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3 Eine „zweite, intellektuelle Gründung“ der Bundesrepublik? in:

David Rüschenschmidt

Neue Politische Theologie, page 25 - 46

Johann Baptist Metz und sein Denken im Horizont einer intellektuellen Gründung der Bundesrepublik

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4387-5, ISBN online: 978-3-8288-7372-8, https://doi.org/10.5771/9783828873728-25

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 43

Tectum, Baden-Baden
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25 3 Eine „zweite, intellektuelle Gründung“ der Bundesrepublik? In den vergangenen Dekaden gab es Ansätze in der geschichtswissenschaftlichen Forschung und teilweise auch von Seiten der selbst involvierten Personen, diejenigen Entwicklungen, die mit dem Jahr 1968 verbunden sind und dieses geradezu zu einer Chiffre erhoben, zur Geburtsstunde einer neuen Bundesrepublik zu deklarieren. Im Duktus der Berichte von damals Involvierten herrscht eine Revolutionssemantik und Fokussierung auf das Jahr 1968 vor, die genaueren Überprüfungen schwerlich standhält.83 Seit einigen Jahren wird verstärkt betont, dass die Bedeutung der vermeintlich revolutionären 68er nicht überbewertet werden sollte, und dass es stattdessen vielschichtige, heterogene und auch langfristige Entwicklungen waren, die letztlich zu Politisierung, Pluralisierung, Liberalisierung, Demokratisierung und Modernisierung führten. Diese Tendenzen waren nicht nur auf Deutschland beschränkt, sondern traten in zahlreichen Staaten Westeuropas sowie in den USA auf. 3.1 Vorbedingungen: Staat und Gesellschaft in den 1950er Jahren Die Rede von einer zweiten Gründung oder einer zweiten formativen Phase der Bundesrepublik impliziert defizitäre Zustände bis zu ihrer Einsetzung, was einer kurzen Erläuterung bedarf. Vielfach ist nachgewiesen worden, dass die neu gegründete Bundesrepublik als Ausgangspunkt und Geburtszeit keine „Stunde null“ hatte, sondern mit einer schweren Hypothek gestartet war und von vielen personellen und strukturellen Kontinuitäten geprägt wurde. Entnazifizierungs- und frühe Demokratisierungsbemühungen waren zunächst von den Alliierten oktroyiert und verliefen sich nach der institutionellen Gründung der Bundesrepublik 1949 schnell. In der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus dominierte eine Mythisierung der Vergangenheit, die sich in Metaphern wie „Unheil“ oder „dunkles Kapitel“ niederschlug.84 Im Nationalsozialismus kompromittierte 83 Vgl. bspw. Koenen, Gerd: Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution, Frankfurt a. M. 2002, sowie Negt: Achtundsechzig. 84 Thamer, Hans-Ulrich: Der Holocaust in der deutschen Erinnerungskultur vor und nach 1989, in: Birkmeyer, Jens/Blasberg, Cornelia (Hrsg.): Erinnern des Holocaust? Eine neue Generation sucht Antworten (Münstersche Arbeiten zur Internationalen Literatur Bd. 2), Bielefeld 2007, S. 81 – 93, hier S. 80 – 82. 26 Politiker und Beamte hatten verhältnismäßig früh ihr „Come-Back“ gemacht, wie Adorno 1959 feststellte.85 Ein prominentes Beispiel dafür war Hans Globke, der als Jurist und Kommentator der Nürnberger Gesetze ungeachtet dieser Vergangenheit 1952 zum Berater Adenauers avancierte.86 Der erste Bundeskanzler hatte auch nur zwei Jahre nach der Gründung der Bundesrepublik konstatiert, man müsse nun auch einmal „mit der Naziriecherei Schluss machen“.87 Den anfänglichen und vor allem auf den Druck der Alliierten durchgeführten Entnazifizierungsbemühungen folgten kurz nach der Gründung der Bundesrepublik eine breite Amnesie sowie Integration der ehemaligen mittleren Ebenen des Nationalsozialismus. Mit Blick auf die NS-Vergangenheit wurde die Schuld nur der höchsten Führungsriege zugeschoben, deren Mitglieder für Fanatiker und Irre gehalten. Auch aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive wurde versucht, den Nationalsozialismus als etwas darzustellen, das der deutschen Geschichte wesensfremd gewesen sei, wie beispielsweise Friedrich Meinecke, der Faschismus und Shoah in den Kontext des gesamten „abendländischen Schicksals“ und der Moderne als solche einordnete.88 Frühere Angehörige der mittleren NS- Funktionseliten wurden in die Gesellschaft und den neuen Staat integriert. „Volksgemeinschaftliche Bindungen der Deutschen ragten in die neue Zeit hinein und erzeugten eine Exkulpationssolidarität“, stellt Edgar Wolfrum mit Blick auf die frühen 1950er Jahre fest.89 Obrigkeitsstaatliche Ordnungsmuster und Momente autoritärer Strukturen, begleitet von einer Verweigerung der Aufarbeitung oder 85 Adorno, Theodor W.: Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit? [1959], in: Ders.: Erziehung zur Mündigkeit. Vorträge und Gespräche mit Hellmut Becker 1959 – 1969, hrsg. von Gerd Kadelbach, Frankfurt a. M. 242013, S. 10 – 28, hier S. 10 – 11. 86 Dieser Fall ist mittlerweile gut erforscht. Einen guten Überblick sowie eine Zusammenfassung der Forschungen leistet Lommatzsch, Erik: Hans Globke (1898 – 1973). Beamter im Dritten Reich und Staatssekretär Adenauers, Frankfurt a. M. 2009. 87 BT-Berichte, 1. Wahlperiode, 22.10.1952, S. 10735 – 10736, ähnlich auch schon 1951 Konrad Adenauer in der Rhöndorfer Ausgabe: Teegespräche 1950 – 1954 hrsg. von Rudolf Morsey und Hans-Peter Schwarz, Berlin 1984, S. 88 – 90, vgl. auch Frei, Norbert: Vergangenheitspolitik: Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit, 1996, S. 86. 88 Vgl. Meinecke, Friedrich: Die deutsche Katastrophe. Betrachtungen und Erinnerungen, Wiesbaden 1946. 89 Wolfrum, Edgar: Die Anfänge der Bundesrepublik, die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und die Fernwirkungen für heute, in: Bitzgeio, Urslua/Kruke, Anja/Woyke, Meik (Hrsg.): Solidargemeinschaft und Erinnerungskultur im 20. Jahrhundert. Beiträge zu Gewerkschaften, Nationalsozialismus und Geschichtspolitik, Bonn 2009, S. 363 – 377, hier S. 368. 27 Auseinandersetzung des Nationalsozialismus, wirkten über 1945 hinweg in die junge Bundesrepublik hinein. Im Anschluss an die institutionelle Gründung der Bundesrepublik vollzog sich in dem jungen Staat eine technisch-wirtschaftliche Modernisierung auf der Basis hoher, aber durch die unmittelbaren Folgen des zweiten Weltkrieges unausgeschöpfter Entwicklungspotentiale sowie üppiger Aufbauhilfen der USA in Form des Marshall-Plans.90 Die Folge war ein rapides Wirtschaftswachstum, das häufig als „Wirtschaftswunder“ betitelt wird und die höchsten Wachstumsraten zwischen 1950 und 1958 erreichte, sich insgesamt aber bis zur Mitte der 1960er Jahre fortsetzte, als eine kleine Rezession 1966/67 das Wachstum bremste. Nach dieser wurden allerdings nochmal hohe Wachstumsraten von z.T. über 5 % des BIP erreicht, sodass das Ende des „Booms“ von vielen Historikern erst Anfang der 1970er Jahre verortet wird.91 Die ökonomische Dynamik der 1950er Jahre, in denen die Wirtschaft insgesamt um 70 % wuchs,92 wurde begleitet durch verbreitete Industriearbeit, Vollbeschäftigung und eine massive Ausweitung der Konsummöglichkeiten. Radio und Fernsehen, PKW und Familienurlaub wurden erschwinglich und Schelsky diagnostizierte die „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“,93 in der schroffe Klassengegensätze aufgehoben zu sein schienen. Politisch dominierten die Unionsparteien unter dem christdemokratischen Kanzler Konrad Adenauer, der seinen Konservatismus mit dem Wahlslogan von 1957 „Keine Experimente!