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5. Schelmenfiguren in der KJL zur ›Wende‹ in:

Susanne Drogi

Vom Suchen und Finden des Glücks diesseits und jenseits der Mauer, page 95 - 146

Formen und Funktionen von Komik in der Kinder- und Jugendliteratur zur DDR und ›Wende‹

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4399-8, ISBN online: 978-3-8288-7389-6, https://doi.org/10.5771/9783828873896-95

Tectum, Baden-Baden
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Schelmenfiguren in der KJL zur ›Wende‹ Der Schelm als Held oder als Unberatener? – Macht ihr eure Wende, ich bin verliebt „Irgendwie ist in den letzten Wochen einiges anders geworden.“349 Diesen Satz äußert der Ich-Erzähler Paul im November 1989. Als sozialer Beobachter nimmt er die zahlreichen Veränderungen sensibel und detailliert war, stößt jedoch immer wieder an Verstehensgrenzen, seien sie in seinem Blick auf die Welt begründet oder dem Ereignis der ›Wende‹ immanent. Bereits im Buchtitel wird eine deutliche Kontrastsetzung vorgenommen: ein Kontrast zwischen den Anderen und dem erzählenden Ich sowie zwischen einem historischen Ereignis, das alle erfasst einerseits und dem emotionalen Zustand des Ichs andererseits. Und darüber hinaus, dass eben diese individuelle Verfasstheit subjektiv bedeutsamer ist, als das historische Ereignis und es daher nur konsequent erscheint, letzterem eine gewisse Gleichgültigkeit entgegen zu bringen. Der Ich-Erzähler Paul ist 15 Jahre alt, Schüler, und lebt mit seinen Eltern und seiner älteren Schwester Juliane im mecklenburgischen Dorf Faulenrost. Er stellt sich den Leser*innen mit den Worten vor „Ich bin ein DDR-Jugendlicher […]“.350 In Anbetracht des Erscheinungsjahres und der Altersempfehlung des Textes muss ein solcher Erzähleingang zwangsläufig eine gewisses Distanzempfinden bei jugendlichen Leser*innen hervorrufen. Die Erzählung Markus Burkhards erstreckt sich über einen Zeitraum von knapp 16 Monaten – beginnend im Juli 1989 und endend am 7. Oktober 1990 – in 16 Kapiteln; jedes Kapitel ist einem Monat 5. 5.1 349 Burkhard, Markus (2007): Macht ihr eure Wende, ich bin verliebt. München: Möllers & Bellinghausen Verlag (edition quinto bei Terzio). S. 1. 350 Ebd., S. 5. 95 zugeordnet, wobei nicht jeweils ein ganzer Monat erzählt wird. Jedes Kapitel endet mit der Formel „Gute Nacht!“, welche auf die Form des Tagebuchs verweist. Ob deshalb generell von einer Tagebuchform zu sprechen sei, ist fraglich, da keine weiteren Elemente auf diese Form verweisen, beispielsweise der Ich-Erzähler nie von einem Schreibprozess oder einer Schreibmotivation spricht. In der Erzählung – um noch einmal auf diese abschließende Formel zurückzukommen – bilden sich verschiedene Erzähltechniken ab: die Rezipient*innen werden angesprochen und eingeschlossen, das Erzählte enthält den Charakter einer Gutenachtgeschichte, eines Märchens. Das heißt, Leser*innen zwischen 13 und 16 Jahren haben die ›Wende‹ nicht erlebt und das, worüber erzählt wird, ist ihnen weitgehend unbekannt. Gleichzeitig wird von Paul ein Wahrheits- und Authentizitätsanspruch etabliert. Die Erzählung und im Speziellen die Formulierung „Gute Nacht“ transportiert also eine Art Botschaft wie „Es ist so unglaublich, trotzdem ist es wirklich passiert.“ Weiterhin beinhaltet sie eine Ambivalenz: die abendliche Beruhigung, die Bestätigung von Sicherheit einerseits und den Verweis auf einen potentiell negativen bzw. unglücklichen Verlauf der Geschehnisse in der nahen Zukunft, wenn dem Gruß ein ironischer Ton beigemischt wird, andererseits. Pauls Familie – ein Panorama von Stereotypen Die Romanhandlung ist in der Provinz situiert. Nicht eine Stadt wie Berlin oder Leipzig ist Ort der Wendegeschichte, sondern ein kleines, unbedeutendes Dorf. Im Bild des Dörflichen vereinen sich Vorstellungen von Begrenztheit, Vorhersehbarkeit, Überschaubarkeit und Stabilität. Ein Ort, dem unterstellt sein kann, er sei von großen historischen Ereignissen vergleichsweise abgeschieden und deshalb unberührt, hinke der Zeit hinterher.351 Im Gegensatz zur Großstadt als literarischer Handlungsort, der die Darstellung von Komplexität und Parallelität verschiedener Phänomene erlaubt, ist die Provinz komplexitätsreduziert: sie 5.1.1 351 Siehe hier auch die pejorative Bedeutung des Wortes Provinz als Rückständigkeit. 5. Schelmenfiguren in der KJL zur ›Wende‹ 96 bietet einen einfacheren, aber möglicherweise detaillierten Blick auf sozialhistorische Zusammenhänge.352 Der einzige große Arbeitgeber im Dorf Faulenrost353 ist die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) Kuh- und Rinderzucht, woraus fast logisch resultiert, dass alle Familienmitglieder dort beschäftigt sind: „Mama in der Kantine, Papa auf dem Traktor und Juliane ist Lehrling für Rinderzucht.“354 Genauso arbeiten sein bester Freund Nolle und dessen Mutter dort, weshalb der Schüler Paul resümiert: „Es müsste schon ein Wunder geschehen, damit ich später woanders lande.“355 Pauls Vater erscheint überwiegend als passiv und gleichgültig, seine markanteste Aktivität ist das häufige Biertrinken bzw. das Öffnen einer Bierflasche. „Papa ist auch nicht sauer, weil unser FDGB-Urlaub ausfällt. Er sitzt sowieso lieber in der Küche und trinkt das schlechte Konsumbier.“356 „Die Zugfahrt nach Berlin vergeht schnell. Wir haben sogar ein Abteil ganz für uns allein. Papa macht sich am Fensterbrett sein zweites Bier auf.“357 Als sie in Leipzig zufällig in einen Demonstrationszug geraten, trägt der Vater laut Paul sein „Bierfähnchen“358 mit sich. Im FDGB-Urlaub in Oberwiesenthal gießt er sich sein fünftes Bier in die Teetasse359 und schließlich wird die ›Wende‹ für ihn an den immens gestiegenen Bierpreisen spürbar, weshalb er – als Anpassungsreaktion an die neue Zeit – auf Dosenbier umsteigt.360 Die Beispiele ließen sich fortsetzen. Ist er ein Charakter, der sich in seiner dörflichen und duldsamen Erscheinung als “kleiner Mann“ beschreiben lässt, ist es wiederum gerade er, der anonym Triumphe feiert und vermeintlich zentralen Einfluss auf die Wendeereignisse nimmt: Im Februar 1990 fährt die Familie mit dem neuen Trabant zum Winterurlaub nach Oberwiesenthal. An einer Raststätte sitzt am Nach- 352 Zum Beispiel trägt auch Ingo Schulzes Simple Storys den Untertitel Ein Roman aus der ostdeutschen Provinz. 353 Faulenrost ist eine Gemeinde in der Region der Mecklenburgischen Seenplatte. 354 Burkhard 2007, S. 5. 355 Ebd., S. 22. 356 Ebd., S. 12. 357 Ebd., S. 27. 358 Ebd., S. 30. 359 Vgl. ebd., S. 64. 360 Vgl. ebd., S. 105 f., S. 123. 5.1 Der Schelm als Held oder als Unberatener? 97 bartisch eine westdeutsche Familie, die sich über das billige Essen freut, was ja auf 40 Jahren Misswirtschaft beruhe.361 Pauls Mutter fasst dies als Beleidigung auf und die Familie verlässt den Platz. Wieder auf der Autobahn sehen sie einen BMW, der offenbar eine Panne hat; der Vater hält an und repariert das Auto. Hier werden die Stereotype vom geschickten Ostdeutschen und unbeholfenen Westdeutschen aktiviert. Der Vater entgegnet dem Erstaunen derselben westdeutschen Familie mit den Worten: „Tja, vierzig Jahre Misswirtschaft und man hat so einiges gelernt.“362 Die Familien fahren im Trabant beziehungsweise BMW weiter, wobei letzterer ersteren hinter sich zurücklässt. Nur eine Weile später versagt der BMW wieder aufgrund der holprigen DDR- Autobahn. Gegen den Willen der Mutter hält Pauls Vater wiederum an. Der westdeutsche Vater, von Paul als Lederschlips bezeichnet, ist verzweifelt: „Ich muss in einer halben Stunde in Dresden sein. Sonst kann ich die Verträge zur Aufbauhilfe Ost in eurer DDR nicht abschließen.“363 Was folgt, ist ein Autotausch: Die westdeutsche Familie setzt ihre Reise im Trabant fort, die ostdeutsche im schnell reparierten BMW. Das Abenteuer nimmt seinen Lauf: die Faulenroster Familie ist, für die Leser*innen antizipierbar, mit dem BMW schneller in Dresden angelangt. Bei einer Polizeikontrolle bleibt ihnen nichts übrig, als die Papiere der Familie Hoffmann aus dem Handschuhfach zu ziehen und sich damit auszuweisen. „Sie sind also Familie Hoffmann aus Lübeck und wollen zu einer Tagung nach Dresden, um unseren Staat zu retten. Na, wenn das kein Glückstag ist.“364 Die Familie wird von der Volkspolizei mit Blaulicht zur Tagung zur Aufbauhilfe Ost geleitet. In Dresden sind schon sämtliche Straßen abgesperrt. Hier wollte Papa eigentlich entwischen, was nun aber völlig unmöglich geworden ist. Passanten mit schwarz-rot-goldenen Fahnen winken uns emsig zu. Auf einem der Transparente steht geschrieben: ,Die Hoffnung kommt mit Hoffmann!‘ Juliane winkt zurück und das Volk tobt.365 Anstatt das Missverständnis aufzuklären, spielen die Vier die Komödie mit. Dabei stellt sich der Vater als Hauptakteur so schlecht an, dass er 361 Vgl. ebd., S. 55. 362 Ebd., S. 56. 363 Ebd., S. 58. 364 Ebd., S. 59. 365 Ebd., S. 60. 5. Schelmenfiguren in der KJL zur ›Wende‹ 98 eigentlich auffliegen müsste. Doch die anwesenden Politiker und Journalisten lassen keinen Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit aufkommen. Papa steht Hilfe suchend am Rednerpult und tausende Menschen wollen ihn hören. Er sagt erst einmal: ,Guten Tag, liebe Genossinnen und Genossen. […] Ich werde alle Verträge unterschreiben. Sie werden mehr D- Mark bekommen, als es Bäume in der DDR gibt. Ich werde persönlich meinen Freund Helmut Kohl darum bitten, die deutsche Einheit so schnell wie möglich herbeizuführen!‘ Die Halle tobt. Alle jubeln und trampeln mit den Füßen auf den Boden. Mama liegt vor Scham fast auf dem Boden.366 Die wirkliche Familie Hoffmann kommt erst nach dem Ereignis in Dresden an. Diese Episode glänzt als eine unglaubwürdige und groteske. Im Grunde scheint es so zu sein, dass der kleine, unbedeutende Mann aus der ostdeutschen Provinz dem großen Westdeutschen die Zügel aus den Händen nimmt und als „Ossi“ die Weichen für sein Land stellt und „Wendegeschichte“ schreibt. Auch hier taucht das Schelmische auf: vollkommen unwissend kommt der Traktorfahrer vom Dorf in die Großstadt und schafft es, unentdeckt die Rolle des bedeutenden Politikers zu spielen. Seine Entgleisungen werden als gemeinschaftsstiftende und wohl überlegte Scherze eines Intellektuellen gedeutet, um seine Größe nicht anzuzweifeln. Damit stellt er wiederum die Veranstaltung und ihre Agenten in Frage. Eine ähnliche Situation tritt zwei Monate später auf als der „große Helfer aus Hannover“367 nach Faulenrost kommt, um der LPG moderne Maschinen zu schenken „und so aktive Hilfe für den ,Aufschwung Ost‘“368 leisten will. Seine Rede ist herablassend und empörend: ,Wir stehen hier vor dem größten Schweinestall aller Zeiten, der in 40 Jahren angerichtet wurde!“ Die Menge wird ruhiger. […],Euer Wahlergebnis steht für neue Hoffnung! Jetzt geht es allen roten Säuen richtig an den Kragen!ʻ Die Menge ist inzwischen so ruhig geworden, dass nur noch die verängstigten Säue aus dem Stall zu hören sind. Herr Liebezeit lächelt: ,Bevor ich euch meine teuren Gaben überlasse, möchte ich, dass ihr 366 Ebd., S. 61. 367 Ebd., S. 71. 368 Ebd., S. 71 f. 5.1 Der Schelm als Held oder als Unberatener? 99 mir vorführt, mit welchem sozialistischen und russischen Schrott ihr euch 40 Jahre herumärgern musstet!ʻ369 Im Folgenden bezeichnet er die Mitarbeiter des Betriebes als „LPG- Leibeigene“370 und spricht ihnen damit jegliche Würde ab. Die Wut der Menge lässt die Situation eskalieren und es ist Pauls Vater, der mit seinem Traktor direkt in die Bühne steuert. Liegt hier kein schelmisches als listiges Verhalten vor, so ist die Handlung des Vaters aber auf den Ausgleich von Ungerechtigkeit gerichtet. Pauls Mutter zeichnet sich durch ihr naives Sozialismusideal aus, das dann mit der politischen Wende in einem extensiven, sentimentalischen Nachtrauern resultiert. Sie repräsentiert das Bild jener Menschen (bzw. des Stereotyps), die angesichts der Folgen des Umbruchs das sozialistische System nachblickend idealisieren und sich so eine Neuorientierung und einen Blick für die Chancen der ›Wende‹ selbst verwehren. Nachdem die Mutter von einem Besuch der Tante in Nürnberg zurückkehrt, ist sie froh, denn sie fühle sich in Faulenrost so wohl, der Westen hätte sie überfordert.371 In Opposition zur Mutter steht die Schwester Juliane, die viele Lebensbedingungen in der DDR als beengend erlebt. So sieht die Familie im Juli 1989 in der Tagesschau Berichte über die nach Ungarn flüchtenden DDR-Bürger*innen. „Juliane sagt auch immer, dass sie lieber in der BRD leben möchte. Mama sagt dann immer: ,Sei froh, hier hast du eine Lehrstelle. Im Westen wärst du arbeitslos.̒ ,Weil es im Westen keine Kühe gibt ̒, sage ich dann immer und Mama wird böse.“372 Ein anderes Mal geraten Mutter und Tochter aneinander als Juliane im Herbst 1989 ihr FDJ-Hemd in die Mülltonne wirft, selbiges vom Stasi-Mitarbeiter Herrn Hüttenheber gefunden wird und dieser die Eltern zur Rede stellt. Juliane beschimpft ihn, als er bereits wieder gegangen ist, als „[e]lendes Stasischwein [...]“,373 woraufhin ihre Mutter ihr eine Ohrfeige gibt.374 Hier wird deutlich, dass die Mutter, statt ihre Tochter zu schützen, vielmehr das politische System gegen die Beleidigungen ihrer Tochter verteidigt. 369 Ebd., S. 73. 370 Ebd., S. 74. 371 Vgl. ebd., S. 16. 372 Ebd., S. 11. 373 Ebd., S. 17. 