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A Einleitung in:

Elisabeth Wesser

Global Cities: Neue Global Player in der internationalen Politik?, page 1 - 38

Das Beispiel der Klimapolitik Londons

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4390-5, ISBN online: 978-3-8288-7375-9, https://doi.org/10.5771/9783828873759-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 87

Tectum, Baden-Baden
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Einleitung Problemstellung The world had entered an urban millennium, and the international community must rise to its many challenges.1 Kofi Annan, 2001 Ein wesentliches Charakteristikum des urbanen Zeitalters ist das Aufkommen eines neuen Akteurs in den internationalen Beziehungen: der Global City2. Über die Hälfte der Weltbevölkerung lebt bereits in Städten, im Jahr 2016 mehr als 3,72 Mrd. Menschen. 2030 werden es, bei einem Anstieg auf 8,5 Mrd. Menschen weltweit, bereits zwei Drittel der Weltbevölkerung sein.3 Für den einen sind Global Cities Orte der Hoffnung und Chancen, für den anderen Keim sozialer Ungerechtigkeiten und ökonomischer Ungleichheiten. In ihnen laufen die globalisierten Ströme des internationalen Kapitals, Handels und der Kommunikation zusammen. Es ist bloß eine Frage der Zeit, bis ihre wirtschaftliche Stärke diejenige des „Club[s] der reichen Nationen“4 A 1. 1 UN (2001): World entering „Urban Millennium“, Secretary-General Tells, Opening Meeting of Habitat Special Session, Pressemitteilung vom 6. Juni 2001. Ort und Jahr einer Quelle werden im Quellen- und Literaturverzeichnis grundsätzlich genannt. Fehlen diese Angaben in der Quelle, ist dies gekennzeichnet. Bei Internetquellen wird das Jahr, nicht aber der Ort genannt. Die entsprechenden Links sind im Anhang zu finden. 2 Eine detaillierte Begriffserklärung erfolgt in Kapitel 2. Die deutsche Übersetzung globale Stadt wird im weiteren Untersuchungsverlauf synonym zu Global City verwendet. Dies gilt für den Singular wie Plural. Die Spezifika einer Global City werden klar benannt und die daraus erwachsende Wirkkraft als Akteur der internationalen Beziehungen herausgestellt. Da die vorliegende Arbeit jedoch auch die grundsätzliche Funktion der kommunalen Ebene für die internationale Politik thematisiert, die jede Kommune unabhängig von ihrer Wirtschaftskraft oder Bevölkerungesanzahl betrifft, wird aufgrund des Leseflusses häufig auf den Zusatz der globalen Stadt verzichtet. Erkenntnisse, die im Folgenden für eine Stadt herausgearbeitet werden, gelten auch für eine globale Stadt bzw. eine Global City. Auf eine Kursivschreibung wird der besseren Lesbarkeit halber fortan verzichtet. Kursivschrift wird im Fließtext verwendet für Namen von Zeitungen, Zeitungsartikel, Buchtitel, Hervorhebungen oder Betonungen. Ebenfalls kursiv geschrieben werden Programme, Initiativen, Abkommen und Veranstaltungen von Organisationen, Netzwerken, Unternehmen etc. Eigennamen von Organisationen, Netzwerken, Unternehmen, Personen etc. werden hingegen nicht kursiv geschrieben. Im Fließtext werden sowohl deutsch- als auch englischsprachige Bezeichnungen von Organisation verwendet. Dies dient dem Erhalt des Leseflusses oder der Gewährleistung des Verständnisses im jeweiligen Kontext. Fremdsprachige Wörter werden kursiv geschrieben, außer es handelt sich um Eigennamen oder um Termini, die im Duden gelistet sind. Bei Abkürzungen wie MNE, NGO, TMCN etc. wird ein Plural-s verwendet. Abkürzungen werden nicht kursiv geschrieben. 3 Vgl. Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (2016): Weltbevölkerungstag 2016: 7,44 Milliarden Menschen leben auf der Erde, Pressemitteilung vom 8. Juli 2016 sowie UNDESA (2015): World Population Prospects, The 2015 Revision, Key Findings and Advance Tables, S. 2. 4 BpB (2013): OECD. 1 übertrifft.5 Global Cities sind aber nicht nur Orte, in denen sich wirtschaftliche Macht konzentriert, sie sind auch Akteure der Weltpolitik. Internationale Politik ist längst nicht mehr nur Ergebnis der Interaktion souveräner Nationalstaaten. Seit einigen Jahrzehnten drängen neue Mitspieler auf die globale Bühne − seien es multinationale Unternehmen6 oder internationale Nichtregierungsorganisationen7, die versuchen, auf außenpolitische Entscheidungen Einfluss zu nehmen. In der Politikwissenschaft werden diese Akteure als transnational bezeichnet, da sie über nationale Grenzen hinweg agieren. Bereits seit den 1960er Jahren ist diese Thematik Gegenstand der politikwissenschaftlichen Forschung.8 Eine entscheidende Zäsur markierte schließlich das Ende der bipolaren Weltordnung des Kalten Krieges 1990, mit dem sich nicht nur die Polarität des internationalen Systems verändert, sondern auch der Problemhorizont des Fachs der Internationalen Beziehungen (IB)9 erweitert hat. Dies gilt hinsichtlich Analyseebenen, Akteuren sowie Politikfeldern. Global Cities wurden jedoch lange Zeit vernachlässigt und finden erst jüngst Eingang in die wissenschaftliche Auseinandersetzung der IB-Theoretiker. Das Besondere an ihrem 5 Zu dieser Feststellung gelangt der Club der reichen Nationen, d.h. die 35 Mitgliedsstaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) selbst. Vgl. OECD (2015): The Metropolitan Century. Understanding Urbanisation and its Consequences. Policy Highlights, S. 12. 6 In der Politikwissenschaft wird gemeinhin der Begriff Multinational Corporation (MNC) im Amerikanischen bzw. Multinational Enterprise (MNE) im Britischen verwendet. Zwischen MNC und MNE wird zumeist nicht explizit unterschieden. Häufige Verwendung findet auch die Bezeichnung Transnational Corporation (TNC). Die Konferenz für Handel und Entwicklung der Vereinten Nationen (UNCTAD) beispielsweise nutzt diese als Synonym für MNCs und MNEs. Siehe hierzu exemplarisch: UNCTAD (2005a): Transnational Corporation, Volume 14, No. 3. Die vorliegende Arbeit verwendet den Begriff der MNE, definiert als ein Unternehmen, das über die Grenzen des Heimatlandes hinaus tätig ist. Als weitere Kriterien werden unter anderem das Gesamtgeschäft in Relation zum Anteil der Auslandsgeschäfte gesetzt sowie Gewinn, Auftragseingang und Mitarbeiter im Ausland angeführt. Für weitere Details siehe: Wilkins, Mira (2005): Multinational Enterprise to 1930. Discontinuities and Continuities, in: Chandler, Alfred D./Mazlish, Bruce (Hrsg.): Leviathans. Multinational Corporations and the New Global History, Cambridge, S. 45–51 sowie Schröter, Harm G. (1993): Continuity and Change: German Multinationals since 1850, in: Jones, Geoffrey/Schröter, Harm G. (Hrsg.): The Rise of Multinationals in Continental Europe, Aldershot und Brookfield, S. 28. 7 Unter einer Non-governmental Organisation (NGO) wird eine Organisation verstanden, die auf der Basis gemeinsamer politischer Überzeugungen nicht-profitorientiert und weitestgehend autonom gegenüber Regierungen handelt. Ihre Tätigkeiten im Bereich staatlicher Aufgaben wie Umweltschutz erfolgen ohne politisches Mandat. Vgl. Schmidt, Manfred G. (2004): Wörterbuch zur Politik, Stuttgart, 2. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage, S. 485. Agiert eine NGO im internationalen Bereich, wird sie auch International Non-governmental Organisation (INGO) bezeichnet. 8 Der Funktionalist Ernst B. Haas hat bereits 1958 die Bedeutung von transnationalen Interessensgruppen für den europäischen Einigungsprozess erforscht. Siehe: Haas, Ernst B. (1958): The Uniting of Europe. Political, Social and Economic Forces 1950–1957, Stanford. Zur geschichtlichen Entwicklung der Transnationalismus-Forschung siehe beispielsweise: Kümmel, Gerhard (1999): Internationale Politik, in: Berg-Schlosser, Dirk/Quenter, Sven (Hrsg.): Literaturführer Politikwissenschaft. Eine kritische Einführung in die Standardwerke und „Klassiker“ der Gegenwart, Stuttgart u.a., S. 157–192. Für eine pointierte Übersicht zu transnationalen Akteuren in der Politikwissenschaft siehe: Nölke, Andreas (2010a): Transnationale Akteure, in: Masala, Carlo/Sauer, Frank/Wilhelm, Andreas (Hrsg.): Handbuch der Internationalen Politik, Wiesbaden. 9 Im vorliegenden Text bezeichnet Internationale Beziehungen die akademische Disziplin. Für die Bezeichnung des Analysegegenstands wird die Kleinschreibung der Begrifflichkeit international verwendet. A Einleitung 2 transnationalen Engagement ist, dass sie nicht primär danach streben, Einfluss auf die Außenpolitik von Staaten zu nehmen, sondern dass ihre Handlungen vielmehr direkt auf die Sphäre der internationalen Politik ausgerichtet sind.10 In der Literatur wird zwar zunehmend darauf hingewiesen, dass Global Cities durch ihre weltweiten Tätigkeiten die Souveränität des Staates durchlöchern,11 jedoch bleiben umfangreiche wissenschaftliche Analysen im Fachbereich der IB Seltenheit. Nur in wenigen Studien werden sie konzeptuell in die Identifizierung der relevanten Akteure in den IB einbezogen.12 Hierdurch entsteht in gewisser Weise ein blinder Fleck in der Forschung, sodass sie auch als „the invisible gorillas of international studies“13 bezeichnet werden. Diese Blindheit erstaunt insofern, als dass die IB diejenige Teildisziplin der Politikwissenschaft sind, deren Gegenstandsbereich das Beziehungsgeflecht transnationaler Interaktionen staatlicher und nichtstaatlicher Akteure ist. Die globale Klimapolitik illustriert das transnationale Engagement von Global Cities und ihre Bedeutung für die internationale Politik in besonderem Maße und steht deswegen im Fokus der vorliegenden Studie. Klimawandel, Urbanisierung, Globalisierung und demographischer Wandel zählen zu den Megatrends14 des 21. Jahrhunderts. Vor allem Städte sind von den Folgen des anthropogenen Klimawandels betrof- 10 Die vorliegende Studie untersucht nicht, inwiefern eine Global City Einfluss auf außenpolitische Entscheidungsprozesse von Staaten im Sinne des foreign policy making nimmt, sondern inwiefern sie selbst globale Akteursqualität besitzt, d.h. zum Handeln auf internationaler Ebene befähigt ist. Für weitere Details zur akteurszentrierten Außenpolitik-Perspektive siehe: Haftendorn, Helga (1990): Zur Theorie außenpolitischer Entscheidungsprozesse, in: Rittberger, Volker (Hrsg.): Theorien der internationalen Beziehungen. Bestandsaufnahme und Forschungsperspektiven, Opladen, S. 401–423. 11 Vgl. insbesondere die Diskurse zu paradiplomacy und glocalization. Beispielsweise die empirisch gehaltvolle Aufbereitung von Tavares, Rodrigo (2016): Paradiplomacy. Cities and States as Global Players, New York sowie die Übersicht zur Forschungslage bei Lee, Taedong (2015): Global Cities and Climate Change. The Translocal Relations of Environmental Governance, New York und Abingdon. 12 Vgl. Vormann, Boris (2013): Weshalb Global Cities in der Internationalen Beziehungstheorie keine Rolle spielen, Blog der Freien Universität Berlin, 5. September 2013 sowie Acuto, Michele (2013b): World Politics by Other Means? London, City Diplomacy and the Olympics, in: The Hague Journal of Diplomacy, Volume 8, Issue 3–4, S. 287. 13 Acuto, Michele (2013a): Global Cities, Governance and Diplomacy: The Urban Link, London und New York, S. 1. Der Ausdruck invisible gorillas bezieht sich auf ein Experiment von Prof. Simons und Prof. Chabris von der Harvard University aus dem Jahr 1999. Aufbauend auf dem von Arien Mack und Irvin Rock begründeten Prinzip der inattentional blindness (Unaufmerksamkeitsblindheit) ließen Simons und Chabris zwei Teams gegeneinander Basketball spielen. Die Zuschauer waren aufgefordert zu zählen, wie oft das Team in weißen Trickots sich den Ball zuspielt. Am Ende des Spiels wurde gefragt, wer den Gorilla gesehen habe, der zeitweilig auf dem Spielfeld war. Das Ergebnis zeigt, dass der Mensch nicht zwangsläufig das sieht, was sich tatsächlich vor seinem Auge abspielt. Für Details siehe: Simons, Daniel J./Chabris, Christopher F. (1999): Gorillas in Our Midst: Sustained Inattentional Blindness for Dynamic Events, in: Perception, Volume 28, Issue 9, S. 1059–1074 sowie Mack, Arien/Rock, Irvin (1998): Inattentional Blindness, Cambridge, Massachusetts. 14 Megatrends gelten als „langfristige Entwicklungen, die für alle Bereiche von Gesellschaft und Wirtschaft prägend sind. […] Der Begriff Megatrend geht auf den Begründer der modernen Zukunftsforschung, John Naisbitt, zurück, der im Jahr 1980 den Weltbestseller mit dem gleichen Titel schrieb.“ Siehe: Zukunftsinstitut (2016): Trends − Grundlagenwissen: Was ist ein Trend? In Wissenschaft und Politik herrscht keine Einigkeit über die Anzahl der Megatrends, aber darüber, dass Globalisierung, Klimawandel, Urbanisierung, demographischer Wandel und Digitalisierung zu den wichtigsten Megatrends des 21. Jahrhunderts zählen. Vgl. beispielsweise: Gregosz, David (2012): Wirtschaftspolitische Megatrends bis 2020. Was ist in den kommenden Jahren zu erwarten? In: Analysen & Argumen- 1. Problemstellung 3 fen, sowohl als Hauptverursacher als auch als Notleidende. 70 bis 80 Prozent der klimaschädlichen Emissionen werden in Städten erzeugt.15 Wetterextreme, Ressourcenknappheit, der Anstieg des Meeresspiegels und die Ausbreitung von Krankheiten treffen die Weltmetropolen16 mit ihren Millionen von Einwohnern am stärksten. Ob die Bewältigung des Klimawandels und der Urbanisierung gelingt oder scheitert, wird sich in den Global Cities entscheiden. Denn die Menschheit ist angekommen im Zeitalter der Städte, so Generalsekretär der United Nations (UN), Kofi Annan 2001 bei einer Sondertagung der Generalversammlung zur zweiten UN-Konferenz über das globale Siedlungs- und Wohnungswesen (Habitat II).17 Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. 2009 lebten zum ersten Mal 50 Prozent der Menschen weltweit in Städten.18 Prognosen gehen bis 2050 von einem Anstieg auf 70 Prozent aus. Die Weltbevölkerung wird bis zu diesem Zeitpunkt voraussichtlich auf 9,6 Mrd. Menschen anwachsen.19 2014 zählten die UN 28 sogenannte Megastädte20 mit mehr als 10 Mio. Einwohnern. Unter diesen sind zwei europäische Städte: Paris und London. In der Agglomeration der britischen Hauptstadt lebten 2014 über 10,2 Mio. Einwohner und damit mehr Einwohner als in einem Land wie Schweden mit 9,6 Mio. Menschen. Für das Jahr 2030 erwarten die UN einen Anstieg auf 41 Megastädte.21 Funktion und Rolte, Ausgabe 106. Siehe auch: BMU (2008b): Megatrends der Nachhaltigkeit. Unternehmensstrategie neu denken, Berlin sowie WBGU (2011): Globale Megatrends, Factsheet Nr. 3. In den Abkürzungen wird berücksichtigt, dass das BMU bis 2013 Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit und seitdem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit heißt. 15 Siehe: IBRD (2010): Cities and Climate Change: An Urban Agenda, Urban Development Series Knowledge Papers, Volume 10, S. 15 sowie: IPCC (2014d): ADP Technical Expert Meeting: Urban Environment, Statement by Renate Christ, Secretary of the Intergovernmental Panel on Climate Change, vom 10. Juni 2014. 16 Der Begriff der Metropole ist antiken Ursprungs und steht für die Mutterstadt. Diese war der Ausgangspunkt der Kolonisation weiterer Städte. Bis heute sind Metropolen Zentren politischer Macht und fungieren als Ort, an dem wichtige Entscheidungen gefällt werden. Vgl. Matznetter, Walter/ Musil, Robert (2011): Einleitung, in: Ders. (Hrsg.): Europa: Metropolen im Wandel, Wien, S. 9. 17 Siehe: UN (2001): World entering „Urban Millennium“, Secretary-General Tells, Opening Meeting of Habitat Special Session, Pressemitteilung vom 6. Juni 2001. 18 Vgl. UNDESA (2009): World Urbanization Prospects. The 2009 Revision, Highlights, S. 1. 19 Vgl. UN-Habitat (2010): State of the World’s Cities 2010/2011. Bridging the Urban Divide, S. IX. 20 Eine Megacity ist, „i.d.R. [ein] ökonomisches und politisches Zentrum mit subglobal ausgeprägtem Bedeutungsüberschuss, das Fixpunkt von Informations- und Verkehrsströmen ist […].