von der Kommandantur nicht informiert worden waren, dass die republikanischen Linien nachgegeben hatten. Die schlechte körperliche Verfassung vieler Freiwilliger stellte ein weiteres Problem dar. Allein die XV. Brigade hatte schwere Verluste erlitten und bestand nur noch aus 500 Soldaten, die zudem noch völlig erschöpft waren.737 Im Hauptquartier der Kommandantur an der Kampflinie traf Ryan auf den amerikanischen Brigadekommissar Dave Doran, der dem Iren anbot, für ihn in der Leitung des britischen Bataillons zu arbeiten. Das Angebot nahm Ryan sehr gerne an, denn er freute sich, wieder für die britische Einheit als Soldat tätig zu sein. In einem Brief an Luigi Longo vom 28. März 1938, in dem er darum bat, dass sein Buch so schnell wie möglich veröffentlicht würde, äußerte er sich über seine neue Aufgabe: „They’re feeding me and giving me little jobs to keep me going. They’re a very good bunch, better than at any previous stage, I’d say!“738 Am 30. März 1938 erhielten die Kämpfer des britischen Bataillons, unter ihnen Frank Ryan, den Befehl, das Dorf Gandesa, den letzten Ort vor der Mittelmeerküste und damit das Einfallstor nach Tortosa, um jeden Preis zu verteidigen. Der Plan der Militärführung sah vor, dass sich die britische Einheit hinter der Stadt Calaceite mit dem kanadischen Mackenzie-Papineau Bataillon vereinigte. Von dort aus sollten die Brigadisten an die vermeintlich nur fünfzehn Meilen entfernte Front marschieren. Die Brigadeführung hatte die Kommandanten der einzelnen Verbände jedoch nicht darüber informiert, dass es keine Frontlinie mehr gab.739 In Artillerieformation marschierten die Truppen an der Stra- ße entlang. Um im Falle eines Angriffs die Verluste so gering wie möglich zu halten, gingen die Freiwilligen auf beiden Seiten der Straße, immer einer hinter dem anderen. Unter den Soldaten befand sich auch Frank Ryan. Nachdem er mit der anstehenden Veröffentlichung des Buches über die XV. Brigade seine Aufgabe in Madrid erledigt hatte, kehrte er zu seiner Truppe zurück. Das Kommando über die Einheit führte George Fletcher, der von Wally Tapsell als politischer Kommissar740 unterstützt wurde. Obwohl im Rang eines Majors, hatte Ryan innerhalb des Bataillons keine Kommandofunktion und befand sich deshalb in den Reihen der anderen. So unglaubhaft es auch im Rückblick erscheint, er trug weder Gewehr noch Revolver.741 Als im Tal unterhalb der Einheiten laute Motorengeräusche zu hören waren, entsandte man zwei Späher, die nicht zurückkehrten. Dann, um im Falle eines feindlichen Angriffs Feuerschutz zu haben, beorderte er die Maschinengewehrkompanie 737 Cronin, Frank Ryan, 133ff; McLoughlin, Fighting for Republican Spain, 87. 738 McLoughlin, Fighting for Republican Spain, 87. 739 Cronin, Frank Ryan, 133ff. 740 Nähere Informationen zu den politischen Kommissaren bzw. Politkommissaren finden sich in der Fußnote 599. 741 Doyle, Brigadista, 63. Doyle liefert keine Begründung, warum Kämpfer, die auf dem Weg an die Front waren, keine Waffen mit sich führten. 4.3 Kampf dem Faschismus – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 211 unter dem Kommando von Bob Doyle, in einer Kurve Stellung zu beziehen. Nachdem die Verbände schließlich den Posten passiert hatten, entschied Doyle, Ryan und den irischen Freiwilligen zu folgen.742 Der englische Freiwillige Joseph Leo Byrne schilderte die Gefangennahme am 31. März 1938: „We were all stretched out relaxing on the side of the road and suddenly Jack said, ‚There’s a tank coming down here, Joe‘. ‚Well it must be ours, the Listers are up there‘. Then three or four more came behind us and the drivers put their fist up and we thought, ‚Thank Christ for that,‘ you know, ‚They’re ours‘. Four or five more came down and swivelled round. They weren’t our bloody tanks at all. We were completely surrounded.