4. Der Libori-Kult in Paderborn in:

Alicia Jablonski

Paramente – Wirkung und Bedeutung in der römisch-katholischen Liturgie, page 41 - 60

Eine kulturanthropologische Untersuchung des Libori-Ornats Edith Ostendorfs

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4391-2, ISBN online: 978-3-8288-7377-3, https://doi.org/10.5771/9783828873773-41

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 25

Tectum, Baden-Baden
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41 4. Der Libori-Kult in Paderborn Das heutige Liborifest, wie wir es in Paderborn Jahr für Jahr miterleben können, findet jährlich am Namenstag des Bistumspatrons, dem heiligen Liborius, um den 23. Juli statt. Neun Tage lang wird sowohl religiös als auch weltlich gefeiert. Wie dieses Fest, das als eines „der größten und ältesten Volksfeste in Deutschland“72 gilt, sich entwickelte und überhaupt entstanden ist, wird im Folgenden erläutert. Es schließt sich eine kurze Zusammenfassung der Entstehungsgeschichte an. Der Besitz von Reliquien trug im Mittelalter maßgeblich zur Etablierung des christlichen Glaubens in der Region um Paderborn bei. Somit wurden nach der Überführung von Marien- und Kiliansreliquien, den Gründungspatronen des Bistums Paderborn, welches 799 gegründet wurde, auch Liboriusreliquien von Le Mans nach Paderborn überführt. Im „Frühling des Jahres 836“73 brach eine Delegation nach Le Mans auf, um die Gebeine des heiligen Liborius nach Paderborn zu holen. Am 29. April trafen sie dort ein, empfangen von Bischof Aldrich. Einen Monat später, am 28. Mai 836, erreichten sie die Bistumsgrenze Paderborns74. Liborius war in den Jahren 334 bis 383 Bischof von Le Mans75. Seine Hauptaufgabe war die Christianisierung der Landbevölkerung seines Bistums. Johannes 72 Stadt Paderborn, Amt für Öffentlichkeitsarbeit und Stadtmarketing (Hrg.): Libori Paderborn. Kirche, Kultur, Kirmes. 73 Stambolis, Barbara: Libori. Das Kirchen- und Volksfest in Paderborn. Eine Studie zu Entwicklung und Wandel historischer Festkultur. Waxmann. Münster/New York 1996, S. 18. 74 Vgl. Ebd., 18f. 75 Je nach Quellenangaben reicht seine Amtszeit bis 383 oder 390. Für die weitere Untersuchung steht dies jedoch nicht im Mittelpunkt, daher belasse ich es bei diesen Angaben. 42 Der Libori-Kult in Paderborn Hillebrand76 beschreibt das Leben des Bischofs mit folgenden Worten: „Liborius [sei] ein frommer, kenntnisreicher und wohltätiger Bischof gewesen, [der] viele Kirchen gebaut, auch Wunder gewirkt und den heiligen Martin zum vertrauten Freunde gehabt habe.“77 Jedoch sind all seine schriftlichen Viten erst nach der Überführung seiner Gebeine nach Paderborn entstanden.78 Diverse Überlieferungen berichten, dass sich während der Überführung wundersame Gegebenheiten vollzogen haben sollen. Dabei stammt die Sage, ein Pfau sei der Delegation vorangeflogen, erst aus dem 18. Jahrhundert79. Diese Sage kann aus verehrungstechnischen Gründen dem Mythos des Heiligen Liborius hinzugefügt worden sein. Während der eigentlichen Überführung ist es jedoch möglich, dass ein Pfauenwedel in Form eines „liturgische[n] Fächer[s]“80 der Prozession vorangetragen worden ist. „Der Einzug der Liborireliquien 836 in Paderborn ist der schriftlichen Überlieferung nach Anfang und Vorwegnahme späterer Bestandteile des kirchlichen Liborifestes.“81 Seine Verehrung wuchs besonders unter der Amtszeit Bischof Meinwerks, der den Heiligen im 10. Jahrhundert zum „Kopatron der Paderborner Kathedrale“82 erklärte und ihn zum „Schutzherrn des Domstifts“83 ernannte. Gegen Ende des 11. Jahrhunderts war er durch seine Präsenz in Kunstgegenständen im Dom fast als Hauptpatron zu verstehen. Vgl. Stambolis, Barbara: Libori. Das Kirchen- und Volksfest in Paderborn. Eine Studie zu Entwicklung und Wandel historischer Festkultur, S. 18. 