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Kapitel II: Eine kurze Geschichte der Idee der „offenkundigen Bestimmung“ in:

Thomas Bargatzky

Der große Wahn, page 37 - 52

Der neue Kalte Krieg und die Illusionen des Westens

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4385-1, ISBN online: 978-3-8288-7370-4, https://doi.org/10.5771/9783828873704-37

Tectum, Baden-Baden
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Eine kurze Geschichte der Idee der „offenkundigen Bestimmung“ Am Vormittag des 11. September 2001 trafen sich in Washington drei Herren zu einem Arbeitsfrühstück: Porter Goss, der Kongressabgeordnete und Vorsitzende des Geheimdienstausschusses des Repräsentantenhauses, Senator Bob Graham, der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses des Senats, und Generalleutnant Mahmoud Ahmed, der Leiter des pakistanischen Geheimdienstes ISI (Inter Services Intelligence), der sich gerade zu einem der regelmäßigen Konsultationsbesuche in den Vereinigten Staaten aufhielt. Man sprach über die von Afghanistan ausgehende terroristische Bedrohung. Immerhin war zwei Tage zuvor der vom Westen im Kampf gegen die Taliban – zögerlich – unterstützte Führer der afghanischen Nordallianz, Ahmed Schah Massoud, einem Selbstmordattentat islamistischer Terroristen zum Opfer gefallen. Um die Mittagszeit des folgenden Tages erhielt der pakistanische General einen Anruf des amerikanischen Vizeaußenministers Richard Armitage, der ihn zu einem Gespräch einbestellte. Über dieses kurze und intensive Gespräch berichtete General Ahmed seinem Präsidenten Pervez Musharraf. In seinen Memoiren empört sich Musharraf über Armitage, der mit den wohl „undiplomatischsten Worten, die je gefallen waren“, Pakistan vor die Wahl stellte, sich entweder für Amerika zu entscheiden, oder von den USA in die Steinzeit zurückgebombt zu werden.63 General Ahmed wollte mit dem amerikanischen Vizeaußenminister über die Geschichte der Beziehungen zwischen den USA und Pakistan sprechen, aber Armitage schnitt ihm das Wort ab: „‘Ich kenne die Geschichte Pakistans sehr gut, General, aber wir sprechen über die Kapitel II: 63 Pervez Musharraf: In the Line of Fire. A Memoir. – London: Simon & Schuster, 2006, S. 201. 37 Zukunft, und für Sie und uns beginnt die Geschichte jetzt‘. – Das war das Ende der Begegnung“64. Es ist eine unbezweifelbare Tatsache, dass zwischen dem Staat Pakistan, radikalen Islamisten und den Taliban eine Verbindung bestand – immerhin hatte der Geheimdienst ISI nicht nur, mit amerikanischer Unterstützung, das Training und die Versorgung der Mudschaheddin im Kampf gegen die sowjetischen Besatzungstruppen übernommen und in der Folge auch versucht, die Beziehungen zur islamistischen Guerilla und den Taliban zu monopolisieren. Der verdeckte Kampf gegen Indien in Kaschmir konnte aus ISI-Sicht nicht mit Kaschmiris alleine geführt werden, man benötigte dafür auch die Unterstützung der afghanischen und arabischen islamistischen Guerilla, deren Kämpfer in den Trainingslagern des islamistischen Warlords Gulbuddin Hekmatyar ausgebildet wurden. Der Paschtune Hekmatyar war der Rivale des Tadschiken Massoud und Massoud wurde von den in der Mehrzahl zur Stammesallianz der Paschtunen gehörigen Kommandeuren des ISI gerne bei der Weiterleitung von Geldern und Kriegsgerät übergangen. Russland, Indien und Iran hatten die Nordallianz schon langem in ihrem Kampf gegen die Taliban unterstützt, wogegen sich Washington erst eine Woche vor den Terrorangriffen vom 11. September 2001 dazu entschieden hatten, Waffen an Massoud zu liefern.65 Der Druck, den UNO und USA nach dem 11. September ausübten, führte schließlich dazu, dass sich Pakistan offiziell von den Extremisten distanzierte und versprach, die Taliban zu vertreiben.66 Richard Armitages Sorgen wegen der Beziehungen zwischen dem Verbündeten Pakistan und den Taliban waren daher nicht unbegrün- 64 Interview mit Richard Armitage. In: Frontline, 19. 04. 2002. www.pbs.org/wgbh/pages/frontline/shows/campaign/interviews/armitage/html. – Zugriff 12. November 2012. Übersetzung von mir, ThB. 65 Siehe Ahmed Rashid: Descent into Chaos. The United States and the Failure of Nation Building in Pakistan, Afghanistan, and and Central Asia. – New York: Viking, 2008, S. 62, 206. Zu den Beziehungen zwischen CIA und ISI, siehe Ahmed Rashid: Taliban. Islam, Oil and the New Great Game in Central Asia. – London: I.B. Tauris, 2002; George Crile: Charlie Wilson’s War. – New York: Grove Press, 2003; Steve Coll: Ghost Wars. The Secret History of the CIA, Afghanistan, and bin Laden, from the Soviet Invasion to September 10, 2001. – New York: The Penguin Press, 2004, S. 292 u. passim. 