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Resümee in:

Andreas Lienkamp

Aufstand für das Leben, page 501 - 510

"Die Bremer Stadtmusikanten" und "Der Hauptmann von Köpenick" - Zum 200. Geburtstag des Grimm'schen und zum 90. des Zuckmayer'schen Märchens

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4383-7, ISBN online: 978-3-8288-7367-4, https://doi.org/10.5771/9783828873674-501

Tectum, Baden-Baden
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501 Resümee In den sechs Kapiteln dieses Buches konnte gezeigt werden, dass die beiden sozialkritischen und -utopischen Erzählungen von den ‚Bremer Stadtmusikanten‘ und dem ‚Hauptmann von Köpenick‘ durch ihren zeitübergreifenden ‚Wahrsinn‘ weiterhin eine hohe Relevanz besitzen. Deshalb erfreuen sich die beiden Märchen immer noch – 200 beziehungsweise 90 Jahre später – so großer Beliebtheit. Der Schlusssatz des Grimm’schen Märchens trifft darum auch auf Zuckmayers Drama zu: „[…] der das zuletzt erzählt hat, dem ist der Mund noch warm.“ (KHM 21819, Bd. 1, 145)469 Abbildung 83: Themen, die in diesem Buch behandelt werden 469 In den KHM zuerst in ‚De beiden Künnigeskinner‘ (KHM 113): „Un we dat lest vertellt het, den is de Mund noch wärm.“ (KHM 1815, Bd. 2, 160, dort KHM 27) 502 Lienkamp: Aufstand für das Leben Die ‚Wortwolke‘ in Abbildung 83 zeigt wichtige Themen des Buches, die fast alle in den gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Debatten auf der Tagesordnung stehen. Das, was Zuckmayer zu Gerhart Hauptmanns einhundertstem Geburtstag am 15. November 1962 in Köln sagte, gilt noch heute: Die sozialen Dramen um „Menschenelend“ und „Menschenrecht“ und um „alle leidenschaftliche Erhebung der Kreatur gegen ihre Knechtung“ geschehen auch weiterhin (Zuckmayer 1962, in: ders., 163 f.). Vor diesem Hintergrund behält der politisch-ethische Kern beider Texte seine Bedeutung: Zuckmayers Drama hat „dem modernen Menschen durchaus etwas zu sagen […] Es genüge, auf Zuckmayers Gestaltung des Armen, Geknechteten und von den Gesellschaft Ausgestoßenen hinzuweisen, wie er uns etwa auch in Büchners Woyzeck begegnet470; man mag weiter daran erinnern, daß der geschundene Wilhelm Voigt sich schließlich gegen das ihm angetane Unrecht zur Wehr setzt – allerdings eher durch einen Eulenspiegelstreich als durch die Gewalttaten des Kleistschen Michael Kohlhaas; man denke schließlich an die kafkaeske Welt der allmächtigen und sich in nicht durchschaubaren Zuständigkeitsbereichen dem Zugang entziehenden Behörde“ (Mews 1992, 69 f.). Vieles davon trifft ebenso auf das ältere der beiden Märchen zu. Auch dieses hält eine nach wie vor denkwürdige Botschaft bereit. Als am 11. Mai 2005 Udo Lindenberg im Bremer Rathaus der ‚Kultur- und Friedenspreis der Villa Ichon‘ verliehen wurde, führte Helmut Haffner in seiner Laudatio über die Bremer Stadtmusikanten aus: „Diese vier komponierten und musizierten zusammen. Und mit ihrer Dröhnland-Symphonie waren sie so erfolgreich, dass sie alle Räuber, […] die das Land ausplünderten und die Menschenherzen vergifteten, verjagten und für immer vertrieben. Diese vier, die abgeschrieben waren, für wertlos erklärt, sie haben durch ihren Mut, ihren Widerstand und ihr musikalisches 470 „Voigt, das Opfer, ist ein ‚moderner‘ Woyzeck“ (Schmitz 2000, 402). Vgl. dazu auch Schüler 1978, 30: „Zucks Voigt ist ohne Büchners Woyzeck nicht vorstellbar.“ Aber Voigt sollte nicht „zu sehr in der Nähe von Büchners geschundenem Füselier [sic]“ angesiedelt werden. „Voigt ist ganz eigenständig, dieser Schuster hat trotz der hinter ihm liegenden Zuchthausjahre noch seine Persönlichkeit bewahrt.“ 503 Resümee Talent ein wunderbares Beispiel dafür gegeben, dass jedes Lebewesen eine Würde besitzt, wichtig ist und gebraucht wird.