76 1926–1931 Weihbischof von Paderborn. 77 Hillebrand, Johannes: der heilige Liborius. Sein Leben, Seine Reliquien und seine Verehrung. Verlag Ferdinand Schöning. Paderborn 1928, S. 11. 78 Vgl. Stambolis, Barbara: Libori. Das Kirchen- und Volksfest in Paderborn. Eine Studie zu Entwicklung und Wandel historischer Festkultur, S. 17f. 79 Laut Sage begleitete ein Pfau die Delegation aus LeMans nach Paderborn und verendete als die Gebeine dem Bischof in Paderborn überreicht wurden. Vgl. Stambolis, Barbara: Libori. Das Kirchen- und Volksfest in Paderborn. Eine Studie zu Entwicklung und Wandel historischer Festkultur, S. 20. 80 Stambolis, Barbara: Libori. Das Kirchen- und Volksfest in Paderborn. Eine Studie zu Entwicklung und Wandel historischer Festkultur, S. 20. 81 Ebd., S. 22. 82 Ebd., S. 24. 83 Ebd., S. 24. 43 Der Libori-Kult in Paderborn Seine wachsende Verehrung im Mittelalter legte den Grundstein für die sich später entwickelnden Festlichkeiten84, die wir auch heute zum Teil noch in Paderborn miterleben können. Ende 1622 trug der Raub der Reliquien durch Herzog Christian von Braunschweig und ihre spätere Rückkehr nach Paderborn maßgeblich zum Kult bei. Hintergrund für den Raub waren die Glaubenskämpfe des 16. und 17. Jahrhunderts. Laut lutherischer Auffassung waren Reliquien und der damit verbundene Heiligenkult eine Art des Götzenkultes. Diesem versuchte die katholische Kirche zu wiedersprechen, indem sie die Relevanz der Heiligen als Fürbitter der Menschen vor Gott herausstellte, ebenso wie den Unterschied zwischen „Glaube und Aberglaube“85. Herzog Christian verkaufte die Gebeine nach Lothringen, wo sich ein neuer Kult um sie entwickelte, da Prozessionen angebliche Wunder wirkten. Insgesamt birgt die Entführung der Reliquien des heiligen Liborius’ aus Paderborn und ihre Rückkehr ein großes Potenzial zur „Legendenbildung“86. Nach ihrem Rückkauf durch Bischof und Domkapitel ließen sie einen neuen Schrein von dem Goldschmied Hans Krako aus Dringenberg anfertigen, der bis heute zur Prozession in Gebrauch ist. Paderborn wurde durch seinen Reliquienschatz zum beliebten Wallfahrtsort, stärkte das Bistum in seiner Glaubenseinheit und bot Anlass dies ein Mal im Jahr zu feiern.87 Aufgrund des formalen Rahmens dieser Ausarbeitung gehe ich nicht weiter auf die Entwicklung des Kultes bis zum 19. Jahrhundert ein und widme mich stattdessen besonders der Entstehungszeit des Chormantels. Seit dem Mittelalter fand während der religiösen Festlichkeiten auch der bis heute erhaltene Markt statt, später um den Jahrmarkt ergänzt. Dieser wurde jedoch in den Kriegsjahren 1914/15 fast komplett durch die Konzentration auf das kirchliche Liborifest beschränkt. Es erschien aufgrund der zeitlichen Umstände unangemessen. 1915 kam es zu einem einmaligen Ereignis in der Liboritradition: 84 Vgl. Ebd., S. 32. 85 Ebd., S. 38. 86 Ebd., S. 43. 87 Vgl. Ebd., S. 49ff. 44 Der Libori-Kult in Paderborn Es fand eine „Kriegswallfahrt“88 statt. Hier richtete die Bevölkerung besonders Bitten für einen friedvollen Sieg des Vaterlandes an den heiligen Liborius. Ganz im Unterschied zu 1917, wo für ein Ende des Leidens und einen Sieg für den Frieden gebetet wurde. Der Heilige war demnach Hoffnungsträger in der Not des Krieges89. In der NS-Zeit bot die Heiligenverehrung eine Möglichkeit sich neben den neu erschaffenen nationalsozialistischen Feiertagen und Kulten an alte Traditionen zu erinnern. An den bekanntesten [Wallfahrtsstätten] kam es zu einem verstärkten Zustrom der Gläubigen, die insbesondere für die katholischen Verbände nach den nationalsozialistischen Verboten anderen Arten von Kundgebungen in der Organisierten Wallfahrt eine der wenigen noch verbliebenen Möglichkeiten der Glaubensbekundung in der Öffentlichkeit sahen.90 Die Inszenierung der Feierlichkeiten im Jahr 1936 glich