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4 Möglichkeitsbedingungen neuer Politischer Theologie in:

David Rüschenschmidt

Neue Politische Theologie, page 47 - 56

Johann Baptist Metz und sein Denken im Horizont einer intellektuellen Gründung der Bundesrepublik

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4387-5, ISBN online: 978-3-8288-7372-8, https://doi.org/10.5771/9783828873728-47

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 43

Tectum, Baden-Baden
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47 4 Möglichkeitsbedingungen neuer Politischer Theologie In diesem Kapitel gilt es, die Rahmenbedingungen, die für die neue Politische Theologie herrschten, kurz und schlaglichtartig zu umreißen. Da der gesellschaftliche Kontext bereits im obigen Kapitel zur „zweiten Gründung“ der Bundesrepublik abgehandelt worden ist, steht es nun an, die kirchliche Situation der nachkonziliaren Zeit und der Ort, an dem sich die neue Politische Theologie entwickeln konnte – die Katholisch-Theologische Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster – in den Fokus zu nehmen. Jeder einzelne dieser Punkte beinhaltet freilich das Potential zur tieferen Behandlung, was zu leisten im Rahmen dieser Arbeit sich jedoch nicht als möglich darstellt. 4.1 Entwicklungen im religiösen Feld der Bundesrepublik Erfahrungen von Krieg und Diktatur wurden im gesellschaftlichen Katholizismus der Nachkriegsjahre schnell in das Weltbild integriert und in Verbindung zu vermeintlicher Gottlosigkeit und Gottesferne gesetzt. Als richtige Konsequenz erschien den Kirchenoberen eine breitenwirksame Rechristianisierung, und tatsächlich folgte eine kurze Phase der neuen Sichtbarkeit kirchlichen Lebens in Form von teilnehmerstarken Prozessionen, gut besuchten Gottesdiensten und Wallfahrten.160 Die 1950er Jahre waren dann durch einen Schulterschluss von CDU und CSU mit den christlich geprägten Bevölkerungsteilen gekennzeichnet. Nicht nur die Unionsparteien wandten sich an christliche Wähler, sondern auch der katholische Klerus unterstützte explizit die Unionskandidaten, wie die prominenten Beispiele Kardinal Frings und Bischof Keller zeigten.161 Dezidierter Antikommunismus und die Betonung des abendländisch-christlichen Kulturkreises waren weltanschauliche Komponenten, welche die katholische Kirche mit christdemokratischen Politikern teilte.162 Gleichzeitig begann aber bereits in den 1950er Jahren eine allmähliche, in den 1960ern dann forcierte Erosion der konfessionellen Milieus, vornehmlich des katholischen, mit einer zunehmenden Lockerung der Bindung zwischen kirchlicher Hierarchie und den gläubigen Laien.163 160 Vgl. Großbölting: Der verlorene Himmel, S. 22 – 25. 161 Vgl. ebd., S. 62. 162 Vgl. ebd., S. 64. 163 Gabriel: Zwischen Aufbruch und Absturz, S. 539. 48 Obgleich die katholischen Eliten weitgehend die Treue zu den beiden christlichen Parteien hielten, gab es auch einige Vertreter des Linkskatholizismus, die der CDU den Rücken kehrten und sich Positionen des linken politischen Spektrums öffneten, wie Eugen Kogon oder Walter Dirks.164 Auch auf Seiten des Protestantismus gab es Kontakte zu linken und sozialdemokratischen Kreisen, sogar noch intensiver – gleichwohl quantitativ geringer – als beim Katholizismus. 