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Erster Teil. Kinder- und Jugendliteratur in:

Andreas Peterjan

Lesbarkeit(en), page 1 - 154

Rahmenbedingungen, Schnittstellen und Interpretationsräume mehrsinniger phantastischer Kinder- und Jugendliteratur am Beispiel von Walter Moers' Zamonien-Fiktion

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4389-9, ISBN online: 978-3-8288-7374-2, https://doi.org/10.5771/9783828873742-1

Series: Studien zu Literatur und Film der Gegenwart, vol. 15

Tectum, Baden-Baden
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Kinder- und Jugendliteratur „Wissen Sie, eine Doktorarbeit besteht zum großen Teil aus anderen Doktorarbeiten“, erläuterte Kolibri. „Eine Doktorarbeit ist immer auch eine Art Orgie von alten Doktorarbeiten, die sich untereinander, äh, befruchten, damit etwas Neues, etwas noch nie Dagewesenes aus ihnen hervorgeht.“1 Genealogie und Poetologie Auflösung als Ende oder Anfang? Was bisher der Definition der KJL und ihrer Differenzierung von der sogenannten Allgemein- oder Erwachsenenliteratur diente, scheint in der Postmoderne einem Prozess der Dynamisierung unterworfen zu sein. Die Grenzen des „Polysystems KJL“2 beginnen sich sukzessive aufzulösen und verlieren zusehends an Kontur. Aktuelle Erscheinungen des Literaturbetriebs, vor allem die prominenten Bestseller der letzten beiden Jahrzehnte aus dem Bereich der (Young-Adult- oder All- Age-)Fantasy, konfrontieren die KJL-Forschung mit einem veränderten Literaturprofil und den Wirkungsweisen einer multimedialen Marketing-Maschinerie, die in Hinarbeit auf ein breit gestreutes (wenn nicht gar globales) Zielpublikum vor allem eine – bis dato häufig als konstitutiv angenommene – Größe der KJL-Forschung unterminiert: den traditionellen Adressatenbezug. Auch wenn die Auflösung etablierter Kategorien stets (und somit auch im System der KJL) zur Beschwörung von Untergangsszenarien Erster Teil. Kapitel 1. 1.1. 1 Walter Moers: Rumo & Die Wunder im Dunkeln. München: Piper 2004, S. 47. 2 Vgl hierzu Hans-Heino Ewers: Literatur für Kinder und Jugendliche. München: Wilhelm Fink Verlag 2000, S. 41 ff. 1 und effektvoller Prophetie reizt: In diesem Fall scheinen dergleichen Befürchtungen partiell gerechtfertigt. Denn dass sich die KJL tatsächlich in einer gravierenden Umbruchssituation befindet und einen kritischen Punkt erreicht hat, an dem ihre Positionierung im Medienverbund neu konfiguriert wird, steht für renommierte KJL-Forscherinnen und Forscher mittlerweile außer Frage. Die englische Literaturwissenschaftlerin Ann Hewings hat die Befunde aktueller Studien zu diesem Wandel der KJL exemplarisch zusammengefasst und auf eine prägnante, auch für den deutschen Sprachraum gültige Fragestellung reduziert: „Indeed, is the literary landscape at the beginning of the twenty-first century changing so dramatically that children’s reading and children’s literature itself are in danger of becoming irrelevant?“3 Konkreter gefragt: Ist die Segmentierung des Gesamtphänomens Literatur nach dem Alter seiner intendierten Ziel- oder tatsächlichen Rezipientengruppen in diverse Poly- und Sub-Systeme überhaupt (noch) legitim? Vor allem, wenn sich am deutschsprachigen Buchmarkt vermehrt Bücher durchsetzen, die sowohl von Kindern und Jugendlichen, als auch von Erwachsenen gewinnbringend rezipiert werden? Wird die KJL in einer global funktionierenden Medienkultur, die sich primär über Visualität konstituiert, als unzeitgemäßes Medium nicht zwangsläufig als entbehrlicher Ballast dem Verschwinden anheimgegeben? Und vor allem: Ist einer „genealogischen Poetik“4 im Zeitalter der Postmoderne, mit ihrer einhergehenden „kulturellen Beschleunigung“5 und den umfassenden Destabilisierungstendenzen (was beispielsweise die Auflösung des altehrwürdigen Modells voneinander abgrenzbarer Lebensphasen bedingt), nicht von vornherein jegliche Grundlage entzogen? Im Besonderen, wenn die bereits in der Moderne angelegte Tendenz zur Beschleunigung der Lebensverhältnisse einen Grad erreicht hat, mit dem „das Tempo des sozialen Wandels 3 Ann Hewings: Contemporary Transformations. In: Janet Maybin und Nicola J. Watson (Hrsg.): Children’s Literature: Approaches and Territories. Hampshire: Palgrave Macmillan 2009, S. 330–332, zit. S. 330. 4 Ernst Seibert: Themen, Stoffe und Motive in der Literatur für Kinder und Jugendliche. Wien: Facultas 2008, S. 19. 5 Hartmut Rosa: Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2005, S. 348. Kapitel 1. Genealogie und Poetologie 2 eine kritische Schwelle – nämlich jene der Geschwindigkeit der Generationenfolge – überschritten hat?“6 Ist KJL „out of time“? Die Kerngedanken, die hinter den oftmals nostalgischen, oftmals polemischen Stellungnahmen zur aktuellen Entwicklung der KJL stehen, sind mitnichten neu. Vielmehr stellen sich die Grundfragen des kinder- und jugendliterarischen Diskurses (wie auch des kinder- und jugendliterarischen Forschungsdiskurses) mit neuer Intensität und Dringlichkeit in einer Phase kultureller Entwicklung, in der das „Modell eines relativ klar umrissenen kinder- und jugendliterarischen Feldes […] angesichts der Entwicklungen in der aktuellen Jugendliteratur, die sich keinem der beiden Systeme eindeutig zuordnen läßt, unbrauchbar zu werden“7 droht – wie Svenja Blume im Hinblick auf die Entwicklungstendenz der zeitgenössischen KJL hin zur „All-Age-Literature“ konstatiert. Wie ich im Folgenden – nach einer Heranführung aus historischer Perspektive – darstellen möchte, ist dieser (befürchtete oder herbeigesehnte, jedenfalls aber „dramatische“) Wandel der KJL, den aktuell sowohl (Literatur-)Pädagogen, Literaturwissenschaftler, Soziologen als auch Markt- und Medienforscher unisono verzeichnen, aus einem Zusammenspiel dreier im Zusammenhang mit KJL bereits erforschter Aspekte erklärbar: Es herrscht aktuell eine – zugegeben: historisch singuläre – Konstellation zwischen 1. dem Adressatenbezug, 2. dem Verhältnis des Trägermediums Buch zu seinem medialen Umfeld und 3. der mehrfachen Lesbarkeit von Texten aus dem Gebiet der KJL vor. Wandlungen – KJL als „Import-Export-Geschichte“ Die grundsätzliche Frage, inwiefern die etwaige Systemzugehörigkeit eines Textes durch dessen intendierten Adressatenbezug hinreichend markiert ist, wird im Zusammenhang mit deutschsprachiger Kinder- 1.2. 6 Ebd., S. 348. 7 Svenja Blume: Texte ohne Grenzen für Leser jeden Alters. Zur Neustrukturierung des Jugendliteraturbegriffs in der literarischen Postmoderne. Freiburg im Breisgau: Rombach Verlag 2005, S. 29. 1.2. Wandlungen – KJL als „Import-Export-Geschichte“ 3 und Jugendliteratur8 schon seit ihrer Entstehung im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert beständig diskutiert. Die lange Kontinuität dieser immer noch andauernden Auseinandersetzung deutet mitunter darauf hin, dass auch die vorab skizzierten, aktuellen Fragestellungen gewissermaßen wieder ins Zentrum dieser ursprünglichen Auseinandersetzung um den keineswegs unproblematischen Status der KJL zurückführen. Als auffälliges Merkmal insbesondere der frühen KJL-Entwicklung im deutschen Sprachraum tritt nämlich ein geradezu intimes Verhältnis zwischen schriftstellerischer Praxis und der kinder- und jugendliterarischen Theoriebildung hervor: Die vornehmlich der philanthropischen Reformbewegung entstammenden Verfasser waren Autoren und Theoretiker zugleich. Da sich die Ausprägung des literarischen Diskurses „KJL“ dadurch naturgemäß mit seiner komplementären Theoretisierung verbunden hat, folgte die Reflexion nicht zwangsläufig der Entwicklung (oder vice versa die Entwicklung der Reflexion), sondern vielmehr etablierte sich von Anfang an ein relativ simultanes Produktionskonzept, das Primär- und Sekundärliteratur gleichermaßen umfasste. Greifbar wird dies in der Gestaltung zeitgenössischer Buchmedien, die sich so von Anfang an als Träger zweier Strukturen erwiesen: Sie boten nicht nur den (kinder- bzw. jugendliterarisch adressierten) Primärtext, sondern gleichzeitig dessen sekundäre Kommentierung in Form der Vor- und Nachwörter, welche die Wirkungsintention und das gegenwärtige Literaturverständnis offenlegten. Als historische Beispiele „hierfür seien lediglich der bekannte ‚Vorbericht‘ Campes zu seinem Erfolgsbuch Robinson der Jüngere und […] [das] nicht minder bedeutende ‚Vorwort‘ August Corrodis zur zweiten Auflage des Simrockschen Deutschen Kinderbuchs (einer der großen Kinderreimsammlungen des 19. Jahrhunderts) genannt“9. 8 Der Terminus befestigt ein Problem, das die Forschung mehr vertieft als geklärt hat. Denn während in anderen Philologien stärker zwischen Kinder- und Jugendliteratur unterschieden wird – und beide mitunter als eigenständige Phänomene angesehen werden – hält die deutschsprachige Forschungstradition an der „Verwendung des Doppelbegriffs fest“. Siehe und vgl. Seibert 2008 (Anm. 4), S. 24. 9 Hans-Heino Ewers: Literatur für Kinder und Jugendliche. 2., überarbeitete und aktualisierte Auflage. München: Wilhelm Fink Verlag 2012, S. 49. Kapitel 1. Genealogie und Poetologie 4 Darin wurde nicht nur die Systemzugehörigkeit des jeweiligen Textes reflektiert, sondern diese auch utilitaristisch – im Ausblick auf die erzieherische Nützlichkeit des vorliegenden Buches – begründet. Im paratextuellen Bereich konzentrierten sich diese ausschließlich an den Erwachsenen (dem neben seiner Rolle als Erzieher und Vorleser zusätzlich natürlich noch die Rolle des potentiellen Käufers oblag) gerichteten Signale in besonders deutlicher Form. Hierunter fallen neben den bereits angesprochenen Vor- und Nachworten auch die (Unter-)Titel: Beispielsweise im Fall des […] Salzmannschen Moralischen Elementarbuchs von 1783/85, das bereits im Titel auf die 26-seitige „Anleitung zum nüzlichen (!) Gebrauch desselben“ hinweist. Die an Erwachsene gerichteten Vor- bzw. Nachworte sind nicht zuletzt – und zwar bis weit hinein ins 20. Jahrhundert – Orte einer kinder- und jugendliteraturprogrammatischen Diskussion gewesen.10 Auch J. H. Campe legte dergestalt das pädagogische Programm der KJL fest. Er verstand seine wirkungsmächtige Defoe-Bearbeitung Robinson der Jüngere als Teil seiner philanthropischen Praxis und unterzog die KJL damit einer eminenten Funktionalisierung: Die KJL galt ihm weniger als Literatur, denn als Pädagogik mit literarischen Mitteln.11 Mit dieser markant „pädagogisch-didaktische[n] Ausrichtung […] von Kinder- und Jugendliteratur als einem Medium der Wissensund Wertevermittlung“12 entstand ein Ansatz, der – im doppelten Sinne – Schule machen sollte und diesen Anspruch im Peritext auch explizit transportierte. Gleichsam wurden derartige Überlegungen nicht nur in den obligaten, an die erwachsenen Vermittler adressierten, Vorreden programmatisch erörtert, sondern fanden ihren Niederschlag auch innerhalb der literarischen Texte selbst. Einen Reflex dieser Art stellt beispielsweise E. T. A. Hoffmanns Nußknacker und Mausekönig von 1816 dar: Hoffmanns Überlegungen zum Adressatenbezug und zur Angemes- 10 Ebd. 11 Vgl. Joachim Henrich Campe: Robinson der Jüngere. Herausgegeben von Johannes Merkel und Dieter Richter. München: Weismann Verlag 1977, Vorwort zur ersten Auflage, S. III (von Paginierung ausgenommen) ff. 12 Gina Weinkauff und Gabriele von Glasenapp: Kinder und Jugendliteratur. Paderborn: Ferdinand Schöningh 2010, S. 34. 1.2. Wandlungen – KJL als „Import-Export-Geschichte“ 5 senheit der Erzählform im Hinblick auf ein heranwachsendes Publikum werden in der Rahmenhandlung des Erzählbandes Die Serapionsbrüder explizit thematisiert und sind somit Teil der literarischen Konstruktion selbst: „Sage mir“, sprach Theodor, „sage mir, lieber Lothar, wie du nur deinen Nußknacker und Mausekönig ein Kindermärchen nennen magst, da es ganz unmöglich ist, daß Kinder die feinen Fäden die sich durch das Ganze ziehen, und in seinen scheinbar völlig heterogenen Teilen zusammenhalten, erkennen können. Sie werden sich höchstens am einzelnen halten, und sich hin und wieder daran ergötzen.“ „Und ist dies nicht genug?“ erwiderte Lothar. „Es ist“, fuhr er fort, „überhaupt meines Bedünkens ein großer Irrtum, wenn man glaubt daß lebhafte fantasiereiche Kinder, von denen hier nur die Rede sein kann, sich mit inhaltsleeren Faseleien, wie sie oft unter dem Namen Märchen vorkommen, begnügen. Ei – sie verlangen wohl was Besseres und es ist zum Erstaunen, wie richtig, wie lebendig sie manches im Geiste auffassen, das manchem grundgescheuten Papa gänzlich entgeht. Erfahrt es und habt Respekt!“13 Bereits anhand dieses kurzen Zitats wird deutlich, wie stark das romantische Kindheitsideal von den Intentionen der zeitgleich wirkenden Spätaufklärer bzw. Philanthropen abwich. Hoffmann attestiert dem kindlichen Gemüt eine besondere Auffassungsgabe und Sensibilität für die Poesie, fernab „nützlicher“ oder „didaktischer“ Implikationen – was letztlich eine völlig differente Auffassung von KJL zur Folge hatte. Denn mit diesem Entstehen der (von Schriftstellern getragenen) romantischen Kinderliteratur sieht beispielsweise Hans-Heino Ewers eine aufkommende Gegenbewegung zur (von schreibenden Pädagogen verfassten) KJL der Spätaufklärer begründet. Dies führte schließlich zu einer Polarisierung, „die für das Feld der Kinder- und Jugendliteratur fortan charakteristisch sein wird. Der im Gegeneinander von religiös- bzw. aufgeklärt-didaktischer und romantischer Kinderliteratur erstmals sich manifestierende Antagonismus wird im Laufe der geschichtlichen Entwicklung in unzähligen Verkleidungen wiederkehren; noch in den allerjüngsten Debatten schimmert er durch.“14 13 E.T.A. Hoffmann: Die Serapionsbrüder. Erster von vier Bänden. Frankfurt am Main: Insel 1983, S. 336. 14 Hans-Heino Ewers: Romantik. In: Reiner Wild (Hrsg.): Geschichte der deutschen Kinder- und Jugendliteratur. Stuttgart: Metzler 3 2008, S. 96–130, zit. S. 99. Zit. nach Gina Weinkauff und Gabriele von Glasenapp: Kinder und Jugendliteratur. Paderborn: Ferdinand Schöningh 2010, S. 45. Kapitel 1. Genealogie und Poetologie 6 Auch wenn diese Bipolarität im historischen Rückblick stärker ausgeprägt erscheinen mag, als es de facto der Fall war. Denn die realen Auswirkungen der romantischen Kinderliteraturkonzeption auf das Handlungs- und Symbolsystem des 18., 19. und frühen 20. Jahrhunderts blieben vergleichsweise marginal. Literaturhistorisch gesehen, besteht ihre Leistung jedoch „darin, erstmals ein Erzählmuster entworfen zu haben, das erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts in der englischen Kinderliteratur wieder aufgegriffen wird und im deutschsprachigen Raum erst seit den siebziger Jahren [des 20. Jahrhunderts] seine volle Wirkung entfaltet.“15 Allerdings tritt ein anderer, nach wie vor relevanter Aspekt deutlich hervor, sofern man die Publikationsgeschichte von Hoffmanns Nußknacker und Mausekönig in Betracht zieht: Erstmals 1816 in einem Band mit „Kindermärchen“16 veröffentlicht, dessen Herausgabe Hoffmann gemeinsam mit Friedrich de la Motte Fouqué und C. W. Contessa besorgte, fand der Text anschließend Eingang in die – keineswegs für Kinder und Jugendliche konzipierte – Erzähl- und Aufsätzesammlung Die Serapionsbrüder und avancierte zu einem Klassiker der romantischen Kunstmärchen-Dichtung. Vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Kunstmärchen in zahlreichen Lesebüchern – nun sowohl für Erwachsene, wie auch für Kinder und Jugendliche – abgedruckt (was natürlich weder die tatsächliche Lektürepraxis der einen, noch der anderen Lesergruppe zwangsläufig widerspiegeln muss) und diente wiederum Tschaikowski als Vorlage für seine bekannte Ballett-Komposition von 1892. Mittlerweile gilt Nußknacker und Mausekönig der modernen Literaturwissenschaft als äußerst kom- 15 Irmgard Nickel-Bacon: Alltagstranszendenz. Literaturhistorische Dimensionen kinderliterarischer Phantastik. Online verfügbare Fachpublikation der Universität Wuppertal, S. 12 f. Quelle: http://www.germanistik.uni-wuppertal.de/fileadmin/ger manistik/Teilf%C3%A4cher/Didaktik/Personal/Nickel-Bacon/Nr._7_Alltagstranszendenz.pdf (Stand 10.01.2016). 16 Vgl. dazu Gertrud Lehnert: Die phantastische Kinderliteratur im Spannungsfeld zwischen Tradition und (Post-)Moderne. In: Günter Lange und Wilhelm Steffens (Hrsg.): Literarische und didaktische Aspekte der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur. Würzburg: Königshausen & Neumann 1993, S. 81–95, zit. S. 85. Sowie Isa Schikorsky: Im Labyrinth der Phantasie. Ernst Theodor Amadeus Hoffmanns Wirklichkeitsmärchen „Nußknacker und Mausekönig“. In: Bettina Hurrelmann: Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 1995, S. 520–539, zit. S. 520 ff. 1.2. Wandlungen – KJL als „Import-Export-Geschichte“ 7 plexes Spiel mit den Bereichen des Realen und Imaginären, dessen vielschichtiger struktureller Aufbau und poetischer Bildreichtum zu Hoffmanns literarischen Meisterleistungen zählt. Folglich ist das Kunstmärchen tendenziell häufiger im Lektürekanon der Phantastik- Forscher und Romantik-Begeisterten vertreten, als in jenem der Kinder und Jugendlichen, deren naturgegebene Verständnisgabe Hoffmann so emphatisch pries. Gleichzeitig gibt es jedoch unlängst wiederum Anstrengungen, das Kunstmärchen in adaptierter Form der ursprünglich intendierten Zielgruppe wieder zugänglich zu machen: den Kindern. Ein Beispiel dafür wäre etwa Wolfgang Knapes Neufassung aus der Reihe Klassiker für Erstleser oder spezielle (meist gekürzte) Hörfassungen. Schon aufgrund der knappen Anamnese dieser frühen Zeugnisse lässt sich somit eine erste Grundaussage treffen: Die Scheidung zwischen KJL und Allgemeinliteratur ist keineswegs erst seit dem Aufkommen der vielbeschworenen All-Age-Literatur bestreitbar und durchlässig geworden. Vielmehr stellt und stellte die KJL zu keinem Zeitpunkt ein definitiv abgrenzbares Literatursystem dar, sondern war Objekt wie Subjekt eines stets wandlungsfähigen und vor allem historisch variablen Literaturkonzepts, das sowohl der Inklusion von Neuem, wie der Exklusion von Altem fähig war – und nach wie vor ist. Darum scheint es Ernst Seibert nachvollziehbarerweise angebracht, „anstelle des gängigen, jedoch unbefriedigenden Begriffs der Kinderund Jugendliteratur dem etwas differenten und in seiner Differenz immer wieder neu zu bestimmenden Begriff einer Literatur bzw. der Literaturen für Kinder und Jugendliche Geltung zu verschaffen.“17 Ein gemeinsames Merkmal dieser Literaturen für Kinder und Jugendliche besteht eben darin, dass Texte in sie eintreten bzw. wieder aus ihnen ausscheiden können. Ein- und derselbe Stoff kann das Poly- System (wie auch das Medium) wechseln oder gleichzeitig in mehreren Systemen präsent sein. Sowohl können Kinder und Jugendliche neue literarische Terrains erobern (etwa Jonathan Swifts Gullivers Reisen oder Daniel Defoes Robinson Crusoe, die – nach Hans Heino Ewers – nicht der „intendierten Jugendliteratur“18 entstammen, dafür aber 17 Seibert 2008 (Anm. 4), S. 22 18 Vgl. Ewers 2000 (Anm. 2), S. 15 f. Kapitel 1. Genealogie und Poetologie 8 mittlerweile der faktischen „Jugendlektüre“19 zugerechnet werden können), als auch der umgekehrte Fall eintreten: Lewis Carolls Alice im Wunderland ist im englischen Sprachraum mittlerweile ebenso fixer Bestandteil des Kanons der Erwachsenenlektüre, wie Antoine de Saint- Exupérys Der kleine Prinz im französischen, Carlo Collodis Pinocchio im italienischen oder Lyman Frank Baums Der Zauberer von Oz im amerikanischen Kulturraum. Sie sind Teil der allgemeinen Lesesozialisation und der kulturellen Identität. Die zahllosen Bearbeitungen, Adaptionen und Neudichtungen für jugendliches Publikum können hingegen als gezielte Versuche angesehen werden, die ursprünglich intendierte System-Zugehörigkeit eines Textes mit einer adaptierten Version in Folge bewusst zu transzendieren. Diese populären Bearbeitungen für jugendliches Publikum beschleunigen somit auch den System-Wechsel der Vorlagen, die ihrer historischen Intention nach zwar einem anderen System zuzuordnen sind, in der aktuellen Wahrnehmung jedoch zum integralen Bestandteil der KJL geworden sind: Etwa Dumas‘ ursprünglich allgemeinliterarisch konzipierte Fortsetzungsromane Die drei Musketiere oder Mark Twains Die Abenteuer des Huckleberry Finn. Prototypisches deutschsprachiges Beispiel für diesen Fall sind mitunter die Verschriftlichungsprozesse der Volksmärchen. Die Überführung der oral tradierten Erzählungen in das Medium der Schrift folgte ursprünglich dem Archivierungsdenken der Aufklärung. Ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden sie (aufgrund ihrer wunderbaren20 Elemente) allmählich aus dem aufklärerischen Diskurs ausgeschlossen und – ex negativo – in das Subsystem der sich ausdifferenzierenden KJL gedrängt.21 In den Märchenbearbeitungen der Brüder Grimm haben sie ihre bis heute mit der Märchengattung assoziierte Form und ihren stilistischen Gestus gefunden. Da der Erfolg der Erstauflage der Kinder- und Hausmärchen (1812) jedoch hinter den Erwar- 19 Vgl. Ebd., S. 16. 20 Zur Definition des „Wunderbaren“ aus literaturwissenschaftlicher Sicht siehe Kap. 4 dieser Arbeit. 21 Vgl. Joachim Theisens Aufsatz „Kausalität nach Gesetzen des Märchens. Mittelalterliches und märchenhaftes Erzählen.“ In: Claudia Brinker-von der Heyde, Holger Ehrhardt, Hans-Heino Ewers und Annekatrin Inder: Märchen, Mythen und Moderne. 200 Jahre Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Frankfurt am Main: Peter Lang 2015. Band 1, S. 177–186, insbesondere S. 183 f. 1.2. Wandlungen – KJL als „Import-Export-Geschichte“ 9 tungen zurückblieb, nahmen Jacob und Wilhelm Grimm gravierende Adaptionen und Veränderungen an der – stets als authentisch, also unbearbeitet präsentierten22 – Textgrundlage vor, um verstärkt den zeitgenössischen, grassierenden Erwartungshaltungen an eine familientaugliche, zunehmend bürgerliche Märchensammlung entsprechen zu können. Neben der Entfernung subversiver Momente23 unterschieden sich die nachfolgenden Ausgaben auch hinsichtlich der Textauswahl und formalästhetischen Züge der Märchen von der Erstauflage. Die Herausgeber reagierten so mitunter auf Einwände seitens der Kritik, dass Kindern ein adäquates Verstehen der Märchen aufgrund deren Komplexität unmöglich sei. Und auch Gustav Schwab entschärfte für seine populäre ad usum delphini-Akkommodation des antiken Mythen-Fundus – Die schönsten Sagen des klassischen Altertums (1838) – die vorrangig in sexueller Hinsicht pikanten Elemente der Vorlagen geradezu radikal, um sie an die herrschenden Moralvorstellungen eines bürgerlich-biedermeierlichen Familienpublikums anzupassen, das sich zukünftig auch an der Kindertauglichkeit der Erzählinhalte orientieren sollte. Neben diesen „Systemzwängen der KJL“24, die besonders bei dem Übertritt eines Stoffes aus der Allgemeinliteratur in die KJL deutlich werden, ist auch eine Übernahme von Gattungsnormen und der Transfer von Erzählstandards zwischen den Poly-Systemen „Allgemeinliteratur“ und „Kinder- und Jugendliteratur“ feststellbar. Der Adoleszenzroman in seiner modernen Ausprägung um 1900 – etwa Robert Musils Die Verwirrungen des Zöglings Törleß, Hermann Hesses Unterm Rad oder Robert Walsers Jakob von Gunten – favori- 22 Zu dieser Technik der „simulatio“ bzw. „dissimulatio“ vgl. Günter Oesterle: Mythen und Mystifikationen oder das Spiel von simulatio und dissimulatio in den Kinderund Hausmärchen der Brüder Grimm. In: Claudia Brinker-von der Heyde, Holger Ehrhardt, Hans-Heino Ewers und Annekatrin Inder: Märchen, Mythen und Moderne. 200 Jahre Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Frankfurt am Main: Peter Lang 2015. Band 1. S. 155–165. 23 Vgl. Winfred Kaminski: Einführung in die Kinder- und Jugendliteratur. Literarische Phantasie und gesellschaftliche Wirklichkeit. Weinheim und München: Juventa 1994, S. 89. 24 Zohar Shavit: Systemzwänge der Kinderliteratur. In: Dagmar Grenz (Hrsg.): Kinderliteratur – Literatur auch für Erwachsene? Zum Verhältnis von Kinderliteratur und Erwachsenenliteratur. München: Wilhelm Fink Verlag 1990, S. 25–34. Kapitel 1. Genealogie und Poetologie 10 sierte zwar die Perspektive eines jugendlichen Protagonisten, aber vordringlich, um aus dessen Sicht umso fundamentalere Kritik an gesellschaftlichen Normen und rigiden Bildungsinstanzen üben zu können. Das reflexive, analytische Moment dieser Konstruktion richtete sich folglich verstärkt an den Verständnishorizont eines erwachsenen, literarisch gebildeten Publikums. Mittlerweile hat allerdings eine „Eingemeindung“ des Adoleszenzromans in das Feld der Kinder- und Jugendliteratur stattgefunden: Der Adoleszenzroman hat als Gattung eine jugendliterarische Ausprägung gefunden, welche die Problematiken eines heranwachsenden Individuums für heranwachsende Individuen schildert und so für Gefährdungen sensibilisiert, Lösungswege aufzeigt und Entwicklungsmöglichkeiten oder deren Aporie skizziert.25 Vor allem die Veröffentlichung des äußerst populären Romans Fänger im Roggen des amerikanischen Schriftstellers J. D. Salinger Mitte der 1960er-Jahre läutete die zunehmende Durchsetzung des Adoleszenzromans als dezidiert jugendliterarisch bezogenes Erzählmuster ein – allerdings, das ist wiederum bezeichnend, wurde der Roman im deutschen Sprachraum vorerst nur in einer entschärften Bearbeitung (vorgenommen von Heinrich Böll) veröffentlicht. Dennoch: Die ursprünglich verfremdende Erzählperspektive des Heranwachsenden, die der Sicherung kritisch-intellektueller Distanz des Publikums zum Geschehen dienen sollte, hat sich mittlerweile zum Identifikationsangebot für Heranwachsende gewandelt (als Klassiker des Genres können etwa Benjamin Leberts Crazy oder Kirsten Boies Ich ganz cool gelten). Als besonderer Beitrag der KJL zum Genre des Adoleszenzromans untersuchte diese bereits früh die – von der klassischen, allgemeinliterarischen Variante weitgehend vernachlässigten – Aspekte weiblicher Adoleszenz und Existenzmöglichkeiten, welche die herkömmlichen Entwicklungsperspektiven weiblicher Protagonistinnen zur Ehefrau und Mutter selbstredend radikaler Kritik unterzog. 25 Vgl. Kapitel 9 dieser Arbeit. 1.2. Wandlungen – KJL als „Import-Export-Geschichte“ 11 Ein funktionaler KJL-Begriff? Soviel lässt sich anhand dieser Reihe illustrativer Beispiele mit Sicherheit sagen: Allgemeinliteratur und KJL interferieren bereits seit der Entstehung der Kinder- und Jugendliteratur. Dass vorhandene Definitionen der KJL im Zuge der erforderlichen Differenz-Bestimmung26 mit frappierender Regelmäßigkeit in Zweifel gezogen werden, ist somit nur folgerichtig – was aber keineswegs bedeuten soll, dass es sich hierbei lediglich um Teilergebnisse unproduktiver Suchen nach einem nicht näher definierbaren Phänomen handelt. Im Gegenteil: Die Widersprüche konkurrierender Ansätze, seien sie nun (bereits) historisch oder (noch) aktuell, geben über das Verständnis von aktueller KJL mehr Aufschluss, als die auf Abschließbarkeit und Verbindlichkeit zielenden Herangehensweisen. Denn es muss immer die aktuelle „Beobachtung eines allgemeinen Genrewandels“27, so beschreibt Ernst Seibert die induktive Methodik der KJL-Forschung, den „Ausgangspunkt einer zeitgemäßen genealogischen Poetik“28 darstellen. Auch wenn dies bedeuten kann, eine solche modifizieren oder im Extremfall gänzlich aufgeben zu müssen. Denn unter dem „Aspekt einer genealogischen Poetik erfolgen Gattungsentwicklungen in relativ kurzen Zeiträumen, und zwar schon von einer zur nächsten Kinder- oder Jugendgeneration, die das Lektüreangebot der ihr vorangehenden Generation bzw. das ihrer Eltern oder Großeltern nur mehr bedingt als das ihre betrachtet.“29 Anders formuliert: Karl May liest heute kaum noch ein Kind. Abenteuergeschichten als Genre erfreuen sich aber nach wie vor ungebrochener Beliebtheit, obwohl sich die Bedingungen und Voraussetzungen der Abenteuerliteratur im 21. Jahrhundert massiv gewandelt haben: Sie folgt nicht mehr dem naiv-topographischen Exotismus und seinem (aus eurozentrischer Perspektive) stereotypisierten Figureninventar, sondern verlagert die Handlung bevorzugt in zeitlich entfernte oder gleich in phantastische Gefilde und dystopische Parallelwelten.30 1.3. 26 Vgl. Seibert 2008 (Anm. 4), S. 22. 27 Ebd. 28 Ebd. 29 Ebd. S. 160. 30 Siehe Kapitel 3 und 4 dieser Arbeit. Kapitel 1. Genealogie und Poetologie 12 Das kulturell verstärkte Bedürfnis nach abenteuerlichem Erleben und die damit einhergehende Nachfrage nach abenteuerlicher Literatur für Kinder und Jugendliche erweisen sich als beständiger, als die konkreten Texte oder Werke, mittels derer sie in der jeweiligen Epoche (was in diesem Sinne mit „Generation“ synonym zu setzen ist) befriedigt werden. Bereits Ernst Bloch merkte prägnant an: „Obwohl Karl May nie tat, was er von sich erzählt, nie dort war, wo er jeden Strauch zu kennen vorgibt, findet ihn noch jeder Junge richtig. Also muß an der Lüge etwas dran sein, nämlich der echte Wunsch nach Ferne, den sie erfüllt.“31 Es scheint somit nicht die Frage nach einem etwaigen überzeitlichen Status der KJL und der Konturierung eines historischen gültigen Kanons zielführend, als jene nach ihren stets aktuellen Funktions-Potentialen. Damit ist weniger die Frage, was sie ist oder war entscheidend, als jene, was sie tut, kann und im 21. Jahrhundert zu leisten im Stande ist. Denn das Profil der KJL konturiert sich vor allem dann besonders deutlich, wenn unter geänderten Bedingungen neue Strategien nötig werden, damit sie ihre Leistungspotentiale ausschöpfen oder neue erschließen kann – und wie im Folgenden noch zu zeigen sein wird, hat die KJL einen solchen kritischen Wendepunkt mittlerweile erreicht. Veränderung der Bewertungsstandards – von der pädagogischen zur literarischen Funktion Der Ansatz einer Erfassung der KJL unter funktionellen Vorzeichen ist keineswegs neu oder originär, denn die Geschichte der KJL im deutschen Sprachraum ist weitgehend als eine Funktions-Geschichte beschreibbar.32 Die ursprüngliche Bestimmung der KJL als „funktionale 1.3.1. 31 Ernst Bloch: Erbschaft dieser Zeit. Abschnitt „Über Märchen, Kolportage und Sage“. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1962, S. 169. 32 Einige Passagen der nachfolgenden Kapitel sowie des Kapitels 8 wurden in modifizierter Form für meinen Artikel im Tagungsband der Gesellschaft für Fantastikforschung 2015 gebraucht. Vgl. Andreas Peterjan: Vom Garnspinnen zur Allgemeinverfassung: Antike Rhetorik und moderner Staat als Ursprung und Endziel der Dichtung in Walter Moers’ Zamonien-Roman Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär. 1.3. Ein funktionaler KJL-Begriff? 13 Literaturform“ erstreckte sich bis über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus und erfolgte vordringlich unter der Autorität des pädagogischen Subsystems und somit aufgrund pädagogischer Maximen.33 Kinder- und Jugendbücher firmierten daher nicht als genuin literarische Schöpfungen, sondern als Werkzeuge der Erziehung und waren in dieser Hinsicht auf Nützlichkeit bzw. Effektivität und nicht auf (potentiell vorhandene) ästhetische Qualität hin zu bewerten. Das intendierte „Interdependenzverhältnis“34 zwischen „sozialer Funktion“35 und „ästhetischer Wirkungsstruktur“36 zählte für das Feld der KJL also zu seinen Grundstatuten, wobei der Fokus dabei fast ausschließlich auf dem erzieherischen Gebrauchswert, also der sozialen bzw. pädagogisch-didaktischen Funktion, lag: „Hierin bestand denn auch der markanteste Unterschied zum allgemeinliterarischen Polysystem, innerhalb dessen sich mit dem ausgehenden 18. Jahrhundert das Subsystem ‚literarische Öffentlichkeit‘ als Leitsystem, als normengenerierende Instanz herausgebildet hat.“37 Dadurch hatte die KJL nicht den Forderungen eines „neukritische[n] Autonomiepostulat[s]“38 zu entsprechen, sondern bezog ihre Legitimation nahezu ausschließlich aus dem Dasein als Trägerin erzieherischer und demnach sozialer Funktionen. Ein Umstand, der die KJL ästhetisch motivierter Kritik gegenüber zwar immunisierte, ihre Anerkennung als genuin literarische Kunstform in weiterer Folge aber massiv erschwerte – und den deutschen Reformpädagogen Heinrich Wolgast bekanntlich trotzdem nicht darin hinderte, in seiner wirkungsmächtigen Schrift Das Elend unserer Jugendliteratur von 1899 ihre sofortige Abschaffung eben aufgrund ihrer angeblichen ästheti- In: Meike Uhrig, Vera Cuntz-Leng, Luzie Kollinger (Hrsg.): Wissen in der Fantastik. Vom Suchen, Verstehen und Teilen. Wiesbaden: Springer VS 2017, S. 37–50. 33 Vgl. Ewers 2000 (Anm. 2), S. 75. 34 Winfried Fluck: Das kulturelle Imaginäre. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1997, S. 10. 35 Ebd. 36 Ebd. 37 Ewers 2000 (Anm. 2), S. 75. 38 Fluck 1997 (Anm. 34), S. 10. Kapitel 1. Genealogie und Poetologie 14 schen Wertlosigkeit zu fordern.39 Das Defizitäre der KJL bestand für Wolgast in der – aus der Tendenz zur Idyllisierung resultierenden – Unfähigkeit, mimetisch-realistisch verfahren zu können. Nach Wolgast lieferte sie Fälschungen von und keine Bilder der Wirklichkeit. Folglich galt sie ihm nicht nur ästhetisch als inferior, sondern auch pädagogisch als hinfällig. Besonders deutlich wird die Pädagogisierung der historischen KJL angesichts des Verhältnisses zwischen den Adressaten der KJL und dem konkreten Lesemedium. Keineswegs gingen Kinder- und Jugendbücher nach deren Erwerb mit heute gewohnter Selbstverständlichkeit in die Hände oder gar den Besitz des Kindes oder Jugendlichen über. Vielmehr oblag dem Erwachsenen die Rolle des Vor- und Mitlesers, sowohl als kontrollierende Instanz gegenüber dem Text, als auch den Verständnisperspektiven des Kindes gegenüber, dem – eben völlig konträr zu dem von E. T. A. Hoffmann postulierten Ansatz – keinerlei eigenständige Textkompetenz zugetraut wurde. So lässt sich nach Hans-Heino Ewers die „erwachsene Mitlektüre von Kinderliteratur […] vielleicht am ehesten durch ein Paradoxon charakterisieren: Der hier angesprochene Erwachsene liest die Kinderliteratur in dem Bewußtsein, nicht der eigentliche Adressat zu sein, und wähnt sich doch als ihr kompetenter Beurteiler.“40 Die Erwachsenen verstanden sich damit nicht als literarische Leserinnen und Leser, sondern als Scharnier zwischen Text und Rezipient, als Vermittler, die die „Botschaft in dem Bewusstsein [rezipierten], selbst nicht zu der Gruppe der eigentlichen Empfänger zu gehören.“41 Die KJL stand somit ungebrochen unter Beobachtung. Die akzeptierten inhaltlichen Perspektiven verkürzten sich folglich weitgehend auf idyllisch-erbauliche und moralisch-didaktische Zugänge. Gina Weinkauff und Gabriele von Glasenapp konstatieren etwa anhand der 39 Zum besonderen Fall der Wolgast-Rezeption vgl. Helmut Mörchen: Notizen zu Wolgast. In: Maria Lypp (Hrsg.): Literatur für Kinder. Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik Beiheft 7. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1977, S. 13–20. Vgl. auch Weinkauff und von Glasenapp 2010 (Anm. 12), S. 79. 40 Hans-Heino Ewers: Das doppelsinnige Kinderbuch. Erwachsene als Mitleserund Leser von Kinderliteratur. In: Dagmar Grenz (Hrsg.): Kinderliteratur – Literatur auch für Erwachsene? Zum Verhältnis von Kinderliteratur und Erwachsenenliteratur. München: Wilhelm Fink Verlag 1990, S. 15–24, zit. S. 16. 41 Ewers 2012 (Anm. 9), S. 57. 1.3. Ein funktionaler KJL-Begriff? 15 Geschichte der Kinderlyrik, dass sich der ursprünglich romantische „Kinderton“ im Prozess seiner Verbreitung verändert. Die dunkle, bedrohliche Seite der kindlichen Existenz, wie sie z.B. im vieldeutigen, seit der Veröffentlichung im „Wunderhorn“ immer wieder neu interpretierten Lied vom „bucklicht Männlein“ zum Ausdruck kommt, wird in den Verstexten der spezifischen Kinderliteratur meist ausgespart. Das Kindheitsbild verschiebt sich in Richtung auf eine Idyllisierung, Harmonisierung und Sentimentalisierung der Kinderwelt.42 Selbst – oder wie im Hinblick auf die Schriften der philanthropischen Reformpädagogen deutlich wird: insbesondere – die unterhaltenden Elemente abenteuerlicher Stoffe blieben konkreten Vermittlungsinteressen untergeordnet. Johann Bernhard Basedow vertritt in seinem Methodenbuch für Väter und Mütter (1770) etwa ein Konzept der effizienten Belehrung durch Ausnutzung imaginativer Potentiale: „Die moralischen Regeln, wenn sie nicht durch Erzählung bestätigt werden, beschäftigen nur den Verstand, aber nicht zugleich die Einbildungskraft. […]. Hingegen, wenn die Regeln durch Erzählungen bestärkt werden, so finden sie leichteren Eingang in die Tiefe der Seele, in das Herz des Menschen.“43 Auch Joachim Heinrich Campes Vorbericht zu Robinson der Jüngere (1780) richtet sich dezidiert an „angehende Erzieher“44, das Buch soll „erwachsenen Kinderfreunden zum Vorlesen dienen“45. In einem fünf Punkte umfassenden Katalog werden die verschiedenen Arten der Nützlichkeit des Buches erläutert. Bereits anhand des ersten Punktes wird deutlich, dass Unterhaltung lediglich als Mittel zum Zweck tolerierbar ist: Wenn ich die mannigfachen Zwecke, die ich bei der Ausarbeitung dieses Werkchens vor Augen hatte, nicht alle verfehlt habe, so liefere ich hier ein Buch, welches in mehr als einer Hinsicht Nutzen verspricht. […] 42 Weinkauff und von Glasenapp 2010 (Anm. 12), S. 60. 43 Johann Bernhard Basedow: Methodenbuch für Väter und Mütter der Familien und Völker. Bremen: Cramer 1770. In: Ders.: Ausgewählte pädagogische Schriften. Herausgegeben von Albert Reble. Paderborn: Schöningh 1965, S. 123. Zitiert nach Weinkauff und von Glasenapp 2010 (Anm. 12), S. 29. 44 Campe 1977 (Anm. 11), Vorwort zur ersten Auflage, S. III (von Paginierung ausgenommen). 45 Ebd., Vorwort zur ersten Auflage, S. V (von Paginierung ausgenommen). Kapitel 1. Genealogie und Poetologie 16 Erstens wollte ich meine jungen Leser auf eine so angenehme Art unterhalten, als es mir möglich wäre; weil ich wusste, daß die Herzen der Kinder sich jedem nützlichen Unterrichte nicht lieber öffnen, als wenn sie vergnügt sind. […] Dann nahm ich mir zweitens vor, an den Faden der hiezu gewählten Erzählung so viele Grundkenntnisse aller Art zu schürzen, als es […] nur immer geschehen könnte. Ich verstehe aber unter Grundkenntnissen hier nicht sowol die Anfangsgründe des gelehrten Wissens, als vielmehr diejenigen Vorbegriffe von Dingen aus dem häuslichen Leben, aus der Natur und aus dem weitläufigen Kreise der gemeinen menschlichen Wirksamkeit […]. Nebenbei wollte ich freilich auch drittens manche nicht unerhebliche gelehrte Vorkenntnis, besonders aus der Naturgeschichte, mitnehmen […]. Meine vierte und wichtigste Absicht war, die Umstände und Begebenheiten so zu stellen, daß recht viele Gelegenheiten zu sittlichen, dem Verstande und dem Herzen der Kinder angemessene Anmerkungen, und recht viele natürliche Anlässe zu frommen, gottesfürchtigen und tugendhaften Empfindungen daraus erwüchsen.46 Campes fünfte Absicht hingegen ist sozusagen rezeptionsästhetischer Natur. Er will gegen die grassierende „Seelenseuche“47 des „Empfindsamkeitsfiebers“48 anschreiben. Oder anders formuliert: gegen Unterhaltung, die keinem belehrenden Zweck dient. Das Buch erlebte binnen sieben Jahrzehnten für damalige Verhältnisse exorbitante vierzig Auflagen. Dass die Bedürfnisse und Imaginationen der Vermittler jene der eigentlichen Adressaten auch heute noch durchaus zu überwuchern im Stande sind, hat erneut Ewers pointiert zusammengefasst: Populäre Darstellungsweisen der KJL, die dem Modell einer „illustrierten Entwicklungspsychologie“ folgen, scheinen hauptsächlich eine Konzession an den Geschmack der „erwachsenen Vermittler zu sein, dem nachzukommen die Autoren schlicht und einfach gezwungen sind, wobei es ihnen oft schwerfällt, nicht gleichzeitig die jungen Leser zu vergraulen.“49 Analog dazu merkte der schottische Schriftsteller Andrew Lang hinsichtlich der Masse der populären „Fairy Books“ bereits im 19. Jahrhundert lakonisch an: „Sie fangen immer mit einem kleinen Jun- 46 Ebd., Vorwort zur ersten Auflage, S. III ff. (von Paginierung ausgenommen). Hervorhebung durch den Verfasser. 47 Ebd., Vorwort zur ersten Auflage, S. V (von Paginierung ausgenommen). 48 Ebd., Vorwort zur ersten Auflage, S. V (von Paginierung ausgenommen). 49 Ewers 1990 (Anm. 40), S. 18. 1.3. Ein funktionaler KJL-Begriff? 17 gen oder Mädchen an, die ausziehen und den Elfen der Schlüsselblumen, Gardenien oder Apfelblüten begegnen […]. Diese Elfen geben sich Mühe, spaßig zu sein, doch vergebens; oder aber sie versuchen, Moral zu predigen, und dies gelingt ihnen.“50 Desto mehr sich das Image der KJL im Laufe des langen 19. Jahrhundert als nützliche Erziehungshelferin zementierte und durch die institutionelle Verankerung im Literaturbetrieb ihre subversiven Potentiale verdrängt wurden, desto unvermittelter schien die eigenständige Lektüre (auch ermöglicht durch das umfassende Projekt der Alphabetisierung der Gesellschaft im Zuge der allgemeinen Schulpflicht) der Kinder und Jugendlichen tolerierbar und – in weiterer Folge – fördernswert. Dies setzte bereits das Vertrauen in die Stabilität des im Feld der KJL propagierten Wertekanons voraus und implizierte somit auch eine vorauseilende Selbstzensur ihrer Produzenten im Hinblick auf potentielle Markterfolge: Der in der KJL obwaltende „entwicklungspsychologische Leistungszwang“51 war nicht nur ihr dominantes Verfahrens- und Interpretationsmuster, sondern stellte gleichzeitig die allgemein anerkannte Existenzberechtigung für KJL überhaupt dar. Daran änderte sich bis weit ins 20. Jahrhundert wenig. Zäsur 1968 – vom halben zum ganzen Durchbruch Die tiefgreifenden, gesellschaftlichen Wandlungsprozesse im Umfeld der 68er-Bewegung bedeuteten am Sektor der KJL zwar nicht die eigentliche Initialzündung, die eine sehr umfassende Diskussion um Status und Funktion der KJL in gesellschaftlichen Zusammenhängen auslösten – so übte beispielsweise Klaus Doderer bereits zuvor massive Kritik an der Formel des „guten Kinderbuchs“52 und den überkommenen Wertmaßstäben, die sich damit verbanden –, fungierten aber wohl als Katalysatoren im Feld, die bereits angelegte Entwicklungen kanali- 1.3.2. 50 J. R. R. Tolkien: Über Märchen. In: Christopher Tolkien (Hrsg.): Gute Drachen sind rar. Übersetzt von Wolfgang Krege. Stuttgart: Klett-Cotta 1984, S. 51–140, zit. S. 57. Tolkien zitiert hier aus dem Vorwort von Langs Lilac Fairy Book. 51 Ewers 1990 (Anm. 40), S. 18. 52 Vgl. exemplarisch für Doderers Zugang: Klaus Doderer: Klassische Kinder- und Jugendbücher. Weinheim: Beltz 1969. Kapitel 1. Genealogie und Poetologie 18 sierten. Die Grundlage hierfür stellte eine veränderte Perspektive auf Kinder und Jugendliche als Teil ihrer sozialen und politischen Umwelt dar: Kinder wurden nun als Teil der sie umgebenden gesellschaftspolitischen Wirklichkeit angesehen und nicht als unmündige Bewohner autonomer, nach außen abgeschlossener KinderweIten. Davon ausgehend erscheint es folgerichtig, diese Wirklichkeiten auch literarisch abzubilden, eine Aufgabe, die man der im Verlauf der 1970er Jahre neu entstehenden Kinderliteratur zuweist.53 Dieser anstehende Paradigmenwechsel innerhalb der KJL zeichnete sich vorerst in der versuchten Etablierung eines neuen Kriteriums für ihre Beurteilung ab: das der literarischen Qualität. Denn – etwas verkürzt formuliert – der nun verordneten sozialen Genauigkeit der Texte hatte ihre Genauigkeit auf ästhetischer Ebene mittels der Durchsetzung realistischer Erzählstandards zu entsprechen. Den Versuch einer Einlösung fand dieser neue Ansatz vor allem in der sogenannten problemorientierten Kinder- und Jugendliteratur. Den pädagogisierten Konzepten der traditionellen „alten“ KJL wurde im Gegenzug auf breiter Basis widersprochen. Die wissensvermittelnde Funktion herkömmlicher KJL und ihr daraus abgeleitetes Dasein als rein pädagogisches Handwerkszeug gerieten unter massiven Ideologieverdacht. Die belehrenden und erziehenden Elemente wurden als unterschwelliger Transport anachronistischer Wertvorstellungen gedeutet, der letztlich aus Kindern affirmative Mitläufer machen sollte – so zumindest in der Wahrnehmung seitens der Kritik. Beispielsweise beschrieben Dieter Richter und Jochen Vogt Kinderbücher als „Instrumente der kindlichen Sozialisation“54, deren Wirkungsweisen den emanzipatorischen Interessen der Adressatengruppe aber direkt entgegenstünden: Kinderbücher „knüpfen an tatsächliche Bedürfnisse der Kinder an – um sie tatsächlich zu unterdrücken. Was Kinderbücher zu lehren vorgeben und was sie in Wahrheit lehren, ist also nicht identisch. Sie sind heimliche Erzieher.