Content

Kapitel V: Der doppelte Leo und das Kreative Chaos: Theoretische Grundlagen des „Großen Wahns“ in:

Thomas Bargatzky

Der große Wahn, page 91 - 108

Der neue Kalte Krieg und die Illusionen des Westens

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4385-1, ISBN online: 978-3-8288-7370-4, https://doi.org/10.5771/9783828873704-91

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Der doppelte Leo und das Kreative Chaos: Theoretische Grundlagen des „Großen Wahns“ „Wir leiten unsere Öffentlichkeit an. Wir können nicht auf unsere Öffentlichkeit hören“, meinte Präsident George W. Bush im Zusammenhang mit der Planung und Führung des Irak-Krieges.189 Da „große Planer“ immer auch mit Ideen und Theorien arbeiten, befassen wir uns in diesem Kapitel mit den theoretischen Grundlagen der „Grand Strategy“, des großen Plans der Umgestaltung der Welt nach den Vorstellungen der amerikanischen Neokonservativen, eines Plans, den man unschwer als Ausdruck eines großen Wahns identifizieren kann. Die Neocons selbst beziehen sich zwar gerne auf das Werk des Politik- Philosophen Leo Strauss (1899-1973), aber das ideengeschichtliche Umfeld, aus dem sie ihre Ideen herleiten, ist viel weiter gespannt. Im Folgenden Abschnitt sollen die ideellen Grundlagen des neokonservativen Universalismus dargelegt werden. Danach wird die sogenannte „Chaos-Theorie“ vorgestellt, da sie von einigem Einfluss auf die Umsetzung der neokonservativen Ideologie in die politische Praxis ist. Die ideellen Wurzeln des neokonservativen Universalismus Die Überzeugungen der amerikanischen Neokonservativen besitzen eine bizarre Verbindung zu einer universalistischen Denkschule, die im 20. Jahrhundert von großem Einfluss auf Politik und Philosophie war, die man aber in der Regel nicht mit den machtpolitischen Interessen der USA in Verbindung bringen würde. Um diese Denkschule vor- Kapitel V: 189 „We lead or publics. We cannot follow our publics“. Siehe Bob Woodward: Plan of Attack. – London: Simon & Schuster, 2004, S. 296. Übersetzung von mir, ThB. 91 zustellen, möchte ich mit einem kurzen Zitat beginnen, in dem deren Absichten klar zutage treten. Demnach sei die „von der Geschichte“ gestellte Aufgabe „die Wirtschaft … auf der ganzen Oberfläche unseres Planeten planmäßig zu organisieren“. Der dies schrieb, hieß – Leo Trotzki.190 Trotzki plädierte für die permanente Weltrevolution und befand sich dadurch in scharfem Gegensatz zu Josef Stalin und der von den Vertretern des real existierenden Sowjetkommunismus verfochtenen Lehre vom Aufbau des Sozialismus zunächst in einem Land, um dann auf dieser Grundlage zur Weltrevolution fortzuschreiten.191 Um den Kommunismus verwirklichen zu können, glaubten dagegen Trotzki und seine Anhänger, dürfe man sich nicht auf ein Land als Ausgangsbasis konzentrieren. Nur die einheitliche, weltweite Durchsetzung des Kommunismus sei ein Garant für den Erfolg. Trotzki musste bekanntlich ins Exil nach Mexiko fliehen, wo Stalin den Rivalen 1940 ermorden ließ. Trotzkistische Ideen von der permanenten Revolution erinnern an Vorstellungen, die immer wieder von den amerikanischen Neokonservativen propagiert werden, freilich mit anderen, kapitalistischen Vorzeichen: nicht Weltkommunismus, sondern Weltmarkt und „American leadership“; statt der Sowjetunion als „Vorreiter“ die USA als „gutmütiger Hegemon“. Auch die neokonservative Überzeugung, dass die USA nur in einer einheitlich nach amerikanischem Muster umgestalteten Welt sicher seien und sich nur in solch einer „neuen Weltordnung“ amerikanische Demokratie und freie Marktwirtschaft entfalten können, erinnert an trotzkistische Vorstellungen von der notwendigen Einheitlichkeit des globalen Umfelds. Die Wesensverwandtschaft zwischen Trotzkismus und neokonservativem Universalismus und Unilateralismus lässt es viel angemessener erscheinen, von „Neo-Trotzkisten“ zu sprechen und nicht von „Neokonservativen“. Der Einfluss utopischer und universalistischer trotzkistischer Ideen auf die Gedankenwelt der Neocon-Bewegung sei im israelischen Rechtsextremismus und 190 Leo Trotzki: Verratene Revolution. Zürich 1937. In: Der Sowjetkommunismus. Dokumente Bd. I, S. 233. 191 Siehe J. Stalin: Der Marxismus und die nationale und koloniale Frage. Eine Sammlung ausgewählter Aufsätze und Reden. – Berlin: Dietz-Verlag, 1950, S. 269 ff. Siehe auch unten, Kapitel IX. Kapitel V: Der doppelte Leo und das Kreative Chaos: Theoretische Grundlagen des „Großen Wahns“ 92 im „war on terror“ der Regierung Bush Junior zu finden, meint der renommierte amerikanische Kolumnist und sicherheitspolitisch ausgewiesene Buchautor William Pfaff.192 Irving Kristol (1920-2009), einer der „Erfinder“ der neokonservativen Ideologie und Vater des ebenfalls einflussreichen Neocon William Kristol, war in seiner Jugend vor dem Zweiten Weltkrieg bekennender Trotzkist. Im Jahre 1940 wurde Irving Kristol zum B.A. am City College of New York graduiert, aber die Ehre, die er am meisten schätzte, war seine Mitgliedschaft in der trotzkistischen „Young People’s Socialist League“ (Vierte Internationale), wie er 1977 in einem Zeitschriftenartikel freimütig bekannte. Er sei auch „a member in good standing“ gewesen,193 also ein vollberechtigtes, bewährtes Mitglied, das in gutem Ansehen stand, fügte er hinzu. Der „Marxismus“ der Neokonservativen endet jedoch nicht beim Trotzkismus, wenn man den Worten des Neocon-Renegaten Francis Fukuyama folgt, der sich 2006 in der „New York Times“ vom Neokonservatismus lossagte.194 Sein Buch „The End of History“, so Fukuyama, habe gleichsam eine „marxistische These“ vertreten und die Existenz eines langandauernden Prozesses der sozialen Evolution vertreten – freilich eines Prozesses, der in die universelle liberale Demokratie und nicht in den Kommunismus einmündet. Andere führende neokonservative Intellektuelle wie William Kristol und Robert Kagan195 würden dagegen eine „leninistische“ Position vertreten: Sie glauben, die Geschichte könne durch die richtige Anwendung von Macht und Willensstärke vorangetrieben werden. Wenn also die amerikanischen Neokonservativen im Grunde Trotzkisten, Marxisten oder auch Leninisten sind, dann sollten wir uns nicht darüber wundern, dass manche meinen, der Kritik an den hege- 192 William Pfaff: The Irony of Manifest Destiny. The Tragedy of American Foreign Policy. – New York: Walker & Company, 2010, S. 37. 