4.2 Neue Ansätze in der katholischen Theologie: Karl Rahner Auch in der wissenschaftlichen Disziplin der Theologie kam es zu Neuerungen, die mit dem Namen des wohl wichtigsten katholischen Theologen des 20. Jahrhunderts verbunden sind: Karl Rahner. Geboren 1904, studierte der Jesuit unter anderem als Promovend bei Martin Heidegger in Freiburg, war wichtiger theologischer Berater des Zweiten Vatikanischen Konzils, Professor unter anderem in München und Münster. Seine theologiegeschichtliche Bedeutung von epochaler Tragweite drückt Thomas Pröpper pointiert in der ihm eigenen Formulierungsweise aus: Dass sich die katholische Theologie der mit der Verurteilung des Modernismus verdrängten Herausforderung durch das neuzeitliche Bewusstsein doch noch gestellt hat, […] dass sie Anschluss an die hermeneutische Diskussion der Gegenwart fand […] – dies alles ist ja so wesentlich und unbestritten mit dem Namen Karl Rahners verbunden, dass es nicht nochmals herausgestellt werden muss.165 Karl Rahners frühe Studien an den Ordenshochschulen der Jesuiten waren für ihn prägend. Sie schlossen vornehmlich eine starke Auseinandersetzung mit Thomas von Aquin und Einflüsse des belgischen Jesuiten Joseph Maréchals ein, der sich um eine Vermittlung der Aufklärungs- und Idealismusvertreter, beispielsweise Immanuel Kant, Johann Gottlieb Fichte und Georg Friedrich Wilhelm Hegel, mit der Hochscholastik – vor allem Thomas von Aquin – bemühte.166 Dazu traten bei Rahner starke Einflüsse seines Freiburger Lehrers Martin Heidegger. Es war dessen frühere Existenzphilosophie im philosophischen 164 Vgl. Großbölting: Der verlorene Himmel, S. 65, 68. 165 Pröpper, Thomas: Erlösungsglaube und Freiheitsgeschichte, München 1991, S. 124 – 125. 166 Vgl. Schmidinger, Heinrich: Religionsphilosophie 1850 – 1950, in: Ders. et al. (Hrsg.): Geschichte der Philosophie Band XIII. Die Philosophie des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts 3. Lebensphilosophie und Existenzphilosophie, München 2002, S. 323 – 346, hier S. 329 – 331. 49 und zeitlichen Umfeld von „Sein und Zeit“, die auf Rahner den größten Eindruck machte und die er auch in Heideggers Vorlesungen noch seiner Freiburger Studienjahre 1934–1936 lebendig wähnte: „Ich würde […] sagen, dass die eigentliche Philosophie Heideggers ja 1934–1936 immer noch etwas ganz anderes war als der späte Heidegger. Dieser Heidegger, den ich mitbekommen habe, das war der Heidegger von ‚Sein und Zeit‘, […] vielleicht gerade noch der der Metaphysik.“167 An diesen versuchte Rahner theologisch anzuknüpfen und war damit in Gemeinschaft einer so genannten „katholischen Heidegger-Schule“, zu der ferner Max Müller oder Bernhard Welte gehörten. Die große Bedeutung Karl Rahners, zu dessen engsten Schülern seit etwa 1951 auch Johann Baptist Metz gehörte, ergibt sich aus seiner entschiedenen Wendung zum Menschen, die mit älteren Richtungen der Theologie, vor allem der Neoscholastik, grundlegend brach und für Metz zur zentralen Inspiration wurde. Darauf wird im fünften Kapitel genauer eingegangen. 