“55 Malte Dahrendorf 53 Weinkauff und von Glasenapp 2010 (Anm. 12), S. 83. 54 Dieter Richter und Jochen Vogt: Die heimlichen Erzieher (Vorwort). In: Dieselben (Hrsg.): Die heimlichen Erzieher. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt 1974, S. 9–11, zit. S. 9. 55 Ebd., S. 10. 1.3. Ein funktionaler KJL-Begriff? 19 gelangte angesichts der Nachkriegs-Idyllik im Kinderbuch grosso modo zu demselben Befund: Das Kind werde stets in „bejahenswerten Verhältnissen [dargestellt] und wird deshalb vorzugsweise zu Bejahung und Zustimmung erzogen. Sein ‚Glück‘ hängt geradezu davon ab, ob es zu lernen bereit ist, die Verhältnisse zu bejahen.“56 Die geschönten Welten der traditionellen KJL und die mentale Grundhaltung, die darin obwaltete, wurden zunehmend als Mittel der Entpolitisierung verstanden, welche die heranwachsende Generation von politischer Meinungsbildung fernhalten sollten. Anders gesagt: Desto unschuldiger Kinderliteratur erschien, desto schuldiger wurde sie als heimliches Machtinstrument. Vor allem die sogenannte „Schonraum-Pädagogik“ galt den Zeitgenossen als erste Station einer systematischen Entmündigung, die institutionell vorangetrieben letztlich in der „Untertanenfabrik der Universität“57 kulminierte. Auch hierzu finden sich wiederum kritische Stellungnahmen im literarischen Medium selbst. Etwa ließ Christine Nöstlinger ihre „Kitti“ aus Konrad oder Das Kind aus der Konservenbüchse (1975) angesichts des schematischen Erziehungsgedankens in parodistisch reduzierender Weise formulieren: „Konrad, es ist ganz einfach! Alles funktioniert bei der Erziehung nach dem Grundsatz: Wenn das Kind etwas Richtiges tut, wird es gelobt. Wenn das Kind etwas Falsches tut, wird es gescholten oder nicht beachtet. Also: Bravsein – Loben, Schlimmsein – Strafen, verstehst du das? Der Konrad verstand es.“58 Für die KJL wurde ein nunmehr analytisch-kritischer Modus gefordert, der sie im Geist der literature engage als ein vollwertiges Instrument sozialer Erkenntnis und – folglich – gesellschaftlicher Veränderung begriff, dessen Kunstmittel der Allgemeinliteratur in nichts nachzustehen hatten. Dieser Zugang stützte sich auf schon vorhandene Konzepte der KJL, die bereits im 18. und 19. Jahrhundert entwickelt und um die Jahrhundertwende aktualisiert worden waren, aber nun erst in nennenswertem Ausmaß realisiert wurden. Diese sukzessive Ent-Tabuisierung der KJL – auch in ästhetischer Hinsicht, was ihr 56 Dahrendorf, Malte: Gesellschaftliche Probleme im Kinderbuch. In: Heinz Ide (Hrsg.): Projekt Deutschunterricht 1. Stuttgart: Metzler 1972, S. 1–25, zit. S. 12. 57 Vgl. Stephan Leibfried: Wider die Untertanenfabrik. Köln: Pahl-Rugenstein 1967. 58 Christine Nöstlinger: Konrad oder Das Kind aus der Konservenbüchse. München: Süddeutsche Zeitung Junge Bibliothek 2005, S. 121. Kapitel 1. Genealogie und Poetologie 20 konkretes literarisches Formeninventar anbelangte – setzte somit ab den späten 1960ern, vor allem aber den beginnenden 70er Jahren ein.59 So verzeichnen Glasenapp und Weinkauff überblicksartig die enorme Spannweite des neuen thematischen Spektrums: Infragestellung von Autoritäten in allen Bereichen, Politik, soziale Problematiken aller Art, Umweltproblematik, Dritte Welt, Nationalsozialismus, Holocaust, Liebe, alle Formen von Gewalt, Sexualität, Tod. Eine besondere Rolle kommt der Darstellung innerfamiliärer Konflikte zu, die zuvor in der Kinderliteratur nur eine untergeordnete Rolle gespielt hatten. Nun thematisierte die Kinderliteratur Generationenkonflikte, das gewandelte Geschlechterverhältnis zwischen den Eltern, aber auch zwischen den Kindern, berufstätige Mütter, sogenannte Patchworkfamilien, versehrte Familien in allen Formen, den Tod von Familienmitgliedern, Missbrauch innerhalb der Familie. Nicht selten wird Realismus in diesen Erzählungen gleichgesetzt mit der Enttabuisierung aller Bereiche.60 Jedoch muss auf diverse Einschränkungen und Widersprüchlichkeiten in dieser Entwicklung hingewiesen werden. Paradoxerweise wurde die Öffnung des Kinder- und Jugendbuchs hin zur modernen Ästhetik durch die postulierte Verabschiedung von dessen pädagogischer Funktionalisierung zwar eingeleitet61, bis noch zur Mitte der 1970er Jahre blieb aber die Rolle der Pädagogik als dominierendes Deutungsmuster nicht nur unangetastet, sie verstärkte sich tendenziell noch, durch die „neue Brisanz, die die politische Bildung im Kinderbuch“62 erhielt. Auch stellte die weitgehend „abstrakte Gleichsetzung von Kindern und Erwachsenen in einzelnen kinderliterarischen Tendenzen der frühen 1970er Jahre […] [nur eine] unvollständige, halbe Emanzipation“63 dar 59 Vgl. vor allem das Kapitel „Kinderliterarischer Paradigmenwechsel um 1970“ in Hans-Heino Ewers: Literaturanspruch und Unterhaltungsabsicht. Studien zur Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert. Frankfurt am Main: Peter Lang 2013. 60 Weinkauff und von Glasenapp 2010 (Anm. 12), S. 84. 61 Bernd Dolle-Weinkauff sieht in seinem äußerst erhellenden Essay „Studentenbewegung, Germanistik und Kinderliteratur. Neue Positionen der Kritik nach 1968.“ den Beginn der Diskussion bereits in der zweiten Hälfte der 60er Jahre in Deutschland. Bernd Dolle-Weinkauff: Studentenbewegung. Germanistik und Kinderliteratur. Neue Positionen der Kritik nach 1968. In: Klaus Doderer und Hans-Heino Ewers (Hrsg.): Theorien der Jugendlektüre. Weinheim und München: Juventa 1996, S. 211–239. 62 Ebd., S. 214. 63 Ewers 2013 (Anm. 59), S. 29. 1.3. Ein funktionaler KJL-Begriff? 21 – sowohl der Kinder, als auch der Kinder- und Jugendliteratur. Eine literarische Haltung, welche die Kinder tatsächlich in ihrem Alltag aufzusuchen gewillt war und diesen literarisch zur Anschauung brachte, etablierte sich erst nach und nach. Schlussendlich ging aus dieser „Hinwendung zur konkreten Lebenswirklichkeit der Kinder, die literarische Erkundung ihrer je besonderen sozialen Benachteiligungen, ihrer besonderen gesellschaftlich produzierten Lebensbedingungen wie ihrer besonderen psychischen Entwicklungsaufgaben“64 jedoch eine Programmatik des sozialen Realismus hervor, die anfing, die spezifischen Bedingungen des Kind-Seins in einer Gesellschaft wahrzunehmen. Dieser neue Anspruch zeigte sich gleichsam in der Einbeziehung neuer literarischer Techniken. Es lässt sich eine generelle, formal-ästhetische Ausweitung der KJL beobachten, die dazu beitrug, dass „Kinder- und Jugendliteratur“ und „Allgemeinliteratur“ ihren Pendant- Charakter graduell zu verlieren begannen. In der Durchsetzung neuer erzählerischer Standards entpuppte sich vor allem der psychologische Roman als eine Art Königsweg. Darüber hinaus lässt sich aber eine Vielzahl weiterer formaler Übernahmen aus dem allgemeinliterarischen Polysystem Literatur verzeichnen. Diese wurden vordringlich mit – dem Klima der Zeit entsprechender – sozialkritischer Intention gebraucht. Anwendung fanden etwa die lyrische Parodie und Satire, die lyrische Montage, das sozialkritische Sprachspiel; auf dramatischem Gebiet […] das epische Theater, das Lehrtheater, das Revuetheater, auch diverse Formen des Straßentheaters. Vielfältig sind schließlich die aufgegriffenen epischen Genres: Sie reichen von der Form des naturalistischen Milieuromans bzw. der Milieuskizze über die vornehmlich im Horizont proletarischer Literatur des ausgehenden 19., frühen 20. Jahrhunderts gepflegten allegorischen und parabolischen Erzählgattungen bis hin zu den in der Weimarer Republik entwickelten, auf der Grenze von „fiction“ und „nonfiction“ angesiedelten Prosaformen der (Sozial-)Reportage, der Iiterarischen Montage (oft unter Einbeziehung von Foto- und sonstigen Materialien), des literarischen Protokolls und sonstiger Formen der Dokumentarliteratur. Daneben greift die neue Kinderliteratur aber auch auf eigene, auf kinderliterarische Traditionen bzw. solche der Lehrdichtung zurück: so ist ein Wiederaufstieg der kinderliterarisch so überaus traditionsreichen Beispielgeschichte, der exem- 64 Ebd. Kapitel 1. Genealogie und Poetologie 22 plarischen Einzelfallschilderung zu beobachten, die nun unter der Bezeichnung „Problemerzählung“ rangiert.65 Die literarische Öffnung des Polysystems KJL seit den späten 1960ern führte dazu, dass in weiterer Folge komplexe und mitunter gar avantgardistische Erzähltechniken auch der KJL zur Verfügung standen. Als gelungener Transfer kann etwa die Übernahme des Inneren Monologs gelten, der sich 50 Jahre nach seinem sukzessiven Entstehen im allgemeinliterarischen Feld auch in der KJL zur Ausgestaltung von Empfindungen und Gedankengängen als unverzichtbares Erzählmittel etablierte. Allerdings, und hier wäre die fundamentale Einschränkung zu treffen, galt die um 1968 mit großem rhetorischen Nachdruck vertretene Forderung nach künstlerischer und thematischer Freiheit nur für Teile der damals aktuellen kinder- und jugendliterarischen Produktion. Das für die KJL reklamierte „Literarische“, bzw. die Aufwertung der KJL als der Allgemeinliteratur gleichwertig, wurde nur insofern als gültig und zulässig erachtet, als es sich um – wenn auch im weitesten Sinne – „Gesellschaftskunde in literarischer Einkleidung“66 handelte und die KJL demgemäß als Trägerin kritischer Potentiale auftat. Obwohl die „kritisch-utopische Funktion“67 insbesondere der phantastischen Texte bereits am Anfang der 1970er-Jahre verhalten gewürdigt wurde, blieb der überwiegende Teil phantastischer Narrative den pauschalisierenden Vorwürfen der gesuchten Weltfremdheit, Beförderung okkulter Tendenzen, Propagierung zivilisationsfeindlicher Handlungsmuster oder dem Verdacht einer Erziehung zu ergebener Schicksalsgläubigkeit ausgesetzt. Sowohl einem gesellschaftlichen, als auch einem literaturwissenschaftlichen Verständnis nach firmierte die Phantastik gemeinhin als irrealer Antipode zur erwünschten kritischrealistischen (Kinder- und Jugend)Literatur: Wie schon in den Märchendebatten um 1800 wird der Entwurf fantastischer Welten als entwicklungsgefährdend betrachtet, da er der Vermittlung des geltenden Welt- und Menschenbildes im Wege steht. Während 65 Ebd., S. 24 f. 66 Ebd., S. 65. 67 Irmgard Nickel-Bacon: Fantastische Literatur. In: Reiner Wild (Hrsg.): Geschichte der deutschen Kinder- und Jugendliteratur. Stuttgart: Metzler 3 2008, S. 393–405, zit. S. 398 f. 1.3. Ein funktionaler KJL-Begriff? 23 im frühen 19. Jh. kindliche Bedürfnisse nach Fantastik und Abenteuer der Moralvermittlung untergeordnet blieben, verlangt das emanzipatorische Erziehungsideal der 70er Jahre die kritische Auseinandersetzung des Kindes mit den Gegebenheiten der sozialen Wirklichkeit.68 Die als eskapistisch klassifizierte Spannungsliteratur und die Phantastik standen damit a priori unter Generalverdacht. Mit einem wirklichkeitsbezogenen Wissensbegriff, der die Aufklärung über gesellschaftliche und politische Verhältnisse schon in jungen Jahren forderte, wurden sie als nicht kompatibel erachtet. Ex negativo galten sie daher als „affirmativ […], systemstabilisierend“ 69 und nicht zuletzt: gefährlich. Denn in ihnen gelangte, zumindest der damalig vorherrschenden Sichtweise zufolge, der kritisierte Schonraum-Gedanke zu komprimiertem Ausdruck. Die effektvoll ausgestaltete Kindheitsautonomie wurde weniger als Freiheit, denn als Fernhaltung von Möglichkeiten zur Erreichung der persönlichen Freiheit angesehen. Die „Gattung Grimm“ 70 erfuhr demgemäß eine ideologische Abwertung. Denn obwohl Teile der Forschung bei differenzierterer Betrachtung durchaus Abstufungen innerhalb der einzelnen phantastischen Genres erkannten (etwa jene zwischen „entsagendem“ Volksmärchen und „widerständiger“ Sage71), war der Leumund vor allem der kinderliterarischen Phantastik insofern stark belastet, weil sie einer Tradition entstammte, die das als natürlich angenommene Bedürfnis ihrer kindlichen Adressaten nach literarischen „Frei- und Spielräumen“72 mit realitätsfernen Anderswelten erfüllte. Dabei handelte es sich dem herrschenden Verständnis nach also um eine Kinderliteratur, die ihre Adressaten nicht zur Moderne hinführt, sondern bewusst von ihr fern hält, die ihnen eine Gegenwelt aufbaut. 68 Ebd., S. 395. 69 Ebd. 70 Vgl. Irmgard Nickel-Bacon: Von der neuen Innerlichkeit zum postmodernen Erzählen. Phantastische Kinderliteratur seit den siebziger Jahren. Online verfügbare Fachpublikation der Universität Wuppertal. S. 2. Quelle: http://www.germanistik.uni-wuppertal.de/fileadmin/germanistik/Teilf%C3%A4cher/Didaktik/Personal /Nickel-Bacon/Nr._8_Phantastische_KJL_01.pdf (Stand 10.01.2016). 71 Vgl. Gerhard Haas: Märchen, Sage, Schwank, Legende, Fabel und Volksbuch als Kinder- und Jugendliteratur. In: Gerhard Haas (Hrsg.): Kinder- und Jugendliteratur. Zur Typologie und Funktion einer literarischen Gattung. Stuttgart: Reclam 1975, S. 144–177. 72 Ewers 2013 (Anm. 59), S. 19. Kapitel 1. Genealogie und Poetologie 24 Thematisch gesehen handelt sie von etwas anderem als der Moderne; die moderne bürgerliche Gesellschaft ist als schlechte Erwachsenenwelt marginalisiert oder ausgegrenzt. Im Zentrum stehen eine autonome Kinderweit, ein Reich der Kindheit […].73 Johannes Merkel glaubte in der Phantastik darum gar die psychologisch-manipulative Weiterführung einer bürgerlichen Beherrschungsstrategie zu erkennen: Von der alten bürgerlichen Kinder- und Jugendliteratur unterschied sich die neue Strategie dadurch, daß sie die Einübung gesellschaftlich geforderter Werte in die phantastischen […] Stoffe integrierte, und somit die Sehnsüchte und Kinderträume für die Sicherstellung konformen Verhaltens nutzte […]. [Indem] man dieses Verhalten im Rahmen einer […] Erzählung dem Leser […] nahebringt, an die das lesende Kind […] emotional stark gebunden ist, erscheint dieses Verhalten als richtungsweisend und vorbildlich, ohne daß es an seinem gesellschaftlichen Zweck gemessen werden könnte. […] Auf diese Weise wurde eine unbefragbare emotionale Bindung an das jeweils dargestellte Verhalten gesichert, die von jetzt an als wirksames Instrument unterschwelliger Verhaltenssteuerung gehandhabt werden [kann.]74 Hinzu kamen, wie schon im „Schmutz- und Schundkampf […] der frühen kinderliterarischen Nachkriegsentwicklung“75, die generellen Einwände einer konservativ eingestellten Literaturpädagogik gegen „Form[en] erlebnisorientierter Rezeption, deren Anliegen nicht Bildung, sondern pure Unterhaltung lautete.“76 Diese sich ideologiekritisch gebärdende Form der Literaturkritik manifestierte sich nochmalig in der Aufnahme von Michael Endes 1979 erschienenem Roman Die unendliche Geschichte. Obwohl die Öffnung des KJL-Feldes zu einer modernen Ästhetik hin bereits weit 73 Ebd. 74 Johannes Merkel: Wirklichkeit verändernde Phantasie oder Kompensation durch phantastische Wirklichkeiten? Zur Rolle der Phantasie in der Kinder- und Jugendliteratur In: Dieter Richter und Jochen Vogt (Hrsg.): Die heimlichen Erzieher. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt 1974, S. 64–91. Zit. S. 76 f. Hervorhebung durch den Verfasser. 75 Andrea Weinmann: Feldzüge gegen die Vorboten der Erlebnisgesellschaft. Schundbekämpfung und Literaturpädagogik im westlichen Deutschland der 1950er und 60er Jahre. In: Hans-Heino Ewers und Andrea Weinmann (Hrsg.): Lesen zwischen neuen Medien und Pop-Kultur. Weinheim und München: Juventa Verlag 2002, S. 51–84, zit. S. 52. 76 Ebd. 1.3. Ein funktionaler KJL-Begriff? 25 fortgeschritten war und Endes Buch vom überwiegenden Teil der Literaturkritik positiv aufgenommen wurde, warfen Teile der Literaturkritik dem Roman aufgrund seines phantastischen Zuschnitts pauschal Weltflucht, eskapistische wie okkulte Tendenzen und Predigt eines neuen Mystizismus vor – und natürlich wurde die, angeblich der phantastischen Oberfläche eingeschriebene, „wertkonservative Haltung“77 des Buchs als versteckte Indoktrination rigider bürgerlicher Moral im bunten Gewand gedeutet. Dass bei dieser, dem Klima der Zeit geschuldeten, fast obsessiv anmutenden Suche nach versteckten Ideologiekonstrukten die ästhetischen Strukturen der Texte (um die es in der Diskussion ja ursprünglich ging) gleichsam wieder aus dem Fokus gerieten, ist symptomatisch. Diese denkbar schlechten theoretischen Voraussetzungen – gegebenenfalls ist hier gar von einer weitgehenden Voraussetzungslosigkeit zu sprechen – für die Entwicklung und Etablierung der neuen phantastischen KJL wirkten sich aber in keiner Weise auf ihren fulminanten Markterfolg aus. Die unendliche Geschichte eroberte (immerhin als deklariertes Jugendbuch) Platz Eins der Spiegel-Bestsellerliste und hielt sich darin ganze 60 Wochen. Auch Otfried Preußlers Krabat, dem 1972 der deutsche Jugendbuchpreis zuerkannt wurde, oder Legitimationen aus dem tiefenpsychologischen Diskurs – etwa in Nachfolge Bruno Bettelheims weit verbreitetem Kinder brauchen Märchen, in dem sich der in die USA emigrierte Psychologe für eine entwicklungspsychologische Notwendigkeit der Märchenrezeption aussprach – verschafften der Phantastik allmählich breitere Reputation in literarischen und psychologischen Diskursen. Darüber hinaus scheint es allgemein plausibel, dass sich, nachdem die rhetorisch äußert hitzig geführten Debatten im folgenden Dezennium ihr Pulver etwas verbraucht hatten, mit der Abkehr ins Private und der neuen Innerlichkeit im Feld der KJL78 eine Hinwendung zur Phantastik etablierte: „Das Scheitern der antiautoritären Bewegung und ihrer Hoffnungen auf einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel bildet den Hintergrund für die Abkehr von der sozialkritischen 77 Isa Schikorsky: Kurze Geschichte der Kinder- und Jugendliteratur. Norderstedt: Books on Demand GmbH 2012, S. 147. 78 Vgl. ebd., S. 145. Kapitel 1. Genealogie und Poetologie 26 Kinderliteratur und die Hinwendung zum phantastischen Erzählen.“79 Dieses fand im Folgenden verstärkt Eingang in den Lektürekanon der Kinder und Jugendlichen: Wenn man nach den genaueren Ursachen fragt, dann zeigt sich zweierlei: Zum einen hat offensichtlich die eminente Didaktisierung der Kinderund Jugendliteratur in den siebziger Jahren einen gewissen Überdruß und wohl auch eine Abwehr gegen die vielen gutgemeinten, mit realistischer Literatur verbundenen Aufklärungs- und letztlich immer wieder auch Indoktrinationsversuche erzeugt. Zum andern aber haben die Leser in diesem Bereich einen Nachholbedarf entdeckt80. Wer meint, dieser Nachholbedarf sei in der Zwischenzeit gestillt – Gerhard Haas‘ Einschätzung stammt von 1984! –, der irrt. Phantastik ist nach wie vor Trumpf. Angesichts der oftmals mit Ressentiments geladenen Einschätzungen mutet dieser bis heute ungebrochen fortdauernde Erfolg phantastischer Romane für Kinder- und Jugendliche umso erstaunlicher an. Nachhaltiger als jede theoretische Befürwortung oder Ablehnung hat sich somit die damals einsetzende (und mittlerweile flächendeckend erfolgte) Annahme der phantastischen Literatur durch die Leserinnen und Leser erwiesen. Vor allem das Genre der populären Phantastik wartet mit immer weiteren Diversifizierungen auf, bringt neue Subgenres und literarische Trends hervor und entwickelt sich somit zu einer höchst ausdifferenzierten literarischen Landschaft. Die strategische Vermarktung für unterschiedliche Rezipientengruppen sichert ihr ein breit gefächertes Publikum, das nicht mehr mittels des Modells der verschiedenen Altersklassen erfasst werden kann. Von J.K. Rowlings Harry Potter-Serie, um nur das notorische Beispiel zu erwähnen, erscheinen gar getrennte Ausgaben für Kinder und Erwachsene in unterschiedlicher Buchgestaltung. Für den deutschen Sprachraum zeichneten sich die Vorformen dieser gezielten All-Age-Vermarktung eines sogenannten doppelsinnigen Kinder- und Jugendbuchs bereits am Beispiel von Endes Die unendliche Geschichte erstmals ab. Der Roman wurde dezidiert für Rezipienten unterschiedlicher Altersgruppen beworben. Dieser Vermitt- 79 Nickel-Bacon 2016b (Anm. 70), S. 1. 80 Gerhard Haas: Voraussetzungen der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur. In: Ders.: Kinder und Jugendliteratur. Ein Handbuch. Stuttgart: Philipp Reclam 3 1984, S. 267. 1.3. Ein funktionaler KJL-Begriff? 27 lungsprozess fand seine Entsprechung in der Konstruktionsweise des Textes selbst: Der Handlungsverlauf des primären Narrativs – das konventionelle Spannungsdramatik, Rettungs-und-Erlöser-Geschichte, Bewältigung persönlicher Defizite, Coming-of-age-Story und Ausagieren von Allmachts-Phantasien in sich vereinte – war von einem reichhaltigen Geflecht literaturhistorischer Anspielungen und Motivzitate grundiert, dessen Erkennen literarische Bildung und umfassende Lektüreerfahrung im klassischen Kanon voraussetzte: Daß derartige Anspielungen innerhalb der Unendlichen Geschichte nur Erwachsene ansprechen können, liegt auf der Hand: Hier wird über die Köpfe der kindlichen Leserinnen und Leser hinweg eine Komplizenschaft zwischen dem Erzähler/Autor und den erwachsenen Leserinnen und Lesern begründet, die nicht nur in der Wiedererkennbarkeit einzelner Bilder wurzelt, sondern im künstlerischen Verfahren der Intertextualität selbst. […] [Ganz] offensichtlich handelt es sich um ein rein spielerisches Rekurrieren auf Prätexte und Präbilder, das seinen Sinn in sich selber trägt und gerade deshalb den erwachsenen Leserinnen und Lesern signalisiert, daß sie einen postmodernen Text vor sich haben. Dies schließt indessen keineswegs aus, daß die Bilder und Metaphern für kindliche Leserinnen und Leser (oder für Erwachsene, die den Anspielungscharakter nicht aktualisieren können, da ihnen die Vorinformation fehlt) dennoch ihre volle Wirkung entfalten können, die eben durch das nicht-Wahrnehmen des „doppelten Bodens“ nicht im geringsten beeinträchtigt wird. Es finden sich sogar vereinzelte Anspielungen, die auf die kindliche Rezeption zugeschnitten zu sein scheinen: So erinnern die verrückten Schlamuffen an Geschöpfe aus Disney-Filmen, und auch der Kampf zwischen dem Recken Hynreck und seinen Gegnern scheint nach dem Vorbild von Zeichentrickfilmen gestaltet zu sein.81 Dass Ende tatsächlich auf die multi-medialen Rezeptionsgewohnheiten der kindlichen und jugendlichen Leserinnen und Leser reagieren wollte und der Text auch in der Hinsicht als postmodern zu verstehen ist, dass er eine Synthese zwischen Hoch- und Trivialkultur zu erzielen versucht, ist jedenfalls plausibel. Vor allem aber spricht Gertrud Lehnert hier – noch in durchaus reservierter Weise – die Grundzüge des doppel- bzw. mehrsinnigen Kinder- und Jugendbuchs (bzw. der 81 Gertrud Lehnert: Moderne postmoderne Elemente in der „phantastischen“ Kinderliteratur des 20. Jahrhunderts. In: Hans-Heino Ewers, Maria Lypp, Ulrich Nassen: Kinderliteratur und Moderne. Ästhetische Herausforderungen für die Kinderliteratur im 20. Jahrhundert. Weinheim und München: Juventa Verlag 1990, S. 175–196, zit. S. 184 f. Kapitel 1. Genealogie und Poetologie 28 sich daraus entwickelnden „All-Age-Literature“) an. Was mit dem negativ konnotierten Schlagwort der Komplizenschaft zwischen Autor und erwachsenem Leser belegt wird, hat sich in den darauffolgenden Jahrzehnten zu einer der bestimmenden Qualitäten der KJL gewandelt. Eingelöst wird diese im ambivalenten KJ-Buch, dessen doppelte Codierung eine doppelte De-Codierung, also eine doppelte Lesbarkeit impliziert. Im ambivalenten KJ-Buch „visiert der Autor den Erwachsenen in einer anderen Rolle an: nicht mehr in der des Vermittlers, sondern schlicht in der des Lesers […]. Er behandelt ihn nicht mehr anders als den offiziellen Adressaten, […] womit die Unterscheidung zwischen einem offiziellen und einem inoffiziellen hinfällig geworden ist.“82 Kompetenz und Kolportage – das ambivalente KJ-Buch Mittlerweile spricht man in der Forschung vom ambivalenten, mehrfachadressierten, doppeladressierten, doppelbödigen, bzw. mehr- oder hintersinnigen Kinder- und Jugendbuch bzw. verallgemeinernd von der All-Age-Literatur. Da die Begriffe in der Forschungslandschaft häufig synonym gebraucht werden, scheint eine genauere Differenzierung lohnenswert. Der Begriff des ambivalenten KJ-Buchs kann für jene Gruppe von Texten als Überbegriff gebraucht werden, deren Textstruktur verschiedene Rezipientengruppen in ihren Rollen als literarische Leser gleichzeitig anspricht. Dies schließt die (historisch-)pädagogische KJL und damit auch jene (mitunter aktuelle) intendierte Kinderliteratur definitiv aus, die einen Erwachsenen in seiner klassischen Funktion als Vermittler oder Vorleser voraussetzt. Genauso wenig fällt ein von Erwachsenen gelesenes KJ-Buch in die Gruppe der ambivalenten KJ-Bücher, wenn diese Lektüre aus nostalgischen Gründen erfolgt oder die erwachsenen Leserinnen und Leser eine nicht-literarische Leserolle einnehmen – z. B. eine vorab kontrollierende oder nachträglich beforschende. Vielmehr müssen ambivalente KJ-Bücher, wie es schon J. R. R. Tolkien in seinen literarischen Essays über Märchentexte verlangte, 1.4. 82 Ewers 1990 (Anm. 40), S. 19. 1.4. Kompetenz und Kolportage – das ambivalente KJ-Buch 29 als „natürliche Form von Literatur“83 gelesen und nicht als „Kuriositäten“84 studiert werden. Erwachsene müssen demnach als eigentliche Leser auftreten und nicht „um sich als Kinder zu gebärden, noch unter dem Vorwand, für ihre Kinder die Auswahl treffen zu müssen, noch weil sie sich als kleine Jungen fühlen, die nicht erwachsen werden wollen“85. Wie zu zeigen sein wird, ist die Ambivalenz eines KJ-Buches vielmehr die Folge seiner die Rezeption strukturierenden Konstruktionsweise. Als zwei modellhafte Überkategorien des ambivalenten KJ- Buchs bieten sich das „mehrfach- bzw. doppeladressierte“ und das „mehrsinnige bzw. doppelbödige“ KJ-Buch an. Ihre Unterscheidbarkeit läuft letztlich auf die Fragestellung hinaus, ob ein- und dieselbe Botschaft an unterschiedliche Publikumsschichten gleichermaßen adressiert ist und sich ihnen im selben Sinne erschließen soll (mehrfach- bzw. doppeladressiert), oder ob ein- und dieselbe Botschaft unterschiedlichen Publikumsschichten unterschiedliche Sinngehalte offenbart (mehrsinnig bzw. doppelbödig). Dieser Zugang soll keineswegs zahllose individuelle und deshalb zwangsläufig heterogene Leseakte auf ein- und denselben Nenner reduzieren, sondern die divergierenden Rollen erfassen, die dem impliziten Leser (bzw. den impliziten Lesern) vom Text aus strukturell angeboten werden. Wie auch Roland Barthes in Der Tod des Autors deutlich macht, liegt nämlich die „Einheit eines Textes […] nicht in seinem Ursprung, sondern in seinem Zielpunkt – wobei dieser Zielpunkt nicht mehr länger als eine Person verstanden werden kann. Der Leser ist ein Mensch ohne Geschichte, ohne Biographie, ohne Psychologie.“86 Anders formuliert: Die Leserinnen und Leser sind eine dem Text bereits vorab eingeschriebene Funktion. Wenn man mit Wolfgang Iser davon ausgeht, dass im Akt des Lesens „die für jedes literarische Werk zentrale Interaktion zwischen seiner Struktur und seinem Empfänger“87 ge- 83 Tolkien 1984 (Anm. 50), S. 100. 84 Ebd., S. 86. 85 Ebd., S. 100. 86 Roland Barthes: Der Tod des Autors. In: Fotis Jannidis, Gerhard Lauer, Matias Martinez, Simone Winko: Theorie der Autorschaft. Stuttgart: Reclam 2000, S. 185– 197, zit. S. 192. 87 Wolfgang Iser: Der Akt des Lesens. Theorie ästhetischer Wirkung. München: Wilhelm Fink Verlag 1976, S. 38. Kapitel 1. Genealogie und Poetologie 30 schieht, lassen sich grosso modo zwei Fälle identifizieren, wie diese Struktur im ambivalenten KJ-Bücher gestaltet sein kann und wie die zugehörigen Leserollen modelliert sind. Das mehrfachadressierte bzw. doppeladressierte KJ-Buch: Ein rein historisches Phänomen? Obwohl Hans-Heino Ewers seine Bestimmung nicht von der Rolle des impliziten Lesers88 her trifft, sondern von der inhaltlichen Übermittlungsleistung literarischer Texte ausgeht, kommt er zu dem – auch für eine strukturelle Definition – gültigen Schluss, dass sich im ersten Fall, dem mehrfach- bzw. doppeladressierten KJ-Buch, „die Empfängergruppen nach Alter, Geschlecht und sozialer Stellung […] [zwar] unterscheiden mögen, […] doch darin überein[stimmen], Empfänger einer gleichlautenden Botschaft zu sein.“89 Da mehrfach- bzw. doppeladressierte KJ-Bücher, ungeachtet der, im weitesten Sinne, (lese-)biographischen Unterschiede zwischen ihren Rezipientengruppen diesen genau eine universelle Verständnis-Perspektive anbieten, kann man folglich auch vom indifferent-ambivalenten KJ-Buch sprechen. Historisch betrachtet, liegen die Wurzeln des mehrfach- bzw. doppeladressierten KJ-Buchs in den (Volks-)Märchen und Volksbüchern, moralischen Erzählungen und Fabeln, deren direkte (z.B. eine unterhaltende), allegorische oder metaphorische Bedeutung sich unterschiedlichen Rezipientengruppen im selben Sinne erschloss: So verhält es sich bei Parabeln bzw. Gleichniserzählungen, die oft an alle Altersklassen gerichtet sind. Kinder und Erwachsene nehmen in diesen Fällen sowohl den Bild- wie den Sachteil wahr [im Sinne einer direkten und einer übertragenen Bedeutung – Anm. d. Verf.]. Mehrfachadressierte Bilddichtungen können ihren diversen Empfängern also durchaus eine gleichlautende Botschaft übermitteln, was aller Wahrscheinlichkeit nach sogar mehrheitlich der Fall sein dürfte.90 1.4.1. 88 Vgl. ebd. und Wolfgang Iser: Der implizite Leser. Kommunikationsformen des Romans von Bunyan bis Becket. München: Wilhelm Fink Verlag 1972. 89 Ewers 2012 (Anm. 9), S. 60 f. 90 Ebd., S. 63. 1.4. Kompetenz und Kolportage – das ambivalente KJ-Buch 31 Das gilt auch für den ‚niederen‘ (also an ein nicht-höfisches, volkstümliches Publikum adressierten) Barockroman, der vor allem in der Variante des Schelmenromans nicht nur unterhaltende Absichten verfolgte, sondern zusätzlich einen enzyklopädischen Gestus entwickelte. Die häufig enthaltenen praktischen Anleitungen – etwa Hinweise zur Durchführung handwerklicher Tätigkeiten oder medizinischer Behandlungen – verweisen verstärkt auf den Gebrauchscharakter von Texten, die für die Bewältigung des Alltags relevante Hilfestellung leisteten. Dies diente somit der Vermittlung von Welt- und Fachwissen an die soziale Schicht des „Volkes“, die als Publikum in sich als nicht weiter differenziert begriffen wurde. Die einzelnen sozialen Gruppen sind im Bezug auf spezifische Wissensfelder „einander gleichgeartet, denn alle […] dürfen auf diesem Gebiet als Anfänger gelten. Bezüglich ihrer poetischen bzw. literarischen Kompetenzen und Vorlieben stehen [auch] ‚die Jugend‘ und ‚das Volk‘ auf ein und derselben Stufe, so sehr sie auch in anderen Hinsichten verschieden sein mögen.“91 Die häufige Koppelung dieser vermittelnden Exkurse an die unterhaltenden Textmomente der Romane lässt sich, wie es auch Campe in der Vorrede zum Robinson der Jüngere explizit darlegt, einerseits wirkungsästhetisch begründen. Die leicht zugängliche Komik sollte der Bereitung eines fruchtbaren geistigen Bodens beim Rezipienten dienen, auf dessen Basis die Vermittlung moralischer Einsichten oder abstrakter Wissenskontingente als „nützlicher Unterrichte“92 schließlich gelingen konnte. Die bekannteste und komprimierteste Ausformung hat dieser Topos in der „kleinen Vorrede“ der Continuatio von Grimmelshausens Simplicissimus teutsch gefunden. Der Ich-Erzähler weist hier demonstrativ schon im ersten Satz weit von sich, dass er mit seinem Text nur „die Leut zum lachen bewögen möchte“, und bestimmt die Funktion der unterhaltenden Elemente dann in zwei traditionsreichen Bildern: Die unterhaltenden Episoden des Textes seien die Zuckerhülle, ja das „ungesund Schleckwerck“, das die „heilsamen Pillen“ einhüllt, bzw. das Fruchtfleisch, die „Hülsen“, in deren „Kernen“ das Entscheidende verborgen sei.93 91 Ewers 2000 (Anm. 2), S. 122 f. 92 Campe 1977 (Anm. 11), Vorwort zur ersten Auflage, S. IV (von Paginierung ausgenommen). 93 Jörg Krämer: Pflaumen und Kerne, Schleckwerck und Pillen? Funktionen unterhaltenden Erzählens bei Harsdörffer, Grimmelshausen und Beer. In: Franz Eybl und Irmgard Wirtz (Hrsg.): Delectatio. Unterhaltung und Vergnügen zwischen Grimmelshausen und Schnabel. Frankfurt am Main: Peter Lang 2009, S. 65–84, zit. S. 65. Kapitel 1. Genealogie und Poetologie 32 Traditionell wird diese in den „Hülsen“ verborgene „Einsicht“ im Schlusssatz auf eine eingängige Formel gebracht und als einprägsames Destillat vorgelegt: „Und die Moral von der Geschicht‘? — Trau niemals einem Wolf, wenn ein Schaf du bist!“ Auch wenn dabei keine literarische, sondern eine didaktische Intention vorlag, stellte weiters die „volksbildende“ und insbesondere ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert populär werdende „Sachliteratur bzw. das Sachbuch für Kinder und Jugendliche ein Angebot dar, das auch an bestimmte erwachsene Zielgruppen“94 gerichtet war. Die Verständnishorizonte der ihrer Natur nach unterschiedlichen realen Leserinnen und Leser fallen demnach in Eins und sind damit dem „noch unentwickelten Geist des Kindes genauso [zulänglich], wie den differenzierten Erwachsenen“95 – sie teilen sich somit dieselbe textimplizite Leserrolle. Sind mehrfachadressierte KJ-Bücher als historische Form also durchaus nachweisbar, muss man bei der Suche nach neueren Beispielen unweigerlich einen Vorab-Befund treffen: Es dürfte sie eigentlich nicht geben. Denn trotz aller angeführten Interferenzen zwischen AL und KJL und dem stattgefundenen Austausch von Sujets, literarischen Techniken und kanonischen Texten, darf weder die unterschiedliche Entwicklungsgeschichte noch der Exklusivitäts-Gedanke beider Felder aus den Augen verloren werden, der auf eine eindeutige Zuordnung pochte. Umstände, die ein literarisches crosswriting in der Vergangenheit somit nicht nur nicht vorsahen, sondern a priori auszuschließen schienen. So stellt Ewers 1990 in Das doppelsinnige Kinderbuch. Erwachsene als Mitleser und Leser von Kinderliteratur folgerichtig auch fest, dass zunehmend weniger davon ausgegangen werden [kann], daß Kinder und Erwachsene an einer gemeinsamen literarischen Formensprache partizipieren. Ihre literarischen Bedürfnisse haben sich mehr und mehr auseinanderentwickelt. Eine Literatur, die gleichzeitig von Kindern und Erwachsenen aufgegriffen und dabei von beiden in ein und demselben Sinn gelesen wird, scheint mir unter den Bedingungen der modernen Dissoziation der Lebensalter eine Utopie zu sein.96 94 Vgl. Ewers 2012 (Anm. 9), S. 58 f. 95 Bruno Bettelheim: Kinder brauchen Märchen. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1995, S. 12 96 Ewers 1990 (Anm. 40), S. 20. 1.4. Kompetenz und Kolportage – das ambivalente KJ-Buch 33 Allerdings soll die (erneute?) Entwicklung eines mehrfachadressierten KJ-Buches als theoretische Überlegung hier zumindest in Aussicht gestellt werden. Denn es ist aktuell eben jene, von Ewers als Begründung angeführte, moderne Dissoziation der Lebensalter97, die sich in den letzten zwei Jahrzehnten durch die postmoderne Assoziation der Lebensalter wieder zu schließen begonnen hat – was sich wiederum in partiellen Gemeinsamkeiten der Lektürepraxis und medialen Rezeptionsgewohnheiten von Kindern, Jugendlichen, (Post-)Adoleszenten und Erwachsenen widerspiegelt. Man denke an Beispiele aus dem phantastischen Genre (etwa Cornelia Funkes Tintenherz-Serie und Kerstin Giers Edelstein-Trilogie als deutschsprachige Beispiele, Stephanie Meyers Twilight-Saga oder Suzanne Collins The Hunger Games als amerikanische), deren „Botschaft“ primär in der Unterhaltung ihrer Rezipienten liegt. Die erzählerische Konzentration auf die Verarbeitung von Elementen der konventionellen Spannungsdramatik (meist kombiniert mit Aspekten der klassischen Liebesgeschichte) soll die literarischen Interessen eines möglichst breit gestreuten Publikums befriedigen – was nachweislich, sofern man den Markterfolg als Bewertungsgrundlage zu akzeptieren gewillt ist, auch gelungen scheint. Gegebenenfalls ließen sich auch problemorientierte Texte den mehrfach- bzw. doppeladressierten KJ-Büchern zurechnen. Als Beispiele könnten Markus Zusaks Die Bücherdiebin oder der 2006 erschienene Roman Der Junge im gestreiften Pyjama des irischen Schriftstellers John Boyne gelten, in dem das Vernichtungslager Auschwitz aus der Perspektive eines Neunjährigen geschildert wird. In literarischem Minimalstil wird die Mord-Maschinerie dokumentiert – und obwohl dem Protagonisten selbst die Tragweite des Beobachteten keineswegs klar ist, lässt die ent-metaphorisierte Schreibweise auch für jüngere Rezipienten den Rückschluss von der literarischen Schilderung auf das historische Geschehen zu. Bezeichnenderweise wird das Buch in deutscher Übersetzung im S. Fischer Kinder- und Jugendbuchverlag vertrieben, ohne jedoch, dass die Aufmachung oder die üblicherweise bei S. Fischer Kinder- und Jugendbuch bunte und auf visuelle Effekte setzende Covergestaltung dies nahelegen würden. 97 Vgl. die einleitende Übersicht zum Adoleszenzroman im Kapitel 9. Kapitel 1. Genealogie und Poetologie 34 Angesichts der medialen Rahmenbedingungen der Postmoderne stellt sich, mit speziellem Hinblick auf die breit gefächerten Medienverbund-Angebote unserer Zeit, also die Frage, ob diese nicht einen Aufschwung mehrfachadressierter Inhalte forcieren. Denn die oben angeführten Texte haben die literarischen Vorlagen für einige der kommerziell erfolgreichsten Hollywood-Verfilmungen der letzten zwei Jahrzehnte geliefert, vom durchschlagenden Verkaufserfolg der Bücher quer durch alle Altersgruppen ganz zu schweigen – nicht zuletzt, da sie unter dem Etikett „All Age“ (also unter besonderer Berücksichtigung der Mehrfachadressierung) vermarktet wurden. Die These der Medien-Konvergenz, die der amerikanische Medienund Kommunikationsforscher Henry Jenkins in seiner äußerst einflussreichen Untersuchung Convergence Culture beschrieben hat, scheint diesen Sachverhalt am präzisesten zu erfassen. Der Konvergenz- Begriff absorbiert geradezu „die verwandten Begriffe Medienverbund, Medienwechsel, Intermedialität, Intramedialität und Symmedialität“98 – denn unter ihm versteht Jenkins einerseits, neben dem „Zusammenwachsen von Übertragungswegen“99, auch die „Mehrfachvermarktung medialer Inhalte von der Produktion bis zur Distribution“100. Andererseits kann Medien-Konvergenz auf der Seite der Rezipienten auch als das Zusammenrücken unterschiedlicher Publikumsschichten verstanden werden. Der immer größeren Diversität verschiedener Kanäle („Channels“) und Empfangsgeräte stehen ausgeweitete Benutzergruppen gegenüber, die zunehmend homogenere Botschaften rezipieren: Die Reichweite einzelner Medieninhalte steigt. So verwundert es nicht weiter, dass auch die Literaturbranche inhaltliche und formale Adaptionen populären Fernsehformate als Buchprodukte auf den Markt bringt: Fernseh- werden zu Buchserien. Voraussetzung dafür ist, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene mittlerweile an einer relativ einheitlichen multimedialen Unterhaltungs- 98 Thomas Möbius: Adaption - Verbund - Produsage: Implikationen des Begriffs Medienkonvergenz. In: Gina Weinkauff, Ute Dettmar, Thomas Möbius, Ingrid Tomkowiak (Hrsg.): Kinder- und Jugendliteratur in Medienkontexten. Adaption – Hybridisierung – Intermedialität – Konvergenz. Frankfurt am Main: Peter Lang 2014, S. 219–232, zit. S. 228. 99 Ebd., S. 225. 100 Ebd., S. 226. 1.4. Kompetenz und Kolportage – das ambivalente KJ-Buch 35 kultur partizipieren, deren Inhalte zunehmend homogenisierende Tendenzen entwickeln. Vor allem US-amerikanische Sitcoms, die gegenwärtig die Sendelisten privater wie öffentlicher Kanäle zum guten Teil ausfüllen, sind schon mit einer Altersfreigabe ab 8 bzw. 12 Jahren gekennzeichnet. Der Hauptanteil der Zusehergruppen reicht bis zum 49. Lebensjahr. Die dramaturgische Inszenierung der Sendeformate (Stichwort „Zopfdramaturgie“) ist als solche auch ins literarische Medium transportierbar und schließt darin an die medialen Rezeptionsgewohnheiten ihrer Leserinnen und Leser an. Inhaltlich tragen also zahlreiche Buchreihen den Charakter literarischer Merchandisingprodukte, indem sie Figuren und Schauplätze der jeweiligen Sendung als Rahmenbedingungen übernehmen und die handlungstragenden Elemente dem Setting der konkreten Fernsehserie nachempfunden sind. Dementsprechend begeistert werden sie von Fans aller Altersgruppen rezipiert, wodurch die Lektüreprozesse und das Medium Buch intermedial eingebunden werden. Ohne an dieser Stelle auf die Erfolgsbedingungen dieser Literatur und ihrer Vermarktungs-Strategien verstärkt eingehen zu wollen, mag der vorläufige Hinweis genügen, dass gegenwärtig große Teile der Unterhaltungs- und Verlagsindustrie auf eben diese altersmäßige Ausweitung ihrer Publikumsgruppen abzielen: Das Zielpublikum der unterhaltenden Angebote der neuen Medien weitet sich altersmäßig mehr und mehr aus – und zwar nach unten bis hinein in das Grundschulalter – ohne am oberen Ende der Altersskala Einbußen zu erleiden. Einzelnen Serien – allen voran GZSZ [Anm. d. Verf.: und ähnlicher Daily-Soap- bzw. Scripted-Reality-Formate] – gelingt es, gleichzeitig Kids, Teens und Twens als Zuschauer zu binden.101 Dass der Gedanke einer Absetzung und Trennung einzelnen Altersgruppen unter den Rahmenbedingungen einer zunehmend konvergenten Medienlandschaft – die mitunter gar ein Verschwinden der 101 Hans-Heino Ewers und Andrea Weinmann: Kinder- und Jugendliteratur, Neue Medien und Pop-Kultur. Kinder- und jugendliterarischer Wandel an der Wende zum 21. Jahrhundert. In: Hans-Heino Ewers und Andrea Weinmann (Hrsg.): Lesen zwischen neuen Medien und Pop-Kultur. Weinheim und München: Juventa Verlag 2002, S. 11–32, zit. S. 22. Kapitel 1. Genealogie und Poetologie 36 „spezifischen Jugendkultur“102 impliziert – weithin aufgegeben werden muss, betont der deutsche Jugendforscher Thomas Ziehe: Jugendliche werden in diese kulturelle Verallgemeinerung gleichsam hineingeboren und partizipieren an deren produktiven (und problematischen) Gehalten, ohne dazu noch der Subkulturen zu bedürfen. Sie werden auf einem Modernisierungsniveau enkulturalisiert, daß sich nicht mehr kontrastiv von subkulturellen Impulsen der Gleichaltrigengruppe speist, sondern von der „Erwachsenenkultur“ selbst weitergegeben wird. In diese Sinne sind die Jugendlichen kulturell nicht mehr „jugendlich“.103 Auf diese generellen Entwicklungen in der Medien- und Kulturlandschaft reagieren momentan auch zahlreiche Verlagshäuser der kinderund jugendliterarischen Buchbranche, die in der programmatischen Ausweitung des KJL-Sektors ungeahnte finanzielle Potentiale wittern und in ambivalenten KJ-Büchern Möglichkeiten erkennen, neue Käufergruppen zu erschließen – ohne dass die Konzentration auf Kinderund Jugendliche damit wesentlich verschoben oder gar aufgegeben werden müsste. Denn vor allem das Phänomen der All-Age-Bücher scheint, solange sie primär unterhaltenden Intentionen folgen, auf eine direkte Stimulation und Befriedigung von „affektiven Bedürfnissen“104 abzuzielen, die nicht an den Geschmack einzelner Altersklassen gebunden sind: In diese Kategorie fallen das Bedürfnis nach Entspannung, die Spannungssuche, das Stimmungsmanagement und auch der sogenannte Eskapismus. […] Bei einer Untersuchung zum Leseverhalten von Kindern und Jugendlichen kamen Heinz Bonfadelli und Angela Fritz (1999) zu dem Ergebnis, dass knapp die Hälfte der Befragten Medien unter anderem auch aus eskapistischen Gründen nutzt. […] Bei jüngeren Knaben scheint eine derartige Buchnutzung besonders stark ausgeprägt zu sein: Die Lektüre ist bei ihnen an actionreichen Inhalten, ähnlich denen des Fernsehens, orientiert. Der Rückzug aus der Realität wird durch das Erleben von Spannung und Abenteuer begünstigt. […] In der Börsenvereinsstudie 102 Blume 2005 (Anm. 7), S. 45. 103 Thomas Ziehe: Vom vorläufigen Ende der Erregung. In: Werner Helsper: Jugend zwischen Moderne und Postmoderne. Opladen 1991, S. 62. Zitiert nach: Blume 2005 (Anm. 7), S. 45. 104 Anke Vogel: Crossreading - publikumszentrierte Ansätze zur Erklärung des All- Age-Booms im Buchmarkt. In: Christiane Haug und Anke Vogel (Hrsg.): Quo vadis Kinderbuch? Gegenwart und Zukunft der Literatur für junge Leser. Wiesbaden: Harrassowitz 2011, S. 23–36, zit. S. 28. 