“743 Auch Ryan und die hinter ihm folgenden Männer waren von dem plötzlichen Erscheinen der italienischen Verbände völlig überrascht. Die feindlichen Truppen forderten die republikanischen Soldaten auf, sich sofort zu ergeben und befahlen ihnen daraufhin in Deckung zu gehen. Um die nachfolgenden Einheiten der Internationalen Brigaden aufzuhalten, eröffneten die Faschisten das Feuer. Das gesamte britische Bataillon – unter den Soldaten befand sich auch Frank Ryan – ergab sich dann der Übermacht des Feindes. Die plötzliche Konfrontation mit den italienischen Verbänden hatte die Männer der 1. Kompanie völlig überrumpelt. Die Soldaten und der politische Kommissar Walter Tapsell nahmen an, dass sich die 11. Division der republikanischen Verbände, die sogenannte Lister Division,744 vor ihnen befände, weshalb auch der politische Kommissar der Einheit davon ausging, dass es sich um republikanische Panzer und Truppen handelte, die auf die eigenen Leute schossen. Tapsell rief einem Offizier zu, ob er denn verrückt geworden sei und seine eigenen Soldaten töten wolle. Der Faschist erschoss Wally Tapsell daraufhin mit einem Revolver. Erst jetzt hatte die britische Einheit erkannt, dass die Front zusammengebrochen war. Den Männern blieb in ihrer Situation nichts anderes übrig, als in Gefangenschaft zu gehen. Insgesamt ergaben sich am 31. März 1938 circa 150 Mann den italienischen Truppen.745 Besonders bitter war für Ryan, dass genau an diesem Tag sein Buch über die XV. Brigade erschien.746 Er war sich aber des Risikos, verletzt, getötet oder gefangen genommen zu werden, stets bewusst gewesen, denn in einem späteren Gespräch mit dem irischen Gesandten in Spanien, Leopold Kerney, sagte Ryan selbst, dass die Gefangennahme ohnehin unausweichlich gewesen war. Der irische Diplomat schrieb in seinem Bericht an das Außenministerium in Dublin: „He told me (…) that he had been let down in some way by a higher officer prior to his capture, that he had been slightly wounded in the leg and so could 742 Ibid, 63. 743 Joseph Leo Byrne, TSCWC – Sound Archive – Oral History Recordings, Hrsg., Trustees of the Imperial War Museum (London: British Library Cataloguing, 1996), 264. 744 Der Name geht auf den Kommandanten Enrique Linster zurück, der die Einheit während der Kampfhandlungen in Guadalajara, Brunete, Belchite und Teruel befehligt hatte. Hugh Thomas, The Spanish Civil War (London: Penguin Books, 2001), 529, 581. 745 Die tatsächlichen Zahlen differieren je nach Quelle. Ein anderer Augenzeuge, Garry McCartney, sprach von circa 120 Gefangenen. MacDougall, Voices from Spanish Civil War, 250. 746 Doyle, Brigadista, 64f; Hoar, In Red and Green, 211. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 212 not escape, but that he would certainly have been captured a few days later anyway.“747 Die Ungewissheit über ihr Schicksal belastete die Gefangenen sehr, hatten sie doch viele Gerüchte über Erschießungen republikanischer Soldaten durch die Faschisten gehört. Ein italienischer Offizier kam auf Ryan zu und sprach mit ihm. Der Ire signalisierte seinen Männern, sich hinzusetzen und nicht in Panik zu verfallen, denn genau dies könnte eine Tragödie auslösen, da die italienischen Truppen ebenso nervös waren, wie ihre britischen Häftlinge.748 Kurze Zeit später verlegte man alle republikanischen Gefangenen, die den gesamten Marsch, der sich über mehrere Kilometer hinzog, mit erhobenen Händen zurücklegen mussten. Dabei passierten sie sehr gut ausgerüstete und zahlenmäßig umfangreiche motorisierte Kolonnen der italienisch-spanischen Eliteeinheit Flechas Negras – der Black Arrows.749 Als sie auf weitere faschistische Verbände trafen, versuchten die franquistischen Spanier die italienischen Offiziere dazu zu bewegen, die Gefangenen mit Benzin zu übergießen. Viele Männer bespuckten die republikanischen Freiwilligen und sobald einer die Hände sinken ließ, wurde er von einem Bewacher mit vorgehaltener Waffe gezwungen, diese wieder zu heben.750 Der Tross bewegte sich zurück in Richtung Gefechtslinie, woraus die Gefangenen schlossen, dass ihre Exekution kurz bevorstand. Während des gesamten Marsches bemühte sich Ryan, die Moral der Männer aufrechtzuerhalten. Er erinnerte sie daran, warum sie in Spanien seien und wofür sie dort kämpften. Gleichzeitig ermahnte er seine Mannschaft, aufrecht und als Soldaten zu marschieren, um den Faschisten so zu beweisen, dass sie nicht das Gesindel seien, für das sie gehalten wurden.751 Dies ist besonders bemerkenswert, wenn man sich vor Augen führt, dass ein italienischer Offizier die Frage Ryans, ob man ihn nun erschie- ßen würde, bejaht hatte.752 Die Exekution sollte nicht sofort erfolgen, aber die Wachen trennten ihn von seiner Einheit. Er musste sich an einer Straße vor eine Gruppe Gefangener stellen. Durch Bajonettstöße versuchten Bewaffnete den Iren dazu zu bringen, den damals bei den italienischen Faschisten üblichen Gruß zu erwidern. Ryan jedoch blieb standhaft – sogar angesichts der Drohung, man werde ihn sofort erschießen. Die Italiener stellten Ryan tatsächlich vor ein Erschießungskommando und Soldaten der italienischen Black Arrows führten sogar eine Scheinhinrichtung 747 Bericht S. S. 10/11 „Visit to Frank Ryan, 18th June 1939. Your 244/8A.