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Theoretische Grundlagen: 2. Humor und Komik in kinder- und jugendliterarischen Texten in:

Susanne Drogi

Vom Suchen und Finden des Glücks diesseits und jenseits der Mauer, page 37 - 52

Formen und Funktionen von Komik in der Kinder- und Jugendliteratur zur DDR und ›Wende‹

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4399-8, ISBN online: 978-3-8288-7389-6, https://doi.org/10.5771/9783828873896-37

Tectum, Baden-Baden
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Theoretische Grundlagen: 2. Humor und Komik in kinder- und jugendliterarischen Texten Muss eine Beschäftigung mit den Phänomenen Humor und Komik aus einer naiven Perspektive wohl als prinzipiell freudvolles und unterhaltsames Unterfangen erscheinen, stellen sich wissenschaftliche Definitions- und Theoriebildung tatsächlich schwieriger dar. Wie Tom Kindt seine Habilitationsschrift Literatur und Komik einleitet, werden „im Zusammenhang der Kulturwissenschaften vor allem die althergebrachten Vorhaben [mit Argwohn] betrachtet, eine Definition des Komikbegriffs und eine Theorie des Komischen entwickeln zu wollen.“125 Wurde bis hierhin von Humor und Komik als gleichberechtigte und unmittelbar verbundene Phänomene gesprochen, müssen diese in einem ersten Schritt voneinander abgegrenzt werden. Ob diese Abgrenzung konsensfähig ist, bleibt ein Stück offen, denn in den verwendeten Beiträgen werden beide Begriffe immer wieder sehr unklar bzw. synonym gebraucht. So werden beispielsweise die unten folgenden Komiktheorien häufig synonym als Humortheorien bezeichnet. Eckhard Henscheid spricht von einer „expandierenden Begriffskonfusion“. Schaut man auf weitere Bezeichnungen, die den beiden verwandt sind – z. B. Ironie, Heiterkeit, Witzigkeit u. a. – wird die begriffliche Diffusion deutlich. „,Humor’ […] wird im deutschsprachigen Raum bisweilen als Synonym für,Komik’ im umrissenen Sinne gebraucht“,126 was auch daran liegen mag, dass das englische „humor“ seit dem 18. Jahrhundert vor- 125 Kindt, Tom (2011): Literatur und Komik. Zur Theorie literarischer Komik und zur deutschen Komödie im 18. Jahrhundert. Berlin: Akademie Verlag. S. 1. 126 Ebd., S. 3. 37 wiegend in der Bedeutung des deutschen Wortes „Komik“ verwendet wird.127 Die Dissertation von Stefanie Çetin (2014) ist eine der aktuellsten Bestandsaufnahmen zum Humor- und Komikbegriff sowie ihrer Erforschung. Sie resümiert, dass vor allen Dingen neuere Forschungen den Begriff des Humors gegenüber dem der Komik bevorzugen.128 Willibald Ruch und Karen Zweyer (2001) stellen folgende Differenz fest: in historischer Perspektive sei Humor als ein Element des Komischen verstanden worden. Heute hingegen sei Humor der „Oberbegriff für alles was früher dem Komischen zuordnet war […]“.129 Humor kann aber auch – und soll in dieser Arbeit – vielmehr als eine „charakterliche Aufgeschlossenheit gegenüber dem Komischen oder […] ein[e] prinzipielle Gelassenheit gegenüber den Unzulänglichkeiten der Weltläufte“,130 d. h. als eine mögliche Charaktereigenschaft oder Lebenshaltung verstanden werden. Das Komische hingegen sei „eine Form von Inszenierung, von Konstruktion […].“131 Diese Beobachtungen werden für das Begriffspaar unbedingt ernst genommen. Dennoch wird im Folgenden der Begriff der Komik bzw. des Komischen präferiert, denn geht es dieser Arbeit um poetologische Merkmale literarischer Texte bzw. eine bestimmte Art und Weise der Darstellung in literarischen Texten, wird hier Komik als eine wirkungsästhetische Kategorie verstanden. Somit scheint dem Umstand, dass bestimmte Textelemente als (Komik-)Stimuli vorhanden sind, von Leser*innen aber nicht notwendigerweise als „lustig“ bewertet werden müssen, der Komikbegriff eher gerecht zu werden. Auch scheint die Übertragung etablierter Bezeichnungen wie Sprachkomik in humorvolle Sprache literarische Phänomene eher zu abstrahieren.132 Deutlicher mag es anhand von Figurenkonzeptionen werden: Figurenkomik 127 Vgl. ebd. 128 Vgl. Çetin, Stefanie (2014): »Ohne Spaß gibt`s nichts zu lachen« Humor in Erich Kästners Kinderliteratur. Marburg: Tectum. S. 12. 129 Ruch, Willibald; Karen Zweyer (2001) zit. nach: Çetin 2014, S. 12. 130 Kindt 2011, S. 1. 131 Bachmeier, Helmut (2005): Texte zur Theorie der Komik. Stuttgart: Philipp Reclam jun. S. 125. 