1.4. Kompetenz und Kolportage – das ambivalente KJ-Buch 37 Kinder- und Jugendbücher aus dem Jahr 2007 wurde Spannung als ein besonders wichtiges Auswahlkriterium vor allem in der Altersgruppe bis 19 Jahre identifiziert. […] Unterhaltung und Entspannung werden auch von Erwachsenen als wichtigste Motive für die Buchnutzung, noch vor der Information, identifiziert. 83 Prozent der befragen Personen gaben in der Studie Buchkäufer und Leser 2008 an, dass sie Bücher zur Unterhaltung oder Entspannung lesen. Im Vergleich zu 2005 blieb dieser Wert stabil. Anders jedoch die Werte für die Motive Information, Allgemeinbildung etc., die von weniger als drei Viertel der befragten Personen genannt wurden, aber Bedeutung verloren haben.105 Ob sich die quantitative Utopie der Zielgruppe 8 - 99 (sowohl im Hinblick auf Bücher als auch auf Unterhaltungsangebote in anderen Medien) nicht als qualitative Dystopie entpuppen wird, ist der Bewertung eines jeden Einzelnen überlassen. Noch ist diese Tendenz im Feld der KJL nicht vollständig angekommen – und es ist fraglich, ob sie jemals im skizzierten Ausmaß ankommen wird. Aber falls, dann lässt sich mit Peter Zima wohl jetzt schon grundsätzlich festhalten, dass auch dieser Konsumbereich „blind dem Tauschgesetz [gehorchen wird], das alle qualitativen Werte negiert: von der Wasserqualität der Weltmeere und der Qualität der Lebensmittel bis zur Qualität der Bestseller, die sich in der Quantität der Millionenauflagen erschöpfen.“106 Das doppelbödige bzw. mehrsinnige KJ-Buch Hingegen leichter „vorstellbar“, so führt Ewers im bereits zitierten Artikel ansatzweise weiter aus, „ist eine Literatur, die von Kindern wie von Erwachsenen herangezogen, von beiden aber auf eine ganz unterschiedliche Weise gelesen wird.“107 Das doppelbödige bzw. mehrsinnige KJ-Buch ist definitorisch leichter zu erfassen, da es unterschiedlichen Leser-Gruppen mindestens zwei unterschiedliche Leserollen anbietet. Da bestimmte Voraussetzungen der Rezipienten – vor allem ihre literarische Vorbildung – im Zusammenwirken mit den entsprechenden strukturellen Leserollen-Angeboten des Textes zu einer ver- änderten Verständnisperspektive und einem abweichenden Lektüre- 1.4.2. 105 Ebd. 106 Peter V. Zima: Moderne / Postmoderne. Tübingen: A. Francke Verlag 2014, S. 14. 107 Ewers 1990 (Anm. 40), S. 20. Kapitel 1. Genealogie und Poetologie 38 Erlebnis führen, kann man hier auch vom different-ambivalenten KJ- Buch sprechen. Es steht hier also nicht ein letztlich objektiv gedachter Präsentationscharakter von Literatur im Mittelpunkt, sondern ein (natürlich auf spezifischen Konstruktionsprinzipien aufbauender) subjektiver Rezeptionsprozess, für den das „Wie des Lesens“ und unterschiedliche Arten des Verstehens entscheidend sind. Während im indifferent-ambivalenten KJ-Buch somit lediglich eine Perspektive vorherrscht, sind es beim different-ambivalenten KJ-Buch mindestens zwei. Der Text ist doppelt codiert und dadurch auch doppelt decodieralso lesbar. Beispiele hierfür finden sich wiederum in der allegorischen bzw. parabolischen Bilddichtung des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die ihre Doppelsinnigkeit vordringlich über ein strukturelles Ähnlichkeits- oder metaphorisches Bezugsverhältnis zwischen der Lebenswelt des Publikums und der imaginären Sekundärwelt des Textes realisierte. Dazu zählen etwa „die Tiererzählungen eines Hans Christian Andersen oder eines Manfred Kyber […]. Den meisten Kindern dürfte es entgehen, dass wir es bei diesen Erzählungen mit brillanten Gesellschaftssatiren zu tun haben.“108 Ein Musterbeispiel aus diesem Genre stellt auch George Orwells allegorische Novelle Animal Farm dar, welche die Tiererzählung als Form zur Spiegelung politischer Verhältnisse nutzte. Ihre Wurzeln hat die textbezogene Doppelsinnigkeit jedoch in der Zeit der Romantik, insbesondere im romantischen Wirklichkeitsmärchen: Die ironische Märchendichtung der Aufklärung und der Romantik […] war zwar zu einem Gutteil an Kinder und Erwachsene zugleich gerichtet, eröffnete beiden aber eine verschiedene Lektüre. Den Kindern wurde es ermöglicht, diese Stücke als Erzählungen voller merkwürdiger, abenteuerlicher und unwahrscheinlicher Ereignisse, voller magischer und wunderbarer Vorgänge aufzufassen. Die erwachsenen Leser nahmen dagegen am ironischen Spiel des teils souverän-witzigen, teils sentimentalisch-gerührten Erzählers teil, der hinter der einfachen Rede der Märchenerzählung eine zweite, unendlich anspielungsreiche und tiefe Bewußtseinsebene er- öffnete. Von dieser zweiten Sinnebene […] nahm der kindliche Leser 108 Ewers 2012 (Anm. 9), S. 63. 1.4. Kompetenz und Kolportage – das ambivalente KJ-Buch 39 kaum oder gar keine Notiz, weil er ganz von der Plastizität des merkwürdigen Geschehens eingenommen war.109 Das romantische Wirklichkeitsmärchen bediente sich zur Herstellung von Doppelsinnigkeit also vordringlich Nuancierungen der Erzählstimme in Form stilistischer oder erzählerischer Finessen, die von den Leserinnen und Lesern nur mit der nötigen Sensibilität bzw. Lektüre- Erfahrung erkannt werden konnten: beispielsweise ein subtil-ironischer Unterton, mit dem der Erzähler das Geschehen fortwährend kommentiert oder parodierend verfremdet, ohne dass diese Erzählhaltung jedoch so deutlich auf die primäre Ebene rückwirken würde, dass sie auch von weniger lektüreerfahrenen Publikumsanteilen problemlos registriert wird. Gegenüber diesem historischen Beispiel scheint das doppelsinnige KJ-Buch seit den 1970er Jahren seine Doppelsinnigkeit vor allem über die Modellierung von Intertextualitäten herzustellen. In den meisten Fällen lassen sich strukturell eine primäre Narrativ- Ebene und eine sekundäre Verweis-Ebene voneinander unterscheiden. Während die primäre Ebene die Fabel und in ihr den Fortgang der Handlung motiviert und die zugehörigen Spannungselemente transportiert, bietet die sekundäre Ebene den erfahrenen Leserinnen und Lesern eine vom konkreten Geschehen abstrahierende Perspektive an und öffnet so Räume mit übertragener Bedeutung. Die primäre Ebene wird somit in ein intertextuelles Geflecht aus (meist literaturhistorisch bedeutsamen) Anspielungen eingebettet, die mittels eines zitativen Vorgehens mehr oder minder versteckt in den Text montiert sind. Während die emotionale Anteilnahme und Figuren-Identifikation also weiterhin klassisch auf der primären Ebene erfolgt, besteht für die Leser der Genuss der sekundären Ebene in dem detektivischen Vorgehen, unmarkierte Verweise aufzuspüren und Verbindungen zwischen diesen und kanonischen Vorbildern zu entdecken. So führt Irmgard Nickel-Bacon als Hauptgrund für den altersübergreifenden Erfolg von J. K. Rowlings Harry-Potter-Heptologie ebendieses Vorhandensein zweier Codes im Narrativ des Romans an, die den Rezipienten jeweils unterschiedliche Lesehaltungen erlauben: 109 Ewers 1990 (Anm. 40), S. 20. Kapitel 1. Genealogie und Poetologie 40 Ein dichtes Netz von Metaphern und Symbolen rundet das von einer allwissenden Erzählinstanz präsentierte Romanwerk poetisch ab: In den sprechenden Namen findet sich ebenso eine semantische Vertiefung wie in bildlichen Symbolen, z.B. für die verschiedenen Fraktionen der Zaubererwelt, die in scheinbar nebensächlichen Alltagsgegenständen wie etwa der Kleidung wiederkehren. So findet sich beispielsweise das Schlangensymbol der feindlichen Slytherins vielfältig gespiegelt – etwa in dem Turban, in dem Voldemorts Anhänger sein Doppelgesicht verbirgt – und erlaubt eine zweite Lesart der Romane, die weniger auf „Action“ abgestellt ist denn auf ästhetischen Genuss.110 Selbiges gilt neben Michael Endes Die unendliche Geschichte in ungleich stärkerer Weise auch für die populären Scheibenwelt-Romane des englischen Fantasy-Autors Terry Pratchett und insbesondere für die Romane Walter Moers‘. Zur Identifizierung und Differenzierung der vorhandenen Ebenen kann die von Moritz Baßler vorgeschlagene Methode der Strukturund der Textur-Unterscheidung angewendet werden: „Die Struktur eines literarischen Textes sei […] das, was seine Aussage trägt bzw. von ihr erhellt wird. Diese Struktur läßt sich – gut hermeneutisch – paraphrasieren. Vorgeschlagen wird also eine Paraphraseprobe: was sich an einem Text paraphrasieren läßt, sei der Struktur zugerechnet, alles andere ist bloße Textur und läßt sich allenfalls wiederholen.“111 Dieses Verständnis der Struktur entspricht relativ exakt der primären Ebene doppelsinniger KJ-Bücher, deren vordringliche Funktion der inhaltliche Transport der Fabel darstellt, während die Textur als sekundäre Ebene hingegen auf die „Materialität des Textes“112 und den Konstrukt-Charakter desselben verweist: Das zitative Vorgehen ist eines der ästhetischen Verfahren schlechthin, um die Illusionswelt des Textes zu durchbrechen und im Gegenzug deren artifizielles „Gemachtsein“ zu betonen. Das mit der primären Ebene assoziierte „Was?“ fragt also nach der Handlung des Narrativs, das mit der sekundären Ebene verbundene „Wie und woher?“ nach dessen Provenienz, allfälligen Vorbildern und Besonderheiten der literarischen Umsetzung. 110 Nickel-Bacon 2008 (Anm. 67), S. 403. 111 Moritz Baßler, Christoph Brecht, Dirk Niefanger, Gotthart Wunberg: Historismus und literarische Moderne. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 1996, S. 184. 112 Ebd., S. 32. 1.4. Kompetenz und Kolportage – das ambivalente KJ-Buch 41 Die Ambiguität der Zeichen. Mehrsinnige KJ Bücher als postmoderne Literaturpraxis? Man kann in dieser Praxis der fortwährenden Entschlüsselung ein Signum postmoderner Literaturtendenzen schlechthin erkennen: die Aufwertung der Leserinnen und Leser, als – gegenüber dem Autor – gewichtigere Instanz innerhalb des Vorgangs literarischer Kommunikation. Jorge Luis Borges hat diesem Literaturverständnis mit Die Bibliothek von Babel bereits 1941 dessen veritables Sinnbild gestiftet. Die Erzählung strotzt vor Anspielungen auf Philosophie, Religion, Architektur-Theoreme, Literatur und Kunstgeschichte. Für die Mehrzahl der Bewohner und Benutzer der Bibliothek sind deren Bände aber vor allem eins: völlig unverständliche und unverlässliche Anhäufungen leerer Zeichen. Denn der Inhalt der unzähligen Bücher folgt nicht dem konkreten Ausdruckswillen ihrer Verfasser, sondern ist ein Resultat der bloß mathematisch gedachten Kombinierbarkeit von Zeichen. Deren permutative Aneinanderreihung kann sowohl grammatikalisch korrekte Satzketten wie auch unverständlichen Kauderwelsch hervorbringen. Schlüssige Abhandlungen zu gewissen Themen entstehen ebenso zufällig, wie deren logisch konsistente Widerlegungen. Ein frappierender Grundgedanke, der sich in Grundzügen ebenso in Michael Endes Die unendliche Geschichte ausgesprochen findet: „Wenn du einmal nachdenkst, dann mußt du zugeben, daß alle Geschichten der Welt im Grunde nur aus sechsundzwanzig Buchstaben bestehen. Die Buchstaben sind immer die gleichen, bloß ihre Zusammensetzung wechselt.“113 Da in Borges‘ „Bibliothek die Sinnlosigkeit normal ist, und das Vernunftgemäße (ja selbst das schlecht und recht Zusammenhängende) eine fast wundersame Ausnahme bildet“114 bzw. das Vernunftgemäße als solches nicht mehr festgeschrieben werden kann, wird die Möglichkeit einer Bibliothek als Anhäufung und Archivierung von Wissensbeständen ad absurdum geführt. Die durch „Zufall zum Faktum gewordenen Ordnungen [werden] im Aufdecken ihrer epistemo- 1.4.3. 113 Michael Ende: Die unendliche Geschichte. Stuttgart: K. Thienemanns Verlag 1979. 114 Jorge Luis Borges: Gesammelte Werke. Band 3. Erzählungen 1 (1935-1944). Hrgs. von Gisbert Haefs. München: Hanser 1981, S. 152. Kapitel 1. Genealogie und Poetologie 42 logischen Arbitrarität jeglicher Autorität beraubt: Alle Modelle der Ordnung sind möglich und unmöglich zugleich – dies ist die paradoxale Pointe.“115 Die vorgeblich allumfassende Bibliothek ist somit nichts anderes als der „kosmische Schwindel“116 schlechthin, denn erst der kompetente (und in diesem Sinne natürlich ideale) Leser wird zum vereinigenden und ordnungsgebenden Schnittpunkt der Diskurse.117 Er allein vermag die Rekonstruktion des Gesamtzusammenhangs zu bewerkstelligen und die Rekurse herzustellen: Nicht indem er den gesamten Sinngehalt der Bibliothek zu erfassen versucht, sondern indem er die ironische Verabschiedung dieses Universalitätsanspruches wahrnimmt und ihr gedanklich folgt. Die objektiven Potentiale der Bibliothek werden dekonstruiert (im übertragenen Sinne also jene der Autorinnen und Autoren), um im Gegenzug subjektive Fähigkeiten (Leserinnen und Leser) zu aktivieren. Vor allem das – besonders für das postmoderne (bzw. post-strukturalistische) Textverständnis maßgebliche – Phänomen der Intertextualität stellt eine Form des Spiels mit Zeichenmaterial dar, welches das Leserwissen einbindet, fordert und fördert. Folgt man poststrukturalistischen Autorschafts-Konzepten, wie sie Julia Kristeva, Michel Foucault oder Roland Barthes postuliert haben, ist jeder Text (um nur die geläufigste neben vielen anderen Formulierungen zu gebrauchen) stets ein „Gewebe von Zitaten aus unterschiedlichen Stätten der Kultur“118. Was insofern ein neues Verständnis der Tätigkeit des Autors voraussetzt, da dieser sich vom modernen, erschaffenden Originalgenie zum postmodernen Arrangeur wandelt. Der tradierte Kanon wird als breiter Material-Fundus genutzt, dessen Bestandteile sich aus ihren ursprünglichen Verbreitungskontexten lösen und beliebig umwerten, verändern oder neu kombinieren lassen. 115 Renate Lachmann: Erzählte Phantastik. Zu Phantasiegeschichte und Semantik phantastischer Texte. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2002, S. 147. 116 Vgl. hierzu Matthias Hennings Aufsatz: Der kosmische Schwindel der Bibliotheken. Zum Prinzip des unendlichen Wissens bei Borges, Lem und Eco. In: Mirko Gemmel und Margrit Vogt (Hrsg.): Wissensräume. Bibliotheken in der Literatur. Berlin: Ripperger & Kremers Verlag 2013, S. 89–112. 117 Vgl. Lachmann 2002 (Anm. 115), S. 146. 118 Barthes 2000 (Anm. 86), S. 190. 1.4. Kompetenz und Kolportage – das ambivalente KJ-Buch 43 „Das Wort ‚Anspielung‘ bzw. ‚Allusion‘ verweist wohl am deutlichsten auf den Spielcharakter solcher Intertextualitätsphänomene. […] [Für] den Leser wiederum kann das Entdecken solcher Anspielungen zu einem lustvollen Spiel werden, bei dem er seine Wissenskompetenz auf die Probe stellt“119. Raymond Federmans im Hinblick auf die Intertextualität kreierte Wortschöpfung des „playgiarism“ soll vor allem den spielerischen Charakter dieser Literaturpraxis verdeutlichen, deren Intention nicht mehr in der originären Schöpfung von Neuem liegt – die, folgt man postmodernen Literaturkonzepten, ohnehin zur Unmöglichkeit geworden ist – sondern vielmehr die originelle Re-Codierung von bereits Vorhandenem unternimmt. Analog dazu merkt auch Gerard Genette in Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe an: Die Hypertextualität gehört gewissermaßen zum Basteln. […] Sagen wir nur, daß die Kunst, „aus Altem Neues zu machen“, den Vorteil hat, daß sie Produkte hervorbringt, die komplexer und reizvoller sind als die „eigens angefertigten“ Produkte: eine neue Funktion legt sich über eine alte Struktur und verschränkt sich mit ihr, und die Dissonanz zwischen diesen beiden gleichzeitig vorhandenen Elementen verleiht dem Ganzen seinen Reiz.120 Postmoderne Literaturtheorien erkennen somit die Instanz des Lesers als zentralen Punkt in der literarischen Kommunikation an, dessen Fähigkeit des Auffindens, der Identifizierung und der geistigen Symbiose von Heterogenem für das Gelingen intertextueller Spiele zur Bedingung wird. Nur wer diesen entscheidenden Punkt außer Acht lässt, könne, so Federman, den modernen „Plagiarism“ mit den postmodernen „Playgiarism“ (to „confuse Plagiarism with Playgiarism“121) verwechseln. Selbstredend ist auch jedes doppeladressierte und in diesem Sinne ‚lediglich‘ einsinnige KJ-Buch im Hinblick auf seine intertextuellen Bezüge analysierbar. Beim doppelbödigen bzw. mehrsinnigen KJ-Buch 119 Thom Anz: Literatur und Lust. Glück und Unglück beim Lesen. München: C. H. Beck 1998, S. 43. 120 Gérard Genette: Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1993. S. 532. 121 Raymond Federman: Plajeu. Online Zettelkasten. http://epc.buffalo.edu/authors/ federman/shoes/plajeu.html (Stand 05.02.2016) Kapitel 1. Genealogie und Poetologie 44 wird Intertextualität jedoch als dominierende Schreibpraxis für die sekundäre Ebene von den Autorinnen und Autoren bewusst eingesetzt und Verweise im Hinblick auf ihre Erkennbarkeit modelliert. Der für das doppelbödige bzw. mehrsinnige KJ-Buch bestimmende Geflecht-, Zitat- und Verweischarakter der sekundären Ebene arrangiert literarische Versatzstücke als Praxis eines kommunikativen Spiels und ist somit geradezu programmatisch postmodern: Insbesondere da es die Leserinnen und Leser als zentrale Instanz erfordert, die sich mit der Wahl oder dem Wechsel zwischen den Ebenen den optimalen Weg durch den Text bahnen. Diese interaktive Struktur überlässt es dem Publikum, jenes Rollenangebot anzunehmen, das ihm die größtmögliche Lust am Text122 ermöglicht. Denn wer von dem „Komplexitätsgrad einer Reizkonfiguration in seiner Kompetenz überfordert oder unterfordert wird, reagiert auf die Schwierigkeiten mit Unlust. […] Jeder Spieler sucht die für seine Kompetenz optimale Stimulation in Form von mehr oder weniger starken Gegnern, mehr oder weniger komplizierten Aufgaben – und mehr oder weniger anspruchsvoller Lektüre.“123 Eine der vier von Peter Zima vorgeschlagenen Einteilungsmöglichkeiten postmoderner Literaturformen bietet sich demnach auch für das doppel- bzw. mehrsinnige KJ-Buch an: „Postmoderne Texte wollen nicht primär gesellschaftskritisch wirken, sondern […] sind […] lesbare, konsumierbare Erzählungen, die populäre Tradition und Experiment kombinieren“124. Als Beispiele nennt Zima neben den Werken von Fowles auch jene von Eco und Süskind, die sich wiederum durch eine stark intertextuell geprägte Dimension auszeichnen. Vor allem was die von Zima angesprochene „populäre Tradition“ betrifft, ist im Bezug auf die KJL zu spezifizieren: populär für wen? Eine reflektiert-bewusste Rezeptionshaltung mit den erwachsenen Lesern, die ungebrochen-naive mit dem kindlichen Teil des Publikums zu assoziieren, mag für die genannten historischen Beispiele legitim sein. Für einige der aktuellen Varianten des doppel- bzw. mehrsinnigen KJ-Buches wäre diese Zuordnung von „naiv-identifikatorische[r]“ und 122 Roland Barthes: Die Lust am Text. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1992. 123 Anz 1998 (Anm. 119), S. 70. 124 Zima 2014 (Anm. 106), S. 270. 1.4. Kompetenz und Kolportage – das ambivalente KJ-Buch 45 „symbolische[r] Lektüre“125 jedoch vorschnell. Die Frage, ob der Wechsel von der primären Erzähl- auf die sekundäre Verweis-Ebene des Textes allein durch das Erreichen eines gewissen Lebensalters vom Rezipienten bewerkstelligt werden kann, ist in dieser Ausschließlichkeit zu verneinen. Vielmehr stellt die jeweilige Text-Kompetenz der Leserinnen und Leser das entscheidende Moment dar. Wie Gudrun Stenzel exemplarisch im Hinblick auf die phantastische Literatur bemerkt, ist „nicht nach dem Alter der Zielgruppe zu fragen, sondern nach dem Grad der ‚Eingeführtheit‘ in die phantastische Literatur: Erfahrene und unerfahrene Leser von fantastischer Literatur sind (fast) unabhängig vom Alter für die meisten Genres zu finden, und die Erfahrenheit bestimmt auch den Umgang mit fantastischen Elementen und Signalen der Fantastik.“126 Wenn ein Autor die in der Postmoderne fragwürdig gewordene Trennung zwischen E- und U-Literatur – also zwischen elitär-exklusiven und egalitär-inklusiven (sozusagen massentauglichen) Kulturinhalten – aufgibt und nicht nur auf den klassischen Kanon, sondern auch auf populäre Filme, Songs, Serien, Games und Camp-Formate127 rekurriert, können die jugendlichen Leserinnen und Leser, als die meist im Umgang mit digitalen und AV-Medien versierteren, gegen- über den Erwachsenen den entschiedenen Kompetenz-Vorsprung zur Entschlüsselung des Textes innehaben. So dienen Anspielungen auf die sogenannte Trivial-Kultur im postmodernen Adoleszenzroman mitunter zur Erfassung eines spezifischen Lebensgefühls: Die Markierung von Zugehörigkeit zu einer gewissen Sub-Gruppe und die Sympathie für deren Grundeinstellung wird nicht immer explizit verbal geäußert, sondern kann auch nonverbal, beispielsweise habituell über das Tragen gewisser Kleidungsstücke, das Ausführen bestimmter Gesten oder über die Bevorzugung bestimmter Musikinterpreten kommuniziert 125 Irmgard Nickel-Bacon 2016a (Anm. 15), S. 16. 126 Gudrun Stenzel: Fantastische Kinder- und Jugendliteratur zwischen entwicklungspsychologischen und literarischen Funktionen – Anmerkungen zu Wolfgang Meißner. In: Jörg Knobloch und Gudrun Stenzel (Hrsg.): Zauberland und Tintenwelt. Fantastik in der Kinder- und Jugendliteratur (= Beiträge Jugendliteratur und Medien. 17. Beiheft). Weinheim: Juventa Verlag 2006. S. 173–191, zit. S. 178. 127 Der von Susan Sontag geprägte Begriff kann sinngemäß mit „Kitsch“ übersetzt werden. Kapitel 1. Genealogie und Poetologie 46 werden. Sind dem Rezipienten die Bedeutungsinhalte der präsentierten Symbole bzw. symbolischen Handlungen jedoch nicht bekannt, wird es ihm unmöglich, von der primären auf die sekundäre Eben zu gelangen. Das Zeichen wird wahrgenommen, doch die Bedeutung verschließt sich. Ein hermetischer Code, der Exklusivität herstellt – sowohl innerhalb wie außerhalb des Textes. Hier tritt die Inversion des ‚Normalfalls‘ ein: Einem Rezipienten wird mit zunehmendem Alter und der einhergehenden Akquisition von Wissen der Zugang zur sekundären Ebene nicht erleichtert, sondern verwehrt. Nicht mehr Bildung im Sinne der Verinnerlichung des gesellschaftlichen Wissenskanons und die Akkumulation von Lebenserfahrung setzt die Zugangsschwelle herab, sondern die ephemere Partizipationsmöglichkeit an der Sub-Kultur – und diese kann sich durch das Erreichen eines gewissen Lebensalters gar gänzlich verflüchtigen. Im Gegenzug kann ein Jugendlicher, dem die Klassiker des E-Kanons womöglich leere Gedankengebilde sind, viel direkter an die Sinninhalte stets aktualisierungsbedürftiger und veränderlicher Codes wie Slang, Mode, Festival-Kultur und Medien-Trends anknüpfen. Als eine durchwegs klassische Heranführung an kanonisierte Texte kann hingegen James Krüss‘ Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen gelten. Nicht zwangsläufig muss dieser Roman unmittelbar als Anverwandlung und Neuerzählung von Peter Schlemihls wundersame Geschichte von Adelbert von Chamisso erkannt werden um angemessen – das heißt im Sinne einer der angebotenen Leserollen – rezipiert werden zu können. Deutliche, immanente Hinweise auf das Vorhandensein einer sekundären Ebene im Roman (etwa die metafiktional anmutende Bemerkung des Erzählers, seine eigene Geschichte erinnere ihn fast allzu deutlich an jene Peter Schlemihls) können den Übertritt zwar begünstigen, aber auch im Sinne der primären Ebene interpretiert und sozusagen am „ersten Boden“ belassen werden. Eben als kurze Bemerkungen eines Erzählers, die sich auch überlesen oder ignorieren lassen, ohne dass dies gravierende Konsequenzen für das Verständnis des weiteren Handlungsverlaufes zur Folge hätte. „Texturierte Passagen tragen zum Strukturwissen des Lesers wenig bei“, merkt Baßler pragmatisch an, „und lassen sich deshalb ohne gravierenden Verständnisverlust 1.4. Kompetenz und Kolportage – das ambivalente KJ-Buch 47 überlesen.“128 Ähnliches gilt für Walter Moers‘ Roman Wilde Reise durch die Nacht, der sich einer Vielzahl literaturgeschichtlicher Vorbilder bedient und diese Bezüge fortwährend herausstellt: „‚Mein Name ist Pancho!‘, stellte sich das Pferd vor. ‚Pancho Sansa‘. ‚Pancho Sansa‘, dachte Gustave, ‚was für ein blöder Name! Und warum kommt er mir so bekannt vor?‘ Die Höflichkeit schien es zu gebieten, sich ebenfalls vorzustellen. ‚Mein Name ist Gustave …‘ ‚…Doré‘, vervollständigte der Gaul, ‚ich weiß.‘“129 Für die kompetenten Rezipienten stellen diese Signale allerdings Anregungen dar, auf die sekundäre Ebene zu wechseln und den vorliegenden Roman im Hinblick auf Differenzen und Analogien mit der klassischen Vorlage zu vergleichen. Somit fungieren sie auch als Einladung zur (Re-)Lektüre der implementierten Bezugstexte. Das gilt beispielsweise für Ulrich Plenzdorfs im literarischen Jugendslang erzählten DDR-Jugendliteraturklassiker Die neuen Leiden des jungen W., welcher die klassischen Leiden von Goethes Romanfigur in einen gegenwärtigen Kontext versetzt und stilistisch modifiziert. Ebenso kann Otfried Preußlers Krabat in einer primären, auf Handlungsfortgang und die Abfolge einzelner Erzählepisoden fokussierten Weise rezipiert werden. Ein Jugendlicher, der im Literaturunterricht oder in eigenständiger Recherche auf den sorbischen Sagenstoff und Preußlers Kritik am Nationalsozialismus stößt, wird aber zwangsläufig eine andere – nämlich vom konkreten Geschehen abstrahierende – Perspektive gegenüber dem Text einnehmen. Das problemlose Erkennen dieser politisch bestimmten Lesemöglichkeit des Romans, die laut Preußlers Interview-Aussagen und dem in manchen Ausgaben vorangestellten Motto gar die vorrangig intendierte Lesart darstellt, kann mitunter zeitgebunden sein. Bei seinem Erscheinen (1971) in einer Phase kulturellen Aufbruchs im Umfeld der 68er-Bewegung wurde der Roman von der Kritik sofort als eine Doppelkonstruktion wahrgenommen, die unter der Oberfläche des Geschehens eine weitere Sinndimension offenbart und eine parabolisch-politische Lesart zulässt. Heute ist die Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Gräueln zwar nach wie vor aktuell, aber nicht mehr der 128 Baßler, Brecht, Niefanger und Wunberg 1996 (Anm. S. 111), S. 184. 129 Walter Moers: Wilde Reise durch die Nacht. 10. Aufl. München: Goldmann 2003, S. 58. Kapitel 1. Genealogie und Poetologie 48 bestimmendste gesellschaftliche Diskurs, sodass vorab eine Rekonstruktion der Zusammenhänge nötig sein mag, um diesen Bedeutungsspielraum der sekundären Ebene erschließen zu können – auch hier ist nicht Alter per se, sondern Wissen entscheidend. Besonders deutlich ist die Doppelsinnigkeit des KJ-Buchs in Walter Moers‘ Werk ausgeprägt. Während sich die primäre Ebene an teleologischen Erzählverfahren – etwa dem Muster des episodisch verlaufenden Bildungs-, Abenteuer- oder Reiseromans – orientiert, ist die sekundäre Ebene von einem Verweissystem mit zunehmender Komplexität grundiert, welches hauptsächlich Leser mit adäquater literarischer Vorbildung anspricht. Besonders augenfällig äußert sich diese Doppelsinnigkeit im enormen Anspielungsreichtum der Zamonien- Romane, die auf literarische Vorbilder Bezug nehmen: angefangen bei archaischen Schöpfungsmythen, über die höfische Literatur des Mittelalters, die Genie-Ästhetik des Sturm und Drangs bis hin zu Schriftstellern der Gegenwart. Diese Überführung bestehender Muster in – im postmodernen Sinne – „Spiele höherer Ordnung“130 schafft im literaturhistorischen Gedächtnis etablierte Größen unter den spezifischen Bedingungen des phantastischen Zamonien-Kontinents als Re-Narration neu: Rumo & Die Wunder im Dunkeln lässt sich so als eine Parodie des Helden-Epos mit dessen Zentralbegriffen Minne und Aventiure verstehen, Die Stadt der träumenden Bücher als Anverwandlung von Klopstocks Gelehrtenrepublik und gleichzeitig als Satire auf den modernen Buchmarkt im Geiste von Friedrich Nicolais Sebaldus Nothanker. Der Schrecksenmeister ist eine Transformation von Gottfried Kellers Novelle Spiegel, das Kätzchen, welche eine zamonische Stadt mit dem ebenfalls recht deutlich an Kellers Werk gemahnenden Namen „Sledwaya“ zum Handlungsort hat. Ensel und Krete rekurriert auf das populäre Märchen aus Grimms Hausmärchenschatz und Die 13 ½ Leben des Käpt‘n Blaubär, der erste der mittlerweile sieben Zamonien- Romane, folgt dem Muster des klassischen Bildungsromans in Anlehnung an Goethe und Stifter. 130 So die Antwort des deutschen Schriftstellers Hanns-Josef Ortheils auf die Frage: Was ist postmoderne Literatur? In: Uwe Wittstock (Hrsg.): Roman oder Leben. Postmoderne in der deutschen Literatur. Leipzig: Reclam 1994, S. 125–134, zit. S. 126. 1.4. Kompetenz und Kolportage – das ambivalente KJ-Buch 49 Gemäß der These mehrfacher Rezipierbarkeit stellt das (Er)Kennen der literarischen Intertextualitäten auch hier lediglich eine der intendierten Lesarten dar. Für ein Verstehen und den Genuss der Romane ist es nicht zwingend erforderlich: So wie es […] Spiele gibt, die auf ganz unterschiedlichem Niveau gespielt werden können, kann auch ein Text so beschaffen sein, daß er heterogenen Ansprüchen und Bedürfnissen entspricht. Die literarische Postmoderne machte sich die „Mehrfachcodierung“ von Texten zum Programm, um mit demselben Text sowohl populäre Unterhaltungs- als auch akademische Auslegungsbedürfnisse zu bedienen.131 Den Sonderfall einer – zeitlich wie räumlich (im Sinne des Erscheinungsortes in einem differenten Medium) – disloziert hinzugefügten Sekundärebene stellt die literarische Parodie auf Kinder- und Jugendbücher dar. Man denke an Robert Neumanns Parodie der Daumenlutscher–Episode aus Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter (1845) im Stile des literarischen Expressionismus, in der, um Baßlers Unterscheidung erneut zu gebrauchen, die paraphrasetaugliche Struktur des „Konrad sprach die Frau Mama…“ nur mehr stilistisch verfremdet als Fragment in der klar dominierenden Textur vorhanden ist: „Mutteranruf, Abschied ordnet bleiben ordnet befrommtheit hauswärts Kommung ende gesetzt. anruf anruf Anruf fünftfinger gaumsaug Nein! Voraussicht schneidenden Windsbraut brautwinds Windsbraut Fingerschnitt papier Ab Ab.“132 Ein weiteres Beispiel wäre die politische Comic-Sketch-Fassung als Struwwelhitler (1941) von Robert und Philip Spences, in der die Vorlage als Teil eines politischen Widerstandskampfes gegen das Nazi-Regime funktionalisiert wurde. Strenggenommen fallen diese Beispiele jedoch nicht im eigentlichen Sinne unter das ambivalente KJ-Buch, da die Parodie, anders als 131 Anz 1998 (Anm. 119), S. 110 f. 132 Robert Neumann: Mit fremden Federn. Engelhorn: Stuttgart 1927, S. 135. Kapitel 1. Genealogie und Poetologie 50 die Vorlage, allein dem allgemeinliterarischen Polysystem zugehört (wodurch keine doppelte Adressierung vorliegt) und somit auch nicht Teil des ursprünglichen Narrativs ist. Es liegt kein doppelter Code, sondern ein Meta-Code vor, der die Vorlage kommentiert oder verfremdet. Fazit Wie dargestellt werden konnte, interferieren KJL und Allgemeinliteratur fortwährend, wobei dieser Austauschprozess kürzlich eine nie dagewesene Intensität erreicht hat. Die Grenze zwischen beiden Systemen mag somit noch beschreibbar sein, aber gleichzeitig muss konstatiert werden, dass sie bereits im Schwinden begriffen ist oder sich zumindest verschiebt. Eben darum scheint es sinnvoll, die bestehenden Wechselbeziehungen sichtbar zu machen und die historischen wie aktuellen Übernahmen und Transfers aus einem System in das andere offenzulegen. Die eingangs aufgestellten These – die Erklärung aktueller Phänomene im KJL-Sektor ließe sich aus einer Veränderung 1. des Adressatenbezugs, 2. des Verhältnisses des Trägermediums Buch zu seinem medialen Umfeld und 3. der mehrfachen Lesbarkeit von Texten aus dem Gebiet der KJL erklären – kann nun im Hinblick auf das ambivalente KJ-Buch präzisiert werden: In Grundzügen in Aussicht gestellt wurden die Konturen des doppeladressierten KJ-Buches, das in der vorliegenden Studie explizit als Modell, sozusagen als begriffliche Annäherung für eine der aktuellen Entwicklungstendenzen der KL unter den medialen Rahmenbedingungen der Postmoderne firmiert. Hier könnte künftig eine völlige Auflösung und Amalgamierung der Kategorien „KJL“ und „Allgemeinliteratur“ tatsächlich stattfinden, da die Unterscheidung zwischen den Systemen in der Textstruktur nicht mehr weiter relevant wäre: Sie hätte nicht nur im übertragenen Sinn keine Rolle, sondern würde tatsächlich über keine (Lese-)Rolle verfügen und wäre damit strukturell abwesend. Das ist weniger ein Befund als eine Prognose, für die sich gegenwärtig noch keine Beweise sondern allenfalls Indizien finden lassen. 1.5. 1.5. Fazit 51 Konkreter fassen lässt sich das doppel- bzw. mehrsinnige KJ-Buch, das beide Polysysteme in sich präsent hält, ohne sie zu verschmelzen. Doppelsinnige KJ-Bücher markieren einen Bereich, in dem Kinderliteratur und Allgemeinliteratur sich überschneiden, ja geradezu interferieren. Ihnen kommt deshalb eine besondere kulturelle Bedeutung zu: Kindliche und erwachsene Leser vereinigen sich hier in der Lektüre ein und desselben Textes. So verschieden ihre jeweilige Lektüre auch ausfallen mag, sie erleben doch ein Stück literarischer Gemeinsamkeit über die Altersgrenzen hinweg.133 Voraussetzung dieser Gemeinsamkeit ist, dass doppelsinnige KJ-Bücher eine direkte und eine abstrahierende (auf das literarische Bezugssystem verweisende oder Räume mit übertragener Bedeutung öffnende) Leserolle anbieten. Durch diesen Doppelcharakter begegnet uns die ursprünglich in Zusammenhang mit KJL intendierte und für moderne Zeiten längst verlorengeglaubte Kommunikationssituation wieder. Ein Buch für die ganze Familie, wie es Joachim Heinrich Campe schon 1780 im Robinson der Jüngere skizzierte: Ein „Buch endlich, welches Junge und Alte das Glück des geselligen Lesens, bei all seinen Mängeln und unvermeidlichen Einschränkungen, recht mit Händen greifen ließe“134. Dessen Rezeption erfolgt aber in ent-hierarchisierter Form, indem die Erwachsenen ihre Rolle als Vermittler verlassen haben und sich dem Kind oder Jugendlichen als gleichgestellte Leser zur Seite gesellen. Im Zuge der All-Age-Vermarktung ambivalenter KJ-Bücher liegt mitunter gar für beide Generationen innerhalb der Familie ein eigens gestaltetes Trägermedium mit jedoch identischem Text vor. Diese Mehrfachcodierung und Mehrfachvermarktung different-ambivalenter KJ-Bücher entspricht also dem „Königsweg“ postmoderner Literaturentwicklung schlechthin, wie Wolfgang Welsch im Rückgriff auf Leslie Fiedler festhält: In alldem ist nicht Einebnung, sondern Mehrsprachigkeit der Königsweg dieser postmodernen Literatur. Sie ist durch Mehrfachstruktur, zum mindesten durch Doppelstruktur gekennzeichnet. Und das gilt semantisch 133 Ewers 1990 (Anm. 40), S. 23. 134 Campe 1977 (Anm. 11), Vorwort zur ersten Auflage, S. VI (von Paginierung ausgenommen). Kapitel 1. Genealogie und Poetologie 52 ebenso wie soziologisch. Sie schafft eine Verbindung von Wirklichkeit und Fiktion sowie von elitärem und populärem Geschmack.135 Treffender kann man es nicht formulieren. Ein- und derselbe Text spricht demnach (1.) demographisch, bildungsmäßig, soziologisch divergierende Rezipientengruppen an, (2.) erscheint als medial eingebettetes und medial replizierendes Produkt mitunter in spezifisch für diese Rezipientengruppen gestalteten Medien gleichzeitig und (3.) befriedigt entweder unterschiedliche (doppelsinniges KJ-Buch) oder kongruente (doppeladressiertes KJ-Buch) Lesebedürfnisse: Er parallelisiert (doppelsinniges KJ-Buch) oder synthetisiert (doppeladressiertes KJ-Buch) somit beide Polysysteme und stellt eine Verbindung her. 135 Wolfgang Welsch: Unsere postmoderne Moderne. Berlin: Akademie Verlag 41993, S. 16. 1.5. Fazit 53 Das Spiel mit der Ambivalenz. Ludistische Theorieansätze zu populärer KJL Trivialität und Entlastung Die Krisis der KJL um 1968 kann als fundamentale Neubestimmung ihrer Richtung aufgefasst werden: Sie steht am Scheideweg und spaltet ihre Kräfte. Eine der so entstehenden Strömungen verfolgt, wie bereits erläutert, einen analytisch-kritischen Modus, der die KJL im Geist der literature engage als ein Instrument sozialer Erkenntnis und folglich der gesellschaftlichen Veränderung begreift, dessen Kunstmittel der Allgemeinliteratur in nichts nachstehen sollen. Insbesondere der Kinder- und Jugendroman entwickelt sich in narratologischer Hinsicht regelrecht „zu einem Laboratorium des Erzählens“136, das „sämtliche Redemittel [synthetisiert], wie sie, ausgelöst durch einen breiten Modernisierungsschub, seit den 1970er Jahren aufgekommen sind.“137 Die wissens-vertiefende und sozialrealistische Verfahrensweise der KJL wird dann unentbehrlich, wenn zu den Anforderungen der globalen Situation Stellung bezogen, Verständnis-Perspektiven erweitert oder probate Handlungsweisen zur besseren Bewährungsfähigkeit der Rezipienten im Alltag durchgespielt werden sollen. Voraussetzung dafür ist die seit den späten 1960ern zu beobachtende, sukzessive Enttabuisierung der KJL: sowohl in inhaltlicher, wie auch in formaler Hinsicht. Kinder- und Jugendliteratur wird im Folgenden immer häufiger Ort der Auseinandersetzung mit komplexen und existentiellen Themenbereichen. Ob nun historische Komplexe wie der Nationalsozialismus Kapitel 2. 2.1. 136 Ann-Katrin Ostermann: Narratologische Fragen an aktuelle Kinder- und Jugendliteratur. In: Carsten Gansel und Hermann Korte (Hrsg.): Kinder- und Jugendliteratur und Narratologie. Göttingen: V&R unipress 2009, S. 39–52, zit. S. 50. 137 Ebd. Ostermann bezieht sich hier auf: Ewers, Hans-Heino: Kinder- und Jugendliteratur im Modernisierungsprozeß. Skizzierung eines Projekts. In: Gesellschaftliche Modernisierung und Kinder- und Jugendliteratur. Hrsg. von Reiner Wild. St. Ingberg: Röhrig 1997, S. 30-56, hier S. 39 Kapitel 2. Das Spiel mit der Ambivalenz. Ludistische Theorieansätze zu populärer KJL 54 aufgearbeitet werden oder Sexualität und sexueller Missbrauch in und außerhalb der Familie thematisiert werden: nichts Menschliches ist der KJL mehr fremd. Dem Gebot des neuen Realismus folgend verschweigt sie auch die „Fragilität […] geschilderten Glücks“138 nicht mehr, sondern betont gar dessen Zerbrechlichkeit, wie etwa im realistisch gewordenen Familienroman, in dem Ewers seit den 1970ern die Domäne einer sich herausbildenden „Literatur der beschädigten Idylle“139 erkennt. Die bewusstseinsbildende Funktion der KJL insgesamt dient somit nicht mehr einem verkürzt pädagogischen Literaturverständnis, dessen Zielsetzungen verdeckter Manipulation oder offener Disziplinierung gleichkommen, sondern firmiert nun vielmehr an der Grenze, an der Ästhetik und Pädagogik wechselseitig ineinander übergehen: Sozialisation wird mit beginnender Emanzipation gleichgesetzt und begünstigt so Individualität anstatt Konformismus. Vom Sozialrealismus zum fantastic turn? Als Parallelaktion mit umgekehrten Vorzeichen vollzieht sich der rapide Aufstieg der phantastischen Literatur und insbesondere der Fantasy, die binnen weniger Jahrzehnte von einem Randphänomen literarischer Produktion zur alle Verkaufslisten dominierenden Literaturform avanciert. Ihre Verkaufserfolge haben nicht nur in Buchform alle bisherigen Maßstäbe außer Kraft gesetzt, sondern ihre Umsetzung ins filmische Medium hat zudem astronomische Einspielergebnisse an den Kinokassen erzielt. Sowohl die Verfilmung der einzelnen Harry Potter-Bände wie auch Peter Jacksons Der Herr der Ringe-Hexalogie erbrachten einen weltweiten Einnahmendurchschnitt von knapp einer Milliarde US-Dollar: pro Film! Aber auch die nach wie vor ungebrochene Präsenz phantastischer Narrative am deutschsprachigen Buchmarkt macht es mittlerweile durchaus legitim, rückwirkend einen fantastic turn zu konstatieren, 2.2. 138 Ewers 2013 (Anm. 59), S. 41. 139 Für diese sieht Ewers vor allem Christine Nöstlinger, Kirsten Boie und die Engländerin Anne Fine als prägend an. Vgl. Ewers 2013 (Anm. 59), S. 71. 2.2. Vom Sozialrealismus zum fantastic turn? 55 der Mitte der 1970er-Jahre eingesetzt hat und dessen vorläufiges Ende momentan nicht abzusehen ist. Unlängst hat Moritz Baßler angesichts der allgemeinen Literaturentwicklung etwa angemerkt, dass nicht mehr viel „zu der Prognose [gehört], dass unsere Zeit, was ihre Epik betrifft, als Zeitalter der Fantasy in die Geschichte eingehen wird.“140 Für Hans-Heino Ewers hat sich die Fantasy (nicht nur literarisch, sondern gesamtkulturell) gar „derart in den Vordergrund geschoben, dass […] [sie] zur Signatur eines ganzen Zeitalters aufgestiegen ist.“141 Obwohl diese Befunde womöglich allzu vollmundig formuliert sind – und sich dahingehend relativieren ließen, dass die Fantasy ‚lediglich‘ als Signatur der Bestsellerlisten eines ganzen Zeitalters firmiert – so ist der rapide Aufstieg der Phantastik dennoch bemerkenswert. Ein Grund des Erfolgs insbesondere der phantastischen KJL ist wohl darin zu sehen, dass sie mittlerweile die Lektüreinteressen breitgestreuter Rezipientengruppen bedienen kann, da sie sich in den 1970er Jahren von einer Literatur der vollendeten Kindheitsautonomie hin zu einem Genre zu wandeln beginnt, das vermehrt Züge allgemeinliterarischen Erzählens und besonders der Gattung Roman aufweist. […] [So] lassen sich auch in der phantastischen Literatur zunehmend Anteile anderer Genres nachweisen, die bislang realistischen Textsorten vorbehalten waren. Darunter zählen [sic!] an erster Stelle Elemente des Abenteuerromans, der Reiseerzählung, des geschichtserzählenden Romans, des Schülerromans, der Kriminalerzählung, des psychologischen Kinderromans wie auch des Entwicklungsromans.142 Dass diese Synthese differenter Gattungen und Genres vom Publikum als gelungen erachtet wird, steht nach einem Blick in die aktuellen Verkaufslisten außer Frage: Was die Literatur anbelangt, leben wir in phantastischen Zeiten. Das Potential der KJL-Phantastik liegt weiterhin darin, sich durch ausgereifte literarische Techniken der Allgemeinliteratur anzunähern und so ein breit gefächertes Zielpublikum anzu- 140 Moritz Baßler: Moderne und Postmoderne. Über die Verdrängung der Kulturindustrie und die Rückkehr des Realismus als Phantastik. In: Sabina Becker und Helmuth Kiesel (Hrsg.): Literarische Moderne. Begriff und Phänomen. Berlin: Walter de Gruyter 2007, S. 435–452, zit. S. 448. 141 Hans-Heino Ewers: Fantasy - Heldendichtung unserer Zeit: Versuch einer Gattungsdifferenzierung. In: Zeitschrift für Fantastikforschung. Herausgegeben von Daniel Illger, Jacek Rzeszotnik und Lars Schmeink. Heft 2 / 2011, S. 5–23, zit. S. 5. 142 Weinkauff und von Glasenapp 2010 (Anm. 12), S. 103. Kapitel 2. Das Spiel mit der Ambivalenz. Ludistische Theorieansätze zu populärer KJL 56 sprechen, das nicht mehr ausschließlich aus Kindern und Jugendlichen besteht. Obwohl phantastische Texte keineswegs auf die Grenzen der KJL beschränkt sind und einen wesentlichen Teil ihrer Adressaten gar im allgemeinliterarischen Feld finden dürften143, betreffen diese Entwicklung wiederum das kinder- und jugendliterarische System in besonders drastischem Ausmaß: Schon 2003 initiierte Carlsen zusammen mit Focus eine Umfrage bei Buchhändlern. Genannt werden sollten fünf Favoriten, die der jungen Zielgruppe für spannende Lesestunden angeboten werden. Resümee: 14 der 15 Titel des Plakates „Buchhändlers Beste“ sind der phantastischen Literatur zuzuordnen. Eine Tendenz, die eindeutiger nicht sein kann. Der Geschmack der Buchhändler wird seit Jahren durch die Jugendliteratur-Bestsellerlisten bestätigt. 2002 waren die ersten zehn Plätze ausschließlich durch phantastische Literatur blockiert.144 Auch die Forschungszugänge zur phantastischen Literatur haben einen ähnlich drastischen Wandlungsprozess durchlaufen. Die in den 1970er Jahren einsetzende literaturwissenschaftliche und literaturpädagogische Beschäftigung mit phantastischer KJL ist insbesondere im Kontext der Erforschung (allgemeinliterarischer) Literaturformen zu sehen, die sich nicht länger als Träger kritischer Potentiale, sondern als funktionale Teile einer literarischen Unterhaltungskultur verstanden: der sogenannten Trivial- und Unterhaltungs- bzw. Populärliteratur. Die literarischen Mechanismen der Kolportage, von Unterhaltungs- und Abenteuerromanen oder konventionellen Liebesgeschichten wurden bereits im Umfeld der 68er-Bewegung meist kritischen Anamnesen unterzogen. Diese Auseinandersetzungen fanden ihre Entsprechung im Forschungsfeld der KJL, das mit gleichermaßen entschieden ablehnenden Positionen der Praxis einer erlebnisorientierten Lektüre entgegentrat. Ein Umdenken lässt sich ab Mitte der 1970er Jahre konstatieren: 1976 merkte beispielsweise Jörg Hienger an, dass sich das (durch die „phantastische Wende“ weiter ausdifferenzierte und diversifizierte) Feld der Unterhaltungsliteratur den Analyseinstrumenten der vorherr- 143 Vgl. Stenzel 2006 (Anm. 126), S. 181 sowie Ewers 2011 (Anm. 141), S. 19. 