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8. „Wir haben die Mauer weggebeamt!“ – Deutungen des Mauerfalls zwischen Realismus und Absurdität im Kinderfilm in:

Susanne Drogi

Vom Suchen und Finden des Glücks diesseits und jenseits der Mauer, page 273 - 294

Formen und Funktionen von Komik in der Kinder- und Jugendliteratur zur DDR und ›Wende‹

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4399-8, ISBN online: 978-3-8288-7389-6, https://doi.org/10.5771/9783828873896-273

Tectum, Baden-Baden
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„Wir haben die Mauer weggebeamt!“ – Deutungen des Mauerfalls zwischen Realismus und Absurdität im Kinderfilm Im ersten Kapitel dieser Arbeit wurde der Begriff der Mauerkomödie – auch DDR-Komödie – genannt, der sich zunächst als Bezeichnung für die Filme etabliert hat,891 die ein dezidiert komödiantischer Umgang mit der jüngsten Zeitgeschichte auszeichnet. Astrid Erll bezeichnet das Phänomen, dass sich das Medium Film immer stärker Geschichtsnarrationen widmet als „Televisualisierung von Geschichte“892, wodurch Geschichte wiederum poplaisiert werde893. Sie behauptet das Fernsehen als „das Leitmedium der Geschichtsvermittlung“894. Gerade Sonnenallee (1999) und Good bye, Lenin! (2003) können unschwer auch als Familienfilme bezeichnet werden, die schon lange Eingang in den Schulunterricht gefunden haben.895 Mit dem Film Sputnik startete im Herbst 2013 der erste Kinofilm für Kinder über die ›Wende‹. In einer Mischung aus Abenteuerfilm, Komödie und Historienfilm wird eine ganz eigene Deutung der Geschichte vorgenommen. Dabei ist er freilich mehrfachadressiert und denkt die Vermittlung durch Erwachsene, sowie deren eigenen Erinnerungen im Sinne kommunikativer Erinnerungsprozesse mit. Der ca. 80-minütige Film beruht auf dem Kurzfilm Teleportation desselben Regisseurs aus dem Jahr 2008. In diesem ca. zwölfminütigen 8. 891 Vgl. Leubner 2007, S. 200 und Maiwald 2010, S. 175. 892 Erll 2017, S. 158. 893 Vgl. ebd. 894 Ebd. (Dies ist eine Perspektive, die für Art, Inhalte und kommunikative Akte innerhalb von Erinnerungsdiskursen in ihrer Bedeutung sicherlich nicht zu unterschätzen ist, jedoch an dieser Stelle nicht vertieft werden kann.) 895 Vgl. Matthias 2008. S. 91–115. und im selben Band: Schubert-Felmy/Schubert 2008. S. 158–179. Genauso Leubner 2007. 273 Film wollen Friederike und Fabian ihren Freund Jonathan nach Westberlin beamen. Inwiefern hat sich der Plot zum Langfilm verändert? Die Geschichte um die zehnjährige Friederike und ihre Freunde beginnt am 3. November 1989. Gemeinsam mit Friederikes Onkel Mike bauen die Kinder einen Satelliten, „denn in sieben Tagen steht die Raumstation MIR genau über unserem Dorf. Das ist unsre Chance, den Sputnik zu starten und einen Friedensgruß zu den Kosmonauten und in die ganze Welt zu funken.“896 Die kindliche Abenteuerlust, situiert im fiktiven Dorf Malkow an einem sonnigen Herbsttag, etabliert eine nahezu ungestörte Unbeschwertheit. Doch am selben Tag erfährt Mike, dass sein Ausreiseantrag bewilligt wurde. Noch in der Nacht muss er nach Westberlin ausreisen: für Friederike ein großer emotionaler Verlust und auch ein Vertrauensbruch, denn Mike ist der „Captain“ der Mannschaft. Ihre Lieblingsfernsehserie „Interspace“, die im Westfernsehen läuft, bringt sie auf die Idee, mit Fabian und Jonathan eine Maschine zu bauen, mit der sie den Onkel in die DDR zurückbeamen kann. Unterstützt werden sie dabei von Herrn Karl, dem Besitzer des Lebensmittelgeschäfts, der für die Dorfgemeinschaft Dinge beschafft, „die nicht ganz legal“897 sind. Erschwert wird ihre Mission durch den Abschnittsbevollmächtigten Mauder, der die Basteleien der Kinder missgünstig beobachtet und darin eine stete Gefahr für die Ordnung im Dorf sieht. Somit wird das Projekt der Kinder gleichzeitig zu einem Machtkampf zwischen Friederike und Mauder. Nachdem die drei Kinder bei Mauder einbrechen müssen, um sich die Linse zu stehlen, die der Volkspolizist zuvor konfisziert hatte, kann am Abend des 9. November 1989 die Maschine gestartet werden. Friederike soll in die Wohnung des Onkels in Westberlin gebeamt werden, um ihn von dort abzuholen. Doch es gibt einen Kurzschluss: Rike ist nach wie vor da, aber stattdessen sind alle Bewohner*innen des Dorfes verschwunden. Auf dem Fernseher in der Gaststube sehen die Kinder Liveübertragungen von den Geschehnissen an der Berliner Mauer. An dieser Stelle wird das fiktionale Erinnern an die Endphase der DDR im 896 Sputnik. R.: Markus Dietrich. D 2013. TC: 00:01:07–00:01:17. 897 Ebd., TC: 00:19:44. 