4.3 Das Zweite Vatikanische Konzil Das Zweite Vatikanum, das zwischen 1962 und 1965 in Rom tagte, war das bedeutendste „Großereignis der Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts“, und entfaltete über den katholischen Bereich hinaus auch in der evangelischen Kirche und Theologie einige Wirkung.168 Aggiornamento, „Verheutigung“, war eines der zentralen Ziele, das Johannes XXIII. dem Konzil setzte, womit eine Neubestimmung des Verhältnisses der Kirche zur Welt angestoßen war, namentlich durch die Pastoralkonstitution Gaudium et Spes (GS).169 Diese betont die „engste Verbundenheit der Kirche mit der ganzen Menschheitsfamilie“ und ruft alle Menschen auf der Welt als Adressaten an (GS 1–2). Durch das Dekret Dignitatis Humanae vollzog das Konzil zur Anerkennung und Befürwortung der „Religions- und Gewissensfreiheit“ und zog „in politischer 167 Rahner, Karl: Im Gespräch. Herausgegeben von Paul Imhof, Bd. 2. 1978 – 1982, Stuttgart 1986, S. 151. 168 Großbölting: Der verlorene Himmel, S. 150. Die Literatur zum Konzil ist zahlreich. Zentral ist die Gesamtdarstellung von Pesch, Hermann Otto: Das Zweite Vatikanische Konzil. Vorgeschichte – Verlauf – Ergebnisse – Wirkungsgeschichte, Kevelaer 32011. 169 Wie bei Konzilsdokumenten üblich werden die Konstitutionen und Dekrete bzw. die Kommentare der Herausgeber dazu im Text mit Abkürzung und Seitenzahl zitiert. Die Angaben beziehen sich auf Rahner, Karl/Vorgrimler, Herbert (Hrsg.): Kleines Konzilskompendium. Sämtliche Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils, Freiburg i. Br. 352008. 50 Hinsicht einen Schlussstrich unter den ein Jahrhundert vorher im Syllabus Errorum festgeschriebenen Abwehrkampf gegen Demokratie und Liberalismus.“170 In vielerlei Hinsicht war das Zweite Vatikanische Konzil der Grund für Erneuerungen in der Kirche oder deren Bestätigung, beispielsweise hinsichtlich der dialogischen Ausgerichtetheit auch auf die nichtgläubigen und nichtchristlichen Menschen in der Welt, hinsichtlich der Stellung der Laien in der Kirche, der Autonomie des Gewissens und eines neuen Verhältnisses zu den anderen Weltreligionen. Die Aussagen des Konzils, die das Verhältnis der Kirche zur Außenwelt betreffen, öffneten institutionelle, theologische, philosophische, denkerische und dialogische Räume, ohne dass diese bereits vorstrukturiert gewesen wären. Johann Baptist Metz war einer derer, die diese Räume auszunutzen wussten, ohne dass der Bezug zum Konzil ein unmittelbarer gewesen wäre. In dem Sinne könnte man vom Zweiten Vatikanischen Konzil als einer „Bedingung der Möglichkeit“ für die neue Politische Theologie sprechen. Es öffnete Perspektiven und Möglichkeiten und forderte Theologen und Christen dazu heraus, sich zu Anliegen des Konzils zu verhalten, eine Hermeneutik des Konzils zu entwickeln, ohne dass allerdings die Konstituierung einer theologischen progressiven Strömung wie der neuen Politischen Theologie eine Zwangsläufigkeit gewesen wäre. 4.4 Die Katholisch-Theologische Fakultät in Münster – Wiege der neuen Politischen Theologie „Die Katholisch-Theologische Fakultät in Münster ist ein Kind der Aufklärung“, die im Jahre 1773 auf Betreiben des Ministers und Generalvikars Franz von Fürstenberg im Rahmen der Universitätsgründung konstituiert wurde (nachdem zuvor jedoch seit 1588 theologischer Unterricht am Jesuitenkolleg gegeben worden war).171 Auch war es die theologische Disziplin, die als einzige über die universitätsgeschichtliche Zäsur 1818 bis zur Wiedererhebung 1902 den Lehrbetrieb auf akademischem Niveau weiterführte, als der Rang einer Universität zugunsten jener in Bonn aufgegeben wurde. Während des Zweiten Weltkrieges war die Fakultät wie viele akademische Lehranstalten der Theologie von Restriktionen betroffen. Gleichwohl waren einige ihrer Professoren, namentlich Michael Schmaus und Joseph Lortz, bemüht, in der Anfangszeit des Nationalsozialismus theologische Zugänge zu diesem zu 170 Großbölting: Der verlorene Himmel, S. 154. 