2. Textile Forschung – Definition, kulturelle Bedeutung und Relevanz in:

Alicia Jablonski

Paramente – Wirkung und Bedeutung in der römisch-katholischen Liturgie, page 7 - 12

Eine kulturanthropologische Untersuchung des Libori-Ornats Edith Ostendorfs

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4391-2, ISBN online: 978-3-8288-7377-3, https://doi.org/10.5771/9783828873773-7

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 25

Tectum, Baden-Baden
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7 2. Textile Forschung – Definition, kulturelle Bedeutung und Relevanz Warum im Folgenden eine eigenständige, objektbasierende Forschung angeschlossen ist, erklärt sich dadurch, dass nur die Erforschung der Literatur verfasst zu einem textilen Gegenstands nicht das gesamte, vielschichtige Wesen dessen erfassen kann. Kleidungsstücke beinhalten durch ihren nahen Bezug zum menschlichen Körper einen hohen emotionalen Wert. Durch den Kontakt zwischen Körper und Textil entstehen Spuren, die sowohl ihre Funktionsweise als auch ihren symbolischen und ästhetischen Wert festhalten. Dadurch sind sie ein Zeugnis ihres kulturellen Umfelds zum Zeitpunkt ihres Tragens. Es gilt daher die Beziehung zwischen Objekt und Umfeld zu untersuchen. Diese Schwerpunktsetzung ist Teil des Materiellen-Kultur-Diskurses, der sich in der neueren akademischen Forschungsgeschichte fortschreitend etabliert.19 Erste Textile Forschungen fanden unterstützend zur kunstgeschichtlichen Untersuchung von Gemälden statt, um sie in einen zeitlichen Kontext einordnen zu können20. Als Teil der Kunstgeschichte und Anthropologie war die objektbasierende Forschung als Methode zwar erfasst, jedoch nicht als selbstständige Forschungsdisziplin im akademischen Zusammenhang anerkannt21. Dieses Problem hängt mit der Gendertrennung zwischen akademisch-männlichen und museal-weiblichen Forschungswelten zusammen. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Mode immer noch als vorwiegend weibliches Thema gesehen, 19 Vgl. Mida, Ingrid; Kim, Alexandra: The dress detective – a practical guide to object-based research in fashion. Bloomsbury. London 2015, S. 11ff. 20 Vgl. Breward, Christopher: Cultures, Identities, Histories: Fashion a Cultural Approach to Dress. In: Steele, Valerie (Hrg.): Fashion Theory: The Journal of Dress, Body & Culture. Volume 2, Issue 4. Berg. Oxford 1998, S. 301. 21 Vgl. Mida, Ingrid; Kim, Alexandra: The dress detective – a practical guide to object-based research in fashion, S. 12. 8 Textile Forschung – Definition, kulturelle Bedeutung und Relevanz das als zu vulgär, konsumorientiert und trivial eingestuft wurde. Erst im Laufe der 1950er Jahre etablierten sich Museen und museale Abteilungen, die sich auf Mode und Bekleidung fokussierten, ohne dabei den ökonomischen Aspekt in den Vordergrund zu stellen und das Objekt an sich in den Hintergrund zu drängen. Dieser neue Aufwind der Textilen Forschung hängt zum einen mit dem Generationswechsel in der akademischen Welt statt22, zum anderen mit der Entwicklung von neuen Fragestellungen in Bezug auf Gender, sozialer Identität und repräsentativer Kraft von Mode23. Material objects matter because they are complex, symbolic bundles of social, cultural and individual meanings fused onto something we can touch, see and own.24 – Anne Smart Martin Die dabei am meisten geschätzte Methode ist die Interpretation, zu der natürlich auch die Literaturrecherche gehört, jedoch gibt die direkte Forschung am Objekt seltene Einblicke in die Geschichte des Kleidungsstücks. Um an diesen Stand der Forschung zu gelangen, sind mehrere Schritte notwendig, die Jules Prown als einer der Ersten formulierte. Sein Dreischritt aus description, deduction und speculation ist ebenfalls Grundlage der von mir verwendeten Forschungsmethode, die im Folgenden erläutert wird.25 22 Vgl. Taylor, Lou: Doing the Laundry? A Reassessment of Object-Based Dress History. In: Steele, Valerie (Hrg.): Fashion Theory: The Journal of Dress, Body & Culture. Volume 2, Issue 4. Berg. Oxford 1998, S. 341ff. 23 Vgl. Breward, Christopher: Cultures, Identities, Histories: Fashion a Cultural Approach to Dress, S. 302. 24 Taylor, Lou: Doing the Laundry? A Reassessment of Object-Based Dress History, S. 352. 