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9. Schlussbetrachtung: Zusammenfassung, Reflexion und Ausblick in:

Susanne Drogi

Vom Suchen und Finden des Glücks diesseits und jenseits der Mauer, page 295 - 310

Formen und Funktionen von Komik in der Kinder- und Jugendliteratur zur DDR und ›Wende‹

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4399-8, ISBN online: 978-3-8288-7389-6, https://doi.org/10.5771/9783828873896-295

Tectum, Baden-Baden
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Schlussbetrachtung: Zusammenfassung, Reflexion und Ausblick „Da wusste ich, wir waren ein Teil der Geschichte. Nee, wir waren mehr als ein Teil. Wir waren die Geschichte. Wir alle. Gemeinsam.“943 Diese – aus dem Kontext gerissen recht pathetisch klingende – Einschätzung nimmt Mick im Roman Mauerblümchen vor. Sie kann hier genutzt werden, um die Ergebnisse der jeweiligen Textanalysen zu resümieren und zu bündeln. Ergebnisse: Figuren, Themen und Perspektiven Ein junger Erwachsener reflektiert hier darüber, dass er Zeuge eines bedeutenden Ereignisses ist. Eines Ereignisses, das nachwirken und bedeutungsvoll bleiben wird. Subjektiv schreibt er sich einerseits Verantwortung zu, vermag es andererseits gleichzeitig so aber auch, seine Identität aufzuwerten. Dieses Bewusstsein wirkt aus Erwachsenenperspektive sehr reif und Mick gelingt es, damit die sechzehnjährige Molly anzustecken. Vor ihren gemeinsamen Gesprächen konnte Molly den Geschehnissen in ihrem derzeitigen Wohnort keine subjektive Bedeutung abgewinnen. Schließlich wird der Mauerfall eine wesentliche Voraussetzung für ihre Identitätsfindung. Für alle Texte lässt sich formulieren, dass es sich für die Protagonist*innen teils um intendierte, teils um zunächst „zufällige“ Erkundungen darüber handelt, was das Historische mit ihnen selbst zu tun hat bzw. zu tun haben könnte. Es sind Erkundungen von Identität(smöglichkeiten), in deren Verlauf das Historische als notwendiger Bestandteil von Identitätskonstruktion verstanden wird. 9. 9.1 943 Rahlens 2009, S. 108. (Hervorhebung im Original) 295 Ausgangspunkt einiger Texte sind Protagonist*innen, die entweder am Ende der 1980er Jahre leben und zunächst die Meinung repräsentieren, das Politische und Historische sei Angelegenheit Erwachsener und habe mit ihnen als Kindern und Jugendlichen nichts zu tun (Macht ihr eure Wende, ich bin verliebt; Zweimal Marie; Mauerblümchen). Gleiches gilt für jene Figuren, deren eigentliche Lebensgegenwart lange nach der ›Wende‹ liegt und die ebenfalls der Meinung sind, dieses weit zurückliegende Ereignis habe mit ihnen nichts zu tun und sich hieraus auch ihr Desinteresse und mangelndes Wissen begründet (Pullerpause im Tal der Ahnungslosen; In einem Land vor meiner Zeit). Oder aber es sind Figuren, die sich über ihren Status des Ausgenommenseins hinwegsetzen und sich aktiv an den Ereignissen beteiligen möchten (Zweimal Marie; Karel, Jarda und das wahre Leben; Sputnik; teilweise auch Esterhazy und Das langgestreckte Wunder). Für alle aber werden die soziohistorischen Bedingungen zu wichtigen Reifungskontexten. Für alle Texte insgesamt lässt sich formulieren, dass sie – denkt man auch die Autor*innenperspektive mit – eine Legitimation und mehr noch eine Forderung darstellen, die ehemalige DDR und die ›Wende‹ als nach wie vor relevant und bedeutsam für junge Menschen zu erachten und daher angemessen zu thematisieren; und auf einer höheren Ebene jungen Adressat*innen Historisches und Politisches ungeachtet vom konkreten Kontext als persönlich bedeutsame Themen nahezulegen. Die attribuierte Relevanz lässt sich grob in zwei Perspektiven unterscheiden: Entweder es geht um den konkreten historischen Abschnitt, ein bestimmtes Wissen und eine Reflektion darüber, verbunden mit Fragen, wie: Was haben ältere Familienmitglieder damals erlebt, wie prägt es sie? Oder: Wo spüren wir heute Nachwirkungen dieser Zeit? Oder aber der Schwerpunkt liegt eher darauf, welche generalisierbaren Erfahrungen in und aufgrund dieser Zeit gemacht wurden, die auch in anderen soziohistorischen Kontexten auftauchen (können) und die kindliche und jugendliche Adressat*innen als existenzielle anthropologische Erfahrungen nachempfinden, reflektieren und möglicherweise für ihre eigene Lebensgestaltung (in die Zukunft gerichtet) nutzen können. Gedacht ist hier zum Beispiel an die Erfahrung der Einschränkung persönlicher Freiheit und Individualität. 