193 Irving Kristol: Memoirs of a Trotskyist. New York Times Magazine, 23. Januar 1977. https://www.nytimes.com/1977/01/23/archives/memoirs-of-a-trotskyist-m emoirs.html. Zugriff 25. August 2015. 194 Francis Fukuyama: After Neoconservatism. The New York Times, 19. Februar 2006. http://zfacts.com/zfacts.com/metaPage/lib/Fukuyama-2006-After-Neocons ervatism.pdf. Zugriff 30. Juni 2017. 195 Z.B. Robert Kagan: Of Paradise and Power. America and Europe in the New World Order. – New York: Alfred A. Knopf, 2005. Die ideellen Wurzeln des neokonservativen Universalismus 93 monialen Bestrebungen der USA müsse mit der Nazi-Keule begegnet werden. Eine dem „Kampf-gegen-Rechts“-Nährboden entsprossene Internet-Seite informiert darüber, dass ein Merkmal, an dem man eine rechtsextreme und antisemitische Einstellung erkennen kann, eine kritische Haltung gegenüber Amerika sei.196 Wer in seiner Jugend gegen den Vietnamkrieg und den NATO-Doppelbeschluss auf die Straße ging, gar mit dem Palästinensertuch als Accessoire, sich über den „Sieg des Volkes“ in der portugiesischen Nelkenrevolution im April 1974 freute, „Ami go home“ sang und sich deshalb für politisch linksgerichtet hält, mag sich angesichts dieser Enthüllung die Augen reiben. Wer heute gegen amerikanisches Dominanzstreben, westlichen Unilateralismus, sowie Europäismus und Unifikationismus197 antritt, läuft offenbar Gefahr, als Nazi geoutet zu werden. Liest man Irving Kristols Bekenntnis zu seiner trotzkistischen Jugend, so meint man, sein Schmunzeln zwischen den Zeilen herauslugen zu sehen: „Ich bereue diese Episode in meinem Leben nicht. Sich in seinen jungen Jahren einer radikalen Bewegung anzuschließen ist so ähnlich wie sich zu verlieben, wenn man jung ist“. Und wer möchte einem Menschen die intellektuellen Ausflüge und Expeditionen seiner jungen Jahre verübeln? „Wer mit 20 kein Kommunist ist, hat kein Herz. Wer es aber mit 30 immer noch ist, hat kein Hirn“ – ein englischsprachiges Gegenstück lautet: „If you are not a liberal at 25, you have no heart. If you are not a conservative at 35 you have no brain“. 196 Simone Rafael: Rechtsextreme Sprachcodes. www.netz-gegen-nazis.de, 29. September 2009. Diese Internet-Plattform führt auf direktem Wege zu jenen Zirkeln, die daran interessiert sind, jede ernsthafte Kritik an der Richtung der deutschen, sich im Fahrwasser Washingtons bewegenden Politik in die Nähe des Rechtsradikalismus, ja gleich des Nationalsozialismus zu rücken. Siehe Thomas Lindemann: Nutzloses Netz gegen Nazis? Die Welt, 21. Mai 2008. https://www.welt.de/welt_ print/article2017361/Nutzloses-Netz-gegen-Nazis.html. Zugriff zuletzt 13. Dezember 2019. – Wem es Spaß macht, der möge selbst recherchieren. Nur wenige Mausklicks, und man weiß mehr. 197 Mit „Europäismus“ bezeichnet der ehemalige Präsident der Tschechischen Republik, Václav Klaus, eine Ideologie, die die einzig mögliche Zukunft Europas in einer immer zentralistischer werdenden Europäischen Union sieht, die alle Lebensbereiche reguliert. Mit „Unifikation“ kritisiert er die Tendenz der EU zu immer größerer Vereinheitlichung und vertikaler Regulierung, zu Harmonisierung und Standardisierung statt horizontaler Kooperation der Länder. Siehe Václav: Klaus: Europa? – context medien und Verlag, 2011, S. 93 u. passim. Kapitel V: Der doppelte Leo und das Kreative Chaos: Theoretische Grundlagen des „Großen Wahns“ 94 Auch wenn man berücksichtigt, dass „liberal“ im amerikanischen Sprachgebrauch in etwa „links“ bedeutet, so ist der Weg von „Linkssein“ zum Kommunismus dennoch ein weiter.198 Wie dem auch sei, „Neokonservative“ berufen sich heute natürlich lieber nicht auf Leo Trotzki, sondern, wie oben erwähnt, gerne auf einen anderen Leo, nämlich auf den deutsch-amerikanischen Philosophen Leo Strauss (1899-1973),199 dessen Werke von manchen als Transmissionsriemen für die Umsetzung der Grundzüge der Chaos-Theorie für die Belange des politischen Handelns gesehen werden.200 Etliche prominente Neokonservative waren Strauss‘ Schüler. Parteilichkeit vor Wahrheit – so verstehen (bzw. missverstehen?) sie ihren 198 Angesichts der Entwicklung, die die westliche Welt seit 1990 eingeschlagen hat – perverse Konzentration des Reichtums in den Händen einer winzigen Minderheit, politisch- militärisches Banditentum – stellt sich die Frage, ob dieser Spruch nicht heute einer Ergänzung bedarf: „Wer mit 40 plus nicht links ist, hat kein Gewissen“. Natürlich nicht „links“ im Sinne der heutigen Linken, die keine proletarische Agenda mehr besitzt, Hartz IV geschaffen hat, ihre frühere Klientel der „kleinen Leute“ als „Pack“ beschimpft und in treuer Gefolgschaft zu den Vorgaben des „gutmütigen Hegemons“ zu „Militärschlägen“ gegen unbotmäßige Staaten aufruft, mit der Zerstörung von deren Infrastruktur als Folge. Der am Osloer Friedensforschungsinstitut PRIO (Peace Research Institute Oslo) tätige schwedische Geopolitik-Forscher Ola Tunander hat den fundamentalen Wandel der politischen Überzeugungen in Norwegen mit Worten beschrieben, die man genauso gut zur Beschreibung der Lage in Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern verwenden kann. In Bezug auf den Angriffskrieg gegen Libyen, 2011, vergleicht Tunander die Lage mit den Kriegen in Vietnam oder dem Irak: Seinerzeit „gab es massive Proteste nicht nur, aber vorwiegend von der politischen Linken. Nun hat man die ganze Linke gekauft, die Sozialdemokraten und die ganz linksstehenden Parteien, um sie für den Krieg einzuspannen. Ich meine, dies ist ein neues Phänomen“. Siehe „Dr. Ola Tunander, PRIO Talks About How Media Lies Destroyed Libya“ The Herland Report, 6. Dezember 2018. https://www.facebook.com/perma link.php?id=462796153927303&story_fbid=981783828695197. Letzter Zugriff 13. Dezember 2019. Übersetzung von mir, ThB. – Diese Kritik richtet sich nicht speziell gegen bestimmte politische Parteien, die sich das Attribut „links“ zulegen oder sich heute als linksorientiert verstehen. Auch in solchen Parteien gibt es noch Persönlichkeiten, die eine proletarische Agenda vertreten und im ursprünglichen Sinne als „Linke“ gelten können. Meine Kritik richtet sich vielmehr gegen das individualistisch-libertäre Milieu der „humanitären Interventionisten“, die sich heutzutage als „Links“ präsentieren. 