“, Leopold Kerney an den Sekretär im Außenministerium, 17. Juni 1939, DFA/10/A/20/2, NAI, Dublin. 748 William Kelly, „Prisoners of War“, Heroic Voices, 207. 749 La freccia nera, so die italienische Bezeichnung der Einheit, war eine gemischte Truppe, bestehend aus spanischen Mannschaften und italienischen Offizieren. Die Black Arrows, wie sie von den Internationalen Brigaden auch genannt wurden, bildeten einen Teil der italienischen Infanterie und standen unter dem Kommando von General Mario Roatta. Die Soldaten waren zuerst an der Biskaya-Front und im Baskenland eingesetzt, um dann im August 1937 an der Aragon-Kampflinie zu kämpfen. Patrick Cloutier und Regio Esercito, The Italian Royal Army in Musssolini’s Wars, 1935– 1943 (www.lulu.com, 2013), 23; Alejandro de Quesada, „The Spanish Civil War (1): Nationalist Forces“, Men-at-Arms Nr. 495 (Mai 2014): 21. 750 Bob Doyle, „Prisoners of War“, Heroic Voices, 202f. 751 Augenzeugenbericht „Statement – Made Re Frank Ryan – International Brigader By American Comrade – Prisoner With Ryan In Spain.“ 1942 (?), IBAB, 28/G/3, MML, London. 752 Interview mit William Kelly, 1976, TSCWC – 819/1 – William Kelly, IWMSA, London. 4.3 Kampf dem Faschismus – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 213 durch.753 Ryan zeigte sich wenig beeindruckt von der italienischen Übermacht. Als feindliche Soldaten dazu übergingen, die Schuhe und Kleidungsstücke der Gefangenen zu konfiszieren, forderte der Ire den Kommandanten auf, die Gegenstände sofort zurückzugeben. Der Italiener war von dieser Verwegenheit derart überrascht, dass er Ryans Forderung sofort nachkam und die Rückgabe der gestohlenen Gegenstände befahl.754 Tatsächlich bestand für den Journalisten keine akute Gefahr mehr, sofort hingerichtet zu werden. Denn ein Befehl, der den republikanischen Freiwilligen bis dahin nicht bekannt war, ordnete an, dass republikanische Gefangene nicht exekutiert werden sollten, um sie gegen in republikanischem Gewahrsam befindliche Italiener und Deutsche austauschen zu können. Abgesehen davon war Ryan nicht bewusst, dass seine Gefangennahme, die eines hochrangigen Offiziers der Internationalen Brigaden, für die franquistische Propaganda ausgeschlachtet werden würde.755 Laut der Aussage des Amerikaners Max Parker, Ryans Übersetzer und Fahrer in der Transporteinheit der XV. Brigade – einige Stunden vor dem Iren in Gefangenschaft geraten – war es wahrscheinlich nicht nur diese Tatsache, die Ryans Leben rettete. Die italienischen Führungsoffiziere zeigten sich möglicherweise beeindruckt von dem starken Willen des Iren, der sich ihren Befehlen so vehement und entschlossen widersetzte.756 Während der folgenden Marschpause begannen die italienischen Offiziere, die den Gefangenenkonvoi begleiteten, den Iren zu befragen. Bob Doyle, ein irischer Freiwilliger, der zusammen mit Ryan in Calaceite in faschistische Gefangenschaft geraten war, erinnerte sich später an weitere Verhöre. Vor allem Informationen bezüglich der gesamten Truppenstärke der im Kampf eingesetzten Verbände, die Namen der Führung der republikanischen Einheiten, deren Bewaffnung und Hinweise auf die Moral der Soldaten waren von großem Wert für die Faschisten. Ryan sollte sogar die genauen Positionen der republikanischen Verbände auf einer Karte zeigen. Aber er weigerte sich, Informationen, die über seine persönlichen Daten hinausgingen, preiszugeben. Ein weiteres Verhör, diesmal durch einen spanischen Offizier, konnte Ryan ebenso wenig dazu bewegen, die gewünschten Angaben zu machen. Der fehlende Gehorsam brachte den Italiener dazu, Ryan ins Gesicht zu schlagen. Und nur das Einschreiten zweier Kameraden bewahrte diesen davor, sich auf den Truppenführer zu stürzen. Nicht zuletzt wegen dieses Vorfalls machten sich die Mitgefangenen große Sorgen um Ryan, denn die faschistischen Truppen standen ja nach wie vor in dem Ruf, von der bei ihnen gängigen Praxis Gebrauch zu machen, die Offiziere der Gegenseite gleich bei der Festnahme zu erschießen. Zwar wiesen keine sichtbaren Abzeichen auf Ryans Rang hin, aber durch seine Uniform – er trug Leggins, Stiefel, aber keinen Hut – war er klar als Truppenführer erkennbar.757 Ein Umstand, der ihn für die italienische Führung als Informationsquelle wichtig machte. Der amerikanische 753 O’Riordan, Connolly Column, 120. 