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Kapitel I: „Verschwörungstheorien“? in:

Thomas Bargatzky

Der große Wahn, page 17 - 36

Der neue Kalte Krieg und die Illusionen des Westens

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4385-1, ISBN online: 978-3-8288-7370-4, https://doi.org/10.5771/9783828873704-17

Tectum, Baden-Baden
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„Verschwörungstheorien“? In amerikanischen Städten, auch in der Bundeshauptstadt Washington, solle eine Terrorkampagne mit Bombenexplosionen gestartet werden, für die man Kuba verantwortlichen machen würde. Geheime US-Kräfte sollten „Kubaner spielen“ und ein amerikanisches Schiff in kubanischen Gewässern versenken. Die US-Basis Guantanamo solle von solchen Kubaner-Darstellern angegriffen und ein amerikanisches Flugzeug von ihnen in Brand gesetzt werden. Über Kuba könne ein US- Verkehrsflugzeug abgeschossen werden, dessen Passagiere und Besatzung aus eingeschworenen US-Loyalisten zuvor auf einer US-Basis insgeheim das Flugzeug verlassen würden. Anschließend solle eine unbemannte Drohne, als Verkehrsflugzeug getarnt, nach Kuba geflogen werden, wo es über dem kubanischen Luftraum abgeschossen würde. Näherten sich kubanische Schiffe und Flugzeuge den Orten solcher Geschehnisse, dann könne dies als weiterer Beweis für kubanische Urheberschaft verkündet werden. Fiktive Listen mit den Namen der Todesopfer sollten in den USA veröffentlicht werden, um im Lande den Zorn gegen die kommunistische kubanische Führung zu entfachen und „Vergeltungsschläge“ gegen Kuba zu rechtfertigen. Dies alles und noch mehr ist nicht den Hirnen durchgeknallter anti-amerikanischer „Verschwörungstheoretiker“ entsprungen, oder einem überdrehten Polit-Thriller aus der Feder von Autoren wie Robert Ludlum oder Frederick Forsyth, sondern es entstammt einem unter dem Namen „Operation Northwoods“ bekannt gewordenen, ehemals geheimen Memorandum der Oberkommandierenden der Vereinten Streitkräfte (Joint Chiefs of Staff) der USA aus dem Jahre 1962, unter der Federführung des damaligen Generalstabschefs, General Lyman Lemnitzer.28 Seit 2001 ist das Operation Northwoods-Memorandum für die Öffentlichkeit freigegeben. Man muss diese im Internet Kapitel I: 28 Memorandum for the Secretary of Defense. Subject: Justification for US Military Intervention in Cuba. 13. März 1962. (http://writch.com/sites/oldwritch/northwoo 17 zugängliche Rezeptur selbst lesen, diese Anleitung zur Durchführung von Täuschungsmanövern bzw. false flag-Operationen mit dem Ziel, einen Krieg gegen Kuba anzuzetteln und ihn vor dem heimischen Publikum zu rechtfertigen. So gewinnt man einen Eindruck von der pervertierten Phantasie „Kalter Krieger“ jener Tage, die auch bereit waren, das Leben amerikanischer Bürger im Dienst der „guten Sache“ zu opfern. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden ferner unter Leitung der CIA durch das sogenannte „Office for Policy Coordination“ (OPC) geheime Kampfgruppen bzw. „stay-behind“-Gruppen in Europa geschaffen, mit deren Hilfe im Falle der Besetzung Westeuropas durch sowjetische Armeen Sabotageakte verübt werden sollten. Die italienische Komponente dieser Strategie wurde unter dem Stichwort „Operation Gladio“ bekannt und „Gladio“ wurde zum Synonym für diese Kampfgruppen auch außerhalb Italiens. So weit, so gut, es herrschte Kalter Krieg. Inwieweit Geheimdienstkreise in Italien und anderen europäischen Staaten auf solche Gruppen zurückgriffen, um durch Terror-Anschläge ein Klima der Unsicherheit zu schaffen, ist seit den 1990er Jahren Gegenstand anhaltender verstörender Kontroversen: Italien sollte davon abgehalten werden, politisch mehr nach Links zu rücken. Für die Bombenanschläge auf die Landwirtschaftsbank am 12. Dezember 1969 an Mailands Piazza Fontana mit siebzehn Toten und auf den Hauptbahnhof von Bologna am 2. August 1980 mit 85 Toten wurden anfänglich linksextreme Anarchisten verantwortlich gemacht, sie wurden aber von Rechtsextremisten begangen. Ob und inwieweit die CIA involviert war, bleibt kontrovers.29 Jedenfalls richtete die CIA seit den 1960er Jahren in North Carolina das „Harvey Point Defense Testing Activity“ dsOCR.pdf). – Der renommierte Journalist James Bamford, ein Spezialist für die britischen und amerikanischen Geheimdienste, hatte schon vor dessen Freigabe Zugang zu dem Memorandum. Seiner Meinung nach gehen die dort ventilierten Ideen ursprünglich auf US-Präsident Eisenhower zurück, der als „Sieger“ aus dem Amt scheiden wollte und nach einem Vorwand für einen Angriff auf Kuba suchte. Siehe James Bamford: Body of Secrets. How America’s NSA and Britain’s GCHQ Eavesdrop on the World. – London: Arrow Books, 2002, S. 82 f. 29 Peter Dale Scott, Road to 9/11, S. 14, 180-184. Zur Geschichte des OPC, siehe John Ranelagh: The Agency. The Rise and Decline of the CIA. – London: Weidenfeld & Nicolson/Sceptre, 1988, S. 133-138. Die Existenz der mit der NATO verbundenen geheimen Sicherheitsstrukturen wurde am 3. August 1990 von Premierminister Kapitel I: „Verschwörungstheorien“? 18 ein, ein Trainingslager für terroristische Operationen, wo CIA-Agenten sowie Exilkubaner, Israelis, nikaraguanische „Contras“, Palästinenser und arabische Islamisten in der Herstellung von Bomben und dem Durchführen terroristischer Aktivitäten ausgebildet wurden.30 Immer wieder finden in den USA entsetzliche Anschläge auf Schulen, Kinos, Einkaufszentren, Diskotheken etc. statt. Wer kann jene Amerikaner nicht verstehen, die angesichts des manifesten menschenverachtenden Zynismus, der in Dokumenten wie dem Operation Northwoods-Memorandum zum Ausdruck kommt, hinter solchen Geschehnissen sinistre Machenschaften vermuten, durch die die Zustimmung der US-Bürger für irgendwelche gewalttätigen Aktionen der Regierung im Ausland gewonnen werden soll? Schnell werden sie dann von Medien und Politikern „Verschwörungstheoretiker“ genannt, ein Vorwurf, den sie zurückweisen. Das Beispiel von Operation Northwoods