144 Robert Elstner: „Millionenerfolg HP V“. In: Julit Jg. 14 / H. 1 (2004), S. 3-11, zit. S. 5 2.2. Vom Sozialrealismus zum fantastic turn? 57 schenden kritisch-wirklichkeitsbezogenen, politisch sensiblen und aufklärerisch verfahrenden Form der Literaturkritik schlichtweg entzog. Folgte man also weiterhin nur dem Kriegszug in einschlägigen Publikationen […], ist dieser Literatur, die als ein gegen die objektiven Interessen ihrer Leser gerichtetes Sozialisationsmittel definiert wird, allein durch schonungslose, die Wahrheit unermüdlich wiederholende Ideologiekritik [beizukommen]. Es fragt sich allerdings, ob man auf diese Weise […] der Spannungsliteratur, ihrer Eigenart und den Gründen ihrer Popularität, auch nur auf die Spur kommt.145 Hienger erachtete die dominierenden Untersuchungsperspektiven demnach als grundsätzlich inkompatibel mit einer Literatur, die ostentativ postulierte, eben keine gesellschaftliche Wirkung anzustreben. Die objektiv-gesellschaftlichen Parameter, die auch die KJL-Forschung weitgehend zur Analysegrundlage und zum Bewertungsstandard erhoben hatte, erwiesen sich – sofern sie nicht wiederum in das Mantra der Ideologiekritik münden sollten – als beinahe wertlos.146 Mit der Etablierung der Rezeptionsästhetik als literaturwissenschaftlicher Forschungspraxis wurden alsbald neue Deutungsmuster und Kontexte für eine Literaturform erschlossen, die sich primär an Publikums- und Verkaufserfolgen orientiert. In der Abkehr von der sozialen Realität gewannen subjektive Kategorien wie Unterhaltungsfaktor, Freude an der Lektüre und lustvolles Lesen neue Bedeutung. Diesen anstehenden Paradigmenwechsel vollzog die KJL-Forschung dezidiert im Hinblick auf phantastische Narrative. Denn wo bis in die 1970er Jahre „das Phantastische in der Kinder- und Jugendliteratur auftauchte, da geschah das im Wesentlichen hinter dem schützenden Schild tradierter und von da aus legitimierter literarischer Formen wie Märchen, Sage, Fabel, Legende, oder aber es begab sich von vornherein ins Abseits der Trivialität.“147 In der Nachfolge etablierten sich jedoch neue Formen der phantastischen KJL, die deutlich mit dem überkom- 145 Jörg Hienger: Spannungsliteratur und Spiel. Bemerkungen zu einer Gruppe populärer Erzählformen. In: Ders.: Unterhaltungsliteratur – zu ihrer Theorie und Verteidigung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1976, S. 32–55, zit. S. 40 f. 146 Das bedeutet wiederum nicht, dass Unterhaltungsliteratur keine außerliterarischen Wirkungen erzeugt, sondern dass sich ihre Besonderheiten und ihr spezifischer Literaturcharakter mit den damalig präferierten Forschungszugängen nicht adäquat beschreiben ließen. 147 Haas 1984 (Anm. 80), S. 267. Kapitel 2. Das Spiel mit der Ambivalenz. Ludistische Theorieansätze zu populärer KJL 58 menen Textsorten-Inventar, das Haas hier aufzählt, brachen. Die zeitgenössisch aktualisierte Phantastik wurde während der 1980er, 1990er und den Jahren nach der Jahrtausendwende zur Domäne erlebnisorientierter Rezeption schlechthin. Diese Durchsetzung phantastischer Narrative im kommerziellen Sinne bedeutet aber nicht automatisch ihre kritiklose Akzeptanz als dominante Form aktueller KJL. Phantastische Literatur ruft nach wie vor Widerspruch und Argwohn hervor, insbesondere wo sie in scheinbare Konkurrenz mit der realistischen KJL gerät und mit dem Anspruch auftritt, ein genuin kinder- und jugendliterarisches Programm zu vertreten. Dass sie heute dennoch als arrivierter Forschungsgegenstand in der Kinder- und Jugendliteratur-Forschung angesehen wird, ist als sekundäre Folge der Fokus-Veränderung der allgemeinen Literaturwissenschaft zu werten: Nach 1968 etablierte sich ein neues Bewusstsein für die Relevanz der populären Literaturen, das mit einiger Verzögerung auch die Forschungspraxis der KJL affizierte und sie dadurch als vollwertigen Forschungsgegenstand klassifiziert hat. Mehr noch: Die populären Literaturen entwickeln geradezu indikatorischen Charakter für die allgemeine Entwicklung der gesamten KJL. So haben die wohl auffälligsten Veränderungen der 1990er Jahren […] im Bereich der Unterhaltungs- oder Trivialliteratur für Kinder und Jugendliche, neutraler gesprochen: in dem der populären Kinder- und Jugendliteratur stattgefunden. Was aber gehen diese Wandlungen, so könnte man fragen, eine Forschung und Kritik an, die sich auf die fortgeschrittensten Teile der Kinder- und Jugendliteratur konzentriert? Stellen sie nicht vielmehr eine Angelegenheit allein der Trivialliteratur- bzw. Populärkulturforschung dar? Dieser Einwand […] [sticht] im vorliegenden Fall […] jedoch nicht: Denn die auf dem Gebiet der populären Kinder- und Jugendliteratur gegenwärtig stattfindenden Veränderungen sind von zentraler Bedeutung für die Zukunft der Kinder- und Jugendliteratur als ganzer. Man könnte sogar die These aufstellen, dass sich auf diesem Feld früher und deutlicher als anderswo die Umrisslinien einer zukünftigen Kinder- und Jugendliteratur abzeichnen, diejenigen nämlich einer medial integrierten Kinder- und Jugendliteratur des [frühen] 21. Jahrhunderts.148 Im Folgenden soll diesen skizzierten Besonderheiten der populären und fortgeschrittenen – also inhaltlich wie formal avancierten – (Kin- 148 Ewers 2013 (Anm. 59), S. 83. 2.2. Vom Sozialrealismus zum fantastic turn? 59 der- und Jugend-)Literaturen weiter nachgespürt werden. Da sich Ewers Einschätzung zufolge insbesondere die populäre KJL als Indikator für Entwicklungstendenzen des gesamten Feldes anbietet, wird versucht, ein Funktions- und Theoriemodell vor allem der phantastischen KJL zu entwerfen, die gegenwärtig unzweifelhaft als die populärste KJL bezeichnet werden kann. Dabei offenbart die postmoderne Fantasy nicht nur weitreichende Bezüge zur Tradition phantastischen Erzählens im deutschen Sprachraum seit der Romantik, sondern weist ebenso partielle Übereinstimmungen mit dem Feld der realistischen Unterhaltungsliteratur auf. Ihre Qualitäten sind, ebenso wie jene der an Erwachsene adressierten populären Literaturen, vor allem leserbezogener Natur: Der Text dient primär keinen gesellschaftlich orientierten, „engagierten“ Zwecken, sondern soll vordringlich die Lektüreintention des Lustgewinns erfüllen. Das schließt intendierte Sekundärbedeutungen oder Vermittlungsintentionen natürlich nicht aus, kehrt jedoch die etablierte Methodik in deren Vermittlung um: Nicht länger werden die Erzählinhalte konkreten Vermittlungsinteressen untergeordnet. Letztere bilden einen Mehrwert zur (und nicht länger die Legitimation der) Unterhaltung. Hinsichtlich ihrer generellen Funktionsweise lassen sich populäre Literaturen vor allem mit dem Begriff des Spiels in Verbindung bringen – weshalb es lohnend scheint, reale wie literarische Spielhandlungen auf Gemeinsamkeiten und Differenzen hin zu befragen. Zudem ist das Spiel für die KJL zweifellos von besonderer Bedeutung. Nicht nur, weil ihren Adressaten gemeinhin eine verspielte Mentalität attestiert wird, sondern weil Populärliteraturen im allgemeinliterarischen Feld wie im Feld der KJL funktionale Äquivalente darstellen: Beide leisten sie eine spielerische Verabschiedung des Alltags und fungieren als Entlastungsmechanismen. Für eine Analyse kinder- und jugendliterarischer Populärmedien, aber auch für die Entwicklung eines praktikablen Phantastik- und Fantasy-Begriffs, scheinen die folgenden Vor- überlegungen bezüglich der Analogien zwischen anthropologischen und literarischen Spielweisen daher besonders aufschlussreich. Kapitel 2. Das Spiel mit der Ambivalenz. Ludistische Theorieansätze zu populärer KJL 60 Exkurs: Kindliches Spiel und Dichtung Das Modell, welches das kindliche Spiel mit Verfahrensweisen des Dichtens und somit auch mit der KJL assoziierbar macht, entstammt vordringlich Beobachtungen der Anthropologie und der Entwicklungspsychologie. Bereits in der frühkindlichen Entwicklungsphase entsteht eine Praxis des freien Phantasierens, die dem Kind im Modus des „so tun als ob“149 (bzw. „so tun als ob nicht“) eine zeitweilige Distanzierung von der Realität und die Aufhebung der damit verbundenen Wirkungsweisen erlaubt. Dies stellt jedoch keine kategoriale Verabschiedung der Realität im Sinne eines völligen „Ausblendens“ dar – vielmehr ist deren stete Präsenz unabdingbar, wenn sie jenem fortwährenden Prozess der Transformation unterliegen soll, welcher das Spiel überhaupt erst konstituiert. Elemente der Umwelt werden in diesem Modus umgedeutet, der spielerische „Zu-Griff “ verwandelt einen Tannenzapfen in ein Raumschiff, eine Banane in einen Revolver oder, wie Thomas Anz wohl aus eigener Vater-Erfahrung zu berichten weiß, eine „Toilettenbürste [wird] zum Schaltknüppel eines Autos umfunktioniert.“150 Es handelt sich „bei diesen Gegenständen nicht um […] Phantasieprodukte, sondern das Spiel besteht, in Analogie zum kindlichen Umgang mit Sprache, in der improvisatorischen Zertrümmerung und Neuzusammensetzung bereits vorhandener Materialien.“151 Spielen impliziert demnach die Herstellung ungewöhnlicher Verbindungen zwischen gewöhnlichen Elementen und stellt eine besondere Art der Benutzung der Welt und des Umgangs mit der Realität dar. In diese spontan kreierte Fiktionswelt importierte Gegenstände verlieren als Spielmaterial ihre alltäglichen Funktionen und übernehmen neue: Sie wandeln sich zu Platzhaltern bzw. symbolischen Ankerpunkten für imaginative Erscheinungen. 2.3. 149 Vgl. Siegfried Hoppe-Graffs überwiegend spieltheoretische Publikationen unter: https://www.zpid.de/psychauthors/index.php?wahl=forschung&uwahl=psychauthors&uuwahl=p00789SH_pub (Stand 06.02.2016) 150 Anz 1998 (Anm. 119), S. 50. 151 Nicola Gess: „Magisches Denken“ im Kinderspiel. Literatur und Entwicklungspsychologie im frühen 20. Jahrhundert. In: Thomas Anz und Heinrich Kaulen (Hrsg.): Literatur als Spiel. Evolutionsbiologische, ästhetische und pädagogische Konzepte. Berlin, New York: Walter de Gruyter 2009, S. 295–314, zit. S. 311. 2.3. Exkurs: Kindliches Spiel und Dichtung 61 Der natürlichen Ausbildung dieses Fiktions-Vermögens korrespondiert die Entstehung des Fiktions-Bewusstseins152, das nicht erst, wie lange in der Forschung angenommen, eine „Errungenschaft des Grundschulalters“153 darstellt, sondern, wie der Psychologe, Pädagoge und Spielforscher Siegfried Hoppe-Graff unlängst herausgearbeitet hat, bereits wesentlich früher einsetzt. Beim „Merkmal der Illusionseinsicht zeigen neuere Untersuchungen zu den kognitiven Prozessen beim Phantasiespiel, dass auch sehr kleine Kinder sehr wohl um den fiktiven Charakter der Spielhandlung wissen.“154 Vor allem verwechseln sie das Spiel nicht mit dessen scheinbar offensichtlichem Gegenbegriff: dem Ernst.155 Kinder sind sich der Grenzen solipsistischer (ein Kind spielt Prinzessin, Kapitän, etc.) oder kollektiver Imagination (eine Gruppe Kinder spielt Löwenrudel, Räuberbande, ect.) als spielerische Weltentwürfe ebenso bewusst, wie sie deren Möglichkeiten erkennen: Im von der Wirklichkeit räumlich und zeitlich abgesonderten Schonraum der Spielwelt, insbesondere dem der Phantasie, agiert man entbunden von Realitätszwängen. Zwar können Spielregeln Zwang ausüben, aber man unterwirft sich ihnen freiwillig, und sie lassen zudem immer Handlungsspielräume offen. Kurzum: Im Spiel kann das Subjekt ein Optimum an Autonomie genießen.156 Hierarchien und Zwänge der Realität werden temporär außer Kraft gesetzt und äußere Erscheinungen eigenen Regeln unterworfen. „Diese emanzipatorische Funktion fiktionaler Welten erfüllen nun traditionelle Fiktionen ebenso wie virtuelle Welten: Sie alle befreien uns von der erdrückenden Herrschaft des Realitätsprinzips.“157 152 Vgl. ebd., S. 299 f. 153 Stenzel 2006 (Anm. 126), S. 175. 154 Ebd. 155 Vgl. dazu auch Sigmund Freud: Der Dichter und das Phantasieren. In: Ders.: Gesammelte Werke. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 4 1966, Bd. 7, S. 213–223, zit. S. 214. 156 Anz 1998 (Anm. 119), S. 68. 157 Rudolf Lüthe: Wirklichkeitsfluchten? In welcher Welt leben wir als Leser und Betrachter? In: Helga Ahrend (Hrsg.): „Und wer bist du, der mich betrachtet?“ Populäre Literatur und Kultur als ästhetische Phänomene. Bielefeld: Aisthesis 2010, S. 95–112, zit. S. 109. Kapitel 2. Das Spiel mit der Ambivalenz. Ludistische Theorieansätze zu populärer KJL 62 Besonders bemerkenswert erscheint der sich bereits im Kindesalter ankündigende Wandel vom Spiel zum Sprachspiel: „In der Zeit, wo das Kind die Sprache erlernt, spielt es mit Worten, wie es mit Holzstückchen spielt. Später bekommt dieses Spiel den Reiz des von der Vernunft Verbotenen und wird schließlich dazu benützt, sich dem Druck der kritischen Vernunft zu entziehen“158 – so benennt Alfred Liede den freien Umgang als jene Parallele, durch die das Spiel letztlich der Literatur gleicht. Eine grundsätzliche Ähnlichkeit besteht somit zwischen dem „Spiel mit den Dingen“ und dem „Spiel mit den Zeichen“. Dass der Phantasiereichtum, die Vitalität und die Naivität, mit denen Kinder ihre Spielhandlungen verfolgen, zum attraktiven Identifikationsangebot für eine Vielzahl an Dichtungskonzepten (von der Genie-Ästhetik des Sturm und Drangs bis zum Dadaismus) avancierte, liegt nicht zuletzt im anarchischen Umgang mit der Realität begründet, die in der Sphäre des Spiels nur begrenzte Geltung hat. Insbesondere zeigen sich die „Künste des frühen 20. Jahrhunderts […] fasziniert von Kindheit und Kinderspiel. Diese Faszination bezieht sich zu großen Teilen auf ein spezifisch kindliches Denken, das die Entwicklungspsychologie der Zeit in Anlehnung an die Ethnologie zu beschreiben sucht: das sogenannte ‚magische Denken‘.“159 Obwohl das in diesen Zusammenhängen immer wieder zitierte Entwicklungsstufenmodell des schweizer Psychologen Jean Piaget in den Fachdisziplinen keineswegs unumstritten ist, bietet es griffige Erklärungen für die veränderliche Weltsicht heranwachsender Kinder. Vor allem in der Phase des Animismus (etwa zwischen dem zweiten und siebten Lebensjahr) scheint noch kein vollständiger, kategorialer Unterschied zwischen innerem Bild und äußerer Erscheinung zu bestehen. Etwas verkürzt formuliert: Beides wird als gleichermaßen real erfahren. Wobei es diese nur unvollständig erfolgende Differenzierung zwischen verschiedenen 158 Alfred Liede: Dichtung als Spiel. Studien zur Unsinnspoesie an den Grenzen der Sprache. 2. Auflage. Berlin: De Gruyter 1992, S. 15. 159 „Aus der Partizipation erwachsen die drei Charakteristika des kindlichen Denkens: Realismus, d.h. die mangelnde Unterscheidung zwischen der äußeren und der inneren Welt, Animismus, d.h. die Tendenz, die Körper als lebendig und mit Absichten ausgestattet zu betrachten und Artifizialismus, d.h. die Annahme, dass alle Dinge gemacht worden sind, um bestimmte Funktionen für den Menschen zu erfüllen.“ Gess 2009 (Anm. 151), S. 295 u. 297. 2.3. Exkurs: Kindliches Spiel und Dichtung 63 Realitätsebenen ist, die Piagets Modell auch in die Nähe der phantastischen Theoriebildung rückt. Bereits Anna Krüger und Ruth Koch beziehen sich in ihren Untersuchungen zur kinderliterarischen Phantastik aus den 1950er-Jahrern auf diese, wie es der schwedische KJL-Forscher Göte Klingberg nennt, „kinderpsychologische These“160, deren „empirische Verifizierung“ laut Klingberg übrigens „nie versucht“161 wurde. Klingberg plädiert im Gegensatz zu Piagets-Stufenmodell zwar für „ein anderes Verständnis vom Entwicklungsgang des Kindes […], [das] die Entwicklung der Heranwachsenden als etwas Kontinuierliches betrachtet“162 und nicht an das Erreichen gewisser Schwellen gebunden ist. Dennoch ist auch für ihn unbestreitbar, dass Kinder über eine grundverschiedene Form der Weltwahrnehmung verfügen – und dass dieser vor allem in den „spielerisch“ konzipierten Texten der phantastischen KJL weitgehend entsprochen wird, worin für Klingberg nicht zuletzt die „altersspezifische“ Attraktivität dieser Gattung begründet liegt.163 Entsteht bei Kindern diese Sicht auf die Realität also noch ganz natürlich, mutmaßt Alfred Liede in seiner äußerst umfassenden Untersuchung Dichtung als Spiel, dass für den Erwachsenen hierfür „bereits toxische Hilfsmittel zur Befreiung nötig sind“164, die einen Rückfall in ‚kindliche‘ Denkmuster erlauben. Ein solches (allerdings untoxisches) Hilfsmittel stellt die sekundäre Nachbildung und Übertragung imaginierter kindlicher Weltwahrnehmungsweisen in das Konstruktionsprinzip literarischer Texte dar: Exemplarisch weist Nicola Gess in Walter Benjamins Berliner Kindheit das Sprunghafte der Assoziationstechnik und die ostentative Wiederholung als besondere Konstruktionsmerkmale aus, mit denen der Autor kindliche Wahrnehmungs- und Ausdrucksmuster nachbilden wollte.165 Oder man denke an Gianni Rodaris Grammatik der Phantasie, in der die spielerische Vertauschung von grammatikalischen Partikeln – zum Beispiel das Auswechseln von 160 Göte Klingberg: Die phantastische Kinder- und Jugenderzählung. In: Gerhard Haas (Hrsg.): Kinder- und Jugendliteratur. Zur Typologie und Funktion einer literarischen Gattung. Stuttgart: Reclam 1974, S. 220–241, zit. S. 236. 161 Ebd. 162 Ebd. 163 Vgl. ebd. 164 Liede 1992 (Anm. 158), S. 11. 165 Vgl. Gess 2009 (Anm. 151), S. 304 und S. 312 f. Kapitel 2. Das Spiel mit der Ambivalenz. Ludistische Theorieansätze zu populärer KJL 64 Prä-, Suf- oder Interfixen – zu Verballhornungen wie etwa dem Bleistiftentspitzer führen. Diese literarischen Techniken scheinen partiell mit Freuds Beschreibung des Witzes in seiner Schrift Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten konform zu gehen: Auch beim Kinde, welches ja die Worte noch als Dinge zu behandeln gewohnt ist, bemerken wir die Neigung, hinter gleichem oder ähnlichem Wortlaut gleichen Sinn zu suchen […]. Die Witzeslust aus solchem „Kurzschluß“ scheint auch um so größer zu sein, je fremder die beiden durch das gleiche Wort in Verbindung gebrachten Vorstellungskreise einander sind […]. Merken wir übrigens an, daß sich der Witz hier eines Mittels der Verknüpfung bedient, welches vom ernsthaften Denken verworfen und sorgfältig vermieden wird.166 Vom Eindruck zum Ausdruck. Trost und Kritik Betont werden müssen vor allem die vielfältigen funktionalen Aspekte dieser Perspektive. Die meist egozentrische Beschaffenheit realer kindlicher Spielkonfigurationen mag durchaus psychologischen Bedürfnissen entsprechen, allerdings dürfen Phantasiespiele nicht bloß als mannigfache „Kompensationen des Klein-Seins“167 missverstanden werden. Wie zu zeigen sein wird, muss nämlich gleichsam das kritische Ausdruckspotential dieser imaginativen Freiräume betont werden, in denen sich verschlüsselt sowohl Wünsche andeuten, als auch „kindlicher Protest artikulieren“168 kann. In dieser Hinsicht entpuppt sich bereits das kindliche Spiel als besonders stark auf die Realität hin ausgerichtet, bzw. gar als eine frühkünstlerische Interpretation derselben. Denn das Phantasiespiel ist eine sinnstiftende Transformation der Wirklichkeit und somit Produkt eines „auf Realität bezogene[n] und sie [doch] überschreitenden Den- 2.3.1. 166 Siegmund Freud: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. Der Humor. Frankfurt am Main: S. Fischer 2009, S. 133 f. 167 Ludwig Duncker, Friedemann Maurer und Gerd E. Schäfer (1993): Hundert Sprachen des Kindes. Zur pädagogischen Fragestellung dieses Bandes. In: dies. [Hg.]: Kindliche Phantasie und ästhetische Erfahrung. Wirklichkeiten zwischen Ich und Welt. 2. Aufl., Langenau-Ulm, S. 12. Zitiert nach Patzelt 2001 (Anm. 308), S. 145. 168 Ebd. 2.3. Exkurs: Kindliches Spiel und Dichtung 65 kens“169, das befreiende Wirkung erzeugen kann. Diesen Umstand nutzt etwa die Psychologie durch entsprechende Phantasie-Konstruktionen als Therapeutikum, denn problematische „Erfahrungen von Kindern, insbesondere in der Familie, lassen sich leichter thematisieren, wenn den kindlichen Lesern Reflexionsmöglichkeiten im Raum des Fantastischen angeboten werden.“170 Das entpersönlichte, spielerische Sprechen „durch“ phantastische Figuren erlaubt eine freiere Artikulation von Traumata oder Kritik. Da positive Phantasmen somit „zur realen psychischen Entlastungen des Kindes beitragen“171 können, ist der Übergang von der Psychologie zur (Kinder- und Jugend-)Literatur seit jeher fließend. So hat der amerikanische Psychologe Bruno Bettelheim die Anziehungskraft tradierter Volksmärchen darauf zurückgeführt, dass sie als spezielle – und in dieser Hinsicht kindlich adäquate – Ausdrucksformen komplexer seelischer Konfliktlagen deutbar sind. Kindern wird anhand von Archetypen der „spielerische“ Umgang mit der Realität und der eigenen Entwicklung erleichtert und begreifbar gemacht. Bettelheim geht in seiner Märchen-Analyse Kinder brauchen Märchen (1976) folglich davon aus, dass Volksmärchen eben darum mit ungebrochener Attraktivität auf Kinder wirken, da sie als Ausdruck bereits verspürter, seelischer Konfliktlagen und unbewusster Wünsche verstanden werden können, für die Kindern noch jegliches begriffliche Verständnis und Artikulationsvermögen fehlt. Sie verniedlichen „kindliche Nöte“172 nicht aus der Perspektive des Erwachsenen, sondern nehmen „sie in ihrer Schwere ernst“173, indem sie archetypische Bilder als Substitute für seelische Probleme anbieten. Auch moderne Narrative aus der KJL ermöglichen Kindern eine Kompensationslektüre, denn augenscheinlich fällt es im „Raum des 169 Hiltrud Gnüg: Utopie und utopischer Roman. Stuttgart: Phillip Reclam 1999, S. 14. 170 Nickel-Bacon 2008 (Anm. 67), S. 394. 171 Wolfgang Meißner: Die Phantasie der Kinder - entwicklungspsychologische Überlegungen zur phantastischen Kinder- und Jugendliteratur. In: Günter Lange und Wilhelm Steffens (Hrsg.): Literarische und didaktische Aspekte der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur. Würzburg: Königshausen & Neumann 1993, S. 25–40, zit. S. 33. 172 Bettelheim 1995 (Anm. 95), S. 11. 173 Ebd. Kapitel 2. Das Spiel mit der Ambivalenz. Ludistische Theorieansätze zu populärer KJL 66 Fantastischen […] leichter, Lösungsmöglichkeiten anzubieten, so dass [die] psychologische Fantastik Entlastungs- und Trostfunktion übernehmen kann.“174 Das zeigt bereits ein frühes Beispiel von Astrid Lindgren: „Mio, mein Mio (1953/54) erzählt von einem Pflegekind in einer ausweglos schwierigen Familiensituation, die es aus eigener Kraft nicht ändern kann.“175 Autonomie und Handlungsfähigkeit gewinnt der sozial stark benachteiligte Protagonist Bosse erst durch das Erzählen seines „Falls“ als phantastische, literarische Geschichte, die dem kindlichen Lesepublikum letztlich positive Botschaften vermittelt – und die insofern auf eine kindliche Weltwahrnehmungsweise repliziert, da der Erzähler Bosse die innertextliche Realität mit einer weiteren, von ihm imaginierten fiktionalen Ebene vermengt.176 Diese spezifische Weltsicht des Kindes mit ihren vorbegrifflichmagischen Anteilen und ihrer Tendenz, Realitäts- und Phantasieebenen dieselbe Gültigkeit zuzuweisen, wird zudem in einer Fülle literarischer Texte und Spielfilme abgebildet, welche eine imaginierte, kindliche Perspektive rekonstruieren. Sie sind jedoch nicht zwangsläufig intendierte KJL, sondern können ebenso der Allgemeinliteratur bzw. dem allgemeinen Film zugeordnet werden. In beiden Fällen entsteht ihre spezifischer Qualität jedoch aus der meist bruchlosen Vermengung realistischer und irrealer (also phantastisch anmutender) Erzählinhalte: Sie sind gleichermaßen Spiel mit der Wirklichkeit wie auch Spiel mit der Fiktion – und ihnen liegt meist eine kritische Aussageintention zugrunde. So kann beispielsweise das in der „ironisch provokativen“177 Textstruktur von Lewis Carrolls Alice im Wunderland beschlossen liegende „Spielpotenzial“178 als fundamentale „Kritik am rational erstarrten Wirklichkeitsverständnis der Erwachsenen“179 verstanden werden. Deren rigide-technische und somit als reduktionistisch apostrophierte 174 Nickel-Bacon 2008 (Anm. 67), S. 394. 175 Ebd. 176 Vgl. u.a. Kapitel 4 dieser Arbeit. 177 Gerhard Haas: Funktionen von Phantastik. In: Jörg Knobloch und Gudrun Stenzel (Hrsg.): Zauberland und Tintenwelt. Fantastik in der Kinder- und Jugendliteratur (= Beiträge Jugendliteratur und Medien. 17. Beiheft). Weinheim: Juventa Verlag 2006, S. 26–38, zit. S. 38. 178 Ebd., S. 37. 179 Ebd. 2.3. Exkurs: Kindliches Spiel und Dichtung 67 Weltsicht bleibt als Material präsent, um im Spielmodus der Phantastik aufgelöst und dekonstruiert zu werden – bis sie sich schließlich völlig verflüchtigt hat. Das stellt insofern eine spezifische Form ‚kindlichen‘ Protests an einer funktionalisierten, restriktiven Umwelt dar, als Alice mit ihren artig eingeübten, im Wunderland aber völlig entwerteten und gar inadäquaten gesellschaftlichen Umgangsformen unterbewusst ebenso unzufrieden ist, wie die phantastischen Figuren aus ihrem (!) Traumland. Diesen Unmut darf sie jedoch im wachen Zustand nicht offen – quasi „maskenlos“ – artikulieren oder äußern. Darum verschafft sich das Unterbewusstsein in Form des Wunderlands Geltung und revoltiert gegen die als substanzlose Disziplinierung erfahrenen Verhaltensregeln, indem diese fortwährend der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Dieses Modell übernimmt auch Walter Moers in seinem Roman Wilde Reise durch die Nacht, der anhand eines Traumgeschehens den Entwicklungsgang des Protagonisten zum Künstler darstellt und eine Abrechnung mit schulischen und gesellschaftlichen Instanzen vornimmt.180 Diese spielerische Realitätsumdeutung in der Phantastik erscheint somit häufig als chiffrierte Widerstandshandlung. Die durch den Einfluss Carrolls im kinderliterarischen Feld des englischen Sprachraums fix verankerte Nonsense-Literature und ihr deutschsprachiges Äquivalent, die Unsinnspoesie, erweisen sich demnach stets auch als (mehr oder minder) hintersinnige Thematisierungen gesellschaftlicher Realitäten und historischer Zeitumstände: Es verweisen ihre phantastischen Bilder, „wie paradox auch immer, [wiederum] auf das Verhältnis zum Alltäglichen und Tatsächlichen. Wo deren befreiendes Gegenbild, das Spiel, aus dem Bewußtsein schwindet, entgleitet die Möglichkeit des Widerstandes.“181 Denn die spielerisch-literarische Verkehrung von Sinnpotentialen und die damit einhergehende Kritik an der Gesellschaft bleibt in „einer auf Funktionalität ihrer Instanzen und Apparate 180 Siehe Kapitel 7 dieser Arbeit. 181 Johannes Anderegg: Spiel und Abbild in der Unterhaltungsliteratur. In: Jörg Hienger (Hrsg.): Unterhaltungsliteratur – zu ihrer Theorie und Verteidigung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1976, S. 82–97, zit. S. 97. Kapitel 2. Das Spiel mit der Ambivalenz. Ludistische Theorieansätze zu populärer KJL 68 bedachten Gesellschaft unverfügbar, entzieht sich der Kontrolle“182 durch rationelle Denkmuster. Der Unsinn ist somit nicht ohne Bezug zum Sinn, „im Gegenteil: er bedarf des Vorhandenen, um es einmal auf seine Weise zu arrangieren“183. Diese Verkehrung kann bestehende Ordnung aber nicht nur attackieren, sondern sie als Widerstandshandlung auch etablieren. Ist es die Überfülle restriktiver Konventionen und Maßregelungen, die Alices unterbewussten Protest inauguriert, ist es im Falle von Guillermo del Toros Pans Labyrinth und Víctor Erices Der Geist des Bienenstocks184 gerade der Mangel daran. Einer aus den Fugen geratenen Realität ohne Ordnungssinn wird eine keineswegs harmonische, aber potentiell begreifbare Fantasiewelt mit inhärenter Logik als Kompensation entgegengestellt, die, eben anders als die Realität, nach Regeln funktioniert und folglich beherrschbar ist. In ihr gibt es richtiges und falsches Verhalten. Die von der kindlichen Protagonistin imaginierte Parallel- oder Gegenwelt dient somit „nicht allein der Flucht, sondern antwortet auf das Bedürfnis, eine Ordnung herzustellen, die dem kindlichen Welterschließungsvermögen adäquat ist.“185 Analog dazu reagiert die zwölfjährige Mathilde Meier, Protagonistin von Mira Lobes Die Räuberbraut, auf die globalen Problematiken (soziale Ausbeutung, eine Ölpest, Naturkatastrophen etc.), mit denen sie täglich über die abendlichen Fernsehnachrichten in Berührung gerät, indem sie diese in eine eigene Fantasiewelt integriert: Sie imaginiert sich selbst als Mitglied einer rechtschaffenden Räuberbande in der Tradition Robin Hoods, die gegen Ungerechtigkeit und Ausbeutung vorgeht. In all diesen – bereits künstlerisch geformten – Beispielen scheint der Konnex der kindlichen Phantasie zur Symbol-Sprache der Kunst besonders evident. Schon Freud hielt 1908 in Der Dichter und das 182 Dieter Baacke: Spiele jenseits der Grenze. Zur Phänomenologie und Theorie des Nonsens. In: Klaus Peter Dencker: Deutsche Unsinnspoesie. Stuttgart: Philipp Reclam 1995, S. 355–377, zit. S. 356. 183 Ebd., S. 376. 184 Benjamin Moldenhauer: "Sich zurechtfinden in der Gewalt". Erfahrungspotentiale des fantastischen Horrors. In: Zeitschrift für Fantastikforschung. Herausgegeben von Daniel Illger, Jacek Rzeszotnik und Lars Schmeink. H. 2 / 2013, S. 76–94, zit. S. 81 f. 185 Ebd., S. 84. 2.3. Exkurs: Kindliches Spiel und Dichtung 69 Phantasieren fest: „Sollten wir die ersten Spuren dichterischer Betätigung nicht schon beim Kinde suchen? [...] Jedes spielende Kind benimmt sich wie ein Dichter, indem es sich eine eigene Welt erschafft oder, richtiger gesagt, die Dinge seiner Welt in eine neue, ihm gefällige Ordnung versetzt.“186 Clemens Ruthner hat im Anschluss an Freud dargelegt, dass darum besonders das phantastische Genre seine „‚mythischen‘ Wurzeln in der Kindheit – in deren Vorstellungen und Ängsten – ebenso wie in der Mechanik unseres Denkens in Vergleichen, Analogieschlüssen, Referenzialisierungen und Hypostasierungen, der Verbildlichung und Konkretisierung“187 hat. Die Realität wird in einen erweiterten Modus überführt, in dem das „was-wäre-wenn“ zur diegetischen Tatsache wird. Oder aber eine reelle Tatsache, über die nicht offen kommuniziert werden soll oder darf, wird – mitunter allegorisch chiffriert – zum integralen Element dieser Fantasiewelt erhoben: das unaussprechbare Trauma steht im Zentrum. Dieser Konstellation bedient sich etwa Friedrich Dürrenmatts Das Versprechen – Requiem auf den Kriminalroman. Kommissär Matthäi hält als einzigen Anhaltspunkt im Fall eines Kindsmordes eine Zeichnung in Händen. Das vom Opfer im Grundschulalter verfertigte Bild zeigt in symbolisch verschlüsselter Form den Mörder, den rätselhaften „Igelmann“, und ist somit eine codierte Täter- und Motivbeschreibung in nuce. Erst mit zunehmendem Ermittlungsfortschritt gelingt es Matthäi, die ambiguitären Elemente der kindlichen Bildsprache auf konkrete Eigenschaften des Mörders hin zu interpretieren. Die Jagd auf den Mörder ist nicht primär eine Jagd auf eine Person, sondern wird zu einer Jagd auf Zeichen und semantische Inhalte. Die Veranlassungen zu einer phantastischen Transformation der Wirklichkeit können somit sowohl in der Lust, wie auch in äußeren Zwängen und psychischem Druck bestehen. Man denke an Katherine Patersons Die Brücke nach Terabithia oder Peter Jacksons Heavenly Creatures, in dem die – von den Elternteilen sanktionierte – homosexuell erscheinende Beziehung zwischen den Protagonistinnen psy- 186 Freud 1966 (Anm. 155), S. 214. 187 Clemens Ruthner: Imaginierte Referenzen. Kultursemiotische Prolegomena zur ‚Selbstzeugung‘ des Phantastischen. In: Clemens Ruthner, Ursula Reber, Markus May (Hrsg.): Nach Todorov. Beiträge zu einer Definition des Phantastischen in der Literatur. Tübingen: Francke 2006, S. 135–145, zit. S. 143 f. Kapitel 2. Das Spiel mit der Ambivalenz. Ludistische Theorieansätze zu populärer KJL 70 chisch in der Erschaffung eines gemeinsamen Fantasiereichs kulminiert. So bleiben „Mangel und Wunsch […] die beiden Impulse utopischen Denkens“188, was sowohl für die Praxis des kindlichen Phantasiespiels, als auch für das „fiktionale Genre des utopischen Romans [gilt], die [beide] jeweils in anderer Weise die Faktizität des Bestehenden transzendieren […] [und] aus der Spannung zu ihrer jeweiligen geschichtlichen Realität“189 entstehen. Mehr als „Entspannung durch Spannung“. Wirkungspotentiale populärer KJL Welche konkreten Wirkungspotentiale können die populären Literaturen als fest etablierter Bestandteil der Alltagskultur ihren Rezipienten nun anbieten? Zur Klärung muss vorab der spezifische Charakter der populären Literaturen präzisiert werden, wie ihn Thomas Anz (im Rückgriff auf Freud, Caillois und Victor Nell („Ludic Reading“)) beschrieben hat: Die – wohl zentrale – Wirkungsweise der Populär- und Spielliteratur besteht in einer „lustvolle[n] Befreiung von unlustvollen Zwängen“190, worin wiederum die Verbindung zum Spiel besteht. Der von Alfred Liede konstatierte „zivilisationskritische Impuls“191 der Unsinnspoesie, oder der, von Ernst Bloch bestimmte, gar revolutionäre „Impetus der Kolportage“192 kann für die aktuelle Unterhaltungsliteratur jedoch nicht mehr reklamiert werden. Im Gegenteil: Wenn man sich erneut des von Grimmelshausen in seiner Continuatio verwendeten metaphorischen Vergleichs bedient, ist es „unterhaltendes Schleckwerk“, dem die „heilsamen Pillen“ – bei Grimmelshausen beispielsweise moralische Einsichten in die conditio humana – im Inneren abhandengekommen scheinen. Was übrigbleibt, ist der nunmehr zentral gewordene Effekt der Leselust, der ganz dem Abbau von (Alltags-)Frustrationen und der Kompensation von Ohnmachts-Er- 2.4. 188 Gnüg 1999 (Anm. 169), S. 12. 189 Ebd. 190 Anz 1998 (Anm. 119), S. 37. 191 Ebd., S. 75. 192 Vgl. Bloch 1962 (Anm. 31). 2.4. Mehr als „Entspannung durch Spannung“. Wirkungspotentiale populärer KJL 71 fahrungen dient und in weiterer Folge auch der Wiederherstellung der persönlichen Leistungskraft zuträglich sein kann. Die Unterhaltungselemente der modernen Unterhaltungsliteratur verstärken damit nicht nur den revitalisierenden Effekt der Autonomie-Erfahrung193 durch Befreiung vom Alltäglichen, sondern verändern auch deren Charakter ganz entscheidend: Im Fall der populären Literaturen entspringt die Lust an der Kunst nicht mehr dem Genuss ästhetischer Prinzipien oder dem Erkenntnisgewinn, der sich mit einer Konzeption von Kunst als kritisches Verfahren naturgemäß verbindet. Ebenso wenig ist sie zwangsläufig sekundäre Folge der gelungenen Selbst-Erprobung als kompetenter und kenntnisreicher Leser im postmodernen Verweis-Spiel. Sondern die Lust an der Lektüre von unterhaltenden „Massenlesestoffen“194 ist weitgehend hedonistischer Natur. Vom Hedonismus zur Kompensation Das Gros der heute omnipräsent gewordenen multimedialen Unterhaltungskultur zielt – auch im Feld der KJL – überwiegend auf die Erzeugung von Spannung, Rührseligkeit und Komik ab195. Werden in der AL dafür Erzählformen wie der spannende Krimi oder der erfüllende Liebesroman bevorzugt, erweist sich in der KJL (neben Varianten des Abenteuerlichen) vor allem die Komik von zentraler Bedeutung. Denn mittels der impulsiv-körperlichen Reaktion des souveränen Lachens über „mehr oder weniger offen gutgeheißene […] Normverletzungen, 2.4.1. 193 Was als Gedankenkonstrukt bereits auf das 17. Jahrhundert zurückgeht: Vgl. Franz M. Eybl: Unterhaltung zwischen Barock und Aufklärung In: Franz Eybl und Irmgard Wirtz (Hrsg.): Delectatio. Unterhaltung und Vergnügen zwischen Grimmelshausen und Schnabel. Frankfurt am Main: Peter Lang 2009, S. 9–26, zit. S. 10. 194 Hienger 1976 (Anm. 145), S. 40. 195 Wolfram Buddecke: Harry Potters Lehrjahre. Unvorgreifliche Bemerkungen zu Joanne K. Rowlings Bestseller. In: Günter Lange und Gabriele Cromme (Hrsg.): Kinder- und Jugendliteratur. Lesen – Verstehen – Vermitteln. Baltmannsweiler: Schneider Verlag 2001, S. 249–263, zit. S. 255. Kapitel 2. Das Spiel mit der Ambivalenz. Ludistische Theorieansätze zu populärer KJL 72 befreien sich die Rezipienten von Frustrationen aller Art, die zumeist aus gesellschaftlich auferlegten Zwängen resultieren.“196 Was Renate Lachmann im Rekurs auf Michail Bachtins Konzeption des Karnevalistischen anmerkt, lässt sich auch auf die komische Unterhaltungsliteratur als mundus inversus-Strategie übertragen: Während die Formen des Hypertrophen, Grotesken, der Übertreibung und Überschreitung, der unkontrollierbaren semantischen Verschiebungen, der Inversion der Wertehierarchie u. a., die das Karnevaleske in einer Interaktion mit der bestehenden Kultur (die die offizielle ist) aufbietet, um diese temporär außer Kraft zu setzen, wird das Fremde, Andere weniger als geheimnisvoll und bedrohlich denn als etwas eingesetzt, das als Maske spielerisch einverleibt wird. Anstelle des Übernatürlichen, Wunderbaren und Unerklärlichen privilegiert das Karnevaleske die Phantasmen der verkehrten Welt, der Verkehrung und des Unmöglichen.197 Die Formalisierungsstandards der modernen Zivilisation umzuwenden, zu unterlaufen oder schlicht außer Kraft setzen, erscheint damit weniger als speziell-zeitgebundenes, sondern als ein generell anthropologisches Bedürfnis des modernen Subjekts, das mit Lusterfahrungen eng verbunden ist. Natürlich ist die historische Lachkultur Bachtins als gelebte kulturelle Praxis temporär wie räumlich streng umgrenzt und als vorübergehende Phase im Jahreskalender ephemer. Die Auflösung der Grenze zwischen den sozialen Eliten und weniger privilegierten Schichten kann nur dann effektiv gelingen, wenn sie als vorübergehender, rauschhafter Zustand (v)erlebt und anschließend wieder zurückgenommen wird. Dauerhaft, also als gespeicherte Zeichenpraxis abrufbar, wird diese „Profanierung“ erst mit der Ausdifferenzierung des literarischen Feldes, das sie in den Modus der Literatur überführt und als Textstrategie verfügbar macht. Nach Renata Plaice liegt die Lust hier vor allem in der (wieder rückgängig zu machenden) „Entwürdigung des Würdigen“ begründet: Die Profanierung ist der unangemessene Gebrauch der heiligen Dinge, ohne dass die Sphäre des Heiligen abgeschafft wird. Im Spiel wird die „heilige“ Sphäre der Wirklichkeit profaniert, indem sie „unangemessen“ 196 Hans-Heino Ewers: Soll die Kinder- und Jugendliteratur der Unterhaltung dienen? Versuch, eine alte Streitfrage der Literaturpädagogik zu schlichten. In: Hans- Heino Ewers und Andrea Weinmann (Hrsg.): Lesen zwischen neuen Medien und Pop-Kultur. Weinheim und München: Juventa Verlag 2002, S. 33–50, zit. S. 40. 197 Lachmann 2002 (Anm. 115), S. 16. 2.4. Mehr als „Entspannung durch Spannung“. Wirkungspotentiale populärer KJL 73 gebraucht wird, wie die Waffe als Spielzeug des Kindes. […] Zugleich scheint es aber, dass die Lust der Profanierung, die Lust des Karnevalesken nicht nur im Spaß am Verkehrten liegt, denn das Profanierte entsteht nicht als Entgegensetzung des Heiligen, sondern es enthält den Rest des Heiligen, des heiligen „Gebrauchs“. Die Lust der Profanierung und damit des Spiels liegt im Ereignis der Verwandlung und Verkehrung (als Verschiebung) selbst.198 Eine Profanierung, die sich auch im sozialen Sinne deuten lässt, denn vor allem die Erzeugung von relativierender Komik durch die Verkehrung von Hierarchien hat sich zu einer privilegierten Strategie im Feld der KJL entwickelt. Einerseits, wie bereits G. Klingberg anmerkt, im Rahmen von Geschichten, deren Eigengesetzlichkeit eine generelle Verkehrung der Welt bedeutet. Etwa irreal-anarchistische Texte, in denen der Hase „den Jäger [schießt] usw.“ In ihnen geschieht „erheiternd Verrücktes, Antirealistisches, Unlogisches oder Vertrackt-Logisches, zum Gelächter um seiner selbst willen“199. Das anonym überlieferte und mittlerweile als Kinderreim in das Feld der KJL übergetretene Gedicht Dunkel war’s, der Mond schien helle ist für das „Vertrackt-Logische“ dieser Textsorte paradigmatisch, indem es in seiner konsequenten Widersprüchlichkeit zum Lachen reizt. Oder man denke an Christine Nöstlinger, die Grundzüge der Tierfabel mit modernen Elementen verbindet, was zu absurd-phantastischen und gleichermaßen komischen Kombinationen wie beispielsweise dem autofahrenden Kanarienvogel führt. Diese Motive zeigen die Welt nicht in einem anderen Licht, sie räumen vielmehr völlig mit ihr auf. Nur mehr als Verzerrung oder Inversion ist die außerliterarische Realität wiederzuerkennen. Diese Form der KJL-„Phantastik ist eine Seifenblase. Sie zeigt eine schillernde Oberfläche, auf der sich mannigfaltige, verzerrte Spiegelungen und fantastische Farben abbilden.“200 198 Renata Plaice: Das Spiel als das Dynamische. Der Begriff des Spiels zwischen Moderne und Postmoderne. In: Thomas Anz und Heinrich Kaulen (Hrsg.): Literatur als Spiel. Evolutionsbiologische, ästhetische und pädagogische Konzepte. Berlin, New York: Walter de Gruyter 2009, S. 359–370, zit. S. 367. 199 Klingberg 1974 (Anm. 160), S. 222. 200 Frank Weinreich: Die Phantastik ist nicht phantastisch. Zum Verhältnis von Phantastik und Realität. In: Lars Schmeink u. Hans-Harald Müller (Hrsg.): Frem- Kapitel 2. Das Spiel mit der Ambivalenz. Ludistische Theorieansätze zu populärer KJL 74 Aber andererseits grenzt sich bereits die Form der Lügengeschichte – Klingberg nennt Kästners Der 35. Mai oder Konrad reitet in die Südsee als Beispiel – hiervon deutlich ab. Neben der zwischen Wahrheit und Fiktion bestehenden Spannung, welche die Lüge immer in sich trägt, geht es augenscheinlich nicht mehr um eine generelle Außerkraftsetzung oder Zerstörung der Realität, sondern vor allem um die Umwendung sozialer Hierarchien. Wenn sich diese in ihr Gegenteil verkehren, liegen nämlich die sich entmündigt fühlenden Kinder obenauf. Besonders darin ist ein wesentlicher Grund für den Erfolg zahlreichen Kinder-Krimi-Serien, wie Die drei ??? oder die Knickerbocker-Bande, zu sehen: Ein aus Kindern bzw. jungen Teenagern bestehendes Detektiv-Team legt erwachsenen (!) Verbrechern und Missetätern das Handwerk. Es geht also nicht bloß darum, dass Kindern ein Schabernack gegenüber den erwachsenen Autoritätspersonen gelingt, sondern dass Erwachsene mit deren ausschließlich für sich selbst reklamierten Mitteln geschlagen werden: Analytisches Denken, geistige Überlegenheit, akribische Forschungsarbeit und die Fähigkeit, verschlagene Lügen und sprachliche Maskenspiele zu durchschauen. So wird ein mitunter als bedrückend empfundenes Gesellschaftssystem in der Person eines korrumpierten Erwachsenen „ertappt“ und besiegt. Dass diese Zusammenhänge oftmals auch Gender-Aspekte repräsentieren, wird am großen Erfolg des Pendants zu den Drei ??? ersichtlich: Die Drei !!! klären in der Manier des Vorbilds Fälle als rein weibliches Detektivinnen-Team auf. Notwendige Ventile Dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene an einem zunehmend einheitlicher werdenden Problembewusstsein partizipieren und die Konzeption eines kindgerechten Schutzraums angesichts der Verhältnisse einer globalen Medienkultur obsolet geworden ist, kann angesichts der postmodernen Situation als gegeben vorausgesetzt werden. Kinder und Jugendliche nehmen somit nicht nur an derselben Unterhaltungs- 2.4.2. de Welten: Wege und Räume der Fantastik im 21. Jahrhundert. Berlin, New York: Walter de Gruyter 2012 S. 19–36, zit. S. 33. 2.4. Mehr als „Entspannung durch Spannung“. Wirkungspotentiale populärer KJL 75 kultur wie Erwachsene teil, sondern sind auch denselben medial transportierten Negativbotschaften ausgesetzt. Sie erfahren früh das Unbehagen an der oftmals „trostlose[n] Realität eines radikalen Materialismus und Zweckrationalismus […] [und der Tristesse des] stumpfsinnigen, frustrierenden Alltags des Spätkapitalismus.