8. Deutungen des Mauerfalls zwischen Realismus und Absurdität im Kinderfilm 274 Film erstmals von faktualem Erzählen durchbrochen: es werden Originalszenen von Nachrichtensendungen des 9. November 1989 eingeflochten. Unter den vielen Menschen sind auch die Dorfbewohner*innen. So schnell wie möglich müssen Friederike, Fabian, Jonathan und Olli898 die Menschen zurückbeamen, ehe sie von den Grenzsoldaten an der Mauer erschossen werden, so die Meinung der Kinder. Über das dokumentarische Filmmaterial erfahren die vier, dass die Mauer offen ist. Als am frühen Morgen des 10. November 1989 die Dorfbewohner*innen mit ihren Trabanten zurück ins Dorf gefahren kommen – auch Onkel Mike –, schwören sich die Kinder mit Blut, dass niemals jemand erfahren darf, dass sie für den Mauerfall verantwortlich sind. Faktuales und fiktionales Erinnern: das Weltraummotiv Der Filmtitel setzt das Weltraummotiv prominent, welches für die Narration zentral ist. Der Titel ist dabei eher an die erwachsenen Begleiter*innen gerichtet, denn an die kindlichen Zuschauer*innen. Das Motiv erhält für sich schon intergenerationelles kommunikatives Potential: für den heutigen kindlichen Adressaten eher fremd und exotisch, war die Weltraumthematik in den Kindermedien und beim Spielzeug der DDR präsent: Am 4. Oktober 1957 schickte die sowjetische Raumfahrt den Erdsatelliten Sputnik ins All. Die Reaktionen teilten sich in Euphorie und Schock: die Amerikaner gerieten angesichts des russischen Technologievorsprungs unter Druck. Die Sowjetunion und damit auch die DDR folgerten und rechtfertigten aus diesem ebenso eine klare politische Überlegenheit gegenüber den westlichen Staaten.899 Dabei verband sich mit Sputnik freilich nicht nur der technologische Fortschritt, sondern vor allem auch ein neues Bedrohungspotential. Dass dieses natür- 8.1 898 Olli geht in dieselbe Klasse wie die drei Freunde. Sie stehen in Feindschaft zueinander. Im Laufe der Geschichte müssen die drei Olli kidnappen. Am Ende zeichnet sich jedoch eine beginnende Freundschaft ab. 899 Das Neue Deutschland titelte anlässlich Juri Gagarins Start ins Weltall „Kommunismus verwirklicht kühnste Träume der Menschheit“. Vgl.: http://www.chroni knet.de/tml1_de.0.html?article=1516 [26.11.2018]. 8.1 Faktuales und fiktionales Erinnern: das Weltraummotiv 275 lich – vor allem für die Kinder – nicht prominent gesetzt wurde, liegt auf der Hand. 1958 erscheint das Spiel Mit den Sputniks rund um den Erdball und es entsteht ein ganzes Spielzeugsegment Weltraumspielzeug.900 Die abendliche Serie für Kinder Sandmännchen greift das Motiv genauso auf wie die Geschichten um den kleinen Maulwurf.901 1964 erscheint im VEB Hofmeister Verlag ein Liederbuch für die Vorschulerziehung mit dem Titel Sputnik, Sputnik, kreise.902 Hingegen wurden Weltraumspiele „[e]rst nach der Mondlandung der Amerikaner […] auch in der Bundesrepublik zunehmend beliebter, spielten aber nie eine solch große Rolle wie in der DDR“.903 Die besondere Rolle des Weltraumthemas in der Sozialisation von in der DDR Aufgewachsenen greift der Film auf, denn in Sputnik treibt das Weltraummotiv die gesamte Handlung voran. Friederike, Mike, Jonathan und Fabian bauen einen Sputnik nach. Konsequenterweise beginnt die Binnenhandlung in ihrem „Geheimlabor“. In dem Moment, in dem der/die Zuschauer*in zum ersten Mal ihre Gesichter sieht, begrüßen sie sich mit dem russischen „Pojechali“ („Auf geht`s“) (siehe Abb. 28). Dieser Gruß wiederholt sich mehrmals im Film und zeigt die gemeinsame Verbindung, die Gemeinschaft an, und zugleich eine Abgrenzung nach außen. Ebenfalls Herr Karl gehört zu diesem Kreis der Eingeweihten und benutzt diesen Gruß (siehe Abb. 30).904 900 http://www.puppenhausmuseum.de/ddr-spielzeug-4.html [26.11.2018]. 901 Vgl. ebd. 902 Bachmann, Fritz; Eva Smolik: Siegfried Bimberg (Hg.) (1964): Sputnik, Sputnik, kreise. Ein Liederbuch für die Vorschulerziehung. Gebundene Ausgabe. Leipzig VEB Hofmeister. 903 Bohn, Jörg (2007): Weltraumspiele. VG Wort / Wissenschaft – Erstveröffentlichung im Sammlermagazin "Trödler", Heft 5/2007. http://www.wirtschaftswundermuseum.de/weltraumspiele.html [26.11.2018] 904 Hier denkt man auch an die „Parole Emil!“ aus dem Roman Kästners Emil und die Detektive, die zum Erkennungszeichen der Bandenmitglieder wird. Hier wie da die gemeinsame Mission, die sich der erwachsenen Vernunft entzieht. (weitere Screenshots im Anhang) 8. Deutungen des Mauerfalls zwischen Realismus und Absurdität im Kinderfilm 276 Markus Dietrich: Sputnik (2013), TC: 00:00:52 Markus Dietrich: Sputnik (2013), TC: 00:33:12 Abbildung 28: Abbildung 29: 8.1 Faktuales und fiktionales Erinnern: das Weltraummotiv 277 Markus Dietrich: Sputnik (2013), TC: 00:33:10 Mit dieser Formel wird Juri Gagarin zitiert, wobei dies in der Figurenrede nicht deutlich gemacht wird. Das dokumentarische Filmmaterial zeigt jedoch Juri Gagarin in seiner Raumkapsel,905 wobei die Erschlie- ßung nur erwachsenen Rezipient*innen möglich ist und bei Kindern einer Kontextualisierung bedürfte. In der 34. Filmminute zieht der Konsumbesitzer Herr Karl einen expliziten Vergleich zwischen Friederike und Gagarin.906 „[…] [I]hr sollt ja durchaus die Welt verändern – wie einst Kosmonaut Juri Gagarin: Ohne ihn wüssten wir nicht, wie die Erde von oben aussieht!