der des nationalsozialistischen Regimes, im zeitlichen Zusammenhang können sie als „Glaubenskundgebung“91 charakterisiert werden. In Folge dessen veränderte sich das Bild des Heiligen: Der friedvolle Bittsteller wurde zu einem Glaubenskämpfer im Zeichen Christi, die Teilnahme der Gläubigen an den Feierlichkeiten wurde zum Manifest „Wahrung der sittlichen Identität“92. Dabei trat das weltliche Libori in den Hintergrund, welches jedoch bis 1944 Bestand hatte und von der Regierung kontrolliert wurde.93 In diesen Umständen ließ das Domkapitel den Ornat anfertigen. Um die heutige Bedeutung der Liturgie, der Feierlichkeiten und der Bedeutung der Gewänder weitergehend zu untersuchen, wird im Folgenden die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg ebenfalls kurz zusammengefasst. 88 Ebd., S. 160. 89 Vgl. Ebd., S. 160f. 90 Ebd., S. 181. 91 Ebd., S. 188. 92 Ebd., S. 205. 93 Vgl. Ebd., S. 176ff. 45 Der Libori-Kult in Paderborn Wie schon während der Kriegsjahre behielt der heilige Liborius seine Rolle als Hoffnungsträger der Gläubigen. Das jährliche Liborifest bot dabei die Gelegenheit die Schritte des Wiederaufbaus zu feiern und zu präsentieren. Wie groß die kulturelle Bedeutung der Festlichkeiten für die Bürger Paderborns war, lässt sich aus einem Brief einer Bürgerin an den Erzbischof aus dem Jahr 1947 feststellen. Sie teilte ihm ihre Enttäuschung mit und beklagte, „daß ein Heiligenfest ohne äußere Prachtentfaltung eben kein richtiges Fest sei. […] ‚Wie eine kalte Dusche wirkte das Verladen des Liborischreins auf einen schmucklosen Lastwagen‘“94. Diese Schilderung akzentuiert, dass es nicht nur auf die inhaltliche Gestaltung der liturgischen Feier ankam, sondern auch auf ihre äußerliche. Sie nennt es die ‚äußere Prachtentfaltung‘. 1948 konnten dann wieder Feierlichkeiten im Dom95 stattfinden. Hierzu kamen erstmals wieder geistliche als auch weltliche Würdenträger nach Paderborn, um an der Prozession und dem Fest teilzunehmen. Generell ist das Liborifest das „Jahreshauptfestereignis“96 Paderborns. Es ist der Jahresmittelpunkt im kulturellen Kalender der Stadt. In den Jahren direkt nach dem Krieg, nachdem ein kultureller und wirtschaftlicher Aufschwung auch Paderborn erreicht hatte, bildeten sich mehrere Initiativen, um an mittelalterliche Traditionen anzuknüpfen, die sich als Teil des Liborifestes etablierten. Die Liborischreinträger bekamen ihre im Krieg zerstörten Gewandung wieder. Es fand eine stetig wachsende weltliche Öffnung sowohl der religiösen als auch der weltlichen Festlichkeiten statt. Ganz im Zeichen des Miteinanders nach dem zweiten Weltkrieg und der Völkerverständigung, besonders in Europa, wurde diese Thematik auch bei der Gestaltung Liboris miteinbezogen. Damit soll allerdings nicht impliziert werden, dass das 94 Ebd., S. 212. 95 Der Dom, ebenso wie ein großer Teil Paderborns, wurden durch mehrere Luftangriffe im zweiten Weltkrieg stark beschädigt, wenn nicht komplett zerstört. Die zwei verheerendsten Bombenangriffe waren die am 17. Januar und 27. März 1945. Allein in den letzten drei Kriegsmonaten kamen über 740 Menschen zu Tode. Vgl. Brockmann, Reinhard: Paderborn. Eine kleine Stadtgeschichte. Aschendorf Verlag GmbH & Co. KG. Münster 2017, S. 117. 96 Stambolis, Barbara: Libori. Das Kirchen- und Volksfest in Paderborn. Eine Studie zu Entwicklung und Wandel historischer Festkultur, S. 218. 