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4. Parallelwelten – Ausdruck christlichen Glaubens oder Werkzeug des Teufels in:

Christian Hatzenbichler

J.R.R. Tolkien und sein Christentum, page 198 - 223

Eine religionswissenschaftliche Auseinandersetzung mit Tolkiens Werk und seiner Rezeptionsgeschichte

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4386-8, ISBN online: 978-3-8288-7371-1, https://doi.org/10.5771/9783828873711-198

Tectum, Baden-Baden
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Parallelwelten – Ausdruck christlichen Glaubens oder Werkzeug des Teufels Fantasy-Literatur erfreut sich in christlichen Kreisen unterschiedlichster Denomination nicht zwangsweise großer Beliebtheit. Oft ist das genaue Gegenteil der Fall und das Genre ist – vor allem von christlichfundamentalistischer Seite aus – verschiedensten Angriffen ausgesetzt. Solche Kritik, die oft auf einschlägigen Internetseiten publiziert wird, lehnt entweder einzelne Werke bzw. Reihen ab oder richtet sich generell gegen das Genre als Ganzes. Dabei ist es vor allem die Verwendung von Magie bzw. Zauberei, die für christlich motivierte KritikerInnen den Stein des Anstoßes darstellt. Das Lesepublikum könne dazu verführt werden, die geschilderten magischen Praktiken sogleich in der Realität auszuprobieren. Ein solcher Gebrauch gilt jedoch als unbiblisch.599 Ebenso wird gerne das Fehlen von Inhalten des christlichen Glaubens bzw. deren Verfälschung bemängelt oder dass es sich schlicht um eine Welt ohne Gott handelt. Besonders stark fällt die Kritik wohl deswegen aus, weil Fantasy-Literatur gerade im Kinder- und Jugendbuchbereich stark vertreten ist und es somit ein junges Lesepublikum zu schützen gilt.600 Bekanntes Beispiel für eine derartige Ablehnung ist die siebenteilige Romanreihe Harry Potter der englischen Autorin Joanne K. Rowling. Manchen KritikernInnen zufolge verderbe das Lesen dieser Bücher die Jugend, „Verführung zum Satanismus, Verhöhnung des Christentums, Verharmlosung von Okkultismus und Geisterglaube lauten die Vorwürfe.“601 4. 599 Exemplarisch sei auf das Prophetiegesetz in Dtn 18,9–22 hingewiesen, darin werden Praktiken wie etwa Losorakel, Weissagung aus dem Becher, Totenbeschwörung etc. verboten. 600 Vgl. Treusch, Faszination Fantasy, 167f. 601 Aus der Online-Kulturredaktion des deutschen Nachrichtenmagazins Der Spiegel mit dem Titel „Kritik an Harry Potter: Das Kreuz mit der Religion“, nachzulesen 198 Besonders heftig werden solche von Gabriele Kuby erhoben, sie ist Mitautorin des im Jahr 2002 im christlichen Fe-Medienverlag erschienenen Buches Harry Potter – Der Herr der Ringe. Unterscheidung tut not.602 Darin werden die beiden Fantasy-Werke direkt hintereinander und unabhängig voneinander behandelt. Schon ein Blick ins Inhaltsverzeichnis genügt, um daraus die Meinung der beiden Autoren abzuleiten. So trägt der erste Teil des Buches den vielsagenden Titel „Harry Potter – Der globale Schub in okkultes Heidentum“, demgegenüber steht im zweiten Teil die „Frohe Botschaft aus Mittelerde“. Gleichermaßen für sich sprechend sind die Kapitelüberschriften zu Rowlings Werk, beispielsweise „Eliminierung Gottes und Pervertierung göttlicher Symbole“. Für diese erste Buchhälfte über den Zauberschüler zeichnet die genannte Gabriele Kuby, eine gläubige Katholikin, verantwortlich. Lohnend ist ein Blick auf ihre Homepage, dort wird die religiöse Verortung der Autorin deutlich aufgezeigt. Dem biographischen Abschnitt ist zu entnehmen: Nach langer Suche auf den Wegen des Zeitgeists ist sie 1997 in die katholische Kirche eingetreten. Ihr erstes Buch Mein Weg zu Maria – Von der Kraft lebendigen Glaubens, ist das Tagebuch ihrer Konversion. Es hat vielen Menschen den Weg zu einem lebendigen Glauben eröffnet. Als Publizistin und Vortragsrednerin zeigt sie die Sackgassen der modernen Gesellschaft auf und den Ausweg durch eine Neubesinnung auf christliche Werte.603 Der Autorin scheint die Bekämpfung der Romanreihe jedenfalls ein großes Anliegen zu sein, immerhin hat sie diesem Thema 2003 noch ein weiteres Buch gewidmet, zusätzlich findet sich auf ihrer Homepage eine Liste „10 Argumente gegen Harry Potter“.604 unter: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/kritik-an-harry-potter-das-kreuzmit-der-religion-a-494012.html [abgerufen am 10.08.18]. Vgl. Heidler, Zwischen Magie, Mythos und Monotheismus, 96f. 602 Hageböck / Kuby: Harry Potter – Der Herr der Ringe. 603 http://www.gabriele-kuby.de/person-und-werk/person-und-werk/ [abgerufen am 10.07.16]. 604 Vgl. Kuby, Harry Potter – gut oder böse. Vgl. http://www.gabriele-kuby.de/ buecher/harry-potter [abgerufen am 10.07.16]. 4. Parallelwelten – Ausdruck christlichen Glaubens oder Werkzeug des Teufels 199 Das Buchcover von Harry Potter – Der Herr Der Ringe. Unterscheidung Tut Not zeigt einen in wei- ßes Gewand gehüllten „verklärten“ Gandalf, davor Harry Potter, deutlich zu erkennen an der – wie es im Buch heißt – „Fluchnarbe des Teufels“ auf seiner Stirn. Aus ihrer Feder stammt noch eine Reihe anderer Werke, die sich mit religiösen Themen auseinandersetzen und wohl ebenso der oben genannten „Neubesinnung“ dienen sollen. Gerade einer solchen scheint Harry Potter demnach im Wege zu stehen. Mit Joseph Kardinal Ratzinger (später Papst Benedikt XVI.) nennt Kuby auf ihrer Homepage einen prominenten Unterstützer. Als damaliger Präfekt der Glaubenskongregation hätte er ihrer Potter-Kritik Recht gegeben und in Abbildung 10: 4. Parallelwelten – Ausdruck christlichen Glaubens oder Werkzeug des Teufels 200 einem dort zitierten Schreiben ihre Anstrengungen in dieser Sache gutgeheißen.605 Andere vatikanische Stimmen klingen dagegen ganz anders, etwa jene von Msgr. Peter Fleetwood, Mitglied des päpstlichen Kulturrats und Sekretär im Rat der Europäischen Bischofskonferenzen. Er relativiert Ratzingers Schreiben, spricht von einer falschen Interpretation und stellt gleichzeitig fest: „Frau Rowling ist eine überzeugte Christin, vielleicht nicht in dem Sinn, wie sich ein Bischof das wünscht. Sie drückt ihren christlichen Glauben jedoch in ihrem Lebensstill und sogar in ihrer Art des Schreibens aus.