374 Vgl. ebd. 5. Schelmenfiguren in der KJL zur ›Wende‹ 100 Im Oktober 1989 ist dann der 40. Jahrestag der DDR. Während Juliane der Meinung ist, dass es nichts zu feiern gibt,375 ist die Mutter in bester Feierlaune und bewegt die Familie dazu, auf dem Weg zur Tante in Leipzig in Berlin zu halten, um die Ehrenparade zu sehen, die sie schließlich gebannt verfolgt. Mama bildet sich gerade ein, dass Erich Honecker ihr zugewinkt habe. Mama winkt zurück. Als hätte sie das Signal gegeben, winken jetzt alle hier bei uns. […] Mama steht nach wie vor mit offenem Mund da und staunt. […] [Sie] winkt dem Genossen Honecker noch einmal kräftig zu und er winkt ihr zurück. Behauptet sie jedenfalls.376 Nur geringe Zeit später kommt die Familie in Leipzig an. Hier bietet sich ihnen ein völlig anderes Bild: […] [H]ier ist es genau umgekehrt wie heute Mittag in Berlin. Hier stehen die Uniformierten überall an der Straße und das Volk marschiert an ihnen vorbei. Anstatt Marschmusik ertönen Live-Sprechchöre: „Wir sind das Volk! Wir sind das Volk! Anstatt Mama steht jetzt Juliane mit offenem Mund da und winkt den Marschierenden zu. Anstatt den Glückwünschen zum 40. Jahrestag ertönt aus Lautsprechboxen: „Hier spricht die Volkspolizei. Bürger verlassen Sie die Straße!“ Anstatt DDR-Fähnchen haben die Leute Kerzen in der Hand und rufen „Keine Gewalt!“ Papa sagt, dass es ja hier wie in der „Tagesschau“ zugeht, und Mama fängt an zu weinen.377 Da sich die Tochter spontan in die Demonstrierenden einreiht, bleibt der Familie nichts anderes übrig, als ihr zu folgen. Gleich einem stummen Widerstand trägt die Mutter ihr DDR-Papierfähnchen in den Händen „und zieht damit mehr Blicke auf sich als die Transparentträger. […] Als Mama auch noch den furchtbar böse dreinblickenden Volkspolizisten am Straßenrand zuwinkt, wird es Juliane zu blöd und sie reißt Mama das Fähnchen aus der Hand […] [und ruft – (S. D.)] lautstark mit: ,Wir sind das Volk!‘“378 Am Tag der Maueröffnung beschließt der Vater, dass die ganze Familie mit dem Traktor zur Grenze fährt, um an dem Ereignis teilzuhaben. Auch hier sind die Reaktionen von Mutter und Tochter konträr. „Juliane fällt Papa vor Freude um den Hals. Mama fällt beinahe in 375 Vgl. ebd., S. 22. 376 Ebd., S. 28 f. 377 Ebd., S. 29 f. 378 Ebd., S. 30. 5.1 Der Schelm als Held oder als Unberatener? 101 Ohnmacht. […] Mama versteht die Welt nicht mehr.“379 Ihre Überforderung erreicht dann ihr Maximum als die Familie auf dem Traktor in Hamburg ankommt und von Fernsehteams in Beschlag genommen wird. „,Ich halte das alles nicht mehr aus!‘ […] Oben auf dem Hänger steht Oma Martha und singt: ,Deutschland, einig Vaterland‘. Wir steigen alle auf den Hänger und ziehen die heulende Mama mit hinauf.“380 Zum Weihnachtsfest 1989 bekommt sie von ihrem Sohn einen Bildband 40 Jahre DDR geschenkt, „den sie unterm Preis verkauft haben […]“381 und reagiert darauf mit den Worten „Das waren noch schöne Zeiten.“382 Ihre Treue gegenüber dem gestürzten politischen System und damit ihren Widerstand gegen ihre Familie aufrecht erhaltend, wählt die Mutter bei den ersten freien Wahlen im März 1990 „die alte Partei wieder [.]“383 Als dann am Abend das Wahlergebnis im Familienkreis bekannt wird, „[rennt] Oma Martha […] zum Fenster und öffnet es. Mama setzt sich endlich einmal durch und knallt es vor ihrer Nase zu: ,Aus diesem Fenster wird nicht das Deutschlandlied gesungen!‘ Mama ist die große Verliererin des Tages […].“384 Schließlich wird sie im Sommer 1990 arbeitslos, was sie in ihrem Sehnen nach den „guten alten Zeiten“385 bestätigt. Einen kleinen Triumph vermag sie noch im Familienurlaub in Tirol zu feiern: In einer Gaststube erhebt sie sich, nachdem sie ausreichend getrunken hat, und singt die DDR-Nationalhymne.386 In den folgenden Wochen erscheinen die Eltern – nun beide arbeitslos – nur noch als resigniert und unzufrieden, die Frequenz des Weinens der Mutter steigt. Die Großmutter ist im Gegensatz zur Gleichgültigkeit des Vaters und zum Widerstand der Mutter eine Befürworterin der Wiedervereinigung. Aber auch sie ist eine teilweise karikativ überzeichnete Figur: Sie ist eine likörtrinkende Rentnerin, die keine Scheu hat, bei jeder Gelegenheit auf einer Bühne oder in ein Mikrofon das Deutschlandlied 379 Ebd., S. 35. 380 Ebd., S. 40. 381 Ebd., S. 42. 382 Ebd., S. 48. 383 Ebd., S. 65. 384 Ebd., S. 70. 385 Ebd., S. 109. 386 Vgl. ebd., S. 118. 5. Schelmenfiguren in der KJL zur ›Wende‹ 102 zu singen. Ist sie in ihrem Unmut gegenüber dem sozialistischen Staat genauso absolut und blind, wie Pauls Mutter in ihrem Illusionismus, wird ihr am Abend des 2. Oktober 1990 eine ernsthafte Reflexion über die DDR in den Mund gelegt: Zum ersten Mal gibt sie zu, dass die DDR für sie damals als junge Frau Sicherheit bedeutet hat. Sie erzählt, wie sie in dieser Zeit, als Mutter […] keine Angst haben musste, arbeitslos oder obdachlos zu werden. Dann wiederum erzählt sie, wie schwierig es in der DDR war. Von den unmöglichen Zuständen, in denen sie es dennoch schaffen musste, ihr Haus instand zu halten und von den Ängsten, die sie hatte, wegen ihrer Abneigung gegen das DDR-Regime.387 So ist auch das letzte Kapitel betitelt mit Oma Martha und die Wiedervereinigung. Ein Held aus der DDR? In diesem Generationsgefüge steht der Adoleszent Paul. Wollte man dem Generationenmodell Bernd Lindners folgen, gehört Paul zu der sogenannten Generation der Unberatenen. Eine Bezeichnung für die Mitte der 1970er Jahre in Ostdeutschland Geborenen, die sich zur ›Wende‹ im kritischen Zeitpunkt ihrer Identitätsbildung befanden und von den Erwachsenen dabei weitgehend allein gelassen wurden.388 Artikuliert der Ich-Erzähler eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber den sozialpolitischen Ereignissen, ist doch sein Alltag mit der Zeitgeschichte eng verwoben und im Juni 1990 formuliert er den Wunsch, angeregt durch die ›Wende‹, auch bei sich selbst eine Wende einzuleiten.389 Äußeres und inneres Erleben sind also aneinandergekoppelt. Um seine Versetzung in die zehnte Klasse zu sichern, möchte Paul seinen systemtreuen Lehrer beeindrucken als die Klasse zu einem 5.1.2 387 Ebd., S. 136. 388 Vgl. Norkowska, Katarzyna (2011): Adoleszenz im Zeichen eines politischen Umbruchs – Der Einfluss der ,Wende‘ auf die Identitätsbildung junger ostdeutscher AutorInnen, in: Gansel, Carsten; Paweł Zimniak (Hg.) (2011): Zwischenzeit, Grenzüberschreitung, Aufstörung – Bilder der Adoleszenz in der deutschsprachigen Literatur. Heidelberg: Winter. S. 469–491. Hier: S. 465. 389 Vgl. Burkhard 2007, S. 92. 5.1 Der Schelm als Held oder als Unberatener? 103 GST-Lager390 fährt. Paul erscheint als einziger in seiner GST-Uniform, wofür er von den Mitschüler*innen ausgelacht wird – es ist Juni 1990 –, der Lehrer aber fragt ihn ernsthaft, warum er sich nur all die Jahre so zurückgehalten hätte.391 Im Bus stimmt Paul selbstbewusst FDJ-Lieder an und wird im Lager vom Lehrer zum Gruppenchef ernannt. Schließlich sagt ihm der Lehrer, dass, wenn er es schaffe, dass die Klasse über die Sturmbahn rennt, seine Versetzung sicher sei. Da es kaum möglich erscheint, die Mitschüler*innen dazu zu bewegen, plant er mit seinem Freund Nolle einen Streich. Nolle und der Freund von Pauls Schwester, Vokuhila, inszenieren einen Angriff des Klassenfeinds auf den Bungalow der Schüler*innen. Sie beschießen es und werfen Silvesterknaller in die Fenster, Paul kann den mutigen Gruppenführer mimen. Die Mitschüler*innen ziehen alle ihre Uniformen an und rennen bewaffnet über die Sturmbahn. Der Lehrer hisst eine DDR-Fahne und ruft „Sieg für Sozialismus!“392 Der Streich bleibt unentdeckt, die Versetzung ist besiegelt. Paul, eben noch als „Gestriger“ verlacht, gelingt es, Mitschüler*innen und Lehrer an der Nase herumzuführen und zum Narren zu halten. Sie geben vor, schnell und vollständig in der neuen Zeit angekommen zu sein, doch offenbaren sie in der „Kampfsituation“, wie sehr sie noch der sozialistischen Diktatur verhaftet sind. Paul erscheint zuweilen unwissend und unreif. Er ist kein guter Schüler und scheint die Zeichen der Zeit immer etwas später zu verstehen als die Gleichaltrigen. Umso stärker ist die ironische Wirkung, wenn er die Ereignisse lenkt und als Gewinner aus einer Situation hervorgeht. So sagt ihm eine Jugendliche, die er im Urlaub in Österreich kennenlernt, „Du bist ein Held! Ein richtiger Held aus der DDR!“,393 nachdem seine Schwester entlaufene Rinder wieder eingefangen hat. Die Bewunderung erhält Paul unverdienter Weise, die komische Wirkung entsteht, da die Unbedarftheit und Naivität Pauls von der der Österreicherin noch übertroffen wird. Sie hält Paul für einen DDR-Kommissar und er erzählt ihr alle Polizeiruf 110-Folgen als wären sie ihm 390 Die Gesellschaft für Sport und Technik war eine vormilitärische Jugendorganisation der DDR. 391 Burkhard 2007, S. 92. 392 Ebd., S. 98. 393 Ebd., S. 117. 5. Schelmenfiguren in der KJL zur ›Wende‹ 104 selbst passiert. Seine Naivität lässt Paul immer wieder in missliche Situationen geraten, die er auf grotesk-komische Weise vorantreibt. Das Prinzip, das diesen Episoden zugrunde zu liegen scheint, lässt sich wohl treffend als „demonstrative[r] Unernst“394 benennen, wie Ute Dettmar es für Brussigs Helden wie wir formuliert. Es erscheint kaum sinnvoll, nach dem Authentizitätsanspruch dieses Romans zu fragen. Absurditäten und Lächerlichkeiten werden aneinandergereiht und gängige Stereotype aufgerufen. Carsten Gansel argumentiert, dass diese „Komödisierung der DDR“395 aus einer Unsicherheit darüber resultiere, was damals war und was heute noch wahr ist. Damit stellt diese Strategie auch eine Form des Erinnerungsdiskurses dar. Das Tragische – im Roman vor allem durch die Mutter präsentiert – ist, dass auch die reale Lebenswelt – vor und während der ›Wende‹ – durch solche Absurditäten geprägt war und eine Integration in Identität erschweren. Bevor auf die Stereotype als Mittel des Romans eingegangen wird, soll noch eine letzte Episode aus dem Roman zusammengefasst werden. Im September 1990 sind beide Elternteile arbeitslos. Als sei diese Tatsache nicht tragisch genug, soll nun auch noch der Wohnblock, indem die Familie lebt, abgerissen werden. Die Gebäude gehören Frau Goldmann aus Westdeutschland. Auch hier haben Paul und sein Freund Nolle wieder einen Plan: in Anwesenheit der Eigentümerin inszenieren sie einen vertraglichen Beschluss über die sechste Lieferung und Einlagerung von Chemierückständen aus Bitterfeld in dem Wohnhaus.396 Als Eigentümerin trägt Frau Goldmann hierfür die Verantwortung. Als sie bereits etwas panisch wird, pflückt sich Paul ein Radieschen vom Beet der Mutter. Als er es isst, schreit Nolle ihn an: »Sind Sie denn wahnsinnig geworden […]?! Unter der Erde lagern die Reste von den Leuna-Werken aus dem Jahr 1978!« Theatralisch mime ich, wie mir plötzlich schlecht wird und falle zu Boden.397 Als dann noch der örtliche Polizist dazu kommt, ist die Eigentümerin so weit, dass sie ein Geständnis ablegt, Chemierückstände eingelagert 394 Dettmar 2010, S. 72. 395 Gansel 2010a, S. 21. 396 Vgl. Burkhard 2007, S. 127. 397 Ebd. 5.1 Der Schelm als Held oder als Unberatener? 105 zu haben und ein Schriftstück diktiert, dass sie das Grundstück nie besessen habe und selbiges Paul überreicht.398 Auch diese Aktion lässt sich als Streich eines Schelms beschreiben: eine Handlung wird als Unrecht empfunden und dieses auf listige Art und Weise ausgeglichen. Die Stereotype sind auch hier offensichtlich: Die westdeutsche Eigentümerin, die auch noch den Namen Goldmann trägt, reist mit Chauffeur im Mercedes an. Die ostdeutschen Dorfbewohner*innen können ihr Unglück abwenden, indem sie wiederum die Stereotype der Westdeutschen über das Leben und die Bewohner der DDR wachrufen. Welche Funktionen haben die Stereotype in diesem Roman? Welcher Art ist die Wendenarration, die er anbietet? Mit der Feststellung, daß Stereotypen assoziationsbeladene Elemente sind, ist eine Erklärung dafür gegeben, daß sie ästhetisches Potential haben. […] Nationale Stereotypen stellen immer eine Folie dar, auf der jede Beschreibung einer anderen Nation geschrieben und gelesen wird und auf der ein Autor das ästhetische Potential dieser Stereotypen realisieren kann. Er kann sie erwartungsgemäß einsetzen, ihnen widersprechen oder sie an bestimmten Stellen bewußt nicht einsetzen, obwohl sie dort erwartet werden; er kann sie zum Thema machen, sie gegen den Strich verwenden, mit ihnen spielen oder aber ihnen eine werkimmanente Funktion zukommen lassen.399 Stereotype sind Reduzierungen und Vereinfachungen und somit auch komplexitätsreduzierend, indem sie Wahrnehmungen vereinfachen und somit psychisch entlasten. Die Erzählung bedient zahlreiche verzerrte Konstruktionen, sowohl aus ost- als auch westdeutscher Perspektive: die Mutter mit ihrem naiven Idealismus und ihrer Nostalgie, der Vater als duldsamer und handwerklich geschickter Gewohnheitstrinker, die Wahrnehmung der DDR-Bürger*innen durch die Westdeutschen als hilfsbedürftig und rückständig usw. Werden die Stereotype hier bestätigt und gestärkt oder dekonstruiert? […]]T]he picaresque genre can also lend itself to breaking down stereotypes. This ability stems from the picaresque hero`s position in a world 398 Vgl. ebd., S. 128 f. 399 O`Sullivan, Emer (2000): Kinderliterarische Komparatistik. Heidelberg: Winter. S. 87. 5. Schelmenfiguren in der KJL zur ›Wende‹ 106 which constantly confronts him with choices. In such a world he can display his human agency on the most basic level: his survival is dependent on making the right decisions at the right times. In using the potential of the picaresque to broaden the outside view of the GDR as a society of victims, these authors contribute to ending the perpetual reification of victimization. A person who has been victimized can only be pitied. A person who acts on his convictions, whether s(he) succeeds or not, can be respected.400 Anhand der unterschiedlichen Textbeispiele sollte deutlich geworden sein, dass die Stereotype durch Übertreibungen parodiert werden. Doch verhält es sich damit nicht einheitlich: teilweise werden die Westdeutschen in ihrer Unwissenheit und Überheblichkeit bloßgestellt. Als im Januar 1990 ein Reisebus mit Rentner*innen aus dem Schwarzwald das Dorf durchfährt, bekommt Paul von einer Frau Schokolade geschenkt „Als ich ,Danke‘ sagte, war sie ganz entzückt. ,Der kann ja richtig Deutsch sprechen! Ich dachte, hier müssen alle Russisch sprechen und überhaupt, der sieht ja fast so aus wie wir’, sagte sie. Ich warf die Schokolade nach ihr, schoss ihr damit die Pelzmütze vom Kopf und ging weiter.