199 Claes G. Ryn: Leo Strauss and History: The Philosopher as Conspirator. Humanitas 18 (1-2), 2005. 200 Laura Rozen: Con Tract. The theory behind neocon self-deception. Washington Monthly 35 (10), Oktober 2003, S. 11-13. Die ideellen Wurzeln des neokonservativen Universalismus 95 Mentor. William Kristol – der Sohn Irving Kristols – oder Paul Wolfowitz müssen hier genannt werden.201 Wolfowitz, der bei Leo Strauss in Chicago Seminare über Platon und Montesquieu besuchte, ist der Urheber der unter dem Namen „Defense Planning Guidance“ seit 1992 betriebenen Neufassung der globalen Militärstrategie der USA, die die absolute Vormachtstellung der „einzigen Weltmacht“ sichern soll (s.u. Kap. VII). Zbigniew Brzezinski, Guru und Graue Eminenz der amerikanischen Sicherheitspolitik, hat in seinem Buch „The Grand Chessboard“ (1997) diese sogenannte „Wolfowitz-Doktrin“ popularisiert, nachdem sie der Öffentlichkeit bekannt gemacht wurde.202 Abram Shulsky, ein weiterer neokonservativer Intellektueller, promovierte bei Strauss in Chicago. Er war zunächst bei der „RAND-Corporation“ beschäftigt, der einflussreichen Denkfabrik, die nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurde, um die Streitkräfte der USA zu beraten und in der manche Kritiker einen Aktivposten der CIA sehen.203. Shulsky wurde zum Leiter des „Office of Special Plans“ (OSP) berufen. „Hardliner“ des Pentagon gründeten diese Pentagon-Behörde nach dem 11. September 2001. Sie waren davon überzeugt, dass die CIA und andere Geheimdienste entweder von Saddam Husseins angeblichen Plänen für die Entwicklung von Massenvernichtungswaffen nichts wussten oder entsprechende Informationen weichspülten. Die Aufgabe des OSP war es u.a., sich mit dem „Frisieren“ von Geheimdienstinformationen zu befassen, um den Irak-Krieg des Präsidenten George W. Bush durch den „Nachweis“ der nichtvorhandenen Massenvernichtungswaffen zu rechtfertigen. Man war enttäuscht über die Arbeit der Geheimdienste, die trotz des insbesondere von Vizepräsident Cheney persönlich ausgeübten Drucks auf Geheimdienstmitarbeiter 201 James Mann, Rise of the Vulcans, 2004, S. 27-31. 202 Zbigniew Brzezinski: The Grand Chessboard. American Primacy and Its Geostrategic Imperatives. – New York: Basic Books, 1997. Der deutsche Titel lautet bezeichnenderweise „Die einzige Weltmacht“! 203 Paul Craig Roberts: Will the November US Presidential election Bring the End of the World? PaulCraigRoberts.org, 24. Mai 2016. https://www.paulcraigroberts.org /2016/05/24/will-the-november-us-presidential-election-bring-the-end-of-theworld-paul-craig-roberts/. Zugriff zuletzt 12. Dezember 2019. Kapitel V: Der doppelte Leo und das Kreative Chaos: Theoretische Grundlagen des „Großen Wahns“ 96 keine belastbaren Beweise für Absprachen zwischen Saddam Hussein und al-Qaeda liefern konnten.204 Ein Aufsatz, den Shulsky 1999 veröffentlicht hat – zusammen mit Gary J. Schmitt, einem Mitarbeiter der neokonservativen Denkfabrik „Project for the New American Century“ – gibt einen Einblick in die Denkwelt dieser Kreise, den man gelesen haben sollte: Es geht um den Zusammenhang von Geheimdienst und Philosophie(!)205 Leo Strauss wird darin mit Worten der Zuneigung und Verehrung als eine Person beschrieben, die eine gewisse Verwandtschaft mit der literarischen Figur des George Smiley aus den Romanen von John Le Carré besitzt. Ob sich der Meister über diese Charakterisierung gefreut hätte, kann nicht mehr ermittelt werden, da Strauss ja bereits 1973 verstorben war. Das Faible von Neokonservativen, die den Geheimdiensten der USA mindestens nahestehen, für einen politischen Philosophen wie Leo Strauss wird verständlich, wenn man in Rechnung stellt, welche Botschaften sie Strauss‘ Werk für ihre Tätigkeit entnahmen. Vor allem die antihistorische Tendenz der Ablehnung des kulturellen Relativismus übte eine große Anziehungskraft aus, also des Versuchs, die Welt auch aus der Sicht der anderen zu verstehen. Des Weiteren die Überzeugung, genau zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können, die sich auch in Ronald Reagans Formel von der Sowjetunion als „Reich des Bösen“ auf drastische Weise manifestierte.206 Ferner das grundsätzliche Misstrauen gegenüber „tyrannischen“, bzw. diktatorischen 204 Laura Rozen, s.o. Fn. 200. Siehe auch Seymour M. Hersh: Selective Intelligence – Donald Rumsfeld has his own special sources. Are they reliable? The New Yorker, 12. Mai 2003. https://www.newyorker.com/magazine/2003/05/12/selective-intelli gence. Letzter Zugriff 13. Dezember 2019; Walter Pincus u. Dana Priest: Some Iraq Analysts Felt Pressure From Cheney Visits. The Washington Post, 5. Juni 2003. https://www.washingtonpost.com/archive/politics/2003/06/05/some-iraqanalysts-felt-pressure-from-cheney-visits/4afb2009-20e7-4619-b40f-669c9d94dcf 3/ Zugriff 24. Februar 2020. 205 Gary J. Schmitt and Abram Shulsky: Leo Strauss and the World of Intelligence (By Which We Do Not Mean Nous). In: Kenneth L. Deutsch u. John Albert Murley (Hgg.): Leo Strauss, the Straussians, and the American Regime. – Lanham (Maryland): Rowman & Littlefield, 1999, S. 407-412. 