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5. Die evangelische St.-Nicolai-Kirche zu Dortmund in:

Simone Kisker

Alt und Neu im Dialog, page 53 - 62

Hans Gottfried von Stockhausens Neuverglasung der Dortmunder St.-Nicolai-Kirche in Relation zur ursprünglichen Verglasung Elisabeth Coesters

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4393-6, ISBN online: 978-3-8288-7380-3, https://doi.org/10.5771/9783828873803-53

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Kunstgeschichte, vol. 12

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Die evangelische St.-Nicolai-Kirche zu Dortmund Denkmalwert und Erhaltungszustand der St.-Nicolai-Kirche Aufgrund ihres schalungsrauen Betonkörpers und ihrer reduzierten Formensprache hebt sich die im Jahre 1930 geweihte St.-Nicolai-Kirche183 zunächst nur wenig von den Profanbauten ihrer Umgebung ab. Ihr äußeres Erscheinungsbild mutet nüchtern, spröde, ja fast abweisend an und so mag es auf den ersten Blick überraschen, dass es sich bei der von Karl Pinno und Peter Grund entworfenen Kirche um ein bedeutendes Baudenkmal handelt. Doch gerade ihre nicht unumstrittene Betonkonstruktion verleiht der Kirche einen prominenten Platz innerhalb der Sakralarchitektur des 20. Jahrhunderts, denn St. Nicolai ist Deutschlands erste Stahlbetonkirche im Stil der Neuen Sachlichkeit, welche „ohne Verdeckung des Werkstoffs konsequent aus der Konstruktion und den Kräften des Materials gestaltet worden ist.“184 Der zumeist für Industriebauten verwendete Verbundwerkstoff Stahlbeton, welcher sich nach dem Zweiten Weltkrieg auch in der Sakralarchitektur durchsetzte,185 konstituierte also erstmals ein Gotteshaus, und zwar in seiner ganz unverkleideten und unbehandelten Gestalt. Zudem schöpften Pinno und Grund die Konstruktionsmöglichkeiten des noch jungen Verbundwerkstoffs voll aus und erschufen unter Hinzunahme von Glas einen Lichtraum, der tagsüber durch das natürliche Licht gestaltet wurde und sich des Nachts gar selbst in einen leuchtenden Kristallkörper verwandelte. Letzteres geschah mithilfe eines elektrischen Beleuchtungssystems, das bei Anbruch der Dunkelheit den Innenraum der Kirche illuminierte und ihn zu einem weithin sichtbaren Ort der Verkündigung werden ließ. Noch augenscheinlicher schien sich Gottes Gegenwart jedoch in dem aus blauen Neonröhren gefertigten Turmkreuz186 zu manifestieren, das als avantgardistischer Fixpunkt am Dortmunder Nachthimmel erschien. Auch heute noch markiert das sogenannte Kreuz des Südens als eines der Dortmunder Wahrzeichen die westliche Stadteinfahrt,187 wobei es seinen exklusiven Status neben Monumenten wie dem mit Filminstallationen bespielten Dortmunder U-Turm eingebüßt hat. Im Jahre 1930 stellte das blaue Neonkreuz indes ein Novum dar, das in Zusammenhang mit der innovativen Gestalt der Kirche viele Architekturkritiker beeindruckte. In pathetischen Worten würdigte zum Beispiel Werner Hegemann, Herausgeber der Architekturzeitschrift „Wasmuths Monatshefte 5. 5.1 183 Vgl. Abb. 1. 184 Girkon (1962), S. 70. 185 Dies gilt insbesondere für die 1960er Jahre, in denen Beton zu einem bevorzugten Material des Kirchenbaus wurde, vgl. Schnell (1973), S. 194. 186 Vgl. Abb. 2. 187 Vgl. Sinnreich (2008), S. 53. 53 für Baukunst“, die Nicolaikirche, welche ihm in Zeiten „der Verwirrung [...] wie eine Erlösung, wie ein reinigendes Bad“188 erschien. Die von Pinno und Grund entworfene Kirche hob sich denn auch deutlich von den noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstandenen eklektizistischen Kirchenbauten mitsamt ihrer stilimitatorischen Elemente ab. So sollte nicht der Schein vergangener Epochen, sondern die Wahrhaftigkeit des modernen Werkstoffs Beton die Erscheinung des Kirchengebäudes bestimmen und dieses zu einem architektonischen Urbild werden lassen.189 In völliger Unabhängig zu den architektonischen Strömungen ihrer Zeit stand die erste Sichtbetonkirche Deutschlands allerdings nicht. So wurde in Frankreich bereits in den Jahren 1922/23 eine Kirche aus Beton erbaut, die den industriellen Werkstoff ganz unverkleidet zeigte. Dabei handelte es sich um die nach den Plänen Auguste und Gustave Perrets errichtete Kirche Notre-Dame du Raincy, die auch heute noch über einen der