“401 Schaut man sich hingegen die Eltern von Paul an, bleibt es hier in der Verantwortung der Leser*innen, die Stereotype als eben solche zu erkennen, der Text selbst bietet keine Hinweise auf einen Bruch dieser Bilder. Pauls Verhältnis zur DDR Der Ich-Erzähler ist zu Beginn der Erzählung vergleichsweise unreflektiert in seinem Verhältnis zur DDR, wird jedoch von seiner älteren Schwester beeinflusst. Nach den Sommerferien 1989 zieht Paul gewohnheitsgemäß sein FDJ-Hemd an. Juliane hat ihres weggeschmissen. Eine gewisse Distanz zur Ideologie zeigt sich bezüglich der Sprache: Als der Stasi-Mitarbeiter bei der Familie zuhause ist, da er das besagte Hemd im Müll gefunden hat, sagt Paul, dass er an der Tür gelauscht habe, dies dann aber abgebrochen habe, als „Herr Hüttenheber […] etwas von ,Unterstützung der Konterrevolution in unserem eigens 5.1.3 400 Twark 2007, S. 147. 401 Burkhard 2007, S. 49 f. 5.1 Der Schelm als Held oder als Unberatener? 107 erbauten Arbeiter- und Bauernstaat‘ [erzählte]. Sofort beendete ich meinen Lauschangriff. Es reicht schon, dass ich mir in der Schule diesen Müll reinziehen muss.“402 Dieses Moment ist aus anderen Texten der Wendeliteratur sowie der öffentlichen Diskussion bekannt: die Befremdung der (ehemaligen) DDR-Bürger*innen gegenüber der Phrasenhaftigkeit sozialistischer Ideologie. Auf einer Fahrt der Jungen Gemeinde, bei der auch westdeutsche Jugendliche anwesend sind, reagiert Paul auf die Losung des Pfarrers – Brücken bauen, wo noch keine sind – mit den Worten „[s]olche Texte hängen mir in letzter Zeit schon langsam zum Halse raus.“403 Generell artikuliert sich in dem Protagonisten eine politische Übersättigung: er ist mehr mit sich selbst beschäftigt, versteht vieles von dem, was geschieht nicht, begreift die Auswirkungen der Umbrüche auf sein Leben nicht und ist vielmehr an seinem persönlichen Glück interessiert. So hören er und sein Freund am 9. November Radio: „Nolle haut mir so fest auf die Schulter, dass sie fast bricht: ,Mensch, Paul, die haben die Mauer aufgemacht!ʻ Das ist mir jetzt egal. Ich muss nach Hause.“404 An der Bushaltestelle trifft Paul Cornelia, die nicht in ihr Heimatdorf kommt, weil die Busse nicht fahren. Dieser Tag wird in die Geschichte eingehen! Am 9. November 1989 fragt mich Cornelia, ob sie heute Nacht bei mir bleiben darf. Hätte ich jetzt eine Hupe und eine Flasche Sekt, würde ich auch hupen und Sekt trinken. […] Wir schleichen in mein Zimmer und ich mache uns vorsichtig die Tür zu. Wir setzen uns auf die Bettkante. Wie lange habe ich auf diesen Tag und dieses große Ereignis gewartet. Wahnsinn!405 Sein Verhältnis zu den politischen Geschehnissen ändert sich dann mit seiner persönlichen Wende insofern, als dass er das Politische als persönlich relevant begreift und für seine Zwecke zu nutzen beginnt. Zu einer Integration seiner DDR-Identität kommt es, als er die Vor- und Nachteile der Diktatur wahrnimmt und versteht, die Wiedervereinigung feiert, aber auch hinsichtlich des Besuchs der österreichischen 402 Ebd., S. 17. 403 Ebd., S. 79. 404 Ebd., S. 33. 405 Ebd., S. 34. 5. Schelmenfiguren in der KJL zur ›Wende‹ 108 Freundin denkt „Ich will nicht, dass Dirndl schlecht über unsere DDR denkt.“406 In der Schule wird Anfang Oktober 1990 die Aufgabe gestellt, einen Aufsatz darüber zu schreiben, wie die ›Wende‹ erlebt wurde. Im Gegensatz zum Romantitel resümiert Paul „Was soll ich denn da jetzt aufschreiben? Das würde ja Tage und Nächte dauern, wenn ich all meine Wendeerlebnisse aufschreibe. […] Ich habe zu viel Wende erlebt. Ich schaffe es nicht!“407 Ein Streich wird ihm wieder zum Behelf: „Aus ,Wende’ mache ich ,Wände’ und fange sofort an, draufloszuschreiben, wie ich meine Wände erlebe.“408 Da an einer seiner Wände noch der Kalender vom vorigen Jahr hängt, in dem der 9. November 1989 unterstrichen ist, schreibt er zur ›Wende‹ einen Satz: „Da haben sie die Grenze nach Westberlin und Westdeutschland aufgemacht. Super! Somit habe ich das Thema nicht ganz verfehlt.“409 Angesichts der Fülle und Komplexität seiner Erfahrungen, scheint dem Protagonisten keine andere Handlungsoption möglich, als diese vollständig zu reduzieren und zu schweigen. Die Erzählung als Ausdruck von Zeitkritik? Bei aller Absurdität der Episoden ist der Ich-Erzähler auch ein wacher, kritischer Beobachter seiner Umwelt. Als die Familie am Tag der Maueröffnung nach Hamburg fährt, schildert Paul eine Beobachtung, die er auf dem Weg von einer öffentlichen Toilette zurück zum Traktor macht: „Ich stolpere über einen Mann, der auf der Straße liegt und nur deshalb nicht nach Geld fragt, weil die Frage auf einem Pappschild um seinen Hals hängt. Da haben Frau Bindesleben und Herr Kleinschmidt also immer Recht gehabt, mit dem Kapitalismus im Westen.“410 Für heutige junge Leser*innen dürfte es nur schwer vorstellbar sein, dass Bettler beziehungsweise Obdachlose etwas Unbekanntes und Befremdendes im Stadtbild sind. Es wird zum einen ein Vergleich vorgenom- 5.1.4 406 Ebd., S. 132. 407 Ebd., S. 131. 408 Ebd., S. 132. 409 Ebd. 410 Ebd., S. 40. 5.1 Der Schelm als Held oder als Unberatener? 109 men, der die DDR positiv erscheinen lässt. Der zweite Satz wendet das Ganze zum anderen sofort wieder ins Komische, indem die Verunglimpfung der freien Marktwirtschaft als richtig dargestellt wird. Ein weiteres Phänomen, auf das der Text hinweist, ist der rasche Gesinnungswandel einiger Ostdeutscher, der mit einer Verdrängung ostdeutscher Identität einherging und die DDR von einem Tag zum anderen als „die verkehrte Welt“ erscheinen ließ: Bei der GST-Fahrt steht der Bus an einer roten Ampel, durch die geöffneten Fenster hört man die FDJ-Lieder der Jugendlichen: „Die Leute an der roten Fußgängerampel sehen ganz entsetzt zu uns. Ein kleiner Junge sagt: ,Mami, Mami, ich will auch wieder zu den Jungpionieren’ , und bekommt dafür eine geknallt.“411 Eine Perspektive, die sich durch die Erzählung zieht, ist das unterschiedliche Tempo, mit dem die Figuren den Systemwechsel vollziehen. Pauls Mutter stellt das eine Extrem dar, indem sie die Proteste gegen die DDR-Führung nicht nachvollziehbar findet und in allen Situationen deplatziert wirkt. Als weiteres Beispiel wäre der Polizist des Dorfes zu nennen, der sich im September 1990 mit den Worten „noch Deutsche Volkspolizei“412 vorstellt. Das andere Extrem sind jene Personen, die den Ideologiewechsel sehr rasch vollziehen. So teilweise Oma Martha, die ihre Familie im Schlaf als „elend[e] rot[e] Socken […]“413 bezeichnet. Der Ich-Erzähler lässt sich hier nicht zuordnen. Er gibt sich dem Lauf der Dinge hin und lässt sich vom Schicksal treiben. Das blaue Wunder Mehrmals in der Erzählung wird dem Ich-Erzähler ein „blaues Wunder“ angekündigt.414 Die Redewendung beinhaltet Bedrohung und Verheißung, es provoziert die Erwartung bzw. Ahnung eines überraschenden Ereignisses. Es soll an dieser Stelle nicht überbewertet werden, dass auch im 14. Kapitel des Schelmenromans „Simplicius Simplicissimus“, die Formulierung vom Blauen Wunder auftaucht. Auf die 5.1.5 411 Ebd., S. 93. 412 Ebd., S. 128. 413 Ebd., S. 119. 414 Vgl. ebd., S. 82, 102. 5. Schelmenfiguren in der KJL zur ›Wende‹ 110 Assoziation will dennoch hingewiesen werden. Es ist als Vorausdeutung zu verstehen. Darauf, dass sich die Dinge, trotz der stetig ungewisser werdenden Lebenswelt, positiv fügen werden. Wenn dieses Element aufgrund seiner Wiederholungen motivischen Charakter hat, bietet der Text an diesen Stellen nicht genug Material, die Deutungen hier auszuweiten, ohne ins Spekulative zu gleiten. Es erscheint daher sinnvoller, nun auf das Ende der Narration einzugehen. Wie ist es zu werten? Alle Hauptpersonen; Paul und seine Familie, seine drei Freundinnen, der ehemalige Stasi-Mitarbeiter, der Pfarrer, Nolle und viele andere Dorfbewohner, feiern den 3. Oktober im Zentralclub, der Diskothek des Dorfes. „Die deutsche Wiedervereinigung ist somit perfekt! Alles freut sich.“415 Auch Pauls Mutter sitzt auf dem Traktor des Vaters und singt. Den Dorfbewohner*innen, im engeren Sinne Paul und seiner Familie, ist es gelungen, ihre eigene Wiedervereinigung zu schaffen: das Haus wurde gerettet, die Versetzung in die zehnte Klasse geschafft, den „Angriffen“ durch die westdeutschen „Helfer“ komisch und sympathisch Einhalt geboten und damit eigene Identität verteidigt. Das Bild von den ‚Dörflern‘ als Opfer der ›Wende‹ wurde gewendet in eines der aktiven Agent*innen, die ihr Schicksal beeinflussen können. Der Verweis auf die Zukunft scheint klar: wenn nicht einmal die weinerliche, stets überforderte Mutter sich der freudigen Stimmung entziehen kann, scheint die Hoffnung auf die Zukunft berechtigt. Zusammenfassung „[I]n dieser turbulenten Zeit“416 machen die politischen Umbrüche auch vor dem Dorf Faulenrost nicht halt, stören die gewohnten Strukturen und lassen die Lebenswelt als chaotisch und unvorhersehbar erscheinen. Der Ich-Erzähler ist Chronist dieser Veränderungen, wobei er seine Wahrnehmung spiegelt, auf eine Reflektion aber weitgehend verzichtet. Dies scheint wiederum legitimiert in dem Titel Macht ihr eure Wende…: er fühlt sich in weitaus geringerem Maß von dem historischen Ereignis betroffen, als es zu erwarten wäre. Dennoch wird 5.1.6 415 Ebd., S. 138 f. 416 Ebd., S. 53. 5.1 Der Schelm als Held oder als Unberatener? 111 er mehrmals mehr oder weniger freiwillig zum Akteur der Ereignisse; und dies auf eine Weise, die in der Interpretation als schelmisch beschrieben wurde. Er zeichnet sich durch ein geringes Maß emotionaler Involviertheit aus, was ein Grund dafür ist, dass kein typisches Desillsionierungerlebnis benannt werden kann. Zwar ist Pauls Wahrnehmung offen und sensibel, aber Gefühle wie Traurigkeit, Wut oder Verzweiflung artikuliert er nicht. Eher könnte von einem sogenannten „Erweckungserlebnis“417 gesprochen werden, als er nach einem Kuss von einem Mädchen aus Bremen drei Wochen krank ist, danach beschließt, seine eigene Wende einzuleiten und in der weiteren Handlung aktiver wird. Ist das Kriterium der Desillusionierung für die Definition des Pikaro nicht erfüllt, so soll der Ich-Erzähler dennoch als Schelm verstanden sein. Sein abenteuerlicher Lebenslauf, seine naive Einfältigkeit und die Behauptung seiner Individualität, während sich die kollektive Ordnung in der Krise befindet, gepaart mit einem Erzählton der Leichtigkeit sind Elemente des Schelmenromans. Dabei bedient sich der Text verschiedener Mittel der Vereinfachung, wie der Stereotypen, der Wahl des Dorfes als Handlungsort, der subjektiven Ich-Perspektive und der Struktur der Gutenachtgeschichte. Die zahlreichen Übertreibungen und Absurditäten machen die Erzählung zu einer Satire und bewahren angesichts der unglaublichen und tragischen Ereignisse humorvolle Unbeschwertheit. Da sich eine humorvolle Darstellung und emotionale Tiefe nicht ausschließen, könnte die fehlende emotionale Reflektion der Erzählung als Mangel nachgesagt werden. Daher erscheint die Frage berechtigt, inwieweit der Text als Aufklärungsarbeit gewertet werden kann oder er lediglich auf der Welle der humoristischen Wendenarrationen ‚mitschwimmt‘. Good Bye Lenin, Herr Lehmann, Helden wie wir und Sonnenallee sind Filme bzw. Bücher der ausgehenden 1990er bzw. beginnenden 2000er Jahre, die sich ebenfalls des Mittels des „demonstrative[n] Unernst[es]“418 und dem Moment des Unglaublichen bedienen. Andere literaturwissenschaftliche Analysen sind bereits zu der Ansicht gelangt, Humor und Satire in der Nachwendeliteratur als Mittel zu verstehen, die vor einem wehleidigen, bedauernden oder nostalgischen, d. h., sentimen- 417 Jacobs 1987, S. 69. 418 Dettmar 2007, S. 72. 5. Schelmenfiguren in der KJL zur ›Wende‹ 112 talen Blick bewahren.419 Der Text stellt für junge Leser*innen, die die ›Wende‹ selbst nicht erlebt haben, ein Panorama unterschiedlicher potentieller ›Wende‹-Erfahrungen zusammen und wendet das Bild von den DDR-Bürgern als Opfer durch Übertreibung und Dekonstruktion von Stereotypen um und lässt sie als Agent*innen ihrer Geschichte erscheinen. Die Erzählung reiht sich – ohne ein Urteil über seine literarische Qualität vorzunehmen – in die Reihe der Schelmengeschichten – seien sie literarisch oder filmisch – nach 1989 ein, die alle eine ironische, wie naive Perspektive verbindet. Zur Beschreibung des Protagonisten kann tatsächlich die Kategorie der Unberatenen von Lindner dienen. Seine Identität bildet sich parallel zum politischen Umbruch. Seine Eltern werden zu Wendeverlierern und füllen nicht ihre Rolle als Eltern aus, bieten ihm keine Orientierung. Paul bleibt sich mit seinem Innenleben selbst überlassen, weshalb er sich nur auf seine eigenen Interpretationen der Wirklichkeit verlassen kann und sich damit mehrmals in komische Situationen bringt. Schließlich stellen sich die Weichen in seinem Leben so, dass er am 3. Oktober 1990 mit Cornelia, Fannie und Dirndl, drei Mädchen, die alle verliebt in ihn zu sein scheinen, glücklich die deutsch-deutsche Wiedervereinigung feiert. Dem politischen Happy End entspricht sein privates. Wird im Titel ein Desinteresse, ein Unwille zur Beteiligung an der ›Wende‹ artikuliert, lässt sich das Leben des Jugendlichen gar nicht vom politischen Ereignis trennen. 419 Vgl. Twark 2007, S. 147. und Nause 2002, S. 221. 5.1 Der Schelm als Held oder als Unberatener? 