“907 Von Herrn Karl bekommt Friederike auch eine Art Kosmonaut*innenhelm geschenkt. Die Gruppe um die drei Kinder und den Onkel definiert sich dadurch, dass sie alle Kosmonaut*innen werden und ins All fliegen wollen.908 Bei Friederike und ihren beiden Freunden könnte von kindlicher Träumerei gesprochen werden, doch für den erwachsenen Mike offenbart sich wenig später tatsächlich ein unerfüllter Traum. Er wollte Pilot werden, hat sich dafür länger zur Armee gemeldet, dennoch blieb ihm dieser Weg von politischer Seite verwehrt.909 Als er versucht, seiner Nichte zu erklären, weshalb er die DDR verlässt, sagt er: „Rike, die Abbildung 30: 905 Sputnik, TC: 00:04:32. 906 Vgl. ebd., TC: 00:33:57–00:34:07. 907 Ebd., TC: 00:33:57. 908 Vgl. ebd., TC: 00:04:29. 909 Vgl. ebd., TC: 00:10:10. 8. Deutungen des Mauerfalls zwischen Realismus und Absurdität im Kinderfilm 278 werden dich und mich niemals in den Kosmos fliegen lassen.“910 An einem zentralen Höhepunkt im Film,911 dem Einbruch der Kinder bei Mauder, setzt sich das Karussell auf dem Dorfplatz in Bewegung und aus den Lautsprechern ertönt ein Lied mit dem Titel „Kosmonaut“.912 Es dröhnt durch den Abend und schreckt die Dorfbewohner*innen auf. Dabei erklingen die drei Silben des Wortes sehr monumental, das weitere Lied eher träumerisch-melancholisch, indem es Sehnsucht (nach einem geliebten Menschen) und Fernweh thematisiert und die Ferne des Weltraums mit Sorglosigkeit assoziiert. Weiterhin erscheint das Motiv anhand der Lieblingsserie der Protagonistin. Dabei bietet der von Raumschiff Enterprise abgewandelte Serientitel „Interspace“ Raum zur Deutung. Sowohl was die unerlaubte Rezeption der Sendung angeht als auch hinsichtlich der Basteltätigkeiten der Gruppe, die vom Abschnittsbevollmächtigten Mauder kritisch beäugt werden, mag die Bezeichnung Interspace für einen inoffiziellen Zwischenraum, einen Spielraum stehen, der bedingt frei von Regeln und Gesetzen ist. Die Ironie liegt für erwachsene Zuschauer*innen auf der Hand: die starken Reglementierungen in der DDR ließen ihre Bürger*innen geradezu zu Meistern im Finden und Nutzen von solchen Zwischenräumen, d. h. verborgenen Räumen jenseits des Erlaubten, werden. Mit diesen Überlegungen zum Zwischenraum („Interspace“) ist bereits ein Teil der Frage nach der Funktion des Motivs für die filmische Narration beantwortet. Die Kinder haben sich mit Friederikes Onkel eine Art Nische für ihr Hobby gesucht. Die Werkstatt erscheint stimmiger Weise schummrig und dunkel. Die erste Filmszene zeigt diese Werkstatt, und die Filmmusik, die an die der James-Bond-Filme erinnert, unterstützt den Eindruck einer geheimen Mission. Die Kinder bezeichnen ihre Bastelwerkstatt als „Geheimlabor“. 910 Ebd., TC: 00:10:27. 911 Die Sequenz, in der auch das Lied zu hören ist, ist in die Filmmitte gesetzt: TC: 00:40:25 (bei einer Gesamtspielzeit von ca. 80 Minuten). 912 Kosmonaut – Musikvideo zum Film. Verfügbar unter: https://www.youtube.com/ watch?v=u7tMxALoSgg [26.11.2018]. „Universen, Galaxien zieh`n an mir vorbei/ doch in meinem Herzen weiß ich, bin ich stets bereit“ Und später im Lied: „Universen, Galaxien zieh`n an mir vorbei/doch in meinem Herzen weiß ich, bin ich stets bei dir“ 8.1 Faktuales und fiktionales Erinnern: das Weltraummotiv 279 Zugleich dient das Motiv dazu, die Provinzialität und das Kleinbürgerliche des Dorfes sowie die empfundene Enge zu kontrastieren.913 Der Wunsch der vier Freunde, mithilfe der Raumstation MIR eine Nachricht ins All zu senden, der den Ausgangspunkt des Films darstellt, lässt sich als Bedürfnis nach Transzendenz lesen. Als Wunsch, die Abgeschiedenheit und Unbedeutsamkeit des Dorfes zu überwinden und etwas Bedeutendes zu tun und mit der Welt in Kontakt zu treten. Sowohl an der Biographie Mikes als auch später an dem Projekt der Kinder, den Onkel zu beamen, offenbart sich das Spannungsverhältnis zwischen Utopie und Wirklichkeit.914 Zusätzlich lässt sich der Rekurs auf den Sputnik, im Sinne einer Vorausdeutung, als Symbol für Veränderung interpretieren. Denkt man daran, wie sehr der Sputnik 1957 die Welt verändert hat, kündigt er im Film ebenfalls eine weitreichende Veränderung an – freilich ohne dass es den Figuren bewusst ist. Das Potential dieser filmischen Narration liegt darin, dass aus der Perspektive eines Kindes eine spannende Abenteuergeschichte erzählt wird, in der die historischen Ereignisse scheinbar beiläufig miterzählt werden. Friederikes Motivation zu berichten, ist der Start des Sputniks und nicht die Veränderungen in ihrer Umwelt. Dabei wird die kindliche – absurde – Deutung dadurch legitimiert, dass den Kindern von den Erwachsenen nichts erklärt wird. Besonders an der Figur der Friederike wird deutlich, wie unsicher ihr Leben innerhalb weniger Tage wird. Die Erwachsenen bieten ihr keine Sicherheit. Die Antworten, die sie erhält, befriedigen sie nicht. 913 Dies ist nicht nur im engeren Blick auf den Film relevant, sondern auch im weiteren Blick auf die eingangs angedeutete Bedeutung der Raumfahrt in der DDR. Es ist paradox, dass den Bürger*innen eines so kleinen Staates, deren Reisemöglichkeiten in einem Höchstmaß eingeschränkt waren und von einer Mauer begrenzt waren, die Weite und Unbegrenztheit des Weltraums quasi täglich präsentiert wurde. 914 Im Film Good bye, Lenin! sind Raketen zentrale Symbole, die Dieter Matthias als Ideale deutet, „die Menschen aus ihren irdischen Zwängen zu lösen imstande sind“. (Matthias 2008, S. 91.) 