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6 Die Altenburger Inszenierung des ‚Hauptmann von Köpenick‘ in:

Andreas Lienkamp

Aufstand für das Leben, page 497 - 500

"Die Bremer Stadtmusikanten" und "Der Hauptmann von Köpenick" - Zum 200. Geburtstag des Grimm'schen und zum 90. des Zuckmayer'schen Märchens

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4383-7, ISBN online: 978-3-8288-7367-4, https://doi.org/10.5771/9783828873674-497

Tectum, Baden-Baden
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497 6 Die Altenburger Inszenierung des ‚Hauptmann von Köpenick‘ Im Februar 2007 berichtet die ‚Zeit‘, dass am weltoffenen thüringischen Landestheater Altenburg mit seinem internationalen Ensemble aus 26 Nationen drei ausländische Schauspielerinnen und Schauspieler ihr Engagement zum Sommer beenden würden, darunter Ouelgo Téné aus Burkina Faso. Ronald Düker, der auch mit Generalintendant Kay Kuntze und Schauspieldirektor Bernhard Stengele sprach, berichtet von den Proben für den ‚Hauptmann von Köpenick‘ und von seiner Begegnung mit Téné, der die Hauptrolle spielt (vgl. Düker 2011, o. S.). Als Grund für den Weggang sei unter anderem Fremdenfeindlichkeit genannt worden. „Dass dieser urdeutsche Antiheld […] von einem schwarzen Schauspieler dargestellt wird, gefällt nicht jedem“, so Mounia Meiborg von der ‚Süddeutschen Zeitung‘ (Meiborg 2011, o. S.). Im Oktober 2015 rief das ‚Bürgerforum Altenburger Land‘ zu einem Theaterboykott auf, nachdem Schauspieler bei einer Bürgerversammlung Partei für Flücht lin ge ergriffen hatten. Erfolg hatte es mit diesem Aufruf nicht (vgl. ebd.). Doch im „Herbst 2015 fand in Altenburg die größte Demonstration des neonazistischen Thügida-Bündnisses statt, mit mehr als 2000 Teilnehmern. Tags darauf brannte eine Flüchtlingsunterkunft.“ (ebd.) Meiborg bezieht sich auf einen Brandanschlag, der einem mehrheitlich von Geflüchteten bewohnten Wohnblock in Altenburg-Nord Anfang Dezember 2015 gegolten habe. Mehrere Menschen werden dabei verletzt, auch Kinder. Die Täten sind inzwischen rechtskräftig verurteilt. Es handelt sich um zwei Rechtsradikale aus Altenburg und dem 17 Kilometer entfernten Borna, die zuvor beide der Polizei schon einschlägig bekannt waren. 498 Lienkamp: Aufstand für das Leben Allein Ténés Bühnenpräsenz lade Zuckmayers Drama über den Haftentlassenen, der ohne Papiere keine Arbeit und ohne Arbeit keine Papiere bekommt, mit einer sehr aktuellen Bitterkeit auf (vgl. Düker 2017, o. S.). Vor der Premiere am 26. Februar 2017 erscheinen über Téné hässliche Kommentare im Internet. „Mal wird im Sinne vermeintlicher Werktreue argumentiert, mal offen rassistisch. Ein Altenburger Stadtrat sagt: ‚Ich weiß nicht, ob es gut ist, dass in einer solch aufgeheizten Stimmung unbedingt ein Farbiger den Hauptmann von Köpenick spielen muss.‘“ (Meiborg 2017, o. S.) Darüber hinaus wird der Bühnenkünstler auch unmittelbar attackiert: „Nach Probenschluss […] erfährt der Schauspieler auf den eben doch nicht völlig ausgestorbenen Straßen von Altenburg, was Rassismus im ungeschützten Raum bedeuten kann. ‚Erst, wenn man es persönlich erlebt, weiß man, wie krass es ist‘, sagt er, nachdem er lange gezögert hat, mit uns darüber zu sprechen. Er habe verbale Angriffe erlebt. Und körperliche. Er sei den Menschen, die ihn angegriffen haben, sehr oft begegnet, und zwar in der ganzen Stadt. Und er sei deshalb zweimal zur Polizei gegangen.“ (Düker 2017, o. S.) Soviel habe Téné noch keiner Journalistin und keinem Journalisten berichtet. Details hätten die Erzählung bestimmt anschaulicher gemacht, aber eben nur im Sinne einer Opfergeschichte, in der er nicht mitspielen wolle. „‚Es hat keinen Sinn, das zu erzählen‘, sagt er. ‚Es ist nur etwas, was ich persönlich erlebt habe.‘ Er will anderes: ‚Nach vorne schauen und arbeiten.‘ Um dem Hass etwas Besseres entgegenzusetzen, spiele er Theater. Warum geht er dann? ‚Ich renne nicht vor dem Rassismus weg. Ich brauche nur eine Pau- Abbildung 82: Ouelgo Téné als ‚Hauptmann von Köpenick‘ am thüringischen Landestheater Altenburg (Plakatwerbung an einer Litfaßsäule vor Ort; Foto: privat) 499 Die Altenburger Inszenierung des ‚Hauptmann von Köpenick‘ se. Und wahrscheinlich werde ich wiederkommen. Mit neuer Energie.‘“ (ebd.) Gegenüber der ‚SZ‘ erklärte Intendant Kuntze: „[…] dieser Alltagsrassismus, den es immer gab und immer geben wird, traut sich zunehmend aus der Deckung und wirkt sich aus. Alltagsrassismus verändert eine Gesellschaft.