113 Glücksverheißungen: Die freie Marktwirtschaft nach dem Ende des Sozialismus aus Sicht des Adoleszenten: Karel, Jarda und das wahre Leben „Die ganze Welt, das heißt zumindest unsere Welt, in der wir früher kommunistisch waren und jetzt schnurstracks in die echte Marktwirtschaft marschieren, steht Kopf. Jeder kann Millionär werden, das Geld liegt auf der Straße, […] man muss sich nur bücken.“420 Der Roman Karel, Jarda und das wahre Leben spielt im Prag der beginnenden 1990er Jahre und lässt den zwölfjährigen Ich-Erzähler Karel und seinen Freund Jarda die Gesetze des neuen Wirtschaftssystems samt seiner Glücksversprechen erkunden und erfahren. Mit diesem Text wird die Perspektive und das Korpus insofern erweitert, dass nicht nur der Sturz der DDR, sondern der Zusammenbruch des sozialistischen Systems auch außerhalb Deutschlands Thema und Gegenstand ist und so einen vergleichenden Blick eröffnet. Die genauso cleveren wie naiven Versuche der beiden Jungen, die Chancen der „neuen Welt“ nach dem Ende der Planwirtschaft zu ergreifen und in der Folge reich zu werden, kollidieren teilweise schmerzhaft mit der Wirklichkeit. Doch immerhin sind sie, so die Wahrnehmung der beiden, die einzigen, die die Zeichen der Zeit begreifen, während die Erwachsenen selbige zu ignorieren scheinen. Ähnlich des „Hans im Glück“ geraten sie von einem Geschäft ins nächste, verdienen Geld, erleiden Verluste und geben schließlich, überfordert vom „wahren Leben“, ihre großen Ambitionen zugunsten eines angemessenen Jugendlichseins auf. Der Roman Sheila Ochs erschien 1996 in Deutschland als Übersetzung aus dem Tschechischen (1995) und wurde ein Jahr darauf mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Als Tochter tschechischer Emigranten wurde Och 1940 in England geboren und lebte nach dem Ende des zweiten Weltkriegs in Prag, wo sie später an der Filmhochschule studierte. Ab 1971 lebte sie in Deutschland, wo sie auch 1999 starb. Karel, Jarda und das wahre Leben ist ihr zweiter Jugendroman. 5.2 420 Och, Sheila (1996): Karel, Jarda und das wahre Leben. Würzburg: Arena-Verlag. S. 6. 5. Schelmenfiguren in der KJL zur ›Wende‹ 114 Mit der Textanalyse soll belegt werden, inwiefern der Roman als Schelmenroman zu benennen ist und welche Konsequenz dies für die Art des Deutungsmusters hat, das der Text über die außerliterarische Wirklichkeit anbietet. Es scheint sinnvoll, den Protagonisten nicht nur als Schelm, sondern gleichzeitig als Adoleszenten zu bezeichnen. Mit seinen zwölf Jahren befindet er sich gerade an der Schwelle vom Kind zum Jugendlichen. Er selbst bezeichnet sich als fast erwachsen. Obzwar das Moment der Identitätsentwicklung für diesen Roman kaum gilt, wird die Analyse zeigen, dass die Bezeichnung des Protagonisten als Adoleszent insofern plausibel wird, als dass er versucht, die Erscheinungen seiner Lebenswirklichkeit, die er als unmittelbare Folgen der sanften Revolution wahrnimmt, also die gesellschaftlichen und politischen Bedingungen als bedeutsam für sein Leben deutet und versucht, sie in seine Identität zu integrieren. Das Figurenensemble im Kontext einer Zeitenwende „Unsere ganze Familie ist furchtbar nervös.“,421 lautet der erste Satz des Romans. Den Grund für diese Nervosität vermutet Karel darin, dass die Welt Kopf steht.422 Er selbst schließt sich aus dieser Diagnose aus, denn „einer muss doch normal bleiben“423 und charakterisiert sich damit als das einzige vernünftige und demnach als das potentiell überlegene Familienmitglied. Entsprechend seiner Selbstwahrnehmung erhält Karel folglich aufgrund seiner Normalität und Gelassenheit eine besondere Stellung in seiner Familie. Auf die unterstellte Unempfänglichkeit seiner Eltern gegenüber den Zeichen der Zeit reagiert Karel mit Unverständnis, Wut und Empörung. Jeder kann Millionär werden, das Geld liegt auf der Straße, stand in der Zeitung, man muss sich nur bücken. Und was machen meine Eltern? Sie bücken sich nicht, sie werden nur jeden Tag etwas nervöser, soweit eine Steigerung überhaupt noch möglich ist. […] Also, ich verstehe das nicht: 5.2.1 421 Ebd., S. 5. 422 Vgl. ebd., S. 6. 423 Ebd. 5.2 Glücksverheißungen 115 Wenn sie beide wissen, wie man es anpacken müsste, warum tun sie es dann nicht?424 Am meisten stört mich aber in letzter Zeit an meinen Eltern, dass sie nicht begreifen, dass bei uns eine völlig neue Ära ausgebrochen ist. Ich habe sogar den Eindruck, dass sie diese neue Ära nicht einmal wahrnehmen. Meine Mutter geht weiter tagtäglich morgens in ihr Krankenhaus, um dort ihre Arbeit zu verrichten, mein Vater, von seiner alten Aktentasche begleitet, schleppt sich wie seit vielen Jahren in sein Büro, über das er nur schimpfen kann, solange ich ihn kenne. Und dabei ist die alte Welt, in der wir hier vor der berühmten »sanften Revolution« gelebt haben, absolut und radikal zusammengebrochen! Und die neue Welt, wie man im Radio von unserem berühmten Präsidenten hören kann, steht uns allen offen. Warum gehören zu den paar Bewohnern dieses Planeten, die diesen historischen Augenblick überhaupt nicht bemerkt haben, ausgerechnet meine Eltern? Wenn es so weitergeht, werden sie in ihrem Schlendrian, ohne einen Funken Phantasie, alt und grau.425 Mit seinem Freund verhält es sich dagegen völlig anders. So stellt Karel über ihn fest, dass er „versteht, was das Zeitalter der sanften Revolution von uns verlangt. Wie wir so zusammen auf dem Bett liegen und die Decke betrachten, spricht Jarda den grundlegenden Satz unseres Lebens aus: Wir müssen reich werden.“426 Ihre Vorstellungen hinsichtlich Armut und Reichtum spiegeln zum einen den kindlichen und zeitunabhängigen Hunger nach Markenprodukten, zum anderen die wohl zeittypische und altersunabhängige Faszination angesichts des plötzlichen und riesigen Warenangebots in den ehemals sozialistischen Ländern zu Beginn der 1990er Jahre. „Arm zu sein, das ist etwas ganz Schlimmes. Man hat all das nicht, was man dringend braucht: zum Beispiel CD-Player, Video, Gameboy, Tennisschuhe.“427 „Reichtum ist […] wenn man alles hat, was man nicht braucht […].“428 Die ironische Wirkung entsteht im ersten Zitat durch die Gleichsetzung des Maßstabs der Dringlichkeit bzw. Notwendigkeit mit Luxusgütern. Mit dem neuen Wirtschaftssystem haben sich die Relationen von Armut und Reichtum, Bedarf und Überschuss verändert. Für die Eltern Karels er- 424 Ebd. 425 Ebd., S. 14 f. 426 Ebd. (Hervorhebung im Original) 427 Ebd., S. 12. 428 Ebd., S. 15. 5. Schelmenfiguren in der KJL zur ›Wende‹ 116 wächst daraus keine Motivation zum Handeln. Beide haben gute und sichere Jobs. Aus der kindlichen Perspektive, die nach den neuen Produkten hungert, wirken die Eltern passiv. Karel ist der Meinung, dass seine Familie weit und breit die einzige sei, die sich der neuen Zeit verschließt. Die abenteuerlichen und absurden Ideen der Jungen wirken als Irritationen und Störungen der familiären Stabilität. Bei seinem Vater hört Karel den Satz „[…] [H]eutzutage kommt man nur als Kneipenwirt, Schwarzgeldhändler, Zuhälter oder Hure zu was […].“429 Karel nimmt diese Worte völlig ernsthaft auf und entwickelt einen Plan für die ganze Familie […] [U]m eine Schwarzgeldhändlerin zu spielen, dazu dürfte es immerhin bei Mutter reichen. Und zum Zuhälter könnten wir den Vater erklären. […] Als Hure könnte sich dann meine Schwester verdingen, obwohl sie gerade mindestens zehn Pickel hat. Aber dagegen gibt es Make-up […]. Als ich ihnen gestern beim Abendbrot diesen Plan vorstellte, haben sie mich lange, sehr lange angeschaut.430 Die beiden Jungen sind Sonderlinge, indem sie sich für ein gemeinsames Ziel verbünden und ihre Aktion ein indirekter Protest gegen die Eltern ist. Sie stärken sich gegenseitig durch ihre Zweiheit. Aus narratologischer Perspektive wird dieser Sonderlingsstatus verstärkt, indem Karel als unzuverlässiger Ich-Erzähler auftritt. Teil seiner Identitätskonstruktion ist, dass er sich selbst als fast erwachsen bezeichnet. Diesem Selbstbild entsprechen seine Ambitionen, so aktiv und intensiv wie möglich an einem politisch-gesellschaftlichen Wandel beteiligt zu sein. Aufgrund des Missverstehens von Ironie und Sarkasmus sowie der häufigen affektiven Momente von Erstaunen und Bestürzung wirkt er auf den/die Leser*in hingegen kindlich-naiv. Reaktionen seiner Eltern auf die Bedingungen der sogenannten „neuen Zeit“ gibt Karel bruchstückhaft und vergleichsweise zusammenhangslos wieder. So bezeichne der Vater die Kommunisten als Schurken, „die in unserem Land früher alles organisierten und in Vaters Augen auch jetzt Schuld daran sind, wenn keine Fahrkarten da [in der Wohnung der Familie – (S. D.)] sind.“431 Es ist der Perspektive Karels geschuldet, dass in Textstellen wie diesen unklar bleibt, ob tatsäch- 429 Ebd., S. 6. 430 Ebd., S. 7. 431 Ebd., S. 21. 5.2 Glücksverheißungen 117 lich sein Vater diese unplausiblen Schlussfolgerungen zieht und damit als Charakterisierung desselben dienen, oder ob es sich um ein Missdeuten Karels handelt. Wenn auch die zweite Überlegung die plausiblere zu sein scheint und im Folgenden noch ausführlicher belegt wird, so scheint das Vaterbild hier dem Stereotyp zu entsprechen, das auch in anderen kinder- und jugendliterarischen Texten zur ›Wende‹ auftaucht: das des stets unzufriedenen, der Zeit hinterherhinkenden Vaters, wobei für diesen Roman gilt, dass er scheinbar nicht dem kommunistischem System nachtrauert, wohl aber die eigene aktive Neuorientierung verhindert, indem er das alte System für alle ihn störenden Bedingungen verantwortlich macht. So sagt er, dass sie vor den Kommunisten kultivierte Leute waren – und jetzt wieder sind.432 Symptomatisch für Karels Deutungen ist, dass er zahlreiche Äußerungen tätigt und reproduziert, in denen er die Schlagworte/Phrasen „neue Zeit“, „unsere Revolution“ und „Zukunft“ im Ton des völligen Verständnisses und Bescheidwissens mit seinem Alltag verknüpft. „Also schon wegen dem Nesquick, was ja ein gesundes amerikanisches Milchgetränk ist, hat sich meiner Meinung nach unsere Revolution gelohnt.“433 Genauso sagt Jarda, dass die Zeiten schlecht sind,434 ohne dies zu begründen und an anderer Stelle: „[…] Meine Mutter kommt erst spät nach Hause, sie hat jetzt lauter Versammlungen wegen der Zukunft.“435 Den Jungen werden von den Erwachsenen große Worte und Bilder vorgesetzt, welche sie dann, da sie deren Bedeutung nicht verstehen, versuchen, selbst mit Inhalten zu füllen. Wenn der Vater sagt „Es ist vieles anders geworden. Jetzt weht ein neuer Zeitgeist […]“,436 ohne eine kindgemäße Konkretisierung anzubieten, werden Karel und sein Freund mit ihrem Unverständnis auf sich gestellt und täuschen vollkommenes Verständnis vor. In gleichem Maße bleibt das Innere der Mutter unklar, wenn Karel sie beim Weinen beobachtet: sie sagt, sie weine wegen des ganzen Lebens und der Urgroßvater antwortet ihr, damit habe sie Recht.437 432 Vgl. ebd., S. 65. 433 Ebd., S. 64. 434 Vgl. ebd., S. 27. 435 Ebd., S. 74. 436 Ebd., S. 65. 437 Vgl. ebd., S. 24. 5. Schelmenfiguren in der KJL zur ›Wende‹ 118 Aufgrund der Annahme, die Zeit zu verstehen – und damit eine Sonderrolle inne zu haben – übernehmen Karel und Jarda die Verantwortung, ihren Familien den Weg in die „neue Zeit“ zu ebnen. […] [F]rüher [war] ich […] ein unwissendes Kind […], das nichts vom wahren Leben verstand, aber jetzt, wo ich schon fast ein Erwachsener bin, habe ich alles begriffen und will eine Mitverantwortung für sein, Vaters, Glück und das Glück unserer Familie übernehmen.438 Ihr Eintritt in das kapitalistische Wirtschaftssystem lässt sich dann als Initiationsprozess beschreiben. Die echte Marktwirtschaft – jugendliches Bewähren oder naives Scheitern? Das Zu-eigen-Machen der neuen Welt Die Familien Karels und Jardas wohnen in einer Neubausiedlung in Motol, einem Stadtteil außerhalb des Zentrums von Prag. Dass ihr Selbstverständnis nur auf ihr Viertel bezogen ist, veranschaulicht auch eine Äußerung des Urgroßvaters in der späteren Romanhandlung, als er den beiden Jugendlichen rät, in die Stadt zu gehen, um dort neue Arbeit zu suchen.439 Die zwei Jungen streifen durch ihr Wohnviertel, um zu sehen, was den Leuten fehlt, um dann damit Geld zu verdienen. Was hier also intuitiv angewandt scheint, ist das ökonomische Prinzip der Orientierung am Bedarf. Sie fassen dann den Entschluss, Straßenbahnfahrkarten zu verkaufen und richten sich dafür einen Stand ein. Gerade noch rechtzeitig erklärt der Urgroßvater ihnen, dass die Fahrkarten für mehr Geld verkauft werden müssen, als sie eingekauft wurden. Karel stellt fest: In dem Moment begreife ich die ganze verdammte Welt. […] Wenn wir im Tabakladen von Herrn Dlouha Straßenbahnfahrkarten zu sechs Kronen kaufen, müssen wir sie natürlich mindestens für sieben Kronen verkaufen, sonst haben wir keinen Profit gemacht! Das ist nämlich die viel zitierte Marktwirtschaft. Wie ein Blitz hat mich diese Erkenntnis erleuch- 5.2.2 438 Ebd., S. 36. 439 Vgl. ebd., S. 103. 