flächenmäßig größten Glasfensterzyklen des 20. Jahrhunderts verfügt. Im Gegensatz zu Pinno und Grund, welche ganz von den Möglichkeiten des Verbundwerkstoffs Stahlbeton ausgingen, griffen die Brüder Perret jedoch noch auf historisierende Elemente wie Säulen und Gesimse zurück. Auch deren Grundriss orientierte sich an traditionellen Formen, während Pinno und Grund eine neuartige, trapezförmige Lösung wählten, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Vorbild vieler Kirchenbauten diente.190 Die in den ausgehenden 1920er Jahren konzipierte Nicolaikirche stellte also in vielerlei Hinsicht einen wegweisenden Kirchenbau dar, der in der Fachliteratur der Nachkriegszeit jedoch nur wenig Beachtung fand.Über die Ursachen dieses Bewusstseinswandel lässt sich zwar letzten Endes nur spekulieren, doch dürfte in dem Zusammenhang nicht unerheblich gewesen sein, dass die raumkonstituierende Verglasung St. Nicolais im Zweiten Weltkrieg in Gänze zerstört worden ist. Auch Peter Grunds zweifelhafte Rolle während der Zeit des Nationalsozialismus191 mag dazu beigetragen haben, dass das Interesse an der einst so avantgardistischen Kirche fast völlig erlosch. So trat Grund bereits im Jahre 1932 der NSDAP bei und seine architektonische Formensprache näherte sich immer mehr der nationalsozialistischen Kunstdoktrin an. Im Dritten Reich bekleidete er als Direktor der Düsseldorfer Kunstakademie (1933–1937) und künstlerischer Leiter der Reichsausstellung „Schaffendes Volk“ (1937) zudem wichtige Ämter. Die Ausstellung markierte allerdings auch einen Wendepunkt in seinem Leben, denn er ließ zwei „entartete“ Plastiken aufstellen, welche seine Suspendierung zur Folge hatten.192 Letzteres erwies sich nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch als Vorteil, da Grund infolge der einstigen Amtsenthebung ein 188 Hegemann (1930), S. 490. 189 Vgl. Girkon (1952), o.S., Archiv für Architektur und Ingenieurbaukunst NRW der technischen Universität Dortmund (A:AI), SLT 254. 190 Vgl. Kahle (1990), S. 37. 191 Vgl. die Projektdokumentation über die Dortmunder St.-Nicolai-Kirche mit dem Schwerpunkt der Bauschadensanalyse und denkmalgerechten Instandsetzung, Fachbereich Architektur der Fachhochschule Dortmund, WS 96/97, betreut von Prof. Dr. Kastorff-Viehmann (u.a.), S. 9, Kreiskirchenamt des Evangelischen Kirchenkreises Dortmund, o. Sign. 192 Vgl. ebd., S. 14. 5. Die evangelische St.-Nicolai-Kirche zu Dortmund 54 schnelles Entnazifizierungsverfahren durchlief. Als freier Architekt konnte er in der Bundesrepublik schon bald wieder Fuß fassen und wurde 1947 sogar zum Oberbaudirektor der Stadt Darmstadt ernannt. Fortan bestimmten Entwürfe sein architektonisches Schaffen, die zwischen sachlich-kubischem Traditionalismus sowie der zeittypischen Nachkriegsmoderne verortet waren193 und nur noch wenig Spielräume für einen experimentellen Umgang mit modernen Baustoffen ließen. So nimmt die innovative Nicolaikirche, welche in Zusammenarbeit Karl Pinno194 entstanden ist, denn auch eine Sonderstellung im Rahmen seines architektonischen Œuvres ein. Ihrer Ausnahmestellung innerhalb der Sakralarchitektur des 20. Jahrhunderts wurde nach jahrzehntelangem Desinteresse erst Anfang der 1990er Jahre wieder gedacht, als die Nicolaikirche aufgrund ihrer richtungsweisenden Konstruktion in die Liste der Dortmunder Baudenkmäler aufgenommen wurde.195 Dies geschah wohl auch aus der Erwägung heraus, St. Nicolai vor einem Verfall zu bewahren, denn die in den 1920er Jahren noch nicht sehr ausgereifte Technik des Stahlbetonbaus196 ließ die Kirche zu einem gefährdeten Bauwerk werden. So zeigten sich bereits in den ersten Nachkriegsjahrzehnten Rissbildungen, Abplatzungen und Verdunkelungen an der Betonfassade, welche besonders den hoch aufragenden Glockenturm bedrohten. Letzterer war somit immer wieder Gegenstand materialbedingter Instandsetzungsarbeiten und wurde zuletzt in den Jahren 1997–2003 grundlegend saniert.197 Zwar beruhen einige dieser Erhaltungsmaßnahmen auch auf kriegsbedingten Zerstörungen, doch verdeutlicht eine ausführlich angelegte Bauschadensanalyse aus dem Jahre 1996, dass viele Schäden bereits in der Bauweise angelegt sind.198 Aufgrund des Standorts der Kirche an einer vielbefahrenen Hauptstraße ist ferner davon auszugehen, dass an der Außenfassade weitere emissionsbedingte Beeinträchtigungen auftreten werden, welche wiederum neue Sanierungsmaßnahmen erfordern. Von diesen ungünstigen Einflüssen bedroht ist auch die im Zentrum der Arbeit stehende Neuverglasung, die laut Bauschadensanalyse Algenbildungen auf der äußeren Nord- und Abplatzungen auf der äußeren Südseite aufweist.199 Das innere Chor- 193 Vgl. ebd., S. 15. 