171 Schlögl: Joseph Ratzinger, S. 12. 51 entwickeln.172 Flammer hat herausgestellt, dass auch noch weitere Professoren, die Eduard Hegel in seiner umfangreichen Fakultätsgeschichte nicht erwähnt, sich mit dem NS-Regime gemein machten, deren Wirkungen in der Nachkriegszeit aber marginal blieben.173 Nach dem Krieg waren die personalen Umbrüche und Diskontinuitäten ausgeprägt, sodass 1948 nur noch fünf Professoren wirkten, die bereits im Nationalsozialismus an der Fakultät waren.174 Ihre Zahl sank bis 1953 auf null.175 Im Verlauf der folgenden Jahre etablierte sich die Fakultät, vornehmlich geprägt von den späteren Kardinälen Joseph Höffner und Hermann Volk, zu einer Lehranstalt von gewichtigem Format. Als Assistent des letztgenannten arbeitete auch der später sehr prominente und einer liberal-progressiven Strömung zuzuordnende Theologe Hans Küng, bevor er 1960, gerade zweiunddreißigjährig und noch nicht habilitiert, den Ruf auf den Lehrstuhl für Fundamentaltheologie der Universität Tübingen annahm. In den folgenden Jahren war das Profil der Theologischen Fakultät weiteren Wandlungsprozessen unterworfen. In einem Schreiben vom 30. April 1959 bemühte sich der Dekan Wilhelm Heinen um die Erhebung des außerordentlichen Lehrstuhls für Fundamentaltheologie zu einem ordentlichen, und damit um eine deutliche Aufwertung der Fakultät insgesamt mit dem Hinweis auf die zentrale Bedeutung der fundamentaltheologischen Disziplin.176 Diesen Bestrebungen wurde 1960 entsprochen, und so konnte der junge Priester und Theologe Johann Baptist Metz, mit erst 35 Jahren sowohl in Philosophie wie auch Theologie promoviert, 1963 die fundamentaltheologische Lehre als Ordinarius übernehmen. Als Verluste hinsichtlich des theologischen Profils dürften die Abwanderungen der profilierten Professoren Hermann Volk und Joseph Höffner gelten, die es auf Bischofsämter in Mainz und Münster zog und die beide später auch die Kardinalswürde erhalten sollten. Beiden folgten 172 Vgl. Flammer, Thomas: Die Katholisch-Theologische Fakultät im Nationalsozialismus, in: Thamer, Hans-Ulrich/Happ, Sabine/Droste, Daniel (Hrsg.): Geschichte der Universität Münster, S. 309 – 345, hier S. 332 – 334. 173 Vgl. Hegel, Eduard: Geschichte der Katholisch-Theologischen Fakultät Münster 1773 - 1964, Bd. 1, Münster 1966, S. 558 - 568, und: Flammer: Die Katholisch-Theologische Fakultät, S. 332 – 334. 174 Vgl. Flammer: Die Katholisch-Theologische Fakultät, S. 340. 175 Vgl. ebd. 176 Heinen, Wilhelm: Brief an den Kultusminister des Landes Nordrhein-Westfalen, 30. April 1959, Universitätsarchiv 022/215. 