“ Siehe: Gabler Wirtschaftslexikon (2005c): Band 5, Wiesbaden, 16. vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage, S. 2022. In der Ökonomie wird zudem zwischen Megacity und Metropole unterschieden. Letztere weist das Charakteristikum auf, das sie die Hauptstadt eines Landes ist. Dies muss in der ökonomischen Begriffsbestimmung für eine Megacity nicht zwangsläufig zutreffen. Anders als die Megacities, die oftmals nur nationale Zentren sind, hat die Global City eine Schlüsselfunktion als Knotenpunkte der Weltwirtschaft inne. 21 Siehe: UNDESA (2014): World Urbanization Prospects. The 2014 Revision, Highlights, S. 2, S. 23 und S. 26. Die Zahlen der UN beziehen sich auf Londons Agglomeration, d.h. das Einzugsgebiet der Stadt, das die angrenzenden Vorstadtgebiete einschließt. Damit ist dieses Gebiet größer als Greater London, das 1.572 Quadratkilometer umfasst. Siehe: World Energy Council (2010): Energy and Urban Innovation 2010, S. 105 und S. 18 und GLA (d): Land Area and Population Density, Ward and Borough. In Abhängigkeit der verwendeten Definition unterscheiden sich die Einwohneranzahlen in London daher in Wissenschaft und Forschung. Bezieht sich die Einwohnerzahl für London in der vorliegenden Studie auf die Agglomeration, wird dies benannt. A Einleitung 4 le von Städten drücken sich jedoch nicht rein über quantitativ messbare Kriterien wie Einwohnerzahlen aus. Urbanisierungsdynamik, Globalisierungseffekte und Klimafolgen kumulieren zu einem neuen strategischen Selbstverständnis der Städte. Besonders deutlich wird dies anhand der Entwicklung Londons. Die britische Metropole an der Themse zählt nicht nur seit den frühen Anfängen der Global City-Forschung neben New York und Tokio zu den führenden Städten dieser Welt. Das Bemerkenswerte an London ist die Tatsache, dass die Stadt von 1986 an 14 Jahre lang keine Stadtregierung und -verwaltung hatte. Nachdem die britische Hauptstadt im Jahr 2000 unter der Labour-Regierung Tony Blairs ihre Stimme zurückerhalten hatte, ist nach kürzester Zeit ein intensives transnationales, politisches Engagement ihres ersten Bürgermeisters22, Ken Livingstone, festzumachen. Dies verwundert vor allem insofern, als dass die lokale Ebene gerade in einem zentralistischen Staat wie Großbritannien23 existentiell abhängig ist von Autonomiezugeständnissen seitens des Nationalstaates. Selbst dann aber gelten die Bedingungen des ultra vires-Prinzips24. Und doch war es gerade Livingstone, der 2005 eines der wichtigsten globalen Städtenetzwerke im Bereich des Klimaschutzes, die C40 Cities Climate Leadership Group (C40), ins Leben rief und damit auf internationaler Ebene eine Vorreiterrolle übernahm. War Klimapolitik Anfang der 1990er Jahre noch ein politisches Randthema in London, hat sie sich bis zu Beginn des 21. Jahrhunderts zum wichtigsten Querschnittsthema des local government entwickelt.25 Ausdruck der Internationalisierung städtischer Politik ist das relativ junge Phänomen transnationaler Städtenetzwerke. Ihre Qualität der kommunalen26 Interessenvertretung unterscheidet sich wesentlich von internationalen 22 Der Begriff des Bürgermeisters wird in der vorliegenden Arbeit als Synonym für Stadtoberhaupt verwendet. Ausnahmen sind im Fließtext entsprechend benannt. Zur Vereinfachung des Leseflusses wird bei personenbezogenen Begriffen die männliche Form verwendet, die jedoch auch für die weibliche Form Gültigkeit besitzt. Auf die Nennung akademischer Titel im Fließtext wird aus den gleichen Gründen verzichtet. 23 Historisch gesehen bilden England, Schottland und Wales zusammen Great Britain. Der Gesamtstaat, (United Kingdom, UK), schließt Nordirland mit ein. Zwischen den Regionen bestehen Unterschiede in ihrer Entwicklung. Dies gilt besonders für die kommunale Ebene (local government). Daher bezieht sich die vorliegende Untersuchung im Folgenden auf England, auch wenn von Großbritannien oder dem Vereinigten Königreich gesprochen wird. Der Begriff des local self government impliziert die politische Selbstbestimmung auf kommunaler Ebene. Eine Gleichsetzung mit kommunaler Selbstverwaltung greift inhaltlich zu kurz; der Begriff kommunale Selbstregierung würde aufgrund der hohen Bedeutung der Zentralregierung für die Entwicklung und Beschaffenheit des local (self) government zu weit fassen. Wird in Bezug auf Großbritannien dennoch von Kommunalverwaltung gesprochen, geschieht dies im Bewusstsein um die Übersetzungsschwierigkeiten und Besonderheiten der lokalen Autonomie in Großbritannien. Gleiches gilt für die Begriffe Stadtverwaltung und Kommunalpolitik. Die Termini Stadtverwaltung und Stadtregierung werden synonym verwendet. 24 Dieses besagt, dass den Kommunen Zuständigkeiten jederzeit qua Parlamentssouveränität wieder entzogen werden können. Parlamentsgesetze legen lokale Aufgaben fest, deren Änderung oder Auflösung aber in der Macht des Parlaments verbleibt. Vgl. Chandler, J. A. (2009): Local Government Today, Manchester und New York, 4. Auflage, S. 2 und 31. 25 Vgl. Clark, Greg (2015): The Making of a World City London 1991 to 2002, Chichester, S. 32. 26 Die Begriffe kommunal und städtisch bzw. Kommune und Stadt werden in der vorliegenden Arbeit synonym verwendet, da selbst in den Verwaltungswissenschaften eine heterogene Anwendung vorherrscht. Teilweise werden Städte und Gemeinden in Abhängigkeit ihrer Einwohnerzahl von der 1. Problemstellung 5 Städteverbänden27, deren Ursprung mit der Gründung der International Union of Local Authorities (IULA) bereits auf das Jahr 1913 zurückgeht. In Netzwerken sind Städte selbst Mitglieder, während sie in internationalen Dachverbänden durch nationale Verbände repräsentiert werden.28 Die ersten ihrer Art wie Eurocities29, die Union of the Baltic Cities30 und POLIS31 entstanden in den 1980er Jahren. Zunächst blieb ihre Arbeit aber ohne großes Echo. Die weiteren Entwicklungslinien sind gekennzeichnet durch ansteigende Mitgliederzahlen sowie eine funktionale Spezifikation und räumliche Ausdehnung des Agitationsfeldes. Dieser Akteurs- und Identitätsfindungsprozess gipfelte in der Manifestation eines politikfeldübergreifenden Machtanspruchs im Global Parliament of Mayors (GPM). Unbestritten in Wissenschaft und Politik ist die Bedeutsamkeit von Global Cities für die Weltwirtschaft als Knotenpunkte weltweiter Arbeitskräfte-, Finanz-, Waren- und Kommunikationsströme. Die Metamorphose einer Stadt zur Global City hängt in besonderem Maße von der Triebkraft von MNEs ab. Intensivierte Geschäftsaktivitäten seit dem Globalisierungs- und Technologieschub in den 1980er Jahren führten zur Dezentralisierung der Produktionsstandorte, die eine Zentralisierung der Koordinations- und Kontrollaufgaben erforderte. Auf diese Weise entstanden Global Cities als diejenigen wenigen Orte, in denen Globalisierung tatsächlich gemacht wird: Sie bieten hochentwickelte Dienstleistun- Kommune unterschieden, teilweise wird Gemeinde als Überbegriff verwendet, der beide Begriffe einschließt. Verbreitet gelten Gemeinde und Kommune auch als Synonyme. Vgl. Rubel, Bernd (2006): Organisatorische Gestaltung der Leistungsbeziehungen in Kommunalverwaltungen. Der Beitrag des New Public Management, Köln, S. 5. Die Gemeinde findet in der vorliegenden Analyse als kleinste territoriale Verwaltungseinheit inhaltlich wie begrifflich nur vereinzelt Berücksichtigung und wird dann entsprechend gekennzeichnet. Ansonsten werden Kommune und Stadt als synonyme Termini verwendet, die beide die Gemeinde miteinschließen. 27 Siehe weiterführend zur Definition, Vielfalt und Funktion von Verbänden generell: Sebaldt, Martin/ Straßner, Alexander (2004): Verbände in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Einführung, Wiesbaden, insbesondere S. 18–23. Zur Entwicklung der Verbändeforschung siehe: Sebaldt, Martin/Straßner, Alexander (Hrsg.) (2006): Klassiker der Verbändeforschung, Wiesbaden. 28 Vgl. Kern, Kristine (2001): Transnationale Städtenetzwerke in Europa, in: Schröter, Eckhard (Hrsg.): Empirische Policy- und Verwaltungsforschung. Lokale, nationale und internationale Perspektiven, Opladen, S. 97 und Münch, Claudia (2006b): Emanzipation der lokalen Ebene? Kommunen auf dem Weg nach Europa, Wiesbaden, S. 251. 29 Eurocities wurde 1986 von den Bürgermeistern der Städte Barcelona, Birmingham, Frankfurt, Lyon, Mailand und Rotterdam gegründet. Gegenwärtig ist der Zusammenschluss auf 39 europäische Städte angewachsen, die über 130 Mio. Menschen repräsentieren. Eurocities ist bestrebt, Einfluss auf die EU-Institutionen zu nehmen, mit dem Ziel, angemessene Rahmenbedingungen für die konkrete Lösung von Problemen auf lokaler Ebene zu schaffen und die Stellung von lokalen Regierungen in einer Multilevel-Governance-Struktur zu verbessern. Eurocities gilt als das „einzige relevante themen-übergreifende europäische Städtenetzwerk […].“ Harris, Martin (2010): Die Stadt Zürich als Mitglied von Eurocities. Beitritt und Aufbauarbeit 2007 bis 2009, S. 12. 30 Die Union of the Baltic Cities wurde 1991 gegründet und ist heute das führende Städtenetzwerk im Ostseeraum mit rund 100 Mitgliedern. Ziel ist eine nachhaltige, sichere und prosperierende Zukunft in den Städten. Vgl. Union of the Baltic Cities (o.J.): Home. Aufgrund der regionalen Fokussierung wird das Netzwerk in der vorliegenden Analyse der internationalen Tätigkeit von kommunalen Klimanetzwerken nicht weiter vertieft. 31 Im europäischen Netzwerk für städtische Mobilität, POLIS, arbeiten Städte und Regionen seit 1989 gemeinsam an nachhaltigen und zukunftsfähigen Lösungen in der Verkehrspolitik. Vgl. POLIS: About. A Einleitung 6 gen im Finanz-, Banken-, Beratungs- und Versicherungswesen, die Schlüsselfunktionen für die Steuerung globaler Unternehmenstätigkeiten innehaben. Im Kampf gegen den Klimawandel und für einen Akteursstatus auf Augenhöhe mit den Staats- und Regierungschefs positionieren sich Bürgermeister weltweit in kooperativen Städtenetzwerken. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat sich eine zweite Generation transnationaler Städtenetzwerke entwickelt, die aus dem Schattendasein ihrer Vorgänger der 1980er und 1990er Jahre heraustritt. Erneut waren es die Initiativen einzelner Bürgermeister, die den Grundstein für neue, handlungswilligere und handlungsfähigere Netzwerke legten.32 Betrachtet man ihre Gründungsphasen, sind klare macht- und interessengeleitete Motive zu erkennen. Livingstone wollte 2005 ein Gegengewicht zur G8 bzw. G20 schaffen, indem er die Bürgermeister der 18 führenden Weltstädte zum World Cities Leadership Summit33 nach London lud. Das Ergebnis war die Schaffung der C20 Large Cities Leadership Group, deren Mitgliedschaft auf Exklusivität angelegt war. Damit sollte sie sich von bereits bestehenden Verbänden wie United Cities and Local Government (UCLG)34 und ICLEI − Local Government for Sustainability (ICLEI)35 abheben.36 Eine exklusive Mitgliederanzahl kann zwar mit 91 Städten im Sommer 2017 nicht mehr als Alleinstellungsmerkmal gelten, einzelne Städte wie New York und London nehmen aber in historischer wie gegenwärtiger Betrachtung tragende Rollen ein. Seit der COP15 im Jahr 2009 haben die C40-Städte mehr als 10.000 kon- 32 Vgl. Kern, Kristine (2001): Transnationale Städtenetzwerke in Europa, in: Schröter, Eckhard (Hrsg.): Empirische Policy- und Verwaltungsforschung. Lokale, nationale und internationale Perspektiven, Opladen, S. 98. 33 Für eine Übersicht aller Klimakonferenzen von Staaten und Städten seit 1972 vgl. Tabelle 4: Chronologie der internationalen Klimapolitik von der Weltumweltkonferenz 1972 bis zur Vertragsstaatenkonferenz 2017 im Anhang dieser Arbeit. Die Tabelle verdeutlicht das gestiegene Engagement der Städte ab 1990. 34 2004 vereinigten sich Metropolis, der IULA und der United Towns Organization (UTO) zur United Cities and Local Government. Der Weltverband der Städte und Kommunen vertrat 2015 rund 240.000 Städte und Regionen und 175.000 Verbände wie den RGRE und den Deutschen Städteund Gemeindebund aus 140 Ländern, die mit ca. 5 Mrd. Menschen 70 Prozent der Weltbevölkerung umfassen. Siehe: Deutscher Städtetag (2017): UCLG, vom 21. Februar 2017 sowie RGRE (2016): UCLG, vom 23. November 2016 und UCLG (2015): 2015 Annual Report. United Cities: The Power of a World Organization. The Diversity of Local Action, S. 5 und Hoffschulte, Heinrich (2008): Die UNO-Leitlinien zur Dezentralisierung und Stärkung der Kommunen, Sankt Augustin und Berlin, 2. überarbeitete Auflage, S. 12. Aufgrund der Größenunterschiede britischer und französischer Kommunen wurde dieser Doppelname aus cities und local governments gewählt; Städte zählen aber freilich auch zu Kommunen. Im Deutschen wird die UCLG auch als Weltunion der Kommunen bezeichnet, da hier eine gesonderte Unterscheidung von Städten und Kommunen nicht nötig ist. 35 Der International Council for Local Environmental Initiatives wurde 1990 auf dem World Congress of Local Governments for a Sustainable Future von rund 200 lokalen Regierungen aus 43 Staaten begründet. Heute besteht der 2003 in ICLEI – Local Governments for Sustainability umbenannte Verband aus über 1000 Vollmitgliedern, zu denen Kommunen, Kreise, Regionen, Städte und Verbände zählen, die mehr als 660 Mio. Bürger in 85 Ländern repräsentieren. Ziel ist der Aufbau einer weltweiten Bewegung für eine nachhaltige Zukunft. Vgl. ICLEI (g): Members, ICLEI (e): About sowie ICLEI (2018b): World Congress 2018 und WCCD (o.J.): ICLEI. 36 Vgl. Hoffmann, Matthew J. (2011): Climate Governance at the Crossroads. Experimenting with a Global Response after Kyoto, Oxford, S. 74 und Hodson, Mike/Marvin, Simon (2010): World Cities and Climate Change. Producing Urban Ecological Security, Berkshire und New York, S. 107. 1. Problemstellung 7 krete Maßnahmen zum Schutz des Klimas unternommen37 Dabei folgen sie dem Leitsatz: While nations talk, cities act. Die Zeit sei reif für mehr „urban sovereignty“38. Als Ausdruck dieses neuartigen Selbstverständnisses erheben Bürgermeister insbesondere gegenüber Nationalregierungen ihre Stimme. US-Präsident Donald Trumps Ankündigung am 1. Juni 2017, aus dem Paris Agreement (Pariser Klimaabkommen) vom Dezember 2015 auszutreten,39 veranlasste 364 US-amerikanische Bürgermeister, sich gegen den Präsidenten zu stellen und weiter an den Klimazielen festzuhalten. Sanktionsschritte der US-Regierung in Form von Kürzungen der nationalen Finanzzuweisungen riefen eine internationale Städtesolidarität auf den Plan. So prüften britische Bürgermeister Möglichkeiten, ihren amerikanischen Pendants finanziell auszuhelfen. Auch auf Ministerebene wird die städtische Exekutivspitze als direkter Ansprechpartner gesehen. Die britische Klimaministerin, Claire Perry, ließ jüngst verlauten, man spreche in den USA mit anderen Akteuren als dem Präsidenten über die Zusammenarbeit im Kampf gegen den Klimawandel. Damit zielte sie unter anderem auf Sylvester Turner, den Bürgermeister von Houston, der zugleich stellvertretender Vorsitzender des Climate Mayors-Netzwerks ist.40 Heute fordern Bürgermeister eine Führungsrolle in der internationalen Klimapolitik ein. Die vorliegende Studie verortet die Gründe hierfür im Strukturwandel der Weltpolitik, der zu Beginn der 1990er Jahre eingesetzt hat. Das weltpolitische Ordnungsmuster der Unordnung setzt aktivierende Rahmenbedingungen für eine transnationale Politik substaatlicher Akteure. Als solche unterliegen Städte in ihrem Verhalten den Mechanismen des internationalen Systems und den Machtverhältnissen zwischen den Staaten. Dies erfordert ein Erklärungsmodell, das den Analysefokus auf die Ebene des internationalen Systems verlagert und dabei durchaus einen staatszentrierten Blickwinkel einnimmt, das aber in der Lage ist, die Rolle nichtstaatlicher und substaatlicher Akteure in der internationalen Politik analytisch zu integrieren und empirisch zu erklären. 37 Vgl. Aust, Helmut Philipp (2017): Das Recht der globalen Stadt, Tübingen, S. 294 sowie Acuto, Michele (2013a): Global Cities, Governance and Diplomacy. The Urban Link, London und New York, S. 116 und C40/ARUP (Hrsg.) (2015): Climate Action in Megacities 3.0. Networking Works, There Is No Global Solution Without Local Action, S. 6. 38 Rees, Marvin (2017): It’s Time for Cities to Lead, vom 4. Juli 2017. 39 Siehe: Garden, Rose (2017): Statement by President Trump on the Paris Climate Accord, vom 1. Juni 2017 und Milman, Oliver/Smith, David/Carrington, Damian (2017): Donald Trump Confirms US Will Quit Paris Climate Agreement, in: The Guardian vom 1. Juni 2017. 40 Dem Städtenetzwerk gehören 364 US-amerikanische Bürgermeister an, die 66 Mio. Amerikaner repräsentieren. Siehe: Climate Mayors (2017): 387 US Climate Mayors Commit to Adopt, Honor and Uphold Paris Climate Agreement Goals. Statement From The Climate Mayors In Response to President Trump’s Withdrawal From the Paris Climate Agreement, vom 1. Juni 2017. Aufgrund seiner regionalen Ausrichtung findet ees in der vorliegenden Analyse nur eine untergeordnete Berücksichtigung. A Einleitung 8 Fragestellung Dieser Befund wirft die Frage auf, warum Bürgermeister globaler Städte seit Mitte der 2000er Jahre ihre transnationalen Aktivitäten in der Klimapolitik verstärken. Die abhängige Variable (AV) ist damit die transnationale Politik einer Global City. Der Untersuchung liegt die zentrale Annahme zugrunde, dass mit dem Ende des Kalten Krieges neue Handlungsoptionen für die Politik globaler Städte entstanden sind. Innerhalb der internationalen Klimaarchitektur finden Anarchie, Hegemonie und Interdependenz als Grundbausteine einer Weltordnungsstruktur, in der auch Global Cities ihr Stück vom Kuchen fordern, ihren Niederschlag in besonderem Maße. Die zentrale Forschungsfrage der Studie lautet somit: Welche Faktoren beeinflussen die Transnationalisierung der Politik globaler Städte maßgeblich? Dieses Phänomen drückt sich im Bereich des Klimaschutzes durch die Gründung transnationaler Städtenetzwerke aus. Hieraus ergeben sich weitere Unterfragen: Warum gründen Bürgermeister transnationale Klimanetzwerke? Welcher Strategien bedienen sie sich und innerhalb welcher Strukturen handeln sie? Erste Anzeichen für einen Wandel des städtischen Selbstverständnisses sind zu Beginn der 1990er Jahre zu erkennen. Unipolarität und Multilateralismus hemmen sich in der Wirksamkeit, schließen sich aber per se nicht aus, wie die Beschlussfassung der United Nations Framework Convention on Climate Change (UNFCCC) 1992 gezeigt hat. Mit dieser vergrößerte sich auch der Einfluss der Städte in der internationalen Klimapolitik. Wie aber kann die Intensivierung des Engagements von Bürgermeistern Mitte der 2000er Jahre erklärt werden? In der vorliegenden Analyse wird davon ausgegangen, dass es neben systemischen Voraussetzungen als primäre Wirkungsgröße weitere Gründe für das Verhalten von Bürgermeistern geben muss. Die Vermutung ist, dass diese auf der subsystemischen Ebene liegen und die Faktoren Perzeption41 und Autonomie einen Effekt auf die abhängige Variable erzeugen. Forschungsstand Das Literaturspektrum zu Global Cities ist umfassend und vielfältiger Natur. Die Forschungsdiskussion über jene Städte, die nicht nur mehr als 10 Mio. Einwohner zählen, sondern zudem globale Command-and-Control- sowie Gateway-Funktionen in- 2. 