25 Vgl. Steele, Valerie: A Museum of Fashion Is More Than a Clothes-Bag. In: Steele, Valerie (Hrg.): Fashion Theory: The Journal of Dress, Body & Culture. Volume 2, Issue 4. Berg. Oxford 1998, S. 327ff. 9 Die Methode der Textilen Forschung 2.1 Die Methode der Textilen Forschung Durch die enge Verbindung zum menschlichen Körper kommuniziert ein Kleidungsstück diverse kulturelle und soziale Aspekte. Es vermittelt Informationen über die Identität, das Geschlecht, die gesellschaftliche Zugehörigkeit und den damit verbundenen sozialen Wertevorstellungen des Trägers. Durch das Trennen von seinem Besitzer und den Übergang in eine Sammlung, ob museal oder privat, erhält das Objekt ein zweites Leben als Informationsmedium. Bestenfalls wird bei dieser Übergabe auch kontextualisierendes Material an die Sammlung weitergegeben, so zum Beispiel Informationen zum Besitzer, wann und wo es gekauft und getragen wurde, oder Fotografien, die das Tragen des Kleidungsstücks dokumentieren.26 Man könnte dies auch als ‚Kleid-Biografie‘ bezeichnen. Doch auch das Artefakt in sich birgt ein großes narratives Potential, das durch die Verbindung von Körper und Kleidungsstück zu erklären ist. Kleidung schützt den Körper vor Umwelteinflüssen. Gleichzeitig hinterlässt er dabei Spuren in dem Objekt, die durch seine Bewegungen eingeschrieben werden. Dieser Kreislauf erzählt eine eigene Geschichte, die es ebenfalls zu untersuchen gilt. Hierzu haben Ingrid Mida und Alexandra Kim, angelehnt an Prown, eine Methodik erarbeitet, an der sich Forschende mithilfe von als Checklisten angelegte Fragestellungen orientieren können. Übernommen haben sie dabei die Dreiteilung, die auch aus der Kunstgeschichte und Prown bekannt ist. Sie unterteilen in Observation, Reflection und Interpretation.27 Die Observation hat laut Mida und Kim die Zielsetzung genügend Informationen zu erfassen, sodass eine ausführliche Beschreibung des Objekts möglich wird. Der spätere Rezipient der Beschreibung entwickelt dadurch im Bestfall eine klare visuelle Vorstellung des Stücks. Dabei soll vom Generellen auf das Spezifische übergegangen werden. Wichtig bei diesem Schritt ist das genaue, methodische Vorgehen, auch Slow Approach to Seeing28 genannt. Durch diese ausführliche Beobachtung des Artefakts wird gewährleistet, dass kein Aspekt 26 Vgl. Mida, Ingrid; Kim, Alexandra: The dress detective – a practical guide to object-based research in fashion, S. 26. 27 Vgl. Ebd., S. 27. 28 Vgl. Ebd., S. 33. 10 Textile Forschung – Definition, kulturelle Bedeutung und Relevanz im Hinblick auf die zu bearbeitende Fragestellung übersehen wird. Hilfreich dabei sind verschiedene Methoden der Dokumentation. Als eine der wichtigsten erachten Mida und Kim das zeichnerische Festhalten des zu untersuchenden Objekts. Hierbei geht es nicht um eine besonders künstlerische Auseinandersetzung, sondern um die vollständige Erfassung im Sinne des Slow Approaches to Seeing. Diese Zeichnungen halten Maße des Stücks fest sowie die Konstruktion beziehungsweise den Schnitt. Fotografie ist während des Forschungsprozesses als Dokumentationsmedium und visuelle Gedankenstütze zu verstehen, jedoch nicht als primäres Forschungsmedium.29 Der zweite Schritt ist die Reflection, die hier, anders als bei Prown30, an die Erfahrungen des Forschenden appelliert, um die eigenen Empfindungen und Muster zu erforschen und aufzudecken. Durch dieses Bewusstwerden können kulturelle und zeitlich bedingte Veränderungen sichtbar werden,31 da es wichtig ist, von diesen subjektiven Empfindungen im Verlauf des Forschungsprozesses abzurücken. Dies gelingt durch das vorherige Bewusstmachen und im Forschungsprozess explizite, kritische Hinterfragen dieser Vorbehalte, um das Objekt als eigenständiges Vermittlungsmedium wahrzunehmen32. Des Weiteren gehört die Untersuchung des kontextualisierenden Materials zu diesem zweiten Arbeitsschritt. Das Sammeln von Material, wie Primär- und Sekundarliteratur oder Fotografien zum Objekt wird gebraucht, um es später in einen zeitlichen, kulturellen und sozialen Kontext setzen zu können, der sich aus der begleitenden Fragestellung ableitet33. 29 Vgl. Ebd., S. 35ff. 30 Prown schlägt in seinem zweiten Schritt Deduction vor, dass der Forschende eine emotionale und sensorische Bindung zu dem Untersuchungsgegenstand aufbaut. Vergleiche hierzu: Steele, Valerie: A Museum of Fashion Is More Than a Clothes-Bag, S. 329. 31 Vgl. Mida, Ingrid; Kim, Alexandra: The dress detective – a practical guide to object-based research in fashion, S. 29. 32 Vgl. Ebd., S. 62. 33 Vgl. Ebd., S. 31. 11 Die Methode der Textilen Forschung Der letzte Schritt ist die Interpretation. Prown formt hier aus den vorherigen Arbeitsvorgängen eine einzige Hypothese. Dies erachten Mida und Kim jedoch als zu beschränkt, da aus einem Objekt mehrere Hypothesen hervorgehen könnten. Daher schlagen sie vor in der Interpretation die Erkenntnisse aus Observation und Reflection zusammenzuführen und angelehnt an die eigene Fragestellung das Kleidungsstück anschließend zu interpretieren.34 34 Vgl. Ebd., S. 31.