“201 Wenn die Phasen der Kindheit und Jugend – auch literarisch durch die realistische KJL – somit durch gesellschaftliche Teilnahme und folglich von Problembelastung gekennzeichnet sind, müssen im Gegenzug die korrelierenden Möglichkeiten zur Entlastung ausgebaut werden. Ewers spricht daher von einer flexiblen Konstruktion des Subjekts, die insbesondere für Heranwachsende gilt. Er betont die Notwendigkeit des Vorhandenseins von (medialen) Räumen, die es Kindern erlauben, zeitweilig „nur“ Kinder sein zu dürfen und sich psychisch zu dispensieren: Eine hinreichend über sich selbst aufgeklärte Moderne muss die starre Absolutsetzung moderner Subjektansprüche zugunsten einer flexiblen Subjektkonstruktion hinter sich lassen und ein Subjekt entwerfen und propagieren, das zum Zwecke der Wahrung der eigenen grundlegenden Modernität bereit und in der Lage ist, Praxen der Modernitätsentlastung in seine Alltagskultur zu integrieren.202 Diese Entwicklung einer Flexibilität der eigenen Identität wird von Heranwachsenden und Adoleszenten bis zum „young adult“-Alter zu einem wesentlichen Teil über die Wahrnehmung medialer Identifikationsangebote erprobt. Die KJ-Verlage haben auf dieses gewachsene Bedürfnis aber erst in den letzten zwei Jahrzehnten umfassend zu reagieren begonnen. Während das „offizielle, aus Kinder- und Jugendbuchverlagen kommende Unterhaltungsangebot […] Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre [noch] ausgesprochen hausbacken“203 war und eine Abwanderung der jugendlichen Leserinnen und Leser in die Unterhaltungsprogramme der allgemeinliterarischen Verlage bewirkte, haben die Kinder- und Jugendbuchverlage mittlerweile wieder aufgeholt und bieten entsprechende Produkte an. 201 Matthias Hurst: Magische Übergänge. Visualisierungen des (kindlichen) Unbewussten im Fantasy-Film. In: Jörg Knobloch und Gudrun Stenzel (Hrsg.): Zauberland und Tintenwelt. Fantastik in der Kinder- und Jugendliteratur (= Beiträge Jugendliteratur und Medien. 17. Beiheft). Weinheim: Juventa Verlag 2006, S. 129– 145, zit. S. 132. 202 Ewers 2002 (Anm. 196), S. 43. 203 Ewers und Weinmann 2002 (Anm. 101), S. 20. Kapitel 2. Das Spiel mit der Ambivalenz. Ludistische Theorieansätze zu populärer KJL 76 Die damit einhergehende „Dominanz des Unterhaltsamen“204 sollte aber, vor allem im Hinblick auf jugendliche Rezipienten, nicht bloß auf die simplifizierende Formel der „Entspannung durch Spannung“ oder „Entspannung durch Komik“ reduziert werden. Neben dem Abbau von Alltagsfrustration sieht nämlich Wolfram Buddecke die Qualität vor allem der phantastischen Unterhaltungsliteratur gerade darin, als soziales Korrektiv auftreten zu können. Oder genauer: Als Korrektiv zum Sozialen, denn Buddeckes These knüpft nicht an die Tradition einer KJL als Moral- und Verhaltensschule an, sondern verfolgt den Gedanken, dass in der aktiven Auseinandersetzung mit einer komplexen Gesellschaft nur bestehen kann, wer sich persönliche Rückzugsgebiete und innere Freiräume erhält: Unterhaltung, die nichts anderes ist als Spiel, auch, ja vor allem im Leben Heranwachsender eine wichtige Funktion erfüllt, weil sie gegenüber den in Schule und Arbeitswelt dominierenden zweckrationalen Ansprüchen innere Freiräume für die Entfaltung von Phantasie schafft, paradoxerweise also gerade durch ihre viel geschmähte Nutzlosigkeit eine Fehlentwicklung verhindert, die sich unter dem lähmenden Druck absolut gesetzten Nützlichkeitsdenkens sehr wahrscheinlich vollziehen würde.205 Die Unterhaltungsliteratur weiterhin argwöhnisch unter Generalverdacht zu stellen, mit der nur „verlogen, weil marktgelenkt die Berechtigung der trivialen Unterhaltung für Kinder gefordert wird“206, könnte folglich nicht nur kontraproduktiv sein, sondern ist vielleicht selbst nicht allzu weit vom erhobenen Vorwurf entfernt, die wahren (Lese-)Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen zu missachten. Neben dem immer wieder aufgegriffenen Punkt der unterhaltenden Entlastung lässt sich nämlich differenzierter die Ventilfunktion von Unterhaltungsmedien für Kinder und Jugendliche betonen: „Wir müssen akzeptieren, dass die heutigen Kinder- und Jugendgenerationen musikalische, filmische und literarische Freizeitangebote primär zu Zwecken der Unterhaltung, der Entlastung, des Ausagierens und 204 Bernhard Rank: Phantastische Kinder- und Jugendliteratur. In: Günter Lange (Hrsg.): Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart. Baltmannsweiler: Schneider Verlag 2012, S. 168–192, zit. S. 186. 205 Buddecke 2001 (Anm. 195), S. 260. 206 Heidi Lexe: Macht Phantastik zahnlos? Zum Potential der Kinder- und Jugendliteratur, Welt(en)bilder nachzuzeichnen. In: Michael Ritter (Hrsg.): Praesent 2009. Wien: Praesens Verlag 2009, S. 71–77, S. 74. 2.4. Mehr als „Entspannung durch Spannung“. Wirkungspotentiale populärer KJL 77 Entspannens nutzen. Sie tun dies mit einer Entschiedenheit, welche die älteren Generationen irritiert.“207 Irritierend für die ‚ältere Generation‘ können sich nicht nur die Intensität dieser Auseinandersetzung und die kontemplative Vertiefung ihrer Kinder in fiktive Konstrukte gestalten, sondern auch die oftmals gewalttätigen Erzählinhalte der Abenteuer- und Fantasy-Literatur. Indem der „Spielmodus Unterhaltungsliteratur“ aber moderne-feindliche, anti-zivilisatorische, aggressive Potentiale und Gelüste kanalisiert und ihre unproblematische Entladung über Identifikationsangebote ermöglicht, wirkt er wiederum zivilisationsfördernd. Denn Abenteuerund Fantasyliteratur erklären insofern „die Bedeutung von Grenzüberschreitungen, indem sie […] einen Orientierungsrahmen und einen risikofreien Übungsraum konstruier[en].“208 Die Inanspruchnahme dieser gedanklichen Experimentierfelder ist ein – vielleicht sogar besonders eminenter – Grundzug der flexiblen Subjektkonzeption, welche die wechselhaften Anforderungen moderner Gesellschaften an den Einzelnen nötig gemacht haben. Eben darum ließe sich etwa der Erfolg der Fantasy direkt mit der global-politischen Situation und der aufgeheizten Berichterstattung über weltweite Katastrophen in Bezug setzen: Als Literatur der monumentalen Kämpfe und Schlachten entspricht sie einer dauerhaft erregten katastrophischen Mentalität, die im Zeitalter der Globalisierung, des weltweiten Informations- und Nachrichtenflusses und der informationstechnologischen Vernetzung nicht bloß die Erwachsenen, sondern die Kinder und Jugendlichen ergriffen hat. In Fantasyromanen kann diese bei Jung und Alt anzutreffende angespannte Mentalität anscheinend am nachhaltigsten ausagiert und abreagiert werden.209 207 Ewers und Weinmann 2002 (Anm. 101), S. 26. Hervorhebung durch den Verfasser. 208 Daniela Pfennig: Sinnperspektiven statt Fluchtmöglichkeiten. Fantastische Parallelwelten als Orte der Entwicklung. In: Christine Lötscher, Petra Schrackmann, Ingrid Tomkowiak und Aleta-Amirée von Holzen: Übergänge und Entgrenzungen in der Fantastik. Wien: Lit-Verlag 2014, S. 171–183, zit. S. 180. 209 Hans-Heino Ewers: Von der Zielgruppen- zur All-Age-Literatur. Kinder und Jugendliteratur im Sog der Crossover-Vermarktung. Online zugänglicher Fachartikel. http://user.uni-frankfurt.de/~ewers/word-dl/Crossover%203.pdf (Stand 06.02.2016) Kapitel 2. Das Spiel mit der Ambivalenz. Ludistische Theorieansätze zu populärer KJL 78 Der slowenische Poststrukturalist Slavoj Žižek hat diese Theorie zur Kompensations- und Ausagierens-Funktion von Fiktionen, die das „Begeh(r)en“ von Gewalthandlungen etwa im Rahmen von Computerspielen möglich machen, umgekehrt – und gelangt so zu einem zwar erstaunlichen, aber nichtsdestotrotz beunruhigenden Gedanken: Unser fundamentaler Irrglaube heutzutage ist es nicht, einer Fiktion zu glauben, also Fiktionen zu ernst zu nehmen. Das Gegenteil ist der Fall: Wir nehmen Fiktionen nicht ernst genug. Du denkst es ist nur ein Spiel? Es ist Realität, es ist realer, als es dir erscheint. Zum Beispiel die Spieler von Video-Spielen: Sie übernehmen die Screen-Figur eines Sadisten oder Vergewaltigers. Der Gedanke der dahinter steht: In der Realität bin ich eine schwache Person. Um meine echte Schwäche zu kompensieren, übernehme ich dieses falsche Bild einer starken, sexuell promiskuitiven Person. Ich möchte dadurch stärker, aktiver erscheinen […]. Aber was passiert, wenn wir das in umgekehrter Weise lesen? Dass dieser starke, brutale Täter mein wahres Ich ist. In dem Sinn, dass er mein wahres, psychotisches Ich verkörpert. Und dass ich in der Realität, aufgrund sozialer Restriktionen, dieses nicht ausleben kann. Genauer: Da ich mir vormache, es sei nur ein Spiel […], kann ich wahrhaftiger auftreten. Ich kann eine Identität ausleben, die viel näher an meinem wahren Selbst liegt.210 Ähnliches stellt Thomas Anz im Zusammenhang mit dem Kriminalroman fest, dass die Faszinationskraft der Gattung eben nicht aus der Restitution einer gestörten Ordnung erzeugt wird: „Die massenhaft verbreitete Lust am Kriminalroman beruht ebenfalls keineswegs nur auf der Befriedigung darüber, daß die kriminalistische Rationalität und die Gerechtigkeit am Ende über den Verbrecher gesiegt haben […] [, sondern] daß der Leser in der partiellen Identifikation mit den Verbre- 210 Slavoj Žižek: The Pervert´s Guide to Cinema. Berlin: Suhrkamp 2016, 2:14:08. Im englischsprachigen Original: „Our fundamental delusion today, is not to believe in what is only a fiction, to take fictions too serious, it´s on the conterary: not to take fictions seriously enough! You think it´s just a game? It´s reality, it´s more real than it appears to you. For example, people who play video-games: they adopt a screen-persona of a sadist, rapist, (or) whatever. The idea is: in reality I´m a weak person, so in order to supplement my real-life weakness, I adopt the false image of a strong, sexually promiscuous person. But this would be the naiv reading. I want to appear stronger, more active, because in real-life I am a weak person. But what if we read it in the opposite way? That this strong, brutal rapist, whatever identity is my true self. In the sense that this is the psychic truth of myself. And that in real-life, because of social constrains and so on, I am not able to enact it. Precicely: because I think it´s only a game […], I can be there much more truthfull. I can enact there an identity, wich is much closer to my true self.” 2.4. Mehr als „Entspannung durch Spannung“. Wirkungspotentiale populärer KJL 79 chern eigene kriminelle Energien und gänzlich amoralische Bedürfnisse ausleben kann.“211 Denn unabhängig davon, ob diese „angeboren oder erworben sind, steht fest, daß es sie gibt. Und sie lassen sich vor allem dann befriedigen, wenn die Leser von schreckenerregenden Gewalttaten sich nicht mit den Opfern, sondern mit den Tätern identifizieren.“212 Diese destruktiven Energien des eigenen Ichs kennenzulernen, ist als Prozess mit der Erfahrung des Erwachsenwerdens und der Adoleszenz untrennbar verbunden – und kann partiell in ästhetischen Räumen durchlebt und mittels literarischer Unterhaltungsformen in unproblematische Bahnen abgelenkt werden. Archaische Restbestände im modernen Menschen müssen nicht länger verleugnet werden, sondern können akzeptiert und in einem abgesicherten Rahmen ausagiert werden. Das bedeutet nicht, dass dem modernen Menschen prinzipiell ein „true psychic-self “ zugrunde liegt und wir in einer Gesellschaft verhinderter Gewalttäter leben, sondern dass insbesondere Jugendlichen die gefahrlose Auseinandersetzung mit den dunklen Seiten des Selbst ermöglicht werden soll, die unweigerlich einen Teil der eigenen Persönlichkeit ausmachen. Bruno Bettelheim hat in seiner vielbeachteten, tiefenpsychologisch ausgerichteten Analyse Kinder brauchen Märchen auch in dieser Hinsicht nachgewiesen, dass diese Wirkungsweise von Fiktionen (Unbewusstes auf die Ebene des Bewussten zu heben) bereits für die kindliche Entwicklung von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist: Das Unbewußte ist eine mächtige Determinante des Verhaltens beim Kind wie beim Erwachsenen. Wenn das Unbewußte unterdrückt wird und sein Inhalt nicht ins Bewußtsein treten darf, wird entweder das Bewußtsein im Lauf der Zeit teilweise mit Derivaten dieser unbewußten Elemente überschwemmt, oder diese müssen unter so starrer, zwanghafter Kontrolle gehalten werden, daß die Persönlichkeit dabei ernsthaften Schaden erleiden kann. Wenn das unbewußte Material jedoch bis zu einem gewissen Grad ins Bewußtsein treten und in der Phantasie durchgearbeitet werden kann, verringert sich die Gefahr, daß es uns selbst oder anderen Schaden zufügt. Dann kann ein Teil seiner Kräfte positiven Zwecken dienen.213 211 Anz 1998 (Anm. 119), S. 140 f. 212 Ebd., S. 139. 213 Bettelheim 1995 (Anm. 95), S. 13. Kapitel 2. Das Spiel mit der Ambivalenz. Ludistische Theorieansätze zu populärer KJL 80 Die Konfrontation des Subjekts mit seinen animalischen, instinktiven und destruktiven Energien hilft diese zu akzeptieren und in Balance mit rationalem Denken und emotionalen Bedürfnissen zu bringen: Integration statt Negation. Was natürlich eine zeitweilige Faszination für Gewalt und Schaulust nicht ausschließt. Denn dass deren Erzeugung zu den ältesten Wirkungsprinzipien der Literatur zählt, verdeutlicht bereits ein Blick in Aristoteles‘ Poetik.214 Auch H. P. Lovecraft merkt in seiner theoretischen Schrift Die Literatur der Angst an, inwiefern mit dem emotionalen Impetus des Grauens immer ein Moment des bewundernden Staunens verbunden ist: „Wenn dann zu diesem Gefühl der Angst und diesem Bewußtsein des Bösen noch die unvermeidliche Faszination des Staunens und der Neugier hinzukommt, entsteht ein Komplex von intensiven Emotionen und Phantasiereizungen, der zwangsläufig so lange Bestand haben wird, wie die menschliche Rasse selbst.“215 Diese Traditionslinie offenbart aber nicht nur weitreichende Parallelen zur Phantastik und Fantasy sowie dem Schauer-Roman bzw. der Gothic- Novel. Vielmehr hat sie als „Gefühlsästhetik […] mit der Ästhetik des Erhabenen nicht nur die indirekte Erzeugung von Wohlgefallen gemeinsam […], sondern auch, dass dieses Wohlgefallen unmittelbar mit jener Erregung verknüpft war, die durch die Begegnung mit dem Schrecklichen hervorgerufen wurde.“216 Dennoch ist es insbesondere das von Bettelheim präzisierte „Durcharbeiten“ der Gewalt im Modus der Phantasie, welches die Reflexion über Gewalt erst möglich macht und sie nicht, entgegen dem oft erhobenen Vorwurf, durch deren angebliche Verherrlichung verhindert. Zudem vertritt nicht nur er die These, dass vorab die Bewährung im symbolischen Text-Raum erfolgen muss, bevor daraus gesellschaftliche Handlungsfähigkeit überhaupt erst erwachsen kann. Auch Patricia Jantschewski sieht zwischen Horrorliteratur und Mythos die- 214 „Denn von Dingen, die wir in der Wirklichkeit nur ungern erblicken, sehen wir mit Freude möglichst getreue Abbildungen, z.B. Darstellung von möglichst unansehnlichen Tieren und von Leichen.“ Aristoteles: Poetik. Stuttgart: Reclam 2008, S. 11. 215 H. P. Lovecraft: Die Literatur der Angst. Zur Geschichte der Phantastik. Frankfurt am Main: 1995, S. 10. 216 Herbert Grabes: Einführung in die Literatur und Kunst der Moderne und Postmoderne. Die Ästhetik des Fremden. Tübingen: A. Francke Verlag 2004, S. 4. 2.4. Mehr als „Entspannung durch Spannung“. Wirkungspotentiale populärer KJL 81 sen entwicklungspsychologischen Konnex, als dass beide diese therapeutischen Funktionen erfüllen: Sie erlauben es, sich aus einer Situation der Sicherheit heraus mit Ängsten zu konfrontieren um diese, nach dem rezeptiven Durchleben, zu bannen. Der literarische Entwurf einer phantastischen Welt nun, in der schreckliche Wesen auftreten können, die das menschliche Leben bedrohen, ermöglicht dem Leser die Überwindung eines Paradoxons: Er kann Angst haben, sich dabei aber gleichzeitig in Sicherheit befinden. Ohne sich selbst in Gefahr zu begeben, kann er, vertreten durch die Charaktere der Fiktion, „handeln“ und zwar genau dann, wenn er es möchte. Horrorliteratur bietet also die Möglichkeit des bewussten Aufsuchens von Gefahren, der bewussten Konfrontation mit verborgenen Ängsten.217 Dieses entwicklungspsychologische Potential reklamiert auch Gerhard Haas, der im Rückgriff auf Gundel Mattenklott und Alexander Mitscherlich die moderne Phantastik als Element einer pädagogisch-psychologischen Angst-Katharsis218 bestimmt und ihr somit dieselbe „psychotherapeutischen Funktion“219 attestiert, wie Bettelheim dem Volksmärchen oder Jantschewski dem Mythos. Eine gelingende Individuation kann absolvierte Stationen einer (mitunter genussvoll) erfahrenen Angst-Lust also durchwegs voraussetzen. Allein darum sollte gewalttätigen Inhalten von Unterhaltungsangeboten aber keineswegs per se positiv begegnet werden. Einerseits entfaltet Unterhaltungsliteratur immer, auch wenn ihr Geschehen in phantastischen Welten situiert ist, reale sozio-kulturelle Wirkungen. Andererseits ist sie in einem Literaturbetrieb verortet, der sie vordringlich als Möglichkeit zur Profitgenerierung anerkennt. Sie ist somit nicht frei von oftmals bedenklichen Subtexten und deren massen- 217 „Beide Vermittlungsformen machen uns mit dem Gedanken vertraut, dass es in der Welt zwar durchaus bedrohliche Dinge gibt, diese aber mithilfe der Narration zunächst aufgerufen, das heißt benannt werden und anschließend gebannt werden können. Diese Ausschließung der Angst muss keinen Vollständigkeitscharakter haben, vielmehr steht der Prozess des Menschen im Vordergrund, innerhalb dessen erlernt werden kann, einem angstbesetzten Gegenstand verständnisvoll und selbstreflexiv zu begegnen.“ Patricia Jantschewski: Die griechische Mythologie in ihrer Bedeutung für die Literatur des Schreckens. In: Haller, Andreas / Huppertz, Bettina (Hg.): Spannungsfelder: Literatur und Mythos. Frankfurt am Main: Peter Lang 2012, S. 165–172, zit. S. 158 f. bzw. S. 160. 218 Haas 2006 (Anm. 177), S. 35. 219 Ebd. Kapitel 2. Das Spiel mit der Ambivalenz. Ludistische Theorieansätze zu populärer KJL 82 hafter Verbreitung. Sie transportiert nicht nur die direkten Botschaften der Erzählebene, sondern kann – von den Autorinnen und Autoren intendiert oder nicht – Elemente in ihre Spielanordnung einbinden, die problematischen Charakters sind. Das können versteckt chauvinistische Züge (sowohl im nationalistischen wie misogynen Sinne), stereotype Rollenbilder, politische Meinungsmache, Propagierung von Feind- oder überkommenen Rollenbildern, Aufruf zum ungehemmten und unreflektierten Konsum, usw. sein. Siegfried Kracauer und Walter Benjamin aber auch Karl Kraus erkannten in der Unterhaltungsliteratur darum ein entpolitisierendes Literaturphänomen, das durch seine suggestiven Botschaften sachliche Diskussionen verhindert und damit in weiterer Folge buchstäblich uniformierend wirkt – derselbe Zugang lässt sich in Theodor W. Adornos Kritik an den Massenmedien erkennen. Lösung für dieses Dilemma birgt heute einmal mehr nur die Textkompetenz der Leserinnen und Leser, ihre Versiertheit im Umgang mit Medieninhalten: „Der spielerfahrene Leser ignoriert die fort- wie die rückschrittliche Gesinnung, solange sie Parole bleibt und nicht Problem wird.“220 Es hängt somit vom jeweiligen Mediennutzer selbst ab, ob er sich einer psychischen Behandlung durch die Massenmedien in einer Art manipulativen Brainwashings ausgesetzt sieht, oder ob er differenziert und souverän zwischen einzelnen Angeboten bewusst zu wählen weiß, sich von ihnen unterhalten und erfrischen lässt, sie für sich nutzt, aber gleichzeitig ihren problematischen Zügen mit Distanz und Widerspruch begegnet. Die Ausbildung dieses kritischen Bewusstseins, das mit den positiven wie negativen Potentialen von Medien adäquat umgehen kann, ist eine Fähigkeit, die mittlerweile untrennbar mit dem Erwachsenwerden verbunden ist: Lebens- und Medienerfahrung gehen Hand in Hand. Dass die KJL entsprechende Themen für eine Auseinandersetzung mit medienkritischen und gesellschaftlichen Fragen aufbereitet, gleichzeitig aber auch Fluchträume öffnet, bringt sie in jene Doppelposition, die für ein (post)modernes Medium charakteristisch ist: Eine Antwort auf diese Herausforderung würde eine KL darstellen, die einerseits die Kinder dort beläßt, wohin sie die KL des Daseinsernstes gesteckt hat, in der Kindern und Erwachsenen gemeinsamen, konfliktrei- 220 Hienger 1976 (Anm. 145), S. 50. 2.4. Mehr als „Entspannung durch Spannung“. Wirkungspotentiale populärer KJL 83 chen und problembeladenen familiären und gesellschaftlichen Wirklichkeit, die sie darüber hinaus als gleichberechtigte, aber auch als nicht minder problematische, innerlich vielschichtige menschliche Subjekte begreift; die Kindern andererseits jedoch erlaubt, sich eben dieser Wirklichkeit zeitweilig zu entziehen, sich Rückzugsorte zu schaffen oder gar in imaginäre Welten auszuweichen, die Kindern zugesteht, sich vorübergehend selbst zu vergessen, der eigenen problematischen Subjektivität zu entrinnen, ohne all dies sogleich schon als unzulässige Flucht, als bloße Kompensation, als Schwäche und Versagen zu werten.221 Anders formuliert: Wenn also alle „Massenlesestoffe […] Flucht- und Anpassungshilfe zugleich“222 gewähren, vermitteln sie – in Kombination mit der realistischen KJL – gleichzeitig zwischen Widerstand gegen und Teilnahme an der Gesellschaft. Der oftmals schematisch anmutende Charakter (post)moderner Unterhaltungsliteratur ist in dieser Hinsicht Spiel mit offenen Karten: und bereits die kindlichen und jugendlichen Leserinnen und Leser spielen mit. Ob sich die unterhaltungsliterarischen Formen der KJL somit, wie Hans-Heino Ewers im Rückgriff auf Wilhelm Fronemann überlegt, als „Vorschule einer wie immer definierten Hochliteratur“223 eignen oder eine solche Funktion überhaupt erfüllen sollten, scheint fraglich. Denkbar wäre dies nur unter der Perspektive, dass die Unterhaltungsliteratur aufgrund ihrer weitgehenden Voraussetzungslosigkeit leichter rezipierbar ist und Heranwachsenden so attraktive Einstiegsmöglichkeiten in die Lektüre literarischer Texte anbietet, durch die sie anschließend zu komplexeren Formen voranschreiten. Letztlich artikuliert sich in dieser Vermutung eine alte Hoffnung der Literaturvermittler. Stichhaltiger erscheint es, die Unterhaltungsliteratur als eigenen Bereich des literarischen Feldes, als Teilsystem im Polysystem zu positionieren, das keiner weiteren Legitimierung bedarf, sondern den Status einer vollwertigen Gattung längst erreicht hat und sich für seine 221 Hans-Heino Ewers: Themen-, Formen- und Funktionswandel der westdeutschen Kinderliteratur der 60er, Anfang der 70er Jahre. In: Zeitschrift für Germanistik, N. F. 1995, H. 2, S. 257–278, zit. S. 273. Zit. nach Helmut Scheuer: Phantastische Realität: Dieter Kühns Kinderwelten. In: Günter Lange und Gabriele Cromme (Hrsg.): Kinder- und Jugendliteratur. Lesen – Verstehen – Vermitteln. Baltmannsweiler: Schneider Verlag 2001, S 234–248, zit. S. 247. 222 Hienger 1976 (Anm. 145), S. 40 f. 223 Ewers 2002 (Anm. 196), S. 48. Kapitel 2. Das Spiel mit der Ambivalenz. Ludistische Theorieansätze zu populärer KJL 84 Rezipienten als unverzichtbar erweist. Denn die unterhaltende KJL erlaubt den Abbau von Frustrationen durch adressatengerechte Formen der Komik oder ermöglicht das Ausagieren moderne-feindlicher und anti-zivilisatorischer Handlungsmuster in einem unproblematischen Modus bzw. in einem Simulationsraum, was schlussendlich eine gewaltlose Partizipation am alltäglichen Leben befördert. 2.4. Mehr als „Entspannung durch Spannung“. Wirkungspotentiale populärer KJL 85 Exkurs: Topographie und Sicherheit. Auf dem Weg zu einem heterochronisch geprägten Verständnis der Fantasy-Literatur Vom modernen Exotismus der Spannungsliteratur zur postmodernen Phantastik? Eine besondere Bedeutung kommt vor allem in der phantastischen Unterhaltungsliteratur der Topographie zu. Literarische Landschaften sind nicht nur Schauplätze der Handlung, sondern firmieren in der phantastischen Literatur zugleich als Fiktionssignale: Sie machen den Leserinnen und Lesern den irrealen Charakter der Handlung a priori deutlich und verabschieden vorerst die außerliterarische Realität als gedankliches Bezugsfeld. Hierbei gilt der von Jörg Hienger formulierte Grundsatz des literarischen Unterhaltungs-Spiels in verschärfter Weise: „Je outrierter die Topographie, desto reiner das Spiel.“224 Wobei outrierte Topographie nicht zwangsläufig immer ein Signal für literarisches Spiel darstellen muss. So besteht etwa das „Zentralthema“225 jener „Gruppe von literarischen Werken, die als Inselromane und Robinsonaden in der Gegenwelt spielen“226 darin, in Form der Utopie oder Dystopie (die je nach Definition auch der Phantastik zugerechnet werden können) die Mängel oder Unzulänglichkeiten des eigenen Gesellschaftssystems anschaulich zu machen. Sie sind kontrastiv zur Alltagswelt der Rezipienten angelegt und treten mit dieser in Konkurrenz – wie es bereits Schiller in Über naive und sentimentalische Dichtung für die Idylle, Elegie und Satire festhält. Zwar behaupten Uto- Kapitel 3. 3.1. 224 Hienger 1976 (Anm. 145), S. 48. 225 Franz M. Eybl: Informalität als Bedingung von Unterhaltung? Grimmelshausens Rathstübel Plutonis. In: Franz Eybl und Irmgard Wirtz (Hrsg.): Delectatio. Unterhaltung und Vergnügen zwischen Grimmelshausen und Schnabel. Frankfurt am Main: Peter Lang 2009, S. 123–146, zit. S. 126. 226 Ebd. Kapitel 3. Exkurs: Topographie und Sicherheit 86 pien bzw. Dystopien meist keinen historisch oder kartographisch verbürgten Handlungsort, sind vielmehr nicht-Orte im Nirgendwo, allerdings verweisen sie indikatorisch auf die außerliterarische Gegenwart zurück. Das gilt bereits für die verschlüsselten, politischen Bedeutungsebenen, die in Jonathan Swifts Gullivers Reisen, Thomas Morus‘ Utopia oder Johann Gottfried Schnabels Die Insel Felsenburg enthalten sind. Die topographisch verdoppelte Realitätsferne der Spannungsliteratur ist hingegen nicht metaphorisch verschleierte Nähe. Sie bleibt immanent, ist auf sich selbst bezogenes Kriterium und impliziert somit keinerlei – im weitesten Sinne – parabolische Verweisfunktion. Im Gegenteil: Sie verortet das Geschehen so realitätsenthoben als irgend möglich. Denn das „Einfühlen gelingt am weitesten“, schrieb Ernst Bloch in seinem Essay Aussichten des Detektivromans im Hinblick auf die exotistischen Passagen der Spannungsliteratur Karl Mays, „wenn es zugleich entführt. Da gibt es ein lesendes Durchbrennen, hinaus zu ungewöhnlichen Menschen und Lagen“227. Um sich auf diesen Spielcharakter der Spannungsliteratur vollends einlassen zu können, ist also vorerst die weitestmögliche Dispersion vom Alltag erforderlich. Gebunden ist der Genuss von Spannungsliteratur – schon bei Bloch – aber wiederum an eine bequeme Lektürepraxis, im „Sessel, unter der abendlichen Stehlampe, mit Tee, Rum und Tabak, persönlich gut gesichert und ruhevoll in gefährliche Dinge vertieft, die flach sind.“228 Auch Roland Barthes betont explizit, dass insbesondere der „Text der Lust […][,] der befriedigt, erfüllt, Euphorie erregt; der von der Kultur herkommt, nicht mit ihr bricht, an eine behagliche Praxis der Lektüre gebunden“229 ist. Die Feststellung, dass das Lesen oder Hören von Gefahren selbst gefahrlos ist und ein Rezipient durch die Inhalte seiner Lektüre nicht direkt bedroht ist, mag auf den ersten Blick als Banalität erscheinen, die allenfalls noch im Zusammenhang mit der historischen Beargwöhnung der Literatur als subversiver Kunst zu interessieren vermag: So etwa im Diskurs um die „Lesesucht“ oder „Romanwut“, der im 18. Jahrhundert seinen Ausgang nahm und in der Phase der Frühroman- 227 Ernst Bloch: Literarische Aufsätze. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1965, S. 264. 228 Ebd. 229 Barthes 1992 (Anm. 122), S. 22. Kursivsetzung im Original. 3.1. Vom modernen Exotismus der Spannungsliteratur zur postmodernen Phantastik? 87 tik einen Höhepunkt erreichte, als sich Züge einer „sozialen und normativen Alterität im Sinne Lachmanns, verborgen im Motiv des ‚gefährlichen Lesens‘ nachweisen“230 lassen. Winfried Fluck merkt hinsichtlich des Rezeptionsklimas des amerikanischen Romans im frühen 18. Jahrhundert gar an, dass man in der fiktionsfeindlichen, stark puritanisch geprägten Gesellschaft vor allem für das weibliche Publikum als „moralische Substanz der Nation“231 die Literatur als Quelle der Gefährdung wähnte: „Ein zentrales Thema der Fiktionskritik der Zeit ist daher immer wieder der warnende Hinweis, daß die fiktionale Darstellung ‚buchstäblich‘ gelesen werden könnte, daß beispielsweise die junge Leserin ihren künftigen Ehemann am Romanhelden messen könnte und sich auf diese Weise für ihr künftiges Eheleben als ganz und gar untauglich erweisen würde.“232 Augenscheinlich verbarg sich hinter dieser Annahme mehr die Angst der Männer, den Imaginationen ‚ihrer‘ Ehefrauen nicht entsprechen zu können. Die Gefährdungen, die im Zusammenhang mit der Spannungsund Unterhaltungsliteratur von Belang sind, sind paradoxerweise jedoch körperlicher, also direkt physischer Natur. Denn die Beschaffenheit der Gefahren und die Art der Ängste, die diese Art der Literatur aufruft, lassen wiederum Rückschlüsse auf die historische Lebenssituation ihrer Rezipienten zu. Ängste können erst dann ästhetisiert, also in Quellen der Lust verwandelt werden, wenn sie nicht mehr unmittelbarer Teil der realen Lebenswelt des Einzelnen sind. Horst Conrad hat exemplarisch für den englischen Schauerroman nachgewiesen, dass dieser eben jene Ängste für das Publikum effektvoll aufbereitete, die aus dessen Lebensumfeld unlängst entschwunden waren: Ängste die nur noch in kontinentalen, katholisch geprägten Ländern wie Spanien und Italien aktuell waren. [... ] Aus diesem Grunde spielte das Geschehen im Schauerroman mit Vorliebe in romanischen Ländern. Der heraufbeschworene Schrecken war immer der Schrecken anderer in anderen, unaufgeklärten Ländern. Die Gewißheit, daß der Leser der politischen und kirchlichen Willkür, von der er las, in der Realität nicht mehr begegnen 230 Maren J. Conrad: Das Buchkollektiv als bedrohlicher Intertext. Die Evolution der Bibliothek zum Antagonisten in der fantastischen Literatur. In: Mirko Gemmel und Margrit Vogt (Hrsg.): Wissensräume. Bibliotheken in der Literatur. Berlin: Ripperger & Kremers Verlag 2013, S. 267–288, zit. S. 272. 231 Fluck 1997 (Anm. 34), S. 39. 232 Ebd. Kapitel 3. Exkurs: Topographie und Sicherheit 88 konnte, machte die Angst genießbar. Mit der Angst anderer genoß er unterschwellig die Fortschritte der eigenen „glorious revolution“.233 Angst wird als literarisches Sujet also dann genießbar, wenn sie außerliterarisch „mit ihrem Gegenteil paktieren […] [kann], der Sicherheitsgewißheit.“234 Dieser steht komplementär die literarische „Berauschung […] aus Blut, doch ebenso aus Ferne [gegenüber,] womit der doppelsinnige Fluß auch hier erscheint, der dialektische Fluß, der auch durch den See der Kolportage fließt.“235 Karl Mays Kolportage durchstieß nach Bloch „den heimischen Muff “236, also die zunehmende Sicherheitsgarantie seiner Lebenswelt, mit dem paradigmatischen Zugang der modernen Unterhaltungsliteratur schlechthin: einer Doppelstrategie aus Abenteuerlichkeit und Exotismus. Dem entsprechen die Hauptschauplätze von Mays Literatur: der nicht kolonialisierte Wilde Westen oder der vordere Orient, in seiner Alterität für den Kontinentaleuropäer aus Mays Zeit nicht weniger wild und enigmatisch als die archaischen Prärien Nordamerikas. Das Fesselnde des Wild-West- oder Orient-Abenteuers, dessen Protagonist mit Räubern, Banditen und Wegelagerern im Kampf liegt, entspringt aber nicht nur der individuellen Bewährung einer Figur als omnipotentem Helden. Sondern ebenso daraus, dass dieser stellvertretend gegen die kulturelle Symbolik und (Un-)Ordnung eines als fremd empfundenen Kulturraums selbst antritt: Denn als abenteuerlich gilt also ein Bereich des Unerforschten und Fremden, dessen Ordnung unbekannt und dessen Betreten riskant ist. Die Spannung zwischen dem Exzeß der Phantastik und der kontrollierten Lizenz, die sich jeder fiktionale Diskurs einräumt, wird im dualistischen Widerspiel von unwirklich/wirklich, fremd/eigen, anders/identisch […] ausgetragen und findet ihren stärksten Ausdruck in der Bedeutungsgestalt des Phantasmas selbst.237 233 Horst Conrad: Die literarische Angst. Das Schreckliche in Schauergeschichten und Detektivromanen. Düsseldorf 1974, S. 41. Zit. nach Anz 1998 (Anm. 119), S. 145. 234 Anz 1998 (Anm. 119), S. 145. 235 Bloch 1962 (Anm. 31), S. 173. 236 Ebd. 237 Lachmann 2002 (Anm. 115), S. 38. 3.1. Vom modernen Exotismus der Spannungsliteratur zur postmodernen Phantastik? 89 Diese modern exotistische Form zur Generierung von unterhaltender Spannung, die aus den Kategorien der Eigen- und Fremdartigkeit, also letztlich aus Formen der dualistischen Differenz zwischen dem Eigenen und dem Anderen entsteht, entspricht somit einem der europäischen „Leitphantasmen [von] der aufgeklärten Neuzeit bis hin zur Postmoderne.“238 In der postmodernen Situation unterliegt dieses Verfahren allerdings einem signifikanten Wandel. Zwar zählen nicht kanonisierte „Wahrnehmungen wie Wahnsinn, Drogenerlebnisse oder sog. PSI- Phänomene […] neben anderen Körper-Sensationen wie z.B. Sexualität, Gewalt und Tod zu den letzten Reservaten des Mysteriums in einer säkular-technologischen westlichen Welt“239 und damit nach wie vor zum fixen Standardinventar der Spannungsliteratur. Allerdings wird deren zeitliche und räumliche Verortung in der Postmoderne weitgehend von einer Variante abgelöst, die entschlossen das Vormoderne präferiert. Auch wenn dies für viele Varianten der aktuellen Phantastik gilt, besonders augenscheinlich wird es an einem prototypisch gedachten Beispiel der Fantasy-Literatur. Gilt die Vergangenheit ohnehin als das fernste aller Länder, löst sich die Fantasy zusätzlich von der impliziten Geschichtlichkeit, die sowohl dem historischen Spannungs-, Abenteuer- und Wild-West-Roman oder History-Thriller explizit, wie auch der Science-Fiction ex negativo noch anhaftet. Das Exotische (eigentlich Extraterrestrische) der Fantasy ist damit nicht mehr räumliche Besonderheit, historisches Kuriosum oder Spiel mit einem abweichenden Verlauf der Weltgeschichte, sondern die prinzipielle Loslösung von jeglicher potentiellen oder tatsächlichen Realitätsentwicklung. Sowohl was ihre Zukunft, als auch was ihre Vergangenheit betrifft. Es scheint sich im Fall der Fantasy um „Entwürfe ohne Präzedenz“240 und damit um ein rein performatives Zeichenspiel zu han- 238 Clemens Ruthner: Im Schlagschatten der 'Vernunft'. Eine präliminare Sondierung des Phantastischen. In: Clemens Ruthner, Ursula Reber, Markus May (Hrsg.): Nach Todorov. Beiträge zu einer Definition des Phantastischen in der Literatur. Tübingen: Francke 2006, S. 7–14, zit. S. 7. 239 Ebd. 240 Lachmann 2002 (Anm. 115), S. 11. Kapitel 3. Exkurs: Topographie und Sicherheit 90 deln, wie der „franko-bulgarische Spätformalist“241 Tzvetan Todorov schon in seiner Untersuchung zur klassisch-phantastischen Literatur anmerkt. Das Phantastische habe eine „Funktion, die auf den ersten Blick tautologisch ist: es ermöglicht die Beschreibung eines fantastischen Universums, und dieses Universum hat deshalb noch keine Realität außerhalb der Sprache.“242 Das Phantastische entspringt damit nicht nur aus der „Sprache, es ist zugleich ihre Folge und beweist sich an ihr: nicht nur, daß Teufel und Vampire ausschließlich in den Wörtern existieren, allein die Sprache ermöglicht auch zu begreifen, was stets abwesend ist: das Übernatürliche.“243 Wenn Todorov also in weiterer Folge für phantastische Texte festhält, dass sich „Beschreibung und Beschriebenes“ 244 ihrer Natur nicht unterscheiden und die Wörter jene „Autonomie gewonnen [haben], die die Dinge verloren haben“245, leitet dies bereits zu Jean Baudrillards Simulationstheorie der „referenzlosen Zeichen“246 über: Sprechen wir also von einer Krise im Repräsentationsgeschehen von Kunst und Architektur dieser Zeit, so zielt dies auf eine neuartige Differenz zwischen Zeichen und Bezeichnetem, Repräsentierendem und Repräsentiertem. Hinter dieser Differenz steht auch in unserer Gesellschaft eine gelegentlich tiefe und folgenreiche Betroffenheit im Umgang mit dem Autoritätsschwund moderner Deutungspotentiale.247 Dass sich folglich mit der Fantasy keinerlei Repräsentationsanspruch im eigentlichen Sinne verbinden kann – auch jener Oberflächenrealismus der Kolportage wird aufgegeben – ist offensichtlich. Denn in der Fantasy ist es 241 Ruthner 2006 (Anm. 238), S. 10. 242 Tzvetan Todorov: Einführung in die fantastische Literatur. Berlin: Wagenbach 2013, S. 116. 243 Ebd., S. 103. 244 Ebd., S. 116. 245 Ebd., S. 206. 246 Vgl. Jean Baudrillard: Der symbolische Tausch und der Tod. München: Matthes & Seitz 1982. 247 Robert Weimann: Das Ende der Moderne? Versuch über das Autoritätsproblem in unserer Zeit. In: Robert Weimann und Hans Ulrich Gumbrecht (Hrsg.): Postmoderne – globale Differenz. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1991, S. 9–53, zit. S. 21. 3.1. Vom modernen Exotismus der Spannungsliteratur zur postmodernen Phantastik? 91 ja niemals die Welt […], die auf diese Weise repräsentiert wird, sondern immer nur eine Welt unter vielen anderen, die fiktional entworfen und als epische Paralogien mit Copyright von der Kulturindustrie bereitgestellt werden. Die virtuellen Welten der Postmoderne kommen deshalb, wie andere Markenartikel auch, ohne metanarrativ beglaubigten Realitätsanspruch aus – entweder sie funktionieren auf dem Markt oder eben nicht.248 Entgegen dem weit verbreiteten Vorwurf ist die Fantasy-Literatur jedoch keineswegs als bloß eskapistische Flucht aus der Realität in eine Gegenwelt anzusehen, die dieser als urtümlicher, spannender, sinnreicher, transzendentaler, emotional erfüllender etc. gegenübergestellt wird. Fantasy ist ungleich radikaler. Denn sie bietet ihrem Rezipienten die Außerkraftsetzung des Realitätsverständnisses der Postmoderne selbst an. Sie betreibt nicht die Vereinfachung und Rücküberführung der postmodernen Welt in ein Ganzes, ist also kein Regressionsmythos, sondern bemüht sich um die Simulation einer nicht anti-, sondern vor-modernen Weltsicht, in der die Realität als ganzheitlich erfahren wird. Dem begriffslos gewordenen, postmodernen Weltverständnis aus heterogenen und divergierenden Konzepten, Auffassungen und widerstreitenden Positionen, die den „Anspruch auf Integration“249 längst aufgegeben haben, wird eine neue Totalität gegenübergestellt: die selbstredend nur die unsagbar alte eines religiös grundierten Weltbilds ist. Die Welten der Fantasy sind nicht in sich zersplittert, fragmentarisch, inkommensurabel, sondern universell, weil ungetrübt religiös-pantheistisch und daher unumschränkt vormodern. Sie sind total, ohne dadurch jedoch totalitär im modernen Sinne zu werden – und eben darin wird die Fantasy als besondere Form postmoderner Literatur erkennbar, da sie nicht nur die Dogmen der Moderne gleichermaßen unterläuft wie reflektiert, sondern auch indem sie den Perspektivismus der Postmoderne konterkariert: Sie „rastet“ in einer spielerisch aufgerufenen vormodernen Weltsicht ein, deren wesentlichstes Kennzeichen ist, dass in ihr eben keine anderen Perspektiven zulässig sind. Die Varianten des Genres sind zu zahlreich, um hier diskutieren zu können, welche Potentiale sie aus der vormodernen Beschaffenheit 248 Baßler 2007 (Anm. 140), S. 448. 249 Rosa 2005 (Anm. 5), S. 349. Kapitel 3. Exkurs: Topographie und Sicherheit 92 ihrer Welt und ihrer Protagonistinnen und Protagonisten im Einzelnen schöpfen. Weshalb ich mich hier vorerst auf ein verallgemeinertes Verständnis der high oder epic fantasy250 beziehe, die quasi als Prototyp der Fantasy-Literatur deren Verfahrensweise besonders anschaulich macht. Grundsätzlich kann festgestellt werden, dass die spezielle Art der Gefahrlosigkeit, die diese Abkehr ins Vormoderne zusichert, nicht auf die Verwandlung historisch gewordener Ängste in Lust hin angelegt ist; vielmehr ist sie geistiger Natur. Da, vereinfacht gesprochen, die Postmoderne weiß, worin die Moderne letztlich gemündet hat, ist die Ausgestaltung von Schlachtgeschehen, Kampfgetümmel und Gewalttaten, in denen mitunter der Mythos des heroischen oder heranreifenden Kriegers den Mittelpunkt bildet, im modernen Umfeld von vornherein problematisch. Leicht geraten die Spielregeln der high fantasy unter Ideologieverdacht, etwa wenn Kampfgemeinschaften über Zugehörigkeit zu einer Spezies formiert werden oder Rasse ein Distinktionsmerkmal darstellt, das Krieg und Tötung legitimiert. Aus diesem Aspekt lässt sich ein wesentliches Charakteristikum der Erzählmechanik der Fantasy ableiten: Um den Vorwurf des Transports ideologischer Botschaften oder einer schwarzen Ethik effektiv entgehen zu können, gleichzeitig aber nicht auf die korrelierenden Spannungselemente verzichten zu müssen, die sich aus der minutiösen Schilderung von Bewährung im Kampf ergeben, meidet die Fantasy-Literatur das moderne Setting aus Kalkül. Wenn die Kolportage des 19. Jahrhunderts, wie Bloch feststellt, aus dem ihrigen Jahrhundert flieht251, flieht die Fantasy des 21. Jahrhundert aus der Moderne generell. Die Fantasy ist eine Art Heterochronie, die der von Umberto Eco beschriebenen „Zeit der verlorenen Unschuld“252 folglich durch die Abkehr in eine vormoderne Welt entgeht, deren Rahmenbedingungen durch Götter oder gottähnliche Kräfte abgesichert sind. Diese entpuppen sich je- 250 Zu einer umfassenderen Fantasy- und Phantastik-Diskussion siehe Kapitel 4 dieser Arbeit. 251 „Kolportage im XIX. Jahrhundert war gerade Flucht aus ihm“, so urteilte Ernst Bloch in Über Märchen, Kolportage und Sage über die damals gängigen und historischen Formen der Unterhaltungsliteratur. Bloch 1962 (Anm. 31), S. 191. 252 Umberto Eco: Postmodernismus, Ironie und Vergnügen. In: Wolfgang Welsch (Hrsg.): Wege aus der Moderne. Akademie Verlag: Berlin 1994, S. 75–79, zit. S. 76. 3.1. Vom modernen Exotismus der Spannungsliteratur zur postmodernen Phantastik? 93 doch nicht als Religion und somit als – im weiteren Sinne – ideologische Konstrukte, sondern sind schlicht diegetische Bedingungen der Welt: Magie ist physikalische Tatsache. Der Fatalismus der Figuren darf darum nicht als politische Blindheit, noch weniger als schlächterische Tollwut missverstanden werden, sondern stellt oftmals die ad- äquate Reaktion auf die Bedingung einer nicht hinterfragbaren und nicht kritisierbaren Welt dar. Und betont so wiederum den zugrundeliegenden Spielcharakter. Letztlich ist es zwar unausweichlich, dass „eine bestimmte Rhetorik absichtlich oder unvermeidlich ideologische Positionen stützt“253, das gilt aber nicht nur für die Fantasy und Phantastik, sondern beispielsweise auch für den realistischen Roman des 19. Jahrhunderts, der eine Domäne bürgerlichen Hegemoniedenkens darstellte. Bezeichnenderweise sieht Moritz Baßler die Romanhelden des Bürgerlichen Realismus einer ähnlich übermächtigen und unveränderlichen Welt ausgesetzt, wie es auch für die Verhältnisse der Fantasy bestimmend ist. Nicht die kreative Realitätsveränderung und Modellierung nach eigenen Vorstellungen, sondern die reaktive Entwicklung von erfolgreichen Strategien zum Umgang mit der Realität ermöglicht dem Helden den Erfolg. Wenn Baßler im Weiteren also die „postmoderne Rückkehr des Realismus in Form von Phantastik“254 postuliert, meint er damit nicht, dass dem Realismus entstammende literarische Darstellungstechniken von der Phantastik direkt oder indirekt adaptiert wurden (was sicherlich zutrifft), sondern zieht seinen Schluss vielmehr aus ebendieser Analogie im Verhältnis der Protagonistinnen und Protagonisten zur enigmatischen, vorbestimmten, undurchschaubaren Welt, in der sie sich nolens volens zu bewegen und zu bewähren haben: „Gegen das Von-Grund-auf-Neu-und-Besser-Machen der Moderne als ihre Hybris und ihr totalitärer Zug erscheint das Durchwurschteln der realistischen Helden als Operieren im immer schon Vorgegebenen, nie grundsätzlich Infragezustellenden, als Alternative, die womöglich im Realismus der Postmoderne wieder aktualisiert wird.“255 253 Farah Mendlesohn: Einführung in die Rhetorik der Fantasy. In: Zeitschrift für Fantastikforschung. Herausgegeben von Daniel Illger, Jacek Rzeszotnik und Lars Schmeink. Heft 2 / 2011, S. 90–107, zit. S. 95. 