“ auf den Punkt brachte und mit über 50 % der Stimmen die absolute Mehrheit gewinnen konnte. Konstitutives Element des Schulterschlusses zwischen katholischer Kirche, 90 Vgl. zu dieser Rekonstruktionsthese Abelshauser, Werner: Wirtschaftsablauf, Gesellschaft, Politik: die Konjunktur als Bedingungsrahmen und Erklärungsansatz der Wirtschafts- und Sozialgeschichte im 20. Jahrhundert, in: Frese, Matthias/Prinz, Michael (Hrsg.): Politische Zäsuren und gesellschaftlicher Wandel im 20. Jahrhundert: regionale und vergleichende Perspektiven, München 1996, S. 743 – 753, siehe gesamter Artikel, sowie Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte Bd. 5. 1949 – 1990, München 2008, S. 51 – 52. 91 Nur exemplarisch: Hobsbawm, Eric: Das Zeitalter der Extreme. Geschichte im 20. Jahrhundert, München 1998, sowie Doering-Manteuffel, Anselm/Raphael, Lutz: Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte, Göttingen 2012. 92 Thamer, Hans-Ulrich: Politische Verflechtung und Konflikte, in: Ders. (Hrsg.): Weltgeschichte Bd. 6. Globalisierung 1880 bis heute, Darmstadt 2010, S. 9 – 158, hier S. 107. 93 Vgl. Schelsky, Helmut: Wandlungen der deutschen Familie in der Gegenwart. Darstellung und Deutung einer empirisch-soziologischen Tatbestandsaufnahme, Stuttgart 1955, S. 218. 28 katholischem Milieu und Unionsparteien war ein dezidierter Antikommunismus, der mit einer Außenpolitik der Westintegration und Bindung an Amerika einherging.94 3.2 Aspekte einer zweiten, intellektuellen Gründung der Bundesrepublik Die „zweite formative Phase“ (Wolfrum) der Bundesrepublik war eine Kombination aus vielerlei unterschiedlichen Entwicklungstendenzen und Ereignissen, die insgesamt zu Demokratisierung, Liberalisierung und Politisierung führten und außerdem eine neue Art der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit mit sich brachten. Sie stand au- ßerdem in Kontext globaler Entwicklungen.95 Ein Höhe- und auch in mancherlei Hinsicht Kulminationspunkt war das Jahr 1968, welches namensgebend für eine ganze Generation geworden ist und als eine Art Revolutionsjahr Einzug in den allgemeinen Sprachgebrauch gehalten hat. Allerdings scheint statt der Rede von einer Revolution von 1968, die die Tendenz aufweist, sich selbst in Beziehung zu jenen Ereignissen des Jahres 1848 zu setzen, die These von einer zweiten Gründung, von einer zweiten formativen Phase der Bundesrepublik, die sich in verschiedenen Bereichen, in Kultur, Gesellschaft und Politik, vollzog, eher plausibel zu sein. Weniger war es ein „Revolutionsjahr“, als welches das Jahr 1968 oftmals von Zeitgenossen mitunter verklärend dargestellt wird, als vielmehr eine Phase von rund eineinhalb Dekaden, je nach Entwicklungsstrang kürzer oder noch länger, in denen sich diese Entwicklungen konstituierten und entfalteten, sich verschränkten und teilweise auch einander widerstrebten. Insgesamt scheint es so, dass die Entwicklungen der Jahre 1967, 1968 und 1969 in längeren Zeitlinien sich vollzogen. Als deren Höhepunkt kann in mancherlei Hinsicht durchaus das Jahr 1968 gelten, ohne dass man aber die langfristigen Entwicklungen sowie das Faktum verkennen darf, dass dieser Kulminationspunkt nicht vom Himmel fiel.96 Nur sehr fragmentarisch sind im Folgenden einige der 94 Vgl. Schildt/Siegfried: Deutsche Kulturgeschichte, S. 140 – 143. 95 Thamer: Weltgeschichte, S. 95. 96 Vgl. jüngst dazu etwa Deppe, Frank. Zeiten des Übergangs. Das Ende des „Golden Aage“, Revolten und Reformbewegungen, Klassenkämpfe und Eurokommunismus, Hamburg 2018; Globale Perspektiven bei Vinen, Richard et al.: 1968. Der Lange Protest. Biografie eines Jahrzehnts; Fokus auf Westfalen bei Großbölting, Thomas: 1968 in Westfalen, Münster 2018; Gendergeschichtliche Aspekte bei Hodenberg, Christina von: Das andere Achtundsechzig. Gesellschaftsgeschichte einer Revolte, München 2018. Den Blick auf die Evangelisch-Theologischen Fakultäten nimmt 29 Stichworte zu erläutern, mit denen diese Entwicklungen erfasst werden können. Progressive Intellektuelle Jüngst sind zweierlei Felder ausgemacht worden, in denen sich diese zweite Gründung zuerst andeutete: Zunächst im linken Bereich des politischen Spektrums, vertreten durch Denker, Publizisten, Philosophen, Kulturwissenschaftler und Intellektuelle der Kritischen Theorie – später oft als Frankfurter Schule identifiziert – , als deren wichtigste Repräsentanten Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas gelten können.97 Walter Benjamin und Herbert Marcuse sind zum weiteren Kreis der Kritischen Theorie zu rechnen, allerdings mit Einschränkungen. Benjamin war die Möglichkeit der Wortergreifung in der Bundesrepublik nicht vergönnt, da er auf der Flucht vor den Nationalsozialisten 1940 Suizid begangen hatte; dennoch entfaltete er bleibenden Einfluss auf seine Weggefährten, insbesondere Adorno, sowie auf kulturelle und gesellschaftliche Diskurse um 1968.98 Marcuse war nicht mehr in die Bundesrepublik remigriert, sondern blieb im amerikanischen Exil und wurde hier zum geistigen Vater der Studentenbewegung, entzweite sich allerdings von seinen nach Deutschland zurückgekehrten ehemaligen Kollegen vom Institut für Sozialforschung (IfS). Er blieb dezidiert der radikalen Kritik der marktwirtschaftlichen Gesellschaften des Westens und der Idee der revolutionären Umgestaltung der Verhältnisse verhaftet, wohingegen Adorno und Horkheimer ihren Frieden mit der bundesrepublikanischen Demokratie gemacht hatten, diese aber kritisch zu begleiten bestrebt waren. Worin bestand nun die „intellektuelle Gründung“ der Bundesrepublik durch die „Frankfurter Schule“? Jens Hacke resümiert den umfangreichen Band der Autoren um Clemens Albrecht, Günter C. Behrmann Tobias Sarx ein: Reform, Revolution oder Stillstand? Die 68er-Bewegung an den Evangelisch-Theologischen Fakultäten Marburg, Bochum und der Kirchlichen Hochschule Berlin, Stuttgart 2018. Blick auf die evangelische, praktische Theologie von Greifenstein, Johannes (Hrsg): Praxisrelevanz und Theoriefähigkeit. Transformationen der Praktischen Theologie um 1968, Tübingen 2018; Fokus auf die Orte von 1968 von Juchler, Ingo: 1968 in Deutschland. Schauplätze der Revolte, Berlin- Brandenburg 2018, transnationale Perspektiven auf die jüngere Generation bei Frei, Norbert: 1968. Jugendrevolte und globaler Protest, München 2017. 97 Vgl. Albrecht et al. (Hrsg.): Die intellektuelle Gründung. 98 Vgl. Küpper, Thomas/Skrandies, Timo: Rezeptionsgeschichte, in: Lindner, Burckhardt/Küpper, Thomas (Hrsg.): Benjamin-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, Stuttgart 22011, S. 17 – 58, hier S. 25 – 28. 30 und andere so: „Intellektuelle Gründung aus dem Geist der Kritik und vor allem aus dem Geist der Vergangenheitsbewältigung, das ist […] das Verdienst der Frankfurter Schule.