46 Der Libori-Kult in Paderborn religiöse Fest und die Heiligenverehrung immer weiter in den Hintergrund rückten. In den 1990er Jahren fanden zu Libori noch Wallfahrten statt und auch heute halten die Bürger an den religiösen Traditionen im Bezug zum heiligen Liborius fest, denn sie identifizieren sich mit der christlichen Tradition und dem Patron des Bistums. Dieses Festhalten an Traditionen ist nicht etwa, wie in der Kritik häufig bemängelt, rückschrittlich. Stattdessen geht es hierbei besonders um eine kommunale Identität, in dessen Zentrum der heilige Liborius und seine Verehrung steht.97 Um dieses Phänomen noch besser zu verstehen, schließt sich eine Erläuterung der liturgischen Abläufe des Libori-Triduums an. Der Begriff des Triduums stammt aus dem Lateinischen, seine deutsche Wortbedeutung lautet Zeitraum von drei Tagen98. In diesen drei Hauptfeiertagen des Liborifestes – dem Samstag, Sonntag und Dienstag – sind die Reliquien des heiligen Liborius im Hochchor des Doms ausgestellt. 4.1 Liturgie des Libori-Triduums Die Feierlichkeiten beginnen jedes Jahr am Samstag nach dem Namenstag des Patrons; dieser ist der 23. Juli. Falls dieser Tag ein Samstag ist, beginnen die Feierlichkeiten an diesem. Wenn der 23. Juli hingegen auf einen Sonntag fällt, so beginnt die Festwoche bereits am 22. Juli. Die Festwoche an sich besteht aus neun Tagen.99 Das Libori-Triduum beginnt mit der „Erhebung der Reliquien und Pontifikalvesper“100 am Samstag der Festwoche. Darauf folgt das „Pontifikalamt und [die anschließende] Prozession am Liborisonntag“101. 97 Vgl. Ebd., S. 218ff. 98 Vgl. Kathweb – Lexikon Kirche und Religion. St. Benno Buch und Zeitschriften Verlagsgesellschaft mbH. 99 Vgl. Stadt Paderborn, Amt für Öffentlichkeitsarbeit und Stadtmarketing (Hrg.): Libori Paderborn. Kirche, Kultur, Kirmes. 100 Metropolitankapitel Paderborn (Hrg.): Die Feier des Liborifestes im Hohen Dom zu Paderborn. Bonifatius GmbH. Paderborn 2017, S. 9. 101 Metropolitankapitel Paderborn (Hrg.): Die Feier des Liborifestes im Hohen Dom zu Paderborn, S. 35. 47 Liturgie des Libori-Triduums Beendet wird das Triduum mit der „Festandacht und Beisetzung der Reliquien am Liboridienstag“102. Darüber hinaus finden während der gesamten Festzeit weitere liturgische Feierlichkeiten statt. Wobei das Triduum die drei Hauptfeiertage kennzeichnet. Die folgende Erörterung mit dem Fokus auf dem Libori-Triduum stellt besonders die Stellen der Liturgie in den Vordergrund, in denen der zuvor untersuchte Chormantel gebraucht wurde. Dabei stammen alle Informationen aus dem Ablaufplan der Liborifeierlichkeiten 2018, der mir freundlicherweise von Msgr. Gregor Tuszynski im Gespräch erläutert und zur Verfügung gestellt wurde. Am Samstag beginnt die Pontivikalvesper um fünfzehn Uhr mit dem Einzug der Bischöfe in den Dom. Die Chormäntel für den Erzbischof und die Konzelebranten, dies sind die beiden Geistlichen, die sich während der Eucharistie links und rechts neben dem Erzbischof befinden, liegen schon vor Beginn der Vesper im Hochchor bereit. Der Hochchor befindet sich in Frontalansicht hinter dem Altarbereich. In Abbildung 25 ist dies gut zu erkennen: die Bischöfe stehen im Altarbereich, der Liborischrein steht erhöht im Hochchor. Nach der Begrüßung durch den Erzbischof ziehen die Domherren und der Erzbischof in den Hochchor, wo er mit dem Chormantel bekleidet wird. Es folgt die Prozession hinab in die Krypta des Doms, bei der der Crucifer in paramentis (Kreuzträger in Paramenten), Pavonicaudafer (der Pfauenwedelträger), die zwei Konzelebranten und der Erzbischof jeweils einen Chormantel tragen. In der Krypta erfolgt die Erhebung der Reliquien aus dem Altar in den Schrein, anschließend findet die Inzensierung (Beweihräucherung) des Schreins statt. Die Prozession kehrt unter dem Erklingen des Liboritusches (Abb. 22) zurück in den Altarraum, wo auch die Bischöfe verweilen, der Schrein zieht in den Hochchor ein. Der Erzbischof befindet sich nun mit den Konzelebranten zwischen Schrein und Altar. Bei der anschließenden Verehrung der Reliquien steht der Bischof mit dem Rücken zum Altar und wendet sich dem Schrein zu. Dies ist eine wichtige Aussage, da sich nun die Wirkung des Ornats verändert. Ab jetzt ist es überwiegend in der Frontalansicht zu sehen, die durch die opulente Stickerei bestimmt wird. Die 102 Metropolitankapitel Paderborn (Hrg.): Die Feier des Liborifestes im Hohen Dom zu Paderborn, S. 75. 