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2 Begriffsgeschichtliche Aspekte in:

David Rüschenschmidt

Neue Politische Theologie, page 17 - 24

Johann Baptist Metz und sein Denken im Horizont einer intellektuellen Gründung der Bundesrepublik

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4387-5, ISBN online: 978-3-8288-7372-8, https://doi.org/10.5771/9783828873728-17

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 43

Tectum, Baden-Baden
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17 2 Begriffsgeschichtliche Aspekte Als Johann Baptist Metz für seinen Ansatz den Begriff der Politischen Theologie übernahm, war er sich – so hat er sich selbst geäußert – nicht en detail über die historische Belastung des Terminus bewusst.53 Um die Genese des Begriffs und seine verschiedenen Nuancierungen zu erfassen, sind zunächst begriffsgeschichtliche Aspekte zu beleuchten. 2.1 Der Terminus und ältere Begriffsgeschichte „Politische Theologie“ meint dem Wortsinn nach eine Theo-logie, aus dem altgriechischen θεολογία (Theología), zusammengesetzt aus θεός (Theòs) = Gott, und dem Suffix -λογία, vom altgriechischen Begriff λόγος (Lógos) stammend, der so viel wie Wort, aber auch Lehre, Rede oder Vernunft meint, also eine Rede bzw. Lehre von Gott, die mit der Sphäre des Politischen in einem bestimmten Zusammenhang steht. Dieser Zusammenhang von Theologie und Politik, der in dem Terminus zum Ausdruck kommt, ist aber nicht ganz eindeutig. Wenn man den Terminus „Politische Theologie“ in seiner begriffsgeschichtlichen Genese betrachtet, lässt sich nicht erkennen, ob es sich um eine Theologie handelt, die auf politische Zusammenhänge abzielt und diese in ihre Gottesrede miteinbezieht, oder ob eine politische Theorie oder Lehre gemeint ist, die in den Status einer Religion vermittels Dogmatisierung erhoben wird. Zunächst kann man also lediglich feststellen, dass der Terminus „politische Theologie“ zunächst allgemein auf eine Verschränkung der Sphären Politik und Religion verweist, ohne dass die genaue Bezugsweise schon klar wäre. Das macht einige Schlaglichter auf die Begriffsgeschichte notwendig, um zu klären, von welchem Begriff der politischen Theologie Johann Baptist Metz und demnach auch diese Arbeit ausgeht. Ein Konzept von politischer Theologie geht zurück auf die hellenistische Philosophie und die Unterscheidung von drei Arten von Theologie, nämlich der theología mythike (lat. theologia fabularis), physíke (naturalis) und politiké (civilis), und beschreibt in diesem Kontext eine Art Staatskult, der theologischen Legitimierung des Primates der Politik dienend.54 In dieser Form, wie sie etwa beim stoischen Philosophen 53 Vgl. Metz: „Politische Theologie“ in der Diskussion, S. 268, sowie Peters, Tiemo Rainer: Johann Baptist Metz. Theologie des vermissten Gottes, Mainz 1998, S. 41. 54 Vgl. Metz, Johann Baptist/Kroh, Werner: Art. „Politische Theologie“, in: Evangelisches Kirchenlexikon Bd. III, Göttingen 1992, S. 1261 – 1265, sowie Manemann, Jürgen/Wacker, Bernd: „Politische Theologie“. Eine Skizze zur Geschichte und 18 Varro auftritt, wurde sie bereits von Augustinus von Hippo kritisiert, da sie nicht der Wahrheit, sondern „der Beliebigkeit politischer Interessen“ verpflichtet und somit philosophisch obsolet sei.55 Im 19. Jahrhundert avancierte der Terminus der „politischen Theologie“ zu einem Kampfbegriff des materialistisch orientierten Atheismus, der idealistische und metaphysisch anmutende philosophische Positionen als „politische Theologie“ unglaubwürdig zu machen bestrebt war – ein Argumentationszug, die auch in späteren Dekaden noch der Mitte des 20. Jahrhunderts angewandt wurde.56 „Das Prädikat ‚politische Theologie‘ zielt […] auf die wissenschaftliche Disqualifikation der gegnerischen Theorie.