“99 (Liberal-)Konservative Intellektuelle Auf der anderen Seite formierte sich eine Strömung liberalkonservativer Philosophie, die den Gegenpol zu den neomarxistisch inspirierten Intellektuellen aus Frankfurt bildete, aber im Gegensatz zu antidemokratischen Denkern wie etwa Carl Schmitt klar auf dem Boden des Grundgesetzes stand und sich damit eindeutig gegen den Nationalsozialismus abgrenzte.100 Jens Hacke nimmt den in Münster ansässigen Schülerkreis des Philosophen Joachim Ritter in den Blick, als dessen bekannteste und wichtigste Vertreter Odo Marquard, Hermann Lübbe und Robert Spaemann genannt werden können. Diese traten – so zumindest ihre retrospektive Beschreibung – mit dem Anspruch an, eine „konservative Option für die bürgerlich liberale Demokratie“ dargestellt zu haben.101 Die Philosophen und Intellektuellen aus dem Philosophikum in Münster bauten auf „Fortschrittssicherung durch Institutionen“, den „pflegliche[n] Umgang mit Traditionen“ sowie den „Rekurs auf die Sittlichkeit des Common sense“.102 Diese „Philosophie der Bürgerlichkeit“ (Hacke) zeichnete sich durch eine konsequente Absage an soziale und politische Utopien und durch große Treue zu den Institutionen aus, die ein Fortbestehen der demokratischen Strukturen gewährleisteten: „Nüchtern und pragmatisch stand für die Ritter-Schüler im Mittelpunkt, ein funktionsfähiges, gewaltenteiliges und freiheitssicherndes Gemeinwesen zu bewahren“.103 Neben diesen beiden philosophischen Kreisen von Intellektuellen, die aber durchaus beachtliche Breitenwirkung mittels öffentlicher Wortergreifungen erzielten, gab es auch in weniger dezidiert universitär-akademischen Sphären Tendenzen, die einer zweiten Gründung zuzuordnen sind. Diese manifestierten sich in den Bereichen der politischen Parteien und Verbände, in Kirchen, in der Publizistik und im Verlagswesen, im wissenschaftlichen Betrieb, in den Medien sowie in Kunst und 99 Hacke: Philosophie der Bürgerlichkeit, S. 12. 100 Vgl. ebd, S. 21. 101 Marquard, Odo: Individuum und Gewaltenteilung. Philosophische Studien, Stuttgart 2004, S. 164 – 165. 102 Hacke: Philosophie der Bürgerlichkeit, S. 294. 103 Ebd., S. 296. 31 Literatur.104 Es handelt sich hierbei um sehr vielschichtige, heterogene Prozesse im geistigen, kulturellen und sozialen Feld der 1960er und 1970er Jahre, die zum Teil gegenläufig waren und deren genaue Verhältnisbestimmung bis heute noch nicht in der Form artikuliert worden ist, dass eindeutige Klarheit Einzug gehalten hätte. Gleichwohl kann man einige Aspekte dieser komplexen Gemengelage beleuchten und als bedeutsam herausstellen. Wertewandel War die bundesrepublikanische Gesellschaft der 1950er Jahre noch tendenziell autoritätshörig, materialistisch orientiert, konservativ und konfliktavers, begannen sich die Wertedispositionen breiter Teile der Bevölkerung gegen Ende der Dekade allmählich zu verändern.105 Aber auch das Verhältnis zur NS-Vergangenheit geriet in Bewegung, bedingt durch die Ergreifung Eichmanns in Argentinien und den aufsehenerregenden Prozess gegen ihn in Jerusalem sowie die Auschwitz-Prozesse in Frankfurt, die maßgeblich durch Fritz Bauer eingeleitet worden waren. Von Bedeutung war auch das Buch „Gesellschaft und Demokratie“ des linksliberalen Publizisten Ralf Dahrendorf, in dem er „Hemmnisse der liberalen Demokratie“ sowie eine Mischung aus „theoretischer Humanität und praktischer Unmenschlichkeit“ diagnostizierte.106 Das Buch avancierte zum Plädoyer für einen „zweiten Gründungsakt“ der Bundesrepublik, der durch Liberalisierung und Demokratisierung erreicht werden sollte.107 Auch in den Sphären der Familie und der Sexualität erodierten sukzessive konservativ-kirchlich geprägte Wertdispositionen, die in den 1950er Jahren noch in höherem Maße als verbindlich erachtet wurden, wenn auch nicht in Gänze.108 Insgesamt lassen sich die Wandlungstendenzen der Wertevorstellungen mit Ronald Inglehart, der diese für zahlreiche Gesellschaften der Westlichen Welt der 1960er und 1970er Jahre festgestellt hat, mit der Figur von materialistischen zu postmaterialistischen Dispositionen erklären, die auch aus heutiger Perspektive einen hohen Grad an Erklärungsweite aufweisen.109 104 Vgl. die Beiträge in Kersting/Reulecke/Thamer (Hrsg.): Die zweite Gründung. 105 Vgl. Herbert, Ulrich: Liberalisierung als Lernprozess, in: Ders. (Hrsg.): Wandlungsprozesse in Westdeutschland, Göttingen 22003, S. 7 – 52, hier S. 29. 106 Vgl. Dahrendorf, Ralf: Gesellschaft und Demokratie in Deutschland, München 1965, S. 39, S. 294 – 295; ferner Herbert: Liberalisierung als Lernprozess, S. 29 – 30. 107 Vgl. Herbert: Liberalisierung als Lernprozess, S. 30. 108 Vgl. Großbölting: Der verlorene Himmel, S. 40 – 43. 109 Vgl. Inglehart, Ronald: The Silent Revolution. Changing Values and Political Styles among Western Publics, Princeton 1977. 32 Milieuspezifische Transformationen Noch vor den breitenwirksamen Prozessen der Individualisierung, welche die stabile Milieustruktur der deutschen Gesellschaft aufzubrechen vermochten, erfassten Vorläufer derselben zunächst die christlichen Milieus, insbesondere das katholische. Vornehmlich war die Loslösung der Milieustrukturen an die an Bedeutung verlierende Rolle von konfessionellen Schranken gekoppelt, die konfessionell geprägten Sozialmilieus schmolzen zunehmend ab, was beispielsweise an dem Anstieg der geschlossenen „Mischehen“ oder an zunehmenden Differenzen zwischen lehramtlicher Haltung und der Lebenspraxis mit Blick auf traditionell begründete Autorität, Sexualmoral und Familiennormen, zu erkennen ist.110 Verhältnis zu Kommunismus und Sozialismus Etwa zeitlich parallel zu milieuspezifischen Transformationen wandelte sich auch zumindest sehr partiell das Verhältnis der Gesellschaft zu Kommunismus und Sozialismus. Die CDU war zu einer Partei avanciert, die einen rigiden Antikommunismus im Laufe der 1950er Jahre zu einer ihrer Grundhaltungen machte und darin vor allem von Seiten der katholischen Kirche große Unterstützung erfuhr. Aber auch diese, zudem von breiten Bevölkerungsschichten geteilte Gewissheit, dass der Kommunismus zu verdammen sei, geriet im Verlauf der 1960er Jahre ins Wanken und antikommunistisch inspirierte Gesetzgebung (gegen „kommunistische Umtriebe“) in die Kritik.111 Durch die Öffnung der SPD zur Mitte des politischen bürgerlichen Spektrums schwand die Integrationskraft am linken Rand, wo sich nun von der SPD unabhängige oder sich von ihr trennende, nicht selten akademisch und studentisch geprägte Gruppierungen ausbildeten. Nach der Unvereinbarkeitserklärung der SPD mit der bisherigen Jugend- und Hochschulorganisation, dem Sozialistischen deutschen Studentenbund (SDS), entwickelte sich dieser zu einer eigenständigen Organisation mit sozialistischem, kapitalismuskritischem und pazifistischem Profil. Zuvor noch hauptsächlich Sprungbrett für politische Karrieren von ambitionierten Sozialdemokraten, wurde der SDS nun eher ein „Zentrum alternativer Gesellschafts- und Lebensentwürfe“.112 Auch in den Folgejahren zwischen 110 Vgl. Großbölting: Der verlorene Himmel, S. 58 – 59. 111 Vgl. Kritidis, Gregor: Linkssozialistische Opposition in der Ära Adenauer. Ein Beitrag zur Frühgeschichte der Bundesrepublik Deutschland, Hannover 2008. 