194 Die Sozietät zwischen Pinno und Grund endete mit Peter Grunds Berufung zum Direktor der Düsseldorfer Kunstakademie. 195 Vgl. den Bescheid über die Eintragung der Dortmunder Nicolaikirche in die Denkmalliste vom 02.09.1993, Kreiskirchenamt des Evangelischen Kirchenkreises Dortmund, o. Sign. Im Zuge der Erklärung St. Nicolais zu einem Baudenkmal folgten seit Ende der 1990er Jahre einige Beiträge in Fachzeitschriften wie die von Gojny (1999) und Sinnreich (2008). Auch der von Peter Kroos herausgegebene Sammelband über die Bauten der Weimarer Republik in Dortmund, erschienen 2013, enthält ein Kurzportrait der Kirche. Einer Neugestaltung des Umfelds von St. Nicolai ist eine von Sauer (u.a.) veröffentlichte Publikation aus dem Jahre 2008 gewidmet, die verschiedene studentische Entwürfe umfasst. 196 Vgl. Kroos (2013), S. 105. 197 Vgl. Twente (2006), S. 37. 198 Vgl. die Projektdokumentation über die Dortmunder St.-Nicolai-Kirche mit dem Schwerpunkt der Bauschadensanalyse und denkmalgerechten Instandsetzung, Fachbereich Architektur der Fachhochschule Dortmund, WS 96/97, betreut von Prof. Dr. Kastorff-Viehmann (u.a.), S. 4, Kreiskirchenamt des Evangelischen Kirchenkreises Dortmund, o. Sign. 199 Vgl. ebd. 5.1 Denkmalwert und Erhaltungszustand der St.-Nicolai-Kirche 55 betonskelett ist wiederum durch ungleichmäßig aufgetragenen Fensterkitt und Aufmörtelungen beeinträchtigt und bedarf wie der von starken Verdunkelungen und Ausblühungen gezeichnete Innenraum einer Sanierung. Die langfristige Bauunterhaltung des korrisionsanfälligen Kirchengebäudes gestaltet sich somit sehr aufwendig und kostspielig, ist jedoch unumgänglich, will man die denkmalgeschützte Kirche in ihrer jetzigen Form bewahren. Die Baugeschichte der St.-Nicolai-Kirche Konzeption und Realisation im Jahre 1930 Erste Bestrebungen, eine evangelische Kirche in der südwestlichen Innenstadt zu errichten, gab es aufgrund des rasanten Bevölkerungswachstums bereits vor dem Ersten Weltkrieg. Die Kirche sollte nach der alten romanischen Nicolaikirche benannt werden, die innerhalb des Wallrings jahrhundertelang geschichtlichen Umbrüchen trotzte, um dann schließlich im Jahre 1810 von der französischen Besatzungsmacht niedergelegt zu werden. Mit dem Ziel, nun eine neue Kirche entstehen zu lassen, wurde 1908 ein Kirchenbauverein gegründet, der jedoch anfangs vergeblich versuchte, das Vorhaben in die Tat umzusetzen. So mangelte es an Geldern, denn sowohl der Erste Weltkrieg als auch die Inflationskrise der Jahre 1922/23 vernichteten sämtliche Sparguthaben. Erst im Jahre 1927 erlaubte die finanzielle Lage der Gemeinde, einen Wettbewerb unter den Dortmunder Mitgliedern des Bundes Deutscher Architekten auszuschreiben. Als Sieger ging dabei die erfolgreiche Architektengemeinschaft B.D.A Pinno & Grund200 hervor, die ein Konzept vorlegte, das nicht nur das eigentliche Kirchengebäude umfasste, sondern ein gesamtes Bauprogramm mit Vorplatz und Gemeindehaus. Ihren Wettbewerbsentwurf, eine Ziegelbaulösung in sachlich-traditionellem Stil, mussten Pinno und Grund jedoch noch einmal grundlegend überarbeiten, was nicht zuletzt der finanziellen Situation der Kirchengemeinde geschuldet war. In mehreren Modifikationsschritten entwickelten sie schließlich die im Jahre 1930 realisierte Vision einer Stahlbetonkirche im Stile der Neuen Sachlichkeit, welche sich von ihrem ursprünglichen Wettbewerbsentwurf deutlich unterschied: So lösten Pinno und Grund die massiven Außenwände weitgehend in filigran angelegte Fensterflächen auf und ersetzten das geplante Satteldach zugunsten eines Flachdaches. Den Grundriss veränderten sie ebenfalls, indem sie die rechteckige Grundform gegen eine trapezförmige austauschten201. Es entstand ein langgestreckter Saalbau, der für 900 Gemeindemitglieder Platz bot. 5.2 5.2.1 200 Die Sozietät erhielt sowohl im profanen als auch sakralen Bereich viele Aufträge und Auszeichnungen. Für die Stadt Dortmund entwarf sie neben einigen Wohnsiedlungen auch das im Zeitraum von 1929–31 errichtete Gebäude der Industrie- und Handelskammer. 