8. Deutungen des Mauerfalls zwischen Realismus und Absurdität im Kinderfilm 280 Die Ich-Erzählerin und das Motiv der Elternferne Die Filmhandlung ist in eine Rahmenerzählung eingebettet. Durch Friederike Bode wird die Handlung zu Beginn räumlich und zeitlich verortet, die zentralen Figuren werden vorgestellt und das Hobby ihres Freundeskreises erklärt. Rike ist von den drei Kindern offenbar diejenige, die sich am intensivsten mit dem Raumfahrttopos identifiziert; denn sie führt per Diktiergerät „ein Logbuch“, in dem sie sich als erster Offizier benennt.915 Schließlich ist auch auf ihrem Armgips, den sie seit dem Probeflug des selbstgebauten Sputniks mit der folgenden Bruchlandung trägt, ein Sputnik aufgemalt.916 Es ist ihr Logbuch, das als Medium die Rahmenerzählung trägt. Entsteht am Beginn des Films noch der Eindruck, es handle sich bei der Erzählstimme um eine Zuschauer*innenanrede, wechselt dieser dann: das Logbuch dient für Friederike als Mittel der Dokumentation, als eine Art Tagebuch. Für die Rezipient*innen dient es einerseits zur Orientierung und Erklärung der Handlung, insbesondere für die kindlichen Zuschauer*innen. Andererseits wird darüber erreicht, die kindliche Perspektive der Kindergruppe einzunehmen und damit die Zuschauer*innen zu lenken: am 9. und 10. November ist es Friederike in Funktion der Erzählerin, die die kindliche Deutung des Mauerfalls explizit macht; die Kinder haben die Öffnung der Berliner Mauer verursacht.917 Hier wird Friederikes Rolle als unzuverlässige Erzählerin deutlich. Da es Friederike ist, die durch den Weggang des Onkels den persönlichen Verlust erfährt, ist es auch sie, die die Aktivitäten der Freunde am Leben erhält und motiviert; denn nun richten sich alle Basteltätigkeiten auf die Mission, Mike zurückzuholen. Das Motiv der Elternferne zeigt sich wiederum als emotionale. Zu ihrem Onkel empfindet Friederike eine größere Bindung, da sie – zumindest aus ihrer Perspektive – dieselben Ziele und Träume haben. Friederikes Mutter hingegen nimmt sie in ihren Weltraumforschungen 8.2 915 Sputnik, TC: 00:17:05. Nach dem Weggang ihres Onkels wechselt ihre Selbstbezeichnung zu Captain. 916 Ebd., TC: 00:17:26. 917 Ebd., TC: 01:07:35–01:08:17. 8.2 Die Ich-Erzählerin und das Motiv der Elternferne 281 nur begrenzt ernst: sie bezeichnet ihre Tochter liebevoll als „Spinner“918 als diese ihr anvertraut, dass sie den Onkel zurückholen könne. Zusätzlich bekommt das Mädchen mit, dass es zwischen ihren Eltern Gespräche über eine eventuelle Flucht in den Westen gibt, wodurch sich Friederikes Handlungs- und Leidensdruck erhöhen. Während ihre Freunde Fabian und Jonathan „dem Westen“ auf naive Weise auch positive Aspekte abgewinnen können, ist ihre Position eindeutig: sie möchte in der DDR bleiben. Gleichzeitig sind die Eltern einerseits mit ihrer Arbeit im Gasthof offenbar so eingebunden, andererseits unter psychischem Druck, da die gemeinsame Perspektive bei einem Verbleib in der DDR ausgelotet wird, dass Friederike sich überwiegend selbst überlassen ist. Gibt es Interaktionen mit den Eltern, sind diese konfliktbehaftet. Dabei kann noch pointierter formuliert werden, dass die Figuren Mutter und Tochter gegensätzlich charakterisiert sind: die realistische Katharina Bode beobachtet besorgt die Widerständigkeit ihrer träumerischen Tochter gegen den ABV. Für die Mutter ist vor allem die Zukunft ihrer Tochter Movens ihrer Fluchtgedanken. Zu ihrem Mann sagt sie: „Rike wird sich nie anpassen.“919 In der 48. Filmminute zweifelt Jonathan an dem gemeinsamen Projekt, woraufhin Friederike klare Worte findet: „Wir sind Kinder, Jo, kapierste? Wir sind denen [den Erwachsenen – S. D.] scheißegal.“920 Das Dorf als Abbild der DDR Typenkomik Die Filmhandlung verlässt das fiktive Dorf Malkow nicht. Geschehnisse an der Berliner Mauer werden über den Fernseher quasi in das Dorf „hineingetragen“. Die Bewohner*innen zeigen und bedienen in ihrer Zusammenschau eine recht breite Palette an Typen und Perspektiven, wie sie für die DDR stereotypisch vorgestellt bzw. unterstellt werden. 8.3 8.3.1 918 Ebd., TC: 00:30:11. 919 Ebd., TC: 00:27:48. 920 Ebd., TC: 0047:21. 8. Deutungen des Mauerfalls zwischen Realismus und Absurdität im Kinderfilm 282 So gibt es die Widerständigen: Onkel Mike, der aufgrund seines Tuns ausgewiesen wird; Friederike, die ihm nacheifert, jedoch an der DDR festhält und Herrn Karl, den freundlichen Konsumbesitzer, der für die Dorfbewohner*innen unerlaubte bzw. schwer beschaffbare Dinge besorgt. Weiterhin gibt es Figuren, die sich als sogenannte Staatsdiener bezeichnen lassen: die Figur Mauder, aber auch die Lehrerin Ziemann und der Schulleiter. Jene, die als Elternfiguren im Film auftreten, bewegen sich zwischen Angepasstheit bzw. Genügsamkeit und schwelender Unzufriedenheit verbunden mit Zweifeln. Kontrastiert wird das wiederum an Friederikes Mutter und Vater.921 Nachdem Onkel Mike eliminiert wurde, entwickelt sich ein Machtkampf zwischen Friederike und Mauder. Friederike ist, auch im Kreis ihrer Freunde, die Widerständigste und Mutigste. Als