9. Schlussbetrachtung: Zusammenfassung, Reflexion und Ausblick 296 Dies gelingt den Texten vor allem durch die Charakterisierung ihrer Protagonist*innen. Entweder sind sie zunächst durch ein explizites, d.h. eingestandenes Desinteresse und damit oft auch Unwissen gekennzeichnet (v.a. Paul in Macht ihr eure Wende, ich bin verliebt, Alina in In einem Land vor meiner Zeit, Molly in Mauerblümchen und Jobst in Pullerpause im Tal der Ahnungslosen), welche funktional voraussetzend für wiederkehrende Figuren- und Situationskomik sind. Oder sie erhalten diesen Status eher indirekt aufgrund ihres Alters und damit ihres Status` als Kind (Esterhazy; Such dir was aus, aber beeil dich; Karel, Jarda und das wahre Leben; Zweimal Marie; Sputnik). Damit einhergehend wird ihnen Wissen teilweise von den Erwachsenenfiguren vorenthalten (Zweimal Marie; Karel, Jarda und das wahre Leben; Sputnik). Diese Unbedarftheit der Figuren ist ein Merkmal (neben anderen), das die Figurenkonzeptionen als Parallele zur Allgemeinliteratur deutet. Wenn auch die Unbedarftheit offensichtlich vergleichbar ist, sind jedoch die Stoßrichtungen, also die Produktivitäten der Figuren für die Texte und ihre Rezeption unterschiedlich: Bei Erzählungen für Erwachsene darf unterstellt werden, dass die Autor*innen ein historisches Vorwissen voraussetzen können und auch tun. Die Rezeption, verbunden mit komischen Effekten, geschieht dann unter der Prämisse des Wissensvorsprungs der Leser*innen gegenüber der Figur. Der Zugriff der Kinderbuch- und Jugendbuchautor*innen – besonders der Texte, die ab 2006 erschienen sind – ist ein anderer: Ohne hier von einer bestimmten Autor*innenintention auszugehen, darf unterstellt werden, dass sie versuchen, die Perspektive, die sie bei ihrem potentiellen Adressat*innenkreis unterstellen, nämlich eingeschränktes Interesse und mangelndes Vorwissen, auf ihre Protagonist*innen zu übertragen. Mit zunehmendem Wissen und Reflexionsvermögen der Figuren mögen diese auch bei den Leser*innen zunehmen. Kann von einem thematischen Interesse seitens der Adressat*innen nur in begrenztem Maß ausgegangen werden, wird die Textattraktivität durch andere Mittel gesteigert. Die Parallelisierung des (unterstellten) Vorwissens und Interesses als eines dieser Mittel wurde genannt. Dies steht jedoch im größeren Zusammenhang der Figurenkonzeption und der Gestaltung der Texte als offenkundig lustige. Dies führt noch einmal zu den zentralen Fragen, auf welchen diese Arbeit 9.1 Ergebnisse: Figuren, Themen und Perspektiven 297 aufbaut, allen voran die Frage nach einer Schelmenfigur und der Beschreibung ihrer Produktivität. Die Schelmenfigur als Mittler Der Einzug von Schelmenfiguren in das Symbolsystem Kinder- und Jugendliteratur korrespondiert mit der schrittweisen Herauslösung selbiger aus ihren pädagogischen Zwängen und ihrer zunehmender Ästhetisierung. So ist es für die Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur nur logisch, dass im 20. Jahrhundert – im Besonderen in seinem letzten Drittel – immer mehr kinderliterarische Schelmenfiguren auftreten. Inhaltlich sind diese geknüpft an Veränderungen im Kindheitsbild in Folge der 1968er und die breite Ausdifferenzierung und Emanzipation der KJL in Folge der sogenannten zweiten Moderne (Hans- Heino Ewers), sowie dem hieraus resultierenden Themen-, Formenund Funktionswandel944. Die Schelmenfigur kann dann als ein literarisches Mittel unter anderen verstanden werden, das sozialkritische und gesellschaftsdiagnostische Reflexionen vornimmt. Insofern versucht diese Arbeit auch, den kinderliterarischen Schelm bzw. die Schelmin dahingehend aufzuwerten, dass sie ihre Leser*innen nicht nur belustigen und unterhalten möchten. Anschließend an Willy Schumann (1966) wäre zu überlegen, ob der kinderliterarische Schelm ebenfalls Konjunkturen erlebt und wenn ja, wodurch diese bestimmt sind. Genauer: Ist das Thema DDR und ›Wende‹ eines, das sein Auftauchen herausfordert? Und hieran anschließend: Gibt es andere Themen, die das gleichsam tun bzw. tun könnten? Schließlich muss die Frage nach Konjunkturen der Figur jedoch ein Stück offen bleiben, denn insgesamt ist die Literaturgeschichte des kinderliterarischen Schelms doch noch vergleichsweise jung. Für eine Konjunktur argumentieren lässt sich jedoch dann, wenn man die Darstellungsstrategien der analysierten Texte als Reaktion auf 9.1.1 944 Vgl.: Ewers, Hans-Heino (2013): Themen-, Formen- und Funktionswandel der westdeutschen Kinderliteratur seit Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre, in: Ders.: Literaturanspruch und Unterhaltungsabsicht. Studien zur Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert. Frankfurt/M. S. 15–43. 