66 Kiley Alderink: Pakistan and the Taliban: It’s Complicated. ShaveMagazine (undatiert). www.shavemagazine.com/print/politics/090501. – Zugriff 17. Mai 2012. Kapitel II: Eine kurze Geschichte der Idee der „offenkundigen Bestimmung“ 38 det.67 Was seine Auslassungen in dem hier zur Debatte stehenden Zusammenhang so bemerkenswert macht sind jedoch die brüsken Worte: 67 Die Drohnen-Politik der gezielten Tötungen („targeted killings“) wurde unter Präsident Bush Sohn begonnen und unter Präsident Obama fortgesetzt und erheblich gesteigert. Siehe Daniel Klaidman: Kill or Capture. The War on Terror and the Soul of the Obama Presidency. – Boston: Houghton Mifflin Harcourt, 2012. Durch ihre „Kollateralschäden“ unter der Zivilbevölkerung führten diese Drohnenanschläge zu einem Ausmaß an Hass in der Bevölkerung Pakistans, der nicht ohne Auswirkungen auf die langfristige Politik Pakistans gegenüber den der USA bleiben dürfte. Siehe Brian Cloughley: War, Coups, and Terror. Pakistan’s Army in Years of Turmoil. – New York: Skyhorse Publishing, 2008, S. 121-128; s.a. International Human Rights and Conflict Resolution Clinic at Stanford Law School, and Global Justice Clinic at NYU School of Law (Hg.): Living under Drones – Death, Injury, and Trauma to Civiliams from US Drone Practices in Pakistan (2012). – Kurz nach den Anschlägen vom 11. September machten Mitteilungen die Runde, dass ein in Großbritannien geborener pakistanischer islamistischer Extremist namens Saeed Sheikh (bzw. Ahmed Omar Saeed Sheikh, oder Sheik Syed, oder Omar Sheik) im Auftrag General Ahmeds 100.000 US Dollar auf das Konto von Mohammed Atta überwiesen habe, dem Anführer der Terroristen vom 11. September. Siehe David Ray Griffin: The New Pearl Harbor. Disturbing Questions about the Bush Administration and 9/11. – Northampton, Massachusetts: Olive Branch Press, 2004, S. 109 f. Peter Dale Scott (The Road to 9/11. Wealth, Empire, and the Future of America. – Berkeley: University of California Press, 2008, S. 132 ff.) hat die bis dato verfügbaren Informationen dazu zusammengestellt und referiert. Die allzu große Nähe General Ahmeds zu den Taliban und radikalen Islamisten führte jedenfalls am 7. Oktober 2001 aufgrund des Drucks der US-Regierung zu seiner Entlassung als Chef des ISI durch Präsident Musharraf (ebd., S. 134.). Tatsache ist, dass sich General Ahmed in jenen Tagen pointiert zu einer neuen islamischen Religiosität in seinem Leben bekannte und sich als „wiedergeborenen Muslim“ bezeichnete (siehe Steve Coll: Ghost Wars, 2004, S. 510). Das reicht freilich nicht aus, um den Verdacht zu nähren, er sei direkt oder indirekt in die Attacken von 11. September 2001 involviert gewesen. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass es sich dabei um indische Propaganda handelt. Immerhin war General Ahmed, als Leiter des X. Armeekorps, der Feldkommandeur der Einheiten, die in der ersten Jahreshälfte 1999 den Außenposten Kargil im von Indien kontrollierten Teil Kaschmirs besetzten. Siehe Coll: Ghost Wars, 2004, S. 504; Brian Cloughley: War, Coups, and Terror, S. 92-107. All dies ist natürlich der Stoff, aus dem wirkliche Verschwörungstheorien gemacht werden und erfordert eine gründliche historische Aufarbeitung. Der gut vernetzte und gutinformierte pakistanische Journalist und renommierte Autor Ahmed Rashid sieht hinter den Anschuldigungen gegen General Ahmed jedenfalls eine indische Intrige: Immerhin gehörte Saeed Sheikh zu einer islamistischen Terror-Gruppe, die 2002 für die Entführung und Ermordung des Wall Street-Journalisten Daniel Pearl verantwortlich war. Saeed Sheikh mit General Ahmed in Zusammenhang zu bringen, konnte durchaus dessen Reputation im Westen zerstören. Siehe Ahmed Rashid: Descent into Chaos, 2008, S. 78-81 u. 418, Fn. 33. Siehe dazu Kapitel II: Eine kurze Geschichte der Idee der „offenkundigen Bestimmung“ 39 „Die Geschichte beginnt jetzt“ („history starts now“). Viele Zeitgenossen hätten wohl seinerzeit aus diesen Worten nur die nervliche Belastung eines temperamentvollen Politikers zu Zeiten einer nationalen Krise herausgehört. Tieferschürfende Kritiker sprechen von einer „selbstverschuldeten historischen Amnesie“68, die die Bush-Regierung dazu führte, utopische und illusionsbelastete strategische Pläne aufzugreifen. Die gesamte islamisch geprägte Region von Marokko bis Pakistan (Greater Middle East) sollte nach amerikanischen Vorstellungen von Freiheit und Demokratie umgeformt werden. Der von der Tyrannei befreite und demokratisierte Irak sollte dabei nur der erste Dominostein sein, der gemäß der „demokratischen Domino-Theorie“ gleichsam alle anderen islamischen Länder nach sich in die Freiheit zieht. Der Umbau des Irak sollte nur der erste Schritt auf dem langen Wege des Umbaus der gesamten Region sein.69 Amerika als die außerordentliche Nation, die beauftragt ist, eine neue Weltordnung herbeizuführen, mit der die Geschichte von neuem beginnt und für die die Vergangenheit keine Rolle spielt – Armitage beschwor hier Denkfiguren, die in das angelsächsische amerikanische Bewusstsein von Anbeginn an gleichsam eingebrannt sind. Bereits zur Zeit der Gründung der Neuengland-Kolonien gewann die Vorstellung vom eigenen Auserwähltsein den für die späteren USA typischen weltrevolutionär-radikalen und missionarisch aufgeladenen Schwung. Lassen wir uns von Armitages Rhetorik nicht täuschen: Amerikas Eliten sind in der Regel genauso geschichtsbewusst wie die Eliten anderer Länder und ihr historisches Wissen ist auch nicht geringer ausauch die „Timeline Entries About ISI Director LT General Mahmood Ahmed“. https://911timeline.s3amazonaws.com/main/mahmoodahmed.html; und „General Mahmoud Ahmad in Washington“. http://www.911myths.com. 68 Andrew J. Bacevich: The New American Militarism. How Americans Are Seduced by War. – Oxford: Oxford University Press, 2005, S. 201. 