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1 Einleitung in:

Katja Christina Hirmer

Frank Ryan, page 1 - 6

Nationalist, Freiheitskämpfer – und Nazi-Kollaborateur?

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4398-1, ISBN online: 978-3-8288-7391-9, https://doi.org/10.5771/9783828873919-1

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Einleitung Zwei Weltkriege, die Weltwirtschaftskrise, die Erstarkung des Faschismus und des Kommunismus stellen geschichtliche Ereignisse und Entwicklungen dar, die Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entscheidend geprägt haben und Einfluss auf viele Staaten, unter anderem Irland, nahmen. Vor diesem Hintergrund kommen als sehr einschneidende Ereignisse der Geschichte des kleinen Landes der Osteraufstand gegen die britische Herrschaft im Jahr 1916, der in den Jahren 1920 und 1921 folgende Unabhängigkeitskrieg, die Gründung des irischen Freistaates sowie der daraus resultierende Bürgerkrieg nur ein Jahr später hinzu. Diese Entwicklungen prägten eine ganze Generation, die, wie der Historiker John P. Duggan in einem Interview anmerkte, „(…) greener than green“1 war. Ihre Heimat und ihre Identität als Iren standen im Fokus eines Kampfes von Menschen, zu denen auch Frank Ryan gehörte. Und auch wenn dieser bedeutende Mann im Laufe der Zeit mehr und mehr in Vergessenheit geraten zu sein scheint, so hatte er doch großen Anteil am Werden des modernen irischen Staates. Früh prägte Frank Ryan der irische Kampf gegen die britische Besatzungsmacht. Seinem großen Vorbild James Connolly2 folgend, machte er sich für eine unabhängige irische Republik mit sozialistischen Tendenzen stark und entwickelte sich in der Folgezeit zu einem der wichtigsten Vertreter linker Kreise im Freistaat. Er setzte sich für bessere Erwerbs- und Lebensbedingungen ein und unterstützte gleichermaßen die Werktätigen im Süden und im Nordosten der Insel. Ryan trug auch zur Abspaltung des linken Flügels der irischen Untergrundarmee, der Irish Republican Army, bei. Diese Gruppe innerhalb der Organisation lehnte den traditionalistischen Mainstream innerhalb der rein auf ihren militärischen Zweck ausgerichteten Irish Republican Army, kurz IRA, ab und fügte dem Kampf um die Unabhängigkeit ganz Irlands mit dem Ziel der Errichtung einer Arbeiterrepublik eine ideologische Komponente hinzu. Es gelang der sich daraus entwickelnden Bewegung des Republican Congress jedoch nie, sich als ernsthafte politische Macht in Irland zu etablieren. Zeitgleich erlebte Europa den Aufstieg des Faschismus, dem sich eine heterogene europäische Opposition entgegenstellte. Ryans Engagement im Spanischen Bürgerkrieg aufseiten der republikanischen Kräfte setzte, auch im Namen seiner irischen Mitstreiter, ein Zeichen gegen den Faschismus. Während seiner aktiven Zeit als Soldat erwies sich Ryan nicht nur als effektiver Propagandist im Dienst der spanischen Regierung, sondern war bis zu seiner 1 1 Interview der Autorin mit John P. Duggan, Blackrock, Co. Dublin, 05. Mai 2007. 2 James Connolly war ein berühmter irischer Nationalist und Anführer des Osteraufstandes von 1916. Näheres zu James Connolly findet sich in Kapitel 3.2.1 Die politischen Aktivitäten Frank Ryans in den Jahren 1923 bis 1934. 1 Gefangennahme durch italienische Truppen im Verlauf mehrerer Offensiven auch an der Gefechtslinie aktiv im Einsatz. Während seiner zweijährigen Haft als wichtigster Gefangener des spanischen Machthabers General Francisco Franco setzte sich der Ire für seine Mithäftlinge ein. Neben seinem Engagement für personelle Veränderungen innerhalb des Gefängnisses, die er mit der Installation eines neuen, unpolitischen geistigen Beistands erreichte, verbrachte Ryan seine Zeit damit, Mithäftlinge in der englischen Sprache zu unterrichten. Wegen seiner Bekanntheit und aufgrund der guten Kontakte bis hinein in die irischen Regierungskreise bemühten sich diese nach Kräften, die Freilassung Frank Ryans zu erwirken. Es gab jedoch nicht nur Fürsprecher: Gegner Ryans setzten sich aktiv für dessen Verbleib in Francos Gefängnis ein. Als Resultat verengten die über Monate hinweg erfolglos gebliebenen Anstrengungen die Perspektiven Ryans scheinbar so, dass er sich genötigt sah, Allianzen einzugehen, die für einen Mann wie ihn in früheren Jahren undenkbar gewesen