201 Vgl. Niemeyer-Tewes (2006), S. 10. 5. Die evangelische St.-Nicolai-Kirche zu Dortmund 56 Unterstützt wurden sie während der gesamten Überarbeitungsphase von dem Soester Pfarrer Dr. Paul Girkon, der als Berater für kirchliche Kunst in Westfalen tätig war. Über seinen Einfluss auf den Gestaltungsprozess können zwar letztlich nur Mutmaßungen angestellt werden, doch ist nicht von der Hand zu weisen, dass die am 12. Oktober 1930 geweihte Nicolaikirche ganz augenscheinlich einem zwei Jahre zuvor umgesetzten Kirchenbauprojekt ähnelte, bei dem Girkon ebenfalls in beratender Funktion mitwirkte.202 Dabei handelte es sich um die für die internationale Presseausstellung entworfene Stahlkirche Otto Bartings, welche analog zur Nicolaikirche über eine großflächige Verglasung sowie einen sich zum Chorraum verjüngenden Grundriss verfügte. Auf Bestreben Girkons wurden die Verglasungen beider Kirchen auch von derselben Künstlerin entworfen: der vornehmlich im Bereich der Glasmalerei und Paramentik tätigen Elisabeth Coester, die neben der 615 Quadratmeter umspannenden Kunstverglasung auch ein Glasmosaik für die Taufkapelle sowie mehrere Antependien zur Gesamtausstattung beisteuerte. Elisabeths jüngerer Bruder Otto, der sich in späteren Jahren als Druckgrafiker und Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie einen Namen machte, wurde ebenfalls in den Gestaltungsprozess mit einbezogen. Damals noch als Bildhauer tätig, fertigte er ein bronzenes Altarretabel, eine Kanzel, eine Taufschale sowie mehrere Leuchter für den Altar. Der Chorraum kann folglich als Gesamtkunstwerk der Geschwister Coester angesehen werden, welche in den 1920er Jahren viele Kirchen in Zusammenarbeit mit Dr. Paul Girkon ausstatteten.203 Bis die Gesamtkonzeption für die evangelische Nicolaikirche realisiert werden konnte, galt es jedoch noch einige Hindernisse zu überwinden, denn die für damalige Verhältnisse kühne Konzeption einer Sichtbetonkirche musste gegen viele Vorbehalte und Widerstände durchgesetzt werden. So verweigerte beispielsweise Generalsuperintendent Zoellner, welcher die übergeordnete kirchliche Behörde Münster vertrat, aufgrund der Materialwahl und der vorgesehenen Struktur seine Zustimmung und warf dem Gemeindepfarrer Rohmeyer vor, sich durch die Architekten missbrauchen zu lassen.204 Der für den evangelischen Kirchenbau jener Tage typischen Konflikt zwischen Traditionalisten auf der einen und Vertretern des Neuen Bauens auf der anderen Seite205 konnte somit erst in zweiter Instanz, durch den positiven Bescheid des Berliner Oberkonsistoriums, entschieden werden. St. Nicolai stand jedoch nicht nur für das Radikalneue, denn mit ihren großflächig angelegten Fensterwänden, welche den Blick aus dunklen Tiefen in himmlische Gefilde führten, knüpften die Architekten auch an die Tradition der Gotik an. Kirchenbauberater Girkon sprach folglich von einer „Wiedergeburt des gotischen Geistes in der Technik des modernen Konstruktivismus“206, die selbst Generalsuperintendenten Zoellner bei der erstmaligen Visitation der Kirche nicht unbeeindruckt ließ. Der 202 Vgl. Röttger (1994), S. 130. 203 Vgl. Senn (2002), S. 211. 204 Vgl. Röttger (1994), S. 124. 205 Vgl. Jähnichen (1994), S. 7. 206 Zitiert nach Röttger (1994), S. 130. 5.2 Die Baugeschichte der St.-Nicolai-Kirche 57 Anblick des Kircheninneren verleitete Zoellner sogar dazu, seine ablehnende Haltung zu revidieren, denn der Eindruck des Raumes hatte ihn überwältigt.207 Auch die ursprüngliche Nachtbeleuchtung der Kirche, von der heutzutage nur noch das markante Turmkreuz zeugt, unterstand der Idee eines ewig währenden Lichtraumes, welcher von der Erde entrückt die Finsternis erhellen sollte. Hervorgerufen wurde dieser Eindruck durch mehrere im Kirchenschiff befindliche Lichtbänder, die entlang der Rahmenbinder verliefen und auf ein Zentrum ausgerichtet waren: die Chorrückwand mit ihrem länglichen Leuchtstoffröhrenkreuz, das in der Nacht die Dunkelheit durchdrang und bei Tage dem natürlichen Lichteinfall wich. An seine