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2. Tolkien und sein Werk in:

Christian Hatzenbichler

J.R.R. Tolkien und sein Christentum, page 15 - 83

Eine religionswissenschaftliche Auseinandersetzung mit Tolkiens Werk und seiner Rezeptionsgeschichte

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4386-8, ISBN online: 978-3-8288-7371-1, https://doi.org/10.5771/9783828873711-15

Tectum, Baden-Baden
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Tolkien und sein Werk Nähert man sich dem Themenkomplex „Religion in Tolkiens Werk“, so gilt ein erster Blick dem Autor. In den Fokus rücken dabei zwei Fragen: Wie steht es um Tolkiens eigene religiöse Sozialisation und wie sieht der Autor sein Werk in Bezug auf die dort eingegossenen religiösen Elemente? Eine solche Annäherung birgt auch Gefahren, davor hat bereits Tolkien in seinen Briefen gewarnt: Eine meiner stärksten Überzeugungen ist die, daß Nachforschungen über die Biographie eines Autors (oder allerlei sonstige Einblicke in seine »Persönlichkeit«, wie sie die Neugierigen etwa zusammensuchen können) eine völlig vergebliche und falsche Annäherung an seine Werke darstellen – und zwar besonders bei einem Werk der Erzählkunst, dessen vom Autor angestrebter Zweck es war, daß es als solches genossen, mit einem literarischen Vergnügen gelesen werden könne.37 Trotz dieser Auffassung konnte sich Tolkien den Anfragen nicht einfach entziehen. Nach dem Bekanntwerden seiner Werke gab es zahlreiche Bitten mit dem Anliegen, er möge doch persönliche Dinge aus seinem Leben preisgeben. Diese Erkundigungen schätzte er nicht. Dabei ging es ihm nicht nur alleine um den Schutz seiner Privatsphäre, sondern vor allem um den Schutz seines Werkes: Ich gebe nicht gern über mich »Fakten« bekannt, es sei denn »trockene« […]. Nicht nur aus persönlichen Gründen, sondern weil ich etwas gegen diese moderne Tendenz in der Kritik habe, mit ihrem übertriebenen Interesse an den Einzelheiten aus dem Leben von Schriftstellen und Künstlern. Sie lenken nur die Aufmerksamkeit vom Werk eines Autors ab […].38 Zum Verständnis seiner Bücher, davon war er überzeugt, tragen diese Fakten nicht viel bei. Diese „Fakten“ sagen auch nichts über die Quali- 2. 37 Carpenter, Briefe, Nr. 329. 38 Carpenter, Briefe, Nr. 213. 15 tät eines Werkes aus. Besonders empfindlich und erbost reagierte Tolkien bei einer Anfrage des deutschen Verlags Rütten & Loening, der an einer deutschen Übersetzung von Der Hobbit interessiert war und sich deswegen im Jahr 1938 erkundigte, ob Tolkien arischer Abstammung sei.39 Tolkiens Überzeugung nach können derartige biographische Nachforschungen sogar das Gegenteil bewirken: Die daraus resultierenden Erkenntnisse lenken davon ab, dass der Autor ein Werk geschaffen hat, das vorrangig dem literarischen Vergnügen dienen soll. Sein Wunsch war daher, dass die LeserInnen „es zuerst einmal aufmerksam durchgelesen haben.“40 Irrwege der Interpretation können damit vermieden werden. Gerade für die wissenschaftliche Beschäftigung mit Tolkiens Werk ist dieser Hinweis des Autors ein wertvoller Schlüssel für das Verständnis, denn schon zu seinen Lebzeiten wollte so mancher mehr in dem Buch sehen als nur eine gut erzählte Geschichte. So sah sich Tolkien gezwungen, manche Interpretationen richtigzustellen, etwa die Ansicht, Der Herr der Ringe sei eine Allegorie auf den Zweiten Weltkrieg, damit verbunden war die Deutung Mordors als die Achsenmächte etc.41 Gerade in Bezug auf derartige Fehlinterpretationen wird Tolkiens Skepsis durchaus verständlich. Mit Deutungen sollte daher, zur Vermeidung allzu spekulativer Schussfolgerungen, sehr vorsichtig umgegangen werden. Tolkien entgegnete diesen Etikettierungen: „Ich predige nicht und belehre nicht.“42 Seine Skepsis gegenüber diesem Interpretationszugang bedeutet allerdings nicht gleichzeitig, dass er sich nicht im Klaren darüber gewesen ist, dass die Lebenserfahrungen von Autoren in ihre Werke einfließen. Allzu viel Bedeutung will er ihnen jedoch nicht beigemessen wissen: Es gibt belanglose Fakten […]: ob er trinkt, seine Frau prügelt und dergleichen mehr. Dieser Sünden im besonderen bin ich zufällig nicht schuldig. Dann gibt es bedeutsamere Fakten, die mit den Werken eines Autors 39 Vgl. Carpenter, Briefe, Nr. 29 u. Nr. 30. 40 Carpenter, Briefe, Nr. 329. 41 Vgl. Shippey, Autor des Jahrhunderts, 213. Vgl. Tolkiens Vorwort zu Der Herr der Ringe: HdR I, 11. 42 Carpenter, Briefe, Nr. 329. 2. Tolkien und sein Werk 16 tatsächlich in einer gewissen Beziehung stehen, obwohl sich aus ihrer Kenntnis nicht wirklich die Werke erklären, auch nicht bei ausführlicher Untersuchung. […] Zum Beispiel wurde ich 1892 geboren und lebte während meiner früheren Jahre im »Auenland« in einem vormechanischen Zeitalter. Oder, noch wichtiger, ich bin Christ (was man aus meinen Geschichten erschließen kann), genau gesagt, Katholik.43 Der Herr der Ringe hat eine für den Autor erkennbare christliche Prägung, die auch vom Lesepublikum erkannt werden kann. In diesem Punkt, so gesteht er deutlich ein, hat seine Biographie dann doch Spuren hinterlassen. Diese Prägung bzw. Beziehung, wie Tolkien es nennt, ergibt sich vor allem aus seiner religiösen Sozialisation, auf die im Folgenden eingegangen werden soll. Zusammengefasst lässt sich im Sinne Tolkiens sagen, dass es eine ungewollte Verkürzung wäre, sein Werk nur als religiöses oder gar rein christliches bzw. katholisches Epos zu verstehen. Wie noch zu zeigen sein wird, ist gerade in der religiösen Rezeptionsgeschichte diese Engführung mehrmals geschehen. Zweitens wäre es gefährlich, der Biographie mehr Bedeutung zuzumessen als sie tatsächlich hat. Die Gefahr besteht darin, die Erzählung als solche aus den Augen zu verlieren. Für das reine Lesevergnügen ist es grundsätzlich unerheblich, ob man etwas über die religiöse Sozialisation des Autors weiß und ob man Tolkiens christlichen Glauben teilt oder eben nicht.44 Religiöse Sozialisation Die erste und zugleich bis heute bedeutendste Biographie über Tolkien verfasste Humphrey Carpenter. Sie erschien 1977. Diese Lebensgeschichte wird in der Sekundärliteratur gerne als „offiziell autorisiert“ bezeichnet, was leicht irreführend ist, da sie erst Jahre nach Tolkiens Tod erschienen ist. Autorisiert wurde das Werk von Tolkiens Nachkommen.45 2.1 43 Carpenter, Briefe, Nr. 213. 44 Vgl. Pearce, Man and Myth, 100. 45 Diese hatten, wie aus den dort zu findenden „Quellen und Danksagungen“ hervorgeht, wesentlichen Anteil an der Entstehung dieser Biographie, vgl. Carpenter, Biographie, 312ff. 2.1 Religiöse Sozialisation 17 Um Tolkiens Werk besonders verdient gemacht hat sich sein Sohn Christopher, mit ihm gemeinsam hat der Tolkien-Biograph Carpenter eine umfangreiche Briefsammlung herausgebracht. Carpenters Biographie basiert, wie er in der Vorbemerkung schreibt, „auf den Briefen, Tagebüchern und anderen Papieren des verstorbenen Professors J.R.R. Tolkien sowie auf Erinnerungen seiner Angehörigen und Freunde“.46 Seit dieser Publikation sind viele weitere Biographien am Markt erschienen, besonders im Zuge der Verfilmungen von Peter Jackson. Diese Veröffentlichungen sind meist stark an Carpenter orientiert, dessen Biographie bis heute als Standardwerk bezeichnet werden kann. Das gilt insbesondere auch für die Frage nach Tolkiens religiöser Sozialisation. Carpenter, selbst Sohn des anglikanischen Bischofs von Oxford, Harry James Carpenter, ist sehr um „konfessionelle Neutralität“ bemüht.47 Somit bleibt Carpenter auf der folgenden Spurensuche nach Tolkiens religiöser Sozialisation die Hauptquelle.48 John Ronald Reuel Tolkien kommt am 3. Jänner 1892 auf die Welt. Sehr früh verliert er seinen Vater, der am 15. Februar 1896 stirbt. Seine Mutter Mabel bleibt mit ihm und seinem jüngeren Bruder Hilary Arthur Reuel alleine zurück. Ganz entscheidend für die religiöse Entwicklung ist die im Jahr 1900 erfolgte Konversion seiner Mutter zum Katholizismus. Seit dem Tod ihres Mannes beginnt der Glaube in Mabels Leben einen immer größeren Platz einzunehmen. Jeden Sonntag geht sie in den anglikanischen Gottesdienst, bis sie nach einiger Bedenkzeit katholisch wird. Ihre Schwester May konvertiert mit ihr gemeinsam, ohne Wissen und Zustimmung ihres Mannes. Zu diesem Zweck besuchen die beiden ab dem Frühjahr 1900 den Konvertiten- Unterricht, ehe sie beide schließlich im Juni 1900 in die katholische Kirche aufgenommen werden. Dieser Schritt ist kein besonders einfacher, denn die restliche Familie zeigt sich damit ganz und gar nicht einverstanden. Besonders der Vater empfindet das Handeln seiner beiden Töchter als ungemein 46 Carpenter, Biographie, 9. 47 Vgl. Honegger, Die interpretatio mediaevalia von Tolkiens Werk, 39. 48 Ich folge bei meiner Darstellung, wenn nicht anders angegeben, im Wesentlichen Carpenter und einer weiteren, neueren Biographie aus dem deutschsprachigen Raum: Geier, Fabian: J.R.R. Tolkien, Hamburg: Rowohlt 2009. 2. Tolkien und sein Werk 18 schmachvoll. Mays Ehemann verbietet daraufhin seiner Frau, je wieder eine katholische Kirche zu betreten. Neben der familiären Isolation wird die alleinerziehende Witwe Mabel mit finanziellen Einbußen konfrontiert, denn bis zu diesem Zeitpunkt hat sie von Mays Gatten eine regelmäßige Unterstützung erhalten. Nicht nur ihre eigene Familie, auch die ihres verstorbenen Mannes, begegnet ihr fortan mit Feindseligkeit. Ihr Übertritt muss, betrachtet man ihn aus dieser Perspektive, wohlüberlegt gewesen sein, zumindest aber ist er sicher aus tiefer Überzeugung geschehen, denn allen Widrigkeiten zum Trotz bleibt sie bei ihrer Entscheidung. Ihre beiden Söhne beginnt sie fortan, im neuen katholischen Bekenntnis zu unterrichten. Ein nächster entscheidender Schritt in der religiösen Sozialisation Ronalds49 ergibt sich 1902, als Mabel im Birmingham Oratory eine religiöse Stätte und Gemeinschaft findet, die ihr gut gefällt. Gleich nebenan mietet sie eine Wohnung und das katholische St.-Philips-Gymnasium ist direkt an das Oratorium angeschlossen. Beide Söhne können dort im katholischen Glauben erzogen werden. Die dort lebenden Priester nehmen sich der Familie an, besonders Pater Francis Xavier Morgan, der einer der wichtigsten Vertrauten der dreiköpfigen Familie wird. Er hat zu dieser Zeit das Amt des Gemeindevorstehers inne. 1904 wird Mabel im Krankenhaus die Diagnose Diabetes gestellt. Inzwischen kommen ihre Söhne bei Verwandten unter. Als ihr Haus abgerissen wird, kümmert sich Pater Francis um eine neue Unterkunft. Er schafft es, die Familie in Rednal, einem vor der Stadtgrenze von Birmingham gelegenen Dorf, unterbringen. Dort liegt ein Erholungszentrum der Priestergemeinschaft, welches gewöhnlich für die alten und kranken Geistlichen des Oratoriums gedacht ist. Pater Francis versucht, für Mabels Kinder da zu sein, indem er sie oft besuchen kommt. Trotz aller „Verfolgung“, „Armut“ und „Krankheit“, so schreibt Tolkien 1965 in einem Brief an einen seiner Söhne, bleibt die Mutter 49 In Biographien/biographischen Abrissen wird für Tolkiens Kindheit und Jugend, falls nur der Vorname alleine steht, üblicherweise sein zweiter Vorname verwendet. Das war der Name, mit dem ihn Eltern, Verwandte und seine Frau anredeten; vgl. Carpenter, Biographie, 23. Mitunter hatte sicher auch Carpenters Werk, als eine der ersten erschienenen Biographien (1977), in dieser Beziehung eine gewisse Vorbildwirkung auf die Nachfolgewerke. 2.1 Religiöse Sozialisation 19 stets bemüht, den beiden Kindern den katholischen Glauben weiterzugeben.50 Am 9. November 190451 verstirbt Mabel, jedoch nicht ohne in ihrem Testament Pater Francis zum Vormund der beiden Kinder zu erklären. Ihren Tod wird Ronald später umdeuten zum christlichen Martyrium, denn die Krankheit sei durch die auf die Konversion erfolgte Intoleranz der Verwandten verschlimmert worden.52 Die Beziehung zu Pater Francis, der zuvor schon eine wichtige Rolle im Leben von Ronald gespielt hat, wird ab diesem Zeitpunkt noch weiter intensiviert. Er wird neben der Mutter Mabel die prägendste Person, die für ihn bis zum Ende seines Lebens ein großes Vorbild bleibt. Tolkien schreibt über ihn voller Hochachtung: Mir sind »im Laufe meiner Pilgerfahrten« schon verschnupfte, dumme, pflichtversessene, eingebildete, unwissende, heuchlerische, faule, betrunkene, hartherzige, zynische, gemeine, raffgierige, ordinäre, dünkelhafte und sogar (vermutlich) unmoralische Priester begegnet; aber für mich wiegt ein Pater Francis sie alle auf […]. Von ihm lernte ich erstmals Milde und Vergebung; und deren Licht durchdrang sogar die »liberale« Finsternis, aus der ich kam – wo man mehr über die »Blutige Maria«53 wußte als über Jesu Mutter, die nie anders erwähnt wurde denn als Gegenstand eines bösen Kults bei den Katholiken.54 Pater Francis kann nach Mabels Tod die beiden Kinder nicht bei sich im Oratorium aufnehmen, sorgt jedoch für eine Bleibe bei einer Verwandten der beiden, der angeheirateten Tante Beatrice, der Glaubensfragen nicht sonderlich wichtig sind. Diese Vorkehrung ist notwendig, denn die Verwandten haben sich noch immer nicht mit Mabels Konversion abgefunden. Nach ihrem Tod steht sofort die Überlegung im Raum, das Testament anzufechten und die Kinder außerhalb der 50 Vgl. Carpenter, Briefe, Nr. 267. 51 Vgl. Geier, Biographie, 19. Carpenter dagegen schreibt, dass sie am 14. November 1904 verstirbt; vgl. Carpenter, Biographie, 43. In einem Brief an seinen Sohn Christopher schreibt Tolkien 1972, dass Mabel am 9. November verstorben ist; vgl. Carpenter, Briefe, Nr. 332. 52 Vgl. Carpenter, Briefe, Nr. 44. In gleicher Weise stilisieren später auch Tolkiens Kinder die Ablehnung der Verwandten zum Martyrium hoch: „Their hostility affected her health, but not her faith, and she began to instruct her sons in the Catholic religion.“ Tolkien J./Tolkien P., Family Album, 22. 53 Besser bekannt als Bloody Mary, ein Cocktail aus Wodka und Tomatensaft. 54 Carpenter, Briefe, Nr. 267. 2. Tolkien und sein Werk 20 Reichweite der katholischen Kirche in einem protestantischen Internat unterzubringen. Die starke Verbindung der Brüder zu ihrem Vormund bleibt trotz dieser Einwände weiterhin bestehen. Das Oratorium liegt nicht weit von ihrer neuen Unterkunft entfernt. Jeden Tag gehen sie bei Pater Francis ein und aus. Sie kommen in der Früh zum Frühstück und nachmittags nach der Schule zum Tee. Der Geistliche wird zu einer Art Ersatzvater für die beiden und nimmt sie jeden Sommer mit auf Urlaub. Gleichzeitig wird er auch in religiösen Belangen ihr Vormund. Der junge Ronald wird ein begeisterter Messdiener und hilft gemeinsam mit seinem Bruder bei Pater Francis täglichen Morgenmessen.55 Nach dem Tod der Mutter nimmt die Religion in Ronalds Leben einen immer wichtiger werdenden Stellenwert ein. Er durchläuft damit eine ähnliche Entwicklung wie Mabel nach dem Tod ihres Mannes. Seine religiöse Überzeugung macht sich auch in der Schule bemerkbar, dort lässt er sich deswegen gerne auf Diskussion ein. Als Pater Francis bemerkt, dass die Geschwister bei Tante Beatrice nicht mehr ganz glücklich sind, sorgt er für eine neue Unterbringung. So kommen die beiden 1908 bei Mrs. Faulkner unter, die nicht nur in der Nähe des Oratoriums Zimmer vermietet, sondern zugleich selbst aktives Gemeindemitglied ist.56 Bei ihr ist mit der neunzehnjährigen Edith Mary Bratt ein weiteres Waisenkind untergebracht, in das sich der mittlerweile sechzehnjährige Jugendliche Ronald verliebt. Als sein Vormund später davon erfährt, Ronald ist mittlerweile fast achtzehn Jahre alt, verbietet dieser die Jugendliebschaft. Um den Kontakt zu verhindern, sorgt der Geistliche für eine neue Unterkunft. Zuerst treffen sich Ronald und Edith heimlich weiter, doch beide plagt das schlechte Gewissen, und als Pater Francis erneut davon Kenntnis erhält, macht er Ronald klar, dass er diese Situation nicht dulden kann. Sie vereinbaren, dass er seine Geliebte erst wieder mit einundzwanzig Jahren treffen dürfe, denn dann trägt Pater Francis als Vormund keine Verantwortung mehr. Ronald beugt sich geknickt diesem Wunsch. Tagebucheinträge aus dieser Zeit zeigen, dass der Glaube eine Stütze in dieser 55 Aus einem Brief an seine Tochter Priscilla erfahren wir, dass Tolkien sogar noch im hohen Alter von über 70 Jahren ministriert. Anlass war eine von ihm gestiftete Messe für seinen verstorbenen Freund C. S. Lewis. Vgl. Carpenter, Briefe, Nr. 251. 56 Vgl. Tolkien J./Tolkien P., Family Album, 26. 2.1 Religiöse Sozialisation 21 schwierigen Situation für ihn war. Immer wieder wendet er sich er sich darin an Gott und erbittet sich von ihm Hilfe.57 1911 kommt Tolkien als Stipendiat nach Oxford, wo er viel Freude am universitären Leben findet. Er lernt gleich zu Beginn ein paar höhersemestrige Studenten kennen, die wie er Katholiken sind und die ihm dabei helfen, sich zurechtzufinden. Oft bleibt er lange wach, weil er lange mit Freunden zusammensitzt, ohne am Morgen aus dem Bett zu kommen. Am Ende des ersten Semesters muss er sich deswegen eingestehen, dass die erste Zeit in Oxford für ihn „mit so gut wie gar keiner oder nur seltener Religionsausübung“58 verstrichen war. Der junge Student nimmt sich aus diesem Grund fest vor, diesen Umstand zu verbessern, und tut es in den folgenden Semestern auch tatsächlich. Seine Jugendliebe vergisst er in der Zwischenzeit nicht. Am 3. Jänner 1913, als Ronald einundzwanzig wird, schreibt er einen Brief an Edith. Die beiden treffen sich, bestätigen gegenseitig ihre Zuneigung und verloben sich. Pater Francis ist nicht sonderlich begeistert, duldet jedoch deren Verlobung und leistet weiterhin finanzielle Hilfe, auf die Ronald trotz seines Stipendiums angewiesen ist. Der kirchlichen Heirat steht nur mehr im Wege, dass Edith Mitglied der anglikanischen Kirche ist. Tolkien wünscht sich deswegen ihren Übertritt zum Katholizismus. Edith ist zu dieser Zeit jedoch nicht nur ein einfaches Mitglied ihrer Kirche, sondern in ihrer Gemeinde höchst engagiert und hat dort viele Freunde und Bekannte. Sie fürchtet, diese bei einer Konversion zu verlieren. Hizu kommt, dass sie bei einem Onkel wohnt, der stark antikatholisch eingestellt ist. Tolkien dagegen ist mittlerweile zu einem derart glühenden Katholiken avanciert, der seinerseits die anglikanische Kirche verachtet und in ihr nur „ein mitleiderregendes, trübes Gemisch von halb erinnerter Tradition und verstümmeltem Glauben“59 sieht. Er liebt die katholischen Messen, besonders ihre prunkvolle Liturgie. Für Edith das anglikanische Bekenntnis anzunehmen, kommt deswegen nicht in Fra- 57 Vgl. Pearce, Man and Myth, 28f. Pearce betont an vielen Stellen seines Buches sehr stark die Rolle des Glaubens für Tolkiens Leben und Werk. Gegen seine Art der Darstellung gibt es auch Einwände: Vgl. Honegger, Die interpretatio mediaevalia von Tolkiens Werk, 39. 58 Carpenter, Biographie, 74. 59 Carpenter, Biographie, 81. 2. Tolkien und sein Werk 22 ge. „Das »protestantische« rückwärtsgewandte Streben nach »Schlichtheit« und Unmittelbarkeit […] ist irrig und ganz vergeblich“60, schreibt er später in einem Brief. Für Tolkien bietet die katholische Kirche eine weit zurückreichende und damit „ungebrochene Traditionslinie, die bis in das so geliebte Mittelalter zurückreichte und ihm das Gefühl von historischer Kontinuität und zeitlos gültiger Ordnung vermitteln konnte.“61 Edith lässt sich überreden und erweist ihm diesen Liebesdienst. Am 8. Jänner 1914 wird sie in die katholische Kirche aufgenommen, doch wird sie mit ihrem Mann zeitlebens nicht dieselbe Leidenschaft für den Katholizismus teilen. Wie viel Druck sie von Ronalds Seite ausgesetzt gewesen ist, lässt sich heute nicht mehr eindeutig feststellen.62 Sicher ist, dass sie im Gegensatz zu Mabel nicht aus eigenem Antrieb das Bekenntnis wechselt. Mit der Mutter teilt sie jedoch das Schicksal einer gewissen Stigmatisierung, die sie aus ihrem bisherigen Umfeld reißt und sie oft einsam fühlen lässt, besonders in den Zeiten, in denen Ronald sich intensiv seinen universitären Studien widmet. Ihre anfänglichen Befürchtungen gegen eine Konversion erwiesen sich damit als begründet. 1915 besteht Tolkien seine Abschlussprüfung in Oxford. Der Erste Weltkrieg ist mittlerweile ausgebrochen und er wird Nachrichtenoffizier. Ehe er nach Frankreich abrückt, heiratet er seine Verlobte Edith. An Grabenfieber erkrankt, kehrt er zurück nach England und findet 60 Carpenter, Briefe, Nr. 306. 61 Petzold, Tolkien, 29. 