9. Schlussbetrachtung: Zusammenfassung, Reflexion und Ausblick 298 die textuellen und audiovisuellen Mauerkomödien der Allgemeinliteratur deutet. Die Analysen konnten zeigen, dass die Schelmenfigur für die Texte sehr produktiv wirkt. In einem ersten Schritt kann sie eine Brücke schlagen zum unterstellten Wissens- und Interessensniveau ihrer Leser*innen. Der als Unbedarftheit benannte Zugriff der Protagonist*innen ermöglicht zunächst einmal einen Habitus der Verwunderung und des Fragens, wie er den Leser*innen unterstellt wird. Somit dürften die jeweiligen Figuren auch als Identifikationsangebot für die Adressat*innen wirken. Gleichzeitig bietet dieser Habitus den Figuren eine besondere Möglichkeit des kritischen Hinterfragens. Alle Protagonist*innen erleben ihre Lebenswelt als widersprüchlich oder zumindest als fragwürdig. Mit ihren Handlungen, die mitunter als recht radikale Störungen wirken, schaffen sie moralische Alternativen – ungeachtet dessen, ob sie tatsächlich realisiert werden oder nicht. Dabei bestätigen die Analysen, dass Schelmenfiguren es vermögen, Zeitumstände in besonderer Weise widerzuspiegeln und angesichts konkreter gesellschaftlicher Bedingungen diese implizit danach zu befragen, inwiefern der Mensch in diesen eher natürlich oder entfremdet lebt und agiert.945 In ihren Handlungen wiederum sind die vorgestellten Figuren alle sehr autonom: sie schaffen sich auf unterschiedliche Weisen Freiräume und trotzen (teilweise massiven) Widerständen. Da in den vier Analysekapiteln jeweils konkret nach dem Schelmischen gefragt wurde, soll es hier im Detail nicht nochmals reproduziert werden. Wohl aber scheinen die Momente der Haltung zur Welt, die als widersprüchlich/ fragwürdig erlebt wird; die Versuche der Störungen und Grenzüberschreitungen als Schaffen moralischer Alternativen; eine besondere Resilienz der Figuren, sowie ihre jeweils mehr oder minder starken Konzeptionen als Sonderlingsfiguren verbunden mit einer kritischen Perspektive „von unten“ bzw. von außen, hinreichend um sie als Merkmale des kinder- und jugendliterarischen Schelms anzuerkennen. Wird für den Schelm/Pikaro in der Allgemeinliteratur formuliert, dass er keine (oder selten) eine Identifikationsfigur sei, ist das offenbar kein notwendiges Merkmal für den kinder- und jugendliterarischen Schelm. Blickt man auf die vorgestellten Figuren, stellt es sich eher he- 945 Siehe hier die Ausführungen zum Trickster im 3. Kapitel. 9.1 Ergebnisse: Figuren, Themen und Perspektiven 299 terogen dar: einige Figuren scheinen sich einer Identifikation zu entziehen, der Großteil ist dennoch als Identifikationsangebot zu verstehen. Dabei korrespondieren viele komische Effekte in den Texten mit der Erzählperspektive: Überwiegend sind es Ich-Erzähler*innen oder personale Erzähler*innen, die es vermögen, Einblick in die Wahrnehmungs- und Reflexionsprozesse der Figuren zu geben. Glückssucher: Deutungen des Endes der DDR Mit dem Titel der Arbeit wurden die Protagonist*innen als Glückssucher benannt: Alle Figuren finden ihr Glück jenseits der Mauer, sei es dass sie mit zunehmender Reflexion ihr momentanes Glück als beschränkt bzw. bedroht erkennen, oder im Fall von In einem Land vor meiner Zeit, Alina erst dank der historischen Erfahrung ihr gegenwärtiges Glück als solches wertschätzen kann. Glück kann hierbei bedeuten eine Liebesbeziehung einzugehen, (Macht ihr eure Wende, ich bin verliebt; Esterhazy; Mauerblümchen) die Familienzusammenführung zu ermöglichen (Zweimal Marie; Sputnik), den Wunsch nach Reichtum und Besitz von Konsumgüter zu realisieren (Karel, Jarda und das wahre Leben), persönliche Freiheit zu realisieren (Das langgestreckte Wunder), Freunde zu finden (Pullerpause im Tal der Ahnungslosen) oder Abenteuer und Geborgenheit als Kindheitsglück zu deuten (Such dir was aus, aber beeil dich). Dabei wird der Mauerfall in einigen Fällen zur tatsächlichen oder antizipierten glücklichen Fügung, die das Ersehnte im Sinne der Protagonist*innen vollendet (Pullerpause im Tal der Ahnungslosen; Zweimal Marie; Sputnik). Tatsächlich sind Karel, Jarda und das wahre Leben und In einem Land vor meiner Zeit als Nachwenderomane die beiden einzigen Texte im Korpus, die das Ende des sozialistischen Systems nicht als finales Happy End deuten.946 Hier wird die Wiedervereinigung als Gewinn demokratischer Werte gedeutet, die Vergangenheitsbewältigung aber auch als individuelle wie familiäre Herausforderung verstanden. Hier- 9.1.2 946 Ein Roman, der dies sehr eindringlich leistet, ist Petra Kaschs Bye-bye Berlin (Ravensburger 2009). Der Vater der 13-jährigen Nadja ist ein sogenannter Wende- Verlierer: Er wird in der Folge der Wiedervereinigung arbeitslos und beginnt zu trinken. 