754 Communist Party of Great Britain (CPGB), They fought in Franco’s jails: how members of the British Battalion of the International Brigade organised after being taken prisoner by the fascists (London: Communist Party of Great Britain, 1939), 6. 755 O’Riordan, Connolly Column, 120. 756 Cronin, Frank Ryan, 136. 757 McGarry, Frank Ryan, 58; Doyle, Brigadista, 65ff. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 214 Brigadist Max Parker, der auch in Gefangenschaft geraten war, wurde von Francos Soldaten im gleichen Lager untergebracht wie die Soldaten der 1. Kompanie. Parker war Augenzeuge, als ein faschistischer Offizier Ryans Einheit verhörte. Der Italiener fragte nach dem Verantwortlichen und Ryan gab sich sofort zu erkennen. Zwar versuchten die anderen Häftlinge, die um sein Leben fürchteten, ihn zurückzuhalten, aber der Journalist sagte einfach nur: „I am.“. Es folgte eine weitere Verlegung. Gegen Mittag brachte man sie in ein Gebiet abseits der Hauptstraße, westlich von Gandesa in Richtung Calaceite. Der Ire verlangte nun lautstark nach Wasser und Essen für die Männer. Gegenüber einem italienischen Offizier wiederholte Ryan seine Forderung. Anstatt die Männer mit dem Nötigsten zu versorgen, teilte dieser den Gefangenen mit, dass der Ort Gandesa gefallen wäre. Diese Nachricht konnte und wollte Frank Ryan nicht glauben und er äußerte seine Zweifel auch offen.758 Zwischenzeitlich war ein weiterer Vertreter der nationalistischen Seite, diesmal ein Deutscher759, zu der Gruppe, die aus dem Iren, seinem Übersetzer Parker und dem italienischen Faschisten bestand, gestoßen.760 Ein amerikanischer Freiwilliger beschreibt die Szene: „An important German officer then came up and asked for the C. O. and there followed an exchange of words between Frank and the Nazi. German [sic] obviously had come to provoke us as he accused the British of acousing [sic] the mess and trouble in Spain, and asked Frank what he was doing in Spain. The conversation was carried on in English. Hr [sic] then accused Frank of being a Communist. Frank became more and more angry and replied that he was a member of the IRA and had struggled for the rights of the Irish people, therefore that he had felt the fight in Spain his fight. He said that as a leader of a peoples’ movement he had more right there than the Nazi and that if he were a Communist he would be proud of it. This was all said in a firm voice and his bearing was always that of a leader. The German appeared surprised and said „you are a brave man, I wish you luck“ and shook hands with Frank. He also turned and offered best wishes to the whole group. I feel that he had come to taunt and create panic but was checked by Frank’s attitude.“761 Schon nach seiner ersten Befragung durch italienische Offiziere, 758 Diese Nachricht war in der Tat falsch. Die Stadt fiel erst am 3. April 1936. 759 Bei diesem Offizier soll es sich um den SS‑Hauptsturmführer Paul Winzer gehandelt haben, der in der SS-Einheit „SD-Gestapo“ diente. R. und G.-Fragebogen – Paul Winzer, SS‑Hauptsturmführer, o. D., RS Winzer Paul, Berlin Document Center (BDC), BArch, Berlin. Der Deutsche wurde 1936 nach Spanien entsandt, um vor Ort die weitere politische Entwicklung zu beobachten und Bericht zu erstatten. Berlin interessierte sich insbesondere für die Entwicklung des Bolschewismus. Er kam im Jahr 1936 nach Madrid, um an der deutschen Botschaft in Madrid als Polizeiattaché tätig zu werden. Seine Aufgabe bestand darin, die örtlichen Behörden im Abwehrkampf gegen den Kommunismus und Anarchismus zu unterstützen und besonders deutsche emigrierte Marxisten zu beobachten und die Informationen der Gestapo zur Verfügung zu stellen. Brief der Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei an den Gesandten Vicco von Bülow-Schwante, 24. November 1936, Spanien – Tätigkeit des SD, d. Abwehr, d. Agenten und Polizeiattachés 1936– 1944, Inland II g, R 100781, PA, AA, Berlin. 760 Landis, Abraham Lincoln Brigade, 491f. 761 Augenzeugenbericht „Statement – Made Re Frank Ryan – International Brigader By American Comrade – Prisoner With Ryan In Spain.“ 1942 (?), IBAB, 28/G/3, MML, London. 