112 Krohn, Claus-Dieter: Die westdeutsche Studentenbewegung und das „andere Deutschland“, in: Schildt, Axel/Siegfried, Detlef/Lammers, Karl Christian (Hrsg.): 33 1965 und 1969, einhergehend mit der Konstituierung dessen, was man heute „Studentenbewegung“ nennt, wurden marxistische und sozialistische Ideen mit anderen progressistischen Momenten kombiniert, ohne dass es aber einheitliche Theorien und Lehren oder Programme gegeben hätte. Gleichzeitig verlor der Antikommunismus zwar seine (quasi-)gesamtgesellschaftliche Trägerschaft, steigerte sich aber in manchen Kreisen als Reaktion auf die Renaissance (im weiteren Sinne) neomarxistischer und sozialistischer Ideen, als dessen Kulminationspunkt der Ausruf „Du dreckiges Kommunistenschwein“ des Attentäters Josef Bachmann auf Rudi Dutschke angesehen werden kann.113 Eine der Leitfiguren der „au- ßerparlamentarischen Opposition“, die ihren Namen den Mehrheitsverhältnissen des Bundestages nach der Wahl 1966 und der Konstituierung der ersten großen Koalition verdankte, war der Marburger Politikwissenschaftler Wolfgang Abendroth. Er war vor dem Nationalsozialismus Mitglied in der KPD und dann im Widerstand aktiv. Nach dem Kriegsende trat er in die SPD ein, um bei der Spaltung dieser von ihrer Studierendenorganisation SDS 1961 wieder auszutreten und sich links der großen Volkspartei um die Integration von Gewerkschaften, Arbeiterschaft und jungen, kritischen Studenten zu bemühen.114 Auch erlebten alte Schriften der Wissenschaftler vom Institut für Sozialforschung (IfS) und aus dem Umkreis der Kritischen Theorie erneute Rezeption, in Sonderheit jene des 1940 zu Tode gekommenen Literaturwissenschaftlers und Philosophen Walter Benjamin. Als Theodor Adorno sich gegen den „bornierten Praktizismus der Kinder“ verwahrte, der bereits in „abscheulichen Irrationalismus“ umschlage,115 avancierte Benjamin posthum zum intellektuellen, wenngleich häufig verkürzt interpretierten Fixpunkt von Studentengruppen. Nicht zuletzt spielte die Auseinandersetzung mit Marxismus und Sozialismus nun auch in Kirchen und Theologie eine gewisse Rolle. Im Dynamische Zeiten. Die 60er Jahre in beiden deutschen Gesellschaften, Hamburg 2003, S. 695 – 718, hier S. 695 – 696. 113 Vgl. Grunenberg, Nina: Attentäter aus Zufall. Warum schoss Josef Bachmann auf Rudi Dutschke? in: Die ZEIT 11/1969, online abgerufen über http://www.zeit.de/1969/11/attentaeter-aus-zufall, zuletzt am 12.02.2016, S. 3. 114 Schildt/Siegfried: Deutsche Kulturgeschichte, S. 218 – 219. 115 Adorno, Theodor W.: Brief an Günter Grass vom 04.11.1968, in: Kraushaar, Wolfgang: Frankfurter Schule und Studentenbewegung. Von der Flaschenpost zum Molotowcocktail, Hamburg 2003, S. 472 – 474, auch zit. in: Kämper, Heidrun (Hrsg.): Wörterbuch zum Demokratiediskurs 1967/1968, Berlin 2013, S. 252. 34 Rahmen der Internationalen Paulusgesellschaft suchten dialogbereite Christen und Sozialisten seit 1964/65 den Austausch, während die in Lateinamerika sich formierende, dezidiert marxistische Befreiungstheologie parallele Strömungen auch in Deutschland hatte. Zusammenfassend lässt sich also der Rückgang des breitenwirksamen Antikommunismus der 1950er Jahre und die Renaissance von marxistischen und sozialistischen Ideen feststellen, die sich allerdings in sehr heterogenen Formen sowie in Legierungen mit anderen Einflüssen und Konstellationen, von christlichen Ausprägungen über Ansätze eines demokratischen Sozialismus bis zur Verherrlichung repressiver, kommunistischautoritärer Systeme (und Autokraten) des Asiatischen Kontinents sowie Lateinamerikas manifestierten. Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus Obgleich auch direkt nach dem Kriegsende die Erforschung und Analyse des Nationalsozialismus wie beispielsweise in dem Werk „Der SS- Staat“ des linkskatholischen Publizisten und ehemaligen KZ-Häftlings Eugen Kogon einsetzte,116 war die bundesrepublikanische Gesellschaft in der Breite eher verschwiegen. Während ehemalige Nationalsozialisten, durchaus auch solche der mittleren und gehobenen administrativen Ebenen, unter redlichen Mühen von Seiten der Politik reintegriert wurden, verhielt man sich gegenüber Remigranten gemeinhin distanziert. Zurückgekehrten Politikern wurde die Emigration gar als Vorwurf entgegengehalten. Franz-Josef Strauß etwa, selbst Führungsoffizier in der Wehrmacht, formulierte mit Blick auf den während der Kriegsjahre in Dänemark und Schweden weilenden Willy Brandt 1961: „Was haben Sie zwölf Jahre lang draußen gemacht? Wir wissen, was wir drinnen gemacht haben“.117 Anfängliche und erst auf maßgebliches Betreiben der Alliierten implementierte Bemühungen, ehemalige Nationalsozialisten ihrer Schuld zu überführen, wurden schon bald von deutschen Politikern unterminiert. Noch vor dem Auslaufen der Entnazifizierungs-programme 1951 sagte Konrad Adenauer 1949 in seiner Regierungserklärung: Durch die Denazifizierung ist viel Unglück und viel Unheil angerichtet worden. […] Der Krieg und die Nachkriegszeit haben eine so harte Prüfung für viele gebracht und solche Versuchungen, dass 116 Kogon, Eugen: Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager, München 111984. 117 Franz-Josef Strauß zitiert nach Merseburger, Peter: Willy Brandt. Visionär und Realist, Stuttgart 2002, S. 410. 35 man für manche Verfehlungen und Vergehen Verständnis aufbringen muss. Es wird daher die Frage einer Amnestie von der Bundesregierung geprüft.118 Dies wurde durch „Bravo“-Rufe und Applaus aus der Mitte und von der rechten Seite des Bundestages quittiert.119 Hochranginge Nationalsozialisten und Verbrecher von SS und Gestapo wurden als vereinzelte schwarze Schafe dargestellt, als Ausnahmen von der redlichen Mehrheit, während zugleich geradezu eine Verherrlichung der Kriegsveteranen einsetzte, die bis zur Mitte der 1950er Jahre andauerte.120 Antisemitische Ausbrüche bewirkten massive Irritationen, als zwischen 1958 und 1960 Friedhofsschändungen, Schmierereien und Beschimpfungsvorfälle signifikant verstärkt auftraten und als Anlass wirkten, die Stille zu durchbrechen, die den gesellschaftlichen Umgang mit dem Nationalsozialismus geprägt hatte.121 Als Zäsuren in der (verweigerten) Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus können die Ergreifung von und der Prozess gegen Adolf Eichmann – viel beachtet von Hannah Arendt dokumentiert – sowie die von Fritz Bauer initiierten Auschwitzprozesse in Frankfurt angesehen werden, die die Verbrechen des Nationalsozialismus erneut in den Fokus einer nun interessierter scheinenden Öffentlichkeit rückten. Vor dem Hintergrund der Auschwitzprozesse avancierte der Name des größten Konzentrationsund Vernichtungslagers zur Chiffre für die nationalsozialistischen Verbrechen. Von der zunächst durch ein Interesse an der Aufklärung der NS-Vergangenheit bestimmten Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus wurde allerdings bald eine Fundamentalkritik an der zeitgenössischen Gesellschaft der 1960er Jahre, die nach wie vor „faschistoide“ Dispositionen vorweise.122 Ein Student in der Mitte der 1960er 118 Adenauer, Konrad: Regierungserklärung vom 20.09.1949, online abgerufen über http://www.konrad-adenauer.de/dokumente/erklarungen/regierungserklarung, zuletzt am 20.01.2016. 119 Vgl. ebd. 120 Vgl. Schildt, Axel/Siegfried, Detlef: Deutsche Kulturgeschichte. Die Bundesrepublik – 1945 bis zur Gegenwart, München 2009, S. 135. 