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5. Schlussbetrachtung in:

Christian Hatzenbichler

J.R.R. Tolkien und sein Christentum, page 224 - 230

Eine religionswissenschaftliche Auseinandersetzung mit Tolkiens Werk und seiner Rezeptionsgeschichte

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4386-8, ISBN online: 978-3-8288-7371-1, https://doi.org/10.5771/9783828873711-224

Tectum, Baden-Baden
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Schlussbetrachtung So ist Gott in Tolkiens Universum zwar gegenwärtig, bleibt aber unsichtbar.654 (Humphrey Carpenter) Bereits zu Lebzeiten war Tolkien für sein Lesepublikum zu einer Art „Kultfigur“ geworden, ein Umstand, den er als keineswegs angenehm empfand.655 Doch so sehr sein literarisches Werk von LesernInnen auch geschätzt bzw. verehrt wurde, von Fachkollegen dagegen wurde er dafür gescholten. Die meisten von ihnen, so schreibt er in einem seiner Briefe, sind „schockiert […] über den Sündenfall eines Philologen in die »Trivialliteratur«.“656 Sie betrachteten diese Betätigung als Zeitverschwendung. Nicht viel anders reagierten manche aus den Reihen des Lesepublikums, die das Werk als „pubertär“ und „infantil“ geißelten.657 In England rief sogar eine Zeitung mit dem Ruf „Erwachsene aller Länder, vereinigt euch gegen die Invasion der Infantilen!“658 zum Kampf gegen Tolkien auf. Hätte man damals sein Legendarium zum wissenschaftlicher Untersuchungsgegenstand erklärt, wäre das Urteil über eine solche Arbeit wahrscheinlich nicht viel positiver ausgefallen. Viele hätten sie als sinnlose Zeitvergeudung betrachtet. Ganz abgesehen davon, dass sogar Tolkien selbst derartigen Bestrebungen wohl eher reserviert bis ablehnend gegenübergestanden wäre, oder mit den Worten Gandalfs ge- 5. 654 Carpenter, Biographie, 112. 655 Vgl. Carpenter, Briefe, Nr. 336. 656 Carpenter, Briefe, Nr. 182. 657 Vgl. Carpenter, Briefe, Nr. 163. Vgl. den Verriss des Kritikers Edmund Wilson, abgedruckt in Pesch, Mythenschöpfer, 51–56. Vgl. Shippey, Autor des Jahrhunderts, 263ff. Vgl. Pearce, Man and Myth, 126ff. 658 Schenkel. Tolkiens Zauberbaum, 15. 224 sprochen: „Und wer ein Ding zerbricht, um herauszufinden, was es ist, hat den Pfad der Weisheit verlassen.“659 Heutzutage hat sich der Blick auf das Genre Fantasy mit seinen zahlreichen Subgenres, ob nun in Literatur, Filmen, TV-Serien, (Computer-)Spielen etc. vorkommend, ein gutes Stück weit geändert. Fantasy bzw. Fantasy-Elemente erfreuen sich großer Beliebtheit und weiter Verbreitung. Doch nicht nur bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, längst ist dieses Genre auch über Altersgrenzen hinaus populär. Sich dem Phänomen gänzlich zu verschließen, würde gleichzeitig bedeuten, einen Teil der Lebensrealität vieler Menschen zu ignorieren. Da ein Ende dieser Faszination am Fantasy-Genre nicht abzusehen ist, wird auch Tolkien weiterhin sein Lesepublikum finden und unterhalten. Damit sind für die Zukunft auch neue Leinwandversionen zum Legendarium nicht ausgeschlossen, ebenso wenig wie ein erneuter Tolkien-Boom. Viel Aufmerksamkeit erzeugte jedenfalls der Ende 2017 bekannt gewordene Plan des US-amerikanischen Konzerns Amazon, der auch einen eigenen Streamingdienst betreibt, eine eigene TV-Serie rund um Tolkiens Mittelerde-Erzählungen zu produzieren.660 Zudem kommt im Mai 2019 eine Filmbiographie mit dem Titel „Tolkien“ in die Kinos. Die Faszination Fantasy eröffnet den unterschiedlichen Wissenschaften neue Forschungsgebiete, etwa die Betrachtung der dort vorkommenden Religion(en) bzw. religiösen Phänomene. Wenngleich die akademische Theologie noch immer die Tendenz aufweist, diesen weitverzweigten Bereich als eher seicht zu ignorieren, vor allem den Fantasy-Film betreffend661, so hat die Religionswissenschaft mittlerweile Fantasy als lohnendes Arbeitsgebiet entdeckt: Seminare und wis- 659 HdR I, 338. Genau in diesem Zusammenhang zitiert ihn auch Tolkien, vgl. Carpenter, Briefe, Nr. 329. Vgl. Vos, Weltdeutung im Silmarillion, 3. 