48 Der Libori-Kult in Paderborn Rückenansicht ist in ihrer Gestaltung sehr viel zurückgenommener, sie besteht lediglich aus der leichten Streuung des Pfauenmotivs. Im liturgischen Ablauf folgt die Vesper (Abendgebet) und nach dem Gebet und Segen wird der Erzbischof umgekleidet und zieht mit den anderen Geistlichen ohne Weihrauch zum Paradiesportal aus dem Dom aus. Am Libori-Sonntag beginnen die Feierlichkeiten bereits um neun Uhr. Die Bischöfe ziehen zum Hochchor ein, wo der Erzbischof angekleidet wird, jedoch noch nicht mit dem Chormantel, er trägt hier eine Albe, das Messgewand und eine Stola. Danach ziehen sie in den Altarraum auf die ihnen zugewiesenen Plätze. Die Liturgie folgt. Stationen dieser sind das Vortragen des Evangeliums, die anschließende Predigt, das Credo und die Fürbitten. Es schließt sich die Eucharistiefeier an. Nach dieser folgt das Schlussgebet und der päpstliche Segen, woraufhin der Erzbischof zum Thron geht und in den Chormantel gekleidet wird ebenso wie ein Weihbischof. Sobald dies erfolgt, beginnt die Prozession heraus aus dem Dom: über den Domplatz, am Amts- und Landgericht Paderborn vorbei, entlang der Kasseler Straße über den Kamp mit einer Station am Rathaus und wieder zurück zum Dom (Abb. 23). Ab dem Heraustreten der Prozession aus dem Dom ins Freie wird der Träger der Monstranz zusätzlich von einem Baldachin begleitet. Das heilige Gefäß selbst wird hier nicht vom Weihbischof berührt, stattdessen trägt er ein Segensvelum über dem Chormantel, mit Hilfe dessen er dieses festhält. Der Erzbischof trägt zusätzlich zum Chormantel den Bischofsstab. Die Prozession wird mit Gesang untermalt, der in deutscher Sprache verfasst ist, ebenso, wie der ausgesprochene Segen an der Station am Rathaus. Dies ist eine Besonderheit, da die übrigen Teile der Liturgie meist in lateinischer Sprache gehalten werden. Den Gläubigen ist es trotzdem möglich dem Verlauf zu folgen, auch wenn sie nicht in Latein geübt sind, da alle Texte mit Übersetzung, im zu Libori ausgeteilten Begleitheft, abgedruckt sind. Zurück im Dom folgen die Schlussgebete und der Segen, auf die der Auszug in die Sakristei folgt. Die Festandacht und Beisetzung der Reliquien am Libori-Dienstag beginnt um siebzehn Uhr. Ähnlich der Tage zuvor liegen die Chormäntel für Erz- und Weihbischof im Altarraum bereit. Nach dem Einzug aus der Sakristei wird das 49 Liturgie des Libori-Triduums Allerheiligste in die Monstranz eingesetzt und inzensiert. Es schließen sich Lesung und Gebete an. Nach dem Vaterunser kleidet der Erzbischof sich mit dem bereitliegenden Chormantel an und spricht das Te Deum und den Sakramentalen Segen103, hierbei kommen Schellen und Weihrauch zum Einsatz. Der Erzbischof bewegt sich zur Cathedra (dem Ehrensitz des Bischofs) und nimmt dort Mitra und Stab entgegen. Der Weihbischof folgt ihm und bekleidet sich ebenfalls mit dem Chormantel. Die kurze Prozession über den Domplatz und den kleinen Domplatz durch den Kreuzgang zurück in den Dom und in die Krypta schließt sich an. Hier wird der Schrein ein letztes Mal inzensiert, bevor die Reliquien wieder im Altar beigesetzt werden. Der Bischof legt hier Mitra und Chormantel ab, um dann zum Paradiesportal auszuziehen. Das untersuchte Objekt kommt also immer dann zum Einsatz, wenn die Reliquie bewegt wird. Das Ankleiden des Bischofs am Sonntag in den Chormantel markiert den Beginn der Prozession. Wie in Punkt 1.2 Das Parament erörtert, fungiert das textile Kleidungsstück hier als eine Art ‚Rüstung‘ für die Prozession im Freien. Der Gebrauch der lateinischen Sprache verleiht der Liturgie etwas Fremdes, Magisches, das sich klar