254 Baßler 2007 (Anm. 140), S. 448. ff. 255 Ebd. Kapitel 3. Exkurs: Topographie und Sicherheit 94 In dieser Hinsicht verfolgt die populäre Phantastik einen Realismus des Irrealen und überbrückt damit eine Kluft, die sich im Magischen Realismus256 bereits verschmälert, wenn auch nicht vollends geschlossen hat. Es ist der bezeichnende Brückenschlag, die Überwindung des „gap“, die Leslie Fiedler als das größte Potential einer postmodernen Unterhaltungsliteratur beschrieben hat: Die Kluft zu schließen bedeutet auch, die Grenze zwischen dem Wunderbaren und dem Wahrscheinlichen zu überschreiten, zwischen dem Wirklichen und dem Mythischen, zwischen der bürgerlichen Welt mit Boudoir und Buchhaltung und dem Königreich dessen, was man lange als Märchen zu bezeichnen pflegte, aber das schließlich in den Geruch der verrückten Phantasterei kam. […] Das Vordringen in die Indianerterritorien des Westens, der Raumflug, die ekstatische Befreiung in der Phantasiewelt der Orgie – all das sind Analogien zu dem, was man traditionell als Reise oder Pilgerfahrt zu transzendenten Zielen bezeichnet, visionäre Momente.257 Wenn die „Fantasy […] das heroische Zeitalter wieder aufleben [lässt] und […] als moderne Heldendichtung bezeichnet werden“258 darf, geschieht dies jedoch stets unter dezidiertem Zitat-Charakter. Die Parallelen zu den „Pilgerfahrten“ der mittelalterlichen Heldenepik sind dabei ebenso gegeben wie zum Epos der klassischen Antike: „Das Epos gilt als der Inbegriff vormoderner Epik, dessen Untergang mit dem Anbruch der Moderne und dem Aufstieg des Romans besiegelt ist. Die Fantasy straft diese Grundannahme zwar nicht Lügen, sie scheint diese aber doch zu relativieren: Sie verschafft dem Epos einen Platz in der Moderne – wenn auch nicht als Epos, sondern selbst noch einmal als Roman.“259 256 Vgl. Uwe Durst: Begrenzte und entgrenzte wunderbare Systeme. Vom Bürgerlichen zum ‚Magischen Realismus‘ In: Schmeink, Lars / Müller, Hans-Harald (Hrsg.): Fremde Welten: Wege und Räume der Fantastik im 21. Jahrhundert. Berlin, New York: Walter de Gruyter 2012, S. 57–76. 257 Leslie Fiedler: Überquert die Grenze, schließt den Graben! Über die Postmoderne. In: Wolfgang Welsch (Hrsg.): Wege aus der Moderne. Akademie Verlag: Berlin 1994, S. 57–74, zit. S. 70 f. Obwohl Fielder davon ausgeht, dass die „Grundidee solcher Pop-Formen der Literatur wie des Western, der Science-fiction und der Pornographie“ nicht weiter definierte „mythologische wie politische oder metapolitische Vorstellungen“ enthält. 258 Vgl. Ewers 2011 (Anm. 141), S. 10. 259 Vgl. ebd. 3.1. Vom modernen Exotismus der Spannungsliteratur zur postmodernen Phantastik? 95 Die Fantasy steht folglich nicht in einem direkten Nachfolgeverhältnis zum Epos, sondern kopiert und übernimmt dessen Denkhaltung. Sie reanimiert (!) das Epische, indem ein wissenschaftlich-aufgeklärtes einem magischen bzw. naiv-religiösen Weltverständnis weicht. In der high fantasy obwaltet dieses Bewusstsein relativ ungebrochen, während in anderen Formen der Phantastik (v. a. der Zwei-Welten- Phantastik260) dessen Inkompatibilität mit der modernen Lebenswelt auch in der Erzählung selbst betont wird. In beiden Fällen geht sie aber „zu Recht davon aus, dass diese Art von Heroentum in einer modernen Gesellschaft keinen Platz mehr hat und dass wir seiner folglich nur im Wiederaufbereiten der alten Geschichten habhaft werden können.“261 Sowenig sich mit diesem Verfahren eine Absicht des geschichtlichen Realismus – also Darstellung einer (alternativen) erd- oder kulturgeschichtlichen Vergangenheit – verbindet, sowenig stellt die Fantasy einen Geltungsanspruch im außerliterarischen Sinne: Vielmehr betont sie die Unvereinbarkeit ihrer Denkhaltung mit der (post)modernen Gesellschaft ostentativ. Das unterstreicht sie neben der offenkundigen Differenz, was die Ausgestaltung der fiktionalen Welt anbelangt, auch durch die häufig „altertümelnde“ Gestaltung der Illustrationen, einen antiquierten Sprachstil in den Dialogen oder dass die psychologische Motivation der Figuren einer Denkweise entspringt, die unter modernen Vorzeichen schlicht nicht mehr glaubwürdig wäre. Fantasy ist literarisches Spiel mit offenen Karten. Am deutlichsten wird dies in jenen phantastischen Formen, die über offene Sekundärwelten verfügen, welche vom Protagonisten betreten (etwa über ein Portal wie den Kleiderschrank aus Lewis‘ Die Chroniken von Narnia) und anschließend wieder verlassen werden können. In Michael Endes Die unendliche Geschichte oder Wolfgang Hohlbeins Märchenmond unterscheidet der Protagonist beim Wechsel zwischen primär-real und sekundär-magisch gezeichneter Welt sehr genau, welche Handlungsweisen jeweils probat und zulässig sind: Letztlich bewirkt die heroische Absolvierung der Queste in der phantastischen Sekundärwelt gar einen psychischen Entwicklungsschub, 260 Siehe Kapitel 4.5.2. und 4.5.2.1. dieser Arbeit. 261 Ewers 2011 (Anm. 141), S. 10. Kapitel 3. Exkurs: Topographie und Sicherheit 96 durch den der Protagonist nach seiner Rückkehr den Anforderungen der realistisch gezeichneten „innerliterarischen Realität“ besser und entschlossener begegnen kann.262 Brechen hingegen Elemente modernen Denkens in die vormodernen Weltentwürfe ein, kommt es meist nicht zu einer Konkurrenzsituation zwischen archaisch-mythischem und kritisch-rationalem Denken, sondern die Phantastik wird ironisch bzw. parodierend verfremdend. Das trifft sowohl auf Terry Pratchetts Scheibenwelt-Romane, wie auch auf Walter Moers‘ Zamonien-Romane zu, in denen sich etwa Flugsaurier sorgenvoll über das Erreichen des Rentenalters äußern oder hilflose Drachen von grimmigen Jungfrauen industriell gezüchtet werden. Insbesondere diese stete Bereitschaft zur Relativierung der eigenen Perspektive und der Betonung der Inkompatibilität mit der tatsächlichen Realität des Rezipienten lässt Wolfgang Meißner außer Acht, wenn er im speziellen Bezug auf die Fantasy mutmaßt: Sie vertrete ein aus verschiedenen Mythen zusammengebasteltes, geschlossenes, ja starres Weltbild. Hier droht durchaus die Gefahr, daß die ohnehin zu Autoritarismus neigenden Leser fixiert werden auf autoritäre Gesellschaftsmodelle, die eine Mischung unterschiedlicher Ideologien darstellen. Von daher ist zu bezweifeln, daß das phantastische Jugendbuch dem Heranwachsenden in seiner Sinnsuche, in seinem Streben nach Erweiterung des Bewußtseins wirklich helfen kann.263 Der Konsum von Fantasy-Literatur führt dieser These nach letztlich zur Außerkraftsetzung kritisch-reflektierten Denkens und gipfelt in der Befürwortung „autoritärer Gesellschaftsmodelle“. Folgt man dieser Argumentation, ist der Realismus vor einer potentiellen Verwechslungsgefahr der Illusion mit der Realität aber noch weit weniger gefeit als die Phantastik, die durch ihre Alterität schon auf visueller Ebene von der Realität absticht. Vor allem aber besteht das Anliegen der Fantasy nicht in der Propagierung eines mythischen Weltbilds als bessere Alternative zur Realität und somit in der Verteidigung einer anachronistischen, ja regressiven Weltordnung. Ihre wesentliche Spielregel der ostentativen Realitätsferne ist nicht als Absage an die Realität per se 262 Vgl. zu diesem „Königsweg“ der kinder- und jugendliterarischen Phantastik Kapitel 4.5.2.1. 263 Meißner 1993 (Anm. 171), S. 38. 3.1. Vom modernen Exotismus der Spannungsliteratur zur postmodernen Phantastik? 97 gedacht, sondern dient dem Entwurf eines von modernen Werten freien Erfahrungs- und Erlebnisraums. So wird letztlich die Subjektivität aller ästhetischen Erfahrung implizit (ungebrochene) oder explizit (gebrochene Fantasy) bestätigt – da diese „‚nur über die Stränge schlagen [darf], solange sie sich dessen bewußt bleibt, und sofern sie den Ausbruch wieder zurücknimmt‘264, d. h. auf eine Integration in alltägliche Lebenspraxis verzichtet.“265 Referenzbereiche Zwar verneinen allfällige Definitionen der Fantasy-Literatur allegorische oder parabolische Lesarten (und berufen sich darin häufig auf Todorovs minimalistische Definition des Phantastischen266), jedoch ist die sinngemäße Übertragbarkeit gewisser innertextlicher Elemente (nicht nur aus der Fantasy, sondern auch aus anderen „entrückten“ Varianten der Phantastik wie der Science-Fiction) auf die außerliterarische Realität ein zentraler Gegenstand der literaturwissenschaftlichen Diskussion. Niels Werber thematisiert etwa die „Bio- und Geopolitik“ in Tolkiens Der Herr der Ringe oder die „Denunziation des Parlamentarismus in Star Wars“267. Nach Todorovs strickt immanenter Sichtweise bleibt dieses handfeste biopolitische Moment der Blutlinien und Zuchtversuche, der Rasse- und Vernichtungskriege im Herrn der Ringe […] außer Sicht, obgleich der Text in der Hochzeit nationalsozialistischer Herrschaft entsteht […]. Die Differenz von Orks, EIben und Zwergen ist nun zwar zweifellos 3.2. 264 Ulrich Meier: Soziologische Bemerkungen zur Institution Kunst. In: Peter Bürger (Hrsg.): Zum Funktionswandel der Literatur. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1983, S. 33–60, zit. S. 55. Meier bezieht sich hier auf Herbert Marcuse: Über den affirmativen Charakter der Kultur. In: Herbert Marcuse: Kultur und Gesellschaft 1, Frankfurt am Main, S. 56–101, zit. S. 91. 265 Ebd. 266 Siehe für Todorovs Zugang Kapitel 4.3 dieser Arbeit. 267 Niels Werber: Phantasmen der Macht. Funktionen des Phantastischen - nach Todorov. In: Clemens Ruthner, Ursula Reber, Markus May (Hrsg.): Nach Todorov. Beiträge zu einer Definition des Phantastischen in der Literatur. Tübingen: Francke 2006, S. 53–66, zit. S. 55. Kapitel 3. Exkurs: Topographie und Sicherheit 98 eine irreale – doch zugleich eine ganz reale, deren Referenz im Rassismus und Sozialdarwinismus des 20. Jahrhunderts zu finden ist.268 Auch Ewers geht ähnlichen Überlegungen nach. Er stellt sich die Frage, was die Fantasy dazu [qualifiziert], eine Gegenwartsdichtung des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts zu sein? Warum eignen sich die von ihr aufgegriffenen Stoffwelten epischer Heldendichtung der Vorzeit für eine symbolische Darstellung bestimmter Aspekte unserer Gegenwart, was macht sie zu einem so ergiebigen Bildspendebereich? Die Ursache dafür muss in unserer Gegenwart selbst liegen. Das 20. Jahrhundert stellt nicht nur eine Epoche der Vollendung des Modernisierungsprozesses, der Durchsetzung der damit verknüpften Freiheitswerte und Wohlstandsversprechen dar. Es ist auch das Jahrhundert der Diktatoren und charismatischen Führer, der Repression und der Folter, der Massenkriege und Massenvernichtung, der Genozide, der Massenflucht und -vertreibung, der Umweltzerstörung und der globalen ökologischen Katastrophen.269 Was Werber und Ewers hier als außerliterarisch-historische Referenzen ausweisen, tangiert eine äußerst fundamentale Frage im Umgang mit phantastischen Texten. Denn nicht trotz, sondern aufgrund des Fehlens (oder Abschwörens) jeglicher Meta-Substanz vor allem in gro- ßen Teilen der populären Phantastik entsteht wiederum ein verstärktes Bedürfnis zur Kontextualisierung derselben. Der entscheidende Punkt ist, welcher Bereich für diese Referenzialisierungsstrategien gewählt wird. Werber kehrt Todorovs immanenten Zugang etwa exemplarisch um: „Die Phantastik postuliert das Irreale, Unnatürliche, Anormale, um von dort aus eine Bresche in unsere Welt zu schlagen“270, favorisiert also eher die sinngemäße Übertragung von Erzählinhalten und die Freilegung von Analogien zwischen textexterner und textinterner Realität – abweichend davon natürlich Todorovs strickt immanente Sichtweise. Nicht aus den Augen verloren werden sollte eine weitere Option: Wenn insbesondere die Fantasy als eine „zeitgenössische Form von Mythopoesie“271, als vormodernes Helden-Epos in der modernen Form des Romans verstanden werden kann, sind ihre Referenzen 268 Ebd., S. 56. 269 Ewers 2013 (Anm. 59), S. 308. 270 Weber (Anm. 267), S. 55. Vgl. dazu auch insbesondere Kapitel 4.4. 271 Ewers 2011 (Anm. 141), S. 8., sowie vgl. ebd., S. 10. 3.2. Referenzbereiche 99 ebenso in der Tradition dieser Erzählformen zu suchen. Dabei steht selbstredend außer Frage, dass phantastische Romane rassistische Konzepte erzählerisch umgesetzt und propagiert haben. Auch die aktuelle Fantasy kann höchst problematische übertragbare Bedeutungsinhalte transportieren. Trotzdem scheint im Bezug auf die Phantastik der Versuch einer primären Referenzialisierung etwa im Kontext der faschistischen und rassistischen Verbrechen des 20. Jahrhunderts oftmals nicht auszureichen. Was beispielsweise die ‚Blutlinien‘ betrifft, existiert ein ungleich älterer „Mythos des Blutes“ (man denke an die unzähligen Riten und kulturellen bzw. religiösen Handlungen oder populären Redewendungen, die sich aus einer ‚Besonderheit‘ des Blutes herleiten272), der als selbstverständliches Motiv auch Eingang in die historischen Epen gefunden hat und somit auch Teil einer literarischen Tradition ist. Dass insbesondere Tolkien als promovierter Altphilologe und Professor für englische Sprache mit der epischen Literaturtradition bestens vertraut war, scheint beispielsweise für ein Verständnis von Der Herr der Ringe vielleicht ebenso aufschlussreich, wie Werbers Hinweis auf die Entstehungszeit in der „Hochzeit nationalsozialistischer Herrschaft“: The Hobbit – der Vorläufer des ‚eigentlichen‘ The Lord of the Rings von 1954 – entstand zwischen 1931 und 1936 (1937 erschienen). Und damit zu einer Zeit, als Tolkien sich intensiv mit dem Beowulf-Epos beschäftigte (Beowulf: The Monsters and the Critics von 1936). Auch dass Tolkien selbst es war, der Deutungsversuchen widersprach, die das Geschehen in The Lord of the Rings als übertragbar oder parabelhaft begriffen, scheint ebenso für die Perspektive einer stärkeren Kontextualisierung der Fantasy mit literarischen und philologischen Traditionen zu sprechen. Eklektizismus und Auratisierung Natürlich ist die Fantasy keineswegs frei von Derivaten der Realität. Monika Schmitz-Emans erkennt in der Fantasy beispielsweise eine umfassende Tendenz zur „Synthetisierung von wissenschaftlichen, his- 3.3. 272 Vgl. etwa Roland Barthes: Mythen des Alltags. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1964. Kapitel 3. Exkurs: Topographie und Sicherheit 100 toriographischen und mythischen Diskursen“273, die mitunter gar eine „alle Diskurse integrierende Ordnung“274 herstellt. Allerdings muss im Gegenzug der hochgradig selektive Umgang der Fantasy mit Diskursfeldern betont werden, der sich stets vorbehält, ganze Felder schlicht auszublenden und zu vernachlässigen – oder sie nur so weit einzubinden, als sie die vormoderne Weltsicht stützen und sich harmonisch ins vormoderne Programm fügen. Eine Strategie der Einbindung und Synthetisierung ausgewählter Realitätsaspekte, wie sie den phantastischen Landschaften „Auenland und Mittelerde […] [,] Phantasien […] [,] Arkham“275 oder auch Moers‘ Zamonien zugrunde liegt, ist somit letztlich das Produkt eines radikalen Eklektizismus. Die Fantasy ist demnach, sowohl in ihrer gebrochen-ironischen wie auch der ungebrochen-heroischen Ausprägung, eine „zeitgenössische Form von Mythopoesie, [die] ein modernes literarisches Spiel mit überlieferten Mythen darstellt“276 und sich deren Perspektive spielerisch zu eigen macht. Wie Winfried Fluck im Rückgriff auf Georg Lukács Theorie des Romans festhält, fungierte bereits der bürgerliche „Roman als, wenn auch gebrochener, Nachfolger des Epos. Für Lukács gewinnt er zentrale Bedeutung, weil in einer Phase transzendentaler Obdachlosigkeit nur noch im Roman die Simulation einer Totalität denkbar ist“277 – auch die Fantasy simuliert eine solche Totalität, ohne sie jedoch als gangbare Alternative zu propagieren. Wenn Lukács den Roman somit als Antwort auf das Verlangen nach überweltlicher Sinngebung und der Sehnsucht nach den (so von Lyotard beschriebenen) Metaerzählung begreift – was die Fantasy weder leisten will noch kann –, ist es für Fiedler vor allem der religiöse Wesenszug der Sekundärwelt, der den gegenwärtigen Bedürfnissen des Publikums am besten entspricht: Denn für ihn ist es in „einem solchen Zeitalter […] nicht überraschend, daß die Bücher, die junge Leute bewegen, wesentlich religiöse 273 Monika Schmitz-Emans: Alte Mythen - Neue Mythen. Lovecraft, Tolkien, Ende, Rowling. In: Corina Caduff und Ulrike Vedder: Chiffre 2000 – neue Paradigmen der Gegenwartsliteratur. München: Wilhelm Fink 2005, S. 203–220, zit. S. 213. 274 Ebd. 275 Ebd. 276 Ewers 2011 (Anm. 141), S. 8. 277 Fluck 1997 (Anm. 34), S. 30. 3.3. Eklektizismus und Auratisierung 101 Bücher sind – so wie Pop Art im Grunde stets religiös ist.“278 Fiedler schwebt somit nichts weniger als eine Re-Auratisierung der Populärkunst im Zeitalter des Materialismus vor. Denn auch wenn beide „Träume – die Gewalt in den Wäldern und das Leben im Stamm – pubertär, um nicht zu sagen infantil“279 sind, kann die Pop-Kunst „ebensowenig in einem mythologiefreien Raum existieren wie die ,hohe Kunst‘; und in das Vakuum, welches das Verschwinden solcher Stoffe wie der von den trojanischen Helden oder der Mythen des orientalischen Kulturkreises gelassen hat, treten vor allem die Stoffe der Kindheit ein.“280 Mit anderen Worten: diesen vakanten Raum besetzt heute das (phantastische) Abenteuer. Der vormoderne Impetus dieser Stoffe steht dabei nur scheinbar mit den technisch immer ausgereifteren Möglichkeiten vor allem der Filmindustrie in Widerspruch. Für Fiedler beispielsweise sind diese konträr anmutenden Entwicklung nur folgerichtig, weil sich „herausgestellt hat, daß die Maschinenzivilisation unweigerlich dazu neigt, das Primitive synthetisch herzustellen, daß ekstasis das unvorhergesehene Ziel fortgeschrittener Technologie ist und Mystizismus ein Nebenprodukt“281. Einzig Fiedlers Prognose, dass die „Mythen der unmittelbaren Zukunft, in denen die nichtmenschliche Welt um uns, feindlich oder wohlwollend, nicht mehr in der Gestalt von Elfen und Zwergen, von Hexen oder gar Göttern“282 erscheinen wird, hat sich nicht nur nicht bewahrheitet, sondern durch den durchschlagenden Erfolg der Fantasy seit den 1970er Jahren sogar als ihr Gegenteil realisiert. 278 Fiedler 1994 (Anm. 257), S. 73. 279 Ebd., S. 64. 280 Ebd., S. 70. 281 Ebd., S. 72. 282 Ebd., S. 70 f. Kapitel 3. Exkurs: Topographie und Sicherheit 102 Phantastik und Fantasy für Kinder und Jugendliche Das Feld und der Begriff des Phantastischen Um die Fantasy per definitionem in ihrem Verhältnis zur Phantastik positionieren, sie als deren Variante, Subgattung oder gar als eine eigenständige Gattung bestimmen zu können, wäre als Voraussetzung eine konsistente und weitgehend konsensfähige Phantastik-Definition vonnöten. Da eine solche, angesichts des sich durch weitere Differenzierungen stetig verbreiternden Felds der Phantastik, immer unmöglicher erscheint, ist sowohl die Unterscheidung einzelner phantastischer Erzählformen (phantastische Erzählung im klassischen Sinne, Fantasy, Science-Fiction, Horror, Utopie, etc.), wie auch die Erfassung gradueller Unterschiede innerhalb dieser potentiell einzelnen phantastischen Genres – wie „high fantasy“, „low fantasy“, „domestic fantasy“, „dark fantasy“, „urban fantasy“ oder die analoge Unterteilung der Science- Fiction in „Soft-“ bzw. „Hard-Science-Fiction“ bzw. des „Steampunks“ in „Dieselpunk“, „Atompunk“, „Cyberpunk“, etc. – nach verbindlichen Kriterien schwierig. Dieser Umstand resultiert nicht zuletzt aus einer Vielzahl unterschiedlicher methodischer Zugangsweisen zur phantastischen Kunst und Literatur. Clemens Ruthner verzeichnet exemplarisch etwa literaturpsychologische, kulturanthropologische, religionswissenschaftliche, sozial- und diskursgeschichtliche, motivgeschichtliche, strukturalistische bzw. narratologische, rhetorische und poetologische, semiotische, medienwissenschaftliche, systemtheoretische und antidefinitorische bis hin zu poststrukturalistischen Definitionsansätzen.283 Zu erweitern wäre dieser Katalog noch um rezeptionsgeschichtliche Zugänge und Kapitel 4. 4.1. 283 Vgl. Ruthner 2006 (Anm. 238), S. 11 f. 4.1. Das Feld und der Begriff des Phantastischen 103 die adressatenbezogenen Definitionsversuche einer kinder- und jugendliterarischen Phantastik aus der KJL-Forschung. Uwe Durst konstatiert analog zur mittlerweile erreichten Vielfalt phantastischer Erzählformen eine sukzessive Ausweitung des terminologischen Phantastik-Begriffs, wodurch dieser an – für die wissenschaftliche Verständigung unentbehrlicher – Differenzierungskraft ständig weiter einbüße. Bezeichnete „le fantastique ursprünglich Texte in der Art Hoffmanns, Cazottes und Potockis“284 noch relativ exakt, sieht Durst aktuell eine Situation „terminologische[r] Anarchie“285 mit einer „Vielzahl inkompatibler Begrifflichkeiten“286 eingetreten, die eine präzise wissenschaftliche Verständigung unmöglich mache: Insbesondere aufgrund einer allgemein beobachtbaren Tendenz zur Generalisierung, die jeden Text, in dem irreale Vorgänge abschnittsweise thematisch bestimmend sind, schon als genuinen Teil der Phantastik reklamiere. Genau das schlägt hingegen Henning Kasbohm dezidiert vor, wenn er dafür plädiert, den Phantastik-Begriff von einem Genre-Verständnis überhaupt zu lösen und zu einem Arbeitsbegriff umzufunktionieren, der – unabhängig von der gattungstypologischen Zugehörigkeit eines Textes –„Phänomene innerhalb literarischer Texte beschreibt und mithilfe dessen man frei von weiteren Klassifizierungen diese Texte hinsichtlich dieser Strukturelemente (und deren Zusammenhänge im Werk) zu analysieren vermag.“287 Phantastik wandelt sich diesem Verständnis nach verstärkt zu einer „allgemeine[n] ästhetische[n] Kategorie.“288 Ähnlich umstritten wie der „Kern“ des phantastischen Genres ist zudem die Konzeption einer Neophantastik, die eine historische und entwicklungsgeschichtliche Abgrenzung von der klassischen Phantastik der europäischen Romantik sowie der Phantastik des 19. Jahrhun- 284 Uwe Durst: Theorie der phantastischen Literatur. Tübingen und Basel: Francke 2001, S. 19. 285 Ebd., S. 21. 286 Ebd., S. 21. 287 Henning Kasbohm: Die Unordnung der Räume Beitrag zur Diskussion um einen operationalisierbaren Phantastikbegriff. In: Lars Schmeink u. Hans-Harald Müller (Hrsg.): Fremde Welten: Wege und Räume der Fantastik im 21. Jahrhundert. Berlin, New York: Walter de Gruyter 2012, S. 37–56, zit. S. 48. 288 Durst 2001 (Anm. 284), S. 19. Kapitel 4. Phantastik und Fantasy für Kinder und Jugendliche 104 derts anstrebt. Die Neophantastik als allgemeinliterarischer „Sonderfall“ erzeugt eine Textrealität, die sich durch eine bruchlose Koexistenz von natürlichen und übernatürlichen Momenten auszeichnet – und die vor allem innerliterarisch keinerlei Irritation oder Verunsicherung seitens der Figuren auslöst. Hierdurch ergeben sich weitreichende Analogien speziell zur Phantastik kinder- und jugendliterarischer Provenienz, wodurch die Untersuchung der Differenzen und Gemeinsamkeiten zwischen KJL-Phantastik und Neophantastik eine Vertiefung bestehender Forschungsansätze und neue Erkenntnisse für die KJL- Forschung verspricht.289 Gegenwärtig scheint in dieser äußerst vielfältigen und widersprüchlichen Forschungslandschaft nur noch eine Art von Minimalkonsens erreichbar, der „als brauchbare ‚unscharfe Gruppe‘ (fuzzy set) eine Reihe kritischer Definitionen“290 akzeptiert, die auch die sogenannten minimalistischen und maximalistischen291 Ansätze einschlie- ßen. Differenz und Analogie. KJL-Phantastik und allgemeinliterarische Phantastik-Modelle. Oder: Vom Tod der Phantastik – und ihrer Wiederbelebung in der KJL? Todorovs Unschlüssigkeit Auch wenn die Versuche eine verbindliche Gattungsdefinition zu erarbeiten somit als fehlgeschlagen klassifiziert werden müssen, bezieht sich die Phantastik-Diskussion zumindest weitgehend auf einen einheitlichen Ausgangspunkt: Die ursprünglich in französischer Sprache erschienene Einführung in die fantastische Literatur (1970) des aus Bulgarien stammenden Literaturwissenschaftlers Tzvetan Todorov. 4.2. 4.2.1. 289 Vgl. zu den Analogien der allgemeinliterarischen Neophantastik und der KJL- Phantastik: Andreas Peterjan: Kinder- und Jugendliteratur und Neophantastik – Eine versteckte Kontinuität? In: Libri Liberorum Jg. 17, H. 49 (2017). Hrsg. von Arno Russegger und Andreas Peterjan. S. 7–24. 290 Mendlesohn 2011 (Anm. 253), S. 91. 291 Siehe Kapitel 4.3. und 4.4. 4.2. Differenz und Analogie. KJL-Phantastik und allgemeinliterarische Phantastik-Modelle 105 Diese äußerst wirkungsmächtige Untersuchung stellt aber weniger die im Titel suggerierte Einführung in ein dynamisches Teilsystem der Literatur dar, vielmehr nimmt sie deren Autopsie vor: Todorov prognostiziert das Ende der phantastischen Literatur nicht, er verzeichnet es vielmehr als eine seiner Ausgangshypothesen und stellt der Phantastik damit de facto den Totenschein aus. Sie sei insofern am Endpunkt ihrer Entwicklung angelangt, als dass ihre integralste Funktion – literarische Camouflage für im realistischen Modus Tabuisiertes zu sein – im Zuge kulturellen Wandels irrelevant geworden sei. In der Phantastik kommt zwar seit jeher, wie Richard Brittnacher ergänzt, „zu Wort, was so elementar und peinlich ist, daß man anderswo lieber darüber schweigt“292. Aber was kann Phantastik als eine Literaturform, die zwar das Abgründige, Verdrängte oder Perverse der Zivilisation moniert und nach Todorov somit „nichts anderes als das schlechte Gewissen des positivistischen 19. Jahrhunderts“293 repräsentiert, im 20. und 21. Jahrhundert überhaupt noch leisten, wenn die Kultur ihre größten Niederlagen nicht im fiktiven Modus der Literatur, sondern im tatsächlichen der Realität bereits erlitten hat? Diese Funktion phantastischer Literatur, als Korrektiv zur technisch-rationalen Moderne auftreten zu können, scheint für Todorov sukzessive verlorengegangen zu sein – und das macht ihm Phantastik als Strategie zur „Aufdeckung des Anderen der Kultur“294, in der real wird, was nicht real werden darf295, weitgehend obsolet. Vor allem da die sexuell-trieborientierten „Themen der fantastischen Literatur […] zum Gegenstand der psychoanalytischen Forschung der letzten fünfzig 292 Hans Richard Brittnacher: Delirien des Körpers. Phantastik und Pornographie im späten 18. Jahrhundert. Hannover: Wehrhahn Verlag 1998, S. 41. 293 Todorov 2013 (Anm. 242), S. 206. 294 Lachmann 2002 (Anm. 115), S. 11. 295 „Rationalismus und Positivismus, so die gängige Argumentation, hätten die Regionen des Un- und Unterbewußten als 'unwirklich' nicht nur aus dem 'realen Leben', sondern auch aus der 'realistischen' Literatur verbannt. Die Phantastik habe sie wiederentdeckt, sich vor allem den unterdrückten sexuellen Triebwünschen zugewandt und sie deshalb verfremdet, 'spiritualiert' und als beängstigende andere Ordnung dargestellt, weil eben nicht 'wirklich' sein konnte, was nicht sein durfte.“ Reimer Jehmlich: Phantastik – Science Fiction – Utopie. Begriffsgeschichte und Begriffsabgrenzung. In: Christian W. Thomsen und Jens Malte Fischer (Hrsg.): Phantastik in Literatur und Kunst. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1980, S. 11–33, zit. S. 26. Kapitel 4. Phantastik und Fantasy für Kinder und Jugendliche 106 Jahre geworden“296 sind, habe die Psychoanalyse schrittweise die „fantastische Literatur ersetzt (und damit überflüssig gemacht).“297 Es ist demnach nicht ohne Ironie, dass – neben anderen Arbeiten, etwa von Roger Caillois oder Louis Vax – ausgerechnet die auf Deutsch erschienene Übersetzung von Todorovs Untersuchung die umfassende literaturwissenschaftliche Befassung mit der Phantastik im deutschen Sprachraum ungleich befeuert hat. Obwohl nunmehr über vier Jahrzehnte alt, stellt Todorovs Theorie-Gebilde nach wie vor einen Grund- und Eckpfeiler der akademischen Diskussion dar, auch wenn die Kategorien des eng gefassten „Modell Todorov“ beträchtlich erweitert und modifiziert werden mussten, um sie nicht nur auf die Phantastik klassischen Zuschnitts (hauptsächlich der europäischen Romantiker), sondern zusätzlich auf breitere und aktuellere Text-Korpora anwenden zu können.298 Würde man hingegen ausschließlich Todorovs minimalistischer Definition im ursprünglichen Sinne folgen, die „das Phantastische an das wirkungsästhetische Moment der Unschlüssigkeit des impliziten Lesers binde[t], so ergäbe sich die paradoxe Konsequenz, daß die Sache, die es begrifflich zu fassen gilt, bis auf rare Ausnahmeerscheinungen gar nicht existiert.“299 Zwischen aktueller KJL-Phantastik, Fantasy und der klassischen Phantastik des 19. Jahrhunderts, auf der Todorov seine Untersuchung weitgehend aufbaut, ergeben sich zwar nur mehr periphere Berührungspunkte, dennoch bleibt das Kategorien-System aus der Einführung in die fantastische Literatur als Bezugspunkt auch für eine fundierte Auseinandersetzung mit der phantastischen KJL unabdingbar. 296 Todorov 2013 (Anm. 242), S. 197. 297 Ebd. Außerdem ebd.: „Man hat es heute nicht mehr nötig, auf den Teufel zurückzugreifen, um über eine exzessive sexuelle Begierde zu sprechen, wie man auch der Vampire nicht länger bedarf, um deutlich zu machen, welche Anziehungskraft von Leichen ausgeht: die Psychoanalyse und die Art der Literatur, die, direkt oder indirekt, von ihr inspiriert ist, handeln davon in unverhüllten Begriffen.“ 298 Vgl. Übersicht der maximalistischen vs. minimalistischen Definition der Phantastik in dieser Arbeit. 299 Wolfram Buddecke: Phantastik in Kunstmärchen und Jugendliteratur am Beispiel motivverwandter Texte. In: Günter Lange und Wilhelm Steffens (Hrsg.): Literarische und didaktische Aspekte der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur. Würzburg: Königshausen & Neumann 1993, S. 51–70, zit. S. 51. 4.2. Differenz und Analogie. KJL-Phantastik und allgemeinliterarische Phantastik-Modelle 107 Der von Todorov vertretenen These vom Ende der Phantastik wäre in dieser Hinsicht jedoch Einiges entgegenzuhalten: Sieht man von epigonalen Neuschöpfungen ab, die kaum als veritables Gegenargument dienen können, scheinen doch nationale Literaturtraditionen (wie die Tradition des magischen Realismus in Lateinamerika300) sowie die ungebrochene Präsenz phantastischer Erzählmuster im Feld der KJL aus den Augen verloren, die einen unvergleichlichen Aufschwung erleben, als Todorov die generelle Phantastik-Entwicklung bereits als längst beendet ansieht. KJL und Modell Todorov Vor allem dass Todorov zum unveräußerlichen Kriterium des Phantastischen die „Unschlüssigkeit des Lesers“ erhebt, der sich im Unklaren darüber befindet, ob die Vorgänge nun wunderbar Natur oder letztlich doch rational erklärbar sind (das sogenannte „Unheimliche“), stellt die KJL-Forschung vor spezielle Probleme: Die Identifikationsfigur des Protagonisten, den Todorov als Ankerpunkt für die geforderte Unschlüssigkeit des Lesers annimmt, ist in der KJL meist kein Erwachsener als Träger einer gesichert kritisch-rationalen Denkhaltung, sondern ungleich häufiger ein Kind (oder ein kindlich denkender Erwachsener), dessen Weltsicht – hier sei erneut auf Piagets Modell der Phasenentwicklung verwiesen – in magischen Vorgängen noch keinen logischen Widerspruch zur Alltagsrealität erkennt. Mehr noch: Eine Trennung zwischen Imaginativem und Realem, zwischen äußerem und innerem Bild erfolgt nicht vollständig. Von einer kindlichen Lesegruppe kann die Koexistenz von wunderbaren und realistischen Textelementen darum „ohne verunsichernde Widersprüche“301 akzeptiert werden, wodurch eine Kontrastierung dieser divergierenden Realitätsebenen – wie sie in der klassischen 4.2.2. 300 Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede hat Erik Hirsch minutiös herausgearbeitet: Erik Hirsch: Realismo magico, lo real maravilloso und lo neofantastico: Ein undurchdringlicher Urwald lateinamerikanischer Begrifflichkeiten? In: Zeitschrift für Fantastikforschung, Jg. 4, H. 2 (2014), S. 73–97. 301 Bernhard Rank beruft sich hier auf die Studien von Maria Lypp. Rank 2012 (Anm. 204), S. 175. Kapitel 4. Phantastik und Fantasy für Kinder und Jugendliche 108 Phantastik überwiegend stattfindet – ohne erzählerischen Effekt bleiben würde und daher auch unterlassen wird: „Typisch für die Kinderliteratur ist demnach die sogenannte ‚Phantastik des Übergangs‘, die den Bruch mit der Wirklichkeit unspektakulär realisiert und die verwirrende Konfrontation vermeidet.“302 Schon Todorov merkt in dieser Hinsicht an, dass das „kindliche Bewusstsein“ nur sehr begrenzt mit der von ihm entworfenen Konzeption des Phantastischen kompatibel ist, da – selbst wenn dezidiert aus der Sicht eines Kindes erzählt wird – das „erwachsene Bewusstsein“ der Leserinnen und Leser stets zur Trennung der realen und imaginativen Bereiche neigt: „Diese Art, die kindliche Welt zu beschreiben, bleibt natürlich in der Sichtweise des Erwachsenen befangen, in der diese zwei Welten ja gerade voneinander getrennt sind. Was man auf diese Weise herstellt, ist ein Trugbild der Erwachsenen von der Kindheit.“303 Parallel zur allgemeinen Literaturwissenschaft hat die KJL-Forschung in den letzten Jahrzehnten deshalb eine weitgehend eigenständige Phantastik-Diskussion entwickelt304, die selektive Anleihen bei der allgemeinen Theorie-Diskussion nimmt und diese im speziellen Hinblick auf die kindlichen und jugendlichen Rezipienten und Figuren modifiziert. Zu deren Anfängen zählen die frühen Arbeiten von Anna Krüger (1954) und Ruth Koch (1959), neue Impulse erfuhr die Diskussion durch den schwedischen Literaturwissenschaftler Göte Klingberg oder die Untersuchungen aus strukturalistischer Perspektive seitens der russischen Autorin und Literaturwissenschaftlerin Maria Nikolajeva. Aktuell können Genrebeschreibungen von Gerhard Haas, Maria Lypp, Hans-Heino Ewers oder Carsten Gansel angeführt werden, der unter anderem eine Theorie der phantastischen Erzählung für Kinder in Abgrenzung zur allgemeinen Phantastik entwirft: Grundsätzlich läßt sich folgende Hypothese aufstellen: modern ist eine phantastische Erzählung für Kinder dann, wenn das kindliche Erlebnis wunderbarer Welten nicht durch eine rationale Erklärung aufgehoben 302 Ebd. 303 Todorov 2013 (Anm. 242), S. 143. 304 Vgl. die Übersicht relevanter Beiträge zur KJL-Phantastikforschung in Günter Lange: Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur. 2 Bände. Baltmannsweiler: Schneider Verlag 2000. 4.2. Differenz und Analogie. KJL-Phantastik und allgemeinliterarische Phantastik-Modelle 109 [wird] und damit das erwachsene Weltverständnis die Oberhand gewinnt. Je konsequenter ein Text zu den kindlichen phantastischen Abenteuern steht und je entschiedener er die rationale Interpretation vom Standpunkt der Erwachsenen abwehrt, desto mehr nimmt der Text Kinder und ihre Vorstellungen wirklich ernst.305 Es gilt also genau jenen von Todorov monierten „Trugbild-Charakter“ der Phantastik für Kinder zu vermeiden. Das beinhaltet somit auch zwangsläufig den „Versuch einer literarischen Darstellung der kindlichen ‚Nachtseiten‘“306, wie es etwa William Golding in seinem dystopischen Roman Herr der Fliegen unternommen hat. Im Folgenden sollen diese beiden Theorie-Komplexe, jener der KJL-Forschung als auch jener der allgemeinen Literaturwissenschaft, aufeinander bezogen werden. Diese „Annäherungen“ zwischen dem Komplex KJL und einer allgemeinliterarischen Forschungsperspektive scheinen vielversprechend, um zu einem konsistenteren Verständnis der Phantastik für Kinder und Jugendliche und der Fantasy-Literatur gelangen zu können. Die Geburt der Phantastik aus dem Geiste des Realismus? Das grundsätzliche Kompatibilitätsproblem innerhalb der Phantastik- Forschung besteht nicht nur in der Uneinigkeit zwischen Vertretern der maximalistischen und minimalistischen Definitionen307 – beide Zugänge verfügen über Vor- wie Nachteile – sondern auch darin, dass die Definitionsversuche des Phantastischen lange Zeit auf Kosten einer Verflachung des Realismus-Begriffes erfolgt sind. Die mehr oder minder exakte Beschreibung des Irrealen geschah in der Diskussion letztlich um den Preis einer relativ vagen und unspezifischen Konzeption des Realistischen, welche die poetologischen Voraussetzungen von realistischer Literatur aus den Augen verlor und einen naiven Abbildungs- Realismus ebenso annahm, wie die dafür unabdingbare Voraussetzung einer objektiven Realität. 4.2.3. 305 Carsten Gansel: Von Gespenstern, Cyberspace und Abgründen des Ich. Teil 2. 1001 Buch, H. 3 / 1998. S. 4–14, zit. S. 12. 306 Ebd., S. 9. 307 Siehe Kapitel 4.3. und 4.4. dieser Arbeit. Kapitel 4. Phantastik und Fantasy für Kinder und Jugendliche 110 Eine derart schematische „Polarisierung phantastischer Literatur versus realistischer Literatur [wird] den spezifischen Realisationsformen der Darstellung“308 weder im phantastischen noch realistischen Sinne gerecht. Laut Uwe Durst durchzieht ein „geheimer Aberglaube“309 somit nicht nur durch die Literatur des Phantastischen, sondern auch „die Theoriegeschichte des Phantastischen, wonach es einer bestimmten Art von Literatur (nämlich der nicht-phantastischen bzw. nicht-wunderbaren) vergönnt sei, eine objektive Wirklichkeit durch objektive Verfahren in vollkommener Weise abzubilden.“310 Auch Stanislav Lem verwehrte sich in seiner geharnischten Kritik gegen Todorovs Einführung in die fantastische Literatur, die für ihn einem „Todesurteil für die gesamte Phantastik“311 gleichkommt, gegen dieses allzu naive Realismus-Verständnis. Todorovs Kategorien würden laut Lem „einen ‚naiven Realismus‘ voraussetzen. […] Dieser Realismus zeugt gewiss von einer geradezu orthodoxen binären Ontologie, deren einzige Differenz das Sein und dessen Negation ist. Entweder ist etwas oder etwas ist nicht – tertium non datur.“312 In den letzten zwei Jahrzehnten scheint in der deutschsprachigen Forschungslandschaft aber ein verstärktes Bewusstsein für diesen Mangel des verkürzten Realismusverständnisses erwacht zu sein: Die Postmoderne mit ihrer Sensibilität für Realitäts-Konstruktionen löst den unbefriedigend starren Begriff „der Realität“ zugunsten konkurrierender Realitätsbegriffe auf und hat auch in der literaturwissenschaftlichen Diskussion das Augenmerk verstärkt auf das diskursive Zustandekommen von gesellschaftlicher Realität und die kulturellen Mechanismen der Realitäts-Generierung gelenkt. Paradoxerweise hat sich dieser neue Fokus für die Diskussion vor allem der klassischen Phantastik nur als begrenzt hilfreich erwiesen. 308 Birgit Patzelt: Phantastische Kinder- und Jugendliteratur 80er und 90er Jahre. Frankfurt am Main: Peter Lang 2001, S. 65. 309 Durst 2001 (Anm. 284), S. 65. 310 Ebd. 311 Stanislaw Lem: Tzvetan Todorovs Theorie des Phantastischen. In: Rein A. Zondergeld (Hrsg.): Phaicon 1. Almanach der phantastischen Literatur. Frankfurt am Main: Insel 1974, S. 92–122, zit. S. 120. Obwohl Lem hier einen wunden Punkt in Todorovs Argumentation trifft, ist seine stilistisch glanzvolle Polemik gegen Todorov mehr von rhetorischem, denn von argumentativem Wert. 312 Werber 2006 (Anm. 267), S. 55. 4.2. Differenz und Analogie. KJL-Phantastik und allgemeinliterarische Phantastik-Modelle 111 Denn dass die Phantastik-Diskussion dennoch weitgehend mit einem naiv scheinenden Rückgriff auf den „aristotelischen Mimesis-Begriff “313 operiert, liegt zum Großteil in der Erzählmechanik der Phantastik selbst begründet: Sowohl Helmut Pesch als auch Frank Weinreich haben unlängst die Phantastik als ein Differenz-Verfahren präzisiert, das im Wesentlichen in der Inszenierung der rhetorischen Abweichung von einer Norm besteht. Die Darstellung dieser Norm, die dem phantastischen Bruch vorausgeht, mag zwar realistisch codiert erscheinen, sie erhebt allerdings keineswegs den Anspruch, tatsächlich mimetisch-realistisch zu sein und konkrete Lebenswirklichkeiten widerzuspiegeln: Vielmehr erweist sich die als Kontrast zum Phantastischen herangezogene Wirklichkeit […] als die Welt des realistischen Romans des 19. Jahrhunderts, der bereits durch die metafiktionale Literatur der sechziger Jahre und in der Folge in der Diskussion um die Postmoderne, die überhaupt keine privilegierte Perspektive mehr gelten lässt, als ein ideologisches Konstrukt entlarvt wurde. Auch mit unserem heutigen physikalischen Weltbild, das die Prämissen der Kausalität ebenso wie die absolute Objektivität infrage stellt und bei physikalischen Zuständen mit Wahrscheinlichkeiten operiert, hat diese „gefühlte“ Realität nur wenig gemein. Man behilft sich mit der Konstruktion, dass es sich hier um die empirische Welt im Sinne einer konventionellen Vorstellung handelt.314 Frank Weinreich hält ergänzend fest, dass folglich Diskussionen über das tatsächliche „Verhältnis von phantastischer Kunst und unserer Lebenswirklichkeit nicht von entscheidender Bedeutung“315 für die Phantastik-Forschung sein können. Anders formuliert: Es geht also auf der vorgeblich realistischen anmutenden Ebene phantastischer Texte nicht um die Darstellung einer potentiellen Realität im außerliterarischen Sinne, sondern um die Betonung einer verstärkt positivistischempirischen Realitätswahrnehmung, die vor allem der Verstärkung des Kontrasts zu den eintretenden, wunderbaren Elementen dient und somit die Wirkung der erzählerischen Effekte und Brüche garantiert. Die 313 Helmut W. Pesch: Fantasy und Intertextualität. Methodenprobleme in der Genretypologie. In: Lars Schmeink u. Hans-Harald Müller (Hrsg.): Fremde Welten: Wege und Räume der Fantastik im 21. Jahrhundert. Berlin, New York: Walter de Gruyter 2012, S. 7–18, zit. S. 9. 314 Ebd., S. 9. 315 Weinreich 2012 (Anm. 200), S. 22. Kapitel 4. Phantastik und Fantasy für Kinder und Jugendliche 112 Ausgangssituationen der klassischen Phantastik dienen somit vordringlich dazu, einen, wie Tolkien es in seinem Essay On Fairy-Stories formuliert, „secondary belief “ beim Publikum zu erzeugen. Ein Sekundärglauben, indem den Leserinnen und Lesern die literarische Welt als Spiegel der ihren erscheint – ohne aber dieser Spiegel tatsächlich zu sein. Auch Todorov betont diese notwendige Ähnlichkeit in erster Instanz immer wieder: Der Text muss „den Leser zwingen, die Welt der handelnden Personen wie eine Welt lebender Personen zu betrachten“316, er sieht sich also in eine Welt geführt, „die durchaus die unsere ist, die, die wir kennen, eine Welt ohne Teufel, Sylphiden oder Vampire.“317 Der implizite Leser, „der nur die natürlichen Gesetze kennt“318 oder kennen darf, ist somit eine Konstruktion, die dazu verleitet, solange mit Parametern des alltäglichen – und in diesem Sinne tatsächlich ‚außerliterarischen‘ – Verständnisses zu operieren, bis diese außer Kraft gesetzt, unterlaufen, als nicht mehr tauglich erachtet oder ad absurdum geführt werden. Aus dieser Ausgangskonstellation phantastischer Texte sind all jene imaginären Potentiale, die eine jede Wirklichkeitswahrnehmung zwangsläufig mitbestimmen, vorerst verbannt oder ausgelagert um anschließend, gepaart mit dem Wunderbaren oder gar in Form desselben, wieder in diese beschnittene Text-Realität einzubrechen und sie umwenden zu können. In eben diesem erzählerischen Zugang liegt der Grund für den Rückgriff der Phantastik-Diskussion auf ein naiv scheinendes Realismusverständnis begründet. Renate Lachmann konkretisiert dieses Verfahren – das Todorov als Verführung zur anfänglich „naiven Lektüre“319 beschreibt – gar als die eigens entwickelte „Verfahrensrhetorik“320 der Phantastik schlechthin. Es liegt somit nicht der Fall eines naiven Positivismus, sondern eines ungleich raffinierteren Pseudo-Realismus vor. Genau das meint Jaquemin, wenn er bilanziert: „Das Phantastische erhält sein Echt- 316 Tzvetan Todorov 2013 (Anm. 242), S. 43. 317 Todorov 2013 (Anm. 242), S. 34. 318 Ebd. 319 Ebd., S. 44. 320 Renate Lachmann: Schlüssiges - Unschlüssiges (Nach und mit Todorov). In: Clemens Ruthner, Ursula Reber, Markus May (Hrsg.): Nach Todorov. Beiträge zu einer Definition des Phantastischen in der Literatur. Tübingen: Francke 2006, S. 87–98, zit. S. 87. 4.2. Differenz und Analogie. KJL-Phantastik und allgemeinliterarische Phantastik-Modelle 113 heitszertifikat vom Realismus.“321 Es mag also nur vordergründig nach einer Paradoxie klingen, dass die Stabilität und Funktionalität der phantastischen Diegese dadurch entsteht, dass sie als realistisch ausgegeben werden muss, um überhaupt erst phantastisch werden zu können. Der naive Realismus ist Kalkül. Genau deswegen erkennt Uwe Durst für die Novellen und Romane des Bürgerlichen Realismus gar die Möglichkeit einer problemlosen Koexistenz322 von realistischen und phantastischen Elementen, solange der Umsturz in diesem Verhältnis zugunsten des Wunderbaren oder die Situation der offenen Konkurrenz zwischen wunderbarer Abweichung und realistischer Norm ausbleibt. Immer vorausgesetzt, die phantastischen Elemente bleiben untergeordnet und werden nicht zur Aushebelung genutzt, erweisen sie sich als begrenzt kompatibel: „Die phantastische Unschlüssigkeit zeigt subsystemisch mithin einen markanten Funktionswandel: Sie stellt das dominante realistische System keineswegs in Frage, sondern stützt es sogar und trägt somit zur Immobilität des realistischen Texts bei.