“57 2.2 Politische Theologie bei Carl Schmitt Besonders prominent wird der Begriff bei dem Staatsrechtler Carl Schmitt, der 1922 seine „Politische Theologie“ vorlegte und damit im Kontrast zu der hauptsächlich verbreiteten Semantik der Religionskritik des 19. Jahrhunderts nun nicht mehr eine politisch instrumentalisierte Religion meinte, sondern eine Staats- und Gesellschaftstheorie, die Ordnungskonzeptionen als geronnene Strukturen vormals religiös-göttlicher Ordnungen auffasst. „Alle prägnanten Begriffe“, schreibt er, „sind säkularisierte theologische Begriffe.“58 Schmitt ist in einen Kontext der Befürworter der „Konservativen Revolution“ einzuordnen und wurde von konservativ-katholischen Traditionen geprägt, von Staatsphilosophen wie Niccolò Macchiavelli oder Thomas Hobbes, aber auch von frühfaschistischen Strömungen, namentlich der Action française.59 Mit solchen Anleihen rüstete er gegen den Rationalismus der Aufklärung. Gegen diesen wäre mit den konterrevolutionären Stichwortgebern der Versuch zu unternehmen, „mit Analogien aus einer theistischen Theologie die persönliche Souveränität der Monarchen ideologisch zu aktuellen Diskussion des Begriffs, in: Ders. (Hrsg.): Politische Theologie – gegengelesen (=Jahrbuch politische Theologie 5), Berlin/Münster 2008, S. 28 – 65, hier S. 28. 55 Vgl. Manemann/Wacker: „Politische Theologie“, S. 30 – 31, sowie Adam, Armin: Politische Theologie. Eine kleine Geschichte, Zürich 2006, S. 65 – 68. 56 Vgl. Brokoff, Jürgen/Fohrmann, Jürgen: Einleitung, in: Dies. (Hrsg.): Politische Theologie. Formen und Funktionen im 20. Jahrhundert, Paderborn/München 2003, S. 7 – 13, hier S. 8. 57 Ebd., S. 44, sowie als Beispiel Albert, Hans: Plädoyer für kritischen Rationalismus, München 1971, S. 101 – 105. 58 Schmitt, Carl: Politische Theologie. Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität, Berlin 82004, S. 43. 59 Vgl. Manemann, Jürgen: Carl Schmitt und die Politische Theologie (Münsterische Beiträge zur Theologie 61), Münster 2002, S. 89, 127 – 128. 19 stützen.“60 Dabei sucht man allerdings in Schmitts Werk eine konzise Definition des Begriffs, der für sein Werk immerhin titelbildend ist, vergeblich.61 Bei ihm erscheint politische Theologie als Zentrum seines denkerischen Unternehmens, das er von dessen anathematischen Konnotation der Religionskritik des 19. Jahrhunderts und speziell von jener des russischen Anarchisten Michail Bakunin befreien und in einen positiven Begriff verwandeln möchte. Inhaltlich beschreibt der Terminus Politische Theologie eine Theorie von Souveränität, die er mit dem berühmten Satz definiert: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“.62 Diese dezisionistische Auffassung von Entscheidungsgewalt kann in Schmitts Denken nicht anders als durch eine monotheistische Theologie eingeholt werden.63 Schmitts Gedankengebäude entstand in einer Zeit, die vielen Zeitgenossen als krisenhaft erschien. Ihm selbst kam „die Moderne“ als eine „Krise der Politik, der Metaphysik und der Sprache“ vor, in der er Degeneration und Verflachung diagnostizierte.64 Schon Zeitgenossen haben Schmitts Konzeptionen einer Politischen Theologie kritisiert, so beispielsweise Erik Peterson in dem Traktat „Der Monotheismus als politisches Problem“ aus dem Jahr 1935, in dem der zum Katholizismus konvertierte Theologe in der politischen Theologie einen Missbrauch des christlichen Glaubens zur Herrschaftslegitimierung erkannte.65 Mit dieser Schrift reagierte Peterson auch auf das Erscheinen der zweiten und um ein deutlich nationalsozialistisch inspiriertes Vorwort ergänzten Auflage der „Politischen Theologie“. Beinahe 35 Jahre später legte Schmitt eine Schrift vor, die den Themenkomplex erneut aufgriff. In der Monographie „Politische Theologie II. Die Legende von der Erledigung jeder Politischen Theologie“ wandte 60 Schmitt: Politische Theologie, S. 43. 61 Vgl. Schmitt: Politische Theologie. 62 Ebd., S. 13. 