132 Ebenso ergibt sich hier ein Forschungsdesiderat: Würde man im Anschluss an Çetin den Humorbegriff präferieren, wäre allein für die bisherige Forschung zur Komik in der KJL zu prüfen, inwiefern sich beispielsweise Lypps Kategorien Theoretische Grundlagen: 2. Humor und Komik in kinder- und jugendliterarischen Texten 38 ist ein Phänomen, dass aus narrativen und handlungslogischen Gefügen einerseits und Figurencharakteristiken andererseits entsteht. Die Kategorie „humorvolle Figuren“ wie sie Çetin aufstellt, bezieht sich dann, wie oben zitiert, auf eine bestimmte Haltung einer Figur, also einen Aspekt ihres Charakters. Wie lässt sich der Forschungsstand zu Komik und Humor in der Kinder- und Jugendliteratur zusammenfassen? Julie Cross unterscheidet in höhere und niedrigere Komik („higher and lower forms of humor“)133 und zählt zu ersterer beispielsweise Ironie, Parodie und Satire, zu zweiterer Slapstick und Übertreibungen/ Überzeichnungen. Verena Pisall schlägt hier für die Übertragung ins Deutsche vor, von komplexen und einfachen Formen der Komik zu sprechen 134– hier entgegen Maria Lypp, die 1986 in ihrem Aufsatz Lachen beim Lesen. Zum Komischen in der Kinderliteratur mit dem Begriffspaar der niedrigeren und höheren Komik operiert.135 Generell ist diese Unterscheidung, wie Cross selbst einwendet, problematisch, da sie eine entsprechende Zuordnung zu einem „sophisticated ,adult’ [humor – S. D.]“136 und einem „silly ,childish’ humor“137 nahelegt und klassischerweise in Bezug auf Kinderliteratur so praktiziert wurde.138 Was in solcher Differenzierung impliziert ist, sind zeitgenössische Kindheitsbilder und Meinungen oder Erkenntnisse „übersetzen“ lassen. Insofern schließt sich die Arbeit einer kritischen Revision der Begriffe an, möchte jedoch auch anschlussfähig an die bisherige Forschung bleiben. 133 Vgl. Cross, Julie (2011): Humor in contemporary junior literature. London, New York: Routledge. S. 1. 134 Vgl. Pisall 2014, S. 5. Pisall spricht wiederum von Humor, nicht von Komik. Im Sinne begrifflicher Konsequenz übersetzt die Verfasserin das englische „humor“ aber durchgängig mit „Komik“. 135 Vgl. Lypp, Maria: (2000c): Lachen beim Lesen. Zum Komischen in der Kinderliteratur (1986), in: Ders. (Hg.): Vom Kaspar zum König. Studien zur Kinderliteratur. Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien: Peter Lang. S. 87–99. Hier: S. 88. 136 Cross 2011, S. 4. 137 Ebd. 138 Vgl. hierzu z. B. die Diskussionen um die Kinderromane Kästners mit dem Vorwurf, kindliche Leser könnten die Ironie in seinen Texten nicht verstehen. Sehr ähnlich wiederholte sich dieser Vorwurf an Andreas Steinhöfel für seine Ricound-Oskar-Trilogie. Theoretische Grundlagen: 2. Humor und Komik in kinder- und jugendliterarischen Texten 39 über die Entwicklung und Fähigkeiten von Kindern.139 Julie Cross argumentiert deshalb, dass – besonders mit zunehmender Aktualität der Texte – potentiell alle Formen der Komik in Kinderliteratur auffindbar sind. In Bezug auf Arbeiten zur Entwicklung des Komikverständnisses bei Kindern wird oft argumentiert, dass literarische Texte erst dann die entsprechenden Gestaltungsmittel enthalten sollten, wenn man vergleichsweise sicher davon ausgehen könne, dass ein großer Teil des primären Adressat*innenkreises diese verstehen und entschlüsseln könne. Dies gilt nicht nur für Formen der Komik, sondern auch für andere literarische Mittel.140 Solche Forderungen müssen jedoch als problematisch bewertet werden. Kaspar H. Spinner (2001)141 und Yvonne Wolf (2005)142 nehmen an, dass auch kindliche und jugendliche Leser*innen komplexe Strukturen in Texten wahrnehmen können – diese nur noch nicht in einem Maße reflektieren und artikulieren wie es von erwachsenen Leser*innen erwartet werden kann. Auch der Psychologe Martin Wambsganß argumentiert, dass Kinder in ihrer täglichen Lebenswelt dauerhaft Überforderungen ausgesetzt seien und insofern, angesichts eines Bedeutungsüberschusses in einem literarischen Text, von positiven Überforderungen, im Sinne von Herausforderungen, zu sprechen sei.143 „Literatur – und zwar auch die Kinderund Jugendliteratur – ist ein literarisches Symbolsystem, das sich in 139 Vgl. Cross 2011, S. 4. 140 Siehe hierzu später in dieser Arbeit die Überlegungen zum Phänomen des unzuverlässigen Erzählens. 