“323 Zudem lässt sich vice versa natürlich konstatieren, dass der Realismus um vieles stärker durch phantastische Elemente geprägt ist, als gemeinhin angenommen. Das ist nur konsequent: Denn wenn Realismus konsensuell erzeugte Weltbilder als maßgeblich für die Gestaltung literarischer Welten akzeptiert, dann erkennt er damit auch an, dass Gesellschaften stets über Vorstellungen des Transzendentalen, Wunderbaren, Dämonischen oder Teuflischen verfügen – und sei es ‚bloß‘ als radikale Konstruktion des Anderen der Kultur. Anders gesagt: In den Novellen des Bürgerlichen Realismus spukt es ständig. Wenn schon nicht in direkt substantieller Form, dann zumindest in den Köpfen ihrer Figuren, wofür der Chinese aus Fontanes Effi Briest nur das augenfälligste einer Reihe an Beispielen ist. Darum können die „Vorstell- 321 Georges Jaquemin: Über das Phantastische in der Literatur. In: Rein A. Zondergeld (Hrsg.): Phaicon 2. Almanach der phantastischen Literatur. Frankfurt am Main: Insel 1975, S. 33–53, zit. S. 49. Vgl. außerdem Roger Caillois: Das Bild des Phantastischen. Vom Märchen zur Science Fiction. In: Rein A. Zondergeld (Hrsg.): Phaicon 1. Almanach der phantastischen Literatur. Frankfurt am Main: Insel 1974, S. 44 - 83, zit. S. 45. 322 Durst 2012 (Anm. 258), S. 59 ff. 323 Ebd., S. 64. Kapitel 4. Phantastik und Fantasy für Kinder und Jugendliche 114 ungen, die eine Kultur von ihren Monstern“ 324 in der Literatur transportiert, wiederum reale Aufschlüsse „über diese Kultur geben, erlauben also einen kulturkritischen Blick. Und ein wesentlicher Bestandteil der kulturellen Vorstellung des Monströsen ist, inwiefern sie mit der Konstruktion von Differenzen verbunden ist. Aus welcher Perspektive wird was beziehungsweise wer als fremd und bedrohlich anders wahrgenommen?“325 Obwohl diese Vorstellungen nicht materiell im realistischen Text in das Geschehen einbrechen müssen – denn das wäre wieder ein Fall für die Phantastik an sich – um Wirkungsmächtigkeit zu entfalten, bleiben sie dennoch als gedankliche Muster und als Diskurselemente im Realismus präsent. Im Bezug auf die phantastische Literatur (sowohl für Kinder und Jugendliche wie auch für Erwachsene) stellt sich also die Frage, inwiefern Phantastik-Theorien die textexterne / außerliterarische Realität als Referenz für die Bewertung innerliterarischer Vorgänge akzeptieren, bzw. inwiefern eine diskursiv erzeugte „Wirklichkeit“ überhaupt als Kriterium für die Klärung des Verhältnisses von Reellem und Imaginärem innerhalb von Texten herangezogen werden kann. Denn letztlich definiert sich der „Begriff des Fantastischen […] aus seinem Verhältnis zu den Begriffen des Realen und des Imaginären“326, die jedoch nicht kategorisch geschieden vorliegen, sondern deren Vermischung Wirklichkeit(en) überhaupt erst erzeugt. Diskursive Wirklichkeit – die minimalistische Definition Eine Verneinung der außerliterarischen Realität als Bewertungsgrundlage für den Realitätsstatus innerliterarischer Phänomene verfolgt vor allem die sogenannte minimalistische Definition. Sie fasst das Phantastische als rein innertextliches Merkmal auf, das aus der (im Text dargestellten) Pendelbewegung zwischen widerstreitenden Erklärungsmustern für übernatürlich scheinende Phänomene entsteht. Ob diese aus einer außerliterarischen Perspektive somit als realistisch oder phantas- 4.3. 324 Julie Miess: Neue Monster. Postmoderne Horrortexte und ihre Autorinnen. Köln, Weimar: Böhlau Verlag 2010, zit. S. 59 325 Ebd. 326 Todorov 2013 (Anm. 242), S. 34. 4.3. Diskursive Wirklichkeit – die minimalistische Definition 115 tisch anmuten, interessiert dabei nicht weiter, denn die Wahlmöglichkeiten zwischen unheimlichen oder wunderbaren Deutungen sind ausschließlich auf die innere Ordnung des Textes bezogen. Der minimalistische Ansatz basiert somit im engeren Sinne auf Todorovs Kriterium der „Unschlüssigkeit des Lesers“ und den drei Bedingungen des Phantastischen: Das Fantastische verlangt die Erfüllung dreier Bedingungen. Zuerst einmal muß der Text den Leser zwingen, die Welt der handelnden Personen wie eine Welt lebender Personen zu betrachten, und ihn unschlüssig werden lassen angesichts der Frage, ob die evozierten Ereignisse einer natürlichen oder einer übernatürlichen Erklärung bedürfen. Des weiteren kann diese Unschlüssigkeit dann gleichfalls von einer handelnden Person empfunden werden; so wird die Rolle des Lesers sozusagen einer handelnden Person anvertraut und zur gleichen Zeit findet die Unschlüssigkeit ihre Darstellung, sie wird zu einem der Themen des Werks; im Falle einer naiven Lektüre identifiziert sich der reale Leser mit der handelnden Person. Dann ist noch wichtig, daß der Leser in bezug auf den Text eine bestimmte Haltung einnimmt: er wird die allegorische Interpretation ebenso zurückweisen wie die ‚poetische‘ Interpretation.327 Programmatisch hält Uwe Durst im Anschluss an Todorov fest: „Die fiktionsexterne Wirklichkeit ist als literarische Größe disqualifiziert. Davon abgesehen, daß die Vorstellung einer absoluten Wirklichkeit heutzutage nicht mehr haltbar ist, muß der oft behaupteten Fähigkeit der Literatur zu authentischer Wirklichkeitsdarstellung mit erheblichen Zweifeln begegnet werden“328. Weitergedacht kommt „die Wirklichkeit“ demnach außerliterarisch ebenso diskursiv zustande, wie innerliterarisch im Modus der Phantastik: als Dialog und Verhandlungsprozess zwischen verschiedenen Sphären, bei dem letztlich partiell ununterscheidbar wird, was wahr und was Trug, was real und was imaginär ist. Mehr noch: In der phantastischen Erzählung wird Imaginäres real – und Reales imaginär. Die Unschlüssigkeit des Lesers beruht somit nicht auf einem schlichten Informationsdefizit über die Verhältnisse, ist also keine bis zum Ende verhinderte Aufklärung wie im Kriminalroman, sondern entsteht aus der omnipräsenten Wahlmöglichkeit zwischen konkurrierenden Erklärungsmodellen, die jeweils über eigene logische Konsis- 327 Ebd., S. 43 f. 328 Durst 2001 (Anm. 284), S. 69. Kapitel 4. Phantastik und Fantasy für Kinder und Jugendliche 116 tenz und Überzeugungskraft verfügen. Das Phantastische ist dadurch mit dem steten Zweifel an ihm verquickt. Dieser Zweifel erstreckt sich dabei nach beiden Seiten. Pointiert formuliert: Wird die im Text immer wieder perfekt angestellte Täuschung durch Dritte, das stets gemutmaßte Vorgaukeln von Übernatürlichem nicht irgendwann unwahrscheinlicher, als die tatsächliche Rückkehr einer Person aus dem Reich der Toten? Sobald man sich laut Todorov aber „für die eine oder die andere Antwort entscheidet, verläßt man das Fantastische und tritt in ein benachbartes Genre ein, in das des Unheimlichen oder das des Wunderbaren.“329 Nur wenn die Ambivalenz über das Ende des Textes hinaus im Leser gewahrt wird, die abschließende Erklärung also ausbleibt, entsteht nach Todorov das genuin Phantastische: „‚Ich war nun fast bereit, zu glauben‘: in dieser Formel findet der Geist des Fantastischen komprimiert Ausdruck“330, während der „uneingeschränkte Glaube ebenso wie die absolute Ungläubigkeit […] aus dem Fantastischen“331 wieder herausführen würden. Wobei Glaube und Ungläubigkeit sich nicht darauf beziehen, ob die Leserinnen und Leser als Personen die Geschehnisse innerhalb ihrer Auffassung von außerliterarischer Realität für potentiell möglich oder unmöglich erachten, sondern ob sie ihnen in der innerliterarischen Wirklichkeit als real gelten können. „Der Bruch, der den phantastischen Werken essentiell zukommt, darf nicht an außerliterarischen Gesetzen gemessen werden, sondern ergibt sich aus dem Verlassen der fiktiven Logik (allgemein als ‚realistisch‘ oder ‚empiristisch‘ umschrieben), unter der ein Werk angetreten ist.“332 Für die KJL-Forschung bringt dieser Ansatz das bereits angesprochene, gravierende Methodenproblem mit sich. Todorov setzt für seine Konzeption der Unschlüssigkeit in der Begegnung mit dem Phantastischen als konstitutiv an, dass realistisch-kritische und wunderbar-ima- 329 Todorov 2013 (Anm. 242), S. 34. 330 Ebd., S. 41 f. 331 Ebd. 332 Dieter Penning: Die Ordnung der Unordnung. Eine Bilanz zur Theorie der Phantastik. In: Christian W. Thomsen und Jens Malte Fischer (Hrsg.): Phantastik in Literatur und Kunst. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1980, S. 34–51, zit. S. 37. 4.3. Diskursive Wirklichkeit – die minimalistische Definition 117 ginäre Weltsicht überhaupt miteinander in Konkurrenz treten können: um so den phantastischen Bruch zu erzeugen. Da die Darstellung des Phantastischen meist aus Sicht eines Protagonisten erfolgt (zweite der geforderten Bedingung) und dieser Protagonist im überwiegenden Teil der KJL selbst von kindlicher Beschaffenheit ist, da er sich „im Gegensatz zu den [übrigen] Erwachsenen noch ein Gespür für das Andere und Wunderbare bewahrt hat“333, wird diese Art der Differenzierung zwischen „ontologischen Ebenen“334 fast unmöglich. Das kindliche Bewusstsein335 verfährt integrativ und leitet so in einen geistigen Zustand über, in dem Wunderbares und Unheimliches eine widerspruchsfreie Koexistenz eingehen können. Dass Klassiker der phantastischen KJL (von Carroll bis zu Lindgren und Nöstlinger) zusätzlich häufig eine stark personell geprägte Erzählsituation für ihre Darstellung bevorzugen und „[k]onsequent aus der Sicht der Protagonist[en] erzählt“336 sind, vertieft dieses Problem der Ununterscheidbarkeit verschiedener Realitäts-Ebenen zusätzlich. Dargestellt wird somit nicht die durch den Bruch hervorgerufene Unschlüssigkeit, sondern die Vermeidung eines Bruchs durch die Leistungen eines kompilierenden Verstandes. Da das genuin Phantastische, wie in Todorovs Schema ausgearbeitet, in der KJL darum nur in äußerst marginalisierter Form vorkommt (eines der raren Beispiele wäre Benno Pludras Das Herz des Piraten), sind die Kategorien des Fantastisch-Unheimlichen und des Fantastisch- Wunderbaren für die Definition phantastischer KJL nur sehr begrenzt tauglich. Jedoch können sie im Umkehrschluss zur Erarbeitung interpretatorischer Perspektiven auf den Text dienen. Aus dem Definitionsansatz lässt sich somit ein Interpretationsansatz modellieren: Ein minimalistischer Interpretations-Ansatz gegenüber phantastischen Texten der KJL versucht eine Differenzierung der Realitätsebenen innerhalb der Diegese. Diese treten zwar nicht zwangsläufig miteinander in Konkurrenz, sind aber dennoch potentiell beide angelegt. 333 Heinrich Kaulen: Wunder und Wirklichkeit. Zur Definition, Funktionsvielfalt und Gattungsgeschichte der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur. In: Julit Jg. 14 / H. 1 (2004), S. 12–20, zit. S. 15. 334 Henning Kasbohm bezieht sich hier auf José Martínez. Kasbohm 2012 (Anm. 287), S. 49. 335 Bzw. dessen erzählerische Darstellung. 336 Nickel-Bacon 2016b (Anm. 70), S. 8. Kapitel 4. Phantastik und Fantasy für Kinder und Jugendliche 118 Dem minimalistischen Ansatz liegt das Bewusstsein um die Irrealität der Vorgänge zu Grunde: Er versucht die Erzählstimme zu entlarven, bzw. definitive Klarheit darüber zu erlangen, ob „wunderbare“ oder „unheimliche“ Vorgänge ablaufen. Exemplarisch ziehe ich zwei Texte von Astrid Lindgren heran: In Mio, mein Mio tritt der neunjährige Waisenjunge Bosse mittels eines Flaschengeists in eine Parallelwelt (das sogenannte „Land der Ferne“) über. Bosses in der Realität verschwundener Vater herrscht dort als König. Bosse, der im Land der Ferne den Namen Mio trägt, gelingt es im Folgenden das Land der Ferne von der Bedrohung durch den Ritter Kato zu erlösen. Einer minimalistischen Perspektive nach stellen Bosses Trauma des abwesenden Vaters und die damit einhergehenden sozialen und emotionalen Restriktionen den Impetus einer phantastischen Kompensations-Erzählung dar, welche die Probleme des Alltags durch Fiktionalisierung zeitweilen auflöst. Die Geringschätzung, die Bosse von seinem Umfeld erfährt, kompensiert der Protagonist, der zugleich die Erzählfigur darstellt, also erzählerisch: Bosses realer Vater, von dem es heißt er sei ein Nichtsnutz, kehrt gespiegelt in der Figur des Königs in der Parallelwelt wieder. Als Personifikation von Bosses Vaterwünschen erscheint er als gütiger, reicher, vertrauender Herrscher. In dieser Inversion der sozialen Hierarchie ist Bosse als Prinz gleichsam privilegiert. Auch der gegenüber Bosse stets bevorzugte Freund Benka erscheint als Transformation im Phantasie-Land. Er ist als der Freund und Helfer Jum-Jum integriert, als ein dem Helden untergeordneter Side-Kick. Phantastisches Erzählen wird hier zum „Mittel, Befürchtetes, Entbehrtes und Fehlendes, Kritisierbares und Wünschbares/Utopisches sichtbar zu machen oder in einem projektiven therapeutischen Prozeß die aus dem Mangel hervorgehenden Verwundungen zu, heilen’.“337 Das Phantastische betritt also nicht erst mit dem Erscheinen der wunderbaren Figur des Flaschengeists den Text, sondern ist bereits früher präsent, sobald Bosse beginnt, reale Ereignisse, wie den Erhalt einer 337 Gerhard Haas: Phantastische Literatur für junge Leser. In: Günter Lange und Wilhelm Steffens (Hrsg.): Literarische und didaktische Aspekte der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur. Würzburg: Königshausen & Neumann 1993, S. 129 - 132, zit. S. 131 f. 4.3. Diskursive Wirklichkeit – die minimalistische Definition 119 Postkarte und eines Apfels (der wohl als Lohn dafür dient, die Postkarte ordnungsgemäß aufzugeben) umzuwerten und durch Erzählmechanismen neu zu gestalten. Die am Beginn des Buchs erwähnten Zeitungsnotizen, die das Verschwinden Bosses bekanntmachen und Hinweise erbitten, die zu seinem Auffinden führen können, sind weitere Indizien für das soziale Geltungsbedürfnis, das der Geschichte als Auslöser und Movens des Erzählens zugrunde liegt: Der Autorin ist die implizite Doppelperspektive von (erwachsenem) Realismus und (kindlichem) Wunderglauben vollkommen bewusst. In einem Interview erläutert sie: „Gewiss glaubt ein erwachsener Leser – sogar ich –, dass Mio voller Sehnsucht auf seiner Bank in Tegnèrlunden sitzt, ebenso einsam wie jemals zuvor. Jedoch wissen alle Kinder, auch ‚das Kind in mir‘: Mio ist im Land der Ferne und hat es gut, so gut bei seinem Vater, dem König.“338 In diesem Sinne entwirft die Phantastik innerliterarisch ein fiktives Gegenbild zur herrschenden Wirklichkeit. Die bestehenden Verhältnisse in Familie, Schule, Gesellschaft und Politik können sich in diesem Gegenentwurf verfremdet spiegeln und damit umso klarer erkannt und kritisiert werden (emanzipatorische Funktion). Aber auch da, wo die kompensatorische Funktion dominiert und die Lektüre primär der Befreiung von belastenden Alltagsnöten und Konflikten dient, kann sie einen Beitrag zur Relativierung der herrschenden Realitätsmuster und Weltbilder leisten.339 Astrid Lindgrens Die Brüder Löwenherz ist in minimalistischer Weise ähnlich zu entschlüsseln: Beim Versuch den schwerkranken Karl vor einer Feuersbrunst zu retten, stirbt dessen älterer, allseits beliebter Bruder Jonathan. Karl überlebt das Unglück und sieht sich den stummen Vorwürfen seiner Mutter ausgesetzt, dass indirekt er für den Tod Jonathans verantwortlich ist – Trost bietet ihm nur die Paradies-Erzählung vom Land Nangijala, in dem Jonathan ihm ein Wiedersehen nach dem Tod versprochen hat. Nach minimalistischer Perspektive verfällt Karl durch seine mehrfach beschriebene Krankheit in einen Fiebertraum, der in Nangijala erträumen lässt. Karls körperliche Defizite sind in der Fantasiewelt kompensatorisch aufgehoben: Er ist nicht mehr bettlägerig, wohnt statt in einer ärmlichen Dachkammer auf einem großzügi- 338 Nickel-Bacon 2016b (Anm. 70), S. 2. 339 Kaulen 2004 (Anm. 333), S. 19. Kapitel 4. Phantastik und Fantasy für Kinder und Jugendliche 120 gen Gutshof, verfügt über ein eigenes Pferd und trifft vor allem seinen geliebten Bruder Jonathan wieder, mit dem er zahlreiche Abenteuer besteht – ähnlich wie in Mio, mein Mio wird die Welt durch den Sieg über einen Gewaltherrscher (Tengil) von den Brüdern errettet. Es führt die minimalistische Lesart also vornehmlich ins Fantastisch-Unheimliche und darin, wie bereits Todorov in seiner These von der Substitution der Phantastik durch die Psychoanalyse festhält, in psychologisch-unheimliche Deutungsmuster. Die phantastischen Erzählungen dienen der Kompensation und sind somit verschlüsselte Varianten des kindlichen Protests angesichts einer als ungerecht oder rätselhaft empfundenen Realität. In Wolfgang und Heike Hohlbeins Märchenmond ist es die Krankheit der Schwester des Protagonisten, die dessen „Flug“ in die Welt von Märchenmond auslöst: Sie kann nach einer fehlgeschlagenen Operation nur dann aus ihrem Koma erwachen, wenn der Protagonist sie in Märchenmond aus den Fängen des bösen Herrscher Boraas befreit. In der Figur des Karlsson vom Dach manifestieren sich hingegen die unterdrückten aggressiven und selbstsüchtigen Potentiale des Protagonisten Lillebrors340, während Benno Pludras Das Herz des Piraten von der „Spannung zwischen einem ernüchternden Kinderalltag und einer phantastisch-exotischen Vaterfigur“341 bestimmt ist. Das Phantastische ist dieser Sichtweise nach somit durchwegs aus jenen psychologischen Umständen bzw. physiologischen Umständen ableitbar, die Todorov als Erklärungen für das Phantastische im Sinne des Unheimlichen angibt. Dadurch kann das Verdrängte in Form psychologisierter, phantastischer Erscheinungen die Protagonistinnen und Protagonisten auch in ihrer ‚realen‘ Welt überfallen. Vor allem im späteren 20. Jahrhundert beginnen Kinder- und Jugendromane zu entstehen, in denen die phantastischen Gefährten ihrer Eigenschaft als positiv besetze Helfer verlustig geworden sind und nun als Bedrohung und Mahnung empfunden werden, sich mit den abseitigen Defiziten der eigenen Existenz auseinanderzusetzen: 340 Vgl. Sanna Pohlmann: Phantastisches und Phantastik in der Literatur: Zu phantastischen Kinderromanen von Astrid Lindgren. Gießen: Johannes Hermann Verlag 2004, S. 64. 341 Nickel-Bacon 2016b (Anm. 70), S. 8. 4.3. Diskursive Wirklichkeit – die minimalistische Definition 121 So läuft in Antonio Martinez-Menchens Pepito und der unsichtbare Hund (1985) der 8-jährigen Hauptfigur ein Hund hinterher, den nur sie wahrnimmt. Der Junge befürchtet daraufhin, verrückt geworden zu sein. […] Wir haben es […] wie in der erwachsenenliterarischen Phantastik mit der Wiederkehr von Verdrängtem und Unterdrücktem zu tun. In Pepitos Fall ist es die gänzlich beiseitegeschobene grauenhafte Vorstellung, dass die kranke Mutter sterben könnte.342 Allerdings ist schon Todorov bewusst, dass eine solche Sondierung, was binnenfiktional als imaginär und was binnenfiktional als real gelten kann, auch stets die Gefahr in sich birgt, Produkte des Fabulierens bloß als literarische Werkzeuge zur Selbsttherapie misszuverstehen. Objektive Wirklichkeit(en) – Die maximalistische Definition Todorovs Kriterium des grundsätzlichen „Zweifel[s] an der binnenfiktionalen Tatsächlichkeit des Übernatürlichen“343 schließt beispielsweise Fantasy, Science-Fiction, Märchen, Legende oder Utopie von vornherein aus der Gattung des Phantastischen aus, da diese Genres nicht durch den fundamentalen Zwiespalt zweier Realitätsebenen bestimmt sind, welcher im Leser die gattungskonstituierende Unschlüssigkeit hervorruft. Das Kriterium des maximalistischen Zugangs ist daher nicht von der werkimmanent realisierten Unschlüssigkeit bestimmt, die eine Figur – und mit ihr das Publikum – angesichts übernatürlich scheinender Ereignisse befällt, sondern durch den werkexternen, vom „kulturellen Diskurs abhängigen Code des Möglich-Unmöglichen“344 geregelt: Im Text ist phantastisch, was außerhalb des Textes als unmöglich gilt und somit von einem konsensuell entwickelten Wirklichkeitsbegriff ostentativ abweicht. In dieser Hinsicht steht mit Renate Lachmann an zu „behaupten, dass die Phantastik als Fiktionshäresie operiert, indem sie mit den Regeln spielt, die eine Kultur für ihren Fikti- 4.4. 342 Ewers 2013 (Anm. 59), S. 287 f. 343 Durst 2001 (Anm. 284), S. 27. 344 Stephan Michael Schröder: Literarischer Spuk: Skandinavische Phantastik im Zeitalter des Nordischen Idealismus. Diss., Berlin 1994. Zitiert nach Durst 2001 (Anm. 284), S. 55. Kapitel 4. Phantastik und Fantasy für Kinder und Jugendliche 122 onsdiskurs geltend macht.“345 Die Phantastik diskutiert damit implizit die Regeln des gesellschaftlichen Realitätsdiskurses und wirkt somit auch auf den außerliterarischen Wirklichkeitsbegriff rück. Bezieht man sich auf das jeweilige Realitätsverständnis einer Epoche, gehören zur Phantastik im maximalistischen Sinne somit all jene Texte, in denen „Inhalte dargestellt werden, die nach allgemeinem Verständnis unmöglich sind“346, etwa wenn in der fiktiven Welt „die Naturgesetze verletzt werden“347 und so Handlungen vollzogen werden, die allgemein als unmöglich gelten. Da dieses Verständnis als besonders stark zeitgebunden erscheint, ist vom jeweiligen „epochenspezifischen Erfahrungshorizont“ auszugehen: Danach ist Phantastisches dadurch gekennzeichnet, daß es von den Wahrscheinlichkeiten einer bestimmten historisch sozialen Erfahrungswirklichkeit – der sogenannten „realistischen Fiktion“ […], bei der Elemente gemäß der Logik ihrer Verknüpfung in der realen Welt auch in der künstlerischen Darstellung miteinander verbunden sind –, dadurch weit abweicht, daß auf der Ebene der literarischen Darstellung die Elemente […] so miteinander in Verbindung gesetzt werden, wie das in der empirischen Wirklichkeit nicht oder noch nicht möglich ist. Dabei werden die Gesetze der Logik, auch wenn für das inkompatibel erscheinende Zusammenspiel der Elemente eine rationale oder pseudorationale Erklärung gegeben wird (Science Fiction), zumeist bewußt durchbrochen oder aber ausgeweitet. Mit anderen Worten: Auf der Ebene der Darstellung erscheint Unmögliches als möglich und wird eine die Grenzen empirischer Wirklichkeit überschreitende künstlerische Spielwelt aufgebaut. Dabei ist zu beachten, daß die „Erkenntnis“ des Möglichen historisch determiniert ist und damit auch das, was zu einem bestimmten Zeitpunkt für phantastisch gehalten wird oder auch nicht, Wandlungen unterliegt.348 Aus maximalistischer Perspektive sind all jene Texte der Phantastik zuzuordnen, deren Inhalte in wesentlichem Ausmaß von Ereignissen geprägt sind, welche der Realitätsauffassung eines neuzeitlich-naturwissenschaftlichen Denkens widersprechen – oder zumindest dem, was zur jeweiligen Zeit der Entstehung des Textes dafür gegolten hat. Be- 345 Lachmann 2002 (Anm. 115), S. 97. 346 Weinreich 2012 (Anm. 200), S. 19 f. 347 Durst 2001 (Anm. 284), S. 27. 348 Carsten Gansel: Von Gespenstern, Cyberspace und Abgründen des Ich. Teil 1. 1001 Buch, H. 2 / 1998. S. 15–26, zit. S. 20 f. 4.4. Objektive Wirklichkeit(en) – Die maximalistische Definition 123 dacht werden muss daher, wie Carsten Gansel in Anschluss an Maria Lypps Thesen formuliert, ein Set sogenannter „Historizitätsvariablen“, von denen der konsensuell erzeugte Wirklichkeitsbegriff als besonders entscheidend gilt: Denn in einer Epoche, da das menschliche Bewußtsein der Wirklichkeit ein latent phantastisches Potential zugesteht, wo der Glaube an Geister, Werwölfe, Vampire, Hexen oder das Weiterleben nach dem Tod noch ungebrochen existiert, wo das Wunderbare noch nicht verdrängt ist und man der Existenz magischer Kräfte die gleiche Existenz zuschreibt wie wissenschaftlich erklärbaren Phänomenen, wird ein Text, in dem ein solches „Ereignis“ eine Rolle spielt als „nicht phantastisch“ und damit als „mimetisch“ bzw. „realistisch“ gelten. Das hat Folgen: Ein und dasselbe Phänomen, also etwa das Vorkommen eines Geistes, kann je nach dem existierenden kulturellen System „phantastisch“ oder eben „nicht phantastisch“ sein.349 Jules Vernes „rollendes Haus […] das gleichzeitig ein Wagen“350 ist, parkt heute, wenn auch benzinbetrieben, auf jedem Campingplatz – und ist nicht mehr phantastisches Objekt eines privilegierten Einzelnen, sondern in seiner massenhaften Ansammlung als Trailer-Park kapitalistisch hervorgebrachtes Elend. Georges Méliès Reise zum Mond? Kostspielig, aber technisch kein allzu gravierendes Problem mehr. Wobei Ludwig Wittgenstein 1952 – noch dazu in seinem Band Über Gewißheit – festhielt: „Wir alle glauben, es sei unmöglich, auf den Mond zu kommen; aber es könnte Leute geben, die glauben, es sei möglich und geschehe manchmal. Wir sagen: diese wissen Vieles nicht, was wir wissen. Und sie mögen ihrer Sache noch so sicher sein – Sie sind im Irrtum, und wir wissen es.“351 Es sollte gerade einmal 17 Jahre dauern, bis die technischen Möglichkeiten die Philosophie überholt hatten. In der Bewertung dieses Fortschritts unterscheiden sich historische und ahistorische Bestimmungen des Phantastischen. Je nachdem ob die binnenfiktionalen Unmöglichkeiten nach dem Erkenntnishorizont der Entstehungszeit des Textes (historisch) oder dem Zeitpunkt der Untersuchung (ahistorisch) als solche identifiziert werden, spricht man von historisch bzw. ahistorisch maximalistischen Definitionen. 349 Ebd., S. 21. 350 Jules Verne: Das Dampfhaus. Berlin: Hofenberg 2015. 351 Ludwig Wittgenstein: Über Gewissheit. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1971, S. 76 f (= Notiz 286). Kapitel 4. Phantastik und Fantasy für Kinder und Jugendliche 124 Die Phantastik stellt aus maximalistischer Perspektive somit einen generellen Rekurs auf einen „Konsens über die Realitätsauffassung im Rahmen eines bestimmten kulturellen, sozialen und historischen Kontextes“352 dar. Demzufolge wäre auch jede „realistische Epistemologie als kontextabhängig zu bezeichnen“353 und deren Erkenntnisse damit als veränderlich. Denn letztlich ist Realität, wie Walter Moers in Wilde Reise durch die Nacht parodistisch verknappt formuliert, eine „Art Brei, in dem alle rühren.“354 Dass sich vieles, was den Zeitgenossen als wissenschaftlich gesicherte Tatsache galt, mittlerweile als Fiktion entpuppt hat (und umgekehrt), tut der Zuordnung zur Phantastik in maximalistisch-historischer Perspektive keinen Abbruch. Das Phantastische wird nicht mehr auf ein Dasein als strukturelle Besonderheit reduziert, sondern gewinnt als Schnittpunkt gesellschaftlicher Diskurse an Bedeutung, indem es per definitionem auf außerliterarische Vorstellungen bezogen wird. Vor allem Gattungen, die minimalistischen Zugängen nach aus der Phantastik ausscheiden würden, werden aus maximalistischer Sicht verstärkt auf ihren chiffrierten Realitätsgehalt hin befragbar. Die ahistorische Perspektive nimmt hingegen keinen diachronen, sondern einen synchronen – also gegenwärtigen – Wissenskanon zur Klassifizierung des Phantastischen an: rückwirkend können Texte das Genre des Phantastischen also (erneut) betreten oder verlassen. Eine Beschreibung des Phantastischen (oder Realistischen) alleinig nach ahistorischer Realitätsauffassung ist jedoch schon darum methodisch unvollständig, da diese Sichtweise voraussetzt, über ein objektiv-endgültiges Bild der Realität als Bewertungsgrundlage verfügen zu können, das in seiner Vollständigkeit keiner weiteren Veränderung (also Entwicklung) mehr bedarf. Ein maximalistischer Interpretations-Ansatz nimmt die Erzählinhalte als Teil des Fantastisch-Wunderbaren oder Instrumentell-Wunderbaren ernst. Da auf eine unheimliche „Entlarvung“ verzichtet wird, 352 Ekkehard Knopke: Der phantastische Apparat des Herrn Nemo: Phantastische Medien I Medien der Phantastik in 20.000 Meilen unter den Meeren. In: Zeitschrift für Fantastikforschung. Herausgegeben von Daniel Illger, Jacek Rzeszotnik und Lars Schmeink. H. 2 / 2014, S. 33–52, zit. S. 43 f. 353 Knopke 2014 (Anm. 352), S. 44. 354 Moers 2003 (Anm. 129), S. 156. 4.4. Objektive Wirklichkeit(en) – Die maximalistische Definition 125 passieren sie im Text als solche. Dass eine phantastische Schwelle bzw. ein Bruch zwischen Wirklichkeitsebenen vorliegt, akzeptieren somit sowohl maximalistische als auch minimalistische Sichtweisen, der Unterschied liegt darin, ob dieser „Riss“355 an Innerem oder Äußerem gemessen wird und wo er somit verläuft. Nach maximalistischer Sicht tritt Bosse in Astrid Lindgrens Mio, mein Mio nicht schon durch die Kraft seiner Erzählung ins ersponnene Land der Ferne über, sondern erreicht dieses über jenes Portal, das im Text ausgewiesen wird: Der Flaschengeist fliegt mit ihm zum Land hinter den Sternen. Phantastisch wird der Text also erst mit der Verwandlung des Apfels in Gold und dem erstmaligen Erscheinen des Geistes. Genauso ist in Die Brüder Löwenherz der Tod Karls de facto als die Schwelle anzusehen, über die Nangijala erreicht werden kann. Das Wunderbare erscheint nicht als Produkt eines überspannten kindlichen Intellekts unter der direkten Einwirkung des Fiebers, sondern als zweite Ebene der Realität und somit als ein Parallelreich zur innertextlichen Alltagswirklichkeit, für den der Tod als Durchgangsort fungiert. Phantastik als Ausdrucksform – Maximalistische Interpretation Von definitorischen Ansätzen, die sich aus einer Analyse der literarischen Techniken und den Strategien der (Ent-)Täuschung der Leserschaft herleiten, bleibt die generelle Frage, warum die Phantastik von solch „immenser Relevanz für das Individuum und die Gesellschaft“356 ist, noch weitgehend unberührt. Die Antwort hierauf entspringt vermehrt poetologischen – also im erweiterten Sinne maximalistischen – Überlegungen: Wenn sich der maximalistische Ansatz stärker auf den außerliterarischen Code des Möglich-Unmöglichen bezieht, wird insbesondere die Anbindung der phantastischen Literatur an gesellschaftliche Diskursfelder sichtbar gemacht. In diesem Sinne ist die Phantastik, „welch realitätsfernes Ausmaß sie auch kennzeichnen mag, zurückzuführen auf die konkrete Leistung eines kompilie- 4.4.1. 355 Roger Caillois: Das Bild des Phantastischen. Vom Märchen zur Science Fiction. In: Rein A. Zondergeld (Hrsg.): Phaicon 1. Almanach der phantastischen Literatur. Frankfurt am Main: Insel 1974, S. 44 - 83, zit. S. 45. 356 Weinreich 2012 (Anm. 200), S. 24. Kapitel 4. Phantastik und Fantasy für Kinder und Jugendliche 126 renden Verstandes, rückführbar auf einen sie bestimmenden und bestimmbar machenden selektiven bzw. diskursiven Prozeß, eine spezifische Merkmalbildung, den Substratcharakter ihrer Produkte.“357 Anders formuliert: Die Phantastik stellt eine besondere Art literarischen Ausdrucks dar, ein Modus mit Affinitäten zum bildlichen Sprechen über Realitäten. Während der minimalistische Ansatz Wunderbares mit Unheimlichem kontrastiert und somit sekundäre Bedeutung verdeckt, untersucht der maximalistische Ansatz welche Bedeutungspotentiale die imaginativen Bilder der Phantastik im Bezug auf gesellschaftliche Diskurse vermitteln können. Wenn das Ausloten oder Auflösen der Unschlüssigkeit aufgegeben wird, rücken nämlich anderweitige Bedeutungspotentiale der Phantastik in den Mittelpunkt: welche Aussagen sie als besondere Form der Literatur über die Wirklichkeit trifft. Beispielsweise welche kulturellen Idealvorstellungen vom Paradiesischen, Guten oder Bösen bereits in der KJL-Phantastik vermittelt werden, welche anthropologischen Rollenzuschreibungen sie erfüllt (oder auflöst) und welche sozialen Wertigkeiten als besonders relevant für die Entwicklung zum mündigen Gesellschaftsteilnehmer unter verschärften Bedingungen herausgestellt werden – wenn man kein „Häuflein Dreck“ bleiben will, wie es Karl in Die Brüder Löwenherz formuliert. Somit gilt für die (KJL-)Phantastik auch, was Holger Nielen im Rückgriff auf Guthkes Charakterisierung der Science-Fiction festhält: „So wenig die Theologie einen Beitrag zur Erkenntnis Gottes leiste, so wenig leiste die Science-Fiction einen Beitrag zur Erkenntnis der Aliens […]. Beide aber leisteten einen Beitrag zur Erkenntnis des Menschen.“358 Wir spiegeln uns in dem Höheren und Anderen, das wir erschaffen. Es handelt sich bei der Phantastik also um eine Form „fiktiver Anthropologie“359, nach Renate Lachmann gar um eine „Meta-An- 357 Reiner Matzker: Inszenierte Phantasie. Betrachtungen zur Bedeutung eines ästhetischen Kalküls. In: Hans Schumacher (Hrsg.): Phantasie und Phantastik. Neuere Studien zum Kunstmärchen und zur phantastischen Erzählung. Frankfurt am Main: Peter Lang 1993, S. 11. 358 Holger Nielen: Eschatologische und geschichtsphilosophische Motive in der Science-Fiction. In: Zeitschrift für Fantastikforschung. Herausgegeben von Daniel Illger, Jacek Rzeszotnik und Lars Schmeink. Heft 2 / 2011, S. 1–34, zit. S. 2. 359 Ebd. 4.4. Objektive Wirklichkeit(en) – Die maximalistische Definition 127 thropologie“360, die als solche immer mit gesellschaftlichen Diskursen aufgeladen ist: „Märchenhafte Wesen provozieren ethische Fragen, die durchaus das soziale Zusammenleben in einer zeitgenössischen Realität betreffen“ 361 können. Dorothee Girndt-Dannenberg hat in Auseinandersetzung mit Klassikern der phantastischen KJL bereits 1977 einen Ansatz entwickelt, der die Phantastik als Möglichkeit zur Formung übertragbarer Bedeutungen begreift. Es handelt sich laut Girndt-Dannenberg bei phantastischen Welten um „modellhaft vereinfachende Darstellung des Komplizierten, Auflösung des Komplexen in einzelne Faktoren, [die] Bildung anschaulicher Analogien zu unanschaulichen Sachverhalten ohne Verarmung und simplifizierende Verfälschung der Darstellung“362 erlauben. Die Phantastik ist in diesem Sinne keine eigenständige Gattung, sondern eine besondere Artikulationsform, die chiffrierte Aussagen über die Wirklichkeit in einer Deutlichkeit erlaubt, dass ihre Inhalte wiederum als (rück-)übertragbar auf die Realität erkannt werden. Die Gewaltherrscher und Diktatoren in Lindgrens Mio, mein Mio sind somit nicht bloß als die monströs vergrößerten, ungeliebten Pflegeeltern aus der Primärwelt des Textes (minimalistische Perspektive) deutbar, sondern sie verkörpern abstrakte Modelle von Diktaturen und Herrschaftssystemen (maximalistische Perspektive) an sich – und als solche sind sie als Mechanismen der Unterdrückung analysierbar, wie es Astrid Lindgren auch in die Die Brüder Löwenherz vorgeführt hat. Selbiges gilt für den gelben „Dschinn in Cornelia Funkes Emma und der Blaue Dschinn und Evil der Fürchterliche in Kirsten Boies Der durch den Spiegel kommt“363, aber auch für Otfried Preußlers Krabat oder Käthe Recheis‘ Der weiße Wolf. Wie Preußler weist Recheis im Vorbericht ihres Romans explizit auf „die Erfahrung mit der Diktatur Hitlers und auf die gegenwärtige Umweltschutzproblematik hin. Die- 360 Lachmann 2002 (Anm. 115), S. 9. 361 Nickel-Bacon 2008 (Anm. 67), S. 396. 362 Dorothee Girndt-Dannenberg: Zur Funktion phantastischer Elemente in der erzählenden Jugendliteratur. In: Ernst Gottlieb von Bernstorff (Hrsg.): Aspekte der erzählenden Jugendliteratur. Eine Textsammlung für Studenten und Lehrer. Baltmannsweiler: Schneider Verlag 1977, S. 149–187, S. 182. 363 Pfennig 2014 (Anm. 208), S. 178. Kapitel 4. Phantastik und Fantasy für Kinder und Jugendliche 128 ses Problemfeld – Diktatur und Tod der Natur – bestimmt die phantastische Handlung, die so unverkennbar Parabelstruktur erhält.“364 Auch Gudrun Pausewang nutzt in Die Wolke die Ausdrucksmöglichkeiten phantastischen Schreibens um „rückhaltlos zu schockieren“365 und emotionale wie geistige Aufmerksamkeit zu erzeugen – um in weiterer Folge „zum Widerstand gegen die friedliche wie kriegerische Nutzung der Atomkraft aufzurufen.“366 Christine Nöstlingers Wir pfeifen auf den Gurkenkönig von 1972 kann gar als Analyse einer von patriarchaler Verfügungsgewalt bestimmten Familienauffassung anhand einer phantastischen „Familienaufstellung“ verstanden werden: Die „unförmige, herrschsüchtige und narzisstische Jenseitsfigur des Gurkenkönigs [kann] als eine Abspaltung der Vaterimago des kindlichen Helden angesehen werden, gegen den man sich ohne Gewissensbisse zur Wehr setzen kann.“367 Die Isolation eines Einzelaspektes durch dessen (phantastische) Personifikation legt die problematischen Züge des Vaters für eine kritische Analyse überhaupt erst frei. Analog zur spielerisch-unterhaltend verfahrenden Phantastik aus dem Bereich der KJL hat sich somit eine Tradition entwickelt, welche die Phantastik als kritisches Medium begreift, in dem sich Sachverhalte abstrahierend darstellen und somit umfassender analysieren lassen. Das bringt die Phantastik als Art metaphorischen Sprechens mit kritischen Intentionen erneut in Nähe zur Allgemeinliteratur, in der diese Schreibweise – etwa in George Orwells Animal Farm (1945) oder Art Spiegelmans Maus (ab 1980) – ebenfalls zur modellhaften Analyse politischer Zusammenhänge angewendet wird: Egal, ob George Orwell oder Jason Dark – die Phantasten porträtieren die Realität, und alle ihre Phantasmen sind nur Metaphern, im substitutionstheoretischen Sinne, für menschliche Lebenswirklichkeiten. Diese Lebenswirklichkeit unterliegt Regeln und Gesetzmäßigkeiten, die den Erzählenden inhaltliche Beschränkungen auferlegen, die diese nur abstreifen können, wenn sie eigene Welten erschaffen, die sie sich so einrichten, 364 Haas 1984 (Anm. 80), S. 278. 365 Nickel-Bacon 2016b (Anm. 70), S. 9. 366 Ebd. 367 Ewers 2013 (Anm. 59), S. 288. 4.4. Objektive Wirklichkeit(en) – Die maximalistische Definition 129 dass sie das am besten herausarbeiten können, was genau sie sagen und erzählen wollen.368 Die Inhalte einer kritischen (KJL-)Phantastik sind also nicht darauf hin angelegt, dass sie vom Daseinsernst weitest möglich entführen, sondern in ihrer (Rück-)Übertragbarkeit auf die Realität des Rezipienten verständlich werden. Das gilt im Weiteren auch für Kirsten Boies Prinzessin Rosenblüthe oder Mira Lobes Die Omama im Apfelbaum, die als Geburtshelferin einer sozial engagierten Handlungsweise fungiert. Insofern phantastische Narrative also „den Transfer zur aktuellen Erfahrungswelt des Rezipienten erlauben, gewinnen sie subversive Kraft, mobilisieren im besten Fall gegen widrige Verhältnisse“369. Sie analysieren die Realität ohne sie direkt zu zeigen, wirken als aufklärerische Literatur mit kritischer Intention oder verfolgen, wie im Falle von Walter Moers‘ Zamonien-Romanen, zusätzlich eine dezidierte Vermittlungs- und Bildungsintention. Diese „semantische[n] Funktionen“370 sind selbstredend nicht auf das Feld der KJL beschränkt, vielmehr scheinen sie integraler Bestandteil gewisser phantastischer Erzählformen auch der Allgemeinliteratur zu sein. Die Phantastik benutzt demnach, wie Frank Weinreich in seinem Essay Die Phantastik ist nicht phantastisch festhält, ihre realitätsenthobenen Erzählinhalte vordringlich um „Fokussierungen herzustellen, die mit realweltlichen Inhalten nach Meinung des Erzählers oder der Regisseurin nicht adäquat darstellbar sind“371. So dient das Phantastische primär als Redemittel, als eine rhetorische Strategie zur „Überhöhung oder Pointierung […], um auf die Realität zurückzuverweisen und sie genauer auszuleuchten.“372 Schon Todorov merkt in seiner Untersuchung an, dass das Phantastische in seiner „urtümlichen“ Form aus einer punktuellen Übertreibung der Wirklichkeit entspringt, dem sogenannten „hyperbolisch Wunderbaren“: „Hier sind die Phänomene übernatürlich lediglich aufgrund ihrer Ausmaße, die die uns vertrauten übertreffen. So versichert in den Märchen aus tausendundeiner Nacht Sindbad der Seefahrer, einen Fisch, der zweihun- 368 Weinreich 2012 (Anm. 200), S. 25. 369 Dolle-Weinkauf 1996 (Anm. 61), S. 229. 370 Girndt-Dannenberg 1977 (Anm. 362), S. 182. 371 Weinreich 2012 (Anm. 200), S. 24 f. 372 Ebd., S. 25. Kapitel 4. Phantastik und Fantasy für Kinder und Jugendliche 130 dert Ellen lang war oder auch Schlangen und Vipern, von denen eine jede so lang war wie ein Palmbaum‘“373 gesehen zu haben. Wird rückwirkend die übertragene Bedeutung solch umgangssprachlicher Metaphern wie „baumlang“ oder „haushoch“ ausgesetzt und werden diese statt rhetorisch wörtlich aufgefasst, führt dies nach Todorov zum Phantastischen zurück: Ein Herz, das (im übertragenen Sinne) hart wie Stein ist, wird tatsächlich zum steinernen Herz. Die Grenzen zwischen einer Phantastik, die ausdrücklich immanent verstanden werden will und einer – im weitesten Sinne – parabolisch intendieren Phantastik sind jedenfalls fließend. Dieses ambivalente Verständnis der Phantastik bringt die amerikanische Autorin Ursula K. Le Guin zum Ausdruck, wenn sie die Phantastik als Methode eines uneigentlichen, bevorzugt bildlichen Sprechens versteht. Allerdings rekurriert für sie die Phantastik nicht unmittelbar auf konkrete Sachverhalte, sondern ist Ausdruck einer existentiellen Situation, eines Lebensgefühls, das niemals sprachlich gefasst oder verbalisiert werden kann, sondern überhaupt nur mit und im ambiguitären Bild seinen Ausdruck findet: [R]ealism is perhaps the least adequate means of understanding or portraying the incredible realities of our existence. A scientist who creates a monster in his laboratory; a librarian in the library of Babel; a wizard unable to cast a spell; a space ship having trouble in getting to Alpha Centauri: all these may be precise and profound metaphors of the human condition. The fantasist, whether he uses the ancient archetypes of myth and legend or the younger ones of science and technology, may be talking as seriously as any sociologist – and a good deal more directly – about human life as it is lived, and as it may be lived, and as it ought to be lived.374 Ob und welche realen Sachverhalte also hinter den „anschaulichen Analogien“ der Phantastik erkannt werden, ist nicht zuletzt vom gesellschaftlichen Kontext und der individuellen Situation des konkreten Rezipienten abhängig. Auch phantastische Bilder sind mehrdeutig und haben keine fix umrissene Bedeutung per se, ihre Entschlüsselung kann nur hermeneutisch gelingen. 373 Todorov 2013 (Anm. 242), S. 71. 374 Ursula K. Le Guin: The Language of the Night: Essays on Fantasy and Science Fiction. New York: Putnam, 1979 zit. nach: Weinreich 2012 (Anm. 200), S. 24. 4.4. Objektive Wirklichkeit(en) – Die maximalistische Definition 131 Die KJL zwischen minimalistischer und maximalistischer Genre- Definition. Neophantastik. Modelle der Phantastik Während für die Allgemeinliteratur der Vorzug der minimalistischen und maximalistischen Definitionen vor allem darin besteht, Texte dem Genre des Phantastischen zuordnen zu können bzw. sie aus diesem auszuschließen, wiegt das Problem der KJL mit diesen konkurrierenden Ansätzen, wie bereits angedeutet wurde, weit schwerer. Vor allem die überwiegend personelle Erzählhaltung der kindlichen Helden verkompliziert die Untersuchung: anhand ihrer stellt sich nicht – wie in Todorovs Modell – die Unschlüssigkeit des Lesers in konzentrierter Form anhand der Irritation einer Identifikationsfigur dar, vielmehr drückt sie die widerspruchslose Akzeptanz, ja geradezu die Natürlichkeit unnatürlicher Ereignisse aus. Eine Parallele dieser subjektivistischen Erzählhaltung zur realen Entwicklung des Kindes scheint, wie bereits angemerkt, plausibel. Denn in der Ausprägung kognitiver Fähigkeiten entwickeln Kinder verschiedene Strategien der Realitätsaneignung und durchlaufen so Stadien unterschiedlicher Weltsichten. Die endgültige Wende zum „formalen Denken“ – und damit zur Abstraktionsfähigkeit – vollzieht sich nach Piaget aber erst mit dem elften bzw. zwölften Lebensjahr. Dass die Protagonistinnen und Protagonisten phantastischer Klassiker der KJL häufig genau an der Schwelle zu diesem Lebensalter und damit an einem Punkt stehen, an dem naiv-kindliches und rational-erwachsenes Denken verstärkt aufeinanderprallen und somit verschiedene Weisen der Weltwahrnehmung miteinander in Konkurrenz treten, spricht auch in dieser Hinsicht für eine Sensibilität der KJL für das Zustandekommen von Realitätskonzeptionen. Da eine trennscharfe Unterscheidung nach den letztlich modellhaften minimalistischen und maximalistischen Kriterien in einer Untersuchung der KJL-Phantastik nicht völlig zu erreichen ist, haben sich in der KJL-Forschung „Erklärungsmodelle durchgesetzt, die eine mittlere Position zwischen engeren und weiteren Definitionen“ 375 des Phantastischen einnehmen. Mittlerweile sind drei vordringlich strukturalistisch grundierte Modelle etabliert, die auf Nikolajevas Definitio- 4.5. 