9. Schlussbetrachtung: Zusammenfassung, Reflexion und Ausblick 300 an schließt sich an, für die Gesamtheit der Texte abschließend zu konkretisieren und zu resümieren, was über die DDR und ihr Ende erzählt wird, genauso aber auch was über sie nicht erzählt wird. Die Handlungen sind teils in Großstädten (Berlin, Leipzig, Hamburg als westdeutsche Großstadt), teils in der Provinz situiert. Die ostdeutschen Städte und Dörfer werden überwiegend als grau, trostlos und verfallen dargestellt, wobei Baustellen als Orte des Neuen ebenfalls einen Topos darstellen. Die Orte des Provinziellen entsprechen der Vorstellung des sogenannten Arbeiter- und Bauernstaates. Weitere Phänomene, die der äußeren Umwelt zuordenbar sind, ist die Darstellung von Schulen, von Unterrichtssituationen, von Kleidung, von Nahrungsmitteln. Fast alle Texte nutzen Ausdrücke, Floskeln und Phrasen um auch typische sprachliche Phänomene zu illustrieren. Sozialistische Feiertage werden thematisiert. Ein Thema, das in einem Teil der Texte wiederzufinden ist, ist das der Umweltverschmutzung. Alle Texte thematisieren in unterschiedlicher Perspektive und Intensität Restriktionen und Einschränkungen. Dabei nehmen die Figuren bereits als Kinder und Jugendliche Kontrolle und Bedrohung als latent oder manifest wahr. Teilweise sind sie selbst Opfer von staatlicher Willkür, die typischerweise als Lehrer*innen oder Polizist*innen figuriert sind. Oder aber eine wichtige Bezugsperson der Heranwachsenden (Eltern oder andere Verwandte) ist als Opfer der staatlichen Kontrolle bestimmt. Geschichtsbilder zwischen Stereotypisierung und Differenzierung Sinnvoll erscheint an dieser Stelle, nochmals auf Gansels wichtigen Aufsatz "Wende" und "Vorwende" in der KJL. Geschichten-Bilder auf dem literarischen Prüfstand Bezug zu nehmen. Hierin formuliert Gansel drei zentrale Topoi, die seiner Meinung nach viele Texte der zeitgeschichtlichen KJL – nicht ausschließlich zu DDR und ›Wende‹, sondern auch teilweise zum Nationalsozialismus – einen: den Täter-Opfer- Topos, den Widerstandstopos und die stereotypen Lehrer- und Elternfiguren. Im Täter-Opfer-Topos impliziert, ist die eindeutige Zuordnung von einerseits krimineller Energien und Intentionen zur Staats- 9.1.3 9.1 Ergebnisse: Figuren, Themen und Perspektiven 301 macht und andererseits einer schuldfreien ausgelieferten Bevölkerung. Zusätzlich und logisch wird diese dann als einheitlich kollektiv subversiv vorgestellt. Zu den Lehrer*innen- und Elternfiguren stellt Gansel fest, dass diese in einigen Texten genutzt werden, um regimetreues, angepasstes Verhalten einerseits und Frustration und Aufbegehren andererseits – dies meist aus dem Munde Jugendlicher – zu kontrastieren. Alle drei Topoi gemeinsam münden oft darin, dass die Texte ein differenziertes Bild von der DDR, das es zusätzlich erlaubt diese in ihrer Idee auch als gesellschaftliches Projekt zu verstehen, sowie die Proteste am Ende der 1980er Jahre als teilweise reformkommunistische anzuerkennen und wertzuschätzen, nicht schaffen können.947 Für den Textkorpus dieser Arbeit gelten die benannten Stereotype in unterschiedlichem Maß nach wie vor. Elternpaare werden in ihrem Dualismus genutzt, Anpassung und Verteidigung einerseits und Kritik und Widerstand andererseits gegenüberzustellen. Dabei erweist sich erstere Position als die unterlegene (Pauls Mutter in Macht ihr eure Wende, ich bin verliebt; die getrennten Eltern in Zweimal Marie). Lehrkräfte, Polizisten und weitere Figuren, die als als Repräsentant*innen des politischen Systems benannt sind, werden in den Texten karikierend überzeichnet. Schließlich gilt der sogenannte Widerstandstopos ebenfalls für viele der vorgestellten Texte, wobei anerkannt werden muss, dass das Subversive bezüglich des Textkorpus` nicht ein Phänomen ist, dass sich ausschließlich gegen den sozialistischen Staat richtet, sondern gegen jegliche Formen der Bevormundung und Vereinnahmung. Insofern erhält das Subversive figurenkonstituierendes Potential und damit wird das Schelmische als Prinzip noch einmal mehr gestärkt. Festgehalten werden muss, dass die Texte gelebtes Leben in der DDR und die DDR als mögliche Heimat und Ort von Kindheit(en) anerkennen. Ein differenziertes Bild, wie es sich Carsten Gansel wünscht, das den Sozialismus als gesellschaftlichen Entwurf wertschätzt und diskutiert, entsteht nicht.948 Vielmehr stellen die Texte Le- 947 Vgl.: Gansel, Carsten (1999): "Wende" und "Vorwende" in der KJL. Geschichten- Bilder auf dem literarischen Prüfstand, in: Renate Raecke und dem Arbeitskreis für Jugendliteratur e.V (Hg.): Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland. München: Iris. S. 106–122. hier besonders S. 112–117. 