69 Statt vieler: Mark Danner: The Struggles of Democracy and Empire. The New York Times, 9. Oktober 2002. https://www.nytimes.com/2002/10/09/opinion/the-strugg les-of-democracy-and-empire.html. Zugriff 12. November 2012; John Donnelly u. Anthony Shadid: US War Hawks Have Plans to Reshape Entire Mideast. The Boston Globe, 10. September 2002. www.hartford-hwp.com/archives/27/c/078.html. – Zugriff 12. November 2012; Zalmay Khalilzad: The Future of Iraq Policy. The Washington Institute for Near East Policy, Policy Watch 667, 8. Oktober 2002. https:// www.washingtoninstitute.org/policy-analysis/view/the-future-of-iraq-u.s.-policy. Zugriff 9. April 2016. Kapitel II: Eine kurze Geschichte der Idee der „offenkundigen Bestimmung“ 40 geprägt, auch wenn bizarre Einzelfälle immer wieder gerne von den Medien aufgegriffen werden. Auch in den USA berufen sich ideologisch gefestigte Propagandisten des Imperiums wie Ralph Peters mitunter gerne auf die „Lehren der Geschichte“70. Und sie kennen diese Geschichte durchaus. Und was den Blick in die Zukunft angeht, so wird ja gerade immer wieder in den USA selbst die Kritik laut, er reiche nicht über die nächste Quartalsbilanz hinaus. Und überhaupt: Gerade in Deutschland sollte man sich mit der großspurig vorgetragenen Behauptung, man habe aus der Geschichte gelernt, zurückhalten. Zwar werden wir tagtäglich durch Presse, Radio und Fernsehen mit dem „Dritten Reich“ konfrontiert, aber unser Handeln auf der heutigen politischen Bühne zeigt, dass wir tatsächlich sehr wenig aus unserer jüngeren Geschichte gelernt haben. Deutschland tritt in Europa wieder genauso gebieterisch auf wie ehedem. Es fordert andere europäische Länder auf, seinem Beispiel zu folgen und fühlt sich dabei vollkommen in Recht.71 Gegenüber Russland nehmen wir wieder eine feindselige Haltung ein, pflegen unsere Ressentiments der langen Dauer und lassen uns zu einer abenteuerlichen Konfrontation hinreißen. Es geht also bei Aussagen wie jenen von Armitage nicht um den Stellenwert des historischen Wissens im amerikanischen Bildungskanon, sondern um eine Demonstration eigener Stärke und des Anspruchs gegenüber dem Rest der Welt, diese Stärke notfalls ohne Rücksicht auf die Befindlichkeiten anderer Nationen für die Durchsetzung der eigenen Interessen einzusetzen. „History starts now“: Das heißt, wir haben eine Mission, und die werden wir erfüllen, ob euch das recht ist, oder nicht, ganz gleich, welche historisch begründbaren Ansprüche ihr ins Feld führt, und wenn dafür Krieg geführt werden muss, dann werden wir ihn gewinnen. Amerikas „Mission“, die Welt als auserwähltes Volk zu erneuern, hatte schon der puritanische Laienprediger, Anwalt und Politiker John Winthrop in seiner Predigt „A Model of Christian Charity“ verkündigt. „Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Ber- 70 Ralph Peters: Never Quit the Fight. – Mechanicsburg: Stackpole Books, 2006, S. 55 f. 71 Thomas Bargatzky: Einig Vaterland, ewig Unruhland, Eine deutsche Obsession. – Bad Schussenried: Gerhard Hess Verlag, in Druck. Kapitel II: Eine kurze Geschichte der Idee der „offenkundigen Bestimmung“ 41 ge liegt, nicht verborgen sein“72. Mit diesen Worten aus der Bergpredigt (Matthäus 5,14) wandte er sich 1630 an die Siedler der Massachusetts Bay. Sie sollten eine „Stadt auf dem Berge“ in der Nachfolge Jesu Christi errichten, der ganzen Welt als Zeichen und zum Vorbild. Winthrop stiftete damit gleichsam das inoffizielle Motto der späteren USA, denn das Selbstbewusstsein des amerikanischen Volkes, das sich aus der Gewissheit speist, zum Träger einer besonderen menschheitsbeglückenden „offenkundigen Bestimmung“ (manifest destiny) berufen zu sein, findet in der Metapher der „Stadt auf dem Berge“ den passenden Ausdruck. Thomas Paine, der Propagandist der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung, dem Georg Büchner in seinem Drama „Dantons Tod“ ein Denkmal gesetzt hat, knüpfte in seinem Traktat „Common Sense“ (1776) an den Gehalt der Metapher der Stadt auf dem Berge an und verschärfte sie zugleich. Die Gründung der USA entspricht bei Paine der Neuerschaffung der Welt nach der Sintflut: „Wir sind dazu aufgerufen, und die Gelegenheit ist nun vorhanden, die edelste und makelloseste Verfassung auf dem Antlitz der Erde zu schaffen. Es steht in unserer Macht, die Welt neu zu beginnen. Seit den Tagen Noahs gab es keine Lage mehr, die der heutigen gleicht. Die Geburt einer neuen Welt steht bevor“73. Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika entspricht der Neuerschaffung der Welt nach der Sintflut. Durch sie wird ein neues Kapitel im Buche des Bundes zwischen Gott und der Menschheit aufgeschlagen. Die Vereinigten Staaten werden durch diese Worte in eine Heilsgeschichte eingerückt, in der die Vergangenheit bedeutungslos ist. Was zählt schon die Geschichte, wenn die Zukunft der eigentlichen, wahren neuen Welt vor uns liegt? 72 John Winthrop: A Modell of Christian Charity (1630). Collection of the Massachusetts Historical Society, 3rd Series, 7:31-48. Boston 1838. https://history.hanover. edu/texts/winthmod.html. Zugriff 8. Dezember 2019. 