5. Wie viel der kulturellen Wirkung und Bedeutung geht vom Parament selber aus, wie viel wird durch das Interieur und Exterieur suggeriert? in:

Alicia Jablonski

Paramente – Wirkung und Bedeutung in der römisch-katholischen Liturgie, page 61 - 70

Eine kulturanthropologische Untersuchung des Libori-Ornats Edith Ostendorfs

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4391-2, ISBN online: 978-3-8288-7377-3, https://doi.org/10.5771/9783828873773-61

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 25

Tectum, Baden-Baden
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61 5. Wie viel der kulturellen Wirkung und Bedeutung geht vom Parament selber aus, wie viel wird durch das Interieur und Exterieur suggeriert? Die Textile Forschung gab folgende Aufschlüsse über die Lesart und Bedeutung des Chormantels preis: Durch die Streuung des radschlagenden Pfaus und dem verbindenden Element des gesamten Ornats, ist ein lokaler Bezug zu Paderborn und Libori möglich. Das erzählerische Bildprogramm und die auf den Chormantelstäben angebrachten Textelemente lassen auf den sakralen Zusammenhang schließen. Ebenso die Farbgebung. Voraussetzung sind, wie auch schon unter Punkt 3.3 erklärt, Kenntnisse über den kulturellen Hintergrund, um diese Symbole lesen zu können. Ist dies jedoch gegeben, kann allein über das Objekt auf seine kultische Zugehörigkeit geschlossen werden. Hierzu trägt auch der wahrnehmbare Weihrauchgeruch des Textils bei. Die auf den Stäben des Chormantels dargestellte Heilsgeschichte Jesu und der damit in Verbindung stehende Text stehen in der Darstellungstradition der 1940er und 50er Jahre und zeigen hiermit nicht nur ikonografische, sondern auch zeitliche Bezüge zur Entstehungszeit auf. Einflüsse der liturgischen Erneuerungsbewegung lassen sich erkennen. Diese Darstellung Jesu als Heilsbringer und Soldat Gottes ergänzt sich mit der damaligen Darstellung des heiligen Liborius und kann durchaus als Parallele betrachtet werden. Die Programmatik des Objekts soll hier auch wiederholt hervorgehoben werden, da sie an die Gläubigen, an ihren Glauben an Gott und die Hoffnung in ihn und ihren Glauben appelliert. Somit spiegelt das Gewand den Kern der religiösen Libori-Feierlichkeiten wider. Die verwendeten Materialien verleihen dem Gewand eine kostbare Wirkung. Trotzdem ist es kein lebloses, unantastbares Textil, es wirkt dank der lebendigen 62 Wie viel der kulturellen Wirkung und Bedeutung geht vom Parament selber aus? Gestaltungsform und Farbwahl nahbar. Der fließende Stoff und die körpernahe, umschließende Form des Mantels, sowie die deutlich zu erkennenden Gebrauchsspuren geben Hinweise auf den tragenden Körper und den intensiven Gebrauch. Das Gewand als eigenständiges liturgisches Gestaltungsmerkmal ist an sich singulär zu verstehen, doch fügen die weiteren Elemente der Liturgie dem Gewand einen Handlungsspielraum hinzu und intensivieren seine Wirkung und Bedeutung. Die Gestaltung des Dom-Innenraums, des Altars und der gesamten visuell wahrnehmbaren Elemente der Liturgie, hierzu zähle ich auch den Liborischrein, den Pfauenwedel und die Monstranz, fügen sich zu einem Interieur zusammen, in das sich der Ornat farblich, als auch ikonografisch einfügt. Dies sind vorwiegend die visuell wahrnehmbaren Elemente, doch die auditiven und olfaktorischen Inszenierungen unterstützen gleichermaßen das Gesamtbild der Liturgie. Der eingesetzte Weihrauch, die musikalische Untermalung sowie der Gebrauch der lateinischen Sprache und symbolträchtigen Handlungen tragen maßgeblich zur Mystifizierung des Geschehens bei. Mit den Worten Mennekes: Die Liturgie wird durch ihre Inszenierung zu einer „Mysterienfeier“110, die eine Grundstimmung erzeugt, die sich auf die anwesenden Massen von Gläubigen und teilnehmenden Geistlichen überträgt. In diesem Zusammenhang möchte ich gerne den Begriff der Ikonostase im Sinne von Pavel Florenskij einführen. Er beschreibt die Ikonostase als sichtbare Hilfestellung an die Gläubigen, um die Transzendenz zwischen der göttlichen und irdischen Welt zu erfahren. Die Kirche sei Ort dieser erfahrbaren unsichtbaren Grenze, besonders durch ihre visuelle Symbolik in Form der stofflich greifbaren Objekte. Hier fügt Florenskij insbesondere den Altar und die in der Kirche vorhandenen Ikonendarstellungen an. Sie seien Hinweise auf die „Ikonostase der lebendigen Zeugen“111. Diese stehen in direkter Verbindung zu 110 Mennekes, Friedhelm: Die neuen Wege zur geistlichen Gewandung, S. 9. 