948 Vgl. ebd., S. 114f. 9. Schlussbetrachtung: Zusammenfassung, Reflexion und Ausblick 302 gitimationen dar, demokratische Gesellschaftssysteme wertzuschätzen. Dabei ist der Zugriff der Texte zunächst der, die DDR in ihrer Differenz wahrzunehmen: Sei es, dass es eine Figur, die nicht aus der DDR kommt, Phänomene wie differente Kleidung, differente Nahrungsmittel, differentes Stadtbild feststellt und reflektiert. Oder aber die Figuren implizit als different zum potentiellen Leser/zur potentiellen Leserin dargestellt sind – ebenfalls durch Kleidung, sprachliche Phänomene oder die explizite Benennung ihrer Heimat. Neben diesen äußerliche Differenzen entwickeln die Figuren im Handlungsverlauf entweder selbst Einsichten darin, dass Kindsein bzw. Jugendlichsein hinsichtlich typischer Bedürfnisse und Wünsche doch nicht so unterschiedlich und damit auch nicht zwingend abhängig vom politischen System sind (Pullerpause im Tal der Ahnungslosen; In einem Land vor meiner Zeit). Wird diese Einsicht nicht in einer Figurenreflexion explizit, bleibt es ein Rezeptionsangebot für die Rezipient*innen (Macht ihr eure Wende, ich bin verliebt; Zweimal Marie, Such dir was aus, aber beeil dich; Sputnik). Aspekte der DDR-Vergangenheit, die von der Macht der Staatssicherheit und ihrer politischen Willkür ausgingen und aus heutiger Perspektive unbestreitbar als Gewaltakte und Verbrechen zu benennen sind, kommen im Textkorpus nur in einigen Texten ansatzweise zur Sprache: so in In einem Land vor meiner Zeit der Selbstmord einer Verwandten oder die Diffamierung des Großvaters; in Sputnik beispielsweise die Inhaftierung von Herrn Karl; in Pullerpause im Tal der Ahnungslosen die berufliche Degradierung eines ehemaligen Theatermitarbeiters. Andere Jugendbücher tun dies eindringlich – und dann ohne Mittel der Komik – ebenfalls ab dem Beginn der 2000er Jahre. So zum Beispiel Klaus Kordons Krokodil im Nacken (2002), Anne C. Voorhoeves Lilly unter den Linden (2006), Grit Poppes Weggesperrt (2011) und Schuld (2014) oder Dorit Linkes Jenseits der blauen Grenze (2016). Schelmisches Erzählen: Komik in zeitgeschichtlicher KJL Anhand von zehn Büchern und einem Film konnte gezeigt werden, dass auch für die Texte der Kinder- und Jugendliteratur Formen der 9.1.4 9.1 Ergebnisse: Figuren, Themen und Perspektiven 303 Komik eine wichtige Strategie darstellen und damit den gewählten Textkorpus einen. Die Abfolge der einzelnen Textanalysen wurde dahingehend aufgebaut, dass zunächst drei Erzählungen betrachtet wurden, in denen sich eindeutige Schelmenfiguren identifizieren lassen (Macht ihr eure Wende, ich bin verliebt; Karel, Jarda und das wahre Leben und Zweimal Marie). Im folgenden Kapitel zu den visuellen Geschichtserzählungen, konnte selbiges für Esterhazy und Das langgestreckte Wunder festgestellt werden. Für die anderen Texte gelang dies nicht, wobei hinreichend Argumente gefunden wurden, unterschiedliche literarische Mittel als schelmisches Erzählen zu behaupten. Schließlich wurde der Kinderfilm im letzten Kapitel wieder als Schelmengeschichte belegt. Ordnet man den Textkorpus nach dem Lesealter, so weist sowohl ein Teil der Kinderbücher die Schelmenfigur auf (Zweimal Marie, Esterhazy; Das langgestreckte Wunder), sowie der Film, als auch ein Teil der Jugendbücher (Macht ihr eure Wende, ich bin verliebt; Karel, Jarda und das wahre Leben) Für die übrigen Jugendbücher wurden Mittel nachgewiesen, die sich insgesamt als schelmisches Erzählen benennen lassen. Damit konnte die Fragestellung dieser Arbeit Lässt sich für die zu untersuchenden kinder- und jugendliterarischen Texte bzw. Medien zur Wende 1989/90 eine vergleichbare und verbindende Strategie humoristischer bzw. komischer Darstellungsweisen feststellen und falls ja, wie lässt sie sich beschreiben und deuten? bejaht und konkretisiert werden: alle Texte nutzen ähnliche und vergleichbare poetologische Mittel um als eine Art Einstiegsliteratur in das Thema Interesse bei Kindern und Jugendlichen zu stiften. Dabei aktualisieren die Texte Erfahrungen, die vom alltäglichen Leben her denken und als repräsentativ und typisch gelten dürfen. Die Mittel der Komik stehen im Dienst der Subversion. Die Figuren wagen es, sich aus verschiedenen