73 „We have every opportunity and every encouragement before us, to form the noblest, purest constitution on the face of the earth. We have it in our power to begin the world over again. A situation, similar to the present, hath not happened since the days of Noah until now. The birth-day of a new world is at hand“. Thomas Paine: Common Sense (1776). – London: Penguin Books, 2004, S. 69. Übersetzung von mir, ThB. Kapitel II: Eine kurze Geschichte der Idee der „offenkundigen Bestimmung“ 42 Eine wahre, neue Welt ohne Teilhabe der indigenen Bevölkerung oder der Sklaven afrikanischer Herkunft, muss man hinzufügen. In der Unabhängigkeitserklärung von 1776 begründen nämlich die Unterzeichner ihr Streben nach Unabhängigkeit u.a. mit dem Vorwurf an König Georg III, er sei ein Förderer der „gnadenlosen Wilden“ an den Grenzen der britischen Kolonien, die in ihren blutigen Kriegen keinen Unterschied zwischen Alter und Geschlecht ihrer Opfer machen.74 Bei diesen „Wilden“ handelte es sich um die sogenannten „Fünf Zivilisierten Stämme“, besser bekannt als Irokesen, die später als Verbündete der Briten in den Unabhängigkeitskrieg eingriffen, auf der Seite der Verlierer landeten und bitter dafür bezahlen mussten. Die „Liga der Irokesen“ versetzte wegen ihrer komplexen politischen Organisation und der starken sozialen Stellung der Frau immer wieder Sozialtheoretiker und Philosophen in Erstaunen. Die Monographie Lewis Henry Morgans75 über die Irokesen wurde von Karl Marx und Friedrich Engels rezipiert und spielte auch in nichtmarxistischen Überlegungen zur sozialen und politischen Evolution menschlicher Gesellungsformen eine bedeutende Rolle.76 John Jay, zusammen mit Alexander Hamilton und James Madison einer der Verfasser der unter dem Pseudonym „Publius“ erschienenen „Federalist Papers“, jener für das Verfassungsverständnis der USA grundlegenden Textsammlung, ließ 1787 ebenfalls keinen Zweifel daran bestehen, für wen die neue Welt der Zukunft gedacht ist: Mit „Freude habe ich immer wieder bemerkt, daß es der Vorsehung gefallen hat, dieses eine zusammenhängende Land einem vereinten Volk zu geben – einem Volk, das von denselben Ahnen abstammt, 74 „He … has endavoured to bring on the inhabitants of our frontiers, the merciless Indian Savages, whose known rule of warfare, is an undistinguished destruction of all ages, sexes and conditions“. The Declaration of Independence and the Constitution of the United States of America. – Washington D.C.: Georgetown University Press, S. 9. 75 Lewis Henry Morgan: League of the Ho-De-No-Sau-Nee, Iroquois. – Rochester: Sage and Brother, 1851. 76 Friedrich Engels: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates. Im Anschluss an Lewis H. Morgan’s Forschungen. – Hottingen-Zürich, 1884. – Wegen der Existenz von zwei „Parlamentskammern“ in der traditionalen politischen Organisation der Irokesen-Liga gab es immer wieder Spekulationen über einen mutmaßlichen Einfluss dieser politischen Repräsentationsform auf die Verfassung der USA. Kapitel II: Eine kurze Geschichte der Idee der „offenkundigen Bestimmung“ 43 dieselbe Sprache spricht, sich zu demselben Glauben bekennt, denselben Regierungsgrundsätzen verhaftet ist, sehr ähnlichen Sitten und Gebräuchen folgt und das mit vereinten Gedanken, Waffen und Anstrengungen einen langen und blutigen, Seite an Seite geführten Krieg hindurch seine allgemeine Freiheit und Unabhängigkeit tapfer erkämpft hat“77. „Neger“ und „Indianer“ müssen leider draußen bleiben – Katholiken natürlich auch. Die wahre neue Welt war von Anfang an eine wei- ße, protestantische, angelsächsische Welt. Die Bürger der Vereinigten Staaten sind dazu auserwählt, sie in der „Stadt auf dem Berge“ dem Rest der Menschheit vorzuleben und die Welt schließlich in diesem Sinne umzugestalten. „Savages“ müssen sich assimilieren oder auf der Strecke bleiben und untergehen. Die Vorsehung will es so.78 Der Diskriminierung der Ureinwohner und aller Menschen nichtweißer, nichtangelsächsischer Herkunft kam daher, allen heutigen „politisch korrekten“ Bekenntnissen zum Trotz, fast schon Verfassungsrang in den Vereinigten Staaten zu.79 Und wenn Oberstleutnant a.D. Ralph Peters schreibt, dass in Europa bereits das Schulzeugnis des Grundschülers für seine spätere Laufbahn und seine Stellung in der Welt entscheidend ist, wogegen Amerika das Land der zweiten Chance sei – und der dritten, vierten oder fünften – dann hat er damit leider zweifellos recht.80 Diese Bereitschaft, dem Individuum immer wieder eine neue Chance zu geben, ist ein sympathischer Grundzug der amerikanischen Kultur. Aber wir müssen leider auch fragen: Welche Chancen haben Amerikaner schwarzer Hautfarbe oder die Nachkommen der Ureinwohner? Wie oft hatten sie, wie viele von ihnen haben denn auch unter den heutigen Bedingungen überhaupt eine erste Chance? 77 John Jay: Artikel Nr. 2, in: Alexander Hamilton, James Madison, John Jay: Die Federalist Papers. Übersetzt, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Barbara Zehnpfennig. – Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1992, S. 58. 78 Eugene McCarraher: The Heavenly City of Business. In: Andrew J. Bacevich (Hg.): The Short American Century. A Postmortem. – Cambridge, Massachusetts: Harvard Universsity Press, 2012, S. 187-230. 79 Alice B. Kehoe: The Kensington Runestone. Approaching a Research Question Holistically. – Long Grove, Illinois: Waveland Press, 2005, S. 19. 