vom alltäglichen Leben abgrenzt. Die musikalische Untermalung durch den Chor, die Orgel und alle weiteren Sänger fügt sich zu einer allumgebenden Geräuschkulisse zusammen. Die Verwendung des Weihrauchs spricht nicht nur, wie später noch näher beschrieben, den visuellen Sinn an, sondern auch den Geruchssinn. Überspitzt können diese Rituale und symbolischen Handlungen auch als „magische Elemente“104 formuliert werden. Doch distanziert sich die heutige Kirche von diesem Aberglauben und weist den „Vorwurf der Magie“105 zurück. Die Liturgie sei das „Sichherablassen Gottes zu den Menschen“106, welches durch symbolische Handlungen optisch und akustisch sichtbar gemacht wird. Trotzdem klammern sich besonders notleidende Gläubige an diese Wundervorstellungen, was durch 103 Vgl. Metropolitankapitel Paderborn (Hrg.): Die Feier des Liborifestes im Hohen Dom zu Paderborn, S. 86f. 104 Adam, Adolf: Erneuerte Liturgie: eine Orientierung über den Gottesdienst heute. Herder. Freiburg im Breisgau 1982. 5. Auflage, S. 17. 105 Ebd., S. 18. 106 Ebd., S. 18. 50 Der Libori-Kult in Paderborn die „unverstandene Fremdsprache“107 Latein begünstigt wird. In den Messen des Libori-Triduums wird diesem Missverständnis entgegengewirkt, indem die lateinisch vorgetragenen Texte in einem ausgelegten Heft übersetzt werden. Der Gläubige kann so die Liturgie nachvollziehen, trotzdem haftet der Sprache die Erinnerung an die Entstehungszeit des Glaubens an108. Somit ist die liturgische Feier ein Erlebnis aller Sinne, da auch der Geschmackssinn bei der Kommunion durch den freiwilligen Verzehr der Hostie angesprochen wird. Diese Wahrnehmung unterstützt die Bildung einer feierlichen Grundstimmung, die sich auf die Masse der Gläubigen überträgt. 4.2 Die fotografische Dokumentation des Chormantels Durch die gute fotografische Dokumentation des Festes stehen zahlreiche fotografische Quellen zur Verfügung, die den getragenen Chormantel sowie den gesamten Ornat zeigen. Es handelt es sich hierbei besonders in den anfänglichen Jahren um schwarz-weiß Fotografien, wodurch die Untersuchung der farbigen Gestaltung nicht möglich ist. Jedoch lassen sich durch die Aufnahmen aus dem Paderborner Stadtarchiv die Wirkung der Paramente in der Prozession und teilweise auch im Dom analysieren. Die Aufnahmen reichen bis in das Jahr 1947 zurück109. Zusätzlich untersuchte ich das Filmmaterial von Peter Schanz, der 2008 einen Film rund um das Liborifest drehte. Diese Aufnahmen geben Aufschluss darüber, wie sich das textile Forschungsobjekt in Relation zu seinem Umfeld verhält. Anders als auf den zu Dokumentarzwecken angefertigten Fotografien des Diözesanmuseums und meiner eigenen Forschung, zeigen sie das Gewand in Bewegung und von einem Körper getragen. Im Folgenden schließt sich eine Untersuchung der fotografischen Dokumentation an, um 107 Ebd., S. 18. 108 Vgl. Ebd., S. 23ff. 109 Hier ist anzumerken, dass es im Stadtarchiv auch schon frühere Fotografien besonders von der Prozession am Liborisonntag gibt, diese jedoch nicht in den Maßen den von mir als Untersuchungsschwerpunkt gewählten Ornat gut abbilden. Daher sind in dieser Auseinandersetzung nur Abbildungen ausgewählt, die diesen zeigen. 51 Die visuelle Wirkung des Paraments sie als Grundlage für die Forschung der visuellen Wirkung des Paraments während der Liturgie anzuführen. 