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SLAPBACK in:

Felix Urban

Delay, page 242 - 245

Diabolisches Spiel mit den Zeitmaschinen

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4395-0, ISBN online: 978-3-8288-7384-1, https://doi.org/10.5771/9783828873841-242

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Medienwissenschaften, vol. 37

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
242 SLAPBACK Die vorangegangene Untersuchung befasste sich mit dem Musikeffekt »Delay«. Sie setzte dabei den Schwerpunkt auf drei Bedingungen. Die erste war die technikgeschichtliche Entwicklung. Hier wurde untersucht, wie sich die Delay-Technik, von ihren Anfängen in der Gründerzeit über die 1950er-Jahre bis in die Gegenwart entwickelt hat. Die zweite Bedingung war der Einfluss, den das Delay auf die künstlerische Praxis in der jamaikanischen Dub-Musik genommen hat. Das Gesamtwerk des Musikers und Produzenten Lee »Scratch« Perry als einem wichtigen und noch immer aktiven Exponenten dieses Musikstils stand dabei stellvertretend für diese historische Entwicklung. Dritte Bedingung war die Untersuchung der erkenntnistheoretischen Einordnung der Aussagen und Untersuchungen, die bis in die Gegenwart über den Musikeffekt Delay vorliegen. Diskutiert wurden hier die relevanten medien- und kulturtheoretischen Ansätze. Die Ergebnisse dieser drei Bedingungen sind entsprechend in den Bereichen »Technik«, »Produktion« und »Rezeption« in vier Abschnitten, den ›akustischen Zeit-Verhältnissen‹, zusammengefasst. Dabei wurde zunächst deutlich, dass der aus dem Englischen entlehnte Begriff »Delay« – zu Deutsch »Verzögerung« oder als Verb »verzögern« – meist im Zusammenhang mit musikakustischen Phänomenen gesehen und primär technisch interpretiert wird. Hier ist das Prinzip der Laufzeit von Schall und ihrer Verzögerungen maßgebend. Die Geschichte des Delays beschreibt also zunächst, den Versuch, mittels technischer Verfahren Eigenschaften des Schalls in der Musik kontrollierbar zu machen. Der Begriff »Delay« kann dabei eine technische Anwendung, einen Apparat oder eine Software beschreiben. Die ständige Weiterentwicklung des Musikeffektes basierte dabei auf immer neuen Innovationen im Bereich raumakustischer Einrichtungen, der Mechanik, Elektronik und Tontechnik. Hier kamen insbesondere signalverzögernde Verfahren durch Tonbänder, Sprungfedern und Eimerkettenspeicher zum Einsatz. Genauso werden in der Computertechnik, wie z.B. im heute primär genutzten rechenbasierten Software-Verfahren, Delay-Effekte erzeugt. An den untersuchten Verfahren und Geräten zeigte sich, dass Schall dabei zum Zwecke der 243 Musik zunehmend operationalisiert wurde. Es wurden raumakustische Kenntnisse, maßgeblich das der Laufzeitdifferenz, zur Entwicklung und Optimierung der Apparate genutzt, wobei in der Regel die bestmögliche Funktionalität des signalverzögernden Verfahrens im Vordergrund der Bemühungen stand. Mit der fortschreitenden Entwicklung wurden die Kontrolle des Schalls präziser, die Apparate kleiner und die Verzögerungszeiten länger. Es waren diese sich immer weiter optimierenden technischen Eigenschaften, welche das Delay im akustischen Sinne zu einer vielseitigen »Zeitmaschine« machten. Mit diesen technischen Möglichkeiten, das zeigte die Untersuchung, wurde das Delay in Europa, den USA und Jamaika als musikalisches Gestaltungsmittel eingesetzt. Für den spezifischen Fall der jamaikanischen Dub-Musik und ihres hier betrachteten Vertreters Lee Perry waren Delay-Effekte dabei ein wesentliches Gestaltungselement einer musikkulturellen Transformation, welche aus der jamaikanischen Reggae-Musik hervorging. Eine nähere Betrachtung der Verwendung des Delays als Musikeffekt zeigte weiter, dass sein Einsatz in der Musik mehrere Ebenen der musikalischen Form und Struktur verändern kann. Ein Delay wiederholt musikalische Schallereignisse und setzt diese in zeitliche Verhältnisse zu anderen. Dies kann einerseits das Duplikat eines Signals sein, welches in ein zeitliches Verhältnis zu seinem Original gesetzt wird. Es kann aber andererseits auch ein Duplikat sein, welches alleine oder neben dem Original in ein zeitliches Verhältnis zu anderen Ereignissen eines Musikstückes gesetzt wird. Dadurch können je nach Ausprägung sowohl Echo-, Hall-, Flanging-, Phasing-, und Chorus- als auch andere zeitbasierte Effekte erzeugt werden. Eine genaue Betrachtung der künstlerischen Praxis am Beispiel Lee Perrys zeigte aber auch, dass die intendierte Funktion der Technik von der