80 Ralph Peters: Never Quit the Fight. – Mechanicsburg: Stackpole Books, 2006, S. 256. Kapitel II: Eine kurze Geschichte der Idee der „offenkundigen Bestimmung“ 44 Die Überzeugung von der amerikanischen Auserwähltheit und der zivilisatorischen Mission der Vereinigten Staaten fand im 19. Jahrhundert in der griffigen Formel „manifest destiny“ (offenkundige Bestimmung) ihren bündigen Ausdruck. Als ihr Urheber gilt der seinerzeit einflussreiche Journalist John O’Sullivan. Im Jahre 1839 veröffentlichte er einen Aufsatz mit dem bezeichnenden Titel „The Great Nation of Futurity“. Mit eindringlichen Worten beschwört er darin die Bestimmung der USA als Land der Zukunft. Die Mission der Vereinigten Staaten sei die Errichtung einer neuen politischen Ordnung, die auf dem universellen Prinzip der Gleichheit der Menschen beruht. Die Geschichte anderer Länder sei ohne Bedeutung für die neue amerikanische Nation, denn sie biete dem amerikanischen Volk nichts außer abschreckenden Beispielen.81 Ralph Peters, der unermüdliche Propagandist des Imperiums und Europa-Verächter, denkt genauso: „Wir kämpfen für die Zukunft, wogegen unsere Feinde die Vergangenheit verteidigen“. „Es gibt ernste – und sich verschärfende – Meinungsverschiedenheiten zwischen den Amerikanern, die der Zukunft zugewandt sind, und den Franzosen, Deutschen oder Belgiern, die sich an die Vergangenheit klammern“82. Seine Überzeugung von Amerikas Weltmission machte O’Sullivan auch zu einem überzeugten Befürworter der Annexion von Texas. Die USA habe ihrer „offenkundigen Bestimmung“ zu folgen und den ihr von der Vorsehung zugewiesenen Kontinent mit ihrer jährlich anwachsenden Millionenbevölkerung zu füllen.83 Von O’Sullivans „manifest destiny“ führt ein direkter Weg zu einer weiteren Leitidee des amerikanischen Selbstbewusstseins: der soge- 81 John O’Sullivan: The Great Nation of Futurity. In: The United States Democratic Review 6, 1839, S. 426. https://en.wikisource.org/wiki/The_Great_Nation_of_Futur ity. Zugriff 11. November 2011. – O’Sullivans Sprache ist die der Börsenmakler: Bei „Futurity“ stellt sich die Assoziation „Futurity Bonds“ ein. 82 „We’re fighting for the future, while our enemies defend the past“. – „there are serious – and hardening – differences between Americans, who embrace the future, and the French or Germans or Belgians who cling to the past“. Ralph Peters: Never Quit the Fight. – Mechanicsburg: Stackpole Books, 2006, S. 117, 254. 83 „ … the fulfillment of our manifest destiny to overspread the continent allotted by Providence for the free development of our yearly multiplying millions“. John O’- Sullivan: Annexation. In: United States Magazine and Democratic Review 17 (1), 1845, S. 5-10. Online-Ausgabe: http://web.grinnell.edu/courses/HIS/f01/HIS202- 01/Documents/OSullivan.html. Zugriff 10. November 2011. Kapitel II: Eine kurze Geschichte der Idee der „offenkundigen Bestimmung“ 45 nannten „Frontier-These“. Der Historiker Frederick Jackson Turner veröffentlichte 1893 seine Schrift „The Frontier in American History“ über die Bedeutung der Grenze in der amerikanischen Geschichte. Darin verkündete er seiner Leserschaft, dass die egalitäre, demokratische, freiheitliche Gesinnung der Amerikaner, ihre Neuerungsbereitschaft und der aggressive Zug ihres Nationalcharakters auf ihrer dem Fortschritt verpflichteten Mission beruhe, die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation immer weiter nach Westen voranzutreiben. Das 1872 entstandene allegorische Gemälde „American Progress“ des aus Berlin stammenden Künstlers John Gast (1842–1896) übersetzte diese Leitidee schon vor Turner in eine anschauliche Bildsprache: Die Göttin Fortschritt treibt auf ihrem Weg nach Westen Indianer und wilde Tiere(!) vor sich her, um für Siedler, Eisenbahnen und Telegraphendrähte Platz zu schaffen. Der religiös getönte Anspruch auf Auserwählung hatte sich seit den Tagen der Puritaner unter dem Einfluss von biologischer Evolutionslehre und Säkularisierung zur liberalistisch unterfütterten ökonomischen Weltmission gewandelt. Die „Stadt auf dem Berge“ John Winthrops war zur „Heavenly City of Business“84 geworden. „Die Grenze“ – das war freilich nicht von Anfang an eine im entstehenden amerikanischen Volk verwurzelte Idee, sondern ein Eliteprojekt. Die Siedler und Farmer, namentlich die europäischen Einwanderer, kämpften gegen die Armut und waren seinerzeit viel zu sehr damit beschäftigt, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, als dass ihnen Zeit und Neigung bliebe, sich mit Abstraktionen zu beschäftigen. Turner war wohl ein Elfenbeinturm-Gelehrter.85 Das bedeutet jedoch nicht, dass die Idee von der kulturbildenden Funktion der Grenze – wie politische Ideen überhaupt – nicht ernst zu nehmen wäre. Die von den Eliten formulierten und gehegten Ideen können sich durchaus im Laufe der Zeit durchsetzen, wenn Medien und Bildungsanstalten sie aufgreifen und verbreiten. So geschah es mit dem Nationalgedanken im 19. Jahrhundert und mit dem Europa-Gedanken seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. 84 McCarraher, a.a.O. – Das Gemälde von John Gast ist im „Autry Museum of the West“ in Los Angeles ausgestellt. Im Internet ist es bestens zugänglich. 