macht deutlich, dass die Auseinandersetzung mit dem Begriff Verschwörungstheorie nötig ist, wenn wir bestimmte Regierungsmaßnahmen kritisieren und hinter ihnen andere Absichten vermuten, als in den offiziellen Begründungen zum Ausdruck kommen. Nehmen wir die Terrorangriffe vom 11. September 2001 in New York und Washington als weiteres Beispiel, für die man das Terroristen-Netzwerk al-Qaeda verantwortlich macht. Sie galten als überzeugender Beweis für die Bedrohung, die ganz allgemein vom Nahen Osten für die westliche Welt und insbesondere für die USA ausgehe. Schon bald wurde über Pläne für die Schaffung eines Giulio Andreotti vor einer parlamentarischen Kommission des italienischen Parlaments eingestanden, andere westeuropäische Regierungen folgten. Siehe Daniele Ganser: NATO’s Secret Armies. Operation Gladio and Terrorism in Western Europe. – London: Frank Cass, 2005, S. 9 u. passim. 30 Siehe Tim Weiner: Is the Explosion-Noisy Base a C.I.A. Spy School? What Base? The New York Times, 20. März 1998. https://www.nytimes.com/1998/03/20/world/ is-the-explosion-noisy-base-a-cia-spy-school-what-base.html. Zugriff 12. Februar 2020. Für weitere Informationen, siehe die ausführliche Abhandlung des schwedischen Friedensforschers am „Peace Research Institute, Oslo“ (PRIO), Ola Tunander: Securitization, Dual State and US-European Geopolitical Divide or: The Use of Terrorism to Constuct World Order. Paper to be presented at the Fifth Pan-European International Relations Conference (Panel 28 Geopolitics), Netherlands Congress Centre, The Hague, 9-11 September 2004, S. 4-8 u. passim. Kapitel I: „Verschwörungstheorien“? 19 „neuen Nahen Ostens“ in den amerikanischen Leitmedien diskutiert.31 Der zweite Irak-Krieg, der am 19. März 2003 begann, wurde mit der Begründung geführt, Iraks Präsident Saddam Hussein verfüge über Massenvernichtungswaffen und stünde mit al-Qaeda in Verbindung. Nichts davon ist richtig, wie sich schon recht bald herausstellte.32 Der 11. September war für die Regierung des Präsidenten George W. Bush nur der Anlass, einen schon seit längerem geplanten Krieg gegen den Irak zu führen und die Militärmaschine der USA in den global zu führenden „Krieg gegen den Terror“ einzuspannen. Die Bush-Regierung alarmierte nach 9/11 zwar nahezu tagtäglich den Rest der Welt mit Nachrichten über Massenvernichtungswaffen des Irak und begründete damit die Notwendigkeit eines Präventivkriegs, aber schon im September 2002 wurde bekannt, dass keine entsprechenden Geheimdiensterkenntnisse vorlägen und dass die CIA bereits zwei Jahre lang keinen Bericht über den Stand der Bewaffnung der irakischen Armee vorgelegt hatte.33 Woher bezog also die Bush-Regierung ihre Nachrichten über die Existenz irakischer Massenvernichtungswaffen? Da jene Kritiker, die mit solchen Argumenten die Rechtmäßigkeit des Krieges der Regierung Bush Junior bezweifelten, oft als „Verschwörungstheoretiker“ bezeichnet wurden und auch in der Gegenwart Kritiker der amerikanischen Politik weiterhin gerne so genannt werden, sollen im Folgenden Abschnitt die Entscheidungsprozesse ein wenig ausführlicher behandelt werden, die zu dem Beschluss führten, gegen den Irak Krieg zu führen. Im darauffolgenden Abschnitt wird vor dem Hintergrund dieses Beispiels der Begriff Verschwörungstheorie genau- 31 John Donnelly u. Anthony Shadid: US War Hawks Have Plans to Reshape Entire Mideast. The Boston Globe, 10. September 2002. http://www.hartford-hwp.com/ archives/27c/078.html. Zugriff 12. November 2012. 32 Eine ausführliche Übersicht über die Versuche der Regierung Bush (Sohn), den Irak-Krieg propagandistisch zu rechtfertigen, findet man bei Chalmers Johnson: The Sorrows of Empire. Militarism, Secrecy, and the End of the Republic. – New York: Metropolitan Books, 2004, Kapitel 8: Iraq Wars. 33 Chalmers Johnson: The Sorrows of Empire, 2004, S. 10 f., mit Bezug auf Eric Schmitt und Alison Mitchell: U.S. Lacks Up-to-date Review of Iraqi Arms. The New York Times, 11. September 2002. https://www.nytimes.com/2002/09/11/world /threats-and-responses-baghdad-arsenal-us-lacks-up-to-date-review-of-iraqi-arms .html. Zugriff 12. November 2012. Kapitel I: „Verschwörungstheorien“? 20 er untersucht und dargelegt, wo seine Anwendung berechtigt und sinnvoll ist, und wo nicht. Der Irak-Krieg (2003), der 11. September und die Absichten der „Hardliner“ Die Präsidentschaft George W. Bushs (2001-2009) brachte eine Gruppe von ehrgeizigen außenpolitischen Beratern zu Macht, Einfluss und höchsten Ämtern, die sich den Spitznamen „Vulkane“ zulegten – eine Anspielung auf den römischen Gott Vulkan, den Herren des Feuers und der Schmiedekunst. Mit dem Namen Vulkan verbanden sie Vorstellungen von Macht, Härte, Ausdauer und Widerstandsfähigkeit. Sie kannten sich persönlich und förderten einander. Einige Mitglieder hatten bereits unter den Präsidenten Richard Nixon, Gerald Ford und George H.W. Bush gedient, wie Donald Rumsfeld und Richard Cheney, andere teilten die Erfahrung des Einsatzes im Vietnamkrieg miteinander, wie Colin Powell und Richard Armitage. Condoleezza Rice und Paul Wolfowitz hatten einen akademischen professionellen Hintergrund. Diese Sechs waren nicht immer einer Ansicht in Fragen der politischen Strategie, teilten aber Grundüberzeugungen miteinander, was den Status und die Rolle der USA als Weltmacht angeht: Die USA sollten über eine militärische Stärke verfügen, die so überwältigend ist, dass die Vereinigten Staaten von keinem anderen Staat oder einer Staatengruppe mehr herausgefordert werden könne und keine Kompromisse mehr einzugehen bräuchte, die zu schließen die USA nicht selbst willens war.34 Wie weit die Vorstellungen der „Vulkane“ gingen und in welchem Ausmaß die Umgestaltung ganzer Regionen auf ihrer Agenda stand, wird u.a. durch den Viersternegeneral Wesley Clark enthüllt, der zur Zeit des Kosovo-Krieges 1999 NATO-Oberbefehlshaber war. Am 34 Siehe James Mann: Rise of the Vulcans. The History of Bush’s War Cabinet. – New York: Penguin, 2004, S. ix—xix und passim. – Zu den „Vulkanen“ zählt Mann auch Personen, die nicht in der ersten Reihe des Machtapparates der Regierung von Präsident Bush Junior standen, wie Lewis „Scooter“ Libby, Stephen Hadley, Douglas Feith, Richard Perle und Paula Dobriansky. Der Irak-Krieg (2003), der 11. September und die Absichten der „Hardliner“ 21 2. März 2007 gab der damals bereits pensionierte Clark der Journalistin Amy Goodman ein Interview. Er berichtet, dass er wenige Tage nach den Terrorangriffen vom 11. September 2001 bei einem Besuch im Pentagon einem anderen General begegnete, der zu seinen früheren Mitarbeitern gehörte. Dieser General informierte Clark darüber, dass die Entscheidung für den Krieg gegen den Irak gefallen sei. Warum, wisse er nicht. Eine Verbindung zwischen Saddam Hussein und Al- Qaida sei nicht gefunden worden. Ein paar Wochen später – die USA führten seit dem 7. Oktober 2001 Krieg gegen Afghanistan – wurde Clark von demselben General über den Beschluss des Verteidigungsministeriums informiert, binnen der folgenden fünf Jahre sieben Länder im Nahen Osten und Nordafrika zu zerstören („to take out“): Irak, Syrien, Libanon, Libyen, Somalia, Sudan und zuletzt den Iran.35 – Am 3. Oktober 2007 wiederholte Clark seine Geschichte in einem Vortrag vor dem Commonwealth Club of San Francisco; auf „You Tube“ kann sie unter „7 countries in 5 years“ aufgerufen werden. Auch eine Fassung der entscheidenden Passagen mit deutschen Untertiteln ist verfügbar. General Clark benutzt in diesem Interview die Formulierung „to take out countries“ – sie kann im Sinne von „Länder zerstören“ übersetzt werden. Dies kann sich beispielsweise auf eine territoriale Neuordnung beziehen, muss es aber nicht. Diese Formel kann sich auch alleine auf die Absicht beziehen, das politische System umzubilden. So wurde in einer Sitzung unter dem Vorsitz der Nationalen Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice am 14. August 2002 über den Entwurf einer geheimen Leitlinie zur Politik gegenüber dem Irak beraten. Darin wird ausdrücklich festgestellt, dass es ein Ziel der USA sei, die Einheit und territoriale Integrität des Irak zu bewahren.36 Auch am 16. März 2003, drei Tage bevor er den Krieg gegen den Irak befahl, bekannte sich Präsident George W. Bush bei einem Gipfeltreffen mit sei- 35 Gen. Wesley Clark Weighs Presidential Bid: „I Think About It Every Day“. Democracy Now, 2. März 2007. https://www.democracynow.org/2007/3/2/gen_wesley_ clark_weighs_presidential_bid. Zugriff zuletzt 6. Dezember 2019. 36 „U.S. goal: … to maintain Iraq’s unity and territorial integrity“. Bob Woodward: Plan of Attack. – London: Simon & Schuster 2004, S. 154. Das als „Top Secret“ eingestufte Dokument hat den Status einer „National Security Presidential Directive“ und trägt den Titel „Iraq: Goals, Objectives and Strategy“. Kapitel I: „Verschwörungstheorien“? 22 nen engsten Verbünden Tony Blair und dem spanischen Regierungschef, José Maria Aznar, zum Ziel der Bewahrung der territorialen Einheit des Irak.37 In jeder Regierung gibt es Parteiungen, die zu verschiedenen Problemen unterschiedliche Meinungen vertreten, die sich auch im Laufe der Zeit ändern können. Pläne zur territorialen Umgestaltung der Regionen des Nahen Ostens und darüber hinaus, wie sie von beispielsweise von dem Oberstleutnant a.D. Ralph Peters 2006 in die Öffentlichkeit getragen wurden – als Minenhund, um die Reaktion der Öffentlichkeit zu testen? – könnten daher durchaus Überlegungen widerspiegeln, die zumindest von Teilen der US-Regierung während der zweiten Amtszeit von Präsident George W. Bush angestellt wurden.38 An der Tatsache an sich, dass die Bush-Regierung von Anfang an die Absicht hatte, Krieg gegen den Irak zu führen und auch die gesamte Region politisch umzugestalten, kann jedoch kein Zweifel bestehen, denn die Glaubwürdigkeit von General Clarks Mitteilung wird durch die Enthüllungen des investigativen Journalisten und Pulitzer-Preisträgers Ron Suskind unterstützt. Auf der Grundlage tausender Dokumente und unter Mithilfe von Paul O‘Neill veröffentlichte Suskind im Jahre 2004 das Buch „The Price of Loyalty“, das die Entscheidungsprozesse im Kabinett von Präsident George W. Bush nachzeichnet.39 O’Neill, ein finanziell unabhängiger Manager und Finanzfachmann, wurde von Vizepräsident Dick Cheney dazu überredet, in die Regierung Bush Jr. einzutreten, in der er bis Ende 2002 als Finanzminister diente. Er wurde wegen seiner abweichenden Meinungen insbesondere in Fragen des Klimaschutzes und der Finanzen entlassen, die er immer wieder auch gegenüber der Öffentlichkeit vertrat. Die Absicht, Saddam Husseins Regime zu schwächen oder zu stürzen, wurde O’Neill zufolge bereits während der ersten Sitzung des Na- 37 Woodward, Plan of Attack, S. 358. 38 „Without a transformation of the Middle East, we shall see no end of terror“, schrieb Peters in seinem Buch „Never Quit the Fight“ (Mechanicsburg: Stackpole Books, 2006, S. 234). – Der Peters-Plan wird weiter unten (siehe Kapitel X, Fn. 491) ausführlicher besprochen. 39 Ron Suskind: The Price of Loyalty. George W. Bush, the White House, and the Education of Paul O’Neill. – New York: Simon and Schuster, 2004, S. 70-86, 96 f., 129, 160, 184, 187 f., 279. Der Irak-Krieg (2003), der 11. September und die Absichten der „Hardliner“ 23 tionalen Sicherheitsrates am 30. Januar 2001 erörtert. Der Präsident, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, CIA-Direktor George Tenet und Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice hatten entsprechende Pläne wohl schon vorbereitet; Außenminister Colin Powell wurde davon offenbar überrascht. Es ging bereits in dieser Sitzung nicht um das Warum der Maßnahmen gegen Saddam Hussein, sondern alleine um das Wie, erinnerte sich O’Neill. Die Regierung war kaum zehn Tage im Amt und schon stand der Irak auf der Tagesordnung. In der Folgezeit bis zu den Terrorangriffen vom 11. September traten die Konfliktlinien zwischen