4.3 Die visuelle Wirkung des Paraments Im Zusammenspiel mit dem Interieur des Domes während der Liturgie des Triduums harmoniert der Ornat Ostendorfs sehr gut im farblichen Zusammenspiel mit der Umgebung. Die goldene Farbgebung des Altars und des Schreins, generell der gesamten goldenen Ausschmückung des Innenraums, spiegelt sich in der Gestaltung der Gewänder wider. Zum einen in der Farbwahl des Grundstoffes, der naturfarbenen Seide, zum anderen in den goldenen Stickereien und Applikationen, die in Verbindung mit der festlichen Beleuchtung lebendig wirken, ähnlich den Verzierungen des Altars und des Schreins. Die religiösen Würdenträger stehen so mitsamt des Altars und des Schreins im visuellen Mittelpunkt der Liturgie (Abb. 24). Das Lichtspiel auf ihnen lässt sie in einem festlichen, erhabenen und kostbaren Glanz erstrahlen, von dem sich das zinnoberrote Taft-Futter markant absetzt. Gleichzeitig fügt es sich in die gesamte farbliche Gestaltung ein, denn auch die Gewänder des Chors und die Unterlage unter dem Liborischrein sind in satten Rottönen gestaltet (Abb. 25). Das immer wieder hervorblitzende Futter unterstreicht die Lebendigkeit des Gewands, welche durch den leichten, fließenden Stoff, der bei jeder Bewegung mitschwingt, unterstützt wird. Durch die Farbgebung des Obermaterials hebt sich der Ornat, trotz des geringen farblichen Unterschieds, merklich von den Gewändern des Chors und anderer religiöser Würdenträger ab (Abb. 26). Die Gruppe der Geistlichen, die in dem Ornat gekleidet ist, formiert sich durch ihre einheitliche Gesamtwirkung als Gruppe und hebt sich von den anderen Akteuren ab. Sie ist sowohl innerhalb des Doms, als auch später bei der Prozession als Einheit zu erkennen, die aus ihrem Umfeld visuell hervorsticht. Selbst die nicht farbigen Fotografien der 50er und 60er Jahre lassen dies erkennen (Abb. 27, 28). 52 Der Libori-Kult in Paderborn Im Umfeld der Prozession kommt die farbliche Gestaltung der Gewänder noch besser zur Geltung. Inmitten der Passanten und des Kirmesgeschehens stechen sie mit ihrer hellen Gestaltung in Verbindung mit dem satten Farbton des Futters aus der übrigen Menge der Prozession hervor (Abb. 29). Besonders der Träger des Pfauenwedels, der dem Schrein vorangeht, profiliert sich mit seiner Gewandung von den Schreinträgern in gedeckten Uniformen und schafft gleichzeitig durch die goldigen Nuancen eine Verbindung zum Schrein (Abb. 30). Hier ist anzumerken, dass der von mir untersuchte Chormantel mehrfach diesen Prozessionsteilnehmer kleidete. Zu erkennen ist dies besonders gut in Abbildung 31. Hier ist die rechte Schulter des Chormantels eingefangen, da alle vier Chormäntel des Libori-Ornats divergent von Edith Ostendorf gestaltet wurden und unterschiedliche Schrift- sowie Bildmotive abbilden. Der Träger der Monstranz bildet – ähnlich dem Pfauenwedelträger – mit dem Liborius-Schrein eine visuelle Einheit mit dem ihn überdachenden Baldachin (Abb. 32). Dies im Zusammenspiel mit der schieren Masse der Prozessionsteilnehmer, sein es Schützen, Messdiener, der Chor oder die Bischöfe, geben dem Geschehen einen monumentalen Charakter. Auch das Verhalten der Zuschauer, die andächtig der Prozession aus dem Dom hinaus auf den Domplatz zuschauen und auch den gesamten Prozessionsweg säumen, zeigt zum einen das große Interesse, das immer noch besteht und zum anderen den kultischen Charakter des Geschehens (Abb. 33, 34). Die Verwendung der liturgischen Utensilien, wie Weihrauch, Schrein, Monstranz und Pfauenwedel, verleihen dem sakralen Hochfest in seiner profanen Kirmes-Umgebung einen mystischen Kult-Charakter. Besonders der Weihrauch verleiht durch seine verschleiernde visuelle Wirkung der Liturgie im Dom, als auch der Prozession eine mystische Gesamtwirkung (Abb. 35, 36). Wie aus einer längst vergessenen Zeit sticht der Prunk der Prozession aus seinem Umfeld hervor. Trotz dieser visuellen Barriere, steht besonders die abschließende Prozession des Triduums unter dem Zeichen des Dialogs. Dem Dialog zwischen Gläubigen und Geistlichen. Somit tritt auch das Gewand mit seinen figürlichen Darstellungen in den direkten Kontakt und kann von den Teilnehmern der Prozession gelesen werden (Abb. 37). 