Formen erlebter Fremdbestimmung zu lösen und nehmen die Rolle von Zeitzeug*innen und Agent*innen im politischen Geschehen ein und an. Dafür überschreiten sie Grenzen, die teilweise auch für die Erwachsenen weiterreichende Konsequenzen haben und damit adäquat mit dem Begriff der Störung bezeichnet werden können. Insofern stimmen diese Texte in der Wahl der Erinnerungsinhalte mit den sogenannten Mauerkomödien der Allgemeinliteratur überein. Die KJL stellt in dieser Perspektive eine 9. Schlussbetrachtung: Zusammenfassung, Reflexion und Ausblick 304 zusätzliche, aber keine andere Stimme innerhalb des Erinnerungsdiskurses dar. Offenbar erlaubt und ebnet diese Weise des Zugriffs das Zustandekommen intergenerationeller Kommunikation(en). Denn für die einzelnen Texte und den Film müssen Bedeutungsüberschüsse anerkannt und für eine sinnstiftende Rezeptionserfahrung bei den primären Adressat*innen davon ausgegangen werden, dass eine Anschlusskommunikation mit sogenannten kompetenten Anderen stattfindet. Denn haben die Texte zwar natürlich auch den Anspruch historisches Wissen zu vermitteln, was sich beispielsweise schon ganz pragmatisch in den Glossaren spiegelt, geschieht dies ansatzweise und mit alternativen Intentionen, als Dokumentationen oder Geschichtsbücher sie haben. Die unterschiedlichen komischen Effekte werden zunächst pädagogischen und geschichtsdidaktischen Ansprüchen gerecht, aber vermögen sie auch gleichzeitig zugunsten literarästhetischer Ansprüche zu vernachlässigen. Denn alle Texte sind nicht zuletzt auch Angebote, ästhetische und literarische Erfahrungen zu machen und damit implizite und explizite literarische Lernprozesse zu initiieren. Vor diesem Hintergrund wird die DDR zu einem möglichen Kontext, menschliches Leben und Erfahren nachzuempfinden. Dabei darf das Erkunden von Vergangenem auch im Sinne kulturellen Lernens durchaus als vergnüglich erlebt werden. Hierdurch emanzipieren sich die Texte auch von der normativen Erwartung der Gegenstandsangemessenheit. Damit im Zusammenhang steht, dass die Texte in unterschiedliche Intensität „Vergangenheitsversionen“ (Astrid Erll) erzählen und behaupten. Dadurch, dass sie das tun, wird auch für junge Leser*innen die Diskursivität von Geschichte, Vergangenheit und Erinnerung miterzählt und zugleich die Vielschichtigkeit (und auch Widersprüchlichkeit) des Erinnerungsdiskurses zu DDR und ›Wende‹ offenbar. Verortung der Ergebnisse im Forschungsfeld Zuvorderst leistet die Arbeit einen Beitrag zur Kinder- und Jugendliteraturforschung. Diese hat jedoch eine besondere Position inne, bewegt sie sich doch zwischen der Literaturwissenschaft einerseits und pädagogischen Kontexten andererseits. Zusätzlich zu den jeweiligen Fach- 9.2 9.2 Verortung der Ergebnisse im Forschungsfeld 305 wissenschaften, berührt diese Arbeit ebenso den politischen und erinnerungskulturellen Kontext. Genrespezifische Perspektive Im Rahmen der Kinder- und Jugendliteraturwissenschaft gibt die Arbeit einen Beitrag zur Erforschung zeitgeschichtlicher Kinder- und Jugendliteratur. Die Recherche hatte gezeigt, dass in den einschlägigen Lexika mit dem Genrebegriff vor allem auf die Texte zum Nationalsozialismus und Holocaust referiert wird. Mit der zunehmenden literaturwissenschaftlichen Berücksichtigung der Texte zur DDR-Geschichte wird die Genrekonzeption erweitert949. Offensichtlich unterscheiden sich die Regeln der jeweiligen Erinnerungsdiskurse dahingehend, dass sie für die DDR und deren Untergang weniger streng normiert sind und ein humorvoller Umgang erlaubt ist. Unterschiedliche Texte und Filme der Allgemeinliteratur stellten damit einen wichtigen Ausgangspunkt für diese Arbeit dar. Neben der genrespezifischen Perspektive, wurde mit dem Schelm bzw. der Schelmin ein Figurenmotiv untersucht, das in der modernen und aktuellen KJL häufig auftritt, jedoch bisher nur vereinzelt Gegenstand literaturwissenschaftlicher Forschung war. Es erscheint plausibel dieses Motiv nicht nur innerhalb der Grenzen des kinder- und jugendliterarischen Symbolsystems zu deuten, sondern im Kontext mit dem Schelm (bzw. Pikaro) der Allgemeinliteratur zu betrachten und zu verstehen. Dabei kann besonders das zeitdiagnostische Potential des Figurenmotivs ein wichtiger Vergleichspunkt sein. Es erscheinen immer wieder Kinder- und Jugendromane, die von Rezensent*innen oder Fachwissenschaftler*innen als Schelmenromane bezeichnet werden950, eine systematische und d.h. auch literaturgeschichtliche Erschließung steht jedoch noch aus. Einen ersten Schritt in diese Richtung hat diese Arbeit unternommen. 