“606 Diese Unbedenklichkeitsbescheinigung teilen jedoch in Rom nicht alle. Das schon mehrfach genannte Nachrichtenportal kath.net beschäftigt sich nicht nur mit Tolkien, sondern gleich in mehreren Artikeln mit Rowling (u.a. auch mit Kubys Kritik). In einem dieser Artikel kommt es zu einer weiteren Gegenüberstellung der beiden Romanreihen.607 Zitiert wird niemand geringerer als der römische „Chef-Exorzist“ P. Gabriele Amorth. Sein Resümee ist vernichtend, denn Rowlings Werk trage für ihn die Handschrift des Fürsten der Finsternis. Immerhin, so könnte man annehmen, handle es sich bei einem Exorzisten um einen Fachmann diesbezüglich. In dem genannten Online-Artikel wird ein weiterer Fachmann zitiert, diesmal mit Edoardo Rialti ein englischer „Literaturexperte“, der den Teufel bereits an die Wand malt, indem er „einen signifikanten Anstieg des Interesses an schwarzer Magie und Satanismus bei jungen Potter-Lesern“608 ortet. Durch die Romanreihe sieht er die moralische Ordnung in Gefahr. Für Tolkien dagegen gelte das nicht. Seine Be- 605 Vgl. http://www.gabriele-kuby.de/buecher/harry-potter [abgerufen am 10.07.16]. 606 Langer, Unheil aus Hogwart, 19. Msgr. Fleetwoods Stellungnahme führte zu einer Auseinandersetzung mit Kuby, kath.net berichtet: http://www.kath.net/news/1106 6 [abgerufen am 10.08.18]. Unter dem Titel „Vatikan mag Harry P. doch“ hat sich die österreichische Tageszeitung Der Standard am 19.07.2005 dazu geäußert, vgl. http://derstandard.at/2117669/Vatikan-mag-Harry-P-doch [abgerufen am 10.08.18]. Nach Abschluss der Potter-Reihe sagt Rowling von sich selbst, dass sie ohne konfessionelle Bindung aufgewachsen sei, allerdings bereits als Kind auf der Suche nach Religion war und heute regelmässig in die Kirche geht. Vgl. Rahner, Zauberhafte Ethik, 195. 607 Vgl. http://www.kath.net/news/23440 [abgerufen am 10.08.18]. 608 http://www.kath.net/news/23440 [abgerufen am 10.08.18]. 4. Parallelwelten – Ausdruck christlichen Glaubens oder Werkzeug des Teufels 201 gründung lautet, dass man Rowling deswegen nicht mit Tolkien vergleichen könne, weil Zauberei und Magie bei Harry Potter als positive Kräfte dargestellt werden. Man kann knapp entgegenhalten, dass in beiden Erzählungen sowohl die positiven als auch die negativen Seiten der Zauberei bzw. Magie behandelt werden. Seine Kritik scheint insgesamt maßlos überzogen. Nach Durchsicht der zahlreichen kath.net-Artikel kann festgestellt werden, dass die Harry Potter-Beurteilung der Nachrichtenseite jedoch letztlich weitgehend ausgewogen bleibt. Schließlich kommen bei den zahlreichen „Experten“ auch solche zu Wort, die eine positive, oder zumindest neutrale, Bewertung der Romanreihe abgeben. Diese können durchaus aus einem als nicht minder konservativ geltenden Eck kommen, wie die Stellungnahme eines Mitglieds der katholischen Priesterbruderschaft St. Petrus beweist. P. Walthard Zimmer geht mit den Kritikern hart ins Gericht: Ich klage alle an, die diese Bücher verurteilen, ohne sie gelesen zu haben. Sie betreiben in sündhafter Weise Rufschädigung, sind unlauter und zu einem gewissen Maße auch verantwortlich für die Konsequenzen, die daraus entstehen.609 Für den katholischen Geistlichen könnten als Folge einer solchen „sündhaften Rufschädigung“ Kinder in Panikreaktion dazu verleitet werden, dem Glauben den Rücken zuzukehren. Damit verkehrt der Geistliche die Argumentation der Potter-Kritiker genau ins Gegenteil, indem nicht der Inhalt der Bücher, als vielmehr die unsachliche Kritik schuld am Glaubensabfall junger Menschen ist. Zusätzlich dazu habe ein solches Verhalten auch individuelle Konsequenzen, da sich die Kritiker mit ihren Behauptungen vor Gott rechtfertigen müssen. Insgesamt kann festgestellt werden, dass sich in den Stimmen aus Theologie und (katholischer) Kirche ganz unterschiedliche Standpunkte zur Romanreihe finden. Die Palette reicht von Kubys „Kampfschrift im klassischen Sinn“610 bis hin zu sehr wohlwollenden Stimmen (vor allem innerhalb der akademischen Theologie), von vereinzelten Büchereiverboten bis hin zu Potter-Gottesdiensten.611 Zu betonen ist, 609 Vgl. http://kath.net/news/2190 [abgerufen am 10.08.18]. 610 Langer, Unheil aus Hogwart, 24. 611 Eine Übersicht dieser Stimmen zur „Potter-Problematik“ bietet: Langer, Unheil aus Hogwart, in: Dormeyer / Munzel: Faszination Harry Potter, 17–29. 4. Parallelwelten – Ausdruck christlichen Glaubens oder Werkzeug des Teufels 202 dass die Verteufelungen keinesfalls mehrheitsfähig sind. Vielemehr handelt es sich um eine Art Binnendiskurs christlicher (katholischer) Randgruppen. Auf die Mehrheit der Gläubigen – gar nicht zu sprechen von den Nicht-Gläubigen – wirken sie wohl eher seltsam verschroben. Tolkien dagegen wurde bzw. wird nicht nur in katholischen Kreisen gelesen und positiv bewertet, sondern erfreut sich auch im evangelikalen Umfeld guter Kritik und einer breiten Rezeptionsgeschichte. Im deutschsprachigen Raum haben im Zuge der Verfilmungen gleich mehrere christliche Medienunternehmen Sekundärliteratur zu Tolkien publiziert. Negative Bewertung aus religiösen Gründen bleibt dabei die Ausnahme. So findet sich beispielsweise auf der Homepage des evangelikalen Betanien-Verlags eine 2002 veröffentlichte ablehnende Stellungnahme, in der Tolkien als eine Art Wegbereiter „der dämonischen Welt der Fantasy-Rollenspiele“ und der „moralisch dreckigen Welt der Rockmusik“ verurteilt wird.612 Gerade die positive Aufnahme innerhalb des evangelikalen Rezipientenkreises scheint im ersten Augenblick zu verwundern, denn Tolkien selbst machte jedenfalls kein Hehl aus seiner Ablehnung reformierter Kirchen. Was in diesen strikt verneint wird, beispielsweise die Sonderstellung des Papstes und das katholische Verständnis vom Sakrament der Eucharistie, galt für den überzeugten Katholiken als Selbstverständlichkeit: Ich selbst bin überzeugt von den Petrinischen Ansprüchen, und wenn ich mich in der Welt umsehe, scheint mir nicht viel Zweifel möglich zu sein, welches […] die Wahre Kirche ist […]. Für mich aber hat jene Kirche, deren anerkanntes Oberhaupt auf Erden der Papst ist, vor allem den Anspruch, die einzige zu sein, die das Heilige Sakrament stets verteidigt hat (und noch immer verteidigt), die ihm die höchste Ehre erwiesen hat und es (wie Christus klar beabsichtigte) an die erste Stelle gerückt hat.613 Und noch im selben Brief verwendet Tolkien das Wort „Revolte“ anstatt des gängigeren und positiven konnotierten Worts „Reformation“. Denn eine Reform, im Sinne einer positiven Erneuerung der Kirche, konnte er in den reformatorischen Vorgängen am Beginn der Neuzeit nicht erkennen. 