wären. Der überzeugte Anti-Faschist nahm das Angebot der deutschen Abwehr an, ihn aus der spanischen Gefangenschaft zu holen. Da für den Iren die Heimat stets im Mittelpunkt seines Interesses stand, sah er in der Liaison mit deutschen Stellen eine probate Möglichkeit, die ihm die Chance einer Rückkehr nach Irland bieten könnte. Auf deutscher Seite hingegen hoffte man, durch ihn die bestehenden Sympathien für das Dritte Reich innerhalb der irischen nationalen Kreise ausbauen beziehungsweise auch auf die linken Kräfte des Landes ausdehnen zu können. Dass die Irlandmission, die seine Rückkehr nach Hause bedeutet hätte, scheiterte, war ein herber Rückschlag für Frank Ryan. Der Russlandfeldzug rückte das deutsche Interesse an der Westfront in den Hintergrund. Dies führte dazu, dass Berlin seine Pläne für Irland aufgab. Nicht zuletzt diese Entwicklung zeigte, dass die Verbindung mit den Behörden des nationalsozialistischen Deutschland Frank Ryan nicht den erhofften Erfolg bescherte. Zudem machte der angeschlagene und sich stetig verschlechternde Gesundheitszustand Ryans dessen Einsatz für deutsche Zwecke zunehmend schwierig. Trotz einer weiterhin privilegierten Stellung im Berliner Exil war der Ire während seiner letzten Lebensjahre und insbesondere im Laufe der finalen Monate mehr geduldet als wirklich willkommen. Einzig die wenigen Freunde im Reich versuchten ihm sein Dasein zu erleichtern. Im Juni 1944 verstarb Frank Ryan nach längerer Krankheit in einem Sanatorium in Dresden, ohne je wieder in seine Heimat zurückgekehrt zu sein. Der oben geschilderte Aspekt deutsch-irischer Beziehungen ist nicht nur in Bezug auf die Person Frank Ryans bedeutsam. Auch der große politische Hintergrund, die Entwicklung der Beziehungen zwischen beiden Ländern, insbesondere unter Berücksichtigung der erwähnten bedeutsamen geschichtlichen Ereignisse in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, verdient Aufmerksamkeit. Dennoch bringt man hierzulande – abgesehen von einigen Forschungsarbeiten zum Themenbereich – weder den diplomatischen Verbindungen zwischen dem irischen Freistaat und dem Deutschen Reich während des 20. Jahrhunderts noch der irischen Geschichte in der Epoche – großes Interesse entgegen. Dabei faszinieren die nicht immer offensichtlichen politischen Verflechtungen beider Länder aufs Äußerste. Wie bereits angedeutet, war Irland bis zum Jahr 1916 kein eigenständiger Faktor deutscher Außenpolitik. 1 Einleitung 2 Vielmehr erachtete Berlin die Insel als Teil des britischen Königreichs, zu dem das Deutsche Reich diplomatische Beziehungen unterhielt. Durch die schwelenden Konflikte und den Kampf um die Vormachtstellung innerhalb Europas gewann Irland für die Berliner Führung jedoch mehr und mehr an Bedeutung. Während des I. Weltkrieges gab es erste Bestrebungen, die nationalen Kreise, die für die Unabhängigkeit des Landes vom Königreich kämpften, für deutsche Kriegszwecke zu nutzen. Diese ersten Verbindungen blieben fast ausschließlich sehr lose und für Deutschland ohne nennenswerte Ergebnisse. Erst gegen Ende der 1920er Jahre änderte sich die Sichtweise in der Wilhelmstraße. Man hatte das vermeintliche Potential der nationalen Strömungen innerhalb Irlands erkannt, die sich für die Loslösung vom britischen Empire einsetzten. Erste Kontakte zwischen Deutschland und der militanten Szene im Freistaat beschränkten sich vorerst aber ausschließlich auf einzelne Personen und waren lediglich persönlicher Natur. Auch akademische Kreise erkannten bald, dass das Land mehr zu bieten hatte als landschaftliche Reize. Vielen Studenten bot es die Möglichkeit, ihren kulturellen Horizont zu erweitern. Und so entstanden auf diesem Wege erste Beziehungen zur irischen Linken. Gleichzeitig ebnete man den Weg für den wissenschaftlichen Austausch zwischen beiden Ländern. Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933 schließlich rückte nationale Minderheiten in den Fokus des Interesses deutscher Behörden. Zwar hatte sich das Land in den vorangegangenen Jahren politisch sehr verändert, durch den anglo-irischen Vertrag und die Gründung des Freistaates war Irland in eine Phase weitgehender Loslösung von England getreten. Dennoch zeigte sich ein kleiner Teil der Bevölkerung weiterhin mit der Politik des Landes unzufrieden: Die Nationalisten forderten nach wie vor die Gründung einer souveränen irischen Republik und die völlige Unabhängigkeit vom britischen Empire und weckten damit das Interesse deutscher Stellen. In Berlin glaubte man an ein ausreichendes Potential der irischen Nationalisten, das es ermöglichte, diese im europäischen Konflikt gegen Großbritannien einsetzen zu können. Gezielte Aktionen der Unabhängigkeitskämpfer sollten britische Streitkräfte in Irland binden, weshalb sich das Hauptaugenmerk der deutschen Stellen, beispielsweise der Abwehr, auf die Herstellung von Verbindungen zur Irish Republican Army richtete. Erste Gespräche fanden auf Anregung der Iren statt, denn die Untergrundarmee versprach sich von einer Kooperation mit dem Deutschen Reich tatkräftige Unterstützung in Form von Waffen für den Kampf gegen die Briten. Viele Mitglieder national geprägter Vereinigungen, wie der Irish Republican Army, sahen in den Deutschen zum Teil bis ins Jahr 1944 einen einflussreichen Verbündeten. Berlin aber plante und handelte eigennützig: Konnten die Organisationen das angestrebte Ziel nicht erreichen oder hatten sie ihre Aufgabe bereits zur Zufriedenheit der Deutschen ausgeführt, schwand die Bereitschaft des Dritten Reichs sich weiter zu engagieren und die Unterstützung wurde eingestellt beziehungsweise auf ein Minimum reduziert. Am Ende führten Fehlinformationen und die Nichtbeachtung mahnender Stimmen dazu, dass die erhoffte Kooperation im Sande verlief. So hatte auf der einen Seite die Führung der irischen Untergrundarmee die Stärke und Schlagkraft ihrer Organisation beschönigt, auf der anderen Seite waren in Berlin Warnungen ignoriert worden, die die Verlässlichkeit und die Schlagkraft der IRA infrage stellten. Nach dem Scheitern der Luftschlacht um 1 Einleitung 3 England und dem Überfall auf Russland verloren die Deutschen auch das Interesse am militärischen Engagement auf den britischen Inseln und an der irischen Untergrundarmee. Diesen Politikwechsel spürte auch Frank Ryan. Er spielte im militärischen Kalkül der Deutschen keine Rolle mehr. Die Behörden in Berlin hatten keine Verwendung mehr für ihn. Die bisherigen Veröffentlichungen insbesondere im Hinblick auf den Spanischen Bürgerkrieg und die Beziehungen zwischen dem irischen Freistaat und dem deutschen Reich beleuchteten das Wirken der Nationalisten ausschließlich aus irischer Sicht. Größtenteils verzichteten die Autoren darauf, Material aus deutschen Archiven in ihre Untersuchungen einfließen zu lassen. Zudem hat sich die Quellenlage deutlich verbessert, beispielsweise haben die britischen Behörden wichtige Akten aus dem Bereich „Security Service“, bekannt unter dem Kürzel KV, für die Forschung freigegeben. Darunter befinden sich neben Unterlagen über die Verbindungen zwischen der IRA und der deutschen Abwehr auch Akten, die Aufschluss über die Beziehungen zwischen den bretonischen Nationalisten, der irischen Untergrundarmee und der deutschen Abwehr geben. Abgesehen davon wurden zwei Bände über Frank Ryan der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.3 Weite Teile des Archivguts sind zum Teil noch unter Verschluss beziehungsweise wurden wegen des vermeintlich geringen informativen Werts vor der Veröffentlichung vom MI 5 vernichtet.4 Der Grund dafür lag, folgt man dem offiziellen Historiker für Special Operations Exekutive (SOE), M. R. D. Foot, nicht darin, dass schreckliche Wahrheiten verschleiert werden sollten. Vielmehr diente diese Maßnahme dazu, die Identität Einzelner zu schützen, insbesondere derer, die für den britischen Secret Intelligence Service, kurz SIS, tätig waren.5 Neue Details zu Ryans Befreiung aus der spanischen Haft ergeben sich aus den Unterlagen der beiden deutschen Abwehrmitarbeiter Josef „Jupp“ Hoven und Helmut Clissmann.6 Beide waren lange Jahre gute Bekannte und wichtige Vertraute Ryans. Die Akten zu Helmut 3 Deren Aussagewert sei begrenzt, wie Professor Eunan O’Halpin, Professor für zeitgenössische irische Geschichte am Trinity College in Dublin feststellt. Eunan O’Halpin, Spying on Ireland – British Intelligence and Irish Neutrality During the Second World War (Oxford: Oxford University Press, 2008), xi. 4 Enquiry Team – The Security Service (No_Reply@mi5.gov.uk). Research project on German-Irish relations in the 20th century. E-Mail an: Katja Hirmer (k.hirmer@gmx.net). 