62 Die Biographien sind diesbezüglich nicht eindeutig. Carpenter betont stärker den Druck, den Ronald auf sie ausübt; vgl. Carpenter, Biographie, 80f. Geier dagegen spricht mehr von einem Schritt aus Liebe, zu dem Ronald sie nicht zwingt; vgl. Geier, Biographie, 37. Pearce schreibt, sie wäre in der Theorie zwar sehr froh über die Konversion gewesen, in der Praxis erwies sie sich jedoch als schwierig. Gleichzeitig betont auch er den Druck ihres Verlobten, der die Konversion als eine Art Liebesbeweis von ihr fordert. Vgl. Pearce, Man and Myth, 34f. Für Coren bedarf Ediths Schritt „nicht viel Überzeugung“, wie auch Pater Francis die bevorstehende Ehe der beiden „mit Wohlwollen“ betrachtet: Coren, Tolkien, 34. Diese schöngefärbte katholische „Idylle“ ist nicht weiter verwunderlich, es reicht schon ein kurzer Blick auf Corens andere Bücher, sie tragen vielsagende Titel wie etwa Why Catholics Are Right (2011) oder Heresy: Ten Lies They Spread About Christianity (2012). 2.1 Religiöse Sozialisation 23 Gelegenheit, erste „pseudomythologische Texte“63 zu verfassen, die jedoch erst posthum als Teil des Silmarillion veröffentlicht werden.64 1917 kommt Tolkiens erster Sohn zur Welt. Er erhält in Anlehnung an Pater Francis den Namen John Francis Reuel, der das Kind schließlich auch tauft. Der Sohn wird katholischer Priester werden. In den folgenden Jahren werden dem Paar noch drei weitere Kinder geschenkt: Michael (1920), Christopher (1924) und Priscilla (1929). 1920 bekommt Tolkien eine Stelle als Dozent an der Universität Leeds. 1924 wird für den mittlerweile 32-Jährigen in Leeds eine Professur geschaffen. 1925 kehrt Tolkien nach Oxford zurück, wo er sich erfolgreich für einen Lehrstuhl beworben hat. Danach, so schreibt sein Biograph Carpenter, „geschah eigentlich nichts mehr“.65 Das ist insofern richtig, weil er ab diesem Zeitpunkt das beschauliche, gut bürgerliche Leben eines Professors führt, „ein normales, belangloses Leben, gleich dem zahlloser anderer Gelehrter.“66 Tolkiens „Nomadenleben“ endet in Oxford, über zwei Jahrzehnte lehrt er an der dortigen Universität, nur nach seiner Pensionierung zieht er noch einmal kurz um und kehrt nach dem Tod seiner Frau wieder nach Oxford zurück. Tatsächlich wäre das alles, wären da nicht zwei Bücher gewesen, die Tolkien in dieser Zeit verfasst hatte und denen er seine weltweite Berühmtheit verdankt. Nach der Geburt seiner Kinder beginnt Tolkien, für diese Geschichten zu schreiben. Die bekannteste dieser Erzählungen, Der Hobbit, erscheint 1937. Die geplante Fortsetzung dieses Buches, Der Herr der Ringe, erscheint vollständig erst 1955 und ist zusammen mit seinen Kindern erwachsen geworden. Tom Shippey resümiert über seinen berühmten Vorgänger Tolkien: Sein Leben lang blieb er ein gläubiger Christ und Katholik. 1973 starb er, zwei Jahre nach seiner Frau. Keine außerehelichen Affären, keine sexuellen Absonderlichkeiten, keine Skandale, Verleumdungen oder politischen Einlassungen – nichts, sozusagen, woran der arme Biograph etwas zu bei- ßen hätte.67 63 Simek, Mittelerde, 19. 64 Für eine ausführliche Darstellung von Tolkiens Soldatenzeit vgl. Garth, John: Tolkien und der Erste Weltkrieg. Das Tor zu Mittelerde. Aus dem Englischen übersetzt von Birgit Herden und Marcel Aubron-Bülles, Stuttgart: Klett-Cotta 2014. 65 Carpenter, Biographie, 133. 66 Carpenter, Biographie, 133. 67 Shippey, Autor des Jahrhunderts, 13. 2. Tolkien und sein Werk 24 Bei Betrachtung von Tolkiens Leben ist seine religiöse Sozialisation im Wesentlichen von zwei Personen geprägt, seiner Mutter Mabel und seinem Vormund Pater Francis. Beide sind bekennende Katholiken in einem ihnen nicht besonders wohlgesinnten Umfeld, das im anglikanischen England Katholiken in privaten und beruflichen Dingen einer gewissen gesellschaftlichen Isolation aussetzte. Umso wichtiger ist es den beiden, den Glauben an die zwei Kinder Ronald und Hilary weitzugeben. Ronald nimmt diesen Glauben an und wird selbst ein glühender Katholik.68 Den Eifer, den er für den Katholizismus kennenlernen durfte, bewegt ihn selbst sein Leben lang. Es verwundert daher nicht, dass es ihm ein Anliegen gewesen ist, den Glauben und damit gleichzeitig seine katholische Konfession weiterzugeben. Mit Erfolg, seine Frau wird Katholikin und ihr gemeinsamer Sohn John sogar zum katholischen Priester geweiht. Tolkien erweist sich in seiner missionarischen Haltung auch au- ßerhalb der Familie als erfolgreich. Der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Clive Staple Lewis, Autor der Fantasy-Romanreihe Die Chroniken von Narnia69, findet nach Gesprächen mit Tolkien zurück zum Christentum und ist derart begeistert, dass er sich durch zahlreiche Schriften einen Ruf als bekannter christlicher Apologet verdient. Sehr zu Tolkiens Bedauern wird Lewis allerdings Anglikaner. Als praktizierender Katholik sieht Tolkien es als Pflicht, am Sonntag den Gottesdienst zu besuchen (Stichwort Sonntagspflicht), das persönliche Gebet ist ihm wichtig und darüber hinaus setzt er sich mit 68 Gerade die Außenseiterstellung des Katholizismus scheint Meyer besonders bedeutsam für Tolkiens persönlichen Glauben, „denn die Paria-Situation desselben kam seiner Sturheit zugute und verschärfte sein Passionsempfinden, welches er als Urgefühl eines jeden Christen ansah.“ Meyer, Tolkien, 49. Neben dieser Außenseiterstellung spielt zudem das Alter der Kirche eine wichtige Rolle für seine Sympathie für den Katholizismus; vgl. Petzold, Tolkien, 29. 69 Die Chroniken von Narnia (Engl. Original: The Chronicles of Narnia) sind eine sieben Bücher umfassende Romanreihe: Der König von Narnia (1950, engl. Original: The Lion, the Witch and the Wardrobe); Prinz Kaspian von Narnia (1951, engl. Original: Prince Caspian); Die Reise auf der Morgenröte (1952, engl. Original: The Voyage of the Dawn Treader); Der silberne Sessel (1953, engl. Original: The Silver Chair); Der Ritt nach Narnia (1954, engl. Original: The Horse and His Boy); Das Wunder von Narnia (1955, engl. Original: The Magician’s Nephew); Der letzte Kampf (1956, engl. Original: The Last Battle). 2.1 Religiöse Sozialisation 25 Fragen des Glaubens und der Kirche auseinander, wie seine Briefe zeigen. Als besonders bedeutungsvoller Beleg in dieser Hinsicht kann ein Brief an seinen Sohn Michael vom 1. November 1963 gelten. Tolkien antwortet ihm in einer längeren Abhandlung auf dessen „durchhängenden Glauben“, in dessen Mitte er die Notwendigkeit der Heiligen Kommunion stellt: Die einzige Heilung für das Durchhängen des schwach werdenden Glaubens ist die Kommunion. Obwohl immer ganz Es selbst, vollkommen, vollständig und unverletzlich, wirkt das Heilige Sakrament doch nicht in irgendeinem von uns gänzlich und ein für allemal. Wie der Akt des Glaubens muß es fortdauern und durch Übung wachsen. Häufigkeit hat die höchste Wirkung. Siebenmal die Woche ist stärkender als siebenmal in Abständen.70 Im selben Brief betont er die Historizität des Christusereignisses und den rechten Anspruch des Papstes, als Oberhaupt der „Wahren Kirche“ auf Erden zu gelten. Ganz deutlich gesteht Tolkien seinem Sohn darin zu, dass die Kirche in ihrer irdischen Gestalt mit Makel behaftet ist, besonders was die „Skandale“ rund um Unzulänglichkeiten des Klerus und der Laien betrifft. Für ihn ist das jedoch kein Grund, die Kirche zu verlassen, denn das hieße, „die Treuepflicht gegen Unseren Herrn aufzukündigen“.71 Am Ende der eindringlichen Worte an seinen Sohn schließt er mit dem frommen Wunsch, dass Michael und seine Brüder nie aufhören mögen zu rufen „Benedictus qui venit in nomine Domini“.72 Dass Tolkien gerade diesen Teil des Sanctus aus dem Ordinarium Missae verwendet, scheint die Wichtigkeit des Empfangs der Eucharistie zusätzlich zu betonen: Es handelt sich um jenen Teil des katholischen Gottesdienstes, in dem die versammelte Gemeinde Gott lobt, ehe in der darauffolgenden „Wandlung“ Brot und Wein zu Leib und Blut Christi werden. Als Tolkien durch seine Werke vermögend geworden ist, spendet er – ohne ein Aufsehen darum zu machen – großzügig eine hohe Summe seiner Pfarrgemeinde. Es lässt sich somit feststellen, dass Tolkien „dem Christentum und besonders der katholischen Kirche ganz und 70 Carpenter, Briefe, Nr. 250. 71 Carpenter, Briefe, Nr. 250. 72 Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn. 2. Tolkien und sein Werk 26 gar verhaftet“73 war, ohne dabei in irgendeinem Punkt Abstriche zu machen. Den Glauben sieht er als wichtigstes Vermächtnis seiner Mutter und seines Ziehvaters, den er auch seinen Kindern als wichtigstes Erbe mitgeben will. Diese tiefe Religiosität, die „einer der tiefsten und stärksten Züge seiner Persönlichkeit“74 ist, wirkt sich, wie noch zu zeigen sein wird, auf sein literarisches Schaffen aus. Am 2. September 1973 stirbt Tolkien im Alter von 81 Jahren. Sein Sohn John hält, assistiert von anderen Geistlichen, die Totenmesse. DER HERR DER RINGE– Ein von Grund auf religiöses Werk Tolkien war kein hauptberuflicher Schriftsteller, seine größte Leidenschaft waren Sprachen, die er als Philologe zu seinem Beruf machte. In seiner Freizeit erdachte sich Tolkien gerne eigene fiktive Sprachen, die er von vorne bis hinten ganz genau durchdachte. Angefangen bei eigenen Alphabeten, über häufig gebräuchliche Standardfloskeln, bis hin zu Namen für Monate und einzelne Kalendertage, alles wurde sorgfältig konstruiert.75 Diese sprachliche Begabung zeigte sich bereits in Schulzeiten, etwa als er an der King Edward´s School während einer der jährlich stattfindenden Debatten nicht, wie zu diesem Anlass üblich, Latein sprach, sondern Gotisch. Wegen des nur beschränkt überlieferten Wortschatzes erfand er eigene Wörter, allerdings nicht willkürlich, sondern basierend auf seinem Wissen über die Gesetzmäßigkeiten der mit dem Gotischen verwandten Sprachen.76 Sein Der Herr der Ringe ist aus dieser Liebe zu Sprachen heraus entstanden und deswegen auch „zu- 2.2 73 Carpenter, Biographie, 151. 74 Carpenter, Biographie, 151. 75 Die bekanntesten unter diesen fiktiven Sprachen sind jene der Elben, zu denen im deutschen Sprachraum sogar Lehrbücher in mehrfacher Auflage erschienen sind: Pesch, Helmut: Elbisch. Grammatik, Schrift und Wörterbuch der Elben-Sprache von J.R.R. Tolkien, Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe 52005. Weiters: Ders.: Elbisch. Lern- und Übungsbuch der Elben-Sprachen von J.R.R. Tolkien, Gladbach: Bastei Lübbe 22006. Weiters: Krege, Wolfgang: Elbisches Wörterbuch. Quenya und Sindarin, Stuttgart: Klett-Cotta 72012. 76 Vgl. Garth, Tolkien und der Erste Weltkrieg, 36. 2.2 DER HERR DER RINGE– Ein von Grund auf religiöses Werk 27 tiefst von der Linguistik inspiriert“.77 In diesem Sinn ist Tolkien zu verstehen, wenn er über seine Werke schreibt: „Ich bin Philologe, und alle meine Arbeiten sind philologisch. Hobbies vermeide ich, denn ich bin ein sehr ernsthafter Mensch und kann zwischen Pflicht und privater Belustigung nicht unterscheiden.“78 In einem Brief führt er diese Betrachtung noch näher aus: Das Erfinden von Sprachen ist das Fundament. Die »Geschichten« wurden eher so angelegt, daß sie eine Welt für die Sprachen abgaben, als umgekehrt. Für mich kommt zuerst ein Name, dann folgt die Geschichte. Ich hätte lieber auf »Elbisch« geschrieben. […] Für mich jedenfalls ist es weitgehend ein »Versuch über Sprachästhetik«, wie ich manchmal zu Leuten sage, die mich fragen, »um was es geht«.79 Im ersten Ansatz scheint diese Vorgehensweise ein gutes Stück weit ungewöhnlich. Der Tolkien Übersetzer Wolfgang Krege spricht davon, dass Tolkiens „philologische Phantasie der erzählerischen vorauseilt (und ihr manchmal davonläuft).“80 Er meint damit, dass zuerst ein Wort erdacht und erst danach rund um dieses herum eine Geschichte geflochten wird. Sechs Jahre vor dem Erscheinen von Der Hobbit hat Tolkien in einem Vortrag vor einer philogischen Vereinigung erstmals öffentlich über seine Erfindungen gesprochen. Das Manuskript dazu trägt den Titel „Ein heimlisches Laster“ und hat Eingang gefunden in die Aufsatzsammlung Die Ungeheuer und ihre Kritiker.81 Darin wird 77 Carpenter, Briefe, Nr. 165. Dazu kommt natürlich die Intention, dass gerade Der Hobbit zum Vergnügen seiner Kinder, wie auch zu seinem eigenen Vergnügen erdacht worden ist. Ob Der Hobbit und Der Herr der Ringe jemals ohne seine Kinder geschrieben worden wären, bleibt offen. Vgl. Pearce, Man and Myth, 40. Sicher ist allerdings, dass bereits Der Hobbit, wenn auch nicht gleich von Beginn an, im großen Kontext seiner Mythologie entstanden ist. Vgl. Carpenter, Briefe, Nr. 19 u. 163 und die Vorbemerkungen zu Carpenter, Briefe, Nr. 165. Vgl. Carpenter, Biographie, 204. 78 Aus den Vorbemerkungen zu Carpenter, Briefe, Nr. 165. 79 Carpenter, Briefe, Nr. 165. „Hinter meinen Geschichten steht heute ein Nexus von Sprachen […].“ Ebd., Nr. 131. 80 Krege, Wörterbuch, 9. 81 Engl. Original: The Monster and the Critics (1983). Das zitierte Manuskript trägt den engl. Originaltitel „A Hobby for the Home“ und wird von Christopher Tolkien auf das Jahr 1931 datiert; vgl. UuK, 19. 2. Tolkien und sein Werk 28 deutlich, dass Tolkiens Erfindung von Sprachen und ihrer dazu gehörenden Mythologie bereits sehr früh Hand in Hand gehen: Als eine Anregung könnte ich den Gedanken hinwerfen, daß es sich zur perfekten Konstruktion einer Kunstsprache als nötig erweist, wenigstens im Grundriß auch eine ihr zugeordnete Mythologie zu konstruieren. Nicht ausschließlich deshalb, weil zu dem (mehr oder weniger) vollständigen Aufbau unvermeidlich auch ein paar Verse gehören werden, sondern weil sprachliches und mythologisches Erfinden verwandte Tätigkeiten sind; […]. Die Sprachkonstruktion wird eine Mythologie gebären.82 In diesen Kunstsprachen lassen sich auch Wörter mit religiöser Dimension finden, in der Elbensprache Quenya finden sich sogar Wörter mit eindeutig christlicher Prägung, etwa „für »Heiliger«, »Kloster«, »Kreuzigung«, »Nonne«, »Evangelium« und »christlicher Missionar«. Es gibt sogar ein Quenya-Sprichwort: perilmë metto aimaktur perperienta, »Wahrlich, bis zum Letzten haben wir Dinge erduldet, die nur die Märtyrer ertragen haben«.“83 Es gilt demnach festzumachen: Der Herr der Ringe ist nicht als religiöses Werk konzipiert worden. Tolkien erfindet zuerst seine Sprachen und die dazu gehörigen Völker, um danach auf diesem Fundament Geschichten zu erbauen. Das bedeutet nicht, dass man nicht im Rückblick religiöse Elemente entdecken könnte. Das gesteht Tolkien in einem Brief an seinen Freund und Jesuitenpater Robert Murray im Dezember 1953 ganz offen ein: Der Herr der Ringe ist natürlich ein von Grund auf religiöses und katholisches Werk; unbewußtermaßen zuerst, aber bewußt im Rückblick. Deshalb auch habe ich so gut wie nichts hineingebracht, oder vielmehr alles weggelassen, was auf irgend etwas wie »Religion« hinweisen könnte, auf Kulte oder Bräuche in der imaginären Welt. Denn das religiöse Element ist in die Geschichte und ihre Symbolik eingelassen.84 Auf Grund dieser Einsicht ist Tolkien darüber verärgert, als es in einer Kritik hieß, dass darin keine Religion vorzufinden sei. Mit Entschiedenheit weist er diesen Vorwurf zurück: 82 UuK, 225. 83 Garth, Tolkien und der Erste Weltkrieg, 168. 84 Carpenter, Briefe, Nr. 142. An anderer Stelle schreibt er: „Mythos und Märchen müssen wie jede Kunst in aufgelöster Form Elemente der ethischen und religiösen Wahrheit (oder des Irrtums) enthalten, aber nicht ausdrücklichermaßen, nicht in der bekannten Form der primär »wirklichen« Welt.“ Carpenter, Briefe, 131. 2.2 DER HERR DER RINGE– Ein von Grund auf religiöses Werk 29 Es ist eine monotheistische Welt von »natürlicher Theologie«. Der merkwürdige Umstand, daß es darin keine Kirchen, Tempel, religiöse Riten und Zeremonien gibt, gehört schlicht zu dem geschilderten historischen Klima. Dies wird zur Genüge erklärt werden, wenn (wie nun wahrscheinlich) das Silmarillion und andere Sagen des Ersten und Zweiten Zeitalters veröffentlicht werden. Ich selbst bin jedenfalls Christ; aber das »Dritte Zeitalter« war keine christliche Welt.85 Tolkien gibt mit seinem Hinweis auf das Silmarillion den Verstehenshorizont an, in dem Der Herr der Ringe gelesen werden soll.86 Dort wird die gesamte Kosmologie seines Legendariums grundgelegt, beginnend bei der Schöpfungserzählung seiner fiktiven Welt. Der Herr der Ringe erzählt dagegen nur einen vergleichsweise sehr kleinen Ausschnitt der Gesamtgeschichte, nämlich einen Abschnitt des im zitierten Briefausschnittes erwähnten „Dritten Zeitalters“ und den Beginn des „Vierten Zeitalters“. Tausende Jahre sind somit schon vergangen, ehe die Gefährten losziehen, um den „Einen Ring“ zu vernichten. Die Frohe Botschaft – Das Körnchen Wahrheit Das religiöse Element seines Werkes sieht Tolkien vor allem in der dort von ihm unbewusst eingegossenen Frohen Botschaft. Diese Botschaft besteht im Kern in folgender Aussage: Trotz aller Bedrängnis mit all den damit einhergehenden Schrecken und der daraus entstehenden Verzweiflung wird am Ende alles gut werden. Bevor jedoch dieses Ende eintritt, wird der Zeitpunkt kommen, an dem alles unwiederbringlich verloren scheint. Doch genau in diesem ausweglos scheinenden Moment tritt eine plötzliche und glückliche Wendung ein und führt die Erzählung doch noch zu einem guten Ausgang. Tolkien prägte dafür den Begriff Eukatastrophe87 und benutzt dieses Wort auch im Zusammenhang mit den Evangelien: Mit der Kreuzi- 2.2.1 85 Carpenter, Briefe, Nr. 165. 86 Für einen Überblick über diesen weiten Horizont vgl. Carpenter, Briefe, Nr. 131. Für übersichtliche Zeit- und Ahnentafeln vgl. AuR. 76–103. 87 Den Begriff der Eukatastophe behandelt Tolkien ausführlicher in seinem Essay Über Märchen, vgl. BuB, 67ff. Eine Erklärung, die auf den Essay Bezug nimmt, findet sich auch in einem Brief an seinen Sohn Christopher, vgl. Carpenter, Briefe, Nr. 89. 2. Tolkien und sein Werk 30 gung Jesu scheint für die Anhänger alles verloren, bis sich durch die Auferstehung Christi plötzlich alles zum Guten wendet. Diese religiöse Botschaft ist nicht nur irgendeine erfundene Geschichte, sondern entspricht für den gläubigen Katholiken Tolkien der historischen Wirklichkeit. Der Erzählfaden von Der Herr der Ringe entspricht genau diesem Schema. Für die Völker von Mittelerde scheint all ihr Einsatz gegen Ende sinnlos gewesen zu sein, bis sich im allerletzten Moment alles mithilfe der Adler zum Guten wendet. Ähnliches gilt zugleich für Der Hobbit, denn auch dort scheint schlussendlich aller Kampf verloren und wiederum sind es die Adler, die plötzlich in das Geschehen eingreifen und als eine Art Deus ex Machina die ersehnte Wende bringen. Schon zuvor waren die majestätischen Greifvögel, die an Größe, Kraft und Verstand gewöhnlichen Adlern weit überlegen sind, in den beiden genannten Werken mehrmals im Handlungsverlauf präsent. Sie waren immer genau dann zur Stelle, wenn die Lage besonders prekär erschien. Werden die Vögel im Kontext des Silmarillion gelesen, so wird deutlich, dass durch sie Manwe, ein mächtiger engelhafter Hüter der Welt, direkt in die Geschichte eingreift.88 Himmlisches Eingreifen führt die Eukatastrophe herbei, das gilt sowohl für die Evangelien als auch – wenngleich in anderer Art und Weise – für Tolkiens Bücher. Die Frohe Botschaft oder Eukatastrophe erschöpft sich für den gläubigen Katholiken jedoch nicht in einem einzigen historischen Ereignis auf Golgota, sondern entspricht der Wirklichkeitserfahrung des Menschen, der Gott als den stets präsenten und helfend eingreifenden Gott wahrnehmen kann. Tolkien nennt dazu Beispiele von Heilungen aus dem französischen Wallfahrtsort Lourdes.89 Die Frohe Botschaft ist damit nicht irreale Fantasie, sondern alltägliche Wahrheit, die seiner Vorstellung nach in die eigenen Werke ein- 88 „Doch Manwe […] verlor die Außenlande nicht aus dem Sinn. Denn sein Thron stand in Herrlichkeit auf dem Gipfel des Taniquetil, des höchsten von allen Bergen der Welt, der am Rande des Meeres aufragt. Geister in Gestalt von Adlern und Falken flogen in seinen Hallen aus und ein; und ihre Augen drangen bis in die Tiefen der Meere und bis in die versteckten Höhlen unter der Erde. So brachten sie ihm Meldung von fast allem, was geschah auf Arda;“ SIL, 55. 89 Vgl. Carpenter, Briefe, Nr. 89. 2.2 DER HERR DER RINGE– Ein von Grund auf religiöses Werk 31 geflossen ist und so zu einem gewissen Grad Teil davon wurde. In einem Brief an seinen Sohn Christopher führt Tolkien aus, dass es dem Lesepublikum grundsätzlich möglich ist, zu dieser Erkenntnis vorzudringen: „Wir erkennen – wenn die Geschichte eine literarische »Wahrheit« auf der sekundären Ebene hat […] –, daß es in der großen Welt, für die unsere Natur geschaffen ist, tatsächlich so zugeht. Und abschließend sage ich, die Auferstehung sei die größtmögliche »Eukatastrophe« in dem größten aller Märchen […]. Natürlich meine ich nicht, daß die Evangelien etwas, das nur ein Märchen wäre, erzählen; “90 Ein Stück Wahrheit lässt sich demnach in Tolkiens Werk finden, jedoch auf einer anderen – Tolkien nennt sie „sekundäre“ – Ebene. In seiner Gedankenwelt besteht der einzige Unterschied zwischen den Evangelien und (den von ihm erdachten) phantastischen Geschichten darin, dass die Evangelien eine wahre historische Tatsache erzählen. Tolkiens Geschichten dagegen sind natürlich fiktiv, nie hat er etwas Gegenteiliges behauptet. Dennoch, so ist er überzeugt, kann sich selbst darin etwas Wahres finden lassen. Der Herr der Ringe bzw. die Kosmologie des Silmarillion mögen zwar keinen historischen Fakten entsprechen, sind aber deswegen nicht automatisch gänzlich unwahr. In ihnen steckt das sprichwörtliche Körnchen Wahrheit, für Tolkien besteht dieses in der Schilderung einer Eukatastrophe. Es wäre falsch anzunehmen, Tolkien beziehe dieses Konzept exklusiv auf sich selbst bzw. seine eigenen Werke. Vielmehr sind seine Überlegungen weitaus universellerer Natur: Alle von Menschenhand geschaffenen Mythen und phantastischen Geschichten können – müssen aber nicht zwangsweise – Anteil an der Wahrheit auf „sekundärer“ Ebene haben. Die Begründung für dieses Konzept scheint einfach: Alle Menschen stammen von Gott, somit haben gleichzeitig auch alle Menschen Anteil an der göttlichen Wahrheit. In einem Gespräch mit Lewis führt er dazu aus: 90 Carpenter, Briefe, Nr. 89. 