Stelle trat dann der bleiverglaste Gute Hirte, welcher das mittig über dem Altar platzierte Hauptmotiv der Chorverglasung darstellte. Der Altar war seinerseits in hierarchischer Anordnung über der Kanzel positioniert, wodurch die in den 1920er Jahren vieldiskutierte Aufwertung des Abendmahls ihren sinnfälligen Ausdruck fand. Symbolisch konnte auch die Verwendung des unverkleideten Stahlbetons verstanden werden, welcher eine „asketisch-radikale Absage an alle äußere Zutat, an Schmuck und Beiwerk, an Repräsentation und Fassade“208 darstellte. In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit und Pauperität erschien es zudem angebracht, auf ein „armes“ Material zurückzugreifen, das als Ausdruck innerer Wahrhaftigkeit galt und einen Kirchenbau in der Größenordnung St. Nicolais209 legitimieren konnte. Gleichzeitig spiegelte der Verbundwerkstoff Stahlbeton die lokale Verbundenheit mit dem Industriestandort Dortmund wider, in dessen Umfeld sich die Nicolaikirche nahtlos einfügte. Kriegszerstörung und Wiederaufbau nach 1945 Wie viele Dortmunder Kirchen überstand auch die Nicolaikirche den Zweiten Weltkrieg nicht unbeschadet: So blieb von dem einstigen Kirchenschiff mit seinen monumentalen Glaswänden lediglich ein Betonskelett übrig. Die kunstvoll gestaltete Verglasung Elisabeth Coesters, welche den Raumeindruck maßgeblich bestimmte, war hingegen unwiederbringlich zerstört. Schwere Beschädigungen wiesen darüber hinaus das Dach, der Fußboden sowie die Inneneinrichtung der Nicolaikirche auf. Somit standen die aus dem Kriegsdienst heimgekehrten Gemeindepfarrer Rohmeyer und Herbers im wahrsten Sinne des Wortes vor den Trümmern ihrer einstigen Wirkungsstätte. Sie ließen sich jedoch nicht entmutigen und bauten die Kirche in solidarischer Zusammenarbeit mit der Gemeinde wieder auf. Zunächst wurde der Trümmerschutt abgefahren und ein Parterreraum im Pfarrhaus für erste Gottesdienste instandgesetzt. Der notdürftig hergerichtete Raum bot allerdings nur wenig Platz für die zahlreich erscheinenden Gemeindemitglieder, sodass eine andere Lösung gefunden werden musste. Da der eigentliche Kirchenraum wegen unzureichender Glaszuteilungen 5.2.2 207 Vgl. ebd., S. 125. 208 Girkon (1930a), 492. 209 Die Kosten beliefen sich insgesamt auf 325.000 RM, vgl. Girkon (1930b), o.S. 5. Die evangelische St.-Nicolai-Kirche zu Dortmund 58 noch nicht saniert werden konnte, nutzte die Gemeinde vorerst die ab Mitte des Jahres 1946 eingerichtete Feier- und Taufkapelle, die zum Portalbau der Kirche gehörte. Die Kapelle diente insgesamt zwei Jahre lang als zentraler Raum für sonntägige Gottesdienste, konnte jedoch in Anbetracht der sich vergrößernden Gemeinde – viele Flüchtlinge aus den Ostgebieten zogen hinzu – nur eine Übergangslösung darstellen. Von zentraler Bedeutung war es somit, das Kirchenschiff so schnell wie möglich wieder herzurichten und für seinen eigentlichen Zweck nutzbar zu machen. Dabei wurde sogar zeitweilig in Erwägung gezogen, die Fensterflächen des Chores und des Langhauses auf ein Minimum zu reduzieren, um auf diese Art und Weise Glas einzusparen.210 Die hierfür angefertigten Entwurfsskizzen konnten jedoch in keinerlei Hinsicht überzeugen, hätten sie doch die charakteristische Raumwirkung der Kirche vollends zerstört. Somit verwarf die Gemeinde die Idee und bemühte sich weiterhin um die Genehmigung einer sogenannten Notverglasung des Kirchenschiffes. Diese wurde schließlich im März 1948, zunächst für die Westseite, erteilt, sodass der von der Gemeinde beauftragte Glasermeister Rasche nun seine Arbeit aufnehmen konnte. Bis zur Fertigstellung im Juni 1948 setzte er abschnittweise eine schlichte, tektonisch angelegte Verglasung ein, welche in gestalterischer Hinsicht jedoch bei Weitem nicht an die Kunstverglasung Elisabeth Coesters heranreichen konnte. Es entstand zwar ein lichtdurchfluteter Raum, doch „lebte“ der Raum nicht mehr: Ihm fehlte es, so Herwarth Schulte, an der ihm „zustehende[n] Würde, die Andacht möglich machen konnte.