Powell und den gemäßigten Realisten im Außenministerium auf der einen, sowie den „Hardlinern“ auf der anderen Seite immer deutlicher zutage. Insbesondere Vizepräsident Cheney sowie Donald Rumsfeld und der stellvertretende Verteidigungsminister Paul Wolfowitz waren von Anfang an dazu entschlossen, einen neuen Irak-Krieg zu führen, dort Truppen zu stationieren, Saddam Hussein zu stürzen und Kriegsverbrechertribunale einzusetzen. Der Präsident selbst schien bezüglich eines Krieges jedoch noch unentschlossen zu sein. Die „Hardliner“ verfolgten mit einem Krieg gegen den Irak und dem anschließenden Regimewechsel zwei Ziele. So sollten die irakischen Ölfelder unter westlichen Firmen zur Ausbeutung aufgeteilt werden. Mehr Bedeutung maß man aber wohl einem anderen, geostrategischen Ziel bei: Andere Staaten sollten davon abgeschreckt werden, sich dem globalen Dominanzstreben der USA entgegenzustellen. Man dachte dabei neben dem Irak vor allem an China, Russland, Nordkorea und den Iran. Am Irak sollte ein Exempel statuiert werden, und der Irak war „machbar“: „Iraq is doable“, sagte Paul Wolfowitz zu Präsident Bush.40 Das erinnert an die dem Neocon-Intellektuellen Michael Ledeen zugeschriebene sognannte „Ledeen-Doktrin“, die besagt: „Die Vereinigten Staaten müssen sich etwa alle zehn Jahre irgend ein kleines, beschissenes Land herausgreifen und es an die Wand werfen, nur um der Welt zu zeigen, dass wir es ernst meinen“41. 40 Suskind, The Price of Loyalty, 2004, S. 187 f. 41 „Every ten years or so, the United States needs to pick up some small crappy little country and throw it against the wall, just to show the world we mean business“. Jonah Goldberg: Baghdad Delenda Est, Part Two. National Review, 23. April 2002. https:// www.nationalreview.com/2002/04/baghdad-delenda-est-part-two-jonah- Kapitel I: „Verschwörungstheorien“? 24 Der Investigativjournalist Bob Woodward, der seine Untersuchungen zu den Entscheidungsprozessen bezüglich des Irak-Krieges parallel zu und offenbar unabhängig von Suskind durchgeführt hat, bestätigt Wolfowitz‘ Einstellung.42 Und knapp zwei Monate nach Beginn des Krieges wurde bereits in der „New York Times“ die Meinung vertreten, der Krieg werde nicht geführt, weil von dem Irak ihm die größte Bedrohung ausgehe, sondern weil er gleichsam das schwächste Glied in der Kette war.43 Zum Bedauern der „Hardliner“ konnte jedoch eine Verbindung zwischen Saddam Hussein und al-Qaeda nicht nachgewiesen werden, die man gegenüber der Öffentlichkeit als Begründung für einen Krieg angeben konnte. Im Gegenteil, solch eine Verbindung galt als äußerst unwahrscheinlich, denn Saddam Hussein hatte islamistische Fundamentalisten seit Jahren regelrecht abgeschlachtet. Die al-Qaeda-Terroristen hassten ihn genauso, wie sie die USA hassten. In einem maschinenschriftlichen Terror-Lehrbuch, das im Jahre 2000 in Manchester im Zuge einer polizeilichen Durchsuchung der Wohnung von Abu Anas al-Libi gefunden wurde, einem libyschen Terroristen und Mitglied der mit al-Qaeda verbundenen Gruppe „Libyan Islamic Fighting Group“ (LIFG), wurde zwar nicht Saddam Hussein genannt, dafür wurden aber Anwar Sadat, Hosni Mubarak, Muammar Gaddafi und Jemens Präsident Saleh als vom Islam abgefallene „Ungläubige“ aufgeführt und Allahs Fluch auf sie herabgerufen – sie alle, wie auch Saddam Hussein Muslime, aber säkular ausgerichtete Politiker.44 Als Teil-Autor und Übersetzer des Leitfadens gilt der ägyptische goldberg/. Zugriff zuletzt 6. Dezember 2019; s.a. Ajsan I. Butt: Why did Bush go to war in Iraq? Al Jazeera, 20. März 2019. https://www.aljazeera.com/indepth/opinion/bushwar-iraq-190318150236739.html. Zugriff zuletzt 6. Dezember 2019. Übersetzung von mir, ThB. – Mit Michael Ledeen werden wir uns weiter unten (siehe unten Fn. 218) noch einmal beschäftigen, wenn von seinem Begriff Kreatives Chaos die Rede ist. 42 Bob Woodward: Plan of Attack. – London: Simon & Schuster, 2004, S. 25 f.; s.a. Richard A. Clarke: Against All Enemies. Inside America’s War on Terror. – London: The Free Press, 2004, S. 241 ff., 264 f. 43 Olivier Roy: Europe Won’t Be Fooled Again. The New York Times, 13. Mai 2003. https://www.nytimes.com/2003/05/13/opinion/europe-won-t-be-fooled-again. html. Zugriff zuletzt 6. Dezember 2019. 44 Declaration of Jihad (Holy War) Against the Country’s Tyrants. Military Series, S. 10. Dieses Handbuch ist in das Internet gestellt. https://fas.org/irp/world/para/ aqmanual.pdf. Der Irak-Krieg (2003), der 11. September und die Absichten der „Hardliner“ 25 Ex-Major Ali Abdel Saoud Mohamed (kurz: Ali Mohamed), Osama bin Ladens „Meisterspion“, der im Rahmen eines ägyptisch-amerikanischen Offiziersaustauschprogramms in die USA kam, die amerikanische Staatsbürgerschaft annahm, eine Amerikanerin heiratete, jahrelang die CIA, das FBI und das US-Militär narrte und u.a. zu den Vorbereitern der Terrorattacken vom 11. September 2001 zählt.45 Saddam Hussein mit seiner säkular ausgerichteten Politik dürfte aus der Sicht von al-Qaeda in die gleiche Kategorie „Ungläubiger“ fallen, wie die vorgenannten arabischen Staatslenker. Saddam war doch kein Narr, meinte O’Neill – er hatte die Fundamentalisten zwei Jahrzehnte lang gleichsam in den Boden gestampft; sie nun zu bewaffnen wäre das letzte, was er tun würde.46 O’Neills Enthüllungen fanden schon bald einen Widerhall in der englischsprachigen Presse.47 Die Darstellung Suskinds wird durch den Zeitzeugen Richard A. Clarke und die Untersuchungen Bob Woodwards im Wesentlichen bestätigt.48 Verteidigungsminister Rumsfeld überlegte bereits am Tag nach den Terror-Attacken, am 12. September 2001 im inneren Kriegskabinett, ob die Attacken nicht eine günstige Gelegenheit für einen Angriff auf den Irak böten.49 Die Behauptung, dass die Regierung von George W. Bush nicht wegen der Terroranschläge vom 11. September 2001 den Irak-Krieg begann, sondern dass diese den publikumswirksamen Anlass dazu lieferten, einen längst gefassten Plan umzusetzen, kann sich also auf eine gute sachliche Grundlage stützen. Sie kann weder als „Verschwörungstheorie“, noch als Ausfluss des „Antiamerikanismus“ abgetan werden. Die Zahlenangaben bezüglich der Opfer, die der Irak-Krieg seit 2003 bis heute gefordert hat, gehen weit auseinander. Sie liegen zwi- 45 Peter Lance: Triple Cross. How bin Laden’s master spy penetrated the CIA, the Green Berets, and the FBI (revidierte Paperback-Ausgabe). – New York: Harper, 2009, S. 104 f. 46 Ron Suskind: The Price of Loyalty, S. 279. 