206 In seiner Rede vor der National Association of Evangelicals am 8. März 1983 in Orlando, Florida, bezeichnete Reagan die Sowjetunion als „evil empire“. Siehe das Protokoll der vollständigen Rede bei Free Frank Warner: Ronald Regan: The Evil Emire Speach, 8. Juni 2004. https://frankwarner.typepad.com/free_frank_warner /2003/12/story_of_reagan.html. Zugriff 3. Oktober 2017. Die ideellen Wurzeln des neokonservativen Universalismus 97 Regimen und die daraus zu folgernde Wachsamkeit gegenüber deren stets virulenter Absicht, die USA täuschen zu wollen. Die Geheimdienstarbeit erfährt daher in ihren Augen die Weihe einer höheren Rechtfertigung im Lichte des Werkes von Leo Strauss.207 Die Leo Strauss von seinen Schülern und Anhängern zugeschriebene Weltanschauung fand großen Anklang bei den Neokonservativen, da sie ihnen die Gründe für die Legitimierung der eigenen Machtansprüche zu geben scheint und zugleich dazu ermutigt, durch „kreative Zerstörung“ alte Eliten und kulturelle Traditionen zu diskreditieren und zu eliminieren, die ihrer globalen Machtprojektion zum Zweck der Schaffung einer „neuen Weltordnung“ im Wege stehen.208 Aber der Einfluss der Gedanken Trotzkis und Strauss‘ auf die Überzeugungen der Neokonservativen ist noch nicht alles. Kehren wir kurz zu Francis Fukuyamas Behauptung zurück, neokonservatives Denken sei im Grunde leninistisch, da Lenin glaubte, dass Macht und Willensstärke die Geschichte vorantreiben können – eine Position, die ja durchaus auch zum Repertoire neokonservativer Ideologie gehört. „Macht“, „Willensstärke“: Hinter diesen Begriffen verbirgt sich noch eine weitere Inspirationsquelle neokonservativen Denkens, aber nicht unbedingt eine linke. Auf die Beziehungen zwischen Leo Strauss und Carl Schmitt und die Bedeutung Schmitts für das Verständnis der amerikanischen Gegenwartspolitik wurde 2004 auch die amerikanische Leserschaft aufmerksam gemacht.209 Strauss und Schmitt kannten einander; Schmitt unterstützte Strauss‘ Bewerbung um eine Fellowship, d.h. ein Forschungsstipendium der „Rockefeller Foundation“ in Paris im Jahre 207 Siehe James Mann: Rise of the Vulcans, 2004, S. 27-31. 208 Für eine erste Information zu Strauss‘ Werk und Gedankenwelt: Till Kinzel: Strauss, Leo. In: Erik Lehnert u. Karlheinz Weißmann (Hgg.): Staatspolitisches Handbuch. Band 3: Vordenker. – Schnellroda: Edition Antaios, 2012, S. 233-235. – Da ich mit Leo Strauss‘ komplexem Werk nur unzureichend vertraut bin, kann ich nicht beurteilen, inwieweit die zu den Neokonservativen zählenden Schüler und Anhänger sein Werk verstehen, missverstehen oder für ihre Ideologie missbrauchen. Es liegt mir daher fern, ein Urteil über Strauss‘ Gedanken zu äußern. 209 Alan Wolfe: A Fascist Philosopher Helps Understand Contemporary Politics. The Chronicle of Higher Education – The Chronicle Review. 2. April 2004. https://web. stanford.edu/~weiler/Wolfe_on_Schmitt_044.pdf. Zugriff zuletzt 13. Dezember 2019. Kapitel V: Der doppelte Leo und das Kreative Chaos: Theoretische Grundlagen des „Großen Wahns“ 98 1932. Im gleichen Jahr veröffentlichte Strauss seine Rezension von Schmitts grundlegendem politiktheoretischem Werk „Der Begriff des Politischen“.210 Wenig später trennten sich bekanntlich ihre Wege: Strauss emigrierte in die USA und Schmitt wurde 1933 Mitglied der NSDAP, wohl eher aus Opportunismus, als aus Überzeugung. Das Interesse für Schmitts Werk ist dennoch bis in die Gegenwart hinein ungebrochen, und zwar sowohl bei Denkern der Rechten als auch der Linken, da es in seiner konsequenten Herleitung des Politischen machiavellistische Züge trägt, so dass es kein Lager für sich alleine reklamieren kann. Wer sich für Ideengeschichte und den Einfluss von Ideen auf die Politik interessiert, wird von all dem fasziniert sein. Hier kann das Geflecht Trotzkistischer, Strauss’scher und Schmitt’scher Ideen an der Basis neokonservativ imprägnierter manifest destiny-Überzeugungen, die mit einer Überdosis Markt-, Konsum- und Machtvergottung zu einem mentalen Giftcocktail verrührt wurden, leider nicht weiter aufgelöst werden. Die Affinität der Neokonservativen zu Schmitt wird jedenfalls nicht nur durch deren Machtbewusstsein deutlich, sondern auch durch Schmitts Politikbegriff, der ja das Politische auf die strikte Trennung von Freund und Feind zurückführt. Wer sich durch die seit 1992 aus neokonservativem Geist und mit neokonservativer Feder geschriebene offizielle und inoffizielle amerikanische Politik-Prosa hindurchliest, in der die tonangebenden Kreise von Washingtons War Party ihre Absichten kundtun (s.u. Kapitel VII), begegnet jedenfalls dieser Dichotomie ständig: Wir und die Verbündeten stehen auf der richtigen Seite der Geschichte, für das Gute, für Demokratie und Freiheit; sie, die Gegner, für das Böse, für Tyrannei und Unfreiheit. „Freiheit“ und „Demokratie“ werden nicht definiert; sie dienen als Leerformeln für die Unterscheidung von Freund und Feind. 210 Carl Schmitt: Der Begriff des Politischen. – Berlin: Duncker & Humblot, 1932. – Strauss‘ Text „Anmerkungen zu Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen“ ist weniger eine Rezension als ein ausführlicher Kommentar. Er erschien zuerst im Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik, Band 67 (Heft 6), 1932, S. 732-749. Nachdruck in Heinrich Meier: Carl Schmitt, Leo Strauss und „Der Begriff des Politischen“. Zu einem Dialog unter Abwesenden. – Stuttgart: J.B. Metzler, 1998, S. 97-125. Die ideellen Wurzeln des neokonservativen Universalismus 99 Kleine Ursachen, große Wirkungen: Rezeption und Anwendung der Chaos-Theorie Das Bestreben der neokonservativen US-amerikanischen War Party- Eliten gilt der Aufrichtung amerikanischer Dominanz, der Hegemonie, nicht der direkten Herrschaft über andere Staaten. Wie kann diese Dominanz durchgesetzt werden? Durch das Herbeiführen politischer und sozialer Instabilität und chaotischen Verhältnissen in denjenigen Ländern, die in das Visier der US-Sicherheitsmaschinerie geraten sind, mit dem Ziel, dort durch regime change, den Sturz missliebiger Regierungen, eine genehme Regierung in den Sattel zu hieven. Das Rezept für die Chaos-Stiftung liefert eine im Grunde eher „exotische“ Theorie, für die sich zunächst nur Mathematiker und