3. 41 Wahrnehmung ist definiert als „Informationsaufnahme und -verarbeitung […], welche die individuellen Vorstellungsbilder der innerstaatlichen und außerstaatlichen Wirklichkeit außenpolitischer Entscheidungsträger prägt. […] Das Produkt eines außenpolitischen Perzeptionsprozesses ist ein Umweltbild […].“ Siehe: Schellhorn, Kai M. (1986): Wie entstehen außenpolitische Entscheidungen? In: Kindermann, Gottfried-Karl (Hrsg.): Grundelemente der Weltpolitik, München und Zürich, 3. erweiterte Neuauflage, S. 180–211. 3. Forschungsstand 9 nehaben,42 vollzieht sich interdisziplinär zwischen Soziologen, Stadt- und Humangeographen, Wirtschaftswissenschaftlern und Vertretern der lokalen Politikforschung. Sie eint der Blick auf die Global City als Ort der Globalisierung. Auf die Forschungsagenda des politikwissenschaftlichen Teilgebiets der IB hingegen haben es Global Cities erst in jüngster Zeit geschafft. Hierin liegt begründet, dass die Literatur zur Stellung globaler Städte innerhalb der Weltwirtschaft nahezu unüberschaubar ist, zu ihrer Rolle als Akteure der internationalen Politik hingegen erst allmählich anwächst.43 Für den Forschungsprozess bedeutete dies, bis an die Anfänge der Global- City-Forschung zurückzugehen, sich hierauf aufbauend einen Weg durch die reichhaltige Literatur zu transnationalen Akteuren zu bahnen, um schließlich die IB-Publikationen zur internationalen politischen Akteursqualität globaler Städte erschließen und im interdisziplinären Forschungskontext verordnen zu können. Die Ursprünge der Diskussion über die neuartige Rolle und Funktion von Städten im Kontext der Weltpolitik reichen bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts zurück.44 Der britische Stadtgeograph Peter Hall legte 1966 mit seinem Werk The World Cities den Grundstein der Weltstadtforschung. Seine Städteklassifizierung umfasste bereits neben wirtschaftlichen Charakteristika auch einen politischen Faktor: die Stadt als Zentrum politischer Macht. London beispielsweise attestierte Hall eine kosmopolitische Funktion, da es seine politische Bedeutung als Hauptstadt Großbritanniens und des Commonwealths zu einer der drei führenden Global Cities weltweit ausgedehnt hat. Die Geographen und Raumplaner John Friedmann und Goetz Wolff entwickelten 1982 diesen funktionalen Ansatz zwar entscheidend weiter, indem sie Messkriterien des Integrationsgrads einer Global City in die globale Wirtschaft festlegten, spitzen ihn aber gleichzeitig auf das besondere Gewicht der Konzernzentralen transnationaler Unternehmen zu: ihre Standortwahl bedingt eine neue Geographie des Kapitalismus, Global Cities sind Knotenpunkte innerhalb weltweiter Finanzströme, Firmen die wichtigsten Akteure innerhalb dieser Kommandostrukturen. Ihr Ansatz der World City Formation ist bestrebt, zwei verschiedene Forschungsstränge zusammenzuführen: die Weltsystemanalyse, zu deren wichtigsten Vertretern Imannuel Wallerstein, Samir Amin und Andre Gunder Frank zählen sowie die kritische Stadtforschung um David Harvey, Henry Lefebvre und den amerikanischen Soziologen Ma- 42 Der Command-and-Controll-Begriff wurde 1991 von Sassen geprägt und steht für die Steuerungsfunktion, die Global Cities als Hauptsitze zahlreicher Unternehmen weltweit und als Schaltzentralen globaler Finanz-, Waren-, Kapital- und Menschenströme einnehmen. Vgl. Sassen, Saskia (2005): The Global City: Introducing a Concept, in: Brown Journal of World Affairs, Volume XI, Issue 2, S. 34. In ihrer Gateway- Funktion fungieren Global Cities als Knotenpunkte des internationalen Verkehrs und Transports. Vgl. Gabler Witschaftslexikon (a): Global City. 43 Diese sind teilweise parallel zur vorliegenden Arbeit entstanden und erst jüngst veröffentlicht wurden. Siehe beispielsweise: Ljungkvist, Kristin (2016): The Global City 2.0. From Strategic Site to Global Actor, New York und Oxon sowie Clark, Greg/Moonen, Tim (2017): World Cities and Nation States, Oxford und Herrschel, Tassilo/Newman, Peter (2017): Cities as International Actors: Urban and Regional Governance Beyond the Nation State, London. 44 Vgl. Hall, Peter (1966): The World Cities, London. A Einleitung 10 nuel Castells.45 Die Entfaltung eines kapitalistischen Weltsystems vollzieht sich in den marxistisch und dependenztheoretisch beeinflussten Werken jenseits eines methodologischen Nationalismus, der den Nationalstaat unreflektiert zur Grundeinheit gesellschaftlicher Phänomene erhebt, aber auch jenseits der räumlichen Verflechtung globaler Schlüsselstädte und der Frage, in welcher Wechselwirkungen diese mit der globalen Ökonomie stehen. Friedmann und Wolff argumentieren, dass Verstädterung und Industrialisierung in diesem globalen Kontext aber nicht als isolierte Prozesse auf lokaler Ebene, sondern Städte vielmehr selbst als Triebkräfte der kapitalistischen Weltwirtschaft und Herzstücke der neuen internationalen Arbeitsteilung zu sehen sind.46 Auch für die amerikanische Soziologin, Saskia Sassen, ist die Stadt nur aus einer internationalen Perspektive heraus zu verstehen. Mit ihrem einflussreichen Werk The Global City verankerte sie 1991 die Global City als Globalisierungs-Größe sine qua non, deren Finanzzentrum zu einem machtvollen Player im Weltwirtschaftssystem erstarkt. Dabei verlagerte sie den unternehmenszentrierten Fokus von Friedmann und Wolff auf den Dienstleistungs- und Finanzsektor. Die globale Prävalenz dieses Sektors bedingt die Entstehung eines neuen Stadttypus, die Global City sowie einer transnationalen Städtehierarchie.47 Auf einer rein ökonomischen Definition fu- ßend schlussfolgert Sassen, dass sich Global Cities von nationalstaatlichen Regulierungen loslösen und zu geografischen Räumen mit strategischer Knotenpunktfunktion erwachsen, deren ökonomische Akteure das Entscheidungsmonopol der Staatsregierungen herausfordern. Die starke Fokussierung ökonomischer Funktionen der Global City-Forschung in den 1980er und 1990er Jahren zog viel Kritik auf sich, sodass sich Anfang des 21. Jahrhunderts eine komplexere Betrachtungsweise durchsetzte. In diesem Kontext wird auch von einer Erweiterung des Global City-Konzepts zu einem Mehrebenenansatz gesprochen. Dieser setzt die Rolle globaler Städte in einen größeren Zusammenhang mit relevanten Ebenen und Akteuren im internationalen System wie internationalen Organisationen, transnationalen Netzwerken und dem Nationalstaat, als dominante und wichtigste Einheit der internationalen Beziehungen. Aus der Annahme, dass die Funktionen der Global City nicht vor ihren Stadttoren enden, sondern auf das Umland ausstrahlen, entwickelte sich der Forschungsstrang der Global City Region. Dabei steht die geographische Dimension der Regionalisierung als Auswirkung der Globalisierung im Zentrum des Interesses. In ihrer Vernetzung mit anderen Regionen wird die Stadt nach Allen J. Scott als räumliche Entität zu 45 Siehe: Brenner, Neil (2009): What is Critical Urban Theory, in: City, Volume 13, Issue 2–3, S. 198. Brenner ist Professor für Urban Theory an der Harvard Graduate School of Design in Cambridge. In seinem jüngsten Werk setzt er sich mit der Notwendigkeit und den Facetten einer kritischen Stadttheorie auseinander. Vgl. Brenner, Neil (2017): Critique of Urbanization: Selected Essays, Basel. 46 Vgl. Friedmann, John/Wolff, Goetz (1982): World City Formation. An Agenda for Research and Action, in: International Journal of Urban and Regional Research, No. 6, Issue 3, S. 309–344 sowie Massey, Doreen (1979): In What Sense a Regional Problem? In: Regional Studies, Volume 13, S. 233–243 und Massey, Doreen (1995): Spatial Divisions of Labour. Social Structures and the Geography of Production, New York. 47 Siehe: Sassen, Saskia (1991): The Global City: New York, London, Tokio, Princeton-New Jersey, S. 3f. sowie Michel, Boris (2017): Saskia Sassen: The Global City, in: Eckardt, Frank (Hrsg.): Schlüsselwerke der Stadtforschung, Wiesbaden, S. 43f. 3. Forschungsstand 11 einem internationalen politischen Akteur.48 Aufschwung erfuhr ebenso das Konzept der Polyzentralität. Anders als bei der monozentrischen Metropole, die in die beiden Sphären Zentrum und Peripherie aufgegliedert ist, zeichnet dieses das Bild mehrerer miteinander verflochtenen regionalen Knotenpunkte. Für die Politikwissenschaft werfen diese Regionalisierungsprozesse Fragen nach der Regierbarkeit und Steuerungsfähigkeit dieser neuen räumlichen Einheiten auf. Stadtregionale Strukturen sind so zum Gegenstand der Metropolitan Governancegeworden.49 Im Analysefokus stehen hierbei die lokale und regionale Politikgestaltung sowie Machtakkumulationssprozesse im Kontext von Kooperationsformen zwischen öffentlichen und privaten Akteuren (Public Private Partnerships, PPP50). Die Urban Regime Theory ist eines der prominentesten Paradigmen innerhalb der Urban Governance-Forschung, in dessen Kontext der Public Choice-Ansatz zu verorten ist.51 Der Städtevernetzung in internationaler Perspektive hingegen nimmt sich das World City- bzw. Global City-Netzwerk-Konzept an. Dieses steht in unmittelbaren Zusammenhang mit einem zentralen Gedankenkonstrukt in der Global City-Forschung: der Annahme, dass die einzelne Global City an sich nicht existiert, wie Sassen 2001 argumentierte. Ihre Gestalt ist demnach vielmehr konzeptueller Natur, die einzelne Global City nur ein Teil eines globalen Städtenetzwerkes. Erst in der Verknüpfung mit anderen Global Cities erlangt sie die ihr wesenseigenen Funktionen. Ihre Wirkkraft übersteigt nationalstaatliche Grenzen. Dieses Netzwerk lässt einen Raum entstehen, den Castells Raum der Ströme nennt. Innerhalb dieses Raums finden Interaktions- und Austauschprozesse statt, die 48 Vgl. Scott, Allen J. et al. (2001): Global City-Regions, in: Scott, Allen J. (Hrsg.): Global City-Regions. Trends, Theory, Policy, Oxford und New York, S. 14. 49 Vgl. Kloosterman, Robert C./Musterd, Sako (2001): The Polycentric Urban Region: Towards a Research Agenda, in: Urban Studies, Volume 38, No. 4, S. 623–633 und Growe Anna/Lamker, Christian (2012): Polyzentrale Stadtregion − Die Region als planerischer Handlungsraum, in: Growe, Anna et al. (Hrsg.): Polyzentrale Stadtregion − Die Region als planerischer Handlungsraum, Hannover, S. 3ff. 50 Der Begriff der öffentlich-privaten Partnerschaft steht für Kooperationsformen, in denen mindestens ein öffentlicher und ein privater Akteur zusammenarbeiten. Vgl. Gabler Wirtschaftslexikon (2005d): Band 6, Wiesbaden, 16. vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage, S. 2455. PPPs lassen sich generell in zwei Hauptgruppen einordnen. PPP-Modelle der ersten Gruppe zielen vor allem auf eine finanzielle Lastenteilung zwischen öffentlichem und privatwirtschaftlichem Akteur. Vgl. dazu beispielsweise die in den 1990er Jahren eingeführte Private Finance Initiative unter der konservativen Regierung Majors. Der zweite PPP-Typus ist hingegen stärker normativ ausgerichtet und strebt synergetische Kooperationsgewinne an. Vgl. Gerstlberger, Wolfgang/Schmittel, Wolfram (2004): Public Private Partnership als neuartiges Regelungsmuster zwischen öffentlicher Hand und Unternehmen, Düsseldorf, S. 24ff. Öffentlich-private-Partnerschaften treten in allen öffentlichen Aufgabenbereichen wie Verkehr, Wohnungsbau, Bildung, Kultur, Stadtplanung und Sicherheit auf. Kommunen wollen auf diese Weise Geld in die Kassen spülen. Kritiker sehen in dieser graduellen Privatisierung die Gefahr eines Steuerungs- und Kontrollverlusts des Staates. 51 Die Urban Regime Theory denkt Macht nicht mehr in Herrschaftsverhältnissen. Macht ist keine gegebene Größe, sondern entsteht durch soziale Interaktionsprozesse. Dieser Sichtweise schließt sich auch das Urban Governance-Konzept an. Siehe: Stoker, Gerry (1998a): Regime Theory and Urban Politics, in: Judge, David/Stoker, Gerry/Harold Wolman (Hrsg.): Theories of Urban Politics, London u.a., S. 69f. und Moosberger, Karen/Stoker, Gerry (2001): The Evolution of Urban Regime Theory, in: Urban Affairs Review, Volume 36, No. 6, S. 812 sowie Koch, Florian (2009): Die europäische Stadt in Transformation. Stadtplanung und Stadtentwicklungspolitik im postsozialistischen Warschau, Berlin (Dissertation), S. 103. A Einleitung 12 die Logik und Funktion der Orte durchbrechen, sodass auch die Funktion der Global City als Ort in den Hintergrund rückt. Castells zufolge ist die globale Stadt daher kein Ort, sondern ein Prozess, der die lokalen Gesellschaften zu einem internationalen Netzwerk verknüpft. Nicht die Finanzzentren der Global Cities schaffen einen globalen Finanzmarkt, sondern dieser selbst teilt Orten durch seine Kapitalströme und daraus entstehenden globalen Netzwerken neuartige Rollen zu.52 Aufgrund der sich hieraus ergebenden definitorischen Schwierigkeiten bei der territorialen Grenzziehung einer Global City respektive Global City Region blieb die Wissenschaft lange Zeit empirische Daten schuldig. Einen Ausweg aus dem methodischen Dilemma lieferte das Forscherteam des Globalization and World Cities (GaWC)-Think Tank im Jahr 1999. Als Messkriterien dienen Niederlassungen international tätiger Dienstleister (global service firms) des Finanzsektors, der Unternehmens- und Steuerberatung, des Rechtswesens und der Werbebranche. Um in die Erhebungen aufgenommen zu werden, muss ein Unternehmen in mindestens 15 verschiedenen Städten präsent sein, verteilt auf Nordamerika, Westeuropa und die Asien-Pazifik-Region. Die Firmensitze des bereits bei Sassen dominierenden FIRE53-Sektors formieren ein Netzwerk, innerhalb dessen Städte als Knotenpunkte fungieren. Von 122 untersuchten Städten wurden auf drei abgestuften Ebenen − Alpha World Cities, Beta World Cities und Gamma World Cities − 55 World Cities ausgemacht. Hatte die Klassifizierung Halls und Sassens von London, New York und Tokio als die führenden Weltstädte noch zu der verbreiteten, irrtümlichen Annahme geführt, nur diese großen Drei seien Global Cities, war nun schwarz auf weiß festgehalten und empirisch belegt, dass sich das Global City-Netzwerk aus mehreren Städten auf der ganzen Welt zusammensetzt, wenn auch mit je unterschiedlicher Gewichtung für die Weltökonomie. Erneut wird aber damit die Handlungsfähigkeit der Global City vorrangig in ökonomischen Dimensionen und im Kontext des globalen kapitalistischen Systems bewertet. Somit steht die quantitative Messung des ökonomischen Verflechtungsgrades zwischen Global Cities als den Schaltstellen des neoliberalen Globalisierungsprozesses im Zentrum des Netzwerkansatzes. Globalisierung wird als makroökonomische Struktur angesehen, in die sich lokale Akteure einzubetten haben.54 Die Stadtforschung hat zwar herausgearbeitet, dass es beim lokalen Regieren um mehr geht als um wirtschaftlichen Fortschritt und Prosperität, entscheidungspolitische Aspekte und soziale Dynamiken auf lokaler Ebene wurden jedoch weitestgehend separiert von transnationalen Interaktionsprozessen thematisiert. Zu den bedeutendsten Stadtforschern der Gegenwart, die versuchen, die ökonomisch-funktionale Perspektive der Global City-Forschung um ge- 52 Vgl. Castells, Manuel (2017): Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft. Das Informationszeitalter. Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur, Band 1, Wiesbaden, 2. Auflage, S. 503 und Castells, Manuel (2001): Das Informationszeitalter I. Die Netzwerkgesellschaft, Opladen, S. 468. Die vorliegende Arbeit versteht unter Global City, geachtet der begrifflich-konzeptionellen Besonderheiten, eine territorial abgrenzbare Entität mit eigenen Verwaltungs- und Regierungsstrukturen innerhalb eines Nationalstaates. 53 Diese Abkürzung steht für: Finances, Insurances and Real Estate. 54 Ljungkvist, Kristin (2014a): The Global City 2.0. An International Political Actor Beyond Economism? Uppsala (Dissertation), S. 51. Ljungkvist untersucht diese ökonomische Prädominanz innerhalb eines konstruktivistischen Forschungsprogramms, das die ökonomische Komponente nicht als gegeben hinnimmt. 