die drei auf dem Schulhof einen Tadel ausgesprochen bekommen, ist sie die Einzige, die widerspricht und sich auch in Mimik und Körperhaltung uneinsichtig zeigt. Die beiden Jungen schweigen, Jonathan hält den Kopf gesenkt.922 In der unmittelbar folgenden Szene ist ein Leutnant in der Klasse. Nach der Vorführung des militärischen Kommunikationsgerätes klatscht die Klasse Beifall – auch Fabian und Jonathan. Friederike ist wiederum die Einzige, die sich des Applauses enthält.923 Ist sie also die Risikobereitere, scheint Jonathan das Gegengewicht darzustellen: er zögert, den beschädigten Sputnik zu reparieren mit der Begründung, es sei zu gefährlich.924 Der unsympathische ABV Mauder hegt gegenüber allen Dorfbewohner*innen Misstrauen und nimmt seine Funktion mehr als ernst: „Niemand in diesem Dorf ist unschuldig.“925 An ihm ist die Typenkomik am deutlichsten. Dabei wird er zusätzlich durch sein Haustier 921 Auch hier wieder die stereotypische Aufteilung deutlich: ein eher genügsamen Vater und eine Mutter, die sich nach dem selbstbestimmten Leben im Westen sehnt. 922 Ebd., TC: 00:04:36–00:05:24. 923 Ebd., TC: 00:05:44. 924 Ebd., TC: 00:14:27–00:14:36. 925 Ebd., TC: 00:34:56. 8.3 Das Dorf als Abbild der DDR 283 charakterisiert. Er hält ein Rassekaninchen mit dem Namen Erich.926 Indem Mauder das Tier pflegt und umsorgt, symbolisiert sein Tun aufgrund der Namensidentität des Kaninchens mit dem damaligen Generalsekretär des Zentralkomitees der SED seine Hingabe, Treue und Aufopferungsbereitschaft für das politische System. Mauder verkörpert die Ungerechtigkeit und Willkür der Justiz und gibt mit seinem oben genannten Urteil über die Dorfgemeinschaft Malkows ein fragwürdiges Menschenbild preis. Mit der zehnjährigen Friederike tritt er in einen Machtkampf, der absurd wirkt: er behandelt sie als wäre sie eine Erwachsene auf Augenhöhe, von der tatsächliche Gefahren für den sozialistischen Staat ausgehen könnten. Bei der Verhaftung von Johannes Karl sagt Mauder zu ihr: „Deine Zeit wird kommen, Bode, und dann werde ich am Straßenrand stehen und winken.“927 Markus Dietrich: Sputnik (2013), TC: 00:35:33 Grotesk wirkt die Szene insofern, dass auf rein sprachlich-kommunikativer Ebene nicht erkennbar ist, dass die Drohung an ein Kind gerichtet ist, da Mauder das Mädchen nur mit ihrem Nachnamen anspricht. Komik entsteht hier dadurch, dass aus der Perspektive des impliziten (erwachsenen) Zuschauers von den Tüfteleien der Kinder kei- Abbildung 31: 926 Ebd., TC: 00:43:16. 927 Ebd., TC: 00:35:27–00:35:34. 8. Deutungen des Mauerfalls zwischen Realismus und Absurdität im Kinderfilm 284 ne ernsthafte Gefahr ausgehen kann, Mauder hingegen diese Harmlosigkeit zu einem systemgefährdenden Widerstand aufwertet.928 Scheint er zwar zuweilen in der siegreicheren Position zu sein (ihm gelingt die Ausweisung Mikes, die Verhaftung Herrn Karls, die Konfiszierung der Linse), ist er doch insgesamt eine Figur, die durch ihre Hilflosigkeit lächerlich wirkt. Im tatsächlichen Ernstfall, in dem er für Ordnung sorgen müsste, versagt er: Als im Dorf das Chaos ausbricht, indem die Kinder das Karussell starten, um von ihrem Einbruch abzulenken und die große Schwester Fabians die Schafe frei lässt, um die Kinder zu decken, ist Mauder handlungsunfähig. Er sagt nichts, seine Augen sind weit geöffnet und er scheint gelähmt.929 Gleichzeitig entlassen die Kinder noch Kaninchen Erich aus dem Käfig in die Freiheit. Mauder wird entmachtet. Diese Beschreibung lässt auch an den Wachtmeister Dimpfelmoser aus Der Räuber Hotzenplotz (1962) denken. Filmisches Mittel für die Charakterisierung Mauders ist auch die Weise seiner Positionierung im Bild. Er besucht wie die anderen Dorfbewohner*innen abends das Gasthaus, sitzt aber stets allein und separat. Die Bilder werden so komponiert, dass Mauder im Bildhintergrund sichtbar ist und/oder in der linken Bildhälfte. Er ist nicht Teil der Dorfgemeinschaft, sondern steht außerhalb von ihr. 928 Diese groteske Aufwertung vergleichsweise harmloser Handlungen zur Systemgefährdung durch die Staatsapparate in der DDR war als Mittel zur Legitimierung von Kontrolle fast konstitutiv. 929 Ebd., TC: 00:41:46–00:42:34. siehe auch 01:06:10: im Dorf befinden sich nur Mauder und die vier Kinder, wobei Mauder um Ordnung ringt. Als er in sein Polizeiauto einsteigen will, fällt die Tür ab. Somit erscheint nicht nur er als Figur, sondern auch die Institution, die er verkörpert, als stark geschwächt. 8.3 Das Dorf als Abbild der DDR 285 Markus Dietrich: Sputnik (2013), TC: 00:43:53 Markus Dietrich: Sputnik (2013). TC: 00:25:16 Als die Kinder nach dem Kurzschluss in das Trafohäuschen einbrechen und Mauder ihnen nachschleicht, säuselt er, gleich der bösen Hexe im Märchen, „Knusper, knusper, knäuschen, wer knuspert an meinem Häuschen? Der Wind, der Wind, das himmlische Kind.