85 „ivory-tower academic“. Kehoe, Kensington Runestone, S. 5, 19. Kapitel II: Eine kurze Geschichte der Idee der „offenkundigen Bestimmung“ 46 Die Leitidee des „manifest destiny“ nahm unter den Präsidenten Theodore Roosevelt und Woodrow Wilson die machtpolitisch wirksame Form an, die sie noch heute besitzt. Der Weg nach Westen war ja bis an die Gestade des Pazifiks vorangetrieben worden. Territoriale Expansion war zu ihrer Zeit nicht mehr das Ziel der US-Politik, sondern politische Dominanz und das Recht auf Intervention in anderen Staaten der amerikanischen Hemisphäre. Theodore Roosevelts Jahresbotschaft an den Kongress vom 6. Dezember 1904 ist ein Schlüsseltext für das Verständnis der US-Politik auch in unseren Tagen. Sie hüllt den Dominanzanspruch der USA bezüglich der westlichen Hemisphäre in die gleiche noble Rhetorik eines selbstverständlichen Eintretens für die „primary laws of civilized society“, mit der heutige amerikanische Politiker und Denkfabrik-Intellektuelle den weltweiten Dominanzanspruch der Vereinigten Staaten hinsichtlich der Durchsetzung von Demokratie, guter Regierungsführung und Menschenrechten rechtfertigen. Diesem Anspruch sollte schon bei Roosevelt notfalls auch durch militärische Intervention Geltung verschafft werden. Er nahm für die USA das Recht in Anspruch, als „internationale Polizeitruppe“ aufzutreten, um ihre Interessen in der westlichen Hemisphäre zu schützen.86 Durch den sogenannten „Roosevelt-Zusatz“ (Roosevelt Corollary) stellte der Präsident die Monroe-Doktrin von 1823 gleichsam auf den Kopf: Die Monroe-Doktrin verkündet die Nichteinmischung der USA in die europäischen Angelegenheiten und verlangt im Gegenzug keine Einmischung der Europäer in der westlichen Hemisphäre. Die amerikanischen Staaten sollten ihre Angelegenheiten selbst regeln.87 86 Theodore Roosevelt: Fourth Annual Message To the Senate and House of Representatives. – John T. Woolley und Gerhard Peters: The American Presidency Project. www.presidency.ucsb.edu/ws/print.php?pid=29545. Zugriff 13. Februar 2016. – Zur Formierung amerikanischer Weltpolitik seit den 1890er Jahren über Theodore Roosevelt bis zu Woodrow Wilson, siehe Paul Kennedy: The Rise and Fall of the Great Powers. Economic Change and Military Conflict from 1500 to 2000. – London: Unwin Hyman, 1988, S. 245-247. 87 Barbara Jentzsch: Präsident Roosevelt ergänzt Monroe-Doktrin. Deutschlandfunk (Kalenderblatt), 6. Dezember 2004. https://www.deutschlandfunk.de/praesidentroosevelt-ergaenzt-monroe-doktrin.871.de.html?dram:article_id=124986. Zugriff zuletzt 8. Dezember 2019. Kapitel II: Eine kurze Geschichte der Idee der „offenkundigen Bestimmung“ 47 In seiner Rede vor dem Kongress am 2. April 1917 ging Präsident Wilson noch ein Stück weiter. Er ersuchte das Parlament wegen des U- Bootkrieges um die Zustimmung zur Kriegserklärung gegen das Deutsche Reich, wobei in seiner Rede deutlich wird, dass die Deutschen bei ihm nunmehr die Rolle der „Wilden“ eingenommen hatten, die in der Unabhängigkeitserklärung die Irokesen spielen. Dabei sprach er die programmatischen Worte „The world must be made safe for democracy“, die Welt müsse zu einem sicheren Ort für die Demokratie gemacht werden. Den USA falle in diesem weltweiten Kampf die Aufgabe des „Streiters für die Rechte der Menschheit“ zu.88 In seiner Jahresbotschaft an den Kongress vom 7. Dezember 1920 stimmte er geradezu eine Eloge auf die Demokratie an, die bei ihm zu einem „Glauben“ mutiert, der „Reinheit“ und „Spiritualität“ besitzt. Die „offenkundige Bestimmung“ der USA sei es, diesen Geist der Demokratie zu erhalten und zu verbreiten.89 Der Präsident als Missionar und Laienprediger: Wilson, meint der Sicherheitsexperte Chalmers Johnson, schuf die idealistische Grundlage für den amerikanischen Imperialismus, der in unseren Tagen die Form einer „Mission der Demokratisierung“ der Welt angenommen hat. Mehr als irgendein anderer formulierte er die ideologische Begründung einer interventionistischen Außenpolitik, die sich in das Gewand humanitaristischer und demokratischer Rhetorik hüllt. „Wilson ist der Pate jener zeitgenössischen Ideologen, die die amerikanische imperiale Machtprojektion mit dem Auftrag des Demokratieexports rechtfertigen“90. 88 Making the World „Safe for Democracy“: Woodrow Wilson Asks for War. http:// historymatters.gmu.edu/d/4943/, Zugriff 2. Oktober 2012. 89 „Let us have faith that right makes might, and in that faith let us dare to do our duty as we understand it … this was the faith which won the war … This is the mission upon which Democracy came into the world … This is the time of all others when Democracy should prove its purity and its spiritual power to prevail. It is surely the manifest destiny of the United States to lead in the attempt to make this spirit prevail“. Woodrow Wilson: 8th Annual Message, December 7, 1920. Online by Gerhard Peters and John T. Woolley, The American Presidency Project. http://www.presidency.ucsb.edu/ws/?pid=29561. – „Democracy“ ist im Original großgeschrieben. 90 Chalmers Johnson: The Sorrows of Empire. Militarism, Secrecy, and the End of the Republic. – New York: Metropolitan Books, 2004, S. 48. Übersetzung von mir, ThB. Kapitel II: Eine kurze Geschichte der Idee der „offenkundigen Bestimmung“ 48 Für David Stockman, Direktor des Amtes für Verwaltung und Haushaltswesen (budget director) unter Ronald Reagan, war Wilson noch etwas anderes: ein „größenwahnsinniger Irrer und der schlechteste von allen schlechten Präsidenten in der Geschichte Amerikas … nun, abgesehen von den beiden letzten“91. In Wilson sieht Stockman den Hauptverantwortlichen für das „gigantisch gescheiterte 20. Jahrhundert“. Ohne den von ihm 1917 betriebenen Eintritt in den Ersten Weltkrieg, dem kein irgendwie definierbares nationales Interesse der USA zugrunde lag, hätten die ausgebluteten Kriegsparteien in Europa von selbst Frieden geschlossen, es hätte Versailles nicht gegeben und der Totalitarismus mit all seinen Folgen wäre wohl Europa