2. Tolkien und sein Werk 32 Wir kommen von Gott […], und unvermeidlich werden die Mythen, die wir ersinnen, obwohl sie den Irrtum enthalten, zugleich auch einen Funken des wahren Lichts spiegeln, der ewigen Wahrheit, die bei Gott ist.91 Tolkien geht sogar noch ein Stück weiter und versucht zu erklären, warum es überhaupt solcher Geschichten bedarf, damit die Menschen die Wahrheit erkennen: Denn der Mensch, so seine Überzeugung, muss aufgrund seiner Natur als Geschichtenerzähler mittels Geschichten zur Wahrheit vordringen und dadurch Erlösung finden. Deswegen gibt es seiner Überzeugung nach die Evangelien, die als bewegende Geschichte, im Gegensatz zu seinem Werk auf einer primären Wahrheitsebene angesiedelt, die Frohe Botschaft gänzlich unverfälscht verkünden.92 Die Grundbotschaft Gottes lautet, dass sich letztlich alles zum Guten wenden wird. Der Mensch bekommt diese Wahrheit in Form von Geschichten serviert, die diese Erkenntnis für ihn gut verdaulich macht. Diese Geschichten dienen somit als eine Art Verpackung für die Wahrheit oder, im christlichen Kontext ausgedrückt: Mittels der Evangelien dringt der Mensch zur göttlichen Wahrheit vor und kann erkennen, dass sich mit der Auferweckung Jesu alles zum Guten gewendet hat. Eine andere und gleichsam ebenso bekömmliche Verpackung für solche Wahrheiten scheint er sich nicht vorstellen zu können. In einem Brief schreibt er dazu: „Schließlich glaube ich, daß Sagen und Mythen großenteils aus »Wahrheit« bestehen, ja, daß sie Aspekte der Wahrheit vorweisen, die sich nur in diesem Modus darstellen lassen;“93 Dieser Deutung scheint eine kurze Nebenbemerkung in einem seiner Briefe indirekt zu folgen, in welcher Gott als Schriftsteller tituliert wird: „[…] literarisch gesprochen, wir sind alle gleich vor dem großen Autor, qui deposuit potentes de sede et exaltavit humiles.“94 Der angehängte lateinische Vers aus dem Magnifikat (Lk 1,46–55) macht deutlich, dass mit dem Titel „großer Autor“ nur Gott selbst gemeint sein kann. 91 Carpenter, Biographie, 170. Vgl. Carpenter, Briefe, Nr. 131. 92 Vgl. Carpenter, Briefe, Nr. 135. 93 Carpenter, Briefe, Nr. 131. 94 Carpenter, Briefe, Nr. 163. Lk 1,52: „er stürzt die Mächtigen vom Thron / und erhöht die Niedrigen.“ 2.2 DER HERR DER RINGE– Ein von Grund auf religiöses Werk 33 Offizielle katholische Lehre ist all das, abgesehen vom Wahrheitsgehalt der Evangelien, freilich nicht. Vielmehr handelt es sich um ein von einem überzeugten Katholiken erdachtes Gedankengebäude, eine Art Ausdruck seiner Frömmigkeit, das zumindest nicht im Widerspruch zu dieser Lehre steht. Literarisches Wirken als religiöser Vollzug Im Sinne Tolkiens ließen sich phantastische Geschichten definieren als Erzählungen, die zwar von Menschen erdacht wurden, zugleich aber göttliche Wahrheiten enthalten. Dieses Konzept vom inneren Wesen phantastischer Geschichten fasst Tolkien in seinem Essay Über Märchen zusammen, welches für eine 1939 gehaltene Vorlesung an der Universität von St. Andrews geschrieben wurde und 1947 in erweiterter Form publiziert worden ist.95 Die darin festgehaltene Definition von Märchen und die dazugehörigen Ausführungen, auf die nun im Folgenden näher eingegangen wird, geben einen Einblick in Tolkiens literarisches Selbstverständnis: Der Vorgang des Schreibens wird darin zu nichts weniger als einer Art religiösen Handelns erhoben. Gleich vorneweg muss festgehalten werden, dass die deutsche Übersetzung „Märchen“ für das von Tolkien genutzte Wort fairy-story stark irreführend ist. Weitaus treffender wäre „phantastische Geschichte“ oder „phantastische Erzählung“, wobei auch diese beiden Übersetzungen letztlich keine zielgenaue Wiedergabe dessen sind, was Tolkien eigentlich darunter versteht. Tolkiens Ausführungen folgend, müsste die fairy-story als eine eigene Kategorie bzw. Spielart phantastischer Geschichten verstanden werden, weswegen im Folgenden unter Ermangelung eines passenden deutschen Äquivalents häufig das englische Wort verwendet wird. Passend erscheint, zumindest in diesem Zusammenhang, auch der Begriff des „Mythos“, den Tolkien selbst gerne in einem Atemzug mit Märchen seiner Definition verwendet, ohne dabei eine genaue Abgrenzung der beiden Begriffe voneinander 2.2.2 95 Vgl. Carpenter, Biographie, 220. Vgl. BuB, 9. An letztgenannter Stelle wird nur fälschlicherweise 1939 als Jahr der Vorlesung angegeben. 2. Tolkien und sein Werk 34 vorzunehmen.96 Über Märchen wäre für unserem Sprachgebrauch daher weitaus treffender mit dem Titel Über phantastische Geschichten bzw. Über Mythen oder Über Mythologie übersetzt. Was aber versteht Tolkien nun genau unter Märchen bzw. Mythen? Er meint „Geschichten vom Elbenland oder der Faërie, dem Reich oder Zustand, in dem Feien ihr Dasein haben. In der Faërie gibt es nicht nur die Feien und Elben, sondern noch vieles andere, und nicht nur Zwerge, Hexen, Trolle, Riesen oder Drachen; sie umfaßt auch die Meere, Sonne und Mond, den Himmel und die Erde mit allem, was sie trägt: Baum und Vogel, Fels und Wasser, Brot und Wein und uns selbst, die Sterblichen, wenn wir verzaubert sind.“97 Die „klassischen“ Märchen grenzt Tolkien davon ab, „etwa den Gestiefelten Kater, Aschenputtel oder Rotkäppchen.“98 Diese Märchen sind für ihn zu wenig phantastisch, Feen bzw. die Welt der Feen spielen in diesen Märchen oftmals keine Rolle. Dagegen ist ein wichtiges Wesensmerkmal seiner Definition eine ganz eigene, in sich abgeschlossene und verzauberte Welt. Das „klassische“ Märchen erfüllt diese Anforderung nicht. Geschichten, die zwar in einer Art eigenen Wunderwelt spielen, aber zu stark die real existente Welt berühren, fallen ebenso aus dem Rahmen seiner Definition, wie etwa Gullivers Reisen oder die Geschichten des Baron Münchhausen. Die dort erzählten Vorgänge berühren die reale Welt für Tolkien auch insofern zu stark, indem sie dazu dienen, über menschliche Eigenheiten und Eitelkeiten zu spotten. Damit entfernen sie sich zu sehr vom Phantastischen, als dass sie in seine Kategorie der fairy-stories passen würden. Es gehört nicht zum Wesen einer fairy-story, den Menschen auf satirische Art und Weise einen Spiegel vorzuhalten.99 Traumgeschichten schließt Tolkien aus seiner Definition ebenso aus wie Alice im Wunderland, denn der Traum dient in diesen Fällen als Vehikel zur Erklärung phantastischer Begebenheiten in einer anderen Welt. 96 Vgl. Carpenter, Briefe, Nr. 131. 97 BuB, 18. 98 BuB, 19. 99 Vgl. Weinreich, Über Märchen, 10. 2.2 DER HERR DER RINGE– Ein von Grund auf religiöses Werk 35 Die Geschichte des Traumes für sich alleine genommen, könnte eine fairy-story sein. Der Moment des Erwachens bedeutet jedoch automatisch, dass die erlebten Vorgänge nur eingebildete Illusionen waren. Im wachen Zustand würde niemand die dort erlebten wunderlichen Vorgänge für real halten. Wesentliches Kriterium für ein Märchen in seinem Sinne wäre, dass die Vorgänge in der Feenwelt als „wahr“ hingestellt werden. Das bedeutet Wunder, die sich dort ereignen, sind nicht einfach frei erfunden. Innerhalb der fiktiven Welt müssen sie vom Lesepublikum als real existent angenommen werden. Sie sind keine Illusionen.100 Um Tolkiens Definition an einem Beispiel aus jüngerer Zeit zu illustrieren, kann die bereits genannte Romanreihe Harry Potter herangezogen werden. Die Zauberei in Harry Potter kann vom Lesepublikum nicht wirklich als real existent angenommen werden. Als Argument würde Tolkien anführen, dass die Geschichte in unserer bekannten und empirisch erfassbaren Welt spielt. Im alltäglichen Leben der Menschen gibt es jedoch keine in ähnlicher Weise erfahrbare Zauberei. Die Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei aus der Romanreihe liegt, wenn auch für nicht magisch begabte Menschen „unortbar“ gemacht und damit abgeschottet, dennoch irgendwo in Schottland. Es ist von London aus möglich, die Schule mit dem Zug innerhalb einer Tagesreise zu erreichen. Hogwarts ist keine in sich abgeschlossene und verzauberte Feenwelt, wie etwa das von Tolkien erdachte Universum seines Legendariums. Rowlings Romanreihe fällt somit aus dem Rahmen von Tolkiens Märchen-Definition. Wenn sich nun Menschen solcherlei phantastische Geschichten im Sinne von fairy-stories erdenken, die in einer in sich geschlossen, verzauberten Welt spielen, dann befinden sie sich in einem Vollzug besonderer Art. Durch die Phantasie beflügelt, erschaffen sich Autoren- Innen phantastische Sekundärwelten, die einen in sich geschlossenen, logischen Kosmos bilden, welcher von der realen Welt zu unterscheiden ist. Die so geschaffenen Universen beabsichtigen nicht, die reale Welt symbolisch zu deuten, sondern sie müssen im Sinne Tolkiens als eigenständige Schöpfung verstanden werden: „Doch in einer solchen 100 Vgl. BuB, 18ff. 2. Tolkien und sein Werk 36 »Phantasie«, wie man dies nennt, wird neue Form geschaffen; das Feienwerk beginnt, der Mensch wird zum Zweitschöpfer.“101 Diese Art der Schöpfung bezeichnet Tolkien als „Sekundärwelt“, im Gegensatz zur von Gott erschaffenen „Primärwelt“. Beide Welten beanspruchen für sich selbst genommen Wahrheit und Wirklichkeit und sind aus diesem Grund für Tolkien „wirkliche“ Schöpfung. Dabei war es Tolkien als streng gläubigem Christen bewusst, dass die Zweitschöpfung niemals vollkommen unabhängig von der Schöpfung Gottes ist und auch nicht denselben Stellenwert erreichen kann.102 Das Lesepublikum braucht, um voll in diese Sekundärwelt eintreten zu können, „literarischen Glauben“. Dieser Glaube besteht darin, die erzählten Ereignisse als „wahr“ zu verstehen: Er schafft eine Sekundärwelt, in die unser Geist eintreten kann. Darinnen ist »wahr«, was er erzählt: Es stimmt mit den Gesetzen jener Welt überein. Daher glauben wir es, solange wir uns gewissermaßen darin befinden. Sobald Unglaube aufkommt, ist der Bann gebrochen; der Zauber, oder vielmehr die Kunst, hat versagt. Dann sind wir wieder in der Primärwelt und betrachten die kleine, mißlungene Sekundärwelt von au- ßen.103 Um diesen Glauben zu erreichen, muss die Zweitschöpfung von entsprechend fesselnder Qualität sein. Das Lesepublikum muss sich dazu zuerst in einen Zustand versetzen, der von Tolkien in Anlehnung an die Theorie von Samuel Taylor Coleridge „die willentliche Aussetzung des Unglaubens“104 genannt wird. 101 BuB, 29. 102 Vgl. Honegger, Grammatik der Ethik, 28f. Im deutschen Sprachraum findet sich häufig der Begriff der „Zweitschöpfung“, weswegen er in dieser Arbeit Verwendung findet. Würde man das engl. „sub-creaton“ mit „Unterschöpfung“ oder „Nachschöpfung“ übersetzen, würde der hierarchische Unterschied besser zum Ausdruck kommen, welcher die Nachrangigkeit der menschlichen hinter der göttlichen Schöpfung ausdrückt. Vgl. ebd., 29 Anm. 5. 103 BuB, 41. 104 BuB, 41. Coleridge schreibt dazu: „In this idea originated the plan of the “Lyrical Ballads:” in which it was agreed, that my endeavours should be directed to persons and characters supernatural, or at least romantic ; yet so as to transfer from our inward nature a human interest and a semblance of truth sufficient to procure for these shadows of imagination that willing suspension of disbelief for the moment, which constitutes poetic faith.” Coleridge, Biographia Literaria, 2. Vgl. Heidler, Zwischen Magie, Mythos und Monotheismus, 64. 2.2 DER HERR DER RINGE– Ein von Grund auf religiöses Werk 37 Das alleine reicht noch nicht aus, denn selbst bei noch so viel an eingebrachtem Glauben bricht der Zauber der Zweitschöpfung, wenn ihr eine innere Logik fehlt. Tolkien legt den Fokus deswegen weniger auf das Lesepublikum als vielmehr auf den Künstler, der sich als erfolgreicher Zweitschöpfer erweisen muss. Alle „willentliche Aussetzung des Unglaubens“ hilft dem Publikum nicht, wenn das Werk keine innere Logik besitzt. Die „willentliche Aussetzung des Unglaubens“ muss zu Tolkiens „inneren Folgerichtigkeit der Realität“105 hinzugestellt werden. Diese innere Folgerichtigkeit erweckt und erzwingt erst den Sekundärglauben, der im Zuge des Lesens entstehen kann. Voraussetzungen dafür sind eine glaubwürdiger Zweitschöpfung und „willentlichen Aussetzung des Unglaubens“. So muss sich das Lesepublikum, obwohl es in der Primärwelt lebt und diese als real existent erfahren hat, von dieser geistig lösen (körperlich kann es natürlich nur in der Primärwelt bleiben), um in die Sekundärwelt einzutreten. Dieser Versuch kann misslingen, was entweder Schuld des Autors, wenn seine Welt in sich nicht konsistent und damit unglaubwürdig ist, oder die des Rezipienten ist, wenn er zu wenig Phantasie mitbringt. Um es seinen LesernInnen leicht(er) zu machen, sich auf die Sekundärwelt Mittelerdes einzulassen, bemüht sich Tolkien, Der Herr der Ringe so zu erzählen, als wäre die Geschichte eine wahre historische Begebenheit. Mit großem Aufwand erfindet er bis ins kleinste Detail Sprachen und Alphabete, Karten, Stammbäume, historische Hintergrundinformationen und im Silmarillion finden wir die dazugehörige Kosmologie. Mit Leichtgläubigkeit, dagegen verwehrt sich Tolkien, hat die Fähigkeit zur Phantasie nichts zu tun. Als ihm einmal jemand schrieb, dass beim Erfinden von phantastischen Geschichten nichts Anderes geschehe, als dass „eine Lüge durch Silber gehaucht“ wird, antwortet Tolkien: […] entfremdet ist er längst, der Mensch, aber noch nicht ganz verändert und verlassen. Mag er auch die Gnade verloren haben, bewahrt er von seiner einstigen Würde doch so manchen Rest: Noch immer ist er der Mensch, der Zweitschöpfer, in dem sich das Licht aus dem einen Weiß in die vielen Farben bricht, aus deren endloser Mischung die lebendigen Ge- 105 BuB, 49. 2. Tolkien und sein Werk 38 stalten hervorgehen. Mögen wir alle Winkel der Welt mit Elben und Kobolden anfüllen, mögen wir es selbst wagen, aus Licht und Dunkel Götter und ihre Häuser zu bilden, oder mögen wir Drachensaat säen – so war es unser Recht, ob wir nun guten oder schlechten Gebrauch davon machten. Und dies Recht ist nicht verfallen: Noch immer schaffen wir nach demselben Gesetz, nach dem wir geschaffen wurden.106 Tolkien argumentiert theologisch. Der Sündenfall (Gen 3) hat den Menschen zwar das Leben in der Gnade genommen, doch die Gottebenbildlichkeit (Gen 1,26f) wurde dadurch nicht aufgehoben. Diese Ebenbildlichkeit besteht gerade auch darin, wie der Schöpfergott selbst schöpferisch tätig zu werden: „Wir schaffen nach unserem Maß und abgeschauten Muster, weil wir selbst geschaffen sind – und nicht nur geschaffen, sondern geschaffen nach dem Bild eines Schöpfers.“107 In der Gottesebenbildlichkeit sieht er das Recht verankert, selbst als Zweitschöpfer tätig zu sein. An dieser Stelle sei kurz angeführt, dass Tolkiens Denken nicht gänzlich dem luftleeren Raum entspringt. So betont beispielsweise der Theatermacher Max Reinhardt schon weitaus früher das religiöse Element seines Schaffens. Ebenso wie für Tolkien, so liegt auch in Reinhardts Denken der Urgrund der Kunst in der Religion: Der Mensch eifert aufgrund seiner Ebenbildlichkeit dem göttlichen Schöpfer in seinem Tun nach. Viele Jahre vor Tolkiens Vorlesung an der Universität von St. Andrews, schreibt Reinhardt: Gott hat die Welt geschaffen, aber der Mensch, den er nach seinem Ebenbild schuf, hat sich eine zweite Welt erschaffen, die Kunst. […] Wenn wir nach dem Ebenbilde Gottes erschaffen sind, dann haben wir auch etwas von dem göttlichen Schöpferdran[g] in uns.108 Diese Zeilen könnten ebenso gut der Feder Tolkiens entsprungen sein, wobei dessen Hauptfokus natürlich nicht auf dem Theater lag, was allerdings nicht gleichzeitig bedeutet, dass dieses nicht auch gemeint sein kann. Das Gegenteil ist der Fall, auch andere Kunstformen können in Tolkiens Sinne zweitschöpferisch tätig werden. Seine Bedin- 106 BuB, 55f. Tolkien zitiert dabei einen Teil der fünften Strophe seines Gedichts Mythopoeia, vgl. MYTH, V 53–70. Lewis bringt vor seiner Rückkehr zum Christentum in einem Gespräch mit Tolkien dasselbe Argument, wie der anonym gebliebene Briefeschreiber; vgl. Carpenter, Biographie, 170f. 107 BuB, 56f. 108 Coors, Theater als Gottesdienst, 251. 2.2 DER HERR DER RINGE– Ein von Grund auf religiöses Werk 39 gung für die Anerkennung als Zweitschöpfung ist allerdings, dass auch in diesen Formen der Kunst eine in sich geschlossene, stimmige Sekundärwelt entsteht. Die beste Form, um dieses Ziel zu erreichen, bleibt für ihn aber letztlich die phantastische Geschichte, sofern sie seiner Definition einer fairy-story entspricht.109 Am Ende seiner Vorlesung betont Tolkien noch, dass es für den Menschen keine höhere Aufgabe als die der Zweitschöpfung gibt, er bezeichnete den Vorgang sogar als „spezifisch christliches Unterfangen“.110 Im Vorwort zu Baum und Blatt schreibt er, dass sein Essay Über Märchen in der Zeit entstand, als er dabei war, Der Herr der Ringe zu verfassen.111 Sein Der Hobbit war bereits veröffentlicht und es besteht kein Zweifel daran, dass er beide Werke als Zweitschöpfung betrachtete, als eine fairy-story bzw. einen Mythos nach seiner Definition.112 In diesem Sinn ist es keineswegs übertrieben zu behaupten, dass Tolkien in seinem literarischen Schaffen von Sekundärwelten eine Art religiösen Vollzug sah. Schreiben wird nicht nur zu einer Art religiösen Handelns erhoben, sondern gleichsam dazu erhöht. Gemeint ist natürlich nicht das Schreiben eines Zeitungsartikels oder dergleichen, dass wäre wohl eine rein profane Angelegenheit. Vielmehr bezieht sich dieses Verständnis auf das Verfassen einer fairy-story. Auch an dieser Stelle gilt: Der fromme Katholik Tolkien gibt damit keine offizielle katholische Lehre wieder. Vielmehr versucht er, sein Tun mit seinem persönlichen Glauben zu verbinden – oder anders formuliert: Er bringt es damit in Einklang. Es sei an dieser Stelle an das dieser Arbeit vorangestellte Eingangszitat erinnert. Biograph Carpenter schreibt, dass Tolkiens Werk nicht seinem Christentum widerspricht, sondern es vielmehr ergänzt. 109 Vgl. Carter, Tolkiens Universum, 133f. 110 Carpenter Biographie, 219. 111 Vgl. BuB, 9. 112 Auch die Sekundärliteratur verwendet den Begriff „Mythos“ häufig für Tolkiens Werk; vgl. Petzold, Tolkien, 108ff. 2. Tolkien und sein Werk 40 Werte und Wirkungen phantastischer Geschichten In seinem Essay Über Märchen richtet Tolkien den Fokus nicht nur auf die Definition von fairy-storys und das Wirken des Autors, sondern in weiterer Folge auch auf das Lesepublikum. Ein Blick darauf ist lohnend, da sich dadurch folgende Fragen klären lassen: Welchen Nutzen haben denn nun die Rezipienten vom Eintreten in eine phantastische Sekundärwelt und ist auch dieser Vorgang von ähnlich religiöser Art? Zu diesem Zweck bestimmt Tolkien zuerst das Zielpublikum. Dieses besteht für ihn nicht nur aus Kindern, vielmehr wird diese Art von Geschichten oftmals zu Unrecht in die Welt der Kinder verwiesen, sondern phantastische Geschichten richten sich gleichermaßen an Kinder und Erwachsene.113 Diesen werden jetzt, unter der Bedingung des vollen Einlassens auf die Sekundärwelt, vier Dinge zuteil: 114 – Phantasie – Wiederherstellung – Flucht – Trost a) Phantasie Phantasie ermöglicht es dem Menschen, sich Vorstellungen von Dingen zu machen, die innerhalb der Primärwelt nicht vorhanden sind oder als nicht vorhanden gelten. Tolkien nennt die Fähigkeit des Menschen zur Phantasie die höchste Form der Kunst, die nicht, wie von manchen böswillig behauptet, schädlich ist: „Phantasieren ist eine natürliche menschliche Tätigkeit. Keinesfalls zerstört oder beleidigt es die 2.2.3 113 Vgl. BuB, 38ff. Deswegen empfand Tolkien wohl die Bezeichnung „Kinderbuch“ für seinen Der Hobbit als bedauerlich; vgl. Carpenter, Briefe, Nr. 163 und die Vorbemerkungen zu Carpenter, Briefe, Nr. 165. Vgl. den Verriss des Kritikers Edmund Wilson, abgedruckt in Pesch, Mythenschöpfer, 51–56. Für die christliche Rezeptionsgeschichte ist an dieser Stelle interessant anzumerken, dass es im Rheinland kirchliche Kinder- bzw. Jugendgruppen gibt, die Namen aus dem Legendarium tragen, nämlich Hobbit- oder Elbengruppe. Vgl. Dinter, Harry Potter und Herr der Ringe, 59. 