kreativen Intention ihres Nutzers abweichen kann. Für Lee Perry steht Musiktechnik, in diesem Fall das Delay, in Zusammenhang eines allgemeinen durch Musik ausgedrückten menschlichen Handelns. Dabei geht es Perry in einem mythischen Sinn häufig um das Aushandeln zwischen den Polen des Guten und des Bösen. Für Perry symbolisiert das Delay dabei einerseits den Teufel. Andererseits ließe sich das Delay auch dazu nutzen, um den 244 Teufel zu »ärgern« und zu »bekämpfen«. Als ein Werkzeug im Kampf für das Gute wird das Delay in Perrys Schaffen zum Teil eines Spiels, das als ›Diabolisches Spiel‹ bezeichnet werden kann. Misst man die hier formulierten wissenschaftlichen Erkenntnisse und Theorien über das Delay an den alltäglichen Wahrnehmungszusammenhängen, ergibt sich ein Widerspruch: Letztlich, und das ist die Eigenschaft von Schallereignissen allgemein, wird ein Delay von allen Menschen gehört und neuronal verarbeitet. In welcher Weise es schließlich interpretiert wird, entscheiden auch kulturelle Umstände. Im Fokus stehen dann weniger psychoakustische Erkenntnisse, wie die Diskussion der häufig allgemein zusammengefassten Musikeffekte und die häufige Vermischung der Begriffe Delay, Echo und Reverb zu belegen scheint. Die Interpretation akustischer Effekte kann also beim Delay deutlich von dem der technischenoder akustischen Funktion abweichen. In diesem Zusammenhang zeigte sich auch, dass in der Mythologie spezifische akustische Phänomene – lange bevor die Möglichkeit ihrer technischen Reproduktion bestand – in vielfältiger Weise interpretiert werden konnten. Insbesondere wird dies am Begriff des Echos in der antiken griechisch-römischen Mythologie deutlich. Hier tauchen Interpretationsmuster auf, die denen der Jahrhunderte später aufkommenden jamaikanischen Dub-Musik-Kultur, die sich des Delays als stilprägendes Mittel bediente, überraschend ähneln, und die schließlich über die Dub-Musik nach Europa zurückexportiert oder gar global populär wurden. Zwar lassen sich in Bezug auf die zeitbasierten Musikeffekte zahlreiche Hinweise darauf finden, dass je stärker zeitbasierte Effekte eingesetzt werden, desto mehr die beschriebene Deutung graduell zur Ablehnung führt und in Richtungen des Bösen oder Teuflischen intepretiert werden. Ob die Hörer der Dub-Musik diese Effekte letztlich aber als hybrid oder trocken, gewichtlos oder schwer, geometrisch oder abstrakt, klar oder psychedelisch vernehmen und welche symbolischen Inhalte sie diesen zuordnen, entzieht sich dem Einfluss der Produzenten und Musiker und bleibt auch für die Wissenschaftler ohne empirische Studien unerfassbar. 245 Es soll insofern der abschließende Gedanke formuliert werden, dass das Delay als ein Musikeffekt bei der Technik, der Produktion und der Rezeption ein kontinuierliches Aushandeln multipler Zeitverhältnisse bedingt. Durch seine Verwendung können die Verhältnisse zwischen Ordnung und Chaos, zwischen Vergangenheit und Zukunft sowie zwischen Gut und Böse oder anderen Antagonismen sowohl akustisch als auch symbolisch gestaltet und verhandelt werden. Die Entscheidung darüber, was Gegenstand und später Ergebnis dieses Verhandelns ist, liegt einzig bei den involvierten Akteuren, vom Produzenten bis zum Rezipienten. Vielleicht ist es dieses ›Diabolische Spiel mit den Zeitmaschinen‹, das den Musikeffekt Delay, gerade weil sein Name etwas Negatives impliziert, zu einem weit verbreiteten Merkmal der populären Musik werden ließ.

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Zusammenfassung

Das Sinnbild »Diabolisches Spiel mit den Zeitmaschinen« spiegelt eine Sicht auf den Musikeffekt »Delay« und seine wechselseitige Beziehung zwischen Technik, Musikproduktion und Rezeption wider. Der durch die beabsichtigte Verzögerung eines akustischen Signals erzeugte und häufig als »Echo« beschriebene Effekt kann nicht nur als echoähnliche Verzögerung, sondern auch in anderen Weisen eingesetzt und vernommen werden. Dies zeigt die Dub-Musik, in der das Delay von der ersten Stunde bis in seine gegenwärtige Ausprägung zum Stilmerkmal wurde. Lee »Scratch« Perry ist Zeitzeuge und Exponent dieser Entwicklung. Sein Schaffen bildet den geeigneten Anlass, den Zeitgeist des Delay und seine Wahrnehmung als psychoakustischen Effekt zu erforschen. Damit führt dieses Buch von einer allgemeinen Beschreibung und Neuverortung des Delays in den prominenten Verwendungskontext der Dub-Musik und die Erkundung eines vielschichtigen Bezugskosmos aus Natur, Technik, Religion, Okkultismus und (Musik-)Kultur.