“930 Ihm ist hier auch die Antwort von Hänsel und Gretel mit in den Mund gelegt. Das Märchenzitat dient der weiteren Charakterisierung des Polizisten als Widersacher der Protagonist*innen. Abbildung 32: Abbildung 33: 930 Ebd., TC: 01:03:14 8. Deutungen des Mauerfalls zwischen Realismus und Absurdität im Kinderfilm 286 Beschädigte Idylle: Der Gasthof „Zur Linde“ und intertextuelle Verweise Friederikes Familie, d. h. ihre Eltern und ihre Großmutter, bewirtschaftet den Gasthof „Zur Linde“, in dem sich abends die Dorfgemeinschaft trifft und teilweise auch tanzt. Der Name des Gasthauses entspricht freilich dem Provinziellen und Kleinbürgerlichen, gleichzeitig trägt er eine romantische Vorstellung, die wiederum gebrochen wird: Die zahlreichen Szenen, die das Dorf als Lebensraum und seine Bewohner*innen zeigen, bedienen stereotype, und das heißt hier romantische, Vorstellungen vom Dörflichen. Ein Teil der Bewohner*innen ist in der Landwirtschaft tätig, die Kinder spielen im Freien, die Menschen bilden eine Gemeinschaft und sind in die Vorbereitungen des Dorffestes involviert. Diese Szenen spielen bei Tageslicht – und Sonnenschein – im Freien. Hingegen offenbaren sich in den Innenräumen Anspannungen und Konflikte. Zu diesem Kontrast passt auch ein weiteres Spannungsgefüge, das der Film intertextuell und dabei sehr unauffällig eröffnet: In der 32. Filmminute möchte die Lehrerin Ziemann mit ihrer Klasse das Gedicht Einkehr von Ludwig Uhland behandeln. Der Titel des Gedichtes ist auch an die Tafel geschrieben. Die Schulstunde wird jedoch nicht gezeigt, hier erfolgt vorher ein Schnitt. Am Ende des Films wiederum ist das Lied Apfeltraum der Gruppe Renft zu hören. Welcher Subtext wird damit angeboten?931 Das romantische Gedicht Uhlands ist Teil des kulturellen Erbes, auf das sich der Sozialismus beruft und damit auch in den Schulkanon aufgenommen wird. In diesem Gedicht erlebt das lyrische Ich einen Moment der paradiesischen Einheit mit der Natur. Unter einem Apfelbaum rastend, nimmt es das Zusammenspiel und die Genügsamkeit der Natur wahr und kann sich selbst im Einklang mit dieser erleben, was es mit Glück und Zufriedenheit erfüllt. In einer Lesart, die mitdenkt, dass für das sogenannte literarische Erbe und den Schulkanon Texte gewählt wurden, die geeignet erschie- 8.3.2 931 Dieser Subtext kann potentiell nur von einem erwachsenen Adressaten gelesen werden, der zusätzlich als ehemaliger DDR-Bürger*innen zu benennen ist. Über diesen Subtext wird ein gemeinsamer Erinnerungsraum eröffnet, der individuelle und kollektive Erinnerungen triggert. (Gedicht vollständig im Anhang S. 340.) 8.3 Das Dorf als Abbild der DDR 287 nen, die sozialistische Persönlichkeit zu erziehen und zu formen, sind bei dem Titel des Gedichtes weitere Bedeutungsassoziationen geboten. Neben der neutralen Bedeutung der Pause oder Rast darf die Genügsamkeit, die emotionale Besinnung durchaus als emotionaler Rückzug, als Selbstdisziplinierung gedeutet werden. Wie auch das lyrische Ich kann der Leser bzw. die Leserin die vollkommene Zufriedenheit in seinem unmittelbaren Lebensraum finden und nicht in einer verhei- ßungsvollen exotischen Ferne. Im Lied Apfeltraum wird vom lyrischen Ich zwar zunächst die idyllische Ruhe erwartet, sie erweist sich aber als nicht erfüllbar. Das paradiesische Gleichgewicht existiert schon lange nicht mehr. Der Besitzer des Baumes wohnt „nebenan“, war aber sieben Jahre nicht mehr in seinem Garten. Es liegt nahe, dass Gerulf Pannach, aus dessen Feder der Liedtext stammt, hier seinen Freund Robert Havemann meint. Nachdem dieser gegen die Ausbürgerung seines Freundes Wolf Biermann protestiert hatte, wurde ihm ein mehrjähriger Hausarrest erteilt. „Sieben Jahr sind manchmal stumm und blind mehr als ein Traum“932. Ein Traum ist nicht nur verheißungsvoll, sondern auch trügerisch. Damit hält die romantische Idylle nicht stand und offenbart ein trauriges Schicksal. Hier erscheint dann die „Einkehr“, wenn auch nicht nochmals als Wort aufgegriffen, als Resignation und emotionaler Rückzug. Damit zieht sich der schmerzhafte Kontrast und Konflikt zwischen Heimat und Ferne, Idylle und Realität auf mehreren Ebenen durch den Film: in Form des Hobbys der Kinder, in der Filmmusik (Kosmonaut und Apfeltraum), in der Gestaltung mit Helligkeit und Dunkelheit sowie im Handlungsort. Montage: das Spiel wird Realität – oder nicht? In den letzten 34 Minuten des Films werden der 9. November und der Morgen des 10. November geschildert. Komik und Spannung erreichen nun ihren Höhepunkt. 8.4 932 Liedtext Apfeltraum https://www.renft.de/der-apfeltraum/ [26.11.2018] vollständig im Anhang S. 338. 