114 Vgl. BuB, 49ff. 2.2 DER HERR DER RINGE– Ein von Grund auf religiöses Werk 41 Vernunft […]. Im Gegenteil. Je klarer und schärfer die Vernunft, desto bessere Phantasien wird sie hervorbringen.“115 Einschränkend gesteht Tolkien jedoch ein, dass die Phantasie auch fehlgehen kann. In einer gefallenen Welt, Tolkien argumentiert wieder theologisch, ist es das Wesen jedes Menschenwerks, dass es bösen Zwecken dienen kann. Diese Ansicht wird auch im Entwurf eines Briefes an Peter Hastings, Leiter einer katholischen Buchhandlung in Oxford, betont: „Das Recht auf die »Freiheit« des Nebenschöpfers bietet unter den gefallenen Menschen keine Garantie, daß es nicht ebenso boshaft ausgenutzt wird wie der Freie Wille.“116 Mit der „gefallenen Welt“, ein von Tolkien immer wieder bemühter Ausdruck, ist die Welt nach dem biblischen Sündenfall (Gen 3), das bedeutet die Welt in ihrer jetzigen Gestalt, gemeint. Tolkien macht deutlich, dass trotz dieser beobachtbaren schädlichen Verwendung der Missbrauch den rechten Gebrauch der Phantasie nicht aufhebt: „Abusus non tollit usum.“117 Es ist also seiner Ansicht nach das Recht des Menschen, davon Gebrauch zu machen. Zum Erschaffen von phantastischen Geschichten ist sogar Phantasie notwendig. Nicht weniger notwendig ist diese für das Lesepublikum, wodurch es automatisch ebenso zum Zweitschöpfer wird. In der Phantasie der Rezipienten beginnen sich Landschaften auszubilden, die einzelnen Geschöpfe werden lebendig und bekommen ein Aussehen, oftmals klarer, als es der Autor hätte beschreiben können. Die LeserInnen machen sich im Kopf ein eigenes Bild. Auf einer Bühne ist eine solche verzauberte Feenwelt für Tolkien nicht in gleicher Weise nachahmbar. Das Theater aber ist dem Phantastischen von Natur feind. Phantastisches, auch von einfachster Art, gelingt kaum je im Drama, wenn das Stück, seinem Zweck gemäß, sichtbar und hörbar aufgeführt wird. Phantastische Gestalten lassen sich nicht nachahmen. Den Menschen, die als sprechende Tiere kostümiert sind, kann die Posse oder die Persiflage gelingen, aber nicht das Phantastische.118 115 BuB, 56. 116 Carpenter, Briefe, Nr. 153. 117 BuB, 56. 118 BuB, 52. 2. Tolkien und sein Werk 42 Den ZusehernInnen wird durch die Inszenierung die Möglichkeit genommen, zweitschöpferisch tätig zu werden. Aus dieser Perspektive betrachtet, wäre Tolkien vermutlich den heute vorliegenden Verfilmungen seiner Werke äußerst kritisch gegenübergestanden. Besonders fürchtete er in diesem Zusammenhang eine „Verkitschung“ seines Werkes durch eine Kinoversion. Tritt ein solcher Fall ein, würde das zum einen die Zweitschöpfung des Autors lächerlich machen und sie nicht als eine eigenständige Schöpfung ernst nehmen, zum Zweiten würde es die (daraus resultierende) Zweitschöpfung in den Köpfen des Publikums verhindern. Denn der dafür notwendige Sekundärglaube kann Tolkiens Überzeugung nach nur dann entstehen, wenn die zwei Grundvoraussetzungen, nämlich eine entsprechend gut gemachte Zweitschöpfung einerseits und die „willentlichen Aussetzung des Unglaubens“ andererseits, vorhanden sind. Hinzu kommt, dass beim Besuch des Kinos der Moment der Individualität verloren ginge, da zu viel vom Kostümbildner, Regisseur etc. vorgegeben wird, während man im Zuge des Leseprozesses nicht umhinkommt, in der Vorstellung eigene Bilder zu malen, die dadurch von Mensch zu Mensch vollkommen unterschiedlich ausgestaltet sind. Aus dieser Perspektive wird ein Stück weit verständlich, warum Tolkien besonders gegen die Disney-Studios eine „tiefempfundene Abscheu“119 empfand. „Disnität“ wird von ihm verwendet als Synonym für unangebrachte Verkitschung, die „Bilbo mit Triefnase und Gandalf als ordinäre Witzfigur, statt als der odinhafte Wanderer, an den ich denke“ darstellt.120 Zu einem guten Teil sind seine Befürchtungen, das Kino betreffend, eingetreten, weniger deutlich sichtbar in der Leinwandversion von Der Herr der Ringe, viel stärker dafür in den teils komödiantischen Einlagen von Der Hobbit. Diese fanden ihren „Höhepunkt“ wohl in der Gestalt des Zauberers Radagast, der wirklich zu einer Art vertrottelten Witzfigur degradiert wurde. Es ist daher nicht weiter verwunderlich, dass Tolkiens Sohn Christopher als Nachlassverwalter keine Freude mit den Verfilmungen hat und sie ganz exakt nur soweit zuließ, wie es die noch zu Lebzeiten seines Vaters verkauften Filmrechte 119 Carpenter, Briefe, Nr. 13. 120 Carpenter, Briefe, Nr. 107. 2.2 DER HERR DER RINGE– Ein von Grund auf religiöses Werk 43 an Der Herr der Ringe und Der Hobbit erlaubten. So durften etwa Teile, die als Sondergut nur im Silmarillion vorkommen, nicht verwendet werden.121 In einem Interview gegenüber der französischen Tageszeitung Le Monde erklärte er ganz im Sinne seines Vaters, dass mit der Verfilmung die „philosophische“ Wirkung des Werkes verloren ging.122 b) Wiederherstellung Unter Wiederherstellung versteht Tolkien das Wiedererlangen der Begeisterung für die Wirklichkeit. Im Zuge des Alterns, so argumentiert er, verliert der Mensch die Freude an seiner Umgebung. Dinge, die er einstmals voller Begeisterung wahrgenommen und erforscht hat, sind erblasst, weil er sie sich durch den Alltag angeeignet hat. Es droht Langweile aufzukommen, weil der Mensch glaubt, alles bereits zu kennen. Anhand eines einfachen Beispiels illustriert, könnte man im Sinne Tolkiens festhalten: Waren Blätter einstmals interessant, weil sie von unterschiedlichen Bäumen stammten und entsprechend unterschiedlich geformt und gefärbt waren, so hat das Interesse an ihnen schon bald nachgelassen. Denn nach einer Weile wurde das eigentlich so unterschiedliche Laub keiner weiteren näheren Betrachtung mehr unterzogen und nicht mehr in seiner Verschiedenartigkeit wahrgenommen. Der Mensch, der in seinem grauen Alltag gefangen ist, will nichts mehr Neues über Blätter herausfinden. Dadurch verliert er jedoch gleichzeitig die Freude an seiner Umgebung und dieser Zustand bedarf der Heilung: „Wiederherstellung (die eine Rückkehr und Erneuerung der Gesundheit einschließt) bedeutet eine Genesung, ein Wiedererlangen des klaren Blicks.“123 In phantastischen Geschichten sieht Tolkien ein adäquates Heilmittel gegen diese „Tristesse des Alltags“, denn plötzlich ergeben sich 121 So lässt sich erklären, warum Gandalf in Der Hobbit: Eine unerwartete Reise die Namen zweier Zauberer vergessen hat, weil diese nur im Silmarillion namentlich erwähnt werden und dafür keine Filmrechte bestehen. 122 Vgl. Interview vom 05.07.2012, online nachzulesen auf der Homepage der Tageszeitung: http://www.lemonde.fr/culture/article/2012/07/05/tolkien-l-anneau-dela-discorde_1729858_3246.html [abgerufen am 10.08.2018]. 123 BuB, 58. 2. Tolkien und sein Werk 44 neue Blickwinkel auf herkömmliche Dinge: „Als Gram geschmiedet wurde, wurde das kalte Eisen entdeckt; mit der Erschaffung des Pegasus wurden die Pferde geadelt; und in den Bäumen von Sonne und Mond bezeigt sich die Pracht von Wurzel und Stamm, Blüte und Frucht.“124 Einfache Dinge werden plötzlich wieder interessant, weil die Phantasie sie mit neuer Bedeutung erfüllt. c) Flucht Den dritten Wert phantastischer Geschichten sieht Tolkien in der Flucht. Er wehrt sich dabei gegen den missbilligenden Vorwurf, phantastische Geschichten seien nichts weiter als „eskapistische“ Literatur, die mit dem „wirklichen Leben“ nichts zu tun habe. Zu diesem Zweck unterscheidet er zwei verschiedene Arten der Flucht, die er mit dem folgenden Beispiel näher veranschaulicht. Auf der einen Seite steht die Flucht des Gefangenen, dem seine Flucht nicht zu verübeln sei, weil dieser nur den Wunsch hege, wieder nach Hause zurückzukehren. Dem entgegen steht die Flucht des Deserteurs, der aus purer Feigheit flieht (andere Fluchtmotive des Deserteurs klammert Tolkien in seinem Beispiel aus). Beide Arten der Flucht sind nicht miteinander gleichzusetzen. Den entscheidenden Unterschied sieht Tolkien in der Intention des Fluchtverhaltens. Der Gefangene flieht, im Gegensatz zum Deserteur, weil er sich in seiner Sehnsucht nach einer besseren Welt der Gefangenschaft entziehen will und sich damit seiner Situation widersetzt. Ein solches Widersetzen, das in der Sehnsucht nach einer besseren Welt begründet liegt, geschieht beim Lesen phantastischer Geschichten, indem das Lesepublikum in die Sekundärwelt entflieht. In dieser Argumentation schwingt sicher ein gutes Stück von Tolkiens Fortschrittskritik mit, immerhin sehnt er sich selbst eine Welt herbei, die noch nicht durch Industrialisierung und die damit einher- 124 BuB, 60. Während die ersten beiden Motive der germanischen und griechischen Mythologie zuordenbar sind, verweisen die sprechenden Bäume vermutlich auf den prophezeiten Tod Alexanders des Großen im Heiligtum von Sonne und Mond. Ein Konnex lässt sich jedoch auch zu den beiden lichtspendende Bäumen Telperion und Laurelin herstellen, deren Licht im Segensreich den Rhythmus von Tag und Nacht bestimmte. Nach ihrer Zerstörung wurden aus deren letzter Blüte und letzter Frucht Sonne und Mond geschaffen, vgl. SIL, 52f, 115, 149ff. 2.2 DER HERR DER RINGE– Ein von Grund auf religiöses Werk 45 gehende Zerstörung der Natur gekennzeichnet ist. Die perfekte idyllische Landschaft vermag die Primärwelt der Moderne für Tolkien kaum mehr zu bieten, doch durch die Möglichkeit der Zweitschöpfung vermag der Mensch einen bewussten Gegenentwurf zu erschaffen, wie er schon in der Zeit der Romantik und ihrem Wunsch nach einer engeren Rückbindung an die Natur erträumt wurde. Diese Zivilisationskritik Tolkiens schlägt sich in seinem literarischen Werk an mehreren Stellen nieder.125 Ein Herbeiträumen solcher Sekundärwelten mit unterschiedlichsten Sehnsuchtsorten könnte als eine Art passiver Widerstand gegen den grauen Alltag gedeutet werden. Darüber hinaus ermöglich phantastische Literatur, sich mit Wünschen auseinanderzusetzen, die durch die Begrenztheit des Menschen nicht verwirklichbar sind. Wie der Gefangene durch die Gitterstäbe in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist, so kann der Mensch nur in Sekundärwelten unsterblich werden oder wie ein Vogel durch die Luft fliegen und wie ein Fisch durch das Wasser gleiten. d) Trost Der vierte Wert phantastischer Geschichten, Trost, ist eng mit der Flucht verbunden. Im Lesen wird die Trauer über die Zustände der Primärwelt überwunden und dadurch Trost gefunden. Der allergrößte Trost phantastischer Geschichten liegt im positiven Ausgang der Handlung, der Eukatastrophe. Diese sieht Tolkien für die Gattung fairy-story als grundlegend an: „Die eukatastrophische Erzählung ist die echte Form des Märchens und sein höchster Zweck.“126 Vorhandenes Leid wird dabei nicht ausgeklammert, vielmehr ist es logische Voraussetzung für die Erlösung. Realitätsfern ist dieser Ausgang für den gläubigen Tolkien keinesfalls, denn im Christusereignis 125 „Für Tolkien, der nach seinen [sic!] Kleinkindzeit auf dem Land mit sieben Jahren in das damals vor allem durch die Schwerindustrie geprägte Birmingham kam, […] blieb der Kontrast zwischen Agrarlandschaft und Industriestadt so übermächtig, daß er im wiederholt literarisch ausgedrückten Gegensatz zwischen dem Shire [zu Deutsch „Auenland“, Anm. d. Verf.] und Sarumans Isengard beinahe überzeichnet wirkt.“ Simek, Mittelerde, 50. 126 BuB, 67. Vgl. Kap. 2.2.1 Die Frohe Botschaft – Das Körnchen Wahrheit. 2. Tolkien und sein Werk 46 hat sich für den überzeugten Katholiken die Eukatastrophe bereits verwirklicht. Wie schon festgestellt, kann nach Tolkiens Verständnis das Schaffen von Sekundärwelten als religiöser Vollzug des Literaten verstanden werden. Für die Tätigkeit des Lesens kann, denkt man im Sinne Tolkien weiter, Ähnliches angenommen werden. Wenn auch in nachrangiger Form, so ist doch auch beim Lesen ein gewisser zweitschöpferischer Aspekt vorhanden, immerhin spielt sich die individuelle Ausgestaltung der Sekundärwelt im Kopf der Rezipienten ab. Geht man von einem funktionalistischen Religionsbegriff aus, so können die Werte und Wirkungen, die Tolkien phantastischen Geschichten zuschreibt, parallel zu den Funktionen von Religion gesehen werden. Damit liefe man leicht Gefahr, in Tolkiens Werk eine Art Ersatzreligion zu finden. Als eine solche will Tolkien sein Werk nicht verstanden wissen. Phantastische Geschichten ersetzen keinesfalls das Evangelium: In Gottes Reich aber drückt das Dasein des Höchsten nicht das Kleinste nieder. Der erlöste Mensch bleibt dennoch Mensch. Die Geschichten und Phantasien gehen weiter, und so soll es sein. Das Evangelium hat die Legenden nicht abgeschafft, es hat sie geheiligt, insbesondere den »glücklichen Ausgang«. Noch immer muß der Christ sich mühen, mit Leib und Seele; er muß leiden, hoffen und sterben. Doch nun kann er sehen, daß all seine Neigungen und Fähigkeiten einen Sinn haben, der eingelöst werden kann. So groß ist die ihm verliehene Gabe, daß er nun vielleicht mit Recht vermuten darf, daß er selbst durch seine Phantastie daran mitwirken könne, die Schöpfung durch allerlei Laubwerk zu bereichern.127 In diesem Sinne kann erneut auf den eingangs zu dieser Arbeit zitierten Tolkien-Biographen Carpenter verwiesen werden, der davon spricht, dass Tolkiens Werk dem Christentum nicht widersprechen, sondern es vielmehr ergänzen will. Der Mensch ist laut katholischer Lehre als Teil der Schöpfung dazu berufen, am Schöpfungswerk mitzuwirken. Die biblische Grundlage dafür findet sich im Auftrag Gottes: Der Mensch soll sich die Erde untertan machen und Nachkommen zeugen (Gen 1,28). Tolkien dachte bei diesem Mitwirken am Schöpfungswerk Gottes wohl auch an die Phantasie, die sich in allerlei 127 BuB, 71. 2.2 DER HERR DER RINGE– Ein von Grund auf religiöses Werk 47 Kunstformen ausdrücken kann und Zweitschöpfung hervorzubringen vermag. MYTHOPOEIA– Zum Gedicht gewordene Theorie Der Einwand, dass Mythen nichts Anderes wären als durch Silber gehauchte Lügen, mit dem Lewis und der anonym gebliebene Briefschreiber aus dem Essay Über Märchen Tolkien konfrontieren, wird in dem Gedicht Mythopoeia verarbeitet.128 Der Kern dieses Vorwurfs besteht darin, dass selbst die noch so schönen Mythen, wie etwa der christliche Mythos von der Auferstehung Jesu, letzten Endes nur Unwahrheiten enthalten. Um diese Lügen für die Menschen bekömmlicher zu machen, oder besser gesagt „glaubwürdiger“, wurden sie in schöne Geschichten verpackt. Tolkien konnte diesen Einwand nicht einfach im Raum stehen lassen und schrieb als Entgegnung das nun im Folgenden näher analysierte Gedicht, in dem es um die Entstehung von Mythen geht. Zur näheren Einordnung und zum besseren Verständnis einige Vorbemerkungen. Der Titel Mythopoeia, dahinter verbirgt sich sowohl das Wort „Mythos“ (μῦθος) als auch das altgriechische Wort für „schaffen/dichten“ (ποιέω), könnte mit „Mythenschöpfung“ wiedergegeben werden.129 Tolkien dachte bei der Wahl dieses Titels wohl auch an das altgriechische Vokabel μυθοποιός, den Fabel- bzw. Mythenerzähler. Durch die inhaltliche Nähe mit Über Märchen fand es 1988 erstmals Eingang in die englische Fassung von Baum und Blatt. In den deutschen Ausgaben ist es nicht zu finden. Der Titel „Mythenschöpfung“ kann schon aufgrund der genannten inhaltlichen Nähe als eine Anspielung auf Tolkiens Konzept der „Zweitschöpfung“ verstanden werden, man könnte daher Mythopoeia problemlos als seine „zum Gedicht gewordene Theorie“ bezeichnen. 2.2.4 128 Vgl. BuB, 55. Vgl. Carpenter, Biographie, 170. 129 Vgl. Weinreich, Zweitschöpfung, 38. Weinreich will außerdem noch das altgriechische λόγος in dem Titel erkennen; vgl. ebd. 2. Tolkien und sein Werk 48 Das Werk entstand laut Biographen Carpenter wenige Tage nach dem Gespräch zwischen Lewis und Tolkien, das in der Nacht vom 19. auf den 20. September 1931 stattfand, also noch vor dem Essay Über Märchen. Dieses bei Carpenter überlieferte Gespräch bildete die Grundlage für Lewis Bekehrung zum Christentum.130 Zu Beginn findet sich eine Widmung, die sich direkt auf den zuvor vorgebrachten Einwand bezieht: „To one who said that myths were lies and therefore worthless, even through 'breathed through silver'.”131 Carpenter notiert zudem in einer Anmerkung seiner Tolkien-Biographie, dass eines der Manuskripte zusätzlich den Vermerk „für C. S. L.“ trägt, womit wohl eindeutig Clive Staples Lewis gemeint ist.132 Bereits der Widmung ist zu entnehmen, um was es Tolkien im Wesentlichen geht. Er will in dichterischer Form aufzeigen, dass phantastische Geschichten wertvolle Wahrheiten enthalten. Dazu muss er auf die Entstehung von Mythen eingehen. Das Gedicht scheint ohne die Kenntnis von Tolkiens „Mythentheorie“, die er an unterschiedlichen Stellen in seinen Briefen erwähnt hat und in kompakter Form in seinem Essay Über Märchen präsentiert, schwierig zu verstehen, teils geradezu „enigmatisch“133. Zudem erscheint es hilfreich, über den Entstehungskontext Bescheid zu wissen, nämlich das Gespräch mit Lewis über den Wahrheitsgehalt von Mythen. Dieses Gespräch wiederum ist kein singulärer Diskurs zweier Wissenschaftler im luftleeren Raum, sondern kann vor dem Hintergrund des damaligen akademischen Diskurses über Mythentheorien gelesen werden. Im Zentrum stehen dabei die Fragen nach dem Ursprung, der Funktion und der Thematik des Mythos, mitunter gerade auch die Frage nach dem Wahrheitsgehalt von Mythen.134 Das Gedicht war, wie der Widmung zu entnehmen ist, in erster Linie wohl eher nicht für ein breites Publikum gedacht. Es umfasst 12 Strophen unterschiedlicher Länge und beinhaltet 148 Verse, die im 130 Vgl. Carpenter, Biographie, 169ff. Vgl. Pearce, Man and Myth, 57f. 131 TaL, 85. 132 Vgl. Carpenter, Biographie, 170. Vgl. Carpenter, Briefe, Nr. 95. 133 Weinreich, Zweitschöpfung, 37. 134 Vgl. Segal, Mythos, 10f. 2.2 DER HERR DER RINGE– Ein von Grund auf religiöses Werk 49 Versmaß sogenannter „heroic couplets“ verfasst wurden, Reimpaaren aus fünffüßigen Jamben.135 Im Folgenden findet sich der Versuch, Mythopoeia unter Berücksichtigung des genannten Kontextes Strophe für Strophe zu analysieren und gleichzeitig auf Verbindungen zu Tolkiens eigenem literarischen Schaffen hinzuweisen. Denn die in den Versen genannten Mythen beziehen sich nicht ausschließlich nur auf bekannte antike Erzählungen, sondern zudem auch auf das Werk des Autors selbst. Zusätzlich zum englischen Originaltext wird eine vollständige Übersetzung ins Deutsche präsentiert, die darum bemüht ist, den Sinn des zu großen Teilen sehr kryptischen Gedichts zu erfassen. Eine solche sinngemäße Übersetzung versucht, der Intention des Autors zu folgen, und ist aus diesem Grund nicht immer wortwörtlich zum Originaltext.136 Im Gedicht spricht, so die Überschrift „Philomythus to Misomythus“, der Mythenliebhaber zum Mythengegner: You look at trees and label them just so, Du siehst Bäume und benennst sie als solche, (for trees are 'trees', and growing is 'to grow'); (Bäume als 'Bäume' und Wachstum als 'Wachsen'); you walk the earth and tread with solemn pace du wanderst über die Erde und betrittst mit ernstem Schritt one of the many minor globes of Space: eine von vielen kleinen Kugeln im Universum: a star's a star, some matter in a ball ein Stern ist ein Stern, ballförmige Materie compelled to courses mathematical gezwungen auf einen mathematischen Kurs amid the regimented, cold, Inane, inmitten von Reglementierten, Kalten und Dummen, where destined atoms are each moment slain.137 wo auserkorene Atome jeden Moment vergehen können. Der Mythengegner wird direkt angesprochen als jemand, der die wahrnehmbare Welt erforscht und den Dingen Namen gibt. Damit ordnet dieser alles Wahrnehmbare in sein Denksystem ein. Solche Kategorisierungen sind zunächst einmal nichts Schlechtes. Der Mythenfreund übt jedoch Kritik daran, dass es für den Mythengegner bei dieser Vorgehensweise bleibt. Ein Stern hat in einem solchen System nur Platz als ballförmige Materie, er wird abgespeichert unter den beiden Kategorien „ballförmig“ und „Materie“. Darüber hinaus scheint es für den Mythengegner nichts weiter Lohnenswertes zu geben. Er interessiert sich nicht für phantastische Geschichten über Sterne, einzig für deren Ein- 135 Vgl. Weinreich, Zweitschöpfung, 38. 136 Online kann eine alternative, sich teils ähnelnde Übersetzung in einem deutschsprachigen Fan-Forum gefunden werden: https://www.tolkienforum.de/topic/962 1-mythopoeia-i-lines-1-8/ [abgerufen am 10.08.2018]. 137 MYTH, I 1–8. 