612 Vgl. http://www.betanien.de/verlag/material/material.php?id=20 [abgerufen am 10.08.18]. 613 Carpenter, Briefe, Nr. 250. 4. Parallelwelten – Ausdruck christlichen Glaubens oder Werkzeug des Teufels 203 Im Folgenden soll der Frage nachgegangen werden, warum Tolkien eine so große Anziehungskraft im christlichen Milieu hat. Im Anschluss daran werden exemplarisch ein paar Verlage aus dem deutschsprachigen Raum mit ihren Publikationen kurz vorgestellt. Gründe für Tolkiens Beliebtheit Selbstverständlich erfreut sich Tolkiens Werk nicht ausschließlich im christlichen Milieu großer Beliebtheit. Warum er aber nun gerade dort eine so breite und positive Rezeptionsgeschichte erfahren hat, mag wohl zu zuallererst daran liegen, dass der Autor kein Geheimnis aus seiner religiösen Einstellung macht und offen darüber spricht, was in seinen Briefen zum Ausdruck kommt: „[…] ich bin Christ (was man aus meinen Geschichten erschließen kann), genau gesagt, Katholik.“614 Rowling dagegen verhielt sich in Bezug auf Informationen zu ihrem Privatleben generell eher zurückhaltend, besonders reserviert aber gegenüber Fragen nach ihrer religiösen Zugehörigkeit.615 Diese Tatsache alleine machte sie wohl für bestimmte (fundamentalistische) Kreise verdächtig. Bereits die Einleitung zu Harry Potter – Der Herr der Ringe. Unterscheidung tut not macht deutlich, wie wichtig die religiöse Zugehörigkeit für die Bewertung der beiden Romanreihen ist, immerhin wird gleich zu Beginn darauf eingegangen: J. R. R. Tolkien war ein katholischer Christ, der täglich zur Messe ging und den Rosenkranz betete. […] Von J. K. Rowlings weiß man nur, dass sie ganz sicher nichts mit Gott im Sinn hat.616 Diese Be- bzw. Verurteilung verdankt Rowling wohl der erwähnten Zurückhaltung. Inzwischen hat sie sich im Übrigen eindeutig zu ihrer religiösen Zugehörigkeit geäußert und KritikerInnen Lügen gestraft. In einem 2007 veröffentlichen Interview sagte sie: „Ja, ich glaube. Und, ja, 4.1 614 Carpenter, Briefe, Nr. 213. Umgekehrt könnte ein Teil der Kritik an Tolkiens Werk eigentlich seinem Katholizismus gelten, wenngleich dies offen nicht ausgesprochen wird. Vgl. Shippey, Autor des Jahrhunderts, 367. 615 Vgl. Ciaccio, Harry Potter trifft Gott, 122f. 616 Hageböck / Kuby: Harry Potter – Der Herr der Ringe, 11. 4. Parallelwelten – Ausdruck christlichen Glaubens oder Werkzeug des Teufels 204 ich gehe in die Kirche. In eine evangelische Gemeinde hier in Edinburgh.“617 Neben dem Bekenntnis des Autos wird von einem christlichen Rezipientenkreis ein Werk natürlich dann positiv aufgenommen, wenn es deutlich erkennbare christliche Elemente enthält, beispielsweise einen entsprechend geformten Tugendkatalog oder Versatzstücke christlicher Ikonographie. Gerade solche Komponenten kann man, wie Tolkien selbst schreibt, aus seinem Werk heraus erschließen. Generell gilt für Fantasy-Literatur, dass diese dem Bedürfnis des Lesepublikums nach Realitätsüberschreitung und Metaphysik entgegenkommt.618 Wenn es nun auch noch gelingt, das Vorhandensein höherer Mächte etc. mit den eigenen christlichen Glaubensvorstellungen in Einklang zu bringen oder zu assoziieren, ob völlig zurecht oder auch nicht, trägt das zur positiven Resonanz bei. So wird es einem entsprechend vorgebildeten RezipientenInnenkreis nicht schwerfallen, in der Wiederkehr Gandalfs christologische Züge auszumachen. Dabei spielt es offensichtlich keine allzu gewichtige Rolle, ob diese Erlöserfigur – wie im genannten Beispiel – ebenso deutlich Züge nordischer Mythologie erkennen lässt. Zur positiven Aufnahme hat außerdem die Identifikationsmöglichkeit mit dem den Werken zugrundliegenden Weltbild beigetragen. Dabei werden gleich mehrere Komponenten als übereinstimmend erfahren. Ganz zentral und deswegen an erster Stelle zu betonen ist, dass Tolkiens Legendarium ganz wesentlich von der Gut-Böse-Dichotomie bzw. vom latenten Dualismus geprägt ist.619 In dieser Welt stellt das Böse nicht einfach nur eine abstrakte Gefahr dar, sondern tritt meist ganz konkret als personales und damit gleichzeitig (an)fassbares Böses in Erscheinung, nämlich in Form dunkler dämonischer Mächte und ihrer Helfer. Damit teilt Tolkiens Universum die Weltsicht evangelikaler Gemeinschaften bzw. als konservativ oder gar fundamentalistisch geltender katholischer Randgruppen. In der katholischen Kirche sind das entweder noch sehr stark in der Volksfrömmigkeit verwurzelte Menschen, mehrheitlich aber Gruppierungen, die einem ihrer Meinung nach „weichgespülten“ Glauben 617 Ciaccio, Harry Potter trifft Gott, 122. Vgl. Rahner, Zauberhafte Ethik, 195. 618 Treusch, Faszination Fantasy, 172. 619 Vgl. Kap. 3.4 Ein latentes dualistisches Weltbild. 4.1 Gründe für Tolkiens Beliebtheit 205 ablehnend gegenüberstehen. Sie sehnen sich zurück in die vermeintlich besseren Zeiten vor dem II. Vatikanischen Konzil (1962–1965) oder sogar noch weiter zurück in die Vergangenheit, als auch die Rede vom leibhaftigen Teufel und seinem Einfluss noch verbreitet(er) war. Denn ansonsten wird in der katholischen Kirche heute kaum mehr, noch viel weniger unter den sogenannten „einfachen“ Christen, über das personale Böse gesprochen. Um es kurz zu sagen: Die Welt steht heute für die große Mehrheit der Gläubigen nicht mehr derartig stark unter dem Einfluss des Satans, als sie es in der Vergangenheit tat. Denn die breite katholische Theologie hat sich allem Anschein nach – zumindest in Europa – weitgehend von einem solchen Weltbild verabschiedet. Hat sie vor dem genannten Konzil noch häufiger vom Teufel und seinen Dämonen gesprochen, so haftet dem Bösen heute eher etwas Irrationales an. Als personale Geistwesen werden Engel, weder die guten, noch ihre „gefallenen“ Geschwister, kaum noch wahrgenommen.620 Zu ergänzen ist, dass ausgerechnet Papst Franziskus als Ausnahme gilt, der heute wieder offensiver vom Teufel spricht. Das liegt mit Sicherheit an seiner Herkunft, denn in Südamerika ist die Rede über den Einfluss des Bösen noch nicht in gleicher Art und Weise in den Hintergrund gedrängt worden wie hier in Europa. Nimmt das Oberhaupt der katholischen Kirche das Thema allerdings auf, sorgen seine Reden hierzulande für Irritationen, so etwa bereits kurz nach seiner Wahl zum Papst, als er mit einem Wort von Léon Bloy aufhorchen ließ: „Wer nicht zum Herrn betet, betet zum Teufel.