111 Florenskij, Pavel: Die Ikonostase: Urbild und Grenzerlebnis im revolutionären Russland. Verlag Urchhaus GmbH, Stuttgart 1996 3. Auflage, S. 69. 63 Vergleich der Libori-Ornate Edith Ostendorfs und Christof Cremers Gott und sind die eigentliche Ikonostase, also die „Grenze zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt“112. Die stoffliche Ikonostase ist hier Hilfsmittel, um diese zu erkennen. Im Falle der Libori-Liturgie bedeutet das: der Schrein und die Reliquie sind die stoffliche Hilfestellung zur Wahrnehmung des lebendigen Zeugen, dem heiligen Liborius. All diese stofflich erfahrbaren Symbole weisen auf den Patron und damit auf die Anwesenheit Gottes hin.113 Den Begriff der stofflichen Ikonostase möchte ich jedoch nicht nur, wie von Florenskij beschrieben, auf den Schrein oder den Altar beziehen. Meiner Ansicht nach fügt sich auch der Ornat in diese Symbolhaftigkeit ein. Der ihn tragende Geistliche nimmt durch ihn, als Zeichen für Jesus Christus und Gott, den Platz eines sichtbaren Vermittlers ein. In seiner Positionierung, während der Liturgie zwischen Schrein und Reliquie, als Pars Pro Toto für den heiligen Liborius und Gott, wird diese Vermittlerposition zwischen irdischer und göttlicher Welt profiliert. Somit kommt dem Gewand als eigenständigem Symbol eine weitere kulturelle Bedeutung hinzu. Um die Besonderheit des von mir untersuchten Ornats, das als Symbol der Ikonostase funktioniert, deutlich zu machen, folgt ein Vergleich mit dem Nachfolger-Ornat Christof Cremers. 5.1 Vergleich der Libori-Ornate Edith Ostendorfs und Christof Cremers Der Vergleich der beiden Ornate soll die einmalige Gestaltungsweise des Ornats der Künstlerin Edith Ostendorf akzentuieren. Hierzu wird der alte Ornat mit seinem Nachfolger, dem von Christof Cremer (Abb. 38–42), verglichen. Im Fokus steht die visuelle Wirkung und die durch das Parament vermittelte Bedeutung. 112 Ebd., S. 68. 113 Vgl. Ebd., S. 66 ff. 64 Wie viel der kulturellen Wirkung und Bedeutung geht vom Parament selber aus? Edith Ostendorf verwendete einen naturfarbenen Seidenrips, gefüttert mit zinnoberrotem Taft. Darauf applizierte und stickte sie den Textblock sowie einzelne erzählerische Passagen als Bilder, wie es auch schon im Mittelalter praktiziert wurde. Die Schriftblöcke, die den Dialog zwischen Gläubigern und Gott symbolisieren sollen, fehlen im Werk Christof Cremers. Anders als Ostendorf fügt Cremer dem Objekt keine Applikationen hinzu. Seine Gestaltungselemente sind der Schnitt und die schon während des Webprozesses hinzugefügte Musterung des Stoffs, welche fast einem „Reliefcharakter“114 nahekommt. Durch diese gradlinige, moderne Interpretation eines Messgewandes tritt der Schnitt besonders in den Vordergrund. Der Künstler selber, der aus dem Bereich des Bühnenbilds und Theaterkostüms kommt, möchte mit dieser dramatischen Ausführung und Reduzierung der gestalterischen Elemente das „theatrum sacrum“115 neu beleben und auf das Wesentliche zurückführen. Für ihn steht „die Feier der Eucharistie als Zentrum religiösen Lebens und Handelns“116 im Mittelpunkt, ebenso wie die Person, die das Gewand trägt117. Die in den Stoff eingewebten Strahlen in Gold und Blau stehen hierbei als Symbol für die Strahlkraft des Heiligen Liborius und seinen Feierlichkeiten. Gold im Besonderen für die „Kraft Gottes“118 und Blau für die „Paderquellen als Verbindung zu Paderborn und natürlich auch zur Taufe in Christus“119. Somit unterscheiden sich die beiden Gewänder nicht nur in ihren Materialien, sondern auch in ihrer Lesart. Während es Ostendorfs Gewand durch die lebendige und erzählerische Gestaltung dem Betrachter leicht macht die zu erzählende Geschichte zumindest im Kern zu verstehen, ist Cremers Auseinandersetzung mit demselben Thema sehr viel abstrakter. Beide Künstler, beeinflusst durch die zeitgenössische Kunst, schufen ein Gesamtensemble, das in Zusammenhang mit der Eucharistie eine 114 Stracke, Wolfgang: Zeitgenössische Kunst und liturgisches Gewand. In: Göbel, Joachim (Hrg.): Der neue Libori-Ornat für die hohe Domkirche zu Paderborn von Christof Cremer. Bonifatius GmbH Druck – Buch – Verlag, Paderborn 2014, S. 28. 