63 Vgl. Utz, Arthur F.: Die politische Theologie von Carl Schmitt, in Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie 85, 3/1999, S. 398 – 415, hier S. 403. 64 Vgl. Heil, Susanne: „Gefährliche Beziehungen“. Walter Benjamin und Carl Schmitt, Stuttgart 1996, S. 8; vgl. auch Rissing/Rissing: Politische Theologie, S. 21. 65 Vgl. Peterson, Erik: Der Monotheismus als politisches Problem. Ein Beitrag zur Geschichte der politischen Theologie im Imperium Romanum, Leipzig 1935, S. 99. Siehe dazu auch: Meier, Heinrich: Was ist Politische Theologie? Einführende Bemerkungen zu einem umstrittenen Begriff, in: Manemann/Kajewski: Politische Theologie, S. 55 – 66, hier S. 61. 20 er sich gegen Petersens Kritik und vermeintliche Widerlegung einer politischen Theologie aus theologischer Perspektive.66 2.3 Politische Theologie im weiteren Kontext des Positivismusstreits Der Terminus „politische Theologie“ erscheint im Kontext philosophisch-soziologischer Disputationen der späten 1960er Jahre erneut als Verdikt, so etwa bei dem liberalen Vertreter des kritischen Rationalismus Hans Albert – nun allerdings mit einer anderen Bedeutung als es im Rahmen der „alten“ Politischen Theologie Schmitts der Fall war. Albert verstand politische Theologie als theologisierte politische Theorie und kritisierte aus der Position des Rationalismus utopisch-holistische ebenso wie apokalyptisch-eschatologische Entwürfe sowohl aus linken wie auch rechten Sphären des politischen Spektrums. Diese erkannte er beispielsweise bei Martin Heidegger und dessen Anhängern in der frühen Bundesrepublik,67 die Theodor W. Adorno mit der Kritik am „Jargon der Eigentlichkeit“ in einen Zusammenhang mit Faschismus und Nationalsozialismus setzte.68 Doch auch Adorno selbst begehe (gemeinsam mit anderen Vertretern der Kritischen Theorie) laut Albert dieselben Fehler, die Adorno Heidegger vorwerfe: antiliberales Pathos, Diffamierung liberaler Einstellungen und die Formulierung eines „anspruchsvoll klingenden, aber höchst unklaren und darüber hinaus gut manipulierbaren Jargon“, der sich dazu eigne, „ideologische Verschleierung mit politischer Agitation zu verbinden“.69 Damit teile auch die sich kritisch und neomarxistisch gebärdende Sozialphilosophie ein Moment von Religiosität: Nämlich die „Tendenz zum Irrationalismus“.70 Indem Albert ferner die von ihm kritisierten philosophisch-sozialwissenschaftlichen Positionen als „deutsche Ideologie“ bezeichnete, stellte er sich zumindest implizit in die Reihe mit Marx und Engels und 66 Schmitt, Carl: Politische Theologie II. Die Legende von der Erledigung jeder Politischen Theologie, Berlin 1970. 67 Vgl. Albert, Hans: Kritische Rationalität und politische Theologie. Zur Analyse der deutschen Situation, in: Ders.: Plädoyer für kritischen Rationalismus, München 1971, S. 45 – 75, hier S. 62. 68 Vgl. Adorno, Theodor W.: Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen Ideologie, Frankfurt a. M. 1964, S. 19, 39 – 43; 67 – 70. 69 Albert: Kritische Rationalität, S. 62. 70 Vgl. ders.: Kleines, verwundertes Nachwort zu einer großen Einleitung, in: Adorno, Theodor W./Dahrendorf, Ralf/Habermas, Jürgen/Popper, Karl (Hrsg.): Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie (=Soziologische Texte 58), Neuwied und Berlin 1969, S. 335 – 340, hier S. 338. 21 deren Kritik an junghegelianischer Philosophie in den Fragmenten der „deutschen Ideologie“.71 De facto machte Albert gesellschaftstheoretischen Konzeptionen, die nicht aus dem Holze des kritischen Rationalismus geschnitzt waren, den Vorwurf der Mythologisierung mit dem Effekt, diese als unwissenschaftlich und selbst ideologisch verbrämt abzuqualifizieren. Die Frankfurter Schule, gegen die er sich bevorzugt richtet, habe ihre eigene religiös-ideologische Färbung und darum Nähe zur katholischen Kirche noch gar nicht bemerkt, wie Albert am Beispiel von Kardinal Robert Bellarmin als Vertreter des „etablierten Katholizismus“ aufzuzeigen versuchte: „Die Wissenschaftslehre der Frankfurter Schule scheint bisher von dieser aufschlußreichen Familienähnlichkeit noch keine Kenntnis genommen zu haben.