“ Der sprechende Titel eines Artikels aus der österreichischen Tageszeitung Die Presse dazu lautete: Der Papst und der Teufel: Franziskus im Minenfeld.621 Berührungsängste mit der Rede über den Teufel kennt das Oberhaupt der katholischen Kirche nicht, bereits als Kardinal stellte er fest, 620 Vgl. Kunzler, Engel. VI. Praktisch-theologisch, in: LThK 3, 651f. 621 Online nachzulesen unter: http://diepresse.com/home/panorama/religion/13571 72/Der-Papst-und-der-Teufel_Franziskus-im-Minenfeld [abgerufen am 10.08.18]. 4. Parallelwelten – Ausdruck christlichen Glaubens oder Werkzeug des Teufels 206 dass der Teufel kein Mythos sei, sondern eine real existierende Person und der schlimmste Feind der Kirche.622 Die Rede und die damit verbundene Vorstellung vom allgegenwärtigen personalen Bösen, wie wir es aus dem Narrativ Mittelerdes kennen, ist in religiöse Randgruppen ausgewandert. Hinzu kommt die Vorstellung, dass der harte Kampf gegen dieses Böse und das damit verbundene Opfer am Schluss nicht umsonst sein wird. Auch in diesem Punkt wird Tolkien als übereinstimmend mit der eigenen Weltdeutung erfahren. Denn für Der Herr der Ringe gilt ähnliches wie für die Bibel, gemeint ist hier vor allem die Offenbarung des Johannes: Ist das Böse erst geschlagen, werden die siegreichen Guten am Schluss belohnt. Ganz im Sinne des sprichwörtlichen „Ende gut, alles gut“. Analog zur biblischen Überlieferung sind es wenige, die dafür umso entschlossener auftreten sollen. Ein Inhalt, der sich für eine Randgruppe, die einer andersdenkenden Mehrheit gegenübersteht, ideal zur Identifikation und Instrumentalisierung eignet. Für diese besteht kein Zweifel daran, dass der Sieg letzten Endes gewiss ist, wenngleich das Böse oftmals hoffnungslos überlegen scheint. Somit gilt im realen Leben das Gleiche wie in den fiktiven Abenteuern: Durchhalten in einer Welt mit all ihren Unwägbarkeiten und den ständig am Weg lauernden Versuchungen widerstehen. Nur allzu leicht gerät man dabei auf Abwege, verfällt der Begierde nach Macht, Reichtum etc. Einen einfachen Weg versprechen Tolkiens Helden nicht, denn der Teufel kann schließlich überall lauern. Zusätzlich kommt es besonders entgegen, wenn nicht nur die klassischen, geradezu idealtypisch gezeichneten Helden die Machtbarkeit der Aufgabe vermitteln. Denn neben diesen Heroen, die natürlich nicht fehlen dürfen, bieten sich dem Lesepublikum Identifikationsfiguren mit einer ganz anderen Form des Heldentums an. Bilbo etwa, „ein Jedermann mit ganz und gar unheldischen Eigenschaften: prominent sind seine geringe Körpergröße (und -kraft), und seine Freude am be- 622 Vgl. den Artikel „Warum spricht der Papst so oft vom Teufel?“ am Nachrichtenportal kath.net, in dessen Leserschaft sich wie bereits festgestellt mehrere Tolkien Anhänger befinden: http://www.kath.net/news/47074 [abgerufen am 10.08.18]. 4.1 Gründe für Tolkiens Beliebtheit 207 quemen Leben, an gutem Essen und Trinken und seinem Pfeifchen.“623 Wenn auch unfreiwillig, so wird Bilbo dennoch zur eigentlichen Zentralfigur in Der Hobbit. Gleiches gilt für die Hobbits aus Der Herr der Ringe, allen voran Frodo und Sam. Sie können eben gerade aufgrund ihrer Unvollkommenheit als Identifikationsfiguren bzw. Vorbilder dienen, ihre nur allzu menschlichen Schwächen machen sie sogar zu Sympathieträgern. Die Helden sind dabei zum überwiegenden Teil männlich, während Frauengestalten, mit nur ganz wenigen Ausnahmen, entweder unnahbar überhöht werden oder als passive und duldsame Gestalten auftreten. Man könnte gerade bei den Zweitgenannten von Frauen mütterlichen Typs sprechen, die einer „traditionellen“ Rollenverteilung folgen, wie wir sie aus Tolkiens Biographie kennen und die natürlich auch seiner Zeit geschuldet ist. Das muss nicht abschrecken, im Gegenteil: Für so manche der genannten Randgruppen scheint ein solches (rückwärtsgewandtes) Frauenbild auch heutzutage noch erstrebenswert. Zur Beliebtheit innerhalb des christlichen Lesepublikums mag auch das bereits konstatierte Fehlen explizierter Sexualität beitragen. Dem eigenen Moralkodex kommt das Vorkommen romantischer, „echter“ Liebe, die einem strengen Sittenbild folgt und in Monogamie mündet, entgegen. Beziehungskrisen, Ehestreit oder gar Trennungen kennen die Romane nicht. Überhaupt fehlt es an Anstößigem, Schimpfwörter sucht man vergebens. Gewalt ist zwar als spannungssteigerndes Element vorhanden, wird jedoch als Ultima Ratio angewendet und ist – zumindest in Teilen – Gegenstand kritischer Reflexion.624 Somit findet sich nichts, was als anrüchig bzw. störend empfunden werden könnte. Hinzu kommt ein weiterer nicht zu unterschätzender Faktor. Die christlichen Interpretationsversuche haben schon mit der Veröffentlichung von Der Herr der Ringe eingesetzt, eigentlich sogar bereits 623 Petzold, Mittelerde, 89. 624 Die Verfilmungen weichen diesbezüglich ein gutes Stück ab. Regisseur Jackson legt viel Wert auf aufwändig inszenierte gigantische Schlachten. Er fügt sogar frei erfundene Gewaltszenen hinzu und verzichtet auf kritische Gegenansichten. Vgl. Van de Bergh, Mittelerde, 120f. 4. Parallelwelten – Ausdruck christlichen Glaubens oder Werkzeug des Teufels 208 davor. Immerhin assoziierte Tolkiens enger Freund, der Jesuitenpater Robert Murray, der das Werk zur Kritik noch vor Erscheinen gelesen hatte, die Gestalt Galadriel sogleich mit der Gottesmutter Maria.625 Diese Tatsache sollte man insofern nicht ignorieren, da die Frage nach dem Ausfallen einer Bewertung wohl auch im Zusammenhang damit steht, wer sich zuerst auf ein Werk stürzt und in welcher Form das geschieht. Gilt ein Werk einmal als christlich geprägt bzw. als von positivem Einfluss, wird es einen solchen Stempel nicht mehr allzu leicht los.626 Das gilt umgekehrt genauso, wie etwa im Fall Harry Potter. Eine einmal festgestellte christliche Prägung kann aber mitunter dazu führen, dass christliche Elemente auch dort entdeckt werden, wo sie