141 Vgl. Spinner, Kaspar H. (2001): Die unbekannten Adressaten. Jugendliteratur, ihre Zielgruppe und die Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen, in: JuLit 27, H. 2. S. 3–13. Zit. nach: Hofmann, Regina (2010): Der kindliche Ich-Erzähler in der modernen Kinderliteratur. Eine erzähltheoretische Analyse mit Blick auf aktuelle Kinderromane. Frankfurt am Main: Peter Lang. S. 187 f. 142 Vgl. Wolf, Yvonne (2005): Unzuverlässigkeit im Kinder- und Jugendbuch, in: Liptay, Fabienne/Wolf, Yvonne (Hg.): Was stimmt denn jetzt? Unzuverlässiges Erzählen in Literatur und Film. München: edition text + kritik. S. 261–279. Hier: S. 263. 143 Vgl. Wambsganß, Martin (2007): Phantastischer Fun als mehrfachlesbare positive Überforderung, in: Bonacker, Maren (Hg.): Das Kind im Leser. Phantastische Texte als all-ages-Lektüre. Trier: WVT Trier. S. 117–134. Hier: S. 127, 131. Wambsganß legt hier explizit ein Kindheitsbild zugrunde, dass Kinder und Jugendliche „als aktiv wahrnehmende, handelnde und sinnstiftende Wesen“ auffasst. (Ebd.) Theoretische Grundlagen: 2. Humor und Komik in kinder- und jugendliterarischen Texten 40 seinen Formen und Strukturen sprachlich verschlüsselter Techniken bedient.“144 Der Kinder- und Jugendbuchautor Andreas Steinhöfel betont, dass es in erster Linie wichtig sei, dass die Texte überhaupt „Kniffe“ enthielten und nicht, dass sie von den Leser*innen erkannt werden.145,146 In dem Maße wie sich die Systeme Allgemeinliteratur und Kinder- und Jugendliteratur angleichen, wird es schwieriger, die Frage nach dem Kindgemäßen und einem entsprechenden kinderliterarischen Code zu stellen. Komiktheorien Komik ist nur einer von vielen Stimuli, der Lachen auslöst.147 Unterschiedliche theoretische Ansätze bemühen sich um die Deutung seiner funktionellen Dimension, wobei sich die Perspektiven jeweils auf das physiologische und das psychologische, also intra-personelle Potential beziehen oder auf das soziale, d. h. interpersonelle Potential. Sigmund Freud verortet die Funktion für das Individuum bei dem sogenannten Lustgewinn. In seiner Abhandlung Der Witz und seine 2.1 144 Gansel, Carsten; Korte, Hermann (2009): Kinder- und Jugendliteratur und Narratologie – Vorbemerkungen, in: Gansel, Carsten/Korte, Hermann (Hg.): Kinderund Jugendliteratur und Narratologie. Göttingen: V&R unipress. S. 7–9. Hier: S. 7. 145 Vgl. Steinhöfel, Andreas (2012): Poetikvorlesung 2011 III: Machen Sie mal einen Punkt – zum Einfluss vom Rand, in: Dettmar, Ute/Oetken, Mareile (Hg.): Poetikvorlesung zur Kinder- und Jugendliteratur 2009–2011 Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Oldenburg: BIS-Verlag. S. 185–213. Hier: S. 196. 146 Zum Beispiel gilt das Stilmittel Ironie als wenig kindgemäß, ja geradezu nicht erkennbar für Kinder, doch ist es ein dominantes Merkmal der Kinderbücher Erich Kästners. Vgl. Steinlein, Rüdiger (1992): Kinderliteratur und Lachkultur. Literarhistorische und theoretische Anmerkungen zu Komik und Lachen im Kinderbuch, in: Hans-Heino Ewers (Hg.) (1992): Komik im Kinderbuch. Erscheinungen des Komischen in der Kinder- und Jugendliteratur. Weinheim, München: Juventa. S. 11–32. Hier: S. 28. Gleichzeitig ist aus literaturwissenschaftlicher und damit auch kinderliteraturwissenschaftlicher Perspektive zuallererst zu fragen, wie und wodurch Texte gestaltet sind, nicht nach ihrer potentiellen Verständlichkeit und Verstehbarkeit. Rico Doretti stellt im Buch Rico, Oskar und der Diebstahlstein (2011) fest: „Wenn man Ironie erst mal verstanden hat, macht sie richtig Spaß.“ (Steinhöfel, A. (2011): Rico, Oskar und der Diebstahlstein. Hamburg: Carlsen. S. 307). 147 Vgl. Cross (2011), S. 18 (eigene Übersetzung). 2.1 Komiktheorien 41 Beziehung zum Unbewussten (1905) unterscheidet er zwischen dem tendenziösen und dem harmlosen Witz, und erklärt daran jeweils die Prozesse des Lustgewinns. Auf diese Ausführlichkeit wird hier verzichtet. Es lässt sich zusammenfassen, dass verbotene Gefühle und Gedanken durch das Lachen „befreit“ werden, wodurch es zu einer emotionalphysiologischen Erleichterung und einem Spannungsabbau kommt, was Freud als humoristischen Lustgewinn bezeichnet.148 Funktion des Humors ist hier also die emotionale Regulation für das Individuum. In seiner späteren Schrift Der Humor (1927) fügt er dem Prinzip der Befreiung einen weiteren Aspekt hinzu, den er als „die Abweisung des Anspruchs der Realität“149 durch die „siegreich behauptet[e] Unverletzlichkeit des Ichs“150 bezeichnet: „Das Ich verweigert es, sich durch die Veranlassungen aus der Realität kränken, zum Leiden nötigen zu lassen, es beharrt dabei, daß ihm die Traumen der Außenwelt nicht nahegehen können, ja es zeigt, daß sie ihm nur Anlässe zu Lustgewinn sind.