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Postskriptum, Juni 2020 in:

Thomas Bargatzky

Der große Wahn, page 307 - 308

Der neue Kalte Krieg und die Illusionen des Westens

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4385-1, ISBN online: 978-3-8288-7370-4, https://doi.org/10.5771/9783828873704-307

Tectum, Baden-Baden
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militärischen Abenteuern beteiligen, um die Illusion vom „Ende der Geschichte“618 aufrechtzuerhalten und sich gegen das Entstehen einer neuen, multipolaren Weltordnung zu stemmen. Oft kam jedoch der Anstoß zum Zerfall von Imperien von außen, durch Ereignisse, mit denen niemand rechnete. Ob die Coronavirus-Pandemie, die sich seit Ende des Jahres 2019 über die Welt verbreitet, das Vertrauen in die ideologischen Grundlagen der „neuen Weltordnung“ so erschüttert, dass sie zusammenbricht, noch bevor sie sich die Welt endgültig unterwerfen kann? „Gezählt, gewogen und zerteilt“ – im Rest der Welt hat man verstanden, dass Misstrauen angebracht ist, wenn westliche Politiker, Journalisten und Symbolanalytiker von „unseren Werten“ sprechen, denn die Geschichte des vergangenen Vierteljahrhunderts lehrt, dass sie dabei nichts Gutes im Schilde führen und in ihrem Großen Wahn von toxischen Ideen der langen Dauer geleitet werden. Vielleicht genügt ein Anstoß von der Art der Pandemie, um das Gebäude einzustürzen, das der Westen seit dem Ende des Kalten Kriegs errichtet hat. Postskriptum, Juni 2020 Im Vorwort verweise ich darauf, dass nicht zuletzt aufgrund der Corona-Krise die sicherheitspolitischen Konfliktlagen auf unüberschaubare Weise in Fluss geraten sind. Als ich Anfang Juni 2020 den Text des vorliegenden Buches für die Drucklegung aus der Hand gab, hatten sich die darin beschriebenen Trends, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, zu einer gefährlichen explosiven Gesamtlage verdichtet. Die grausame Tötung des Afroamerikaners George Floyd durch einen weißen Polizisten in Minneapolis am 25. Mai hat gewalttätige Ausschreitungen auf Amerikas Straßen ausgelöst. Nach der Einschätzung des Oberstleutnants a.D. der US-Luftwaffe und Historikers William Astore bekämen nun die US-Bürger eine Vorstellung davon, was ihre Regierungen mit ihren „Forever Wars“ in anderen 618 Francis Fukuyama: The End of History and the Last Man. – New York: The Free Press, 1992. – Eine kritische Lektüre dieses Werks (z.B. S. 115-122) zeigt, dass es beim Projekt der neokonservativen „neuen Weltordnung“ nicht um „Demokratie- Export“ geht, sondern vielmehr, im Gegenteil, und im Einklang mit der zynischen Idee der „Chaos-Stiftung“ durch „kreative Zerstörung“, um Demokratie- Verhinderung, damit sich keine dauerhaft stabilen Demokratien im Rest der Welt entwickeln können, die in der Lage wären, sich der Durchsetzung von US-Interessen zu widersetzen. Kapitel XII: Ausblick – Und Europa? 307 Ländern ständig anrichten.619 Vor dem Hintergrund drohender Massenarbeitslosigkeit und des zusammenbrechenden Gesundheitssystems im Gefolge der Corona-Krise geben acht von zehn befragten amerikanischen Wählern zu Protokoll, dass das Land außer Kontrolle geraten sei.620 Präsident Trump spielt mit dem Gedanken, die Armee zur Bekämpfung der Unruhen einzusetzen. Seine Generäle widersetzen sich jedoch diesem Ansinnen und spannen lieber neue potenzielle Gefechtsräume in der Arktis und im Schwarzen Meer auf,621 denn für die Ausschreitungen seien nicht Rassenspannungen im Verein mit einem dysfunktionalen politischen System und einer zerbröselnden Infrastruktur verantwortlich, sondern – wer sonst? – Russland.622 Russland ist der Dauerprovokationen des Westens überdrüssig und hat eine neue Militärdoktrin angekündigt: ein Angriff mit konventionellen Waffen werde sofort mit dem Einsatz von Kernwaffen beantwortet.623 Der indische Botschafter a.D. und scharfsinnige Beobachter der weltpolitischen Lage, Melkulangara Bhadrakumar, sieht angesichts all dessen die Bedeutung der G7- Staaten langfristig schwinden. Um seine Worte zu benutzen: Sie gehen einem langen Sonnenuntergang entgegen.624 Hoffen wir, dass dieser Sonnenuntergang nicht in den Aufgang tausender nuklearer Sonnen mündet.625 Wer es bei der Lektüre des vorliegenden Buches bis zu diesem Satz geschafft hat, kann zumindest mit Gewissheit sagen, dass es noch nicht soweit ist. Das heißt jedoch nicht, dass es nicht so kommen könnte. 619 William J. Astore: „Light ‘Em Up“. Warrior-Cops Are the Law – and Above the Law – as Violence Grips America. TomDispatch, 7. Juni 2020. http://www.tomdis patch.com/post/176711/tomgram:_william_astore,_america's_forever_wars_ have_come_home/. Zugriff 8. Juni 2020. 620 Der norwegische Blogger Pål Steigan fasst die Ergebnisse dieser Untersuchungen zusammen und fügt auch ein Diagramm mit englischem Text bei. https://steigan. no/2020/06/usa-atte-av-ti-velgere-mener-landet-er-pa-vei-ut-av-kontroll/. Zugriff 10. Juni 2020. 621 Brian Cloughley: The Pentagon’s Battle Space Is Expanding. Strategic Culture Foundation, 9. Juni 2020. https://www.strategic-culture.org/news/2020/06/09/thepentagons-battle-space-is-expanding/. Zugriff 9. Juni 2020. 622 Zachary Evans: Susan Rice Blames „Foreign Acors“ for Stirring George Floyd Protests: „Right Out of the Russian Playbook“. National Review, 1. Juni 2020. https://www.nationalreview.com/news/susan-rice-blames-foreign-actors-for-stirr ing-george-floyd-protests-right-out-of-the-russian-playbook/. Zugriff 11. Juni 2020. 623 Vladimir Isachenkov: New Russian policy allows use of atomic weapons against non-nuclear strike. Defense News, 2. Juni 2020. https://www.defensenews.com/ global/europe/2020/06/02/new-russian-policy-allows-use-of-atomic-weaponsagainst-non-nuclear-strike/. Zugriff 8. Juni 2020. 624 M.K. Bhadrakumar: G7 Walks Towards A Long Sunset. Indian Punchline, 8. Juni 2020. https://indianpunchline.com/g7-walks-towards-a-long-sunset/. Zugriff 11. Juni 2020. 625 Eine Anspielung auf den Titel des erstmals 1956 erschienenen Buchs von Robert Jungk: Heller als tausend Sonnen (Suttgart: Scherz Verlag). Kapitel XII: Ausblick – Und Europa? 308