eigentlich nicht vorhanden sind. Die Neigung zur christlichen Überinterpretation ist eine logische Konsequenz daraus. Als weiterer Umstand für die positive Rezeption sei angeführt, dass Tolkien mit dem Element der Magie bzw. Zauberei sehr sparsam umgeht und diese Kräfte Teil einer prämodernen, mittelalterlich angehauchten Welt sind. Demnach ist Magie nicht in einer Art Hogwarts- Schule für Hexerei und Zauberei erlernbar, noch ist sie Teil unserer modernen Gegenwart. Damit fällt der gegen Rowlings Werk erhobene Vorwurf, die Jugend werde durch das Lesen ihrer Bücher zur Aus- übung schwarzer Magie verführt, weg. Sekundärliteratur christlicher Verlagshäuser Mit der neu entfachten Begeisterung im Zuge der Filmprämieren rückte Tolkien in das Blickfeld christlicher Verlagshäuser. Die Breitenwirksamkeit der Filme hat auch im deutschsprachigen Raum dazu beigetragen, dass mehrere Bücher mit Sekundärliteratur zu Tolkien auf den Markt gekommen sind. In diesem Zusammenhang sei nochmals auf das 2002 erschienene Buch Harry Potter – Der Herr der Ringe. Unterscheidung tut not verwiesen, dessen zweiter und weitaus umfangreicherer Teil sich vollends um Der Herr der Ringe dreht. 4.2 625 Vgl. Carpenter, Briefe, Nr. 142. 626 Wenngleich es auch von Beginn an kritische Einwände von katholischer Seite gab, so etwa von Peter Hastings, Leiter einer katholischen Buchhandlung in Oxford. Vgl. Carpenter, Briefe, Nr. 153. Vgl. Shippey, Weg nach Mittelerde, 298f. 4.2 Sekundärliteratur christlicher Verlagshäuser 209 Auf Gabriele Kubys Anklage von Rowlings Werk folgt Michael Hageböcks Tolkien Analyse. Diese erweckt den Eindruck, dass eine christliche Lesart des Der Herr der Ringe die einzig richtige Interpretation sei. Aus seiner Intention macht Hageböck kein Hehl, er fordert dazu auf, Tolkiens „Œuvre als missionarische Chance zu begreifen“, um damit „den Neuheiden die Frohbotschaft“ zu verkünden.627 Das Buch insgesamt wirkt wie ein Ratgeber für besorgte Eltern, die mit der „Pottermania“ und/oder dem „Tolkien-Hype“ ihrer Kinder nicht so recht etwas anzufangen wissen. Es fügt sich damit gut in das Sortiment des Fe-Medienverlags, der, wie der Homepage zu entnehmen ist, helfen will, „sich in Gesellschaft und Kirche besser orientieren zu können.“628 Um dieses Ziel zu verwirklichen, so ist gleich darunter nachzulesen, bietet der Verlag „Bücher gegen den Zeitgeist“. Schon aus der Art der Formulierung wird deutlich, an welche Leserschaft sich das Verlagsprogramm richtet, denn immerhin wird der Begriff „Zeitgeist“ gerade im christlich-konservativen Milieu oft und gerne als stark negativ beleumundetes Schlagwort verwendet. In einem solchen Zusammenhang findet man ihn auch auf Kubys Homepage.629 Der Leitspruch des Verlags, „Medien, die die Welt katholisch sehen“630, zeigt sodann deutlich, dass man sich innerhalb des katholischen Spektrums bewegt bzw. bewegen möchte. Ein Buch über Tolkien bietet sich bei dessen Biographie und Weltbild natürlich an. Als Konservativer galt Tolkien immerhin schon zu Lebzeiten, denn manche seiner Standpunkte, etwa zur Sexualität, waren bereits in der damaligen Gesellschaft in Auflösung begriffen. Viel stärker aber gilt das noch für heute, wo Teile von Tolkiens Ansichten geradezu antiquiert wirken, oder anders gesagt: gegen den Zeitgeist gerichtet. Dabei darf man allerdings nicht aus den Augen verlieren, dass er nun einmal ein Kind seiner Zeit ist. Man denke etwa an sein Frauenbild, welches heute – vielleicht einmal abgesehen von genannter konservativer Minderheit – 627 Vgl. Hageböck / Kuby: Harry Potter – Der Herr der Ringe, 184. 628 http://www.fe-medien.de [abgerufen am 10.08.18]. 629 Über Kuby steht dort zu lesen: „Nach langer Suche auf den Wegen des Zeitgeists ist sie 1997 in die katholische Kirche eingetreten.“ http://www.gabriele-kuby.de/ person-und-werk/person-und-werk/ [abgerufen am 10.07.16]. 630 Vgl. http://www.fe-medien.de [abgerufen am 10.08.18]. 4. Parallelwelten – Ausdruck christlichen Glaubens oder Werkzeug des Teufels 210 (selbst) innerhalb der katholischen Kirche nicht mehr mehrheitsfähig ist. Tolkiens „geheime“ biblische Botschaft Im deutschen Verlag Christliche Literatur-Verbreitung (CLV) ist 2001 Der Ring und sein Geheimnis der beiden Autoren Kurt Bruner und Jim Ware erschienen. Ein am Buchcover abgebildeter Filmstreifen mit der Aufschrift „Aktuell zu: Der Herr der Ringe“ verrät bereits, dass die Veröffentlichung zum Filmstart erfolgte. Es handelt sich bei dem Werk um eine Übersetzung aus dem Englischen mit dem weitaus sprechenderen Originaltitel: Finding God in The Lord of the Rings. Der CLV-Homepage631 ist zu entnehmen, dass es sich nicht um einen Verlag im herkömmlichen Sinne handelt, sondern CLV seit 1983 als gemeinnütziger „evangelistischer“ Verein besteht, der somit dem sogenannten evangelikalen bzw. freikirchlichen Umfeld zuzuordnen ist. Gewinne werden, so heißt es dort, entweder für weitere Projekte oder für die Mission eingesetzt. Ziel sind niedrige Preise und hohe Auflagen, um damit vor allem junge Menschen zu erreichen. Die Arbeit wird, neben ehrenamtlich Tätigen, von fünf hauptamtlichen Mitarbeitern erledigt. Im Sortiment befinden sich verschiedenste Bücher rund um christliche Themen, der Schwerpunkt liegt dabei auf Biblischem, es finden sich aber auch Biographien und Romane darunter. Dass ein Buch zu Der Herr der Ringe gedruckt wurde, ist sicher auch der besonderen Ausrichtung hin auf Jugendarbeit geschuldet. 4.2.1 631 Vgl. www.clv.de [abgerufen am 10.08.18]. 