“151 Das Individuum behaupte sich somit gegenüber der „Ungunst“152 realer Situationen. „Mit seiner Abwehr der Leidensmöglichkeit nimmt er [der Humor – S. D.] einen Platz ein in der großen Reihe jener Methoden, die das menschliche Seelenleben ausgebildet hat, um sich dem Zwang des Leidens zu entziehen […].“153 Humor ist hier also ein funktioneller Abwehrmechanismus: „die siegreich behauptete Unverletzlichkeit des Ichs“.154155 148 Vgl. Freud, Sigmund (1905/1970): Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten – Kapitel 3: Der Lustmechanismus und die Psychogenese des Witzes. Frankfurt am Main: S. Fischer. Online verfügbar unter: http://gutenberg.spiegel.de/ buch/der-witz-und-seine-beziehung-zum-unbewussten-933/3 [20.11.2018] 149 Freud, Sigmund (1927): Der Humor. Erstveröffentlichung: Almanach der Psychoanalyse 1928, Wien 1927. S. 9–16. Online verfügbar unter: http://www.textlog.de/ freud-psychoanalyse-humor.html [20.11.2018] o. S. 150 Ebd. 151 Ebd. 152 Ebd. 153 Ebd. 154 Freud 1927, o. S. 155 Jean Pauls Humorverständnis ist recht nah an dem Freuds. Für beide ist Humor eine geistige Haltung. Jean Paul schrieb 1812 dem Humor eine Distanzierungsfunktion zu. Freilich nicht aus einer psychologischen Perspektive sondern aus einer ästhetischen und bestimmte Humor damit als intellektuelle Leistung. (Vgl. Çetin 2014, S. 20ff.) Theoretische Grundlagen: 2. Humor und Komik in kinder- und jugendliterarischen Texten 42 Julie Cross weist darauf hin, dass trotz aller Kritik, die gegenüber dieser Theorie geäußert wurde, diese dennoch nach wie vor vergleichsweise einflussreich ist.156 Die kognitive Dimension der Komik findet sich vor allem bei Hermann Kant157 mit der Inkongruenztheorie, die dann rund einhundert Jahre später von Robert Latta fortgeführt wird. Nach Berger und Gruner gilt diese Theorie als die akzeptierteste.158 Inkongruenz trete dann auf, wenn der Verlauf eines Ereignisses nicht der Erwartung entspricht, die eine Person an diesen Verlauf hatte bzw. wenn die Wahrnehmung eines Ereignisses (die Anschauung) dem mentalen Konzept (dem Begriff) desselben widerspricht.159 Inkongruenz bezieht sich dann sowohl auf die Textstruktur als auch auf den Rezeptionsprozess und meint einen Überraschungsmoment, der üblicherweise als Pointe bezeichnet wird. „Je größer und unerwarteter in der Auffassung des Lachenden diese Inkongruenz ist, desto heftiger wird sein Lachen ausfallen.“160 Wird von komischen Texten gesprochen, baut dieser Text also bei den Leser*innen eine Erwartungshaltung auf, die der weitere Textverlauf jedoch nicht erfüllt. Differenziert wird dieser Ansatz in zwei Positionen, die sich dadurch unterscheiden, ob die Wahrnehmung und Auflösung der Inkongruenz in zwei Stufen verlaufen oder aber gleichzeitig. Der Incongruity-and-resolution-Ansatz postuliert, dass Rezipient*innen eines sogenannten Witztextes versuchen, die Inkongruenz zu beheben, indem sie nach einer zweiten, verdeckten Sinnebene im Text suchen. Das Ergebnis dieses Problemlösungsprozesses resultiere im Lachen der Rezipient*innen.161 Unklar bleibt bei diesem Erklärungsansatz, wie diese Auflösung konkretisiert werden kann, d. h. was im Detail innerhalb dieses Problemlösungsprozesses geschieht.162 156 Vgl. Cross 2011, S. 6. 157 Wobei sich dieser Ansatz bis zu Platons Philebos und Horaz’ Ars Poetica zurückverfolgen lässt. Vgl. Kindt 2011, S. 41. 158 Vgl. Hauser, Stefan (2005): Wie Kinder Witze erzählen. Eine linguistische Studie zum Erwerb narrativer Fähigkeiten. Bern: Peter Lang. S. 29. 159 Vgl. Bachmeier 2005, S. 124. 160 Schopenhauer, Arthur (1819/1991): Die Welt als Wille und Vorstellung II. Zürich: Haffmanns Verlag. S. 122. 161 Vgl. Hauser 2005, S. 30 f. 162 Vgl. ebd., S. 32. 