3. Forschungsstand 13 sellschaftliche Faktoren sowie die intrinsische Stadtforschung um politische Aktionsebenen zu erweitern, zählen Miriam Greenberg55, Neil Brenner, Neil Smith56, Margit Mayer57, Roger Keil58 und Bob Jessop59. Ihre Hauptkritikpunkte beziehen sich darauf, dass Städte nicht nur Orte der Globalisierung sind, sondern Stadtregierungen wirtschaftliche Ergebnisse aktiv beeinflussen können. Darüber hinaus wird die fehlende Rolle der Politik in bisherigen Analysen thematisiert. Eine Stadt zu regieren bedeute mehr als die notwendigen Dinge wie Daseinssicherung und Schutz der Bürger bereitzustellen. In dieser Aufgabe liege etwas Schöpferisches, d.h. gestalterische Handlungschancen.60 Damit wird die lange Zeit ökonomisch gelastete Global City-Forschung durch eine stärkere Fokussierung auf politische Fragestellungen erweitert. Bestrebungen der ökonomischen Aufladung des Global City-Terminus begrifflich zu entkommen, haben zudem zur Entwicklung neuer Konzepte wie international city61, cosmo- 55 Greenberg ist Professorin für Soziologie an der University of California, Santa Cruz. Ihre aktuelle Publikation befasst sich mit den sozialen Schwierigkeiten von unternehmerischer Stadtplanung. Vgl. Greenberg, Miriam/Lewis, Penny (Hrsg.) (2017): The City is the Factory. New Solidarities and Spatial Strategies in an Urban Age, Ithanca und New York. 56 Smith beschäftigt sich als Geograph u.a mit der Problematik ungleicher räumlicher Entwicklung sowie mit den Interdependenzen von Gentrifizierung, Neoliberalismus und Globalisierung. Vgl. beispielsweise Smith, Neil (2002): New Globalism, New Urbanism: Gentrification as Global Urban Strategy, in: Antipode, Volume 34, Issue 3, S. 434–457. 57 Mayer ist Emerita am Department für Political Science der Freien Universität Berlin. Sie forscht unter anderem zum Wandel lokaler Politikforschung aufgrund eines erweiterten Agitiationsraums der Kommunen, der die Entwicklung eines Lokalstaats im Kontext städtischer Bewegungen vorantreibt. Vgl. beispielsweise Mayer, Margit (1991): Neue Trends in der Stadtpolitik − eine Herausforderung für die Lokale Politikforschung, in: Blanke, Bernhard/Bernzler, Susanne (Hrsg.): Staat und Stadt. Systematische, vergleichende und problemorientierte Analysen „dezentraler“ Politik, Wiesbaden, insbesondere S. 55. Eine Gemeinschaftspublikation von Mayer und Brenner ist beispielsweise: Mayer, Margit/Brenner, Neil/Marcuse, Peter (Hrsg.) (2012): Cities for People, Not for Profit: Critical Urban Theory and the Right to the City, London und New York. 58 Keil lehrt und forscht an der Faculty of Environmental Studies der York University in Toronto mit einem Schwerpunkt auf politischer Steuerung globaler Städte. Ebenfalls in Zusammenarbeit mit Brenner ist 2006 erschienen: Roger, Keil/Brenner, Neil (Hrsg.) (2006): The Global Cities Reader, London und New York. 59 Jessop konzentriert sich unter anderem auf die Zukunft des Staates. Vgl. sein aktuelles Werk: Jessop, Bob (2016): The State. Past, Present, Future, Cambridge. 60 Vgl. darüber hinaus: Savitch, Hank V./Kantor, Paul (2004): Cities in the International Marketplace. The Political Economy of Urban Development in North America and Western Europe, Princeton, S. 346ff. Hier wird deutlich, dass Städte nicht nur Objekte des internationalen Marktes sind, sondern dass sich Stadtregierungen aktiv am Wettbewerb der globalen Weltwirtschaft beteiligen und nicht vor nationalstaatlichen Grenzen halt machen. Siehe auch: Orr, Marion/Johnson, Valerie (2008): Power in the City: Clarence Stone and the Politics of Inequality, Lawrence. 61 Vgl. Abbott, Carl (1997): The International City Hypothesis. An Approach to the Recent History of U.S. Cities, in: Journal of Urban History, Volume 24, No. 1, S. 28–52. A Einleitung 14 polis62, ordinary cities63 und reflexive city64 geführt. Innerhalb der Urban Politics kann somit eine progressive Forschungsentwicklung dahingehend ausgemacht werden, dass Stadtentwicklungsprozesse auf lokaler Ebene mit gesellschaftspolitischen Veränderungen auf globaler Ebene verknüpft werden.65 Die Frage der internationalen Akteursqualität von Städten wird dabei allerdings schwerpunktmäßig aus einer urbanen Perspektive heraus beleuchtet. Diese bringt viel über die lokalen Triebkräfte eines transnationalen städtischen Engagements wie Standortattraktivität und internationale Wettbewerbsfähigkeit zu Tage. Dynamiken und Mechanismen des internationalen Systems werden dabei jedoch außen vorgelassen, sodass potentielle Interdependenzen im Dunkeln verborgen bleiben. Wenn aber Städte ebenso wie Staaten „enabled and constrained by the power of states and the state system“66 sind, ist es für die Klärung der Frage, welche Faktoren die Transnationalisierung der Klimapolitik globaler Städte maßgeblich beeinflussen, elementar, nach der Beschaffenheit der internationalen Ordnung sowie Bedingungen und Möglichkeiten der Teilhabe nichtstaatlicher und substaatlicher Akteure an der internationalen Politik zu forschen. Dies sind Kernthemen der IB. Zu fragen ist unter anderem nach der Rollenverteilung und Interaktion zwischen internationalen Organisationen und Staaten sowie danach, welchen Status Städte und transnationale Städtenetzwerke in diesem Schauspiel einnehmen: Statist, Komparse oder Protagonist? Die Erkenntnis, dass „[i]t is at that point that the resources of other academic disciplines − political science and IR in particular − need to be drawn upon as these have a well-established track record of conceptualising and analysing ‚internationality‘, albeit from a predominantly heavily state-centric vantage point“67 verankert sich Schritt für Schritt in den IB, da eine Urbanisierung des internationalen Systems und eine Internationalisierung der urbanen Ebene zu konstatieren sind. Diesen Entwicklungen voran steht das Phänomen transnationaler Akteure, das spätestens seit den 1990er Jahren fest im Forschungsinteresse der IB verankert ist. Bisherige Analysen in diesem Bereich beziehen sich auf transnationale Experten-, Beratungs- und Lobbynetzwerke, Advocacy-Netzwerke68, internationale Organisationen (International Governmental Organizations, IGOs) und internationale Akteure priva- 62 Vgl. Isin, Engin F. (2002): Being Political. Genealogies of Citizenship, Minneapolis, S. 254ff. und 267. Die Global City wird als politische Entität konstruiert, in dem sich durch das Zusammentreffen zahlreicher Menschen mit verschiedenen Hintergründen neuartige Bürgerrechte herausbilden. 63 Der Begriff ordinary city betont die kulturelle Vielfalt einer Stadt. Amin, Ash/Graham, Stephen (1997): The Ordinary City, in: Transactions of the Institute of British Geographers, Volume 22, Issue 4, S. 411–429. 64 Storper spricht von reflexive human actors und der Bedeutung sozialer Prozesse für städtische Wirtschaftszentren. Vgl. Storper, Michael (1997): The Regional World, Territorial Development in a Global Economy, New York, insbesondere S. 28, 222 und 247ff. 65 Vgl. Lossau, Julia (2012): Spatial Turn, in: Eckardt, Frank (Hrsg.): Handbuch Soziologie, Wiesbaden, S. 185. 66 Curtis, Simon (Hrsg.) (2014): The Power of Cities in International Relations, New York und London, S. 29. 67 Herrschel, Tassilo/Newman, Peter (2017): Cities as Interational Actors: Urban and Regional Governance Beyond the Nation State, London, S. 12. 68 Vgl. Keck, Margaret/Sikkink, Katherine (1998): Activists Beyond Borders. Advocacy Networks in International Politics, Ithaca und New York. 3. Forschungsstand 15 ter Autorität69 wie multinationale Unternehmen, Finanzinstitute, religiöse Terroristenvereinigungen und Banden organisierter Kriminalität.70 Erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts rückt das Phänomen des transnationalen Handelns von Global Cities vermehrt in das Interesse von Theoretikern der IB. Zunächst wurde die Frage diskutiert, ob die Analyse von Global Cities überhaupt wichtig ist, um die gegenwärtige Weltwirklichkeit zu verstehen. So wurde auf dem Jahrestreffen der International Studies Association im Jahr 2005 die Frage gestellt: „[…] how far cities are adequate and productive units of analysis for global studies?“ und „how relevant is the analysis of cities for understanding the contemporary world?“71 Die Wissenschaft näherte sich der Beantwortung dieser Frage mit der Untersuchung der Stadt in ihrer Funktion als ökonomischem und politischem Akteur. Bereits 2003 wurde am Lehrstuhl für IB des Osteuropa-Instituts unter Leitung von Klaus Segbers die Stadt als ökonomischer Akteur und die städtische Regierung in ihrer Eigenschaft als globale politische Einheit untersucht. Die einzelnen Ergebnisse innerhalb des Forschungsprojekts könnten jedoch gegensätzlicher nicht sein. Weitgehende Einigkeit besteht zwar dahingehend, dass Städte und Stadtregionen nur dann Einfluss auf globale Dynamiken nehmen können, wenn entsprechende Institutionen geschaffen werden, durch die eine unmittelbare Beteiligung an der internationalen Entscheidungsfindung gewährleistet ist. Als Hindernisse für eine solche Institutionalisierung des städtischen Engagements wird die Akteursvielfalt und Ungleichheit unter Städten und Regionen angeführt. Doch selbst wenn diese organisatorischen Bedingungen erfüllt wären, schließt die Analyse von Martin Blaschke damit, dass „[…] die Stadtregion nicht zu einem globalen politischen Akteur werden [wird].“72 Als Gründe werden Interessensdivergenzen und Wirkungsmächte der politischen Entscheidungshierarchie angeführt.73 Cosima Strasser hingegen stellt in ihrem Schlusswort zur Zukunft der Metropolen die Entwicklung eines eigenen Akteursstatus und damit „Metropolen als eigenständige Akteure in einer globalisierten Welt“74 in Aussicht. Die Staaten könnten hierbei „weder vermittelnd noch blockierend agieren […].“75 Diese unterschiedlichen Analyseergebnisse machen 69 Vgl. Cutler, A. Claire/Haufler, Virginia/Porter, Tony (1999): Private Authority and International Affairs, Albany. 70 Vgl. Hall, Rodney Bruce/Biersteker, Thomas J. (2002): Emergence of Private Authority in Global Governance, in: Ders. (Hrsg.): The Emergence of Private Authority in Global Governance, Cambridge, S. 203–222 sowie Büthe, Tim (2004): Governance through Private Authority: Nonstate Actors in World Politics, in: Journal of International Affairs, Volume 58, Issue 1, S. 281–290 und Barnett, Michael/Finnemore, Martha (1999): The Politics, Power and Pathologies of International Organizations, in: International Organization, Volume 5, No. 4, S. 699–732. 71 Amen, Mark et al. (Hrsg.) (2011c): Cities and Global Governance. New Sites for International Relations, Farnham und Burlington, Preface und Acknowledgements. 72 Blaschke, Martin (2003): Konkurrenz für den Nationalstaat? Die globale Stadtregion als politischer und ökonomischer Akteur, in: Raiser, Simon/Volkmann, Krister (Hrsg.): Die neue Welt der Städte. Metropolen in Zeiten der Globalisierung, Arbeitspapiere des Osteuropa-Instituts der Freien Universität Berlin, Heft 48, Berlin, S. 45. 73 Vgl. ebd., S. 44f. 74 Strasser, Cosima (2003): Was bringt das neue Jahrtausend? Die Zukunft der Metropolen, in: Raiser, Simon/Volkmann, Krister (Hrsg.): Die neue Welt der Städte. Metropolen in Zeiten der Globalisierung, Arbeitspapiere des Osteuropa-Instituts der Freien Universität Berlin, Heft 48, Berlin, S. 79. 75 Ebd., S. 77. A Einleitung 16 deutlich, dass weiterer Forschungsbedarf nötig ist, um zu fundierten Aussagen über die transnationale Akteursqualität von Städten zu kommen. IB-Wissenschaftler arbeiteten heraus, dass Innovationen in den Theorien der IB notwendig sind, um anhand weiterer Fallstudien mehr über die Verflechtungen der lokalen und globalen Ebene herauszuarbeiten. Die Analyse von Global Cities ermögliche eine eklektische Trendwende und holistische Sichtweise in den IB, die aufgrund der Komplexität der internationalen Politik im 21. Jahrhundert für nötig erachtet wird, um differenziertere Analysen durchführen zu können. Eine multiskalare Blickweise auf das internationale System erweitere den Horizont des Fachs.76 Ein solches Vorgehen erfordert eine multidisziplinäre Sichtweise, um nicht Gefahr zu laufen, bisherige Ergebnisse der Global City-Forschung zu übersehen, da diese originär aus den Wissenschaftsbereichen Soziologie und lokaler Politik- bzw. Stadtforschung stammen. Analyseraster im Bereich der IB sind aufgrund des frühen Anfangsstadiums, in dem sich die Forschung befindet, jedoch sehr ungenau. Die Theoriebildung über Global Cities als Akteure der internationalen Beziehungen erfolgt im Kontext der Wandlung des internationalen Ordnungssystems. Globale Städte wurden zunächst nicht als aktiver Teil dieser Revolution berücksichtigt. Vielmehr wurden sie als Orte charakterisiert, die zu Knotenpunkten77 der globalen Ströme von Menschen, Waren, Kapital und Dienstleistungen werden, die aber selbst keine Handlungsqualität haben. Dazu wurden Erkenntnisse aus der soziologischen Stadtforschung auf politikwissenschaftliche Untersuchungen übertragen. So haben Kent E. Calder und Mariko de Freytas der Logik Sassens folgend, die Global City als Ort charakterisiert, an dem sich politische Macht sammelt, aber nicht ausgeübt wird. Dies entspricht allerdings einer reinen funktionalen Gleichsetzung der Global City als „policy hub“78 in Anlehnung an Sassens economic hub79. Das gestiegene Engagement von Stadtregierungen in der internationalen Politik kann mit dieser Schlussfolgerung nicht mehr hinreichend erklärt werden. Jüngere wissenschaftliche Arbeiten untersuchen Global Cities daher auch dahingend, was einen Akteur kennzeichnet: seine aktive, zielgerichtete Handlungsfähigkeit (agency). In diesem Bereich ragen die Forschungsarbeiten des Politikwissenschaftlers Michele Acuto vom University College London heraus. Seine Argumentation lautet, dass die transnationalen Aktivitäten von 76 Vgl. Acuto, Michele (2013a): Global Cities, Governance and Diplomacy: The Urban Link, New York, S. 2. 77 Friedmann verwendete 1986 in seiner Weltstadthypothese erstmalig den Begriff des node im Zusammenhang mit seiner hierarchischen Gliederung der bedeutsamsten Städte der Weltwirtschaft. Die Bezeichnung von Weltstädten als Knotenpunkte hat sich in der Folge in der Forschung etabliert. Vgl. Friedmann, John (1986): The World City Hypothesis, in: Development and Change, Volume 17, No. 1, S. 72. 78 Calder, Kent E./De Freytas, Mariko (2009): Global Political Cities as Actors in Twenty-First Century International Affairs, in: SAIS Review of International Affairs, Volume 29, No. 1, S. 81 und 94. Vgl. zudem: Acuto, Michele (2013a): Global Cities, Governance and Diplomacy: The Urban Link, London und New York, S. 8. 79 Sassen spricht in ihrer Darlegung der Rolle von Global Cities in der Weltwirtschaft insofern von economic hubs, als dass sie ihre Funktion als Knotenpunkte innerhalb der weltweiten Ströme hervorhebt. Vgl. Sassen, Saskia (2012): Cities in a World Economy, Los Angeles u.a., 4. Auflage, S. 185–189 und 199. 3. Forschungsstand 17 Städten die politikwissenschaftliche Skalierung von nationalstaatlich, lokal/regional und global herausfordert, da diese den souveränen Panzer des Staates durchbrechen. Daher schlägt er vor, die Global City nicht als Akteur, sondern als Teil einer multiskalaren Assemblage zu konzeptualisieren. Als Resultat dieser Sichtweise nimmt Acuto Anleihen bei den Urban Studies, vornehmlich der Humangeographie.80 Auf der Assemblage-Konzeption und der Actant Network Theory aufbauend, die maßgeblich beeinflusst sind von Michel Callon und Bruno Latour,81 wird die Global City konstruiert als „socio-technical assemblage that, through its airports, universities and media hubs, impacts on the ‚global‘ by coordinating and orienting global networks, centralizing their command functions, as well as articulating the social relations that extend far beyond the confines of its conurbation.“82 Auch Simon Curtis legt seiner Forschung die Annahme zugrunde, dass Städte wie Staaten nicht als Einheiten mit „unproblematic boundaries“83 angesehen werden sollten. Dies berge die Gefahr, dem „classic error of methodological structuralism“84 zu erliegen, wie es Colin Wight bezeichnet, indem menschliche Eigenschaften und Fähigkeiten eins zu eins auf soziale Kollektive übertragen werden.85 Gemäß Curtis sind Staaten und Städte das Resultat bestimmter, historisch bedingter Entwicklungen.86 Damit rücken Prozesse und soziale Beziehungen ins Zentrum seiner Analyse. Curtis bezieht sich in seiner Argumentation auf das Konzept der Englischen Schule, gemäß dessen souveräne Nationalstaaten durch ihre Interaktionen eine internationale Gesellschaft formen. Dabei teilen sie gemeinsame Interessen und halten sich an regelgebundene sowie institutionalisierte Normen. Unter den Bedingungen der Abwesenheit einer Weltregierung entsteht so 80 Vgl. Bleckmann, Albert (1975): Zur Funktion des Artikel 24, Absatz 1 GG, ZaöRV, Volume 35, S. 79 und Aust, Helmut Philipp (2017): Das Recht der globalen Stadt, Tübingen, S. 52 sowie Acuto, Michele (2013a): Global Cities, Governance and Diplomacy. The Urban Link, London und New York, S. 159. 