121 Vgl. Bergmann, Werner: Antisemitismus in öffentlichen Konflikten. Kollektives Lernen in der politischen Kultur der Bundesrepublik 1949 – 1989, Frankfurt/New York 1997, S. 190 – 192. Vgl. auch Lübbe, Hermann: Der Nationalsozialismus im deutschen Nachkriegsbewusstsein, in: Historische Zeitschrift 246 (1983), S. 579 – 599. 122 Thamer, Hans-Ulrich: Die NS-Vergangenheit im politischen Diskurs der 68er- Bewegung, in Westfälische Forschungen 48 (1998), S. 39 – 53, hier S. 39. 36 Jahre, so stellt es Bernd-A. Rusinek heraus, hätte allerlei Gründe darlegen können, „sich vom ‚Faschismus‘ und von ‚Faschisten‘ geradezu umzingelt zu fühlen: das Herunterspielen der NS-Vergangenheit, […] ehemalige Nationalsozialisten in bundesdeutschen Führungspositionen, die geplanten Notstandgesetze, die man gern als ‚NS-Gesetze‘ abkürzte, sowie ab 1966 eine Große Koalition […], Wiedererstarken des Rechtsradikalismus, der Krieg in Vietnam“ etc. Diese Tendenzen führten zu einer rapiden Ausweitung des Anwendungsbereiches des Terminus „Faschismus“/ „Faschist“, was als einer profunden und sachlichen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus hinderlich erachtet werden kann.123 Mit Rusinek kann man durchaus davon ausgehen, dass das antifaschistische und antinationalsozialistische Anliegen vor und um 1968 ernsthaft war, muss aber auch die Verzerrung des Faschismusbegriffs zu einer Worthülse feststellen, die gar auf Fahrscheinkontrollen angewendet wurde und als solche freilich der ernsthaften Auseinandersetzung um die Verstrickungen breiter Bevölkerungsteile im NS und die Kontinuitäten über 1945 hinaus abträglich war.124 Die Studentenbewegung Zwischen 1965 und 1969 formierte sich, ausgehend von Westberlin und inspiriert durch die US-amerikanische „New Left“-Bewegung eine Studentenbewegung, die einige der in diesem Kapitel bereits genannten Aspekte (veränderte Wertedispositionen, liberalisierte Sexualität, Anschluss an sozialistische und neomarxistische Positionen, Moralisierung der NS-Vergangenheit) auf sich vereinte. Die an den amerikanischen Universitäten vertretene Organisation „Students for a Democratic Society“ (SDS), die gegen den Vietnamkrieg und für Gleichberechtigung ethnischer Minderheiten protestierten und als deren intellektuelle Vaterfigur Herbert Marcuse gelten kann, hatte einigen Einfluss auf Studierende in Deutschen Hochschulstädten. Zu einer Radikalisierung und Konstituierung der außerparlamentarischen Opposition kam es zunächst nach der Konstitution der ersten großen Koalition 1966, der eine verschwindende Minderheit von FDP-Abgeordneten im Bundestag gegenüber stand, ferner im Zuge des Protestes gegen die Notstandsgesetze und dann im Folgejahr, als der Student Benno Ohnesorg im Kontext einer Demonstration gegen den Schah von Persien, der sich mit seiner Gattin 123 Vgl. Thamer: Der Holocaust in der deutschen Erinnerungskultur, S. 87 – 89. 124 Vgl. Rusinek: Akademische Diskurse über NS-Vergangenheit, in: Schildt/Siegfried/Lammers (Hrsg.): Dynamische Zeiten, S. 114 – 144, hier S. 117. 37 auf Berlin-Besuch befand, am 02. Juni 1967 durch den Polizisten Karl- Heinz Kurras erschossen wurde.125 Die Studentenbewegung avancierte zu einem ideellen Schmelztiegel, in dem manche Momente einer zweiten Gründung, zumindest jene, die grob der linken Seite des politischen Spektrums zugeordnet werden können, sich vermengten und Rezeption fanden. So wurde das Ideal einer partizipatorischen Demokratie, teilweise aber auch eine sozialistische oder kommunistische Gesellschaft, beschworen und der Blick zugleich auf die Sphäre der Kultur gerichtet, die in diesem Kapitel nicht mehr explizite Thematisierung findet, obgleich auch sie von zentraler Bedeutung war. Auch die Studentenbewegung stellte sich als ideell stark heterogen dar und vereinte sowohl linkssozialistische Gruppierungen, von der Frankfurter Schule und Herbert Marcuse inspirierte Kreise ebenso wie „orthodox“-marxistisch-kommunistische Gruppen oder solche, die mit offener Verehrung für beispielsweise Mao Zedong auftraten.126 Auch Claus Dieter Krohn betont die Unsicherheit, Selektivität und Brüchigkeit der tastenden Orientierung der Studentenbewegung, und dass scheinbar „wahllos heterogene Impulse“ aufgenommen worden seien.127 3.3 Zwischenreflexion Nur fragmentarisch konnte in Kapitel 3.2 abgehandelt werden, worüber bereits Reihen von Aufsätzen, Sammelbänden und Monographien erschienen sind. Bezieht man die kurz umrissenen Phänomene und auch die Aspekte, die nicht genannt worden sind – beispielsweise neue Formen in Kunst und Literatur, eine Steigerung der Diskursivität in den Gesellschaftswissenschaften (z.B. Positivismusstreit und „Fischer- Kontroverse“), neue Konsumformen und die „Entdeckung“ der Dritten Welt als Bezugspunkt für Solidarität – mit ein, ergibt sich kein einheitliches, homogenes Bild, was denn unter einer „zweiten Gründung“ (Thamer/Reulecke/Kersting), „intellektuellen Gründung“ (Albrecht et al.) oder „zweiten formativen Phase“ (Wolfrum) zu verstehen wäre. Zunächst lassen sich lange Entwicklungslinien feststellen, die keineswegs erst 1967/68 einsetzten, sondern bereits in den späten 1950er 125 Vgl. Richter, Pavel A.: Die APO in der Bundesrepublik Deutschland 1966 – 1968, in: Gilcher-Holtey, Ingrid: 1968. Eine Zeitreise, Frankfurt a. M. 2008, S. 47 – 74, hier S. 49 – 51. 126 Vgl. Schildt/Siegfried: Deutsche Kulturgeschichte, S. 282 – 285. 127 Krohn: Studentenbewegung, S. 702. 38 Jahren. Dazu gehörte eine neue Perspektive auf den nationalsozialistischen Antisemitismus, nachdem es signifikant verstärkt zu judenfeindlichen Vorfällen gekommen war, die ihren Widerhall mehr oder weniger direkt auch in der publizistischen Sphäre fanden. Dadurch verbreitete sich allmählich, gestützt von publizistischen, literarischen und philosophischen Impulsen eine neue, kritischere Perspektive auf die Zeit des Nationalsozialismus und den Umgang damit in der Bundesrepublik, auch schon deutlich vor dem Jahr 1968.128 Parallel dazu vollzogen sich Wandlungsprozesse innerhalb des Wertehorizontes der Bevölkerung, die vornehmlich auch die Bereiche der Sexualmoral betrafen und mit Ablösungsprozessen von festen, oft kirchlichen Wertedispositionen verbunden waren. Die Kirchlichkeit im traditionellen Sinn erodierte zwar seit den frühen 1960er Jahren, was aber nicht zwangsläufig mit dem Begriff „Säkularisierung“ treffend bezeichnet ist.129 Das Zweite Vatikanische Konzil, von 1962 bis 1965 in Rom tagend, beförderte eine Aufbruchsstimmung unter vielen Mitgliedern der katholischen Kirche, auf die aber auch zumindest partiell schnell Ernüchterung folgte.130 Ob ferner mit der quantitativen Kirchlichkeit auch tatsächlich Frömmigkeit, Glaubenseinstellungen und Religiosität in derselben Geschwindigkeit abnahmen, ist nicht gesichert. Auf einer philosophischeren Ebene ergaben sich heterogene, teilweise einander gegenläufige Tendenzen: Zum einen entwickelten sich die Philosophen und Soziologen des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, allen voran Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, zu bedeutenden intellektuellen Größen der jungen Bundesrepublik mit enormer akademischer sowie öffentlicher Reichweite, während liberal-konservative Philosophen, beispielsweise die Ritter-Schule in Münster mit anderen Vorzeichen einen – im Gegensatz zu Horkheimer, Adorno et al. – intendierten Beitrag zur institutionellen Stärkung der Bundesrepublik leisteten. Damit ist der Blick auf die akademischen Gefilde gelenkt, wo es im Verlauf der 1960er Jahre vornehmlich die Studierendengruppen 128 Vgl. Thamer: Die NS-Vergangenheit im politischen Diskurs, S. 39 – 41. 