5.2 Glücksverheißungen 119 tet. Die Marktwirtschaft hat nur eine sehr einfache Regel und die lautet: billig einkaufen, teuer verkaufen.440 Zwar glückt im Folgenden ihr Projekt, doch wird es ihnen von ihren Eltern verboten als diese davon erfahren. Sie missverstehen die Bemühungen ihrer Söhne als Vortäuschung von Armut und damit als Kritik an ihnen als Eltern. In den Augen seiner Mutter sei Jarda ein Nichtsnutz, andere Kinder läsen Bücher oder machten chemische Experimente, woraufhin Jarda weint;441 Karel weint nach einem Streit mit seinem Vater ebenfalls „[…] wegen des ganzen Lebens […]“,442 worauf ihm der Urgroßvater antwortet, dass er damit Recht habe.443 Somit endet der erste Versuch, reich zu werden, in Tränen. Im nächsten Schritt sammeln die beiden Regenwürmer, die sie dann ab einhundert Stück an den Angelverein verkaufen wollen. Im Regen und Dreck stellen sie fest, dass sich vor ihnen „das Tor zur Welt der großen Geschäfte auf [tut]“.444 Sie beschließen, ihre Freundin Terezka und deren Brüder anzuheuern, um effizienter bei der Regenwurmjagd zu sein. Als sie 48 Würmer zusammen haben, müssen sie feststellen, dass der jüngste Bruder die Würmer gegessen hat. Doch auch aus diesem Rückschlag machen Karel und Jarda eine Tugend: am nächsten Tag gehen alle Kinder in die Stadt auf den Markt und verkaufen das Kleinkind als Sensation: für fünf Kronen könne man sehen, wie Jirka einen Regenwurm isst.445 Genau in dem Moment als sie – mit den Einnahmen zufrieden – wieder nach Hause gehen wollen, werden sie von einem deutschen Fernsehteam angesprochen: 150 Kronen bekommen die Kinder dafür, dass das Baby einen letzten Regenwurm isst. Auf dem Heimweg muss sich Jirka schließlich übergeben, woraufhin allen anderen Kindern vor Ekel ebenfalls schlecht wird. Karel resümiert, dass der Verdienst von 213 Kronen das Mit-Leiden nicht aufwiegen kann: „Die Tränen fließen mir wegen des ein für alle Mal verkorksten Geschäftes; gleichzeitig gäbe ich gern das ganze verdiente 440 Ebd., S. 28 f. 441 Vgl. ebd., S. 41. 442 Ebd., S. 38. 443 Vgl. ebd. 444 Ebd., S. 45. 445 Vgl. ebd., S. 58 ff. 5. Schelmenfiguren in der KJL zur ›Wende‹ 120 Geld her, wenn es mir nur wieder gut ginge. Aber mein Magen fährt weiter Karussell und mir ist, als ob ich sterben müsste.“446 Schon am nächsten Tag bietet sich für Karel und Jarda die nächste Gelegenheit, reich zu werden. Inspiriert durch die Teilnahme am Begräbnis einer Nachbarin und der Erzählung des Urgroßvaters, dass bei Bestattungen früher Jungen mit Blumenkörben neben den Gräbern standen und den Trauernden gegen Geld Blumen anbaten, nehmen die beiden aus weggeworfenen Kränzen Blumen heraus und stellen sich zu den Trauergästen. Neben dem Verdienst von 100 Kronen, werden die Jungen zum anschließenden Leichenschmaus eingeladen und gelangen zu der Erkenntnis, dass sie nun wohl das „wirklich richtige Geschäft“447 gefunden hätten, „weil es krisenfest ist“.448 Doch auch dieses entpuppt sich zum einen als schmutziges Unterfangen, müssen die Jungen doch auf der Pflanzenhalde herumklettern, um an die Blumen zu gelangen, zum anderen wird es zum Glücksfall, noch ansehnliche, nicht verwelkte Blumen zu finden. Wiederum durch Zufall und Glück werden sie auf dem Friedhof von einem Gärtner angesprochen, der ihnen anbietet, sie mit Blumen zu beliefern, die nicht mehr frisch genug sind, um sie in der Gärtnerei zu verkaufen. Pro verkaufter Blume müssen sie dem Gärtner eine Krone bezahlen. »Ich kann euch sagen, einfach ist er nicht, dieser Kapitalismus. Da muss man sehen, wie man sich durchschlägt.« Zustimmend nicken wir. Wir haben mit dem Kapitalismus ja auch schon unsere Erfahrungen gemacht […]. Wir sitzen auf dem Grabstein und unsere Köpfe rauchen. Der Mensch hat Recht, man muss mit anderen teilen, wenn man etwas verdienen will. Der Handel ist eigentlich eine Kette und jeder, der daran hängt, kommt zu was. 449 Die beiden werden auf dem Friedhof „anerkannte Geschäftsleute“450 und „Fachleute“,451 doch auch dieses Unternehmen beenden sie, als sie ein Begräbnis eines Kindes erleben. Dieses Erlebnis, ihr „Seelenschmerz“ und die damit verbundene Erkenntnis der Begrenztheit des 446 Ebd., S. 63. 447 Ebd., S. 74. 448 Ebd. 449 Ebd., S. 80 f. 450 Ebd., S. 89. 451 Ebd. 5.2 Glücksverheißungen 121 Lebens erschüttern die beiden so sehr, dass sie heulend ihre Blumen wegwerfen und den Friedhof verlassen.452 Auf der Suche nach einer neuen Erwerbsquelle gehen Karel und Jarda „in die Stadt“, wo sie eine Stellenanzeige an einem Laternenpfahl finden und am selben Tag beginnen, für die „Firma Schuldner“453 zu arbeiten. Dabei handelt es sich um eine dubios wirkende Gruppe von Männern, die die Kinder als Schuldeneintreiber anstellen. Schließlich bekommen sie von den Händlern Geld, damit sie verschwinden und von der Firma ihren Stundenlohn. Aber auch dieses Projekt endet nach ein paar Tagen. Karel und Jarda werden entlassen, da die Firma ihre Methoden oft ändern müsse und sie mit den beiden Jungen das Bestmögliche ausgeschöpft habe. Aber wer einmal am Geld gerochen hat wie wir, der ist offenbar für alle Zeiten verdorben. Ich habe irgendwie schon fast vergessen, dass ich das Geld nur verdienen wollte, um meine Familie glücklich zu machen. Ich denke nicht einmal daran, was ich damit anfangen werde, nein, es geht mir nur noch um die schön klingende Münze. Ich befürchte fast, dass ich nichts mehr einfach so werde tun können, weder Fußball mit Freunden spielen noch ziellos bummeln oder ruhig Eis schlecken – stattdessen spüre ich immerzu einen kleinen Zwerg im Kopf, der mir zuflüstert: Geld, Geld, Geld.454 Die nächste Verdienstmöglichkeit lässt nicht lange auf sich warten: Karel und Jarda werden von einem Klassenkameraden, der sehr gut und viel Geige spielt, angesprochen: „Ich habe gehört“, platzt Míla in die Stille, „dass ihr zwei wahnsinnig gute Geschäftsleute seid und großes Geld verdient.“455 Míla braucht eine halbe Million Kronen, um sich eine bestimmte Geige kaufen zu können und die Jungen sollen ihm dabei helfen. Sie werden so etwas wie die Manager des jungen Geigenspielers. Die drei stellen sich auf den Markt; Míla spielt Musik, Karel und Jarda stehen mit einem Schild daneben, das die Passanten um Spenden bittet. Der Gewinn wird durch zwei geteilt. „[…] [I]ch bin, zusammen mit Jarda natürlich, immerhin Mílas Verkäufer und er ist unsere Ware.“456 Die drei Jungen werden dabei wieder von einem 452 Ebd., S. 94 f. 453 Ebd., S. 115. 454 Ebd., S. 118. (Hervorhebung im Original) 455 Ebd., S. 120. 456 Ebd., S. 124. 5. Schelmenfiguren in der KJL zur ›Wende‹ 122 deutschen Fernsehteam gefilmt, was am Abend in den Familien zu großer Aufregung führt: Mílas Mutter meint, Karel und Jarda hätten ihren Sohn berühmt gemacht.457 Karels Mutter kocht aus Stolz ein besonderes Abendbrot, doch die Ereignisse überschlagen sich: Jardas Mutter klingelt weinend bei der Familie mit der Nachricht, dass das Fernsehballett, in dem sie tanzt, aufgelöst werde und sie somit arbeitslos sei. Dies ist der Zeitpunkt, ab dem Bewegung in die Familie kommt: Karels Vater hat die Idee, den Abstellraum im Haus zu mieten und darin eine Ballettschule einzurichten. Und auch die große Schwester Lenka wird vom Wunsch des Geldverdienens erfasst. Die zwei Jungen „gründen“ für sie die Firma „Glasklar“, einen Fensterputzservice. Aber auch dieses Unternehmen findet ein schnelles Ende als sie – bei einer Nachbarin putzend – von der Leiter fällt und mit ihrem Gesäß in einem Blecheimer landet, aus dem sie sich allein nicht befreien kann. Die letzte Verdiensttätigkeit von Karel und Jarda auf dem freien Markt ist ein Promotionjob für Zahnpasta. Stundenlang müssen sie sich auf dem Marktplatz immer wieder zuerst die Zähne mit Schokolade beschmieren und danach putzen. Es wird der schlimmste Nachmittag meines Lebens und Jarda sagt dasselbe. Die Schokolade kann ich bald nicht mehr riechen und nach einer Stunde schon tropft mir aus dem wunden Zahnfleisch Blut […]. […] Nach drei Stunden Zähneputzen wird mir endgültig schlecht, ich kippe um und falle in den Eimer, der schon voller Wasser mit ausgespuckter Paste ist. Daraufhin kassiert Jarda schnell das Geld für uns beide, nimmt mich am Arm und führt mich zur Straßenbahn. […] Irgendwie und irgendwann einmal ist im Leben mit allem Schluss. […] Ich kann nicht mehr.458 Schließlich arbeitet Jardas Mutter dann im selben Krankenhaus wie die Karels und der Vater kündigt seine Arbeit, um im Abstellraum einen Lebensmittelladen zu führen. Karel und Jarda helfen im Geschäft des Vaters mit, ihr Lohn wird direkt auf ein Sparbuch gezahlt. Ihr Erwerbsheft, das sie über die hinter ihnen liegenden Wochen hinweg geführt hatten und jedem von ihnen eine Summe von 1000 Kronen459 bescheinigt, schmeißen sie weg. 457 Vgl. ebd., S. 130. 458 Ebd., S. 154 f. 459 Entspricht ca. 39,- €. 5.2 Glücksverheißungen 123 Und so ist unser ganzes Geldverdienen irgendwie merkwürdig ausgegangen. Die Ferien sind vorbei, jetzt leben wir wieder unser gewöhnliches, normales Leben. Aber wenn ich so richtig nachdenke und unsere Familie scharf betrachte, muss ich einsehen, dass sich doch allerhand geändert hat […]. Und dabei sind wir beide, nur wir beide, es gewesen, die unseren Familien den Weg zu diesem unerwarteten Glück vorbereitet haben! Wer hat hier als Erster begriffen, dass eine neue Ära angebrochen ist? Wer hat ihnen allen vorgemacht, wie und wo man Geld verdienen kann? Jetzt profitieren sie alle von unseren Bemühungen, von unseren Tränen, unserem Schweiß, unseren schlaflosen Nächten […]. Aber keiner von ihnen ist gekommen, um uns feierlich die Hand zu reichen und sich zu bedanken […].460 Um die Textanalyse zu vertiefen, ist noch einmal zu fragen, inwiefern die Tätigkeiten der Jungen als eine Geschichte der Bewährung oder aber als eine des Scheiterns zu deuten ist. Unabhängig von der Beantwortung dieser Frage soll wiederum der Fokus auf das Moment der Initiation gelegt werden. Nicht-Verstehen als Ressource Die Lebenswelt, wie sie Karel und Jarda wahrnehmen, lässt sich möglicherweise am treffendsten mit einer Atmosphäre der Unbestimmtheit bzw. Ungewissheit beschreiben. Immer wieder artikuliert der Ich-Erzähler die Schwierigkeit, seine Familie, aber auch sich selbst, verstehen zu können sowie das stete Gefühl, nicht verstanden zu werden.461 „Und ich tauche in einen See voller Fragezeichen […].“462 Diesem Befund steht gegenüber, dass Karels Sprechen über das neue Wirtschaftssystem und dessen Folgen einen deutlichen Ton des Bescheidwissens, des Naseweisen hat, der durch Wörter wie „doch“, „offenbar“, „selbstverständlich“, „nämlich“ und „natürlich“ entsteht. Die großen Sprachbilder wie „neue Ära“, „der Geist der neuen Zeit“, „die neue Welt“ werden ebenfalls im Ton der Selbstverständlichkeit benutzt, ohne nach den Inhalten dieser Worthüllen zu fragen. 5.2.3 460 Ebd., S. 165 f. 461 Vgl. ebd., z. B.: S. 6, 13, 51, 48, 96 f. 462 Ebd., S. 131. 5. Schelmenfiguren in der KJL zur ›Wende‹ 124 Dem (noch) kindlichen Unwissen entgegengesetzt ist der Urgroßvater, der mit in der elterlichen Wohnung lebt. Sein Alter wird nicht genannt, aber da es sich eben gerade um einen Urgroßvater handelt und er offensichtlich die Wohnung auch nie verlässt, entsteht die Vorstellung eines tatsächlich sehr alten Mannes. Er ist der stille und kluge Beobachter, der Weise, der jedem Familienmitglied mit Verständnis und immer einem passenden Ratschlag zur Verfügung steht. Er ist es auch, der die Neugier in Karel und Jarda weckt, indem er ihnen sagt, das Geld liege auf der Straße. Wenn die Eltern der beiden Jungen mit Unverständnis und Wut auf die Aktionen ihrer Söhne reagieren, hält er zu seinem Urenkel und dessen Freund und ermutigt sie: „Jungs, ihr habt den Geist der Zeit begriffen. Ich glaube, ihr werdet im Leben nie verloren gehen, ihr werdet es weit bringen.“463 Am Ende des Romans sitzen der Urgroßvater und Karel jeder in einem Schaukelstuhl am Fenster. Die Verbündung von Großeltern-Figuren und Kindern gegen die dazwischenliegende(n) Generation(en) ist ein häufiges Motiv in der KJL. Dieses Einverständnis liegt möglicherweise darin begründet, dass sowohl alte Menschen, als auch Kinder im Gegensatz zu den Erwachsenen vergleichsweise jenseits einer starken Verwicklung in die Lebensrealität stehen zu scheinen, was ihnen einerseits eine gewisse beobachtende Position, andererseits einen spielerischeren Umgang mit der Welt erlaubt. Daraus würde wiederum der Eindruck der Erhabenheit resultieren. Vielleicht ist auch die Haltung der Weisheit der naiven Welthaltung gar nicht fremd, sondern vielmehr verwandt: So könnte behauptet werden, Naivität tue so, als wäre sie Weisheit, einer bestimmten – wahrscheinlich schmerzhaften – Erfahrung folgend. Wieder auf den Roman zurückkommend, werden die Zwölfjährigen auch dadurch als Kinder – und eben nicht baldige Erwachsene – markiert, wenn sie zugeben, bestimmte Wörter bzw. deren Inhalte nicht zu verstehen. „Ich habe zusammen mit Jarda lange überlegt, was das wohl ist, diese Intimsphäre […].“,464 „Mit diesem Wort bin ich mir nicht ganz sicher […].“465 Die Jungen sind noch nicht vollständig in die Sprache sozialisiert, deshalb bleiben ihnen Teile der Welt verschlos- 463 Ebd., S. 86. 464 Ebd., S. 11. 465 Ebd., S. 92. 