4.2 Sekundärliteratur christlicher Verlagshäuser 211 Der Filmstreifen am Buchcover von Der Ring Und Sein Geheimnis zeigt, dass man vom Start der Leinwandversion profitieren will. Der Titel suggeriert, dass es in Tolkiens Werk eine Art Geheimnis gäbe, welches in dem Buch aufgedeckt wird. Der deutsche Titel ist dabei allerdings irreführend, denn geheime Botschaften werden in dem Buch nicht entschlüsselt. Zur Intention des Autorenduos verrät die Einleitung Folgendes: Wir haben dieses Buch geschrieben, um Hilfestellung zu geben, die reiche Struktur der Fantasiewelt Tolkiens als eine Art christlichen Weltverstehens zu begreifen. Jede Reflektion beginnt mit einer Szene oder einem Abbildung 11: 4. Parallelwelten – Ausdruck christlichen Glaubens oder Werkzeug des Teufels 212 Thema des Abenteuers, die eine Wahrheit oder Einsicht für unser heutiges Leben aufzeigt.632 Diese „Reflektionen“ dienen als Kapiteleinteilung, die in jeweils zwei annähernd gleichlange Abschnitte gegliedert sind. Begonnen wird mit der Nacherzählung eines Ausschnitts aus Der Herr der Ringe. Darauf folgt ein Teil mit Bibelstellen, die in einen Bezug mit der zuvor beschriebenen Handlung gestellt werden. Kurz gesagt: Es werden inhaltliche Parallelen zwischen Tolkiens Werk und der Bibel gezogen. So ist beispielsweise der Abschnitt über den Anfang des Abenteuers, kurz vor dem Aufbruch aus dem Auenland, mit „Die Berufung“ betitelt. In verschiedenen Bibelstellen aus dem Alten und dem Neuen Testament werden nun unterschiedlichste Berufungsgeschichten mit der Situation des Hobbits Frodo parallelisiert. Wie die einfachen Fischer in der Nachfolge Jesu (Mt 4,18–20) nicht mit all dem Folgenden gerechnet haben können, so trifft es Frodo ebenso aus heiterem Himmel und das, obwohl er auf den ersten Blick ähnlich den Fischern so gar nicht für Abenteuer gemacht scheint. Am Ende eines jeden zweigeteilten Kapitels folgt unter der Überschrift „Zum Nachdenken“ ein kurzer Impuls. Zur Berufung ist dort beispielsweise zu lesen: „Der Ruf, Christus zu folgen, ist ein Ruf ins Abenteuer – ungelegen, gebieterisch und unwiderstehlich.“633 Das Buch will dazu einladen, „nachzudenken über die christlichen Themen, die sich überall im Herrn der Ringe finden.“634 Kritik an dem Buch kam ausgerechnet aus den eigenen Reihen, nämlich von Seiten eines anderen deutschen evangelikalen Medienhauses, zu finden auf der Homepage des Betanien-Verlags.635 Dort liest man eine der wenigen religiös motivierten negativen Stellungnamen zu Tolkiens Werk. In einer Nachbemerkung dieser Stellungname heißt es: 632 Bruner / Ware, Der Ring, 11. 633 Bruner / Ware, Der Ring, 26. 634 Bruner / Ware, Der Ring, 12. 635 Vgl. http://www.betanien.de/verlag/material/material.php?id=20 [abgerufen am 10.08.18]. 4.2 Sekundärliteratur christlicher Verlagshäuser 213 „Mit dem Herausgeber des Buches „Der Ring und sein Geheimnis“ (CLV) sind wir freundschaftlich und geistlich verbunden, wenngleich wir die Herausgabe dieses Buches bedauern.“636 Lebensratgeber mit Bibelzitaten Im christlichen Verlagshaus Gerth Medien sind im Zuge der Kino-Trilogie gleich zwei Bücher zu Tolkien erschienen. Es handelt sich in beiden Fällen um Übersetzungen aus dem Englischen: 2002 erschien Tolkiens ganz gewöhnliche Helden637 von Mark Eddy Smith, 2003 Unterwegs mit Frodo638 von Sarah Arthur. Bei dem Verlag handelt es sich um einen christlichen Verlag aus dem deutschsprachigen Raum mit dem selbsterklärten Ziel „Menschen Ausrichtung, Inspiration und Hilfe für einen lebendigen Glauben und praktische Antworten auf Lebensfragen zu geben.“639 Neben Büchern findet sich im Sortiment eine breite Palette an Musik und Filmangebot. Der Untertitel verrät, dass im Mittelpunkt des vorliegenden Buches die in den Romanen vorkommenden Tugenden und Werte aufgearbeitet werden. Insgesamt sind es 30 davon, gleich zu Beginn beispielsweise „Einfachheit“ gefolgt von „Großzügigkeit“, die einzeln vorgestellt werden. Anhand ausgewählter Figuren und Textstellen werden diese unter Zuhilfenahme biblischer Bezüge aufgearbeitet. Das Lesepublikum wird dabei angeleitet, über sich selbst und das eigene Leben nachzudenken. Tolkiens ganz gewöhnliche Helden kann deswegen wohl als eine Art christlicher Lebensratgeber bezeichnet werden. 4.2.2 636 http://www.betanien.de/verlag/material/material.php?id=20 [abgerufen am 10.08.18]. 637 Engl. Originaltitel: Tolkien’s Orinary Virtues (2002). 638 Engl. Originaltitel: Walking with Frodo (2003). 639 http://www.gerth.de/index.php?id=ueber-uns [abgerufen am 10.08.18]. 4. Parallelwelten – Ausdruck christlichen Glaubens oder Werkzeug des Teufels 214 Passend zum Buchtitel von Tolkiens ganz gewöhnliche Helden sind die Identifikationsfiguren am Cover abgebildet. Das Lesepublikum soll sich im Idealfall die behandelten Tugenden aneignen. Bei dem Autor selbst jedenfalls scheint Derartiges geklappt zu haben. Er wurde von Tolkiens Werk tief berührt und versucht nun, diese Erfahrung in seinem Buch zu verarbeiten und gleichzeitig an das Lesepublikum weiterzugeben: Und je älter ich werde und je mehr ich über mich erfahre, desto klarer wird mir, dass viele meiner Ansichten über Gut und Böse, Richtig und Falsch in dieser Welt auf dem fruchtbaren Boden des Auenlands und in dem hohen Turm von Minas Tirith entstanden ist. […] Abbildung 12: 4.2 Sekundärliteratur christlicher Verlagshäuser 215 In Mittelerde habe ich ein Übungsfeld entdeckt, einen Ort, an dem ich mir Tugenden wie Weisheit, Freundlichkeit, Gnade und Liebe aneignen kann, an denen es bei mir noch fehlt.640 Diese Wirkung schreibt der Autor der Tatsache zu, „dass Gott beim Verfassen von »Der Herr der Ringe« seine Hand mit im Spiel hatte.“641 Durch diese Feststellung gewinnt man leicht den Eindruck religiösen Überhöhung. Man muss Smith allerdings insofern Recht geben, als dass Tolkien sein Schreiben selbst als eine Art religiösen Vollzugs verstanden hat, ohne dabei gleich an göttliche Inspiration wie im Fall der Evangelien zu denken. Inspirierende Gedanken verspricht der Buchtitel am Cover von Unterwegs mit Frodo. Abbildung 13: 640 Smith, Tolkiens Helden, 11f. 641 Smith, Tolkiens Helden, 12. 4. Parallelwelten – Ausdruck christlichen Glaubens oder Werkzeug des Teufels 216 Inspirierende Gedanken verspricht auch der Untertitel von Unterwegs mit Frodo. Ungewöhnlich an dem Buch ist vor allem die Intention der Autorin, die ihr Werk als „Andachtsbuch“ verstanden haben will. Wer sich jetzt ein Gebetsbuch erwartet, der könnte enttäuscht werden, denn Gebete finden sich darin keine. Vielmehr soll das Buch das Lesepublikum dazu anregen, über verschiedenste Entscheidungen des täglichen Lebens nachzudenken. Dazu heißt es in einer Vorbemerkung mit dem Titel „Wie dieses Buch gedacht ist“: Dies ist ein Andachtsbuch. Das bedeutet, es gibt einen Text, der auf einem Thema aus »Der Herr der Ringe« basiert, gefolgt von einer passenden Bibelstelle und dann Fragen zur Vertiefung.642 Insgesamt 18 solcher Andachten finden sich in dem Buch. Übertitelt sind diese beispielsweise mit „Die Wahl zwischen Dunkelheit und Licht“ oder „Die Wahl zwischen Stolz und Demut“. Die Autorin versucht in ihren Texten, Bezüge zwischen den fiktiven Abenteuern und den Alltagserfahrungen des Lesepublikums herzustellen. Diese Verknüpfung funktioniert vor allem durch die Rubrik „Weiterführende Fragen“ am Ende jeder Andacht. Zur „Wahl zwischen Dunkelheit und Licht“ findet sich dort: 1. Welche Hinweise auf die Mächte der Finsternis siehst du in deinem täglichen Leben – Mächte, die in unserer Welt am Werk sind? 2. Gibt es Personen in deinem Freundeskreis oder in deiner Familie, die diese Tatsache ignorieren? 