“ (Kuntze, zit. nach Meiborg 2017, o. S.) Ganz offenbar, so auch Düker, gebe es einen „üblen Rassismus“ in Altenburg. Für ihn aber bleibe nicht das, sondern die „Geschichte eines heroischen Opfers, das sich durch Schwäche und Machtlosigkeit den Beistand aller Anständigen verdient“ habe. „Was ist aber“, so fragt er, „wenn dieses Opfer gar keine Fürsprache will?“ (Düker 2017, o. S.) Auch dann sei es eine Aufgabe für den Journalismus. Sie bestehe nun allerdings darin, sich statt im Verbreiten guter Absichten im Ertragen von Komplexität zu üben (vgl. ebd.). Meiborg berichtet von der Aufführung: „Téné spielt konzentriert und zurückgenommen. Wie es die Rolle verlangt, berlinert er; mit Akzent allerdings. In den stärksten Momenten legen sich Zuckmayers Stück und die deutsche Gegenwart übereinander: wenn er nach einer Aufenthaltserlaubnis verlangt. Wenn er einem gelangweilten Beamten dreimal seinen Namen buchstabiert. Und wenn er resümiert: ‚Wie de aussiehst, so wirste anjesehn.‘ Die Premiere ist unfreiwillig zur Symbolfrage geworden – darüber, wer in Altenburg das Sagen hat. Und darüber, wie offen die deutsche Gesellschaft ist. Viel Druck für einen Schauspieler. Ouelgo Ténés Wilhelm Voigt ist in vielen Szenen ein stummer Beobachter; ein Fremder in einem geschlossenen System. Und einer, der sich partout nicht ausgrenzen lässt. Es ist, vielleicht, mehr als eine Theaterrolle.“ (Meiborg 2017, o. S.) Volker Müller von der Chemnitzer ‚Freien Presse‘ unterstreicht in seiner ebenfalls lesenswerten Kritik vom 1. März 2017 die Aktualität der Inszenierung: „Zu erleben war eine mit kräftigen Strichen versehene, eng bei Zuckmayers Handlungsgerüst bleibende, zeittreue Fassung der Geschichte des Schustergesellen Wilhelm Voigt […]. Vor dem Hauptdarsteller ist dabei gleich eine handvoll Hüte zu ziehen. Ouelgo Téné, seit vier Jahren am Haus, füllt seine Rolle atemberaubend aus. Er berlinert perfekt, Gestik und Mimik stimmen 500 Lienkamp: Aufstand für das Leben auf den Punkt, wobei er wunderbar Maß hält und stets im Bereich des Schlichten, Naiven, schmerzlich Anrührenden bleibt. Allein seine Hautfarbe genügt als Verweis darauf, dass wohl manchem Migranten heute auf die eine oder andere Art Ähnliches widerfährt, das beschert der Vorstellung eine zusätzliche Dimension […]. Dieser ‚Hauptmann‘ ist auch ohne aufgesetzte Klimmzüge brandaktuell“ (Müller, V. 2017, o. S.). Das, was die Rechtsextremen in Altenburg machten, ist kein Einzelfall. Es gibt einen rechten Kampf gegen das moderne Theater, so Andreas Wassermann im ‚Spiegel‘. Er schreibt, dass die AfD und andere neue Rechte am liebsten manche Häuser schließen, ihnen mindestens die Subventionen entziehen würden. „Es gibt Boykottaufrufe, Hassattacken, Drohmails gegen Schauspieler und Regisseure.“ (Wassermann 2018, 40) Und er zitiert Shermin Langhoff, die Intendantin des Berliner Maxim Gorki Theaters: „Wir sind ein Symbol für alles, was die Rechtsextremen in Deutschland nicht haben wollen, aber was zu Deutschland gehört“ (Langhoff, zit. nach ebd.). Der Angriff aufs Theater ziele auf die offene Gesellschaft (vgl. Wassermann 2018, 40). Wassermann berichtet von einer Studie, die Manuela Lück im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung erstellt hat. Sie habe sich darin mit den Kulturkonzepten der AfD beschäftigt und dabei ein „nationalkonservatives und rückwärtsgewandtes Kulturverständnis“ erhoben, „das ausschließlich dem Bewahren vermeintlich einheitlicher kultureller Eigenheiten des deutschen Volkes“ diene. Theater à la AfD, so Lück, solle „andere Kulturen ausgrenzen und ablehnen und ein vermeintliches Deutschtum heroisieren“ (Lück, zit. nach ebd. 41). Klassiker stünden hoch im Kurs, allerdings nur, wenn sie werkgetreu auf die Bühne gebracht würden (vgl. Lück, in: ebd.). Eine Inszenierung, wie die Altenburger, mit Ouelgo Téné als ‚Hauptmann von Köpenick‘ passt da natürlich nicht ins Bild. Zuckmayer hingegen hätte die Premiere – nach allem, was ich über die Vorstellung und über ihren Autor gelesen habe – sicher gefallen, und er hätte wohl ebenfalls mit „langem, begeistertem Beifall“ (Müller, V. 2017, o. S.) seinen Respekt bekundet. Im Jahr 2017 wurde Téné übrigens für seine Rolle als Wilhelm Voigt in ‚Der Hauptmann von Köpenick‘ in der Kategorie ‚Darstellerin/Darsteller Schauspiel‘ für den renommierten Deutschen Theaterpreises ‚Der Faust‘ nominiert. Mit dieser begehrten Trophäe werden Künstlerinnen und Künstler ausgezeichnet, „deren Arbeit wegweisend für das deutsche Theater ist“ (Deutscher Bühnenverein 2017, o. S.).