“ (Haffner 2005, o. S.) Auch was Hermann Bausinger über das Märchen generell sagt, gilt für unsere beiden Geschichten: Es „bezieht seine Bedeutung nicht daraus, daß es abseits der Wirklichkeit angesiedelt ist, sondern daraus, daß es in verdichteter, symbolischer Weise etwas von dieser Wirklichkeit vermittelt“ (Bausinger 1999, 262). Die große Zeitnähe der ‚alten‘ Erzählungen hängt damit zusammen, dass sowohl bei den Brüdern Grimm als auch bei Carl Zuckmayer die Beschäftigung mit der Vergangenheit nicht Selbstzweck ist. Im Programmheft zum ‚Hauptmann von Köpenick471, habe er, Zuckmayer, ein Zitat von Walter Raleigh (* 1552/1554 † 1618) aus dessen ‚Weltgeschichte‘ von 1614 abdrucken lassen, dass nicht nur seiner, sondern der Absicht aller drei Autoren prägnant Ausdruck verleiht: „Die Vergangenheit schildern, die Gegenwart meinen, die Zukunft vorbereiten.“ (Zuckmayer 19402014, 170) Die lebenswichtige Bedeutung des Passes, Behördenwillkür und die „Reverenz vor unwerten Symbolen“, die im ‚Köpenick‘ thematisiert und kritisiert werden, gehören zweifellos nach wie vor zum gesellschaftlichen Alltag (Gehrke 1998, 23 f.). Zwei Begriffe aus der ‚Wortwolke‘, von denen man denken könnte, dass sie überholt seien, sollen in diesem Resümee noch kurz unter die Lupe genommen werden, und zwar die Stichworte (1) Bücherverbrennung und (2) Uniformfetischismus. (1) Wer meint, dass Bücherverbrennungen der Vergangenheit angehören, sei daran erinnert, dass mehrere zwischen 24 und 29 Jahren alte Rechtsextremisten vom (mittlerweile aufgelösten) Verein ‚Heimatbund Ostelbien‘ bei einer ‚Sonnenwendfeier‘ im sachsen-anhaltischen Pretzien am 24. Juni 2006 demonstrativ eine Ausgabe des ‚Tagebuch der Anne Frank‘ (* 1929 † 1945) verbrannten, während der Bürgermeister und rund 80 Besucherinnen und Besucher des Festes tatenlos zusahen. „Mit den Worten ‚Ich übergebe dem Feuer Anne Frank‘ soll einer der Männer das Tagebuch des von den Nationalsozialisten im März 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen ermordeten jüdischen Mädchens in die Flammen geworfen haben.“ (Holl 2006, 1) Die Täter wurden verhaftet und vor Gericht gestellt. Richter 471 Im Programmheft des ‚Deutschen Theaters‘ von 1930/31 ist der Satz nicht enthalten (vgl. Blätter des Deutschen Theaters 1931). 504 Lienkamp: Aufstand für das Leben Eicke Bruns sprach von „unverhohlene[m] Rassismus“, den der Angeklagte Lars K. gezeigt habe. Die Vernichtung des Buches sei ein „unglaubliche[r] Akt kultureller Barbarei“ (Bruns, zit. nach Rink/Schulz 2007, 6) und komme einer „öffentliche[n] Billigung des Holocaust“ gleich (Focus Online 2007, o. S.). „Das Amtsgericht Schönebeck sah es als erwiesen an, dass die Männer die Verbrennung gemeinschaftlich nach einem vorher überlegten Ritual inszeniert hatten, um ihr ‚neonazistisches Weltbild‘ zu transportieren. […] Die Männer hätten das Buch der Anne Frank bewusst ausgewählt, weil es das Schicksal des jüdischen Volkes während des ‚Dritten Reiches‘ exemplarisch darstelle“ (ebd.). Lars K. und vier Mitangeklagte werden zu jeweils neun Monaten Haft auf Bewährung wegen gemeinschaftlicher Volksverhetzung und der Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener verurteilt. Das Urteil ist rechtskräftig. (2) Gehrke meint zwar, dass in der heutigen Zeit „Devotion gegenüber Uniformen“ eher selten geworden sei (Gehrke 1998, 23). Stewart gibt jedoch zu bedenken, dass es Uniformen in vielen Erscheinungsformen gebe und dass nicht nur diejenigen Menschen gefährdet seien, die sich unhinterfragt anpassen (vgl. Stewart 2006, 188). Außerdem dürfen wir nicht nur auf Deutschland schauen. Die Berliner ‚Tragikkomödie‘ vom Köpenicker ‚Hauptmann‘ ist somit hinsichtlich ihrer Kritik des Uniformfetischismus alles andere als unzeitgemäß. Darüber hinaus sei an die Konformitätsexperimente von Solomon Ash (* 1907 † 1996), den Blue-Eyed-Versuch von Jane Elliott und vor allem an die Untersuchungen von Stanley Milgram (* 1933 † 1984) erinnert (vgl. Milgram 1974; Humer [Autor und Regisseur] 1994). Milgram selbst war Jude und hatte Familienmitglieder, die von der Shoa betroffen waren. Dies ist der Ausgangspunkt, von dem her er seine Forschungsfragen stellt. Darin ähnelt sein Ansatz denen von Theodor W. Adorno und Lawrence Kohlberg (* 1927 † 1987). Alle drei schauen nicht nur in die Vergangenheit. Vielmehr suchen sie nach Wegen, wie das Denken und Handeln der Menschen so eingerichtet werden kann, „daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe“ (Adorno 19661982, 358). 