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Abstract

Originating from the fields of anthropology and art history, research on the physically tangible object is gaining more importance as a direct carrier of meaning of material culture. Textile studies belongs to this interdisciplinary field. It is the basis of this examination with the aim of working out the impact of paraments in Christian liturgy. In how far do the textile objects complement, support or suggest the cultic effect of liturgy? In the context of cultural anthropology, which impact and meaning emanate from a textile object, and is it to be understood as an autonomous object of material culture? A cope of the libri regalia by textile artist Edith Ostendorf serves as a generic textile.

Alicia Jablonski studied Art and Communication of Art as well as Fashion-Textile-Design Studies at the University of Paderborn, Germany. This work is her thesis for which she received a grant of the city of Paderborn.

Zusammenfassung

Ursprünglich in der Anthropologie und Kunstgeschichte beheimatet, erlangt die Forschung am physisch greifbaren Objekt zunehmend Gewicht als direkter Bedeutungsträger materieller Kultur. Zu diesem interdisziplinären Feld gehört auch die Textile Forschung. Sie bildet die Grundlage dieser Studie zur Herausarbeitung der Wirkung von Paramenten in der römisch-katholischen Liturgie. Inwieweit ergänzen, unterstützen oder suggerieren die textilen Objekte die kultische Wirkung der Liturgie? Welche kulturanthropologische Wirkung und Bedeutung gehen allein von dem textilen Objekt aus, und ist es als autonomes Objekt der materiellen Kultur zu verstehen? Als exemplarisches Textil dient ein Chormantel des Libori-Ornats der Textilkünstlerin Edith Ostendorf.

Alicia Jablonski studierte Kunst und Kunstvermittlung und Mode-Textil-Design-Studien an der Universität Paderborn. Diese Arbeit ist ihre Abschlussarbeit, für die sie das Kreisstipendium der Stadt Paderborn erhielt.