115 Ebd., S. 28. 116 Ebd., S. 9. 117 Vgl. Ebd., S. 9. 118 Ebd., S. 10. 119 Ebd., S. 10. 65 Vergleich der Libori-Ornate Edith Ostendorfs und Christof Cremers magische Wirkung entfaltet. Besonders durch die einheitliche Gestaltung der zu vergleichenden Ornate wird diese Wirkung unterstützt. Trotzdem muss im Vergleich die lebendige, fließende, den Körper umspielende Wirkung des Ostendorf-Ornats herausgestellt werden. Durch die farbliche Gestaltung wirkt es sehr viel fröhlicher und die erzählerische Kraft der Stickereien hat einen großen ikonografischen Wert, der es leicht macht das Gewand zu erschließen. Der neue Ornat hingegen ist wesentlich zurückgenommener in seiner Gestaltung, durch die verwendeten Materialien und Schnittformen jedoch nicht weniger dramatisch. Im direkten Vergleich mit Ostendorf erscheint er körperformender und stärker als Objekt, als als Kleidungsstück. Die Stärke des Libori-Ornats Edith Ostendorfs liegt also offensichtlich in seiner erzählerischen Kraft und der kulturellen historischen Verknüpfung zu mittelalterlichen Gestaltungsformen, die dem Gewand etwas Magisches, wie aus einer längst vergessenen Zeit anheften. 66 Wie viel der kulturellen Wirkung und Bedeutung geht vom Parament selber aus? 5.2 Ausgewählte Abbildungen des Cremer-Ornats Abb. 38: Oppermann, Julia: Casel des Conzelebranten. Abb. 39: Oppermann, Julia: Casel des Hauptzelebranten mit Rationale. 67 Ausgewählte Abbildungen des Cremer-Ornats Abb. 40: Oppermann, Julia: Pluviale. Abb. 41: Oppermann, Julia: Schultervelum. 68 Wie viel der kulturellen Wirkung und Bedeutung geht vom Parament selber aus? Abb. 42: Oppermann, Julia: Albe mit Stola und Pluviale. Abb. 43: Oppermann, Julia: Dalmatik. 69 Finale Untersuchung der kulturanthropologischen Wirkung und Bedeutung 5.3 Finale Untersuchung der kulturanthropologischen Wirkung und Bedeutung von Paramenten in der römisch-katholischen Liturgie Welche kulturanthropologische Wirkung und Bedeutung geht nun von den Paramenten in der römisch-katholischen Liturgie aus? Wie in Punkt 5. herausgestellt, ist das Parament als eigenständiges Symbol der Ikonostase durchaus als abgrenzbar zu seiner Umgebung darzustellen. Dabei hat besonders die Gestaltung des Objekts einen hohen Stellenwert, da diese maßgeblich zum Verständnis dessen beiträgt und einen Dialog zwischen Objekt und Betrachtenden ermöglicht, wie in den Unterpunkten 3.3 und 5. dargestellt. Wie besonders der von mir untersuchte Chormantel Edith Ostendorfs diese Wirkung erzielt, zeigt die Interpretation des Gewands sowie der Vergleich mit dem Ornat Cremers. Nichtsdestotrotz spielt die Umgebung, in der sich das Objekt befindet, eine große Rolle. Von ihr wird die Wirkung richtungsweisend beeinflusst, wie die Untersuchung der visuellen Wirkung des Paraments deutlich macht. Gleichzeitig zeigt diese, wie sich das Gewand im Zusammenspiel mit seiner Umgebung profiliert und wieder ein eigenständiger Forschungsschwerpunkt wird. Von der Wirkung des Chormantels lässt sich auf die Bedeutung dessen hinsichtlich des Liborikults schließen. Sein Bild- und Schriftprogramm lässt auf den heiligen Liborius als Schutzpatron des Bistums Paderborn schließen, ebenso wie auf Gott und Christus als Hoffnungsträger der Gläubigen. In der Liturgie verbindet sich diese Aussage mit den symbolisch getätigten Handlungen und Allegorien des Altarraums zu einer Symbiose, die den Glauben an Gott erfahrbar macht. Herauszustellen ist die besondere Bedeutung des Schutzpatrons für die Stadt und ihre Bewohner. Der heilige Liborius und die mit ihm verbundenen religiösen sowie weltlichen Festlichkeiten dienen nicht nur der Stadt als Identifikationsobjekt, sondern auch den Bewohnern, die sich so mit ihrer Stadt bis 70 Wie viel der kulturellen Wirkung und Bedeutung geht vom Parament selber aus? heute identifizieren. Die Feierlichkeiten, die als Kern immer noch die religiösen Bestandteile haben, gehören zur lokalen Kultur. Die Paramente als Teil der Liturgie tragen somit repräsentativ zur Kultur der Stadt bei. Um all diese Erkenntnisse zu erlangen, war die vorangestellte Textile Forschung bedeutend, da erst durch sie das Textil erschlossen werden konnte und sich die diversen Anknüpfungspunkte bezüglich Wirkung und Bedeutung boten.