Systemtheoretiker interessierten: die sogenannte Chaos-Theorie. Es ist aus der Sicht der Ideengeschichte jedoch bemerkenswert, dass der Aufstieg der Idee von der „neuen Weltordnung“ zugleich auch die Rezeption dieser Theorie in einem weiten Umkreis beförderte, von den Naturwissenschaften bis hin zu den Sozialwissenschaften und dem strategischen Denken. Ja man darf sie als regelrechte „Modeerscheinung“ bezeichnen – wer immer Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts in der Wissenschaft etwas auf sich hielt und als modern, fortschrittlich etc. gelten wollte, musste sie in Schriften und Wortmeldungen auf Konferenzen zumindest erwähnen. Sonst „gehörte man nicht dazu“. Da die Chaos-Theorie für das Verständnis des Handelns der War Party-Eliten notwendig ist, sollen ihre Grundzüge an dieser Stelle kurz umrissen werden.211 Man unterscheidet in einem ganz allgemeinen Sinn zwischen linearen und nichtlinearen Systemen. Der spätere Zustand eines linearen Systems lässt sich vorausberechnen, wenn man die Parameter der Körper bestimmen kann, die sich in ihm bewegen, z.B. in der Klassischen Mechanik: Masse, Bewegungsrichtung und Geschwindigkeit eines Körpers im dreidimensionalen Raum. Ein Spiel mit Billardkugeln oder unser Sonnensystem sind Beispiele für lineare Systeme, Erde und Mond bilden ebenfalls ein lineares System. Der sta- 211 John Briggs u. F. David Peat: Die Entdeckung des Chaos. Eine Reise durch die Chaos-Theorie. – München: Carl Hanser, 1990. Kapitel V: Der doppelte Leo und das Kreative Chaos: Theoretische Grundlagen des „Großen Wahns“ 100 bile Zustand solcher Systeme verändert sich in der Regel nur durch einen Eingriff von außen, d.h. wenn eine äußere Kraft auf einen Körper einwirkt. Dies wäre beispielsweise dann der Fall, wenn ein Himmelskörper von erheblicher Größe in die Nähe der Erde gelangen oder gar auf ihr einschlagen sollte. Der stabile Rhythmus der Bewegungen von Erde und Mond um den gemeinsamen Schwerpunkt würde dann empfindlich gestört werden. Als nichtlineare Systeme gelten dagegen beispielsweise so unterschiedliche Dinge wie Konjunkturzyklen, die Wetterentwicklung, aufsteigender Zigarettenrauch und, ganz allgemein, historische Vorgänge. In solchen Systemen bestehen, anders als in linearen Systemen, keine langfristigen Gleichgewichtszustände, sondern nur temporär stabile Zustände, zwischen denen das System pendelt und deren Verlauf sich nicht präzise vorhersagen lässt. Die hohe Zahl teilweise unbekannter Parameter und Akteure in nichtlinearen Systemen werden durch eine Vielzahl von Gesetzmäßigkeiten bestimmt, die z.T. nicht alle bekannt sind. Veränderungen in solchen Systemen geschehen aufgrund ihrer inneren Dynamik, wobei kleinste Ursachen größte Wirkungen haben können. Der sogenannte „Schmetterlingseffekt“, also das beinahe schon sprichwörtliche Beispiel des Flügelschlags eines Schmetterlings, der Wirbelstürme auslösen könnte, die ganze Städte verwüsten, ist ein populäres, aber treffendes Beispiel.212 Die populäre Bezeichnung „Chaos-Theorie“ sollte also nicht zum dem irrigen Schluss verleiten, es gäbe in den entsprechenden Systemen keine Regeln und Gesetze. Die gibt es, nur sind die Vorgänge so hochgradig komplex, dass Prognosen über das Verhalten solcher Systeme kaum- bis unmöglich sind. Die Chaos-Theorie sollte man daher besser als eine Theorie der nichtlinearen, dynamischen, oder uns „chaotisch erscheinenden“ Systeme bezeichnen. Für die strategischen Überlegungen der War Party ergibt sich auf die Frage, wie man andere Länder am besten beeinflussen kann, vor dem Hintergrund einer nichtlinear-„chaotisch“ beschaffenen“ Welt folgende Antwort: Man solle nicht versuchen, nach Stabilität als einem illusorischen Selbstzweck zu fragen, sondern man solle „Chaos“ als Ge- 212 Norbert Lossau: Ein Schmetterling kann Städte verwüsten. Die Welt, 18. April 2008. https://www.welt.de/wissenschaft/article1914384/Ein-Schmetterling-kann- Staedte-verwuesten.html. Zugriff zuletzt 13. Januar 2020. Kleine Ursachen, große Wirkungen: Rezeption und Anwendung der Chaos-Theorie 101 legenheit begreifen, die Welt umzugestalten. In diesem Sinne hat beispielsweise Steven R. Mann seine Überlegungen in einem 1992 veröffentlichten Aufsatz in der Zeitschrift „Parameters“ niedergeschrieben, der den Titel trägt: „Chaos Theory and Strategic Thought“. Der Erscheinungsort ist interessant: Die Zeitschrift „Parameters“ wird vom National War College der US-Armee herausgegeben, einem Institut der „National Defense University“ in Washington D.C. Manns Ausführungen sind so bemerkenswert – früher hätte man auch gesagt: „entlarvend“ – dass sie an dieser Stelle in einiger Ausführlichkeit wiedergegeben werden sollen: Je größer das in einer Gesellschaft vorhandene Konfliktpotential, desto leichter kann man diese Gesellschaft ins Chaos stürzen. Die USA sollen gezielt komplexe gesellschaftliche Dynamiken steuern, um Gesellschaften in chaotische Phasen hineinzutreiben. In solch chaotischen Phasen ist die Gesellschaft zum Vorteil der USA formbar. Hier sollen Austausch- und Ausbildungsprogramme ins Spiel kommen, sowie die Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die sich überall in der Welt für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte einsetzen und so das Konfliktpotential in den jeweiligen Gesellschaften erhöhen. Sie dürfen mit der Unterstützung Oppositioneller und gemäßigter Rebellen überall auf der Welt rechnen.213 Um die Konfliktenergie in einer Gesellschaft im Sinne der nationalen Sicherheitsinteressen der USA zu manipulieren, soll die ideologische Software einer Gesellschaft verändert werden, so wie es Hacker im Internet tun. Ein Virus ist die aggressivste Form, eine Software zu verändern. Der ideologische Virus, den die USA verbreiten sollten, besteht aus eben jenen Ideen, die die US- Ideologie ausmachen. Ideologie ist nur ein anderer Name für einen menschlichen Software-Virus. Mit diesem ideologischen Virus als Waffe sollten die USA in den – im übertragenen Sinne gesprochen – ultimativen biologischen Krieg ziehen. Die USA sollten in dieser biologischen Kriegführung Zielbevölkerungen mit den ideologischen Konzepten des demokratischen Pluralismus und der Achtung der individuellen Menschenrechte infizieren. Die nationale Sicherheit der USA soll dadurch am besten geschützt werden, dass man sich auf amerikanischer Seite darum bemüht, Herz und Seele der Menschen in Ländern und Kulturen zu gewinnen, die nicht auf einer Linie mit den USA liegen. Auf diese Weise sollten die USA ver- 213 Man setze diese Worte mit den Ereignissen in Syrien seit 2011 in Beziehung! Siehe z.B. Tim Anderson: Der schmutzige Krieg gegen Syrien. Washington, Regime Change und Widerstand. – Marburg: Liepsen Verlag, 2016; Karin Leukefeld: Flächenbrand. Syrien, Irak, die Arabische Welt und der Islamische Staat (3., erweiterte Auflage). – Köln: PapyRossa Verlag, 2017. Kapitel V: Der doppelte Leo und das Kreative Chaos: Theoretische Grundlagen des „Großen Wahns“ 102 suchen, eine Weltordnung zu errichten, die für sie auf lange Dauer gesehen vorteilhaft ist.214 Steven R. Mann, der Autor dieser Zeilen, ist nicht irgendwer, sondern ein gut ausgebildeter amerikanischer Karrierediplomat, der hohe Posten im asiatischen Ausland bekleidete, u.a. an den US-Botschaften in Sri Lanka und Turkmenistan.215 Er war ein Vermittler im Karabach- Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan und „Principal Deputy Assistant Secretary“ für die Angelegenheiten Süd- und Zentralasiens. Im Januar 2008 wurde er zum Koordinator (coordinator) für eurasische Energiefragen ernannt und als solcher war er für alle diplomatischen Bemühungen der USA im Zusammenhang mit Erdöl- und Erdgasangelegenheiten zuständig. Sein Aufsatz aus dem Jahre 1992 enthält zu seiner Biographie ferner den lakonischen Satz: „His most recent prior assignment was in the Office of the Secretary of Defense“. 1993 war er im Irak im Einsatz.216 Mann hat Studienabschlüsse des Oberlin College, der Cornell University und der Columbia University. Des Weiteren absolvierte er 1991 mit Auszeichnung einen Studiengang des National War College (NWC), das auch die Zeitschrift „Parameters“ herausgibt. Das NWC ist eine Elite-Militärakademie, die im Prestige und der Bedeutung noch über der United States Military Academy in West Point angesie- 214 Steven R. Mann: Chaos Theory and Strategic Thought. Parameters (Autumn 1992), S. 54-68. https://pdfs.semanticscholar.org/2d4c/edff480f9962dedd7bd4997 f4b7a29e25276.pdf. Zugriff 28. Oktober 2015. – Bei der Wiedergabe habe ich mich auf die deutsche Übersetzung gestützt, die auf der Internet-Plattform „Analitik“ veröffentlicht wurde: Strategie des gelenkten Chaos. Analitik, 25. Oktober 2015. http://analitik.de/2015/10/25/strategie-des-gelenkten-chaos/. Zugriff 28. Oktober 2015. – Die entsprechenden englischsprachigen Originalzitate finden sich wegen ihrer Bedeutung für die Beurteilung amerikanischer Machtprojektion in der Welt von heute im Anhang III am Ende des vorliegenden Buches. 215 Auf den Spuren von Steven R. Mann und dem National War College. Analitik, 30. Oktober 2015. http://analitik.de/2015/10/30/auf-den-spuren-von-steven-rmann-und-dem-national-war-college/. Zugriff 8. November 2015. 216 „Seine neueste Hauptverwendung hatte er im Stab des Verteidigungsministers“. – Eine durch „Wikileaks“ zugänglich gemachte Depesche vom 12. November 2008 der US-Botschaft in Aschgabat, Turkmenistan, bezeichnet Mann als Botschafter („ambassador“) und „Coordinator for Eurasian Energy Diplomacy“: Turkmenistan: Scenesetter for the Visit of Coordinator for Eurasian Energy Diplomacy Ambassador Steven R. Mann“. https://wikileaks.org/plusd/cables/08ASHGABAT148 4_a.html. Zugriff 12. März 2020. Kleine Ursachen, große Wirkungen: Rezeption und Anwendung der Chaos-Theorie 103 delt wird. Sie befasst sich ausdrücklich mit Strategie, und zwar mit „Grand Strategy“. NWC-Absolventen, heißt es, werden einen großen Einfluss auf die amerikanische Innen- und Außenpolitik im Krieg und im Frieden ausüben. An das NWC wird man berufen, wenn man in West Point mit Erfolg abgeschlossen und sich anschließend im Kriegseinsatz bewährt hat UND die Vorgesetzten der Meinung sind, man sei zu Höherem berufen. Zwischen 60 und 75 % der Studenten sind aus dem Militär, etwa 25% sind Staatsbedienstete, einschließlich Geheimdienstler. Alle Studenten werden in die wichtigsten strategischen Aufgaben der USA eingeplant. Man kann davon ausgehen, dass Steven R. Mann auf den Seiten von „Parameters“ keineswegs nur seine Privatmeinung vertreten durfte, um sich in einen unverbindlichen und folgenlosen akademischen Ideenaustausch einzuschalten. Im Gegenteil, in den Kreisen des US- Militärs bestand ein durchaus ernsthaftes praktisches Interesse an der Rezeption der Chaos-Theorie. Dies wird auch durch die umfangreiche Bibliographie belegt, die dazu vom „Information Resources Management College“ der „National Defense University“ bereitgehalten wird. Dort wird Manns Aufsatz als ein „frühes und einflussreiches Werk eines aktiven Beamten im Auswärtigen Dienst“ bezeichnet.217 Wenn man nicht wüsste, wer der Autor ist und wo der Aufsatz ver- öffentlicht wurde, dann könnte man auf den Gedanken kommen, dass es sich bei seinem Elaborat um ein perfektes Musterbeispiel eines antiamerikanischen Paranoikers handelt, der „kruden Verschwörungstheorien“ anhängt. Erlauben wir uns einmal den Spaß und lesen Manns Ausführungen unter der Maßgabe, dass es sich dabei wirklich um solch eine verschwörungstheoretische Schrift handelt. Wir müssen dazu nur überall dort, wo Mann Forderungen erhebt, den Text in den Indikativ setzen und so umformulieren, dass er sich liest wie eine Zustandsbeschreibung. Dadurch entsteht tatsächlich der Eindruck, als würde ein wilder Verschwörungstheoretiker der amerikanischen Politik allerlei phantastische Intentionen unterstellen: 217 „An early and influential work by a practicing Foreign Service Officer“. Tom Czerwinski: Nonlinearity and Military Affairs. A Working