660 Gleich mehrere Nachrichtenportale berichteten im November 2017 darüber. Exemplarisch seien an dieser Stelle drei Berichte genannt. Vgl. FAZ: http:// www.faz.net/aktuell/feuilleton/familie/wie-erklaere-ich-s-meinem-kind/amazonproduziert-eine-herr-der-ringe-serie-15293560.html [abgerufen am 10.08.2018]. Vgl. Handelsblatt: http://www.handelsblatt.com/unternehmen/it-medien/tv-seri e- amazon-dreht-herr-der-ringe-vorgeschichte/20578966.html [abgerufen am 10.08.2018]. Vgl. Spiegel: http://www.spiegel.de/kultur/tv/herr-der-ringe-amazo n- verfilmt-saga-als-tv-serie-a-1177822.html [abgerufen am 10.08.2018]. 661 Vgl. Heimerl, Parallelwelten, 296. 5. Schlussbetrachtung 225 senschaftliche Abschlussarbeiten beschäftigen sich mit dem Phänomen Fantasy aus religionswissenschaftlicher Perspektive und stoßen auf Interesse bei Studierenden. Die Themen werden auch in Zukunft nicht ausgehen, dafür sorgen schon alleine die ständigen Neuerscheinungen. Eine Bearbeitung scheint sich schon alleine deswegen zu rechnen, da nicht selten von SchülernInnen und Studierenden religiöse Elemente aus diesem Bereich bekannt sind, noch ehe sie diese im Unterricht oder im wissenschaftlichen Kontext kennenlernen.662 So erging es dem Autor von Tolkiens ganz gewöhnliche Helden, er schreibt dazu in seinem Vorwort: Nachdem ich „Der Herr der Ringe“ zum ersten Mal gelesen hatte, saß ich in der Sonntagsschule, wo wir eine Passage aus dem Alten Testament vorgelesen bekamen. Ich stellte fest, dass es ganz ähnlich klang wie Tolkien. Meine Sonntagsschullehrerin korrigierte mich sanft: „Nein Mark, es ist andersherum – Tolkien klingt ganz ähnlich wie die Bibel!“663 Das gilt in ähnlicher Weise auch für die Tolkien Verfilmungen mit den dort wahrnehmbaren Versatzstücken christlicher Ikonographie, wie sie in der vorliegenden Arbeit aufgezeigt wurden. Generell kann festgestellt werden, dass christliche Bildwelten zwar schon lange Eingang in den modernen Fantasy-Film gefunden haben664, allerdings vom Publikum nicht mehr automatisch als christliche bzw. religiöse Bilder wahrgenommen werden. Die Bemerkung des Tolkien Biographen Carpenter, die dieser Schlussbetrachtung voranstellt ist, fasst einige Aspekte dieser Arbeit zusammen. Auf der narrativen Ebene kommt zwar ein christlicher Gott nicht explizit vor, indirekt aber ist er gegenwärtig, am deutlichsten in Gestalt von Eru/Ilúvatar bei der Erschaffung des Kosmos im Silmarillion. In Der Herr der Ringe wird dieser Gott dann tatsächlich „unsichtbar“. Nur in der Zusammenschau mit der Kosmologie weiß das Lesepublikum von seiner Gegenwart. So unsichtbar Gott auch bleibt, zahlreiche religiöse Elemente finden sich in Der Herr der Ringe dennoch, darunter viele, die man als 662 Vgl. Heimerl, Parallelwelten, 295. 663 Smith, Tolkiens Helden, 12. 664 Vgl. Heimerl, Parallelwelten, 297. 5. Schlussbetrachtung 226 christlich bezeichnen kann. Selbstverständlich sind aber weder diese noch Tolkiens Eru/Ilúvatar alleinig der christlichen Sphäre zuordenbar. Vielmehr finden sie sich mit alten vorchristlichen Mythen vermischt, die Tolkien vor allem in der Literatur fand, mit der er sich im Rahmen seiner akademischen Tätigkeiten beschäftigte.665 Sein literarisches Schaffen verstand Tolkien nicht als Widerspruch zu seinem katholischen Glauben, der wichtiger Bestandteil seines Lebens war. Ganz im Gegenteil, er band seine literarische Tätigkeit an diesen Glauben zurück. Seinem Verständnis nach schuf er als Zweitschöpfer eine Welt, die den Schöpfungsauftrag Gottes, „des großen Autors“666, fortführte und letztlich der Gottebenbildlichkeit des Menschen geschuldet war. Ein Stück weit überspitzt könnte man behaupten: Aus dem Akt des Schreibens wird eine Art des Gottesdienstes. Selbstverständlich entband ein solches Verständnis Tolkien nicht von der Pflicht, die Heilige Messe regelmäßig zu besuchen. In ähnlicher Form kann auch für den Akt des Lesens, folgt man Tolkiens Gedanken, eine Art des religiösen Vollzugs angenommen werden. Allerdings nur dann, wenn sich das Lesepublikum mithilfe der „willentlichen Aussetzung des Unglaubens“ voll und ganz auf eine gut gemachte Sekundärwelt einlässt – wobei diesbezüglich „gut gemacht“ für Tolkien eine ganz wesentliche Voraussetzung darstellt. Durch den „Sekundärglauben“ werden die LeserInnen zu ZweitschöpfernInnen, indem in ihren Gedanken verschiedenste Bilder zu den eben gelesenen Zeilen entstehen – oder in Tolkiens Sinne gesprochen: erschaffen werden. Zugleich war Tolkien davon überzeugt, mit seinem Legendarium etwas Größeres bzw. Höheres zu erschaffen, einen Mythos, der wie alle anderen zuvor geschriebenen Mythen einen Funken göttlicher Wahrheit enthält. Immerhin liegt seiner Ansicht nach der Ursprung aller Mythen bei Gott. Dieser Mythos erzählt eine Frohe Botschaft – natürlich nicht mit derselben Authentizität und Autorität wie die Bibel, Derartiges zu behaupten hätte der fromme Katholik nicht gewagt – vom Sieg des Guten über das Böse. 665 Vgl. Shippey, Autor des Jahrhunderts, 314. 666 Carpenter, Briefe, Nr. 163. 5. Schlussbetrachtung 227 Den aufmerksamen RezipientenInnen ist schon sehr früh aufgefallen, dass Elemente unterschiedlicher religiöser Traditionen darin verwoben sind. Andere wiederum sahen das ganz anders, etwa eine Kritik in der Sunday Times, die nach Erscheinen des ersten Der Herr der Ringe Bandes urteilte, dass „keinerlei religiöser Geist“ in dem Buch vorhanden sei.667 Zu unsichtbar war Tolkiens Gott, zumindest noch am Beginn, als einem breiteren Publikum erst Der Hobbit und Der Herr der Ringe bekannt waren. Doch so unleugbar christliche Elemente vorhanden sind, so besteht gleichzeitig die Gefahr, mit großer interpretativer Findigkeit auch dort solche hineinzuprojizieren, wo diese nicht zugegen sind. Dabei gilt: Je weiter man mit Deutungen ins Detail geht, desto unschärfer droht eine Interpretation zu werden, desto größer die Gefahr, in einen regelrechten „furor allegoricus“668 zu verfallen. Diesem „Allegoriewahn“ sind manche verfallen, besonders in Bezug auf das Handeln einzelner Figuren. Das Etikett „christlich“ wurde oft vorschnell vergeben, etwa wenn es um das Auffinden christologischer Erlöserfiguren oder sogenannter christlicher Werte ging. Tolkien wollte keine absichtlichen Allegorien schaffen noch mit seinen Texten missionieren. Um solchen Vereinnahmungen etwas entgegenzustellen, prägte er den Begriff der „applicability“, der „Anwendbarkeit“. Doch mit der Veröffentlichung entgleitet der Text jedem Autor/jeder Autorin und öffnet diesen somit für Interpretationen und Instrumentalisierungen aller Art. So haben sich etwa zum Kinostart von Der Herr der Ringe-Verfilmungen deutsche Kleinverlage des Mittelerde-Stoffs angenommen und dabei vor allem auf die Botschaft hinter der Erzählung abgezielt. Die Geschichte selbst rückte dabei mehr oder weniger stark aus dem Blickfeld. Dabei ist durchaus vorgekommen, dass man der Geschichte regelrecht Gewalt angetan hat, etwa indem man die christliche Lesart als die einzig wahre verstand oder das Werk zur Verbreitung esoterischer Inhalte missbrauchte. Mit Fabian Geier gesprochen: „Wenn das Wesentliche an einer Geschichte das wäre, was man mit ihr ausdrücken will, dann könnte man eben das auch gleich hinschreiben – und sich die Geschichte ersparen.“669 667 Vgl. Carpenter, Biographie, 251. 668 Shippey, Autor des Jahrhunderts, 345. 669 Geier, Leaf by Tolkien, 146. 