26.06.2015. 5 M. R. D. Foot, „Foreword“, in William J. M. Mackenzie, The Secret History of SOE – the special operations executive, 1940–1945 (London: St. Ermin’s Press, 2002), xiv. 6 Josef Hoven wurde 1904 in Kornelimünster geboren. Nach dem Abbruch seiner schulischen Ausbildung mit der mittleren Reife arbeitete er in der Firma seines Vaters, die in der Kalkindustrie tätig war. 1930 ging er nach Frankfurt am Main und holte das Abitur nach. An der Universität Leipzig studierte er Soziologie, Geschichte und Philosophie. Im Jahr 1936 folgte seine Promotion im Fachbereich Soziologie. Neben seinem politischen Interesse, Josef war schon in jungen Jahren als Mitglied des Jungpreu- ßischen Bundes und Gauführer in der Schilljugend aktiv, kam er auch mit den republikanischen Kreisen in Irland in Kontakt. Im Jahr 1930 besuchte er zum ersten Mal den irischen Freistaat. Dieser ersten Reise folgten zur Recherche für seine Habilitation, mit Ausnahme des Jahres 1937, jährliche Studienaufhalte in Irland, allerdings zwangen ihn finanzielle Schwierigkeiten, dieses Vorhaben aufzugeben. Bei Kriegsausbruch trat er, zusammen mit seinem jüngeren Bruder Viktor, dem Brandenburger Regiment zur besonderen Verfügung 800 bei. Das Lehr-Regiment Brandenburg z.b.V. 800 entstand zu Beginn des Jahres 1939 und war in Brandenburg an der Havel stationiert. Es war eine Sonderformation der Wehrmacht und erreichte Kompaniestärke. Die Führung des Regiments unterstand dem Amt Ausland/Abwehr im Oberkommando der Wehrmacht. Es wurde für Kommandounternehmen eingesetzt 1 Einleitung 4 Clissmann umfassen zwei Bände und geben detailreich dessen Werdegang wieder: von ersten politischen Ambitionen im Jungpreußischen Bund über das Studium am Trinity College in Dublin bis hin zur Arbeit für den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD). Daneben enthalten die Akten zahlreiche Informationen über die Verbindungen der Abwehr in Irland und zur Irish Republican Army. Von besonderer Wichtigkeit sind die Einblicke in die Art und Weise, wie die Behörde ihre Kontakte im Freistaat nutzte. Andere Veröffentlichungen teilen das Schicksal der Ryan- Akten. Der zugängliche Bestand der Akte über Jupp Hoven wurde merklich reduziert. Von ehemals drei Bänden ist nur ein einziger einsehbar und auch dessen Informationsgehalt bleibt deutlich begrenzt. Weite Teile mit Material zu Hovens geheimdienstlicher Tätigkeit, insbesondere über seine Rolle als Verbindungsoffizier zwischen der irischen Untergrundarmee, den bretonischen Nationalisten, die von den Deutschen Unterstützung erhielten, und der deutschen Abwehr wurden stark zensiert. Vor allem letztgenannter Punkt, die Beziehungen zwischen der IRA, den nationalen Strömungen in der Bretagne und den deutschen Stellen sind ein wenig erforschtes Kapitel sowohl der deutschen als auch der irischen Geschichte. Insbesondere die National Archives Kew in London haben wichtige Teile ihrer Bestände zu dieser Zeit noch nicht veröffentlicht. Detaillierte Berichte über die Aktivitäten des irischen Schriftstellers Francis Stuart während seiner Tätigkeit in Berlin beispielsweise sind in den National Archives Kew in London nach wie vor unter Verschluss. Diese Bestände werden siund diente gleichzeitig als Organisationsbasis für Agenten und V-Leute der Behörde. Später war Josef für das Amt Ausland/Abwehr tätig und unterhielt Kontakte zu der Irish Republican Army und flämischen Nationalisten. Darüber hinaus war er während des Krieges in Russland, Italien, Afrika und der Bretagne im Einsatz. Bericht „Preliminary Draft Report on HPTM Jupp Hoven“, o. D., KV 6/79, NAK Kew, London; Ina Schmidt, u. a., Briefe 1927–1985, Hrsg., Ernst Jünger, Friedrich Hielscher und Ina Schmidt (Stuttgart: Klett-Cotta, 2005), 386f. Thomas Menzel, Hintergrundinformationen – „Die Brandenburger“ Kommandotruppe und Frontverband. [Online]. 15. Juni 2013. URL: http://www.bundes archiv.de/oeffentlichkeitsarbeit/bilder_dokumente/00863/index-0.html.de [15. Oktober 2013]. Josef Hoven hatten neben seinem Bruder Viktor (vgl. Fußnote 975) noch zwei weitere Brüder. Bericht „L.291/1/Y/B.I.H.