3. Wer ist angesichts dieser Bedrohung in Lähmung, Verzweiflung oder Erschöpfung verfallen? 4. Wer scheint sich zur dunklen Seite hingezogen zu fühlen? 5. Was wirst du nun tun?643 Die abschließende Frage ist dabei immer dieselbe. Weiterführende Bibelstellen zum Selbststudium sind ebenso in jeder Andacht enthalten. Arthurs Buch reiht sich in die lange Reihe am Markt vorfindbarer Lebenshilfeliteratur ein, indem die Probleme von Tolkiens fiktiver Welt dazu verwendet werden können, sich mit der persönlichen Le- 642 Arthur, Unterwegs mit Frodo, 15. 643 Arthur, Unterwegs mit Frodo, 21. 4.2 Sekundärliteratur christlicher Verlagshäuser 217 benswelt und ihren Schwierigkeiten auseinanderzusetzen. Tolkien ist ein mit Sicherheit ungewöhnlicher Aufhänger für Ratgeberliteratur, dem selbsterklärten Ziel des Verlags, nämlich Antworten auf Lebensfragen zu geben, scheint er zu entsprechen. Das Buch ist der zuvor vorgestellten Publikation aus dem Hause Gerth Medien insofern recht ähnlich, da beide Werke Handlungsfäden aus Der Herr der Ringe aufgreifen, um sie mit Bibelstellen zu kombinieren. Esoterische Führer durch Mittelerde Ebenso zum Kinostart ist 2001 im Neue Erde Verlag Die Entdeckung von Mittelerde644 erschienen, die Übersetzung eines kurz nach Tolkiens Tod 1974 erstmals erschienen Buches der niederländischen Esoterikerin Mellie Uyldert (1908–2009). Aus ihrer Feder stammen eine Vielzahl an Publikationen, die den Bereichen Astrologie, Alternativmedizin und New Age zuzuordnen sind.645 Es ist daher nicht weiter verwunderlich, dass die deutsche Übersetzung nicht in einem dezidiert christlichen Medienhaus erschienen ist. Neue Erde ist ein deutscher Kleinverlag, den laut Selbstbeschreibung sein „Bekenntnis zu einer erdverbundenen und lebensbejahenden Spiritualität“646 ausmacht. Im Programm finden sich Bücher zu Geomantie, Runen und zur Naturspiritualität ebenso wie zur Steinheilkunde, chinesischen Medizin und zu Engeln. 4.2.3 644 Niederländischer Originaltitel: Symboliek van Tolkien’s In de ban van de ring (1974). Bei der deutschen Ausgabe handelt es sich nicht um eine Erstveröffentlichung, sondern um einen Nachdruck von 1980, erschienen im Mutter Erde Verlag. 645 Aus dieser Vielzahl seien exemplarisch drei ihrer Werke genannt: Kosmische Zusammenhänge – Grundlagen der Astrologie, Verborgene Kräfte der Edelsteine, Der Lebensrhythmus. 646 http://neueerde.de/der-verlag [abgerufen am 10.08.18]. 4. Parallelwelten – Ausdruck christlichen Glaubens oder Werkzeug des Teufels 218 Den Blick in ihre ungewisse Zukunft richten die Abenteurer am Buchcover von Die Entdeckung von Mittelerde. Uylderts Tolkien-Buch ist eine Fundgrube an (esoterischen) Verschwörungstheorien. In wenigen Sätzen zusammengefasst: Staat, Banken, Konzerne, Medien, Bildungseinrichtungen und andere Institutionen kommen nicht gut weg. Diese Einrichtung verkaufen uns Menschen für dumm und lenken uns ganz gezielt, etwa durch Drogen, Vergiftung unseres Trinkwassers und „Psychopolitik“. Alle diese Dinge werden nun in Bezug zu den dunklen Mächten aus Mittelerde gesetzt: Gewöhnliche Menschen sollten sich einmal fragen, über welche Waffenrüstung sie im Augenblick verfügen? […] Mache dich einmal von der materiellen Welt los, sieh nicht fern, lies keine Zeitung oder Wochenblätter, die zum größten Teil von Saurons Dienern gefüllt werden. Indem wir sei- Abbildung 14: 4.2 Sekundärliteratur christlicher Verlagshäuser 219 ne negativen Gedanken verbreiten, werden wir schon zu seinen Helfern!647 Wie Tolkiens Helden, für die nebenher noch Sternzeichen und Aszendenten entworfen werden, befinden auch wir uns laut der Autorin gerade in einer Art Endzeit, die nun allerdings schon eine ganze Weile andauert, immerhin stammt die niederländische Erstauflage aus dem Jahr 1974. Tolkiens Der Herr der Ringe dient ihr als Vehikel zur Verbreitung dieser esoterischen Vorstellungen. Für die christliche Rezeptionsgeschichte ist das Werk nur insofern von Interesse, da mancherorts mit der Bibel operiert wird, zum Beispiel indem Anspielungen zur Offenbarung des Johannes eingestreut werden. Christliche Vorstellungen werden mit alternativen religiösen Ansichten zu einem bunten Synkretismus vermengt. Das Buch ist in seiner Gesamtheit ein hervorragendes Beispiel für die Instrumentalisierung von Tolkiens Werk. Ein so strenger Katholik wie Tolkien einer war, hätte wohl wenig Freude an einer derartigen esoterischen Vereinnahmung gehabt. Noch von weitaus deutlicherer esoterischer Verbrämung ist der Inhalt des 2010 im deutschsprachigen Raum erschienen Buches Gandalfs Kampf auf der Brücke in den Minen von Moria. Das englischsprachige Original ist bereits 2002 erschienen.648 Das Buch wird vom Michaels Verlag vertrieben. Hinter dem nach dem Erzengel Michael benannten Verlag steckt, anders als vielleicht der Name vermuten lassen würde, kein dem christlichen bzw. evangelikalen Bereich zuordnenbarer Verlag. Zwar finden sich im Sortiment Artikel wie etwa Christenfisch-Aufkleber oder nach der Hl. Hildegard von Bingen benannte Ohrenkerzen, daneben gibt es aber noch die unterschiedlichsten Bücher und Produkte, die in den weiten Bereich der Esoterik gehören, beispielsweise ein Lexikon über Heilsteine, Düfte und Kräuter oder Sonnenamulette.649 Einen solchen bunten Mix unterschiedlicher religiöser Versatzstücke bietet auch das vorliegende Buch. Bezüge zum Christentum lassen sich zwar finden, etwa die verwendeten Bibelzitate, doch sind diese 647 Uyldert, Entdeckung von Mittelerde, 47. 648 Engl. Originaltitel: Gandalf´s battle on the bridge in the mines of Moria (2002). 649 Vgl. https://michaelsverlag.de [abgerufen am 10.08.2018]. 