“211 Schulte, ein Dortmunder Architekt, den die Gemeindeleitung nach dem Kriege mit dem Wiederaufbau ihrer Kirche betraute,212 setzte sich aufgrund dessen dafür ein, die Notverglasung bei entsprechender Finanzlage durch eine qualitativ hochwertige Kunstverglasung zu ersetzen. Bis zur Realisierung einer solchen Verglasung, die gleichzeitig auch den Abschluss der Wiederaufbaumaßnahmen darstellen sollte, dauerte es allerdings noch 15 Jahre. Notwendiger erschien zunächst die Instandsetzung der Außenfassade, welche Mitte der 1950er Jahre immer deutlicher zutage tretende Betonschäden aufwies. Aufgrund dessen wurde die Fassade des Kirchenschiffes in Teilen mit Betonplatten verblendet und die Turmfassade mit einer Vorsatzschale aus Beton versehen. Auf eine Turmuhr verzichtete man im Zuge dieser Maßnahmen ebenso wie auf kleinere Fensteröffnungen innerhalb des Turmes. Nicht aufgegeben werden konnte indes das symbolträchtige und stadtbildprägende acht Meter hohe Turm- und Leuchtkreuz, das bereits im Jahre 1951 wieder in Betrieb genommen wurde. Als letztes elektronisches Beleuchtungsrelikt der Vorkriegszeit verwies es auf die ursprüngliche Lichtkonzeption der Kirche bei Nacht, welche St. Nicolai zu einem leuchtenden Kristallkörper in der 210 Vgl. die Aufzeichnungen zur Baugeschichte der Dortmunder Nicolaikirche von Herwarth Schulte, undatiert, o.S., A:AI, SLT 254. 211 Ebd. 212 Dass Pinno und Grund den Wiederaufbau der Nicolaikirche nicht selbst übernahmen, ist laut Herwarth Schulte (1902–1996), der als regional bekannter Architekt viele Dortmunder Kirchen rekonstruierte, darauf zurückzuführen, dass Pinno bereits vor Beginn des Wiederaufbaus verstarb und Grund als Stadtplaner in Darmstadt ausgelastet war. Zudem habe Grund die Schäden an der Nicolaikirche unterschätzt und wohl auch deshalb seine Hilfe beim Wiederaufbau versagt, vgl. ebd. 5.2 Die Baugeschichte der St.-Nicolai-Kirche 59 Dunkelheit werden ließ. Die maßgeblich zu diesem Eindruck beitragende Neonbeleuchtung im Innern der Kirche erschien der Gemeinde jedoch auf Dauer zu trist,213 sodass Schulte – nicht zuletzt auch aus praktischen Erwägungen – die alten Leuchtstoffröhren Anfang der 1960er Jahre gegen schlichte Pendelleuchten austauschte.214 Dies hatte zwar einerseits den Vorteil, dass der Kirchenraum nun gleichmäßig und unauffällig in warmem Licht ausgeleuchtet werden konnte. Andererseits war er auf lange Sicht seiner charakteristischen Wirkung bei Nacht beraubt, denn die Pendelleuchten verfügten bei Weitem nicht über die Strahlkraft der einstigen Neonröhren. Das symbolisch aufzufassende Licht konnte also nicht mehr von einem göttlichen Zentrum ausgehend die Finsternis erhellen. Die Durchlässigkeit zwischen Innen und Außen215 wurde somit zugunsten einer Bewegungsrichtung, sprich der äußeren Lichteinwirkung, aufgegeben. Einen weniger großen Eingriff in die ursprüngliche Baukonzeption stellten demgegenüber technische Neuerungen der 1950er Jahre wie ein modernisiertes Heizungssystem oder eine neue Lautsprecheranlage zum Zwecke einer verbesserten Akustik dar. Darüber hinaus wurde die Kirche Anfang der 1960er Jahre um eine neue Walcker-Orgel ergänzt, welche auf der Empore eingepasst wurde. Als weitere Bereicherung, insbesondere in seelsorgerischer Hinsicht, konnte die Verwirklichung eines zentralen Anliegens Pastor Rohmeyers angesehen werden: die Errichtung einer Gedächtniskapelle für die Angehörigen der Opfer des Zweiten Weltkriegs. Wie für die damalige Zeit typisch216 wurde die 1955 geweihte Gedenkstätte nicht direkt im Kirchenschiff, sondern in einem Vorraum im nördlichen Teil der Eingangshalle eingerichtet. Dort lud sie in betont schlichter Formensprache zu stiller Andacht und fürbittendem Gedenken ein. Der Verstorbenen wurde dabei in besonderer Art und Weise gedacht, denn für jeden von ihnen fertigte die Gemeinde ein kleines Namenskreuz an, das sich in zurückhaltendem Gestus von heroisierenden Formen des Kriegergedenkens abhob. Dem unaufdringlichen Erscheinungsbild der Gedächtniskapelle entsprach auch ein acht Jahre später eingesetztes Fenster mit dem Motiv eines Engels am Grabe, welches Hans Gottfried von Stockhausen im Zuge der Neuverglasung für den Erinnerungsraum gestaltete.217 Es ersetzte ein ornamentales Fenster, das in stilistischer Hinsicht an die notverglasten Fenster des Kirchenschiffes angelehnt war. Ende der 1970er Jahre wurde schließlich auch die mittlerweile renovierungsbedürftige Tauf- und Feierkapelle umgestaltet, welche unter anderem einen neuen Altar erhielt. Dieser wurde vor einem wertvollen Stück der Originalausstattung218 platziert: dem von Elisabeth Coester gestalteten Mosaik der Nachfolge Christi. Ursprünglich umschlossen auch glasgemalte Spruchbänder der Künstlerin das in vielen goldenen 213 Vgl. Presbyterium der St. Nicolai-Gemeinde (2006), S. 36. 