129 Lehmann, Hartmut: Säkularisierung: der europäische Sonderweg in Sachen Religion (=Bausteine zu einer europäischen Religionsgeschichte im Zeitalter der Säkularisierung Bd. 5), Göttingen 2007, S. 57. 130 Vgl. Gabriel, Karl: Zwischen Aufbruch und Absturz in die Moderne. Die katholische Kirche in den 1960er Jahren, in: Schildt/Siegfried/Lammers (Hrsg.): Dynamische Zeiten. Die 60er Jahre in beiden deutschen Gesellschaften, Hamburg 2003, S. 528 – 543, hier S. 532 – 533. 39 waren, die sich stark heterogen darstellen, aber insgesamt als Trägergruppe progressiver Ideen fungierten. Bei manchen Gruppen der Studentenbewegung erwies sich der Weg zum dialektischen Umschlag in Gewalt, ideologische Verbrämung nebst einer tatsächlichen Aufklärung des NS entgegenstehenden Moralisierung oder gar zum linksextremistischen Terrorismus (RAF) als ein kurzer.131 Die oben genannten Begriffe, die auf eine zweite Gründung der Bundesrepublik abzielen, bleiben ohne scharfe Konturen. Tatsächlich gab es keinen konkreten Akt, keine genau identifizierbare Entwicklung, die als diese zweite Gründung bezeichnet werden könnte. Es bleiben also leidglich verschiedene, durchaus heterogene und diachron sich über mindestens eineinhalb Dekaden erstreckende Transformationsprozesse, zum Teil gar einander gegenläufig, die in ihrer Kombination zu einer zweiten, politisch-kulturellen formativen Phase beitrugen. Als Aspekte, die diese zweite Gründung charakterisierten, kann man eine Zunahme an Pluralisierung, Liberalisierung und Politisierung, eine Steigerung und Intensivierung von politisch-gesellschaftlichen Diskursen und einen neuen Umgang mit der NS-Vergangenheit jenseits akademischgeschichtswissenschaftlicher Forschung (die bereits sehr früh einsetzte) betrachten. Trägergruppen bestanden aus jungen, meist gebildeten bzw. studierenden Personen. Aber nicht nur die 68er Generation, ebenfalls (oder gar in höherem Grade) wichtig für diese Tendenzen waren die sogenannten 45er,132 zu denen einige der hier genannten Intellektuellen, Wissenschaftler und Hochschullehrer gezählt werden können, und die durchaus verschiedenen politischen Sphären zugeneigt waren. Sie, die vornehmlich aus der Geburtenkohorte stammten, deren Angehörige zwischen den frühen 1920er und den frühen 1930er Jahren geboren worden waren und das Kriegsende häufig als „Flakhelfer“ erlebt hatten, nahmen in der Bundesrepublik dann wichtige Positionen ein, beispielsweise in Politik, Publizistik, Wissenschaft, aber auch innerhalb der Kirche und der Kunst. Exemplarisch könnte man die Politiker Horst Ehmke, Hans-Dietrich Genscher, oder Erhard Eppler, die Publizisten Joachim Fest und Klaus Harpprecht, die Schriftsteller Günter Grass 131 Vgl. Thamer, Hans-Ulrich: Sozialismus als Gegenmodell. Theoretische Radikalisierung und Ritualisierung einer Oppositionsbewegung, in: Frese, Matthias/Paulus, Julia/Teppe, Karl (Hrsg.): Demokratisierung und gesellschaftlicher Aufbruch. Die sechziger Jahre als Wendezeit der Bundesrepublik (=Forschungen zur Regionalgeschichte Bd. 44), Paderborn 2003, S. 741 – 758, hier S. 757. 132 Vgl. Moses, Dirk A.: German Intellectuals and the Nazi Past, Cambridge 2007, S. 55. 40 und Martin Walser, den Kabarettisten Dieter Hildebrandt, die Sozialwissenschaftler und Philosophen Jürgen Habermas, Ralf Dahrendorf, Hermann Lübbe und Robert Spaemann, die Historiker Karl Dietrich Bracher und Martin Broszat, aber auch die Theologen Johann Baptist Metz, Hans Küng, Josef Ratzinger, Jürgen Moltmann, Dorothee Sölle und Wolfhart Pannenberg nennen. Gleichwohl muss man die sehr bedingte Reichweite dieser generationengeschichtlichen Perspektive mitreflektieren – keineswegs sind damit schon alle Strukturlinien und „Cleavages“ der intellektuellen, kulturellen und sozialen Diskussionen der 1960er und 1970er Jahre hinreichend beschrieben.133 Welche Perspektive sollte nun mit Blick auf eine „zweite, intellektuelle Gründung“ der Bundesrepublik eingenommen werden? Geht Jens Hacke davon aus, dass es weniger die Auseinandersetzung mit der NS- Vergangenheit und Gesellschaftskritik waren als die die bundesrepublikanischen Institutionen stützende, staatsorientierte „Philosophie der Bürgerlichkeit“, welche die „intellektuelle Gründung der Bundesrepublik“ bewirkt habe, möchte ich diese enger gefasste Perspektive ausweiten. Auch jene Prozesse, die aus dem „Geist der Vergangenheitsbewältigung und der Kritik“ angestoßen wurden, haben meines Erachtens sehr wohl zur Demokratisierung und Hebung der politischen Kultur insgesamt beigetragen, wenn auch ihre Intention nicht explizit auf die Stärkung der bundesrepublikanischen Institutionen gerichtet war. Die politisch-kulturelle, kritische Aufarbeitung der NS-Vergangenheit war meines Erachtens ein bedeutendes Moment dieser qualitativen Transformationsprozesse der 1960er und 1970er Jahre, zu dem die „Philosophie der Bürgerlichkeit“ indes wenig beigetragen und die Verdrängung eher als Notwendigkeit für die Integration der Nachkriegsgesellschaft angesehen hat.134 Ferner wurden, wie Hans-Ulrich Thamer herausgestellt hat, nicht wenige „gesellschaftskritische Formeln“ in den 1970er und 1980er Jahren zum „politischen Allgemeingut“, die aber aus solchen Strömungen und Tendenzen kamen, die nicht den Anspruch hatten, die staatlichen Institutionen zu unterstützen.135 Vor dem Hintergrund einer so breiter verstandenen, zweiten bzw. intellektuellen Gründung der Bundesrepublik wird im Weiteren der Frage nachgegangen, ob Johann Baptist Metz als ein Intellektueller in den Komplex derselben 133 Maßgeblich entwickelt wurde dieser generationenzentrierte Ansatz von Dirk A. Moses. 134 Vgl. Hacke: Philosophie der Bürgerlichkeit, S. 81 – 92. 135 Vgl. Thamer: Sozialismus als Gegenmodell, S. 757 – 758. Obgleich Thamer auch die Tendenzen zur Verkürzung, zur Ideologisierung und Radikalisierung aufzeigt. 41 eingeordnet werden kann. Was genau ist aber unter Intellektuellen im Zusammenhang dieser zweiten formativen Phase der Bundesrepublik zu verstehen? 