4. Parallelwelten – Ausdruck christlichen Glaubens oder Werkzeug des Teufels 220 nur Teil eines vielschichtigen Geflechts von Versatzstücken unterschiedlicher religiöser Systeme. Am Buchcover von Gandalfs Kampf auf der Brücke scheint der feurige Balrog zu einem grünen Tentakelmonster mutiert zu sein. Beschäftigt man sich näher mit der Autorin, ist diese (Eigen-)Komposition nicht weiter verwunderlich. Sie nennt sich selbst „JZ Knight“ und ist Begründerin einer eigenen religiösen Bewegung in den USA. Im Zentrum ihrer Lehre steht ein Geistwesen namens „Ramtha“. Die Autorin wurde, so ist ihrem Internetauftritt zu entnehmen, von diesem Geistwesen als Channel auserwählt und sieht sich nun als eine spirituelle Führerin der New Age Bewegung.650 Sie hat zahlreiche Bücher ver- Abbildung 15: 650 Vgl. http://www.jzknight.com [abgerufen am 10.08.2018]. 4.2 Sekundärliteratur christlicher Verlagshäuser 221 öffentlicht, tritt in Fernsehsendungen auf und hat zur Verbreitung ihrer Lehre die „Ramtha´s School of Enlightenment“ gegründet.651 In ihrer Lehre vermengt sie Inhalte aus den traditionellen Weltreligionen zu einer ganz neuen Weltanschauung. Wenn man sich nun die Frage stellt, was das mit Tolkien zu tun hat, so kommt man zu der Erkenntnis: bis auf den Buchtitel leider gar nichts. Der Kampf Gandalfs auf der Brücke, der nur kurz geschildert wird, noch dazu in einer bereits durch die Lehre der Autorin eingefärbten Variante, wird ausschließlich dazu benutzt, die religiöse Lehre von JZ Knight zu verbreiten. Inhaltlich fällt es in die gleiche Kategorie wie das zuvor vorgestellte Buch Die Entdeckung von Mittelerde, nur ist es sogar noch ein ganzes Stück obskurer. Im Wesentlichen ist es eine Ansammlung wirrer Gedanken über einen von der Autorin postulierten sogenannten „Emotionalkörper“ und seinen „elektrochemischen Mustern“, der für unsere ständige Reinkarnation zuständig ist, einer geheimen Energie namens „Kundalini“, über Götter die vor hunderttausenden Jahren auf die Erde kamen, um unsere DNS zu verändern und etliches mehr. Fast die Hälfte des Buches besteht aus der Autobiographie der Autorin, einem Glossar mit den wichtigsten Begriffen ihrer Lehre und dazu gehörenden Skizzen. Fazit: Ratgeberliteratur mit Tolkien-Anstrich Es verwundert nicht weiter, dass die vorgestellten Bücher allesamt in zeitlicher Nähe der Leinwandversionen erschienen sind. Die Verlage erhofften sich einhergehend mit der großen Aufmerksamkeit für die Filme ein erhöhtes, verkaufsförderndes Interesse für Bücher rund um Tolkiens Werk. Wie die Filme, so sind die Bücher christlicher Verlagshäuser vor allem für ein jüngeres Publikum, Jugendliche und junge Erwachsene geschrieben, einmal abgesehen vom genannten Orientierungsleitfaden für besorgte Eltern aus dem Fe-Medienverlag. Die Bücher können als eine Art Lebensratgeber mit Tolkien-Anstrich verstan- 4.2.4 651 Link zum Internetauftritt dieser Schule: https://www.ramtha.com [abgerufen am 10.08.2018]. 4. Parallelwelten – Ausdruck christlichen Glaubens oder Werkzeug des Teufels 222 den werden. Was sie sicherlich nicht wollen, ist als akademische Abhandlung verstanden werden.652 Das würde weder dem Zielpublikum noch der Intention der Verlage und AutorenInnen entsprechen. Interpretationen von nicht-christlicher Lesart – mit Ausnahme des esoterischen Führers durch Mittelerde – werden gänzlich ausgeklammert. Das ist insofern problematisch, als dass sie allesamt den Eindruck erwecken, es gäbe nur diese eine Form der Deutung bzw. Beeinflussung. Tolkiens Stoff wird in den vorliegenden Büchern aus christlichen Verlagshäusern zu einem aktuellen missionarischen Anknüpfungspunkt653, indem zusammen mit den mehr oder weniger ausführlichen Nacherzählungen die unterschiedlichsten (vermeintlich) christlichen Werte aufgezeigt und immer wieder Bezüge zur Bibel hergestellt werden. Inwiefern diese Art der Evangelisierung tatsächlich gelingen kann, bleibt fraglich. Tolkiens Werk mag zwar Werte vermitteln und Orientierung bieten, aber eine ganz konkrete christliche Evangelisierung im Sinne einer vertieften Hinwendung zum Christentum, um nicht gar von Bekehrung zu sprechen, wird wohl allerhöchstens eine absolute Ausnahmeerscheinung bleiben. Für ein bereits entsprechend vorgeprägtes Lesepublikum mögen diese Bücher allerdings neue Perspektiven auf Altbekanntes bieten. Mit Sicherheit kann man behaupten, dass Tolkien selbst nicht daran gelegen war, ein missionarisches Werk vorzulegen. Wohl gar keine Freude hätte er gehabt mit Büchern von derart esoterischem Gehalt wie jenen aus dem Neue Erde Verlag oder dem vom Michaels Verlag vertriebenen Werk. Insgesamt können die vorgestellten Bücher in eine Reihe gestellt werden mit den zahlreichen anderen Orientierungs- und Lebenshilferatgebern am Markt. 652 Was allerdings nichts daran ändert, dass etwa am Buch von Smith das fehlende akademische Niveau bemängelt wird; vgl. Honegger, Die interpretatio mediaevalia von Tolkiens Werk, 39f. Dieser Kritik folgt auch Fornet-Ponse, Tolkien zw. christl. Instrumentalisierung und theol. Rezeption, 60. 653 Vgl. Treusch, Faszination Fantasy, 169. 4.2 Sekundärliteratur christlicher Verlagshäuser 223

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References

Zusammenfassung

J.R.R. Tolkien (1892–1973), Philologe an der Universität Oxford, ist den meisten Menschen durch seine Romanreihe Der Herr der Ringe bekannt. Weniger bekannt dagegen ist, dass der streng gläubige Katholik in seinem literarischen Wirken eine Art des religiösen Vollzugs sah, der nicht im Widerspruch zu seinem tiefen Glauben stand. Seinem Verständnis nach führte er als „Zweitschöpfer“ den biblischen Schöpfungsauftrag fort, indem er einen von tiefer innerer Wahrheit geprägten Mythos erschuf. Den aufmerksamen Rezipienten ist schon sehr früh aufgefallen, dass Tolkien Elemente unterschiedlicher religiöser Traditionen mit Motiven aus verschiedenen Mythen verwebt, mit denen er sich im Rahmen seiner akademischen Tätigkeiten beschäftigte. Diese Arbeit zeigt, dass die religiöse Rezeptionsgeschichte demnach sehr früh beginnt und immer noch nicht abgeschlossen ist, wenngleich die religiösen Bildwelten heute vom Publikum nicht mehr automatisch als christliche bzw. religiöse Bilder wahrgenommen werden.