47 Z.B. Julian Borger: Bush decided to remove Saddam „on day one“. The Guardian, 12. Januar 2004. https://www.theguardian.com/world/2004/jan/12/usa.books. Zugriff zuletzt 6. Dezember 2019. 48 Bob Woodward: Plan of Attack. – London: Simon & Schuster. 2004, Kapitel 1. S.a. James Mann: Rise of the Vulcans. The History of Bush’s War Cabinet. – New York: Penguin, 2004: Kapitel 21. 49 Woodward, S. 25. Kapitel I: „Verschwörungstheorien“? 26 schen 251.000 und 1.455.590, je nach der Erhebungsmethode und den Kriterien, die für ihre Ermittlung herangezogen werden, und ob die Folgeopfer terroristischer Anschläge bis in die Gegenwart mit eingerechnet werden.50 Mehr noch als der von der NATO geführte Kosovo-Krieg offenbarte der Krieg gegen den Irak die Struktur der „Neuen Weltordnung“ als Dominanzprojekt einer von neokonservativen US-Eliten angeführten (und verführten) Mächte-Koalition der Willigen. Westliches nation building zum Schutz der Menschenrechte in außerwestlichen Staaten rechtfertigt in den Augen dieser Eliten die Selbstermächtigung zur militärischen Intervention und damit die Unterminierung des internationalen Rechtssystems der Regulierung zwischenstaatlicher Beziehungen, da die intervenierenden Mächte beanspruchen, niemandem außer sich selbst Rechtfertigung schuldig zu sein.51 Dass man dabei „gescheiterte Staaten“ hinterlässt, wird in Kauf genommen. Verschwörungstheorien und die Offenlegung von Interessen Ist der Interventionismus der US-Regierungen seit dem Ende des Kalten Krieges das Resultat mangelnder Einsicht seitens der politischen Akteure? Nirgendwo wird ja die amerikanische Politik offener und heftiger kritisiert als in den USA selbst, schon aus diesem Grund verbietet sich in diesem Zusammenhang der Vorwurf des Antiamerikanismus gegenüber Kritikern der US-Politik. Eine der kritischen amerikanischen Stimmen gehört dem vielseitigen Ökonomen David P. Goldman: „Peking und Moskau wollen einfach nicht glauben, dass die Vereinigten Staaten von ahnungslosen Amateuren regiert werden, die planlos von einer halbgaren Initiative in die andere hineinstolpern. 50 Man kann sich beispielsweise auf Webseiten wie www.iraqbodycount.org und www.justforeignpolicy.org über die Höhe der Opferzahl und die Methodologie für deren Ermittlung informieren. 51 David Chandler: From Kosovo to Kabul and Beyond. Human Rights and International Intervention (2. Auflage). – London: Pluto Press, 2006, S. 237; David Clark: Iraq has wrecked our case for humanitarian wars. The Guardian, 12. August 2003. https://www.theguardian.com/politics/2003/aug/12/iraq.iraq1. Zugriff zuletzt 6. Dezember 2019. Verschwörungstheorien und die Offenlegung von Interessen 27 Unsere Gegner halten uns für Schurken anstatt für Narren und sie werden zu guter Letzt entdecken, dass wir Narren sind“52. Ist aber wirklich nur politische Borniertheit für die gegenwärtige Lage verantwortlich? Allzu schnell ist man hierzulande mit der Pseudoerklärung zur Hand, die „dummen Amerikaner“ würden eben aus der Geschichte nichts lernen. Nehmen wir die gegenwärtige „Flüchtlingskrise“ in Europa als Beispiel und stellen wir lieber die Frage: Gibt es hinter dem nach einigem Nachdenken für jedermann sichtbaren und nachvollziehbaren Szenarium der Ursachen und Wirkungen zwischen amerikanischer Staatenzerstörung in Nordafrika und Nahost und der Welle der Einwanderungen nach Europa eine Absicht? Entfaltet sich die Tragödie von Krieg, Staatenzerstörung, Flucht, neuer Völkerwanderung und neuen Kriegen wirklich wie eine Naturkatastrophe mit gleichsam schicksalhafter Zwangsläufigkeit? Wer so fragt, gerät schnell in den Verdacht, Verschwörungstheorien aufzusitzen und sie zu verbreiten. Ja man gewinnt den, Eindruck, dass die Kritik am Dominanzstreben der US-amerikanischen Neokonservativen gleichsam reflexartig den Vorwurf nach sich zieht, eine „Verschwörungstheorie“ zu sein. Diese Art der Immunisierungsstrategie gegenüber Kritikern des Regierungshandelns wurde spätestens seit der Ermordung des Präsidenten John F. Kennedy im Jahre 1963 eingeübt. Der Bericht der von Kennedys Nachfolger Lyndon B. Johnson eingesetzten Untersuchungskommission unter dem Obersten Richter Earl Warren stieß von Anfang an auf Skepsis, insbesondere was den Befund der Einzeltäterschaft Lee Harvey Oswalds angeht. Seitens der Regierung bezeichnete man jene, die sich mit dem offiziell verkündeten Befund der Warren- Kommission nicht zufriedengeben wollten, als Verbreiter von „Verschwörungstheorien“, da sie Regierung und Sicherheitsdiensten einer „Verschwörung“ zum Vertuschen der Wahrheit bezichtigten. Die Möglichkeit, dass dies tatsächlich so sein könnte, wurde von vornherein als nicht diskussionswürdig hingestellt. Kritiker wurden bewusst als „Verschwörungstheoretiker“ in die Nähe von Spinnern, Paranoikern und 52 Spengler replies: They’ll never believe we’re that stupid. Asia Times, 31. Mai 2015. https://cms.ati.ms/2015/05/spengler-replies-theyll-never-believe-were-that-stupid/. Zugriff zuletzt 7. Dezember 2019. Übersetzung von mir, ThB. Kapitel I: „Verschwörungstheorien“? 