375 Rank 2012 (Anm. 204), S. 174. Kapitel 4. Phantastik und Fantasy für Kinder und Jugendliche 132 nen einer offenen, einer implizierten (bzw. impliziten) und einer geschlossenen Sekundärwelt zurückgehen und somit zwischen mehrdimensionalen (ein Konflikt zwischen Realitätsebenen liegt im Text vor) und eindimensionalen Texten (ein solcher Konflikt liegt nicht vor) unterscheiden. Bestimmend ist somit, wie Reinbert Tabbert resümiert, vor allem die Art der Verbindung von „zwei Welten: der ‚primären Welt‘, die dem gleicht, was uns als Wirklichkeit vertraut ist, und der ‚sekundären Welt‘, die durch Merkmale des Magischen gekennzeichnet ist.“376 Natürlich existieren, vor allem in der Forschung zur allgemeinliterarischen Phantastik, auch konkurrierende Struktur-Modelle: Etwa Farah Mendlesohns (ebenso auf die Kontaktform zwischen den Bereichen zurückgehende) Unterscheidung in „portal-quest“, „immersive“, „intrusive“ und „liminale“ Phantastik.377 Allerdings muss sich dabei nicht zwangsläufig, wie Tabbert ausführt, das Phantastische aus einer „Brechung magischer Vorstellungen in einer modernen rationalitätsgeprägten Auffassung von Wirklichkeit“378 ergeben, denn genauso ist die Bestätigung des Wunderbaren und damit die Durchbrechung eines rational geprägten Wirklichkeitsverständnisses in der KJL verbreitet. 376 Reinbert Tabbert. Fantastische Bilderbücher. In: Jörg Knobloch und Gudrun Stenzel (Hrsg.): Zauberland und Tintenwelt. Fantastik in der Kinder- und Jugendliteratur (= Beiträge Jugendliteratur und Medien. 17. Beiheft). Weinheim: Juventa Verlag 2006, S. 119–128, zit. S. 119. 377 Vgl. Mendlesohn 2011 (Anm. 253), S. 93. Mendlesohn argumentiert, dass „es grundlegend vier Kategorien innerhalb des Fantastischen gibt: 'Portal/Suche' (portal-quest), eintauchend (immersive), eindringend (intrusive) und 'Schwelle/Grenze' (liminal). Diese Kategorien werden dadurch bestimmt, wie das Fantastische in die erzählte Welt gelangt. In der portal-quest werden wir ins Fantastische eingeladen, in der intrusion fantasy dringt das Fantastische in die fiktionale Welt ein, in der liminal fantasy schwebt das Magische am Rande unseres Blickfeldes, wohingegen wir ihm in der immersive fantasy nicht entkommen können. Jede Kategorie hat einen bedeutenden Einfluss auf die rhetorischen Strukturen des Fantastischen, wie auch das Genre oder der Ursprungstext, aus dem die Kategorie wie aus einer Wurzel erwächst (taproot text).“ 378 Tabbert 2006 (Anm. 376), S. 119. 4.5. Die KJL zwischen minimalistischer und maximalistischer Genre-Definition 133 Typ A. Implizierte Sekundärwelt In einer realistisch geschilderten Welt („I“) erscheint eine Gestalt oder ein Element, das der Sekundärwelt („II“) entstammt. Zwischen Primär- und Sekundärwelt besteht also eine Überschneidung, eine Art Kontaktzone, ein Durchgangsort bzw. ein Portal. So stellen beispielsweise die detaillierten Schilderungen des alltäglichen Lebens der Londoner Familie Banks die realistische Primärebene dar, die durch das Eintreffen von Mary Poppins um eine Figur aus der Sekundärwelt erweitert wird. Die Erzählinhalte bleiben jedoch in der Primärwelt verhaftet, die Figuren wechseln nicht in die Sekundärwelt über. Als besonders erfolgreiche Variante dieses Modells, in dem ein Besucher aus der Sekundärwelt auftritt, können etwa Michael Endes Momo oder Cornelia Funkes Tintenherz gelten, in dem der in die Primärwelt gelangte Schurke Capricorn seinen Geltungsbereich auszuweiten und so die Primärwelt weitestmöglich zu übernehmen versucht. Diese Grundform „stellt die wohl bekannteste Variante des Phantastischen in der KJL dar und wird […] [seit] den 80er/90er Jahren in vielfach modifizierter Form genutzt. Betrachtet man den aktuellen Literaturprozeß, so lassen sich so unterschiedliche Texte wie Jo Pestums ‚Der Pirat auf dem Dach‘ (1986), Bea de Kosters ‚Verhext und zugenäht‘ (1996), 4.5.1. Kapitel 4. Phantastik und Fantasy für Kinder und Jugendliche 134 [oder] Hans Magnus Enzensbergers ‚Der Zahlenteufel‘ (1997)“379 mit diesem Modell erfassen. Musterbildend wirkte hier E. T. A. Hoffmanns Erzählung Das fremde Kind von 1819. Die Kinder Christlieb und Felix treffen im Wald auf das Wesen des fremden Kindes, das über magische Eigenschaften verfügt und aus seiner Welt – also der Sekundärwelt – in den Wald der Primärwelt entflohen ist. Zwar endet der Text mit dem Versprechen, die ruinierte Familie von Christlieb und Felix mit in die wieder betretbar gewordene Sekundärwelt zu nehmen, allerdings schließt die Geschichte, bevor sich diese glückliche Lösung erfüllt. Die Inszenierung eines flächendeckenden Konflikt zwischen den Welten, der sich von einer ersten Berührungszone, wie in der Mitte des Schemas abgebildet, ausgehend verbreitet, ist unter anderem ein privilegiertes Erzählmuster der Science-Fiction. Roland Emmerichs Independence Day zeigt etwa den Konflikt zwischen einer menschenbewohnten Primär- und einer von Aliens bevölkerten Sekundärwelt, die einen Eroberungskrieg gegen die Menschheit zu führen trachtet. Hier schiebt sich die Sekundärwelt flächendeckend „über“ die Primärwelt. Selbiges gilt für allgemeinliterarische Beispiele wie Karel Čapeks Der Krieg mit den Molchen oder Borges Tlön, Uqbar, Orbis Tertius, „wo die zuvor vom Erzähler entdeckte Parallelwelt von Tlön auf die erzählte Wirklichkeit überzugreifen beginnt.“380 379 Gansel 1998 (Anm. 348), S. 22. 380 Jörg Dünne: Borges und die Heterotopien des Enzyklopäischen. Mediale Raume in der phantastischen Literatur“. In: Clemens Ruthner, Ursula Reber, Markus May (Hrsg.): Nach Todorov. Beiträge zu einer Definition des Phantastischen in der Literatur. Tübingen: Francke 2006, S. 189–208, zit. S. 194. 4.5. Die KJL zwischen minimalistischer und maximalistischer Genre-Definition 135 Typ B. Offene Sekundärwelt Die strukturelle Ähnlichkeit mit Typ A ist bereits auf den ersten Blick evident, das Verhältnis der Wirklichkeitsbereiche zueinander sogar deckungsgleich. Der Unterschied besteht lediglich darin, wer die Kanäle zwischen den Welten wie oft benutzt. Die Unterscheidung zwischen Typ A und Typ B ergibt sich damit nicht aus strukturellen Details, sondern aus inhaltlichen und narrativen Gesichtspunkten. Die offene Sekundärwelt erlaubt nicht nur eine (Wieder-)Aufnahme ihrer eigenen Abgesandten (denn diese erlaubt ebenso die „geschlossene“ Sekundärwelt in Modell A, wenn die phantastischen Gestalten am Ende des Textes in ihre Welt zurückkehren), sondern auch eine Integration der Protagonistinnen und Protagonisten aus der Primärwelt und damit einen Übertritt des Erzählfokus. Zwar beginnt der Text in der Primärwelt, allerdings können die Protagonisten von der Primär- in die Sekundärwelt wechseln. Das bedeutet prinzipiell, dass jeder „Typ B“-Text als ein „Typ A“-Text beginnen muss, da bereits ein in der Primärwelt auffindbares Portal ein Element der Sekundärwelt darstellt. Der Durchgangsort von der Primär- in die Sekundärwelt kann hierbei materieller Natur (etwa der Kleiderschrank in C. S. Lewis‘ Narnia oder Kästners Der 35. Mai oder Konrad reitet in die Südsee, Gleis 9 3/4 bei Harry Potter, das rabbit hole aus Alice im Wunderland oder, wie bereits in der Romantik als Motiv häufig anzutreffen, Folianten und Manuskripte) wie auch immaterieller Art sein – etwa der Traum oder der Tod, wie in Astrid Lindgrens Die Brüder Löwenherz, das Ausspre- 4.5.2. Kapitel 4. Phantastik und Fantasy für Kinder und Jugendliche 136 chen einer Zauberformel, eine spezifische Datumskonstellation oder Ereigniskette, etc. Im Modell Typ B ist weiterführend nicht nur der Ausflug in die Sekundär- sondern auch eine erneute Rückkehr in die Primärwelt möglich: So kehrt Bastian Baltasar Bux aus Michael Endes Die unendliche Geschichte nach den in der Sekundärwelt durchlebten Abenteuern wieder in die Primärwelt zurück. J. K. Rowlings Zauberlehrling Harry Potter verbringt in den ersten Bänden gar die Ferien eines jeden Schuljahrs bei seiner Pflegefamilie in der Primärwelt (und lebt sozusagen im „realistischen“ London). Was Ewers hauptsächlich für die Fantasy-Literatur als bestimmend erachtet, trifft auch auf diese Beispiele zu: [Das] Muster der Zwei-Welten-Fantasy besteht darin, den Protagonisten qua modernes Individuum zunächst in seiner originären Welt einzuführen, diesen also erst einmal an seinem historischen Ort vorzustellen, um ihn dann erst in die fantasy-typische Welt eintreten und in die dortigen Kämpfe eingreifen zu lassen. Denkbar ist auch, dass beide Welten dauerhaft parallel geschaltet sind und ein permanentes Hin- und Herwechseln der Protagonisten stattfindet. […]381 Vom Reich der Initiation zur Bildungsinstanz? Mag die Konzeption einer Parallelwelt zwar auf das romantische Wirklichkeitsmärchen zurückgehen, hat seitens der KJL eine massive Umwertung bzw. Akkommodation dieses Modells stattgefunden. Ursprünglich stellte das romantische Reich der Poesie einen intentionalen Gegenentwurf zur bürgerlichen, als philisterhaft denunzierten Gesellschaft dar, der mit seiner poetischen bzw. ästhetischen Gestaltung dem nach rationalen Kriterien funktionierenden Alltag bewusst entgegengesetzt war. Auch politisch betrachtet war dieser autarke Raum, in den überzutreten vor allem poetisches Talent in Form von leidenschaftlichem Dilettantismus erlaubte, herrschaftsfreier als die Realität: Fürsten in der romantischen Gegenwelt sind ungleich häufiger Dichter- Fürsten denn aristokratische Herrscher. Wenn der Student Anselmus aus Hoffmanns Der goldene Topf anstatt der Verehelichung mit der „soliden“ Bürgerstochter Veronika endlich beschließt, mit der ungleich 4.5.2.1. 381 Ewers 2013 (Anm. 59), S. 306 f. 4.5. Die KJL zwischen minimalistischer und maximalistischer Genre-Definition 137 poetischeren Serpentina im Reich der Poesie zu leben, stellt dies eine äußerst deutliche Absage an die bürgerliche Lebensauffassung dar – eine Rückkehr in die bürgerlich geprägte Welt und Gesellschaft ist somit nicht intendiert: Schon die Tatsache, dass die Erzählliteratur um 1800, zumal im Kontext der romantischen Novellistik, sich verstärkt am Modell der Initiation orientiert, demonstriert eine massive Skepsis gegenüber dem Entwicklungsgedanken des Zeitalters. Wenn die Initiationsgeschichten unterstellen, „daß eine höhere Form der Existenz nur durch die radikale Verleugnung der ursprünglichen Existenzform, und das bedeutet letztendlich: durch die Zerstörung der ursprünglichen Form, erreicht werden kann“, setzen sie eine strikte Geschiedenheit der Lebensphasen voraus und beharren auf einem zyklischen Weltbild, dem gerade die Aufklärung und vollends die Autonomieästhetik eine entschiedene Absage erteilt hatten. Diese hatten ihr pädagogisches Ethos im Bildungsroman ausbuchstabiert, deren Protagonisten sich in einem von Konflikten rhythmisierten Prozess allmählicher Reife zu musterhaften Mitgliedern der Gesellschaft entwickelten. Eben dieses Konzept eines langsamen, säkularisierten und teleologischen Reifeprozesses wird von den romantischen Erzählungen, die auf das Modell der Initiation zurückgreifen, revidiert.382 Der Bezug dieser, vor allem der frühromantischen Phase entspringenden, Traditionslinie zur KJL ist offensichtlich. Sie erschafft in Form der phantastischen Gegenwelt einen (kindlichen Bedürfnissen entsprechenden) Freiraum, der vorerst durch Alltagsenthobenheit und durch eine Marginalisierung sowie Negativbesetzung der Erwachsenenwelt (und damit der modernen Lebenswelt insgesamt) bestimmt ist. Diese Art der KJL ist „als reine Freizeitlektüre dezidiert Unterhaltungsliteratur in eben diesem Sinne.“383 Sie dient nicht der „Förderung eines wirklichkeitsbezogenen Problembewusstseins, […] der Entwicklung eines Einfühlungsvermögens nicht nur in Gleichaltrige, sondern auch in Erwachsene oder […] der Steigerung der Fähigkeit der inneren 382 Hans Richard Brittnacher: Gescheiterte Initiationen. Anthropologische Dimensionen der literarischen Phantastik. In: Clemens Ruthner, Ursula Reber, Markus May (Hrsg.): Nach Todorov. Beiträge zu einer Definition des Phantastischen in der Literatur. Tübingen: Francke 2006, S. 15 - 30, zit. S. 23. Brittnacher bezieht sich hier auf: Matthias Hurst: Tod und Wiedergeburt. Literarische Formen der Initiation und der Individuation. In: Wirkendes Wort. Deutsche Sprache und Literatur in Forschung und Lehre, Jg. 52 (2002), Nr. 2, S. 257–275, zit. S. 260. 383 Ewers 2013 (Anm. 59), S. 33. Kapitel 4. Phantastik und Fantasy für Kinder und Jugendliche 138 Selbstwahrnehmung“384. So beschreibt Sanna Pohlmann etwa Otfried Preußlers Klassiker Der kleine Wassermann als dezidiert „romantisch motiviert, indem er Kinder- und Erwachsenenwelt entgegensetzt, symbolisiert im Streit zwischen Menschenmann und kleinem Wassermann.“385 Es wird die kritische Auseinandersetzung mit der Realität demnach nicht befördert, sondern verzögert und die Eigengesetzlichkeit kindlich-naiven Denkens aufgewertet. Spätestens mit der Veröffentlichung von Michael Endes Die unendliche Geschichte lässt sich allerdings eine interessante Wende konstatieren: Bastian Baltasar Bux‘ Bewährungen in Phantasien sind nicht nur kurzweilige Abenteuer, sie werden zu einem Bildungserlebnis, das einen radikalen Entwicklungs-Prozess in Gang setzt, dessen Auswirkung wiederum auf die Primärwelt bezogen sind. Protagonisten wie Harry Potter oder Bastian sind am „Beginn der Handlung nicht selten familiäre und oder schulische Außenseiter […], eher schwache Wesen voller Komplexe, die noch dazu, gemessen an den gängigen Kriterien, weder schön noch besonders erscheinen.“386 Die im phantastischen Erlebnisraum gemachten Erfahrungen und gewonnenen Einsichten retten aber nicht nur die Sekundärwelt als solche vor dem Untergang, sondern machen den Protagonisten nach seiner Rückkehr in die Primärwelt selbst zu einem aktiven, dem Alltag zugewandten, selbstsicheren Menschen: Bastian Baltasar Bux kann die entfremdete Beziehung zu seinem Vater neu beleben. Harry Potter, als Waise aufgewachsen, gründet eine Familie und wird selbst Vater. Das Phantasiereich ist somit nicht länger als Gegenentwurf per se zu einer als schlecht empfundenen Realität aufzufassen, sondern erweist sich als eine Art Bildungsinstanz, die in ihren Absolventen das Bewusstsein heranreifen lässt, dass die Defizite der Realität nicht durch Flucht, sondern nur durch engagiertes und umsichtiges Handeln beseitigt werden können. In der Sekundärwelt werden persönliche Tugenden wie Mut, Courage, Selbst- 384 Ebd. 385 Pohlmann 2004 (Anm. 340), S. 44. 386 Marie-Luise Wünsche: Magische Buchwelten und phantastische Sprachspiele. Zur Ästhetik und Didaktik gegenwärtiger Kinder- und Jugendliteratur. In: Thomas Anz und Heinrich Kaulen (Hrsg.): Literatur als Spiel. Evolutionsbiologische, ästhetische und pädagogische Konzepte. Berlin, New York: Walter de Gruyter 2009, S. 697–714, zit. S. 699. 4.5. Die KJL zwischen minimalistischer und maximalistischer Genre-Definition 139 vertrauen, Teamfähigkeit und Integrität erlernt. Besonders auffällig ist dabei, dass die Parallelwelt größtenteils ein elternferner Raum ist, was der kindlichen Identitätsausbildung entgegenkommt. […] Viele Texte der gegenwärtigen fantastischen Kinder- und Jugendliteratur offenbaren die Botschaft, dass der Schritt aus der Ordnung Teil des Weges zu einer eigenständigen und freien Entwicklung und als solcher zwingend notwendig ist – und dieser kann meist nur in einem heterotopen elternfernen Raum geschehen. Die Komponente des Spiels ist ferner hervorhebenswert, da sie Distanz erlaubt, neue Perspektiven eröffnet und kreative Potenziale vermittelt.387 So verwundert es nicht, dass die Harry Potter-Romane mitunter die literarischen Verfahrensweisen der – im englischen Sprachraum weiter verbreiteten – Internatsgeschichte und vor allem des Entwicklungsromans anwenden, wie Helmut W. Pesch herausgearbeitet hat: Im Alltag Hogwarts stehen „weniger Fragen von Gut und Böse als sekundäre moralische Tugenden im Vordergrund“388, deren Erwerb auch für die reelle Lebenssituation der Rezipienten vielversprechend zu sein scheint. Das unterstreicht mitunter die Ausrichtung der didaktischen Institution Hogwarts, die Harrys Entwicklung, dem Erziehungs- und Entwicklungsroman entsprechend, mit den Rahmenbedingungen des Curriculums anleitet: Je länger Harry sich dort aufhält, desto mehr wird deutlich, dass es nicht nur um fachliches Lernen, sondern vor allem um Persönlichkeitsbildung geht, zu der insbesondere die zahlreichen magischen Abenteuer beitragen, die Harry mit Mut, Ehrlichkeit und Solidarität zu bestehen vermag. Das traditionelle Märchenschema […] ist ebenso wirksam wie das Prinzip der Selbstverwirklichung in sozialer Verantwortung. Bei allen fantastischen Elementen tendiert die Lebensgeschichte der Zentralfigur insofern zum Bildungsroman, als der persönliche Werdegang Harrys immer auch durch die „bildenden Mächte“ des Hogwarts-Internats gelenkt und begleitet wird. […] So ist die Harry-Potter-Serie unterschwellig nicht von einem simplen Gut-Böse-Schema gekennzeichnet, sondern von der Einsicht, dass das Leben immer wieder zur Entscheidung zwischen destruktiven und konstruktiven Tendenzen auffordert. [Vermittelt werden Anreize zur] […] individuelle[n] Selbstfindung in der konfliktreichen Auseinandersetzung mit der sozialen Umwelt.389 387 Pfennig 2014 (Anm. 208), S. 174 f. 388 Pesch 2012 (Anm. 313), S. 13. 389 Nickel-Bacon 2008 (Anm. 67), S. 402. Kapitel 4. Phantastik und Fantasy für Kinder und Jugendliche 140 Ähnliche Konstellationen zwischen außer- und innerliterarischer Realität bestimmen auch Teile der Fantasy. Zwar sieht Ewers diese weit davon entfernt, eine „Kindheit und Jugendalter thematisierende Dichtung“390 zu sein, da sie anstatt von Alltagsproblemen die monumentalen Kämpfen zwischen Gut und Böse favorisiere, womit „Kindheitsund Jugendthemen zurückgedrängt“391 werden. Das mag für die high und sword & sorcery Fantasy durchaus zutreffend sein. Allerdings stellt sich angesichts ihrer gemäßigten Varianten die Frage, inwiefern auch sie partiell Strategien zur modellhaft vereinfachten Präsentation von komplexen Sachverhalten verfolgen und „im Rahmen einer packenden Abenteuergeschichte grundlegende existenzphilosophische Fragen“392 verarbeiten: Eine Frage, die sicher nicht generalisierend, sondern nur im Einzelfall beantwortet werden kann. So erachtet Dieter Petzolt – im Gegensatz zu Ewers – insbesondere die Fantasy-Fiction als jene Literaturform, welche sich zur anschaulichen Verarbeitung kinder- und jugendliterarischer Themen am besten eignet: Zentrale, immer wiederkehrende Themen der Fantasy Fiction sind solche, die den Rezipienten auch außerhalb der literarischen Welt beschäftigen: Heranwachsen und Erwachsenwerden, die Überwindung eigener Schwächen und Ängste, der Wert von Freundschaft oder auch das Erkennen erster Liebe. Ob diese Erfahrungen in einem Fantasy-Roman von einem Hobbit, einem Elfenkind oder einem jungen Zauberer wider Willen gemacht werden, ist letztlich für die Lebenswirklichkeit des Lesers von nebensächlicher Bedeutung. Wichtig ist, dass sich Kinder und Jugendliche in den dargestellten Figuren wiederfinden und dass sie in den zu bestehenden Fantasy-Abenteuern neben dem Lesegenuss immer auch Modelle für die Bewältigung ihrer eigenen Probleme finden.393 Dass Hajna Stoyan die abenteuerlichen Unternehmungen der Protagonisten allgemein als Möglichkeit zur Identitätsbildung und somit als Variante des „Reise zu sich selbst“- Motivs ansieht, ist demnach nur 390 Ewers 2011 (Anm. 141), S. 19. 391 Ebd. 392 Maren Bonacker: Eskapismus, Schmutz und Schund?! Fantasy als besonders umstrittene fantastische Literatur. In: Jörg Knobloch und Gudrun Stenzel (Hrsg.): Zauberland und Tintenwelt. Fantastik in der Kinder- und Jugendliteratur (= Beiträge Jugendliteratur und Medien. 17. Beiheft). Weinheim: Juventa Verlag 2006, S. 64–70, zit. S. 69. 393 Ebd., S. 67 f. 4.5. Die KJL zwischen minimalistischer und maximalistischer Genre-Definition 141 folgerichtig.394 Matthias Hurst fasst im Rückgriff auf C. G. Jungs Theorie der Archetypen die Phantastik gar als Geburtshelferin des „erfolgreichen Verlauf[s] der Individuation“395 auf, deren Endziel nichts anderes als die „Heimkehr aus den Reichen der Fantasie und der Träume zur Wirklichkeit unseres Alltags“396 darstellt. Die Phantastik als Spielanordnung erscheint unter diese Perspektive geradezu prädestiniert für die Verhandlung auch adoleszenzspezifischer Fragestellungen, wie im entsprechenden Kapitel anhand Walter Moers‘ Rumo & Die Wunder im Dunkeln eingehender veranschaulicht wird.397 Typ C. Geschlossene Sekundärwelt bzw. implizierte oder nicht-vorhandene Primärwelt Zwischen geschlossener Sekundärwelt und Primärwelt besteht keine Kontaktmöglichkeit, eine alltagsrealistische Ebene ist im Text nicht vorhanden. Allerdings tritt durch das Fehlen eines realistisch gezeichneten Bereiches im Zusammenhang mit dem „Typ C“ ein anderer Um- 4.5.3. 394 Vgl. Hanja Stoyan: Die phantastischen Kinderbücher von Michael Ende. Frankfurt am Main: Peter Lang 2004, S. 54 f. 395 Hurst 2006 (Anm. 201), S. 137. 396 Ebd. 397 Siehe Kapitel 9 dieser Arbeit. Kapitel 4. Phantastik und Fantasy für Kinder und Jugendliche 142 stand deutlicher hervor. Es fehlt zwar eine realistisch gestaltete Primärwelt als „Ankerpunkt“, jedoch können im Gegenzug dafür die impliziten Bezüge zur außerliterarischen Realität der Leserinnen und Leser gestärkt werden. Grundsätzlich ist das moderne Bewusstsein des Publikums im Rezeptions- und der Autorinnen und Autoren im Konstruktionsprozess ohnehin stets als Kontrastfolie präsent. Einerseits wird der Text in dem Bewusstsein verfertigt, in einer wissenschaftlich aufgeklärten, modernen Welt zu leben, in der eine textuelle Wiederbelebung des Mythos keine Revision der allgemeinen Weltsicht, sondern ein auf den jeweiligen Text bezogenes ästhetisches Verfahren darstellt – andererseits wird der Text in selber Weise wiederum vom Publikum rezipiert, das die beschränkte Gültigkeit der mythischen Weltsicht als auf die Textwelt begrenzt anerkennt. Darüber hinaus können sich diverse Botschaften aber zusätzlich und in expliziter Weise an die Leserschaft in ihrer konkreten Lebenswelt richten. Etwa wenn die Erzählstimme in Tolkiens The Lord of the Rings Signale aussendet, die die Leserinnen und Leser in ihrer gegenwärtigen Situation als Hörende bzw. Lesende, also als Literaturrezipienten ansprechen – und somit einen Teil der Illusionswelt des Textes bewusst preisgibt. Ein Verfahren der Brechung, das den Konstruktcharakter der fiktiven Welt betont und durch spezielle Gestaltungstechniken gar weiter forciert werden kann. Zum Beispiel durch den Zitat- Charakter vor allem der englischen Fantasy-Literatur, die zahlreiche Anspielungen auf Literaturklassiker des Kanons in ihren Texten versteckt oder Querverweise auf Paralleltexte gibt, die an das außerliterarische (also außerhalb der konkreten Textwelt liegende) literaturhistorische Wissen der Leser adressiert sind. Besonders programmatisch sind dergleichen intertextuelle Anspielungen auch im Werk von Walter Moers. „Die Verwirrung“, schreibt Maria C. Barbetta, ist somit „nicht länger eine der Realitätsebenen, sondern eine der Texte.“398 Obwohl dieser Zitat-Charakter letztlich optional bleibt und kein konstitutives Merkmal der Gattung oder des Modells darstellt, finden sich für diese 398 Maria Cecilia Barbetta: Wie die phantastische Hand neo-phantastisch wird. Eine Einführung in die Poetik des Neo-Phantastischen. In: Clemens Ruthner, Ursula Reber, Markus May (Hrsg.): Nach Todorov. Beiträge zu einer Definition des Phantastischen in der Literatur. Tübingen: Francke 2006, S. 209–226, zit. S. 221. 4.5. Die KJL zwischen minimalistischer und maximalistischer Genre-Definition 143 Strategien der „Ankoppelung“ an das Leserbewusstsein zahlreiche Beispiele. Douglas Adams The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy ist gar nach der Struktur eines Reiseführers aufgebaut und macht somit eine nichtliterarische – und in diesem Sinne „faktische“ – Textform zum literarischen Erzählmodell. Die angesprochene Bereitschaft der Phantastik und Fantasy, ihre eigene Perspektive zu relativieren und ihren Spielcharakter offenkundig zu machen, kann also auch über Aspekte der formalen Gestaltung realisiert werden. Typ-C und Fantasy? Es mag von den tradierten Erzählgewohnheiten der Fantasy- und Science-Fiction-Literatur – in deren Fall die Primärwelt nicht räumlich, sondern zeitlich disloziert und darum unerreichbar ist – herrühren, dass sie bevorzugt als dem Modell „Typ C“ zugehörig klassifiziert werden. Die Handlung verzichtet auf die Ausgestaltung einer alltagsrealistischen Primärebene als Kontrast und spielt unausgesetzt in der Sekundärwelt: Für die Fantasy sind hier im Wesentlichen die alten Merkmale von „Sword and Sorcery“ maßgebend: ein heroisches Element, verbunden mit einer vorindustriellen Technologie, und ein magisches Bewusstsein, das auf einer metaphysischen Weltordnung basiert. Als drittes Kriterium wird noch das Element der imaginären Welt genannt. Das methodische Problem ist, dass keines dieser Kriterien konstitutiv zu sein scheint, sondern bei einem Einzeltext ganz oder teilweise fehlen kann, ohne dessen grundsätzliche Zugehörigkeit zum Phantastischen infrage zu stellen.399 Derart generalisierend, also unter ausschließlich strukturellen Gesichtspunkten, lässt sich somit keine definitive Gattungszuordnung von phantastischen Texten vornehmen. Alleinig aufgrund des Vorhandenseins oder Fehlens einer Primärwelt können sie in die allfälligen Definitionen weder ein- noch von ihnen ausgeschlossen werden. Wie bereits erwähnt, ist etwa die Zwei-Welten-Phantastik, die die Protagonistinnen und Protagonisten erst über ein Portal in die sekundäre Welt schleust, in struktureller Hinsicht als „Typ B“ klassifizierbar. Unter Typ B fallen klassisch phantastische Texte darum ebenso, wie Romane mit dem „Science-Fiction“-Element der Zeitreise in die Zukunft oder Ver- 4.5.3.1. 399 Pesch 2012 (Anm. 313), S. 11. Kapitel 4. Phantastik und Fantasy für Kinder und Jugendliche 144 gangenheit von der Gegenwart aus. Ein Muster, wie es in H. G. Wells Die Zeitmaschine oder Hans Magnus Enzensbergers Jugendroman Wo warst du, Robert? zur Anwendung kommt. Umgekehrt gebrauchen aber auch Fantasy-Romane häufig das Zwei-Welten-Muster (etwa C. S. Lewis Narnia oder Wolfgang Hohlbeins Anders I – IV). Sie beginnen in einer Primärwelt (Modell B), stehen bei der inhaltlichen Ausgestaltung der betretenen Sekundärwelt der Motivik der Fantasy-Literatur aber zweifellos näher, als etwa Michael Endes Lukas und der Lokomotivführer, der unausgesetzt in einer abgeschlossenen Sekundärwelt spielt, die über keinerlei Kontakt zu einer alltagsrealistischen Primärebene verfügt (Modell C). Dass viele Fantasyromane mit zwei Welten – einer mythischen und einer der unseren entsprechenden – aufwarten, bringt sie in eine gewisse Nähe zur phantastischen Erzählung. Wir haben es tatsächlich mit einer strukturellen Gemeinsamkeit zu tun, so dass die Gefahr einer Verwechslung besteht. Hier zeigt sich die Problematik einer allein auf Strukturmerkmale setzenden Gattungsdifferenzierung, die intentionale bzw. funktionale Aspekt außer Acht lässt.400 Vor allem letztere sind von wesentlicher Bedeutung für ein Verständnis der Utopie und Dystopie, die strukturell gesehen erneut dem „Typ C“ entsprechen, da sie einen alternativen Entwicklungsgang der modernen Gesellschaft oder Geschichte antizipieren bzw. durchspielen. Die funktionalen und intentionalen Aspekte sind jedoch anders gelagert. Die Sekundärebene ist nur selten phantastisch im Sinne des Übernatürlichen. Meist ist sie sogar alltagsrealistisch, insofern sie den Alltag in einem bedrückenden oder beglückenden Alternativ-System darstellt, das kontrastiv auf die tatsächliche Lebensumwelt bzw. das Geschichtsbewusstsein des Lesenden bezogen ist. Das trifft sowohl auf die politischen Bedeutungsinhalte in etwa Jonathan Swifts Gullivers Reisen (obwohl Swifts Roman eine realistische Rahmung vornimmt) wie auch auf Philip K. Dicks Roman The man in the high castle zu, der dieses Verfahren sogar verdoppelt: In einer alternativen Realität, in der die Nationalsozialisten den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben und mit ihrem Terror die Erde beherrschen, verfasst ein Dichter einen Roman, der in einer alternativen Realität spielt, in der die Nationalsozia- 400 Ewers 2013 (Anm. 59), S. 306 f. 4.5. Die KJL zwischen minimalistischer und maximalistischer Genre-Definition 145 listen den Zweiten Weltkrieg verloren haben: Die Realgeschichte wird innerliterarisch zum phantastischen Element des Textes. Letztlich kann eine Abgrenzung phantastischer Genres nur dann gelingen, wenn in eine strukturalistische Betrachtungsweise – die sich dem Aufbau des Textes aus den präsenten Ebenen widmet – auch inhaltlichen Momente sowie die Erzählintentionen (bzw. die intendierten Textfunktionen) in die Diskussion miteinbezogen werden. Mythos In eine Phantastik-Auffassung, die von einem Dualismus zweier Realitätsebenen ausgeht, können weder Mythen noch Volksmärchen, Heldenepen, Sagen oder Heiligenlegenden eingehen. Eine Trennung zwischen realen und imaginären Bereichen findet nicht statt, da die kritisch-rationale Emanzipation vom magischen Bewusstsein noch nicht stattgefunden hat. Mythen sind also nur im maximalistischen Sinne – und nach heutiger, also ahistorischer Auffassung – als phantastisch zu klassifizieren. Für die Situation und Zeit ihrer Entstehung bedeuten sie nichts weniger als ein Bild der Welt an sich. 4.5.4 Kapitel 4. Phantastik und Fantasy für Kinder und Jugendliche 146 Neofantastik Die Konturen der Neofantastik hinsichtlich ihrer Verbindungen zur phantastischen KJL wurden in einem eigenen Beitrag von mir beschrieben.401 Aus diesem allgemeinliterarischen Sonderfall der Phantastik ergeben sich vielversprechende Rückschlüsse auf die phantastische KJL, insbesondere da die Neophantastik nicht auf einer Trennung von Realistischem und Übernatürlichem bzw. auf deren (sukzessivem oder abruptem) Umsturz aufbaut, sondern, wie häufig in der KJL- Phantastik, beide Ebenen von Anfang an einem Prozess der Amalgamierung unterworfen sind. Jaime Alazraki schlägt als griffiges Vergleichsbild für die Neofantastik einen „Schweizer Käse“402 vor, die sprachlich vielleicht elegantere Lösung wäre es, von einer Lochmaske zu sprechen. Ich habe mich bei der Gestaltung des Schemas für eine Abwärtsspirale entschieden, weil darin das dynamische Moment der Neofantastik, welche die inhaltliche Bewegung des Textes aus der Vermischung von Realem und Irrealem erzeugt, am präzisesten getroffen erscheint. 4.5.5. 401 Vgl. Peterjan 2017a (Anm. 289). 402 Jaime Alazraki: Was ist Neofantastik? In: Zeitschrift für Fantastikforschung. Herausgegeben von Daniel Illger, Jacek Rzeszotnik und Lars Schmeink. H. 2 / 2013, S. 120–136, zit. S. 130. 4.5. Die KJL zwischen minimalistischer und maximalistischer Genre-Definition 147 Zwischenfazit Diese vielfältigen und dennoch nur schlaglichtartigen Beispiele aus der KJL geben einen ungefähren Eindruck davon, wie sehr sich die Kinderund Jugendliteratur mittlerweile zu einem höchst differenzierten literarischen Feld entwickelt hat, auf dem kein dominierendes Leitsystem – wie ehemals die Pädagogik – die Deutungsmacht mehr innehat. Es existieren bei Leserinnen und Lesern, Käufern, Kritikerinnen, Vermittlern und Produzentinnen divergente Auffassungen von dem, was unter zeitgenössischer KJL zu verstehen ist und worin ihre zentralen Funktionen bestehen sollen. Die Vielfalt ist schlichtweg enorm, auch die um 1968 massiv kritisierte „pädagogisch wertvolle“ KJL wurde als Programm keineswegs aufgegeben, sondern besteht nach wie vor: Sie wird produziert, gekauft und gelesen. Sie konkurriert daher mit Positionen, welche die KJL als zur Allgemeinliteratur gleichwertig auffassen, sie als rein entlastende Unterhaltungslektüre verstehen, als Mittel zum Zweck für die Erfüllung eines Bildungsauftrags betrachten, ihren vordringlichen Nutzen in der Leseförderung erkennen, sie skeptisch als Erfüllungsgehilfin von Medienverbundangeboten beargwöhnen (in denen die KJL als hintangestellte „Filmverbuchung“ eine nachrangige Rolle spielt), sie rein als Unterhaltungsphänomen begreifen oder sie aufgrund einer kritischen Haltung gegenüber der fortschreitenden Technologisierung der Gesellschaft als eines der letzten sicheren Medien ansehen. All diese Strömungen koexistieren simultan im Polysystem KJL. Dementsprechend uneinheitlich gestaltet sich die Produktpalette, die der Konsument beim Gang in die Buchhandlung in den Regalen oder online im E-Book-Store vorfindet. Hier wird besonders deutlich, dass die KJL, nachdem sie sich aus den stark pädagogisierten Kontexten emanzipiert hat, nicht nur eine intensivere Bindung mit gesellschaftlichen Diskursen eingegangen ist, sondern nun auch ökonomisch den Spielregeln und Funktionsweisen des freien literarischen Marktes in direkter Weise unterworfen ist. Dass folglich in Teilen der aktuellen Zwischenfazit 148 KJL-Produktion eine Anpassung der Erzählinhalte an marktgängige Schemata zu beobachten ist, verwundert somit keineswegs. Aber nach wie vor kann die KJL auch kritisch, reflektierend und widerständig sein, es sich zum Auftrag machen, die Rechte des Kindes und der Jugendlichen in einer multimedialen Welt zu verteidigen und ihren Rezipienten Kenntnisse zu vermitteln, die sie in Auseinandersetzung mit einem zunehmend schnelllebiger werdenden Alltag stützen. Teile der KJL sind kritisch ambitioniert, Teile trivial und am reinen Markterfolg interessiert – anders gesagt: KJL ist vollwertige Literatur, in ihren positiven wie problematischen Aspekten der Allgemeinliteratur gleichgestellt. Man könnte die neue Kinderliteratur als Reaktion auf die Tatsache interpretieren, dass sie aus der Reihe der populären Kindermedien ausgeschieden ist und sich zu einer vergleichsweise elitären kulturellen Institution entwickelt hat. Das Abgeben elementarer und die Übernahme sublimer Unterhaltungsfunktionen durch die neue Kinderliteratur wären auf diese Weise jedenfalls plausibel zu machen. Doch tritt auch in diesem Fall neben die Verschiebung des intermedialen Gefüges ein innermedialer Strukturwandel: Es kommt zu einer bislang kinderliterarisch nicht dagewesenen Dichotomisierung, ja Polarisierung von anspruchsvoller und trivialer Kinderliteratur. Die fortlebende Kinderliteratur der elementaren Unterhaltung, der Exotik, der äußeren Spannung und der Evasion, gerät dabei in eine neue Position: Sie wird von den Medienkindern als Fortsetzung von populären Unterhaltungsangeboten der audio-visuellen Medien, insbesondere des Fernsehens, im Medium der Literatur erfahren, gewissermaßen als Verlängerung bzw. als Folgeakt der Medien- bzw. Fernsehkommunikation.403 Doch trotz des hohen Grads an Eingebundenheit in den Medienverbund bewahrt sich die KJL eigene, auch literaturspezifische Funktionen. In dieser Hinsicht fungiert sie abseits ihres unterhaltenden Werts für ihre Adressaten als Lebenshilfe, Erklärungsmodell, Identifikationsangebot (mit dem sich zeitweilig eigene Defizite kompensieren lassen), gedankliches Experimentierfeld oder als Wissensinstanz, die Einblicke in gesellschaftliche Zusammenhänge gewährt oder schlicht Faktenwissen vermittelt. Paradigmatisch wäre für die beginnende „Vermittlung 403 Ewers 2013 (Anm. 59), S. 35. Zwischenfazit 149 von Weltwissen“404 etwa der Gestus des Zeigens im Bilder- und Erstleserbuch, verstärkt durch die wechselseitige Parallelisierung von Bild und Schrift, der sich aktuell auch APPs für Erstleser und Kleinkinder bedienen. Wissensvermittelnd sind aber auch historische (Jugend-)Romane aus dem Gebiet der KJL, die en passant, im Modus der Geschichte Geschichte transportieren (beispielsweise Hans Magnus Enzensbergers Roman Wo warst du, Robert?) und somit von einer zeigend-objektivierenden zu einer erzählend-subjektivistischen Darstellungsweise fortschreiten. Der vom Kinder- zum Jugendbuch ansteigenden formal-ästhetischen Komplexität korreliert Kaspar Spinners elf Punkte umfassender Entwurf eines „Literarischen Lernens“, der von der individuellen Stärkung des Vorstellungsvermögens durch Lesen und Hören und dem Training der Imaginationskraft bis zur Ausbildung eines sensiblen literaturhistorischen Bewusstseins reicht.405 Aus akademischer Sicht bleibt die KJL Untersuchungsgegenstand literaturwissenschaftlicher und literaturhistorischer Forschung, die über die historisch variablen (Ideal-)Konzeptionen von Kindheit und kindgerechter Ästhetik, aber auch über die Anforderungen an die aktuell heranwachsende Generation und deren Sozialisationsbedingungen Aufschluss gibt. Insbesondere die KJL nach 1968 gewinnt allmählich Dokumentationscharakter für die Entwicklung der Lebensumwelt der Kinder und Jugendlichen, während hingegen historische Beispiele nicht als Literatur mit sozial-realistischem oder gar dokumentarischem Anspruch missverstanden werden dürfen. Sie sind dafür umso mehr geeignet, den Horizont ihrer Epoche zu erhellen, da diese „literarischen Kinderwelten […] weniger der historischen Wirklichkeit entnommen [waren], sondern normative[n] Realitätskonstruktionen, die Idealvorstellungen darstellten. In ihnen wurde eine normengerechte bzw. eine dem Ideal entsprechende, eine exemplarische Kindheit samt adäquater Umwelt imaginiert.“406 Somit ergeben sich daraus weitreichende Rückschlüsse auf epochenspezifische Individualitätskonzepte, Mentalitätslagen, das Verhältnis der Künste bzw. Medien zueinander, 404 Kaspar Spinner: Literarisches Lernen. In: Praxis Deutsch, H. 200 (2006), S. 6–18, zit. S. 7. 405 Vgl. ebd. 406 Ewers 2013 (Anm. 59), S. 60. Zwischenfazit 150 populäre Auffassungen von Kindheit, Jugend, Adoleszenz, allgemeine Interessensfelder, gesellschaftliche Hierarchien oder auf die zeittypische Lektüre- und Schreibpraxis. Womit abschließend noch der wichtigste Umstand zu benennen bleibt: Nämlich dass sich die „Akteure des kinder- und jugendliterarischen Handlungssystems“ von den „herkömmlichen Sanktionierungsinstanzen“407 im Feld der KJL weitgehend losgesagt haben. Dieser Befund gilt aber nicht nur für die Produzenten und Vermittler von KJL, sondern vor allem für deren eigentliche Adressaten: Die heranwachsende Generation erwirbt sich als „digital natives“ die Kompetenz im Umgang mit medialen Zeichensystemen nicht nur ganz selbstverständlich, sondern sie wächst dadurch auch immer rascher zu einem differenzierten Zielpublikum heran, das, obwohl von jugendlichem oder noch kindlichem Alter, bereits sehr früh zu wählen imstande ist, welche Medien und welche Genres es goutiert. Aus den unmündigen Kindern, denen einst ein von Erwachsenen kontrolliertes Lesepensum vorgesetzt wurde, sind mündige Konsumenten geworden, die durch ihre persönliche Wahl mitbestimmen, was und wer im Feld der KJL re- üssiert. Vor allem die technischen Möglichkeiten, die Kindern und Jugendlichen als Medien der Verbreitung ihrer eigenen Meinung jetzt zur Verfügung stehen, führen zu einer „Verschmelzung der Rollen in den Handlungsbereichen Rezeption, Verarbeitung und Distribution“408 von KJL. Kinder und Jugendliche sind heute „ohne Zweifel produktiv, legen Produkte vor, indem sie Rezensionen schreiben oder mündlich in Videos verbreiten, Online-Portale damit bestücken, in unterschiedlicher Form in den Sozialen Netzwerken kommunizieren.“409 Ewers ist natürlich zuzustimmen, wenn er eine gewisse Skepsis angesichts der aktuellen Entwicklung der KJL eingemahnt. Allerdings bietet die Positionierung im Medienverbund der KJL auch nie dagewesene Chancen: Wenn Kinder und Jugendliche heute lesen, sind sie 407 Ebd., S. 78. 408 Petra Josting: Medienkonvergenz im aktuellen Handlungssystem der Kinder- und Jugendliteratur. In: Gina Weinkauff, Ute Dettmar, Thomas Möbius, Ingrid Tomkowiak (Hrsg.): Kinder- und Jugendliteratur in Medienkontexten. Adaption – Hybridisierung – Intermedialität – Konvergenz. Frankfurt am Main: Peter Lang 2014, S. 233–252, zit. S. 246. 409 Ebd., S. 247. Zwischenfazit 151 nicht mehr einfach „nur“ Leserinnen und Leser. Sie sind intermediale Rezipienten. Sie begegnen demselben Stoff in unterschiedlichen Gestaltungsvarianten auf verschiedenen medialen Ebenen. Darin kann eine Bedrohung für das Medium Buch erkannt werden, aber auch eine singuläre Möglichkeit zur Steigerung seiner Reichweite. Die immensen Auflagenzahlen (und daran gekoppelte Hollywood-Film-Produktionen) prominenter Buch-Reihen – wie Harry Potter, die Twilight-Saga, Die Tribute von Panem oder die zum Klassiker gewordene The Lord of the Rings-Trilogie – haben nicht nur die erwähnte Diskussion um Intermedialität, Akkommodation und Roman-Ästhetik (auch im Feld der KJL) erneut befeuert, sie haben vor allem klargemacht, dass auch im Zeitalter einer differenzierten Mediengesellschaft gewaltige Bucherfolge möglich sind. Insbesondere, wenn sie anschließend in die verkaufssteigernde Wechselwirkung mit anderen Medien treten. Aber sie gehen alle von Buchvorlagen aus, nehmen in der Literatur ihren Anfang. Damit strömen nicht nur begeisterte Leser die Kinosäle, auch entstehen aus Freunden des Films wiederum neue Leser von Büchern. Wie eingangs bereits gefragt: Wandelt sich die KJL also? Zweifellos. Wird sie deshalb im Medienverbund aufgehen, irrelevant werden und schlussendlich verschwinden? Zweifellos nicht. Die Befürchtung des Verschwindens der KJL kann nur dann Realität werden, wenn sie ihre Funktionen an andere Medien oder Literaturen verliert. In diesem – sich momentan in keiner Weise abzeichnenden – Fall dürfte man allerdings ganz der Etymologie folgen: lat. defunctus = tot. Meiner Ansicht nach wäre nach dem großen Aufschrei gar die gro- ße Beruhigung angebracht. Es mag durchaus zutreffend sein, dass die Literatur im Medienverbund nicht mehr die privilegierte Stellung als das zentrale Leitmedium einnimmt. Womöglich ist der Gedanke der hierarchischen Ordnung von Medien aber ohnehin bereits antiquiert und durch das flächenartige Nebeneinander verschiedener Angebote zeitgemäßer erfasst. Denn ihrem Status nach ist die KJL zwar fix im medialen Angebot unserer Zeit verankert, aber nicht nur als funktionaler Teil desselben, sondern auch als dessen Anderes. Denn durch ihre Schriftlichkeit genießt die Literatur in einer von Bildern dominierten, visualisierten (Kunst-)Welt einen Sonderstatus, welcher die lustvolle Ausgestaltung durch Phantasie der persönlichen Imaginationskraft der Leserinnen und Leser überlässt. Darin liegt und lag seit Zwischenfazit 152 jeher die große Stärke der Literatur und darum ist sie – allen Prognosen zum Trotz (etwa bei der flächendeckenden Etablierung des Kinos, des Radios, des Fernsehens, etc.) – auch bis heute nicht verschwunden. So lässt sich mit Uwe Wirth (natürlich nicht ohne eine Portion Optimismus) konstatieren: „Das Wahrwerden der Träume geschieht um ‚2000‘ gerade nicht in der neuen Welt des Netzes, sondern in der alten Welt des Buches.“410 Dass die KJL kein starres System darstellt, sondern auf veränderte kulturelle Bedingungen immer selbst mit Veränderung und Anpassung reagiert hat und dennoch – in allen Abschnitten ihrer Geschichte! – Texte von außerordentlicher literarischer Qualität, geistigem Wert und ästhetischer Schönheit hervorgebracht hat, lässt auch für die Zukunft berechtigte Hoffnung aufkommen. Sie wandelt sich, zusammen mit den Menschen die sie lesen, schreiben, verbreiten und beforschen. Anders gesagt: Kinder und Jugendliteratur unterliegt dem Prozess kultureller Evolution. 410 Uwe Wirth: Neue Medien im Buch. Schreibszenen und Konvertierungskonzepte um 2000. In: Corina Caduff und Ulrike Vedder: Chiffre 2000 – neue Paradigmen der Gegenwartsliteratur. München: Wilhelm Fink 2005, S. 203–220, zit. S. 184. Zwischenfazit 153

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Zusammenfassung

Diese Arbeit aus dem Gebiet der Kinder- und Jugendliteraturforschung untersucht die Rahmenbedingungen, Schnittstellen und Interpretationsräume mehrsinniger (also an breit gestreute Zielgruppen adressierter) Kinder- und Jugendliteratur. Exemplifiziert werden die erarbeiteten Thesen am Beispiel der phantastischen Romane des deutschen Autors Walter Moers, die sich dadurch auszeichnen, dass sie mit speziellen narrativen und intertextuellen Verfahren nicht nur an Kinder und Jugendliche, sondern ebenso an Erwachsene adressiert sind und somit von unterschiedlichen LeserInnengruppen gewinnbringend rezipiert werden können.