81 Assemblage steht für ein analytisches Konzept, das die hierarchischen Strukturen des Staates durchdringen will. Auch im Kontext der Global City-Forschung hat es bereits Anwendung gefunden. In diesem Verständnis agiert die Stadt nicht in einem Vakuum, sondern als Teil eines komplexen, räumlichen Gefüges. Vgl. Acuto, Michele (2013a): Global Cities, Governance and Diplomacy. The Urban Link, London und New York, S. 163. Siehe vertiefend: Acuto, Michele/Curtis, Simon (2014): Reassembling International Theory: Assemblage Thinking and International Theory, Basingstoke und New York. In das Konzept der Stadt als Assemblage ist auch die Actant Network Theory eingeflossen. Innerhalb konstruierter Netzwerkstrukturen erwachsen neben Menschen auch Dinge zu handelnden Entitäten (Aktanten). Auf diese Weise können Dinge wie beispielsweise Maschinen, Schlüssel und Waffen aktiv handeln und werden so zu Aktanten. Diese sind aber stets im Zusammenspiel mit anderen Aktanten zu sehen und nicht als isolierte Akteure. Erst dadurch, dass Aktanten sich gegenseitig eine spezifische Rolle zuteil werden lassen, werden sie zu Akteuren. Vgl. Latour, Bruno (1996): On Actor-Network Theory. A Few Clarifications Plus More than a Few Complications, in: Soziale Welt, Volume 47, No. 4, S. 376. 82 Acuto, Michele (2013a): Global Cities, Governance and Diplomay: The Urban Link, London und New York, S. 43. 83 Curtis, Simon (2010): Global Cities and The Transformation of the International System, in: Review of International Studies, Volume 37, Issue 4, S. 1938. 84 Wight, Colin (2006): Structures and International Relations: Politics as Ontology, Cambridge, S. 188. 85 Vgl. ebd. sowie Acuto, Michele (2013a): Global Cities, Governance and Diplomacy: The Urban Link, London und New York, S. 56. 86 Siehe: Curtis, Simon (2017): Global Cities at the End of Globalism: Can They Survive? Vom 28. Februar 2017. A Einleitung 18 eine internationale Ordnung.87 Zwar sind sie die einzigen mit externer Souveränität ausgestatteten Akteure, jedoch besteht das internationale System nicht ausschließlich aus funktional gleichen Einheiten, sondern auch aus nichtstaatlichen, gesellschaftlichen Akteuren. Durch ihre Fähigkeit, miteinander zu interagieren, „the inter-subjective identities that interacting units form over time become institutionalized, locking states into a set of structural relationships that they themselves have created.“88 Entscheidend ist dabei die geografische Reichweite der Interaktion. Global Cities werden auf diese Weise zu Schlüsselakteuren einer akteurspluralistischen, in geographischen Maßstäben (scales) messbaren globalen Ordnung.89 Als Untersuchungsfeld dominiert gegenwärtig die Klimapolitik aufgrund des gro- ßen Engagements von Städten. Die agency von Global Cities wird festgemacht an der Rolle, die sie für die Bewältigung des Klimawandels spielen. Die Struktur des internationalen Systems schafft die Voraussetzungen für das transnationale Handeln von Global Cities; zugleich produzieren diese aber selbst durch ihr Verhalten politische Strukturen. Daher muss ihre agency nicht nur definiert, sondern ihre Fähigkeit zur Einflussnahme auch in Relation zu den Strukturen gesetzt werden, die diese Geographie determinieren. Damit wird ein determinierender Zusammenhang postuliert zwischen der agency einer Global City, transnational zu handeln und den internationalen Strukturen, innerhalb derer sie agiert. Da aber nicht einzelne Städte an den Klimaverhandlungen partizipieren, sondern transnationale, kommunale Klimanetzwerke (Transnational Municipal Climate Networks, TMCNs)90, stehen diese gegenwärtig besonders im Analysefokus.91 Ihre Zahl ist weltweit bereits auf über 200 angewach- 87 Die Englische Schule der IB formierte sich Mitte der 1960er Jahre im Rahmen der Treffen des British Committee on the Theory of International Politcs um Herbert Butterfield, Martin Wight und Hedley Bull. Zentrale Grundannahme dieser Denkrichtung ist, dass die Welt mehr einer internationalen Gesellschaft gleichkommt, die durch Normen und Werte geformt wird, als der einer Staatenwelt realistischer Prägung. Vgl. Bull, Hedley (1985): Die anarchische Society, in: Kaiser, Karl/Schwarz, Hans-Peter (Hrsg.): Weltpolitik. Strukturen, Akteure, Perspektiven, Bonn, S. 31–49. Für weitere Details siehe beispielsweise die Übersicht: Daase, Christoper (2010a): Die Englische Schule, in: Schieder Siegfried/ Spindler Manuela (Hrsg.): Theorien der internationalen Beziehungen, Opladen und Farmington Hills, 3. überarbeitete Auflage, S. 225–280. 88 Curtis, Simon (2016b): Global Cities and Global Order, Oxford, S. 88. 89 Vgl. ebd., S. 110 sowie Buzan, Barry/Little, Richard (2000): International Systems in World History. Remaking the Study of International Relations, Oxford und New York, S. 102. 90 Der Begriff Netzwerk steht in der vorliegenden Arbeit für eine Interaktion zwischen Akteuren mit teils unterschiedlichen Interessen, aber einem gemeinsamen Kooperationsinteresse und Handlungsziel − in diesem Fall: der Bewältigung und Eindämmung des Klimawandels, sodass von TMCNs gesprochen wird. Die Zusammenarbeit findet dezentral, d.h. nicht hierarchisch statt. Häufig liegt eine sektorenübergreifende Kooperation zwischen öffentlichen, privaten und auch zivilgesellschaftlichen Akteuren vor. Für einen besseren Lesefluss werden in der vorliegenden Studie als Synonyme für TM- CNs auch die Begriffe transnationale Städtenetzwerke, globale Städtenetzwerke und transnationale Klimanetzwerke verwendet. Auch Kommunalverbände wie ICLEI und UCLG werden im Text größtenteils unter TMCNs gefasst. Die Unterschiede zwischen Verbänden und Netzwerken sowie ihre jeweiligen Besonderheiten werden aber dargelegt und falls erforderlich im entsprechenden Sinnkontext getrennt aufgeführt. 91 Acuto untersucht die C40 anhand des Modells von Joseph Jupille und James Caporaso von der Universität Washington zur Analyse der Akteursqualität der Europäischen Union. Vgl. Acuto, Michele 3. Forschungsstand 19 sen.92 Bereits 1989 hat Castells aus seiner These, dass Städte angesichts weltweiter Kommunikations- und Informationsflüsse an Bedeutung verlieren werden, geschlussfolgert, dass diese nur durch die Bildung von translokalen Netzwerken im globalen Weltgeschehen eine Rolle spielen können.93 Unklar bleibt an dieser Stelle jedoch auf welche akteurs- und strukturbezogenen Parameter auf der subnationalen Ebene die agency der Global City in der internationalen Politik zurückzuführen ist. Vielmehr erscheint die Stadt als von nationalstaatlichen Kontextbedingungen losgelöste Entität. Analytisch-konzeptuell hat dies gewiss Berechtigung. Die realpolitischen Umstände, dass Städte substaatliche Einheiten sind, werden auf diese Weise allerdings nicht erfasst. Die Untersuchung von Städten ist vielfältiger Natur. Eine der zentralen Fragen ist, inwiefern der Forschungsfokus auf Staatsregierungen fehlgeleitet ist, da auf diese Weise möglicherweise andere wichtige Akteure, wie beispielsweise die Bürgermeister globaler Städte, übersehen werden.94 Besonders zu London und New York kann hier auf eine gehaltvolle Forschungsliteratur der lokalen Politikforschung, vorwiegend von Regimetheoretikern, zurückgegriffen werden. Das Amt des Bürgermeisters von London wird nicht nur als „the largest personal mandate of any politician in UK history“95 bezeichnet, sondern auch mit der Machtfülle seines New Yorker Pendants verglichen. Aber ist das Amt des Bürgermeisters von London tatsächlich eine „miniature presidency“96, wie Clarence N. Stone, Politikwissenschaftler an der George Washington University, seine Untersuchung über die Führungsstile vier amerikanischer Bürgermeisterpersönlichkeiten abschließend bewertet? Richard M. Flanagan vom City College of New York hat Stones’ Analyse zum Ausgangspunkt gemacht und folgende Frage aufgeworfen: „Do mayors matter in city politics?“97 Von Fachleuten, darunter Flanagan selbst, sowie der breiten Öffentlichkeit wird diese Frage mehrheitlich bejaht. (2013a): Global Cities, Governance and Diplomacy: The Urban Link, London und New York, S. 138ff. sowie Jupille, Joseph/Caporaso, James (1998): States, Agency, and Rules: The European Union in Global Environmental Politics, in: Rhodes, Carolyn (Hrsg.): The European Union in the World Community, Boulder und London, S. 213–230 sowie weiterführend Johnson, Craig et al. (2015): The Urban Climate Challenge. Rethinking the Role of Cities in the Global Climate Regime, New York und London. 92 Die Untersuchungen werden am University College London in Zusammenarbeit mit der Weltbank und UN-Habitat durchgeführt. Vgl. Acuto, Michele/Rayner, Steve (2016): City Networks: Breaking Gridlocks or Forging (New) Lock-Ins? In: International Affairs, Volume 92, Issue 5, S. 1147–1166. Für weitere Details zum aktuellen Forschungsprojekt „City Diplomacy: Networking Cities Strategically“ siehe: UN-Habitat (d): Networking City Leadership − Michele Acuto. 93 Vgl. Straßheim, Holger (2013): Vernetzung als lokale Krisenstrategie? Perspektiven der interpretativen Governance- und Verwaltungsforschung, in: Haus, Michael/Kuhlmann, Sabine (Hrsg.): Lokale Politik und Verwaltung im Zeichen der Krise? Wiesbaden, S. 123 und zur These der Netzwerkgesellschaft: Castells, Manuell (1989): The Informational City. Information Technology, Economic Restructuring, and the Urban-Regional Process, Oxford und Cambridge, S. 352f. 94 Vgl. Acuto, Michele/Steele, Wendy (Hrsg.) (2013): Global City Challenges. Debating a Concept, Improving the Practice, London. 95 o.V. (2016): Elections: Labour’s Sadiq Khan elected London Mayor, in: BBC News vom 7. Mai 2016. 96 Stone, Clarence N. (1995): Political Leadership in Urban Politics, in: Judge, David/Stoker, Gerry/ Wolman, Harold (Hrsg.): Theories of Urban Politics, London u.a., S. 110. 97 Flanagan, Richard M. (2004): Mayors and the Challenge of Urban Leadership, Lanham u.a., S. 1. A Einleitung 20 Jedoch weißt Flanagan darauf hin, dass Stadtforscher ihren Fokus größtenteils auf bevölkerungsgeografische und ökonomische Thematiken legen, ohne dabei eingehender die politisch-institutionellen Rahmenbedingungen, geschweige denn die Funktionen des Bürgermeisters, einzubeziehen. In der lokalen Politikforschung hingegen herrscht zwar die Tendenz vor, „den Einfluss von Institutionen überzubetonen und die Bedeutung individueller Macht zu unterschätzen“98, dem Bürgermeister wird in der Literatur aber eine zentrale Rolle beigemessen, die auf seine Doppelfunktion als Führungspersönlichkeit zwischen Verwaltung und Politik zurückgeführt wird. Diese Bedeutung wird durch die Direktwahl des Bürgermeisters verstärkt.99 Der Frage, die im Rahmen der Forschung zu Global Cities als internationale politische Akteure aufgeworfen werden kann: Do mayors matter in global politics? wird bislang aber zumeist skeptisch bis ablehnend begegnet. Dies ist im Zusammenhang mit der bereits angeführten historischen Interdisziplinarität der Stadtforschung zu sehen. Stadtforscher sind in zahlreichen Disziplinen beheimatet. Die ersten Analysen stammen aus der Feder von Soziologen, Geographen, Ökologen und Ethnologen.100 Ihre Forschungen konzentrieren sich „auf die Ökologie der urbanen Formen und die Verteilung von Bevölkerung und institutionellen Zentren oder auf die Menschen und die verschiedenen sozialen Gruppen, auf ihren Lebensstil und auf städtische Probleme.“101 Sassen führte bereits 1996 an, dass „ [d]iese Ansätze […] nicht mehr ausreichend [sind].“102 Sie vertritt den Standpunkt, dass die Stadt mehr ist, als die reine soziologische Sichtweise erfassen kann. Damit stimmt sie mit ihrem Kollegen, Manuell Castells, überein, der es für wichtig erachtet, die Stadt aus weiteren Perspektiven als nur der städtischen zu betrachten.103 Es ist Aufgabe der Politikwissenschaft, derartige Fragen zum Untersuchungsgegenstand zu machen. Wird die Rolle des Bürgermeisters als Bestimmungsfaktor für die Analyse mit einbezogen, dann allerdings oftmals reduziert auf ihre Aufgabe als integrierendes und verbindendes Element divergierender Interessen.104 Wenn bereits ein Desiderat wissenschaftlicher Untersuchungen der Macht und Interessen kommunalpolitischer Entscheidungsautoritäten für die Stadtpolitik selbst fest- 98 Gissendanner, Scott (2002): Die Bedeutung des Bürgermeisters für die strategische Entscheidungsfähigkeit deutscher Großstädte, in: Bogumil, Jörg (Hrsg.): Kommunale Entscheidungsprozess im Wandel, Theoretische und empirische Analysen, Opladen, S. 107. 99 Vgl. Banner, Gerhard (2002): Modernisierung: in Zukunft Tagesgeschäft der Führung, in: Bogumil, Jörg (Hrsg.): Kommunale Entscheidungsprozesse im Wandel. Theoretische und empirische Analysen, Opladen sowie Kühn, Manfred (2013): Strategiefähigkeit − Chancen und Hemmnisse lokaler Politik in schrumpfenden Städten, in: Haus, Michael/Kuhlmann, Sabine (Hrsg.): Lokale Politik und Verwaltung im Zeichen der Krise? Wiesbaden, S. 277. 100 Zwar hat sich Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Chicago School im angelsächsischen Raum die Stadtforschung als Urban Studies teilweise als Disziplin etabliert. Die Urbanistik bleibt jedoch aufgrund ihrer vielfältigen Bausteine ein interdisziplinäres Forschungsfeld, das in den Wirtschaftswissenschaften große Beachtung erfährt, aber auch zunehmend in den IB, nicht zuletzt aufgrund der Bedeutung der Global Cities für die Weltökonomie und internationale Politik. 101 Sassen, Saskia: (1996): Metropolen des Weltmarkts. Die neue Rolle der Global Cities, Frankfurt und New York, S. 9. 102 Ebd. 103 Vgl. ebd. 104 Vgl. ebd., S. 2f. 3. Forschungsstand 21 zumachen ist, wie gestaltet sich dieser Sachverhalt dann erst hinsichtlich Thematiken, die Stadtgrenzen überschreiten, wie Urbanisierung und Klimawandel? Im Kontext der Forschung zur Beschaffenheit und den diplomatischen Verbindungen gegenwärtiger, transnationaler Städtenetzwerke werden Stadtregierungen nun selbst zu einem aktiven Akteur und lösen sich von der Rolle ihrer Städte als passive Orte der Globalisierung. Globale Städte werden nun nicht mehr primär als Teil eines dienstleistungsgeprägten Netzwerkes betrachtet, sondern bilden selbst politikfeldbezogene Netzwerke, um ihren Einfluss in der internationalen Politiksphäre zu erweitern. Im Rahmen dieser Netzwerkansätze wird bislang jedoch meist der Bezug zu Staaten als potentielle Motoren oder Bremser der zunehmenden transnationalen Aktivitäten von Global Cities und der Entwicklung ihrer agency vernachlässigt. Die vorliegende Analyse trifft auf der Grundlage der bisherigen Erkenntnisse die Annahme, dass gerade die Klärung dieser Aspekte wichtig ist, da der Diskurs über transnationale Städteaktivitäten vor dem Hintergrund eines vermeintlichen Souveränitätsverlusts der Nationalstaaten innerhalb der internationalen Politik stattfindet. Gerade diese Argumentation ist es, die als Legitimation für die Etablierung eines institutionalisierten und mit formalen Befugnissen ausgestatteten Welt-Parlaments für Bürgermeister erachtet wird: „As nations grow more dysfunctional, cities are rising.“105 Der IB-Forscher Simon Curtis hat jüngst darauf hingewiesen, dass „[t]his is not a zero-sum game, where the rise of cities necessarily means the decline of states. The rise of the city should be seen as a […] facet of the adaption of the state as it tries to cope with a changing environment.“106 Die Form des Nationalstaats vollziehe zwar eine Wandlung, in dessen Kontext Global Cities an Bedeutung gewinnen, dies bedeute aber nicht, dass der Staat als solches gescheitert sei oder gar verschwinde. Es wird argumentiert, dass die neue Rolle der Global Cities als Teil einer umfassenden Wandlung des internationalen Systems zu verstehen ist.107 Zu den Triebkräften des Phänomens der zunehmenden transnationalen Aktivitäten werden gezählt: „global governance, its role as part of a decentralised neoliberal strategy of leading states to construct a global market society, the configuration of power in international society that underpins the projection of this strategy and the history of failure of statist forms of political economy that produced the strategy.“108 Fundierte Forschungsarbeiten belegen den Zusammenhang zwischen den aktiv vorangetriebenen neoliberalen, postfordistischen Globalisierungsprozessen ab den 1970er Jahren und dem wirtschaftlichen Akteursstatus von Global Cities.109 Dies gibt allerdings zu wenig Aufschluss, inwiefern die Politik der Nationalstaaten die neuarti- 105 Barber, Benjamin R. (2013a): If Mayors Ruled the World – Dysfunctional Nations, Rising Cities New Haven und London, S. 358. 106 Curtis, Simon (2016a): Cities and Global Governance: State Failure or a New Global Order? In: Millennium: Journal of International Studies, Volume 44, Issue 3, S. 456. 107 Vgl. Curtis, Simon (2010): Global Cities and The Transformation of the International System, in: Review of International Studies, Volume 37, Issue. 4, S. 1923–1947. 108 Curtis, Simon (2016a): Cities and Global Governance: State Failure or a New Global Order? In: Millennium: Journal of International Studies, Volume 44, Issue 3, S. 477. 