2. Tolkien und sein Werk 50 ordnung in einzelne Denkschubladen und für die Berechnung von deren Bahn. Der Vorwurf an den Mythengegner lautet demnach, dass dieser das Universum auf seinen wissenschaftlich erforschbaren Bereich begrenzt, indem er alle Wirklichkeit nur auf das empirisch Wahrnehmbare reduziert. Dass Tolkien diese Thematik am Herzen lag, wurde bereits mittels seines Essays Über Märchen deutlich. Diese Materie begleitet ihn sein ganzes Leben lang, bis hin zu seiner „Abschiedsrede“138, nämlich der Geschichte Der Schmied von Großholzingen139, die als Abrechnung mit den Materialisten gelesen werden kann. Dieses materialistische Weltbild erscheint dem Mythenliebhaber als defizitär, er glaubt nicht an eine Berechenbarkeit des Universums, diese Sichtweise wirkt für ihn reglementiert, kalt und dumm. „Inane“, man könnte es auch mit „sinnlos“ übersetzen, wurde von Tolkien schon durch die Großschreibung besonders hervorgehoben. Diese Art der Betonung von Adjektiven dient Tolkien nicht nur zur Kennzeichnung von Eigennamen, im Silmarillion beispielsweise „Secret Fire“ für das „Geheime Feuer“, welche dann auch – wie im genannten Beispiel – im Deutschen großgeschrieben werden. Zudem nutzt er diese Schreibweise gerne als Stilmittel zum Anzeigen von Wörtern mit besonderer Wertigkeit.140 Somit betont der Mythenliebhaber in diesem Fall sehr stark, wie sinnlos es ihm erscheint, mit einem solchen Weltbild zu leben, wo doch plötzlich alles vergehen kann. Er vertritt vielmehr die Meinung, dass es in diesem Universum mehr geben muss und deutet es am Ende der ersten Strophe sanft an, indem er in Zusammenhang mit den Atomen von „auserkoren“ spricht, was eine Art schicksalhaften Moment einfügt: Denn selbst die kleinsten bekanntesten Teilchen können, so sie auserkoren werden, vergehen. Die Strophe scheint durch dieses eine Wort in ihrer letzten Zeile andeuten zu wollen, dass es eine Kraft im Universum gibt, die nicht 138 Shippey, Autor des Jahrhunderts, 360. 139 Engl. Originaltitel: Smith of wootton major (1967). Eine deutsche Übersetzung dieser außerhalb des Legendariums angesiedelten Erzählung findet sich beispielsweise in Fabelhafte Geschichten. Ein Stern steht auch dort, wie in dem vorliegenden Gedicht, für den (möglichen) Zugang zu einer anderen Welt. Für Nokes, den Materialisten, ist der Stern nur eine Art Zierrat, während er dem Schmied den Weg in das Elbenland öffnet. 140 Vgl. Vos, Weltdeutung im Silmarillion, 44. 2.2 DER HERR DER RINGE– Ein von Grund auf religiöses Werk 51 kategorisiert und berechnet werden kann. Eine nähere Beschreibung dieser Macht gibt es an dieser Stelle freilich nicht, es bleibt erstmal nur bei einer vagen Andeutung. Sicher aber scheint, dass diese angedeutete Kraft nicht einzig und alleine nur auf die Atome bezogen ist, sondern gleichsam alles im Universum betrifft, immerhin besteht ja alles Andere ebenso aus diesen winzigen Bausteinen. Um wie viel mehr, könnte man daraus ablesen, muss es dann den Menschen betreffen. Mit der aufgestellten Behauptung, dass in einer Art schicksalhaften Moment selbst die Atome der Vergänglichkeit unterworfen sind, holt der Mythenliebhaber schwer gegen das naturwissenschaftliche Weltbild seines Gesprächspartners aus. Dieser würde wohl bezweifeln, dass Atome als die kleinsten unteilbaren Teilchen vergänglich sind.141 Dazu kommt, dass die Rede vom Schicksal nicht in das Denkmuster der Naturwissenschaft passt. At bidding of a Will, to which we bend Nach Geboten des Willens, dem wir uns beugen (and must), but only dimly apprehend, (und sogar müssen), aber nur schemenhaft verstehen, great processes march on, as Time unrolls gehen große Dinge vor, im Verlauf der Zeit from dark beginnings to uncertain goals; von dunklen Anfängen hin zu ungewissen Zielen; and as on page o'er-written without clue, ähnlich einer beschriebenen Seite, ohne Hinweis with script and limning packed of various hue, übersäht mit Buchstaben und Gekritzel verschiedener Art an endless multitude of forms appear, eine endlose Vielfalt an Formen erscheint some grim, some frail, some beautiful, some queer, manche hart, manche brüchig, manche schön, manche seltsam, each alien, except as kin from one einander fremd, außer einer Verwandtschaft in einem remote Origo, gnat, man, stone, and sun. fernen Ursprung, Gelse, Mensch, Stein und Sonne. God made the petreous rocks, the arboreal trees, Gott erschuf felsernes Gestein, belaubte Wälder, tellurian earth, and stellar stars, and these die bewohnte Erde, himmlische Sterne, und diese homuncular men, who walk upon the ground menschenartigen Gestalten, die über den Boden wandern with nerves that tingle touched by light and sound. mit Nerven, die auf Licht und Geräusch reagieren. The movements of the sea, the wind in boughs, Die Wogen des Meeres, den Wind in den Zweigen, green grass, the large slow oddity of cows, grünes Gras, die große langsame Eigenartigkeit der Kühe, thunder and lightning, birds that wheel and cry, Donner und Blitz, Vögel, die kreisen und krächzen, slime crawling up from mud to live and die, Schlamm, der sich aus dem Staub erhebt, lebt und stirbt, these each are duly registered and print diese alle sind ordnungsgemäß aufgelistet und vermerkt the brain's contortions with a separate dint.142 im Gedächtnis mit ihren speziellen Eigenschaften. In der zweiten Strophe geht es um die Frage nach dem Ursprung und der Entwicklung des Universums. Die verschiedenen Antworten da- 141 Weinreich sieht in diesem Vers eine bewusste Falschaussage in Bezug auf das Bohrsche Atommodell von 1913 mit seinen Regelhaftigkeiten in Bezug auf die Atomeigenschaften. Zum anderen ortet er eine Anspielung auf den Atombegriff der vorsokratischen Naturphilosophen Leukipp und Demokrit, die in den Atomen die materielle Grundlage für alles physische Sein sehen. Vgl. Weinreich, Zweitschöpfung, 40f. 142 MYTH, II 9–28. 2. Tolkien und sein Werk 52 rauf, die auch in dieser Strophe angeschnitten werden, sind bis heute Thema unzähliger hitziger Debatten.143 Damit wird die Thematik, die in der vorangegangenen Strophe nur indirekt angedeutet wurde, nun ganz konkret aufgegriffen. Für den Anhänger des naturwissenschaftlich-materialistischen Weltbildes, so spricht der Mythenliebhaber, taucht im Laufe der Entwicklung eine endlose Vielfalt an Formen auf, die alle miteinander verwandt sind. Dieser Vers kann als Hinweis auf die darwinsche Evolutionstheorie gelesen werden.144 Diese Theorie, basierend auf Darwins empirischen Forschungen, löste gerade von Seiten der Kirche heftige Reaktionen aus. Für den gläubigen Katholiken Tolkien, der mehrere Jahrzehnte nach Publizierung von Die Entstehung der Arten (1859) und Die Abstammung des Menschen (1871)145 sein Gedicht verfasste, ist diese Theorie unvereinbar mit der christlichen Schöpfungslehre. Um dem etwas entgegen zu setzen, findet nun ganz explizit Gott Erwähnung. Damit ist an dieser Stelle des Gedichts auch klargestellt, dass in Vers neun der Wille Gottes gemeint ist. Er ist es, der alles erschaffen hat und nach dessen Geboten sich der Mensch beugen muss, wenngleich er diesen Willen Gottes nicht zur Gänze verstehen kann. Eine Verwandtschaft der Arten besteht daher für den gläubigen Autor nur insofern, als dass ihr gemeinsamer Ursprung in einem Schöpfergott begründet liegt. Von einer Entwicklungsgeschichte der Arten ist keine Rede. Mit der Erwähnung des Schlammes, der zu Leben beginnt, findet sich ein Anklang an den zweiten biblischen Schöpfungsmythos, in 143 In Österreich ist es schon wieder eine Weile her, seit mit Kardinal Christoph Schönborn ein hoher katholischer Würdenträger eine weitreichende (über die Grenzen Österreichs hinausreichende) Debatte zu diesem Thema auslöste. 2005 schrieb er in der New York Times (Printausgabe vom 07. Juli) einen Gastkommentar zur Evolutionstheorie unter dem Titel Finding Design in Nature. Der Artikel ist online abrufbar unter: http://www.nytimes.com/2005/07/07/opinion/ 07schonborn.html?_r=0 [abgerufen am 10.08.2018]. Damit hat der Kardinal sicher einen Nerv getroffen, denn bis heute gibt es gerade in den USA eine große Anzahl evangelikaler Christen, welche die biblische Schöpfungsehre wortwörtlich verstehen. 144 Vgl. Weinreich, Zweitschöpfung, 41. Die Herstellung dieses Konnexes ist jedoch vor allem in der Zusammenschau mit Strophe XI möglich, Vers 119f, in der es heißt: „I will not walk with your progressive apes, erect and sapient. […]“. 145 Engl. Original: On the Origin of the Species (1859) und The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex (1871). 2.2 DER HERR DER RINGE– Ein von Grund auf religiöses Werk 53 welchem Gott den Menschen aus der Erde des Ackerbodens erschafft (Gen 2,7). Wird in Strophe I der Mythengegner noch als jemand eingeführt, der in nur allzu materialistischen Kategorien denkt, so bedient sich der Mythenliebhaber in seiner Rede eines rhetorischen Kunstgriffes, um in der Sprache das Denken seines Gegenübers nachzuahmen und abzubilden. Er spricht daher von „felsernem Gestein“, „belaubten Wäldern“, himmlischen Sternen“ und „menschenähnlichen Gestalten“. So macht beispielsweise das Gestein gerade seine „felsige“ Art aus und wird aufgrund dieser Eigenschaft in die Kategorie Gestein eingeordnet. Dem Mythengegner wird dabei nicht direkt vorgeworfen, dass seine Sicht der Dinge falsch wäre. Der Mythenliebhaber stellt vielmehr einen Vergleich an. Das Denken des Mythengegners ist ähnlich einer vollgeschriebenen Seite, die mit Gekritzel übersäht ist. Dieses Gekritzel, in diesem Fall plakativ festgemacht an der darwinschen Evolutionstheorie, hindert jedoch daran, den wahren Ursprung aller Dinge zu entdecken. Hinweise auf Gott, den Schöpfer allen Lebens, werden damit allerhöchstens übermalt. Die Zeilen versuchen deutlich zu machen, dass diese Theorien wirr und unordentlich sind, geradeso als wären sie ohne jede Sorgfalt erdacht worden. Im Rückblick auf die vorangegangene Strophe lässt sich interpretieren, dass letztlich aber genau nur jenes Weltbild sinnvoll ist, das den materialistischen Blick hinter sich lässt und bereit ist, außerhalb strenger empirischer Kategorien zu denken. Yet trees are not 'trees', until so named and seen Bäume sind keine 'Bäume', bis man sie so benennt und sieht – and never were so named, till those had been und niemals wurden sie so benannt, erst als jene erschienen who speech's involuted breath unfurled, entfaltet durch in Sprache gebundenen Odem, faint echo and dim picture of the world, ein undeutliches Echo und vages Bild der Welt, but neither record nor a photograph, aber weder als Aufnahme, noch Photographie, being divination, judgement, and a laugh eher eine Weissagung, Urteil, und ein Lachen response of those that felt astir within als Reaktion jener, die sich innerlich rege fühlen by deep monition movements that were kin von tiefen Mahnungen bewegt, verwandt mit to life and death of trees, of beasts, of stars: Leben und Sterben von Bäumen, Getier und Sternen: free captives undermining shadowy bars, freie Gefangene, schemenhafte Gitterstäbe untergrabend, digging the foreknown from experience das Vorhergewusste aus der Erfahrung schürfend, and panning the vein of spirit out of sense. so kommt der Verstand zur Wahrnehmung. Great powers they slowly brought out of themselves, Großes haben sie langsam aus sich selbst hervorgebracht, and looking backward they beheld the elves und zurückblickend erkennen sie die Elben, that wrought on cunning forges in the mind, gehämmert in den raffinierten Schmieden des Geistes, and light and dark on secret looms entwined.146 Licht und Dunkel verwoben auf versteckten Webstühlen. 146 MYTH, III 29–44. 2. Tolkien und sein Werk 54 Nachdem in der vorangegangenen Strophe die Welt, und mit ihr alles Leben, von Gott erschaffen wurde, kommt nun der Mensch ins Spiel. Er beginnt damit, die einzelnen, vorfindbaren Dinge zu benennen. Eine erneute Verbindung zum biblischen Schöpfungsmythos scheint vorhanden: Der Mensch ist es schließlich, der den Dingen Namen gibt (Gen 2,19f). Der sprechende Mythenliebhaber greift zugleich auf das Bild der ersten Strophe zurück, indem er erneut auf die Bäume als Beispiel zu sprechen kommt. Diese stehen nicht nur stellvertretend für die gesamte Schöpfung, die der Mensch nun zu benennen beginnt, sondern sind wohl ein weiterer dezenter Anklang an das Buch Genesis (Gen 2,9). So stehen in der Mitte des biblischen Paradieses der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis, wie später auch – im deutlich bewussteren Anklang an den biblischen Garten Eden – im Zentrum des von Tolkien erdachten Paradieses zwei Bäume besonderen Stellenwert genießen. Das Silmarillion hebt diese zwei durch die Benennung mit Eigennamen ganz besonders hervor und betont schon alleine dadurch ihre Verschiedenheit und Besonderheit im Vergleich zu anderen Bäumen: Telperion und Laurelin.147 Das Licht dieser beiden Bäume sorgte dafür, dass es im sogenannten „Segensreich“ nie Nacht wurde. Darüber hinaus scheinen die Bäume als Beispiele wohl auch deswegen gewählt, weil Tolkien ein großer Freund von Bäumen war: „Tolkien […] hat Bäume geliebt wie kaum ein anderer.“148 An ihnen hat er in seinen Erzählungen immer wieder zum Ausdruck gebracht, dass Bäume mehr als nur einfache, gewöhnliche Pflanzen sein können. Das lässt sich aus der Rolle diverser Bäume in Tolkiens Werk ablesen. Man denke beispielsweise an die sogenannten Ents, belebte Bäume, oder an den Weißen Baum von Gondor in Der Herr der Ringe. Im Silmarillion gibt es etliche besondere Bäume, Telperion und Laurelin wurden bereits genannt, und auch im Zentrum der autobiografischen Erzählung Blatt von Tüftler steht ein Baum. In diesem Zusammenhang sei auf die zuvor behandelten Wirkungen phantastischer Geschichten verwiesen, besonders auf den Aspekt der „Wiederherstellung“ aus dem Essay Über Märchen: Bäume wer- 147 Vgl. SIL, 52f. 148 Shippey, Autor des Jahrhunderts, 257. In Carpenter, Briefe, Nr. 251 vergleicht er sich selbst mit einem alten Baum. 2.2 DER HERR DER RINGE– Ein von Grund auf religiöses Werk 55 den durch die Erzählungen für den „baumliebenden“149 Tolkien, der sich selbst mit einem solchen vergleicht150, aus dem grauen Alltag gehoben, indem sie mit neuer Bedeutung erfüllt werden. Das entspricht der Intention von Mythopoeia, wonach die reine materialistische Weltsicht als defizitär aufgezeigt werden soll. Die in der Strophe genannten Bäume werden erst dann zu solchen, wenn sie vom Menschen wahrgenommen und benannt werden. Der Mensch wird beschrieben als jemand, der mittels seiner Sprache die Realität entfaltet, worin ein erneuter Anklang an den ersten Schöpfungsmythos der Genesis (Gen 1,1–31) angenommen werden kann: Gott erschafft den Kosmos, indem er spricht. Der Mensch, der als Abbild Gottes zum Zweitschöpfer berufen ist, schafft somit in dessen Nachfolge Realität ebenso mittels Sprache. Dabei gelingt es dem Menschen jedoch nicht, den vorfindbaren Baum in seiner ganz konkreten Ausgestaltung perfekt abzubilden.151 Er erschafft mithilfe seiner Sprache nur ein undeutliches Bild. Dieses undeutliche Echo ist ein Hinweis auf eine zweite, dahinterliegende Existenzebene. Die Sprache bezieht sich auf die nicht sichtbare Ebene hinter dem empirisch wahrnehmbaren und erforschbaren Baum. Dem angesprochenen Mythengegener wird dieses Konzept vielleicht nicht fremd, aber dennoch unverständlich sein. Für ihn ist der Baum ein Baum, ob er nun als solcher benannt wurde oder nicht. Er wird der Überzeugung sein, dass der Baum unabhängig von der menschlichen Benennung existiert. Der Mythenliebhaber hingegen geht davon aus, dass es hinter dem Baum in seiner materiellen Gestalt noch etwas anderes Übergeordnetes geben muss: „Es ist das von Sokrates postulierte Sicherinnern an vorhergewusste Wahrheiten, von dem Tolkien hier spricht. Die Erinnerungen werden wiedergeboren und so das Wissen erneut gewusst.“152 Platon, Schüler des Sokrates, denkt die Philosophie seines Lehrers weiter und spricht von Ideen, die als eigenständige und ontologisch übergeordnete Wirklichkeiten in einer selbstständigen Welt existieren. 149 Vgl. Carpenter, Briefe, Nr. 199 150 Vgl. Carpenter, Briefe, Nr. 251 151 Parallel zu Tolkiens Erzählung Blatt von Tüftler, in welcher der Protagonist den vollendeten Baum erst nach Ende seines irdischen Lebens zu sehen bekommt. 152 Weinreich, Zweitschöpfung, 43. 2. Tolkien und sein Werk 56 Diese Welt der Ideen ist getrennt von der Welt der Wahrnehmung, in welcher der Mensch lebt. Nur durch vorgeburtliche Schau der Idee des Baumes kann der Mensch den Baum als solchen erkennen und benennen. Ohne diese übergeordnete Wirklichkeit wäre das Wort Baum zur Beschreibung eines einzelnen Baumes unbrauchbar. Der Baum könnte auch nicht unabhängig von der vollkommenen und unveränderlichen Idee des Baumes existieren. Diese Ideen sind tief im menschlichen Geist verborgen und sind von Geburt an vorhanden. Mit diesem Bezug auf die antike Philosophie will der Mythenliebhaber erneut darauf verweisen, dass es unklug wäre, nur Sichtbares zu glauben. Das wahre Wissen kommt daher nicht vom Menschen selbst, es muss von außerhalb kommen, ob aus einer abstrakten Welt der Ideen oder begründet in einem christlichen Schöpfergott. Die wahrnehmbaren Dinge können daher nicht einfach, wie es dem Mythengegner in den vorangegangenen Strophen vorgeworfen wird, klassifiziert und eingeordnet werden, ohne gleichzeitig eine weitere transzendente Ebene mitzudenken. Es gibt für den Mythenliebhaber keinen Selbststand der Dinge, sondern es braucht eine ontologisch übergeordnete Ebene. Der Verstand des Menschen hat Großes hervorgebracht, heißt es am Ende der dritten Strophe. Mit „aus sich selbst herausgebracht“ ist die Kunst der Zweitschöpfung angesprochen. Das Volk der Elben nennend, nimmt Tolkien Bezug auf sein eigenes schöpferisches Wirken. He sees no stars who does not see them first Er sieht keine Sterne, sieht er sie nicht “ursprünglich” of living silver made that sudden burst aus lebendigem Silber gefertigt, das plötzlich zerbricht to flame like flowers beneath an ancient song, aufflammend wie Blumen zu einem uralten Lied, whose very echo after-music long dessen Echo der bereits verhallten Musik has since pursued. There is no firmament, immer noch hörbar ist. Es gibt kein Firmament, only a void, unless a jewelled tent nur Leere, außer ein edelsteinbesetztes Zelt myth-woven and elf- patterned; and no earth, aus Mythen gewoben, von Elben gemacht; und keine Erde, unless the mother's womb whence all have birth.153 wäre sie nicht dem Schoß entsprungen, der alles gebiert. In der vierten Strophe führt der Mythenliebhaber bildhaft aus, was er bereits zuvor festgestellt hat. Es gibt eine ursprüngliche Art der Anschauung und es gibt, dieser gegenüber- bzw. entgegenstehend, eine defizitäre Art, nämlich die des Materialisten. Das wahre Wesen, das hinter den Dingen verborgen liegt, lässt sich mit den der Naturwissenschaft zur Verfügung stehenden Methoden nicht erkennen. Versucht 153 MYTH, IV 45–52. 2.2 DER HERR DER RINGE– Ein von Grund auf religiöses Werk 57 der Mensch es trotzdem und lässt daneben keine andere Sichtweise gelten, wird er nur ein sehr eingeschränktes Bild erhalten. Tolkien bzw. der Mythenliebhaber spricht zur Illustration von einem uralten Lied, welches zwar bereits verhallt, dessen Echo aber noch zu hören ist. Im Licht des Silmarillion gesehen, wird das verwendete Bild klarer. Dort ist nachzulesen, dass Tolkiens Kosmos im Wesentlichen mithilfe von Musik erschaffen wird, vorgetragen von engelhaften Mächten. Diese wiederum sind Geschöpfe Gottes. Tolkiens bildhafte Sprache will an dieser Stelle zum Ausdruck bringen, dass in der Schöpfung noch das Echo Gottes hörbar ist. Mit diesem Hinweis auf die Möglichkeit der Wahrnehmung eines göttlichen Ursprungs bewegt sich Tolkien auf dem Fundament christlicher Lehre.154 Diesen „Nachhall“ wird man allerdings, stützt man sich nur auf naturwissenschaftliche Methoden, nicht erkennen können. Mittels des Sternenmotives knüpft der Sprecher an die erste Strophe an. Er, der Mensch, kann durch seine Kunst die Sterne zu etwas machen, das viel größer und wahrhafter ist als einfach nur ballförmige Materie, gezwungen auf einen mathematischen Kurs. Denn was für die Bäume aus der vorangegangenen Strophe gilt, kann in ähnlicher Form auch für die Sterne und Sternbilder in Tolkiens Legendarium gesagt werden. Er lädt auch diese mit größerer Bedeutung auf, indem er von ihrer Erschaffung berichtet und teils sogar eigene Geschichten über sie erzählt.155 Exemplarisch sei an dieser Stelle Galadriels Phiole aus Der Herr der Ringe erwähnt, die – so erfährt das Lesepublikum nur aus einer knappen Bemerkung – das Licht von Earendils Stern enthält. Eine nähere Erklärung dazu findet sich in Der Herr der Ringe nicht, allerdings liefert auch in diesem Fall das Silmarillion den zu dem Namen gehörenden Hintergrund und stößt damit das Tor zu einer neuen Geschichte rund um einen Mann namens Earendil auf, der selbst zu einem Stern am Firmament wird.156 Dass Tolkien von Bäu- 154 Besonders bekannt ist in diesem Zusammenhang Röm 1,20: „Seit Erschaffung der Welt wird eine unsichtbare Wirklichkeit an den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen, seine ewige Macht und Gottheit. […]“ 155 Zur Erschaffung der Sterne vgl. SIL, 69. Die Erschaffung von Sonne und Mond findet sich ebd., 148ff. u. BdVG I, 199–236. Ein kurzer Ursprungsmythos eines Sternbildes findet sich ebd., 156. 