214 Vgl. die Aufzeichnungen zur Baugeschichte der Dortmunder Nicolaikirche von Herwarth Schulte, undatiert, o.S., A:AI, SLT 254. 215 Vgl. Sinnreich (2008), S. 53. 216 Vgl. Kappel (2010), S. 56. 217 Vgl. Abb. 23. 218 Vgl. Althöfer, Ulrich (2002), o.S., Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche von Westfalen, (LkA EkvW), Inventarisation kirchliches Kunstgut, Bauamt des Landeskirchenamtes, 352. 5. Die evangelische St.-Nicolai-Kirche zu Dortmund 60 Steinen funkelnde Mosaik. Doch die schmalen Fensterscheiben, die selbiges linksund rechtsseitig in horizontalen Bahnen flankierten, wurden wie sämtliche Glasbestandteile im Krieg zerstört. An ihre Stelle traten in den ersten Nachkriegsjahren bleiverglaste Szenen des letzten Abendmals, die laut Herwarth Schulte dem Dortmunder Maler Johann August Stork zuzuschreiben sind219 und heutzutage von Kunstlicht hinterleuchtet werden. Nicht mehr in der einstigen Tauf- und heutigen Feierkapelle enthalten ist das von Otto Coester gestaltete Taufbecken, welches seit dem Jahre 1987 im Altarraum verortet ist.220 Dessen bronzenes Altarretabel ist demgegenüber im Zuge der Neuverglasung aus dem Altarbereich entfernt und in einer eher dunklen Raumzone unterhalb der Empore platziert worden. Die augenfälligste Veränderung stellt jedoch, nicht zuletzt auch aufgrund ihres großen Flächeninhalts, die im Zentrum der Arbeit stehende Neuverglasung der Kirche durch Hans Gottfried von Stockhausen dar. Baubeschreibung der heutigen St.-Nicolai-Kirche Umgeben von zwei Hauptverkehrsstraßen, der Lindemannstraße in westlicher Richtung und der heutigen Wittekindstraße in südlicher Richtung, befindet sich die St.- Nicolai-Kirche auf einem Eckgrundstück, welches zum Dortmunder Kreuzviertel der westlichen Innenstadt gehört. Im Gegensatz zu den benachbarten profanen Gebäuden springt das Gotteshaus jedoch deutlich von der eigentlichen Bebauungslinie der Lindemannstraße zurück. So wird es in seiner Funktion als sakraler Ort der Stille durch eine Pergola mit Vorplatz von der Geräuschkulisse der hektischen und verkehrsreichen Stadt abgeschirmt. Die dem Straßenverlauf folgende Pergola ist vom Bürgersteig aus über mehrere Stufen zu erreichen und leitet behutsam zum Kirchvorplatz mit anschließendem Portalbau über. Da sie niedrig angelegt und horizontal ausgerichtet ist, unterstreicht sie sowohl die Höhenentfaltung des Portalbaus als auch des vertikal aufragenden Glockenturms. Der Turm, dessen reale Höhe 52 Meter beträgt, scheint von dieser Position aus fast ins Unendliche zu streben und den Blick auf eine andere, die diesseitige übersteigende Wirklichkeit zu lenken. Seine genaue Struktur im oberen Drittel, sprich sein in Pfeiler aufgelöstes Glockengeschoss sowie sein acht Meter hohes Turmkreuz, sind insofern besser aus größerer Entfernung zu erfassen. Dies gilt ebenfalls für seine verhältnismäßig schlanke Gestalt sowie seine Bauweise in Art eines Campanile. In dieser überragt er den Portalbau, der seinerseits in horizontaler Richtung apsidial ausläuft, um ein Dreifaches. Zusammengenommen konstituieren die beiden Bauteile die Nord- 5.3 219 Vgl. die Aufzeichnungen zur Baugeschichte der Dortmunder Nicolaikirche von Herwarth Schulte, undatiert, o.S., A:AI, SLT 254. 220 In ihrer ursprünglichen Form folgte die Nicolaikirche dem dreiteiligen Aufbau alter Kirchen: So gelangten die Gläubigen zunächst in die Taufkapelle, welche als Raum der Reinigung fungierte. Die Erleuchtung im Worte Gottes bot das anschließende Kirchenschiff, das mit einer Kanzel im Übergang zum Chor abschloss und anschließend den Blick auf den Ort der Heiligung in der Nähe des Herrn lenkte: den Altarbereich. 5.3 Baubeschreibung der heutigen St.