“ Captain Cecil Liddell an Dublin, ohne Empfänger, 12. Juli 1945, KV 6/79, NAK Kew, London; Lambert Hoven GmbH & Co. KG – Firmengeschichte. [Online]. o. D.. URL: http://www. lambert-hoven.de/wir-ueber-uns.html [9. Juni 2017]. Ewald Heinrich Helmut Clissmann, kurz Helmut Clissmann, wurde am 11. Mai 1911 in Aachen geboren. Nach dem Abitur studierte er Geschichte, Literaturgeschichte und Rechtswissenschaften an den Hochschulen in Marburg, Frankfurt am Main, München und am Trinity College in Dublin. Er erhielt eine Anstellung als Dozent für Deutsch am Trinity College für ein Jahr und übernahm im Anschluss die Leitung des Büros des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, kurz DAAD, in der irischen Hauptstadt. Auch er war wie Josef Hoven Mitglied des Jungpreußischen Bundes und es ist anzunehmen, dass sich die beiden Männer in dieser Organisation kennenlernten. Bei Kriegsausbruch kehrte Clissmann nach Berlin zurück und arbeitete zunächst im Hauptbüro des DAAD, um kurze Zeit später das Büro der Deutschen Akademie in Kopenhagen zu übernehmen. Im Juli 1940 wurde er zum Militärdienst eingezogen und trat dem Brandenburger Regiment z. b. V. 800 bei und wurde daraufhin von der Abwehr II rekrutiert, wobei er an unterschiedlichen Einsätzen beispielsweise in Belgien, Afrika und Frankreich eingesetzt war. Zudem war er aufgrund seiner detaillierten Kenntnisse Irlands als wissenschaftlicher Mitarbeiter für das Auswärtige Amt tätig und wertete die Pressemitteilungen und Radiosendungen den Freistaat betreffend aus. Bericht „Note on Helmuth [sic] Clissmann“, o. D., geheimer Bericht der Befragung Helmut Clissmanns in der britischen Befragungszentrale in Kopenhagen durchgeführt durch Lt. Harry Jonson und Svend Nielsen, 4. Oktober 1945, KV 6/80, NAK Kew, London. 1 Einleitung 5 cherlich nach ihrer Freigabe zu neuen Erkenntnissen über Frank Ryans Leben in Berlin verhelfen, denn Stuart war einer der engsten Vertrauten des Iren während seiner letzten Jahre in Berlin. Aber nicht nur der Zugang zu weiteren Dokumenten, wie beispielsweise Briefe Ryans an seine Freunde in Irland, die sich im Besitz der Communist Party of Ireland befanden und jetzt in der Dublin City Library eingesehen werden können, haben das Interesse an dem irischen Nationalisten wieder aufkeimen lassen. Ein im Jahr 2012 veröffentlichtes Doku-Drama über das Leben Frank Ryans befasst sich in erster Linie mit seinen letzten Jahren in Berlin.7 Dies war nicht die erste Arbeit über den Iren in diesem Format. In der 1979 erschienen Dokumentation „Let My Tombstone Be Of Granite“, von Joe Mulholland im Auftrag der irischen Senders Raidió Teilifís Éireann, kurz RTÉ, produziert, interviewt der Autor Zeitzeugen und Bekannte Ryans aus dessen Zeit in Irland, Spanien und Berlin. Der Beitrag erhielt im Jahr seines Erscheinens den irischen Fernsehpreis Jacob’s Award.8 Diese Studie beleuchtet neue Aspekte und gewährt neue Einblicke in das Leben und Wirken Frank Ryans: Der Zugang zu Unterlagen aus den Beständen der Communist Party of Ireland beispielsweise gibt Aufschluss über die Zeit des Spanischen Bürgerkriegs. Ryans Briefe an Freunde in der Heimat gestatten Blicke auf seine Arbeit in der Organisation der Internationalen Brigaden aus zeitgenössischer Perspektive. Darüber hinaus schildern sie das tägliche Leben und Sterben an der Front. Aber nicht nur Archive auf den britischen Inseln lieferten neue, bisher unveröffentlichte Informationen. Intensive Forschungen im politischen Archiv des Auswärtigen Amtes in Berlin förderten Aktenbestände zu Ryans Gefangenschaft im Burgos-Gefängnis in Spanien zutage. Diese zeigen zudem, von welcher Ambivalenz der Umgang der Deutschen mit dem Kommunisten Frank Ryan geprägt war, aber auch, wie irische Kräfte während seiner Inhaftierung versuchten, in den Berliner Regierungskreisen Zweifel an der Person des irischen Gefangenen zu erzeugen und zu nähren. Die vorliegende Forschungsarbeit beschreibt auf Grundlage des aktuellen Quellenstands den Lebensweg des irischen Nationalisten Francis „Frank“ Ryan und betrachtet in diesem Zusammenhang die Entwicklung der deutsch-irischen Beziehungen. 7 John Dorney, „Film Review: The Enigma of Frank Ryan“, The Irish Story (19. Februar 2012). [Online]. 30. Mai 2012. URL: http://www.theirishstory.com/2012/02/19/film-review-the-enigma-of-frank-ryan/ #.VKqYAHt576h [05.01.2015]. 8 Wikipedia, Jacob’s Award, ohne Autor. [Online]. 8. November 2014. URL: http://en.wikipedia.org/wiki /Jacob%27s_Award [05.01.2015]. 1 Einleitung 6