4.3 Kampf dem Faschismus – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 215 so berichtete ein amerikanischer Freiwilliger, vermutlich Max Parker, habe Ryan seinen Kameraden mitgeteilt, dass man ihn zum Tode verurteilt habe. Eine erneute Verlegung der Gefangenen stand an. Kurzerhand wurde eine verwaiste Kirche in Alcañiz zum Lager umgewandelt. Wieder einmal befragte man die Gefangenen, dieses Mal führte das Verhör die italienische Geheimpolizei Organizzazione di Vigilanza e Repressione dell’Antifascismo, kurz Ovra.762 Ryan trennte man zu diesem Zweck von den anderen Häftlingen. Während der Vernehmung bestätigten die Italiener nochmals die bereits gegen ihn verhängte Todesstrafe. Für die Soldaten waren die Bedingungen insgesamt hart. Es gab weder Wasser noch Nahrungsmittel und als Toilette mussten sie den Bereich hinter dem Altar nutzen. Später konnten Journalisten und Fotografen das Gotteshaus inspizieren und sich ein Bild von den Hinterlassenschaften der republikanischen Gefangenen machen. Dies geschah mit dem Hintergedanken, über ein Beispiel für die Schändung der Kirchen durch die Roten zu verfügen.763 Am 3. April 1938 brachten die Italiener die Häftlinge ins Gefängnis nach Saragossa.764 In erster Linie sollten die Häftlinge dort auf den anstehenden Besuch der Presse vorbereitet werden. Dies bedeutete konkret, sich an die Regeln und die Anordnung der Wärter zu halten. Darunter fiel auch der faschistische Gruß, der immer vorgeführt werden musste, wenn es angezeigt war. „But Frank Ryan gave us a very good lead when he said, ‚Don’t give the Fascist salute, comrades. We’re British. And we have rights under the edict of the League of Nations to respect to what they may or may not do to us. And I would think that we are on safe grounds not to give the Fascist salute.‘“765 Es kam sogar zu einer Abstimmung und man einigte sich auf einen Kompromiss. Anstelle des faschistischen Grußes wurde der britische Salut ausgeführt. Damit enttäuschte man die anwesenden Journalisten, denn die franquistischen Behörden und die Vertreter der europäischen Presse hatten erwartet, dass mehrere hundert britische und irische Freiwillige wenige Tage nach ihrer Gefangennahme auf Kommando den faschistischen Gruß ausführen und auf diese Weise den Beweis liefern würden, dass Franco der linken Regierung überlegen war. Sein Landsmann und Mitgefangener Bob Doyle erinnerte sich daran, dass die Häftlinge, eingeschüchtert durch die Aussicht erschossen zu werden, ihre Meinung änderten und den faschistischen Gruß doch noch ausführten. Frank Ryan blieb trotz der anhaltenden Drohungen standhaft. Er würde dem Befehl nur Folge leisten, „only when a pistol is placed against my forehead.“766 762 Die italienische Geheimpolizei, die Organizzazione di Vigilanza e Repressione dell’Antifascismo, kurz OVRA, wurde im Jahr 1926 gegründet und hatte ihren Ursprung in der politischen Abteilung der italienischen Staatspolizei. Für den Generalissimo hatte die OVRA große Bedeutung, denn sie sicherte Mussolinis Macht im Land. Die Organisation kontrollierte dabei nahezu alle Bereiche des öffentlichen Lebens, um, so die primäre Aufgabe der OVRA, jegliche anti-faschistische und kommunistische Aktivität und Stimmung im Land im Keim zu ersticken. E. K. Bramstedt, Dictatorship and Political Police: The Technique of Control by Fear (Abingdon: Routledge, 2003), 51ff. 763 Doyle, Brigadista, 67; Cronin, Frank Ryan, 137. 764 Augenzeugenbericht „Statement – Made Re Frank Ryan – International Brigader By American Comrade – Prisoner With Ryan In Spain.“ 1942 (?), IBAB, 28/G/3, MML, London. 765 MacDougall, Spanish Civil War, 250. 766 MacDougall, Spanish Civil War, 250; Doyle, Brigadista, 70. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 216 Vor dem zu Propagandazwecken stattfindenden Pressetermin trennten Wärter den Iren von den anderen Häftlingen. Um trotzdem auf das Schicksal ihres Kameraden hinzuweisen, hatten die verbliebenen Brigademitglieder den Plan gefasst, gegen- über jedem Journalisten Ryan zu erwähnen.767 Vor diesem ersten Pressebesuch stand jedoch die Verlegung der Gefangenen von Saragossa nach Burgos, der Hauptstadt des faschistischen Spaniens, an. Ziel war das zehn Kilometer entfernte Konzentrationslager in San Pedro de Cardeña. Das ehemalige Kloster wurde seit den 1920er Jahren nicht mehr benutzt, war sehr baufällig und entsprechend schlecht war die Unterbringung der Häftlinge. Die Versorgung mit Lebensmitteln beschränkte sich auf minimale Rationen, bestehend aus Bohnen und ein paar Sardinen. Insgesamt betrachtet waren die Bedingungen für die Gefangenen mehr als unzureichend, zumal die Insassen auch noch unter der extremen Überbelegung litten.768 Neben den 3.000 spanischen Gefangenen hatten die Behörden auch alle gefangenen Angehörigen der Internationalen Brigaden hier inhaftiert. Die 653 Häftlinge aus verschiedenen Ländern waren gezwungen, sich zwei Räume zu teilen. Viele Häftlinge litten unter sich schnell ausbreitenden Krankheiten, am häufigsten traten Fieber, rheumatische Beschwerden, Durchfall und Magenkrämpfe, Infektionen und Geschwüre auf. Eine große Zahl Inhaftierter klagte über lose Zähne und offene Wunden. Die schlechte Behandlung und die unzureichende medizinische Versorgung, derentwegen einige Gefangene sogar starben, bekam Ryan selbst zu spüren. „Frank was often lying down on part of our floor; he appeared to be ill a lot of the time.