505 Resümee „Milgram (1963) untersuchte die Rechtfertigungen, die die Angeklagten im Rahmen der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse für ihre Beteiligung am Völkermord vorbrachten. Ihre Verteidigung beruhte oft auf ‚Gehorsam‘ – sie hätten nur den Anweisungen ihrer Vorgesetzten gehorcht. Die Versuche begannen im Juli 1961, ein Jahr nach dem Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem. Milgram entwickelte das Experiment, um die Frage zu beantworten: ‚Könnte es sein, dass Eichmann und seine Millionen von Helfershelfern im Holocaust nur Befehle befolgten? Können wir sie alle als Komplizen bezeichnen?‘ (Milgram, 1974). Milgram (1963) wollte untersuchen, ob die Deutschen gegenüber Autoritätspersonen in besonderer Weise gehorsam waren, weil dies eine häufige Erklärung für die Nazi-Morde im Zweiten Weltkrieg war.“ (McLeod 2017, o. S.; eigene Übers., A. L.)472 Zum Milgram-Experiment, in dem der weiße Kittel das ist, was die Uniform im ‚Köpenick‘ darstellt, möchte ich nur zwei vielsagende Zitate aus dem sehenswerten Dokumentarfilm ‚Gehorsam und Verweigerung‘ von Egon Humer anführen. Das erste stammt von Thomas Blass: „Wir wussten nicht, dass eine Person, die eine Ausführung von Befehlen eigentlich nicht erzwingen kann, wie etwa eine wissenschaftliche Autorität, Gehorsam hervorbringen kann von solcher Intensität und zerstörerischen Wirkung.“ (Blass, in: Humer [Autor und Regisseur] 1994, 00:38:27) Die zweite Feststellung, die an Erich Kästners Plädoyer erinnert, kommt von François Rochat: „Was wir auch festgestellt haben ist, dass früher Widerstand im Experiment letztlich zur endgültigen Verweigerung führt.“ (Rochat, in: ebd. 00:40:43) Die sich daran anschließenden Fragen lauten: Kann ein kritischer Umgang mit Autoritäten und die Verweigerung gegenüber Gehorsamsansprüchen Dritter erlernt werden? Wenn ja: Wie? Ein Weg, den ich hier nur abstrakt andeuten kann, besteht darin, die Entwicklung von Achtung, Empathie, ‚Eigensinn‘ (im Sinne von Selbstbewusstsein und Ich-Stärke), des aufrechten Gangs sowie eines von humanen Werten geprägten Gewissens zu fördern, angefangen damit, dass deren Geringschätzung und Beeinträchtigung überwunden werden. Einen weiteren Weg zeigt Babak Saeds Instal- 472 McLeod verweist hier auf Milgram, Stanley: Behavioral study of obedience, in: Journal of Abnormal and Social Psychology 67 (1963) 371–378, sowie ders.: Obedience to Authority. An experimental view, London-New York 1974. 506 Lienkamp: Aufstand für das Leben lation ‚GEHORCHEKEINEM‘ an der ‚Universitäts- und Landesbibliothek Münster‘ aus dem Jahr 2009. Nähert man sich von links sieht man nur den Imperativ ‚GEHORCHE‘. Danach erst, so Erich Franz bei der Einweihung, wenn man um die Ecke biege, wende sich die Anweisung in ihr Gegenteil (vgl. Franz 2009, 3). Paradox ist natürlich, dass man, wenn man dem Aufruf folgt, einem anonym erteilten Befehl gehorcht. Dieser Paradoxie kann man nur dann entkommen, wenn man sich selbst, nach vernünftiger Überlegung und aus innerster Überzeugung, einen solchen Auftrag gibt. So bestehe das Werk nicht in einer Anweisung zu einer Handlung, die von dem Künstler oder einer anderen Autorität gegeben werde. Vielmehr bestehe es in der Vorstellung der Betrachterin und des Betrachters, die sie, beziehungsweise er, sich bei seiner Begegnung mit dem Schriftzug bilde (Franz 2009, 4): Abbildung 84: Babak