109 Vgl. Brenner, Neil (1998): Global Cities, Glocal States: Global City Formation and State Territorial Restructuring in Contemporary Europe, in: Review of International Political Economy, Volume 5, No. 1, S. 1–37. A Einleitung 22 ge, politische Handlungsqualität von Städten bedingt, wobei die Feststellung im Raum steht, dass „states still retain an ambivalent relationship with the new global cities that their own policies have generated.“110 Die Wirkung nationaler, gesetzlicher Rahmenbedingungen auf die Fähigkeit von Stadtregierungen, sich transnational zu engagieren, gerät dabei jedoch vielfach ins wissenschaftliche Abseits.111 Durch diese aber werden die nationalen wie transnationalen Existenz- und Handlungskonditionen für Städte gesetzt und sind daher zum Gegenstand einer Studie zur internationalen Akteursqualität und Handlungsfähigkeit von Global Cities zu machen. Das aufgezeigte Desiderat theoriegeleiteter Untersuchungen zum Verständnis des Akteursstatus einer Global City bringt vereinzelt innovative Forschungsarbeiten im Bereich der internationalen Beziehungstheorien hervor. So wirft Kristin Ljungkvist von der Universität Uppsala in ihrer Dissertationsschrift aus dem Jahr 2015 die Frage auf, ob Städte auf dem Weg zu einer eigenen Außenpolitik sind. Eine ihrer zentralen Untersuchungsaspekte ist, ob die Global City mehr ist als ein Knotenpunkt der Weltwirtschaft. Ljungkvist rückt die Herausbildung einer Global City-Identität und damit zusammenhängende Rollenkonzepte der Stadtregierung in den Analysefokus. Die Untersuchung der transnationalen Politik von New York kommt zu dem Ergebnis, dass auch das Engagement von Stadtregierungen im Bereich der Umwelt- und Klimapolitik sowie der Terrorismusbekämpfung letztlich auf ihr Interesse zurückgeführt werden kann, wirtschaftliches Wachstum ihrer Stadt sicher zu stellen. Aus einer konstruktivistischen Perspektive heraus sei die Global City das, was die lokalen Akteure aus ihr formen.112 Konstruktivistischen Ansätzen gelten immaterielle Faktoren wie Normen, Werte, Ideen und Identitäten als erklärende Faktoren. Daraus resultiert ein flexibleres Untersuchungsinstrumentarium zur Erklärung von Wandel in der internationalen Politik, als es die materialistische Natur der Macht und Ressourcenausstattung im Realismus bietet. Auf der Grundlage des Postulats einer sozialen Konstruktion des anarchischen, von Staaten dominierten internationalen Systems wird die Analyse des transnationalen Verhaltens einer Global City möglich. Der wissenschaftliche Ertrag dieser konstruktivistischen Wende in den IB-Theorien im Allgemeinen und der Global City-Forschung im Besonderen ist hoch. Der Einfluss der liberalen Weltordnung und die Interessenlage der Staaten, die in der Forschung wie dargelegt als eine der zentralen Faktoren für die Existenz globaler Städte angesehen werden, 110 Curtis, Simon (2016a): Cities and Global Governance: State Failure or a New Global Order? In: Millennium: Journal of International Studies, Volume 44, Issue 3, S. 457. 111 Gegenwärtig wird diese Thematik schwerpunktmäßig in rechtswissenschaftlichen Abhandlungen thematisiert. Vgl. Aust, Helmut Philipp (2015): Shining Cities on the Hill? The Global City, Climate Change, and International Law, in: The European Journal of International Law, Volume 26, No. 1, S. 267 sowie Madison, Ian/Emmanuel, Brunet-Jailly (2017): The International Activities of Canadian Cities: Are Canadian Cities Challenging the Gatekeeper Position of the Federal Executive in International Affairs? In Curtis, Simon (Hrsg.): The Power of Cities in International Relations, New York und London, S. 107–131 und Resnik, Judith/Civin, Joshua/ Frueh, Joseph (2008): Ratifying Kyoto at the Local Level: Sovereigntism, Federalism, and Translocal Organizations of Government Actors (TOGAs), in: Arizona Law Review, Volume 50, S. 709–786. 112 Vgl. Ljungkvist, Kristin (2014a): The Global City 2.0. An International Political Actor Beyond Economism? Uppsala (Dissertation), S. 9. 3. Forschungsstand 23 kommt dabei aber zwangsläufig zu kurz. Der nationalistische und protektionistische Kurs der US-Regierung unter Donald J. Trump und der EU-Austritt der Briten in Folge des Brexit-Referendums stellen Bedrohungstendenzen dieser Ordnung dar. In diesem düsteren Licht wird bereits nach einem potentiellen Ende der globalen Stadt gefragt.113 Daher ist es notwendig, weitere Kenntnisse darüber zu erlangen, inwiefern Global Cities nach wie vor abhängig sind von den Rahmenbedingungen, die die Staatenwelt setzt oder bereits eigenständige internationale politische Akteure geworden sind. Theoretische Einbettung Zur Beantwortung der Leitfrage, welche Faktoren das transnationale Engagement von Bürgermeistern globaler Städte hauptsächlich bedingen, schließt sich die vorliegende Untersuchung dem empirisch-analytischen Wissenschaftsverständnis an. Die Methodologie der Studie bewegt sich innerhalb des Positivismus114. Anhand definierter Variablen und Hypothesen zur Eruierung von Kausalbeziehungen erfolgt eine systematische Analyse. Die zentrale These der Arbeit besteht aus einer realistischen Perspektive darin, dass die strukturellen Wandlungsprozesse seit dem Ende der Bipolarität des Kalten Krieges den Handlungsspielraum von Global Cities erweitert haben. Dieser These liegt die aus dem Forschungsstand abgeleitete Kernannahme zugrunde, dass Städte in ihren Handlungen den Mechanismen des internationalen Systems und der Machtverteilung zwischen den Staaten unterliegen. Die Beschaffenheit des internationalen Systems hat Auswirkungen auf die Fähigkeit einer Global City, transnational zu agieren und die Bedingungen für eine effektive Einflussnahme auf die internationale Politik. Durch die erhöhte Gefahr, der sich Städte aufgrund des fortschreitenden Klimawandels ausgesetzt sehen, steigt ihr Interesse, sich aktiv in die internationale Klimapolitik einzubringen. Das Hauptargument der Studie besteht darin, dass nicht nur die Entstehung globaler Städte und ihre Rolle in der Weltwirtschaft abhängig sind von Veränderungsprozessen der wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen ab den 1970er Jahren, sondern dass ihre Qualität als internationale politische Akteure bedingt ist von ordnungspolitischen Umbrüchen zu Beginn der 1990er Jahre. Wie sich diese systemischen Voraussetzungen in konkretem Verhalten ausdrücken, wird durch die Perzeption des Systems durch den Bürgermeister und dessen innerstaatlichen Autonomiegrad bestimmt. Diese beiden intervenierenden Variablen übersetzen die erklärende Varia- 4. 113 Siehe: Curtis, Simon (2017): Global Cities at the End of Globalism: Can They Survive? Vom 28. Februar 2017. 114 Gründungsvater des Positivismus ist der französische Philosoph und Mathematiker Auguste Comte (1798 bis 1857). Die Entwicklung verschiedener Strömungen innerhalb dieses naturwissenschaftlich-objektiven Wissenschaftsverständnisses fasst beispielsweise Jürgen Falter übersichtlich und dennoch detailliert zusammen. Vgl. Falter, Jürgen W. (1982): Der „Positivismusstreit“ in der amerikanischen Politikwissenschaft. Entstehung, Ablauf und Resultate der sogenannten Behavioralismus- Kontroverse in den Vereinigten Staaten 1945–1975, Wiesbaden, S. 191–195. A Einleitung 24 ble in transnationale Politik. Vor diesem Hintergrund wird die Hypothese aufgestellt, dass transnationales Handeln einer Global City umso wahrscheinlicher wird, wenn das Interaktionssystem polyzentrisch ist, je wichtiger die Interessen sind, die als bedroht wahrgenommen werden und je leichter es fällt, das Verhalten innerstaatlich durchzusetzen. Die Handlungsreaktion der Stadtregierung ist eine auf Autonomieerweiterung ausgerichtete Politik. Diese Hypothese auf ihre Verifizierbarkeit bzw. Falsifizierbarkeit zu überprüfen, ist das Kernanliegen der Studie. Anknüpfend an die metatheoretische Einordnung der Studie gilt es, eine adäquate, theoretische Fundierung zur Bearbeitung der wissenschaftlichen Problemstellung zu schaffen. Die Studie ist theoriegeleitet, da sie bestrebt ist, auf Basis eines theoretischen Ansatzes Aufschluss über die Erklärungsfaktoren der Transnationalisierung städtischer Klimapolitik zu geben. Dabei wird von einem Kausalitätsprinzip außenpolitischen Verhaltens sowie internationalen Handelns ausgegangen, dessen Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge aufgezeigt werden können. Der theoretische Ansatz der Analyse basiert auf den Grundannahmen des neoklassischen Realismus. Dieser ermöglicht es, den Blick zunächst auf das internationale System zu richten, sodann aber verschiedene Analyseebenen zusammenzuschauen. Das Forschungsdesign fußt auf der Definition des internationalen Systems als unabhängige Variable (UV). Machtver- änderungen im internationalen System offenzulegen ist der Ausgangspunkt der Analyse. Ausschlaggebend für außenpolitisches Verhalten ist sodann die Wahrnehmung dieser Lage durch die Entscheidungsträger sowie die innenpolitische Handlungsautonomie. In ihrer Wirkung als intervenierende Variablen verknüpfen diese die Anreize des internationalen Systems zu einer Kausalkette, an deren Ende ein konkretes Verhalten des Bürgermeisters steht. Axiome über das internationale System können so mit subsystemischen und individuellen Faktoren in Verbindung gesetzt werden. Die Zweck-Mittel-Rationalitätsannahme, gemäß derer sich der Einsatz von Ressourcen nach der größtmöglichen Erfolgswahrscheinlichkeit des Handelns auf der Basis einer Kosten-Nutzen-Abwägung richtet, bleibt trotzdem bestehen. Kausalität zwischen Variablen ist daher möglich, ihre Zusammenhänge offen zu legen, ist die Grundlage für Erklärungsgewinn. So können Muster erkennbar werden, aus denen wiederum Prognosen für zukünftige Entwicklungen ableitbar sind. Ziel der vorliegenden Untersuchung ist die systematische Beobachtung eines empirischen Phänomens. Dabei wird eine größtmögliche wertfreie, d.h. objektive Beschreibung der vermeintlichen Weltwirklichkeit angestrebt, um einen intersubjektiven Wahrheitsgehalt zu generieren. Auf diese Weise strebt die Arbeit einen Erkenntnisgewinn zur Qualität einer Global City als Akteur der internationalen Politik an, erhebt allerdings nicht den Anspruch, die einzig wahrhafte Aussage gefunden zu haben. Diese wird mit dem Kritischen Ra- 4. Theoretische Einbettung 25 tionalismus115 gesprochen als mannigfaltig angesehen und liegt daher im Auge der angewandten Theorie.116 Methodische Vorgehensweise Qualitative Einzelfallstudie und Untersuchungszeitraum Mit der theoretischen Einordnung wurde das Grundgerüst der Studie geschaffen. Seine Eckpfeiler stellt der neoklassische Realismus bereit. Als nächsten Schritt gilt es die methodischen Instrumente zur Bearbeitung der Fragestellung festzulegen. Theorie und Methode beziehen sich stets aufeinander. Nicht alle Theorien und Methoden passen zueinander. Auswahlkriterium ist ihre Kohärenz mit dem Forschungsproblem. Zur Beantwortung der Forschungsfrage wird die Durchführung einer holistischen Einzelfallstudie der transnationalen Klimapolitik der Global City London gewählt. Ihre Stärke liegt darin, dass sie es ermöglicht, einen genauen Einblick in das Zusammenwirken einer Vielzahl von Faktoren zu erhalten und wichtige Handlungsstrukturen zu rekonstruieren. Dies ist insofern von Interesse, da ein empirisches Phänomen verstanden werden soll, für das es bis dato wenig theoriegeleitete Erklärungen gibt. Wie zu zeigen sein wird, beruht das Phänomen des transnationalen Engagements einer Global City nicht nur auf globalen Entwicklungsprozessen, sondern baut ebenso auf Dynamiken auf, die auf der staatlichen und lokalen Ebene stattfinden. Es wird die Auffassung vertreten, dass eine Einzelfallstudie die bestmögliche Untersuchungsmethode ist, da bis dato kaum vergleichbare Indikatoren in der Forschung vorhanden sind, anhand derer transnationales Verhalten von Städten komparatistisch analysiert werden könnte. Die Arbeit hat zur Aufgabe, Variablen zu spezifizieren und zu operationalisieren, um kausale Mechanismen aufdecken zu können. Diese liegen vor, wenn eine unabhängige Variable (Ursache) einen kausalen Effekt auf eine abhängige Variable (Wirkung) ausübt. Eingebettet in einen komplexen Sinnzusammenhang, ist ein Erkenntnisgewinn allerdings nur auf der Basis einer tiefgründigen Durchdringung der Vielschichtigkeit des Forschungsproblems zu erreichen. Analyseschemata, Datengrundlage und Stand der IB-Theorien reichen zum gegenwärtigen Zeitpunkt 5. 5.1. 115 Als Begründer des Kritischen Rationalismus gilt Karl R. Popper. Zu dessen Grundprämissen zählt die Annahme, dass Wahrheit vom jeweiligen Blickwinkel des Betrachters abhängt. Dessen Wahrnehmung der Welt kann falsch sein kann (Fallibilismus). Die Wahrheitssuche soll über dem Weg der Widerlegung der eigenen Erklärungen erfolgen (Falsifizierung). Vgl. Popper, Karl R. (1935): Die Logik der Forschung: zur Erkenntnistheorie der modernen Naturwissenschaft, Wien. Eine eingängige Einführung und Analyse zu Popper liefert: Keuth, Herbert (2013) (Hrsg.): Karl Popper. Logik der Forschung, Berlin, 4. bearbeitete Auflage. Zum kritischen Rationalismus siehe die Übersicht von: Lenk, Kurt (1991): Methodenfrage der politischen Theorie, in: Lieber, Hans-Joachim (Hrsg.): Politische Theorien von der Antike bis zur Gegenwart, Bonn, S. 1001–1006. 116 Vgl. Von Alemann von, Ulrich/Forndran, Erhard (1990): Methodik der Politikwissenschaft. Eine Einführung in Arbeitstechnik und Forschungspraxis, Stuttgart u.a., 4. überarbeitete und erweiterte Auflage, S. 50ff. und Van Evera, Stephen (1997): Guide to Methods for Students of Political Science, Ithaca und London. A Einleitung 26 noch nicht aus, um einen Erkenntnisgewinn im vorgegebenen Rahmen anhand einer komparatistischen Studie erzielen zu können. So ist die Durchführung einer qualitativen Fallstudie standardisierten Erhebungsmethoden – geachtet der Verfahrensschwächen wie die Problematik der Verallgemeinbarkeit der Erkentnisse – vorzuziehen. Jenseits von Theoriedebatten und Methodenstreit bestehen Gütekriterien, die jede wissenschaftliche Analyse zu beachten hat. Eines der Hauptprobleme bei der Einzelfallforschung liegt in der Frage nach der Repräsentativität und damit der Generalisierbarkeit der Ergebnisse. Diesem Problem wird mit dem Bestreben begegnet, einen Analyserahmen zu entwickeln, der auch auf andere Global Cities angewandt werden kann. Durch die Abstraktion signifikanter Dimensionen und Eigenschaften soll generelles Wissen generiert werden.117 Über den Faktor der externen Validität hinaus hängt die Gültigkeit der Forschungsergebnisse von ihrer internen Validität ab. Diese bemisst sich daran, ob tatsächlich gemessen wird, was gemessen werden soll und somit die vorgenommene Operationalisierung sowie aufgestellte Kausalität zwischen den Variablen gültig ist. Reliabilität des Erhebungsinstruments liegt vor, wenn eine Wiederholung der Untersuchung unter gleichen Bedingungen dieselben Ergebnisse liefert. Ist dies ebenfalls möglich, wenn unterschiedliche Forscher die Reproduktion vornehmen, so ist neben der Zuverlässigkeit der Methode auch das Kriterium der Objektivität gewährleistet.118 Primäres Auswahlkriterium eines Fallbeispiels ist der zu erwartende Erkenntnisgewinn bezogen auf den Forschungsgegenstand und die konkrete Fragestellung. Insofern bestimmt die abhängige Variable das Fallbeispiel. Wie konnte London als most crucial case identifiziert werden?119 Dazu wurde den Anfängen der Global-City-Forschung nachgespürt. Seit Beginn der inhaltlichen Begriffsbestimmungen von Weltmetropolen nimmt die britische Hauptstadt eine führende Rolle unter ihnen ein. Anfang des 21. Jahrhunderts gilt London als die Stadt mit der höchsten globalwirtschaftlichen Bedeutung und ist 2016 sogar an der bis dato führenden Global City New York in renommierten Rankings vorbeigezogen.120 Bis zum Jahr 2000 hatte London keine Stadtregierung und -verwaltung. Die lokale Ebene ist gerade in einem zentralistischen 117 Eine zweite Funktion, die Fallstudien haben können, besteht in der Eruierung neuer Aspekte basierend auf einem induktiven Vorgehen. Vgl. Blatter, Joachim K./Janning, Frank/Wagemann, Claudius (2007): Qualitative Politikanalyse. Eine Einführung in Forschungsansätze und Methoden, Wiesbaden, S. 123ff. Zur Bedeutung von Fallstudien in der Vergleichenden Politikwissenschaft siehe: Muno, Wolfgang (2016): Fallstudien und Process Tracing in der Vergleichenden Politikwissenschaft, in: Lauth, Hans-Joachim/Kneuer, Marianne/Pickel, Gert (Hrsg.): Handbuch Vergleichende Politikwissenschaft, Berlin, S. 79ff. Siehe weiterführend zu den Funktionen einer Fallstudie: Nohlen, Dieter (2010): Fallstudie, in: Nohlen, Dieter/Schultze, Rainer-Olaf (Hrsg.): Lexikon der Politikwissenschaft. Theorien, Methoden, Begriffe, Band 1, München, 4. aktualisierte und ergänzte Auflage, S. 252. 118 Vgl. Janusch, Holger/Behrens, Maria/Hennig, Eike (2017): Qualitative Methoden in den internationalen Beziehungen, in: Sauer, Frank/Masala, Carlo (Hrsg.): Handbuch internationale Beziehungen, Wiesbaden, 2. Auflage, S. 667. 119 Siehe zur Einteilung in most crucial bzw. most likely und least-likely cases: Blatter, Joachim K./ Janning, Frank/Wagemann, Claudius (2007): Qualitative Politikanalyse. Eine Einführung in Forschungsansätze und Methoden, Wiesbaden, S. 177 und 185. 