156 Vgl. HdR I, 487. Vgl. SIL, 386–401. Vgl. BdVG II, 272–291. Vgl. BuL, 259–264. 2. Tolkien und sein Werk 58 men fasziniert war, wurde bereits genannt. Ähnliches darf auch für die Sterne angenommen werden. Als Paar treten Bäume und Sterne nicht nur in Mythopoeia auf, sie finden sich auch in anderen seiner Gedichte.157 Was Tolkien später in seinem Essay Über Märchen über die beiden Werte „Phantasie“ und „Wiederherstellung“ schreibt, schwingt bereits an dieser Stelle im Hintergrund mit. Der „Stern aus lebendigem Silber gefertigt“ steht für die Schau in eine phantastische Sekundärwelt. Diese ermöglicht einen Ausbruch aus der durch die Naturwissenschaften entzauberten Welt, in der ein Stern einfach nur ein Stern ist und keine weitere phantastische bzw. künstlerische Beachtung erfährt. Stattdessen wäre es, folgt man den Gedanken des Mythenliebhabers, doch weitaus romantischer, könnte der Mensch durch die Welt gehen und das Firmament mit seinen Sternen als ein edelsteinbesetztes Zelt wahrnehmen, bei dem jeder Himmelskörper seine eigene Geschichte zu erzählen hat. The heart of man is not compound of lies, Das Menschenherz ist nicht nur ein Lügengemisch, but draws some wisdom from the only Wise, sondern bezieht etwas Weisheit vom einzigen Weisen, and still recalls him. Though now long estranged, an den es sich noch erinnert. Obwohl lange entfremdet, man is not wholly lost nor wholly changed. ist der Mensch weder ganz verloren noch ganz verändert. Dis-graced he may be, yet is not dethroned, Die Gnade verloren vielleicht, aber nicht entthront, and keeps the rags of lordship once he owned, noch trägt er die Fetzen seiner einstigen Herrschaft, his world-dominion by creative act: seiner Weltherrschaft durch schöpferische Tat: not his to worship the great Artefact, nicht um das große Artefakt zu huldigen, man, sub-creator, the refracted light Mensch, Zweitschöpfer, das gebrochene Licht through whom is splintered from a single White ist durch ihn hindurch gesplittert von einfachem Weiß to many hues, and endlessly combined zu vielen Farben, und unendlich kombiniert in living shapes that move from mind to mind. zu lebendigen Gestalten, von Gedanke zu Gedanke ziehend. Though all the crannies of the world we filled Obwohl wir alle Winkel der Erde füllten with Elves and Goblins, though we dared to build mit Elben und Kobolden, obwohl wir wagten zu bauen gods and their houses out of dark and light, Götter und ihre Häuser aus Dunkelheit und Licht, and sow the seed of dragons, 'twas our right und die Drachensaat säten, es war unser Recht (used or misused). The right has not decayed. (ob rechtens oder missbräuchlich verwendet). Das Recht ist nicht verfallen. We make still by the law in which we're made.158 Noch immer schaffen wir nach dem Gesetz, nach dem wir geschaffen. Die fünfte Strophe wird fast vollständig in Über Märchen zitiert.159 Kern der Zeilen ist die Stellung des Menschen in der „gefallenen Welt“, in welcher dieser aufgrund des Sündenfalls (Gen 3) leben muss. Obwohl von Gott entfremdet, ist der Mensch nicht gänzlich verloren. Der 157 Vgl. Shippey, Autor des Jahrhunderts, 253ff. 158 MYTH, V 53–70. 159 Vgl. BuB, 55f. 2.2 DER HERR DER RINGE– Ein von Grund auf religiöses Werk 59 Mythenliebhaber ist davon überzeugt, dass der Mensch immer noch in Beziehung zu Gott steht, denn sein Herz bezieht Weisheit von ihm. Die damit verknüpfte Erwähnung einer Erinnerung könnte erneut als Anklang an die platonische Lehre gelesen werden. Dass der Mensch nicht gänzlich verändert ist, bezieht sich – im Kontext der restlichen Strophe gelesen – auf die Gottebenbildlichkeit des Menschen (Gen 1,26f). Gerade diese Ebenbildlichkeit ermöglich es ihm erst, zum Zweitschöpfer zu werden. Eine Folge davon ist die Erfindung phantastischer Geschichten, die alle Winkel der Erde mit Fabelwesen, explizit genannt werden Elben und Kobolde, ausfüllen. Der Mythenliebhaber betont, dass der Mensch zu dieser Schöpfung berechtigt ist und begründet dies mit der Gottebenbildlichkeit. Es wird festgestellt, dass solches Tun auch Gefahr läuft, in die Irre zu gehen und somit das Recht zu missbrauchen. Als Bild für derartiges Fehlgehen verwendet Tolkien das Aussäen von Drachensaat, ein aus der antiken Mythologie bekanntes Motiv.160 Das erscheint gerade mit Blick auf die Rolle von Drachen in Tolkiens Werk besonders treffend gewählt, sind diese doch eine Züchtung des Bösen und werden als gierig und boshaft beschrieben.161 Exemplarisch sei der Drache Smaug aus Der Hobbit genannt. Doch obwohl diese Möglichkeit fehlgeleiteten zweitschöpferischen Tuns vorhanden ist, hebt diese missbräuchliche Verwendung, gemäß dem Grundsatz „Abusus non tollit usum“162, den richtigen Gebrauch nicht auf. Unter falschem Gebrauch der Phantasie versteht Tolkien Schöpfungen, die dem Menschen im Laufe der Geschichte geschadet haben, seien es grausame Gottheiten, furchtbare Ideologien oder fatale Wissenschaften.163 160 Vgl. Ov. met. 3, 101ff. 161 Vgl. Forter, Drachen, in: Mittelerde Lexikon, 164. Vgl. Burkhard, Ancient Dwarf Kingdom, 62f. Eine Ausnahme bildet der Drache namens Chrysophylax in Bauer Giles von Ham. Chrysophylax ist zwar gierig und unehrlich, allerdings nicht annähernd mordlustig wie seine Artgenossen innerhalb des Mittelerde-Universums. Diese in sich abgeschlossene und eigenständige Geschichte gehört nicht zum Legendarium. 162 BuB, 56. 163 Vgl. BuB, 56. Vgl. Shippey, Autor des Jahrhunderts, 294. 2. Tolkien und sein Werk 60 Yes! 'wish-fulfilment dreams' we spin to cheat Ja! Wir erdenken 'wunscherfüllende Träume', täuschen our timid hearts and ugly Fact defeat! damit unsere furchterfüllten Herzen und bekämpfen Sorgen. Whence came the wish, and whence the power to dream, Doch woher kam der Wunsch, woher kam die Kraft zu träumen, or some things fair and others ugly deem? oder dass manche Dinge schön, andere hässlich erscheinen? All wishes are not idle, nor in vain Nicht alle Wünsche sind müßig, nicht vergeblich fulfilment we devise – for pain is pain, erhoffen wir die Erfüllung – Schmerz ist Schmerz, not for itself to be desired, but ill; nicht um seiner selbst willen erhofft, denn schlecht; or else to strive or to subdue the will Den Willen anzustrengen oder zu unterdrücken ist alike were graceless; and of Evil this gleichermaßen schamlos; und über das Böse alone is deadly certain: Evil is.164 ist eines tödlich sicher: Das Böse existiert. Auf was sich das bekräftigende „Ja!“ am Beginn der sechsten Strophe genau bezieht, ist nicht ganz eindeutig herauszulesen. Zum einen könnte es eine Bekräftigung des Vorhergesagten sein und somit das in der vorhergegangenen Strophe behandelte Recht des Menschen unterstreichen, als Zweitschöpfer tätig zu sein. Wahrscheinlicher dagegen ist, dass es als eine Art Eingehen auf den Standpunkt des Mythengegners zu lesen ist. Dieser ist der Meinung, dass Mythen grundsätzlich Lügen sind. Denn gleich auf das zustimmende „Ja!“ folgt das Eingeständnis des Mythenliebhabers, dass sich der Mensch in seinen Träumereien selbst täuscht. Was in den Zeilen danach zum Ausdruck kommt, könnte dann im Sinne eines „Ja, aber …“ gelesen werden. Als Gegenargument führt der Mythenliebhaber die Frage ins Feld, wo denn der Ursprung der Träume liegt. Die Frage ist eine rein rhetorische, denn eine Antwort darauf braucht er nicht zu geben. Aus dem Kontext des Gedichts geht hervor, dass auch die Träume von außerhalb kommen müssen. Platon scheint an dieser Stelle wiederum präsent, wenn davon die Rede ist, dass die Vorstellung von Schönheit oder ihrem Gegenteil irgendwoher stammen muss. Um die positive Funktion solcher Träumereien hervorzuheben, finden sich in den Worten des Mythenliebhabers Anklänge an zwei wichtige Funktionen phantastischer Geschichten: „Flucht“ und „Trost“. Wie Tolkien es in Über Märchen darlegt, sieht er in der „Flucht“ etwas Positives, da sich darin die Sehnsucht nach einer besseren Welt widerspiegelt. Eng mit „Flucht“ hängt die Funktion „Trost“ zusammen. Phantastische Geschichten können über die Zustände der Primärwelt hinwegtrösten. Gleichzeitig kann die Phantasie fehlgeleitet werden, wie bereits in der vorhergegangenen Strophe angedeutet, und Schmerz hervorru- 164 MYTH, VI 71–80. 2.2 DER HERR DER RINGE– Ein von Grund auf religiöses Werk 61 fen. Deswegen kann beides falsch sein, nämlich entweder den Willen bzw. die Phantasie anzustrengen und damit Schlechtes hervorzubringen oder diesen andererseits zu unterdrücken und damit in einer trostlosen Situation zu verbleiben. Eine andere Alternative gibt es für den Menschen nicht. Beide Varianten sind nicht vollkommen und die Entscheidung darüber, welchen Weg der Mensch wählt, bleibt ihm letztlich selbst überlassen. Die Feststellung zum Ende der Strophe, dass die Existenz des Bösen ganz sicher angenommen werden muss, wird vom Mythenliebhaber im ganz bewussten Kontrast zu dem zuvor Gesagten gestellt. Es entsteht der Eindruck, besonders aufgrund des augenscheinlichen Bruchs im Gedicht, dass eine besonders deutliche Warnung abgegeben werden soll. Vor dem Hintergrund der genannten Entscheidung, nämlich die Phantasie entweder zu benutzen oder es eben sein zu lassen, soll der Mensch stets mitbedenken, dass es das Böse tatsächlich gibt. Der Mythenliebhaber zeigt durch sein „Ja, aber …“ auf, dass phantastische Geschichten zwar den Anschein erwecken, Lügen zu sein, aber eben gerade keine sind. Sie sind eigenständige Zweitschöpfungen, die wesentlich zur Bewältigung des Alltags beitragen. Sie gehören zum Wesen des Menschen unweigerlich dazu und können deswegen keine Lügen sein. Die Strophe kann somit als ermutigende Aufforderung zum Träumen gelesen werden. Blessed are the timid hearts that evil hate, Gesegnet die furchterfüllten Herzen, die das Böse hassen, that quail in its shadow, and yet shut the gate; mutlos angesichts seines Schattens, aber trotzdem das Tor schließen; that seek no parley, and in guarded room, die nicht verhandeln, und in bewachten Räumen, though small and bare, upon a clumsy loom klein und kahl, auf schwerfälligem Webstuhl weave tissues gilded by the far-off day Stoffe weben, vergoldet weil ein weit entfernter Tag hoped and believed in under Shadow's sway.165 herbeigesehnt und geglaubt im Angesicht des Schattens. Die Strophen VII–IX beginnen mit „Blessed are“, womit Assoziationen zu den biblischen Seligpreisungen hervorgerufen werden (Mt 5,3–12; Lk 6,20–22). Tolkien lässt den Mythenliebhaber nun als eine Art predigenden Messias auftreten. In der vorangegangenen Strophe war bereits die Rede von furchterfüllten Herzen, die mittels Zweitschöpfung ihre Sorgen bekämpfen. In der siebenten Strophe stehen die Herzen pars pro toto für den gesamten Menschen. 165 MYTH, VII 81–86. 2. Tolkien und sein Werk 62 Es werden jene seliggepriesen, die sich nicht mit dem Bösen einlassen, selbst wenn sie angesichts von dessen scheinbarer Überlegenheit noch so mutlos werden. Genau solche Situationen, wie sie der Mythenliebhaber hier beschreibt, finden wir besonders ausgeprägt in Tolkiens Legendarium. Dass dieses Böse nicht nur bloße Einbildung der Menschen ist, wurde bereits am Ende der letzten Strophe vom Mythenliebhaber auffällig betont. Das gilt gleichermaßen für Tolkiens literarisches Werk, in dem das Böse kein bloßes Hirngespinst ist, sondern eine stets lauernde Gefahr in Form einer Vielzahl dämonischer Gestalten. Als Sinnbild für dieses Böse wird der Schatten gewählt, er findet sich bei Tolkien als stets wiederkehrendes Motiv des Bösen, so symbolisiert er beispielsweise die Gegenwart und den Einfluss der beiden großen Antagonisten Melkor/Morgoth und Sauron.166 Mit diesem Schatten soll nicht verhandelt werden oder zumindest soll auf seine Bedingungen nicht eingegangen werden, man denke hierbei an die Verhandungen vor der Endschlacht in Der Herr der Ringe, bei der die Bedingungen des Bösen ausgeschlagen werden.167 Um die schwierigen Situationen angesichts dieser stets lauernden Bedrohung zu bewältigen, arbeiten die Menschen auf ihren Webstühlen, womit metaphorisch nur die Herstellung von Zweitschöpfungen gemeint sein kann. Ein erneuter Anklang an die Werte „Phantasie“, „Flucht“ und „Trost“ aus der sechsten Strophe ist damit gegeben. Parallel dazu gibt es für den gläubigen Menschen ein Hoffen und Glauben an einen ganz konkreten Tag endgültiger Erlösung, allerdings handelt es sich um einen weit entfernten Tag. 166 Vgl. Foster, Schatten, in: Mittelerde Lexikon, 616f. Vgl. Shippey, Weg nach Mittelerde, 184f. In diesem Zusammenhang scheint erwähnenswert, dass für die ursprünglich geplante Fortsetzung von Der Herr der Ringe der Titel The New Shadow vorgesehen war. Was Tolkien begonnen, aber nie vollendet hat, ist uns in der History of Middle-Earth erhalten; vgl. HoME XII, 409–421. Vgl. Carpenter, Biographie, 259. Im einleitenden Gedicht zu Der Herr der Ringe heißt es: „Im Lande Mordor, wo die Schatten drohn.“ HdR I, 7. Als Untertitel für Band I (Die Gefährten) und II (Die zwei Türme) schlug Tolkien zuerst Die Rückkehr des Schattens und Der Schatten wird länger vor. Vgl. Carpenter, Briefe, Nr. 139. 167 Vgl. HdR III, 198f. 2.2 DER HERR DER RINGE– Ein von Grund auf religiöses Werk 63 Blessed are the men of Noah's race that build Gesegnet die Menschen aus Noahs Geschlecht, sie erbauen their little arks, though frail and poorly filled, ihre kleinen Archen, wenngleich fragil und ärmlich befüllt, and steer through winds contrary towards a wraith, steuern durch entgegengsetzte Winde, zu einem Gespenst, a rumour of a harbour guessed by faith.168 das Gerücht von einem Hafen, erhofft durch den Glauben. In der achten Strophe findet sich ein Anklang an die biblische Erzählung von der Sintflut (Gen 6,1–9,29). Das Bild der Arche dient dabei als Symbol für die Mythen, die im Laufe der Zeit von den Menschen erdacht worden sind. Diese sind keine perfekten Schöpfungen und doch steuern sie trotz aller Fragilität auf ein Ziel zu. Als ein solches Ziel wird ein Hafen genannt, also ein sicherer Ankerpunkt, für dessen Existenz es jedoch keine gesicherten – gemeint sind wohl empirische – Beweise gibt. Durch den Vergleich mit einem Gespenst gewinnt diese unsichere Fahrt den Charakter von Seemannsgarn, vielleicht ein Hinweis auf Vorwürfe aus dem Bereich der Religionskritik. Man denke zudem an die eingangs vorgebrachte Verdächtigung, dass es sich bei Mythen um nichts weiter als „durch Silber gehauchte Lügen“ handle. Ein sicherer Hafen scheint in weiter Ferne und die Fahrt wird dadurch zu einem Abenteuer mit unsicherem Ausgang, wie es sich auch in Tolkiens Erzählung von Earendils Seefahrt wiederfindet.169 Die Strophe kann durchaus als Analogie auf das Leben gelesen werden. Mythen sind demnach als die Archen der Menschen zu verstehen, die hoffen, dass diese Schiffe sie letztlich zur Erlösung führen. Gesicherte Beweise gibt es dafür allerdings nicht, es braucht die Hoffnung, die der in der letzten Zeile erwähnte Glaube schenkt. Gesegnet sind für den Mythenliebhaber daher jene Menschen, die sich ohne gesicherte Beweise, nur gestützt auf ihren Glauben, auf das Abenteuer einlassen. Die Worte Jesu an den ungläubigen Thomas, die ebenso wie die vorliegende Strophe als Seligpreisung angelegt sind, scheinen im Hintergrund mitzuschwingen: „Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ (Joh 20,29) Das Gottvertrauen auf einen letztendlich guten Ausgang ist der Konnex zu Noah, der ohne zu widersprechen Gott gehorcht und seine Arche baut, ohne das genaue Ziel seiner Reise zu kennen. 168 MYTH, VIII 87–90. 169 Vgl. Kap. 3.7 Earendil – Der Seefahrer. 2. Tolkien und sein Werk 64 Blessed are the legend-makers with their rhyme Gesegnet die Legendendichter mit ihren Reimen of things not found within recorded time. über Dinge, die man in schriftlicher Zeit nicht findet. It is not they that have forgot the Night, Sie haben die Nacht nicht vergessen, or bid us flee to organized delight, sie bieten nicht an sich zu verlieren in organisierter Lust, in lotus-isles of economic bliss auf Lotus-Inseln ökonomischer Seligkeit forswearing souls to gain a Circe-kiss abschwörende Seelen zur Erlangung eines Circe-Kusses (and counterfeit at that, machine-produced, (dadurch täuschen, maschinenproduziert, bogus seduction of the twice seduced). durch betrügerische Versuchung aufs doppelte verführt). Such isles they saw afar, and ones more fair, Solche Inseln sahen sie in der Ferne, und noch schönere, and those that hear them yet may yet beware. wer auf sie hört möge auf der Hut sein. They have seen Death and ultimate defeat, Sie haben Tod und endgültiges Verderben gesehen, and yet they would not in despair retreat, und doch verlieren sie sich nicht in Verzweiflung, but oft to victory have turned the lyre denn oft wurde zum Sieg die Laute gespielt and kindled hearts with legendary fire, und Herzen entflammt mit legendärem Feuer, illuminating Now and dark Hath-been das Hier und Jetzt erleuchtet und Dunkelheit vertrieben with light of suns as yet by no man seen.170 mit Licht von Sonnen, wie noch von niemandem gesehen. Die neunte Strophe ist als Seligpreisung der Dichter angelegt, die durch ihr Wirken besonderes Wissen festhalten. Dieses Wissen lässt sich in schriftlicher Zeit nicht mehr finden. Das damit nur die modernen Zeiten (Abfassung des Gedichts 1931) gemeint sein können, lässt sich besonders gut im Rückblick auf die zweite Strophe belegen. Dort wird darauf hingewiesen, dass durch vielerlei Gekritzel die eigentliche Wahrheit überdeckt wird. Dieses Gekritzel stellt die materialistische Weltsicht mit ihrem Glauben an die Naturwissenschaft dar, deren Methoden in einer Art Monopolstellung über alle anderen Formen der Erkenntnis gesetzt werden und damit für sich alleine Wahrheit beansprucht. Ein zweiter Hinweis zur Erklärung der nichtschriftlichen Zeiten findet sich in den beiden folgenden Bildern. In ihnen werden Gefahren beschrieben, die anhand zweier Szenen aus der griechischen Mythologie poetisch erläutert werden. Beide sind Homers Odyssee entnommen, deren Verschriftlichung eine lange bestehende mündliche Tradition vorausgeht.171 170 MYTH, IX 91–106. In der mir vorliegenden Ausgabe von Tree and Leaf (2001) ist diese Strophe in zwei Teile geteilt. Mit „Such isles […]“ beginnt eine neue Strophe. Ich folge in meiner Zählung Weinreich, der die beiden Teile zu einer einzigen Strophe zusammenfügt, was inhaltlich passend scheint. 171 Es kann angenommen werden, dass der Philologe Tolkien über die sogenannte „Homerische Frage“ Bescheid wusste, die sich mit der Entstehungsgeschichte der Ilias und der Odyssee auseinandersetzte. Es war ihm sicher auch bewusst, dass sich Homers Werke aufgrund ihres Aufbaues besonders gut für eine mündliche Weitergabe eigneten. 2.2 DER HERR DER RINGE– Ein von Grund auf religiöses Werk 65 Ein Zusammenhang zur vorangegangenen Strophe besteht durch das dominierende Bild der Seefahrt. Auch in dieser Strophe ist von einer Art Irrfahrt die Rede, nämlich jener des Odysseus. So erzählt das erste dieser Bilder von zwei Männern des Odysseus, die dem glückselig machenden Lotus auf der Insel der Lothophagen erliegen. Nur mit Gewalt können sie zurück auf das Schiff gebracht werden. Das zweite Bild ist angelehnt an das Abenteuer auf der Insel der Zauberin Circe, auf der die Rückkehr nach Ithaka beinahe gescheitert wäre.172 Beides sind Geschichten von Versuchungen, die auf die Menschen warten und eine Ankunft am angepeilten Ziel verhindern. Diese Versuchungen sind, mit Blick auf die vorangegangenen Strophen, nur als Versuchen des Bösen zu verstehen. Die Dichter wissen um diese Gefahr und es ist nicht nur ihre Aufgabe, dieses Wissen zu hüten, sondern sie sollen durch ihr Wirken die Menschen warnen. Die letzten Verse der neunten Strophe beschreiben diesen Vorgang in ausdruckstarken Bildern. I would that I might with the minstrels sing Ich wünschte, ich könnte mit den Barden singen and stir the unseen with a throbbing string. und Ungesehenes mit schlagender Saite bewegen. I would be with the mariners of the deep Ich wünschte, ich wäre mit den Seefahrern der Tiefe, that cut their slender planks on mountains steep die auf Steilhängen ihre schmalen Planken schneiden, and voyage upon a vague and wandering quest, zu reisen auf einer unsicheren und unbestimmten Irrfahrt, for some have passed beyond the fabled West. manche von ihnen reisten noch weit hinter den sagenhafen Westen. I would with the beleaguered fools be told, Ich wünschte, man zählte mich zu den umlagerten Narren, that keep an inner fastness where their gold, die ihre innere Echtheit bewahren, wohin sie ihr Gold, impure and scanty, yet they loyally bring schmutzig und kärglich, doch treu bringen, to mint in image blurred of distant king, ein schemenhaftes Bild eines fernen Königs zeichnend, or in fantastic banners weave the sheen oder mit wundervollen Bannern die Vorstellung zu weben heraldic emblems of a lord unseen.173 von den heraldischen Emblemen eines ungesehenen Lords. Der Mythenliebhaber wünscht sich in der zehnten Strophe einer von jenen Dichtern zu sein, die zuvor gepriesen worden sind. Dabei wird wieder an das bereits bekannte Bild der Seefahrt angeknüpft. Der Sprechende will jedoch nicht nur davon berichten, sondern wünscht sich selbst, Teil der erzählten Geschichte zu werden und auf Abenteuerfahrt zu gehen. Die Kunst der Zweitschöpfung erreicht genau in diesem Punkt ihre Vollendung, wenn sie es schafft, solches Begehren zu erwecken. In diesem Zusammenhang könnte man von gelungener „Identi- 172 Vgl. Hom. Od. IX 82ff. u. ebd. X 210ff. 173 MYTH, X 107–118. 