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Schlagworte

Militarismus, Carl Zuckmayer, Gebrüder Grimm, Faschismus, Exklusion, Utopie, Widerstand, Ethik, Kooperation

References

Zusammenfassung

Vor 200 Jahren veröffentlichten Jacob und Wilhelm Grimm das Märchen ‚Die Bremer Stadtmusikanten‘, die weltweit beliebte Erzählung über das rebellische Quartett aus dem Norden. Sie erscheint erstmals im November 1819 in ihrer Sammlung der ‚Kinder- und Haus-Märchen‘ – neben der Lutherbibel das bekannteste Werk der deutschen Kulturgeschichte.

Carl Zuckmayer ist zeitlebens ein Verehrer der gelehrten Brüder. Im Jahr 2020 jährt sich zum 90. Mal die Fertigstellung seiner berühmten Tragikomödie ‚Der Hauptmann von Köpenick‘, die 1931 in Berlin uraufgeführt wird und immer wieder bemerkenswerte Neuinszenierungen erlebt. Für den Dramatiker ist es ‚Ein deutsches Märchen‘.

Wie die beiden zeitlos aktuellen, politisch brisanten Geschichten zusammenhängen und was darüber hinaus ihre Autoren untereinander und mit den beiden Texten verbindet, darüber gibt der vorliegende Band Auskunft, der wie die vier tapferen Tiere und der couragierte Hauptmann zu einem Aufstand für das Leben ermutigen und motivieren will.

Schlagworte

Militarismus, Carl Zuckmayer, Gebrüder Grimm, Faschismus, Exklusion, Utopie, Widerstand, Ethik, Kooperation