5.2 Glücksverheißungen 125 sen; sie sind oft sprachliche Außenseiter. Sie besitzen noch so etwas wie eine kommunikative Unschuld. Unter der Perspektive, dass der Ich-Erzähler und sein Freund Jungen sind und sich selbst als fast erwachsen bezeichnen, ist auffällig, wie oft sie weinen. Aber auch für andere Personen im Roman gilt dies: Karels Mutter weint wegen des ganzen Lebens und die Mutter von Jarda steht völlig verweint vor der Tür der Eltern Karels als sie ihre Arbeit verloren hat. Es ist eine emotionale Reaktion, die Ausdruck einer starken Kränkung, von Machtlosigkeit und Verzweiflung sein kann. Oder anders formuliert: eine Reaktion auf den Eindruck, von der Welt zurückgewiesen oder enttäuscht worden zu sein. Ent-Täuschung heißt dann auch, von einer Illusion, einer Täuschung befreit worden zu sein. Das wiederholte Weinen ist somit als Kontrast zu den Verheißungen der „neuen Ära“ zu verstehen. Karel und Jarda leiden daran, dass das „wahre Leben“ es ihnen deutlich schwerer macht als es ihre Vorstellung war. „Das wahre Leben“ Was ist nun das „wahre Leben“? Am Beginn der Romanhandlung ist es für die beiden Protagonisten und ihre Familien ein Leben im Reichtum. Ihr gegenwärtiges Leben ist im Umkehrschluss ein falsches, sinnloses. Was Karel an seinen Eltern kritisiert, ist ihre Genügsamkeit. In den zahlreichen Versuchen, reich zu werden, zeigt sich dann das tatsächlich wahre Leben jenseits illusorischer Vorstellungen. Ihre Jobs enden entweder in seelischen oder körperlichen Schmerzen, sind schmutzig bzw. Ekel erregend oder moralisch zweifelhaft. Zwar nutzen sie die offenen Möglichkeiten des neuen Systems und verdienen vergleichsweise viel Geld, doch kann es die Rückschläge kaum aufwiegen bzw. potenzieren sich mit den Möglichkeiten des Erfolgs die Gefahren des Scheiterns. Nachdem sie die Gesetze der echten Marktwirtschaft kennengelernt und angewandt – und d. h. clever für sich genutzt – haben, ziehen sich Karel und Jarda in den Schutzraum ihrer Familien zurück. Den beiden Protagonisten würde Unrecht getan, ihren Weg als Scheitern zu benennen. In der überwiegenden Zahl der Tätigkeiten 5.2.4 5. Schelmenfiguren in der KJL zur ›Wende‹ 126 sind sie es, die die Entscheidung treffen, die Jobs wieder zu beenden. Die Erfolge – ob Geld, kostenloses Essen, die „Vermarktung“ des Klassenkameraden – sprechen für sie. In der Art und Weise, wie die Zwölfjährigen sich der Mechanismen des Marktes bedienen und sowohl ihren Niederlagen, als auch dem Widerstand ihrer Eltern trotzen, kann von einer Bewährung gesprochen werden. Gleichzeitig und damit einhergehend ist die Romanhandlung eine schrittweise Desillusionierung der Jugendlichen. Nicht zufällig ist diese mit dem Alter der Jungen an einen Zeitpunkt angeknüpft, der sich als Schwelle vom Kind zum Jugendlichen benennen lässt. In ihrer Annahme, Geld liege auf der Straße, werden sie rasch enttäuscht. Die Mühen, die sie aufbringen müssen, sind größer als ein einfaches Bücken. Doch die Desillusionierung ist nicht vollständig. Im Gegenteil: das utopische Moment bleibt trotz der Rückzugsbewegung lebendig; denn am Ende des Romans denkt Karel: „Am liebsten hätte ich eine Million verdient und wäre fünfundzwanzig Jahre alt. Das wäre das wahre Leben.“466 Es bleibt die Vorstellung, das gegenwärtige Leben sei nicht das richtige, das lohnenswerte, sondern nur eine Phase der Vorbereitung, der Erprobung. Karel und Jarda als Schelme Was die Romanhandlung und die Episoden als Movens vorantreibt, ist die trotzige, unerschütterliche Aktivität der beiden Jungen. Zum einen richtet sich ihr Trotz gegen die Missbilligung ihrer Unternehmungen durch die Eltern: „[…] [I]ch ertrage tapfer, dass sie mich überhaupt nicht verstehen […].“467 Aus Sicht der beiden verdienen sie Anerkennung und Dankbarkeit, doch diese bleiben aus. Zum anderen „trotzen“ sie den schmerzhaften Rückschlägen, die sie erleiden und rappeln sich immer wieder auf. Ihre Klugheit gewinnen sie durch Leid,468 das verschafft ihnen auch die Sympathie des/der Leser*in. Dieser Resilienz liegt eine naive Zuversicht zugrunde: die 5.2.5 466 Ebd., S. 166. 467 Ebd., S. 48. 468 Vgl. Arendt 1974, S. 20 f. 5.2 Glücksverheißungen 127 Annahme, dass sie nach jeder Niederlage nun endlich wissen, wie die Welt funktioniert und mit diesem Wissen der nächste Schritt durch Erfolg gekrönt sein wird. Ihre Unbedarftheit stärkt wiederum ihren Glauben an die Innovativität ihrer Ideen und gibt den Jungen Selbstbewusstsein: „[…] [I]ch habe heute eine Strähne der Genialeinfälle.“469 Sie sind Charaktere, die von der Abstraktheit der Welt und dem Mangel an Antworten überfordert sind und selbständig versuchen, diese Abstraktheit kindlich zu konkretisieren. Die Grundsituation ist bereits eine außergewöhnliche: Haben Kinder dieses Alters den Wunsch, Geld zu verdienen, geschieht dies normalerweise im Schutzraum der Familie – so wie es dann am Ende des Romans der Fall ist. Doch die beiden Protagonisten gehen allein und in der Rolle von Unternehmern auf die fremden Erwachsenen zu und haben darüber hinaus das Selbstbewusstsein, mit diesen zu verhandeln. Karel hat zweifellos die Merkmale eines pikaresken Ich-Erzählers: Bei ihm sind Naivität und wache Beobachtung und Reflexion vereint. Was ihn und seinen Freund dann in komische Situationen bringt, ist, dass ihr Wissen immer nur ein bruchstückhaftes ist und damit auch kein absolutes. Das verkennen sie. Als Streiche im weiteren Sinne kann bezeichnet werden wie es den Jungen zunächst immer gelingt, ihre abenteuerliche Karriere zu ihrem Vorteil zu lenken und ihre Kunden und Geschäftspartner mit dem Gestus der Abgeklärtheit zu beeindrucken. Der Roman kann gelesen werden als eine mögliche Antwort auf die Frage, wie sich Erwachsenwerden in einer historischen Situation der Unsicherheit und neuen Offenheit gestaltet. Karel und Jarda sind beide unsicher hinsichtlich ihrer selbst und der Deutung ihrer Lebenswelt. Diese versuchen sie zu kompensieren, was in einer Überschätzung ihrer Möglichkeiten resultiert. Das Wechselspiel aus Unsicherheit und Selbstüberschätzung ist dabei ein ganz typisches für die Adoleszenzphase.470 469 Och 1996, S. 147. 470 Vgl. Gansel, Carsten (2011): Zwischenzeit, Grenzüberschreitung, Störung – Adoleszenz und Literatur, in: Carsten Gansel und Pawel Zimniak (Hg.): Zwischenzeit, Grenzüberschreitung, Aufstörung. Bilder von Adoleszenz in der deutschsprachigen Literatur. Heidelberg: Winter. S. 15–48. Hier: S. 31 ff. 5. Schelmenfiguren in der KJL zur ›Wende‹ 128 Zusammenfassung Nachdem im Herbst 1989 bereits Polen, Ungarn und die DDR die jeweiligen sozialistischen Systeme für gescheitert erklärt hatten, fanden in Prag Demonstrationen für ein gewaltloses und schnelles Ende des Sozialismus in der ČSSR statt, die am 24. November 1989 zum Rücktritt der kommunistischen Führung führten. Sheila Och setzt ihre Figuren Karel und Jarda in die Zeit nach der sogenannten sanften oder samtenen Revolution. Die Jungen versuchen, den Wechsel von zentraler Planwirtschaft zur freien Marktwirtschaft gelingend zu nutzen. Dabei sind sie als junge Adoleszenten und Schelme gleichermaßen charakterisiert. Aus gattungstheoretischer Perspektive kann von einem Schelmenroman gesprochen werden. Viele Argumente hierfür lieferte die Textanalyse. Das entscheidende Argument, von einem Schelmenroman und nicht von einem Adoleszenzroman zu sprechen, liegt in der eher regressiven Tendenz der beiden Jungenfiguren: Sie finden sich am Ende der Handlung schutzsuchend im Raum der Familie ein. Zugleich scheint eine zusätzliche Lesart nicht unberechtigt: der Roman als Märchen. Die intertextuelle Nähe zum Volksmärchen „Hans im Glück“ wurde in der Einleitung benannt. Eine weitere Beobachtung, die diese Perspektive stützt, ist, dass die vielfältigen Erwerbsmöglichkeiten sieben sind. Ihr Job im Geschäft des Vaters ist die achte. Die Zahl sieben ist durch viele Volks- und Kunstmärchen symbolisch aufgeladen.471 Aber auch an die Schöpfungsgeschichte ist zu denken: Gott erschuf die Welt in sieben Tagen. Beides gemeinsam legt nahe, diese „neue Zeit“, wie Karel und Jarda sie benennen, als eine märchenhafte, sprich als eine Welt zu deuten, in der alles möglich erscheint. Der antizipierte Reichtum entspräche dann einem Happy End. Doch das Märchenhafte erweist sich in der Konfrontation mit der Realität lediglich als naiv unterstellt. Die Haltung der jungen Protagonisten unterscheidet sich deutlich von der Pauls, dem Protagonisten der Erzählung Macht ihr eure Wende, ich bin verliebt, was sich allein anhand der Verwendung unterschiedlicher Personalpronomen zeigt. Paul spricht von eurer Wende. 5.2.6 471 Zahlen im Märchen: Die Sieben. http://www.maerchenatlas.de/miszellaneen/mar chenmotive/zahlen-im-marchen-die-sieben/ [30.11.2018] 5.2 Glücksverheißungen 129 Im vorherigen Kapitel wurde dargestellt, wie sich der Sechzehnjährige hier also selbst ausschließt – dass sich dies im Verlauf der Narration anders darstellt, kann an dieser Stelle zweitrangig bleiben. Karel und Jarda hingegen sprechen wiederholt von unserer Revolution. Deutlich jünger als Paul, verstehen sie sich als unmittelbar involviert in die gro- ßen Veränderungsprozesse und können sich als Zeitzeugen im Prozess ihrer Identitätskonstruktionen aufwerten. Darüber werden also der ›Wende‹ bzw. der sanften Revolution unterschiedliche Bedeutungen zugeschrieben, woraus wiederum verschiedene subjektive Handlungsmotivationen und Bestrebungen der Verantwortungsübernahme resultieren. Weiterhin scheint das Moment der beginnenden Adoleszenz unterstützende Kraft für den Sonderlingsstatus der zwei Freunde und damit ihren Status als Schelme zu sein. Denn ein weiteres typisches Merkmal für diese Lebensphase ist die Loslösung von den Eltern und damit verbunden die Kritik an denselben, an ihren Haltungen, Werten und Ähnlichem. Das unterschiedliche Reagieren auf die Veränderungsprozesse ist in diesem Text nicht zuletzt als Generationskonflikt gestaltet. In der Wahrnehmung Karels sind seine Eltern passiv. Sie erleben gerade eine Revolution, ein großes historisches und singuläres Ereignis, doch seine Eltern verhalten sich wie eh und je: erfahrene Vernunft oder dumme Sturheit? Im Sinne von Intertextualität erscheint es ferner plausibel, den Roman auch als Referenz auf Jaroslav Hašeks Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk (1923) zu lesen. Neben der Anbindung an eine typische literarische Tradition eint die Romane auch in inhaltlicher Perspektive verschiedenes. Auch Josef Schwejk sieht sich in ein historischsoziales Gefüge gesetzt, dass als Umbruchsituation benannt werden kann: Der Roman beginnt mit der Thematisierung des Attentats auf Franz Ferdinand in Sarajevo, welches – neben anderen – zum Auslöser des 1. Weltkrieges erklärt wurde. Der erste Satz des Vorworts des Verfassers lautet: „Eine große Zeit erfordert große Menschen.“472 Weiter bezeichnet er seinen Protagonisten als Mann, „der selbst nicht weiß, was er eigentlich in der Geschichte der neuen Zeit bedeutet.“ Somit hat 472 Hašek, Jaroslav (2017): Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk. Köln: Anaconda. S. 5. 5. Schelmenfiguren in der KJL zur ›Wende‹ 130 das sprachliche Bild der „neuen Zeit“, das Karel gebraucht, einerseits einen starken Aktualitätsbezug, andererseits referiert es eben auf den Roman Hašeks. Im Verlaufe der Romanhandlung vollzieht Josef Schwejk mehrere Wechsel seiner Erwerbstätigkeiten. Seine naiv-clevere Perspektive473 und Haltung zur Welt machen ihn zu einer typischen Schelmenfigur. „Schwejk sah in diesem prophetischen Augenblick herrlich aus. Sein einfältiges Gesicht, das lächelte wie der Vollmond, glänzte vor Begeisterung. Ihm war alles so klar.“474 Diese intertextuelle Referenz stellt ein Argument für die These dar, dass die Kinder- und Jugendliteratur sich mit der Schelmenfigur in eine allgemeinliterarische Tradition stellt und damit die Figur im Kontext des Symbolsystems Kinderliteratur aufwertet. Zweimal Marie – Zweimal Deutschland: Der Rollentausch als subversive Kraft „[…] Anne und Marie werden von nun an in Städten leben, die beide zu Deutschland gehören, aber ihnen jeweils genauso fremd sind wie der Südpol.“475 Der 2009 erschienene Roman Zweimal Marie von Nina Petrick ist eine Neubearbeitung und Aktualisierung des Stoffes des Kinderbuchklassikers Das doppelte Lottchen (1949) vor dem zeitgeschichtlichen 5.3 473 Liest man den wikipedia-Eintrag zum Roman wird der Charakter Josef Schwejks mit dem aus dem Jiddischen Begriff Chuzpe benannt (https://de.wikipedia.org/ wiki/Der_brave_Soldat_Schwejk [12.07.2018]). Dieser Begriff gilt laut Begriffsdefinition der GRA Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus als unübersetzbar und bezeichnet Attribute wie Unverschämtheit, Unverfrorenheit oder Dreistigkeit. Er kann sowohl positiv als auch negativ konnotiert sein (https://gra.ch/ bildung/gra-glossar/begriffe/judentum/chuzpe/ [12.07.2018]) Möglicherweise könnte sich dieser Begriff tatsächlich eignen, nicht nur Josef Schwejk, sondern auch andere Pikaro-/Schelmenfiguren zu bestimmen bzw. zu deuten. Diese Überlegung muss für diese Arbeit thesenförmig bleiben, eine intensive Einarbeitung in die Etymologie des Begriffes wäre notwendig und würde deutlich über das Feld der Kinder- und Jugendliteratur hinausgehen. 474 Hašek 2017, S. 16. 475 Petrick, Nina (2009): Zweimal Marie. Berlin: Tulipan. S. 87. 5.3 Zweimal Marie – Zweimal Deutschland: Der Rollentausch als subversive Kraft 131 Hintergrund des geteilten Deutschlands in den Monaten September bis November 1989. Sind in diesem Roman Kästners berufliche Erwägungen der Eltern Grund für die Entscheidung, beide Töchter zu trennen, wird in Zweimal Marie der Entscheidungsdruck für die Mutter insofern gesteigert, als dass ihr als freie Journalistin in Ostberlin Berufsverbot droht, der Vater hingegen von der DDR so überzeugt ist, dass für ihn eine Republikflucht außer Frage steht. Die Mauer stabilisiert dann die Trennung, da sie eine Revidierung der Entscheidung verunmöglicht. Erst das zufällige Aufeinandertreffen der beiden Mädchen in einem Ferienlager in Ungarn im September 1989, ihr Rollentausch und die Mauer- öffnung im November führen zu einer „märchenhaften“ Wiedervereinigung der Familie. Die Verortung der Handlung in den Herbst 1989 steigert und dramatisiert somit mehrere Motive der Vorlage: kommen Luise und Lotte zwar auch in fremde Städte, ist es für Marie und Anne gar ein Kulturwechsel und der Rollentausch ist intensiviert; ebenso erscheinen Entscheidungen, die bei Kästner noch rein privat motiviert sind, nun im Kontext gesellschaftlicher und politischer Bedingungen. Wie im Kinderroman Das doppelte Lottchen provoziert der heimliche Rollentausch der Schwestern vor allem Situations- und Sprachkomik. Angenommen werden darf, dass vor dem Hintergrund der zwei Heimaten BRD und DDR die Formen der Komik dieselben sind, sich jedoch in Anlässen und Qualitäten steigern. 