120 Vgl. Matznetter, Walter/Musil, Robert (2011): Einleitung, in: Ders. (Hrsg.): Europa: Metropolen im Wandel, Wien, S. 11. 5. Methodische Vorgehensweise 27 Staat wie Großbritannien existentiell abhängig von Autonomiezugeständnissen seitens des Nationalstaates. Und doch war es gerade Ken Livingstone, Londons erster Bürgermeister, der die C40-Gruppe ins Leben rief und damit auf internationaler Ebene eine Vorreiterrolle übernahm. Diese Initiative steht exemplarisch für das Phänomen, dass Bürgermeister zunehmend den Verbund mit anderen Städten suchen, um Einfluss auf internationaler Ebene zu erlangen. Innerhalb dieser Netzwerke ist eine neuartige Qualität der städtischen Handlungsfähigkeit zu beobachten. Wie zu zeigen sein wird, kommt internationalen Organisationen und privaten Akteuren wie MNEs hierbei eine tragende Rolle zu. Anhand des Fallbeispiels London wird auch die Funktion multinationaler Unternehmen für das transnationale Klima-Engagement einer Global City deutlich. Die Fallstudie kann somit Aufschluss darüber geben, welche Triebkräfte und Eigenschaften eine Global City dazu befähigen, international tätig zu werden und welche macht- und sicherheitsbedingten Interessen der Staaten sie hierbei hemmen bzw. fördern. Darüber hinaus wird ersichtlich, welche endogenen und exogenen Mechanismen hinter ihrer agency stehen und wie ihre Form der authority klassifiziert werden kann. Wie sich diese ausgestaltet, warum es für lokale Regierungen in ihrem Interesse ist, als internationaler politischer Akteur anerkannt zu werden und auf welche Weise sich dieser Anspruch in Form praktischer Handlungskompetenz konstituiert, kann durch eine Analyse der Entwicklung und des Wandels des local government in London erforscht werden. Insofern kann London als most likely-Fall bezeichnet werden. Der empirische Untersuchungszeitraum der Studie beläuft sich vom Wahlsieg Ken Livingstones 2000 bis zum Ende der Amtszeit des zweiten Londoner Bürgermeisters, Boris Johnson, 2016. Letzterer gehört der Conservative Party an, während ersterer 2004 wieder der Labour Party beigetreten war, nachdem er sich bei der Wahl 2000 als unabhängiger Kandidat hatte aufstellen lassen. Auf diese Weise ist sichergestellt, dass die Determinanten des politischen Systems Großbritanniens mitsamt dessen parteipolitischen Logiken in angemessenem Umfang Eingang in die Analyse finden. Damit wird auch eine solide Basis für potentielle weitere Studien zu Erwartungshaltungen des transnationalen Handelns nachfolgender Bürgermeister oder vergleichende Untersuchungen geschaffen. Eine Studie, deren Gegenstand politischer Wandel ist, benötigt über den engeren empirischen Zeitraum hinaus ein weit geöffnetes Zeitfenster, da Veränderungen nicht ruckartig vonstatten gehen, sondern historisch bedingt sind. Daher wird die Analyse zur Entwicklung von Global Cities im Allgemeinen und von London im Speziellen sowie der internationalen Klimaarchitektur einen zeitlichen Bogen von den 1970er Jahren, inklusive zeitlich weiter zurückreichender Kontextaspekte, bis heute spannen. Die Funktion der vorliegenden Fallstudie besteht darin, durch ihre theorieorientiert-deduktive121 Ausrichtung theoretisch bestehende Annahmen und theoretisch abgeleitete Hypothesen auf einen konkreten Fall anzuwenden und zu testen. Leis- 121 Die Experteninterviews mit Vertretern der Siemens AG dienen dazu, ein besseres Verständis für die Kooperation zwischen Global Cities und MNEs im Bereich des Klimaschutzes aus Unternehmenssicht zu erlangen. Dabei handelt es sich um eng begrenzte Ausschnitte einer vermeintlichen Welt- A Einleitung 28 tungsfähigkeit und Qualitätsmerkmal von qualitativen Fallstudien zugleich ist es, „an grundlegende Theorien an[zu]schließen“122, um „[…] kreativ […] neue[n] Sichtweisen“123 zu entwickeln. Im Rahmen einer Fallstudie können verschiedene Instrumente zur Datenerhebung und ihrer Analyse angewandt werden, sodass die Fallstudie selbst vielmehr als eine empirische Forschungsstrategie denn als Methode anzusehen ist. In der vorliegenden Studie werden die theoretisch abgeleiteten Hypothesen auf der Grundlage von Primär- und Sekundärquellen überprüft. Zu den Primärquellen zählen Strategiepapiere der Stadtregierung, deren wichtigstes Dokument der London Plan ist, nationale Regierungsdokumente, die das local government betreffen wie White Paper, Reden der Entscheidungsträger und (Auto)biographien sowie offizielle Dokumente im Bereich der internationalen Klimapolitik wie die UNFCCC und das Protokoll von Kyoto zum Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen (Kyoto-Protokoll). Als Sekundärquellen dient umfangreiche wissenschaftliche Fachliteratur interdisziplinären Charakters, zudem Zeitungsartikel und Online-Medien zu Forschungserkenntnissen und Ereignissen besonders jüngeren Datums. Die Beschränkung auf einen Einzelfall erfordert nicht nur der hohe theoretische Konzeptualisierungsgrad, sondern auch eine intensive empirische Feldforschung. Mit Blick auf die Ausgestaltung des transnationalen Agierens einer Global City im Bereich der internationalen Klimapolitik zeigt sich, dass ihre externe Strategie primär auf die Partizipation an transnationalen Klimanetzwerken abzielt. In diesen Netzwerken arbeiten Städte aber nicht nur untereinander zusammen, sondern mit einer Vielzahl weiterer Akteure. Zur Rolle internationaler Institutionen gibt es bereits erste Forschungsergebnisse, beispielsweise durch eine qualitative Erhebung mittels Experteninterviews zur Weltbank. Zu einer weiteren Akteursgruppe, den multinationalen Unternehmen, bestehen diese hingegen nicht.124 Dies machte eine Primärdatenerhebung in diesem Bereich notwendig. wirklichkeit, die keineswegs Anspruch auf Verallgemeinerung und Objektivität erheben. Der deduktive Gehalt der Studie bezieht sich allein auf die theoriegestützten Annahmen, die anhand der Fallstudie der Global City London überprüft werden. Im Rahmen der Erfassung der internationalen Klimaarchitektur und der Bedeutung der Privatwirtschaft für die Bekämpfung des Klimawandels sowie vice versa des Einflusses des Klimawandels auf die Geschäftsaktivitäten von MNEs wird ein umfassender Blick auf MNEs als Akteure der Weltwirtschaft und Weltpolitik gerichtet. Gerade auch vor dem Hintergrund der weltpolitischen Prädominanz der USA und der Tatsache, dass dort die stärkste Unternehmenslobby gegen Klimaschutzmaßnhamen beheimatet ist, werden die gewonnenen Erkennisse aus den Experteninterviews auch in Relation zu den Geschäftsaktivitäten anderer MNEs, insbesondere US-amerikanischer Unternehmen, gesetzt. 122 Blatter, Joachim K./Janning, Frank/Wagemann, Claudius (2007): Qualitative Politikanalyse. Eine Einführung in Forschungsansätze und Methoden, Wiesbaden, S. 129. 123 Ebd. 124 Vgl. Ljungkvist, Kristin (2014b): The Global City: From Strategic Site to Global Actor, in: Curtis, Simon (Hrsg.): The Power of Cities in International Relations, New York und London, S. 37. 5. Methodische Vorgehensweise 29 Experteninterview: Datenerhebung und Auswertung Die Analyse, welche Rolle multinationale Unternehmen bei der Herausbildung städtischer Handlungsfähigkeit im Politikfeld der internationalen Klimapolitik spielen, erfolgt anhand des Fallbeispiels der Siemens AG125. Zur Informationsgewinnung wurden im Zeitraum Februar 2015 bis Mai 2017 mehrere, persönliche Experteninterviews durchgeführt. Diese zentrale Methode der qualitativen Forschung diente der Primärerhebung von Daten, da Erkenntnisse im Bereich des City Account Managements im Zusammenhang mit transnationalen Aktivitäten einer Global City bislang fehlen. Die Leitfadengespräche sollen ergänzend zur Überprüfung der theoriegeleiteten Hypothesen anhand der empirischen Einzelfallstudie wirken. Auf diese Weise kann eine möglichst realitätsnahe Analyse geschaffen werden, da Einblick in die real world eines multinationalen Unternehmens genommen wird. Hierbei eignet sich die Analyse Londons wiederum in besonderem Maße, da es sich in den vergangenen Jahren zu einer Ideenschmiede für die Städte der Zukunft entwickelt hat. In Zusammenarbeit mit MNEs wird eine energieeffiziente und ressourcenschonende Infrastrukturplanung vorangetrieben. Ein wichtiger Partner der Stadt London ist der deutsche Technologiekonzern Siemens. Beispielsweise konnte durch die Zugverbindung Heathrow Express eine Optimierung der Anbindung zwischen Flughafen und Innenstadt geschaffen werden. Zur Senkung der CO2-Emissionen tragen Hybridbusse, das City-Maut-System und eine kostenpflichtige Niedrigemissionszone bei. Von Siemens installierte Kameras gewährleisten eine wirksame Registrierung der Fahrzeuge. Überdies arbeitet Siemens zusammen mit UK Power Networks an einem Konzept zur Stromverteilung bis 2020.126 Das Fallbeispiel London kann Aufschluss über die wesentlichen Parameter der Zusammenarbeit von öffentlichem und privatem Akteur geben, die sich nicht mehr nur auf lokale Projekte in Form von PPPs beschränkt. Als Ergänzung zur bestehenden Literatur fanden über die Interviews mit Experten von Siemens zudem Hintergrundgespräche mit Mitarbeitern der Greater London Authority (GLA) statt. Den Experten wurden zu ihrem jeweiligen Wissensbereich, der sich über ihre institutionelle Funktion definierte, offene Fragen gestellt, sodass sie bei der Beantwortung inhaltlich wie fachterminologisch frei waren. Als Experte wird jemand verstanden, der „[…] über technisches, Prozess- und Deutungswissen [verfügt], das sich auf sein spezifisches professionelles oder berufliches Handlungsfeld bezieht.“127 Der vorab entwickelte Leitfaden mit entsprechenden Frageblöcken diente dazu, ein themenfokussiertes Interview sowie eine größtmögliche intersubjektive Nachvollziehbarkeit zu gewährleisten. Bei qualitativen Erhebungen dieser Art gilt es, sich in besonderer Weise bewusst darüber zu werden, dass bei einer sozialen Interaktion nicht nur Informationen getauscht werden, sondern stets subjektive Wahrnehmungen und Interessen einfließen. Zudem verkörpern die Gesprächspartner konkre- 5.2. 125 Im weiteren Verlauf der Arbeit wird Siemens AG überwiegend abgekürzt als Siemens. 126 Vgl. Siemens AG (2013d): Siemens − Das Unternehmen. Sektor Infrastruktur & Cities, S. 33. 127 Bogner, Alexander/Menz, Wolfgang (2002): Das theoriegenerierende Experteninterview. Erkenntnisinteresse, Wissensformen, Interaktion, in: Bogner, Alexander/Littig, Beate/Menz, Wolfgang (Hrsg.): Das Experteninterview: Theorie, Methode, Anwendung, Wiesbaden, S. 46. A Einleitung 30 te Funktionen innerhalb einer Institution oder Organisation − in diesem Fall des Unternehmens Siemens. Hierdurch können weitere objektiv nur schwer messbare Aspekte wie interne Geschäftsabsichten und Geheimhaltungsklauseln den Gesprächsinhalt und -gang beeinflussen. Darüber hinaus ist es grundlegend, dass der Experte den Interviewer als kompetent einstuft, damit ein Wissenstransfer auf höchstem Niveau stattfinden kann. Die Erfüllung dieses Kriteriums wird unter anderem anhand der entwickelten Fragen deutlich, die nicht durch öffentlich zugängige Dokumente wie Pressemitteilungen, Geschäftsberichte, und Unternehmenswebsite hätten beantwortet werden können. Um den Gehalt des Interviews für die Fragestellung beurteilen zu können, wurde für jedes Interview vorab ein Erkenntnisinteresse festgelegt.128 Datenerhebung und -auswertung erfolgten in fünf Phasen: 1. Entwicklung der leitfadengestützten Fragen 2. Auswahl des Experten und Terminvereinbarung 3. Durchführung und Protokollierung des Interviews (Tonband- und Handprotokoll) 4. Transkription und Auswertung 5. Autorisierung durch den Experten Der jeweilige Leitfaden wurde anhand der Dreigliederung − Einstiegsfrage, Hauptteil mit thematischen Frageblöcken sowie Gesprächsabschluss − erstellt. Die Auswertung der Experteninterviews orientierte sich an thematischen Einheiten, d.h. an inhaltlich zusammengehörige über die Texte verstreute Passagen. Dabei spielt der Funktionskontext eine große Rolle. Dies bedeutet, dass Aussagen nicht danach bemessen werden, zu welchem Zeitpunkt des Interviews sie getätigt wurden, sondern im Zusammenhang mit denjenigen Determinanten bewertet werden, die dem Experten als Siemens-Mitarbeiter zugehörig sind.129 Im Vorfeld der Auswertung wurden die Interviews weitestgehend wortgetreu und vollständig transkribiert. Eine Paraphrasierung, d.h. eine thematische Zusammenfassung der einzelnen Abschnitte erfolgte dahingehend, dass Akzente gesetzt und diese durch Stichworte und Überschriften thematisch geordnet wurden.130 Auf diese Weise schafft Kategorienbildung thematische Vergleichbarkeit.131 128 Vgl. Mieg, Harald A./Näf, Matthias (2005): Experteninterviews in den Umwelt- und Planungswissenschaften. Eine Einführung und Anleitung, Zürich, 2. Auflage, S. 14f. 129 Vgl. Meuser, Michael/Nagel, Ulrike (1991): ExpertInneninterviews − vielfach erprobt, wenig bedacht. Ein Beitrag zur qualitativen Methodendiskussion, in: Garz, Detlef/Kraimer, Klaus (Hrsg.): Qualitativ-empirische Sozialforschung: Konzepte, Methoden, Analysen, Opladen, S. 453. 130 Im Anhang sind die Experteninterviews chronologisch aufgelistet. Jedes Interview ist einem der beiden Hauptteile des Leitfadens − City Management (I. a, b, c) oder Umwelt und Nachhaltigkeit (II. a, b) − zugeordnet. Die vorgenommene Paraphrasierung ist durch die Angabe der Gliederungspunkte (a, b, c), zu denen der Experte Aussagen getätigt hat, gekennzeichnet. Wird ein Zitat aus dem Interview im Fließtext verwendet, so wird die entsprechende Seitenzahl aus dem Anhang genannt. Interviews, die telefonisch geführt wurden, sind mit der Ortsangabe London und München gekennzeichnet. 131 Vgl. ebd., S. 455–466. 5. Methodische Vorgehensweise 31 Erkenntnisinteresse und Relevanz der Themensetzung Die Analyse orientiert sich an drei Erkenntnisinteressen. Primäre Funktion der empirischen Fallstudie ist die Überprüfung der theoriebasierten Hypothese der vorliegenden Studie. In empirischer Hinsicht soll zudem aufgezeigt werden, inwiefern Global Cities in der internationalen Klimapolitik autonom agieren. Welche Maßnahmen im Bereich des Klimaschutzes erwirken und führen sie eigenständig durch? Welchen Anteil tragen sie am Fortschritt der Klimaverhandlungen und des Klimaschutzes? Auf theoretischer Ebene soll reflektiert werden, inwiefern das realistische Paradigma der IB das Phänomen der Global City, globale Städtenetzwerke und neue Herausforderungen wie den Klimawandel aufzugreifen und zu analysieren in der Lage ist. Hierbei wird ein Beitrag zur theoretischen Debatte angestrebt, indem die Auswirkungen einer bestimmten Variablen auf die Ausgestaltung des transnationalen Engagements einer Global City und ein Zusammenhang zwischen mehreren kausal verbundenen Variablen untersucht wird. Inwiefern ist die transnationale Politik einer Global City durch die Struktur des internationalen Systems bedingt? Welche Funktion nehmen globale Städte innerhalb der internationalen Klimapolitik ein? Agieren Städte über ihre jeweiligen nationalstaatlichen Grenzen hinweg, befinden sie sich in einer hybriden Situation: einerseits treten sie als Teil eines Nationalstaates auf. Andererseits jedoch erzeugt ihr autonomes transnationales Handeln ein Potential, das sich nicht in ihrer Eigenschaft als Ordnungseinheit innerhalb des Nationalstaates erschöpft. Ist also eine Eigenständigkeit und politische Macht von Global Cities in der internationalen Klimapolitik zu beobachten? Denn gerade die Herausforderungen im Bereich des Klimaschutzes haben dazu geführt, dass sich Bürgermeister rund um den Globus in Städtenetzwerken vereinigen, um gemeinsam auf der Bühne der internationalen Klimapolitik die Stimme zu erheben, ihre Interessen kund zu tun und Lösungen zu finden. Bürgermeister streben nach Einfluss, Mitsprache und Macht im Bereich der internationalen Klimaschutzverhandlungen. Liegt ihrem Engagement hierbei eine interessen- und machtbasierte Intention zugrunde? Zielt diese auf eine Kompetenzerweiterung innerhalb des nationalstaatlichen oder internationalen Machtgefüges? Die hier gewonnenen Erkenntnisse sind von Relevanz für die IB-Forschung und die wissenschaftliche Diskussion über das Phänomen transnationaler Politik von Global Cities. Zuletzt besteht ein praktisches bzw. realpolitisches Forschungsinteresse dahingehend, welche Lehren aus dem betrachteten Analysezeitraum gezogen werden können. Lassen sich allgemeine Strategien der Einflussnahme identifizieren, mit denen Global Cities erfolgreich eine eigenständige transnationale Politik betreiben können? Diesem Ziel liegt die Annahme zugrunde, dass die globale Klimapolitik auch zukünftig eines der wichtigsten Problemfelder städtischer sowie internationaler Politik sein wird. Die Relevanz dieser Themenstellung wird mit der Gründung des jüngsten Städtenetzwerks des Global Parliament of Mayors deutlich. Basierend auf der Idee des Politiktheoretikers Benjamin Barber haben 60 Bürgermeister 2016 eine Organisation gegründet, deren Ziel es ist, nicht nur als weitere Plattform für Interessensaustausch und Einflussnahme zu dienen, sondern Macht und Einfluss der Bürgermeister inner- 6. A Einleitung 32 halb des internationalen Systems zu stärken.132 Barber argumentierte, dass Staaten nicht in der Lage seien, die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, allen voran den Klimawandel, zu meistern. Zudem würden sie sich mit ihrer Politik zu weit von den Bürgern entfernen, was zugleich ein Demokratiedefizit ihrer Politik impliziere. Diejenigen Akteure, die sowohl nah an den Problemen als auch den Menschen sind und dadurch auch effektivere Lösungsansätze und konkrete Maßnahmen nicht nur umsetzen, sondern entwickeln können, sind, Barber zufolge, die Bürgermeister großer Städte. Bisherige Städteverbünde wie C40, Metropolis, ICLEI, UCLG, European Forum for Urban Securities133, Mayors for Peace134 und Sister Cities International135, bieten bereits freiwillige und informelle Foren für Informationsaustausch und international ausgerichtete Initiativen. Nun sei es an der Zeit für den nächsten Schritt, der eine Institutionalisierung der Städteaktivitäten mit formalen Befugnissen vorsieht. Im Beratungsgremium zur Schaffung dieses jüngsten Städtenetzwerks saßen unter anderem Sassen, Ken Livingstone und Peter Kurz, Oberbürgermeister von Mannheim.136 Das gewählte Fallbeispiel Londons ist zudem angesichts des Brexits von aktueller Relevanz. Eine Erweiterung des qualitativen Verständnisses der Akteursqualität von London als Global City ist insofern von Bedeutung, als dass im Rahmen des Austritts Großbritanniens aus der EU eine Online-Petition gestartet wurde, die den gegenwärtigen Bürgermeister Sadiq Khan auffordert, „to declare London independent, and apply to join the EU […].