52 junge, gleichwohl bereits zu Ansehen gekommene Theologen: Joseph Ratzinger trat die Nachfolge von Hermann Volk auf dem Lehrstuhl für Dogmatik an, Wilhelm Weber wurde, Höffner nachfolgend, Direktor des Instituts für Christliche Sozialwissenschaften. Joseph Ratzinger, damals ein junger Professor an der Bonner Universität, nahm, nachdem er im Sommer 1962 mit Blick auf seine Zusammenarbeit mit Kardinal Frings einen ersten Ruf abgelehnt hatte, einen zweiten Ruf am 17. Dezember 1962 an. In seinem Kommentar zum Nihil obstat betonte der Bischof von Münster, der Kandidat sei in hervorragender Weise […] geeignet, die nicht leichte Nachfolge des im In- und Ausland hochangesehenen Ordinarius [Hermann Volk, D.R.] anzutreten. Professor Ratzinger erfreut sich, trotz seines relativ jungen Alters […], bereits großer Wertschätzung als Lehrer und Forscher. Durch hervorragende Veröffentlichungen und Vorträge ist er über seine Fakultät hinaus bekannt geworden.177 Als Konzilsberater war Ratzinger stark eingespannt,178 unterhielt aber dennoch regelmäßige Kolloquien mit seinen Mitarbeitern und Promovenden in Münster, zu deren Teilnehmern beispielsweise der Jurist und Theologe Werner Böckenförde, Bruder des Staatsrechtlers und Angehörigen der Ritter-Schule Ernst-Wolfgang Böckenförde, die beiden Ökumeniker Leo Langemeyer und Vinzenz Pfnür sowie der spätere Freiburger Ordinarius für Fundamentaltheologie Hansjürgen Verweyen gehörten.179 Als theologischer Berater des Zweiten Vatikanischen Konzils und junger, angesehener Theologe trug Joseph Ratzinger zur Profilierung nicht nur seines eigenen Status, sondern auch dessen der Fakultät weiter bei. Während Ratzingers Jahre an der Fakultät pflegten die beiden jungen und von den Studierenden stark frequentierten und beachteten Theologen ein locker-kollegiales Verhältnis, fungierten als Zweitprüfer für die Doktoranden des jeweils anderen und arbeiteten auch an drei Sammelbänden zusammen, nämlich der Festschrift für Karl Rahner, einem Sammelband über „Weltverständnis im Glauben“ 177 Höffner, Joseph: Anlage zur Bitte um Erteilung des Nihil obstat, Bistumsarchiv Münster, zit. in: Schlögl, Manuel: Joseph Ratzinger in Münster 1963 – 1966, Münster 2012, S. 17. 178 Vgl. zu seiner theologischen Entwicklung in dieser Zeit Müller, Andreas Uwe: Kirche in der Welt von heute. Joseph Ratzinger und das II. Vatikanische Konzil, in: Ders. (Hrsg.): Aggiornamento in Münster. Das II. Vatikanische Konzil: Rückblicke nach vorn, Münster 2014, S. 152 – 204. 179 Vgl. Schlögel: Joseph Ratzinger, S. 42 – 52. 53 und einen Sammelband über Perspektiven nachkonziliarer Kirche.180 Darüber hinaus blieben die inhaltlichen Anknüpfungspunkte jedoch spärlich. Ein anderer, progressiv-liberaler Theologe unterhielt sehr gute Kontakte mit Ratzinger: Der u.a. in Münster ausgebildete und nach Hermann Volks Weggang nach Tübingen berufene Hans Küng. Küng und Ratzinger waren in den späten 1950er und 1960er Jahren voller Anerkennung und Sympathie füreinander. Hans Küng liebäugelte gar mit einem Wechsel nach Münster, bis ihm in Tübingen ein ökumenisches Institut in Aussicht gestellt wurde. Stattdessen kam sein Schüler, der spätere Kardinal Walter Kasper, als frisch habilitierter Dogmatiker im Jahr 1964 auf den zweiten Lehrstuhl der Disziplin nach Münster.181 Dort lehrte und wirkte er bis 1970 und war unter anderem Mitbegründer des Freckenhorster Kreises, eine Gemeinschaft von reformorientierten Priestern und Theologen.182 Nachdem Ratzinger den Ruf nach Tübingen angenommen hatte und sein Lehrstuhl neu zu besetzen war, gelang der Fakultät ein Coup: Dekan Eising begann noch im Frühsommer 1966 mit den Bemühungen um einen der damals