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4. Textauswahl und Methode in:

Susanne Drogi

Vom Suchen und Finden des Glücks diesseits und jenseits der Mauer, page 91 - 94

Formen und Funktionen von Komik in der Kinder- und Jugendliteratur zur DDR und ›Wende‹

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4399-8, ISBN online: 978-3-8288-7389-6, https://doi.org/10.5771/9783828873896-91

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Textauswahl und Methode Der Textkorpus setzt sich zusammen aus sowohl kinder- als auch jugendliterarischen Texten, sowie einem Film. Dabei ist das quantitative Verhältnis vergleichsweise ausgeglichen: für Kinder liegen zwei Bilderbücher und eine Erzählung vor: Das langgestreckte Wunder (mit zwei Ausgaben), Esterhazy und Zweimal Marie. Auch der Film Sputnik lässt sich noch dem Bereich der Kinderliteratur zuordnen. Für jugendliche Adressat*innen liegen fünf Romane und Erzählungen vor: Macht ihr eure Wende, ich bin verliebt, Karel, Jarda und das wahre Leben, Mauerblümchen, In einem Land vor meiner Zeit und Pullerpause im Tal der Ahnungslosen. Such dir was aus, aber beeil dich wird ebenfalls der Jugendliteratur zugerechnet. Zu relativieren ist die Zuordnung zum Adressat*innenkreis im Hinblick darauf, dass (möglicherweise) alle dieser Texte, genauso der Film, mehrfachadressiert sind. Mit Blick auf die Erscheinungsjahre liegen sieben Bücher und der Film zwischen den Jahren 2006 und 2016. Die erste Ausgabe des Bilderbuchs von Thomas Rosenlöcher erschien 1989. Esterhazy von Irene Dische und Hans Magnus Enzensberger 1994. Karel, Jarda und das wahre Leben im Jahr 1996. Somit repräsentiert der größere Teil des Korpus’ Texte, die mit einiger historischer Distanz entstanden sind. Daraus folgt zum einen, dass für diese Texte gilt, dass ihre primären Adressat*innen den thematisierten historischen Ausschnitt nicht unmittelbar erlebt haben können, er liegt außerhalb der Lebenszeit der potentiellen Leser*innen. Zum anderen zeigt dieser Befund, dass es unmittelbar nach der ›Wende‹ eine größere Zahl an Texten für Kinder und Jugendliche gab, die versuchten, die lebendigen und frischen Eindrücke literarisch zu verarbeiten, worauf die Auseinandersetzung erst einmal nachließ, um dann mit historischem Abstand ab der Mitte der 2000er Jahre wieder an Intensität zu gewinnen und bis heute anhält. Weiterhin ist es nicht unerheblich mitzudenken, woher die Autor*innen kommen und, hiermit verbunden, innerhalb welcher litera- 4. 91 rischen Traditionen sie schreiben. Bis auf die Urhebergemeinschaft Enzensberger und Dische, sowie Holly-Jane Rahlens und Nina Petrick347, stammen alle Autor*innen aus der ehemaligen DDR – Sheila Och aus der Tschechei. Wie später konkretisiert wird, nimmt die Verfasserin in Anschluss an die Sekundärliteratur an, dass die zahlreichen allgemein- und kinder- und jugendliterarischen Schelmenfiguren der Nachwendeliteratur in einer Tradition jener Figuren der Literatur der DDR, aber auch anderer ehemals sozialistischer Systeme zu verorten sind. Weiterhin bestätigt die Herkunft der Autor*innen wiederum den Befund der Allgemeinliteratur, dass die literarische Aufarbeitung vor allem aus einem autobiographisch bedeutsamen Bedürfnis motiviert ist. Die Einzeltitel dürften in der Breite der Rezeption stark variieren. Karel, Jarda und das wahre Leben und Such dir was aus, aber beeil dich wurden prämiert. Zweimal Marie; In einem Land vor meiner Zeit; Karel, Jarda und das wahre Leben; Macht ihr eure Wende und Das langgestreckte Wunder von 1989 sind nur noch antiquarisch verfügbar. Einige der Texte haben Beachtung durch die Kinder- und Jugendliteraturwissenschaft gefunden, andere kaum. Insofern vermag die Arbeit es auch, neben der Frage nach konkreten Darstellungsmitteln, Texte der zeitgeschichtlichen KJL grundlegend zu erschließen und die Diskussion derselben anzuregen. Der analytische Zugriff auf den Textkorpus versteht sich zunächst als hermeneutisch-interpretativ. Anliegen ist eine jeweils textgenaue Lektüre und Analyse verbunden mit dem Anspruch, der Vielschichtigkeit der Texte gerecht zu werden und deren Bedeutungsspielräume und -effekte darzustellen. Beruhend auf der Prämisse, dass die Texte in ihrer ästhetischen Qualität differieren, wird deren Sinnpotential im Sinne ihrer Funktionen des Probehandelns und der Selbst- und Welterkenntnis reflektiert. Gemäß Wolfgang Iser, der bei der Deutung literarischer Texte nach dem Umgang mit „jeweils geltenden gesellschaftlichen Codes 347 Holly-Jane Rahlens lebt seit den 1970er Jahren in Westberlin, Nina Petrick wurde 1965 in Westberlin geboren. 