2.1 Komiktheorien 43 Das einstufige Incongruity-Modell formuliert, dass die Inkongruenz nicht aufgelöst wird, sondern bestehen bleibt. Auch hier suchen Rezipient*innen den Text nach einer zweiten Sinnebene ab. Der komische Effekt ergebe sich dann jedoch aus der Gleichzeitigkeit zweier Lesarten und ihrem Kontrast zueinander.163 Hieraus eröffnen sich für die Leser*innen wiederum neue Perspektiven und Blickwinkel. Zentral für die kognitiven Erklärungsansätze ist die Rolle des Wissens der Rezipient*innen: ein Witztext funktioniere nur dann, wenn Sender und Empfänger dieses Textes ein ähnliches Vorwissen teilen.164 Stefan Hauser bezeichnet das Phänomen der Inkongruenz als Basiskategorie des Komischen,165 ungeachtet des Adressatenbezuges: „Die Inkongruenz ist ein Merkmal, das der kindlichen Komik genauso zugrunde liegt wie der erwachsenen Komik. Ein entscheidender Unterschied ist allerdings, dass Kinder und Erwachsene nicht dieselben Inkongruenzen als komisch wahrnehmen.“166 Einen eher negativen Blick auf Komik eröffnet die Überlegenheitstheorie, für welche Platon als ein erster Vertreter genannt wird. Lachen erscheint hier als ein Ver- und Auslachen: der Lachende fühlt sich aufgrund eines sozialen Vergleichs mit einem anderen Individuum oder einer sozialen Gruppe überlegen. Bei Thomas Hobbes wird dieser Gedanke aufgenommen und Komik als Machtinstrument bestimmt. Die Komik sei ein „Akt der Selbstannahme bzw. Affirmation, bei dem jemand einen anderen herabsetzt, um sich selbst heraufzusetzen.“167 Das Komiksubjekt kann weiterhin die eigene Person sein, die man früher einmal war, insofern man sich aktuell einem früheren Zustand gegenüber überlegen fühle. Laut Henri Bergson wird durch die sogenannte herabsetzende Komik das Zugehörigkeitsgefühl einer sozialen Gruppe gestärkt, indem Subjekte, die sich nonkonform verhalten, verlacht werden. Einerseits werden so Gruppennormen bestätigt, andererseits kann dem Verlachten diese Situation Motivation sein, sich wieder konform in die 163 Vgl. ebd., S. 31. 164 Vgl. ebd., S. 226. 165 Vgl. ebd., S. 223. Genauso Bachmeier 2005, S. 124. 166 Ebd. 167 Bachmeier 2005, S. 126. Theoretische Grundlagen: 2. Humor und Komik in kinder- und jugendliterarischen Texten 44 Gruppe einzufügen.168 „Im gesellschaftlichen Leben ist das Lachen die Korrektur des Unangepaßten. Indem die Gesellschaft den Sonderling belacht, vergewissert sie sich ihrer Vitalität und ihres Fortschreitens […].“169 Inzwischen scheint es mit Blick auf die vorgestellten zentralen Theorien Konsens zu sein, dass sich Inkongruenz, Degradierung und Entspannung nicht ausschließen, d. h. die drei Ansätze miteinander kompatibel sind. Zu einer entsprechenden Auffassung gelangt man etwa, wenn man das Inkongruenzmodell als stimulus-Theorie, das Entlastungsmodell und das Überlegenheitsmodell jedoch als response-Theorien deutet, wobei zugleich angenommen wird, dass die beiden response-Modelle weder miteinander noch mit der inkongruenztheoretischen Interpretation der stimulus-Seite von Komik-Ereignissen im Konflikt stehen. […] Es wird bei einer solchen Deutung davon ausgegangen, dass die drei Theorien einander bei der Erklärung komischer Konstellationen potenziell ergänzen – die Inkongruenztheorie erläutert, was das Komische ist, und die Überlegenheits- und die Entlastungstheorie führen aus, welche Wirkungen es hat.170 Zentral für die Bestimmung literarischer Komik ist die Unterscheidung in die Komik der Darbietung und die Komik des Dargebotenen. Die erste der grundlegenden Spielarten liegt dann vor, wenn komische Inkongruenzen in der einen oder anderen Form durch die sprachliche Vermittlung erzeugt werden, die zweite, wenn sie auf der Basis des sprachlich Vermittelten zustande kommen. Dabei dürfte auf der Hand liegen, dass die beiden basalen Komikformen […] miteinander kompatibel sind […].171 Rüdiger Steinlein nutzt für selbige Differenzierung die Begrifflichkeiten Komik der Narration und Komik der Aktion.172 Von diesen beiden Grundformen ausgehend, sind für die literarische Analyse weitere Unterscheidungsmöglichkeiten gegeben. Für die Darbietungs- bzw. Narrationskomik wird in eine Sprachkomik, welche unabhängig vom be- 168 Bergson, Henri (2011): Das Lachen. Ein Essay über die Bedeutung des Komischen. Leipzig: Felix Meiner. S. 98 ff. 169 Lypp 2000c, S. 90. 170 Kindt 2011, S. 43 f. 171 Ebd., S. 146. 172 Vgl. Steinlein 1992, S. 24. 