“72 Man könne, so Albert, mit einigem Recht behaupten, dass „Hermeneutik und Dialektik gemeinsam das Erbe der Theologie angetreten haben“.73 Nichts geringeres als einen Kampf zwischen dem Anti-Positivismus, der ein Anti- Modernismus sei, und einer modernen Wissensform der modernen Industriegesellschaft sah Albert im Gange, der im Begriffe sei, sich zugunsten der letztgenannten zu entscheiden. Das letzte Aufbäumen der alten Wissenschaftsformen der Hermeneutik und Dialektik, idealistisch die erste, marxistisch die zweite, vollziehe sich nach dem Vertreter des kritischen Rationalismus in der Morphe einer politischen Theologie.74 Die Stichhaltigkeit von Alberts Kritik kann hier nicht überprüft werden. Seine latent pejorative Verwendung des Begriffs der „politischen Theologie“, dem Duktus der Religionskritik des 19. Jahrhunderts ähnelnd und, sofern das Schlagwort der „deutschen Ideologie“ richtig gedeutet ist, sich auch hinsichtlich der anti-metaphysischen Stoßrichtung in deren Tradition stellend, ist aber ein weiterer Befund dieses Terminus im Sinne einer quasi-religiös hypostasierten politischen Theorie und Philosophie. 2.4 Politische Theologie bei Johann Baptist Metz Es ist nicht ganz klar, was den in Münster lehrenden Fundamentaltheologen Johann Baptist Metz bewog, diesen belasteten Begriff zur Mitte der 1960er Jahre wieder einzuführen – möglicherweise der Mangel an 71 Marx, Karl/Engels, Friedrich/Weydemeyer, Joseph: Die deutsche Ideologie. Artikel, Druckvorlagen, Entwürfe, Reinschriftfragmente und Notizen zu „I. Feuerbach“ und „II. Sankt Bruno“ [1845/46], bearbeitet von Inge Taubert, Berlin 2004. 72 Albert: Kritische Rationalität, S. 57. 73 ebd. 74 Vgl. ebd. 22 besseren Alternativen. Es scheint in den ersten Jahren nach 1965 so, als sei die problematische Begriffsgeschichte des Terminus Politische Theologie Metz‘ gar nicht unmittelbar bewusst gewesen. 1965 benutzte Metz den Begriff zunächst in einer Vorlesung, deren Skript unveröffentlicht geblieben ist.75 1966 wurde der Begriff von Metz auf einem Vortrag im Rahmen des internationalen Theologenkongresses in Chicago verwendet und erschien in den entsprechenden Printversionen, zuerst im Englischen, dann in einer Übersetzung in der Zeitschrift „Neues Forum“ und in abgewandelter Form auch als Kapitel in einer frühen Monographie von Metz aus dem Jahr 1968 unter dem Titel „Zur Theologie der Welt“.76 Der Text wurde 1966 und 1967 dann noch in weiteren Fassungen in diversen anderen Zeitschriften publiziert,77 bevor Metz dann erst nach scharfer Kritik von Heinrich Maier, der meinte, Metz habe die „historische Schwerkraft“ des Begriffes der Politischen Theologie unterschätzt, begriffsgenetische Aspekte in einem Lexikonartikel aus dem Jahre 1969 reflektiert.78 Auf die Aspekte einer „politischen Christologie“ im frühen Christentum hatte er bereits 1967 hingewiesen und auch die Missverständlichkeit des Begriffs schon vorher eingeräumt, nämlich 1966 auf einer Tagung der Paulusgesellschaft.79 Dabei hat sich der Theologe Metz nie ausführlicher mit Carl Schmitts Politischer Theologie auseinandergesetzt, aber dafür Unterscheidungs- und 75 Vgl. Kleden, Paulus B.: Christologie in Fragmenten. Die Rede von Jesus Christus im Spannungsfeld von Hoffnungs- und Leidensgeschichte bei Johann Baptist Metz, Münster 2001, S. 35, Fn. 68, sowie Wiedenhofer, Siegfried: Politische Theologie, Stuttgart u.a. 1976, S. 13, Fn 17. 76 Vgl. der Aufsatz findet sich in englischer Originalfassung bei Burke, T. Patrick (Hrsg.): The Word in History. The St. Xavier Symposium, New York 1966, S. 69 – 85, deutsche Übersetzung als Metz, Johann Baptist: Für eine Theologie der Zukunft, in: Neues Forum 13 (1966), S. 324 – 328; Metz, Johann Baptist: Zur Theologie der Welt, Mainz/München 1968, S. 99 – 116. 