9.2.1 949 Vgl. hier auch Kanning 2018, o. S. 950 So zum Beispiel „Zeit der Wunder“ (2011) von Anne-Laure Bondoux. Eine andere Überlegung schließt sich die Bezeichnung Sozialroman für „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ an. Ist Rico nicht auch eine Schelmenfigur, die ein zentrales Argument für diese Genreklassifikation darstellt? 9. Schlussbetrachtung: Zusammenfassung, Reflexion und Ausblick 306 Didaktische Perspektive Für das Feld der Literatur- und Geschichtsdidaktik wurden mit dieser Arbeit Texte erschlossen, die eine Einbindung in den Unterricht schon ab der Primarstufe nahelegen. Dabei haben sie – in unterschiedlichen Ausprägungen – das Potential, für historische Lernprozesse genutzt zu werden, aber genauso auch im Kontext des Literarischen Lernens. Ein Argument wären literarische Kompetenzen wie Perspektivübernahme und subjektive Involviertheit, wenn die Texte danach befragt werden, welche anthropologischen Grunderfahrungen sich in ihnen unabhängig vom Thema DDR und ›Wende‹ spiegeln, welche auch im Geschichtsunterricht vertiefende Reflexionsprozesse fördern können. Ein weiteres Argument ist im Zusammenhang mit der literarischen Kompetenz Prototypische Vorstellungen von Gattungen und Genres gewinnen (nach Kaspar H. Spinner) zu sehen, wenn man vom Genrebegriff des Schelmenromans ausgeht. Insgesamt scheint es plausibel, dass gerade für die Entwicklung eines ersten historischen Bewusstseins diese offenkundig komischen Zugänge die Chance bieten, das Interesse von Kindern und Jugendlichen zu gewinnen und darauf aufbauend, differenzierte Vorstellungen zu erwerben. Einzelne Unterrichtsvorschläge existieren bereits, vor allem für die Sekundarstufen 1 und 2. Selbiges muss noch für jene Texte erfolgen, die sich an Kinder im Grundschulalter wenden. Erinnerungsdiskursive Perspektive Für das Feld des Erinnerungsdiskurses zu DDR und ›Wende‹ konnte gezeigt werden, dass die Stimme der Kinder- und Jugendliteratur nicht überhört werden sollte. Zwar mag der quantitative Anteil von Büchern zu diesem Thema auf dem Kinder- und Jugendbuchmarkt sehr gering sein, jedoch darf angenommen werden, dass die kinder- und jugendliterarische Aufarbeitung der DDR und ›Wende‹ noch nicht abgeschlossen ist. Gleichzeitig darf ein Trend vermutet werden, der sich in dem im September 2018 erschienen Bilderbuch Hübendrüben abzeichnet: Für Kinder ab sieben Jahren wird auf ästhetisch originelle Weise eine Art Erinnerungsalbum geschaffen, das Kindheit in der DDR genauso 9.2.2 9.2.3 9.2 Verortung der Ergebnisse im Forschungsfeld 307 zeigt wie Kindheit in der BRD – jeweils auf der rechten bzw. linken Buchseite. Der Untertitel des Buches lautet „Als deine Eltern noch klein und Deutschland noch zwei waren.“ Es geht scheinbar nicht so sehr darum, Wissen über die DDR oder ihr Ende vermitteln. Das geschieht zwar auch, aber dringlicher scheint das Anliegen, tatsächlich kindgerecht ein Bewusstsein dafür zu vermitteln, dass Deutschland und Leben in Deutschland vor einigen Jahren noch anders war, als es heute ist. Und auch, dass die Gegenwart ein Ergebnis der Vergangenheit ist. Was weiter oben als Trend benannt wurde, könnte also zum einen sein, dass auch jungen Leser*innen Vergangenheit bzw. Zeitgeschichte als literarästhetische Gegenstände zugemutet und zugetraut werden und damit das Genre der zeitgeschichtlichen Kinder- und Jugendliteratur ihren Adressatenkreis erweitert. Das würde einerseits bedeuten, dass die Autor*innen sich möglicherweise noch stärker auf die Frage fokussieren, welche Relevanz die Zeitgeschichte für Gesamtdeutschland hat und nicht nur für den Adressat*innenkreis, dessen Eltern in der ehemaligen DDR geboren und/oder aufgewachsen sind; also nicht im Sinne einer „ostdeutschen Identität“, sondern einer gesamtdeutschen Identität. Wobei dies kein Entweder-Oder sein darf. Denn die vorgestellten Texte stellen ja eine Legitimation und Aufforderung dar, auch innerhalb der Kinder- und Jugendliteratur zu fragen, ob es so etwas wie eine „ostdeutsche Identität“ gibt und wie diese in einer gesamtdeutschen aufgehen kann, ohne übergangen zu werden. Und in einer weiteren Perspektive kann es bedeuten, dass dieser Trend nicht an das Thema DDR gebunden sein muss. Damit im Zusammenhang steht genauso auch, dass diese Bücher als Gesprächsimpulse für intergenerationelle Kommunikation angelegt sind und die Vermittlung durch einen sogenannten kompetenten Anderen herausfordern. Insofern ist es nicht nur anzuerkennen, dass sich die Kinderund Jugendliteratur am Erinnerungsdiskurs beteiligt, sondern mehr noch wäre es zu wünschen, dass der (literarische) Erinnerungsdiskurs auch stärker die Stimme der Kinder- und Jugendliteratur als gleichberechtigt wertschätzt, hört und hörbar macht. 