profiliertesten und bedeutendsten Theologen der Welt. Karl Rahner, Jesuit und Konzilstheologe, bereits mit etlichen Ehrendoktoraten ausgezeichnet und in München lehrend, sollte nach Münster kommen, wie der Dekan dem Kultusminister Mikat eröffnete. Dieser hielt das Vorhaben für unmöglich.183 Unter Mobilisierung diverser Kontakte erreichten die zuständigen Personen in Dekanat und Rektorat die Möglichkeit einer Verbeamtung auf Lebenszeit für Rahner. So wurde die Zustimmung des Ministeriums erreicht und der Kandidat aufgrund der „allgemein anerkannten Bedeutung von Professor und der eindrucksvollen Fülle seiner wissenschaftlichen Veröffentlichungen“ unico loco, also als einziger Vorschlag der Berufungsliste, in das Verfahren eingebracht.184 Dies geschah mit Erfolg, sodass mit Karl Rahner nicht 180 Metz, Johann B./Vorgrimler, Herbert/Kern, Walter et al. (Hrsg.): Gott in Welt. Festgabe für Karl Rahner, 2 Bände, Freiburg/Basel/Wien 1964; Metz, Johann B. (Hrsg.): Weltverständnis im Glauben, Mainz 1965; Filthaut, Theodor (Hrsg.): Umkehr und Erneuerung. Kirche nach dem Konzil, Mainz 1966. 181 Vgl. Schlögl: Joseph Ratzinger, S. 124 – 125. 182 Siehe ausführlich: Großbölting, Thomas: „Wie ist Christsein heute möglich?“ Nachkonziliare Suchbewegungen im Spiegel des Freckenhorster Kreises (Münsteraner Theologische Abhandlungen 47), Altenberge 1997. 183 Vgl. den Briefwechsel in der Personalakte, Universitätsarchiv 022/193. 184 Vgl. Eising, Hermann: Schreiben an den Kultusminister vom 07. Juli 1966, Berufung Karl Rahner, Universitätsarchiv 022/193. 54 nur ein wichtiger Theologe des Konzils, Vordenker einer anthropozentrischen Wende in der Theologie und Protagonist des christlichen Dialoges mit Sozialismus und Naturwissenschaften, sondern auch ein Freund und Lehrer des Fundamentaltheologen Johann Baptist Metz die Fakultät ab dem Frühjahr 1967 bereichern sollte. Er galt auch der Politischen Theologie als wichtiger Impulsgeber – zugleich gelangte Metz aber mit seinem Denken auch über Rahners Theologie hinaus. Dem zum Bischof von Münster berufenen Joseph Höffner folgte 1964 Wilhelm Weber auf den traditionsreichen Lehrstuhl des Instituts für Christliche Sozialwissenschaften. Weber hatte zuvor das theologische Doktorat bei seinem Vorgänger erworben und daran ein Studium der Wirtschaftswissenschaften in Münster angeschlossen, worin er 1961 ebenfalls promoviert worden war.185 Er avancierte in den späten 1960er, vor allem aber in den 1970er Jahren zu einem vehementen Kritiker der Befreiungstheologie und damit auch – wenn auch lange nicht explizit artikuliert – zu einem Gegenspieler der neuen Politischen Theologie.186 Auch wandte er sich gegen überzogene Demokratisierungsbestrebungen, die auf eine „totale Politisierung der Gesellschaft“ hinausliefen und fragte rhetorisch: „Wo liegen die Grenzen des demokratischen Prinzips?