“ Er litt unter Fieber und Magenbeschwerden. Seine Mitgefangenen kauften von wohlwollenden Aufsehern etwas Medizin und zusätzliche Essensrationen, woraufhin er sich wieder erholte.769 Abgesehen davon litten die Männer unter der Langweile, die die Haft mit sich brachte und die sich zum Problem zu entwickeln drohte. Abhilfe schaffte der Spanischunterricht in kleinen Gruppen, den einige Insassen organisiert hatten. Schnell stellte sich der Erfolg der Maßnahme ein und man begann damit, weitere Kurse anzubieten und in den Schlafräumen provisorische Klassenzimmer einzurichten. Auch Ryan, den viele als den besten Lehrer bezeichneten, unterrichtete im Konzentrationslager.770 Bald konnten die Männer Kurse in einer Vielzahl europäischer Sprachen belegen, an politischen Gesprächsrunden teilnehmen, Vorträge zur Geschichte der Arbeiterklasse sowie der Internationalen Brigaden, außerdem über Geografie, Mathematik, Wirtschaft und sogar Elektrizitätslehre hören. Darüber hinaus beschäftigten sich einige Insassen damit, über drei Monate hinweg die Lagerzeitung San Pedro Jail News zu publizieren. Hauptsächlich be- 767 Augenzeugenbericht „Statement – Made Re Frank Ryan – International Brigader By American Comrade – Prisoner With Ryan In Spain.“ 1942 (?), IBAB, 28/G/3, MML, London. 768 Abgesehen von den überaus brutalen Wärtern kontrollierte, gemäß der Schilderung des schottischen Gefangenen Garry McCartney, die Gestapo das Lager. Laut seiner Aussage waren mindestens drei deutsche Mitarbeiter der Organisation vor Ort. Die Insassen mussten regelmäßig Erklärungen abgeben. Neben ihrem Namen und ihrer Heimatanschrift wollten die Deutschen wissen, warum sie in Spanien waren, ob sie ein Gewehr getragen hatten und ähnliche Dinge. MacDougall, Voices from Spanish Civil War, 252. 769 MacDougall, Voices from Spanish Civil War, 252; Cronin, Frank Ryan, 145; Doyle, Brigadista, 69f, 80. 770 Norman E. Dorland, „In Franco’s Prison Camp – An American Reports His Experiences“, New Masses (22. November 1938): 17. 4.3 Kampf dem Faschismus – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 217 richtete man über politische Entwicklungen; ein Leitartikel, eine humoristische Kolumne, Artikel über die verschiedenen Aspekte des Lebens in San Pedro de Cardeña sowie eine Gesellschaftskolumne wurden erstellt. Als klar wurde, dass auch der Kommandant das Blatt las, wurden keine weiteren Ausgaben mehr veröffentlicht. Die beteiligten Häftlinge fürchteten sich vor der Reaktion der spanischen Lagerleitung. Aufgrund der großen Enge, die die Überbelegung verursachte, kam es immer häufiger zu Konflikten unter den Gefangenen. Diese sollten eigentlich unverzüglich den Wärtern mitgeteilt werden, doch entgegen dem Willen der Lagerleitung formierte sich unter den Internationalen ein Komitee, welches über auftretendes Fehlverhalten von Mitgefangenen urteilte und Strafen aussprach. Alle Häftlinge unterstützten diese Vorgehensweise, hätte doch die Meldung an die spanischen Wärter schwerwiegende Folgen in Form von massiven Schlägen zur Folge gehabt.771 Als im Camp Brot verschwand und der Dieb auf frischer Tat ertappt worden war, beschäftigte sich das Tribunal auch mit diesem Fall. Als Vorsitzender fungierte Frank Ryan. Angesichts der herrschenden Umstände bewertete er das Vergehen selbst, die Notwendigkeit und den Zweck einer Sanktionierung der Tat folgendermaßen: „‚Our circumstances here make it necessary for us to take a different attitude toward stealing. We are in the hands of the fascists and what they have in store for us we do not know. But we do know that it is important that we stand together, fully united. And to be united, we must be able to trust each other, and we must look out for each other. It is because stealing a small piece of bread threatens this all-important unity we treasure so highly that this court has been convened. The object is not so much to punish the guilty as it is to preserve and strengthen our unity as we face our fascist jailers.