8. Deutungen des Mauerfalls zwischen Realismus und Absurdität im Kinderfilm 288 Die Handlungen der Kinder und die Ereignisse in Berlin stehen in einem zufälligen Zusammenhang. Aus der Perspektive der vier Kinder ist der Zusammenhang hingegen kausal: sie sind Verursacher der Geschehnisse. Die Kinder sind emotional stark in ihr Vorhaben des Beamens involviert und bemerken nicht, dass alle Dorfbewohner*innen – bis auf Mauder – in das nahegelegene Berlin gefahren sind, um an den aktuellen Geschehnissen teilzuhaben. Diese sehen die Kinder in Live-Berichterstattungen im Fernsehen und interpretieren sie als Resultate ihres Tuns. Fiktionalität und faktuales Erzählen werden vom Regisseur Markus Dietrich hier miteinander verschränkt, woraus sich zwei potentielle Lesarten ergeben. Von einer vergleichsweise naiven Zuschauer*innenperspektive ausgehend, die dem Verstehenshorizont der vier Kinder im Film entspricht und die kindlichen Basteleien und die Ereignisse in Berlin in kausalem Zusammenhang interpretiert, entsteht primär Spannung: wie können die Dorfbewohner unbeschadet wieder nach Malkow zurückgeholt werden? Auf kindgerechte Weise wird so noch einmal das Thema der Schießerlaubnis an der Berliner Mauer thematisiert, woraus sich hier zusätzlich ein Bedrohungsmoment ergibt. Ist das Vorwissen der Zuschauer*innen jedoch größer als das der vier Kinder im Film, resultiert eine primär komische Wirkung der Sequenz, indem die Gleichzeitigkeit von kindlicher Aktion im Dorf und politischem Umbruch in Berlin als zufällig verstanden wird: wird den Figuren ihr Missdeuten im weiteren Filmverlauf noch bewusst? Da diese Enttäuschung nicht geschieht, ist es interessant zu sehen, wie der Film das dokumentarische Material in den Dienst der Fiktion stellt und es gerade nicht als Korrektiv fungiert.933 Doch wie sieht die Montage im Detail aus? Was als Krimi-Element zusätzlich zur Spannungssteigerung dient, ist, dass die drei Kinder ihren verfeindeten Klassenkameraden Olli in einen Hinterhalt locken. Olli will die drei erpressen, woraufhin sie ihn am Morgen des 9. November „kidnappen“. In ihrem Geheimlabor wird er auf einem Stuhl gefesselt und sein Mund zugeklebt.934 Nun wechseln die Szenen zwi- 933 Ähnlich hat dies auch der Film Good bye, Lenin! getan: Das dokumentarische Filmmaterial stützte die Lügengeschichte. 934 Ebd., TC: 00:52:16. 8.4 Montage: das Spiel wird Realität – oder nicht? 289 schen Gastraum, in dem die Dorfbewohner*innen zusammen sitzen, und dem Labor hin und her. Die Erwachsenen sehen im Gastraum im Fernsehen Günter Schabowskis Verkündung der Reisefreiheit mit dem Satz „Nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“935 Kurz darauf wird im Labor der Kurzschluss ausgelöst, da die Kinder die „Beam-Maschine“ gestartet haben, um Onkel Mike zurückzuholen.936 Nun schaut die Kamera wieder in den Gastraum, der nun leer ist: die Erwachsenen sind aufgrund des Gesehenen unterwegs nach Berlin. Die vier Kinder haben dies allerdings noch nicht bemerkt. Kurz darauf kommen Fabian und Jonathan in den Gastraum, um etwas Brennendes unter dem Bierhahn zu löschen. Jonathan schlussfolgert „Wir haben die Leute weggebeamt.“937 Nun schauen die Kinder – wieder im Labor – Fernsehen. Fabian sieht seine Schwester an der Mauer. Olli hält die Meinung der drei anderen noch für Unsinn, bis er auch seinen Vater sieht.938 Nun wird er Mitverbündeter des neuen Projekts:939 sie müssen die Erwachsenen wieder ins Dorf zurückholen. Dafür muss zunächst die Stromversorgung wieder gesichert werden. Olli und Friederike brechen in das Trafohäuschen ein, verfolgt von Mauder. Aber auch jetzt gelingt es, den Polizisten zu täuschen. Die Maschine kann neu gestartet werden. Friederike verkündet „Sputnik bereit zum Beamen. Ready for take-off.“940 Dann folgt ein Countdown. Als dieser heruntergezählt ist, folgt eine Pause. Danach sehen die Kinder im Fernsehen, dass die Berliner Mauer offen ist. Die Parallelisierung mit dem dokumentarischen Filmmaterial funktioniert auf zweierlei Wegen: es stützt die kindliche Fantasie der Protagonist*innen und festigt ihren Glauben, Verursacher der Ereignisse zu sein. Gleichzeitig entsteht in einer zweiten Lesart Situationskomik, die das kindliche Handeln als naiv entlarvt und die Ereignisse 935 Ebd., TC: 00:53:34. 936 Ebd., TC: 00:54:13. 937 Ebd., TC: 00:55:41. 938 Diese Szenen sind im Sinne des dokumentarischen Filmmaterials gestaltet. Die Szenen mit den fiktiven Figuren des Films wurden so gedreht, dass sie sich „unauffällig“ in das Originalmaterial einfügen. 939 Ebd., TC: 00:58:47. 940 Ebd., TC: 01:06:55. 8. Deutungen des Mauerfalls zwischen Realismus und Absurdität im Kinderfilm 290 als unabhängig voneinander zeigt: gemein ist ihnen nur die Parallelität in der Zeit. Die kindliche Täuschung bleibt dann bestehen: die vier Kinder schwören sich mit Blut, dass niemals jemand erfahren dürfe, was in der Nacht passiert sei. Hierdurch gelingt es, die kindliche Überlegenheit aufrecht zu erhalten. Ihr gesamtes Handeln erfolgte gegen den Widerstand der Erwachsenen bzw. nahmen die Erwachsenen die Kinder nicht ernst. Hätte der Film am Ende eine erwachsene Figur erklären lassen, dass die Kinder nichts mit den umwälzenden Ereignissen zu tun haben und die Maueröffnung sowieso passiert wäre, wäre das kindliche Spiel tatsächlich wieder in den Status Spiel zurückgesetzt worden. So aber bleibt die kindliche Wertung als die Deutung der Protagonist*innen und als eine Lesart bestehen: die Kinder haben nicht einfach gespielt, sie haben die Ordnung und Idylle in ihrer Lebenswelt wieder hergestellt – wozu die Erwachsenen nicht in der Lage waren. Für Friederike ist ihr Eifer und Engagement ein Versuch der Trauerbewältigung: sie kämpft gegen die Trauer über den Verlust ihres Onkels und die Angst, ihr Zuhause verlassen zu müssen. Die