-Nicolai-Kirche 61 Süd-Achse des Kirchenbaus, wobei ein Formkontrast zwischen dem quadratischen Glockenturm im Norden und der halbrunden Apsis des Portalbaus im Süden besteht. Der Portalbau als solcher teilt sich in zwei dem Kirchenschiff quer vorgelagerte Geschosse auf. Während das Ober- und Emporengeschoss die Orgel und ein breit angelegtes Fensterband umfasst, beinhaltet das Untergeschoss eine Vorhalle mit zwei angrenzenden Kapellen. Bei der nördlichen dieser Kapellen, welche an den Glockenturm angrenzt, handelt es sich um die 1955 geweihte Kriegsgedächtniskapelle mit dem von Hans Gottfried von Stockhausen gestalteten Fenster des Engels am Grab. Gegenüberliegend befindet sich die einstige Tauf- und heutige Feierkapelle, die das von Elisabeth Coester gefertigte Mosaik der Nachfolge Christi birgt. Das eigentliche Kirchenschiff kann schließlich von der Vorhalle aus durch eine der drei Eingangstüren erreicht werden, die analog zum dreigeteilten Außenportal gestaltet sind. Verortet auf einem trapezförmigen Grundriss221 entfaltet es – gerade auch durch den Verzicht auf sichtbeeinträchtigende Elemente wie Säulen – eine enorme perspektivische Wirkung, derer sich die Betrachtenden kaum entziehen können. Das Kirchenschiff ist folglich ganz auf den Chor als dem liturgischen und visuellen Zentrum der Kirche ausgerichtet. In diesem Sinne sind auch die raumüberspannenden Rahmenbinder angelegt, die sich in rhythmischer Abfolge in Richtung des Chores zu verkürzen scheinen. Selbst die um einen Mittelgang platzierten Gestühlblöcke folgen dieser Ausrichtung, die ferner von den Stufen aufgenommen wird, welche vom Langhaus zum Chor überleiten. Die größte Steigerung erfährt die perspektivisch angelegte Raumkonstruktion jedoch im zentralen Bereich des Chores, welcher sich analog zum Kirchenschiff keilförmig verjüngt. Die besondere Stellung des Chores wird darüber hinaus durch eine Erhöhung in zweifacher Stufenfolge zum Ausdruck gebracht: So führt der Mittelgang des Kirchenschiffes zunächst auf die um vier Stufen hinaufgesetzte Kanzel zu, welche sich an zentraler Stelle im Übergangsbereich zwischen Langhaus und Chor befindet. Es folgen fünf weitere Stufen, die zum Altarbereich des Chores mit seinem zweistufig angehobenen Altar überleiten, der im Sinne der liturgischen Bewegung222 und Aufwertung des Abendmahls über der Kanzel positioniert ist.223 Den Abschluss des Chores bildet schließlich die gläserne Stirnwand mit dem zentralen Motiv des Guten Hirten, auf das sämtliche Prinzipalstücke und Bauglieder in hierarchischer Reihenfolge ausgerichtet sind. Dies gilt auch für die Fenster des Kirchenschiffes, welche von einer niedrigen, massiven Brüstung ausgehend in Richtung des Chores streben. In Kombination mit den Chorfenstern bilden sie ein raumumspannendes Netz aus Stahlbetonsprossen und Glas, das einen entmaterialisiert anmutenden Kristallkörper entstehen lässt. Nahezu gänzlich in eine gerasterte Glasmembran aufgelöst ist dabei der herausgehobene Chor. Die Schwere des schalungsrauen Betons scheint hier im Sinne der Raumvergeistigung fast völlig der Leichtigkeit und Transzendenz des Glases zu weichen. 221 Vgl. Abb. 3. 222 Vgl. Niemeyer-Tewes (2006), S. 14. 223 Unterhalb des Altarraumes befinden sich wiederum Sakristei und Nebenräume, die durch Seitentüren zu erreichen sind. 5. Die evangelische St.-Nicolai-Kirche zu Dortmund 62

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References

Zusammenfassung

Der Zweite Weltkrieg geht mit verheerenden Zerstörungen im Bereich der sakralen Glaskunst einher, führt angesichts des Verlusts von Kulturgut aber auch zu einem neuerlichen Aufschwung der Glasmalerei. Den Kunstschaffenden bietet sich in der Neuverglasung von Kirchen ein breites Betätigungsfeld, das in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg nahezu unerschöpflich erscheint. Unter ihnen nimmt der in Hessen geborene Hans Gottfried von Stockhausen (1920–2010) eine bedeutende Stellung ein, insbesondere aufgrund seines differenzierten Umgangs mit dem Material Glas.

Während das Verhältnis von Glas, Licht und Raum bereits häufiger thematisiert worden ist, sind die Relationen einer von Stockhausen gestalteten Neuverglasung zu einer mittels Fotografien vergegenwärtigten Vorgängerverglasung nun erstmals Gegenstand einer Analyse. Die ursprüngliche Verglasung stammt von Elisabeth Coester (1900–1941), konzipiert als raumumspannende Membran für Deutschlands erste Sichtbetonkirche: St. Nicolai zu Dortmund.