Saed: Installation GEHORCHEKEINEM an der ULB Münster (2009) (eigenes Foto) Um aber anderen Personen oder Institutionen widerstehen zu können, die (ohne jede moralische Berechtigung) Gehorsam verlangen, braucht es Charakterstärke. Während meines Studiums der Katholischen Theologie und Sozialwissenschaften, besonders in der Phase meiner Diplomarbeit, habe ich häufiger vor dem Büro von Johann Baptist Metz, dem ‚Vater‘ der Politischen Theologie, gesessen, um Sprechstundentermine wahrzunehmen (er war mein Betreuer). Das war in den 1980er Jahren an der Universität Münster. An der Wand neben Metz‘ Büro hing während der ganzen Jahre 507 Resümee ein Poster mit einem Foto von Ernst Bloch, Rudi Dutschke und dessen Kind Hosea Ché, das am Strand in Dänemark von Helga Reidemeister aufgenommen wurde. Dieses Bild findet sich auch in Peter Zudeicks Buch ‚Der Hintern des Teufels – Ernst Bloch‘ (vgl. Zudeick 1987, 325). Auf dem Poster war ein Zitat von Bloch zu lesen, das mich damals sehr angesprochen hat und mir auch heute noch wichtig ist. Es ist aus seinem Werk ‚Prinzip Hoffnung‘ und passt zu unseren Erzählungen: „Aufrechter Gang, er zeichnet vor den Tieren aus, und man hat ihn noch nicht. Er selber ist nur erst als Wunsch da, als der, ohne Ausbeutung und Herrn zu leben. Hier vor allem schwebte, so dauernd wie notwendig, Tagtraum über der bisherigen Gewordenheit, der ungelungenen, zog ihr vor. Und jeweilige Sucher des aufrechten Gangs zogen ihr vor“ (Bloch 19591980, 1618). Mit Ludwig Börne (* 1786 † 1837) gibt Bloch selbst dazu noch eine Erläuterung aus dessen ‚Fragmente[n] und Aphorismen‘: „Ehe eine Zeit aufbricht und weiterzieht, schickt sie immer fähige und vertraute Menschen voraus, ihr das neue Lager abzustecken. Ließe man diese Boten ihren Weg gehen, folgte man ihnen und beobachtete sie, erführe man bald, wo die Zeit hinauswill. Aber das tut man nicht, man nennt jene Vorläufer Unruhestifter, Verführer und Schwärmer und hält sie mit Gewalt zurück.“ (Börne, zit. nach ebd.) Die ‚Tiere‘ auf dem Pfad nach Bremen und der Schuster auf dem Weg nach Köpenick sind solche „fähige[n] und vertraute[n] Menschen“, im besten Sinn tagträumende „Sucher des aufrechten Gangs“. Sie stehen für den dringenden Wunsch, in einer Welt, in einer gerechten Ordnung „ohne Ausbeutung und Herrn“ zu leben. Sie machen, wie Bloch so schön sagt, „der Zukunft […] Quartier“ (Bloch 19591980, 1618). Sie teilen die Erfahrung, die im Mittelpunkt der beiden Märchen steht, die Erfahrung, dass „das Leben, das mit dem Tod konfrontiert wird“, „ihn bekämpft.“ (Remarque 1929, in: Schneider [Hrsg.] 1994, 58) Voigt und die ‚Tiere‘ besitzen wie die Grimms und Zuckmayer die notwendige Zivilcourage, um rechtzeitig für das Leben und gegen das Sterben – vor der Zeit – aufzustehen. Sie wagen den Aufstand für das Leben. Ein solche Haltung kann, vor allem in unsicheren Tagen, Orientierung und Stütze sein, auch für andere. „[…] der Mut und 508 Lienkamp: Aufstand für das Leben die Bestimmung, zu leben, scheint mir – in Glück oder Unglück, Macht oder Ohnmacht – der einzige feste Halt in der ungewissen Irrfahrt unseres Daseins.“ (Zuckmayer 19761995, 9) Nicht auf die Überwindung des natürlichen Todes am Ende eines erfüllten Lebens zielen die Schriftsteller und ihre Hauptpersonen, wohl aber auf eine Abschaffung des Elends: „Ein Ende der Not: das klang durch unwahrscheinlich lange Zeit gar nicht normal, sondern war ein Märchen; nur als Wachtraum trat es in den Gesichtskreis.“ (Bloch 19591980, 551) Wie sagte doch der „große[ ] Humanist[ ]“ (Scholdt 2005, 8) Zuckmayer so optimistisch: „Wo Leben ist, da ist Hoffnung.“ (Zuckmayer 19662013, 604). Diese Hoffnung lässt er seinen Protagonisten Harras aussprechen: „Ich aber sage Ihnen, das Leben ist schön. Die Welt ist wunderbar. Wir Menschen tun sehr viel, um sie zu versauen, und wir haben einen gewissen Erfolg damit. Aber wir kommen nicht auf – gegen das ursprüngliche Konzept. […] Es ist das, was wir in unsren besten Stunden ahnen, und besitzen. Und dafür – nur dafür – leben wir überhaupt. […] Herrgott, Hartmann! Glaubst du mir nicht, daß es sich lohnt zu leben? Sehr lang zu leben? Ganz alt zu werden?