28 Kommunisten gerückt, mit der Absicht, sie zu diskreditieren und mundtot zu machen.53 Was aber ist eine Verschwörungstheorie? „Verschwörungen“ sind eine völlig normale und alltägliche Art des Handelns, nämlich eine Verabredung von Personen zu einem bestimmten Zweck, beispielsweise, um sich Vorteile zu verschaffen, z.B. um Preisabsprachen zu treffen. Solche Verabredungen sind ein selbstverständlicher Teil unseres Lebens und für unsere Orientierung in unserer sozialen Umwelt notwendig. Wir tun gut daran, mit ihnen zu rechnen und uns auf sie einzustellen. Es wäre naiv, ihre Existenz zu leugnen. Wenn zu bestimmten Anlässen, beispielsweise Jahrmärkten, die Imbissbuden auf dem Marktplatz ihre Preise anheben, dann dürfen wir eine entsprechende Absprache der Betreiber unterstellen. Wer dies tut, ist weder Nazi oder Kommunist, noch Spinner oder Paranoiker und auch kein Verschwörungstheoretiker, sondern Realist. Ebenso realistisch ist es, Politikern, Bankiers, Wirtschaftskapitänen und hochrangigen Militärs Interessen zu unterstellen, sogar gemeinsame Interessen. Wenn sich die „Bilderberger“ treffen, ist die Vermutung legitim, dass es den Teilnehmern nicht nur darum geht, sich in regelmäßigen Abständen nach dem Wohl der Familien zu erkundigen. Und es ist legitim, nach den möglichen Auswirkungen ihres Handelns zu fragen und darüber Vermutungen anzustellen. Der ernste Spaßmacher Michael Moore sagt: „Ich kümmere mich nicht um Verschwörungstheorien, nur um solche, die wahr sind“54. Echte Verschwörungstheorien begnügen sich jedoch nicht damit, Interessen zu unterstellen oder sie gar nachzuweisen, sondern sie gehen von einer methodisch fragwürdigen und historisch unhaltbaren 53 Lance deHaven-Smith: Conspiracy Theory in America. – Austin: University of Texas Press, 2013. Eine kurzgefasste Übersicht bietet Markus Kompa: 50 Jahre „Verschwörungstheoretiker“. Telepolis, 4. April 2017. https://www.heise.de/tp/news/50- Jahre-Verschwoerungstheoretiker-3674427.html. Zugriff zuletzt 7. Dezember 2019. 54 „I’m not into conspiracy theories, except the ones that are true“. Michael Moore: Dude, Where’s My Country? – London: Allen Lane, 2003, S. 2. Übersetzung von mir, ThB.– Moore beendet den Satz mit den Worten „or involve dentists“ und erläutert: Die Zahnärzte müssen sich dahingehend verschworen haben, ihre Patienten zu röntgen, wann immer einer im Behandlungsstuhl Platz nimmt, da so gutes Geld zu machen sei. Verschwörungstheorien und die Offenlegung von Interessen 29 Prämisse aus: Sie erklären eine gegenwärtige komplexe historische Gesamtlage als das genaue Ergebnis einer Absicht von Akteuren in der Vergangenheit. Ein bekanntes Musterbeispiel sind die sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion“. Die soziale Wirklichkeit ist aber viel zu kompliziert, um die Verwirklichung von Gesamtlagen genau im Sinne der Absichten bestimmter Akteure möglich zu machen. Daher haben Handlungen immer unvorhergesehene Folgen. Man muss also stets zwischen den Absichten einer Handlung und den möglicherweise völlig verschiedenen Folgen von Handlungen unterscheiden.55 Michail Gorbatschow hatte nicht die Absicht, durch „Glasnost“ und „Perestroika“ die Sowjetunion zu zerstören, sondern er wollte sie reformieren, stabilisieren und zukunftsfähig machen. Oder: Wenn es beispielsweise tatsächlich eine Absicht der Hersteller von Personal-Computern war, den Papierverbrauch einzuschränken und dadurch den Wald und das Weltklima zu schützen, so ist dies gründlich schiefgegangen. Der Papierverbrauch ist durch den Einsatz des PCs noch gestiegen, weil man sich Dokumente, Artikel etc. ausdruckt. Dies sollte man übrigens auch tun, wenn man z.B. als Wissenschaftler oder Journalist auf solche Informationen zurückgreifen möchte, da stets damit zu rechnen ist, dass die entsprechenden Dokumente gelöscht oder die Netzseiten gesperrt werden. Was man aber schwarz auf weiß besitzt, kann man bekanntlich getrost nach Hause tragen. Hier kommt auch der Unterschied zwischen Mikro- und Makro- ökonomie ins Spiel: Die Einführung der Antiblockiersysteme (ABS) hat zwar makroökonomisch zu einer Reduzierung der Gesamtschäden durch Verkehrsunfälle geführt, auch zum Rückgang tödlicher Unfälle (Absicht), aber dafür sind die Einzelschäden höher (unbeabsichtigte Folge), und dies womöglich auch deshalb, weil die Fahrer nun unvorsichtiger fahren und die Autos durch das ABS höherwertiger wurden. All dies blenden diejenigen aus, die echte Verschwörungstheorien vertreten und beispielsweise behaupten, Gorbatschow sei in Wirklichkeit ein Agent der CIA und Israels gewesen und habe die Sowjetunion in 55 Maurice Bloch: The Long Term and the Short Term. The Economic and Political Significance of the Morality of Kinship. In: Jack Goody (Hg.): The Charakter of Kinship. – Cambridge: Cambridge University Press, 1973, S. 76. Kapitel I: „Verschwörungstheorien“? 30 deren Auftrag durch Glasnost und Perestroika zerstört.56 Echte Verschwörungstheoretiker ignorieren also die potentiell unbeabsichtigten Folgen von Handlungsabsichten.57 Einen Grenzfall stellen Theorien dar, die nicht ganze historische Gesamtlagen, sondern konkrete Einzelereignisse auf die Absichten bestimmter Akteure zurückführen wollen. Wer steht beispielsweise wirklich hinter den zahlreichen Attentatsversuchen gegen Frankreich Staatspräsidenten Charles de Gaulle? Steht seine Entscheidung, Frankreich 1966 aus der militärischen Kommandostruktur der NATO zurückzuziehen, damit in Beziehung? War der Flugzeugabsturz, der dem italienischen Manager Enrico Mattei am 27. Oktober 1962 das Leben kostete, wirklich nur ein Unfall oder ein Werk der großen internationalen Ölfirmen, weil Mattei – damals an der Spitze der staatlichen italienischen Ölgesellschaft ENI – der Konkurrenz durch günstige Preisvereinbarungen das Geschäft verdarb?58 Wer veranlasste die Ermordung Aldo Moros? Moro, damals Präsident der italienischen Christdemokraten, wurde 1978 von den Roten Brigaden ermordet. Mitten im Kalten Krieg strebte er den „Historischen Kompromiss“ an, die Regierungsbeteiligung der italienischen Kommunistischen Partei, die mit Moskau gebrochen hatte und einen „Eurokommunismus“ schaffen wollte. Weder Moskau noch Washington hatten wohl ein Interesse am Gelingen solch eines Experiments.59 Es ist plausibel, hinter solchen Ereignissen bestimmte Interessen zu vermuten und zu versuchen, die- 56 Dergleichen Phantasien sind