Bibliography, as of July 7, 1999. Teil I: National Security Poicy and Strategy. Information Resources Management College, National Defense University. http://www.clausewitz.com/Com plex/CzerBibl.htm. Zugriff 28. Oktober 2015. Kapitel V: Der doppelte Leo und das Kreative Chaos: Theoretische Grundlagen des „Großen Wahns“ 104 Je größer das in einer Gesellschaft vorhandene Konfliktpotential, desto leichter kann man diese Gesellschaft ins Chaos stürzen. Die USA steuern gezielt komplexe gesellschaftliche Dynamiken, um Gesellschaften in chaotische Phasen hineinzutreiben. In solch chaotischen Phasen ist die Gesellschaft zum Vorteil der USA formbar. Hier kommen Austausch- und Ausbildungsprogramme ins Spiel, und die NGOs, die sich überall in der Welt für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte einsetzen und so das Konfliktpotential in den jeweiligen Gesellschaften erhöhen. Sie dürfen mit der Unterstützung Oppositioneller und gemäßigter Rebellen überall auf der Welt rechnen. Um die Konfliktenergie in einer Gesellschaft im Sinne der nationalen Sicherheitsinteressen der USA zu manipulieren, wird die ideologische Software einer Gesellschaft verändert, so wie es Hacker im Internet tun. Ein Virus ist die aggressivste Form, eine Software zu verändern. Der ideologische Virus, den die USA verbreiten, besteht aus eben jenen Ideen, die die US-Ideologie ausmachen. Ideologie ist nur ein anderer Name für einen menschlichen Software-Virus. Mit diesem ideologischen Virus als Waffe ziehen die USA in den – im übertragenen Sinne gesprochen – ultimativen biologischen Krieg. Die USA infizieren in dieser biologischen Kriegführung Zielbevölkerungen mit den ideologischen Konzepten des demokratischen Pluralismus und der Achtung der individuellen Menschenrechte. Die nationale Sicherheit der USA soll dadurch am besten geschützt werden, indem man sich auf amerikanischer Seite darum bemüht, Herz und Seele der Menschen in Ländern und Kulturen zu gewinnen, die nicht auf einer Linie mit den USA liegen. Auf diese Weise versuchen die USA eine Weltordnung zu errichten, die für sie auf lange Dauer gesehen vorteilhaft ist. Leider handelt es sich bei alledem jedoch nicht um verschwörungstheoretische Phantasien eines antiamerikanisch gesinnten Spinners, sondern um strategische Überlegungen, die an einer Elite-Universität der amerikanischen Armee angestellt wurden. Die „ideologische Software“, die die USA z.B. über Institutionen wie das „National Endowment for Democracy“, über NGOs und verschiedene Austausch- und Ausbildungsprogramme verbreiten sollen, besteht in Ideen wie Freiheit, Demokratie und Menschenrechten. Kein sogenannter „Verschwörungstheoretiker“ könnte es besser formulieren. Hier wird dergleichen aber von einer der höchsten Elite-Ausbildungsstätten für Strategie der USA durch die Veröffentlichung in „Parameters“ sanktioniert. Auch Michael Ledeen, ein weiterer führender neokonservativer „Denkfabrikarbeiter“, dessen strategische Überlegungen offenkundig im Banne der Chaos-Theorie stehen, hat sich mit seinem Begriff der „kreativen Zerstörung“ einen festen Platz in der Chronik der neokonservativen Destabilisierungsbemühungen auf der politischen Weltbüh- Kleine Ursachen, große Wirkungen: Rezeption und Anwendung der Chaos-Theorie 105 ne erschrieben: „Tagtäglich brechen wir die alte Ordnung nieder, sowohl in unserer eigenen Gesellschaft, als auch im Ausland. Unsere Feinde haben diesen Wirbelwind an Energie und Kreativität, der ihre Traditionen bedroht, schon immer gehasst“218. Maoismus mit kapitalistischem Vorzeichen: Nicht nur Leo Trotzki war ein Tiefen-Inspirator neokonservativer Machtphantasien, sondern offenbar auch Mao Tse-tung mit seiner „Kulturrevolution“, die keinen vertrauten Stein auf dem anderen lassen wollte. Hier liegt gleichsam das „Drehbuch“ für die westlichen Interventionsszenarien unserer Tage vor. Ledeens Formel für diese Art der Machtprojektion lautet „kreative Zerstörung“ (creative destruction). Condoleezza Rice, damals US- Außenministerin, machte deutlich, was darunter im praktischen Sinne zu verstehen sei, als sie beispielsweise im Jahre 2006 die Zerstörungen im Gaza-Streifen und dem Libanon nach Israels Angriffen mit dem berüchtigten Satz kommentierte, man erlebe hier die „Geburtswehen eines neuen Nahen Ostens“219. Von Madeleine Albrights halber Million toter Kinder über Ledeens kreative Zerstörung und Condis Geburtswehen zu Hillary Clintons monströsem Gelächter bei der Nachricht vom Tod des libyschen Staatschefs Gaddafi, der in einem von den USA mitverantworteten Bürgerkrieg von Islamisten mit einem Bajonettstich in den Anus ermordet wurde220 – welch ein Horrorkabinett von Humanisten, welch eine „Koalition der Willigen“, die hier für „unsere Werte“ kämpft! Ideen benötigen Zeit, um sich durchzusetzen. So gab es in der Militärstrategie der USA auch Gegenströmungen, beispielsweise in Gestalt des „Field Manual 3-24“, einem Feldhandbuch, das sich stellen- 218 Michael A. Ledeen: The War Against the Terror Masters. Why It Happened. Where We Are Now. How We’ll Win. – New York: St. Martin’s Press, 2002, S. 212 f. Übersetzung von mir, ThB. 219 Special Briefing on the travel to the Middle East and Europe of Secretary Condoleezza Rice. – Pressekonferenz, U.S. State Department, Washington D.C., 21. Juli 2006. https://2001-2009.state.gov/secretary/rm/2006/69331.htm. 220 Das Interview kann auf „You Tube“ nachgesehen werden: „Hillary Clinton, ‚we came, we saw, he died‘“. https://www.youtube.com/watch?v=6DXDU48RHLU. Letzter Zugriff 14. Dezember 2019. Kapitel V: Der doppelte Leo und das Kreative Chaos: Theoretische Grundlagen des „Großen Wahns“ 106 weise wie ein Lehrbuch der Ethnologie liest.221 Der strategische Grundgedanke dieses „Field Manual“, den sich die US-Generäle David Petraeus und Stanley A. McChrystal zu eigen machten, sollte im Irak sowie in Afghanistan umgesetzt werden. Er dreht sich um den Doppelpack Aufstandsbekämpfung (counterinsurgency) und Nationenaufbau (nation building) unter