“ (TG 1. Akt, 68 ff.) Die Hoffnung, so Bloch, brauche aber einen Plan und einen Anschluss an das „Fällig-Mögliche“, dann sei sie das Stärkste und Beste, was es gibt. Aber sie benötige neben der Perspektive sowohl Nüchternheit wie Enthusiasmus: „[…] das Antizipierende freilich hat zu blühen, hat weiter sein Amt, gerade auch wenn es in Nüchternheit geschieht statt in Schwärmerei und Wolken. Ebenso steht Enthusiasmus der Nüchternheit bei, damit sie nicht die Perspek ti ve abstrakt-unmittelbar verkürze, statt sie auf dem Globus der konkreten Möglichkeit zu halten. Enthusiasmus ist Phantasie in Aktion, und die Säure Nüchternheit muß hier eher das kostbarste als das allgemein-billigste Ingrediens werden.“ (Bloch 19591980, 1619) Wie Bloch unterstreicht auch Zuckmayer die Bedeutung des antizipierenden Träumens. Im Zweiten Weltkrieg notiert er: „Wenn heute die Menschenrechte neu proklamiert werden sollen, so gilt es, als erstes und oberstes aufzustellen: das Recht zu träumen.“ (Zuckmayer 19402014, 188) Denn die Träume von gestern seien die lebendige Wirklichkeit von morgen. „Wir 509 Resümee brauchen Träume und Taten. […] Der Traum von heute, die Tat von morgen, ist die Schaffung einer neuen Welt-Ganzheit […]. Die Idee der Weltumspannung, Weltvereinigung, Weltbewirtschaftung in großer Gemeinschaft oder Co-Operation, […] ist kein Wahn und keine Utopie mehr, sondern eine Selbstverständlichkeit, eine primitive Voraussetzung […].“ (ebd.). Es geht für Zuckmayer darum, „im Sinne der Bergpredigt – die ja die erste soziale Utopie genannt werden kann –, im Sinne des heiligen Franziskus und der Liebe – der tätigen, lebendigen, aktiven Liebe zu allem Geschöpflichen“ zu leben, nicht in einem konfessionellen, sondern im universal menschlichen Sinne (Zuckmayer 1970, in: ders. 1995, 126). Seinen Essay ‚Die Brüder Grimm‘ nennt Carl Zuckmayer in seinem Brief an Ludwig Berger vom 10. Dezember 1966 das „‚verschollenste meiner Bücher –, das kennt fast Niemand“ (Zuckmayer, zit. nach Nickel/Weiß 1996, 320). Er hatte es im letzten Kriegsjahr in Vermont begonnen, aber erst in der Schweiz beendet. 1948 erscheint es im Suhrkamp- Verlag, mit dem Untertitel ‚Ein deutscher Beitrag zur Humanität‘: So lange wir das, was auch Jacob und Wilhelm Grimm zu den höchsten Werten rechnen, „Freiheit des Denkens, des Forschens, des Gewissens“, erhalten wollen, „können wir auf den Geist des Humanismus“, so Carl Zuckmayer, „niemals verzichten“ (Zuckmayer 19621981a, 200). Was er am Schluss über die Brüder Grimm schreibt, gilt auch für ihn selbst. Nicht nur Jacob und Wilhelm, alle drei „waren vom Funken der Begeisterung durchglüht. So wuchsen sie über ihren Augenblick hinaus, und obwohl sie gestorben sind, leben sie“, wie es am Ende vieler Märchen Abbildung 85: Titelseite der Erst aufla ge von Carl Zuckmayer: Die Brüder Grimm. Ein deutscher Beitrag zur Humanität (Beiträge zur Humanität), Frankfurt/M. 1948a 510 Lienkamp: Aufstand für das Leben heißt, „noch heute.“ (Zuckmayer 1948, in: ders. 1995, 287)473 Es lohnt sich, ihre ‚Flaschenpost‘ zu öffnen und intensiv zu studieren. Schlussfolgerungen daraus zu ziehen, bleibt Ihre und meine Aufgabe. Gefragt nach Erläuterungen des Autors zu einem seiner Bühnenstücke, sagte Zuckmayer einmal einem New Yorker Korrespondenten in seiner rheinhessischen Mundart: „Denke müsse die andere!“ (Zuckmayer, zit. nach Der Spiegel 1955, 46). Und handeln! 473 Die hier verwendete Version aus dem erstmals 1976 erschienenen, von Zuckmayer noch selbst zusammengestellten Sammelband ‚Aufruf zum Leben‘ (Zuckmayer 19761995, 244–288) ist eine Überarbeitung des Buches von 1948.