2. Tolkien und sein Werk 66 fikation“ bzw. gelungenem „sich Hineinversetzen“ sprechen, was der „willentlichen Aussetzung des Unglaubens“ folgt. Das Bild von der Seefahrt und dem sagenhaften Westen ist ein deutlicher Anklang an keltische bzw. irische Jenseitsvorstellungen und die darauf basierenden Motive nordeuropäischere Literatur. Dort finden sich häufiger Bilder von sagenhaften Inseln, auf denen die Bewohner im Jenseits glücklich leben. Der Zutritt ist gewöhnlichen Sterblichen zumeist vermehrt, nur in Ausnahmefällen schaffen es einzelne Reisende dorthin.174 Aus Tolkiens Legendarium ist die Adaption dieser Vorstellung bekannt: Die Insel Aman, auch Unsterbliche Lande oder Segensreich175 genannt, ist eine Art paradiesischer Ort im Westen. Die Reise dorthin ist Teil der Erzählung von Earendils sagenhafter Seefahrt, zugleich bildet der Aufbruch zu diesen im Westen gelegenen Land einen der Schlusspunkte in Der Herr der Ringe Trilogie. Im zweiten Teil der zehnten Strophe wird wieder von den Dichtern berichtet. Diese werden identifiziert mit umlagerten Narren. In diesem Bild spiegelt sich sicher Tolkiens eigene Erfahrung, dessen literarisches Wirken nicht nur Anhänger fand, sondern von vielen Seiten kritisiert und als Spinnerei oder Narretei abgetan wurde. Zugleich kann darin wieder ein Hinweis auf den akademischen Diskurs herausgelesen werden, in welchem der Mythos teils als eine Art primitiven Gegenstücks zur Wissenschaft abgekanzelt wurde. Die Beschreibung erweckt außerdem Assoziationen zu Vorstellungen über Barden des Mittelalters. Dieses mittelalterliche Bild findet seine Fortsetzung in der Erwähnung von Bannern und Emblemen. Tolkiens eigene Begeisterung für heraldische Motive schwingt an dieser Stelle mit, immerhin sind solche mehrfach in seinen Werken beschrieben, einige hat er sogar selber gezeichnet.176 I will not walk with your progressive apes, Ich werde nicht mit deinen fortschrittlichen Affen gehen, erect and sapient. Before them gapes aufrecht und klug. Vor ihnen klafft the dark abyss to which their progress tends – der dunkle Abgrund, in dem ihr Fortschritt endet – if by God's mercy progress ever ends, wenn bei Gottes Gnade Fortschritt jemals endet, and does not ceaselessly revolve the same und sich nicht unablässig dreht im gleichen unfruitful course with changing of a name. ergebnislosen Kurs, nichts weiter als den Namen ändernd. I will not treat your dusty path and flat, Ich werde deinen staubigen Pfad und Ebene nicht betreten, 174 Vgl. Simek, Mittelerde, 44ff. Vgl. Shippey, Autor des Jahrhunderts, 339. 175 Vgl. Foster, Aman, in: Mittelerde Lexikon, 38f. 176 Einen Einblick in dieses künstlerische Schaffen liefert das Kap. „Muster, Motive und Wahrzeichen“ bei Hammond/Scull, Künstler, 186–199. 2.2 DER HERR DER RINGE– Ein von Grund auf religiöses Werk 67 denoting this and that by this and that, dieses und jenes benennen durch dieses und jenes, your world immutable wherein no part deine Welt ist unveränderlich und hat keinen Platz für the little maker has with maker's art. den kleinen Schöpfer in seiner schöpferischen Art. I bow not yet before the Iron Crown, Ich beuge mich noch nicht nicht der Eisernen Krone, nor cast my own small golden scepter down.177 noch werfe ich mein eigenes kleines goldenes Zepter weg. In der vorletzten Strophe finden wir erneut einen Seitenhieb auf die Evolutionstheorie Darwins, der er diesmal völlig klar entgegentritt. Der Glaube an die Abstammung des Menschen vom Affen steht erneut stellvertretend für den blinden Glauben an die Naturwissenschaft, die mit ihrem Gekritzel alles andere überdeckt. Gerade die Erwähnung der Evolutionstheorie ist ganz bewusst gewählt. Die Kirche und viele Gläubige sahen darin einen direkten Angriff auf Überzeugungen der christlichen Religion. Die Theorien Darwins werden damit den geoffenbarten christlichen Glaubenswahrheiten als nicht vereinbar gegenübergestellt. Somit prallen zwei unterschiedliche Weltbilder aufeinander, das der Religion auf der einen Seite und das der Naturwissenschaft auf der anderen Seite. Der Mythenliebhaber stellt seinem Gesprächspartner den Abgrund vor Augen, in dem ein Festhalten an einer entzauberten Welt mit ihrer materialistischen Weltanschauung unweigerlich enden muss. Generell ist Tolkien für seine kritische Haltung gegenüber dem (technischen) Fortschritt bekannt, die an dieser Stelle ein Stück weit durchscheint.178 In den Versen spiegelt sich aber zugleich die Hoffnung auf ein göttliches Eingreifen wider, welches am Ende der Zeit allen Fortschritt enden lässt. Für den gläubigen Christen Tolkien besteht kein Zweifel daran, dass es am Ende eines solchen überirdischen Eingreifens bedarf, was sich auch in seinem Legendarium widerspiegelt. Die restliche Strophe ist geprägt von der ablehnenden Haltung des Sprechenden gegenüber der Sicht des Mythengegners. Diese wird noch einmal aufgegriffen, indem der Vorgang der Erkenntnis kritisiert wird: Dinge oder Sachverhalte werden mithilfe anderer Dinge oder Sachverhalte benannt. Der Mythenliebhaber verweist damit auf Induktion und Deduktion als wichtige Erkenntnismethoden empirischer Wissenschaft. Dadurch ist es möglich, wie in der ersten Strophe beschrieben, 177 MYTH, XI 119–130. 178 Vgl. Weinreich, Zweitschöpfung, 45. 2. Tolkien und sein Werk 68 einen Stern als Stern zu benennen und ihn als ballförmige Materie näher zu kategorisieren.179 Solche Vorgehensweise ablehnend, gipfelt die elfte Strophe in den letzten beiden Versen in einer Art Bekenntnis, in dem die „Eiserne Krone“, markant hervorgehoben durch die Großschreibung, dem klein geschriebenenen goldenen Zepter gegenübergestellt wird. Diese Schreibweise könnte als Hinweis auf regierende Machtverhältnisse gedeutet werden: Die Naturwissenschaft hat die Deutungshoheit über die Welt gewonnen. Dass eine Krone aus Eisen nichts Gutes verheißt, lässt sich aus Tolkiens Silmarillion ablesen, wo sie als Kopfschmuck des Bösen dient: Melkor/Morgoth trägt eine solche Krone, er ist der Ursprung des Bösen in Tolkiens Legendarium. Sie findet sich ebenso in Der Herr der Ringe am Haupt des Fürsten der Nazgûl.180 Mit dem im Vers zuvor genannten kleinen Schöpfer ist der Mensch in seiner Funktion als Zweitschöpfer gemeint. Für ein goldene Zepter findet sich im Legendarium keine Entsprechung. In Paradise perchance the eye may stray Im Paradies mag das Auge vielleicht umherirren from gazing upon everlasting Day starrend auf den unvergänglichen Tag, to see the day-illumined, and renew um den Tag erhellt zu sehen, und erneuert from mirrored truth the likeness of the True. von gespiegelter Wahrheit zum Abbild der Wahrheit. Then looking on the Blessed Land 'twill see Auf das gesegnete Land blickend erkennt es, that all is as it is, and yet made free: dass alles ist wie es ist, und doch befreit. Salvation changes not, nor yet destroys, Erlösung verändert nicht, noch zerstört sie, garden nor gardener, children nor their toys. weder Garten noch Gärtner, weder Kinder noch ihr Spielzeug. Evil it will not see, for evil lies Böses wird es nicht sehen, für böse Lügen not in God's picture but in crooked eyes, ist kein Platz in Gottes Abbild, nur in unehrlichen Augen, not in the source but in malicious choice, nicht im Ursprung, nur in verderblicher Wahl and not in sound but in the tuneless voice. und nicht in Geräuschen, nur in tonloser Stimme. In Paradise they look no more awry; Im Paradies werden sie nicht mehr falsch sehen; and though they make anew, they make no lie. und obwohl sie neuerlich schaffen, keine Lüge entsteht. Be sure they still will make, not being dead, Sei dir sicher sie schaffen weiter, sie sind nicht tot, and poets shall have flames upon their head, und Dichter werden Flammen auf ihren Köpfen haben, and harps whereon their faultless fingers fall: und Harfen, worauf sie mit fehlerlosen Fingern spielen: there each shall choose for ever from the All.181 dort wird jeder wählen für immer aus dem All. Die zwölfte und zugleich letzte Strophe bietet einen Ausblick auf den künftigen Paradieszustand. Zu diesem wird der Mensch, nach christlicher Hoffnung, wieder zurückkehren. Dieser Zustand ermöglicht eine 179 Vgl. Weinreich, Zweitschöpfung, 45. 180 Vgl. Foster, Eisenkrone, in: Mittelerde Lexikon, 199. Vgl. HdR III, 134. 181 MYTH, XII 131–148. 2.2 DER HERR DER RINGE– Ein von Grund auf religiöses Werk 69 neue vollkommene Art der Anschauung, die gespiegelte Wahrheit hinter sich zurücklassend. Im Lichte antiker Philosophie gelesen, könnte der Text an das platonische Höhlengleichnis angeschlossen werden. In einem Dialog aus Platons Politeia trägt Sokrates dieses vor.182 Es wird erzählt, dass einige Menschen in einer Höhle gefesselt sitzen und dabei auf eine Wand blicken. Sie sehen Schatten an dieser Wand vorüberziehen, die für sie ihre ganze bekannte Wirklichkeit bilden. Die Schatten stammen von Gegenständen, die von anderen Menschen vorbeigetragen werden. Ein Ausgang ist den Gefesselten nicht bekannt. Könnte sich einer von ihnen befreien und es schaffen, die Höhle zu verlassen, würde er jedoch die ganze Wahrheit erkennen. Was der Mensch in seinem jetzigen Zustand sieht, sind nur Abbilder der Wahrheit. Sind es in Platons Höhlengleichnis die Philosophen, die sich von ihren Fesseln befreien und die Wahrheit erkennen, so sind es bei Tolkien die Dichter. In einen christlichen Deutungshorizont gesetzt und in Zusammenschau mit der fünften Strophe gelesen, wird die nur allzu materialistische und damit defizitäre Anschauung der gefallenen Welt im Paradies endgültig überwunden. Die Dichter, die zuvor seliggepriesen wurden, hören auch im Paradies nicht auf zu erzählen. Ähnlich den lobpreisenden Engelscharen der christlichen Vorstellungswelt werden im Gedicht auch die Dichter mit Harfen ausgestattet. Ihre Werke sind jedoch nun vollkommen von jeder Lüge (oder milder: Unschärfe) befreit. Die Wahrheit liegt nun, im Sinne Tolkiens gesprochen, nicht mehr nur auf einer sekundären Ebene. Die Dilemma-Situation mit ihrem „Ja, aber…“ aus Strophe VI ist damit endgültig aufgelöst. Auf den Köpfen der Dichter sind Flammen, ein aus der christlichen Ikonographie bekanntes Bild. Die Flammen stehen für die Erleuchtung durch den Heiligen Geist, wovon das Pfingstereignis berich- 182 Vgl. Plat. Pol. VII 514a ff. Weinreich geht in seiner Interpretation noch ein Stück weiter und erkennt in der letzten Strophe Anklänge an das plantonische Sonnenund Liniengleichnis. Vgl. Weinreich, Zweitschöpfung, 46f. Er sieht im ganzen Gedicht die Philosophie Platons sehr dominant vertreten und stellt resümierend fest: „Die in Mythopoeia steckenden Ansichten und ihre Verbildlichung sind purer Platonismus! Das ganze Gedicht ist eine Art poetische Kürzestfassung der Erkenntnistheorie von Phaidon und Politeia. Mythopoeia ist sozusagen das Höhlengleichnis des romantischen Dichters.“ Ebd., 48. 2. Tolkien und sein Werk 70 tet (Apg 2,1–13). Die Erwähnung des Weltalls zum Ende des Gedichts bleibt in seiner Bedeutung verborgen, vielleicht schließt der Autor damit nur die Klammer zu seinen ersten Versen, dort ist die Rede von den Kugeln des Universums. In Mythopoeia wird auf poetische Weise dargelegt, was Tolkien später in seiner Vorlesung an der Universität von St. Andrews und dem daraus entstehenden Essay Über Märchen für ein fachwissenschaftliches Publikum ausführen wird. Mit der Kenntnis dieses Textes ist das Gedicht in vielen Bereichen zugänglich, manche Teile allerdings sind derartig verschlüsselt, dass sie Anlass zu Spekulationen in verschiedene Richtungen geben können. Sicher ist, dass Tolkien sich selbst als der sprechende Mythenliebhaber versteht, der mit dem Mythengegner einem fiktiven Gesprächspartner gegenübertritt. Hinter diesem verbirgt sich, wie einleitend erwähnt, aller Wahrscheinlichkeit nach Lewis. Dabei geht es dem Sprechenden darum, sein Gegenüber vom Wahrheitsgehalt des Mythos zu überzeugen. Diese Wahrheit liegt auf einer zweiten Existenzebene, auf die Mythen nicht nur verweisen, sondern von der sie auch Wahrheit erhalten. Eine rein materialistische Weltsicht dagegen muss dieser Ansicht nach defizitär bleiben. Darin scheint die wesentlichste Grundaussage von Mythopoeia zu liegen: „Mit der materiellen Weltsicht stimmt offensichtlich etwas nicht.“183 Für den gläubigen Autor deuten Mythen auf den christlichen Schöpfergott hin. Zugleich kann das Gedicht auch als eine Art Glaubensbekenntnis des Autors gelesen werden, der sich für ein christliches Weltbild stark macht in einer Zeit, in der Mythen häufig als irrationales Gegenstück zur Wissenschaft verstanden werden und die Schöpfungslehre gegenüber den Naturwissenschaften ins Hintertreffen gerät. In einem seiner Briefe beklagt er sich darüber, dass die Schöpfungserzählung selbst von vielen Christen mittlerweile nicht mehr geglaubt wird: Nun zu Eden. Ich glaube, die meisten Christen, bis auf die s. einfachen und ungebildeten oder die auf andere Weise geschützten, sind nun seit mehreren Generationen von den angeblichen Wissenschaftlern ganz schön herumgeschubst worden, und sie haben die Schöpfungsgeschichte irgendwie in die geistige Rumpelkammer gesteckt, wie ein nicht mehr 183 Weinreich, Zweitschöpfung, 47. 2.2 DER HERR DER RINGE– Ein von Grund auf religiöses Werk 71 ganz schickes Möbel, für das man sich ein bißchen schämt, daß es immer noch im Haus ist […].184 Es darf dabei jedoch nicht fälschlicherweise angenommen werden, dass Tolkien ein Anhänger des Kreationismus war. Ganz im Gegenteil, der Schöpfungsbericht der Genesis unterliegt für ihn einer anderen Art der Historizität wie die Erzählungen des Neuen Testaments.185 Es ist somit auch in der Genesis eine Wahrheit verborgen, die auf einer dahinterliegenden Ebene liegt. In seiner Argumentation holt der Mythenliebhaber noch ein Stück weiter aus. Er tritt jenen entgegen, die diese Art der Literatur als eskapistisch belächeln und abwerten. Vielmehr, so lässt sich interpretieren, sind Mythen ein wichtiger Teil menschlicher Lebensgestaltung und -bewältigung. Sie ermöglichen einen Blick auf die Dinge, die eine rein materialistische und naturwissenschaftliche Anschauung nicht ermöglicht. Geschickt verwebt der Autor in seinem Gedicht antike Philosophie und Mythologie mit christlichen Elementen zu einem apologetischen Text. Damit kann belegt werden, dass Tolkien sich schon sehr früh als Zweitschöpfer sieht, der sein literarisches Wirken als religiösen Vollzug versteht. BLATT VON TÜFTLER– Zur Geschichte gewordene Theorie Tolkiens Überzeugung vom Wahrheitsgehalt des Mythos und dem Recht des Menschen, zweitschöpferisch tätig zu sein, findet ihren Wiederhall in seiner Geschichte Blatt von Tüftler, die zugleich mit Über Märchen als ein Plädoyer für die Macht der Phantasie gelesen werden kann. Die Geschichte ist außerhalb des Mittelerde-Universums angesiedelt, in sich abgeschlossen und eigenständig und nicht Teil des Legendariums. Inhaltlich knüpft die Geschichte, wie bereits das Gedicht Mythopoeia, eng an Über Märchen an. Folgerichtig sind beide Teile, Essay und Geschichte, gemeinsam in Baum und Blatt abgedruckt worden. 2.2.5 184 Carpenter, Briefe, Nr. 96. 185 Vgl. Carpenter, Briefe, Nr. 96. 2. Tolkien und sein Werk 72 Dieses enge Verhältnis betont Tolkien in seinem Vorwort: „[…] beide berühren sie auf je verschiedene Weise dasjenige, was in dem Essay »Zweitschöpfung« genannt wird.“186 Blatt von Tüftler illustriert somit Tolkiens Mythen-Theorie, allerdings sollte man sie nicht einzig darauf reduzieren.187 Kurz zusammengefasst geht es in der Geschichte um einen Künstler namens Tüftler, der damit beginnt, einen großen Baum zu malen. Doch im Zuge dieser Tätigkeit eröffnen sich ihm immer weitere Perspektiven, so dass sein Gemälde immer größer und größer wird. Es ergeben sich Landschaften um den Baum herum, eine Leinwand nach der anderen wird zusätzlich angebracht. Der Baum selbst wird allerdings nicht fertig. Eines Tages muss Tüftler unfreiwillig eine große Reise antreten, von der er wusste, dass er sie nicht hinauszögern kann. Als man Tüftler abholt, ist er dennoch überrascht. Besonders traurig macht ihn, dass sein Bild nicht fertiggeworden ist. Die Reise führt ihn zunächst mit dem Zug in einen dunklen Tunnel, bald darauf landet er in einer Art Krankenanstalt, welche eher an ein hartes Arbeitslager erinnert. Als Tüftler von dort entlassen wird, setzt er seine Reise fort und kommt in eine ihm gut bekannte Gegend. Es stellt sich heraus, dass es sich genau um die von ihm auf Leinwand festgehaltene Landschaft handelt. Dort findet er dann auch genau jenen Baum, den er begonnen hat zu malen. Es gibt unterschiedliche Deutungen der Geschichte188, in einem Punkt sind sich allerdings alle Interpreten einig: Es fällt nicht weiter schwer, in der kurzen Geschichte starke autobiographische Züge zu erkennen. Man kann Tom Shippey nur zustimmen, der eine „persönliche Apologie und Selbstkritik“189 wahrnimmt. Deutlich spiegelt sich Tolkiens eigenes Leben, der analog zu seiner Figur Tüftler stets an seiner (Zweit-)Schöpfung und ihren vielen Verästelungen gearbeitet – um 186 BuB, 9. 187 Vgl. Petzold, Tolkien, 58. 188 Einem Überblick über diese widmet sich der Artikel von Krüger, Leaf by Niggle, 147–165. 189 Shippey, Autor des Jahrhunderts, 322. Für eine ausführliche Deutung der Geschichte als autobiographische Allegorie vgl. ebd., 321–332. Vgl. Garth, Tolkien und der Erste Weltkrieg, 293. 2.2 DER HERR DER RINGE– Ein von Grund auf religiöses Werk 73 nicht zu sagen „getüftelt“ – hat, ohne sein eigentliches Hauptwerk zu vervollständigen. Unzweifelhaft steht die Reise für den Tod und die Landschaft am Ende für das Jenseits. Dort findet Tüftler seinen Baum, den er zu Lebzeiten unvollständig zurücklassen musste. Allerdings steht dieser nun in perfekter und vollkommender Form vor ihm: Vor ihm stand der Baum, sein Baum, fertig. Wenn man das von einem lebenden Baum sagen kann, dessen Blätter sich entrollen, dessen Äste wachsen und sich im Wind biegen, was Tüftler so oft gespürt oder geahnt und so oft nicht hatte einfangen können. Er starrte auf den Baum, hob langsam die Arme und breitete sie weit aus. »Es ist eine Gabe!« sagte er. Damit meinte er seine Kunst und auch das Ergebnis; aber er gebrauchte das Wort ganz buchstäblich.190 Von wem diese Gabe kommt, bleibt offen. Liest man die Geschichte in Verbindung mit Über Märchen, so wird deutlich, dass Tolkien den Ursprung bzw. den Grund für diese Gabe in der Abstammung des Menschen vom Schöpfergott sieht. Gott kommt allerdings in der Erzählung nicht explizit vor. Wie Tüftlers Landschaftsgemälde sich als wahr erweist, so meint Tolkien auch in Mythen einen Wahrheitsgehalt zu erkennen und nicht nur, wie der aus Mythopoeia bekannte Mythengegner behauptet, durch Silber gehauchte Lügen. Der Schlusssatz aus Über Märchen könnte genauso gut auch an das Ende von Blatt von Tüftler gesetzt werden: Alle Geschichten sollen wahr werden, und doch werden sie am Ende, nach ihrer Einlösung, den Formen, die sie von uns erhalten hatten, so ähnlich oder unähnlich sein wie der endlich erlöste Mensch dem gefallenen, den wir kennen.191 Für die christliche Rezeptionsgeschichte ist erwähnenswert, dass Blatt von Tüftler von seinen unterschiedlichen Interpreten als „christlich“ bezeichnet wird, ohne dass diese näher darauf eingehen würden.192 Ausgangspunkt für eine solche Betrachtungsweise liefert der Umstand, dass die Geschichte erstmals Anfang 1945 in der Zeitschrift 190 BuB, 98. 191 BuB, 71. 