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References

Abstract

Originating from the fields of anthropology and art history, research on the physically tangible object is gaining more importance as a direct carrier of meaning of material culture. Textile studies belongs to this interdisciplinary field. It is the basis of this examination with the aim of working out the impact of paraments in Christian liturgy. In how far do the textile objects complement, support or suggest the cultic effect of liturgy? In the context of cultural anthropology, which impact and meaning emanate from a textile object, and is it to be understood as an autonomous object of material culture? A cope of the libri regalia by textile artist Edith Ostendorf serves as a generic textile.

Alicia Jablonski studied Art and Communication of Art as well as Fashion-Textile-Design Studies at the University of Paderborn, Germany. This work is her thesis for which she received a grant of the city of Paderborn.

Zusammenfassung

Ursprünglich in der Anthropologie und Kunstgeschichte beheimatet, erlangt die Forschung am physisch greifbaren Objekt zunehmend Gewicht als direkter Bedeutungsträger materieller Kultur. Zu diesem interdisziplinären Feld gehört auch die Textile Forschung. Sie bildet die Grundlage dieser Studie zur Herausarbeitung der Wirkung von Paramenten in der römisch-katholischen Liturgie. Inwieweit ergänzen, unterstützen oder suggerieren die textilen Objekte die kultische Wirkung der Liturgie? Welche kulturanthropologische Wirkung und Bedeutung gehen allein von dem textilen Objekt aus, und ist es als autonomes Objekt der materiellen Kultur zu verstehen? Als exemplarisches Textil dient ein Chormantel des Libori-Ornats der Textilkünstlerin Edith Ostendorf.

Alicia Jablonski studierte Kunst und Kunstvermittlung und Mode-Textil-Design-Studien an der Universität Paderborn. Diese Arbeit ist ihre Abschlussarbeit, für die sie das Kreisstipendium der Stadt Paderborn erhielt.