‘“772 Das Tribunal verzichtete mit Blick auf die Brutalität der spanischen Wärter auf eine körperliche Züchtigung. Als Strafe musste der Dieb für einige Zeit einen Teil seiner eigenen Brotration abgeben. Die Wahl Ryans zum Vorsitzenden war keine Überraschung, machte er doch gegenüber den faschistischen Wärtern immer deutlich, dass er sich für seine Mitgefangenen verantwortlich fühlte. Diese Einstellung vertrat er auch gegenüber der Gefängnisleitung und er versuchte, bei auftretenden Missständen schnell Abhilfe zu schaffen. Als im Mai 1938 ein Journalist seinen Besuch im Lager angekündigte hatte, nutzte Frank Ryan die Gelegenheit, auf die dort herrschenden Zustände aufmerksam zu machen. Die Führung durch die Unterkünfte wurde von der Gefängnisleitung jedoch verboten. Ein Mitgefangener berichtete, dass die Spanier daraufhin versuchten, den Iren zu kaufen und von den restlichen Gefangenen zu trennen. Man bot ihm eine umfangreichere medizinische Versorgung an und zusätzlich stellte man ihm in Aussicht, von den Reglementierungen der Anstalt befreit zu werden. Er lehnte dies ab und verlangte im Gegenzug eine Verbesserung der Haftbedingungen. Seine Forderungen wiederholte er auch beim Besuch eines Vertreters der britischen Botschaft. 771 CPGB, They fought in Franco’s jails, 11. 772 Carl Geiser, Prisoners of the Good Fight – The Spanish Civil War 1936–1939 (Westport: Lawrence Hill & Company, 1986), 113. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 218 Entgegen anderslautender Versprechen änderte sich nichts an den Lebensbedingungen in San Pedro de Cardeña.773 Nach einigen Wochen im Gefangenenlager begannen die spanischen Behörden damit, über hundert britische Gefangene aus dem Lager zu entfernen. Frank Ryan war einer von ihnen. In Handschellen und mit unbekanntem Ziel verließ er das Camp.774 Anfangs dachten er und seine Mitgefangenen noch an seine Freilassung. Viele hofften, dass Ryan ihren Familien dann Nachrichten zukommen lassen könnte.775 Erst später erfuhren die Mithäftlinge vom britischen Vertreter in Burgos, Colonel C. C. Martin, dass der irische Offizier nach Burgos verlegt worden war, wo er hingerichtet werden sollte. Der Mithäftling C. C. Kent vermutete hinter Ryans Verlegung Kalkül: Weil der Ire sich nicht einschüchtern ließ, musste man seiner und des Gefangenenlagers auf anderem Wege Herr werden. Ein Bericht des irischen Gesandten Leopold Kerney untermauerte diesen Eindruck. Der Reporter der New York Times, William Carney, bemerkte in einem Gespräch mit dem Diplomaten, dass die amerikanischen Gefangenen in San Pedro de Cardeña seit Frank Ryans Verlegung sehr viel fügsamer waren und die Behörden keine Probleme mehr hätten.776 Ein Journalist der Agentur Reuters fasste die Situation des Iren treffend zusammen. Ryans Haltung „(…) was enough to turn all sympathy from him, and he was of the opinion that Ryan was his own worst enemy.“777 Während Frank Ryan in Burgos auf seine Hinrichtung wartete, waren Veränderungen der politischen Lage eingetreten. Auf internationaler Ebene hatte das Münchner Abkommen zwischen Großbritannien, Frankreich, Italien und dem Deutschen Reich Auswirkungen auf die sowjetische Außenpolitik. Moskau setzte auf eine Annäherung an die faschistischen Staaten und sicherte zu, sich bis zum Sommer 1938 aus Spanien zurückzuziehen. Die republikanische Regierung gab daraufhin bekannt, die Internationalen Brigaden aufzulösen. Man hoffte, dass durch diesen Schritt der Völkerbund den Druck auf Franco erhöhen und auch er seine deutschen und italienischen Verbände abziehen würde. Am 6. Dezember 1938 schickte die Führung der Internationalen Brigaden die verbliebenen Freiwilligen der XV. Brigade in ihre Heimatländer zurück. Ein Großteil der irischen Soldaten jedoch kehrte nicht heim, waren sie doch als Kommunisten gebrandmarkt. Die Regierung in Dublin erachtete die Spanien-Veteranen als potenzielle Bedrohung und ordnete an, alle Rückkehrer genau zu beobachten. Deren Zahl lag bei 84 Männern, denn 61 Soldaten der insgesamt circa 145 irischen Freiwilligen, die aufseiten der spanischen Regierung gekämpft hatten, 773 Geiser, Prisoners of the Good Fight, 113f; Bericht von C. C. Kent, „Report on Frank Ryan“, 15. November 1938, DFA/10/A/20, NAI, Dublin. 774 Bericht der British Agency, Burgos, C. B. Jerram an Viscount Halifax, 29. Juni 1938, DFA/10/A/20, NAI, Dublin. 