3.4 Intellektuelle im Horizont der zweiten Gründung der Bundesrepublik Mit Blick auf Entwicklungsprozesse in den 1960er und 1970er Jahren, die dazu beitrugen, dass aus der formalen eine inhaltliche Demokratie wurde,136 lassen sich zwei Pole und verschiedene Ebenen feststellen: Auf der intellektuellen Ebene standen sich die Vertreter der Kritischen Theorie und andere, die sich im politischen Spektrum eher links (bei aller problematischen Unschärfe eines Rechts-Links-Schemas) verorten lassen, den liberal-konservativen Beförderern der parlamentarischen Demokratie aus der Ritter-Schule gegenüber. Diese intellektuelle Bipolarität zwischen Kritik und Affirmation wirkte sich nicht unmittelbar, aber zumindest latent und indirekt auf die Positionen von Akteuren, Gruppen und Bewegungen aus, die eher an der gesellschaftlichen „Basis“ zu verorten wären. Die gesellschaftlichen Transformationsprozesse vollzogen „sich mithin auf mehreren Ebenen: in den intellektuellen Diskursen der Sozialwissenschaften und politischen Philosophie, in der Publizistik und in Akademien, in der zeitgenössischen Literatur und bildenden Kunst, […] in den alten und neuen Medien“.137 Aus diesen Gründen halten Thamer, Reulecke und Kersting auch die Ausweitung des zunächst exklusiv auf die Frankfurter Schule bezogenen Begriffs der „Intellektuellen Gründung“ für zulässig und sachdienlich.138 Für die weitere Betrachtung bleibt der Blick auf wichtige Intellektuelle als Stichwortgeber dieser Prozesse von Interesse. Die Knotenpunkte der obig ausgeführten Aspekte einer zweiten Gründung der Bundesrepublik bilden solche Intellektuelle durchaus verschiedener politisch-geistiger Provenienzen, die vermittels akademischer Einflüsse und publizistisch-öffentlicher Reichweite und darum breiter Rezeption beachtliche Wirksamkeit entfalteten. Daher können Intellektuelle der Bundesrepublik zwischen 1960 und 1980 zwar nicht „grundsätzlich als ‚Avantgarde‘ betrachtet“ und sollten in ihrer Wirkung nicht überschätzt werden, gehören aber dennoch zur „politischen 136 Vgl. Habermas: Die neue Unübersichtlichkeit. Kleine Politische Schriften V, Frankfurt a. M. 1985, S. 172 – 173. 137 Kersting/Thamer/Reulecke: Die zweite Gründung, S. 12. 138 Vgl. ebd. 42 ‚Erfolgsgeschichte‘ der Bundesrepublik“, wie Thomas Kroll und Tilman Reitz betonen.139 Das eröffnet die Frage danach, was denn unter einem Intellektuellen zu verstehen sei beziehungsweise welches Verständnis in dieser Arbeit angelegt wird. Seine Geburtsstunde hat der Idealtypus des Intellektuellen mit der Intervention Emile Zolas im Rahmen der Dreyfuss-Affäre, womit geradezu ein „Jahrhundert der Intellektuellen“ eingeleitet wurde.140 Während seiner gesamten Begriffsgeschichte, und auch in den 1960er und 1970er Jahren, tritt der Begriff mit stark divergierenden Konnotationen auf. Mal wird der Intellektuelle als leuchtende Figur eines hohen Idealen verpflichteten Aufklärers und Kritikers dargestellt.141 Ein anderes Mal erscheint der Intellektuelle aber auch als weltfremder Elfenbeinturmgelehrter und das Attribut „intellektuell“ mit pejorativer Konnotation.142 Eine besondere Herausforderung hinsichtlich einer Intellektuellen- Klassifikation sind solche, die sich selbst als Antiintellektuelle gerieren, aber selbst Attribute der Intellektuellen aufweisen, wie beispielsweise Arnold Gehlen oder Helmut Schelsky, und die Adorno in seiner polemischen Schrift „Jargon der Eigentlichkeit“ im Dunst- und Schülerkreis Heideggers verortet.143 Was also unter einem Intellektuellen zu verstehen sei, war im „Jahrhundert der Intellektuellen“ (Michel Winock) eine höchst umstrittene und umkämpfte Angelegenheit. 139 Kroll, Thomas/Reitz, Tilman: Zeithistorische und wissenssoziologische Zugänge zu den Intellektuellen der 1960er und 1970er Jahre. Eine Einführung, in: Dies (Hrsg.): Intellektuelle in der Bundesrepublik Deutschland. Verschiebungen im politischen Feld der 1960er und 1970er Jahre, Göttingen 2013, S. 7 – 20, hier S. 9. 140 So Winock, Michel: Das Jahrhundert der Intellektuellen, Konstanz 2003. Vgl. auch Kwaschik, Anne: Die Geburt des Intellektuellen in der Dreyfus-Affäre. Zur Historisierung eines Modells, in: Faber, Richard/Puschner, Uwe (Hrsg.): Intellektuelle und Antiintellektuelle im 20. Jahrhundert (=Zivilisationen und Geschichte Bd. 20), Frankfurt a. M. 2013, S. 13 – 31. 141 Vgl. Lepsius, M. Rainer: Kritik als Beruf. Zur Soziologie der Intellektuellen, in: Ders.: Interessen, Ideen und Institutionen, Opladen 1990, S. 270 – 285, hier S. 271; 277. 142 Exemplarisch Schelsky, Helmut: Die Arbeit tun die anderen. Klassenkampf und Priesterherrschaft der Intellektuellen, Opladen 1975; oder Sontheimer, Kurt: Das Elend unserer Intellektuellen: linke Theorie in der Bundesrepublik Deutschland, Hamburg 1976. Für eine nicht mehr aktuelle Geschichte der pejorativen Verwendung vgl. Bering, Dietz: Die Intellektuellen. Geschichte eines Schimpfwortes, Stuttgart 1978. 143 Adorno: Jargon der Eigentlichkeit, S. 40 – 45. 43 In den Sozialwissenschaften und der Zeitgeschichte hat der Definitionsversuch von Stefan Collini Anklang gefunden, der sich in seiner Studie über britische Intellektuelle um formale Kriterien für die Erfüllung der Kategorie „Intellektueller“ bemüht,144 abseits von inhaltlichen Positionen oder Tugenden.145 Ihm zufolge entstammen Intellektuelle kreativen, wissenschaftlichen oder akademischen Tätigkeitsfeldern, sie verfügen über eine gewisse öffentliche Reichweite, beziehen sich im weiteren Sinne auf die gesellschaftliche und politische Sphäre und stehen auch im Ruf „to have important and interesting things to say“.146 Jenseits dieser formalen Kriterien lässt sich feststellen, dass sich so skizzierte Intellektuelle häufig verschiedenen Positionen im politischen Spektrum zuordnen ließen (und lassen). Entsprechende Beispiele sind die oben genannten Intellektuellenkreise, die für die bundesrepublikanische Geschichte der 1960er und 1970er Jahre relevant sind: Die Vertreter der Kritischen Theorie im eher linken politischen Spektrum und liberalkonservative Philosophen aus der Ritter-Schule (so unzureichend das Links-Rechts- Schema auch häufig ist). Ingrid Gilcher-Holtey hat in ihrem wichtigen Beitrag zum Verständnis des Intellektuellen die konkurrierenden Verständnisansätze umrissen und stellt systematisierend vier Typen des Intellektuellen heraus, wobei sie auch wieder inhaltliche Aspekte miteinbezieht: den „allgemeinen Intellektuellen“, der sich unter dem Appell an universale Werte in die Sphäre des Politischen begibt,147 den „öffentlichen Intellektuellen“, der gemäß Dahrendorf öffentliche Diskurse bestimmt,148 den „aktivistischen Intellektuellen“ sowie den von Foucault ausgemachten „spezifischen Intellektuellen“, der aus einer spezialistischen und wissenschaftlichen Nischenposition heraus in Teilbereichen von Gesellschaft und Wissenschaft Kritik formuliert und Wirkung entfaltet.149 Foucault sah bereits seit den späten 1950er Jahren den Typus des allgemeinen Intellektuellen als überholt an und setzte sich damit beispielsweise gegen 144 Collini, Stefan: Absent Minds. Intellectuals in Britain, Oxford 2006. 145 Vgl. etwa Wenzel, Uwe Justus (Hrsg.): Der kritische Blick. Über intellektuelle Tätigkeiten und Tugenden, Frankfurt a. M. 2002. 146 Collini: Absent Minds, S. 52. 147 Vgl. Gilcher-Holtey, Ingrid: Konkurrenz um den „wahren“ Intellektuellen, in: Kroll/Reitz (Hrsg.): Intellektuelle in der Bundesrepublik, S. 41 – 54, hier S. 42 – 43. 148 Vgl. ebd., S. 44 – 45. 149 Vgl. ebd., S. 45 – 46. 