“187 Erbitterte Auseinandersetzungen ergaben sich auch bezüglich der Würdigung des Befreiungstheologen Dom Helder Camara zwischen Weber und Rahner/Metz. Diese beiden Fraktionen – Wilhelm Weber und der Kirchenhistoriker Erwin Iserloh auf der einen, konservativen Seite, Johann Baptist Metz und Karl Rahner bzw. ab 1972 dessen Nachfolger und Schüler Herbert Vorgrimler als Vertreter einer progressiven Theologie auf der anderen – bildeten die Gegenpole in Zeiten einer allgemeinen Politisierung der Fakultät. Doch auch das Verhältnis zwischen Metz und Rahner, die gleichwohl immer freundschaftlich verbunden waren, war nicht frei von Spannungen, die auch hauptsächlich über die akademischen Schüler, Doktoranden und Assistenten ausgetragen wurden. Zugleich erschien einigen Studierenden vor allem Karl 185 Vgl. Weber, Wilhelm: Curriculum Vitae, Universitätsarchiv 23/55, sowie Hermanns, Manfred: Sozialethik im Wandel der Zeit. Geschichte des Lehrstuhls für Christliche Gesellschaftslehre in Münster 1893 – 1997, Paderborn 2006, zu seiner Person ausführlich S. 309 – 388, zu Assistententätigkeit, Promotionen und Habilitation S. 314 – 322. 186 Vgl. Hermanns: Sozialethik, S. 332 – 333. 187 Weber, Wilhelm: Zum Demokratie-Verständnis. Wo liegen die Grenzen des demokratischen Prinzips, in: Gesellschaftspolitische Kommentare 16 (1969), Nr. 21, S. 241 – 244. 55 Rahner als eine Autorität, gegen die es sich aufzulehnen galt. So kam es auch zu Störungen von Lehrveranstaltungen und gar zu einem tätlichen Angriff auf Rahner, der daraufhin die Lehrveranstaltung unterbrach.188 Die Katholisch-Theologische Fakultät erscheint in den 1960er Jahren als eine akademische Institution, die nach den Umbrüchen in der Perspektive zur nationalsozialistischen Zeit junge und hervorragende Theologen berufen konnte, aber auch durch beispielsweise Karl Rahner ein progressives Profil gewann. Im Zuge der späten 1960er und frühen 1970er Jahre wurde die Fakultät von Tendenzen der Politisierung erfasst, die sich auch durch Polarisierungen im Professorium manifestierten. Es war ein Kennzeichen der Fakultät, diese verschiedenen, rivalisierenden Positionen zuzulassen. Diese Ausführungen bilden lediglich schlaglichtartige Impressionen jenes akademischen Ortes, an welchem sich eine Strömung wie die neue Politische Theologie entwickeln und zu umfangreicher Entfaltung und Wirksamkeit kommen konnte. Eine histoire totale der Katholisch-Theologischen Fakultät der Nachkriegszeit wäre durchaus ein Forschungsdesiderat, da sie in den 1960er, 1970er und 1980er Jahren mit Tübingen die Avantgarde der theologischen Disziplin in Deutschland bildete. Das zu leisten ist jedoch diese Arbeit nicht bestrebt. 188 Vgl. Gespräch mit Tiemo Rainer Peters, S. 158.

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Zusammenfassung

Johann Baptist Metz (1928–2019) reflektierte in seinem Programm einer neuen Politischen Theologie kritisch die gesellschaftlichen und kirchlichen Verhältnisse seiner Zeit. Er entwickelte Karl Rahners anthropozentrische Theologie weiter, kombinierte Ernst Blochs Philosophie mit alttestamentlicher Apokalyptik und versuchte im Dialog mit dem Sozialismus eine Humanisierung der Welt zu fördern, welche die bloße „Hominisierung“ derselben ergänzen müsse. Nicht zuletzt aber kreiste sein Denken um das Leid in der Geschichte, kulminierend in der Shoah, über die – im Sinne Walter Benjamins und Theodor Adornos – kein politisch-theologisches Denken hinweggehen dürfe. Als vielbeachteter Theologe und engagierter, kritischer Intellektueller intervenierte er in kirchlichen und gesellschaftlichen Debatten seiner Zeit. Dadurch lässt er sich in den Horizont einer „zweiten“, einer „intellektuellen Gründung“ der Bundesrepublik in den 1960er und 1970er Jahren einordnen.