53 Abbildungen der Liturgie An dieser Untersuchung der visuellen Wirkung des Ornats wird deutlich, wie sehr Umfeld und Gewand in der Liturgie als Elemente einer religiösen Inszenierung zusammenspielen. Eine Trennung der beiden Gestaltungsmerkmale fällt schwer. Trotzdem möchte ich, die von mir zu Anfang gestellte Frage nach der Eigenständigkeit des einzelnen Kleidungsstücks in der Liturgie im Folgenden aufgrund meiner bis hierher erarbeiteten Erkenntnisse versuchen zu beantworten. Abb. 22: Peters, Helmut: Liborituschmotiv. 54 Der Libori-Kult in Paderborn 4.4 Abbildungen der Liturgie Abb. 24: Jablonski, Alicia: Filmausschnitt aus ‚Das Paderborner Liborifest‘ 00:13:57. 2018. Abb. 23: Jablonski, Alicia: Screenshot Googlemaps mit markiertem Prozessionsweg. 2018. 55 Abbildungen der Liturgie Abb. 25: Jablonski, Alicia: Filmausschnitt aus ‚Das Paderborner Liborifest‘ 00:16:07. 2018. Abb. 26: Jablonski, Alicia: Filmausschnitt aus ‚Das Paderborner Liborifest‘ 00:24:30. 2018. 56 Der Libori-Kult in Paderborn Abb. 28: Wasserkordt, Bernhard: Liboriprozession, Markt, 1950er/60er Jahre. Abb. 27: Nies, Walter: Liborifeier im Dom, um 1949. 57 Abbildungen der Liturgie Abb. 30: Mertens, Franz Josef: Liboriprozession 1959. Abb. 29: Trapp, Kuno: Libori 1955, rechts Gasthaus Tölle. 58 Der Libori-Kult in Paderborn Abb. 31: O.A.: Libori um 1957. Abb. 32: Jablonski, Alicia: Filmausschnitt aus ‚Das Paderborner Liborifest‘ 00:29:20. 2018. 59 Abbildungen der Liturgie Abb. 33: Gernert, Wolfgang: Libori: Auszug aus dem Dom, mit Schrein, 1960er Jahre. Abb. 34: Homisse: Libori 1947 Mitte: Erzbischof Jäger. 60 Der Libori-Kult in Paderborn Abb. 35: Jablonski, Alicia: Filmausschnitt aus ‚Das Paderborner Liborifest‘ 00:12:29. 2018. Abb. 36: Jablonski, Alicia: Filmausschnitt aus ‚Das Paderborner Liborifest‘ 00:30:42. 2018. Abb. 37: Jablonski, Alicia: Filmausschnitt aus ‚Das Paderborner Liborifest‘ 00:44:58. 2018.

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Abstract

Originating from the fields of anthropology and art history, research on the physically tangible object is gaining more importance as a direct carrier of meaning of material culture. Textile studies belongs to this interdisciplinary field. It is the basis of this examination with the aim of working out the impact of paraments in Christian liturgy. In how far do the textile objects complement, support or suggest the cultic effect of liturgy? In the context of cultural anthropology, which impact and meaning emanate from a textile object, and is it to be understood as an autonomous object of material culture? A cope of the libri regalia by textile artist Edith Ostendorf serves as a generic textile.

Alicia Jablonski studied Art and Communication of Art as well as Fashion-Textile-Design Studies at the University of Paderborn, Germany. This work is her thesis for which she received a grant of the city of Paderborn.

Zusammenfassung

Ursprünglich in der Anthropologie und Kunstgeschichte beheimatet, erlangt die Forschung am physisch greifbaren Objekt zunehmend Gewicht als direkter Bedeutungsträger materieller Kultur. Zu diesem interdisziplinären Feld gehört auch die Textile Forschung. Sie bildet die Grundlage dieser Studie zur Herausarbeitung der Wirkung von Paramenten in der römisch-katholischen Liturgie. Inwieweit ergänzen, unterstützen oder suggerieren die textilen Objekte die kultische Wirkung der Liturgie? Welche kulturanthropologische Wirkung und Bedeutung gehen allein von dem textilen Objekt aus, und ist es als autonomes Objekt der materiellen Kultur zu verstehen? Als exemplarisches Textil dient ein Chormantel des Libori-Ornats der Textilkünstlerin Edith Ostendorf.

Alicia Jablonski studierte Kunst und Kunstvermittlung und Mode-Textil-Design-Studien an der Universität Paderborn. Diese Arbeit ist ihre Abschlussarbeit, für die sie das Kreisstipendium der Stadt Paderborn erhielt.