44 Jean-Paul Sartres Verständnis von Intellektuellen ab.150 Als Novum der Intellektuellengeschichte trat gemäß Gilcher-Holtey dann in den 1960er Jahren der Typus des „Bewegungsintellektuellen“, der selbst im Kontext von sozialen Bewegungen steht, hier zu Wortmächtigkeit aufsteigt und sich zum Intellektuellen „mausert“.151 So plausibel die Typologie Gilcher-Holteys auch ist, lässt sich dennoch in meiner Perspektive im Hinblick auf die „zweite Gründung“ der Bundesrepublik ein latentes Übergewicht der „klassischen“ – i.e. der allgemeinen – Intellektuellen gegenüber den Bewegungsintellektuellen feststellen. Letztgenannte tendierten nicht selten zu Aktionismus und darüber hinaus zu mangelnder Reflexionsweite, weshalb Adorno sie und ihr Gefolge im Kontext der Spannungen um 1968 eines „bornierten Praktizismus“ bezichtigte.152 Es lässt sich feststellen, dass die emphatische und positive Konnotation des Intellektuellenbegriffs diesem auch dann erhalten blieb und bleibt, wenn er von „einer politischen Kampfvokabel in eine wissenschaftliche Analysekategorie überführt wurde“, wie Daniel Morat beispielsweise für Karl Mannheims Konzeption feststellt, der „allein den Intellektuellen die Fähigkeit zuschrieb […], Einsichten in den Gesamtzusammenhang der Gesellschaft gewinnen zu können“.153 Zentrale Charakteristika eines Idealtypus des Intellektuellen lassen sich bei Gilcher-Holteys „allgemeinen“ und „öffentlichen“ Intellektuellen feststellen, nämlich die Einmischung in öffentliche Debatten unter Berufung auf universale Werte, womit wieder eine nähere inhaltliche Bestimmung dessen vollzogen wird, was Collini noch allgemein und formal zu greifen versuchte. Elemente eines emphatischen Verständnisses von Intellektuellen sind in der jüngeren Zeit unter anderem von Jürgen Habermas entworfen worden, im Rahmen seiner Dankesrede für den Bruno-Kreisky-Preis. Er bietet in dieser Ansprache eine Zusammenfassung dessen, was unter Intellektuellen im Allgemeinen und für die Bundesrepublik der 1960er und 1970er Jahre im Speziellen verstanden wurde. Dazu gehörten ein „avantgardistischer Spürsinn für Relevanzen“ und die Fähigkeit, „sich zu einem Zeitpunkt über kritische 150 Vgl. Foucault, Michel: Die politische Funktion der Intellektuellen, in: Ders: Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits, Bd. III. 1976 – 1979, Frankfurt a. M. 2003, S. 145 – 152. 151 Vgl. Gilcher-Holtey: Konkurrenz um den „wahren“ Intellektuellen, S. 43 – 45. 152 Vgl. Adorno: Brief an Günter Grass, S. 474. 153 Morat, Daniel: Intellektuelle und Intellektuellengeschichte. Version 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 20.11.2011, abgerufen über https://docupedia.de/zg/Intellektuelle_und_ Intellektuellengeschichte, zuletzt am 17.07.2019, S. 5. 45 Entwicklungen aufregen“ zu können, wenn andere noch beim „business as usual“ seien. Ferner „Sensibilität für Versehrungen […] des Gemeinwesens“, die „ängstliche Antizipation von Gefahren“, der „Sinn für das, was fehlt und anders sein könnte“, die Fähigkeit, Alternativen zu entwerfen und auch „ein wenig Mut zur Polarisierung“.154 Friedrich Wilhelm Graf hat jüngst die Kategorie des „Religionsintellektuellen“ eingeführt, bei der er auch von einem solchen eher emphatischen Verständnis von Intellektuellen als Kritiker ausgeht.155 „Sie provozieren durch Kritik der falschen Verhältnisse, kritisieren die Arroganz der Macht, ergreifen mutig Partei für Entrechtete“ und „bringen starke moralische Argumente in eine als allzu pragmatisch oder technokratisch erlittene öffentliche Debatte“.156 Für Religionsintellektuelle gelte: Ihre spezifische Aufmerksamkeit gilt den eine Kultur prägenden, aber bleibend umkämpften Glaubensgütern. Religionsintellektuelle bedienen sich der überkommenen religiösen Sinnstoffe, um Protest zu erheben, Zeichen zu geben, Partei zu ergreifen. Sie nehmen die symbolischen Ressourcen, die Bilder, Zeichen, Erlösungsmetaphern und Heilsgeschichten der bestimmenden Glaubensüberlieferungen für ganz harte Gegenwartskritik in Anspruch […].157 Graf bezieht sich mit seinen Überlegungen vornehmlich auf Religionsintellektuelle zwischen 1850 und 1950, und nicht unbedingt solche, die auch einer Glaubensgemeinschaft angehören, sondern betont die interpretatorische Offenheit religiöser Sinngehalte beispielsweise für 154 Habermas: Ein avantgardistischer Spürsinn für Relevanzen, S. 82 – 84. Mit dieser Konzeption des Intellektuellen, die als Hintergrundfolie der weiteren Analysen gilt, soll aber nicht der Weg zu einer „Geschichte großer Männer“ im intellektuellen Gewand eingeschlagen sein – ihre Rolle sollte nicht überschätzt werden, die Transmission von intellektuellen Konzepten und Ideen auf gesellschaftliche Breite und die Intensivierung und Politisierung des Diskurses, die Pascal Eitler insbesondere auch für das politische wie das religiöse Feld ausgemacht hat, vollzogen sich nicht unmittelbar. Gleichwohl ragen aus den allgemeinen und durchaus in breiten Bevölkerungsschichten sich vollziehenden Tendenzen der Pluralisierung, Demokratisierung und Politisierung durch Reichweite, Aktivität in öffentlichen Diskursen und Reflexion auf hohem Niveau solche hervor, die gemessen an den oben genannten Kriterien als Intellektuelle bezeichnet werden können. 155 Vgl. Graf, Friedrich Wilhelm: Die Wiederkehr der Götter. Religion in der modernen Kultur, München 2004, sowie ders. (Hrsg.): Intellektuellen-Götter. Das religiöse Laboratorium der klassischen Moderne, München 2009. 156 Ders.: Propheten moderner Art? Die Intellektuellen und ihre Religion, in: APuZ 40/2010, S. 26 – 31, hier S. 28. 157 Ebd. 46 Nationalismen oder die Sakralisierung einer Klasse oder sozialen Gruppe. Graf hat zwar diese Überlegungen noch nicht in eine systematische Abhandlung überführt, aber eine wichtige Verbindung zwischen der Figur des allgemeinen Intellektuellen mit der Sphäre des Metaphysischen konstruiert. Die Kategorie der „Religionsintellektuellen“ und die Möglichkeit, religiöse Sinngehalte als Vorzeichen für Gesellschaftskritik zu implementieren, scheinen demnach anschlussfähig für die weitere Untersuchung. Ähnlich verhält es sich mit Überlegungen zu protestantischen „Pendants“ zu Johann Baptist Metz, beispielsweise Jürgen Moltmann, die Thomas Kroll als „kirchliche Intellektuelle“ bezeichnet.158 Dazu zählt er auch Helmut Gollwitzer und Dorothee Sölle, die im Gegensatz zu Moltmann oder auch Metz neben Eigenschaften des öffentlichen Intellektuellen auch die des aktivistischen Intellektuellen auf sich vereinigten.159 Diese Konzeptionen von Intellektuellen und ihrer Rolle im Zuge der Transformationsprozesse in der Bundesrepublik der 1960er und 1970er Jahre dient den folgenden Analysen der neuen Politischen Theologie als Hintergrundfolie und Bezugspunkt für wertende Überlegungen des Fazits. 158 Kroll: Der Linksprotestantismus in der Bundesrepublik Deutschland, S. 111 – 112. 159 Vgl. ebd., S. 109 – 110.

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References

Zusammenfassung

Johann Baptist Metz (1928–2019) reflektierte in seinem Programm einer neuen Politischen Theologie kritisch die gesellschaftlichen und kirchlichen Verhältnisse seiner Zeit. Er entwickelte Karl Rahners anthropozentrische Theologie weiter, kombinierte Ernst Blochs Philosophie mit alttestamentlicher Apokalyptik und versuchte im Dialog mit dem Sozialismus eine Humanisierung der Welt zu fördern, welche die bloße „Hominisierung“ derselben ergänzen müsse. Nicht zuletzt aber kreiste sein Denken um das Leid in der Geschichte, kulminierend in der Shoah, über die – im Sinne Walter Benjamins und Theodor Adornos – kein politisch-theologisches Denken hinweggehen dürfe. Als vielbeachteter Theologe und engagierter, kritischer Intellektueller intervenierte er in kirchlichen und gesellschaftlichen Debatten seiner Zeit. Dadurch lässt er sich in den Horizont einer „zweiten“, einer „intellektuellen Gründung“ der Bundesrepublik in den 1960er und 1970er Jahren einordnen.