und dem Rest der Welt erspart geblieben. Im Geiste Wilsons rief Henry R. Luce, der einflussreiche amerikanische Verleger und u.a. Gründer der Zeitschriften „Time“ und “Life“, im Jahre 1941 das „amerikanische Jahrhundert“ aus. Den Vereinigten Staaten, als dem „Guten Samariter der ganzen Welt“, falle die Aufgabe zu, alle Hungernden und Verzweifelten der Welt zu nähren und aufzurichten. Dies könne aber nur dann von Erfolg gekrönt sein, wenn Amerika im gleichen Zuge seinen Idealen weltweit Geltung verschafft: Freiheitsliebe, Chancengleichheit, Selbstvertrauen, Gerechtigkeit, Wahrheitsliebe, freie Marktwirtschaft, Fortschritt. Nur in solch einer nach amerikanischem Vorbild geformten Welt, meint Luce, können auch die Vereinigten Staaten auf Dauer bestehen.92 – Siebzig Jahre nach Luce führten Skeptiker allerdings eine „Leichenschau“ des „Amerikanischen Jahrhunderts“ durch, von dem sie meinen, es sei nur ein kurzes gewesen.93 91 David Stockman: The Epochal Consequences of Woodrow Wilson’s War. Contra Contra Corner, 20 Januar 2015. https://davidstockmanscontracorner.com/the-epoc hal-consequences-of-woodrow-wilsons-war/. Zugriff zuletzt 8. Dezember 2019. Übersetzung von mir, ThB. – Stockmans vernichtende Kritik an Wilson und allem, wofür dieser stand, verdiente es, ins Deutsche übersetzt und in die Geschichtslehrbücher übernommen zu werden. 92 Henry R. Luce: The American Century. Life 10, 17. Februar 1941, S. 61-65. http:// www-personal.umich.edu/~mlassite/discussions261/luce.pdf. Zugriff zuletzt 8. Dezember 2019. 93 Andrew J. Bacevich (Hg.): The Short American Century. A Postmortem. – Cambridge, Massachusetts: Harvard University Press, 2012. Kapitel II: Eine kurze Geschichte der Idee der „offenkundigen Bestimmung“ 49 Ronald Reagan, der viel zu lange namentlich in Deutschland unterschätzte geniale Kommunikator, machte immer wieder erfolgreich von der Metapher der „Stadt auf dem Berge“ Gebrauch. Er strahlt Zuversicht aus, lauteten die oft hymnischen amerikanischen Pressekommentare bei seinem Amtsantritt als 40. amerikanischer Präsident und noch bis in seine zweite Amtszeit hinein. Reagans geschickte Bedienung des amerikanischen Sentiments mit dem inoffiziellen Berg-Motto der Vereinigten Staaten konnte die sozialen Spannungen übertünchen, die seine „Reaganomics“ genannte Wirtschaftspolitik im Lande hervorrief. Steuersenkungen in großem Ausmaß in Verbindung mit einer massiven Steigerung des Militärhaushalts sorgten im Jahre 1984 für eine Wachstumsrate der Wirtschaft von sieben Prozent, was zu seinem Erdrutsch-Sieg bei seiner Wiederwahl führte.94 Reagan dachte jedoch, anders als seine Nachfolger, nicht an eine unipolare Weltordnung. Er mahnte zwar immer wieder zur Einhaltung der Menschenrechte, war aber Realpolitiker genug, um nicht auch seinen politischen Rivalen wie seinem Vorgänger im Präsidentenamt, Jimmy Carter, vorzuwerfen, Amerikas Verbündete durch sein Herumreiten auf der Menschenrechtsfrage zu verprellen.95 Reagan wollte die Welt nicht missionieren, sein Augenmerk lag auf der Eindämmung der Sowjetunion und dem Kampf gegen ihre kommunistische Ideologie. Seine Rüstungspolitik begründete er mit der Bedrohung durch den Kommunismus; sein Ziel war letztlich die Schaffung einer Welt ohne Atomwaffen. Der bald nach Reagans Amtszeit erfolgte Zusammenbruch der Sowjetunion, der schnelle Sieg im Ersten Irak-Krieg 1991 und die Auflösung des Warschauer Paktes im selben Jahr lösten jedoch Triumphgefühle sondergleichen im Westen aus. Freie Marktwirtschaft,96 De- 94 Chalmers Johnson: Nemesis. The Last Days of the American Republic. – New York: Holt, 2006, S. 275. 95 Steve Coll: Ghost Wars. The Secret History of the CIA, Afghanistan, and bin Laden, from the Soviet Invasion to September 10, 2001. – New York: The Penguin Press, 2004, S. 62. 96 Freie Marktwirtschaft ist „die Freiheit des Fuchses im Hühnerstall“ (Richard Nebel) – eine Freiheit, deren Export insbesondere in der Zeit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion fatale Folgen für die damit Beglückten hatte und immer noch hat. Siehe Amy Chua: World on Fire. How Exporting Free Market Democracy Breeds Ethnic Hatred and Global Instability. – New York: Anchor Books, 2004. Kapitel II: Eine kurze Geschichte der Idee der „offenkundigen Bestimmung“ 50 mokratie und der „American way of life“ hätten gleichsam das „Ende der Geschichte“97 herbeigeführt. Reagans Nachfolger im Präsidentenamt, George H.W. Bush, gab schon seit 1990 in mehreren Reden vor dem Kongress die Parole von der „new world order“ aus, der „neuen Weltordnung der Freiheit und Menschenrechte in jedem Land der Erde“98. Es passt gut in dieses Bild, dass Präsident Bush Senior die meisten „Reaganites“ aus dem Kabinett entfernte und von höheren Regierungsposten abberief, und sei es auch nur, um dem rechten Flügel der Republikaner zu signalisieren, dass er gegenüber der Sowjetunion keinen sanften Kurs fahren wolle. Reagan hatte noch versucht, die Republikaner zu einigen, indem er Bush zu seinem Vizepräsidenten machte und den Bush-Anhängern hochrangige Posten übertrug.99 Am Beispiel des den Demokraten nahestehenden Journalisten Thomas L. Friedman wird deutlich, dass Demokraten und Republikaner zumindest in außenpolitischer Hinsicht bereits gegen Ende der Präsidentschaft von Bill Clinton ideologisch im Gleichschritt marschierten. Friedman feiert die USA in einem langen Essay als „gutmütigen Hegemon“ und „endgültige gutmütige Supermacht“, die für die Sicherung der Globalisierung unverzichtbar ist: „Die unsichtbare Hand des Marktes kann niemals ohne die unsichtbare Faust wirksam sein – McDonald kann nicht ohne McDonnell Douglas florieren“, d.h. den Hersteller u.a. des Mehrzweckkampfflugzeugs F-15. All der Reichtum, der mit Hilfe der Unternehmen im Silicon Valley erzeugt wird, brau- 97 Francis Fukuyama: The End of History? The National Interest no. 18, Winter 1989, S. 3-18. https://history.msu.edu/hst203/files/2011/02/Fukuyama-The-End-of-Hist ory.pdf. Zugriff 30. Juni 2017. 