4. Textauswahl und Methode 92 […] und deren virtuelle Durchbrechung und Überschreitung“348 fragt, ist hinsichtlich des verbindenden Themas und Gegenstands des Textkorpus` zusätzlich eine kulturwissenschaftliche Perspektive einzunehmen. Kulturwissenschaftliche Ansätze fragen nach den kulturellen Dimensionen von Texten: Welche Stimmen, Vorstellungen und Denkweisen werden in den Texten aktualisiert? Auf welche Weise? Die Methoden dieses Forschungsansatzes werden grob in das sogenannte close reading und das sogenannte wide reading unterschieden. Ersteres entspricht weitgehend dem hermeneutischen Vorgehen, das oben benannt wurde. Was hier nicht erfolgt – und deshalb gilt das wide reading für diese Arbeit eher begrenzt – ist, dass der Korpus der literarischen Texte explizit um weitere Dokumente, nicht-literarische Texte usw. ergänzt wird. Vielmehr wird unterstellt und dargestellt, dass die Verfasserin den relevanten Diskurs bzw. Diskurausschnitt in einer angemessenen Breite kennt und die konkreten Texte bzw. Textelemente in Relation zu diesem Vorwissen zu deuten vermag. Im Anschluss an Michail M. Bachtin sollen die Analysen dem Befund Rechnung tragen, dass sich jeder Text nur in seinem Zusammenspiel mit anderen Texten und in seinen diskursiven Zusammenhängen verstehen lässt. Die ausgewählten kinder- und jugendliterarische Texte nehmen am Erinnerungsdiskurs zur DDR und ›Wende‹ teil und konstituieren ihn mit. Sie reagieren einerseits auf außerliterarische Phänomene und Normen; und gestalten Erfahrungen, die (größtenteils) autobiographiebasiert sind. Andererseits werden sie hier verstanden als Reaktionen auf den literarischen Erinnerungsdiskurs in der Allgemeinliteratur. Ist der Diskursbegriff somit für diese Arbeit unumgänglich, möchte sie dennoch keine Diskursanalyse liefern, noch wird das Vorgehen ein diskursanalytisches sein. Vielmehr wird der Textkorpus als Diskursausschnitt bzw. als Bestandteil eines Diskursausschnittes verstanden, der nahelegt im Sinne einer kulturwissenschaftlichen Perspektive das Phänomen der Intertextualität in den Blick zu nehmen. Intertextualität wird hierbei in einem weiten Sinne verstanden. 348 Nünnig, Vera; Angar Nünnig (Hg.) (2010): Methoden der literatur- und kulturwissenschaftlichen Textanalyse. Ansätze – Grundlagen – Modellanalysen. Stuttgart, Weimar: Metzler. S. 38. 4. Textauswahl und Methode 93

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Zusammenfassung

2019 jährte sich die sog. Friedliche Revolution zum mittlerweile 30. Male. Die Kinder- und Jugendliteratur beteiligt sich seit der Wiedervereinigung in Wellen, aber kontinuierlich an der deutsch-deutschen „Erinnerungsproduktion“. Ob dies nach dem 30. Jahrestag so bleiben wird, muss sich zeigen. Gleichzeitig wird die DDR bald nicht mehr Inhalt des kommunikativen, sondern nur des kulturellen Gedächtnisses sein. Hier wird die Bedeutung von Literatur, aber auch von Literaturunterricht, offenbar.

Wie aus Allgemeinliteratur und -filmen bekannt, ist auch für Bilderbücher, Kinder- und Jugendromane sowie Filme ein deutlich humorvoller Zugriff auf die Themen DDR und „Wende“ feststellbar. Als eine wichtige Strategie wird das Schelmische angenommen, wofür zunächst das Typus-Motiv „Schelm*in“ grundlegend für die KJL erschlossen wird. Es werden dann seine Spielarten in den unterschiedlichen kinder- und jugendliterarischen Genres zur deutschen Zeitgeschichte untersucht und Rezeptionspotenziale diskutiert.