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Abstract

In these days, we live in a new Cold War. On the side of Western elites, the disintegration and collapse of the Soviet Union was seen as representing the End of History and a permanent triumph of democratic values. American triumphalism, an expression of the idea of Manifest Destiny, believed that America was capable of reshaping the world in its image. According to this concept, the world was entering a New World Order in which international norms and transnational principles of human rights would prevail over the traditional prerogatives of sovereign governments. Promoting regime change was considered a legitimate act of foreign policy. In reality, all of this turned out to be illusionary. Instead of promoting peace, the attempt to usher in a New American Century resulted in international terrorism and endless wars in Afghanistan and the Near East. The eastward enlargement of NATO entails the risk of nuclear war. The New World Order turns out to be a big delusion, endangering the survival of humankind.

Zusammenfassung

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verbreiteten sich unter westlichen Eliten Illusionen von „Ende der Geschichte“ und der Einrichtung einer „neuen Weltordnung“ nach amerikanischem Vorbild. Sie sind der Ausdruck uramerikanischer Vorstellungen von der „offenkundigen Bestimmung“ der USA, weltweit ein „neues amerikanisches Jahrhundert“ des Friedens, der Demokratie, der Menschenrechte und des Wohlstands zu schaffen. Die Folgen waren die NATO-Erweiterung bis an die Schwelle Russlands, ein neuer Kalter Krieg durch die Verschlechterung der Beziehungen zu Russland und China, internationaler Terrorismus, die andauernde Verwicklung in Kriege in Afghanistan und dem Nahen Osten, die für viele Länder der Dritten Welt verheerende ökonomische Globalisierung sowie die Delegitimierung der Leitideen der staatlichen Souveränität und der souveränen Gleichheit aller Staaten. Das „neue amerikanische Jahrhundert“ enthüllt sich daher als „Großer Wahn“, der die Welt an den Rand eines Atomkriegs führen könnte.