192 Vgl. Krüger, Leaf by Niggle, 150f. 2. Tolkien und sein Werk 74 Dublin Review erschienen ist, nachdem der Herausgeber Tolkien um eine Geschichte bat, die „ein wirksamer Ausdruck katholischer Menschlichkeit“193 sein sollte. Allerdings muss einschränkend bemerkt werden, dass Tolkien die Geschichte nicht eigens für diese Anfrage geschrieben hat. Blatt von Tüftler entstand schon weit früher, laut Vorwort in den Jahren 1938/39.194 Dennoch muss es Tolkien zu dem genannten Thema passend erschienen sein. Als Argument für eine christliche bzw. katholische Deutung wird vor allem der Handlungsstrang ins Feld geführt, dieser „entspricht […] in der Abfolge aus Alltag, unfreiwilliger Abreise, Läuterung und Idylle auffällig den christlichen Jenseitsvorstellungen – oder spezifischer: deren katholischer Variante, denn nur der Katholizismus kennt ein Fegefeuer.“195 Dieses wird, folgt man der Deutung, durch die Krankenanstalt symbolisiert. Dort erwarten Tüftler Gefängnis, Einsamkeit und harte Arbeit. Die Behandlung gefiel ihm überhaupt nicht. Die Medizin, die sie ihm gaben, war bitter. Die Beamten und Krankenwärter waren unfreundlich, schweigsam und streng; und niemals sah er irgend jemanden außer einem sehr grimmigen Arzt, der gelegentlich Visite machte. Eigentlich war es eher, als ob er im Gefängnis und nicht im Krankenhaus wäre. Zu bestimmten Stunden mußte er schwer arbeiten: graben, schreinern und kahle Bretter alle in einer Farbe anstreichen. Niemals durfte er nach drau- ßen, und die Fenster waren alle von innen verriegelt. Stundenlang hintereinander ließen sie ihn im Dunkeln, »um ein bißchen nachzudenken«, sagten sie.196 Auf den ersten Blick ist eine Interpretation nach katholischem Topos nicht unbedingt naheliegend. Folgende Punkte sprechen allerdings dafür: 193 Shippey, Autor des Jahrhunderts, 321. Vgl. Carpenter, Briefe, Nr. 84 u. 98. 194 Vgl. BuB, 9. Wobei diese Zeitangabe bei Tolkien selbst variiert; vgl. Carpenter, Briefe, Nr. 98. Die Geschichte wird irgendwann zwischen 1938 und 1943 entstanden sein; vgl. Krüger, Leaf by Niggle, 158. 195 Geier, Leaf by Tolkien, 129. Vgl. Shippey, Autor des Jahrhunderts, 330. Vgl. Petzold, Tolkien, 58f. 196 BuB, 92f. 2.2 DER HERR DER RINGE– Ein von Grund auf religiöses Werk 75 – Das stärkste Argument liefert der Autor selbst. In einem Brief bezeichnet Tolkien Blatt von Tüftler als „»Purgatoriums«-Geschichte“197, ohne jedoch weiter darauf einzugehen. – Konstitutiv für die katholische Lehre vom Fegefeuer ist die Vorstellung, dass der Mensch auch nach seinem Tod noch Verantwortung für seine zu Lebzeiten begangenen (Un-)Taten trägt und die individuell angehäufte Schuld in Form einer Sühneleistung aufzuarbeiten hat. Es handelt sich demnach um einen postmortalen Zustand der Reinigung.198 Tüftler durchlebt einen solchen Prozess in der Krankenanstalt, indem er sich viele Gedanken zu seiner Vergangenheit macht. Die verschiedenen ihm auferlegten Arbeiten könnten als eine Art der Sühneleistung verstanden werden. – Aus dem Fegefeuer soll die Seele geläutert hervorgehen. Bereits die in der Geschichte verwendeten Begriffe Krankenhaus, Ambulanz, Krankenstation, Medizin, Krankenwärter und Arzt weisen darauf hin, dass es eigentlich um einen Heilungs- bzw. Besserungsprozess geht. Ein solcher findet auch tatsächlich statt, da Tüftler mit seiner Vergangenheit abschließen kann, was in der Geschichte vor allem durch den streng durch Arbeits- und Ruhezeiten strukturierten Alltag bewirkt wird. Tüftler wird ruhiger, als er es noch zu Lebzeiten war. Das Gefühl von Hetze kennt er nicht mehr. – Dieser Heilungsprozess ist nach katholischer Lehre kein besonders angenehmes Unterfangen, vielmehr eine Art schmerzhafter Prozess. Tüftlers von allerlei Mühsal geprägter Aufenthalt entspricht einer solchen Vorstellung. – Gilt das Fegefeuer nur als Zwischenzustand bzw. Durchgangsstadium hin zur Anschauung Gottes, im allgemeinen Sprachgebrauch üblicherweise als Himmel bezeichnet, so ist Tüftlers Aufenthalt in ähnlicher Weise begrenzt und nur eine Zwischenstation auf seiner Reise in eine idyllische Landschaft. – Erbrachte Werke der Nächstenliebe sollen die die Dauer des Aufenthalts im Fegefeuer verkürzen. Eine derartige Anrechnung guter Taten findet sich auch in Tolkiens Geschichte. In Tüftlers Kranken- 197 Carpenter, Briefe, Nr. 153. Vgl. Geier, Leaf by Tolkien, 129. 2. Tolkien und sein Werk 76 akte ist positiv vermerkt, dass er vor Antritt der Reise einer ganzen Menge von Bitten entsprochen hat, ohne dafür eine Gegenleistung oder auch nur Dankbarkeit zu verlangen. Diese Eintragungen werden bei einer Beurteilung des Patienten zu seinen Gunsten hervorgehoben, was dann in weiterer Folge zu seiner Entlassung führt. – Nach katholischer Lehre ist die private Fürbitte für einen Verstorbenen eine hilfreiche Unterstützung in dessen Läuterungsprozess. Tüftler legt gegen Ende seines Aufenthalts ein gutes Wort für seinen ehemaligen Nachbarn ein. Die Bitte bewirkt, dass dieser dann tatsächlich früher entlassen wird. Die Fegefeuer-Deutung ist demnach gut belegbar, weitere christliche Anklänge scheinen dann allerdings höchstens in Form von Spurenelementen vorhanden. So scheint etwa der Versuch, die beiden in der Heilanstalt auftauchenden Stimmen als Gottvater und Jesus zu deuten, schon recht unscharf.199 Möglicherweise könnte man in der zum Ende der Geschichte auftauchenden Figur des Mannes, „der wie ein Schäfer aussah“200, einen Anklang an ein bekanntes christliches bzw. biblisches Gottesbild erkennen: Man denke etwa an den Hirtenpsalm (Ps 23) oder an die Selbstbezeichnung Jesu als „guter Hirt“ (Joh 10,11). In der christlichen Ikonographie findet sich die Darstellung Jesu als Hirt jedenfalls häufig. Gerade Ende des 19. und frühen 20. Jahrhunderts – und damit zu Lebzeiten Tolkiens – waren solche Motive in der englischen Glasmalerei sehr beliebt.201 Neben der äußeren Erscheinungsform kann als weiteres Indiz für eine derartige Parallelisierung noch auf die Funktion des Schäfers hingewiesen werden. Dieser bietet sich Tüftler als Führer in die ihm unbekannten Gebiete außerhalb seines Landschaftsgemäldes an und damit als eine Art Begleiter in bzw. durch das Jenseits. Ähnlich kann das aus der spätantiken Ikonographie bekannte Hirtenmotiv gedeutet werden: 198 Vgl. hierfür, wie auch für die nachstehenden Punkte dieser Aufzählung: Müller, Fegefeuer. III. Historisch-theologisch, in: LThK 3, 1205–1207. Vgl. ders., Fegefeuer. IV. Systematisch-theologisch, in: ebd., 1207f. 199 Vgl. Geier, Leaf by Tolkien, 129. 200 BuB, 101. Vgl. Shippey, Autor des Jahrhunderts, 332. 201 Vgl. Nitz, Hirt. IV. Ikonographie, in: LThK 5, 158. 2.2 DER HERR DER RINGE– Ein von Grund auf religiöses Werk 77 Als Führer ins Paradies wurde das Hirtenbild aus der paganen in die christliche Vorstellungswelt übernommen und dort zum ältesten und häufigsten Motiv christlicher Katakomben-Grabkunst.202 Hinreichende Beweise für eine von Tolkien bewusst geschaffene Entsprechung zwischen dem Schäfer und dem bekannten christlichen Motiv können letztlich nicht eindeutig geliefert werden. Die Indizien sprechen allerdings eher dafür. Gerade mit Blick auf die Fegefeuer-Interpretation, die immerhin von Tolkien selbst angestoßen wurde, erscheint der Versuch verlockend, die auf die Läuterung folgende Anschauung Gottes mit der am Ende auftauchenden Schäfergestalt in Einklang zu bringen. Am Schluss der Geschichte wirkt Tüftler glücklich, wohl Ausdruck von Tolkiens christlicher Hoffnung auf ein gutes Weiterleben nach dem Tod. Allegorie versus Anwendbarkeit Immer wieder finden sich in Tolkiens Briefen Verknüpfungen zwischen den Begebenheiten in Mittelerde und den Ereignissen, die zur Zeit der Abfassung des Legendariums gerade in der Welt vor sich gingen. Tolkien erkennt aber auch, dass es deutliche Unterschiede gibt. Mehrmals wehrt er sich in Briefen und Gesprächen dagegen, dass sein Werk als Allegorie, egal welcher Art, ob „moralisch, politisch oder zeitgenössisch“203, verstanden wird. Eine fairy-story dürfe nicht als absichtliche Allegorie geschaffen und verstanden werden, da sie ansonsten einen zu starken Bezug zur real existenten Welt haben würde. Wohl auch deswegen steht Tolkien, wie bereits gezeigt, dem Interpretationszugang mittels der Biographie des Autors skeptisch gegenüber. Es gibt nach dem ersten Erscheinen von Der Herr der Ringe zahlreiche Anfragen, die sich diesem Thema widmen, woraufhin Tolkien in einem Vorwort zur überarbeiteten Ausgabe von Der Herr der Ringe von 1966 feststellt: 2.2.6 202 Vgl. Zelinka, Hirt. III. Theologie- u. frömmigkeitsgeschichtlich, in: LThK 5, 157f. 203 Carpenter, Briefe, Nr. 181. Vgl. ebd., Nr. 163, Nr. 165, Nr. 199 u. Nr. 215. Vgl. Carpenter, Biographie, 112. 2. Tolkien und sein Werk 78 Was die tiefe Bedeutung oder »Botschaft« des Buches angeht, so hat es nach Absicht des Autors keine. Es ist weder allegorisch, noch hat es irgendeinen aktuellen Bezug. […] Geschichte, ob wahr oder erfunden, mit ihrer vielfältigen Anwendbarkeit im Denken und Erleben des Lesers ist mir viel lieber. Ich glaube, dass »Anwendbarkeit« mit »Allegorie« oft verwechselt wird; doch liegt die eine im freien Ermessen des Lesers, während die andere von der Absicht des Autors beherrscht wird.204 In der Sekundärliteratur zu Tolkiens Werk werden diese einleitenden Worte unterschiedlich aufgenommen. Die Bandbreite reicht dabei von pauschaler Ablehnung als belanglos bis hin zu einer differenzierteren Betrachtung, die davon ausgeht, Tolkien wende sich vor allem gegen extreme Interpretationen und mahne damit zur Mäßigung im literarischen Untersuchungsprozess.205 Betonen zu wollen scheint Tolkien allerdings vor allem, dass sein Der Herr der Ringe (und in weiterer Folge das gesamte Legendarium) keine absichtlich geschaffene Allegorie ist. Eine solche Absichtslosigkeit schließt das Einfließen des Glaubenshorizontes und Lebenskontextes des Autors jedoch nicht aus, beides ist deutlich herauszulesen und nachweisbar. Die Antwort auf die Frage nach der Anwendbarkeit des Buches legt Tolkien in die Hand des Lesepublikums. Aber natürlich, wenn man sich vornimmt, »Erwachsene« (psychisch Erwachsene jedenfalls) anzusprechen, so wird man sie nicht erfreuen, erregen oder bewegen können, wenn es nicht bei dem Ganzen, oder den Vorfällen, um etwas zu gehen scheint, was bemerkenswert wäre, mehr z.B. als bloß Gefahr und Davonkommen: es muß eine gewisse Relevanz für die »menschliche Situation« (zu allen Zeiten) dasein. Darum wird unvermeidlich etwas von den Überlegungen und »Werten« des Erzählers selbst miteingearbeitet werden.206 Tolkien scheint es wichtig zu betonen, dass sein literarisches Werk zunächst der Unterhaltung dienen soll: „Jedenfalls hat der Herr der Ringe den meisten Leuten, denen er gefallen hat, in erster Linie als eine spannende Geschichte Eindruck gemacht; und so wurde er auch geschrieben.“207 Und an anderer Stelle schreibt er: „Gefallen ist das Schlüssel- 204 HdR I, 11f. Vgl. Carter, Tolkiens Universum, 125ff. 205 Vgl. Van de Bergh, Mittelerde, 23f. 206 Carpenter, Briefe, Nr. 181. 207 Carpenter, Briefe, Nr. 163. 2.2 DER HERR DER RINGE– Ein von Grund auf religiöses Werk 79 wort. Denn er wurde zur Belustigung (im höchsten Sinne) geschrieben: lesbar zu sein.“208 Das gelingt laut Tolkien jedoch nur dann, wenn das Gelesene in einer bestimmten Beziehung zur real existenten Welt steht. Genau diese Beziehung will er durch den Begriff der „Anwendbarkeit“ darstellen. Dabei mag unser deutsches Wort „Anwendbarkeit“, welches das engl. Original „applicability“ wiedergibt, ein gutes Stück weit irreführend sein. Es verleitet dazu zu glauben, dass Tolkien damit gemeint hätte, das Lesepublikum könne aus seinen Erzählungen Regeln für das alltägliche Leben destillieren.209 Diesen Eindruck wollte er mit Sicherheit vermeiden, was nicht heißt, dass sich aufgrund der Anwendbarkeit nicht dennoch ein gewisser „Mehrwert“ ergibt. Denn stünde das Gelesene in gar keiner Beziehung zur real existenten Welt und hätte damit keine „lebenspraktische“ Relevanz, dann kann das erwachsene Lesepublikum nicht erreicht werden. Er geht deswegen davon aus, dass es in jeder „erzählenswerten Geschichte“ eine „Moral“ gibt.210 Tolkiens Ausführungen wirken ein Stück weit widersprüchlich. Einerseits lehnt er Anfragen zu seiner Biographie ab, zugleich aber schreibt er aber in seinen Briefen immer wieder von Erlebnissen, die ihm als Inspiration für einzelne Passagen dienten. Ein ebenso ambivalentes Verhältnis könnte man ihm in Bezug auf sein Verhältnis zu Allegorien attestieren, die er, obwohl er selbst immer wieder Parallelen herstellt, vehement abzulehnen scheint.211 Der Schlüssel zur Auflösung dieser Gegensätze scheint in der Unterscheidung zwischen bewusster und unbewusster Allegorie zu liegen. In anderen Worten ausgedrückt: „Es entstehen sozusagen natürliche 208 Carpenter, Briefe, Nr. 181. 209 Zur Vermeidung dieses Missverständnisses behält Petzold bewusst das engl. Wort „applicability“ im deutschen Text bei, vgl. Petzold, Tolkien, 64, Anm. 13. Bei Shippey findet sich die gut passende Beschreibung von Anwendbarkeit als „Gültigkeit auch in bezug auf moderne Verhältnisse“. Shippey, Autor des Jahrhunderts, 219. 210 Vgl. Carpenter, Briefe, Nr. 109. 211 Ganz konsequent ist er in dieser ablehnenden Haltung nicht, wenn er etwa in einem Brief schreibt: „Die besondere Sehnsucht der Elben von Eregion – eine »Allegorie«, wenn Sie so wollen, für die Liebe zu Maschinen und technischen Verfahren – wird auch symbolisiert durch ihre enge Freundschaft mit den Zwergen von Moria.“ Carpenter. Briefe, Nr. 153. 2. Tolkien und sein Werk 80 Allegorien anstelle von künstlichen (intendierten).“212 Tolkien behauptet, keine bewussten Allegorien geschaffen zu haben, er ist sich aber sehr wohl bewusst, dass sowohl er als Autor als auch sein Lesepublikum im Nachhinein solche entdecken können. Dafür prägt er den Begriff der „Anwendbarkeit“.213 Schlussendlich darf nicht vergessen werden, dass Tolkien mit seiner ablehnenden Haltung gegenüber Allegorien und der damit einhergehenden Prägung des Begriffs der Anwendbarkeit in erster Linie erreichen wollte, dass der Blick auf ein vergnügliches Lesen nicht verstellt wird. Die Freude am Lesen bzw. am Gelesenen, weniger dessen Deutung, sollte im Vordergrund stehen. Zusammenfassung Man kann festhalten, dass Tolkien davon überzeugt gewesen ist, mit seiner literarischen Schöpfung auch eine Art religiöses Werk geschaffen zu haben, dessen Kern eine Frohe Botschaft enthält. Das lässt sich im Hinblick auf seine eigenen Wortmeldungen vor allem für Der Herr der Ringe gut belegen. Darüber hinaus wird der Akt des Schreibens selbst zu einer Art des religiösen Vollzugs, indem der Autor sich als Schöpfer sekundärer Wahrheit versteht. Diese Mythen-Theorie ist eng an seinen persönlichen Glauben an den biblischen Schöpfergott angebunden, dem der Mensch aufgrund seiner Gottebenbildlichkeit nacheifert. Die gerne bemühte „Moral von der Geschicht`“, wie man sie am Ende vieler Erzählungen findet, ist auch bei Tolkien vorhanden. Es muss sie geben, sonst wäre das Werk im Sinne des Autors nicht lesenswert. Das Buch ist jedoch nicht als Moralpredigt konzipiert worden, um damit das Publikum zu belehren. In einem Brief wehrt er sich dagegen und schreibt: „Aber ich kann nicht verstehen, warum ich als »Anhänger moralischer Belehrung« etikettiert werden sollte. […] Das 2.2.7 212 Geier, Leaf by Tolkien, 141. 213 Eine Betrachtung von Tolkiens Verhältnis zu Biographie und Allegorie in seinem Werk liefert der Artikel Geier, Leaf by Tolkien, 129–146. 2.2 DER HERR DER RINGE– Ein von Grund auf religiöses Werk 81 ist jedenfalls das genaue Gegenteil meines Verfahrens im Herrn der Ringe. Ich predige nicht und belehre nicht.“214 Diese „Absichtslosigkeit“ gilt ganz allgemein auch für eine Beschäftigung mit christlichen Elementen in Tolkiens Legendarium, wie sie in den nachfolgenden Ausführungen bearbeitet werden. Wenn also beispielsweise das Lesepublikum Marienanalogien bei Tolkien ausgemacht, dann sind diese – glaubt man dem Autor – nicht absichtlich als solche konzipiert worden. Das Legendarium, so muss deutlich festgestellt werden, verfolgt keine vom Autor intendierte religiöse Agenda. Andere mythologische (nichtchristliche) Beeinflussungen Neben einem deutlich feststellbaren christlichen Einfluss in Tolkiens Werk spielen noch andere nichtchristliche Elemente eine tragende Rolle, die vor allem aus der keltischen und aus der germanischen Mythologie stammen. Eine religionswissenschaftliche Spurensuche in Tolkiens Werk erschöpft sich nicht alleine in der Suche nach christlichen Elementen. Es würde den Umfang dieser Arbeit jedoch bei Weitem sprengen, würde man neben diesen, zusätzlich auch anderen dem Werk zugrundeliegenden Motiven nachgehen. An dieser Stelle können sie, wie auch in den nachfolgenden Ausführungen, nur kurz angedeutet werden.215 Den starken Einfluss altnordischer Texte auf Tolkiens Werk illustriert Rudolf Simek, Professor für Ältere Germanistik an der Universität Bonn, anhand eines Textausschnitts aus der Völsunga saga. Diese Saga aus dem 13. Jh. beruht auf den Heldenliedern der Lieder-Edda: Hjördis ging nun in der Nacht nach der Schlacht auf das Feld der Gefallenen und kam dorthin, wo König Sigmund lag, und fragte ihn, ob er zu heilen sei. Er aber antwortete: »Viele überleben, obwohl wenig Hoffnung besteht, aber mein Glück hat mich verlassen, so daß ich mich nicht heilen 2.3 214 Carpenter, Briefe, Nr. 329. 215 An dieser Stelle sei auf die Arbeiten zweier österreichischer Forscher, des Keltologen Birkhan und des Altnordisten Simek, verwiesen: Birkhan, Helmut: Kap. Die Keltenrezeption bei Tolkien und die modernen Elfen. Das Weltendrama Tolkiens, in: ders.: Nachantike Keltenrezeption. Projektionen keltischer Kultur, Wien: Praesens 2009, 529–540. Simek, Rudolf: Mittelerde. Tolkien und die germanische Mythologie, München: C.H. Beck 2005. 2. Tolkien und sein Werk 82 lassen will. Odin will nicht, daß ich das Schwert ziehe, nachdem es nun zerbrochen ist. Ich habe Schlachten geschlagen, solange es sein Wille war.« Sie sprach: »Es schiene mir sehr dringend, daß du geheilt wirst und meinen Vater rächst.« Der König sagte: »Das ist einem Anderen bestimmt. Du bist mit einem Knaben schwanger: zieh ihn gut und vorsichtig auf, und dieser Knabe wird der erste und vornehmste unseres Geschlechts sein. Paß auch gut auf die Teile des Schwerts auf: Daraus wird ein gutes Schwert gemacht werden, es soll Gram heißen, und unser Sohn wird es tragen und damit viele Großtaten vollbringen.«216 Er lässt sich feststellen, dass der im Text erwähnte König Sigmund Tolkiens König Théoden ähnelt, welcher in der Schlacht auf den Pelennor-Feldern stirbt, ehe seine Nichte Éowyn hinzukommt, deren Schwert im Kampf mit dem Fürsten der Nazgûl zerbricht.217 Die Erwähnung eines zerbrochenes Schwertes, welches einst für große Taten neu geschmiedet wird, erinnert dabei an Elendils zerbrochenes Schwert Narsil, das von den Elben für Aragorn neu geschmiedet wird. Dieser führt es dann unter dem Namen Andúril in die Schlacht.218 Tolkien kennt die Motive aus der germanischen Mythologie und Heldensage und wird davon beeinflusst.219 Dabei ist es weniger die Mythologie im Sinne von Götterdichtung oder Religion, die in sein Werk einfließt, als vielmehr Gestalten und Wesenheiten aus dem Volksglauben. Tolkien entlehnt Elemente aus diesen Geschichten und gestaltet sie neu.220 Dabei bleibt festzuhalten, dass sich die einzelnen Motive nicht mit chirurgischer Präzession trennen lassen. So lässt sich beispielsweise für die Gestalt Gandalfs sagen, dass sich Tolkien sowohl von Vorstellungen der nordischen Gottheit Odin hat beeinflussen lassen als auch zugleich eine Erlösergestalt christlicher Prägung im Hinterkopf hatte. Tolkien hat somit beides zusammengebracht, seine Leidenschaft für nordischmythische Überlieferungen mit seinem christlichen Weltbild und den damit verbunden biblischen und ikonographischen Traditionen. 216 Simek, Mittelerde, 22ff. 217 Vgl. HdR III, 133ff. 218 Vgl. HdR I, 361. 219 Vgl. Simek, Mittelerde, 22ff. 220 Vgl. Simek, Mittelerde, 11f. 2.3 Andere mythologische (nichtchristliche) Beeinflussungen 83

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References

Zusammenfassung

J.R.R. Tolkien (1892–1973), Philologe an der Universität Oxford, ist den meisten Menschen durch seine Romanreihe Der Herr der Ringe bekannt. Weniger bekannt dagegen ist, dass der streng gläubige Katholik in seinem literarischen Wirken eine Art des religiösen Vollzugs sah, der nicht im Widerspruch zu seinem tiefen Glauben stand. Seinem Verständnis nach führte er als „Zweitschöpfer“ den biblischen Schöpfungsauftrag fort, indem er einen von tiefer innerer Wahrheit geprägten Mythos erschuf. Den aufmerksamen Rezipienten ist schon sehr früh aufgefallen, dass Tolkien Elemente unterschiedlicher religiöser Traditionen mit Motiven aus verschiedenen Mythen verwebt, mit denen er sich im Rahmen seiner akademischen Tätigkeiten beschäftigte. Diese Arbeit zeigt, dass die religiöse Rezeptionsgeschichte demnach sehr früh beginnt und immer noch nicht abgeschlossen ist, wenngleich die religiösen Bildwelten heute vom Publikum nicht mehr automatisch als christliche bzw. religiöse Bilder wahrgenommen werden.