98 „We stand today at a unique and extraordinary moment … Out of these troubled times, our fifth objective – a new world order – can emerge: a new era“. Toward a New World Order. A transcript of former President George Herbert Walker Bush’s address to a joint session of Congress and the nation (11. September 1990). National Archives. – „Now, we can see a new world coming into view … in which freedom and respect for human rights find a home among all nations“. Address Before a Joint Session of the Congress on the Cessation of the Persian Golf Conflict, 6. März 1991. www.presidency.ucsb.edu. Zugriff 30. Juni 2017. 99 Jack F. Matlock: Reagan and Gorbachev. How the Cold War Ended. – New York: Random House, 2004, S. 314. Kapitel II: Eine kurze Geschichte der Idee der „offenkundigen Bestimmung“ 51 che eine Welt, die durch eine „gutmütige Supermacht“ stabilisiert wird und deren Hauptstadt sei Washington, D.C. 100 Neokonservative Denkfabrik-Ideologen aus dem Umfeld der Republikaner, wie beispielsweise der Publizist und Historiker Robert Kagan, nahmen die Parolen von der „neuen Weltordnung“ auf, nicht ohne sie mit der Leitidee von Amerika als der „unverzichtbaren Nation“ (indispensable nation) zu verbinden.101 Sie dienen ihnen als Schallverstärker für die Ohren eines gleichgesinnten Publikums. Die Leitidee der „offenkundigen Bestimmung“ Amerikas ist zwar jünger als Europas Furcht vor dem „Drang Asiens nach Westen“, aber diese beiden Ideen der langen Dauer wurden in der Zeit nach dem Ende des Kalten Krieges miteinander zu einem explosiven ideologischen Giftcocktail vermischt. Das „Ende der Geschichte“ sei erreicht und die „Stadt auf dem Berge“ sei dazu berufen, dafür zu sorgen, dass es so bleibt. Asiens Drang, getragen von China und Russland, müsse gleichsam jetzt und für alle Zeit von der außerordentlichen, unverzichtbaren „Stadt auf dem Berge“ abgewehrt werden. Dieses neokonservative Gedankengut konnte sich während der Präsidentschaft von George W. Bush von den Republikanern und Barack Obama von den Demokraten voll entfalten. Das folgende Kapitel zeichnet seinen Einfluss auf die US-Außenpolitik nach, nämlich in der Art und Weise, in der Washington nach „Washingtons Regeln“ herrscht. 100 Thomas L. Friedman: A Manifesto for the Fast World. The New York Times, 28. März 1999. https://www.nytimes.com/1999/03/28/magazine/a-manifesto-forthe-fast-world.html. Zugriff zuletzt 8. Dezember 2019. 101 Robert Kagan: Of Paradise and Power. America and Europe in the New World Order. – New York: Alfred A. Knopf, 2005, S. 94. Kapitel II: Eine kurze Geschichte der Idee der „offenkundigen Bestimmung“ 52

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References

Abstract

In these days, we live in a new Cold War. On the side of Western elites, the disintegration and collapse of the Soviet Union was seen as representing the End of History and a permanent triumph of democratic values. American triumphalism, an expression of the idea of Manifest Destiny, believed that America was capable of reshaping the world in its image. According to this concept, the world was entering a New World Order in which international norms and transnational principles of human rights would prevail over the traditional prerogatives of sovereign governments. Promoting regime change was considered a legitimate act of foreign policy. In reality, all of this turned out to be illusionary. Instead of promoting peace, the attempt to usher in a New American Century resulted in international terrorism and endless wars in Afghanistan and the Near East. The eastward enlargement of NATO entails the risk of nuclear war. The New World Order turns out to be a big delusion, endangering the survival of humankind.

Zusammenfassung

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verbreiteten sich unter westlichen Eliten Illusionen von „Ende der Geschichte“ und der Einrichtung einer „neuen Weltordnung“ nach amerikanischem Vorbild. Sie sind der Ausdruck uramerikanischer Vorstellungen von der „offenkundigen Bestimmung“ der USA, weltweit ein „neues amerikanisches Jahrhundert“ des Friedens, der Demokratie, der Menschenrechte und des Wohlstands zu schaffen. Die Folgen waren die NATO-Erweiterung bis an die Schwelle Russlands, ein neuer Kalter Krieg durch die Verschlechterung der Beziehungen zu Russland und China, internationaler Terrorismus, die andauernde Verwicklung in Kriege in Afghanistan und dem Nahen Osten, die für viele Länder der Dritten Welt verheerende ökonomische Globalisierung sowie die Delegitimierung der Leitideen der staatlichen Souveränität und der souveränen Gleichheit aller Staaten. Das „neue amerikanische Jahrhundert“ enthüllt sich daher als „Großer Wahn“, der die Welt an den Rand eines Atomkriegs führen könnte.