5. Schelmenfiguren in der KJL zur ›Wende‹ 132 Intertextualität: Bezüge zu Kästners Kinderroman […] [A]uf einmal fällt ihr etwas ein. Es ist eine Geschichte, die Toni ihr einmal vorgelesen hat. Eine Art Mädchentausch. In dem Buch hat niemand von den Erwachsenen eine Ahnung, dass die Schwestern die Rollen tauschen, dass sich die eine als die andere ausgibt. […] Anne ist ganz aufgeregt. Wer sagt denn, dass Marie und sie das nicht auch machen können?!476 Wie das Zitat offenbart, wird die literarische Vorlage explizit gemacht. Die Geschichte des doppelten Lottchens dient den Schwestern als Inspiration und Vorbild. „Vielleicht sollten wir es wie in diesem Kinderbuch machen, von dem ich dir erzählt habe…Die beiden Mädchen haben sich ihr ganzes Leben aufgeschrieben. […] Ich glaube, das sollten wir auch tun.“477 Oft wurde der Stoff, vor allem für das Medium Film, adaptiert.478 An dieser Stelle sollen in knapper Form Parallelitäten sowie Abweichungen dieser Erzählung von der Vorlage Kästners zusammengefasst werden. Anne und Marie sind mit ihren zehn Jahren nur geringfügig älter als die neunjährige Luise und Lotte. Die beiden Heimatstädte sind von ursprünglich Wien und München nach Ost- und Westdeutschland verlegt: nach Hamburg und Ostberlin. War Ludwig Palfy Komponist und Dirigent in Wien, Luiselotte Palfy Bildredakteurin in München, ist Hannes Roemer Schauspieler in Ostberlin, Annemarie Bergmann Journalistin in Hamburg. Das Wesen der beiden Schwestern, das auch Kästner als sehr gegensätzlich gestaltet hatte, ist in der Aktualisierung vertauscht: ist Luise, als die beim Vater lebende Tochter, die aufmüpfige, freche, ist die bei der Mutter lebende Lotte die brave Musterschülerin. Hingegen ist Marie, die beim Vater in Ostberlin lebt, hier die ruhigere von beiden, die gute Schülerin, Anne hingegen die selbstbewusstere, lebhaftere. Diese Beobachtung ist wichtig; denn kann für die Narration Kästners spekuliert werden, dass der Charakterunterschied darin begründet ist, 5.3.1 476 Ebd., S. 72. 477 Ebd., S. 88. 478 Kästner selbst hatte die Geschichte von Anfang an als Film geplant. Dieser erschien ein Jahr nach dem Roman. 5.3 Zweimal Marie – Zweimal Deutschland: Der Rollentausch als subversive Kraft 133 ob die Tochter bei Vater oder Mutter lebt, d. h. Luise „jungenhaftere“ Züge hat, weil sie vom Vater erzogen wird und Lotte mütterlich-vorbildlich erscheint, weil ihr Bezug und Vorbild die Mutter ist. Für die vorliegende Erzählung scheint jedoch die unterschiedliche Sozialisation in den jeweiligen politischen Systemen Ursache für die verschiedenen Wesenszüge zu sein. Das heißt, Anne ist selbstbewusster, weil sie in Westdeutschland aufgewachsen ist, Marie hingegen entspricht dem Stereotyp des vorsichtig-bedachten, folgsamen und angepassten DDR- Bürgers. Eine weitere Differenz findet sich in den jeweiligen Gründen der Eltern für eine Trennung. Ist es bei der älteren Vorlage die von der Ehefrau gefühlte Vernachlässigung der Familie durch den Familienvater zugunsten seines Berufs, sind es in Petricks Erzählung gegensätzliche persönliche Haltungen zum sozialistischen Staat bzw. seiner Ideologie und den Chancen auf Entfaltung und Selbstverwirklichung in eben jenen. Das heißt, hier wirkt das Politische ins Private hinein bzw. es wird zum Privaten. Schließlich lassen sich Differenzen hinsichtlich der Aufdeckung der Täuschung feststellen: Bei Erich Kästner ist es der Dackel von Ludwig und Lotte Palfy, der bemerkt, dass es sich bei der „maskierten“ Luise nicht um Lotte handelt. In der Erzählung Nina Petricks ist es die kleine Evi, die mit ihrer Mutter Toni zusammen in einer WG mit Anne und Annemarie Bergmann lebt, und sich nicht davon abbringen lässt, dass es sich bei Anne um die falsche Person handle. In dem Hund und dem kleinen Kind drückt sich Instinkt beziehungsweise Intuition aus, ein unverstellter Blick. Gleichwohl ist die Gefahr für Anne und Marie durch das Misstrauen von Evi größer, da sie diesem sprachlich Ausdruck verleihen kann. Das Geheimnis wird dann auf eine sehr ähnliche Weise aufgedeckt. In der Vorlage von Erich Kästner bekommt die Mutter in die Bildredaktion ein Foto der Zwillinge von einem ahnungslosen Fotografen zugeschickt, hier informiert die Klassenlehrerin die Mutter in einem Brief vom Zusammentreffen der beiden in Ungarn. Schließlich ist die optimistische Lösung des Konflikts abgeschwächt: wagen Luise und Lotte im Anschluss an die Wiederverheiratung der Eltern – das Happy End noch übertreffend – einen Ausblick 5. Schelmenfiguren in der KJL zur ›Wende‹ 134 auf mögliche Geschwister, ziehen Marie und ihre Mutter in eine eigene Wohnung in der Straße, in der auch Anne mit dem Vater wohnt. Kästners Figuren Luise und Lotte wurden – wenn auch oft Gegenstand literaturwissenschaftlicher Betrachtungen – bisher nicht als Schelminnen bezeichnet. Es soll hier nun diskutiert werden, ob es nicht durchaus gerechtfertigt ist, beide literarischen Realisationen mit Blick auf die Rolle der Komik als schelmisch zu benennen. Die Zwillingsmädchen als Schelminnen Barbara Frey behauptet in ihrer Arbeit Zwillinge und Zwillingsmythen in der Literatur (2006) eine „Veranlagung von Zwillingen zur Spitzbüberei“,479 welche wiederum auf der gesellschaftlichen Vorstellung beruhe, Zwillinge seien „im Allgemeinen […] ein wenig aufmüpfiger, wilder, listiger, verschlagener und insgesamt autonomer als ihre Spielgefährten“.480 Als sogenannte „Zweierbande“481 erscheinen sie mit ihrem Höchstmaß an Ähnlichkeit faszinierend und unheimlich zugleich, sind in jedem Fall außergewöhnlich und scheinen sich dank ihres Aussehens und ihrer „Schicksalseinheit“482 gegen ihre Umwelt verschwören zu können. Zwillinge sind in vielen Kulturkreisen Auslöser gesellschaftlicher Irritationen. Mit ihrem paarweisen Auftreten durchbrechen sie die Ordnung der auf Einzelindividuen ausgerichteten Gesellschaftsform. Sie sind demnach Außenseiter und nehmen – insbesondere als Kinder – eine Sonderstellung in der Gesellschaft ein.483 Die oben genannte unterstellte Veranlagung zur Spitzbüberei fußt zum einen auf dem Rückhalt, den die „Zweiheit“ bietet, das heißt potentielle strafende Konsequenzen müssen nicht allein getragen werden. Zum anderen ist die Möglichkeit, die Umwelt zu täuschen und an der Nase 5.3.2 479 Frey, Barbara (2006): Zwillinge und Zwillingsmythen in der Literatur. Frankfurt am Main: IKO Verlag für Interkulturelle Kommunikation. S. 181. 480 Ebd., S. 19. 481 Ebd., S. 314. 482 Ebd., S. 313. 483 Ebd., S. 13. 5.3 Zweimal Marie – Zweimal Deutschland: Der Rollentausch als subversive Kraft 135 herumzuführen, allgegenwärtig. Hieraus entsteht dann auch die Wirkung des Unheimlichen für andere Menschen. Am augenfälligsten ist für beide Erzählungen zweifellos die Verwandlung. Luise und Lotte, genauso wie Anne und Marie, verwandeln sich jeweils in die Schwester, nehmen deren Identität an bzw. werden identisch mit der anderen. „,Du bist ich – und ich bin du!’ Es klingt wie ein Zauberspruch für sie.“484 Die Verwandlungsfähigkeit der Zwillinge kann durchaus als „magisches“ Moment beschrieben werden. Die gesellschaftliche Sonderstellung der Mädchen, das Verwechslungs- und Täuschungspotential sowie die Figurencharakterisierung können folgerichtig die Argumentationsgrundlage für die Bezeichnung der Erzählungen als eine pikareske darstellen. Luise und Lotte, wie auch Anne und Marie können dann in einem weiteren Schritt als „verdoppelter Pikaro“485 benannt werden. Wie lässt sich dies konkretisieren? Die Motivation für den Rollentausch in beiden Erzählungen ist nicht nur die Neugier auf das jeweils fremde Elternteil, sondern sie erwächst nicht zuletzt aus einer Empörung über das Verschweigen und die Lüge der Eltern sowie aus dem Gefühl der Ohnmacht angesichts der jahrelangen Täuschung durch die Eltern. Dadurch, dass nun sie die Eltern täuschen, übernehmen sie die Kontrolle über ihr Schicksal, es ist ein Akt der Ermächtigung. In der Erzählung Zweimal Marie erfährt Anne am Abend vor ihrer Abreise ins Ferienlager einen Teil der Wahrheit, indem die Mutter ihr von ihrer „Republikflucht“ erzählt und dass sie, Anne, nicht in Hamburg, sondern in Ostberlin geboren wurde. »Aber warum hast du mir das alles nicht schon viel eher erzählt? […] Warum hast du mich angelogen? […] Na, schönen Dank auch!« […] Anne wollte bloß noch allein sein und ist in ihr Zimmer gegangen, um das Ganze zu verdauen. Sie fand es immer noch nicht richtig, dass Mama diese Fluchtgeschichte so lange vor ihr verheimlicht hat. Und wenn Toni nicht davon angefangen hätte, hätte sie es vielleicht immer noch nicht erfahren. Das war doch nicht in Ordnung! Wer weiß, was Mama ihr noch alles verschwiegen hat…!486 484 Petrick 2009, S. 87. 485 Frey 2006, S. 196. 486 Petrick 2009, S. 18. 5. Schelmenfiguren in der KJL zur ›Wende‹ 136 Es ist also ein Akt des Ausgleichs von Kontrolle. Zuvor waren sie durch ihr Nicht-Wissen dem Spiel der Erwachsenen unterlegen, nun haben sie einen Wissensvorsprung, der sie überlegen macht und ihnen die Möglichkeit gibt, alle, nicht nur die Eltern, an der Nase herumzuführen. Das Erkennen der Wahrheit, also der Entscheidung ihrer Eltern, lässt sich als Desillusionierung und Enttäuschung beschreiben, da diese als Lügner erkannt werden. Hieraus erwächst der Wunsch nach Ver- änderung. Kehrten sie beide in ihr jeweiliges altes Leben zurück und würden Mutter und Vater mit der Wahrheit konfrontieren, wären wohl die Aussichten auf Veränderung gering. Ihr Rollentausch stellt dann eine Störung, einen Akt der Ver-Unordnung des von den Eltern geschaffenen Systems dar. Auch erinnern beide Zwillingspärchen in ihrer Existenz an eine Art verlorene Natur: Zwillinge stellen eine besondere Form natürlicher Einheit dar. In den beiden Erzählungen wurde diese jedoch durch die Trennung zerstört, die dann versucht wird, wieder herzustellen. Damit wird die Trennung und die Wiedervereinigung der Zwillingsschwestern parallelisiert mit der Teilung und Vereinigung Deutschlands. Die Einheit des Landes stellt dann den naturnäheren Zustand dar. Schließlich haben die Mädchen, nachdem sie die Wahrheit erkannt haben, einen gewissen Sonderlingsstatus: Als Zwillinge sowieso den Status des Besonderen, Außergewöhnlichen innehabend, sind sie dann in dem Leben der anderen Schwester Sonderlinge: ihnen ist alles neu und fremd, hinsichtlich der ost- und westdeutschen Realität haben Anne und Marie den Blick von außen. Ein kritisches Moment zeigt sich in beiden Erzählungen darin, dass in der Welt der Erwachsenen die Kategorien von Wahrheit, Ehrlichkeit und Lüge verunklart sind und den Kindern die Wahrheit vorenthalten wird. In der Zusammenschau dieser Aspekte – nicht zu vernachlässigen sind auch die komischen Momente, die sich aus dem Rollentausch ergeben und die Erzählungen natürlich auch zu einer heiteren machen – scheint es gerechtfertigt, beide Zwillingspärchen als Schelminnen zu deuten. Damit ist die Erzählung Zweimal Marie ein weiterer Beleg für die Aktualität dieses literarischen Typs in der aktuellen KJL im Allgemeinen sowie in den kinder- und jugendliterarischen Deutungen der ›Wende‹ im Besonderen. 5.3 Zweimal Marie – Zweimal Deutschland: Der Rollentausch als subversive Kraft 137 Unterschiede zwischen der BRD und der DDR: Der fremde Blick Die beiden Protagonistinnen kehren jeweils in die Heimatstadt der Schwester zurück und nehmen die neue Stadt im Kontrast zur vertrauten wahr. Diese Konstruktion demonstriert eine Art neues Sehen, das insofern gesteigert ist, als dass ihre Wahrnehmung kulturell und politisch geprägt erscheint. „Schließlich leben sie nicht nur in zwei verschiedenen Städten, sondern in zwei verschiedenen Ländern, auch wenn beide Deutschland heißen […].“487 Doch bereits im Ferienlager in Ungarn sind Reflexionen als Momente der Fremdwahrnehmung verwoben. In personalen bzw. neutralen Erzählpassagen werden die ostdeutschen Kinder in ihren Rollen als Pioniere beschrieben: Natürlich haben sie hier am Balaton in Tihany genau wie in Berlin ihre Verpflichtungen zu erfüllen. Das heißt, sie halten täglich ihre Versammlungen ab, machen gemeinsam Sport und kümmern sich um andere. Sie besuchen dann zum Beispiel so wie heute Kindergärten und zeigen, wie man auch mit bescheidenen Mitteln, aus Wollresten und Papier toll basteln kann.488 Ferner zitiert der Text mehrere Pionierlieder sowie die Losungen der Jungpioniere, die Anne für den gelingenden Rollentausch lernen muss. Dabei nimmt der Text diese „Ideologieprodukte“ ernst. Als Gegenstimme tritt nur Herr Kleinmann, Lehrer aus Hamburg, auf, der kritisiert, dass „bei denen alles dermaßen festgelegt [ist] [...]“.489 Die Kritik verebbt an dieser Stelle: seine Kollegin „legt besänftigend ihre Hand auf seinen Arm.“490 Auch dass die Kinder aus Ostberlin für manche Ausflüge ihre Pionierblusen und -halstücher tragen, wird als bewusst Wahrgenommenes und Differentes artikuliert, jedoch nicht belacht. Die Differenzen werden als jeweils berechtigt anerkannt. Dies zeigt sich umso deutlicher in der jeweiligen Perspektive der Zwillingsschwestern in den unbekannten Städten. 5.3.3 487 Ebd., S. 72. 488 Ebd., S. 44. 489 Ebd., S. 49. (Hervorhebung im Original) 490 Ebd. 5. Schelmenfiguren in der KJL zur ›Wende‹ 138 Bereits unmittelbar nach der Abreise vom Ferienort erstaunt Marie aus Ostberlin, dass die Hamburger Kinder im Bus schon wieder essen, „[a]ls habe es seit drei Tagen nur Wasser und trocken Brot gegeben! Ist das typisch für Westler?, fragt sie sich. Oder sind die nur in Hamburg so? Oder ist speziell diese 4a so?