2.1 Komiktheorien 45 handelten Gegenstand sei, und eine Vermittlungskomik, welche in einer konkreten Beziehung zum Dargebotenen steht, unterschieden.173 Auf eine Bildung weiterer Unterkategorien, wie sie Tom Kindt vornimmt, wird an dieser Stelle verzichtet. Wichtig erscheinen hingegen die Kategorien zur Komik des Dargebotenen bzw. der Aktion: Kindt unterscheidet hier die Gegebenheitskomik, zu der er Figurenkomik, Zustandskomik und Situationskomik zählt, und die Ereigniskomik, worunter Vorkommniskomik, Verhaltenskomik und Handlungskomik zählen.174 Beschäftigt man sich mit Spielarten des Komischen in der Literatur, sind zusätzlich zu diesen Komikformen weitere Phänomene als Analyseinstrumentarium zu berücksichtigen. Gedacht ist hier an Ausprägungen wie den Witz, die Satire, die Parodie, die Ironie, das Burleske, das Absurde oder das Groteske, wobei hier für den kinderliterarischen Bereich von unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten ihres Auftretens auszugehen ist. Funktionen von Komik in der KJL „[…] [T]he functions of humor are many and, of course, it can further function as more than one thing at a time.“175 Es überrascht nicht, dass – mit Blick auf die Anfänge der intentionalen Kinderliteratur im 16. bis zum 18. Jahrhundert – die Mittel der Komik im Dienst der Vermittlung von Moral, Belehrung und Tugenden standen; es galt das „Primat der pädagogischen Funktion des Lachens“.176 In wenigen Texten der Aufklärung lassen sich dann Ansätze einer nichtpädagogisierten, nichtutilitären Lachkultur177 erkennen, welche sich durch die fortgeschrittene Aufklärungspädagogik mit ihrem entsprechenden Kindheitsbild begründen lassen: es gäbe eine natürliche Neigung des Kindes zur Fröhlichkeit, weshalb literarische Texte diese 2.2 173 Vgl. Kindt 2011, S. 147. 174 Vgl. ebd., S. 150. 175 Cross 2011, S. 2. 176 Steinlein 1992, S. 14. 177 Vgl. ebd., S. 15, 18. Theoretische Grundlagen: 2. Humor und Komik in kinder- und jugendliterarischen Texten 46 Neigung bestärken müssten.178 Wichtiger Vertreter dieser Kindheitsbildes ist Jean Paul, der in der Levana oder Erziehlehre (1807) für eine zentralere sowie veränderte Rolle des Komischen in der Kinderliteratur plädiert.179 Er warnt nicht nur vor der alles beherrschenden Lehrhaftigkeit […] [sondern – S. D.] bringt […] [auch – S. D.] ein Moment ins Spiel, das sich zu einem maßgeblichen Faktor der komisch-humoristischen Kinderliteratur herausbilden wird: die Wahl eines kindlichen Helden als Mittelpunkt einer kinderliterarischen Lach-Fiktion […].180 Werden diese Entwicklungen zwar in der Romantik nicht zuletzt durch die Kinderlyrik fortgeführt, setzt sich dennoch die Vorherrschaft des Pädagogischen und damit die Instrumentalisierung des Komischen für belehrende Absichten weitgehend fort. Dass „das Komische als grundlegendes Struktur- und […] Hauptwirkungselement“181 im deutschen Kinderbuch auftritt, gilt dann, so Steinlein, erst für Der Struwwelpeter (1845). Von einer entpädagogisierten Komik ist freilich auch hier noch nicht zu sprechen. Dies wird dann im Sinne einer umfassenderen Entwicklung der Kinderliteratur des 20. Jahrhunderts möglich, im engeren Sinne durch die Kinderliteratur der sogenannten Kindheitsautonomie, so Hans-Heino Ewers.182 Reichen die Texte, die hier zugerechnet werden, auch weit in das 19. Jahrhundert zurück, bezieht sich die Epochenbezeichnung auf die 50er bis 70er Jahre des 20. Jahrhunderts.183 Das Komische sei ein wesentlicher Grundzug dieser Kinder- und Jugendliteratur, denn „die als autonom aufgefaßte Kindheit als heitere Daseinsform [wird] vom Ernst der Erwachsenenexistenz abgesetzt.“184 Mit den umfassenden Veränderungen und Entwicklungen auf dem Feld der Kinder- und Jugendliteratur der BRD ab den 178 Vgl. ebd., S. 16. 179 Vgl. ebd., S. 16 f. 180 Ebd., S. 17. 181 Ebd., S. 19. 182 Ewers, Hans-Heino (1992): Vorwort, in: Ders. (Hg.): Komik im Kinderbuch. Erscheinungen des Komischen in der Kinder- und Jugendliteratur. Weinheim, München: Juventa. S. 7–9. Hier: S. 7. 