Berücksichtigung der kulturellen Gegebenheiten vor Ort. Dieses Programm sieht den viele Jahre andauernden langen Krieg (long war) vor, mit boots on the ground – einer großen Anzahl von Besatzungssoldaten, die über Jahrzehnte hinweg im Zielland stationiert werden und dort Krieg führen. Dieses utopische Vorhaben wurde offenbar aufgegeben, obwohl immer wieder in politisch-militärischen Kreisen mit dem Gedanken gespielt wird, mit vielen Soldaten in Afghanistan präsent zu bleiben.222 Gegenwärtig hat sich jedoch wohl eher der auf der Chaos-Theorie beruhende strategische Ansatz durchgesetzt, mit Drohnen, Spezialtruppen, Cyber-Krieg, „Farbenrevolutionen“ und der Hilfestellung von Nichtregierungsorganisationen bei Destabilisierung und regime change. Auch die Folgen der Anwendung der Chaos-Theorie unterliegen jedoch der in Kapitel I herausgearbeiteten Regel, dass die Absichten von Handlungen nicht automatisch die entsprechenden Folgen generieren, bzw. dass bestimmte Absichten stets unbeabsichtigte Folgen haben können. Sollte also die Erzeugung von Chaos im Nahen Osten der Absicht der War Party entsprechen, dort leichteres Spiel beim Durchregieren zu haben, so ist das Vorhaben gründlich gescheitert. Auch für die Anwendung der Chaos-Theorie und für die Implantation von „ideologischen Viren“ für die „ultimative biologische Kriegführung“ 221 The U.S. Army / Marine Corps: Counterinsurgency Field Manual. U.S. Army Field Manual No. 3-24 / Marine Corps Warfighting Publication No. 3-33.5. With Forewords by General David H. Petraeus, and Lt. General James F. Amos, and by Lt. Colonel John A. Nagl; with a New Introduction by Sarah Sewall. – The University of Chicago Press, 2007. 222 Das ganze Narrativ des endlosen Afghanistan-Krieges wird durch umfangreiche Recherchen der „Washington Post“ in Frage gestellt, die im Dezember 2019 veröffentlicht wurden. Hohe US-Militärs bekannten, dass man nicht die leiseste Ahnung hatte, was man in Afghanistan tun sollte. – Statt vieler, mit Verweisungen: „Some Truth About The War On Afghanistan“. Moon of Alabama, 10. Dezember 2019. https://www.moonofalabama.org/2019/12/some-truth-about-the-war-onafghanistan.html#more. Zugriff 11. Dezember 2019. Kleine Ursachen, große Wirkungen: Rezeption und Anwendung der Chaos-Theorie 107 braucht man einen Plan und muss über Kompetenz verfügen. Wenn daher Anthony Cordesman, ein Politik-Analyst und Professor am renommierten Washingtoner „Center for Strategic and International Studies“ (CSIS) in einem Aufsatz der Regierung Obama vorrechnet, bezüglich Russlands, des Nahen Ostens, Chinas und Afghanistans weder über einen Plan zu verfügen, noch Kompetenz zu besitzen und statt die Chaos-Theorie anzuwenden, überall nur politisches Chaos erzeugt, dann könnte man sich darüber amüsieren.223 Leider war die Lage, die der Friedensnobelpreisträger und seine neokonservativen Ratgeber schufen, so brandgefährlich für den Frieden, dass einem im Nachhinein das Lachen vergeht. Und auch unter der Präsidentschaft Donald Trumps haben diese Kreise allem Anschein nach nichts von ihrem Einfluss eingebüßt. Die Menschenrechte als ideologische Waffe in der Hand des US- Imperiums und seiner europäischen Gefolgsstaaten – was aber besagen diese Rechte eigentlich? Wo kommen sie her, wann wurden sie formuliert und kodifiziert, und stellt ihre Verwendung als Waffen zum Zweck der Erzeugung von „kreativem Chaos“ im Dienst des Regimewechsels nicht einen Missbrauch dar? Mit diesen Fragen beschäftigt sich das folgende Kapitel. 223 Anthony H. Cordesman: America’s Failed Approach to ChaosTheory: The Complexity Crisis in U.S. Strategy. Center for Strategic and International Studies, 16. April 2015. https://www.csis.org/analysis/america%E2%80%99s-failed-approa ch-chaos-theory. Zugriff zuletzt 14. Dezember 2019. Kapitel V: Der doppelte Leo und das Kreative Chaos: Theoretische Grundlagen des „Großen Wahns“ 108

Chapter Preview

References

Abstract

In these days, we live in a new Cold War. On the side of Western elites, the disintegration and collapse of the Soviet Union was seen as representing the End of History and a permanent triumph of democratic values. American triumphalism, an expression of the idea of Manifest Destiny, believed that America was capable of reshaping the world in its image. According to this concept, the world was entering a New World Order in which international norms and transnational principles of human rights would prevail over the traditional prerogatives of sovereign governments. Promoting regime change was considered a legitimate act of foreign policy. In reality, all of this turned out to be illusionary. Instead of promoting peace, the attempt to usher in a New American Century resulted in international terrorism and endless wars in Afghanistan and the Near East. The eastward enlargement of NATO entails the risk of nuclear war. The New World Order turns out to be a big delusion, endangering the survival of humankind.

Zusammenfassung

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verbreiteten sich unter westlichen Eliten Illusionen von „Ende der Geschichte“ und der Einrichtung einer „neuen Weltordnung“ nach amerikanischem Vorbild. Sie sind der Ausdruck uramerikanischer Vorstellungen von der „offenkundigen Bestimmung“ der USA, weltweit ein „neues amerikanisches Jahrhundert“ des Friedens, der Demokratie, der Menschenrechte und des Wohlstands zu schaffen. Die Folgen waren die NATO-Erweiterung bis an die Schwelle Russlands, ein neuer Kalter Krieg durch die Verschlechterung der Beziehungen zu Russland und China, internationaler Terrorismus, die andauernde Verwicklung in Kriege in Afghanistan und dem Nahen Osten, die für viele Länder der Dritten Welt verheerende ökonomische Globalisierung sowie die Delegitimierung der Leitideen der staatlichen Souveränität und der souveränen Gleichheit aller Staaten. Das „neue amerikanische Jahrhundert“ enthüllt sich daher als „Großer Wahn“, der die Welt an den Rand eines Atomkriegs führen könnte.