Geschehnisse des 9. November bedeuten für sie die Erlösung: Onkel Mike ist wieder zurück im Dorf und die Ausreisegedanken ihrer Mutter dürften sich erübrigt haben, so lässt sich antizipieren. Zusammenfassung Herr Karl hatte Friederike und ihre Freunde ermutigt, die Welt zu ver- ändern. In den Augen der Kinder ist ihnen das schließlich gelungen. Durch die Verknüpfung des kindlichen Spiels mit den tatsächlichen historischen Ereignissen gelingt es, die politischen Geschehnisse als persönlich relevant für die jungen Protagonist*innen zu erzählen: Für Friederike selbst wird die Mauer zum Symbol der massiven Eingriffe in ihr Leben. Doch ist Friederike eine Schelm*innenfigur? Sie zeichnet sich durch eine bemerkenswerte Widerständigkeit und Willensstärke aus. Im steten Kampf gegen den Widersacher Mauder gelingt es ihr, gemeinsam mit den Jungs den ABV immer wieder zum Narren zu halten 8.5 8.5 Zusammenfassung 291 und überlegen aus den Situationen heraus zu gehen. Ihr Ziel, den Onkel zurück zu holen, lässt sie immer wieder Grenzen überschreiten: in der Familie, in der Schule bis hin zum Einbruch. In der naiven Lesart geht Friederike am Ende der Filmhandlung klar als Heldin hervor: die Kinder dürfen ihren stillen Triumph genießen. Hingegen in der reflektierteren überlegeneren Lesart, in welcher das Spiel Spiel bleibt, erscheint Friederikes Tun als vergeblich: das Beamen wird ihr nicht gelingen. Hätten sich kindliches Tun und politisches Ereignis nicht zufällig zum selben Zeitpunkt ereignet, wäre den Kindern möglicherweise bewusst geworden, dass sie ihren Wunsch nicht realisieren können und das Beamen, genauso wie die Wiederherstellung der kindlichen Idylle durch die Anwesenheit Mikes, Utopie bleiben muss. Die zufällige Gleichzeitigkeit der Geschehnisse bewahrt die Kinder vor der Einsicht in die Vergeblichkeit ihres Tuns. Insofern ist Friederike eine Schelmin im Sinne einer tragikomischen Figur, die den/die Zuschauer*in zu Empathie auffordert. Reduziert auf eine erzählte Zeit von einer Woche im November 1989 wird die Einschränkung persönlicher Freiheit auf mehreren Ebenen thematisiert und eine hohe Dichte der Ereignisse erzeugt. Diese „Ereignisdichte“, die sich möglicherweise auch einer rationalen Erfassung entzog, ist wohl ein zentrales Moment in der Erinnerungskultur zur ›Wende‹. Dass hier eine lückenlose Dokumentation im Sinne von Faktualität seitens der Geschichtsschreibung individuellen und subjektiven Deutungen und Erinnerungen gegenübersteht, illustriert der Film auf originelle Weise. Carsten Gansel geht ebenfalls auf diese Ambivalenz ein und argumentiert, dass die „Komödisierung der DDR“941 aus einer Unsicherheit darüber, was damals war und was heute noch wahr ist, resultiert. Dieser Aspekt scheint konstitutiv für die Erinnerungskultur zur ›Wende‹ zu sein. Angesichts des Überflusses dokumentarischen Materials im Medienzeitalter wird es offenbar zum narrativen Anliegen, dem, was als verbürgt gilt, alternative Deutungen der Geschichte entgegenzusetzen. So rezensiert die Zeit online zum Kurzfilm Teleportation: „[…] [M]an [mag] gar nicht mehr an jene abgedroschene Version 941 Gansel 2010a, S. 21. 8. Deutungen des Mauerfalls zwischen Realismus und Absurdität im Kinderfilm 292 glauben, derzufolge die Mauer aufgrund eines so schnöden Aktes wie dem Ändern von Reisebestimmungen geöffnet wurde.“942 Die Montage als filmisches Mittel, mit der dieses Denken von Alternativen umgesetzt wird, stellt für kindliche Zuschauer*innen eine große Herausforderung dar. In dieser Hinsicht ist der Film als durchaus anspruchsvoll zu beurteilen und fordert die Begleitung durch einen kompetenten Anderen. Auch können so – so wäre es zu wünschen – stereotype Darstellungen reflektiert werden. 942 Husmann, Wenke (2011): Kurzfilm Teleportation. Wie die Mauer tatsächlich verschwand. In: Zeit Online vom 09.05.2011. Online verfügbar unter: http:// www.zeit .de/kultur/fi lm/2011-05/wendland-kurzfi lm-teleportation-2 [26.11.2018]. 8.5 Zusammenfassung 293

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References

Zusammenfassung

2019 jährte sich die sog. Friedliche Revolution zum mittlerweile 30. Male. Die Kinder- und Jugendliteratur beteiligt sich seit der Wiedervereinigung in Wellen, aber kontinuierlich an der deutsch-deutschen „Erinnerungsproduktion“. Ob dies nach dem 30. Jahrestag so bleiben wird, muss sich zeigen. Gleichzeitig wird die DDR bald nicht mehr Inhalt des kommunikativen, sondern nur des kulturellen Gedächtnisses sein. Hier wird die Bedeutung von Literatur, aber auch von Literaturunterricht, offenbar.

Wie aus Allgemeinliteratur und -filmen bekannt, ist auch für Bilderbücher, Kinder- und Jugendromane sowie Filme ein deutlich humorvoller Zugriff auf die Themen DDR und „Wende“ feststellbar. Als eine wichtige Strategie wird das Schelmische angenommen, wofür zunächst das Typus-Motiv „Schelm*in“ grundlegend für die KJL erschlossen wird. Es werden dann seine Spielarten in den unterschiedlichen kinder- und jugendliterarischen Genres zur deutschen Zeitgeschichte untersucht und Rezeptionspotenziale diskutiert.