183 Hier ist außerdem an den Einfluss englischer und skandinavischer Kinderliteratur zu denken – auch schon vor den 1950er Jahren (siehe hier z. B. Peter Pan oder Alice im Wunderland) 184 Ebd. 2.2 Funktionen von Komik in der KJL 47 1970er Jahren, d. h. unter anderem durch die drastische Zunahme realistischer Texte und damit der expliziten Hinwendung zur sozialen Wirklichkeit, gehen komische Töne bzw. Mittel zwar nicht verloren, jedoch erhalten diese nun wieder eine andere Funktionsbestimmung im Sinne einer Wahrnehmungsschärfung und Reflexionsfähigkeit bei ihren primären Adressat*innen. Ab den 1990er Jahren ist die Kinderund Jugendliteratur von vielfältigen Entgrenzungsentwicklungen betroffen – sowohl hinsichtlich des Handlungs- als auch des Symbolsystems – und nähert sich der Allgemeinliteratur immer mehr an. Somit wird auch die Unterhaltungsfunktion komischer Texte im Sinne einer zweckfreien Komik wieder dominanter. Generell ist, bezugnehmend auf Maria Lypp und Rüdiger Steinlein, festzustellen, dass die Unterschiede zwischen kinderliterarischer und allgemeinliterarischer Komik nicht prinzipieller Natur sind: Graduelle Unterschiede resultieren aus differierenden inhaltlichen Präferenzen „und die ergeben sich eben aus dem, was die kindliche Lebenswelt an Erfahrungen, Problemen und Zumutungen bereithält, zu deren Bewältigung – sei es affirmativ-entlastend, sei es emanzipativ-verarbeitend – die Verfremdungstechnik der Komik […] dann ihr [sic!] Teil beizutragen sucht.“185 Julie Cross verweist darauf, dass in der englischsprachigen Literaturwissenschaft Komik in kinderliterarischen Texten oft im Zusammenhang mit dem Phänomen der Karnevalisierung (Bachtin) gesehen wird186 und zwar unter der Perspektive der sozialen Funktion von Komik. Für die deutschsprachige Forschung ist es Maria Lypp, die der Komik in der KJL einen grundlegenden karnevalesken Zug zuspricht.187 Indem Texte wesentlich von Non-Konformität und Subversion bestimmt seien, bieten sie ihren Leser*innen einen „time-out“188 von den üblichen sozialen Beschränkungen und erlauben gleichzeitig eine sichere Rückkehr in die Normalität. Insofern durch komische Texte Lösungsvorschläge für soziale Konflikte angeboten werden und einen Spannungsabbau bieten, stabilisieren sie die soziale Ordnung. Es wird in diesem Denkmodell wiederum die affektive Dimension von Komik 185 Steinlein 1992, S. 12. 186 Vgl. Cross 2011, S. 4 f. 187 Vgl. Lypp 2000c, S. 93. 188 Ebd., S. 5. Theoretische Grundlagen: 2. Humor und Komik in kinder- und jugendliterarischen Texten 48 offenbar, wie sie Ansätze in der Tradition Freuds postulieren; hier jedoch stärker in ihrem Nutzen für die Gesellschaft als für das Individuum. Komische Elemente erscheinen als Ausdruck eines spielerischen und vor allem selbstbewussten Umgangs mit der Wirklichkeit, und stellen Relativierungen von Bewertungs- und Rationalitätsprinzipien dar. Im Hinblick auf die Kommunikation zwischen kindlichem Adressaten/kindlicher Adressatin und kindlichen Figuren kann Komik eine Art Verbündung gegen die durch Erwachsene geprägte Wirklichkeit unterstützen. Maria Lypp setzt mit ihrem Bezug zu Bachtin weiterhin vor allem das Moment der Leiblichkeit zentral. So sei Kindheit ebenfalls durch das „Drama des leiblichen Lebens“ bestimmt, wobei diese kindlichen Phänomene gesellschaftlich bis spätestens zum Schuleintritt einer Zensur unterworfen und zur „nichtoffiziellen Wahrheit“189 werden. „Die umfassende Leib- und Sinnlichkeit des Kindes kann aber in der KL wieder in ihr Recht gesetzt werden.“190 Der wesentliche Beitrag Maria Lypps zum deutschsprachigen Diskurs um kinderliterarische Komik ist ihre Differenzierung in die freie Komik und die Komik der Befreiung. Sie bezieht sich auf Dieter Henrich, der die freie Komik als Grundform aller Phänomene des Komischen bestimmt. Kern dieser freien Komik ist ein Kontrasteffekt: „eine Verrückung von Vertrautem in Überraschendes und wieder zu Vertrautem zurück“,191 wobei das verwandelte Subjekt (oder Objekt) in der Verwandlung immer noch ein Zeichen seiner Identität bewahren müsse.192 Lachen ist provoziert durch eine Kontextverschiebung, in der (mindestens) ein Element stabil bleibt. Substantiell für den Adressaten ist die Steigerung seiner Imaginationstätigkeit.193 Auf der freien Komik baut dann wiederum die Komik der Befreiung auf. Die Komik der Befreiung setzt einerseits die Lust an der Kontextverschiebung voraus, andererseits die Erfahrung der Fremdbestimmung, von der sich das Subjekt lachend befreit. Hier sieht Lypp den 189 Lypp 2000c, S. 94. 190 Ebd. 191 Ebd., S. 89. 