tatsächlich im Umlauf. Das Internet ist eine Fundgrube für Verschwörungstheorien dieser Art. Man muss nur die entsprechenden Wortverbindungen in die Suchmaschine eingeben – z.B. „Gorbatschow, CIA- Agent“ – und man wird schnell fündig. – Robert Gates, der frühere CIA-Direktor (1991-1993) und spätere Verteidigungsminister in der Regierung Barack Obamas teilt mit, dass solche Beschuldigungen auch aus Kreisen der innersowjetischen Opposition gegen Gorbatschow stammen. Etwas spöttisch meint Gates: „Wir wären möglicherweise nicht in der Lage gewesen, ihn (Gorbatschow) bei der Zerstörung der Sowjetunion so erfolgreich anzuleiten“. Siehe sein Buch „From the Shadows“. – New York: Simon & Schuster, 1996, S. 327, s.a. S. 331. Übersetzung von mir, ThB. 57 Sozialwissenschaftlich kundige Leser werden Verschwörungstheorien als Beispiele des funktionalistischen Fehlschlusses identifizieren, der ja in der Identifikation des Effekts einer Handlung mit ihrem Motiv besteht. 58 Zu Mattei, siehe Alfred Joesten: Ölmächte im Wettstreit. Der Vormarsch der Au- ßenseiter. – Baden-Baden: Verlag August Lutzeyer, 1993. 59 Umberto Pascali: The Lessons of History. In 1966 President De Gaulle Said No to US-NATO. Global Research, 11 Juni 2014. https://www.globalresearch.ca/the-lesso Verschwörungstheorien und die Offenlegung von Interessen 31 se zu identifizieren. Wer dies tut, ist deswegen noch lange kein Verschwörungstheoretiker. Staatliche Geheimhaltung von Informationen im Interesse der „nationalen Sicherheit“ fördert natürlich die Entstehung von Verschwörungstheorien. Um die Terrorangriffe auf das World Trade Center und das Pentagon am 11. September 2001 ranken sich daher eine Vielzahl von teilweise phantastisch anmutenden Theorien, die man gut und gerne als Verschwörungstheorien bezeichnen kann, aber oft werden auch Tatsachen ins Feld geführt, die wirklich verstörend sind.60 Schon bald nach dem Beginn des Irak-Krieges wurde ja bekannt, dass die US-Regierung in diesen Angriffen eine willkommene Gelegenheit sah, den Krieg gegenüber der Öffentlichkeit mit dem Verweis auf die angebliche Verbindung zwischen Saddam Hussein und al-Qaeda zu begründen. Auch die Notwendigkeit eines weltweit zu führenden „Krieges gegen den Terror“ ließ sich mit dem Verweis auf diese Terrorattacken legitimieren. Kein Wunder, dass alsbald Vermutungen ins Kraut schossen, die Regierung selbst sei in diese Attacken verwickelt oder sei vorab über sie informiert worden. In einem 2002 veröffentlichten Buch beschuldigen die Autoren Jean-Charles Brisard und Guillaume Dasquié zwei Mitglieder der saudi-arabischen Stammes- und Finanzelite, die Attentate finanziert zu haben.61 Wegen der engen Beziehungen des saudi-arabischen Botschafters Prinz Bandar bin Sultan zur Familie Bush, die ihm in Washington den Spitznamen „Bandar Bush“ eintrug, waren diese Behauptungen von höchster Brisanz. Die Autoren mussten jedoch nach verlorenen Verleumdungsprozessen in ganzseitigen Anzeigen in der Londoner „Times“, der „Financial Times“ und im „Economist“ die Beschuldigungen gegen die zwei saudischen Notablen widerrufen, was aber die ns-of-history-in-1966-president-de-gaulle-said-no-to-us-nato/5386501. Zugriff zuletzt 7. Dezember 2019. 60 Statt vieler, siehe z.B. Michael Moores „Sieben Fragen an George von Arabien“ in seinem Buch „Dude, Where’s my Country?“ 2003, S. 1-40; sowie ausführlich David Ray Griffin: The New Pearl Harbor, 2004; und umfassend Peter Dale Scott: The Road to 9/11, 2008. 61 Jean-Charles Brisard u. Guillaume Dasquié: Forbidden Truth. U.S.-Taliban Secret Oil Diplomacy and the Failed Hunt for Bin Laden. – New York: Thunder’s Mouth Press, 2002. Kapitel I: „Verschwörungstheorien“? 32 Debatte über das Buch und seine Thesen nicht zum Erliegen gebracht hat. Der gesamte Inhalt des Buches wurde nicht widerrufen. Ich werde mich an diesen Spekulationen nicht beteiligen. Trotz der vielen Ungereimtheiten, die im Verlauf der Untersuchungen zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001 zutage traten und über die man sich im Internet leicht informieren kann, ist das Dickicht der Behauptungen und Gegenbehauptungen so groß, dass der Versuch zu viel Zeit und Energie erfordern würde, hier zu einer Klärung zu gelangen. Was tatsächlich nachgewiesen werden kann ist, dass die Terrorattacken der Regierung Bush Junior gelegen kamen, um den Angriffskrieg gegen den Irak vor der Öffentlichkeit zu rechtfertigen. Das ist schlimm genug. Aus den oben angeführten Beispielen wird deutlich, dass sich der Vorwurf der „Verschwörungstheorie“ in der Regel gegen Behauptungen richtet, in denen ganz konkreten Personen oder Personengruppen die Verantwortung für ganz bestimmte Einzelereignisse und historische Gesamtlagen angelastet wird. Ganz anders verhält es sich aber mit der Beschreibung historischer Entwicklungen und der Identifizierung von politischen und wirtschaftlichen Interessen hinter diesen Entwicklungen anhand verifizierbarer Aussagen in Reden, Dokumenten, Positionspapieren oder Abhandlungen. Eines sollte klar sein: Das Aufdecken der Fakten einer Verabredung ist kein Verbreiten von Verschwörungstheorien. Da nicht nur die Betreiber von Bratwurstbuden gemeinsame Interessen haben, sondern auch Politiker, hohe Militärs, Bankiers oder Konzernchefs, ist es legitim, hinter bestimmten historischen Ereignissen oder gar Gesamtlagen das Wirken ihrer Interessen zu unterstellen. Und es ist in unser aller Interesse geboten, diese Interessen zu identifizieren, da sie für unser Leben, unsere Sicherheit und die Lebenschancen unserer Kinder folgenreicher sind als ein überhöhter Preis für ein Paar Bratwürste. Darum geht es in dem vorliegenden Buch: Es soll gezeigt werden, dass es durchaus plausibel ist anzunehmen, dass es im Interesse transnational orientierter herrschender Kreise in Wirtschaft, Militär und Politik der USA und der mit ihnen verbundenen Neokonservativen liegt, eine Welt-Dominanz der Vereinigten Staaten als „gutmütigem Hegemon“ zu errichten und für