9. Schlussbetrachtung: Zusammenfassung, Reflexion und Ausblick 308 Forschungsdesiderate Da diese Arbeit so unterschiedliche Felder und Themen berührt, fordert sie dazu auf, weitere Forschungsfragen zu entwickeln. Die sich aus der Zusammenschau ergebenden Forschungsdesiderate werden im Folgenden expliziert: Benannt wurde die Notwendigkeit einer systematischen Erschlie- ßung der Schelmenfigur einschließlich ihrer Verortung in der allgemeinliterarischen Tradition. Hierbei ergäbe sich auch, die Figur innerhalb anderer thematischer Kontexte zu analysieren, sowie das Genre Schelmenroman auf Texte der Kinder- und Jugendliteratur nicht einfach zu übertragen, sondern reflektiert zu begründen. Ein weiterer Bedarf ergibt sich im Kontext des zeithistorischen Lernens sowohl in fachwissenschaftlicher als auch fachdidaktischer Perspektive, d.h. hinsichtlich einer intensiveren Einbindung zeitgeschichtlicher Kinder- und Jugendliteratur in didaktische Kontexte. Hieraus würde sich schließlich auch ableiten im Sinne der Rezeptionsforschung tatsächliche Lektüreindrücke und -erfahrungen von Kindern und Jugendlichen zu diesen Texten zu erfassen. 2019 jährte sich das Ende der DDR zum dreißigsten Mal. Zwanzig Jahre sind zu diesem Zeitpunkt vergangen, nachdem Thomas Brussig 1999 in einem Interview resümierte: In „Helden wie wir“ ging es um die nicht stattfindende Auseinandersetzung mit der DDR, die mich wirklich geärgert hat. Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass es dazu auch nicht mehr kommen wird. Die Chance ist vertan, weil zum einen die DDR langsam in Vergessenheit gerät. Und zum anderen wird es so etwas wie die 68er, das heißt, eine Generation, die ihre Eltern fragt, für die DDR-Vergangenheit nicht geben. Auch weil das demografische Gewicht Ostdeutschlands einfach nicht schwer genug ist, als dass eine Auseinandersetzung erfolgreich initiiert werden könnte.951 Die Auseinandersetzung mit der DDR – gesellschaftlich und literarisch, hält an. Die Frage nach ihrem Erfolg und das heißt ihrer Angemessenheit muss hier offen bleiben. Doch die Kinder- und Jugendliteratur 9.3 951 Volker Gunske und Sven S. Poser (1999): Nachdenken über Thomas B. Tip-Magazin (21). Online unter: https://thomasbrussig.de/vielerlei/interviews/122nachdenken-ueber-thomas-b [01.10.2018] 9.3 Forschungsdesiderate 309 wirkt hier mit. Dabei wird abschließend unterstellt, dass gerade der komische und komisierende Zugriff das Potential entwickelt, dass die Texte als Auslöser und Begleiter intergenerationeller Kommunikation wirken können, um einerseits Interesse bei Kindern und Jugendlichen zu wecken und andererseits die Erwachsenen als Mitleser*innen, Vermittler*innen und Gesprächspartner*innen zu entlasten. Hierbei wird die Rolle des Zeitzeugens in unterschiedlichen Dimensionen relevant: auf der Ebene der Figuren, wenn diese ein Selbstverständnis als Zeitzeugen entwickeln und selbiges mit subjektiver Bedeutung versehen. Darüber hinaus kann auch für Anschlussgespräche die Verantwortung Erwachsener nochmals aufgewertet werden. Das Politische und das Historische sind Erfahrungsdimensionen von Kindheit und Jugend – dies repräsentieren die untersuchten Texte. 9. Schlussbetrachtung: Zusammenfassung, Reflexion und Ausblick 310

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References

Zusammenfassung

2019 jährte sich die sog. Friedliche Revolution zum mittlerweile 30. Male. Die Kinder- und Jugendliteratur beteiligt sich seit der Wiedervereinigung in Wellen, aber kontinuierlich an der deutsch-deutschen „Erinnerungsproduktion“. Ob dies nach dem 30. Jahrestag so bleiben wird, muss sich zeigen. Gleichzeitig wird die DDR bald nicht mehr Inhalt des kommunikativen, sondern nur des kulturellen Gedächtnisses sein. Hier wird die Bedeutung von Literatur, aber auch von Literaturunterricht, offenbar.

Wie aus Allgemeinliteratur und -filmen bekannt, ist auch für Bilderbücher, Kinder- und Jugendromane sowie Filme ein deutlich humorvoller Zugriff auf die Themen DDR und „Wende“ feststellbar. Als eine wichtige Strategie wird das Schelmische angenommen, wofür zunächst das Typus-Motiv „Schelm*in“ grundlegend für die KJL erschlossen wird. Es werden dann seine Spielarten in den unterschiedlichen kinder- und jugendliterarischen Genres zur deutschen Zeitgeschichte untersucht und Rezeptionspotenziale diskutiert.