5. Schlussbetrachtung 228 Warum sich gerade Tolkien in der christlichen LeserInnenschaft so großer Beliebtheit erfreut, liegt vor allem daran, dass er nie einen Hehl aus seinem starken Glauben gemacht hat. Das hat ihn in den Augen so manches christlichen Verlags sicher zu einem idealen Mittel zur Verbreitung religiöser Botschaften gemacht. Dabei wird ausgeklammert, dass Tolkien für christliche Strömungen außerhalb der eigenen katholischen Überzeugung nicht immer gute Worte übrighatte. Seiner offen zur Schau getragenen religiösen Überzeugung verdankt Tolkien wohl seine Präsenz auf christlichen bzw. katholischen Online-Portalen, man denke etwa an die vielen Artikel auf dem deutschsprachigen Nachrichtenportal kath.net. Dabei ist anzumerken, dass dahinter ein häufig zu beobachtendes Phänomen steckt: Generell genießen „Prominente“ aus den unterschiedlichsten Bereichen auf christlichen Websites oder in sozialen Medien große Aufmerksamkeit, wenn sie aus ihrer religiösen Überzeugung kein Geheimnis machen. Gerne werden sie dann hervorgehoben und damit – ob nun gewollt oder nicht – zu Werbeträgern ihrer Religion. Zudem ist gerade in evangelikalen bzw. als christlich-konservativ bis fundamentalistisch geltenden Kreisen, aber natürlich nicht ausschließlich dort, die Sehnsucht nach einer einfach gestrickten Welt verbreitet, wie man sie bei Tolkien zu finden glaubt: Gut und Böse sind darin (zumeist) klar voneinander zu unterscheiden, traditionelle Werte werden hochgehalten und Männer gehen auf Abenteuer, während die Frauen (daheim) auf sie warten. Was sich allerdings Tolkien selbst in erster Linie wünschte, hat er mehrmals betont: Seine Geschichten sollen das Lesepublikum unterhalten. Diesen Zweck erfüllen sie und ihre Leinwandversionen bis heute, ganz unabhängig davon, ob man nun Tolkiens religiöse Ansichten teilt oder christliche Inhalte in den Büchern bzw. Filmen entdeckt. Neben diesem Gefallen hat Tolkien den Erzählungen aber hilfreiche Wirkungen zugestanden, man denke nur an seine Ausführungen in seinem Essay Über Märchen. Manche unter den eingefleischten Tolkien-Anhängern haben allerdings mehr darin gesehen, etwa „Heiligkeit“, was Tolkien tief berührte670, andere unter Umständen sogar geheime Botschaften. Wiederum andere haben sich in ihrem eigenen 670 Vgl. Carpenter, Briefe, Nr. 328. 5. Schlussbetrachtung 229 Tun von Tolkiens ganz gewöhnlichen Helden anleiten lassen, wie uns der Autor des gleichnamigen Werkes versichern will. Grundsätzlich gilt für gesamte Genre Fantasy, dass es für die meisten „bloße“ Unterhaltung bleibt, manche darin allerdings mehr entdecken, für einige wenige gar sinnstiftend ist. In Anlehnung an Hesiods Definition einer Fabel könnte abschließend für Tolkiens Legendarium gelten: fabula docet et delectat.671 671 Vgl. Treusch, Faszination Fantasy, 170. 5. Schlussbetrachtung 230

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References

Zusammenfassung

J.R.R. Tolkien (1892–1973), Philologe an der Universität Oxford, ist den meisten Menschen durch seine Romanreihe Der Herr der Ringe bekannt. Weniger bekannt dagegen ist, dass der streng gläubige Katholik in seinem literarischen Wirken eine Art des religiösen Vollzugs sah, der nicht im Widerspruch zu seinem tiefen Glauben stand. Seinem Verständnis nach führte er als „Zweitschöpfer“ den biblischen Schöpfungsauftrag fort, indem er einen von tiefer innerer Wahrheit geprägten Mythos erschuf. Den aufmerksamen Rezipienten ist schon sehr früh aufgefallen, dass Tolkien Elemente unterschiedlicher religiöser Traditionen mit Motiven aus verschiedenen Mythen verwebt, mit denen er sich im Rahmen seiner akademischen Tätigkeiten beschäftigte. Diese Arbeit zeigt, dass die religiöse Rezeptionsgeschichte demnach sehr früh beginnt und immer noch nicht abgeschlossen ist, wenngleich die religiösen Bildwelten heute vom Publikum nicht mehr automatisch als christliche bzw. religiöse Bilder wahrgenommen werden.