dieses Ziel auch das amerikanische Militär in offenen und verdeckten Kriegen einzusetzen. Diese Absicht Verschwörungstheorien und die Offenlegung von Interessen 33 ist der zeitgenössische Ausdruck eines spezifisch amerikanischen Chauvinismus, der sich in der Formel „offenkundige Bestimmung“ (manifest destiny) äußert und nicht erst seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion weltweit aggressiv und missionarisch auftritt. Wer den Hinweis auf den gut dokumentierten und unbestreitbaren Zusammenhang von transnationalen Interessen, manifest destiny und dem Agieren der USA auf der Weltbühne trotz der Existenz der entsprechenden offiziellen und nichtoffiziellen Quellen weiterhin als „Verschwörungstheorie“ abtut, muss sich die Frage gefallen lassen, warum er das tut. Und diejenigen, die sich für diesen Zusammenhang interessieren und ihn in Wort und Schrift publik machen, sollten sich nicht durch den Vorwurf einschüchtern lassen, sie seien „Verschwörungstheoretiker“, sondern mit Nachdruck eine Antwort auf die Frage einfordern, warum trotz der Beweislage der Vorwurf der Verbreitung von Verschwörungstheorien aufrechterhalten wird. Der Psychologe Rainer Mausfeld, der sich durch seine Vorträge über die verdeckte Rolle von Machteliten in unserer Gesellschaft unbeliebt gemacht hat, wurde alsbald in dem Wikipedia-Artikel zu seiner Person in die Reihen der „Verschwörungstheoretiker“ eingeordnet. In einem Interview der Netz-Zeitung „Telepolis“ nennt er den Begriff Verschwörungstheorie treffend einen „politischen Kampfbegriff “. Dieser Kampfbegriff, so Mausfeld, „ist jenseits einiger oberflächlich-deskriptiver Aspekte ohne jede ernsthafte intellektuelle Substanz und erschöpft sich weitgehend in seiner ideologischen Verwendung als Diffamierungsbegriff. Das hat freilich den Vorteil, dass sich die intellektuellen und journalistischen Bannwarte der Macht leicht daran erkennen lassen, dass sie großzügigen Gebrauch von ihm und anderem staatlich anerkannten Diffamierungsvokabular machen“62. Damit hat er nach meinem Dafürhalten recht. Wir werden uns in Kapitel V mit einem Aufsatz befassen, der von einer der höchsten Stellen im US-amerikanischen Sicherheitsapparat veröffentlicht wurde. Anhand dieses Beispiels wird dargestellt, in welchem Maße der Verdacht von Leuten, die als „Verschwörungstheoretiker“ diffamiert werden, oft durch die Wirklichkeit gerechtfertigt wird. 62 Paul Schreyer: „Wir leben in einer Zeit der Gegenaufklärung“. Telepolis, 2. Oktober 2018. https://www.heise.de/tp/features/Wir-leben-in-einer-Zeit-der-Gegenaufklae rung-4178715.html?seite=all. Zugriff zuletzt 7. Dezember 2019. Kapitel I: „Verschwörungstheorien“? 34 Bevor es soweit ist, soll in den folgenden Kapiteln in Form einer kurzen Geschichte des amerikanischen Selbstverständnisses gezeigt werden, wie tief die Überzeugung, Träger einer „offenkundigen Bestimmung“ (manifest destiny) zu sein, dem amerikanischen Denken eingewurzelt ist. In ihrem Sinne hat der neokonservative Missionarismus derzeit die Federführung bei der Formulierung der Ziele der amerikanischen Außenpolitik übernommen. Diese Überzeugung gewann nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Auflösung des Warschauer Paktes eine aggressive globale Dynamik, die sie in diesem Maße zuvor nicht besaß. Sie ist ja prinzipiell durchaus auch mit einer eher isolationistischen Haltung vereinbar, die den Gedanken einer Intervention in die Angelegenheiten anderer Länder auf anderen Kontinenten zurückweist – also mit der Ansicht, Amerika sei alleine durch seine Existenz für andere Völker ein leuchtendes Beispiel, eine „Stadt auf dem Berge“. Diese anti-interventionistische Haltung stößt auch in den Vereinigten Staaten der Gegenwart unter den Kritikern der Neokonservativen auf Zustimmung. Verschwörungstheorien und die Offenlegung von Interessen 35

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References

Abstract

In these days, we live in a new Cold War. On the side of Western elites, the disintegration and collapse of the Soviet Union was seen as representing the End of History and a permanent triumph of democratic values. American triumphalism, an expression of the idea of Manifest Destiny, believed that America was capable of reshaping the world in its image. According to this concept, the world was entering a New World Order in which international norms and transnational principles of human rights would prevail over the traditional prerogatives of sovereign governments. Promoting regime change was considered a legitimate act of foreign policy. In reality, all of this turned out to be illusionary. Instead of promoting peace, the attempt to usher in a New American Century resulted in international terrorism and endless wars in Afghanistan and the Near East. The eastward enlargement of NATO entails the risk of nuclear war. The New World Order turns out to be a big delusion, endangering the survival of humankind.

Zusammenfassung

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verbreiteten sich unter westlichen Eliten Illusionen von „Ende der Geschichte“ und der Einrichtung einer „neuen Weltordnung“ nach amerikanischem Vorbild. Sie sind der Ausdruck uramerikanischer Vorstellungen von der „offenkundigen Bestimmung“ der USA, weltweit ein „neues amerikanisches Jahrhundert“ des Friedens, der Demokratie, der Menschenrechte und des Wohlstands zu schaffen. Die Folgen waren die NATO-Erweiterung bis an die Schwelle Russlands, ein neuer Kalter Krieg durch die Verschlechterung der Beziehungen zu Russland und China, internationaler Terrorismus, die andauernde Verwicklung in Kriege in Afghanistan und dem Nahen Osten, die für viele Länder der Dritten Welt verheerende ökonomische Globalisierung sowie die Delegitimierung der Leitideen der staatlichen Souveränität und der souveränen Gleichheit aller Staaten. Das „neue amerikanische Jahrhundert“ enthüllt sich daher als „Großer Wahn“, der die Welt an den Rand eines Atomkriegs führen könnte.