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Schlagworte

Militarismus, Carl Zuckmayer, Gebrüder Grimm, Faschismus, Exklusion, Utopie, Widerstand, Ethik, Kooperation

References

Zusammenfassung

Vor 200 Jahren veröffentlichten Jacob und Wilhelm Grimm das Märchen ‚Die Bremer Stadtmusikanten‘, die weltweit beliebte Erzählung über das rebellische Quartett aus dem Norden. Sie erscheint erstmals im November 1819 in ihrer Sammlung der ‚Kinder- und Haus-Märchen‘ – neben der Lutherbibel das bekannteste Werk der deutschen Kulturgeschichte.

Carl Zuckmayer ist zeitlebens ein Verehrer der gelehrten Brüder. Im Jahr 2020 jährt sich zum 90. Mal die Fertigstellung seiner berühmten Tragikomödie ‚Der Hauptmann von Köpenick‘, die 1931 in Berlin uraufgeführt wird und immer wieder bemerkenswerte Neuinszenierungen erlebt. Für den Dramatiker ist es ‚Ein deutsches Märchen‘.

Wie die beiden zeitlos aktuellen, politisch brisanten Geschichten zusammenhängen und was darüber hinaus ihre Autoren untereinander und mit den beiden Texten verbindet, darüber gibt der vorliegende Band Auskunft, der wie die vier tapferen Tiere und der couragierte Hauptmann zu einem Aufstand für das Leben ermutigen und motivieren will.

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Militarismus, Carl Zuckmayer, Gebrüder Grimm, Faschismus, Exklusion, Utopie, Widerstand, Ethik, Kooperation