192 Vgl. ebd. 193 Vgl. ebd. 2.2 Funktionen von Komik in der KJL 49 wesentlichen Unterschied zwischen einer kindlichen und einer erwachsenen Komik: Die Inhalte von Fremdbestimmung und Befreiung sind vermittelt durch den jeweiligen sozialen Status.194 Dass Kinder jedoch Erfahrungen von Fremdbestimmtheit machen, ist für Lypp weitgehend unabhängig vom Alter der Kinder und die Funktion der Komik der Befreiung lässt sich sowohl als integrativ als auch als emanzipatorisch bestimmen.195 Sie richtet sich damit gegen die Position Hermann Helmers’ (1975), der klar zwischen einer integrativen Funktion des Komischen bis zum Ende der Grundschulzeit und einer emanzipatorischen Funktion ab der Pubertät trennt.196 An den Beginn dieses Kapitels wurde ein Zitat von Julie Cross gesetzt: Die Funktionen, die Komik haben kann, sind zahlreich, und selbstverständlich können zu einem Zeitpunkt mehrere Funktionen erfüllt sein. Kinderliterarische Komik hat sich aus der engen Bestimmung als attraktives Medium zur Vermittlung erzieherischer Werte befreit. Zusätzlich zu dieser sozialen bzw. im engeren Sinne sozialisierenden Funktion kinderliterarischer Komik ist zum einen das Moment der Verhandelbarkeit und Reflexion von Normen zentraler, wodurch die kritische Dimension von kinderliterarischer Komik dominanter wird. Dass die Lachgefühle, die die aktuelle KJL provoziert, „eher bejahend, denn aggressiv oder gar vernichtend“197 sind, wie Gabriele Czech feststellt, wird hierbei nicht als Defizit oder Entwicklungsbedarf verstanden, sondern als dem Wesen und der Funktion von KJL gemäß. Zum anderen erfüllt sie, wie die Komik für Erwachsene auch, mehrere affektive Funktionen. Hierzu zählen Unterhaltung und Imagination genauso wie Entspannung und psychische Entlastung. Die Erträge bündelnd, lassen sich als Funktionen von Komik somit der Schutz vor negativen Emotionen, die Befreiung von inneren und äußeren Hemmungen, Subversion, eine integrative Funktion im Kon- 194 Vgl. ebd., S. 91. 195 Vgl. ebd., S. 97. 196 Vgl. Czech, Gabriele (2005): Komik in der Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart, in: Lange, Günter (Hg.): Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur. 4. unveränderte Auflage. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren. S. 862– 887. Hier: S. 868. 197 Ebd., S. 869. Theoretische Grundlagen: 2. Humor und Komik in kinder- und jugendliterarischen Texten 50 text von Erziehung, Pädagogik und normativen Erwartungen sowie Unterhaltung und Vergnügen zusammenfassen.198 Um sich nun dem konkreten motivischen Gefüge zu nähern, wie es für die zu interpretierenden Texte behauptet wird, sei nochmals an die Forderung Jean Pauls nach kindlichen Held*innen als Mittelpunkt der Lach-Fiktionen erinnert. Wenn Rüdiger Steinlein fragt, was die Kinderliteratur ohne Figuren wie Tom Sawyer, Max und Moritz oder Pippi Langstrumpf wäre199 – und die Beispiele ließen sich ohne weiteres fortsetzen –, wird deutlich, wie dicht die Kinderliteratur des 20. und 21. Jahrhunderts von komischen Helden bevölkert wird. Ein Typus-Motiv, das als Komisches angelegt ist, ist der Schelm. Wie die Analysen zeigen werden, ist dieser aufgrund seiner Anlage in weitere Motive eingebettet, weshalb für diese Arbeit an den Begriff der Motivkonstellation (Heidi Lexe 2003) angeknüpft wird, um Gemeinsamkeiten in der literarischen Gestaltung deutlich zu machen. Auch erweisen sich die Motive als zielführend, wenn der kindliche oder jugendliche Held nicht als konkrete Schelmenfigur bestimmbar ist. 198 Vgl. hierzu auch nochmals Çetin 2014, S. 46. 199 Vgl. Steinlein 1992, S. 17. 2.2 Funktionen von Komik in der KJL 51

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Zusammenfassung

2019 jährte sich die sog. Friedliche Revolution zum mittlerweile 30. Male. Die Kinder- und Jugendliteratur beteiligt sich seit der Wiedervereinigung in Wellen, aber kontinuierlich an der deutsch-deutschen „Erinnerungsproduktion“. Ob dies nach dem 30. Jahrestag so bleiben wird, muss sich zeigen. Gleichzeitig wird die DDR bald nicht mehr Inhalt des kommunikativen, sondern nur des kulturellen Gedächtnisses sein. Hier wird die Bedeutung von Literatur, aber auch von Literaturunterricht, offenbar.

Wie aus Allgemeinliteratur und -filmen bekannt, ist auch für Bilderbücher, Kinder- und Jugendromane sowie Filme ein deutlich humorvoller Zugriff auf die Themen DDR und „Wende“ feststellbar. Als eine wichtige Strategie wird das Schelmische angenommen, wofür zunächst das Typus-Motiv „Schelm*in“ grundlegend für die KJL erschlossen wird. Es werden dann seine Spielarten in den unterschiedlichen kinder- und jugendliterarischen Genres zur deutschen Zeitgeschichte untersucht und Rezeptionspotenziale diskutiert.