“491 Auffällig ist zunächst einmal, dass Marie erstens überhaupt und zweitens so schnell Unterschiede zwischen sich selbst und den Gleichaltrigen wahrnimmt. Der konkrete Inhalt dieser Differenz lässt sich eventuell fassen mit dem Kontrast zwischen der Bescheidenheit und Disziplin, dem Maßhalten des DDR- Bürgers (auch in Bezug auf das Essen) einerseits und dem steten Überfluss an – im weitesten Sinne – Genussmitteln, der Selbstbestimmtheit und der Lustbetontheit des Westdeutschen andererseits.492 In Hamburg angekommen, stellt Marie fest, wie sauber und „unendlich reich“493 die Stadt im Vergleich zum grauen Berlin ist,494 und dass es vielmehr Autos bei gleichzeitig weniger Parkplätzen gibt,495 worin wiederum Fülle, im weitesten Sinn Bewegung und Wohlstand versinnbildlicht sind. Als sie – nun schon ein paar Wochen in Hamburg – durch das Einkaufszentrum der Stadt läuft, wird sie von den visuellen Eindrücken und dem Luxus überwältigt: Leuchtreklame, bunte Plakate, glitzernder Schmuck in den Auslagen, Zeitungen und Zeitschriften in allen Sprachen verzieren die Seitenwände der Kioske. Italienische Schuhe, Turnschuhe, Kleider und Anzüge. Marie geht von einem Schaufenster zum anderen. Ihr schwirrt der Kopf. Wer soll das bloß alles kaufen?496 Fasziniert und berauscht einerseits besitzt sie dennoch genug Distanz und Verstand, die Fassade der Perfektion andererseits als „ulkig“497 zu bezeichnen. 491 Ebd., S. 131. 492 Es ist offensichtlich, dass in diesem Abschnitt die Schwelle zu Stereotypen nah ist. Es sollen zunächst deskriptiv die Unterschiede, wie sie die Protagonistinnen wahrnehmen, wiedergegeben werden, um dann die Qualität dieser Kontrastierungen bewerten zu können. 493 Ebd., S. 133. 494 Vgl. ebd. 495 Vgl. ebd., S. 137. 496 Ebd., S. 198. 497 Ebd. 5.3 Zweimal Marie – Zweimal Deutschland: Der Rollentausch als subversive Kraft 139 Eine weitere markante Differenz erlebt Marie in der Gestaltung des Schulunterrichts: […] [S]ie bekommt […] mit, dass hier alles viel lässiger abläuft. Man spricht insgesamt auch langsamer als sie. [Marie spricht schnell und zackig.498 – S. D.] Bei Frau Claus oder Frau Brandt darf lange überlegt und diskutiert werden. Frau Claus liebt es, wenn man etwas weiß, so wie Marie vorhin über Bienen. Aber dann darf man es endlos ausschmücken. So wie Christian, der über seinen Opa, der Imker ist, erzählt hat. Eine seltsame Sache ist das, findet Marie. Papa hätte hier oft die Gelegenheit, zu sagen, man solle mal auf den Punkt kommen. Herr Kleinmann hat sich nicht aufgeregt, als sich die Hälfte der Klasse auf den Tisch gefläzt hat. Bei Frau Brandt kann man sogar während der Stunde essen oder trinken. Man muss sich bei ihr auch nicht melden. Sie freut sich aber immer, wenn man es tut. Marie staunt. Wirklich seltsam ist es hier. Und dann noch diese Sache mit der Gruppenarbeit. Das mag wiederum Frau Claus besonders gerne. Da werden die Stühle zu einem Kreis zusammengeschoben. Die Tische stehen hier sowieso nicht reihenweise hintereinander aufgereiht. […] Marie hat zuerst gar nicht gewusst, wo sie sich nun hinsetzen darf. Dann hat sie erst mitbekommen, dass das die Schüler selber entscheiden. Auch dass sich das immer wieder ändert, findet sie verwirrend. Viele Lehrer lieben wohl Gruppenarbeit. Frau Claus oder Frau Brandt diskutieren auf jeden Fall gerne Fragen in Gruppen. Die Antworten werden gemeinsam aufgeschrieben und gelöst. Daran muss Marie sich noch gewöhnen. […] Marie ist es einfach nicht gewohnt, sich permanent mit anderen zu besprechen, ehe sie sich meldet. Es ist auch selten so still im Klassenzimmer, wie Marie es kennt. Ein Gemurmel, wie im Theater kurz vor einer Aufführung, untermalt hier fast alle Unterrichtsstunden. Auch daran gewöhnt Marie sich nur langsam.499 In diesem Textbeispiel wird ein Blick auf unterschiedliche Sozialisationspraktiken gewagt: Das Wesen von Anne und Marie liegt in Mechanismen begründet, die sich beispielhaft an der Unterrichtsgestaltung zeigen. Hier Leistung, Disziplin und Unterordnung, dort Offenheit, Verhandelbarkeit und Individualität. Annes erste Eindrücke bei ihrer Ankunft auf dem Bahnhof in Ostberlin benennt sie als „schmuddelig und dunkel“500 und es rieche anders als zu Hause.501 Als sie kurz darauf mit dem Vater im Auto nach 498 Vgl. ebd., S. 168. 499 Ebd., S. 169 f. 500 Ebd., S. 146. 501 Vgl. ebd. 5. Schelmenfiguren in der KJL zur ›Wende‹ 140 Haus fährt, erscheint ihr die Stadt eintönig, grau und farblos,502 verglichen mit dem bunten Hamburg503 sind wenig Autos auf den Straßen, es gibt wenige Geschäfte,504 wodurch der Eindruck der Leblosigkeit, des Abweisenden entsteht. Als sie mit dem Vater in ein Restaurant essen geht, ist sie erstaunt und amüsiert über das Prozedere, wie es allen DDR-Bürger*innen bekannt war: das Warten auf das Platziertwerden. Ihr fällt auf, dass das Besteck deutlich leichter ist. Im Unterricht ist sie verwundert über die Disziplinierungsmaßnahme der Lehrerin, die ein Mädchen wegen vergessener Hausaufgaben vor der Klasse Liegestützen machen lässt. Doch von diesen Momentaufnahmen abgesehen, wandelt sich Annes Blick auf die Stadt allmählich: Anne geht es gut in Berlin. Sie entdeckt, dass die Stadt gar nicht nur grau ist. Eigentlich gibt es fast mehr Parks und Brunnen als in Hamburg – und viele Brücken, wenn auch keinen großen Hafen. Viele Häuser sehen von innen gar nicht so anders aus als die Altbauten in Hamburg. Es sind bloß diese düsteren Fassaden, die sie am Anfang so abschreckend gefunden hat.505 Die kulturellen Differenzen, welche die beiden Mädchen wahrnehmen, sind mal marginaler, mal zentraler Natur. In diesem besonderen Nebeneinander scheint der Blick eines zehnjährigen Kindes authentisch abgebildet. Burger und Grilletta: Sprachdifferenzen als komische Effekte Noch im Ferienlager, als die Schwestern sich gegenseitig erzählend und berichtend in die Lebenswelt der jeweils anderen einführen, bemerken sie, dass sich ihre Lebenswelten offenbar auch durch unterschiedliche Begriffe und Formulierungen auszeichnen. Im Vollzug des Rollentauschs werden diese – im Besonderen für die aus der DDR kommenden Marie – zum Risiko, enttarnt zu werden. 5.3.4 502 Vgl. ebd., S. 149. 503 Vgl. ebd., S. 150. 504 Vgl. ebd., S. 149. 505 Ebd., S. 201. 5.3 Zweimal Marie – Zweimal Deutschland: Der Rollentausch als subversive Kraft 141 Im Gespräch der Zwillingsschwestern offenbaren sich die sprachlichen Unterschiede beispielsweise anhand der Bezeichnung von Speisen. So isst Marie gern „Broiler“, was Anne nur als Grillhähnchen kennt. Demgegenüber weiß Marie nicht genau was Fast Food ist. Gemeinsam decken sie auf, dass Burger in der DDR als „Grilletta“ bezeichnet werden.506 Dieses Feststellen von sprachlichen Differenzen dient eher dazu, die Unterschiedlichkeit der zwei Lebenswelten zu illustrieren. Tatsächlich komisches Potential erhalten die sprachlichen Wendungen in der jeweiligen Fremde, insbesondere für Marie, und erhalten in der Folge eine spannungssteigernde Funktion: Als Marie die ohnehin argwöhnische Evi nach ihrer Kinderkombination statt ihrem Kindergarten fragt oder beim gemeinsamen Spielen nicht von Plakaten, sondern Sichtelementen spricht, bleibt Marie nichts anderes übrig, als ihr zu erklären, dass sie eine Außerirdische auf geheimer Mission sei.507 Dabei war Marie schon zuvor gestolpert, als sie ihrer Mutter von Ungarn erzählt und das Wort „urst“ verwendet hat. Die Mutter daraufhin: „Urst, ist ja witzig, den Ausdruck kenne ich noch, von früher. Hast du dir als Andenken mitgebracht, was?“. Marie wird heiß. […] Sie hat es aus reiner Gewohnheit benutzt. Sie muss wirklich besser aufpassen.508 Die erste tatsächliche Enttarnung Maries geschieht dann auch über Sprache: Sie hat den Auftrag, Penne und Pesto zu kaufen, doch mit beiden Wörtern kann sie nichts anfangen. „Aber was ist eigentlich Penne? In Berlin meinen sie damit die Schule.“509 Als sie in der Kaufhalle ihre Klassenkameradin Julia trifft, stellt diese angesichts des sprachlichen Unwissens fest, dass es sich tatsächlich um Marie, und nicht wie angenommen um Anne handelt.510 506 Vgl. ebd., S. 60 f. 507 Vgl. ebd., S. 163 ff. 508 Ebd., S. 161 (Hervorhebung im Original). 509 Ebd., S. 199. 510 In Kästners Roman gibt es eine vergleichbare Szene. Luise ist ebenfalls einkaufen, jedoch ist ihre Orientierungslosigkeit nicht sprachlich, sondern räumlich begründet. Sie weiß nicht, wo das Geschäft der Frau Wagenthaler ist und lässt sich durch einen kleinen Trick von dem Mädchen Anni zum Ziel führen. (Vgl. Kästner 1990, S. 68 ff.) 5. Schelmenfiguren in der KJL zur ›Wende‹ 142 Desillusionierung: Die Eltern als Lügner Das Erkennen ihrer Verwandtschaft geht für die Zwillingsschwestern einher mit einer Entlarvung der Eltern als Lügner. Der Kontrast zwischen dem Bild, das Vater und Mutter jeweils von sich schaffen und ihrem tatsächlichen Handeln, empört die Mädchen. „Anne findet keinen Schlaf. Hat nicht gerade Mama immer ganz besonderen Wert auf Ehrlichkeit gelegt! […] Und jetzt stellt sich heraus, dass Mama auch nicht besser ist. Auch sie lügt.“511 „Er [der Vater – S. D.] hasst Lügner und Heuchler, sagt er oft.“512 „Ich glaube, die haben uns beide von oben bis unten angelogen!“513 Gerade dadurch, dass sie sich schelmisch in dieses Lügensystem hineinbegeben, können sie selbiges unterlaufen und zerstören. Würden sie sich den Lügen verweigern und die Wahrheit bereits im Ferienlager offenlegen, wären sie wohl nicht gleichermaßen erfolgreich. Ihr Lügensystem erscheint als gerechter Ausgleich gegenüber den Eltern („Strafe muss sein.“514). Petricks Erzählung geht in zwei Punkten wieder einen Schritt weiter als ihre Vorlage: erstens gibt es mehr Figuren, die das Lügensystem stützen und zweitens werden die Lügen in Beziehung zu gesellschaftspolitischen Bedingungen gesetzt. Zur ersten Beobachtung: Wird im Text offenbart, dass mindestens auch der beste Freund Hannes Roemers, sowie die WG-Mitbewohner Annemarie Bergmanns von der Wahrheit wussten, wird für die Mädchen das Empfinden von Exklusion und somit der innere Widerstand intensiviert. Der entstehende Kontrast ist nicht auf der Eltern-Kind- Ebene angesiedelt, sondern auf der Erwachsene-Kind-Ebene. Bezüglich der zweiten Beobachtung wurde bereits beschrieben, dass die Trennung der Eltern nicht mehr eine rein private Entscheidung ist, sondern gesellschaftspolitisch motiviert. 5.3.5 511 Ebd., S. 70. 512 Ebd., S. 71. 513 Ebd., S. 53. 514 Ebd., S. 207. 5.3 Zweimal Marie – Zweimal Deutschland: Der Rollentausch als subversive Kraft 143 Wieder vereint: die ›Wende‹ als Voraussetzung privaten Glücks Die Öffnung der Mauer erscheint in der Perspektive der Schwestern als Moment der Befreiung. Die Notwendigkeit der Lügen wird obsolet, sie können den Rollentausch beenden und wieder wahrhaftig sie selbst sein. Aus der deutschen Wiedervereinigung resultiert eine familiäre Wiedervereinigung als harmonische und finale Lösung; dem politischen Umbruch folgende Schwierigkeiten o. ä. antizipiert der Text nicht. Die Leistung des Textes besteht in der Deutung der deutschen Teilung als potentielle Gefährdung familiärer Strukturen, indem politische Bedingungen individuelles Glück bzw. persönliche Erfüllung verhindern. Die Republikflucht der Mutter wird als eine Entscheidung dargestellt, die trotz der Liebe der Eltern getätigt wurde, nicht als eine, die Liebe ausschließt. Die ›Wende‹ erscheint somit weder als eine Ende von Kindheit noch als Auslöser eines Zerbrechens familiärer Strukturen, sondern im Gegenteil als Neubeginn. Der Rollentausch in dem Bedingungsverhältnis der deutschen Teilung wirkt, wie auch in der Vorlage Kästners, als utopischer Akt. Hier wird darüber hinaus die nicht hintergehbare Staatsgrenze ungestraft und schelmisch übertreten. Der selbstreferentielle Hinweis am Ende der Erzählung als Märchen515 stellt dabei die wunderbare Lösung als eine repräsentative, kritisch in Frage. Die Differenzen zwischen Ost- und Westdeutschland werden anerkannt und parallel sensibel reflektiert, besitzen im Hinblick auf das Ende der Erzählung aber kein bedeutsames Gewicht mehr, wie es immerhin für die Figur der Mutter zu erwarten wäre. Die Mädchen treten in dem jeweils fremden Teil Deutschlands als unvoreingenommene Beobachterinnen auf und gewinnen ein Selbstbild, das die eigene Biographie als politisch geprägte versteht. Im Gegensatz zur Vorlage, die die Trennung der Eltern nahezu als unverständliche Entscheidung aufrechterhält, reklamiert Petricks Erzählung Verständnis für die Republikflucht der Mutter und das Verbleiben des Vaters in der DDR. Die Wahrnehmung der Mädchen, die sich von einer kindlich-naiven Empörung zur Einsicht entwickelt, entspricht 5.3.6 515 Vgl. ebd., S. 234. 5. Schelmenfiguren in der KJL zur ›Wende‹ 144 somit einem aktuelleren Kindheitsbild, das durch Klugheit geprägt ist und die Mädchen als fähig begreift, Wirklichkeit auch als politische zu verstehen. 5.3 Zweimal Marie – Zweimal Deutschland: Der Rollentausch als subversive Kraft 145

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References

Zusammenfassung

2019 jährte sich die sog. Friedliche Revolution zum mittlerweile 30. Male. Die Kinder- und Jugendliteratur beteiligt sich seit der Wiedervereinigung in Wellen, aber kontinuierlich an der deutsch-deutschen „Erinnerungsproduktion“. Ob dies nach dem 30. Jahrestag so bleiben wird, muss sich zeigen. Gleichzeitig wird die DDR bald nicht mehr Inhalt des kommunikativen, sondern nur des kulturellen Gedächtnisses sein. Hier wird die Bedeutung von Literatur, aber auch von Literaturunterricht, offenbar.

Wie aus Allgemeinliteratur und -filmen bekannt, ist auch für Bilderbücher, Kinder- und Jugendromane sowie Filme ein deutlich humorvoller Zugriff auf die Themen DDR und „Wende“ feststellbar. Als eine wichtige Strategie wird das Schelmische angenommen, wofür zunächst das Typus-Motiv „Schelm*in“ grundlegend für die KJL erschlossen wird. Es werden dann seine Spielarten in den unterschiedlichen kinder- und jugendliterarischen Genres zur deutschen Zeitgeschichte untersucht und Rezeptionspotenziale diskutiert.