“137 Die Petition wurde vom Parlament zwar abgelehnt,138 diese Entwicklungen sind dennoch besonders interessant, da Großbritannien als Muster- 132 Vgl. Knödler, Benjamin (2016): „Eine Win-win-Situation“, Interview mit Benjamin Barber, in: der Freitag, Ausgabe 35, vom 5. September 2016. Im Mai 2017 gehörten dem Parlament 61 Bürgermeister an. Aus UK zählen die Bürgermeister von Leicester und Bristol dazu. Vgl. Global Parliament of Mayors (a): Members. 133 Das European Forum for Urban Securities besteht seit 1987 unter der Schirmherrschaft des Europarats. Mehr als 250 europäische Kommunen sind bestrebt, die Sicherheit ihrer Einwohner durch Erfahrungsaustausch, sozialen Zusammenhalt, Kriminalitätsprävention und Sanktionsmechanismen zu erhöhen. Siehe: European Forum for Urban Securities (o.J.): About. 134 Mayors for Peace wurde 1982 auf Initiative von Takeshi Araki, Bürgermeister von Hiroshima gegründet. Der Verbund von mehr als 7.000 Städten und Gemeinden setzt sich für eine atomwaffenfreie Welt ein. Siehe: Offizielles Stadtportal Hannover (o.J.): Mayors for Peace. 135 Städtepartnerschaften erlangten besonders nach dem Ende des 2. Weltkrieges eine höhere Bedeutung zur Stärkung des gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Dialogs. Sister Cities International wurde 1956 vom 34. US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower (1953–1961) gegründet und steht heute für über 2.000 Partnerschaften. Siehe: Sister Cities International (o.J.): About sowie: Münch, Claudia (2006): Emanzipation der lokalen Ebene? Kommunen auf dem Weg nach Europa, Wiesbaden, S. 202ff. 136 Vgl. Barber, Benjamin (2016): The Global Parliament of Mayors Can Lead the Devolution Revolution, vom 5. September 2016. 137 O’Malley, James (2016): Declare London Independent from the UK and Apply to Join the EU, vom 24. Juni 2016. 138 Als Grund wurde angeführt, dass sich diese Petition an den Bürgermeister von London richtet und das Parlament sowie die Zentralregierung daher nicht zuständig sind. Andere Petitionen zu dieser Thematik wie beispielsweise If the UK Votes Leave and London Votes IN, London Should Become Independent erreichten nicht die nötige Unterschriftenanzahl von 100.000, um im Parlament diskutiert zu werden. Siehe: UK Government and Parliament (2016): Petition If the UK Votes Leave and London Votes IN, London Should Become Independent, vom 29. Dezember 2016. Andere Petitionen hingegen übertrafen die vorgeschriebene Anzahl um ein Vielfaches, wurden aber trotzdem ab- 6. Erkenntnisinteresse und Relevanz der Themensetzung 33 beispiel eines starken Staates gilt, der seinen Regionen und Kommunen erst seit der letzten Jahrhundertwende stärkere Selbstverwaltungsrechte überträgt, diese aber jederzeit wieder zurückziehen kann. Es ist zu erwarten, dass der Brexit die Beziehungen zwischen Hauptstadt und Landesregierung in erheblichem Maße beeinflussen wird.139 Aufbau der Arbeit Das geschilderte Anliegen, die Transnationalisierung der Klimapolitik der Global City London zu untersuchen, gliedert sich in vier Abschnitte. Die beiden Hauptblöcke − Teil B und Teil C − sind von dem einleitenden Teil A und einem Ergebnissteil D eingerahmt. Auf die Einführung folgt die Entwicklung eines Analyseschemas in Teil B. Dazu werden eine begriffliche und theoretische Fundierung, die Konzeptualisierung und Operationalisierung der abhängigen und unabhängigen Variable sowie die Aufstellung der zentralen Untersuchungshypothese vorgenommen. Der zweite Hauptteil Teil C dient der empirischen Überprüfung der theoriebasierten Hypothese. Im ersten Unterpunkt von Abschnitt B werden zunächst die wesentlichen Schlüsselbegriffe der IB diskutiert, um eine Einordnung der transnationalen Politik einer Global City − die freilich selbst einer Begriffsbestimmung bedarf − in die Fachterminologie vornehmen zu können. Auf die definitorische Grundlegung folgt die Konzeptualisierung der abhängigen Variable. Mangels einer allgemein anerkannten Definition der transnationalen Politik einer Global City ist eine differenzierte und vielschichtige Konzeptualisierung der AV notwendig. Hierzu wird das Aufgabenfeld der Kommunalpolitik unter den Einflussgrößen der Globalisierung, Urbanisierung und des Klimawandels sowie Transformationsprozesse des Nationalstaatenmodells diskutiert. In der Forschung besteht am Punkt der Akteursklassifizierung der Global City ein Definitionsdilemma. Mit einer Erörterung und kritischen Hinterfragung bestehender Erklärungsansätze zum Akteursstatus einer Global City sowie der Bestimmung des Verständnisses, das der vorliegenden Analyse zugrunde liegt, schließt die Konzeptualisierung der AV. Aufbauend auf den ersten Erkenntnissen, die Unterpunkt drei festhält, wird der theoretische Ansatz erarbeitet, der die Fragestellung bestmöglich erfassen und beantworten kann. Die Entwicklung des Analyseschemas vollzieht sich in mehreren Schritten: Am Anfang steht eine Reflexion der Anforderungen an das theoretische Analyseschema sowie der Theoriefunktion und Theorienlandschaft der IB. In einem zweiten Schritt wird das theoretisch-konzeptuelle Instrumentarium auf seine Geltung für den Analysegegenstand hin überprüft. Eine Schwerpunktsetzung angesichts der Weite der 7. gelehnt. So sammelte William Oliver Healey für seine Petition, die für ein zweites Referendum plädierte, über 4 Mio. Unterschriften. Der Petitionsausschuss des House of Commons lehnte diese jedoch ab, da sie bereits einen Monat vor Durchführung des Referendums gestartet wurde und somit ungültig war. Vgl. Cockburn, Harry (2016): Brexit: Government Rejects Second EU Referendum Petition Signed by 4.1 Million, in: The Independent vom 9. Juli 2016. 139 Vgl. Clark, Greg/Moonen, Tim (2017): World Cities and Nation States, Oxford, S. 47f. A Einleitung 34 Untersuchungslandschaft war zwingend notwendig, um den Untersuchungsleitfaden stets nah am Erkenntnissinteresse zu entwickeln. Dabei stand besonders die Aussagekraft der Theorien zu den für den Untersuchungsgegenstand relevanten Themenbereichen, Analyseebenen und Akteuren der internationalen Politik sowie der Globalisierung und Transnationalisierung im Mittelpunkt des Interesses. Ziel dieses Gliederungspunktes ist es, aus einer Übersicht staatenzentrierter wie gesellschaftsorientierter Perspektiven ein kritisches und reflektiertes Urteil über den geeigneten Analyserahmen fällen zu können. Neben den klassischen Paradigmen Realismus, Liberalismus und Institutionalismus wird ebenso eine Denkschule neueren Datums, der Konstruktivismus, behandelt. Darüber hinaus werden die Englische Schule, die Global Governance-Forschung und der Kritische Realismus berücksichtigt. Als rahmensetzender und untersuchungsleitender Ansatz wird der neoklassische Realismus gewählt. Im Fortgang des Kapitels zur theoretischen Grundlegung liegt der Schwerpunkt daher auf der Frage der Geltung des realistischen Paradigmas für den Analysegegenstand sowie den Grundannahmen des jüngsten Forschungsprogramms des Realismus und dessen Erkenntnisgehalt zur Beantwortung der Forschungsfrage. Das fünfte Unterkapitel dient der Konzeptualisierung der UV, der Struktur des internationalen Systems. Dazu wird die realistische Weltsicht mit derjenigen der Global Governance-Denkschule gegenübergestellt.140 Die hier erörterte realistische Sichtweise von Global Governance, verstanden als internationaler Ordnungs- und Handlungsrahmen, liegt der vorliegenden Untersuchung zugrunde. Ebenfalls Gegenstand dieses Unterabschnittes ist die Thematisierung der sicherheitspolitischen Implikationen des Klimawandels, die diesen an die high politics der Staaten anschließen. Bevor die Operationalisierung der Variablen vorgenommen wird, schließt dieser Teil mit einem Zwischenfazit zur Gestalt der internationalen Politik im Licht der Herausforderungen des Klimawandels und der Global Cities, die ihren subnationalen Kokon abstreifen und ihre Flügel auf der Bühne der internationalen Politik ausbreiten. Eine Vorstellung davon, was unter dem zu erklärenden Phänomen der transnationalen Politik einer Global City zu verstehen ist, zeichnet der Unterpunkt zwei zur Konzeptualisierung der abhängigen Variable. Zur Bestimmung der empirischen Messbarkeit der AV wird dazu zunächst das Spannungsverhältnis zwischen Akteur und Struktur thematisiert, innerhalb dessen sich transnationale Interessen einer Global City herausbilden. Zur Überwindung des hier sichtbar gewordenen Akteur-Struktur-Problems wird das agency-Konzept herangezogen. Mit diesem kann die Handlungsfähigkeit des Bürgermeisters einer globalen Stadt hinsichtlich formeller, informeller und kognitiver Kapazitäten sichtbar gemacht werden. Unterpunkt acht von Teil B beinhaltet die Operationalisierung der UV. Dazu werden die Indikatoren des realistischen Paradigmas, anhand derer die Machtverteilung zwischen den Staaten gemessen wird − relative Fähigkeiten eines Akteurs und Polari- 140 Die Klassifizierung orientiert sich an: Siedschlag, Alexander (2005): Realisierung von Global Governance: Chancen und Grenzen aus neorealistischer Perspektive, in: Behrens, Maria (Hrsg.): Globalisierung als politische Herausforderung. Global Governance zwischen Utopie und Realität, Wiesbaden, S. 99–114. 7. Aufbau der Arbeit 35 tät des internationalen Systems − sowie ihre Aussagekraft mit Blick auf den Untersuchungsgegenstand diskutiert. Um Autoritätsbeziehungen in der internationalen Klimapolitik offen zu legen und die Stellung von Global Cities innerhalb der internationalen Machtverteilung zwischen den Staaten messbar zu machen, wird im letzten Schritt der Operationalisierung der UV das Global Governor-Konzept der jüngeren Global Governance-Forschung vorgestellt. Anschließend an die Operationalisierung der AV und UV lässt sich die zentrale Untersuchungshypothese ableiten. Die Überprüfung der Hypothese ist Gegenstand des zweiten Hauptteils der Studie. Zunächst wendet sich Teil C der Aufgabe zu, die internationale Klimaarchitektur anhand der Machtverteilung zwischen Staaten und Autoritätsbeziehungen zwischen Global Cities und etablierten Global Player zu analysieren. Der erste Unterabschnitt befasst sich mit den naturwissenschaftlichen Grundlagen, Ursachen und Folgen des Klimawandels sowie der international verbreiteten Klimaskepsis. Daran anknüpfend werden in den folgenden Unterpunkten die Entwicklung der internationalen Klimapolitik von ihren Anfängen in den 1970er Jahren über die Verabschiedung der UNFCCC 1992 und des Kyoto-Protokolls 1997 bis zum Inkrafttreten des Pariser Klimaabkommens 2016 sowie die Hauptakteure im Rahmen der Vertragsstaatenkonferenzen, erörtert. Konferenzen und Übereinkommen der internationalen Klimapolitik, die schwerpunktmäßig außerhalb des Fahrwassers der UNFCCC liegen sowie ihre maßgeblichen Akteure werden im fünften Unterpunkt thematisiert. Der sechste Gliederungspunkt von Teil C hat die Macht- und Interessenlage sowie Autoritätsbeziehungen in der internationalen Klimapolitik zum Inhalt. Auf Grundlage der ökonomischen Interessen und nationalen Energie- und Klimapolitik der größten TGH-Emittenten − China, USA, EU, Russland, Indien und Japan − sowie der Analyse der Zusammenarbeit von Global Cities und internationalen Organisationen im Bereich des Klimaschutzes und der Funktion, die ihnen die Staaten im Kampf gegen den Klimawandel zusprechen, wird die Stellung von Global Cities und TMCNs innerhalb der Klimaarchitektur herausgearbeitet. Mit einem Zwischenfazit zum Gehalt der internationalen Klimapolitik als Game of Great and Small Power Politics141 im siebten Unterpunkt schließt die Analyse der Struktur der internationalen Klimapolitik. In einem zweiten, empirischen Schritt wird die transnationale Klimapolitik der Londoner Bürgermeister Ken Livingstone und Boris Johnson untersucht. Dazu werden zunächst das politische System Großbritanniens, die Umwelt- und Klimapolitik der Zentralregierung sowie Umweltbewegungen in der Gesellschaft als nationaler Handlungsrahmen beleuchtet, innerhalb dessen sich das local government und die Klimapolitik der beiden Bürgermeister einbettet. Hierauf aufbauend werden Entwicklung und Struktur des local (self) government in Großbritannien behandelt. Die Erörterung der Genese und des Grads der subnationalen Autonomie unter den Regierungen Margaret Thatcher bis David Cameron schafft das nötige Verständnis für die bri- 141 John Mearsheimer, Professor für Politikwissenschaft und Experte für internationale Sicherheitspolitik an der University of Chicago, beschreibt in seinem Buch The Tragedy of Great Power Politics das Streben der Staaten nach Macht, angetrieben durch die Struktur des internationalen Systems. Siehe: Mearsheimer, John J. (2001): The Tragedy of Great Power Politics, New York. A Einleitung 36 tischen Besonderheiten in der Beziehung zwischen Zentralregierung und lokaler Ebene. Im Folgenden wird untersucht, wie die britische Hauptstadt zur führenden Global City der Welt angewachsen ist. Die Verwaltungsstrukturen der Stadt, ihre Charakteristika als führende Global City sowie Aufgaben und Machtressourcen der Regierungsbehörde sind Gegenstand des nächsten Gliederungspunktes. Auf dieser Grundlage wird die Handlungsfähigkeit, zunächst von Ken Livingstone und schließlich von Boris Johnson anhand des agency-Konzepts beleuchtet. Es gilt, Intention, Struktur und Strategie ihrer transnationalen Klimapolitik innerhalb der nationalen Kontextfaktoren, ihres innerstaatlichen und innenpolitischen Autonomiegrads und ihre Wahrnehmung der Machtverhältnisse in der internationalen Klimaarchitektur herauszuarbeiten. Besonderheiten, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Wahrnehmung der internationalen Strukturen und der Handlungsfähigkeit der beiden Londoner Bürgermeister im Zeitraum 2008 bis 2016 fasst ein Zwischenfazit als Abschluss der empirischen Analyse zusammen. Teil D bündelt schließlich die zentralen Erkenntnisse der Studie, bewertet die Hypothesenüberprüfung und beantwortet auf dieser gewonnenen Wissensgrundlage die anfangs aufgestellte Forschungsfrage. Mit einem Ausblick auf den weiteren Forschungsbedarf schließt die Analyse der vorliegenden Studie ab. Ein Anhang mit Literaturverzeichnis und einer Übersicht der geführten Experteninterviews runden die Arbeit ab. 7. Aufbau der Arbeit 37

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References

Zusammenfassung

Internationale Politik wird längst nicht mehr nur von Nationalstaaten betrieben – Global Cities sind insbesondere seit Ende des Kalten Krieges zu neuen Machtzentren aufgestiegen. Die vorliegende Analyse gibt, basierend auf der Theorie des Neoklassischen Realismus, Aufschluss über die Akteursqualität von Global Cities in der internationalen Klimapolitik am Beispiel Londons. Dabei steht die Netzwerkmacht der Städte, also ihr Engagement in Städteverbänden und -netzwerken, im Fokus. Welche Faktoren beeinflussen die Transnationalisierung der Politik globaler Städte? Welche Rolle spielen die Bürgermeister? Welcher Strategien bedienen sie sich, und innerhalb welcher Strukturen handeln sie?

London ist ein besonders ergiebiges Beispiel. Die Weltstadt hatte bis zum Jahr 2000 keine eigene Stadtregierung und -verwaltung; ihre Akteursqualität stieg entscheidend erst mit dem Einsetzen des Mayor of London. Boris Johnson diente diese Funktion gar als Sprungbrett zum britischen Premierminister.