Chapter Preview

References

Abstract

The book describes the life and times of the well-known Irish Republican Francis „Frank“ Ryan. Ryan who fought for an all-Irish Republic and followed the political ideas of James Connolly and Charles Stewart, decided to fight fascism on the European continent and entered the Spanish Civil War on the side of the republican forces. While being in combat having the rank of a major in the International Brigades, he was captured in 1938 and became Franco’s most important prisoner. He had to endure two years in Burgos Prison before, due to the intervention of the German Abwehr, he had the chance to leave Spain with an option to return home. Instead of going back to Ireland, he ended up in Nazi-Germany at the beginning of the Second World War. Considering this background the book also examines the diplomatic relations between Ireland and Germany in the first half of the 20th century.

Zusammenfassung

Dieses Buch befasst sich mit der Lebensgeschichte des bekannten irischen Nationalisten Francis „Frank“ Ryan, der sich zeit seines Lebens für die Wiedervereinigung der grünen Insel und die vollständige Unabhängigkeit von Großbritannien eingesetzt hat. Seine linksgerichteten politischen Überzeugungen führten ihn als Kämpfer für die republikanische Regierung nach Spanien. Dort kämpfte er in den Reihen der Internationalen Brigaden und geriet als Francos wichtiger Gefangener in die Hände der Faschisten. Durch die Intervention der deutschen Abwehr kam er frei und fand sich im Deutschland der 1940er Jahre wieder. Vor dem Hintergrund seiner Lebensgeschichte wird auch die Entwicklung der politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Irland beleuchtet.