77 Vgl. ferner Metz, Johann Baptist: Verantwortung der Hoffnung, in: Christliche Humanität und marxistischer Humanismus (=Dokumente der Paulusgesellschaft 17), München 1966, S. 92 – 107, hier S. 101, 104, 105. Dann in Publikationen der folgenden Jahre, zentral: Ders.: Das Problem einer „Politischen Theologie“. Vortrag auf dem Internationalen Theologenkongress in Toronto vom 20. bis 24.08.1967, deutsch erstmals veröffentlicht in: Ders.: Zur Theologie der Welt, 99 – 116, wiederabgedruckt in Metz, Johann Baptist: Zum Begriff der neuen Politischen Theologie. 1967 – 1997, Mainz 1997, S. 9 – 22. 78 Vgl. Maier, Hans: Kritik der politischen Theologie (=Kriterien 20), Einsiedeln 1970; Vgl. Metz, Johann Baptist: Art. Politische Theologie, in: Sacramentum Mundi III (1969), Sp. 1232 – 1240, hier Sp. 1232 – 1234. 79 Auch dieser Beitrag ist abgedruckt, nämlich als Metz: Verantwortung der Hoffnung, S. 105. 23 Abgrenzungsversuche formuliert, um deutlich zu machen, dass Schmitt keinen Anschlusspunkt für ihn darstelle. Vielfach ist Kritik für die Terminologie artikuliert worden, auch von Personen, die inhaltlich durchaus Positionen mit Metz teilten.80 Das hat ihn nachher dazu übergehen lassen, dezidiert von „neuer Politischer Theologie“ zu sprechen, im Kontrast zur „alten Politischen Theologie“ Carl Schmitts und anderer.81 Dieser Begriff wird für die vorliegende Untersuchung übernommen, um die Theologie von Metz zu bezeichnen. Stärker als die philosophischen Einflüsse Carl Schmitts waren indes jene von Autoren aus dem Umfeld des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt, namentlich Walter Benjamin und Theodor Adorno, aber auch Ernst Bloch oder Herbert Marcuse. Diese sind im weiteren Verlauf der Arbeit noch genauer zu bestimmen. Theologisch war vor allem Metz‘ Lehrer, Freund und später auch Professorenkollege an der Münsterschen Fakultät, Karl Rahner, von großem Einfluss. Eine Politische Theologie, wie sie Johann B. Metz versteht, bemüht sich um Kritik sowohl an gesellschaftlichen Verhältnissen als auch an theologisch-kirchlichen Zuständen und Dispositionen, und legt eine starke Betonung auf die Geschichtlichkeit der Welt. Ein wichtiges Moment ist ferner die eschatologische Dimension, also eine Ausrichtung auf die Zukunft, in der, so christliche Vorstellungen, die Herrschaft Gottes bevorstehe. In besonderem Maße ist die Politische Theologie von Metz, in Abgrenzung zu älteren Ansätzen Schmitts auch „neue“ Politische Theologie genannt, darum bemüht, als (praktische) Fundamentaltheologie die in der Geschichte und Gesellschaft Leidenden und Unterdrückten miteinzubeziehen.82 80 Vgl. Metz: Glaube in Geschichte und Gesellschaft, S. 45. 81 Vgl. etwa Metz, Johann Baptist: Vorwort, in: Ders.: Zum Begriff der neuen Politischen Theologie, S. 7 – 9. 82 Vgl. en detail Kap. 5.

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References

Zusammenfassung

Johann Baptist Metz (1928–2019) reflektierte in seinem Programm einer neuen Politischen Theologie kritisch die gesellschaftlichen und kirchlichen Verhältnisse seiner Zeit. Er entwickelte Karl Rahners anthropozentrische Theologie weiter, kombinierte Ernst Blochs Philosophie mit alttestamentlicher Apokalyptik und versuchte im Dialog mit dem Sozialismus eine Humanisierung der Welt zu fördern, welche die bloße „Hominisierung“ derselben ergänzen müsse. Nicht zuletzt aber kreiste sein Denken um das Leid in der Geschichte, kulminierend in der Shoah, über die – im Sinne Walter Benjamins und Theodor Adornos – kein politisch-theologisches Denken hinweggehen dürfe. Als vielbeachteter Theologe und engagierter, kritischer Intellektueller intervenierte er in kirchlichen und gesellschaftlichen Debatten seiner Zeit. Dadurch lässt er sich in den Horizont einer „zweiten“, einer „intellektuellen Gründung“ der Bundesrepublik in den 1960er und 1970er Jahren einordnen.