775 Interview mit Robert Doyle, o. D., TSCWC – 806/04 – Bob Doyle, IWMSA, London. 776 Bericht von C. C. Kent, „Report on Frank Ryan“, 15. November 1938; Bericht von Leopold Kerney, „Frank Ryan. Your 144/35.“, 3. Oktober 1938, DFA/10/A/20, NAI, Dublin. 777 Bericht Kerney „Thomas GUNNING and Frank RYAN“ an den Sekretär im Außenministerium, 7. Juni 1938, DFA/4/244/22, NAI, Dublin. 4.3 Kampf dem Faschismus – Frank Ryan und die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 219 waren an der Front gestorben.778 Der Krieg in Spanien war jedoch noch nicht zu Ende. Die republikanischen Verbände starteten im Juli 1938 ihre letzte große Offensive am Ebro. An diesem Angriff waren auch die verbliebenen Freiwilligen der Internationalen Brigaden beteiligt. Diese Schlacht war nach Einschätzung der republikanischen Regierung kriegsentscheidend; deshalb konzentrierte man seine Truppen und Generäle am Ufer des Stroms.779 Nach anfänglichen Erfolgen scheiterte die republikanische Offensive. Im Gegensatz dazu war Francos Gegenangriff erfolgreich, nicht zuletzt wegen der deutschen und italienischen Unterstützung. Die nationalen Truppen rückten schnell in das Gebiet der Regierung vor und besetzten im Januar 1939 Barcelona. Das restliche Staatsgebiet der Republik konnte General Franco in nur zwei Monaten einnehmen. Am 1. April 1939 erklärte er den Spanischen Bürgerkrieg für beendet.780 Noch vor dem offiziellen Ende der Kampfhandlungen erfuhr die Regierung in Dublin von der Inhaftierung Frank Ryans und weiterer irischer Staatsangehöriger. Daraufhin übertrug das Außenministerium der irischen diplomatischen Vertretung in Spanien die Aufgabe, sich mit den spanischen Behörden in Verbindung zu setzen und nähere Informationen über den Verbleib der Gefangenen in Erfahrung zu bringen. Die Gefangennahme Ryans beschäftigte die Behörden in Irland und Großbritannien die nächsten Jahre. Aber auch für den Inhaftierten selbst hatte seine Gefangenschaft einen entscheidenden Einfluss auf seinen weiteren Lebensweg. Nachfolgend wird diese wichtige Phase im Leben Ryans ausführlich dargestellt und die Auswirkungen auf die diplomatischen Beziehungen zwischen Irland, Großbritannien, Deutschland und Spanien werden näher beleuchtet. 778 McGarry, Irish Politics & Spanish Civil War, 80; O’Riordan, Connolly Column, 138. Statistisch gesehen steht ihre Zahl repräsentativ für die gesamten Verluste der Internationalen Brigaden. 779 Geheime Kommandosache betreff die Lage in Rotspanien, 1. November 1938, RM 20/1396, BAMA, Freiburg. 780 Dr. Dieter Wienberg, Katalonien im spanischen Bürgerkrieg (1936–1939): 89. [Online]. Januar 2006. URL: http://www.wienberg.es/wp-content/uploads/2011/08/Katalonien_im_spanischen_Buergerkri eg.pdf [12.12.2012]. 4 Europa im Umbruch – Der Spanische Bürgerkrieg 220

Chapter Preview

References

Abstract

The book describes the life and times of the well-known Irish Republican Francis „Frank“ Ryan. Ryan who fought for an all-Irish Republic and followed the political ideas of James Connolly and Charles Stewart, decided to fight fascism on the European continent and entered the Spanish Civil War on the side of the republican forces. While being in combat having the rank of a major in the International Brigades, he was captured in 1938 and became Franco’s most important prisoner. He had to endure two years in Burgos Prison before, due to the intervention of the German Abwehr, he had the chance to leave Spain with an option to return home. Instead of going back to Ireland, he ended up in Nazi-Germany at the beginning of the Second World War. Considering this background the book also examines the diplomatic relations between Ireland and Germany in the first half of the 20th century.

Zusammenfassung

Dieses Buch befasst sich mit der Lebensgeschichte des bekannten irischen Nationalisten Francis „Frank“ Ryan, der sich zeit seines Lebens für die Wiedervereinigung der grünen Insel und die vollständige Unabhängigkeit von Großbritannien eingesetzt hat. Seine linksgerichteten politischen Überzeugungen führten ihn als Kämpfer für die republikanische Regierung nach Spanien. Dort kämpfte er in den Reihen der Internationalen Brigaden und geriet als Francos wichtiger Gefangener in die Hände der Faschisten. Durch die Intervention der deutschen Abwehr kam er frei und fand sich im Deutschland der 1940er Jahre wieder. Vor dem Hintergrund seiner Lebensgeschichte wird auch die Entwicklung der politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Irland beleuchtet.